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HANDBUCH
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7
DER •
GESCHICHTE DER MEDIZIN.
BEGRÜNDET VON
Dr. med. TH. PUSCHMANN,
WEILAND PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT IN WIEN.
BEARBEITET VON
Pkofessor De. Arndt (t), Geeifswald ; Geh. San.-Rat Dr. Bartels, Berun; Dr.Wolp Becher,
Berlin ; Dr. Iwan Bloch, Berlin ; Professor Dr. Chiari, Prag ; Professor Dr. Fasbender,
Berlin; Professor Dr. Fossel, Graz; Dr. Robert Fuchs, Dresden; Professor Dr. Helf-
reich, Würzburg ; Professor Dr. Heymann, Berlin ; Hofrat De. Höfler, Tölz ; Professor
Dr. Horstmann, Berlin; Professor Dr. Hüsemann (f), Göttingen; Professor Dr. Ipsen,
Innsbruck ; Oberstabsarzt Professor Dr. Köhler, Berlin ; Dr. G. Korn, Berlin ; Professor
Dr. Kossmann, Berlin ; Professor Dr. Keeidl, Wien ; Professor Dr. Ritter von Metnitz,
Wien; Privatdocent Dr. Neubürger, Wien; Dr. Freiherr Felix Oefele, Neuenahr;
Professor Dr. Pagel, Berlin; Professor Dr. Politzer, Wien; Professor Dr. Prausnitz,
Graz; De. Preuss, Berlin; Professor Dr. Rille, Innsbruck; Professor Dr. Schaer,
Strassburg i/E.; Sanitätsrat Dr. Scheube, Greiz; Professor Dr. Schrutz, Prag; Privat-
docent Dr. Ritter von Töply, Wien; Professor Dr. Vierordt, Tübingen
HERAUSGEGEBEN VON
De. med. MAX NEUBURGER, und Dk. med. JULIUS PAGEL,
DOCENT AN DER UNIVERSITÄT IN WIEN PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT IN BERLIN.
ERSTER BAND.
JENA.
VERLAG VON GUSTAV FISCHER.
1902.
Alle Rechte vorbehalten.
I3\
ni
Herrn ßeh. Medizinal-Rat
Professor Dr. R. Virchow
zum 80. Geburtstage
ehrerbietigst gewidmet
von
den Herausgebern.
Vorrede.
Der langjährige ordentliche Universitätsprofessor der med. Ge-
schichte an der Wiener Universität Theodor Pusch mann, gestorben
am 28. September 1899, fasste im Sommer 1897, infolge einer An-
regung der \'erlagsbuchhandlung, den Entschluss, im Verein mit
mehreren Mitarbeitern ein Handbuch der medizinischen Geschichte
in drei Bänden herauszugeben. Band I sollte Altertum und Mittel-
alter, Band II und III die Neuzeit (vom 16. Jahrhundert ab) um-
fassen. Abweichend von dem bisher üblichen Modus der allgemeinen
systematischen Darstellung sollte nach Pusch mann's Plan für die
Neuzeit der Schwerpunkt a uf die einzelnen Fachwissen-
schaften gelegt werden und deren Entwicklungsgang von be-
rufenen Forschern eine litterarisch wie pragmatisch gleich
gründliche und erschöpfende Bearbeitung erhalten, ein
Vorhaben, welches einer bereits von vielen Seiten gestellten, aber
bisher nur ungenügend erfüllten Forderung durchaus entspricht.
Um der Darstellung möglichste Gleichmässigkeit und dem Umfang
des Werkes das mit dem Herrn Verleger vereinbarte Maass zu sichern^
war als Richtschnur für die Mitarbeit zugleich die Weisung gegeben,
alle wesentlichen Thatsachen in gedrängtester Kürze
zusammenzufassen. Besonders eindringlich war die Notwendig-
keit absolut zuverlässiger Angaben betont worden. Die Be-
arbeitung des klassischen Altertums hatte der Begründer des Werks
sich selbst vorbehalten, während für die übrigen Abschnitte von ihm
bereits Autoren gewonnen waren, die durch ihre litterarischen Arbeiten
für quellenmässige Kenntnis und Behandlung des betreffenden Stoffes
eine besondere Gewähr leisteten. Leider machte der für die Wissen-
schaft viel zu früh erfolgte Tod unseres Meisters allen seinen Plänen
ein Ende. Längere Erkrankung hatte ihn an jeder schriftstellerischen
Thätigkeit verhindert, sodass im Nachlass ausser der klassischen Ein-
leitung, die wir in unveränderter Gestalt zum Abdruck gebracht haben,
kein Manuskript für das Handbuch von ihm vorgefunden wurde.
"VT Vorrede.
Die weitere Durchführung des vorlieg-enden Unternehmens war
zunächst laut testamentarischer Verfügung dem Schüler und jüngeren
Freund des Verewigten, dem mitunterzeichneten Neuburger, zugefallen.
Auf dessen und des Herrn Verlegers ehrenden Wunsch erklärte sich
auch der andere Mitherausgeber bereit, nach Kräften mitzuwirken.
Wenn wir beide dieser mühevollen Aufgabe trotz mancher ent-
gegenstehenden Bedenken uns unterzogen haben, so leiteten uns dabei
in erster Linie Gefühle inniger Verehrung und Dankbarkeit für unseren
zu früh aus dem Leben geschiedenen Meister, dessen letzte Wünsche
zu erfüllen für uns Ehrensache war, ausserdem aber auch das Be-
streben, ein Unternehmen nicht fallen zu lassen, dessen wissenschaft-
licher Wert, ja dessen Notwendigkeit klar zu Tage liegt und für das
die Vorarbeiten bereits bis zu einem Stadium gediehen waren, welches
die glückliche Erreichung des vorgesteckten Zieles in absehbarer Zeit
hoifen Hess. Freilich blieb noch manche Schwierigkeit zu überwinden.
Einige der ursprünglich verpflichteten Mitarbeiter traten nach dem
Tode Buschmanns zurück, und vor allem musste Ersatz für den Aus-
fall seines eigenen Beitrages gesucht werden. Die Herren Dr. Dr.
Eobert Fuchs aus Dresden, der bekannte Hippokrateskenner, und
Iwan Bloch aus Berlin, ein jüngerer, bereits mit anerkannten Detail-
studien im Gebiet der med. Geschichte hervorgetretener Genosse, sind
nach Kräften bemüht gewesen, die ihnen übertragene Aufgabe zu lösen.
Dank besonders ihrer und der übrigen Herren Kollegen rühriger Mit-
arbeit haben wir nunmehr die Freude, der wissenschaftlichen Welt
Bd. I des von Buschmann begründeten Werks vorzulegen. Wie auch
immer das Urteil der unbefangenen Kritik lauten möge, das Eine wird
sie anerkennen müssen, dass gegenüber den früheren Geschichtswerken,
besonders auch dem „grossen Haeser", nach der litterarischen Seite
sicher ein nennenswerter Fortschritt erzielt ist. In dieser Beziehung
steht das neue Werk unbestreitbar auf der Höhe der Gegenwart.
Möge das Handbuch den Namen seines Begründers, mit dem es
für alle Zeit verknüpft bleiben soll, in Ehren tragen.
Wien VI, Kollergerngasse 3, Berlin N., Chausseestr. 85,
im März 1902.
Neuburger. Pagel.
Inhaltsübersicht.
Seite
Altertum.
Einleitung von weiland Theodor Puschniann 3
Das medizinische Können der Naturvölker Ton Max Bartels (Berlin) 10
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern von B. Scheube (Greiz) 20
I. Chinesen 21
II. Japaner 37
III. Koreaner 50
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier von
V. Oefele (Bad Neuenahr) 52
Einleitung 52
Sumerische Medizin des Zwischenlandes 57
Vorarische Medizin Indiens 61
Medizin der alten Nubischen Völker 62
Medizin der Götterländer und Weihraucliländer 62
3Iedizin der alten Nordwestafrikaner 63
Krankheit des Sonnengottes in Aegypten . 64
Krankheiten der Osirisfamilie 64
Nagadaperiode '. . . . 65
Die drei ersten Dynastien Aegyptens 65
König Naramsin (in Babylonien) 66
Aegyptische Medizin der Pyramidenzeit 68
Babylonische Medizin 69
Aerztestand im Zweistromlande 72
Babylonische Anatomie und Physiologie 73
Babylonische Pathologie 73
„ Geburtshilfe 74
„ Medikamente 74
Aegyptische Medizin des mittleren Reiches 74
Trojanische Medizin 76
Papyrus Ebers 78
üebersicht über die ägyptische Heilkunde 80
18. und 19. Dynastie Aegyptens 88
Mykenäkultur 91
Cypem 91
Etrurien 91
Medizin Westasiens zur Zeit von Amenophis III. und IV. ... 92
Aegyptische Medizin der Zeit demo tischer Schrift 93
Assyrische Medizin 94
Babylonisch-assyrische Pharmakotherapie 99
Physikalische Therapie 100
Chirurgie 101
Medisch-persische Medizin 101
VIII Inhaltsübersicht.
Seite
Aegyptische Medizin von Psammetik bis Alexander 103
Medizin der Ptolemäerzeit 104
Koptische Medizin 105
Medizin des Sassanidenreichs in Westasien 107
Die Medizin der Juden von J. Preuss (Berlin) 110
Indische Medizin von Iwan Bloch (Berlin) 119
Litter arhistorische Einleitung 120
Beziehungen der indischen Medizin zur griechischen und arabischen
Heilkunde 124
Uebersicht über die medizinischen Schriften der Inder .... 128
Medizin der Vedas 135
Medizin der brahmanischen Periode: Anatomie und Physiologie . 138
Allgemeine Aetiologie und Pathologie 140
Allgemeine Diagnostik und Prognostik 140
Diätetik und Hygiene ;...-.. 141
Materia medica und Toxikologie 143
Spezielle Pathologie und Therapie 146
Chirurgie 149
Augenheilkunde 150
Geburtshilfe, Gynäkologie und Kinderheilkunde 150
Standesverhältuisse und Deontologie 151
Anhang: Tibetische Medizin ■ 152
Geschichte der Heiiltunde bei den Griechen von Robert Fuchs (Klotzsche bei
Dresden) 153
Die mythische Zeit:
1. Ursprung der griechischen Heilkunde 153
2. Quellen der Geschichte der griechischen Heilkunde .... 155
3. Litterarische Hilfsmittel 158
4. Die Heilkunde bei Homeros und den Homeriden 161
5. Die griechischen Heilgötter, Heroen und Dämonen. Asklepios
und die Asklepiaden 163
6. Die medizinischen Kenntnisse der ältesten griechischen Philo-
sophen 170
7. Aeussere Verhältnisse des Aerztestandes im Zeitalter des Hippo-
krates. Unterricht. Aerztliche Werkstätten. Honorar.
Amtsärzte und militärische Aerzte 178
8. Gymnasien und Gymnasten 184
9. Rhizotomen und Pharmakopoen. Hebammen 188
10. Die ältesten griechischen Aerzteschulen , Kyrene, Kroton,
Sicilien, Rhodos, Knidos, Kos 191
11. Vorhippokratische oder zeitgenössische Aerzte des Hippokrates 193
Hippokrates:
12. Lebensgeschichte 196
13. Die hippokratischeu Schriften (Corpus Hippocraticum) . . . 201
14. Die Echtheitsfrage 206
15. Die Schriften der hippokratischen Sammlung 211
16. Die Heilkunde in den hippokratischen Schriften. Anatomie
und Physiologie 236
17. Allgemeine Pathologie 241
18. Allgemeine Diagnose, Prognose und Therapie 242
19. Aeussere Heilmittel, Pharmakologie 248
20. Spezielle Pathologie und Therapie, Fieber, Darmleiden, Re-
spirations- und Gefässkrankheiten, Krankheiten der Harn-
und Geschlechtswerkzeuge und des Nervensystems .... 250
21. Wunden, Geschwülste, Hernien, Hämorrhoiden, Fisteln, Para-
siten, kachektische Zustände, Hautleiden 255
22. Chirurgie, Frakturen, Luxationen, Muskelschäden und Amputation 257
23. Ophthalmologie, Otologie, Rhinologie, Zahnheilkunde und Psy-
chiatrie 260
24. Gynäkologie und Geburtshilfe 263
25. Unmittelbare Nachfolger des Hippokrates 268
Inhaltsübersicht. TS.
Seite
26. Die Philosophie des Platon und Aristoteles. Theophrastos und
Menou. Straton von Lampsakos, Eudemos, Klearchos, KaUi-
sthenes 279
27. Die Heilkunde in der Alexandrinerzeit. Herophilos. Die
■ Herophileer (300 a. Chr.- 50 p. Chr.) 286
28. Erasistratos. Die Erasistrateer 295
29. Die Empii-iker 309
30. ^'ikandros. Sostratos. Aratos etc. Krateuas. Die alexan-
drinischen Chirurgen 316
31. Verpflanzung der griechischen Heükunde nach Rom. Askle-
piades 323
32. Die Methodiker 328
33. Plinius, Dioskurides und andere Phannakologen 348
34. Pneumatiker und Eklektiker. Ruphos 358
Galenos:
35. Galenos. Leben und Bedeutung 373
36. Die galenischen Schriften 379
37. Das galenische System der Heilkunde 393
Altrömische Medizin von Iwan Bloch (Berlin) 403
Litteratur 403
Theurgischer Charakter der altitalisch-römischen Heilkunde . . 404
Medizinische Gottheiten der Römer 405
Die medizinischen Weihgeschenke 408
Medizinalwesen der älteren Zeit 409
Altrömische medizinische Litteratur 411
Celsus von Iwan Bloch (Berlin) 415
Litteratur 415
Zeitalter und Schriftsteller des Celsus 416
Die medizinische Schrift des Celsus 417
Anatomie 420
Allgemeine Aetiologie, Symptomatologie und Prognostik .... 421
Allgemeine Therapeutik, Diätetik und Hygiene 422
Materia medica, Pharmacie und Toxikologie 427
Allgemeine Pathologie und Therapie 428
Spezielle Pathologie und Therapie 431
Chirargie 432
Augenkrankheiten 436
Gjniäkologie und Geburtshilfe ^ . . . 438
Dermatologie, Krankheiten der Geschlechts- und Harnorgane . . 439
Deoutologie 442
Celsus als Medizinhistoriker 443
Mittelalter.
Einleitung von Julius Pagel (Berlin) 447
Altgermanische Heilkunde von M. Höfler (Tölz) 456
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts von Iwan
Bloch (Berlin) 481
Alexandros von Aphrodisias 482
Antyllos 483
Philagrios und Poseidonios 489
Magnos, Theon, Jonikos, Zeon 491
Byzantinische Medizin von IwanBloch 492
Die Schriftsteller des 4. und 5. Jahrhunderts:
Oreibasios 513
Der Anonymus des Lauremberg 521
Adamantios 522
Nemesios 523
Hesychios von Damaskus und sein Sohn Jokohos Psychrestos . . 524
Asklepiodotos Alexandrinos 525
X Inhaltsübersicht.
Seite
Palladios Sophistes und Severos 526
Die Schrift „Kyranides" 528
Die Schriftsteller des sechsten Jahrhunderts:
Aetios von Amida 529
Alexandros von Tralles 535
Uranios 544
Die Schriftsteller des 7. Jahrhunderts:
Theophilos Protospatharios 545
Stephanos von Athen 547
Paulos Aiginetes 548
Joannes Alexandrinus, Ahron 556
Hygienische und diätetische Schriften des 6. bis 8. Jahr-
hunderts:
Meletios 558
Die Schriftsteller des neunten bis zwölften Jahrhunderts:
Leo 559
Photios 560
Theophanes Nonnos 560
Mi(;hael Psellos 561
Simeon Seth 563
Damnastes 564
Niketas 564
Synesios 564
Stephanos Magnetes 565
Schriftsteller des 13. und 14. Jahrhunderts:
Demetrios Pepagomenos . 565
Joannes Chumnos 565
Nikolaos Myrepsos 566
Joannes Aktuarios 566
Nachträge 567
Uebersicht über die ärztlichen Standesverhältnisse in der west- und oströmischen
Kaiserzeit von Iwan Bloch (Berlin) 568
Litteratur 568
1. Medizinischer Unterricht 570
2. Klassen der Aerzte 573
3. Bürgerliche Stellung der Aerzte 579
4. Leibärzte 580
5. Archiatri 583
6. Andere öffentliche Aerzte 585
7. Militärärzte und Militärmedizinalwesen 586
8. Niedergang des ärztlichen Standes 587
Die Medizin der Araber von Schrutz (Prag) 589
1. Einleitung 589
2. Die Anfänge der arabischen Medizin 591
3. Allgemeine Charakteristik der ersten Periode 593
4. Die hervorragendsten Vertreter der ersten Periode 595
5. Blüteperiode der arabischen Heilkunde 598
Avicenna 605
Avenzoar 609
6. Minder hervorragende Aerzte des X.— XII. Jahrhunderts und
beginnender Verfall der arabischen Medizin 610
Geschichte der Medizin im Mittelalter von Julius Pagel (Berlin) 622
Die Vorläufer der Mönchsmedizin. Die letzten medizinischen Schrift-
steller aus der römischen Kaiserzeit 622
Die Mönchsmedizin vom 6. — 12. Jahrhundert 624
Die salernitanische Schule 637
Constantinus Africanus 643
Charakter der medizinischen Leistungen der Salernitaner . . . 655
Inhaltsübersicht. XI
Seite
Die Medizin im Zeitalter der Scholastik. Die Uebersetzer der
arabischen Werke 658
Die Naturforscher der scholastischen Periode 661
Die scholastischen Mediziner. Italien 666
Die Medizin in Frankreich während der scholastischen Periode . 685
Die Medizin in den übrigen Ländern Europas während des 13. — 15.
Jahrhunderts 697
Nachträge 700
Die Spezialzweige der Heilkunde im {Mittelalter von Julius Pagel (Berlin) . . 701
Anatomie und Physiologie 701
Die Chirurgie vom 12. — 15. Jahrhundert 707
Wundärzte der Salemitanischen Schule 709
Die Ergebnisse der Salemitanischen Chirurgie 713
Schule von Bologna 715
Die Chirurgie in den übrigen Schulen Italiens 718
Die Chirurgie in Frankreich vom 13. — 15. Jahrhundert .... 722
Die Chirurgie in den germanischen Ländern, in den Niederlanden,
England und Deutschland 736
Die Chirurgie in Italien während des 15. Jalirhunderts .... 742
Die italienischen Empiriker des 15. Jahrhunderts 744
Die Augenheilkunde im Mittelalter (12.— 15. Jahrhundert) . . . 745
Oeffentliche Gesundheitspflege und Epidemien im Mittealter.
Populäre medizinische Litteratur 746
Die übrigen Spezialzweige der Medizin während des Mittelalters . 748
Register 753
Druckfehlerverzeichnis.
p. 659 Z. 21 V. u. 1. kongenialer statt kongenitaler,
p, 668 Z. 16 V. 0. 1. geuoss statt genass,
p, 669 Z. 15 V. u. 1. somit statt sowie.
Altertum.
Handbucli der Geschichte der Medizin.
Einleitung.
Von weiland Theodor Pnschmann (Wien).
Alle menschliche Geschichte ist nur eine Geschichte von gestern.
Wie klein ist der Zeitraum, seitdem sich die ersten Menschen aus
dem tierartigen Zustande zur Erkenntnis ihrer selbst, zum Bewusst-
sein ihrer höheren geistigen Fähigkeiten erhoben haben! Ungezählte
Jahrtausende gingen voran, welche die Äfenschheit in geistiger Nacht
und Dämmerung verbrachte, zufrieden, wenn sie die tägliche Nahrung
fand und die dringenden Bedürfnisse des Daseins befriedigen konnte.
Gleich den Tieren des Waldes lebten die Menschen in wilder
Ungebundenheit ; ohne feste Wohnsitze, Hessen sie sich dort nieder,
wo der Boden Früchte bot. Den Unbilden des Wetters preisgegeben,
nicht selten von Nahrungsmangel heimgesucht, waren sie manchen
schädlichen Einflüssen ausgesetzt, welche ihren Körper schwächten und
Krankheiten erzeugten. Dazu kamen die Gefahren, die ihnen von
Naturereignissen und feindlichen Tieren und Menschen drohten.
Wenn sich unter solchen Umständen Katarrhe, Entzündungen
innerer Organe und langes Siechtum entwickelten, so stand man dieser
Thatsache rat- und hilflos gegenüber.
Vielleicht, dass sich hier und da jener Heilinstinkt geltend machte,
welcher das Tier treibt, die Fieberhitze im kalten Wasser zu löschen,
die steifen Glieder an der Sonne zu erwärmen, die Wunden der Haut
mit dem eigenen Speichel zu befeuchten und bei verdorbenem Magen
Gras zu essen, um dadurch Erbrechen zu erregen ? — Der Organismus
reagiert auf reflektorischem Wege gegen die Schmerzen und Leiden,
von denen er ergriffen wird und wählt dazu die Mittel, die am nächsten
liegen. Die im Körper vorhandenen regulatorischen und kompen-
satorischen Vorrichtungen, welche man als Heilkraft der Natur be-
zeichnet, führen oft zum Ausgleich der vorhandenen Störungen und
zum Stillstand der Krankheitsvorgänge. In diesem Sinne erscheint
die Natur als die erste Lehrerin der Heilkunde.
Mit dem Erwachen der Intelligenz begannen die Menschen, die
Dinge in ihrem Verlauf zu beobachten und nach ihren Ursachen zu
fragen: Dann mögen einzelne wohl auch die Gebräuche bei Erkran-
kungen und Verletzungen, durch welche man die Gesundheit wieder
zu erlangen hoffte, einer Betrachtung unterzogen haben. Durchschauten
1*
4 Theodor Puschinann.
sie dabei die Weisungen der Natur und folgten sie ihnen, so werden
sie bald zu eigenen Erfahrungen gelangt sein, welche die Naturheil-
kunde bestätigten, in manchen Punkten berichtigten und auf eine
sichere Grundlage stellten.
Wir besitzen aus jener Periode nur wenige Dokumente über die
Heilkunst, aber sie zeichnen ein deutlicheres Bild der pathologischen
Vorgänge, als es Worte vermögen : es sind die Schriftzüge, welche die
Krankheiten und Verletzungen auf den prähistorischen Knochen zu-
rückgelassen haben. Wir sehen Knochenbrüche, deren Heilung wahr-
scheinlich durch Ruhe und dauernde Festlagerung der gebrochenen
Glieder bewirkt wurde, Gelenkentzündungen mit Verdickungen und
Wucherungen der Knochensubstanz, Verkrümmungen der Knochen, die
durch Rhachitis hervorgerufen wurden und krankhafte Veränderungen,
Avelche auf Lues hindeuten.
Volkssagen und Legenden, die sich aus undenklichen Zeiten er-
halten haben, berichten von Seuchen, welche unter den Menschen
wüteten.
Die Entstehung derselben erschien ihnen rätselhaft; ihre Ver-
breitung und Bösartigkeit erfüllte sie mit Entsetzen; die Heilmittel,
die bei anderen Leiden angewendet wurden, waren wirkungslos.
In dieser Not wandten sie sich an die überirdischen Gewalten;
von den Göttern, mochten sie dieselben unter der Gestalt der Sonne,
des Mondes oder der Elemente suchen oder als den menschlichen
Sinnen entrückte, unbegreifliche Mächte betrachten, erhofften sie Hilfe
und Rettung von Krankheit und Tod.
Die Priester verkündeten, dass die Seuchen von den über die
Sünden der Menschen erzürnten Gottheiten gesendet worden seien, um
sie zur Busse anzuhalten. Durch Gebete und Opfer glaubte man die
Verzeihung der Götter zu erlangen und ihr Erbarmen zu erregen.
Bestimmte Kultgebräuche, welche für diesen Zweck ersonnen
und ausgebildet wurden, errangen das Vertrauen des gläubigen Volkes,
welches die strenge Befolgung derselben forderte. Weise Gesetzgeber
verbanden damit bisweilen Vorschriften und Einrichtungen, die auf
Reinlichkeit, Massigkeit und einen geordneten Lebenswandel abzielten
und trugen dadurch, wenn auch unbewusst, zur Begrenzung und Unter-
drückung der epidemischen Krankheiten bei. Erloschen dieselben,
nachdem die ganze Bevölkerung vom Krankheitsstoff durchseucht worden
war oder grössere Widerstandskraft dagegen erlangt hatte, so wurde
dieser Erfolg den Göttern und den Massnahmen ihrer klugen Priester
zugeschrieben. Waren Gebete und Opfer vergeblich, so blieben die
letzteren von jedem Vorwurf frei, indem sie die Schuld auf den über-
mächtigen Willen der beleidigten Gottheit schoben. Dadurch gelangten
die Priester allmählich in den Ruf, dass sie im Besitze der Heilkunst
seien. Sie waren bemüht, denselben zu erhalten und zu vermehren.
Deshalb achteten sie darauf, welche Gottheiten das Flehen der
Menschen um Erlösung zu erhören schienen. Ihnen wurde ein be-
sonderer religiöser Kultus geweiht, weil man annahm, dass sie von
den übrigen Göttern mit der Aufgabe betraut seien, die körperlichen
Leiden und Schmerzen zu lindern. Häufig waren es dieselben Gott-
heiten, welche sich zu anderen Zeiten als Feinde der Menschen er-
wiesen und sie mit Plagen und Seuchen schlugen. Diesen Mächten
musste es leicht sein, das Uebel, das sie selbst geschaffen, wieder zu
beseitigen. Es kam auch vor, dass Menschen, die während ihres
Einleitung. 5
Lebens als berühmte Heilkünstler Bewunderung erregten, nach dem
Tode als Heilgötter verehrt wurden, wie A s k 1 e p i o s. Auch hier be-
währte sich der Satz, dass die Götter Geschöpfe der Menschen sind^
projizierte Phantasiegebilde des eigenen Seelenlebens.
Die Priester der Heilgottheiten widmeten sich neben dem Ke-
ligionsdienst hauptsächlich der Krankenbehandlung. Dieselbe trug
einen mystischen Charakter, durchsetzt von den Ueberlieferungen der
empirischen Heilkunde. Je nach den Begriifen, die man sich von den
Krankheiten machte, nahm sie verschiedene, zuweilen sogar recht
wunderliche Formen an.
Wenn man die Krankheit als ein fremdes Wesen, als einen bösen
Geist, Dämon oder Teufel betrachtete, der vom Körper Besitz ge-
nommen, so galt es, ihn daraus zu vertreiben. Man versuchte es
durch Bitten und Beschwörungen. Half dies nicht, so wurde Gewalt
angewendet oder man nahm zur List seine Zuflucht.
Noch heute finden wir in der Medizin mancher Völker Reste
dieses Urzustands der mystisch-theurgischen Heilkunst.
Die Chinesen schreiben an das Hausthor, dass ihre Kinder nicht
zu Hause sind, wenn die Diphtherie ausbricht, weil sie dadurch den
Geist der Krankheit veranlassen wollen, dass er bei ihnen keine Ein-
kehr hält.
Manche Naturvölker glauben, dass es ihnen gelingt, durch wider-
liche Gerüche und Räucherungen oder durch betäubenden Lärm den
Krankheitsdämon zu verscheuchen; andere wollen ihm Furcht und
Schrecken einflössen und halten ihm scheussliche Fratzen vor, die
angeblich sein Ebenbild darstellen. Bei einigen Volksstämmen ist es
üblich, den Kranken zu schütteln oder zu prügeln, um dem Dämon
der Krankheit den Aufenthalt im Körper unangenehm zu machen.
Nicht minder grausam waren die Versuche, die Götter durch
Opfer zu gewinnen. Wenn man sich vorstellte, dass sie von Gier nach
dem Leben des Kranken erfüllt seien und durch das Opfer eines
Tieres oder Sklaven befriedigt werden, so zeigte man, wie niedrig
man von ihnen dachte. Das waren mitleidslose blutdürstige Gestalten^
geradeso wie die Menschen, die vor ihnen zitterten.
Als die Sitten milder wurden, verloren die Opferungen ihren
bestialischen Zug und klangen zuletzt in symbolische Gebräuche aus^
die sich in Kulthandlungen zum Teil bis heute erhalten haben. Dass
weder die vermeintliche Austreibung der Krankheitsdämonen noch die
Sühnopfer auf den Kranken eine günstige Wirkung ausübten oder
überhaupt eine hygienische Bedeutung hatten, ist leicht zu erkennen.
Einer idealen Auffassung huldigten die Priesterärzte der Griechen.
Sie trachteten, die Kranken in geistigen Verkehr mit dem Heilgott
zu bringen. Zu diesem Zweck Hessen sie dieselben in den Tempeln
schlafen und träumen. Aus den Träumen sprach nach ihrer Meinung
die Gottheit, und die Kunst der Priester bestand darin, die Ereignisse
und Worte des Traumes in dieser Richtung zu deuten und ein Heil-
verfahren zu ersinnen, welches den Ratschlägen des Gottes entsprach.
Stellte sich der ersehnte Traum in der ersten Nacht nicht ein, so
wurden die Kranken auf die folgende Nacht vertröstet, bis ihre Er-
wartungen erfüllt wurden. Durch Beten, Fasten und Kasteiungen ge-
schwächt, beständig mit dem Gedanken an ihr Leiden beschäftigt, voll
Vertrauen in die Macht und Güte des Gottes, das durch die Erzäh-
lungen seiner glücklichen Heilerfolge noch gestärkt w^urde, gelangten
6 Theodor Pusclimann.
sie allmähiicli in einen Zustand hochgradiger geistiger Erregung,
welche ihnen während des Schlafes Bilder vor die Seele zauberte, in
denen sich ihre Leiden und Schmerzen, ihre Befürchtungen und Hoff-
nungen wiederspiegelten.
Freilich geschah es oft genug, dass alle Versuche der Kranken,
einen Traum zu erhalten, vergeblich waren. In solchen Fällen über-
nahmen die Priester an ihrer Stelle die Aufgabe, zu schlafen und zu
träumen. Damit wurden dem Betrug die Thore eröffnet, und es ent-
wickelte sich eine Klasse berufsmässiger Träumer, welche aus dem
Verkehr mit überirdischen Wesen ein einträgliches Geschäft machten,
ähnlich den spiritistischen Medien unserer Tage. Diese Leute scheuten
sich nicht vor groben Betrügereien, wie sie Aristophanes auf der
Bühne geisselte.
Der theurgisch-mystische Charakter beherrschte die Medizin aller
Völker während der Periode ihrer frühesten Kulturentwicklung. Wenn
ihre Vertreter, die Priester und Zauberer, damit später die Ueber-
lieferungen der empirischen Heilkunde verbanden und auf diese Weise
auf den festen Boden der Thatsachen zurückkehrten, so wurde die
Möglichkeit gegeben, dass die Summe des medizinischen Wissens ver-
mehrt und systematisch begründet werden konnte.
In den Tempeln begannen die Priesterärzte ihre Beobachtungen
niederzuschreiben und zu vergleichen. Die Ergebnisse dieser Thätig-
keit waren bestimmte Regeln für die Erkenntnis und Behandlung
der Krankheiten, welche den folgenden Geschlechtern als Richtschnur,
als Gesetz des ärztlichen Handelns dienten. Das waren die ersten
Lehrbücher der Heilkunde, der Beginn der medizinischen Litteratur.
Die Priester, die Erfinder der Schreibekunst, die Hüter alles
menschlichen und göttlichen Wissens, unterzogen sich der Aufgabe,
alle Gebiete des geistigen Lebens zu durchforschen und zeichneten
nicht bloss die Grundlagen der Medizin, sondern auch der Rechts-
kunde, Mathematik, Astronomie und anderer Wissenschaften auf. Diese
Werke gewannen im Lauf der Jahrhunderte immer mehr an Ansehen
und wurden für heilig gehalten. Die Aegypter leiteten ihre Ent-
stehung von einem Gott her, die Chinesen von weisen Herrschern der
Vorzeit.
Eine Vereinigung dieser Bücher zu einem Ganzen kam nur dort
zu Stande, wo die Priester Kollegien bildeten, deren Mitglieder, wenn
sie auch in ihrer eigentlichen Berufsthätigkeit von einander abwichen,
doch als geschlossene Korporation nach aussen auftraten, wie in
Aegypten.
Die Asklepiospriester der Griechen schieden sich schon früher
von den übrigen Priestern, hier gab es keine das gesamte Wissen
jener Zeit umfassende sacrosancte Litteratur. Zudem achteten die
Asklepiospriester streng darauf, dass ihre Geschäftsgeheimnisse allen
verschlossen blieben, die nicht zum engen Kreise ihrer Mitglieder
gehörten.
Erst als sich die Heilkunst mehr und mehr vom religiösen Kultus
frei machte und in die Hände von Aerzten überging, die nicht Priester
waren, war es möglich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften
der ärztlichen Forschung allgemeinere Verbreitung fanden. Das war
das Verdienst einiger Aerzte des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr., unter
denen Hippokrates am bekanntesten ist.
Die griechischen Aerzte nannten sich Asklepiaden, Abkömmlinge
Einleitung. 7
des Asklepios, um dadurch den Glauben zu erwecken, dass sie ihre
medizinischen Kenntnisse als Familientradition von ihrem mythischen
Ahn überkommen hätten. Sie vereinigten sich zur gemeinsamen Ver-
ehrung desselben in den Asklepiostempeln und hielten die Beziehungen
zu diesen geheiligten Orten, denen sie einen grossen Teil ihrer medi-
zinischen Kenntnisse verdankten, aufrecht. Auch unterschieden sie sicli
danach in verschiedene Sekten oder Schulen, die, wenn sie auch in
ihi'en Theorien und Hypothesen auseinandergingen, doch darin über-
einstimmten, dass die Erfahrung die hauptsächlichste, vielleicht die
einzige Quelle der ärztlichen Erkenntnis bildet.
Die griechische Medizin ging zwar aus der Tempelmedizin hervor;
aber sie stützte sich vorzugsweise auf die durch Beobachtung am
Krankenbett ermittelten Thatsachen. Dabei zog sie alle den Kranken
betreffende Verhältnisse in Betracht, z. B. den Einfluss, welchen
Klima, Wetter, Temperatur und Nahrung auf ihn ausübten und schlug
eine individualisierende Richtung ein. Sie wollte nicht die Krankheiten,
sondern den Kranken behandeln. Dieses Ziel hat den grossen Heil-
künstlern aller Zeiten vor Augen geschwebt. Ihm verdanken die
griechischen Aerzte die Erfolge, die sie mit ihren Kuren errangen.
Daneben wurde die wissenschaftliche Begründung der Heilkunde ver-
sucht. Im Anschluss an die Naturphilosophie, welche sich an die schwie-
rigsten Pi'obleme des kosmischen Lebens wagte, ging man an die Erklärung
der physiologischen und pathologischen Erscheinungen des menschlichen
Körpers. Wenn auch bei dem Mangel der dafür erforderlichen Vor-
kenntnisse die Ergebnisse, zu denen man dabei gelangte, lediglich
spekulativer Natur waren, so verdient es doch Anerkennung, dass
man bestrebt war, allgemeine Gesichtspunkte für das Verständnis des
menschlichen Organismus zu gewinnen und die Ursachen der Lebens-
erscheinungen zu erforschen.
Die Theorien der Elemente, der Urqualitäten und der Säfte boten
das Material dafür. Die grösste Verbreitung erlangte die Lehre, dass
die Flüssigkeiten des Körpers, wenn sie eine normale Mischung der
Grundstoffe enthalten, die Gesundheit bedingen, durch eine anormale
Mischung derselben aber Krankheiten erzeugen. Man dachte sich,
dass die Flüssigkeiten, namentlich das Blut, welches in allen Teilen
des Körpers ström.t, Kraft und Leben zuführen und bei Erkrankungen
die Krankheitskeime überallhin verbreiten. Diese Form der Humoral-
pathologie fand bei den Indern und anderen orientalischen Völkern
Eingang, wurde von den Römern übernommen und erhielt sich in
mannigfachen Modifikationen durch das Mittelalter und die Neuzeit
bis ins 19. Jahrhundert.
Allerdings führte die Einseitigkeit dieser Anschauung schon im
Altertum dazu, dass auf die Bedeutung der festen Teile des Körpers
für Gesundheit und Krankheit hingewiesen wurde. Der geniale As-
klepiades entwarf auf Grundlage der Solidarpathologie ein System
der Heilkunde, in welchem den Holilräumen und Poren des Körpers die
Rolle zugeteilt wurde, welche in der Humoralpathologie die Gefässe
spielten. Später treten an Stelle der Poren die Nerven, welche das
Allgemeinverhalten des Körpers bestimmen sollen.
Weder die eine noch die andere Theorie vermochte alle Fragen
zu beantworten. Die denkenden Aerzte huldigten deshalb einem ver-
nünftigen Eklekticismus, der die leitenden Gedanken der verschiedenen
g Theodor Puschmaun.
Systeme zu vereinigen suchte und sich in der Praxis hauptsächlich an
die Erfahrung hielt.
Wertvoller als die gewaltsame Anpassung der mangelhaft er-
kannten und häufig falsch verstandenen Thatsachen an ein künstlich
zugeschnittenes Schulsystem war die Vermehrung des Wissensmaterials,
welche sich viele Aerzte zur Aufgabe machten. Es war vor allem die
Beobachtung am Krankenbett, in welcher es das Altertum zu einer
hohen Vollendung brachte. Da blieb keine Veränderung in dem Be-
finden des leidenden Körpers unbeachtet. Die einzelnen Erscheinungen
Avurden so genau beschrieben, dass den verschiedenen Krankheitsbildern
von den späteren kaum etwas hinzugefügt werden konnte. Man lauschte
aufmerksam dem Walten der Natur und wollte selbst in der ärztKchen
Thätigkeit nichts weiter leisten als der Natur hilfreich dienend zur
Seite zu stehen.
Die Heilkunde der Alten musste sich damit begnügen, an den
äusseren Erscheinungen der Krankheiten zu haften. Die Erforschung
des Wesens derselben blieb ihr verschlossen; denn eine pathologische
Anatomie gab es damals noch nicht. Die Diagnosen waren daher nur
symptomatische, und ihre Krankheitsbegriffe deckten sich nicht mit
den unserigen. Man unterschied als selbständige Krankheiten, was
wir als Krankheitserscheinungen bezeichnen, wie Husten, Erbrechen,
Durchfall, und fasste Krankheiten verschiedenen Wesens unter dem
gleichen Namen zusammen, wenn sie durch ein gemeinsames S5'mptom
eine äussere Aehnlichkeit darboten, wie in der Phrenitis u. a.
Bewundernswert sind die Leistungen des Altertums auf dem Ge-
biete der Chirurgie, umsomehr als eine notwendige Voraussetzung,
nämlich die genaue Kenntnis des anatomischen Baues des Körpers
fehlte. Mit sehr geringen technischen Hilfsmitteln ausgestattet, unter-
nahm man grosse chirurgische Operationen, z. B. Trepanationen, Ampu-
tationen, Resektionen, deren glückliche Ausführung auch jetzt noch
viele Schwierigkeiten bietet.
In der Schule der Erfahrung hatte man gelernt, dass Reinhaltung
der Wunden, gute Luft, Ruhe und Zeit die besten Heilmittel in der
chirurgischen Therapie sind. Im Anlegen von Verbänden, in der Ein-
richtung verrenkter Gliedmassen gab die wiederholte Uebung die er-
forderliche Geschicklichkeit, und die Vorkommnisse bei den Ringkämpfen
boten manche Gelegenheit dazu.
Selbst in der Augenheilkunde und Geburtshilfe errangen die Aerzte
des Altertums bemerkenswerte Erfolge. Sie verstanden, den grauen
Star zu operieren und das verlorene Augenlicht wieder herzustellen,
obwohl sie weder wussten, worin dieses Leiden besteht, noch welche
Wirkungen sie durch ihren Eingriff" herbeiführten. Es ist dies eines
der deutlichsten Beispiele, dass die Heilkunst der Heilwissenschaft vor-
ausgeht. Leichter waren die Verhältnisse in der Geburtshilfe zu durch-
schauen. An gebärenden Tieren sowohl wie bei der Besichtigung
weiblicher Becken konnte man die Beziehungen des kindlichen Körpers
zum Fruchthalter studieren. Daraus ergab sich die Erkenntnis, dass
schwierige Geburten durch die Verbesserung der Kindslage erleichtert
werden können. Die Wendung und der Kaiserschnitt waren Operationen,
bei denen der genetische Zusammenhang zwischen der Kunsthilfe und
der beabsichtigten Wirkung jedem einleuchten musste.
Die Erforschung der theoretischen Grundlagen der Heilkunde blieb
hinter der praktischen Ausübung derselben zurück. Man verstand die
Einleitung. 9
Kunst, Kranklieiten zu heilen, ehe man wusste, wie der Körper im
gesunden Zustande aussieht und funktioniert, und wie er im kranken
verändert wird. Diese Thatsache widerspricht der Kathederweisheit
unserer Schulen, nach welcher Anatomie, Physiologie und Pathologie die
unerlässlichen Vorbedingungen einer rationellen Therapie bilden.
Uebrigens wenden wir auch heute noch Heilmethoden und Heilmittel
an, deren Wirkung auf den Organismus unbekannt ist, lediglich weil
wir aus Erfahrung wissen, dass sie im stände sind, Krankheiten zu
mildern oder zu beseitigen.
Die anatomischen Kenntnisse der Griechen beschränkten sich im
wesentlichen auf die Knochenlehre und die wichtigeren Organe der
Körperhöhlen; von den Muskeln, Gefässen und Nerven hatten sie nur
dunklere und lückenhafte Vorstellungen.
Eifrigere Pflege fand dieser Gegenstand erst in Alexandria, wo
den Aerzten gestattet wurde, ihr anatomisches Wissen an mensch-
lichen Leichen zu erweitern. Dieser Periode sind die ersten Arbeiten
über das Nervensystem zu verdanken.
Die griechische Medizin nahm ihren Weg über Alexandria nach
Eom. Heilkünstler aus dem Oriente, welche seit dem 2. Jahrhundert
V. Chr. in der Hauptstadt des neu entstehenden Weltreiches einwan-
derten, erregten durch ihre chirurgische Geschicklichkeit das Erstaunen
der bäuerlichen Bewohner Latiums und zeigten ihnen, was Aerzte,
welche diesen Namen verdienen, zu leisten vermögen.
Die auf italischem Boden entstandene Heilkunde beschränkte sich
auf die Kenntnis einiger Hausmittel und der alltäglichen chirurgischen
Hilfeleistungen. Sie unterlag der griechischen Medizin. Die Ueber-
legenheit derselben brachte es mit sich, dass römische Aerzte bei den
Griechen in die Schule gingen und ihre Lehren annahmen. Uebrigens
gehörte die Medizin, da sie liäufig von Sklaven ausgeübt wurde, nicht
zu den vornehmen Künsten, welche den nach politischen und mili-
tärischen Erfolgen dürstenden Ehrgeiz der Römer weckten. Darin liegt
sicherlich eine der Ursachen, dass die Heilkunde von ihnen nahezu gar
keine Bereicherung erfahren hat.
Ihre wissenschaftliche Pflege blieb auch in Rom in den Händen
der Griechen. Alle wertvollen medizinischen Werke wurden von
griechischen Aerzten verfasst und in griechischer Sprache geschrieben.
Galen, der grösste Theoretiker des Altertums, der Pharmakologe
Dioskorides, der Frauenarzt Soranos waren Griechen. In latei-
nischer Sprache ist nur ein einziges medizinisches Buch von Bedeutung
verfasst, und dieses rührt nicht von einem Arzt her, sondern von
einem Laien, dem hochgebildeten A. Cornelius Celsus.
Die Römer bekundeten vorzugsweise für die Chirurgie und die
Heilmittellehre Interesse. Fortschritte waren daher nur auf diesen
Gebieten möglich. Die chirurgische Operationskunst feierte grosse
Triumphe und der Arzneischatz erfuhr wesentliche Bereicherungen.
Die litterarische Thätigkeit ihrer Aerzte befasste sich hauptsächlich
mit der Anfertigung von Auszügen aus den umfangreichen Werken,
von Rezeptsammlungen und für das praktische Bedürfnis berechneten
Kompendien.
Diesen Charakter zeigen auch die Produkte der spätlateinischen
Periode; der Rückschritt, welcher sich hierin deutlich offenbart, bildete
nur die notwendige Konsequenz des Verfalls, dem die gesamte Kultur
am Ausgang des Altertums unaufhaltsam zustrebte.
Das medizinische Können der Naturvölker.
Von
Max Bartels (Berlin).
Es ist eine in der menschlichen Natur fest wurzelnde Eigentüm-
lichkeit, in körperlichen Leiden bei den Mitmenschen Trost und Linde-
rung zu suchen, oder dem Leidenden, so gut oder so schlecht als
man es vermag, mit helfenden Ratschlägen zur Seite zu stehen. Tritt
danach die erhoifte Besserung ein, so wird bei ähnlichen Krankheits-
symptomen das gleiche Mittel in Anwendung gezogen, und hiermit ist
dann der erste Stein für eine empirische Heilkunde gelegt. So ist die
Ausübung ärztlicher Hilfe wahrscheinlich so alt, wie die Menschheit
selbst; und wenn wir von einer Geschichte der Heilkunde sprechen
wollen, so haben wir ihre allerersten Anfänge in der Kindheit des
Menschengeschlechtes zu suchen. Aus diesen Perioden giebt es natür-
lich keine geschriebenen Dokumente, jedoch reden manche Knochen-
verletzungen, wie sie sich an den Resten vorgeschichtlicher Menschen
fanden, für den aufmerksamen Beobachter eine sehr beredte Sprache.
Ausser diesen Funden der Vorzeit, wie sie gelegentliche Ausgrabungen
liefern, giebt es aber auch noch einige andere Hilfsmittel, um sich
ein Bild der embryonalen Anfänge der Heilkunde entwickeln zu können.
Wie auf anderen Gebieten der Kulturgeschichte, ist es auch hier das
Studium dessen, was die Naturvölker thun, das uns das rechte Ver-
ständnis giebt. Denn heute ist es eine bekannte Thatsache, dass das
Thun und Treiben dieser letzteren auf allen Gebieten des menschlichen
Handelns eine überraschende Uebereinstimmung zeigt mit demjenigen,
was die Völker der Urzeit thaten. Und so unterliegt es keinem
Zweifel, dass sie auch in ihrem medizinischen Denken die betreifenden
Analogien bieten. In einer Reihe von Fällen ist man im stände, dieses
auch mit Sicherheit nachzuweisen.
Aber auch noch einen anderen Faktor dürfen wir nicht unter-
schätzen, wenn wir uns vorstellen wollen, wie in der schriftlosen Ur-
zeit sich das medizinische Können verhielt; das ist das heilkünstlerische
Gebahren, wie wir es in den niederen und in den geistig armen
Schichten der heutigen Kulturvölker finden, namentlich bei der Land-
bevölkerung. Dieses hat soviel Uebereinstimmendes mit dem medi-
Das medizinische Können der Naturvölker. 11
zinischen Denken und Handeln der unzivilisierten Völker, dass wir
sicherlich wohl nicht fehlgehen, wenn wir viele von diesen Massnahmen
auch schon in dem grauen Altertum suchen.
Auch für diese Anschauung liegen bestimmte Beweise vor in den
Aufzeichnungen der antiken Schriftsteller. Wir vermögen aus den-
selben zu ersehen, dass manche Heilmethoden, wie das heutige niedere
Volk sie übt und wie wir sie bei den Naturvölkern wiederfinden, auch
im Altertum ganz gebräuchlich waren. Es sei hier an die Be-
schwörungen, die Amulette und die Votivgaben erinnert, durch die
man der Krankheit Herr zu werden suchte.
Diese Erörterungen werden genügen, um darzuthun, dass in einem
Werke, das die (jeschichte der Medizin behandeln soll, auch der
Medizin der Naturvölker ein berechtigter Platz gebührt.
Es muss hier aber noch an einen beachtenswerten Umstand er-
innert werden: Wir dürfen nicht ohne weiteres alles, was wir in der
Medizin der Naturvölker oder in der Volksmedizin antreffen, als ein
wahrhaftes Spiegelbild dessen betrachten, was in der Urzeit der Medizin
vorgenommen wurde. In der Volksmedizin findet sich mancherlei, was
sich bei genauerer Betrachtung als ein Ueberrest alter Magistralmedizin
erkennen lässt. Solche aus der gelehrten Heilkunde früherer Jahr-
hunderte dem Volke in Fleisch und Blut übergegangenen Massnahmen
dürfen wir natürlicherweise nicht berücksichtigen wollen. Anderer-
seits giebt es unter den heutigen Naturvölkern einige, welche in längst
vergangener Zeit eine hohe Kultur besassen, die aber allmählich immer
mehr in rohe Verhältnisse herabgesunken sind. Von ihrem früheren
Können jedoch, namentlich auf medizinischem Gebiete, haben sie einiges
hinübergerettet, das ihr kultureller Verfall nicht zu vernichten ver-
mochte. Auch diese Ueberlebsel aus besseren Zeiten wird man bei
genauerem Zusehen ohne Schwierigkeit auszuschalten vermögen, und
so wird man das wahrhaft Ursprüngliche von dem künstlich Auf-
gepfropften trennen können.
Bei den Naturvölkern ist fast noch mehr als in der wissenschaft-
lichen Medizin die Frage nach der Aetiologie der Krankheit von
hervorragender Bedeutung. Denn je nach der Auffassung, was die
Krankheit sei, richtet sich auch das therapeutische Handeln. Ist
die Krankheit ein Dämon, der in den Menschen fährt, so muss man
ihn durch Beschwörungen vertreiben oder durch Versprechungen
herausschmeicheln, oder endlich durch geschickte Ueberlistung her-
auslocken. Hat der Dämon Teile des Menschen entwendet, die Seele
(z. B. Celebes, Loangoküste, Hervey- Inseln u. s. w.), den Schatten
(z. B. in Nias), das Nierenfett (z. B. bei den Australnegern Victorias),
so muss man ihm dieselben wieder abjagen und sie in den Kranken
zurückbefördern. Hat ein böser Mensch durch unheilvolle Zauberei
die Krankheit herbeigerufen, so kommt es darauf an, durch einen
kräftigen Gegenzauber dieselbe wiederum unwirksam zu machen,
oder sie auf ihren unheilvollen Urheber zu übertragen. Hat die Be-
zauberung darin bestanden, dass die Krankheit in Form einer fremden
Substanz, als Tier, als Stein, als Knochen, als Holzstück, als Stroh-
halm, in den Körper der Patienten geschleudert wurde, so muss der
Medizinmann den Fremdkörper entfernen, was meistens durch kräftiges
Aussaugen geschieht. Wird die Krankheit aufgefasst als eine Strafe,
die die Gottheit sandte, oder als eine Prüfung, welche letztere über
den Menschen zu verhängen beschloss, dann vermag natürlicherweise
12 Max Bartels.
nur strenge Busse und Opfer und Gebet sie dem Erkrankten ab-
zunehmen.
Doch wir finden bei den Naturvölkern auch bisweilen schon die
Ansicht vertreten, dass bestimmte Erkrankungen der Vererbung (Lepra),
dem Genüsse gewisser Pflanzen (Abortus), oder elementaren Einflüssen,
z. B. dem Winde, ihren Ursprung verdanken. Dass auch die Ver-
wundungen und Verletzungen, wo man die Ursache und Wirkung vor
Augen hat, keinen übernatürlichen Ursachen zugeschrieben werden,
das ist wohl leicht zu begreifen. Und es mag hier gleich hervor-
gehoben werden, dass in diesen letzteren Fällen auch das therapeutische
Handeln meist ein zielbewusstes und nicht selten ein überraschend
zweckmässiges ist.
Um mit der Gottheit direkt zu verkehren oder gar Dämonen zu
bekämpfen, dazu gehören besonders starke Geister, die in ihrer In-
telligenz höher stellen als ilire Stammesgenossen, Nicht selten dulden
sie keinen zweiten neben sich; bei anderen Völkern aber treten sie
gemeinsam zu mehreren auf und dann haben wir bereits das Bild des
Ordinarius mit seinen Assistenten vor uns, denen sich bisweilen auch
noch der Consiliarius hinzugesellt. Da nun aber der Verkehr mit der
Geisterwelt sich nicht ausschliesslich auf medizinische Dinge richtet,
so flnden sich in vielen Fällen die Funktionen des Medizinmannes mit
derjenigen des Priesters vereinigt, und durch allerlei äusseren Putz
oder durch grauenhafte Vermummung, sowie durch ein strenges Cere-
moniell versuchen sie es mit grossem Erfolg, das profane Volk von
sich fern zu halten. So bilden sie einen höchst einflussreichen Stand,
in welchen einzutreten oft eine lange und harte Novizenzeit erfordert.
Der Novize muss bei einigen Völkern eine ganze Reihe von Jahren
warten, bis er in den nächst höheren Grad einrücken darf, und solcher
Grade hat er mehrere zu durchlaufen, bevor er die höchste Stelle er-
reicht. Letzteres gelingt aber überhaupt nur ganz vereinzelten und
hervorragenden Naturen, deren Macht und Einfluss dann aber auch
sehr bedeutend ist. Bei einigen Volksstämmen finden sich Einrich-
tungen, die an ein ärztliches Examen erinnern, so bei den nordameri-
kanischen Indianern, bei den Xosakaffern u. s. w.
Ihr Ansehen dem Volke gegenüber wissen die Medizinmänner sich
durch allerlei Kunstgrifi'e zu erhalten: sie essen anderes, als ihre
Stammesgenossen, ihre Mahlzeiten werden zu anderer Zeit gehalten,
ihre Kleidung ist eine ungewöhnliche, sie tragen ein absonderliches
Benehmen zur Schau, sie prahlen geschickt mit ihren Erfolgen, stossen
gegen ihre Gegner schwere Drohungen aus, und suchen ihre Lands-
leute in Furcht zu erhalten. Die Honorare, welche ihnen zu zahlen
sind, erreichen manchmal eine beträchtliche Höhe. So wurde einem
Arzt der Navoj6-In dianer in Arizona für eine Behandlung ein sehr
grosses Geschenk an Pferden und reichliche Nahrung für die Dauer
der Kur für sich und seine Gehilfen dargeboten.
Aber der Beruf der Medizinmänner ist nicht ohne Gefahr, da man
sie bei manchen Völkern für den Tod des Patienten verantwortlich
macht. Sie sind dann selber dem Tode verfallen, wenn es ihnen nicht
glücklich gelingt, die Hinterbliebenen davon zu überzeugen, dass nicht
sie, sondern ein böswilliger Medizinmann eines feindlichen Stammes
den letalen Ausgang verursacht habe.
In der Behandlungsweise der Medizinmänner spielen vorbereitendes
Fasten, Reinigungsbäder und Räucherungen, sowie Gebete eine hervor-
Das medizinische Können der Naturvölker. 13
ragreude EoUe, für die Ausführung ilirer Kuren bedienen sie sich viel-
fach der Bauchrednerkunst, die der staunenden Menge vortäuscht, wie
der Medizinmann durch die Lüfte fliegt (Australneger), oder wie er
mit Dämonen und Geistern lange Unterredungen führt (Indianer). Auf
diesem Gebiete verstehen sie bisweilen ganz Hervorragendes zu leisten,
das selbst Europäer in Erstaunen setzt. Auch die Hypnose und die
Suggestion ziehen sie vielfach in Anwendung, aber diese wird nicht
überall in gleicher Weise ausgeführt. Manche Medizinmänner führen
sich selbst durch eintönigen Gesang, betäubendes Rasseln und gleich-
förmige Bewegungen in einen hypnotischen Zustand über, z. B. die
Schamanen der sibirischen Völker, andere hjT)notisieren einen Gehilfen,
der ihnen als ihr Medium dient, und der dann mit der Geisterwelt
verkehrt und die notwendigen Massnahmen verkündet. Das ist nament-
lich bei verschiedenen Stämmen Cochinchinas und auf der Insel Buru
im Osten des malayischen Archipeles Gebrauch. Aber vielfach sehen
wir auch, dass der Medizinmann den Patienten selber in einen hypno-
tischen Schlaf versetzt, aus dem er dann geheilt zu erwachen pflegt.
Ueberhaupt können wir nur staunen, wenn wir aus glaubwürdigen
Berichten erfahren, was bei den Naturvölkern die Einbildung thut,
sowohl im guten, als im schlechten Sinne. Die eindringliche Ver-
sicherung des Heilkünstlers, dass die Krankheit gehoben sei, ist iu
vielen Fällen genügend, den Patienten von seinen Leiden zu befreien.
Andererseits reicht aber auch die blosse Drohung eines erzürnten
Medizinmannes hin, dass der Bedrohte innerhalb einer kuraen Anzahl
von AVochen sterben würde, um bei einem ganz gesunden Menschen
einen CoUapsus hervorzurufen und eine tiefgreifende Melancholie, welche
innerhalb der gestellten Frist den Unglücklichen wirklich zum Tode führt.
Um hier in die Einzelheiten einzugehen, die sehr viel Interessantes
bieten, ist der mir zu Gebote stehende Raum zu beschränkt. Ich habe
diese Dinge ausführlich erörtert in einem Werke über die Medizin
der Natur Völker, M wo der Leser die genaueren Belege findet.
Das Tragen von Talismanen und Amuletten, um sich vor Krank-
heiten zu schützen, oder um letztere zu vertreiben, ist, wie oben be-
reits angedeutet wurde, auch bei vielen Naturvölkern bekannt, und
auch bei ihnen geniessen bestimmte Priesterärzte und gewisse Heilig-
tümer in der Herstellung dieser wirksamen Dinge eines gi-össeren
Rufes, als andere dieser Art.
Die Anwendung von Beschwörungsformeln ist eine weit verbreitete,
und es bieten sich auch in dieser Beziehung mancherlei Analogien
mit dem Gebahren der „klugen Frauen" unserer Landbevölkerung
dar. Wie von den letzteren, werden auch von den Medizinmännern
vielfach die Zauberformeln murmelnd hergesagt oder in eintöniger
Weise gesungen; vielfach findet sich in ihnen eine altertümliche
Sprache verwendet, die das gemeine Volk nicht versteht, und oft auch
der Beschwörer ebenfalls nicht. Auch was den Inhalt anbetrifft, so
finden ^^^r viel Uebereinstimmendes; denn die Formeln enthalten ge-
wöhnlich demütige oder schmeichelnde Bitten, Vorstellungen, Befehle
oder Verfluchungen.-)
') Max Bartels, Die Medizin der Naturvölker. Ethnologische Beiträge zur Ur-
geschichte der Medizin. Älit 175 Originalholzschuitten im Text. Leipzig, Th. Griebens
Verlag (L. Fernau) 1893.
■)Max Bartels, Ueber Krankheitsbeschwörungen. Zeitschrift des Vereins
für Volkskunde. Jahrgang V. S. 1—40. Berlin 1895.
14 Max Bartels.
Diese Erörterungen mögen in dem Leser wohl die Empfindung-
hervorrufen, als ob das medizinische Handeln und Können der Natur-
völker eigentlich ein recht primitives und unzureichendes wäre, welchem
jegliche Grundlage richtiger Beobachtung oder durchdachten und
zweckmässigen Eingreifens fehlt. Aber ganz wie in der Volksmedizin,
so treffen wir ebenfalls auch bei den Naturvölkern allerlei zweckent-
sprechende Massnahmen an, wie sie die gelehrte Medizin in ähnlicher
Weise zu benutzen pflegt. Allerdings liegen sie nicht in allen Fällen
klar zu Tage, sondern allerlei phantastisches Beiwerk hat sie der-
massen überwuchert, dass man sie nur mit einiger Mühe aus diesem
Wüste herausschälen kann. Für die Volksmedizin hat dies Lieber^)
in sehr glücklicher Weise gethan.
In der Medizin der Naturvölker müssen wir noch einige Heil-
faktoren etwas eingehender betrachten. In erster Linie sei der Massage
gedacht, welche eine über den ganzen Erdball verbreitete Ausdehnung
besitzt. Unter den verschiedensten Namen und von den verschiedensten
Völkern haben die Eeisenden sie rühmend erwähnt und nicht selten
haben sie eindringlich ihre Nachahmung empfohlen. Ihre Ausführung
ist nicht immer die gleiche, aber, wo man sie auch angetroffen hat,
immer musste man die staunenswerte Geschicklichkeit der Masseure
oder der Masseusen besonders bewundern. Bald ist es nur ein ganz
leises Berühren, bald ein Streichen, Drücken und Kneten, bald ein
Stossen mit den Fäusten oder mit den Knien, oder selbst ein Treten
mit den Füssen, oder ein Peitschen mit Euten oder Nesseln ; meistens
aber hat es den erwünschten Erfolg. Um ein Beispiel der Ge-
schicklichkeit der Masseusen zu geben, möchte ich erwähnen, dass
in Cochinchina dieselben durch vorsichtiges Treten des Leibes die
zögernde Nachgeburt zu entfernen verstehen,^) und dass ihre Kolleginnen
in Java eine künstliche Eückwärtsknickung der Gebärmutter hervor-
rufen können, um Befruchtungen zu verhüten, und dass sie diesen
Schaden wieder gut zu machen verstehen, wenn eine Schwangerschaft
erwünscht sein sollte.*)
Auch die Anwendung von Wasserkuren findet sich häufig, und
ganz wie in der Volksmedizin, wo die Leitung solcher Kuren in den
Händen von Laien liegt, sehen wir auch hier neben einer ganzen
Anzahl guter Erfolge eine gar nicht zu unterschätzende Quote von
erheblichen Verschlimmerungen, und es liegen sogar eine ganze Menge
von Beobachtungen vor, in welchen derartige Kuren zum Tode führten.
Die Ausführung der Wasserkuren ist bei den einzelnen Völkern
sehr verschieden und sie hängt in nicht unerheblichem Grade von den
geographischen Verhältnissen ihres Landes ab. Wo Seen, Flüsse und
Bäche zur Verfügung stehen, werden diese natürlich zum Baden be-
nutzt, und wie sich durch solche Gebräuche bisweilen verderben-
bringende Epidemien verbreiten, das hat überzeugend Eobert Koch
von den Tangs in Indien gelegentlich seiner Choleraforschungen be-
wiesen. Die Strandbewohner baden meist im Meere und zwar oft bei
erschrecklich niedrigen Temperaturen, wie wir von den Koljuschen in
Nordwestamerika und von einer Wöchnerin in Feuerland wissen. Wo
die Natur Thermalbäder bietet, oder Mineralwässer irgend welcher
") A u g u s t L i e b e r , Die Volksmedizin in Deutsch tirol. Zeitschrift des Deutschen
und Oesterreichischen Alpenvereins. Band XVII. S. 222 — 241. Jahrgang 1886.
*) C. H. Stratz, Die Frauen auf Java. Eine gynäkologische Studie. Stuttgart
1897. S. 25, 43—48.
Das medizinische Können der Naturvölker. 15
Art, haben die Naturvölker Kenntnis davon und sie verstehen es, sich
dieselben für therapeutische Zwecke dienstbar zu machen. Oft unter-
nehmen sie weite Reisen, um zu diesen Kurmitteln zu gelangen.
Kalte und warme Uebergiessungen finden vielfach ihre Anwendung;
auch werden bisweilen Berieselungen und Besprühungen vorgenommen,
letztere meist aus dem Munde des Medizinmannes, und man vermag
sich wohl vorzustellen, wie in einem tropischen Klima letztere durch ihre
schnelle Verdunstung eine Abkühlung der Oberhaut herbeiführen können.
Dampfbäder treffen wir auch häufiger. Meist werden dieselben
so hergestellt, dass man in einem engen, geschlossenen Raum glühend
gemachte Steine mit Wasser übergiesst. Uebrigens ist bei den Weiss-
russen im Gouvernement Smolensk noch heute ein ganz ähnliches
Verfahren gebräuchlich. Um Schwitzkuren einzuleiten, lagert man die
Kranken auch oft dicht an einem Feuer und lässt sie grosse Mengen
Flüssigkeit trinken, was dann die erwünschte Wirkung hat.
Auf einem anderen Gebiete sind die Leistungen der Naturvölker
auch keineswegs zu unterschätzen. Sie haben von der sie umgebenden
Natur meistens eine sehr vollkommene Kenntnis; sie unterscheiden
mit grosser Sicherheit giftige und nützliche Gewächse; sie finden
bei beiden die Heilwirkungen heraus und verstehen es, sie zweck-
mässig zu verwenden. Wir dürfen nicht vergessen, dass ^Wr manche
wichtigen Schätze unserer Pharmakopoe den Medizinmännern der
Naturvölker zu verdanken haben. Es sei hier nur an die Chinarinde,
die Cocablätter, an Strychnin und Curare, an die Carica papaya, aber
auch an die Ipecacuhana und die Senega erinnert, und mit grosser
Leichtigkeit Hesse sich diese Liste noch erheblich vermehren. Auch
die Produkte des Mineralreichs, Salz, Salpeter, Thonerde u. s. w.
finden in der Therapie der Naturvölker ihre Verwendung, und auch
das Tierreich machen sie sich dienstbar. In dieser letzteren Beziehung
möchte ich den Thran, das Fett, die Konkremente aus dem Tierkörper,
die Bärengalle u. s. w. erwähnen.
Die Anwendung ihrer Arzneistoflfe wird in sehr verschiedener
Form geübt; sie finden als Aufgüsse und Decocte, als frische Säfte,
Umschläge, Salben und Pulver und sogar als Pillen ihre Verwertung.
Laxantia, Emetica, Styptica, Narcotica, Aromatica. Rubefacientia, Vesi-
cantia, Vermifuga, Emollientia u. s. w. sind ihnen wohlbekannt. Einen
ausgedehnten, praktischen Gebrauch machen sie von diätetischen Vor-
schriften. Fasten und Speiseverbote, Aenderungen der Ernährung
werden von ihnen nicht immer nur aus religiösen Rücksichten vor-
geschrieben, sondern häufig bilden sie einen zielbewussten Teil ihres
therapeutischen Handelns.
Prophylaktische Massnahmen, um sich vor Epidemien zu schützen,
werden auch von vielen Naturvölkern geübt, und je nach der Roheit
ihrer Sitten tritt dabei manche Grausamkeit auf. Einige ihrer als
besondere Härte kritisierter Massnahmen aber haben in allerjüngster
Zeit auch hochentwickelte Kulturvölker angenommen. Ich erinnere
hier nur an die völlige Absperrung der Wohnsitze gegen verdächtige
Fremde, wie wir sie in der letzten Choleraepidemie in Hamburg erlebt
haben, und an die Verbannung der Leprösen aus ihren Dörfern und
ihre Unterbringung in abgesonderten und streng überwachten Orten.
Auch einige andere eingehaltene Regeln einer prophylaktischen Hy-
gieine verdienen unsere volle Beachtung, so die Absonderung der Men-
struierenden von den mit ihnen eng zusammenwohnenden Familienmit-
16 Max Bartels.
gliedern und die Errichtung besonderer Gebärliütten, die bei manchen
Stämmen nach beendetem Wochenbett mit allen Gebrauchsgegenständen
der Wöchnerin durch Niederbrennen unschädlich gemacht werden.
Alle diese Verhältnisse habe ich in meinen sechs Bearbeitungen des
Werkes von H. Ploss, das Weib in der Natur- und Völker-
kunde ausführlicher erörtert.
Da wir von der öffentlichen Gesundheitspflege sprechen, so möge
hier gleich angeknüpft werden, was die Naturvölker für ihre Kranken
und Siechen thun. Man hört sehr oft die Behauptung aufstellen, dass
es erst dem Christentume vorbehalten war, eine Fürsorge für die
Kranken zu treffen. Das widerspricht den positiven Thatsachen und
bereits im klassischen Altertum hat man das Institut der Kranken-
häuser gekannt. Auch bei den Naturvölkern kennen wir Beispiele,
dass sie eine Art von Krankenhäusern errichtet haben. Solcher Bei-
spiele lassen sich von der Insel Nias und von Neu-Guinea beibringen.
Allerdings lässt es sich nicht leugnen, dass manche Völkerschaften
mit ihren Schwerkranken sehr grausam verfahren, dass sie sie ver-
lassen, oder sie töten. Aber das letztere ist nicht immer ganz eine
solche Grausamkeit, wie es den Anschein hat, namentlich wenn es sich
um Völker handelt, die keine festen Wohnsitze haben. Wenn der
Lagerplatz gewechselt werden muss, dann bringt nicht selten alles,
was den Marsch verzögert, ernstliche Gefahr für die ganze Horde, und
so bleibt ihnen dann nichts anderes übrig, als ihre Kranken zurück-
zulassen. Da ein solches Zurückgelassenwerden für die Unglücklichen
einen gewissen, aber langsamen und qualvollen Tod bedeutet, so er-
scheint es nicht mehr als eine solche Härte, wenn die Freunde ihnen
die. Leiden verkürzen und sie schnell und schmerzlos töten.
Eine Kategorie von unheilbaren Kranken, denen bei den euro-
päischen Völkern noch vor kurzem vielerlei Unbill zugefügt wurde,
hat es bei einer grossen Zahl von Naturvölkern um vieles besser, als
in den Pflanzstätten der Kultur. Dieses sind die Geisteskranken,
welche meist gut verpflegt und versorgt und oft sogar heilig gehalten
werden, und denen man alles zu Willen thut. Allerdings werden sie
bei anderen Volksstämmen, namentlich wenn sie tobsüchtig werden,
gefesselt und angekettet, ganz so, wie es noch vor fünfzig Jahren in
den europäischen Narrentürmen geschah.
Es ist in den bisherigen Erörterungen immer nur von Medizin-
männern die Rede gewesen, aber die Heilkunst ist bei den Natur-
völkern durchaus nicht ausschliesslich ein Mäunergeschäft, wir finden
bisweilen auch angegeben, dass Weiber den ärztlichen Beruf ausüben.
Immerhin sind das aber nur Ausnahmefälle, nur bei der Ausübung der
Massage und in der Eigenschaft als hypnotische Medien treffen wir
Weiber häufiger an. Ein Gebiet der Heilkunde nun ist aber fast
ausschliesslich ihre Domäne, das ist die Geburtshilfe. Hier gehört es
zu den grössten Ausnahmefällen, dass auch Männer thätig eingreifen
dürfen, und selbst ziemlich schwierige Massnahmen werden nicht selten
von den Weibern ausgeführt. Das geburtshilfliche Können der Natur-
völker lässt sich nicht in kurzen Worten besprechen; es ist bei den
verschiedenen Stämmen der Erde ein ganz ausserordentlich wechselndes.
Während bei einigen von einer Geburtshilfe, auch selbst in der be-
scheidensten Auffassung, keine Rede sein kann, da die Weiber ganz
allein, abgesondert in der Einsamkeit, ohne jede Unterstützung nieder-
kommen, findet sich bei anderen Völkern schon eine recht erhebliche
Das medezinische Können der Naturvölker. 17
Kenntnis und bisweilen sogar eine erstaunliche Gewandtheit, sich in
schwierigen Lagen zurechtzufinden. Diese Verhältnisse sind so kom-
pliziert, dass sie in meinem schon erwähnten Werke ^) eine grössere
Zahl von Kapiteln füllen.
Eine Art der medizinischen Behandlung, welche bei den Natur-
völkern sehr verbreitet ist und nicht selten von dem Patienten selber
mit Umgehung des Medizinmannes ausgeführt wird, ist die Blutent-
ziehung. Die Methoden der Blutentziehung sind sehr verschieden-
artige, sie lassen sich aber im wesentlichen auf Scarifizieren, Schröpfen
und Aderlassen zurückführen. Die Scarifikationen werden, je nach
dem Bildungsgrade des Volksstammes, mit Dornen, Fischzähnen, Stein-
splittern, Knochenstückchen oder Messern vorgenommen. Auch Tätto-
wierungen werden bisweilen aus medizinischen Gründen ausgeführt.
Wie für die Scarifikationen, so haben die Naturvölker auch für das
Schröpfen sehr verschiedene Methoden, die oft noch mit den ersteren
verbunden werden. Sehr häufig wird das Schröpfen nur mit dem
Munde ausgeführt durch kräftiges Saugen, vielfach aber verwendet
man hohle Tierhörner (meist von Kinderarten); auch an diesen muss
dann gewöhnlich noch gesogen -werden, wenn sie die erwünschte
Wirkung haben sollen. Es kommen aber auch, allerdings nur in
seltenen Fällen, wirkliche Schröpfköpfe zur Anwendung.
Venäsektionen werden von verechiedenen Naturvölkern an ver-
schiedenen Körperstellen ganz lege artis ausgeführt mit Steinsplittern,
Glasscherben oder Dornen. Oft werden dieselben soweit umhüllt, oder
in einem Handgriff'e verborgen, dass nur die Spitze so lang hervorragt,
als sie in die Vene eindringen soll.
Sehr absonderlich ist eine Art des Aderlasses, wie sie sich merk-
würdigerweise bei zwei sehr weit von einander entfernt wohnenden
Volksstämmen findet, nämlich bei den Isthmus-Indianern und den
Papuas in Neu-Guinea. Die Medizinmänner dieser Völker bedienen
sich kleiner, zierlicher Bögen, deren Pfeile mit ganz kurzen Stein-
spitzen armiert sind, und diese schiessen sie aus geringer Entfernung
in die Vene, die sie eröffnen wollen.
AVlr sind mit diesen Betrachtungen bereits in die Besprechung
der chirurgischen Eingritfe eingetreten. Dass die Naturvölker Stacheln
und Dornen oder ähnliche Fremdkörper, welche in die Haut einge-
drungen sind, mit Gewandtheit zu entfernen verstehen, das wird uns
bei ihrer Lebensweise nicht besonders verwundern können. Kriegerische
Völker besitzen auch in der Extraktion von Pfeilspitzen und ähnlichem
eine anerkennenswerte Geschicklichkeit.
Schwieriger vermögen sie sich schon mit der Behandlung der
Knochenbrüche abzufinden, wie manch bekannt gewordenes Präparat
von schief geheilten Frakturen beweist. Einige Stämme verstehen es
aber sehr wohl, geschickte Schienenverbände und gut wirkende
Lagerungsapparate herzustellen, und sogar bis zur Anlegung von Ver-
bänden aus später erhärtendem Thon haben sie sich emporgeschwungen.
Letzteres ist nun keineswegs etwa bei einem relativ vorgeschrittenen
*) Max Bartels, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. Anthropologische
Studien von Dr. H. Ploss. Nach dem Tode des Verfassers bearbeitet und heraus-
gegeben von Max Bartels. Secjiste umgearbeitete und stark vermehrte Auflage.
Mit 11 lithographischen Tafeln und 539 Abbildungen im Text. Leipzig, Th. Griebens
Verlag (L. Femau) 1899. Band II. S. 207. Die siebente Auflage ist im Erscheinen
begriffen.
Handbuch der Geschichte der Medizin. 2
18 Max Bartels.
Volksstamme der Fall, sondern gerade bei einem solchen, der in
kultureller Beziehung- auf einer besonders niederen Stufe steht, näm-
lich bei den Eingeborenen Australiens,
Die Eröffnung- von Abscessen, Wundverbände aller Art mit g-e-
pulverten, breiigen oder flüssigen Substanzen, die Anlegung von Nähten
oder die feste Bandagierung, um blutig getrennte Teile wieder zur
Verwachsung zu bringen, sind den Medizinmännern wohlbekannt.
Aber auch auf bedeutend grössere und viel eingreifendere Operationen
lassen sie sich bei manchen Volksstämmen ein, und auch hier sind es
überraschenderweise oft besonders tiefstehende Nationen.
In dieser Beziehung lassen sich gleich wieder die Australneger
als Beispiel anführen. Einige ihrer Stämme machen an der Mehrzahl
ihrer jungen Leute eine mit dem Namen Mika bezeichnete Operation.
Dieselbe ist eine Urethrotomia externa und sie besteht darin, dass der
Operateur die Harnröhre von unten her in der ganzen Ausdehnung
der Pars pendula des Penis mit einem rohen Steinmesser aufschlitzt
und später dafür Sorge trägt, dass die getrennten Teile sich nicht
wieder vereinigen können. Der ausgesprochene Zweck dieses operativen
Eingriffes ist, einer Uebervölkerung vorzubeugen. Aber auch noch eine
andere Operation verstehen diese Leute auszuführen, welche ein über-
raschendes Licht auf ihre anatomischen und physiologischen Kennt-
nisse wirft. Es ist das eine Entfernung der Eierstöcke, welche sie
von der Vagina aus vornehmen.
Aufschabungen der Röhrenknochen bis zur Eröffnung der Mark-
höhle führen die Eingeborenen der Loyalitäts-Inseln in der Südsee
aus, um rheumatische Affektionen zu heilen. Auch Trepanationen des
Schädels machen sie; aber diese letztere Operation finden wir auch
bei anderen Völkern des Erdballs, bei den alten Einwohnern der
Canarischen Inseln, bei den alten Peruanern u. s. w. und auf euro-
päischem Boden kennen wir sie von verschiedenen vorgeschichtlichen
Stämmen; hier reicht diese Operation bis in die jüngere Steinzeit
zurück.
Amputationen, nicht nur einzelner Phalangen, sondern auch nament-
lich der Hände, treffen wir bei verschiedenen Völkern, letzteres aller-
dings gewöhnlich weniger aus chirurgischer, als aus kriminaljuridischer
Indikation. Immerhin sehen wir, dass diese Leute sich hier mit der
Blutstillung abzufinden wissen und es verstehen, die Stümpfe zu
heilen. Eine besondere Erwähnung verdient es noch, dass wir bei
einigen Naturvölkern auch sogar den Kaiserschnitt nachweisen können,
der mit glücklichem Erfolge ausgeführt wurde. In einem sehr genau
beschriebenen Fall (in Uganda in östlichen Central-Afrika) wurde eine
sorgfältige Bauchnaht angelegt.
Bei diesen operativen Eingriffen dürfen wir nicht vergessen, dass,
wie es den Anschein hat, der Schmerz bei diesen Kindern der Natur
keine so hervorragende Rolle spielt, als bei den Kulturvölkern; aber
wir begegnen auch bisweilen Massnahmen, um denselben herabzu-
mindern. Die Patienten werden manchmal berauscht oder sie be-
kommen betäubende Tränke, oder endlich es wird auch hier wieder zu
dem Mittel der Hypnose gegriffen. Jedenfalls beweist auch dieses
wieder, dass es den Medizinmännern der Naturvölker keineswegs an
chirurgischer Ueberlegung fehlt.
Nur in grossen, allgemeinen Zügen habe ich mich bemüht, ein
Bild zu entwerfen von dem medizinischen Denken und Handeln, wie
Das medizinische Können der Naturvölker. 19
wir es bei den Naturvölkern finden. Auf die Angabe von Einzelheiten
rausste ich verzichten, da sie zu vielseitig und zahlreich sind, um in
engem Räume sich vorführen zu lassen, und ich muss diejenigen Leser,
welche eine genauere Auskunft wünschen, noch einmal auf mein aus-
führliches Werk ^) verweisen, in welchem sie auch eine nahezu er-
schöpfende Aufführung der Öriginalquellen finden.
Bei der Betrachtung dieser Verhältnisse treten uns ein paar
interessante Thatsachen entgegen. Es ist oft ausserordentlich über-
raschend, zu sehen, wie sich ganz gleiche Anschauungen und Mass-
nahmen bei ganz verschiedenen Volksstämmen finden, deren Wohnsitze
durch so ungeheure Landstrecken und durch so ungeheure Meere von
einander gesondert sind, dass der Gedanke einer unmittelbaren Ueber-
tragung dieser Dinge von dem einen Volke auf das andere vollständig
ausgeschlossen erscheint. Aber wir werden von den medizinischen
Fähigkeiten der Naturvölker auch eine ganz andere und um vieles
günstigere Vorstellung gewonnen haben, als wir sie uns vorher ge-
bildet hatten. Denn trotz vielem Wust und Aberglauben und trotz
vielem Phantastischem, sowie Ueberflüssigem und selbst Fehlerhaftem
trefi'en wir doch auch nicht gerade selten klug Durchdachtes und ge-
schickt und mit grosser Kühnheit Ausgeführtes an. Ueberraschen
werden uns immer die unendlich häufigen Analogien mit unserer
eigenen Volksmedizin und mit der der übrigen Völker Europas. Hier
tritt sicherlich manch Ueberlebsel zu Tage aus Zeiten, wo auch in
unserem Erdteil die europäischen Volksstämme sich in naturgeschicht-
licher Beziehung von den heutigen Naturvölkern kaum unterschieden.
Dass sich nun in dem Denken und Empfinden der auf einer niederen
Kultur stehenden Völker sehr erstaunliche Uebereinstimmungen finden,
das ist auch auf anderen Gebieten menschlicher Intelligenz bekannt
Bastian hat bekanntlich diese Dinge als den Völkergedanken
bezeichnet, als Gedankengänge, welche das inenschliche Gehirn auf
den verschiedensten Punkten der Erde unter den gleichen Verhält-
nissen denkt, weil es eben ein Menschenhirn ist. Auch in anderen
Abteilungen dieses Werkes werden uns noch manche Thatsachen ent-
gegentreten, welche ebenfalls in die grosse Gruppe der Völkergedanken
zu zählen sind.
2*
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern.
Von
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Derselbe, Ueber das medizinische Leben in Japan. Deutsch, med. Wochenschr.
1894. Xr. 13. S. 306. — Tatsuhiho Okamurfi, Zur Geschichte der Syphilis in
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Scheube, Beiträge zur Geschichte der Kak-ke. Mitt. d. deutsch. Ges. f. Xatur-
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die Geburtshilfe der .lapaner. Cbl. f. Gynäk. 1883. Nr. 49. — Alex. M. Vedder,
Remarks an the actual state of medical science in Japan. Americ. Journ. of med.
Sc. 1869. S. 43. — A. Wernich, Ueber die Fortschritte der modernen Medizin in
.Tapan. Berl. klin. Wochenschr. 1875. S. 447, 474, 590, 655, 667. — Derselbe,
Zur Geschichte der Medizin in .lapan. Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Med. I. 1878.
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Transact. of the Asiatic Soc. of Japan. XII. 1885. S. 245.
III. Koreaner.
X. Cliastang, La Coric et les Coreens. Arch. de med. nav. LX VI. 1896. S. 161.
I. Chinesen.
Unter den ostasiatisclien Völkern nehmen die Chinesen hin-
sichtlich ihrer Zahl, ihres Alters und des geistigen Einflusses, den sie
auf die Nachbarländer ausgeübt haben, die erste Stelle ein. Ihre
Medizin ist so alt wie überhaupt ihre Kultur. Schon vor Jahrtausenden ^
als es noch keine abendländische Kultur gab, als die Bewohner Europas
noch im Zustande von Naturvölkern sich befanden, waren sie bereits
ein hoch entwickeltes Volk. Manche Erfindung und manche Entdeckung
ist in China hunderte von Jahren früher gemacht worden als in Europa.
Aber seit Jahrhunderten sind die Chinesen auf demselben Standpunkte
stehen geblieben. Die Ehrfurcht vor den Vorfahren und dem von
ihnen Ueberlieferten, welche den Grundzug ihres Charakters bildet, hat
jede Neuerung und jeden Fortschritt unterdrückt, so dass man mit
Recht sagen kann: die Tradition hat die Chinesen versteinert. In
gleicher Weise wie für die anderen Künste und Wissenschaften gilt
dies auch für die Medizin.
Als Begründer der Heilkunde wird der halbmythische Kaiser S h In-
no n g angesehen, dessen Regierung nach der allerdings nicht sehr zu-
verlässigen Zeitrechnung der Chinesen in die Zeit von 2838—2699 v. Chr.
verlegt wird. Von demselben, welcher, als wahrer Landesvater für
22 B. Scheube.
seine Unterthanen sorgend, die Kultur der 5 Feldfrüclite (Weizen,
Reis, Hirse, Gerste und Bohnen) einführte und die Gerätschaften für
den Ackerbau erfand, wird berichtet, dass er alle Pflanzen seines
grossen Reiches durchkostete und durch den Geschmack fand, welche
von denselben heilkräftig und welche giftig waren. Ferner soll er
Heilkräuter angepflanzt und ein medizinisches Kräuterbuch, in dem
5 Samenarten und 100 Pflanzen besprochen wurden, verfasst haben.
Das letztere existiert nicht mehr, soll aber die Grundlage für die
später zu erwähnende grosse Pharmakopoe gebildet haben. Auch
die Erfindung der Akupunktur wird Shin-nong zugeschrieben.
Als das älteste medizinische Werk, welches noch vorhanden und
noch heutigen Tages in Gebrauch ist, gilt das Nei-king (Buch der
inneren Medizin), für dessen Verfasser oder wenigstens geistigen Ur-
heber der Kaiser Hwang-ti (2698 — 2599 v. Chr.) gehalten wird.
Wäre dies richtig, so würde dasselbe das älteste medizinische Buch
der Welt sein. Wahrscheinlich ist es aber jüngeren Ursprungs und
erst in den beiden letzten Jahrhunderten vor oder den beiden ersten
nach Christo entstanden.
Auch die andern kanonischen Bücher, von denen das bekannteste
das Mih-king (Buch über den Puls) von Wang-shuh-ho aus dem
3. vorchristlichen Jahrhundert ist, haben ein hohes Alter. Nach den
Dynastien Sung und Yuen (960 — 1280) sind überhaupt keine Original-
arbeiten mehr erschienen, sondern nur Kompilierungen, Ergänzungen
und Kommentierungen älterer Autoren, die ein trauriges Zeugnis für
die bereits eingetretene geistige Stagnation ablegen. Eine Kritik und
Polemik über die Haltbarkeit und Richtigkeit der von den Vorfahren
ausgesprochenen Dogmen, welche als unumstössliche Wahrheit gelten,
fehlt in dieser neueren Litteratur so gut wie ganz.
Die Grundprinzipien, auf denen sich das medizinische Lehrgebäude
der Chinesen, wie es schon im Nei-king dargestellt wird, aufbaut,
sind der chinesischen Philosophie, die dem Confucianismus als Funda-
ment gedient hat, entlehnt. Wie jedes Ding in der Welt ist der
Mensch aus den öElementen: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser
zusammengesetzt, stellt also ein Universum im Kleinen, einen
Mikrokosmus in Makrokosmo dar. Die Fünfzahltheorie spielt in der
chinesischen Philosophie eine grosse Rolle und stammt wahrscheinlich
von der Musik, welche bei den Chinesen die Wissenschaft der Wissen-
schaften ist, von den 5 Tönen der alten chinesischen Tonleiter her.
Den 5 Elementen entsprechen 5 Planeten, 5 Sinne, 5 Eingeweide u. s. w.,
ferner giebt es 5 Farben, 5 Geschmäcke, 5 Kardinalbeziehungen
(zwischen Kaiser und Volk, Vater und Sohn, Ehegatten, Brüdern,
Freunden) u. s. w.
Mit den Elementen kombiniert sich in der Zusammensetzung des
Weltalls das Doppelprinzip des Männlichen und Weib-
lichen, welches sich der Vorstellung des Menschen vom Entstehen
alles Lebenden gewissermassen von selbst, durch die Anschauung
menschlicher Verhältnisse, aufdrängt und daher in der Kosmogenie
der uräJtesten Völker den Ausgangspunkt der Weltenbildung bildet.
Wie jedem Ding wohnen dem menschlichen Körper 2 polar sich ent-
gegenstehende Mächte oder Prinzipien inne, das männliche, posi-
tive (Yang), welches Licht, Stärke, Härte, das Heisse und Trockene,
die Lispiration, alle aktiven und guten Eigenschaften zu Attributen
hat, und das w e i b 1 i c h e , n e g a t i v e (Y i n), dem Dunkelheit, Schwäche,
Die Geschichte der Medizin bei deu ostasiatischen Völkern. 23
Weichheit, das Feuchte und Kalte, die Exspiration, alle passiven und
schlimmen Eigenschaften zugeschrieben werden. Dieselben sind die
Lebenskräfte und Schöpfer des belebten Körpers. Auf ihrem voll-
kommenem Gleichgewichte beruht die Gesundheit. Sie cirkulieren im
Körper immer zusammen mit dem Blute und der Lebensluft (Ke),
welche für sie die Vehikel bilden. Unter der Lebensluft stellen sich
die Chinesen eine belebende ätherische Substanz vor, die dem Aether
der Natur gleicht und durch die Atmung erneuert wird, und legen
auf dieselbe ein grösseres Gewicht als auf das Blut. Die Cirkulation
findet in einem durch den ganzen Körper verzweigten Kanalsystem
statt und kann auf verschiedene Weise, durch die Schwere, die in
den Gefässen entstehende Eeibung, sowie durch äussere Ursachen,
Störungen erfahren.
Das naturphilosophische System der Chinesen zeigt Anklänge an die
Humoraldoktrin der Indier und Griechen (Hipp okr ates). Dieselben sind
wahrscheinlich zurückzuführen auf den uranfänglichen Zusammenhang der
alten Kulturvölker, als sie noch ihre Ursitze in Centralasien inne hatten,
die Fr. V. ßichthofen in das Tarym-Becken und an die Oberläufe des
Oxus und Jaxartes verlegt. Diese Annahme hat viel mehr Wahrscheinlich-
keit für sich als die Ansicht Lietards, nach welcher das Fundament der
Lehre aus Indien mit dem Buddhismus, welcher um die Zeit Christi in
China Eingang fand, hierhin gekommen sein soU.
Die anatomischen Kenntnisse der Chinesen sind äusserst gering.
Die Anatomie ist von ihnen immer mehr spekulativ als realistisch be-
trieben worden. Sektionen sind in China nicht gestattet. Das Verbot
gründet sich auf die im Ahnenkultus und Buddhismus wurzelnde
religiöse Anschauung, dass jeder im Jenseits so erscheinen soll, wie
er auf der Erde war, weshalb jede Verstümmelung oder Abtrennung
eines Körperteils gefürchtet ist. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist
diesem Verbote zuwider gehandelt worden. So liess im 4. Jahrhundert
der Gouverneur einer Provinz, um der Wissenschaft einen Dienst zu
leisten, 40 enthauptete Verbrecher Aon Aerzten secieren und die Organe
zeichnen. Zu Anfang vorigen Jahrhunderts nahm der Kaiser K h a n g - h i
(1662 — 1722), welcher eine grosse Vorliebe für die europäischen Wissen-
schaften besass, bei den Jesuiten auch Unterricht in der Anatomie.
Zu diesem Zweck übersetzten dieselben für ihn die Anatomie des Pierre
Dionis (Paris 1690) in die Mandschu-Sprache und zeichneten dazu die
Bilder aus Thomas Bartholin us Institutiones anatomicae (Lugd.
Batav. 1641) ab. Diese chinesische Bearbeitung ist jedoch nicht an
die weitere Oeffentlichkeit gekommen, sondern nur in 3 Exemplaren für
den Herrscher angefertigt worden. Letzterer gab auch den Jesuiten
einen Tiger zum Secieren, nahm aber an Sektionen von Menschen An-
stoss. Da sonst auch Zergliederungen von Tieren nicht zum Vergleich
herangezogen wurden, sind also die Quellen für die anatomischen
Kenntnisse der Chinesen ausserordentlich spärliche. Es ist daher kein
Wunder, dass ihre Anatomie grösstenteils auf willkürlichen Annahmen
beruht. In gleicher Weise ist auch ihre Ph3'siologie auf blosse
Spekulation begründet.
Nach chinesischer Anschauung schliesst der Körper 5 Haupt -
ei nge weide, Herz, Lunge, Niere, Leber und Milz, ein, denen 5 weitere
Organe, nämlich Dünn- und Dickdarm, Harnleiter, Gallenblase und
Magen, als Gehilfen zur Seite stehen. Erstere sind Sitz des weib-
24 B, Scheube.
liehen Prinzips, letztere des männlichen. Jedes der Haupteingeweide
entspricht einem Element, einem Planeten, einer Jahreszeit, einer
Himmelsgegend, einer Farbe, einem Geschmacke u. s. w. und hat
ausserdem je ein anderes Organ zur Mutter, zum Sohne, zum Freunde,
zum Feinde. Auch besitzt es am Kopfe des Menschen ein Merkmal,
das seinen Zustand erkennen lässt.
Das vornehmste Eingeweide ist das Herz. Zur Mutter hat dasselbe
die Leber, zum Sohne den Magen oder die Milz, welche beide nicht scharf
von einander getrennt werden, zum Freunde die Leber, zum Feinde die
Niere. Es ist dem Feuer unterworfen und entspricht dem Planeten Mars.
Seine Jahreszeit ist der Sommer, seine Tageszeit die Mittagsstunde, seine
Himmelsgegend der Süden, seine Farbe rot, sein Geschmack bitter. Die
Zunge dient dazu, seinen Zustand erkennen zu lassen. Es gleicht der er-
schlossenen Blüte der Wasserlilie, liegt unter der Lunge und stützt sich gegen
den 5. Wirbel. Vom Herzbeutel umhüllt, enthält es einen feinen Saft und
ist durchbohrt von 7 Löchern und 3 Spalten. Seine Funktion besteht
darin, den Chylus zu empfangen, zu vervollkommnen und in Blut zu ver-
wandeln.
Der Gehilfe des Herzens ist der Dünndarm. Dieser macht
16 Krümmungen und hat 2 Löcher, von denen eins mit dem Magen, das
andere mit dem Dickdarm kommuniziert. Er empfängt die Nahrung, ver-
daut sie und verwandelt sie in Chylus,
Die Lunge hat zur Mutter die Milz oder den Magen, zum Sohne die
Niere, zum Freunde die Leber, zum Feinde das Herz. Sie ist dem Metall
unterworfen, entspricht dem Planeten Venus und herrscht im Herbst. Ihre
Tageszeit ist die Abendstunde, ihre Himmelsgegend der Westen, ihre Farbe
weiss, ihr Geschmack scharf. Die Nasenlöcher lassen ihren Zustand er-
kennen. Sie ist am 3. Wirbel angeheftet, in 8 Blätter geteilt, von denen
2 die beiden Ohren bilden, und durchbohrt von 80 kleinen Löchern, durch
welche die Luft entweicht. An ihrem oberen Teile ist sie mit dem
Schlünde durch ein Gefäss mit 9 Gelenken verbunden und bildet gleichsam
einen Deckel für die anderen Eingeweide. Sie schliesst viel Luft und wenig
Blut ein. Ihre Funktion ist das Blut laufen zu lassen und den Schleim und
die anderen Materien zu entfernen.
Der Gehilfe der Lunge ist der Dickdarm, welcher 16 Krümmungen
macht und 2 Löcher hat. Von letzteren steht eins mit dem Dünndarm,
das andere mit dem After in Verbindung. Die Funktion des Dickdarms
besteht darin , die groben und unreinen Materien zu stossen und zu ent-
leeren.
Die Niere hat zur Mutter die Lunge, zum Sohne die Leber, zum
Freunde das Herz, zum Feinde die Milz oder den Magen. Ihr Element ist
das Wasser, ihr Planet der Merkur, ihre Jahreszeit der Winter, ihre Tages-
zeit die Nacht, ihre Himmelsgegend der Norden, ihre Farbe schwarz, ihr
Geschmack salzig. Die Ohren lassen ihren Zustand erkennen. Sie hat eine
bohnenförmige Gestalt und ist am 14. Wirbel aufgehängt. Sie bildet den
Harn aus dem Blute, das vom Herzen kommt.
Der Gehilfe der Niere ist der Harnleiter, welcher den Harn in die
Blase gelangen lässt.
Die rechte Niere heisst die „Pforte des Lebens". Ihre Funktion
besteht darin, das Blut in Samen zu verwandeln. Der Hoden dient als
Behälter des Samens, wie die Blase als solcher des Harns.
Milz und Magen haben zur Mutter das Herz, zum Sohne die Lunge,
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 25
zum Freunde die Niere, zum Feinde die Leber. Sie sind der Erde unter-
worfen und entsprechen dem Planeten Satm-n. Sie herrschen während der
letzten 18 Tage jeder Jahreszeit. Ihre Himmelsgegend ist die Mitte, ihre
Farbe gelb, ihr Greschmack süss. Der Mund dient zum Erkennen ihres
Zustandes.
Die Milz hängt am 11. Wirbel.
Der Magen hat 2 Löcher. Das eine kommuniziert mit dem Gange,
der am Schlünde endigt und die Nahrung zuführt, und durch den auch die
Atmungsluft ein- und austritt, das andere mit dem Dünndarme. Er ist
Sitz der Freude und seine Funktion die Nahrung zu empfangen , zu zer-
reiben und für die Verdauung vorzubereiten.
Die Leber hat zur Mutter die Niere, zum Sohne das Herz, zum
Freunde Milz und Magen, zum Feinde die Lunge. Sie ist dem Holz unter-
worfen und entspricht dem Planeten Jupiter. Ihre Jahreszeit ist der
Frühling, ihre Tageszeit der Morgen, ihre Himmelsgegend der Osten, ihre
Farbe blau, ihr Geschmack sauer. Ihr Zustand wird aus den Augen er-
kannt. Sie stützt sich gegen den 9. Wirbel und hat 7 Blätter, 3 linke
und 4 rechte.
Der Gehilfe der Leber ist die Gallenblase, welche in ihrer Form
einem Weingefässe gleicht.
Beide Organe dienen zur Filtration der Säfte. Die Leber ist der
Sitz der Seele, von ihr gehen alle grossen und edlen Projekte aus. In der
Gallenblase sitzt der Mut. Die Galle der wilden Tiere und auch der ge-
köpften Verbrecher giebt daher grossen Mut und Kraft.
Ausser den angeführten unterscheiden die Chinesen noch ein
weiteres, aus 3 Teilen bestehendes Organ (San-tsiao), welches für
die Funktionen der 5 Haupteingeweide nötig ist.
Der obere Teil desselben liegt in der Herzgegend. Ohne ihn würden
Herz und Lunge die Luft und das Blut nicht beherrschen können. Der
mittlere Teil befindet sich in der Gegend des Brustbeins 4 Zoll über dem
Nabel. Ohne denselben könnte der Magen nicht die Nahrung verdauen.
Der untere Teil ist 1 Zoll unter dem Nabel gelegen und hat 2 Löcher,
dui'ch welche die Nahrung passiert. Derselbe ist für Leber und Niere
zum Filtrieren der Flüssigkeiten nötig. Gleichzeitig ist er Gehilfe der
rechten Niere.
Die verschiedenen Organe sind unter einander durch Kommuni-
kationskanäle verbunden, in denen Lebensluft und Blut zusammen
mit den beiden Prinzipien cirkulieren. Dieselben sind in 23 Zweige
geteilt, die sich im ganzen Körper verteilen, und welche die Phantasie
der Chinesen die wunderbarsten Wege machen lässt. 12 von ihnen
werden als grosse oder King unterschieden, von denen 6 zur Fortleitung
des männlichen Prinzips und 6 zu der des weiblichen dienen. Die ersteren
beginnen am Kopfe, und 3 enden an den Füssen, 3 an den Händen.
Von letzteren entspringen 3 an den Händen, 3 an den Füssen und
begeben sich nach verschiedenen Körperteilen. Lebensluft • und Blut
machen in 24 Stunden 50 Umläufe. In dieser Zeit finden 13500 Atem-
züge statt. Während eines Atemzuges legen Luft und Blut 6 Zoll
zurück, in 24 Stunden also 81000 Zoll. Der längste Weg, den sie
zurückzulegen haben, beträgt 1620 Zoll. Durch die Bewegung der
Luft und des Blutes wird der Puls erzeugt, welcher in der chinesischen
26 B- Scheube.
Pathologie die Hauptrolle spielt. Die Chinesen lassen denselben
54000— 67 000 mal in 24 Stunden schlagen.
Die Behauptung, dass die Chinesen den Blutkreislauf vor Entdeckung
desselben durch "William Harvey (1616) bereits gekannt hätten, ist eine
irrige. Das oben erwähnte Kanalsystem, in dem zwar das Blut, aber auch
die Lebensluft und die beiden Prinzipien cirkulieren, ist ein reines Phantasie-
gebilde und hat nichts mit dem Blutgefässsystem zu thun. Nirgends in
den chinesischen Schriften findet sich auch nur eine Andeutung über die
Herzklappen und die Veränderung des Blutes in den Lungen und den
Kapillaren.
Ueber das Nervensystem herrscht fast vollständige Unkenntnis.
Das Gehirn, welches als Sitz aller die animalen Funktionen ver-
richtenden Sinne angesehen wird, nimmt nach den anatomischen Dar-
stellungen der Chinesen nur einen kleinen Raum in der Schädelhöhle
ein. Seine Basis bildet einen Behälter, von dem sich das Mark durch
den Wirbelkanal im Körper verbreitet.
Nerven, Blutgefässe und Muskeln werden nicht unterschieden.
Die Zahl der Knochen im Körper beträgt 365. Der Schädel
wird als einziger Knochen betrachtet, ebenso Becken, Vorderarm und
Unterschenkel. Die Knochen der Frauen zeigen eine etwas dunklere
Farbe als die der Männer.
Ebenso wie von Anatomie und Physiologie haben die Chinesen
auch von der Entwicklungsgeschichte phantastische Begriffe.
Im Si-yuen-luh, dem später noch zu besprechenden Werke über
gerichtliche Medizin, finden sich folgende Angaben: im ersten Monate
gleicht der Fötus einem Wassertropfen, im zweiten einem Pfirsich-
blatte; im dritten scheiden sich die Geschlechter; im vierten nimmt
die Frucht menschliche Gestalt an; im fünften sind Knochen und Ge-
lenke leicht zu unterscheiden; im sechsten Monat haben die Haare eine
gewisse Entwicklung erlangt; zu Ende des siebenten Monats bewegt
sich die rechte Hand links im Mutterleibe, wenn es ein Knabe ist;
zu Ende des achten Monats bewegt sich die linke Hand rechts im
Mutterleibe, wenn es ein Mädchen ist; zu Ende des neunten Monats
sieht man beim Palpieren des Unterleibs 3 Veränderungen in der
Lage der Frucht sich vollziehen; am Anfange des zehnten Monats
ist das Kind vollkommen entwickelt.
In der Pathologie dominiert die Theorie vom Pulse, welche
ausserordentlich kompliziert ist. Der menschliche Körper wird mit
einem Saiteninstrumente verglichen: die verschiedenen Pulse gleichen
den Saiten und Tönen desselben und lassen wie diese Harmonie und
Disharmonie erkennen. Die Untersuchung des Pulses dient daher als
Grundlage für die ärztliche Thätigkeit ; von derselben hängt Diagnose,
Prognose und Therapie ab.
Der Puls wird an 11 verschiedenen Stellen gefühlt, von denen
jede ihren eigenen Namen hat. und welche folgende sind: 1. unter
dem Hinterkopfe, 2. unter den Ohren, 3. unter der Brustwarze, 4. über
dem rechten Handgelenke, 5. über dem linken Handgelenke, 6. l^, Zoll
unter dem Nabel, 7. 3 Zoll unter dem Nabel, 8. 372 Zoll unter dem
Nabel, 9. auf der Konvexität des Fusses 3 Zoll vom Knöchel entfernt,
10. am Knöchel, 11 in der Mitte der Fusssohle. Die wichtigsten von
diesen Stellen sind die beiden Handwurzeln, an denen die Ausdehnung
des Pulses 1 Zoll beträgt. Man fühlt denselben mit dem Ring-,
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 27
Mittel- und Zeigefinger und teilt ihn in 3 Teile ein, welche Tsuen.
Kuan und Che genannt werden, entsprechend den Teilen der Radial-
arterie, die unter den Ring-, Mittel- und Zeigefinger zu liegen kommen,
wenn der Mittelfinger auf den Radius aufgesetzt wird. Jeder dieser
Pulse wird weiter in einen äusseren und inneren eingeteilt, je nach-
dem man nach aussen oder nach innen von der Arterie fühlt, so dass
man also jederseits 6 und, da immer an beiden Handwurzeln unter-
sucht wird, im ganzen 12 Pulse hat. Die Untersuchung pflegt während
9 Atemzügen vorgenommen zu werden; auf jeden Atemzug kommen
normal 4 — 5 Pulsschläge. Jeder der 12 Pulse steht in Beziehung zu
einem bestimmten Organe und zeigt den Zustand desselben an, wie
aus nachfolgender Tabelle ersichtlich ist.
Rechte Hand
Linke Hand
^^"^° (innen Dickdarm
TT n o « t aussen Milz
^^^^^ \ innen Magen
Che /^'^^^^^ Niere
\ innen Blase
Herz
Dünndarm
Leber
Gallenblase
rechte Niere (Lebenspforte)
San-tsiao
Durch "die äusseren Pulse manifestiert sich gleichzeitig das weib-
liche Prinzip, durch die inneren das männliche, während noch weitere
Annexe derselben unterschieden werden, welche Aufschluss über die
grossen Kommunikationskanäle geben.
Jeder dieser Pulse wird dreimal getrennt uutei*sucht, indem man
das erste Mal leicht, das zweite Mal etwas stärker und das di'itte
Mal stark aufdrückt. Demnach giebt es einen oberflächlichen, mittleren
und tiefen Puls. Die einzelnen Pulse sind ausserdem verschieden nach
Jahreszeiten, Geschlecht, Alter und Konstitution. Jedes Organ hat
ferner ausser einem natürlichen Puls noch einen entgegengesetzten,
der sich mit den Jahreszeiten ändert, und beide können wieder von
einem fremden, einbrechenden überfallen werden. Auf diese Weise
kommen etwa 200 Pulsvarietäten zu stände, die alle verschieden be-
nannt sind, und es giebt nicht weniger als 26, welche allein den Tod
anzeigen.
Indem alle diese verschiedenen Pulse sich mit einander kombi-
nieren können, entsteht ein unentwirrbares Chaos, und es ist ganz
unmöglich, aus diesem Wust von Absurditäten auch nur eine exakte
Thatsache herauszufinden. Nichts zeugt mehr von der geistigen Stag-
nation, welche in der chinesischen Medizin Platz gegriffen hatte, als
das Faktum, dass im Laufe der Jahrhunderte nicht ein klarer Kopf
sich gefunden hat, der es unternommen hätte, an dieser phantastischen,
jeder realen Unterlage entbehrenden Pulstheorie, dem Fundamente
der chinesischen Pathologie, zu rütteln.
Durch die Untersuchung des Pulses allein, welche oft Stunden
in Anspruch nimmt, wird der erfahrene Arzt in den Stand gesetzt,
Sitz und Art der Erkrankung zu diagnostizieren. Meist beschränkt sich
die Krankenuntersuchung überhaupt auf denselben, manchmal werden
ausserdem noch Zunge, Mund, Nase, Augen, Ohren, Harn und Stuhl
angesehen. Gar kein Gewicht legen dagegen die chinesischen Aerzte
auf die Anamnese und stellen ohne diese ihre Diagnose.
Die Klassifikation der Krankheiten zeichnet sich durch den ab-
28 B. Schenbe.
soluten Mangel an Methode aus. Die Beschreibungen derselben sind
meist oberflächlich und summarisch ; vielfach handelt es sich bei ihnen
nur um mit besonderen Namen belegte Symptome oder Symptomen-
komplexe. Doch fehlt es daneben auch nicht an Zeichen guter Be-
obachtung. So werden z. B. Masern, Pocken, Dysenterie, Cholera gut
beschrieben. Eine grosse Vorliebe besitzen die Chinesen für Abtei-
lungen und Unterabteilungen. Von den Pocken unterscheiden sie z. B.
nicht weniger als 42, von der Dysenterie 14 Arten, w^obei offenbar
andere Krankheiten mit denselben konfundiert werden.
Der älteste Schriftsteller über die Pocken, welche zum ersten
Male, ohne jedoch festen Fuss zu fassen, in der Mitte des 3. Jahr-
hunderts V. Chr. von der Mongolei, zum zweiten Male 48 n. Chr. von
Süden in China eingeschleppt wurden und seitdem dort heimisch sind,
ist Ch'ien Chungyang, welcher im 10. Jahrhunderte lebte.
Auch die Inokulation der Pocken ist in China sehr alt,
aber nicht einheimischen Ursprungs. Im 11. Jahrhundert wurde die-
selbe von Indien, wo sie seit den ältesten Zeiten in Gebrauch ist, über
Tibet eingeführt. Die Methode der Impfung, welche in China geübt
wird, weicht aber von der in Indien gebräuchlichen ab. Die trockene
Kruste einer Pockenpustel wird gepulvert und in die Nasenschleimhaut
eingerieben oder mittels einer tabakspfeifenartigen Röhre in die Nase
geblasen oder auch mit dem Inhalt einer frischen Pustel getränkte
Baumwolle in die Nase gebracht, und zwar nimmt man bei Knaben
die Inokulation im linken Nasenloche, bei Mädchen im rechten vor.
Die Syphilis mit ihren primären, sekundären und tertiären Er-
scheinungen, auch die hereditäre Syphilis, wird zuerst in Werken aus
der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts beschrieben, während unreine
Affektionen der Genitalien schon in den alten Schriften Erwähnung
finden. Erstere soll zu Anfang des 16. Jahrhunderts durch ein
europäisches Handelsschiff nach Kanton eingeschleppt worden sein und
von hier aus sich über Centralchina verbreitet haben.
Was die Ansicht der Chinesen über die Aetiologie der
Krankheiten betrifft, so wiegt die Annahme bestimmter Krank-
heitsgifte, die auf verschiedenen Wegen in den Körper eindringen und
hier als feindliche Mächte wirken, vor. Daneben spielen Wind, Kälte,
Trockenheit, Feuchtigkeit, Leidenschaften und Affekte, aber auch böse
Geister und imaginäre Tiere eine grosse Rolle.
Der wichtigste Teil der chinesischen Medizin ist die Arznei-
mittellehre, welche reicher ist als die eines anderen Volkes, und auf
diesem Gebiete nehmen die Chinesen als Empiriker entschieden eine
hohe Stellung ein. Das Hauptwerk der chinesischen Pharmakologie
heisst Pan-ts'ao-kang-muh und wurde in der Mitte des 16. Jahr-
hunderts von Le-shi-chin verfasst. Es zählt 52 Bände und be-
steht aus Exzerpten aus mehr als 800 Autoren über Medizin und
Materia medica. Als Grundlage für dasselbe soll, wie schon erwähnt,
ein dem Kaiser Shin-nung zugeschriebenes Buch gedient haben.
In ihm werden 1892 Arzneimittel, darunter 374 neue, welche allen
3 Naturreichen entnommen sind, meistens aber aus dem Pflanzenreiche
stammen, hinsichtlich ihres Ursprungs, ihrer Zubereitung, Aufbewah-
rung, Anwendung und Wirkung abgehandelt. Darunter befinden sich
viele Mittel, welche auch unserem Aieneischatze angehören, und manches
Mittel des letzteren, wie z. B. den Rhabarber, verdanken wir zweifel-
los den Chinesen, indem dasselbe von dort auf dem Wege des central-
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 29
asiatischen Handels der medizinischen Welt Westasiens und Europas
zugeführt worden ist. Wie wir wenden die Chinesen Eisen gegen
Bleichsucht, Anämie und Erschöpfung der Kräfte, Arsenik gegen
Wechselfleber und Hautkrankheiten, Quecksilber gegen Syphilis, und
zwar teils innerlich, teils in Form von Dämpfen, indem eine mit
Zinnober gefüllte Papierrolle in ein Nasenloch eingeführt und ange-
brannt wird, an. Die Merkurialbehandlung der Syphilis findet sich
schon in den ältesten diese Krankheit behandelnden Werken erwähnt;
gegen Hautkrankheiten und venerische Geschwüre wurde das Queck-
silber bereits im Altertume gebraucht. Den Chinesen ist ferner die
Wirkung von Kupfersulfat als Brechmittel, von Rhabarber und Natrium-
sulfat als Abführmittel, der Granatwurzel gegen Würmer, von Moschus
und Kampher als Nervenmittel, von Opium als schmerzstillendes
Mittel, von Alaun gegen Angina, von Schwefel gegen Krätze u. s. w.
bekannt. Daneben wenden sie aber auch die absurdesten und ekel-
haftesten Substanzen, wie Eidechsen, Kröten, Schlangen, Skorpionen,
Skolopendren, Regenwürmer, Blutegel, Seidenraupen und deren Puppen,
Tigerknochen, Zähne und Knochen von Drachen, Elefantenzähne
(gegen Epilepsie), Elfenbein (gegen Diabetes), Hirsch- und Rhinozeros-
horu. Schildkrötenschale, menschliche und tierische Exkremente (als
Abführmittel), Samen junger Männer, welcher in Pillenform bei Blut-
armut und Schwächezustäuden verordnet wird. Hoden besonders von
Tigern (gegen Impotenz), Leber von verschiedenen Tieren (gegen
Leberkrankheiten), Galle (s. oben), Mutterkuchen (zur Erleichterung
der Geburt), Milch junger Frauen, welcher die Kraft das Leben zu ver-
längern. Alte jung zu machen zugeschrieben wird, altes Kupfergeld
u. s. w., an. Sogar Menschenblut und Menschenfleisch wird von ihnen
nicht verschmäht, indem das Blut von Enthaupteten im Rufe eines
ausgezeichneten Kräftigungsmittels steht und das Fleisch der Kinder
als bestes Stärkungsmittel für die Eltern gilt, so dass sich häuflg pietät-
volle Kinder Stücke aus Arm und Bein schneiden lassen, um dem
altersschwachen Vater mit der kräftigsten aller Fleischbrühen zu
helfen.
Eine ausserordentlich grosse Rolle spielt die G i n s e n g - W u r z e 1 ,
die AVurzel von Panax Ginseng Nees, einer Umbillifere, die besonders
im Norden von Korea kultiviert wird. Dieselbe gilt als eine wahre
Panacee und wird selbst mit Gold nicht aufgewogen.
Ein viel gebrauchtes Mittel ist auch der Zinnober, welcher von
den chinesischen Alchimisten für eine Art von Stein der Weisen, der
Metalle in Gold verwandelt und Unsterblichkeit verleiht, gehalten wird.
Der Gebrauch von Mineralbädern scheint in China, ganz un-
bekannt gewesen zu sein.
Die herrschende Idee in der chinesischen Arzneimittellehre ist
die von den spezifischen Eigenschaften der Mittel : jedem wird
eine bestimmte Wirkung zugeschrieben, und sie werden nach dieser,
welche allerdings vielfach eingebildet und manchmal recht phantastisch
ist, indem u. a. die durch ihre Farbe und ihren Geschmack gegebenen
Beziehungen zu den verschiedenen Organen (s. oben) eine Rolle spielen,
klassiflziert. Dabei fehlt es aber nicht an richtigen Beobachtungen.
So ist den Chinesen die Unverträglichkeit und der Antagonismus ge-
wisser Substanzen, also auch die Existenz von Gegengiften bekannt.
Interessant sind die Anklänge an unsere moderne Organtherapie.
Verabreicht werden die Heilmittel in Form von Dekokten, Mix-
30 B- Scheube.
turen, Pulvern, Pillen, Boli, Latwergen, Suppositorien, auch in Fett
gebraten. Dagegen giebt es in der chinesischen Pharmazie keine
Arzneimittel, die auf komplizierterem Wege, chemisch zubereitet
werden, wie Extrakte, verdickte Säfte, Tinkturen,
Jedes Eezept ist in der Regel aus einer Anzahl von Mitteln zu-
sammengesetzt, von denen einem oder zwei die Hauptwirkung zukommt,
während die anderen als Adjuvantien dienen. Je voluminöser die
Arzneien sind, von desto besserer Wirkung werden sie gehalten. Bei
den Verordnungen sollen stets auch Jahreszeiten und Wetter berück-
sichtigt werden. Ferner kommen verschiedene Mittel zur Anwendung,
je nachdem die Krankheit einen Mann oder eine Frau betriift.
Bei der Zusammensetzung der Eezepte spielt der Glaube an den
Einfluss gewisser Zahlen, namentlich der 5 und 3, eine grosse Rolle.
Die Zahl der verordneten Substanzen pflegt daher 5, 3 oder Multipla
von diesen zu betragen, selten sind es weniger als 9 oder 10, und
man lässt gewöhnlich 5 Gaben, 5 Boli u. s. w. nehmen.
Ausserordentlich verbreitet sind die Geheimmittel. Es dürfte
wohl kaum ein zweites Land in der Welt geben, das eine so grosse
Zahl von solchen besitzt als China wegen des Aberglaubens, von
w^elchem hier alle Schichten der Bevölkerung durchdrungen sind. Die-
selben pflegen sowohl von Aerzten als Droguisten verkauft zu werden.
Unter ihnen nehmen den ersten Platz die sogenannten Frühlings-
rezepte (Chun-fan), unter welchen Aphrodisiaka zu verstehen
sind, ein.
Bei dem allgemeinen Aberglauben, der in China herrscht, kann
es nicht Wunder nehmen, dass dort auch die theurgische Be-
handlung derKrankheiten durch Amulette, Anbetung von Götzen-
bildern, Kurieren nach Anleitung der Geister, Beschwörung und Aus-
treibung derselben u. s. w. sehr verbreitet ist. Dieselbe wird meistens
von Taoisten -Priestern, aber auch von Aerzten vorge-
nommen, von letzteren namentlich auf dem Lande, wo sie zugleich
die Stelle der Astrologen zu versehen, über glückliche und unglück-
liche Tage, Günstigkeit und Ungünstigkeit eines Platzes für den
Hausbau, Anlage eines Begräbnisses u. s. w. zu wahrsagen pflegen.
In alten Zeiten waren überhaupt Heilkunst, Zauberei und Wahrsage-
kunst eng mit einander verbunden, ja galten geradezu für identisch,
was auch daraus hervorgeht, dass die medizinischen und astrologischen
Bücher von der Verordnung des despotischen Kaisers Shi-hwang-ti
(221 — 210 V. Chr.), der alle Bücher, als der Moral nachteilig, ver-
brennen liess, w^eil er glaubte, die höhere Bildung seiner Unterthanen
könne seine Herrschermacht beeinträchtigen, ausgeschlossen waren.
Die Chirurgie ist bei den Chinesen nicht aus den Kinder-
schuhen herausgekommen. Dieselbe beschränkt sich in der Haupt-
sache auf das Verbinden von Geschwüren und Wunden mit Salben,
w^obei mit Fäden aus der Rinde des Maulbeerbaumes genäht wird,
das Kauterisieren mit dem Glüheisen, welches bei alten Geschwüren
und zur Entfernung wilden Fleisches sowie gegen den Biss toller
Hunde zur Anwendung kommt, das Anlegen primitiver Frakturver-
bände, das Eröffnen oberflächlicher Abscesse.
Zwei weitere Operationen, die häufig ausgeführt werden und bis
ins hohe Altertum zurückreichen, sind die Kastration und die Ver-
krüppelung der Füsse.
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 31
Die Kastration kam ursprünglich als Strafe — als solche wird die-
selbe schon 1100 V. Chr. erwähnt — später zu dem Zwecke, Eunuchen
für den Dienst in den Palästen des Kaisers und einiger Mitglieder der kaiser-
lichen Familie, welche allein das Privileg solche zu halten haben, zu liefern,
zur Anwendung. Die Zahl der Eunuchen, welche nur in Peking angetroffen
werden, ist im letzten Jahrhundert bedeutend zurückgegangen, von etwa
6000 auf 1000. Die Operation wird von Spezialisten ausgeführt, deren
Handwerk in ihren Familien erblich bleibt. Vor derselben werden die
Geschlechtsteile unempfindlich gemacht, was nach einer Angabe durch
Kneten im heissen Bade, nach einer anderen durch Baden in bestimmten
Mitteln geschieht. Dann werden Penis und Scrotum zusammengefasst und
mit einer seidenen Binde sehr fest eingewickelt, so dass das Ganze die Form
einer "Wurst bekommt. Darauf schneidet der Operateur mit einem mittels
einer Schere oder einem sichelförmigen Messer geführten Schnitte die Or-
gane dicht vor dem Schambogen ab. Sein Gehilfe drückt eine Hand voll
styptisches Pulver, das aus wohlriechenden Harzen, Alaun und Wundschwamm
besteht, auf die Wunde und setzt die Kompression und das Auflegen des
Pulvers fort, bis die Blutung steht. Sodann wird nach Einführung eines
nagelfömigen Stöpsels aus Holz oder Metall in die Harnröhre fest verbunden
und die Heilung der Natur überlassen. Unmittelbar nach der Operation
wird der Operierte" unter die Arme gefasst und 2 — 3 Stunden im Zimmer
herumgeführt, damit die normale Cirkulation der Körpersäfte wieder her-
gestellt wird, und dann erst ins Bett gebracht. 3 Tage lang darf er nichts
trinken und der Verband nicht abgenommen werden. Kann er nach Ab-
lauf dieser Zeit urinieren, so gilt er als gerettet, und die Heilung erfolgt
gewöhnlich in 100 Tagen. Wenn nach 4 Tagen kein Harn gelassen wird,
pflegt der Tod unter septischen Erscheinungen einzutreten. Selten wird
der Tod durch Blutung veranlasst.
Nach Stricker, stirbt von den kastrierten Erwachsenen die Hälfte,
von den Kindern ein Drittel, während nach Stent die Sterblichkeit nur
2 ^Iq betragen soll. Obwohl von den Kastrierten hölzerne Dilatatoren ge-
tragen zu werden pflegen, entwickeln sich doch bei den meisten Strikturen
mit ihren Folgeerscheinungen.
Nach Martin, der eine von der obigen abweichende Beschreibung
giebt, wird die Kastration auf unblutige Weise vorgenommen. Nach-
dem die Knaben 14 Tage lang eine besondere Diät erhalten haben, werden
einige Tage Waschungen und Umschläge auf die Geschlechtsteile mit einer
aus 10 Pflanzen zusammengesetzten Mixtur gemacht, um dieselben unem-
pfindlich zu machen. Dann werden allmählich verstärkte Torsionen vorge-
nommen, zu denen später noch Ligaturen mit Seidenfäden hinzukommen,
um Gangrän der Genitalien zu erzeugen, während die Flüssigkeitszufuhr
möglichst eingeschränkt wird. Nach 15 — 20 Tagen stossen sich die gan-
gränösen Geschlechtsteile ab, und nach 2 Monaten ist die Heilung erfolgt.
Die entfernten Geschlechtsteile werden von den Eunuchen in Spiritus
aufbewahrt und nach dem Tode mit ins Grab genommen, da nach der religiösen
Anschauung der Chinesen für den, welcher mit verstümmeltem Körper das
Reich der Toten betritt, eine Vereinigung mit den Vorfahren nicht möglich ist.
Wahrscheinlich gleichfalls sehr alt ist die Verkrüppelung der
Füsse, welche bei den Mädchen der höheren Stände zur Ausführung
kommt, eine Sitte, die übrigens von den Mandschu, welche in der Mitte des
17. Jahrhunderts das chinesische Reich eroberten und jetzt den Thron inne-
haben, nicht angenommen worden ist. Mit dieser Operation beginnt man
32 B. Scheube.
etwa im 7. Lebensjahrej indem man die Füsse durch feste Einwickelungen
in der Weise einpresst, dass die 2. — 5. Zehe untergebogen und gleich-
zeitig die Fersen nach oben und rückwärts gezwängt werden. Die Folge
dieser Verkrüppelung ist, dass die Frauen sich schwer fortbewegen können
und wegen ihres unsicheren Ganges sehr leicht fallen, so dass sie grössten-
teils aufs Haus angewiesen sind. Vielleicht liegt in dieser Fesselung ans
Haus überhaupt der Zweck der ganzen Sitte.
Nach M o r a c h e hat die Verkrüppelung der Füsse eine Hypertrophie
des Mons Veneris und der grossen Schamlippen zur Folge, während sich
die Scheide an dieser Hypertrophie nicht zu beteiligen scheint. Der ge-
nannte Autor ist daher geneigt in dieser für das sexuelle Leben nicht be-
deutungslosen Folgeerscheinung den Zweck der Operation zu suchen.
lieber einen angeblichen grossen Chirurgen findet sich eine Notiz in
dem im 15. Jahrhundert verfassten Ku-kin-i-tong (allgemeine Samm-
lung alter und neuer Medizin). Nach derselben führte der im 3. Jahr-
hundert lebende Arzt H o a t h o , nach anderer Schreibweise C h u a - 1 o ,
grosse Operationen, wie Oeffnung der Hirnschale , Ausschneidung von
Knochen, Amputationen, aus und wandte bei diesen künstliche An-
ästhesie an, indem er den Kranken Ma-yo (Ma-jao), was 8 tan.
Julien mit „Hanfpräparat", Tatarinoff mit „einschläfernder Arznei" über-
setzt, gab, wodurch dieselben so unempfindlich wurden, als ob sie betrunken
oder des Lebens beraubt gewesen wären, aber nach einigen Tagen wieder
ganz hergestellt waren, ohne bei der Operation die geringsten Schmerzen
empfunden zu haben. Da diese Operationen nirgends näher beschrieben
worden sind und keine Nachahmung gefunden haben, verweist Tatarinoff
wohl mit Recht dieselben ins Bereich der Fabel.
Der Aderlass kommt in China sehr selten zur Anwendung, da
die Chinesen sehr blutscheu sind. Häufiger bedienen sie sich des
trockenen Schröpfens. Dabei wird zuerst ein kleines Wachslicht
auf den zu schröpfenden Körperteil gesetzt, darüber kommt ein kupferner
Schröpf köpf, welcher auf seiner oberen Fläche eine kleine, mit Wachs
verschlossene Oeffnung hat. Aus letzterer wird nach Beendigung der
Operation das Wachs mittels einer Nadel herausgenommen, so dass die
Luft eindringen und der Schröpfkopf wieder entfernt werden kann.
Die Klystiere sind den Chinesen erst durch die Portugiesen,
welche in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach China kamen
und sich in Macao festsetzten, bekannt geworden, werden von ihnen
aber wenig gebraucht.
Häufig angewandte Verfahren sind dagegen Moxibustion,
Akupunktur, Massage undHeilgymnastik, deren Ausübung
aber meist nicht in den Händen von Aerzten liegt.
Die Moxibustion kommt zur Anwendung bei schmerzhaften
Affektionen, damit die stagnierende Materie, welche die Krankheit ver-
ursacht, in Bewegung gesetzt und ihr eine Ausgangspforte geöffnet
wird. Die Chinesen bedienen sich zu derselben des Schwefels, der
Wolle, mit Oel gedrängten Binsenmarks, vor allem aber der Artemisia
vulgaris. Die unter besonderen Kautelen gepflückten und getrockneten
Blätter der letzteren werden zu einer wolligen, zunderähnlichen Masse
zerstampft und sodann zu kleinen Kegeln geknetet, die man auf den
betreffenden Körperteil mittels einer durchlochten Münze oder Metall-
platte aufsetzt oder direkt mit Speichel aufklebt und darauf anzündet.
Je nach der Krankheit sind Applikationsstellen und Zahl der Moxen
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 33
verschieden. So werden diese bei Magenkrankheiten auf den Schultern,
bei Brustkrankheiten auf dem Rücken, bei Zahnschmerzen am Daumen,
bei venerischen Affektionen längs der Wirbelsäule aufgesetzt. Es giebt
auch bestimmte Kontraindikationen gegen ihre Anwendung ; eine solche
kann z. B. das Wetter bilden. Die Moxibustion ist ein so populäres
Heilmittel, dass sie wie bei uns früher der Aderlass prophylaktisch
von Zeit zu Zeit gebraucht zu werden pflegt.
Die Akupunktur (Chin-kieu) wird bei Störungen in der
Cirkulation der Luft und des Blutes angewandt, indem dieselbe dazu
dient, schädliche Flüssigkeit oder Luft herauszulassen oder auch der
äusseren Luft Eintritt zu gewähren. Sie ist daher bei den verschie-
densten Krankheiten in Gebrauch. Sie wird mit feinen Nadeln aus
Gold. Silber oder gehärtetem Stahl, die 5—22 cm lang sind und ver-
schiedene Formen haben, ausgeführt. Mittels eines kurzen Schlages
mit dem Finger oder einem kleinen Hammer auf den spiralig aus-
gekehlten Kopf der Nadel wird, während der Kranke hustet, die
Spitze durch die gespannte Haut eingetrieben und dann die Nadel
mittels leichter Dreh- und Druckbewegungen weiter eingeführt. Die
Prozedur ist nicht schmerzhaft, der Kranke empfindet kaum das Ein-
dringen der Nadel. Nach Entfernung der letzteren wird auf die
Einstichstelle eine Moxe gesetzt. Bezüglich der Applikationsstellen
und Applikationsweise bestehen minutiöse Vorschriften, indem je nach
der Krankheit Ort des Einstichs, Tiefe der Einführung, Dauer des
Liegenlassens, Zahl und Anordnung der Nadeln verschieden sind. Es
giebt nicht weniger als 388 Einstichspunkte, die alle besondere, oft
sehr wichtig klingende Namen haben.
Die Massage, welche die Chinesen den Indiern entlehnt haben
sollen, besteht hauptsächlich in Kneten und Klopfen. Dieselbe kommt
beim geringsten Schmerz, bei der geringsten Kontusion zur Anwendung,
wird aber nicht von Aerzten, sondern meist von alten Frauen und
Blinden ausgeführt.
Die Heilgymnastik (Kang-fu) soll als prophylaktisches
und heilendes Mittel schon in grauer Vorzeit in Gebrauch gewesen
sein. Dieselbe wird zurückgeführt auf den legendhaften Ch'ih-sung-
tzu, welcher der Sage nach bereits das Alter von 12 Jahrhunderten
erreicht hatte, als sich sein kaiserlicher Gebieter und Herr H w a n g - 1 i
von ihm in der Kunst das Leben zu verlängern unterrichten liess.
Eins der wichtigsten Werke darüber wurde 477 von Tamo, welcher
von Indien eingewandert war, verfasst und 618 von Li-yao-shih
herausgegeben. Sie hat den Zweck, die Cirkulation der Lebensluft zu
regulieren und zu erhöhen und besteht als eine Vorläuferin der schwe-
dischen Heilgymnastik in systematischen Einatmungen von Luft, Rei-
bungen des Unterleibs, die bei Störungen infolge von Mangel des
männlichen Prinzips von einem Mädchen, bei solchen infolge von
Mangel des weiblichen Prinzips von einem Knaben vorgenommen
werden, Schlagen der Brust und des Rückens mittels eines mit Fluss-
kieseln gefüllten Sackes, Bearbeitung des Bauches mit einer hölzernen
Keule, aktiven Muskelbewegungen der gesamten Muskulatur des
Körpers, selbst der Muskeln der Augen, der Zunge und des Mundes,
Widerstandsbewegungen, bei denen der Widerstand durch eine zweite
Person oder durch schwere Gegenstände, besonders mit Steinen ge-
füllte Säcke, hergestellt wird, was alles zu einer planmässigen, über
Handbuch der Geschichte der Medizin. 3
34 B- Scheube.
viele Monate sich hinziehenden Kur, während welcher die Kranken
enthaltsam leben und den Geist ruhen lassen müssen, geordnet ist.
Die Zahnheilkunde, welche mit viel Charlatanerie betrieben
wird, besteht nur in der Applikation reizender Pasten und der Extraktion
der Zähne mit Hilfe von hebelartigen Instrumenten, nachdem dieselben
mittels eines Pulvers oder einer Paste, die ins Zahnfleisch gerieben
werden, gelockert worden sind.
Die Geburtshilfe wird praktisch nur von Hebammen aus-
geübt. Werden Aerzte zu Entbindungen hinzugezogen, so begnügen sie
sich damit, krampf- und schmerzlindernde Mittel zu verordnen; selbst
eine Verbesserung der Lage des Kindes erwarten sie von Innern Mitteln.
Das Vorhandensein und die Funktion der Gebärmutter ist ihnen un-
bekannt. Auch die Kenntnisse und Kunstfertigkeit der Hebammen sind
gering und beschränken sich auf Andeutungen von Verbesserung der
Lage der Frucht, Ergreifen der vorliegenden Füsse und Extraktion,
Reposition des vorgefallenen Armes oder der vorliegenden Nachgeburt,
Entfernung des abgestorbenen Kindes mittels eines eisernen Doppel-
hakens, wenn nötig nach Zerbrechen der Knochen mit der Hand, Ampu-
tation der Glieder mit einem Messer, Prozeduren, welche nur zu oft auch
den Tod der Mutter zur Folge haben.
Nach der Entbindung bekommt die Wöchnerin eine Tasse Urin
eines 3 — 4 jährigen Kindes zu trinken, wodurch der Abgang des
schlechten Blutes erleichtert werden soll, und muss wenigstens 3 Tage
im Bett in erhöhter Lage zubringen, während ihre Nahrung nur aus
Hirse und Reiswasser besteht. 14 Tage darf sie sich nicht waschen
und kämmen. Dem Kinde wird am 4. Tage auf das Nabelschnurende
eine Moxe gesetzt.
Die Dauer der Schwangerschaft wird auf 270 Tage angenommen.
Das Geschlecht der Frucht kann am Pulse der Mutter erkannt werden :
wenn der rechte Puls derselben erhoben ist, ist es ein Knabe, w^emi
der linke, ein Mädchen, wenn beide, sind es Zwillinge verschiedenen
Geschlechts.
Ueber gerichtliche Medizin besitzen die Chinesen das älteste
Werk, welches existiert. Dasselbe ist betitelt Si-yuen-luh, d. h.
Sammlung der Verfahren, mit deren Hilfe man ein Unrecht räclit, und
stammt aus dem Jahre 1248. Es ist also fast 300 Jahre älter als
die ältesten europäischen Bücher über gerichtliche Medizin, die Bam-
bergische Halsgerichtsordnung (1507) und Kaiser Karl V. peinliche
Gerichtsordnung (1532).
Das "Werk besteht nach Maetin aus 5 Büchern. Im ersten werden
die Verantwortliclikeitsfrage, die tödlichen Verletzungen, die Vornahme der
Leichenbesichtigungen, welche in China aber nicht von Aerzten, sondern
von Beamten der untersten Hangklasse vorgenommen werden, die Identi-
tätsfrage , der künstliche Abort und der Kindsmord abgehandelt. Der
künstliche Abort pflegt in China nicht durch Instrumente, sondern durch
Aufstreuen von getrockneten und pulverisierten Rindsläusen und Blutegeln
auf den Gebärmutterhals eingeleitet zu werden. Bei der Feststellung der
Identität spricht eine wichtige Rolle die Blutprobe, durch welche die
Verwandtschaft zweier Personen bewiesen wird. Diese müssen sich einen
Stich beibringen und das aus diesem austretende Blut in AVasser fallen
lassen. Sind sie Vater und Kind, Mutter und Kind, Mann und Frau (!),
so fliesst das Blut zusammen, sonst nicht. Zur Agnoscierung des Skelets
Die Geschichte der Medizin bei deu ostasiatischen Völkern. 35
ihrer Eltern lassen auf dasselbe die Kinder ihr Blut fallen : dringt dies in
die Knochen ein, so sind es die elterlichen. Durch Waschen derselben mit
Salzwasser kann das Gelingen der Probe verhindert werden.
Das zweite Buch handelt von den Haussuchungen, den gerichtlichen
Untersuchungen, vom Selbstmorde und dem Tode durch Strangulation, Ver-
brennung und Ertrinken. Stark aufgetriebener Leib, am Kopfe klebendes
Haar, Schaum vor dem Munde, steife Hände und Füsse, weisse Fusssohlen,
Sand unter den Nägeln gelten bei "Wasserleichen als Zeichen dafür,
dass dieselben lebend ins Wasser gekommen sind, während diese Zeichen
fehlen, wenn die Leiche nach dem Tode ins Wasser geworfen worden ist.
Im dritten und vierten Buche werden namentlich die Vergiftungen,
ihre Erkennung und Behandlung besprochen. Giftmorde kommen in China
sehr häußg vor. Die Gifte, welche angeführt werden, sind Croton Tiglium,
Arsenik, Quecksilber, Pottasche, Aprikosenkeme (Blausäure), Opium. Zur
Erkennung von Vergiftungen wird eine silberne Nadel, die in einem Auf-
gusse von Mimosa saponaria gewaschen wurde, in den Mund der Leiche
gesteckt und dieser mit Papier verstopft. Hat eine Vergiftung stattge-
funden, so wird dieselbe nach einiger Zeit blauschwarz und bleibt es auch
beim Abwaschen mit demselben Aufgusse. Oder es wird etwas gekochter
Reis in den Mund und die Kehle der Leiche gebracht, der Mund 24 Stunden
mit Papier bedeckt, dann der Reis herausgenommen und einem Huhne zu
fressen gegeben. Stirbt dies, so liegt eine Vergiftung vor.
Das fünfte Buch enthält Allgemeines über gerichtliche Untersuchungen
und die Hauptbegriflfe der Anatomie und Physiologie.
Dies Werk dient noch heutigen Tags den chinesischen Justizbeamten
zur Richtschnur. Beim Volke gilt dasselbe für ein so unfehlbares
AVerkzeug zur Entdeckung von Verbrechen, dass die Verbrecher es
für nutzlos halten zu leugnen und Geständnis ablegen. Es ist daher
ein wichtiges Hilfsmittel der chinesischen Rechtspflege, dient aber auch
auf der anderen Seite den Richtern als bequemer Deckmantel füi*
ihre Missbräuche.
Erwähnt sei noch, dass schon seit alter Zeit in der chinesischen
Rechtspflege AbdrückederDaumenspitzen, und zwar der linken
bei Männern und der rechten bei Frauen, nicht nur als Unterschriften
von Geständnissen, sondern auch bei den Signalements von Verbrechern
zur Verwendung kommen.
Der ärztlicheBeruf ist in China frei ebenso wie der Verkauf
von Arzneimitteln. Wer ersteren ausübt, kann daneben auch Staats-
diener sein und eine Militär- oder Zivilstelle begleiten. Die Verfasser
von vielen medizinischen Werken waren Beamte.
Früher gab es für die Ausbildung der Aerzte zahlreiche Medizin-
schulen, in allen Distriktshauptstädten, die namentlich im 7. und 12.
Jahrhunderte gegründet wurden. Dieselben sind aber verschwunden
wie die in früheren Jahrhunderten vorhandenen Hospitäler. Ver-
schwunden sind auch die Prüfungen, welche zu Ende des 13. Jahr-
hunderts unter dem mongolischen Kaiser Kublai eingeführt wurden,
ebenso wie die drei Grade der Medizin, welche von der D3^nastie
Ming (1368—1644), unter deren Herrschaft die Blütezeit der chine-
sischen Medizin fiel, analog den 3 akademischen Graden geschaffen
wurden. Auch die kaiserliche Medizinschule, welche in neuester Zeit,
1894, auf Li-hung-changs Betreiben in Tientsin errichtet wurde^
hat nur ein kurzes Dasein gefristet und ist wieder eingegangen.
3*
36 B. Scheiibe.
Uebrig- geblieben ist nur das unter der Dynastie Ming gegründete
Kollegium der Aerzte in Peking, T'ai-i-yuen (hohes Arzt-Kollegium)
genannt, in welchem die Aerzte für den kaiserlichen Hof und alles,
was zu diesem gehört, ausgebildet werden, und dem eine grössere Zahl
von Aerzten, teils Mandschu, teils Chinesen, die besondere Titel führen,
angehören. Dasselbe ist aber auch nur ein Schatten von dem, was
es früher war. Mehr nach Gunst als nach Verdienst verteilt es jetzt
Diplome an alle Schüler, die ein Stück aus einem der alten medi-
zinischen Klassiker oder auch aus einem Manuskripte eines Mitgliedes
ihrer eigenen Familie, das Arzt war, auswendig können.
In der Kegel gehen die Aerzte in China einige Jahre bei älteren
Kollegen in die Lehre. Sie spielen die Handlanger ihrer Meister,
lesen fleissig deren Eezepte, hören andächtig auf jedes Wörtchen
Weisheit, das ihren Lippen entfällt, und studieren nebenbei die kano-
nischen Werke. Meist erbt sich der ärztliche Beruf vom Vater auf
den Sohn fort. So giebt es Aerztefamilien, deren männliche Mitglieder
seit Jahrhunderten sämtlich in gleicher Weise Praxis ausüben, indem
die vorhandenen Rezepte und medizinischen Bücher stets sich mit ver-
erben und den gemeinsamen Quell ihres Wissens bilden. Im all-
gemeinen hat man das meiste Vertrauen zu solchen Aerzten, die eine
lange Reihe von Berufsahnen aufzuweisen haben. Doch giebt es auch
viele Aerzte, welche Autodidakten sind, indem sie irgend ein medi-
zinisches Buch auswendig gelernt oder auch nur einige Rezeptformeln
sich angeeignet haben. Ueberhaupt ist jetzt die Mehrzahl der Aerzte
zu reinen Charlatanen herabgesunken.
Die Aerzte, I - s h e n g (Herr Arzt) genannt, gehören zu der zweiten
der beiden Klassen, in welche sich die chinesische Gesellschaft scheidet,
zum Volke (Min), nur die Mitglieder des ärztlichen Kollegiums werden
zur ersten, zu den Wohlgeborenen (C h e n), die sich aus den Zivil- und
Militärbeamten zusammensetzt, gerechnet.
Sie haben keine besondere Tracht. An ihren Häusern sind farbige
Aushängeschilder angebracht, auf denen in goldenen Charakteren teils
die Namen der Häuser, teils schmeichelhafte Inschriften, welche ihre
Kunst preisen und ihnen von dienstfertigen Freunden oder Patienten
gewidmet sind, stehen.
Das Spezialistentum ist in China ausserordentlich entwickelt, meist
legen sich die Aerzte nur auf die Behandlung bestimmter Krankheiten.
So giebt es Aerzte für innere, äussere, Kinder-, Frauen-, Augen-, Zahn-
und Mundkrankheiten, Erkältungsfieber, Schlagflüsse, Kinderausschläge
(besonders Pocken und Masern).
Auf dem Lande pflegen die Aerzte ihre Rezepte selbst anzu-
fertigen, während in den Städten dieselben in Apotheken bereitet
werden.
Die Bezahlung der Aerzte ist eine schlechte. Ständige, fixierte
Hausärzte haben nur die Fürsten (Mandschu).
Es ist üblich, dass die Aerzte ihre Kranken nur besuchen,
wenn sie gerufen werden , ein Brauch , der ihnen die Möglich-
keit nimmt, Krankheiten zu beobachten und die Wirkung von Arznei-
mitteln kennen zu lernen. Ihre Besuche machen sie möglichst früh
am Morgen, weil sie glauben sich zu dieser Zeit besser ein Urteil über
die Natur der Krankheit bilden zu können. Schwierige Fälle pflegen
sie nicht in Behandlung zu nehmen aus Furcht für ihren Ruf und
auch für ihre Sicherheit. Denn es steht Strafe sowohl auf unvor-
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 37
schriftsmässiger Bereitung der Arzneien als auch auf unvorschrifts-
mässiger, den Lehren der alten Autoren zuwiderlaufender Behandlung,
die den Tod zur Folge gehabt hat, unter Umständen sogar Todesstrafe.
Die Folge dieser Bestimmung ist, dass sich die Aerzte innerhalb des
Kreises der klassischen Formeln halten, die sie vor jedem Prozess
schützen.
Die eben erwähnten Thatsachen tragen sicher im Verein mit dem
Verbote der Sektionen zum Teil wenigstens mit die Schuld an dem
niederen Stande, auf welchem die Medizin in China stehen geblieben ist.
Ebensow^enig wie sich der chinesische Staat in der Gegenwart um
die Ausbildung der Aerzte kümmert, hat er auch für Anstalten und
Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens gesorgt, wenn man
von höchst dürftigen Niederlassungen für Aussätzige im südlichen China,
besonders in der Umgebung von Kanton, absieht. Die Krankenhäuser,
welche es in China giebt, sind entweder von fremden Missionsgesell-
schaften, von denen namentlich die 1838 gegründete Medical
Missionary Society, welche sich auch um die Uebersetzung von
medizinischen Werken ins Chinesische verdient gemacht hat, zu er-
wähnen ist, errichtet worden oder stehen in Verbindung mit dem
unter englischer Leitung stehenden, die Kontrolle über die auf den
Fremdhandel entfallenden Aus- und Eingangszölle führenden See-
Zollamte. An denselben ist den chinesischen Aerzten Gelegenheit
geboten sich auszubilden, von welcher aber dieselben nur verhältnis-
mässig wenig Gebrauch machen. Seit kurzem erscheint in Hongkong
die erste, monatlich herauskommende Zeitschrift für Medizin. So
findet die abendländische Medizin nur langsam Eingang in China und
hat vielfach nicht nur mit Indifferentismus, sondern sogar mit directem
Widerstände zu kämpfen. Aber wenigstens eine Segnung derselben
fangt an sich immer mehr im Eeiche der jNIitte auszubreiten und feste
Wurzel zu fassen. Es ist dies die Schutzpockenimpfung. Das
Verdienst, diese in China eingeführt zu haben, gebührt dem Engländer
Alexander Pearson, der 1805 dort die ersten Impfungen vornahm.
II. Japaner.
Die Medizin des alten Japan ist nicht einheimischen Ursprungs,
sondern stammt wie überhaupt dessen ganze Kultur aus China.
Ho ff mann vergleicht erstere treffend mit „einem von China nach
Japan verpflanzten Baume, der trotz des fremden Bodens und des
fremden Gärtners seinen heimischen Charakter und alle seine ursprüng-
lichen Eigenschaften bis in die neueste Zeit ganz unverfälscht bewahrt
hat". Die Brücke, auf welcher die Heilkunde von China nach Japan
übergewandert ist, ist dieselbe, auf der auch die übrigen AVissenschaften,
Künste und Industrien sowie der Buddhismus von dort herübergekommen
sind, das zwischen beiden liegende Korea.
Mit diesem Lande kam Japan zum ersten Male zu Anfang des
3. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung durch den siegreichen
Feldzug der grossen Kaiserin Jingu in nähere Berührung, und nach
demselben begann auf diesem Wege chinesische Civilisation und Kultur
in Japan Eingang zu finden. Aber schon lange vorher, im 2. vor-
christlichen Jahrhundert, waren die Japaner bereits einmal in Be-
ziehung zur chinesischen Heilkunde getreten. Denn es wird berichtet,
dass unter der Eegierung der Kaiserin Kogen (214 — 158 v. Chr.) ein
gg B. Scheube.
chinesischer Arzt, der aus politischen Gründen sein Vaterland verlassen
hatte, mit 300 jung-en Leuten nach Japan kam. Von Jing-us Zeiten
an wurden häufig Söhne koreanischer Könige medizinische Instruktoren
von Söhnen japanischer Kaiser. Im Jahre 414 ward ein chinesischer
Arzt, der in Korea lebte, zum schwer erkrankten Kaiser nach Japan
gerufen. 553 Hess der Kaiser zahlreiche Gelehrte, darunter auch
Aerzte und Botaniker, aus Korea kommen, und von nun an breitete
sich die koreanisch-chinesische Medizin immer mehr im Lande aus.
Zu Ende des 7. und im Anfang-e des 8. Jahrhunderts fing- man an,
Medizin schulen unter koreanischer Leitung sowohl in der Hauptstadt
als in den Provinzen zu errichten. In denselben wurden auch Spezial-
kurse für Akupunktur, Moxibustion, Massage, Frauen- und Augen-
krankheiten abgehalten, und es fanden auch Frauen, welche meist dem
kaiserlichen Hofe angehörten, Ausbildung in Geburtshilfe und nebenbei
in Akupunktur, Moxibustion und Massage. Ueberhaupt war zu jener
Zeit die ärztliche Praxis nicht auf die Männer beschränkt; es kam
sogar vor, dass weibliche Professoren angestellt wurden. Ferner
wurden Anstalten, in denen Arzneien und Nahrungsmittel an Arme
verteilt wurden, sowie Hospitäler für Arme gegründet. Vom 7. Jahr-
hundert an begannen die Japaner die chinesische Medizin auch an der
Quelle zu studieren. Mit jeder Gesandtschaft wurden junge Männer
auf Staatskosten nach China gesandt, um sich hier in den Wissen-
schaften, speziell der Medizin, auszubilden. Während der Bürgerkriege,
von denen Japan vom 12. — 16. Jahrhundert heimgesucht wurde, geriet
mit den übrigen Wissenschaften auch die Medizin in Verfall, die
Prüfungen, welche eingeführt worden waren, wurden abgeschafft, die
Schulen gingen ein, doch begaben sich noch immer Aerzte zum Studium
nach China, und wiederholt ereignete es sich, dass japanische Aerzte,
welche sich dort einen Namen gemacht hatten, an das Krankenbett
des Kaisers von China gerufen wurden.
Die Zahl der chinesischen Werke, aus denen die japanischen
Aerzte ihre Kenntnisse schöpften, ist eine beschränkte. Namentlich
sind es die folgenden:
1. S h ö - k a n - r 0 n ^) (S h a n g - h a n - 1 u n ^) ), Lehre von den fieber-
haften Krankheiten, von Cho-chiyu-kei, der um 200 n. Chr. lebte;
2. Kin -ki ^) (Kin-kwei -)), goldener Kasten, welcher die nicht
fieberhaften Krankheiten behandelt, von demselben Verfasser;
3. Nan-kyö^) (Nan-king^)), über schwierige Krankheiten,
von Hen-jaku aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.;
4. S 0 - m 0 n ^) (S u - w a n -) ), Fragestücke des S o k o , von demselben
Verfasser ;
5. R e i - s u i ^) (L i n g - c h *" u -)), heiliger Mittelpunkt, der über innere
Medizin und Akupunktur handelt und gleichfalls Hen-jaku zum Ver-
fasser hat.
Es giebt zwar auch eine grosse japanische Litteratur, aber diese
besteht der Hauptsache nach in nichts anderem als Exzerpten und
Zusammenstellungen aus den alten chinesischen Klassikern, zu denen
im günstigsten Falle einige eigene Bemerkungen der Verfasser, welche
bezwecken, die Berechtigung der verschiedenen Lesarten in den
chinesischen Werken zu erweisen und Erklärungen zum Texte zu
^) Japanische Aussprache.
^) Chinesische Aussprache.
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 39
liefern, hinzukommen. Ueber letzteren hinaus erstreckt sich die Kritik
nicht, die Autorität der alten Autoren selbst wird niemals angefochten.
Das Fundament der Pharmakologie bildet das chinesische
Hauptwerk Pän-ts'ao-kang-muh (in japanischer Aussprache H o n -
zö-ko-moku). Auf diesem basieren auch die beiden neueren japani-
schen Pharmakopoen :
1. Hon-zo-ko-moku kei-mo (Buch, durch welches die Dunkel-
heit aus dem Hon-zo-ko-moku vertrieben wird) von Ono Ean-
zan. 1804 erschienen und aus 48 Teilen bestehend, eine Pharmako-
gnosie Japans, in der mit grosser Genauigkeit die Namen und physi-
kalischen Eigenschaften sowie die Fundorte in Japan der im H. auf-
geführten Arzneimittel beschrieben werden, und
2. Yamato-hon-zo (japanisches H.) von Kai- Bar a, 1709 er-
schienen, ein 16 bändiges Handbuch der Naturgeschichte Japans und
der rein japanischen Droguen, in dem die therapeutische Anwendung
derselben keine Berücksichtigung findet.
Bevor die chinesische Medizin in Japan eingeführt wurde, gab es
hier bereits eine uralte einheimische Heilkunde, als deren Begründer
die Gottheiten 0-na-muchi-no-mikoto und Sukuna-hiko-
na-no-mikoto, welche viele 100 Jahre vor der christlichen Aera
lebten, angesehen werden. Auch wird in dem im 8. Jahrhundert ver-
fassten N i h o n g i (japanische Annalen) berichtet, dass im Zeitalter der
Götter von einem Kaiser Sanitätsoffiziere angewiesen worden seien,
mit Medizinalpflanzen Versuche an Affen anzustellen und auch deren
Leiber zu sezieren, wodurch der Bau des Körpers bekannt wurde.
Als im 9. Jahrhundert die chinesische Medizin einen solchen Eingang
und eine solche Verbreitung in Japan gefunden hatte, dass zu be-
fürchten stand, dass die alte einheimische Heilkunde, wie sie in alten
Zeiten von den Göttern den Menschen gelehrt wurde, verloren ginge,
beauftragte der Kaiser Heiz ei in der Periode Daido (806 — 810)
seine beiden Leibärzte A b e Manao und Idzumo Hirosada damit,
die Formeln und Anwendungsweisen der alten Rezepte aus alten Ur-
kunden in Dörfern und Shintoterapeln und von bekannten Landärzten,
die noch nach den alten Methoden kuiierten und die Kenntnis dieser
Vorschriften geheim gehalten hatten, zu sammeln und aufzuzeichnen.
So entstand das Werk Daido-rui-shiu-ho (nach Klassen geordnete
Rezeptsammlung aus der Periode Daido). Leider geriet dasselbe in
Vergessenheit, wie überhaupt die ganze Reaktion von kurzer Dauer
war, und ist ohne Einfluss auf die japanische Heilkunde geblieben,
obwohl es den Stempel einer für Zeit und Volk bewundernswerten
Objektivität trägt und so sehr vorteilhaft von der oft in pliilosophischen
Spekulationen sich verlierenden chinesischen Litteratur sich auszeichnet.
Erst zu Anfang dieses Jahrhunderts erschien es zum ersten Male im
Drucke, aber nach einer unvollständigen Handschrift. Im Jahre 1827
wurde in einem Tempel der Provinz Bungo auf der Insel Kiushiu ein
gut erhaltenes Manuskript aufgefunden und herausgegeben, und seit-
dem sind mehrmals neue Auflagen erschienen. Das Buch, in dessen
Texte viele schwarze Quadrate unleserliche Stellen in der Handschrift
bezeichnen, zerfällt in 100 Kapitel. Die ersten 13 enthalten ein Ver-
zeichnis von Arzneimitteln, grösstenteils Pflanzen, die sich nach den
gebrauchten Namen jetzt vielfach nicht mehr identifizieren lassen. In
den übrigen Kapiteln werden 122 verschiedene Krankheiten bezw
Kraukheitssj'mptome abgehandelt, unter diesen befinden sich auch
40 B. Sclieube.
wodurch das Werk noch ein ganz besonderes Interesse gewinnt, Lepra
und Syphilis. Letztere wird in ihren verschiedenen Formen, deren
Zusammengehörigkeit richtig erkannt ist, beschrieben. Daido-rui-
shiu-ho wäre hiernach das älteste jetzt bekannte Werk überhaupt,
in dem die Syphilis mit ihren primären, sekundären und tertiären Er-
scheinungen beschrieben wird und uns die Auffassung derselben als
konstitutionelle Krankheit entgegentritt. Neuerdings wird jedoch nach
Okamura die Echtheit dieser Schrift von gediegenen Kennern der
altjapanischen Litteratur in Zweifel gezogen. Der genannte Autor
vertritt die Ansicht, dass die Syphilis erst seit dem 16. Jahrhunderte
in Japan heimisch ist. Er weist darauf hin, dass die am Ende des
16. Jahrhunderts verfassten Bücher Beschreibungen dieser Krankheit
enthalten, welche eine grosse Uebereinstimmung mit denen der chine-
sischen Werke aus jener Zeit zeigen, und führt sogar 2 Schriftsteller,
allerdings erst aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, an, nach denen
die Syphilis im Jahre 1569 durch fremde Handelsschiffe in den Hafen
von Nagasaki, w^elcher damals für den Handel und Verkehr mit den
Fremden (Portugiesen und Chinesen) bestimmt war, eingeschleppt
Avorden sein und von da sich über das Land verbreitet haben soll.
Vereinzelte Ueberbleibsel der alten japanischen Heilkunde haben
sich neben der herrschenden chinesischen Medizin erhalten. Hierher
gehört die Anwendung von schweisstreibenden Mitteln bei allen Arten
von Erkältungen und Katarrhen der Respirations- und Digestions-
organe. Im Gegensatz zu den Chinesen machen ferner die Japaner,
welche überhaupt an regelmässige heisse Bäder gewöhnt sind, aus-
giebigen Gebrauch von heissen Mineralquellen, an denen Japan
reich ist, indem sie diese zum Baden, aber nicht zum Trinken be-
nutzen. Der Gebrauch derselben ist sehr alt und wird auf die oben
erwähnten Gottheiten zurückgeführt. Je heisser die Bäder sind, für
desto wirksamer gelten sie. In früheren Zeiten sind in Japan auch
kalte Bäder bei akuten Fiebern angewandt worden, seit dem 12. Jahr-
hundert aber ausser Gebrauch gekommen, wie sich die Japaner auch
nicht der Fluss- und Seebäder bedienen.
Wenn auch blinder, jeden Fortschrift hemmender Autoritätsglauben
jahrhundertelang die japanische Medizin charakterisierte, gab es doch
im Laufe derselben einzelne durch Beobachtungsgabe und Menschen-
kenntnis hervorragende Aerzte, die sich von der chinesischen Schule
emanzipierten. Besonders erwähnt zu werden verdient Nagata
Tokuhon (geboren 1512, gestorben 1630), dessen Bestreben darauf
ging, die Naturheilkraft (riyö-no) zu unterstützen. Er gestattete den
Kranken gegen die Vorschriften der chinesischen Schule kaltes Wasser
zu trinken, wenn sie danach verlangten. Wenn er mit Nervenleidenden
zu thun hatte, gab er sich wenig mit Rezepten ab, sondern suchte
die Ursache ihrer Krankheit zu ergründen und erzielte oft Heilung,
indem er auf das Gemüt der Patienten einwirkte: zum Landmann
sprach er vom fruchtbaren Regen, zum Mädchen von zukünftiger
Heirat, zur Frau von der baldigen Rückkehr des abwesenden Gatten.
Die theurgische Behandlung der Krankheiten hat
auch in Japan jederzeit eine grosse Rolle gespielt und spielt diese
noch heute, wenn auch keine so grosse wie in China, da das japanische
Volk aufgeklärter ist als das chinesische. Gebete, Beschwörungen,
Exorzismen und andere Zaubermittel werden zur Heilung von Krank-
heiten angewandt und in gleicher Weise von den Priestern des ein-
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 41
lieimisclien Shintoismus wie von denen des in der Mitte des 6. Jahr-
Imnderts eingeführten Buddhismus geübt. In früheren Zeiten waren
an den Medizinschulen Professoren für Astrologie und eine Zeitlang
sogar an der Kaiserlichen Medizinalschule ein Professor für Exor-
zismus angestellt.
Die Chirurgie Avar bei den Japanern, bevor sie mit den
Europäern in Berührung kamen, sehr wenig ausgebildet. Sie legten
um gebrochene Glieder plumpe Verbände, bedeckten Wunden und
Geschwüre mit Pflastern oder Salben, applizierten auf Abscesse Kata-
plasmen, machten aber keine blutigen Operationen. Der Gebrauch
der Blutegel ist ihnen schon seit dem 8. Jahrhundert bekannt. Sehr
viel angewandt werden wie in China Moxibustion, x\kupunktur und
Massage. Es wird berichtet, dass schon zur Zeit des ersten Kaisers
Jimmu (660—585 v. Chr.) Blinde und Stumme von Aerzten in Massage
und Akupunktur unterrichtet worden seien. Danach würden diese
schon in den ältesten Zeiten, vor der Berührung mit China, in Japan
bekannt gewesen sein. Da aber die ältesten japanischen Geschichts-
quellen nicht vor dem 8. Jahrhundert geschrieben sind, sind alle Be-
richte aus früherer Zeit legendenhaft.
Die Moxibustion wird ausserordentlich viel angewandt, selten
findet man einen Japaner ohne Moxennarben. Dieselbe ist aber nicht
das Geschäft von Aerzten, sondern wird von alters her von niedrigen
Leuten, besonders armen Weibern oder auch von Familienmitgliedern
ausgeführt. Man bedient sich dazu ausschliesslich der Artemisia
vulgaris. Die Moxibustion wird hauptsächlich als Präservativmittel
angesehen und an bestimmten, je nach den Krankheiten verschiedenen
Körperstellen vorgenommen, die oft von dem kranken bezw. vor Krank-
heit zu schützenden Teile ganz entfernt und mit diesem ohne allen
Zusammenhang sind. So werden, um nur einige derselben anzuführen,
bei der Kakke (Beriberi) die Moxen an der Wade, bei Lepra und Ge-
hirnkrankheiten zu beiden Seiten der Wirbelsäule, bei Krämpfen auf
der Fusssohle, bei Brustkrankheiten am Brustbein und an den Schlüssel-
beinen, bei Schulterrheumatismus am Ellenbogen, bei Tripper in der
Mitte zwischen Scham und Nabel, bei schweren Geburten an der Spitze
der linken kleinen Zehe, gegen Unfruchtbarkeit zu beiden Seiten des
4. Lendenwirbels, zur Verhütung von Konzeption am Nabel gesetzt.
Von Japan wurde die Moxibustion im 17. Jahrhundert wahrschein-
lich von den Portugiesen nach Europa gebracht, wo dieselbe aber nur
ein kurzes Dasein fristete. Das Wort Moxa stammt übrigens nicht,
wie vielfach angenommen wird, aus dem Portugiesischen, sondern ist
von dem japanischen Worte Mogusa, das „Brennkraut" bedeutet, ab-
zuleiten.
Die Anwendung der Akupunktur (Shin-jutsu) liegt in den
Händen von besonderen Spezialisten. Die Japaner unterscheiden 2
Arten von Nadeln: 1. die Drehnadel (Nejibari). welche durch lang-
same Drehbewegungen, und 2. die Schlagnadel (Uchibari), welche
durch einen Schlag mit den Fingern oder einem kleinen Hammer ein-
geführt wird. Erstere ist 4—8 Zoll lang und mit einem Holz- oder
Elfenbeingriffe versehen. Letztere läuft in einer Kanüle, durch die
ein zu tiefes Eindringen der Nadel in die Haut verhindert wird. Die
Akupunktur kommt bei den verschiedensten Krankheiten, namentlich
allen schmerzhaften Zuständen, nach den auch in China geltenden
Eegeln zur Anwendung.
42 B. Scheube.
Die Massage wird von blinden Knete rn (Amma) ausgeübt,
welche des Abends mit ihren Pfeifen sich ankündigend durch die
Strassen zu ziehen pflegen. Dieselbe besteht in Streichen, Drücken,
Kneten, Klopfen und Stossen mit Fingern und Händen nach bestimmten
Regeln und wird nicht nur bei Krankheiten verschiedenster Art, sondern
auch bei allgemeinem Unbehagen und nach Muskelanstrengungen an-
gewandt.
Was die Zahntechnik der Japaner betrifft, so ist ihre Methode
der Zahnextraktion eine rohe: der Zahn wird zuerst mit Hilfe eines
hölzernen Stöckchens und eines Hammers gelockert und dann mit den
Fingern extrahiert. Dagegen kennen sie schon seit etwa 200 Jahren
die Applikation künstlicher Gebisse mittels des atmosphärischen
Druckes. Die Yorderzähne derselben werden aus sorgfältig ge-
schliffenen Quarzkieseln gefertigt und in hartem Holze gefasst, während
Kupfernägel an Stelle der Mahlzähne den Kauprozess verrichten.
Abweichend von den übrigen Zweigen der Medizin hat die Ge-
burtshilfe in Japan eine selbständige, von chinesischem Einflüsse
unabhängige Entwicklung genommen. Bis in die neueste Zeit ist die
geburtshilfliche Praxis von der übrigen ärztlichen Praxis ganz ab-
getrennt und wird von besonderen Geburtshelfern, die einen niedrigeren
Rang einnehmen als die anderen Aerzte, ausgeübt. Der eigentliche
Begründer der japanischen Geburtshilfe istKagawa Shigen oder
K. Genyetsu, wie er auch genannt wird, der, seines Zeichens ur-
sprünglich Akupunkturist und Kneter, um die Mitte des vorigen Jahr-
hunderts in Kioto lebte. Bis dahin lag wie in China die praktische
Ausübung der Geburtshilfe lediglich in den Händen von Hebammen
(Samba), die durch mündliche Tradition ihre Kenntnisse und Ge-
schicklichkeit unabhängig von Aerzten wieder auf Frauen fortpflanzten.
Kagawa Shigen ist der Verfasser des ältesten japanischen
Werkes über Geburtshilfe, welches bis zur neuesten Zeit das Fundament
derselben bildete. Dasselbe, aus 2 Bänden bestehend, ist betitelt San-
ron (Abhandlung über die Geburt) und 1765 erschienen. Es fasst
zusammen, was in japanischer Tradition sich im Gegensatz zu der
chinesischen Auffassung von der Geburt rein erhalten hat und stellt
ein seltsames Gemisch von Resultaten einer guten, scharfsinnigen
Beobachtung, treffenden Urteilen und Altweiberglauben dar. Eine
genauere Kenntnis der Gebärmutter geht Kagawa Shigen noch ab,
dagegen bekämpft er die alte Ansicht, dass das Kind bis zum 10. Monate
im Mutterleibe aufrecht stehe und erst bei der Geburt sich umdrehe.
Derselbe ist der Stammvater der angesehensten japanischen Geburts-
helferfamilie, und noch jetzt leben Nachkommen von ihm. Die meisten
der japanischen geburtshilflichen Instrumente sind von Mitgliedern
dieser Familie erfunden worden. Sein Adoptivsohn Kagawa Gen-
t e k i schrieb einen Nachtrag zum San-ron (S a n - r o n - y o k u), welcher
gleichfalls 2 Bände umfasst und 1775 erschien.
Schon in alter Zeit erfuhren in Japan die Schwangeren die sorg-
fältigste Behandlung. Man hatte ein besonderes Geburtszimmer
(Ubu-ya), in das sich dieselben 3 Wochen vor der zu erwartenden
Niederkunft begaben und noch 3 Wochen nach dieser blieben. Auch
der Gebrauch der sehr zweckmässigen L e i b b i n d e (H a r a - o b i), die aus
einem 6 Fuss langen und 1 Fuss 2 Zoll breiten Stücke weissen Baum-
wollenzeugs besteht und von den Frauen in der 2. Hälfte der Schwanger-
schaft und auch noch 5 Wochen nach der Entbindung getragen wird.
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 43
ist sehr alt und wird auf die Kaiserin Jingu zurückgeführt. Ausser
der Leibbinde kommen in der 2. Hälfte der Schwangerschaft vielfach
Reibungen des Unterleibes in Anwendung, die nach be-
stimmten Vorschriften, gewöhnlich 7 mal im Monate, vorgenommen
werden und den Zweck haben, die richtige Lage des Kindes zu er-
halten oder eine fehlerhafte in die richtige zu verwandeln. Die
japanischen Geburtshelfer unterscheiden 3 Kindslagen: 1. die richtige
(der Kopf unten). 2. die umgekehrte (die Füsse unten) und 3. die
Querlage und diagnostizieren dieselben mit Hilfe der äusseren und
inneren Untersuchung. Für die mannigfachen Zufälle, welche während
der Schwangerschaft eintreten können, giebt es eine grosse Zahl von
Vorschriften. Erwähnt sei nur, dass von Kagawa Shigen gegen
hartnäckiges Erbrechen ein Ooitus empfohlen wird, ein Rat, der an
die bei uns gebräuchliche Kauterisation und Dehnung des Mutter-
mundes erinnert.
Künstlicher Abort kommt in Japan häufig vor, wenn auch
bei Entdeckung strenge Strafe auf demselben steht. Er pflegt aber
nicht von Aerzten, sondern von besonderen Frauen ausgeführt zu
werden. Ausser starken Abführmitteln und dem Anstechen des Eies
mit zugespitzten Holzstäbchen bedient man sich dazu schon seit alter
Zeit der Wurzeln von Achj-ranthus aspera Thbg. oder der Blattstiele
von Ligularia Kämpfen Sieb, et Zuc. , die mit Moschus bestrichen in
den Muttermund eingelegt und 1—2 Tage liegen gelassen werden,
während gleichzeitig auch innerlich Moschus gereicht wird, oder es
werden auch mit Moschus imprägnierte Seidenfäden eingeschoben. In
Europa ist die analoge künstliche Erregung der Frühgeburt (durch
Bougies u. dergl.) erst seit Beginn des zweiten Drittels dieses Jahr-
hunderts in Gebrauch.
Bei der Entbindung kniet die Kreissende gewöhnlich auf Matten,
die mit Oelpapier und altem Zeuge bedeckt sind, und stützt die Arme
auf das Gestell eines Kohlenbeckens. Die Hebamme drückt mit beiden
Händen gegen die Kreuzbeingegend. Später stützt sie, um einen Vor-
fall des Afters zu verhindern, diesen mit einer Hand, während sie mit
den Fingern in die Scheide fühlt, ob der Kopf kommt, und drückt
heim Diirchtritte des letzteren zur Vermeidung von Dammrissen den
Damm nach vorn. Die Nabelschnur wird, nachdem eine doppelte
Ligatur von rohem Hanf 3 Zoll vom Nabel entfernt um dieselbe ge-
legt worden ist, mit der Schere durchschnitten und dann mit Gall-
äpfelpulver bestreut und in Papier eingewickelt.
Nach Austritt des Kindes wird der Leib gerieben, um die Nach-
geburt herauszubefördern (ähnlich wie bei der Cred eschen Methode).
Gelingt dies der Hebamme nicht, so tritt der Geburtshelfer, welcher
bisher, falls überhaupt ein solcher zugegen war, den blossen Zuschauer
spielte, in Aktion, indem er mit einer Hand den Leib reibt und mit
der anderen am Nabelstrang zieht. Folgt der Mutterkuchen nicht,
so wird er mit einer besonderen Zange oder auch mit der später zu
erwähnenden Fischbeinschlinge extrahiert.
Nach der Entbindung wird die Frau mit erhöhtem Rücken auf
die linke Seite gelagert und muss ^/o Tag so ruhig liegen bleiben.
In früheren Zeiten mussten die Frauen während der Geburt und die
ersten 8 Tage nach derselben in einem besonderen Geburtsstuhle
(Sandai) zubringen, welcher von den Kagawa verworfen wird, aber
noch jetzt im Volke seine Anhänger hat. Der Wöchnerin wird auf
44 B. Scheiibe.
die äusseren Geschlechtsteile mit Eüböl getränkte Watte gelegt und
eine Arznei gegeben, deren wirksamste Bestandteile Amygdala Persica
und Cinnamomum sind, und welche die Gebärmutter zur Zusammen-
ziehung bringen soll. Das Mutterkorn war den Japanern unbekannt.
Bei Blutungen nach der Geburt wird die Scheide mit Leinewand ver-
stopft. Nach 1 Woche steht die Wöchnerin auf, nimmt ein Bad und
darf nun wieder leichte Arbeit verrichten.
Das Kind wird erst vom 4. Tage an an die Mutterbrust gelegt.
Bis dahin erhält es, um abzuführen, eine Abkochung von verschiedenen
Pflanzen, darunter Rhabarber. Obwohl die Japanerinnen gewöhnlich
reichlich Nahrung haben, kamen doch schon sehr frühzeitig bei vor-
nehmen Leuten Ammen und Ernährung mit Kuhmilch in Gebrauch.
Die hauptsächlichsten von den japanischen Geburtshelfern ange-
gewandten Operationen sind folgende:
1. Die Extraktion beiFusslage, welche schon im S a n - r o n
beschrieben wird.
2. Die Wendung auf den Kopf durch äussere und
innere Handgriffe, die gleichfalls schon von Kagawa Shigen
bei Querlagen empfohlen wurde, also früher, als sie in Europa be-
kannt war.
3. Die Wendung auf den Fuss durch äussere und innere
Handgriffe mit nachfolgender Extraktion. Gelingt es nicht, mit
dem Finger oder einem stumpfen Haken ein Bein herunterzuholen, so
kommt eine besonders, von Kagawa Mitsunori 1869 erfundene
Schlinge zur Anwendung. Eine seidene Schnur wird mittels zweier
Fischbeinstäbchen und eines Eisenstäbchens eingeführt und um den
Leib des Kindes gelegt und dies so, während man mit einer in die
Achsel desselben eingelegten Fischbein platte die Schulter in die Höhe
drückt, gewendet.
4. Die Extraktion mit der Fischbeinschlinge, welche
Anfang dieses Jahrhunderts von Mizuhara Yoshihiro erfunden wurde.
Dieselbe wird, nachdem man sie in heissem Wasser erweicht hat, an-
gelegt, mit einer Fischbeinplatte angezogen und dann in einen hölzernen
Handgriff gesteckt, an dem man extrahiert. Durch Hinzufügen eines
seidenen Netzes kann dieselbe in eine Kappe verwandelt werden. Sie
kommt bei Schädel-, Gesichts- und Steisslagen zur Anwendung, auch
beim nachfolgenden Kopf. Diese P'ischbeinschlinge ist entschieden ein
sinnreiches Instrument, das wie kaum ein anderes einen der Becken-
axe entsprechenden Zug gestattet, aber bei ihrer Zartheit erfordert
die Extraktion mit derselben grosse Kraft. Daher erfand schon
Mizuhara einen besonderen Zugapparat dafür.
Da sie ferner häufig am Kopfe des Kindes blutrünstige Stellen
hinterlässt, setzte Kagawa Mitsutaka 1832 an Stelle dieser Operation
5. die Extraktion mit einem seidenen Tuche, das mit
Hilfe zweier Fischbeinstäbchen um den Kopf gelegt und dann mit
einem eisernen Spatel festgezogen wird.
6. Die Perforation und Decapitation mit dem scharfen
Schlüsselhaken, den Kagawa Shigen erfunden hat. Diese Er-
findung wurde lange von der Familie der Kagawa geheim gehalten,
sei es aus Eigennutz oder weil die Operation für sehr grausam galt,
weshalb sie auch immer heimlich ausgeführt wird. Die Perforation
ist angezeigt nach Absterben des Kindes oder bei Gefahr für die
Mutter, die Dekapitation bei verschleppten Querlagen. Dieselben
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 45
geben eine bessere Prognose als die anderen Operationen, weil danach
weit seltener Fieber einzutreten pflegt als nach letzteren.
Der oben erwähnte M i z u h a r a Y o s h i h i r o ist der Verfasser eines
12 bändigen, 1849 erschienenen Werkes über Geburtshilfe, das den
Titel San-iku-zen-sho (Buch der gesamten Geburtshilfe) führt und
zahlreiche höchst interessante Abbildungen enthält. In demselben ist,
was die Anatomie des Unterleibes, der Gebärmutter u. s. w. betrifft,
bereits der europäische Einfluss nicht zu verkennen, es bildet so den
Uebergang zur jetzigen Aera.
Man hat die Originalität der japanischen geburtshilflichen Instrumente,
insbesondere der Fischbeinschlinge, in Zweifel ziehen wollen. In England
ist allerdings schon seit langer Zeit eine ähnliche Fischbeinschlinge in Ge-
brauch; wie lange, habe ich nicht feststellen können, sondern nur soviel,
dass derselben bereits in Smellies Mitte vorigen Jahrhunderts erschienenem
Werke über Geburtshilfe Erwähnung gethan wird. Die Möglichkeit, dass
dies Instrument von England über Holland nach Japan gekommen ist, kann
daher nicht vollkommen von der Hand gewiesen werden, irgend ein Beweis
dafür liegt aber nicht vor. Die blossen Aehnlichkeiten von in Europa und
in Japan gebrauchten Instrumenten berechtigen noch lange nicht dazu,
auf einen gemeinsamen Ursprung derselben zu schliessen. Mit demselben
Rechte könnte man dann auch behaupten, dass Chassagny und Joulin,
deren Zugapparate für die Zange, welche aus dem Anfange der 70 er Jahre
stammen, eine entschiedene Aehnlichkeit mit Mizuharas Zugapparat für
die Fischbeinschlinge zeigen, eine Anleihe bei den Japanern gemacht haben.
Kagawas Schlüsselhaken erinnert zwar an den von den chinesischen Heb-
ammen benutzten Doppelhaken, ist aber wahrscheinlich auch dessen eigene
Erfindung und, wie mir von einem Nachkommen desselben, den zu meiner
Zeit gesuchtesten Geburtshelfer in Kioto, mitgeteilt wurde, aus einem Feuer-
haken, den Kagawa zum ersten Male zum Anstechen des Kopfes benutzte,
her V orgegangen .
Der ärztliche Beruf stand in den ältesten Zeiten in Japan
in hohem Ansehen: es widmeten sich demselben nur Verwandte des
Kaisers und Edle, aus dem niederen Stande höchstens alte Leute.
Nach Ausbildung des Feudalsystems, welches zu Anfang des
17. Jahrhunderts durch lyeyasu begründet wurde und durch die
Restauration im Jahre 1868 sein Ende erreichte, unterschied man
2 Klassen von Aerzten: Fürstenärzte und Volksärzte.
Erstere waren die Aerzte des Mikado, des Shogun und der Daimio,
von denen sie bestimmte Gehälter, die in der Regel wie bei den anderen
Beamten in Reisrationen bestanden, bezogen ; die obersten besassen auch
Schloss und Landgut. Sie entstammten der Klasse der Samurai, der
Adligen, während die Volksärzte zu den Heimin, dem gemeinen Volke,
gehörten. Von den Samurai pflegten sich namentlich solche, die
wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen zur Erlernung des Krieger-
handwerks untauglich waren, dem friedlichen Berufe des Arztes oder
Priesters zu widmen, und zwar wandten sich die Imbecillen, geistig
schwach Beanlagten oder Verwahrlosten dem Priesterstande, die Ver-
wachsenen, Hinkenden und sonst Verunstalteten dem ärztlichen Stande
zu. Während für die Volksärzte der Eintritt in den freien Stand eine
Erhöhung bedeutete, sahen die Fürstenärzte denselben für eine Herab-
setzung und daher ihren Beruf für ein notwendiges Uebel, eine jeder
besonderen Anstrengung unwürdige Sinekure an. Sie waren in den
46 B. Scheute.
Mechanismus der bestehenden Rangklassen eingefügt — den höchsten
Rang nahmen die Mikadoärzte ein — und bildeten auf diese Weise
eine Art wohlgeordneter Hierarchie, so dass sie auf die Volksärzte
hoch herabblickten. Der Shogun verlieh seinen Aerzten auch Titel
wie anderen Gelehrten und Künstlern, analog unserem Professortitel
für Gelehrte und Künstler.
Der Stand der Volksärzte war dagegen ein gedrückter, ihr
Ansehen gering. Gegen jedermann mussten sie höflich und unterwürfig
sein und durften kein Honorar fordern, sondern waren auf die Gross-
mut ihrer Patienten angewiesen, die ihr „Geschenk" nach Willkür be-
messen konnten. Lautete doch das 32. der 100 Gesetze lyeyasus:
„weil die Menschen dieser Welt nicht von Krankheiten frei sein
können, haben die Weisen des Altertums voll Mitleid die Heilkunde
geschaffen. Wenn deren Jünger nun auch die Krankheiten geschickt
heilen und Erfolge haben, so dürft Ihr ihnen doch keine grossen
Einkünfte verleihen, denn sie würden dann notwendigerweise ihren
Beruf vernachlässigen. Ihr sollt ihnen daher, so oft sie eine Kur
gemacht haben, eine der Grösse ihrer Erfolge entsprechende Beloh-
nung geben." Das dürftige Honorar betrug etwa das 2— 4 fache
des Medikamenten Preises, der den Aerzten, welche stets die von ihnen
verordneten Arzneien selbst bereiteten, ebenfalls erstattet wurde.
Kriechende Höflichkeit und Schmeichelei waren daher für sie die
besten Mittel bei Hoch und Niedrig zu ihrem Rechte zu kommen.
Die gröbsten Kunstfehler wurden ihnen eher verziehen als Unhöflich-
keit. Sie hielten daher schon ihre Schüler an, sich höflich zu be-
nehmen und in schmeichlerischen Redewendungen sich zu üben, weil
sie selbst wussten, dass dadurch mehr zu gewinnen war als durch
ärztliche Erfolge. In seltenen Fällen rückten berühmt gewordene
Volksärzte in den Rang der Fürstenärzte auf.
Beide hatten eine gemeinsame Tracht. Ihr Gewand unterschied
sich von dem der Samurai durch lange Aermel, die beim Waffenhand-
werk hinderlich sind. Sie wurden daher „Langärmel" (Nagasode)
genannt, ein Name, der anfangs im Munde der Krieger etwas Gering-
schätzendes hatte, später aber ohne Nebensinn für alle gelehrten
Stände gebraucht wurde. Sie rasierten ferner den Kopf wie die
buddhistischen Priester. Nur in Kioto, wo am Hofe des Mikado der
Buddhismus keinen Eingang gefunden hatte, herrschte diese Sitte
nicht. Der Fürstenarzt trug ausserdem ein Schwert, das in späteren
Zeiten einer hölzernen Scheinwaffe, einem zierlich geschnitzten, leichten
Holzschwert ohne Klinge, Platz machte.
In den letzten Jahrhunderten wurden die Aerzte ebenso wie die
Geburtshelfer nicht auf öffentlichen oder privaten Lehranstalten aus-
gebildet, sondern kamen jung, im Alter von 16 — 20 Jahren, zu älteren
Aerzten ins Haus und in die Lehre, wo sie gewöhnlich 2 Jahre blieben.
Die Schüler begleiteten ihre Meister auf die Praxis und suchten ihnen
dabei ihre Kunst möglichst abzugucken. Auch mussten sie für die-
selben die Arzneien anfertigen. Ausserdem studierten sie fleissig die
alten chinesischen medizinischen Klassiker, zu denen nur von den
fleissigsten Lehrern Erklärungen gegeben wurden.
In Japan ist es allgemein Sitte, dass der Beruf vom Vater auf
den Sohn übergeht. Die erste Unterweisung in demselben erhalten
die Söhne aber gewöhnlich nicht von ihren Vätern, sondern von
Freunden der letzteren. Es giebt Familien, in denen schon seit Jahr-
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 47
liunderten eine bestimmte Berufsart sich fortgeerbt hat, und welche
daher wegen ihrer in derselben erlangten Tüchtigkeit in grossem Rufe
stehen. In der in Japan überhaupt sehr gebräuchlichen Adoption ist
ein Mittel gegeben, dem Erlöschen derselben vorzubeugen ; nicht selten
findet übrigens auch zwischen Berufsgenossen eine gegenseitige Adop-
tion der Söhne statt. Wie berühmte Künstlerfamilien gab es und giebt
es auch berühmte Aerztefamilien. Manche der letzteren, die im Laufe
der Jahrhunderte zu grossem Ansehen gelangt sind, stammten von
naturalisierten Koreanern und Chinesen ab.
In den letzten Jahrzehnten, seitdem sich Japan vollkommen der
europäischen Kultur erschlossen hat, hat sich dort ein gewaltiger
Umschwung in der ärztlichen Wissenschaft und dem ärztlichen Stande
A'ollzogen. Die ersten Berührungen mit derselben, die auch nicht ganz
ohne Einfluss auf die Medizin blieben, reichen jedoch viel weiter zurück.
Mit den portugiesischen Missionären, die bald, nachdem Mendez
Pinto, ein portugiesischer Abenteurer, Japan um die Mitte des
16. Jahrhunderts entdeckt hatte, in grosser Zahl unbehindert ins Land
einwanderten, kamen auch Aerzte, die arme Kranke behandelten, Heil-
pflanzen anbauten und Japaner in der Medizin unterrichteten. Ihnen
verdanken die Japaner die ersten Anfänge der operativen Chirurgie,
die freilich über das Oeffnen von Abscessen und das Aufschneiden von
Mastdarmfisteln nicht hinausgingen, und ihre Schüler gründeten eine
Medizinschule, die Nam-ban-riu (Schule der südlichen Barbaren)
genannt wurde. Der Aufenthalt der Portugiesen in Japan dauerte
jedoch kein volles Jahrhundert. Infolge der politischen Umtriebe, in
welche sich dieselben verwickelt hatten, wurden sie vertrieben, das
Christentum, welches grosse Verbreitung im Lande gefunden hatte,
ausgerottet, Tausende von Christen vernichtet, und Japan schloss sich
nun vollkommen gegen das Ausland ab.
Nur einer kleinen Schar von Holländern, die zu Anfang des
17. Jahrhunderts nach Japan gekommen waren, wurde der Aufenthalt
auf Deshima, einem kleinen, dicht vor Nagasaki auf der südlichen Insel
Kiushiu liegenden Eilande, gestattet, wo sie vielen Demütigungen aus-
gesetzt nicht viel anders als Gefangene lebten. Dieselben hatten
immer einen Arzt bei sich. Unter den Aerzten der holländischen
Faktorei befand sich im Laufe der Jahrhunderte mancher tüchtiger
Gelehrte, darunter auch mancher Deutscher; sie sind es, denen wir in
erster Linie unsere Kenntnis über Japan verdanken. Es sei nur an
Namen wie Engelbert Kämpfer, Philipp Franz v. Siebold
und Karl Thunberg erinnert.
Obwohl den Japanern jede unbefugte Berührung mit Europäern
bei Todesstrafe verboten war, wurden die Aerzte der holländischen
Faktorei nicht selten von Kranken aus Nagasaki konsultiert. Auch
unterrichteten dieselben ihre Dolmetscher, die sich als intelligent
und gutwillig erwiesen, in der Medizin und stellten ihnen , wenn
sie sich eine Summe von Kenntnissen erworben hatten, Arztdiplome
aus. Von einzelnen dieser Schüler wurden dann wieder Medizinschulen
gegründet.
Die Aerzte der holländischen Faktorei nahmen auch an den regel-
mässigen Reisen, welche die Holländer nach Tokio an den Hof des
Shogun machen mussten, um diesem Geschenke zu überbringen und
ihre Loyalität zu bezeugen, teil, wobei stets eine Zusammenkunft der
Aerzte des Shogun mit dem Arzte der Holländer stattfand. Wenn
48 B. Scheube.
auch hierbei kein direkter Vorteil für die Japaner heraussprang, ge-
wahrten diese doch, dass die holländischen Aerzte den japanischen
überlegen waren. Infolgedessen wurden solche japanische Aerzte
gesucht, die einige Brocken europäischer Medizin aufgeschnappt hatten.
Da den Dolmetschern verboten war sich holländische Bücher anzu-
schaifen, mussten sich dieselben damit begnügen, die mündlichen Lehren
ihrer Meister niederzuschreiben. Erst in der ersten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts wurde dies Verbot aufgehoben.
Ein denkwürdiges Ereignis in der Geschichte der japanischen
Medizin ist das Erscheinen der ersten Ueber Setzung eines
holländischen medizinischen Buches ins Japanische,
welches in das Jahr 1775 fiel. Es war dies die holländische Ausgabe
der Anatomie des Danziger Professors Johann Adam Kulmus^)
(Anatomische Tabellen, zuerst herausgekommen Danzig 1725), welche
Sugita Issai oder Sugita Gempaku, wie er auch genannt wird,
mit seinen beiden Freunden Mayeno Riotaku und Nakagawa
Kiyöwan in 4 Jahren unter unsäglichen Mühen, da ihnen die nötige
Kenntnis des Holländischen abging — sie verfügten nur über 700
holländische Vokabeln — übersetzten, nachdem sie sich bei der Sektion
einer enthaupteten Verbrecherin von der Richtigkeit der Kulm us sehen
Abbildungen im Gegensatz zu der alten chinesischen Lehre überzeugt
hatten. Die Uebersetzung führt den Titel : Kai-tai-shin-sho (neues
Werk über Anatomie).
Der Einfluss der Holländer machte sich namentlich auf dem Ge-
biete der Chirurgie geltend. Hanaoka Shin war zu Anfang dieses
Jahrhunderts der erste, welcher grössere Operationen, besonders Exstir-
pationen von Geschwülsten, Sequestrotomien, Amputationen, machte. Er
führte dieselben unter Narkose aus, indem die Kranken vor der
Operation eine Abkochung von 5 Kräutern: Datura alba, Aconitum,
Angelica anomala, Ligusticum acutilobum und Conioselinum univittatum
erhielten, durch welche sie 3 Tage betäubt blieben. Von seinem Schüler
HonmaGencho wurde zuerst die Unterbindung der Arterien zur An-
wendung gebracht.
Die Einführung der europäischen Medizin hatte aber mit be-
ständigen Hindernissen zu kämpfen. Vielfach begegnete man der-
selben mit grösstem Misstrauen, und in der Mitte des 18. Jahrhunderts
kam die Reaktion in der Gründung neuer Schulen, die eine Wieder-
belebung der chinesischen Heilkunde bezweckten, zum Ausdrucke.
Noch im Jahre 1848 erliess der Shogun ein Verbot gegen die west-
liche Medizin und die ^xemden Arzneimittel, das er mit den grossen
physikalischen Unterschieden, die zwischen Japanern und Fremden
beständen, begründete. Aber schon einige Jahre später entschloss sich
sein Nachfolger auf Betreiben der Holländer dazu, eine Medizinschule in
Nagasaki zu gründen, zu deren Leitung Pompe van Meedervort
berufen wurde. Am 9. September 1858 machte dieser hier nach ein-
geholter Erlaubnis des Shogun an einem Verbrecher die erste Sektion.
Das Volk geriet in Aufregung, liess sich aber durch die Versicherung
des Statthalters, die Sektion diene dem allgemeinen Wohle, be-
ruhigen. Der Medizinschule in Nagasaki folgten bald weitere in
Osaka, Kioto, Nagoya u. a. Städten, die wie erstere mit Hospitälern
verbunden waren und zuerst gleichfalls von Holländern geleitet wurden.
^) Die Japaner haben den Namen „Kulmus" in ,.Kurumans" umgewandelt.
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 49
Im Jahre 1871 erfolgte die Gründung der medizinisch-chirurgischen
Akademie in Tokio, an welche als die ersten Lehrer die preussischen
Militärärzte Müller und Hoff mann berufen wurden, und die man
1877 mit der Universität (Dai Gaku) zu Tokio vereinigte. Von nun
an fand die europäische Medizin raschen Eingang in Japan, und es
gebührt hauptsächlich Deutschen das Verdienst, die Japaner in
dieselbe eingeführt zu haben, indem seit den 70 er Jahren auch an
die Spitze der anderen Medizinschulen grösstenteils deutsche Aerzte
gestellt und von den jungen Japanern, die zu ihrer weiteren Aus-
bildung ins Ausland gingen, vorzugsweise deutsche Universitäten auf-
gesucht wurden. In der medizinischen Fakultät zu Tokio, in welcher
das Studium 4 Jahre mit 3 jährigem Vorbereitungskurs dauert, wird in
deutscher Sprache gelehrt, und die dort ausgebildeten Aerzte, welche
den Titel Igakushi (Gelehrter der Medizin, Dr. med.) führen, erhalten
die ersten Stellen im Lande als Militärärzte, Hospitaldirektoren und
Professoren. Neben der deutschen besteht noch eine japanische Ab-
teilung mit 3 jährigem leichteren Lehrkurs, und ausserdem giebt es
noch eine grössere Zahl von Provinzialmedizinschulen, welche meist
gleichfalls einen 3jährigen Kurs haben. In neuester Zeit ist noch
eine zweite Universität in Kioto hinzugekommen.
Um praktizieren zu können, bedürfen jetzt die Aerzte der Appro-
bation, die durch Ablegung einer Prüfung, welche in den ver-
schiedenen Departements gemacht werden kann, erlangt wird. Zu
derselben zugelassen werden nur solche Kandidaten, welche von min-
destens 2 Aerzten oder Lehrern der Medizin ausgestellte Zeugnisse,
dass sie 3 Jahre studiert haben, beibringen. Wer das Diplom einer
Medizinschule hat, ist von ihr entbunden, ebenso wie die Aerzte,
welche schon vor 1875 in der Praxis waren. Die letzteren, welche
im Gegensatz zu den geprüften, Shin-ishi (neuer Arzt) genannten
Aerzten Kiyu-ishi (alter Arzt) heissen, gehören natürlich grössten-
teils noch der alten chinesischen Schule an. Ebenso wie die Aerzte
bedürfen jetzt auch die Geburtshelfer, Augenärzte und anderen Spezia-
listen besonderer Approbation, desgleichen die Zahnärzte, während die
Hebammen ihre Ausbildung in besonderen Schulen durch Aerzte er-
halten.
Eine grössere Zahl von medizinischen Gesellschaften
und Zeitschriften zeugt von dem regen wissenschaftlichen Leben,
welches unter den japanischen Aerzten heiTs^ht. Die medizinische
Fakultät zu Tokio giebt ihre Mitteilungen }n deutscher Sprache
heraus. '
Auch im übrigen hat das Gesundheitswesen im Laufe der
letzten Jahrzehnte einen gewaltigen Aufschwung genommen. Es
besteht ein Centralgesundheitsamt , welches zum Ministerium des
Innern gehört, und dem lokale Gesundheitsämter in den verschie-
denen Fu (Hauptstädten) und Ken (Departements) untergeordnet sind.
Daneben giebt es eine centrale und lokale Gesundheitskommissionen,
zu deren Mitglieder die Direktoren der Gesundheitsämter zählen.
Ueber das ganze Land sind Gouvernementshospitäler verbreitet, und
auch für die Geisteskranken ist durch die Errichtung von Irren-
anstalten gesorgt.
Impfung und Wiederimpfung sind obligatorisch, und seit
1892 wird ausschliesslich mit Tierlymphe, die im Centralimpfinstitute
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 4
50 B- Scheube.
in Tokio hergestellt wird, geimpft. Letzteres versorgt auch Hongkong
und andere chinesische Häfen mit Lymphe.
In früheren Zeiten haben die Pocken in Japan furchtbare Ver-
heerungen angerichtet. Ihre erste Einschleppung erfolgte im Jahre 670
von Korea aus. Die in China gebräuchliche Inokulation der Pocken
scheint in Japan niemals geübt worden zu sein. Das Verdienst, die
Impfung in Japan eingeführt zu haben, gebührt dem schon oben er-
wähnten V. Siebold, der dort 1824 zum ersten Male mit aus Java
importierter Lymphe impfte. Nach seinem Weggange von Japan im
Jahre 1829 geriet aber die Vaccination, da die Lymphe degenerierte,
wieder in Verfall, bis sie 1849 von Mohnike in Nagasaki nach einer
furchtbaren Pockenepidemie von neuem aufgenommen wurde. Der
Erfolg war aber kein erheblicher, wohl namentlich, weil es an guter
Lymphe fehlte. Erst seit den 70 er Jahren hat mit dem allgemeinen
Aufschwünge des Gesundheitswesens auch die Impfung bedeutende
Fortschritte gemacht.
Nach japanischer Darstellung soll die Vaccination durch einen Fischer
aus Yezo , Namens Nakagawa Groroji, der durch einen Sturm nach
Sibirien verschlagen worden war und hier dieselbe bei den Russen kennen
gelernt hatte, eingeführt worden sein. Im Jahre 1824 in seine Heimat zu-
rückgekehrt, zeigte er sie dem Arzte Sakurai Shozen und führte sie
in Gemeinschaft mit diesem aus.
Seit mehreren Jahren besteht in Japan auch ein Institut für
die Bereitung von Diphtherieheilserum sowie ein Institut für In-
fektionskrankheiten nach Kochschem Muster, und 1897 wurde ein
Seuchengesetz mit weitgehenden Bestimmungen hinsichtlich Isolierung
der Kranken, Desinfektion und Leichenverbrennung erlassen. Ferner
ist die Prostitution geregelt, die Prostituierten werden regelmässig
untersucht, und es sind besonders Hospitäler für dieselben vorhanden.
Der Verkehr mit Arzneimitteln ist geordnet. Medizinfabrikanten,
Apotheker und Droguisten bedürfen besonderer Lizenzen. In Tokio
befindet sich ein botanischer Garten, in dem Medizinalpflanzen gezogen
werden. Besonders strenge Vorschriften bestehen betreffs des Verkaufs
des Opiums. Uebrigens haben auch noch heutigen Tages die meisten
Aerzte ihre eigenen Hausapotheken und bereiten die von ihnen ver-
ordneten Arzneien selbst. Auch ein Nahrungsmittelgesetz besitzt
Japan, und in neuester Zeit sind dort sogar Schulärzte eingeführt
worden. Das aufstrebende Land ist also in erfreulichem Gegensatz
zu dem grossen Nachbarreiche China redlich bemüht, was das Ge-
sundheitswesen betrifft, den führenden Kulturstaaten des Westens es
gleich zu thun, eilt diesen sogar in mancher Hinsicht voraus, wenn
auch in Wirklichkeit vielleicht nicht alles so sein dürfte, wie es auf
dem Papiere steht.
III. Koreaner.
lieber die koreanische Medizin ist wenig bekannt. Aus dem
vorhergehenden Abschnitte geht aber schon hervor, dass dieselbe ein
Ableger der chinesischen ist. Ihr Ursprung wird zurückgeführt
bis auf 1122 v. Chr., in welchem Jahre zwei berühmte chinesische
Aerzte sich in Korea niedergelassen haben sollen.
In der inneren Medizin ist das wichtigste Heilmittel die
Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern.
51
Ginseng- Wurzel. Korea liefert die beste Sorte derselben. Ihre
Kultur liegt in den Händen einiger königlicher Pächter, und die Felder,
auf denen sie gebaut wird, sind eingezäunt und werden Tag und
Nacht von Hütern bewacht. Noch höher als die kultivierte Pflanze
wird die wilde geschätzt, welche jedoch sehr selten vorkommt und
schwer aufzufinden ist.
In der Chirurgie kommen fast ausschliesslich Akupunktur
und Moxibustion zur Anwendung.
Die europäische Medizin hat in Korea noch wenig oder keinen
Eingang gefunden, was bei den traurigen politischen Verhältnissen,
welche dort herrschen, nicht Wunder nehmen kann, '
4*
Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens
und der mediterranen Vorarier.
Von
von Oefele (Bad Neuenahr).
Einleitung.
Die Geschichte der Medizin beginnt in der fernsten Prähistorie
der Menschheit oder selbst schon bei heilsamer Hilfeleistung der Tiere
unter einander (Auspicken der Oestruslarven bei Quadrupeden durch
Vögel und anderes). Die rückläufige Verlängerung der Geschichte in
Westasien, Afrika und Europa durch Ausgrabungen und Entzifferung
alter Schriftsysteme hat erweisliches Gebiet der Geschichte der Medizin
verlängert. In diesen aufgedeckten Kulturen setzen die wieder ge-
fundenen medizinischen Fachschriften in ihrer datierbaren Nieder-
schrift spät ein. Mit letzteren Daten beginnt die Geschichte der
Medizin um deswillen nicht, da die meisten z. B. ägyptischen medi-
zinischen Papyri stückweise sich selbst auf medizinische Quellschriften
zurückdatieren, welche um Jahrtausende vor der Niederschrift dieser
erhaltenen Papyri „gefunden" d. h. verfasst sein sollen. Eine Teubner-
sche Hippokratesausgabe ^) bleibt in diesem Sinne stets ein zweitausend
Jahre alter Text. Aber selbst die Niederschrift der ältesten hierher
gehörigen Belege reicht über die ältesten ostasiatischen und indischen
Schriften zurück. Daher steht mein Abschnitt nur wegen der Zweck-
mässigkeit der geographischen Anordnung nicht am Anfange des Buches.
In diesem Abschnitte ist eine Datierung häufig nicht einmal auf
ein bis zwei Jahrtausende genau zu geben. Wir müssen uns mit relativer
Datierung des Früheren und des Späteren begnügen. Bei Einheit des
Schauplatzes ist dies meist möglich. In meinem Abschnitte ist aber die
Einheit des Ortes in keiner Weise gewahrt. Da keine Historie ohne
Chronologie denkbar ist, so ist mehrfach versucht worden Jahreszahlen
zu geben. Auch ich gebe dieselben wieder oder wähle vielmehr aus
den oft dutzendfach verschieden angesetzten Chronologien das mir
Wahrscheinlichste aus. Ich habe auf dieser Grundlage selbst die Auf-
stellung einer chronologischen Tabelle versucht. Ich warne aber aus-
drücklich die Zahlen vor dem Jahre 2000 für mehr als Hypothesen
^) In gleicher Weise für Pseudohippokratestexte gültig.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Yorarier. 53
oder Notbehelfe zu nehmen. Dann folgt eine Periode, welche durch
astronomisch-kalendarische Notizen auf 4 Jahre genau datierbar ist,
während selbst in noch späteren Zeiten wieder Spielräume von
mehreren Jahrzehnten auftreten. Alle Jahreszahlen in meinem Ab-
schnitte ohne Angabe des Gegenteiles beziehen sich auf die Zeit
vor Christi Geburt.
Vor 3000 setzt L e p s i u s die letzte Eiszeit. Unsere vorzüglichsten
Kulturländer von heute in Europa, Asien und Amerika nördlich von
circa 45. ^ n. Br. waren grösstenteils unwirtlich kalt. Dagegen war
der Gürtel von 20. — 30. ^ n. ßr. ohne erschlaffend warmes Klima der
damalige Träger eines gemässigten Kulturklimas. Die Kultur schloss
sich den grossen Flussthälern an: dem Koang-ho, Jang-tse-kiang,
Mekhong, Ganges, Indus, Mesopotamien und Nil und griff wahr-
scheinlich später nach Iran, Tibet und den Küsten des mittelländischen
Meeres über. Die Schriftsysteme dieser Kultur, heute noch im Osten
gebräuchlich, verwenden Bilder als Träger von Werten von Laut-
komplexen. Beim Gleichklange vieler Worte und bei den niederen
Entwicklungsstufen der damaligen Kultursprachen (die flektierenden
semitischen und arischen Sprachen spricht noch kein Kulturvolk) werden
den gelesenen Lautbildern noch generelle Bilder zugefügt ; ob dieselben
japanisch „hen" oder in der Philologie des Westens Determinativa.
genannt werden, sachlich ist es das gleiche und beweist die enge
Zusammengehörigkeit dieser vorsemitischen und vorarischen Kulturen
und Medizinen.
Ethnographisch und linguistisch fehlen die Brücken zwischen den
ältesten Kulturvölkern Mesopotamiens und Aegyptens einerseits und
den heutigen Kulturen des Westens andererseits. Ethisch sind die
im Westen verworfenen, noch heute aber im Orient gültigen Welt-
anschauungen jenen Kulturen eigen. Nur als vereinzeltes Beispiel sei
ausser der Polygamie daran erinnert, dass im Westen von den Men-
struationstagen der einzelnen Frau im bürgerlichen Leben gar nicht
gesprochen wird, während im Orient dies seit der ältesten Zeit mit
Männern unbeanstandet besprochen wird, aber die Frau selbst für
den allgemeinsten häuslichen Verkehr (z. B. Benutzung des gleichen
Essgeräts etc.) als unrein gilt. Wahrscheinlich überwiegt hier beim
Orientalen die Furcht yS angeblicher Gesundheitsschädigung das
sonstige sexuelle Schamgefühl.
Diese fremden Völker befinden sich ausserdem kulturell noch in
der Kupferzeit, ja zum Teile noch im Uebergange von der Stein- zur
Kupferzeit. Sozial ist das Matriarchat noch nicht völlig abgestreift.
Die Sklavenhaltung steht in höchster Blüte, ergiebt aber bei der
starken sprachlichen und politischen Zersplitterung in einzelne Stadt-
oder Hirtenkönigreiche und bei der geringen Ausbildung der Verkehrs-
mittel einen wichtigen internationalen Faktor zur Verbreitung neuer
Kulturerrungenschaften, vor allem auch zur internationalen Verbreitung
medizinischer Empirie. Die Grundlagen für die Medizin und ihre
Hilfswissenschaften sind also in jenen Zeiten und Ländern weit ver-
schieden von heute. Der Konservativismus der Malaien und Ostasiaten
in Sprache und Kultur lässt uns auch in anderen Dingen, besondei-s
der Medizin vielfach ein gleiches Festhalten erwarten, allerdings nicht
ohne Spuren der Altersdegeneration in den heutigen Resten. Bei
näherer Erschliessung der Medizin der Südsee, Ostasiens und Tibets
von heute wird auch die Medizin vom Jahre 3000 für uns verstand-
54 von Oefele.
liclier werden. Einstweilen sind ja manche scheinbar wertvolle Fund-
stücke zur alten Medizin für das Zusammenfügen eines Gesamtbildes
noch recht unverwertbare Brocken, und gar vieles, was den Schlüssel
für das Verständnis anderer Fundstücke ergeben könnte, liegt ungekannt
und ungenützt in den Eumpelkammern europäischer Museen, welche
sich täglich mehr mit unverdautem Inhalte ohne Platz zur Aufstellung
anschoppen und dabei vor allem medizinische Belege vernachlässigen.
Die rein empirische Medizin der ältesten Südseekultur ist frei
von Mystizismus, Aberglauben und Zauberwesen, dagegen auch ohne
jede höhere Auffassung der Medizin als Wissenschaft und ohne jede
Systematik. Durch Erfahrung oder Vererbung kennt ein Mann blutige
Geiselungen mit Aussaugen des Blutes gegen lokale Schmerzen, während
ein zweiter eine Reihe von Manipulationen bei Trommelsucht eines
Haustiers beherrscht. Die Medizin war somit ein ganz zufälliges Konglo-
merat von Einzelerfahrungen. Am Anfange der südöstlichen Medizin
besteht eine Zerfahrenheit in Einzelkenntnissen, wie sie unsere Ueber-
kultur im Niedergange der Medizin durch zersplitterndes Spezialisten-
tum wieder hervorzubringen droht.
Gegenüber dem geringen Abstraktionsvermögen besass der Anfangs-
kulturmensch ein gutes Gedächtnis für Einzelbeobachtungen, welche
einer rein empirischen Medizin eine handwerksmässige Vollkommenheit
verschaifen können. Noch heute beobachten wir diese relative Voll-
kommenheit der angewandten Medizin bei vielen modernen Natur-
völkern, so dass die moderne Kulturmedizin in ihrer vielfachen thera-
peutischen Ohnmacht von Tag zu Tag in die Lage kommt, von der
Empirie der Naturvölker Entlehnungen zu machen.
Von dieser empirischen Medizin ohne Aerztestand erzählt im
Anachronismus Herodot (I, 197) in Babylon: „Sie bringen ihre Kranken
auf den Markt; denn Aerzte haben sie nicht; und nun tritt ein
jeglicher zu dem Kranken und giebt ihm guten Rat, falls er selber
das Uebel gehabt, daran der Kranke leidet oder auch weiss, dass ein
anderer daran gelitten. Darüber bespricht er sich mit dem Kranken
und rät ihm Mittel an, die ihn selber von einer ähnlichen Krankheit
erlöst oder einen anderen von seiner Bekanntschaft." ^)
Von dieser freien oder vielmehr wilden Medizin mit vielen Merk-
malen der späteren knidischen Schule bis zur Knebelung in die her-
metische Medizin Aegyptens werden verschiedene Entwicklungsstationen
durchlaufen.
Aufgabe des folgenden Abschnittes ist es, die kurz skizzierte Ent-
wicklung der Medizin in den drei (nach anderen 5 und selbst noch
mehr) vorchristlichen Jahrtausenden mit ihren Störungen durch ethno-
graphische Verschiebungen im Zweistromlande, dem Nilthale und dem
Mittelmeerbecken mit Ausschluss der Hellenen und Israeliten synchro-
nistisch zu behandeln. Leider können aber einstweilen nur einzelne
Lichtblicke in die einzelnen Gebiete durch bisherige Funde geboten
werden, Lichtblicke, die oft durch hundertjähriges und tausendjähriges
Dunkel von einander getrennt sind. Die betrachteten Länder stehen
fortwährend in kriegerischen und friedlichen Beziehungen, so dass ein
Austausch kultureller Fortschritte und Rückschritte bedingt ist. Wenn
also um 3000 die Einblicke in die südmesopotamische Kultur, um 2000 in
^) Dies wird von modernen Erklärern als Dragomamvitz aufgefasst, auf welchen
Herodot hereingefallen sein soll.
Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 55
die ägyptische Medizin, um 1000 in die homerische und um 700 in die
assyrische Medizin im Vordergrunde stehen, so sind diese Entwicklungs-
phasen gleichzeitig wahrsclieinlich auch in den nicht belegbaren
anderen Gebieten ähnlich und wir dürfen mit Rücksicht auf die
chronologischen Differenzen ethnographische Differenzen in der Medizin
weniger betonen. Diese Einleitung zu meinem Abschnitte erscheint
zu gross. Aber so verschiedene Kulturländer, durch einen Zeitraum
weit länger als von Hippokrates bis zu uns auf wenigen Seiten be-
handelt, verlangen eine vorläufige Orientierung, zudem die gedrängten
Details gerade dieses Abschnittes sich von Tag zu Tag durch neue
Ausgrabungen, Lesungen und Deutungen rasch erweitern. Ohne solchen
Ueberblick ergeben sich fortwährend Missverständnisse im Kreise der
Leser und sogar unter speziellen Medicohistorikern.
Es kann ja auch nicht, wie in anderen Abschnitten auf zusammen-
fassende benützte Litteratur verwiesen werden. Es ist noch nicht
eine einzige Sammlung des Materiales versucht und jenes selbst liegt
noch in Hunderten von kleinen Aufsätzen und Bemerkungen, vor allem
auch der speziellen sprachwissenschaftlichen Litteratur zei-streut, schwer
erreiclibar durch den modernen künstlichen gegenseitigen Abschluss
der verschiedenen Wissenschaften. Zum Teil musste ich auch unver-
öffentlichtes Material bei den einschlägigen Philologen durch persönliche
Beziehungen aufsuchen. Meine Leser werden mit mir diesen uneigen- "
nützigen Förderern Dank wissen.
Wenn wir in der ältesten Kultuimedizin ein inniges Gemisch von
treuer Naturbeobachtung und Aberglauben erkennen, so müssen wir
die beiden Fehlerquellen jener Zeiten, welche zu den Fehlern führten,
zu verstehen suchen. Gegenüber dem guten Gedächtnisse für Einzel-
beobachtungen beim Naturmenschen mangelt einerseits ein genügendes
Abstraktionsvermögen, andererseits wird zu wenig Kritik dem „post hoc
ergo propter hoc" entgegengesetzt. Die Astronomie war noch die
leichteste Beobachtungswissenschaft. Der Zusammenhang des Sonnen-
standes und der Sternaufgänge mit den Jahreszeiten, der Mondphasen
mit Ebbe und Flut und Witterungsvorgängen, die wechselnde Stellung
zwischen Fixsternen und Planeten und dann wiederum der Einfluss
von Jahreszeit und Witterung auf das Auftreten bestimmter Krankheits-
formen, die abendlichen Fiebersteigerungen, die periodischen Er-
scheinungen bei zooparasitären Erkrankungen wie Malaria und Fila-
riasis legten den Grund zur leicht verzeihlichen astrologischen Be-
trachtung der Physiologie und Medizin. Die Analogien führten teils
ausgesprochen teils unausgesprochen zur Lehre vom parallelen Verlauf
der Lebensvorgänge im Makrokosmos und Mikrokosmos.') Das Zwei-
stromland wie Aegypten in der Nähe der Wüste, vielfach nur fruchtbar
durch Ueberschwemmungen ihrer Flüsse, Hessen in Analogieschlüssen
die Notwendigkeit des bewegten Blutes für das Leben des Körpers
verstehen. Wie der Boden unfruchtbare, undurchfeuchtbare Steine
neben Humus besitzt, so wurden im Körper Hartteile (Skelett) neben
blutdurchtränkten Weichteilen unterschieden. Die Hitze war für
den Pflanzenwuchs nötig; doch übermässige Hitze musste durch Wind-
zug gekühlt werden, um nicht alles zu versengen. Solchen AVindzug
besass auch der Mikrokosmos in der Atmung gegenüber der ein-
') Win ekler verwendet die Durchführung dieser Parallelisierung mit dem Ge-
stimlaufe auch in der Geschichtsschreibung. Physiologisch findet sich dieser Paralle-
lismus am ausgesprochensten in der clunesischen Medizin (Alb recht).
56 von Oefele.
gepflanzten Wärme des Körpers, welche bei Ueberliandnalime als
lokale „Entzündung" oder als allgemeines Fieber gleich der Glutsonne
das Leben zerstören konnte.
Damit war die Lehre von den vier Elementen im Makrokosmos
lind Mikrokosmos gegeben und zwar im paarigen Gegensatz als trocken
und feucht, heiss und kalt. Zeitlich und örtlich bekam das eine oder
andere Element mehr Bedeutung und wurden für die mikrokosmische
Betrachtung die unveränderten Makrokosmosnamen oder analoge Sonder-
namen eingesetzt. Es w^urde versucht, diese Elemente und ihre Quali-
täten im allgemeinen und im besonderen mit dem Laufe der Gestirne
in Beziehung zu bringen. Analogien wie die Fieberhitze nach dem
täglichen Hochstand der Sonne und die Sommerhitze nach dem Jahres-
hochstand der Sonne schienen vollgültige Beweise. In der Keilschrift-
kultur ist zuerst erweislich die Geburt mit dem Laufe der Gestirne
und den späteren Schicksalen des Geborenen in Beziehung gebracht.
Dies musste immer noch als der Versuch angesehen werden, exakte
Naturbeobachtung für die Gesundheit des Individuums nutzbar zu
machen, die heute noch anerkannte Aufgabe der Heilkunde in antiker
Anschauung. Wenn die Ontogenese in antikem Sinne und das Wohl
und Wehe des Staates so sehr vom Lauf der Sterne abhängig war, so
mussten ungewöhnliche Sternstellungen sowohl bestimmte Geburts-
abnormitäten wie bestimmte Ereignisse im Staat oder im Klima her-
vorrufen. Nur ein Schritt weiter war es — für unsere Anschauungs-
weise ganz unverständlich — , wenn ein altes keilinschriftliches 25-
Tafelwerk d. h. also eine sehr umfangreiche Abhandlung sich mit den
verschiedensten Geburtsabnormitäten befasste und bei deren Eintritt
gewisse Ereignisse prophezeit. Dass solche Anschauungen international
waren, beweist die Wiederholung ähnlicher ominöser Ereignisse, z. B.
die Mauleselgeburt bei Livius. Livius steht hier auf etrurischer
Tradition, so dass sich, wie so häufig, auch hier keilschriftliche und
etrurische Medizin und Naturwissenschaft berühren.
Zu allen Zeiten w-aren Sternschnuppen und Meteore gefallene
Sterne. Die Gestalt solcher Meteorsteine mit der gehörigen Phantasie
musste sich dem gleichen falschen naturwissenschaftlichen Schema und
der astrologischen Deutung fügen. Wir kennen solche Meteore mit
göttlicher Verehrung und ominöser Bedeutung aus dem Athena-gestal-
tigen, also eulenförmigen Schutzmeteore Trojas und dem heiligen Steine
in Mekka. Nach Jensen trägt eine Keilschrifttafel Omina von Sternen,
welche sich solcher Art in Löwe, wilden Hund, Fuchs, Haushund,
Schwein (?), Fisch (?), Pfeil, Maus (?), Kleider, Schwalbe (?), Sichel,
Scheibe, Malachit, Lapislazuli, Silber, Gold, Kupfer, Sonnenhund, Motte,
Würmchen, Schafe verwandeln.
Dem Menschen kam seine unsichere indirekte Kenntnis recht
ungenügend vor. Die elektrischen und hygroskopischen Vorgänge in
der Luft vor Regen veranlassen z. B. die Katze sich über die Ohren
zu waschen, die Schwalben bei der Insektenjagd niederer zu fliegen etc.
Die Thätigkeit der einzelnen Tiere wurde darum wie auch andere
Naturereignisse sorgfältig beobachtet, um die Zukunft zu ergründen
und hier vor allem ausser Witterungsangaben Leben und Gesundheit
und deren Gegenteile für den einzelnen Menschen. Auch hierfür liefert
die Keilschriftlitteratur reichliche Belege und die etrurische Tradition
bewegt sich im gleichen Geiste. Eine Menge dieser abergläubischen
Ansichten hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Gar manchem
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 57
TJeberbleibsel davon begegnet noch Tag für Tag der Arzt am Kranken-
bette. Aber nur die ältesten Formen des Medizinalaberglaubens
können das Verständnis ergeben. Die ältesten erweislichen Belege
dafür liefert aber die Keilschrift, wo sich dieser Aberglaube mit
inniger Naturbeobachtung, falschen Analogieschlüssen und längst ver-
alteten Theorien zu einem festen Bau fügt, in welchem die Grenzen
zwischen Naturwissenschaft, Medizin und Aberglauben überhaupt nicht
mehr feststellbar sind. Darum ist auch von sehr vielen Litteratur-
produkten jener Zeiten nur nach subjektivem Empfinden entscheidbar,
ob sie zur Geschichte der Medizin gehören oder nicht. Die medi-
zinischen Anschauungen oder Lehrgebäude können aber nur aus dieser
Grenzlitteratur erschlossen werden.
Wie zu allen Zeiten fühlten wohl auch damals nicht die schlech-
testen Aerzte die Kluft zwischen Theorie und Praxis, ausserdem auch
die der Medizin ferner Stehenden, nach heutiger Benennung „die Kur-
pfuscher und ihr Anhang". Ohne Diagnose im heutigen Sinne wurden
einzelne subjektive Beschwerden des Patienten und einzelne Symptome
beachtet und eine empirische Sammlung jenei' Stotfe und Massnahmen
angelegt, welche symptomatisch erleichtern. Dass auch hier viele
subjektive Beobachtungsfehler und suggestive Erfolge verallgemeinert
wurden, war sehr natürlich und begreiflich. Diesem Geiste entsprechen
in späterer Zeit die mittelalterlichen Arzneibüchei-. in hippokratischer
Zeit die erhaltenen gynäkologischen therapeutischen Schriften. Diese
Art medizinischer Schriften sind aber auch schon reichlich in Aegj'pten
und dem Zweistromlande von den ältesten erweislichen Zeiten medi-
zinischer Litteratur ab nachweisbar, aber leider in verschiedenen
Museen unveröffentlicht zerstreut.
Dazwischen steht ein Litteraturprodukt, welches einerseits lange
Theorien meidet, den Stoff ebenfalls nach praktischen Gesichtspunkten
einzelnen S3'mptomen unterordnet, aber doch wieder die einzelnen
Symptome für das therapeutische Handeln in Unterarten zerlegt, indem
durch Beigabe von Nebensymptomen gleichzeitig eine Art abgerundeter
Krankheitstypen geschaffen werden. Diese Litteraturprodukte flechten
überallhin vermittelnd einzelne Jahreszeitbemerkungen und ähnliches
ein, sie geben auch diätetische Verordnungen, welche mehr oder
weniger durch die Theorien der Zeit begründet werden. Sie fügen
aber auch empirische Rezepte an und zwar häufig zur Auswahl deren
mehrere. Im hippokratischen Corpus werden Schriften dieser Art der
knidischen Schule zugeschrieben. Aber auch Partien der ägyptischen
Papyri und der Keilschriftmedizin tragen diese Charakterzüge. Be-
sonders beachtenswert erscheint es mir, dass in allen drei Kulturen
gerade Krankheiten der abdominellen Verdauungsorgane in dieser
Weise behandelt werden. Ein grosses prognostisches Keilschriftwerk
mit knidischem Charakter muss später näher besprochen werden.
Sumerische Medizin des Zweistromiandes.
Einen Vorläufer der babylonisch-assyrischen Kultur bilden die
Sumerer. In vielen Punkten herrscht noch Unsicherheit, vor allem
über die geographische Bestimmung. Lebten die Sumerer in Babylonien
oder südöstlich in Elam oder müssen sie als ausländische (indische?
südwestliche ? iranische ?) Mutterkultur (wie China zu Japan) betrachtet
58 von Oefele.
werden? Nach den Untersuchungen Hommels gehört die Sprache der
Sumerer dem gleichen Stamme an, wie die Sprachen der Türken,
Finnen, Ungarn und Tataren. ^) Die sumerische Kultur des Zweistrom-
landes reicht angeblich ins vierte, vielleicht fünfte vorchristliche Jahr-
tausend zurück und ist nach der verbreitesten Ansicht, vor allem der
Assyriologen, älter als die älteste erschlossene Hieroglj^phenkultur
Aegyptens.
Wie später die Germanen nach Zertrümmerung des Kömerreiches
in Wissenschaft und Religion lateinisch schrieben, so hielt sich bei den
semitischen Babyloniern und Assyrern und selbst noch anfänglich bei
den arischen Persern eine sumerische Gelehrten spräche und die mehr
oder weniger veränderte sumerische Schrift. Die sumerische Schrift
war anfänglich eine Bilderschrift. In den ältesten erschlossenen
Formen sind die Bilder durch die Verwendung für Inschriften auf
Stein in Systeme von geraden Linien aufgelöst z. B. die Sonne O in <>.
Ursprünglich wurden diese Bilder in senkrechten von rechts nach links
auf einander folgenden Zeilen wie chinesische Schrift angeordnet.
Später wurden durch eine Vierteldrehung die Zeilen wagrecht von
links nach rechts laufend gestellt. Durch Verwendung von Lehmtafeln
und Griffeln bedingt beginnen die einzelnen Striche oben oder links
dick und enden unten oder rechts dünn (Keile). Obiges Sonnenbild
wird dadurch zu ^;I.
Dieses Schriftsystem, welches in Silben die semitische Sprache der
Babylonier und Assyrer, die arische Sprache der Perser und zeiten-
weise mehrere andere Sprachen von Indien bis zum mittelländischen
Meere fixierte, muss als Bilderschrift bezeichnet werden mit vielfach
sumerischer Benennung der Bilder als Grundlage der Lesung auch der
anderen Keilschriftsprachen.
Unter den Schriftzeichen sind Bilder von Körperteilen und andere
medizinische Begriffe reichlich vertreten; doch ist deren reale Form
selbst aus den archaischen Zeichen mit vieler Phantasie nur bei
den bekanntesten Gegenständen rekonstruierbar. Die Mammae, in
alter Schrift y, in späterer Schrift nach links umgelegt t3|||;^ diene
als Beispiel. Wie sehr aber bis in die spätesten Schriftperioden das
Bewusstsein vom Rebuscharakter der Schrift blieb, zeigt ^;[|| als L e i b ,
Herz, Magen, |{ als Sohn und die Kombination \:J[|f|| als
schwanger, schwängern oder gebären. Schon die letztere
Unsicherheit ergiebt die Schwierigkeit der Lesung medizinischer
Texte durch Nichtmediziner in dieser Rebusschrift, was einzelne Philo-
logen aber nicht zugestehen wollen.
Diese Schriftstücke sind, abgesehen von Steininschriften und Pris-
men, welche für die medizinische Litteratur nicht in Betracht kommen,
und wahrscheinlich vorhanden gewesenen, aber nicht bis heute erhaltenen
Schriften auf Schilfpapier oder Leder, Folgen von 'Lehmtafeln. Die-
selben wurden in Babylonien nur an der Sonne getrocknet und in
Assyrien gebrannt. Man schrieb die längsten Texte in eine Reihe
Thontafeln von gleicher Grösse und Gestalt und setzte an den Schluss
jeder derselben die Anfangszeile des folgenden als Custos. Ausserdem
erhielt der -Schluss der Tafel einen Bibliotheksvermerk, welcher die
^) In dieser Anschauung steht Hommel ziemlich vereinzelt.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 59
Nummer der Tafel in dem Werke und die ersten Worte des Werks
als dessen Titel enthielt
Da die Keilschrift grossen Inhalt auf kleinem Räume darstellt,
so ist die Zahl der Tafeln eines Werkes oder „Serie", wie man es zu
nennen pflegt, nicht sehr gross. Doch sind Werke bekannt, welche
bis zu 70 und 100 solcher Tafeln umfassen. Das assyrische Werk
„Wenn ein Beschwörer in das Haus eines Patienten geht" umfasst
19 Tafeln und das prognostische geburtshilfliche Buch „Wenn eine
Frau" mindestens 25 Tafeln.
Alle diese Tafeln sind nur in einzelnen Scherben erhalten und
bei 20000 solcher Stücke, z. B. aus der Bibliothek von Niniveh.
ist nur sehr teilweise Zusammengehöriges vereinigt. Unter diesen
Fragmenten sind bis jetzt 19 Stücke erkannt, welche bibliothekarischen
Listen entsprechen. Dabei wird die Serie „Wenn ein Neugeborenes"
in K 13280 und K 13818 erwähnt. Listen von Beschwörungstexten,
vielleicht therapeutischen Charakters, enthalten K 2832, Iv 3996 und
K 6961. Die Tafelanfänge zweier Serien prognostischer (medizinischer?
oder abergläubischer?) Texte enthält K 1352, Die erste Serie ent-
hält danach 14 Tafeln, von deren jeder die Zeilenzahl verzeichnet wird,
und die zweite Serie i? Tafeln. Ein Verzeichnis von Kapitelanfangen
therapeutischen Charakters enthält die Tafel 82 — 5 — 22,563.
Der belebte Körpei- besteht aus Seele und Leib. Der Sitz des Ver-
standes ist das Herz; daher ist „Geisteskrankheit" gleich „Verkehrtheit
des Herzens". Der Körper wird als Fleisch bezeichnet. Das Belebende
des Körpers ist in der hämatischen Physiologie dieser Kultur das Blut.
Das Centralorgan für das Blut ist aber die Leber. So treten „Herz
und Leber" unzählige Male bis in die späteste Keilschriftlitteratur
zusammengenannt als Seele und Leib auf, mehr prosaisch in der Brief-
litteratur steht dafür Herz und Fleisch. Das Centralorgan des
Willens ist das Ohr. Von der augenfälligen Thätigkeit anderer
Organe wie Hände, Füsse, Lippen, Augen etc. besassen die Sumerer
natürlich richtige Vorstellungen. Bei dem Interesse für das Blut
unterschieden sie arterielles und venöses Blut als Blut des Tages (?)
d. h. helles Blut und Blut der Nacht (?) d. h. dunkles Blut. Zum
Blut des Tages gehörte auch wohl das im Laufe eines Aderlasses sich
aufhellende Blut.
Auch hellrote Granulationen und nach einem Belege aus assyrischer
Zeit auch der Keparationspannus im Auge wurde als arterielles Blut
bezeichnet.
Dem ganzen Altertume entstammen die Träume aus dem Blute. In
dem hämatischen Zweistromlande sind daram die Träume als Ausfluss
des Lebensprinzipes Blut die ungetrübte Quintessenz des Lebens. Ueber-
all erfahren wir \^on Träumen. Der Traumdeuter ist darum eine hoch-
Tsassenschaftliche medizinische Person vergleichbar einem modernen
Nervenphysiologen. In der Bibliothek von Niniveh fanden sich 42 M
Tafelfragmente, welche sich auf die Deutung von Träumen bezogen.
Und hier setzte bei Bedarf eine vorbeugende Therapie ein, da auch
3 Tafeln erhalten sind mit Vorschriften gegen die Folgen übler Träume.
Arzt, Traumdeuter, Seher und Astrologe kann nicht strenge
^) Nach Bezold sind es viel mehr als 42 Fragmente ; nur sind sie nicht alle
als solche beweisbar, da die betreffenden Anfänge: ,,wenn er in einem Traume
sieht . . ." vielfach abgebrochen sind.
60 von Oefele.
aus einander gehalten werden. Der Arzt ist sinnbildlich geschrieben
„der Sohn des Wissens", der Seher „der gute Mann" abgesehen vom
Lautwert.
Der absichtlich abgewartete Tempeltraum als Grundlage des
therapeutischen Handelns, wie ihn die Hellenen anwandten, ist, so sehr
er dem Geiste des Zweistromlandes entspricht, bisher nicht erwiesen.
Grundbedingung der Fortdauer des Lebens ist die Erneuerung
des Blutes durch Trinken und vor allem durch Essen. So droht Istar
in der Unterwelt, dass sie die Toten wieder essen und dadurch leben
lassen werde. Die Atmung, welche in der ägyptischen Volksphysiologie
so oft betont wird, wird im Zweistromlande kaum erwähnt.
Ob in der Zwischenzeit bis zur Begründung der Universität
Niniveh einmal ein System Wechsel stattgefunden hatte, oder ob afri-
kanische Medizin importiert worden war, ist unbestimmbar. Meist
sind ja Beschwörungstexte viel konservativer als Eezepttherapie. Aber
in der Serie von der Kolik humoral-pathologischen Charakters ist
eine pneumatische Windbeschwörung erhalten; ausserdem ist eine
pneumatische Augenbeschwörung in Keilschrift erhalten. Dann betet
K 256 der Babylonier : „Gott, mein Schöpfer, meine Arme ergreife (?);
den Atem (miisü)/) meines Mundes leite; meine Hände leite! 0 Herr
des Lichtes!"
Geleugnet wurde übrigens die Lebenswichtigkeit der Atmung auch
vom Humoralpathologen nicht. Die Atmung war ihm nur sekundäre
Funktion. Auch dem Humoralpathologen waren Arterie, Vene, Nerv
und Sehne, wie dem ganzen Altertume ein einziges System. Was der
Römer nervus. der Grieche (pleip, der Hebräer gid und der Aegypter
MOTT nennt, ist im Zweistromlande mfsritu oder buanu.
Die Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal lieferte eine Reihe
sumerischer Texte, teilweise mit gleichzeitiger interlinearer assyrischer
Uebersetzung, darunter viele Krankenbeschwörungen d. h. Vorschriften
zu symbolischen gottesdienstlichen Handlungen verbunden mit Gebeten.
Z. B. Es wird eine Zwiebel entschält, eine Dattelrispe entbeert, ein
Blumenstrauss (?) aufgelöst und ein Wollbausch zerzupft und die Ab-
fälle davon jedesmal dem Feuer übergeben mit dem wiederholten
Wunsche, dass ein Gott in gleicher Weise gründlich die Krankheit
vernichten möge. In einem anderen Falle wird der Patient gefesselt
und dann seine Fesseln unter Gebeten wieder gelöst, damit der Patient
gleicherweise von den Fesseln der Krankheit erlöst werde. Oder es
wird Getreide oder Getreideschrot ausgestreut und wieder weggekehrt.
Auch einfachere hymnenartige Gebete um Befreiung von Bauchschmerz
und Kopfschmerz finden sich. In denselben sind vielfach rationelle
therapeutische Massnahmen erwähnt, wie nasse Umschläge und ähn-
liches.
Diese symbolischen Handlungen bildeten sich in der späteren
semitischen Kultur und bei deren Schülern d. h. den Aegyptern am
Ende des neuen Reiches und in demotischer Zeit zur 'Zaubermedizin um.
In der sumerischen Kultur blühten die Naturwissenschaften, vor
allem Astronomie, Zoologie, Botanik und Mineralogie, so dass die
folgende semitische Kultur ihre termini technici der Naturwissen-
schaften aus der sumerischen Sprache wählte.
^) musu = das was herausgeht (?), nach Delitzsch Handwh.: die Eein-
erhaltunä:.
Vorhippokratische iledizin Westasiens, Aegyptens and der mediterranen Vorarier. 61
Neben der Dattel sind Zwiebel und Lauch (nicht aber Knoblauch!)
wichtige Xahrung:smittel, welch erstere nach einem Sprichwort als
Diätetikum und Prophjiaktikum gegen Leibschmerzen verwendet
werden. Gerste ist Brotfurcht und Sesam die Oelfrucht. Der Bier-
(Kwass)genuss war stark verbreitet.
Die Massage ohne Oel (Sesamöl) wird als zwecklose Handlung
bezeichnet.
Mesopotamien war seit ältester Zeit das Ursprungsland des Asphalt-
exportes, welcher schon in der ältesten ägyptischen Medizin als Pro-
dukt von Südmesopotamien als Pflastergrundlage Verwendung findet.
In Asien fand Asphalt auch interne Verwendung.
Sumerische medizinische Texte, ausgenommen die erwähnten Be-
schwörungstexte sind in der Bibliothek des Assurbanipal nicht er-
weislich. Was aus den Bibliotheken von Telloh und anderen Samm-
lungen erwartet werden kann, lässt sich nicht überblicken. Durch
die Freundlichkeit von S c h e i 1 erhielt ich die Uebersetzung eines alten
humoralpathologischen Keilschrifttextes, welcher aus Niffer stammt und
in Konstantinopel als Nr. 583 aufbewahrt wird.
Noch vor das Jahr 2000, also vor die babylonisch-semitische Zeit,
ist der Siegelcylinder des Edinmugi (alias Inaserisumukin) mit dem
Herrn L u g a 1 e d i n a (alias Belseri) anzusetzen. Zehnpfund schreibt
das Siegel der Zeit Gudeas (circa 3300) zu. . An bildlichen Darstel-
lungen enthält es den Gott der Heilkunde Ninip (oder Adar) mit
charakteristischer Kopfbedeckung und Kaunakesgewand. Der Gott
hält einen gerundeten Schröpfkopf; zwei andere sind auf Säulen
postiert. Dazwischen ist eine Doppelpeitsche dargestellt, welche zwei
Krumm bolzen an den Schnurenden trägt und zum Schlagen von
Schröpfwunden benützt wurde. Der zweite Name des Cylinders ist
als Arzt bezeichnet und muss als freier Priester gedeutet werden.
Der Träger des ersten Namens nennt sich in zwei Ausdrücken als
Sklave des Arztes und bezeichnet sich als Skarifikator, Schröpfkopf-
setzer und Pflasterleger. Es ist also der Chirurge schon hier getrennt
und untergeordnet dem Internisten.
Alle Handwerker und Gewerbetreibenden waren in Babylonien
bis spät in die Seleucidenzeit Sklaven. Es entspricht dem sonstigen
Bilde babylonischer Leibeigenschaft, dass der freie priesterliche Arzt
Lugaledin sich einen eigenen Sklaven als Bader hielt für Han-
tierungen, welche ihm als Priester zu respektwidrig erschienen. Den
Honoraren für Schröpfen etc. gegenüber huldigte er der Praxis: non
ölet. Der Bader erhält dafür von seinem Herrn Wohnung, Kleidung
und Unterhalt und durfte sich Nebenverdienste verschaffen, auch wohl
den in Keilschrift belegbaren, sogar quittierten Bakschisch. Dass der
Sklave Edinmugi selbst Privatbesitz haben durfte, zeigt gerade der
Besitz des gefundenen Privatsiegels.
Von philologischer Seite wird vielfach die Lesung des Siegels an-
gezweifelt, dagegen aber nicht, dass die eine Person mit dem Standes-
namen als Arzt bezeichnet ist.
Vorarische Medizin Indiens.
Die Sanskritmedizin ist in einem anderen Abschnitte behandelt.
So umstritten die Chronologie der Sanskritmedizin ist, so kann in der
Zeit der sumerischen Kultur Mesopotamiens noch nicht von einer
(32 von Oefele.
arischen Kultur Indiens die Rede sein. Die Drawidavölker werden als
die Reste der vorarischen Kulturvölker betrachtet. Von Flow er
werden die Drawida zu der kaukasischen Rasse gerechnet, von Huxley
aber mit den Bewohnern Australiens und den alten Aegyptern aus
anatomischen Gründen zu einer besonderen australoiden Rasse ver-
einigt.
Auch die Behandlung der modernen Drawidamedizin ist Sache
eines anderen Bearbeiters. Für die grosse vorhippokratische Kultur-
gemeinschaft, welche ausser Mesopotamien und Aegypten auch Indien
umfasste, und die zugehörige Geschichte der Medizin liefert also In-
dien keinen Beitrag. Der älteste Hinweis auf indische Medizin ist
mir in einer brieflichen Mitteilung von W. Max. Müller aus einem
demotischen Papyrus bekannt, welcher bei der Droge Magneteisenstein
ausdrücklich Indien als Ursprungsland anführt (stammt aber nach
Müller erst von circa 200 n. Chr.).
Zur Zeit Ibn elBeithars und der übrigen berühmten arabischen
Aerzte werden die alterprobten östlichen Drogen als indisch bezeichnet
und darunter indisches, iranisches und mesopotamisches Lehngut der
Pharmakotherapie vermengt.
Im Norden und Osten Indiens giebt es heute Reste alter Kulturen
in Siam, Tibet und den angrenzenden Ländern. Nördlich davon finden
sich Stammsitze von einer Reihe zusammengehöriger Sprachen. Die
altindische Medizin scheint gleich der ägyptischen einen pneumatischen
Charakter besessen zu haben.
Auch die tibetische Medizin enthält nach der neuerlichen Be-
arbeitung von Lauf er viel pneumatisches Erbgut.
Medizin der alten Nubischen Völker.
Atavismen der ägyptischen Königs- und Priestertracht zeigen nahe
Beziehungen zu den Jägervölkern des Obernil aus der Steinzeit. Die
Haustiere, welche aus Nubien stammen, besitzen schon die alten
Aegypter, während wir jene aus anderen Ländern (z. B. Hühner,
Pferde, Kamel) vermissen. Ibis, Papyrusstaude und anderes wird halb-
domestiziert aus Nubien (?) in Aegypten eingebürgert. Reger Verkehr
zwischen Nubischen Völkern und Aegyptern blieb bestehen. Beide
besitzen eine Vorliebe für alkoholische Exzesse. Um eine gesteigerte
Wirkung hervorzubringen, griifen die Nubavölker zu narkotischen
Solaneengiften, speziell zu Mandragorafrüchten. In altägyptischer
Göttersage werden aus Nubien importierte Mandragorafrüchte in Bier
einer Göttin zur Lähmung bei ihrem Rachewerke gereicht mit exakter
Beschreibung der Atropinwirkung. Die Göttin wird nämlich berauscht,
ihre Augen glänzen und sie kann nach Sonnenaufgang nicht mehr
sehen.
Der Aussatz, altägyptisch wahrscheinlich die Krokodilkrankheit,
koptisch ebros (= slecpavTiaoig) erscheint in spätägyptischer Auf-
fassung als Gabe der Nubischen Länder.
Medizin der Götterländer und Weihrauchländer.
Die kulturellen Anfänge Aegyptens weisen nach Oberägypten
aber mit dem Ursprünge von den Küsten des roten Meeres. Hier
liegen die Götterländer und die Ursprungsländer der ursprünglichen
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Voraiier. 63
Käuchermittel. Im neuen Keiche sind diese Weihrauchländer durch das
Auftauchen wertvoller, aber südlicher Eäuchermittel in Negergebieten
näher bestimmbar. Das ursprüngliche Götterland, also prosaisch aus-
gedrückt Stammland der Kultur der Aegypter, liegt diesseits des roten
Sieeres. Dorthin richtet der Aegypter seine Blicke, ob er die auf-
gehende Sonne anbetet oder ob er für Krankheitsfälle Arzneidrogen
benötigt. Die Küsten des roten Meeres sind nach Herodot auch die
Stamraländer der späteren Phöniker.
Für die Drogen jener Gegend scheint eine Vorliebe zum Rösten
zu bestehen, wie ja wir heute noch unsere Coffea arabica rösten. Die
Rezeptvorschriften wimmeln bis in das Mittelalter von solchen ge-
rösteten Drogen aus Tier-, Pflanzen- und Mineralreich. Diese Drogen-
röstungen, welchen wir noch mehrfach begegnen, stammen wohl aus
den Drogenländern der Küsten des roten Meeres.
Auch Balsam, Weihrauch und ähnliche aromatische Drogen kamen
entweder von diesen Ländern oder wurden, soweit sie noch östlicheren
Ursprungs waren, hier umgeschlagen. Enge sind diese Länder in der
Geschichte der Medizin mit Altägypten zu vereinen, da diese wenigen
sicheren Spuren doch schon deutliches Gepräge einer pneumatischen
Auffassung der Medizin ergeben.
Auch das Schminken der Augen d. h. die präservative Behandlung
von Conjunctivitis blieb nach W. Max. Müller bei den Völkern der
Küste des roten Meeres am längsten erhalten (entogen?).
Neuerlich werden auch Inschriften aus Südarabien beschafft und
ausgegraben. Die Einzelheiten sind noch vielfach umstritten. Aus
dem schwer zugänglichen Materiale ist nach Wincklers Nachweis
der vielfachen Verwechselung durch Namensähnlichkeit von Südarabien
und Aegypten in den altorientalischen Sprachen soviel ersichtlich, dass
in Südarabien ausser vielen kleineren Stämmen etc. zwei grössere
Kulturreiche und zwar das minäische und das sabäische erweislich
sind. Weber setzt das minäische von mindestens 1350 (?) bis 750 (?) an.
Während das sabäische Reich von da ab bis zur entsprechenden Aus-
breitung des Röraerreiches blühte. Aus dem minäischen Reiche sind
durch Inschriften bis jetzt schon 25 bis 29 Königsnamen bekannt, was
wohl auf ein noch viel höheres Alter des minäischen Reiches schliessen
lässt. Die erhaltenen Inschriften sind zum Teil Weihinschriften reicher
Kaufleute nach glücklichen Handelsexpeditionen. Darunter scheint
der Arzneidrogenhandel nach dem Nordwesten eine wichtige Rolle von
den ältesten Slinäerzeiten bis in klassische Zeiten gespielt zu haben.
Medizin der alten Nordwestafrikaner.
Wiedemann macht wahrscheinlich, dass schon in der ersten
Dynastie unter Menes Aegypten kriegerische Verwicklungen mit den
Libyern gehabt habe, den seit der 6. Dynastie Temhu genannten Völkern,
Die „Paletten" etc. aus der 1. Dynastie zeigen Kämpfe mit Libyern.
In der 12. Dynastie in Beni Hasan erscheinen die Libyer als
Hirten. Als Söldner sind sie zuerst bei Hatschepsut nachweisbar.
In der 19. und 20. Dynastie bilden diese Völker die Söldnerheere
der Aegypter und werden so einflussreich, dass die Zeit von 1100 bis
700 als libysche Zeit bezeichnet wird und dass um 950 Herrscher
libyscher Herkunft als 22. Dynastie den ägyptischen Königsthron an
sich reissen.
64 von Oefele.
Von den empirisch-medizinischen Kenntnissen dieser Völker aus
jenen Zeiten wissen wir bis jetzt nichts.
Bei den Libyern sind Trepanierungen der Schädel erwiesen, ein
Gebrauch, welcher auch bei den Ureinwohnern der Canarien bekannt
ist und wohl durch ganz Nordafrika verbreitet war.
Durch die trojanische Völkerwanderung erscheinen in jenen Ge-
bieten immer wieder neue Völker und Herodot zählt uns in jenen
Gebieten ein unentwirrbar Völkergewirre auf. Die Kyrenaika tritt
durch die Kolonisation der Griechen und die heutigen nordafrikanischen
Raubstaaten durch die Kolonisation von Karthago aus in die abend-
ländische Kultur und damit später in die Kulturmedizin ein. Die
neueren Ausgrabungen in Karthago ergeben eine starke Anlehnung an
ägyptische Kultur. In der klassischen Zeit ist die KjTenaika und
Karthago bekannt durch Handel mit Arzneidrogen, so dass dieser seit
älteren Zeiten bestanden haben wird.
Krankheit des Sonnengottes in Aegypten,
Vor den ersten menschlichen Königen wandelten nach ägyptischem
Mythus die Götter unter den Menschen und herrschten über diese.
So wurde auch der Sonnengott Re alt und gebrechlich als König und
wird als kachektisch beschrieben. Die Schlange oder der Wurm als
Krankheitsursache der alternden Abendsonne wird zum Feinde des Re
und damit zum Bringer alles Uebels und der Krankheiten. Dass wir
unter diesen Würmern neben Schlangen und echten Würmern auch
Dipterenlarven zu verstehen haben, zeigt unter anderem ein späteres
Gebet : „Befreie du ihn von den Würmern, welche in Restao (Jenseits)
sind und welche leben auf den Körpern von Männern und Weibern
und welche sich nähren von ihrem Blute."
Die belebte Krankheitsursache, welche von der Ferse aus den
Sonnengott infiziert, wird von Isis aus dessen eigenem Sputum bereitet
und muss als sagenhafte Ausgestaltung der Beherbergung des Guinea-
w^urmes aufgefasst werden.
In die Regierung des Sonnengottes setzt man auch die Berauschung
der Göttin Sechmet mit Bier, das mit Mandragora versetzt ist.
Kranl<lieiten der Osirisfamilie in Aegypten.
Der Aerztegott der Aegypter ist Thout; er ist wie der Aerzte-
gott des Zweistromlandes der ältesten Zeit gleichzeitig Mondgott.
Schutzgötter der Entbindung sind Bes und Epet.
Isis in den Sümpfen des Delta soll eine Phlegmone der Mamma
überstanden haben nach der Geburt der Götter Su und Tefnut.
Eine Reihe von Krankheiten sollte Horus, der Sohn des Osiris,
überstehen. Als er mit seiner Mutter Isis vor Set in diese Sümpfe
geflohen war, erkrankte er an sehr gefährlichen Skorpionstichen. Ein
andermal machte er nach dem Londoner Papyrtfs eine Dysenterie
durch. Aus dem Pap5Tus Ebers und einem koptischen Zauberspruche
erfahren wir, dass die hierzu gehörigen Leibschmerzen auf einem
Wüstenberge begannen. Zur Besserung seines körperlichen Wohl-
befindens trug es sicherlich auch nicht bei, dass Set den Horus trotz
der naiv beschriebenen Enge des anus doch per anum coitieren wollte.
Später im Entscheidungskampfe mit Set verlor Horus ein Auge und
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 65
Set seine Hoden. Das Auge des Horus wurde in Heliopolis wieder
geheilt. Solche Krankheiten zu erwähnen war speciell in magischen
Formeln für Krankheitsbehandlungen beliebt.
Nach der Mythe sind in dieser Zeit auch alle Vorlagen für die
späteren Medizinbücher vom Aerztegott Thout verfasst und eigen-
händig geschrieben.
Nagadaperiode in Aegypten.
Mariette hoffte im Laufe gründlicherer Ausgrabungen auch
Denkmäler der Schemsu-Hor, der sagenhaften Vorgänger des Menes,
zu finden, der Heroen der ägj'ptischen Geschichte, welche sich nach
der Tradition zwischen göttliche und menschliche Dynastien einfügen.
Ebers bezeichnet dies 1880 noch als Mangel an Kritik. Jetzt sind
Ausgrabungsergebnisse in der Zwischenzeit jener Epoche näher gerückt.
Allerdings eine Geschichte der Medizin jener Zeiten giebt es einst-
weilen noch nicht. Siehe Seite 69 ersten Abschnitt!
Sie balsamierten ihre Toten nicht, sondern begruben dieselben in
ganz bestimmter Körperhaltung. Man findet bei ihnen eine grüne
Malachitfarbe, welche wohl als Augenschminke gedient hat, wie in
späteren Zeiten die schwarzen Kollyrien. In der präservativen Augen-,
behandlung gehen also die Kupferpräparate den Bleipräparaten voraus.
Ausserdem sind Paletten aus Schiefer gefunden, welche zum Verreiben
der Malachitschminke dienten.
Die drei ersten Dynastien Aegyptens.
Zwischen Mythe und Geschichte stehen die drei ersten Dynastien
Aegyptens. Die Könige und ihre Reihenfolge allerdings mit vielen
Varianten und Auslassungen und mit variierenden Angaben über
ihre Regierungsjahre sind in drei Listen erhalten. Die Nagadaperiode
reicht bis in die 3. Dynastie und entspricht als Grundlage den un-
zweifelhaften Anachronismen der späteren Berichte ägyptischer und
vor allem ausserägyptischer Quellen.
Menes wird als Begründer der ersten ägyptischen Königsdynastie
von der Tradition genannt. Dessen Sohn und Nachfolger Athotis
{äg. Teti) war nach Manetho Arzt und hat anatomische Bücher ver-
fasst. Vielleicht wird damit Itath der 3. König der 1. Dynastie oder
Teti der 3. Dynastie der Verfasser, der unter Chasty (fälschlich
Usaphais) gefundenen Bücher bezeichnet. Diese Abfassung durch einen
König ist nach W. Max Müller volksetymologische Verwechselung
mit dem Berichte der Abfassung durch den Gott Thout
.angeblich unter Chasty, dem 5. König der 1. Dynastie, ist nach
Pap. Ebers 103, 1 und Pap. Brugsch 15, 1 die Lufthaltigkeit der
Leichenarterien und die Bluthaltigkeit der Venen gefunden worden.
Erster Schritt zur pneumatischen Dogmatik in der Medizin.
Nach seinem Tode gelangt an Sendi (gr. Sethenes), den 5. König
der 2. Dynastie, diese anatomisch-physiologische Schrift. Offizielle An-
erkennung der Pneumalehre und der Scheidung von Arterien und
Venen.
Zoser Sa (gr. Tosorthos Asklepios), 3. Dynastie, erhielt nach
Manetho wegen seiner ärztlichen Praxis den mit Asklepios übersetzten
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. ^
66 von Oefele.
Beinamen V sa (Heiler), der als 'i^^ (göttlicher Arzt) in seinem
Horusnamen erhalten ist. Da er in Memphis residierte, möchte
Brugsch für ihn den Beinamen Imhotep (gr. Imuthes) rekonstruieren.
Von seinem 12. bis 18. Kegierungsjahre herrschte in Aegypten wegen
ungenügender Nilüberschwemmungen Hungersnot. Er lässt angeblich
durch eine Forschungsexpedition nach den Nilquellen suchen.
Sein Nachfolger Zoser Teti, beigenannt: „Geliebt von Ptah",
teilt mit einem König der 1. und 6. Dynastie den Namen Teti. Die
Mutter eines dieser Könige Sehe seh benützt nach Pap. Ebers 66,15
das älteste Haarwuchsrezept, dessen Drogen schon unter herme-
tischen Geheimnamen versteckt werden.
König Naramsin [in Babylonien].
Sargon I. von Agade und sein Sohn Naramsin herrschten um 3750 ^)
(Nabonid's Datierung). Für die späteren Babylonier ist dies die
klassische Zeit der Wissenschaft. Die gefundenen Kunstprodukte er-
geben ebenfalls von da ab für später einen ständigen Rückgang. Sein
Reich reichte vom persischen Meerbusen bis an das mittelländische
Meer. Ein grosses astronomisches Werk, welches bis zur griechischen
Eroberung in Babylonien grundlegend blieb, soll Sargon I. haben zu-
sammenstellen lassen. Aus seiner und seines Sohnes Zeit stammen
auch die astrologischen Sterndeutungen und andere Vorhersagen.
Die Bibliothek von Niniveh liefert uns in der späteren Zeit einen
Einblick (K 3041), dass nicht nur ganze Serien d. h. zusammenhängende
Werke für Niniveh aus babylonischen Quellen abgeschrieben wurden,
sondern dass die Kopie selbst auf die Uebersichtstafel d. h. Inhalts-
verzeichnis und Bibliothekskatalog einer 16-Tafelserie sich erstreckte.
Darnach ist auch ein Vermerk von K 5988 und K 10244 sehr glaub-
würdig, dass die meist abergläubischen Geburtsprognostica auf Naramsin
zurückgehen. Was der Babylonier hier für möglich hielt, ergeben
folgende Beispiele:
„Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das Löwenohren hat, so wird
ein starker König im Lande sein. Wenn eine Frau ein Kind gebiert,
dem das rechte Ohr fehlt, so werden die Tage des Fürsten lang sein.
Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem beide Ohren fehlen, so bringt
es Trauer ins Land und das Land wird verkleinert. Wenn eine Frau
ein Kind gebiert, dessen rechtes Ohr zu klein ist, so wird des Mannes
Haus zerstört werden. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das einen
Vogelschnabel hat, so wird das Land im Frieden bleiben. Wenn eine
Frau ein Kind ohne Mund gebiert, so muss die Herrin im Hause
sterben. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem die Finger der
rechten Hand fehlen, so wird der Herrscher von seinen Feinden ge-
fangen werden. Wenn ein Schaf einen Löwen gebiert, werden die
Walfen des Königs siegreich sein und der König "wird seinesgleichen
nicht haben" etc.
In babylonischer Schrift (und Sprache) sind abgefasst 79 — 7—8,
127; K 1930. In den übrigen hierher gehörigen Texten ist meist
assyrischer Text und assyrische Schrift in den erhaltenen Kopien ein-
gesetzt. Der ganze Stoff ist in spätassyrischer, aber doch wohl auch
^) Diese Jahreszahl wird fast allgemein als altes Falsifikat verworfen und der
König von Winckler viel später angesetzt.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 67
schon in dieser Zeit, sj^stematiscli in einer Serie von mindestens
25 Tafeln zum Nachschlagen geordnet. Solche Tafeln handeln vom
Löwenauge, Löwenohr, Löwenschaf, Löwenhaupt, Doppellöwenhaupt,
Augenfarbe, Ohren, Nase, Haar etc. des Neugeborenen, Stutengeburt,
Hundsgeburt, Gazellengeburt. Wie weit es sich hier um Ausgeburt
wilder Phantasie oder um termini technici im Sinne unserer modernen
„Hasenscharte" handelt, entzieht sich momentan noch der Beurteilung
Slanche Texte scheinen von objektiv beobachteten Totgeburten,
Missgeburten und Zwillingsgeburten zu handeln. Sehr ominös waren
Missgeburten königlicher Weiber.
Nicht zu trennen von diesen Texten sind gegenwärtig Angaben
über die physiognomische Aehnlichkeit von Menschengesichtern mit
gewissen Tiergesichtern. Hier können sich momentan noch unentwirr-
bar Texte gleichgestellt finden, von denen die einen den unsinnigsten
Aberglauben widerspiegeln, während die anderen ganz naturgetreue Be-
obachtungen über den Zusammenhang von Physiognomie, Volkstypus
und Charakteranlagen bringen. Ebensowenig kann in der späteren
assyrischen Gynäkologie (K 9614) die Prognose des Todes im Kindbett
für eine Schwangere als nüchtern oder als abergläubisch gegenwärtig
festgestellt werden. Wie die Zeiten von Sargon und Naramsin neben
genauen astronomischen Beobachtungen der Astrologie huldigten, so.
wird in der Serie „wenn eine Frau" bald der Eindruck des Aberglaubens
bald derjenige objektiver Naturbeobachtung auf den ersten Blick her-
vorgerufen. Meist muss aber der Entscheid bei der heutigen Kenntnis
noch fraglich bleiben.
Für manchen Aberglauben ist die Entstehung erklärlich. Das
babylonische Religionssystem war auf dem Sternendienste aufgebaut.
Die Astrologie stellte also nur die Beziehungen einerseits zwischen
Makrokosmos und Mikrokosmos, andererseits zwischen Göttern und
Menschen her. Wir finden so im babylonischen Geiste noch bis in
das Mittelalter die einzelnen Körperregionen unter der Regierung je
eines Zeichen des Tierkreises. Nichts ist natürlicher als auf diesen
Körperteil einzuwirken, wenn das regierende Sternbild im Osten be-
ginnt sich zu erheben. Ein Carminativum wird darum beim Aufgang
des Ziegensternes (K 191) gereicht, also am 1. Juli um 6 Uhr abends,
am 1. August um 4 Uhr abends, am 1. September um 2 Uhr nach-
mittags etc., da der Ziegenstern dem Anus vorsteht^)
Ein Jahrhundert vor Samsibin's Gründung von Assyrien fällt diese
Blütezeit Sargon's L, dessen bevorzugte Universitäts- und Bibliotheks-
stadt Uruk (Erech) war, das neben Borsippa noch in Griechenzeiten
als Aerzteschule genannt wird.
Nach Lehmann ist Sargon I. erst 1980 anzusetzen. Ich habe
darum Babylon, soweit nicht der Name Naramsin in Betracht kommt,
erst später eingefügt.
Str ab 0 berichtet uns von einer gewissen eifersüchtigen Konkurrenz
dieser alten Universitäten, welche sich in Sektenbildung kenntlich
machte. Wenn wir darum auf medizinischem Gebiete später in Assyrien
eklektische Kompilationen mit vorknidischer Pharmakotherapie und
pneumatischer Theurgie finden, so entstammen die einzelnen Teile
wohl diesen alten Sektenschulen.
^) So verstehe wenigstens ich, nicht unwidersprochen, eine Stelle der mir von
Küchler zur Einsicht mitgeteilten Texte.
5*
QQ vonOefele.
Aegyptische Medizin der Pyramidenzeit.
S n 0 f r u , 1. König der 4. Dynastie, erster König im vollen Lichte
der Geschichte. Er leidet nach doppelten Quellen an Impotentia coeundi,
jenem im Orient noch heute so häufigen Uebel, die ein Obervorlese-
priester durch den Anblick eines scheinbaren Massencoitus behandelt.
Zu seiner Zeit ist die Einbalsamierung der Leichen noch nicht all-
gemeiner Gebrauch. Unter den einfach bestatteten Leichen in der
Nähe seiner Grabpyramide finden sich zahlreiche Skelette mit Ver-
letzungen. Nach Wiedemann fehlt dem einen Toten ein Bein, dem
zweiten ein Arm, der dritte hat ein paar Zähne verloren, welche neben
der Leiche beigesetzt sind u. s. f. Bei den Männern ohne Arm und
Bein finden sich an den Stümpfen keinerlei Spuren eines Heilungs-
prozesses, so dass die Verletzung dem Tode kurz vorangegangen sein
muss. Es handelt sich wohl um Betriebsunfälle beim Bau der Grab-
pyramide. Grösseren Verletzungen gegenüber zeigt sich hier auch
die altägyptische Medizin resp. Chirurgie ohnmächtig. In jenen Zeiten
sind zweckmässige Nachoperationen solcher Unfallamputationen und
die Blutstillung verletzter Arterien noch unbekannt.
In seiner Zeit und bis in die 5. Dynastie ist die Zerstückelung
der Leiche beim 1. oder 2. Begräbnis gebräuchlich. Bei letzterem
wird das Fleisch von den Skelettteilen geschabt. Es ist eine Nach-
ahmung des Osiris'schen Sonnenmj^thus. Der Gebrauch selbst ergab
den Höhepunkt allgemeiner menschlicher Anatomie, dem gegenüber die
Zeit der Einbalsamierung schon einen ersten Eückschritt und die
spätere abendländische Scheu vor Leichenverletzungen einen Tief-
punkt darstellt.
Das spätere Wort für Arzt ist schon in der Pyramidenzeit er-
weislich und besitzt die spezielle Bedeutung „Salber".
Unter Chufu (Cheops) dem Pyramidenerbauer (4. Dyn.) sind die
heiligen Schriften des Thout, also die philosophischen und ärztlichen
Bücher, unauffindbar (Pap. Westcar) in die Hände einer Sonnenpriester-
'familie, Begründer der 5. Dynastie, übergegangen. Ein Abschnitt des
* circa 1000 v. Chr. niedergeschriebenen Papyrus in London will im
Original unter Chufu gefunden sein. Ein Märchen beschreibt unter
seiner Regierung vielleicht mit Anachronismen eine göttliche Drillings-
geburt mit Glückshauben, periodeutischer vierfacher Hebammenhilfe
und minimalem Hebammenhonorar in Naturalien (Gerste). Unter Chufu
bestehen schon Handelsbeziehungen mit den Weihrauchländern des
Südosten, also ausländischer Drogenhandel.
Des Pyramidenerbauers Chafre Gemahlin M e r i s a n c h ist Ober-
priesterin des Aerztegottes Thout, also vielleicht wie später Cleopatra
Aerztin (?).
König Sahure der 5. Dyn. ehrt seinen Oberarzt Sechmetnaeanch
durch eine kostbare Blendthüre, die unter den Augen des Königs von
dessen eigenen Künstlern gemeisselt und mit Lapislazulifarbe bemalt
w^urde. Nach der übrigen bescheidenen Grabeinrichtung lebte dieser
Oberarzt aber in dürftigen Verhältnissen. Aus dem Titel Oberarzt
ersehen wir, dass schon im alten Reiche der Aerztestand hierarchisch
organisiert war (Capart).
Andere Aerztenamen der ägyptischen älteren Zeiten war mir
einstweilen nicht möglich zu finden. In den Nagadafunden ist Iwch
Vorhippokratisclie Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 69
auf dem Fragmente einer Alabastervase mit einer Standesbezeichnung
notiert, welche nach Griffith vielleicht (?) als Arzt gelesen werden
kann (1. oder 2. Dyn.).
Unter König Assi der 6. Dyn. soll der Pap. Prisse, das älteste
Buch mit Sittenregeln verfasst sein. Er enthält am Anfange eine
lange mit guten medizinischen Details ausgestattete Beschreibung der
Altersschwäche.
Wenn aus der Pyramidenzeit bisher keine medizinischen Texte
gefunden sind, so datieren sich doch bis zum Jahre 1000 mindestens
alle gefundenen medizinischen Texte auf die Pyramidenzeit zurück.
Die Sprache dieser Texte ist eine relativ einheitliche. Bei der er-
wiesenen geringen philologischen Veranlagung der alten Aegypter war
die Abfassung grösserer Texte in der Sprache einer ausgestorbenen
Periode unmöglich. Es läge also nahe anzunehmen, dass alle medi-
zinischen Texte des mittleren und neuen Eeiches auf Vorlagen der
Pyramidenzeit zurückgehen. Nach W. Max Müller entspricht aber
die Sprache der medizinischen Texte der Kunstsprache des mittleren
Reiches, so dass für obige Zusammenstellung einer Medizin der Pyra-
midenzeit fast durchgehends ]\Iärchen etc. benützt werden mussten
mit der Unsicherheit, welche solchen Quellen anhaftet.
Der 1. König der 6. Dyn. soll nach W. Max Müller aus Ele-
fantine stammen und mit Negersöldnern Aegypten usurpiert haben,
sicherlich nicht ohne Einfluss auf die Aufnahme medizinischer Neger-
empirie aus dem Süden. Alle sich selbst datierenden Stücke medi-
zinischer Papyri sind aber angeblich älter als dieser Eroberer.
Babylonische Medizin.
Als ältestes semitisches Reich erscheinen neben anderen südlichen
Stadtkönigreichen (siehe Agade) die Babylonier. Wie alle landfremden
Eroberer nennen sich diese Semiten die Befreier von 300 jähriger Fremd-
herrschaft der Elamiten (2280—1980, nach anderen 2430—2130) und
ihrer Könige Kudur-Nanchundi, Kudur-Mabuk etc. über Babylon. Ab-
gesehen von den Stadtkönigreichen von Ur etc., welche bis jetzt fast
keine medizinische Ausbeute (siehe Edinmugi) liefern, und den Texten
Naramsin's, gehen von den erhaltenen Texten nur Legenden wie das
Gilgamisepos auf jene ältesten semitischen Zeiten und ihre Vorkulturen
zurück, aber bis jetzt keine spezifisch medizinischen Texte.
Gilgamis ist jener alte Heros, dessen Löwenerwürgung in einen
Siegelcylinder („medischen Stein") gegraben, unter dem hellenisierten
Namen Herakles, noch der christliche Byzantinerarzt Alexander
von Tralles als Amulet gegen Kolik tragen lässt.
Später rühmen sich diese Zeiten in historischen Texten, die Wissen-
schaften und damit die Medizin von ihrer Vorkultur entlehnt zu haben.
Die hämatischen Grundanschauungen der sumerischen Medizin gelten
auch für diesen Abschnitt.
Wissenschaft und Medizin befindet sich in den Händen einer
mächtigen Priesterschaft. Anfänglich steht als Schule noch die alte
Priesterstadt Erech (Uruk, Warka) im Vordergrund. Wie aber
politisch Babylon immer mehr die einzig genannte Stadt Südmeso-
potamiens wurde, zog sich der wissenschaftliche und medizinische
Schwerpunkt auch mehr in dessen Gebiet, nach Borsippa (Birs Nimrud).
Die Grundlage der babylonisch-assyrischen Religion bilden doppelte
70 von Oefele.
Göttertriaden, erweitert zu zwölfgliedrigen Götterkreisen. An die
Spitze tritt der jeweilige Stadtgott, bald mit mehr henotlieistischerj
bald mit mehr polytheistischer Betonung, je nachdem der Reichseinheit
auch die Gotteseinheit des hauptstädtischen Obergottes mit den nur
nominell davon dilferen zierten henotheistischen Göttern der übrigen
Städte oder ein vielgliederiges Pantheon mit den unterschiedenen Stadt-
göttern nach Rang und Würde der respektiven Städte oder Priester-
kollegien entsprach. Darnach wechseln auch vielfach die Aerztegötter.
Der Dreiteilung von Himmel, Erde und Meer entsprechen die
Götter Anu, Bei und Ea. Daneben steht die siderische Götterdreiheit
Samas (Sonne), Sin (Mond) und die Göttin Istar. Gott Bei giebt Regen
und Fruchtbarkeit, aber auch Unheil als Sündenstrafe. Gott Ea ist
Gott der unergründlichen Weisheit. Der älteste Aerztegott des Südens
ist Sin, wie der Mondgott auch in anderen Ländern. Darum dürfen
manche Drogen der Keilschriftmedizin das Gesicht der Sonne nicht
gesehen haben. Diese internationale atavistische Vorschrift verbietet
darum bis in die moderne Pharmacie vielfach die Drogentrocknung
unter Besonnung.
Istar ist Kriegsgöttin, aber auch Venus fecunda. Sie schafft die
libido bei Mann und Frau, sie beschützt ausserdem Schwangerschaft
und Entbindung. Im keilschriftlichen Sintflutbericht sagt sie, dass
sie die Menschen geboren werden lasse (?); in der Etanalegende muss bei
ihr der Gebärstein geholt werden ; in der Höllenfahrt sterben ohne ihre
Hilfe die Föten vor der Entbindung. Ihr semitischer Beiname .Tole-
deth als Entbinderin wurde bei Uebernahme ihrer Gestalt in das
griechische Pantheon in Eileithyia verändert.
Viele Götter sind Sonnengötter und treten durch die Sonne von
gestern und heute in ein descendentelles Verhältnis. Dabei werden
die Stadtgötter berühmter Aerzteschulen zu Medizinalgöttern. Der
Sohn des Gottes Ea, Gott Marduk (Merodach), als die aus dem Meere
aufsteigende Frühsonne, ist der Stadtgott von Babylon. Sein Sohn
Nabu (Nebo) ist der Lokalgott von Borsippa. Hier besass er seinen
berühmten Tempel Ezida, nach welchem später noch mindestens zwei
andere seiner Tempel den gleichen Namen erhielten (siehe Assyrien).
Nabu wird als der Besitzer aller Wissenschaft und der Medizin ge-
priesen. Für den Babylonier war aber Marduk der allmächtige Gott,
welcher Krankheiten vertreibt und Gesundheit verleiht.
In der sumerischen theurgischen Symbolik lag der Keim, den wir
im babylonischen Aberglauben mächtig angewachsen sehen. Die Grund-
anschauung bildet ein Fatalismus. Einblicke in dies unabwendbare
Geschick erhält der Mensch durch abergläubische Vorzeichen und
Traumdeuterei , wobei nicht vergessen werden darf, dass letztere in
der hämatischen Lehre naturwissenschaftlich begründet erschien.
Die Vorzeichen sind teilweise in der naiven Volksvorstellung selbst
Schicksalsbringer und entscheiden über Gesundheit, Krankheit und
Tod. Schon der Bau des Hauses, in welchem der Babylonier wohnte,
war ausschlaggebend für seine und seiner Angehörigen Gesundheit.
„Wenn bei der Grundsteinlegung Grillen gesehen werden, so stirbt
der Besitzer eines vorzeitigen Todes." „Wenn über die frisch gelegte
Hausthürsch welle ein Pferd tritt, so stirbt die Hausfrau, wenn ein
Esel, der Haussohn."
Dieses Verhängnis wird häufig als Wirkung missgünstiger Gott-
heiten angesehen. Die Keilschriftforschung war bisher sehr geneigt
Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Yorarier. 71
ZU der Bezeichnung- Pestgott für jeden Gott, welcher gelegentlich als
Sender von Krankheit und Ungemach genannt wird. So werden Urugal,
Namtar, Nergal und andere zu Krankheitsgöttern. Dämonen in der
Siebenzahl, der doppelten Siebenzahl oder in der Zahl 13, geboren im
Berge des Sonnenunterganges, werden in dichterischer Sprache als
krankheit- und todbringend beschrieben.^ Namen von Krankheits-
dämonen waren: Asakku, Utukku, Alu, Ekiramu, Gallü, Rabisu, La-
martu, Labasu, Lilitu, Samanu, Achchazu und Lilu. Manchem Durch-
schnittsbabylonier war wohl jede Krankheit die Wirkung eines Dämons
oder die Strafe für Sünde. Oder umgekehrt: jede Krankheit wurde
als besonderer Dämon personifiziert.
Stets war aber die Krankheit etwas dem Körper Fremdes, von
aussen Eingedrungenes. Marduk, der Besieger der Tiamat (ein Drache),
vermochte im babylonischen Geiste diese materia peccans zu vernichten.
Er war ausserdem dem Babylonier der Vermittler zwischen den
Menschen und den Göttertriaden. So konnte er Krankheiten als Sünden-
strafen abwenden. Er war ferner der Herr der Schicksalstafeln und
konnte als solcher ein gütiges Geschick bestimmen und ein ungünstiges
noch zu rechter Zeit abwenden. Als Besieger der Tiamat ist er
Herr der Beschwörungen. Solcher Beschwörungstexte ist eine grosse
Zahl überliefert. Eine in vielen babylonischen Beschwörungstexten
mit geringen Variationen wiederkehrende dramatische Szene leitet die.
Hilfeleistungen Marduks folgendermassen ein : Marduk sieht das Elend
der Menschen, das der Fluch, die böse Stimme, der böse Blick oder
ein Dämon hervorgebracht hat „und tritt zu seinem Vater Ea ins
Haus und spricht: Mein Vater, was soll dieser Mensch thun? Er
weiss nicht, womit er Heilung erlangt." Da antwortet Ea seinem
Sohne Marduk: „Mein Sohn, was wüsstest du nicht? Was sollte ich
dich lehren ? Was ich weiss, weisst auch du. Aber gehe, mein Sohn,
und etc. etc." (es folgt die Vorschrift).
Der Inhalt einer Reihe sumerischer Texte, welche auch für diese
Zeit und bis in das späteste assyrische Reich gelten, ist bei der sume-
rischen Medizin besprochen. Gründlicher als die Vernichtung der
KrankheitstoflFe sollte die symbolische Vernichtung der Dämonen wirken.
„Ich halte empor die Fackel; ich stecke in Brand die Bilder des Uttuku,
des Sedu, des Rabisu, des Ekimmu, des Lamartu, des Labasu, des
Achchazu, des Lilu, der Lilitu, der Magd des Lilu, und alles Feindliche,
das die Menschen ergreift. Euer Rauch steige empor zum Himmel
und Funken mögen verdecken die Sonne. Es breche euern Bann der
Sohn des Gottes Ea."
Gott Ea ist hier Obermagier der Götter in Krankheitssachen.
Mittelsperson ist Gott Marduk. Dieser Prozess spielt sich weiter, und
zwischen Marduk und die Menschheit werden neue weitere Mittels-
personen eingeschoben, z. B. Gibil, der Feuergott, vor allem aber die
Gemahlin des Marduk, die Göttin Zarpänitu und deren Sohn Nabu,
Letzterer hat in den litterarisch belegbaren Zeiten seinen Vater Marduk
aus dessen schon erwähntem Tempel Ezida in Borsippa, einer der beiden
bei Strabo erwähnten babylonischen Aerzteschulen, verdrängt.
Selbst Gilgamis als Gott Gilgamis^wird zum Herrn der Beschwörung
und Unterrichter des Sonnengottes Samas. Nach einer langatmigen
Lobpreisung des Gottes Gilgamis folgt: „Ich bin N, N., der Sohn des
(der?) N. N., dessen Gott N. N., dessen Göttin N. N. Schmerz hat mich
erfasst ; Busse muss ich zahlen. Ich beuge mich vor dir, dass du meine
72 vonOefele.
Entscheidung treffen mögest. Sprich das Urteil ! Reisse heraus meinen
Schmerz aus meinem Leibe! Besiege alles Uebel, das in meinem Leibe
ist!" Darauf spricht der Priester zum Kranken: „An diesem Tage
hat sich der Gott deiner erbarmt: Er wird dich stark machen etc."
und zur Gottheit: „Er will opfern vor dir ein Opfer. Er will dir
bringen ein Feierkleid, Holz, Wohlgerüche, Gold etc."
Hier sei bemerkt, dass jeder Stand besondere Götter hatte und
ein Arzt hätte sagen müssen: „Mein Gott ist Ninip und meine Göttin
Gula."
Aber nicht nur abstrakte Krankheitsdämonen waren Ekimmu,
Asakku etc., sondern auch echte Krankheitsnamen. So verenden in
einer Ziegenherde des Inisin, Patesi von Ur, 17 Mutterziegen an
Asakku. In der Bibliothek Assurbanipals sind aber mindestens 19 Tafel-
stücke vorhanden, welche zu einer Serie von mindestens 11 Tafeln
gegen Asakku gehören; hier erfahren wir auch, dass diese Krankheit
das Abdomen schmerzend macht. Gegen das ,, Ergriffensein von Ekimmu"
werden echte Rezepte mit Angabe der pharmazeutischen Zubereitung
und der verordneten Art des Einnehmens vorgeschrieben, welche ähn-
lich in einem anderen Werke gegen Kolik auf phlegmatischer Grund-
lage empfohlen sind. Siehe Assurbanipal!
In der Höllenfahrt wird Istar auf Befehl der Herrin der Unter-
welt Allatu von Namtar mit einer Reihe Schmerzen bestraft, welche
an eine Beschreibung des Denguefieber erinnern, so dass der Dämon
Namtar wahrscheinlich eine Personifikation des Dengueflebers ist.
Allatu besitzt in der Unterwelt auch einen Quell mit Lebens-
wasser, welcher nicht nur alle Schmerzen beseitigt, sondern selbst Tote
wieder lebendig macht. Schon ein Besprengen mit diesem Wasser
genügt. Die vielfache Verwendung des Wassers, besonders heiligen
Euphratwassers, verspricht bei weiterer Erschliessung der Texte eine
bedeutende Rückwärtsverlängerung der Geschichte der Hydrotherapie.
Lebensbaum und Lebenswasser befinden sich bei Aegyptern etc.
zwischen Himmel, Erde und Unterwelt.
Aerztestand im Zweistromlande.
Entgegen der Ableugnung Herodots bezeugt Strabo übereinstim-
mend mit keilinschriftlichen Belegen in historischer Zeit die Existenz
des Arztes !{ ■-dl in Bab3^1onien und Assyrien. Ja selbst Tierärzte ^)
Ij ^jr]\ r ^Ir^ (d. h. Arzt des Esels) mit dem besonderen Titel M u n a i s u
werden in einer Rangliste mit anderen Aerzten und Priestern genannt.
Auch der Arzt gehört dem Priesterstande an. Wenn hierin Babylonien
und Assyrien übereinstimmen, so ist doch in Babylonien die Priester-
schaft ein mächtiger Faktor im öffentlichen Leben selbst der Krone
gegenüber, während in Assyrien sich auch die Priester unter den
Absolutismus des Königs beugen. Bei dem Ueberwiegen assyrischer
Quellen ist uns bisher aus der babylonischen Priesterschaft kein Aerzte-
name ausser Luga ledin und Sadurabea überliefert, während in
Assyrien uns durch ihre Briefe oder sonstige Leistungen mit Namen
bekannte individuell charakterisierbare Aerzte entgegen treten.
^) d. h. also Spezialisteutum innerhalb des Aerztestandes. Dieser Ausdruck
geht übrigens wörtlich übersetzt als „muloniedicus" für Veterinarius nach Albrecht
in die lateinische Sprache über.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens nnd der mediterranen Vorarier. 73
Die überall im Alterturae belegbare Dreiteilung der Heilkunde
als alte Einrichtung im Zweistromlande ergiebt auch das Kolophon
von K 191 etc., indem hier von 1. Heilungen (natürlich : der angeführten
Rezepttherapie), 2. Verrichtungen des Herrn des Ritzmessers und 3. An-
weisung der Beschwörer gesprochen wird. Nach Boissier bildet der
Beschwörungsarzt als masmasu einen besonderen Stand. ^)
Der Salbenbereiter (also Apotheker) als päsisu wird häufig er-
wähnt.
Babyionische Anatomie und Pliysioiogie.
Nach uraltem oft wiederkehrendem babylonischem Typus halten
Göttergestalten ein Gefäss, aus dem ein doppelter oder vierfacher
Wasserstrom quillt. Die Spendung des Lebens ist hier auch religiös
in humoralpathologischer Weise dargestellt und selbst schon die Zwei-
teilung und Vierteilung angedeutet. Wie in Aegypten von der Lebens-
luft, so wird darum in Babylonien vom Lebenswasser gesprochen. Im
Tempel des Marduk befand sich ein Brunnen mit Lebenswasser (ein-
mal Speichel des Lebens), das im heiligen Strome Euphrat geschöpft
wurde und zwar dort, wo er ins Meer fliesst. Humoralpathologisch
erscheint auch das, was uns die Griechen von mesopotaraischer Medizin
unter dem späteren Namen der Perser in einer Uroskopie und einer
Diagnostik aus dem Aderlassblute überliefert haben.
Babyionisciie Pathologie.
Im vorstehenden sind wiederholt die Krankheitsdämonen erwähnt.
Es gab sogar Bilder dieser Dämonen, welche man S3^mbolisch ver-
nichten konnte. Dabei sind diese Dämonennamen aber als echte
Krankheitsnamen aufzufassen. Greifen wir den Ekimmu heraus ! Sein
Name bedeutet „Weguehmer", „Räuber". In 68 — 5 — 23, 2 wird ein
Mittel gegen das Ergreifen des Ekimmu von einem Mittel gegen den
Ekimmu unterschieden. Ich kann darin nur den Unterschied von
Prodromen und eigentlicher Erkrankung sehen. Mit den Prodromen
befasst sich therapeutisch noch K 3284. K 10658 und K 13 387, mit
Ekimmu selbst die Tafel nach K 7826, dann K 9150, K 11772 und
Rm 2, 484. Was hiervon bekannt ist, entspricht ganz der Therapie
von den bekannten kranken Körperteilen. So wird auch hier schon
Ekimmu als echte Krankheitsbezeichnung wahrscheinlich. In K 4075
werden gegen Ekimmu sogar ganze Rezepte aus mineralischen (z. B.
Salz?) und pflanzlichen Drogen aufgeführt. Wenn dem gegenüber in
Rm 99 Ekimmu in einem Hause herrschen kann und man seinen
Schädigungen vorbeugen wollte, so ist dies nicht nui* auf einen Dämon
beziehbar, sondern auch auf eine ansteckende Erkrankung. Nach
Jeremias ist Ekimmu der spezielle Dämon für Erkrankung eines
Körperteils, den man philologisch meist als Hüfte übersetzt hat, an
dem aber Istar ihren Gürtel trägt und welcher auch „IMitte" gelesen
werden kann. Danach muss der Ekimmu als Personifikation einer
typhösen oder dysenterischen Erkrankung aufgefasst werden.
^) Zimmern, Beiträge zur Kenntnis der babyl. Religion, konnte ich hierzu
nicht einsehen.
74 von Oefele.
Wenn in gleicher Weise der Asakku das Fieber (?) in den Kopf
bringt, der Namtaru das Leben mit einer Epidemie bedroht, der Utukku
den Hals, der Alii die Brust, nach der Erwähnung des Ekimmu der
Gallü die Hand und der Rabisu die Haut packt, so sind dies wohl
ebensolche bisher noch nicht indentifizierte, als Dämonen personifizierte
Krankheitsnamen. Es wird sich aber in der Angabe der Körperteile,
welche ich hier nach Jeremias gab, noch manches bei genauerer Be-
arbeitung verschieben.
Babylonische Geburtshilfe.
In der Etanasage ist die Geburt eines Heldenkindes unmöglich
und es muss erst unter Schwierigkeiten nach der Geburtspflanze,
welche im Besitze der Istar ist, getrachtet werden. Sonst ist bei Ge-
burten Gott Nabu (Nebo) hochgeschätzt, der die Vaterschaft schenkt
und das Leben der Neugeborenen erhält. In einem höfisch stilisierten
Briefe wird die Entbindung als eine Erfreuung der Mutter durch die
Göttin Tasmitu umschrieben.
Babylonische Medikamente.
Das Lebenswasser des Marduktempels wird auch zur Heilung von
Krankheiten z. B. des Kopfschmerzes empfohlen. Die bei den Sumerern
erwähnten Arzneistoife gelten auch für hier.
Aegyptische Medizin des mittleren Reiches.
Nach der Pyramidenzeit beginnt Ende der 11. Dynastie wieder
eine bekanntere kulturhistorische Periode als „mittleres Eeich" be-
nannt.
Für Medizin und Arzneidrogenhandel wichtig ist die Wiederauf-
nahme der Handelsbeziehungen zu dem südöstlichen Weihrauchlande
Punt durch Sanchkare, 6. König der 11. Dynastie.
Von der 12. Dynastie an werden Theben und Memphis von be-
sonderen Königen unter fremden Oberkönigen in Hebron beherrscht.
Es ist die älteste Zeit direkter medizinischer Ueberlieferungen durch
die Funde der beiden medizinischen Kahunpapyri durch Flinders
Petrie.
Amenemhetl. (alle Könige der 12. Dynastie heissen Amenemhet
und Usertesen) ordnet die Verwaltung etc. nach aufgesuchten alten
Schriften. Auch Kunst und Wissenschaft blühen unter Benützung des
Altertums, aber noch ohne geflissentliche Rückdatierungen. Nubien
wird erobert und frequenter Handel mit Südarabien und Syrien ge-
trieben. Hochentwickelte Zahnpflege, so dass in einem Massengrabe
von Prinzessinnen kein Zahndefekt erweislich ist. '
Amenemhet III. bewässert das Fayum (Mörissee). Dort gründet
Usertesen IL Kaliun (circa 2230), das circa 2100 zerstört wird. Also
sind Veterinärpapyrus und gynäkologischer Papyrus zwischen 2230 und
2100 niedergeschrieben. ^) April 1889 fand hier Flinders Petrie den
^) Die Berliuer Forscher setzen hier durchweg jüngere Data.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 75
gynäkologischen Papyrus und November 1889 den Veterinärpapyrus.
1897 (andere Papyri sind noch nach Jahrzehnten unveröflfentlicht)
wurden beide Papyri durch Griffith veröffentlicht nach einem vor-
läufigen Uebersetzungsversuch des gynäkologischen Papyrus in Me-
dical News.
Der Veterinärpap}' rus ist ein Unikum in jeder Beziehung.
Format, Anordnung der Zeilen. Charakter und Richtung der Schrift-
zeichen sind für eine Profanschrift ungewöhnlich. Derselbe ist 14,5 cm
hoch und nach der Blattklebung mindestens 101 cm lang. Mindestens
4 Zehntel des Beginnes sind nur in einzelnen Bruchstücken erhalten
und auch das Hauptstück enthält mehrere Lücken. Philologische
Details sind von Griffith bearbeitet, leider ohne medizinisch-histo-
rischen Beirat.
Die erhaltenen und teilweise erhaltenen Abschnitte sind 1. Lege-
not (?) der Gans (das Haushuhn kennt der Aegypter noch nicht), 2. eine
Fischkrankheit (?) , 3. Kolik des Rindes, 4. Dasselbeulen des Rindes,
5. tympanitische Peritonitis des Rindes, 6. Nagana des Rindes.
Symptome der Kolik: offenstehendes Glotzauge, Scharren, Nage-
tiergeruch und Hundeaussehen der Exkremente. Therapie : Schröpfen
und Bepflastern bis zum Stillstand der Füsse, eventuell Hetzen durch
Hunde als Diaphoreticum (?).
Symptome der Dasselbeulen: Rennen beim Fliegensummen,
körperliches Abfallen, verborgene Körner unter der Haut. Therapie:
detailliert beschriebene Operation.
Symptome des Meteorismus: Triefaugen, Einfallen der Wangen,
Rötung des Zahnfleisches und Erheben des Nackens. Therapie : lokale
Begiessungen und Einreibungen am gefesselten Tiere, eventuell Ader-
lass an Oberlippe und Schwanz, eventuell Glüheisen.
Nagana teilweise zerstört, teilweise auf verlorene Kapitel ver-
wiesen.
Gegenüber dem teilweisen Gepräge späterer Papyri als empirisches
Rezeptbuch gegen je ein aufgezähltes meist a capite ad calcem ge-
ordnetes Symptom ist in diesem ältesten Texte auf den relativ höchsten
Stand der Veterinärmedizin zu verweisen mit wohlerfasstem Symptomen-
komplexe für eine abgeschlossene Diagnose und einer meist rationellen
Therapie im Grenzgebiete von Chirurgie und Medizin. Die Sprache
des Veterinärpapyrus ist wie die aller medizinischen Papyri bis zum
Jahre 1000 altägyptisch, entspricht also der Pyramidenzeit. Aehnliche
Veterinärtexte müssen durch den ganzen Verlauf der ägyptischen Kultui-
benützt worden sein, da verschiedene Sätze des Veterinärpapyrus in
fast wörtlicher Uebersetzung noch in den Geoponika byzantinischer
Zeit erscheinen.
Der gynäkologische Papyrus ist 100 cm lang und 32,5 cm
breit mit 87 Zeilen in 3 Spalten. Der Anfang scheint erhalten, das
Ende ist nicht bestimmbar. Der Erhaltungszustand ist so schlecht,
dass mit grossen Lücken Spalte 3 aus 46 Stücken besteht. Die beiden
ersten Spalten waren schon vor 4000 Jahren beschädigt und wurden
durch Aufkleben kleiner Makulaturstreifen auf dem Rücken ausge-
bessert. Auf dem Rücken, also nach der x\usbesserung und nach lang-
jähriger Benützung, ist ein Rechnungsvermerk vom 20. Paophi des
29. Jahres der Regierung Amenemhet IIL Der gynäkologische Text
ist eine Kompilation aus zwei nach geographischem Ursprung und
formaler Anordnung verschiedenen Quellen und zwar so, dass Spalte
76 vonOefele.
1 und 2 17 Kapitel aus der einen und Spalte 3 17 Vorschriften aus
der anderen Quelle trägt. Die Schrift ist wie bei allen folgenden
medizinischen Papyri bis ungefähr 1000 hieratisch (nur der be-
sprochene Veterinärpapyrus ist hieroglyphisch). Der Inhalt ist aus-
schliesslich gynäkologisch. Der erste Teil besitzt die Anordnung von
Symptom, Diagnose, Therapie, der zweite Teil von Indikation (kurzes
Eubrum) und Therapie. Unter einer Eeihe noch undeutbarer Uterus-
erkrankungen finden sich solche, welche dem Uterus Steigen und Fallen,
also ein Herumschweifen im Leibe zuschreiben. Die Therapie ist wie im
Veterinärpapyrus empirisch und frei von Theurgie, hier aber meist
pharmakotherapeutisch. Den Artikel Maspero's im Journal des savants
über diesen Papyrus konnte ich bis jetzt nidit einsehen.
Von einer Königin Mentuhotep (13. Dynastie) steht im Berliner
Museum ein Toilettenkasten früher als Reiseapotheke gedeutet. Be-
sonders für die in Aegypten allgemein gebrauchten Augenschminken
als Präventive gegen Bindehautaifektionen ist Kosmetik und Pharmako-
therapie untrennbar. Diese Kollyrien als gangbarster Handverkaufs-
artikel verbreiten sich in römischer Kaiserzeit bis über Gallien.
Trojanische Medizin.
Dass die alte vorhippokratische Kultur im Westen nicht auf die
Flussthäler des Zweistromlandes und des Ml beschränkt waren, er-
weisen die Ausgrabungen Schliemanns in Ilion, welche Reste von neun
zeitlich auf einander folgenden Städten mit verschiedener Kultur, ver-
schiedener Wohlhabenheit und verschiedener Dauer aufdeckten. Die
sechste Stadt von unten mit mykenischen Topfwaren ist das Troja
der homerischen Gesänge von 1500 (??) bis 1184 (?). Im Uebergang von
der Kupferzeit zur Eisenzeit mit den letzten Kulturresten aus der
Steinzeit lebten die armen Nachkommen der reichen zweiten Stadt,
welche nach langer friedlicher Entwicklung bei einer feindlichen In-
vasion niedergebrannt wurde. Schwerter, Kleiderspangen und Lampen
fehlen in den sechs unteren Städten.
Auch in Europa existieren eine ältere und jüngere Kupferkultur,
deren zeitliches Verhältnis zu den Ausgrabungen von Schliemann nicht
feststellbar ist. Nach diesen Perioden ergeben die Belege des Bonner
Provinzialmuseunis und anderer Sammlungen noch eine deutlich trenn-
bare vorrömische Kulturperiode. Die ältere und jüngere Kupferzeit
muss also ohne nähere Einordnung teilweise mit der Keilschrift- und
Hieroglyphenkultur zusammenfallen und stellt für das Rheinland eine
vorübergehende Höhe der Kultur dar, wie sie erst in der römischen
Kaiserzeit wieder erreicht wurde. Der Fund einer Steinaxt, im Schulter-
gelenk eingeklemmt, in England zeigt die Ohnmacht gegen arterielle
Blutungen und die Unkenntnis der Wundnaht. Für parenchymatöse
Blutentziehungen war beim Fehlen der Lampen die Applikation von
Schröpfköpfen eine weit schwierigere als zur Zeit der römisch-grie-
chischen Kultur.^) Nach dem Aerztesiegel des Edinmugi müssen thera-
peutische Blutentziehungen in den fernsten Zeiten der Medizin vor-
handen gewesen sein.
^) Es kann zur Luftverdünnung natürlich auch eine Holzkohle oder ähnliches
benützt werden, oder bei kalt applicierten Schröpfköpfen an einer zweiten kleineren
Oeffnung (siehe Prosper Alpinus) die Luft ausgesogen werden.
Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 77
Die Ausgrabungen von Scliliemaun ergaben Nephrit aus Inner-
china, Elfenbein aus Indien und Bernstein von der Nordsee in Ilion.
Eine einheitliche Kultur ist über grosse Ländergebiete ausgebreitet
und unterhält einen ausgedehnten internationalen Handelsverkehr,
welch letzterer immer und überall in der Geschichte einen inter-
nationalen Austausch von Medizinaldrogen einschliesst. Am Beginn
aller schriftlichen Nachrichten ist die Institution der Sklaverei vor-
handen, d. h. das Recht des Siegers den Besiegten als persönliches
Eigentum zu behandeln und damit von Land zu Land zu verschleppen
oder zu verkaufen. Auch dies beförderte die Internationalität natur-
wissenschaftlicher und medizinischer Empirie,
Reichlich sind in Ilion die Gefässfunde, welche nach ihrer ab-
sonderlichen Formung einer rationellen Scheidekunst dienten, jeden-
falls noch ohne scharfe Trennung pharmazeutischer, chemischer,
metallurgischer und kulinarischer Bestimmung. Das Material der Ge-
fasse war gebrannter Thon. Das oifene Herdfeuer dieser prähistorischen
Zeiten erfordert dieselben Prinzipien der Formgebung, wie die der
modernen chemischen Kochgeiässe für offene Spiritus- und Gasheizung.
Der Boden der Kochgefässe ist konvex geformt zur Ausnützung der
Feuerung. Deshalb erhöht auch ein Dreifuss verbunden oder getrennt
den Stand über der Feuerung. Für langwierige Kochungen erhält
das Kochgefäss eine cylindrische Verlängerung (modernes Prinzip des
Rückflusskühlers). Berührung mit der Luft und den Flammen, also
Oxydation und Ueberkochen von Flüssigkeiten ist dadurch vermieden.
Abbiegen des Ansatzrohres (Prinzip der Glasretorte) verhindert das
Einfallen von Russ und Asche während des Kochens und ermöglicht
darnach bei entsprechender Haltung den Ausguss untenstehender oder
zwischengeschichteter Flüssigkeiten, während überstehende Schlacke
und Schaum zurückgehalten wird. Zum Schlemmen sind die Gefässe
mit Doppelöffnungen geeignet. Verschiedene ganz flache Schalen
dienten als Mörser und Verdampfgefasse für Verreibungen und Gold-
und Silberabtreibung, was enthaltene Reste beweisen. Das Sieb scheint
noch unbekannt. Dafür ist der Seiher mannigfach variiert ; z. B. wird
er auf einer hochgestellten Mittelsäule befestigt im Ablaufgefässe ar-
miert.
Die Chirurgie, sicherlich nur kleine Chirurgie, wie im ältesten
ägyptischen medizinischen Papyrus hatte kein differenziertes Instru-
mentarium, sondern musste im Bedarfsfalle auf die Hilfsmittel des
Alltagslebens zurückgreifen. In der ersten Stadt Hions überwiegt
noch die Steinzeit neben Nadeln aus Knochen und Bronze. In der
zweiten Stadt haben sich nahezu 200 Sägen aus Obsidian, Feuerstein
oder Chalcedon gefunden. Pfriemen und Nadeln (z. B. für Schröpfen)
sind noch aus Hörn und Knochen
Ein Gefäss mit siebtormigem Boden und enger Halsöffnung scheint
dem Gefässe für Inhalationen und Scheidenräucherungen zu entsprechen,
das der gynäkologische Papyrus von Kahun, Papyrus Ebers und Hippo-
krates erwähnen.
Medizinisch bemerkenswert ist der doppelte Fund von Skeletten
sechsmonatlicher Embryonen in Dreifussurnen der ersten Stadt bei
der Leichenverbrennung für andere Tote.
78 von Oefele.
Papyrus Ebers.
Der Erhaltungszustand des Papyrus Ebers ist ein ungewöhnlich
vollständiger, während der Veterinärpapyrus und der Londoner med.
Papyrus Birch grosse Lücken besitzen und i^r gynäkologische Papyrus
schon im Altertume ausserdem geflickt wurde. Auch fehlen dem Papyrus
Ebers die Spuren des fleissigen Benützens, wie sie der grössere medi-
zinische Papyrus in Berlin trägt, von welchem die Schrift teilweise
völlig abgegriffen ist.
Der Papyrus Ebers ist nach Art vieler altertümlicher Hand-
schriften als medizinischer Sammelband zu bezeichnen. Derselbe ist
über 20 Meter lang und trägt auf der Vorderseite die Spalten I — HC
von rechts nach links folgend. Auf der Rückseite von HC beginnt
Spalte IC und folgen ihr wieder von rechts nach links die Spalten
bis CX. Dann sind wieder ungefähr 83 Spalten frei und dann folgt
eine Kalendernotiz. Vorderseite und Rückseite sind mit Ausnahme der
Kalendernotiz von der gleichen Hand geschrieben. Die Kalendernotiz
entspricht dem Jahre 1553, 1552, 1551 oder 1550.
IC — CX nimmt auf die Vorderseite keine Notiz weder im Fort-
gang noch in der Form der Kapitelüberschriften. CHI Zeile 1 — 18
ist ein Teil der Physiologie des Adernsystems vom Gotte Anubis.
Davon besitzen wir eine zweite Redaktion ungefähr 200 Jahre später
im Papj'^rus Brugsch. Unvermittelt an diesen Traktat aus Letopolis
schliesst sich CHI Zeile 19 bis CX Schluss eine thebanische Schrift
meist chirurgischen Inhalts. Dem gegenüber steht der lange Text
der Vorderseite, welcher aus Heliopolis und Sais stammen soll. Aber
auch dieses Vorderteil zerfällt in mehrere Stücke sehr ungleichartigen
Ursprungs. Diese Ungleichartigkeit zeigt sich in der Grammatik,
insofern als zwar die Kunstsprache des mittleren Reiches benützt
ist, aber doch schon in den einzelnen Abschnitten Uebergangsformen
zur Konjugation der Zeit der Niederschrift sich finden, in Lexikon
und Orthographie, insofern für unzweideutig identische Begriffe in
verschiedenen Teilen ganz verschiedene Worte gebraucht sind oder
wo gleiche Worte verwendet werden, diese in verschiedenen Teilen die
Orthographie ändern und in den Aerztegöttern, insofern erst nur auf
die Götter der Osirisfamilie , dann wieder auf die Götter des Götter-
kreises des Sonnengottes, dann auf den spätzeitlichen Anubis und dann
wieder auf einen spezifisch thebanischen Gott Bezug genommen wird.
Die Vorderseite war also eine lose zusammengefügte Kompilation.
Das lange Werk war auf Spalte CII noch nicht abgeschlossen, sondern
setzte sich auf mindestens einem zweiten, vielleicht ebenso langem
Papyrus fort. Ich will hier die Bestandteile und Abschnitte, wie sie
sich im Original entweder durch neue Zeilen oder durch das aber-
malige Wort: „Beginn", meist sogar durch beides hervorgehoben
werden, geben:
Abschn. 1: I, 1. bis II, 6. Einleitung.
Abschn. 2: II, 7. bis XVI, 14. Behandlung abdomineller Er-
krankungen meist mit Brech- und Abführmitteln.
Abschn. 3: XVI, 15. bis XXV, 11. Eingeweidewürmer und An-
hang.
x4bschn. 4: XXV, 11. bis XXX, 17. Aeusserlich behandelte Rumpf-
krankheiten.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 79
Abschn. 5: XXX, 18. bis XXXVI, 3. Krankheiten des Anus mit
Anhang.
Abschn. 6: XXXVI, 4. bis XXXXIV, 12. Krankheiten des Epi-
gastriums. Dieser Abschnitt fällt in Sprache und Anordnung sofort
als spätes Einschiebsel auf, erinnert aber sehr stark an die thebanische
Schrift der Rückseite und an die ersten beiden Spalten des gynä-
kologischen Papyrus von Kahun. Ausserdem bestehen Anklänge an
die assyrische Serie von den abdominellen Krankheiten und an die
griechischen Schriften der knidischen Schule.
Abschn. 7: XXXXIV, 13. bis XXXXVI, 9. Dysenterie.
Abschn. 8: XXXXVI, 10. bis XXXXVIII, 20. Rezepte für den
Sonnengott (siehe oben Krankh. d. Sonnengottes), Preisung des Ricinus
und Kopfschmerzmittel.
Abschn. 9: XXXXVIII, 21. bis L, 21. Ascites.
Abschn. 10: L, 21. bis LI, 14. Dyspepsie.
Abschn. 11: LI, 15. bis LII, 22. Schleimkrankheiten des Halses (?).
Abschn. 12: LIII, 1. bis LV, 1. Synanche.
Abschn. 13: LV, 1. bis LV, 20. Eine Parasitenkrankheit.
Abschn. 14: LV, 20. bis LXIII, 2. Ophthalmologie.
Abschn. 15 : LXIII, 4. bis LXIV, 13. Beisätze von Rezepten eines
Urma und eines Phönikers.
Abschn. 16: LXIV, 14. bis LXV, 8. Eine Kopfkrankheit.
Abschn. 17—19: LXV, 8. bis LXVI, 7. bis LXVII, 7. bis LX VII, 16.
Zwei Abschnitte von den Haaren und einer von der Leber (!). Es
folgen sich hier mehrere kleine Schriften von kosmetischem Interesse,
darunter erscheint die Leber wahrscheinlich wegen des Ikterus.
Abschn. 20: LXVII, 17. bis LXIX, 22. Brandwunden und Striemen.
Abschn. 21: LXX, 1. bis LXXI, 21. Wunden.
Abschn. 22: LXXI, 21. bis LXXII, 10. Scabies und Pediculi.
Abschn. 23: LXXII, 10. bis LXXII, 18. Pemphigus.
Abschn. 24: LXXII, 19. bis LXXV, 18. Dermatologie.
Abschn. 25: LXXV, 19. bis LXXVI, 19. Accidentelle Wund-
krankheiten (?).
Abschn. 26: LXXVI, 19. bis LXXVIII, 3. Ulcus cruris, Po-
dagra etc.
Abschn. 27 : LXXVIII, 4. bis LXXIX, 5. Wundschmarotzer u. ähnl.
Abschn. 28 : LXXIX, 5. bis LXXXV, 16. Behandlung des Röhren-
systemes (Nerven, Adern, Sehnen und Penis).
Abschn. 29: LXXXV, 16. bis LXXXVI, 3. Zunge (?), Uvula (?)
oder Penis (?).
Abschn. 30: LXXXVI, 4. bis LXXXVIll, 3. ?
Abschn. 31 : LXX5:Vltl, 4. bis LXXXVIll, 12. ?
Abschn. 32: LXXXVIll, 13. bis LXXXIX, 1. ?
Abschn. 33: LXXXIX, 2. bis LXXXIX, 15. Stiche von Insekten.
Abschn. 34: LXXXIX, 16. bis XC. 5. ?
Abschn. 35: XC, 6. bis XC, 14. ?
Abschn. 36: XC, 14. bis XCI, 1. Rhinologie.
Abschn. 37: XCI, 2. bis XCII, 6. Otologie.
Abschn. 38: XCII, 7. bis XCIII, 5. ?
Abschn. 39: XCIII, 6. bis XCIV, 22. Gynäkologie.
Abschn. 40: XCV, 1. bis XCV, 14. Fortsetzung der Gj'näkologie.
Abschn. 41: XCV, 15. bis XCVII, 4. Fortsetzung der Gynä-
kologie.
30 vonOefele.
Absclin. 42: XCVII, 5. bis XCVII, 12. Synusia.
Abschn. 43: XCVII, 13. bis XCVII, 15. Pädiatrie.
Abschn. 44: XCVII, 15. bis XCVIII, 11. Ungeziefer des Hauses.
Abschn. 45: XCVIII, 12. bis XCVIII, 21. Kyphirezept.
Bis dahin geht eine scheinbar nach einem einheitlichen Plane
zusammengestellte Kompilation aus mehreren alten Schriften zum
Zwecke eines therapeutischen Handbuches. Die meisten derselben be-
sitzen entweder schon gemeinsamen Ursprung oder sind schon in älterer
Zeit äusserlich einheitlich überarbeitet. Die Zusammengehörigkeit
zeigt sich darin, dass verschiedene Rezepte und Teilrezepte bei gleicher
oder ähnlicher Indikation in verschiedenen Abschnitten wiederholt auf-
treten. Dies hindert aber nicht, dass unvermittelt fremdartige Stücke
eingeschaltet wurden.
Abschnitt 46 als Physiologie der Gefässe und Abschnitt 47,
welchen Schäfer als Schollen zu einer Beschreibung der Peritonitis
erwies, beschliessen ohne gegenseitige scharfe Trennung die Vorderseite.
Der Papyrus. Ebers ist bisher und auch für die absehbare Zu-
kunft nach den verschiedensten Richtungen die Grundlage des grössten
Teiles unserer Kenntnisse von der altägyptischen Medizin.
Uebersicht über die ägyptische Heilkunde.
Mit Rücksicht auf die vielen gemeinsamen Punkte in der Medizin
Aegyptens von den ältesten Zeiten bis zu den heutigen Tagen und
mit Rücksicht auf eine fast gleichartige Entwicklung in den Staaten
des . westlichen Asiens scheint eine allgemeine Uebersicht über die
ägyptische Medizin angebracht und dieses Bild lässt sich am passendsten
dem neuen Reiche als der Zeit des höchsten Glanzes und Einflusses
von Aegypten einfügen, wenn auch die Medizin damals schon längst
ihren Höhepunkt überschritten hatte.
Die Quellen für die altägyptische Medizin sind die bisher er-
wähnten Papyri. Ausserdem befindet sich in London ein medizinischer
Papyrus aus der 12. Dynasie, welcher neu entdeckt wurde und soeben
erst aufgerollt wird. Ein Londoner medizinischer Papyrus an der
Grenze von 18. und 19. Dynastie wird gegenwärtig von W. Max
Müller und mir zur baldigen Herausgabe vorbereitet. In Berlin
liegen zwei medizinische Papyri, von denen einer veröffentlicht und
einer im Druck ist. Eine Londoner medizinische Lederhandschrift,
wahrscheinlich aus dem mittleren Reich, soll beim Aufrollen total zer-
brochen sein. Ausserdem streifen die magischen Handschriften in
Leyden öfters Medizin. Auch Ostraka enthalten medizinische Texte.
Ein grosses Berliner enthält Vorschriften gegen Ulcera, ein anderes
aus New York ist von AV. Max Müller veröffentlicht. Von medi-
zinischen Texten, welche in Boulaq liegen, habe ich nur unbestimmte
Nachrichten erhalten.
In allen Produkten von Fauna und Flora war der Aegypter in
seinem ganzen Leben und so auch in Krankheitsursachen, theoretischen
Krankheitsansichten und Therapie haarscharf auf die fruchtbaren Ge-
biete des Nilüberschwemmungsbettes angewiesen.^) Hier war üppige
Fruchtbarkeit, hier ernährte der vom Nil befruchtete Boden eine dichte
^) Hierbei ist natürlicli abgesehen von den fortwälirenden ausländischen
Importen ans allen Weltteilen speziell auch von den Importen aus Kleinasien.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier, gl
Bevölkerung. Bei der haarscharfen Grenze gegen die unbewässerte
Wüste war aber hier auch jeder Fingerbreit kulturfähiges Land zur
Kultur ausgenützt. Es gab keine üppige freie Natur, die dem Aegypter
die Möglichkeit eines Lebens ohne Gesetze denkbar machen konnte.
Und selbst die Heilkräfte, welche der heutige Kultureuropäer vor-
züglich der spontanen Flora aus Berg und Wald als Geschenke der
freien Natur entnimmt, konnten bei dem Mangel an Wiesen und
Wäldern im alten Aegypten nur Produkte sorgsamen Ackerbaues
liefern. Dem Urmenschen bestand das Wesen des Lebens in der
Atmung. \) Der Unterschied zwischen Wüste und bewässerter Nilebene
führte als zweites Lebensprinzip die Befeuchtung ein. Aber nicht
während der Ueberschwemmung , sondern erst nach deren Rücktritt
erscheint die Vegetation, da sie das feste Land als Stützpunkt be-
darf. Mikrokosmos und Makrokosmos war hier das Leben des Men-
schen und das Leben des Nilthaies. Der Mensch wurde zur Mumie
durch Verlust des Pneuma XZ3 und der Körperflüssigkeiten jy Wenn
auch Aegypten noch zu den Ländern des Mittelmeergebietes gerech-
net werden muss, so unterecheidet es sich doch von anderen Mittel-
meerländern durch seine Zugehörigkeit zu Afrika, von dessen frucht-
baren Gebieten es die einzige nach Norden vorgeschobene Zunge
ist. Und dies macht sich schon in der Aetiologie der Krankheiten
geltend. Wir von heute pflegen seit den Koch sehen Entdeckungen bei
l)arasitären Krankheitserregern stets in erster Linie an das menschen-
feindliche Pflanzenreich zu denken. In Afrika sind solche Feinde
nicht sehr verbreitet und auch nicht sehr fürchterlich, wie Sons in o
am Auftreten der Cholera in Aegypten gezeigt hat. Hier bedroht das
Tierreich nicht nur durch Löwen, Hyänen, Schakale, Krokodile und
giftige Schlangen, sondern auch durch Ungeziefer, Hypodermalarven,
schmarotzende Rundwürmer, Bandwürmer, vor allem auch Distomen und
Fieberplasmodien etc. ständig den Menschen. Und wenn hier, wo selbst
der Blutegel als Nasenparasit sich einnisten kann, Schlangen und Würmer
Hyj^ zum Grundsymbole aller Krankheit werden, so ist dies für
Aegypten nicht in hölierem Masse eine Uebertreibung als die bota-
nischen Mikroorganismismen in mancher modernen Aetiologie. Dazu
drängte gerade die älteste schriftliche Fixierung in ihrer Unzertrenn-
lichkeit von Gelehrsamkeit und Bildei-schrift zu einer konkreten
Symbolisierung aller medizinischen Begriffe. Der Wortlaut vieler
medizinischer Lehrsätze ist wohl Jahrtausende unverändert geblieben
und dies begünstigte die Festlegung in hermetischen Büchern,
wie sie die Griechen zu nennen beliebten. Jedes Jahrhundert dachte
sich aber wohl oft unter dem gleichen Satze etwas anderes. Zeit-
weise waren wohl alle Priester gleichzeitig auch in die Lehren der
Arzneiwissenschaft eingeführt. Und zu Zeiten, in denen selbst ge-
wöhnliche Vorarbeiter des Schreibens kundig waren, drangen Bruch-
stücke der ärztlichen Lehren sogar relativ sehr weit in das Laien-
publikum. So können sich selbst ausgesprochene Ansichten medi-
zinischer Theorie in Laienpapyri widerspiegeln. Vielfach sind wir
auch gewohnt, Sachen für medizinische Interna zu halten, die nach
ägyptischen Begriffen gar nichts mit Medizin zu thun haben.
^) Wie der Aegypter überhaupt als Gegner klarer Begriffsfassungen erscheint,
so sind auch die vier Elemente in Aegypten nirgends klar ausgesprochen.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 6
32 von Oefele.
Ausserhalb der Medizin steht so vor allem die Geburtshülfe. Dies
zeigt sich am deutlichsten darin, dass keine der medizinischen männ-
lichen Gottheiten etwas mit der Entbindung zu thun hat, sondern
nur der widderhörnige Gott Chnum, Die Entbindung liegt in den
Händen einer Oberhebamme vor der Kreissenden hockend mit drei
Hilfshebammen, zu beiden Seiten und hinter der Kreissenden, die auf
einem Geburtsstuhl sitzt.
Als Anhang der Medizin sind aber im Pharaonenlande sicherlich
die Naturwissenschaften, so weit sie bekannt waren, im weitesten
Sinne zu rechnen. Und hier brachten es die lokalen Verhältnisse mit
sich, dass vielfach ihre Kenntnisse relativ hohe waren. Die Ver-
wendung von einfachen Bildern von Tieren und ihren Teilen in der
Hieroglyphik mit scharfen Speziesunterscheidungen durch wenige Um-
risse zeigt Befähigung zur Systematik. Die Entwicklungsgeschichte
der Koprophagen vom Ei zum Käfer, der Schmeissfliege von der Larve
zum Insekt, des Frosches von Kaulquappe zum vierfüssigen Tiere war
bei den dazu günstigen Verhältnissen im Nilthale in den frühesten
Zeiten schon beobachtet worden. In der Botanik und Mineralogie
waren die Kenntnisse entsprechend hoch. Freilich war das Eisen
wohl nur in der Form von Meteoreisen bekannt. Daher war seine
allgemeine Verwendung zu Instrumenten ausgeschlossen. Aber in der
praktischen Chemie der Metalle, z. B, Blei, leisteten sie Grosses; und
ihre farbenprächtigen Malereien, welche im Laufe der Jahrtausende
nicht verblassten, sind mit solchen künstlich hergestellten Mineral-
farben gemalt. Zwei Ausgangsstoffe für jede chemische Industrie
lieferte den Aegyptern in günstigster Weise die Natur, nämlich das
Weiche Nilwasser, das heute noch von chemischen Fabriken als natür-
liches distilliertes Wasser verwendet wird und dann natürliche Soda
in den Natronseen des Nordwesten. Um die ärztliche Propädeutik,
war es also stets günstig bestellt. Es ist nur die Frage, wie weit
die ärztliche Wissenschaft der alten Aegypter auf naturwissenschaft-
licher Propädeutik aufgebaut war. Immer und überall tritt im Alter-
tum die Dreiteilung des Aerztestandes in Arzt, Chirurg und Beschwörer
auf, wobei dieselbe Person zwei und selbst alle drei dieser Heil-
methoden in sich vereinigen kann. Häufig hat der Internist sich nicht
die gebührende Geltung verschaffen können und selbst der Chirurg
wurde nur zu oft von dem Beschwörer in den Hintergrund gedrängt.
Auch im alten Pharaonenreiche schwankten die Verhältnisse hin und
her und bei der schliesslichen Allmacht der Priesterschaft war es
natürlich, dass Aberglauben und Suggestionstherapie siegte. Brugsch
glaubt aus dem demotischen Papyrus von Leiden bei den Aegyptern
die hypnotische Therapie erweisen zu können. Solche Texte sind dem
Aegyptologen von Fach geläufiiger als die nüchternen Eezepte der
medizinischen Papyri mit ungedeuteten termini technici. In diesem
Sinne fürchtet Capart, dass aus meiner Darstellung der Leser den
altägyptischen Arzt mehr den modernen Aerzten parallel setzt, als
dies der Eindruck der Philologen ist, welche den ägyptischen Arzt
als eine Mischung von Arzt, Priester und Zauberer nach Art des in-
dianischen Medizinmannes betrachten. Hierbei steht aber empirisch
auch wieder der indianische Medizinmann so hoch, dass die modernste
Arzneitherapie Dutzende von Arzneikräutern dem Erfahrungsschatze
dieser indianischen Medizinmänner entlehnt hat.
Die Vereinfachung der Therapie hatte merkwürdigerweise eine Zer-
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 83
splitterung in Spezialitäten als Augenärzte, Frauenärzte etc. im Gefolge.
In einer Tempelpriesterschaft waren diese Spezialisten zu einem festen
Gefüge vereint. Honorarstreitigkeiten konnten die vei-schiedenen Aerzte
nicht entzweien. Die honorierte Praxis war in der Blütezeit des
Reiches nur mehr gering. Die Einnahmen bestanden fast durchgehends
aus festen Tempeleinkünften. In den ältesten Zeiten waren aller-
dings diese priesterlichen Einkünfte nur sehr gering gewesen und
können nur als sehr spärliche Nebeneinkünfte betrachtet werden gegen-
über einer wirklich bezahlten Praxis. Wenn in diesen Zeiten sogar
ein Arzt den Königsthron usurpieren kann, so muss er aus freiem
Einkommen zu den einfluss- und einkommenreichen Personen gerechnet
werden. In der späteren Zeit des priesterärztlichen Kastengeistes drehen
sich die Verhältnisse gerade um. Jeder hohe Priester ist dann auch
ein Arzt; der König ist vermöge seiner Stellung der höchste Priester
und aus Gottesgnadentum eo ipso ein Arzt. Es sind dies die Aus-
wüchse im königlichen Bestreben als höchster der Kriegerklasse gleich-
zeitig auch der höchste in der Ausübung jedes einzelnen Berufes
scheinen zu wollen. In den weiteren Konsequenzen geht aber die
Fähigkeit zu heilen auch auf die Umgebung des Königs über, so dass
selbst schon Homer eine ägyptische Königin als Medizinalpfuscherin
charakterisiert (Od. 4, 221 ).
Als die ärztliche Hilfe eine Verpflichtung der Tempelgenossen-
schaft geworden war und gar nicht mehr oder nur minimal honoriert
wurde, wurde sie sicherlich ausgiebig begehrt, so weit nicht die Scheu
einer Sünde bei unnötiger Bemühung der heiligen Priester und damit
Furcht vor Verschlimmerung der Krankheit als göttlicher Strafe be-
stand. Aber auch schon in früheren Zeiten wurde ausgiebig der Arzt
aufgesucht. Ein Witwer legt es seiner Verstorbenen schriftlich ins
Grab, dass er den Oberarzt so oft geholt habe, als sie wünschte.
Die Zahl solcher begehrter Besuche kann man sich daraus vergegen-
wärtigen, dass selbst die ägyptischen Hebammen bei Moses die ägyp-
tische Frau als hyperästhetisch charakterisieren und selbst schon der
Eintritt jeder Dysmenorrhoe bei einfachen Arbeiterfrauen Männer
und Väter zur Versäumnis eines Arbeitstages veranlasst. Der grossen
Nachfrage nach ärztlicher Hilfe entsprach auch eine grosse Zahl that-
sächlicher Aerzte im alten Pharaonenlande.
Der fromme Aegypter sah seinen Lebenszweck in der Fürsorge
für das Leben nach dem Tode und für die dereinstige Wiederbelebung
des Fleisches. So konnte sich auch die älteste physiologische An-
schauung vom Leben bis in den Gottesdienst hinein geltend machen.
Der lebendige Odem (die bewegte Luft) und die strotzende Durch-
tränkung mit Flüssigkeit waren die Grundlagen des Lebens von aussen
her, die eingepflanzte Wärme von innen her. Der Gottesdienst in
seiner Grundlage eine Vermischung von Ahnendienst und Naturdienst
bietet den Göttern wie den Abgeschiedenen von alters her gute
Luft in Form von Weihrauch und Lebenswasser in Form von Weih-
wasser in Hieroglyphen geschrieben ^ und ^. Für den Patienten
gilt es in gleicher Weise die gestörten Lebensbedingungen zu ver-
bessern.
Die vornehmsten Medikamentformen sind darum die Räucherungen
und die Arzneitränke. Immer und überall besass der Aegypter den
Hang zur Symbolik und natürlich musste dieser Hang grossen Ein-
6*
84 . von Oefele.
fluss auf die Therapie des praktischen Arztes mit ihren vielen Ent-
täuschungen gewinnen.
Unüberwindliche Schwierigkeiten tauchen auf, sobald wir zu einer
Besprechung der rein medizinischen Einzeldisziplinen übergehen. Es
ist hier zu bedenken, dass wir eine Sprache vor uns haben, die Jahr-
tausende tot und unverständlich war und deren Verständnis aus sich
selbst entwickelt werden muss. Bei allen Spezialfächern geht es lang-
sam mit dem Verständnis. Zu der Menge von anatomischen Begriffen,
die erst bestimmt werden müssen, kommt die weitere Schwierigkeit
einer grösseren Zahl verschiedener Bezeichnungen für denselben Körper-
teil einerseits und anderseits der gleichlautenden Bezeichnung für ver-
schiedene Körperteile. So wird mit gleichem Worte Magen und Herz,
lingua und uvula, frons und umbilicus, os und vulva, Nasenmuschel und
Ohrmuschel etc. bezeichnet. Dies darf aber nicht als Armut anato-
mischer Begriffe aufgefasst werden; sondern im Gegenteil gerade die
weitgell ende Differenzierung anatomischer Begriffe führt zu solchen
Resultaten, wie uns die moderne Vieldeutigkeit von Tuba etc. wieder
beweist. Ein Einwurf gegen die anatomischen Kenntnisse bleibt stets
die Vernachlässigung derselben von den ägj^ptischen Malern. Dieser Ein-
wurf schwindet aber zum guten Teil, sobald wir die plastischen Werke
des alten Reiches neben die Malereien stellen. Der Fehler der Malerei
beruht zum grössten Teile auf falschen gekünstelten Regeln der alt-
ägyptischen Perspektive, welche Deutlichkeit der Lebenswahrheit vor-
zog. Da erinnere ich mich an die Begegnung meines Lehrers der
Anatomie in einer Münchner internationalen Kunstausstellung, der über
die anatomischen Sünden der modernen Maler zur Zeit exakter
anatomischer Kenntnisse bei Behandlung nackter Körper in hoch-
gradige Erregung versetzt war. Die Sichtung der anatomischen Be-
griffe Aegyptens befindet sich noch im Stadium philologischer Unter-
suchung. Für näheres Studium muss auf die Speziallitteratur ver-
wiesen werden. Umfangreich behandelt Georg Ebers in den Ab-
handlungen der kgl. bayr. Akademie der Wissenschaften, München
1897 und 1898, „Die Körperteile, ihre Bedeutung und Namen im Alt-
ägyptischen".^) Bemerkenswert ist die vielfache bildliche Nomenklatur
in der Anatomie, die ihre Ausläufer in der hippokratischen Nomen-
klatur besitzt, z. B. wird der Brustkorb ägyptisch als Schildkröte be-
zeichnet , worauf sich der hippokratische Ausdruck für Expektoration
aufbaut. Eine genaue Physiologie kann ohne sicher rekonstruierte
Anatomie auch nicht gegeben werden , obwohl die medizinischen
Schriften der alten Aegypter von physiologischen Einstreuungen
wimmeln. Aber das ist sicher, dass überall wieder ein priesterlicher
Versuch zur Systematisierung der Physiologie im Einklänge mit der
religiösen Systematisierung versucht wurde. Die fortwährende Bilanzie-
rung der Religion zwischen Dreieinigkeiten und Viereinigkeiten und
die Komplettierung zu Neunheiten (=3x3) blieb auch der Physiologie
nicht erspart. Und noch in die hippokratische Medizin geht die Drei-
heit von Blut, Schleim und Galle, die durch Spaltung der Galle Vier-
heit wird, über. So kennt die äg5^ptische Physiologie einen Körper,
der aus Fleisch ü^^TiT (Weichteilen) und Knochen E besteht und
von Luftadern und Blutadern durchzogen wird. Um aber der natür-
^) Nach W. Max Müller ist hierfür meist Briigsch die benutzte Quelle.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 85
liehen Einteilung in gasförmige, flüssige und feste StoflFe auch in
anderer Weise gerecht zu werden, wird das Röhrensystem, die f=^,^)
in Arterien, Venen und Nerven eingeteilt. Der Puls wird mit dem
Kommen und Gehen der Nilüberschwemmung verglichen. Aehnlich
wie für die normale objektive Pulsation drückt sich die ägyptische
Sprache auch für die pathologische subjektive Pulsation und Fluktuation
von Phlegmonen aus.
Die Aetiologie der Krankheiten wird den herrschenden physio-
logischen Anschauungen gemäss im allgemeinen als somatisch betrachtet.
Doch scheinen die epidemischen Krankheiten als göttlichen Ursprungs
betrachtet zu werden, wenigstens drückt sich der Sprachgebrauch in
dieser Weise aus. Vielfach wird das Symptom für die Ki-ankheit ge-
nommen; aber in den austührlichen Teilen gerade der ältesten, medi-
zinischen Litteratur finden sich schon Beschreibungen gi'össerer Sym-
ptomenkomplexe zu einer einheitlichen Diagnose zusammengefasst.
Die Therapie wendet sich allerdings, wie auch heute noch, vorzüglich
gegen einzelne S3'mptome. Zur Feststellung der Diagnose werden
auch ausgiebig spezielle Untersuchungsmethoden angewendet und zwar
vor allem Inspektion und Palpation. Die Palpation ist besonders für
die Feststellung abdomineller Veränderungen fein ausgebildet. Diei
grosse Zahl der Milztumoren, der Leberschwellungen etc. rechtfertigen
das Vordrängen gerade dieser Untersuchungsmethode. Mit dem Satze :
„das Ohr hört darunter" kann nur die Auskultation verstanden
sein. Von der Perkussion oder anderen absichtlichen Schallerschei-
nungen zu diagnostischen Zwecken konnte ich nichts finden. Die Auf-
fassung der Krankheiten ist im allgemeinen eine anatomisch lokali-
sierende und zwar noch mehr als heute. So wird Malaria primär als
Erkrankung der Milz aufgefasst und gehört somit ebenso wie Leber-
krankheiten etc. zu den abdominellen Erkrankungen. Das schädliche
Uebermass in der Milz soll daher durch Vomitive Entleerung koupiert
werden können, eine Ansicht, die bis zu Alexander von Tralles ihre
Ausläufer treibt. Einzelne Krankheiten sind hier schwer anzuführen,
da auch die vielen Krankheitsnamen noch nicht über philologische
Vorarbeiten herausgekommen sind. Die Zersplitterung der ägyptischen
Medizin in Spezialfächer war zur Zeit der griechischen Schriftsteller
eine grosse. Aber schon in frühesten Zeiten scheinen von besonderen
Schulen besondere Fächer besonders kultiviert worden zu sein. Denn
die einzelnen Spezialdisziplinen, z. B. des Papyrus Ebers, sind nach
Alter der Sprache und Lokaldialekt verschieden, können also auch
nur von spezialistischen Aerzteindividuen abgefasst sein. Mit Namen
und Stand traten solche wissenschaftliche Forscher nicht hervor, da
in Aegypten nur der König oder eine priesterliche Korporation etwas
geschichtlich Fixierbares vollbringen konnte. Dieser Mangel an histo-
rischem Sinn für hervorragende Begebenheiten lässt uns auch jede
Chronik und Mitteilung über grosse Epidemien vermissen. Ohne
solche Epidemien ist aber die Einführung einer vielfach sehr detaillierten
Hygiene der Priesterpolizei, wie sie Aegypten stets besass und wie
sie besonders für die höheren Stände verbindlich war, nicht denkbar.
Die Kleidung war höchst primitiv und dient mehr der Eitelkeit und
^) Diese beiden letzten Zeichen erscheinen in der hieratischen Schrift des
Papyrus Ebers als P xmd f^ ^ .
gg von Oefele.
den Standesunterschieden als dem Scliutzbedürfnis. Ein gleiches kann
von der Wohnung vermutet werden. So bezog sich die Hygiene meist
so weit bekannt auf Beschneidung, Bäder und Nahrung. Die Wasser-
versorgung war stets auf den Nil angewiesen und bei dem Genüsse be-
rauschender Getränke hörte der Aegypter nicht mehr auf die Stimme
der Vernunft, noch weniger also auf die Hygiene. Die Fäkalien
wurden ausserhalb der Wohnungen abgesetzt. Die Leichenbestattung
war eine religiöse Forderung. Von der ägyptischen Chirurgie
sind uns bis jetzt nur die Luxusleistungen der Beschneidung und
Kastration bekannt. Die Inzisionen des Papyrus Ebers sind noch
insofern fraglich, ob sie mit der Lanzette oder mit dem Glüheisen aus-
geführt sind. Die Schreibung des Arztes als "^^ vereinigt^) aber
schon das Inzisionsinstrument mit dem Medikamentenmörser und die
Behandlung des Meteorismus beim Rinde mit dem Glüheisen, also wohl
eine Art Pansenstich beweist auch die Vornahme gewagter Operationen.
Ueberhaupt ist im Veterinärpapyrus zufällig die Chirurgie überwiegend,
so dass für menschliche Chirurgie entweder noch kein einschlägiges
Material gefunden wurde oder verkannt noch unveröffentlicht in
Sammlungen liegt. Die Befähigung, zweckmässige Instrumente zu
konstruieren, besassen die alten Aegypter; das beweist ihre Technik
der Mumifizierung, von der Nase aus das Siebbein zu zerstören und
dadurch das Hirn aus der Schädelhöhle zu entfernen, ohne die
Konfiguration des Gesichts im mindesten zu verändern. Eine der um-
fangreichsten und geachtetsten Spezialitäten neben der Gynäkologie
war wohl die Augenheilkunde. Die Geschichte der Ohrenheilkunde
interessiert ein Votivstein. -) Die konservative Zahnheilkunde ist durch
lückenlos erhaltene Gebisse der weiblichen Mumien in ein glänzendes
Licht gestellt. Bei Männern war der Verlust der Schneidezahnkronen
durch Traumen unvermeidlich. Dieselben werden durch durchbohrte
Kronen und Golddrahtgeflecht in meisterhafter Weise ersetzt, entsprechend
dem modernen Prinzipe der Brückenarbeit. Eine Spezialität besass
die ägyptische Medizin, die wir heute nicht mehr zur Medizin rechnen
dürfen und das war die Kosmetik. Ihre Vereinigung mit der Medizin
war deshalb selbstverständlich, da bei aller übrigen Differenzierung
der medizinischen Disziplinen in sich noch keine Scheidung zwischen
Medizin und Pharmacie eingetreten war. Wir können uns höchstens
in den einzelnen Tempellaboratorien Aerzte vorstellen, die als Spezial-
fach den Kollegen die Zubereitung der komplizierten Arzneien ab-
nahmen. Dabei schwankte aber jedenfalls zwischen beiden Gruppen
nach Bedürfnis Selbstordinieren und Selbstdispensieren hin und her
ohne feste Grenzen. Die Pharmakotherapie war jedenfalls die stärkste
Seite der ägyptischen Medizin. Das oberste Bestreben war es, Koupie-
rungsmittel mit entsprechender Nachkur zu reichen. Das Koupierungs-
mittel wurde als P^intagsmittel (Monemeron), die Nachkur als Vier-
tagsmittel (Tetremeron) gereicht. Die ägyptische Medizin setzte diese
Bestimmungen in den medizinischen Papyri an das Ende der Signatur
als Ql (für Tag einen) und Q|||| (für Tag vier). ^) Dem Eintagsmittel
lag der Gedanke zu Grunde, die Materia peccans auszuleeren. Brech-
^) Lautlich bedeutet dies Wort, wie schon erwähnt „Salber".
^) Deveria deutet diesen Stein in anderer Weise.
^) Hieratisch ist dies f f | ^Cr% geschrieben. Diese Zeichen können nicht, wie ver-
sucht wurde „4 mal" gelesen werden.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 87
mittel und Abführmittel standen im Vordergrunde. Von den ersten
sind besonders die Zubereitungen mit Kupferverbindungen und das
Oxymel Scillae zu erwähnen. Doch auch durch Schweiss, Urin,
Niesen. Kuctus und Flatus wurden schlechte Säfte und schlechtes
Pneuma entfernt.^) Die" Viertagskur bekämpfte dann allgemeinere
Symptome, wie z. B. das Fieber. Dabei wurde Feuer mit Wasser
bekämpft, also Contraria contrariis. Dass nicht auch einzelne Mass-
nahmen als Similia similibus gedeutet werden können, ist nicht aus-
zuschliessen. Ein Grund, so allgemeine Grundsätze klar auszusprechen,
lag dem ägj'ptischen Arzte sicherlich nicht nahe. Denn die Therapie war das
Geheimnis des Aerztestandes. Immer wieder finden sich Anweisungen,
die einzelnen gefundenen Symptome, die Untersuchungsmethoden, dann
vor allem die Gruuddiagnose und selbst eine sehr gewagt präzise
Prognose dem Patienten mitzuteilen. Die Therapie wurde in jeder
Weise mit Geheimniskrämerei umhüllt. Der Grund ist durchsichtig.
Die heute noch zugängigen wenig veränderten Ausläufer der alten
vorhippokratischen Südseemedizin kennen keine Honorierung der ärzt-
lichen Bemühungen. Die Einnahmequelle des Arztes liegt im Handel mit
den nötigen Arzneistoffen. Der höchste Ruf der Geschicklichkeit ist
also finanziell wertlos, wenn der Arzt sich nicht auch das Verkaufs-
monopol für seine Verordnungen wahren kann. Jeder zweite und
dritte Patient mit gleichartiger Erkrankung wird wieder zum gleichen
Arzt durch das Geheimnis der verwendeten Stoffe gezwungen, die er
im anderen Falle bei irgend welchem Laienkrämer viel billiger be-
ziehen konnte. Am einträglichsten wurde das Arzneigeschäft, wenn
man sich auf irgend welche religiöse Beziehungen berufen konnte.
War irgend eine entzündliche oder fieberhafte Krankheit das Feuer
des Horus, so wurde der Pflanzensaft dagegen das Wasser der Isis.
F'ür Isis setzte man dann wieder die heilige Kuh der Isis ein. Sollte
dann wirklich ein zweiter oder dritter Patient für sein Leiden die
ekelhafte Mischung von Kuhspeichel und Kuhurin verwenden, so war
ihm die Differenz gegen das erste Medikament leicht klar zu machen.^)
Die Wissenschaft der angeblichen richtigen Zubereitung konnte damit
als so ausschlaggebend demonstriert werden, dass den Aerzten die
Arzneibereitung gewahrt blieb. Dieses Moment als Charakteristikum
der hermetischen Medizin wird .noch durch den feinen Zug illustriert,
dass ihr Schutzgott Hermes gleichzeitig der Gott der Aerzte, der Kauf-
leute und der Diebe war. ^) Spezifisch ägyptisch ist diese hermetische
Umnennung nicht. Im Papyrus Ebers enthalten gerade die phönikischen
Rezepte gehäuft Blutsorten, welche ich für phönikische hermetische
Umnennungen auffasse. Auch die medizinischen Keilschrifttexte aus
Ninive, welche gegenwärtig Küchler bearbeitet, enthalten nach
meiner Ansicht reichlich hermetische Geheimnamen.
^) Diese Ausleerung der Materie peccans in flüssiger Form auf verschiedenen
Wegen, sogar Speichel und Ohrenschmalz lehrt auch das medizinische Keilschrift-
fragment aus Niffer in Konstantinopel.
*) Natürlich wurden sicherlich auch bei den Aegyptern vielfach ekelhafte Stoffe
zu Medikamenten verwendet, wie auch heute wieder Harnstoff verwendet wird. Aber
in einem noch nicht erweislichen Prozentsatze nach meiner persönlichen Ansicht in
der überwiegenden Zahl der Fälle handelt es sich um Umnennungen, wenn die
ägyptischen Eezepte Stoffe heiliger Tiere enthalten. Prof. Wiedemann glaubt
diese Umnennungen mit Unrecht auf die griechische Zeit beschränkt.
') Und heute?
88 vonOefele.
In die ägyptische Arzneiverschieibung- ragt noch ein atavistisches
duales Gewichtssystem herein, so dass sich die Drogengewichte in
den Eezepten wie 1 : 2 : 4 : 8 : 16 : 32 : 64 verhalten. In dem Pfunde
mit 32 Loten etc. hatte sich diese Einteilung bis in die Neuzeit er-
halten. Im Mittelalter finden sich noch A15handlungen, welche durch
lange theoretische Deduktionen die Notwendigkeit dieses Drogenver-
hältnisses aus der Qualitätslehre beweisen wollen. Aus der Kenntnis
der Qualitäten und ihrer Grade konnte der wissende Arzt die Dosis
berechnen. Der Geist dieser Geheimnislehre weist auf hermetische
ägyptische Medizin, und den Schlüssel dafür finden wir in ferner
Spätzeit ausserhalb Aegyptens in der galenischen Medizin.
18. und 19. Dynastie Aegyptens.
Der Beginn der 18. Dynastie und damit des sogenannten neuen
Reiches 1580 (?). Die Aegypter machen sich erst von der asiatischen
Oberherrschaft frei, treten dann selbst erobernd in Asien auf, bringen
Aegypten auf den höchsten Glanz, verfallen aber sehr bald zunehmen-
dem semitischen Einflüsse. Doch schon der Papyrus Ebers war nicht
ohne asiatische Entlehnungen.
Nach dem Tode des Königs Thutmose I. folgten nach einander
seine beiden gleichnamigen Söhne. Die wahre Herrscherin war deren
Schwester, Gemahlin und Mitregentin. Nach ihrem wohl nicht sehr
natürlichen Tode wurde sie verurteilt, nie gelebt zu haben und ihr
Name wurde überall, doch nicht so gründlich getilgt, dass er nicht
als Hatschepsut und Beinamen Makaiie wieder ergänzbar war.
Sie rüstete die älteste bekannte kommerzielle Forschungsexpedition
aus, indem sie eine Flotte nach den Küstenländern am roten Meer
sandte, welche Weihrauch, Drogen, Naturalien und 31 lebende Weih-
rauchbäume mit Wurzelballen nach Aegypten brachten.^) Für die Ge-
schichte der Zoologie, Botanik, des Drogenhandels sowohl wie für
die Ethnographie ist diese Expedition von höchster Wichtigkeit. Die
Abbildungen befinden sich im Tempel von Deir el Bahari und sind von
Dümichen, Mariette und Naville verölfentlicht.
Es sind auch die übrigen Bilder dieses Tempels publiziert, darunter
die Geburt dieser Königin. Dieselbe erfolgt auf dem Geburtsstuhle,
mit mehrfacher Hebammenhilfe wie früher im Papyrus Westcar und
später bei der Entbindung der Kleopatra und aus Soranus ebenfalls
ersichtlich ist.
Memphis und vor allem Heliopolis, die alten Schulen, werden von
dieser Königin und der ganzen Dynastie sehr herabgedrückt und Theben
gehoben; dies wie auch die Resultate der Expedition und andere
Massnahmen sind der Hebung der thebanischen Aerzteschule zu gute
gekommen.
Als nach dieser friedlichen Expedition nach. Südost Thutmose III.
durch glückliche Kriege im Nordosten die Grenzen seines Reiches bis
an den Euphrat schob, so lernten die Aegypter eine Menge Drogen,
welche bisher nur durch Zwischenhandel in Aegypten zugängig waren,
direkt in den Produktionsländern kennen. Für eine nüchterne natur-
^) C apart macht mich ausserdem auf den altägyptischen botanischen Garten
von Karnak aufmerksam aus der Zeit Thutmose III. Veröffentlichung von Mariette
und Maspero.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 89
wissenschaftliche Forteilt wickhing der Therapie hätte dieser Umstand
befruchtend wdrken können. Leider wurden die Aeg-ypter aber gleich-
zeitig bekannter mit der mystisch symbolischen Krankenbehandlung
der mesopotamischen Priesterschaft. Und die Einführung vermehrter
Geheimniskrämerei und vermehrten Aberglaubens in die Therapie ent-
spracli der religiösen Ueberzeugung und dem Vorteile der allmächtigen
oberägyptischen Priesterschaft. Wir haben aus der Folgezeit drei
medizinische Papyri, don denen einer (Pap. Brugsch major) noch relativ
rationell formal überall altägyptisch zu sein bestrebt ist, während die
beiden anderen mit gesuchter Asiatenliebhaberei den thörichtsten
Zauberspuk aufnahmen. Die übrigen oben erwähnten Papyri sind in-
haltlich noch nicht bekannt.
Amenhotep III. (griech. Amenophis), der Erbauer des Tempels von
Luqsor. beherrschte das Gebiet von Nubien bis MittelsjTien. Unter
seiner Regierung wurden gemäss der Nachricht von Lee maus nach
einem Satze des grossen Londoner medizinischen Papyrus alte ver-
lorene und wiedergefundene medizinische Texte revidiert und angeb-
lich verbessert.^) Der Vergleich zwischen älterer und jüngerer ägyp-
tischer Medizin lässt in dieser Verbesserung nur die definitiven Aus-
lieferungen aller freien Medizin an die Priesterschaft-) speziell unter
Oberaufsicht der thebanischen Ammonspriester vermuten! Da der grosse
Londoner medizinische Papyrus noch in nächster Zeit herausgegeben
wird und darum erst gegenwärtig sich in intensiver noch nicht be-
endigter Bearbeitung befindet, muss hier auf eine nähere Analyse des
ungemein abergläubisch beeinflussten sehr beschädigten Textes ver-
zichtet werden. Das gleiche gilt von dem kleineren medizinischen
Papyrus in Berlin. Dass selbst den Königen vor der beginnenden All-
macht der Priesterschaft bange werden musste, zeigt der Sohn dieses
Königs.
Amenhotep IV., ein stürmischer Reformator, der Urenkel von
Thuthmose III., nannte sich Achnaten (Glanz der Sonnenscheibe). Er
folgte einer mächtigen Strömung unter den aufgeklärteren Kreisen
Aegyptens. Er hob den Polytheismus und vor allem die Verehrung
der thebanischen Götter auf und setzte unter starker Benützung des
Dogmas der alten Sonnenstadt Heliopolis, der alten medizinischen
Metropole, eine monotheistische Verehrung der Sonnenscheibe ein.
Es war ein Zeitalter des Naturalismus, das selbst den Ketzerkönig an
Stelle der kanonischen Schablone mit ausgesprochenem kachektischem
Typus darstellte. In welcher Weise die Medizin von der freieren
Richtung in Kunst und Wissenschaft Nutzen zog, lässt sich noch nicht
erweisen. Nach dem Tode des Achnaten folgten sich rasch drei
mit ihm verschwägerte Prätendenten bis zum Beginne der 19. Dy-
nastie. Dies war der definitive Sieg der Macht der thebanischen
Ammonspriester, welche in den Folgen ihrer äusserst energischen
Gegenreformation der Medizin das Beschreiten nüchterner Wege für
immer verwehrte. In der nächsten Zeit wurden zwar noch alte
wissenschaftlich medizinische Werke abgeschrieben.
So sehr war unter diesem Ketzerkönige schon der Einfluss Asiens
gestiegen, dass nach neueren Brieffunden der ägyptische Hof nach
^) Diese Anachronismen etc. des Londoner Papyrus werden W. Max Müller
und ich bei Herausgabe dieses Papyrus besprechen.
*) Auch schon früher waren wohl schon alle Aerzte immer Priester. Doch tritt
die äusserliche Knebelung nicht so stark in die Erscheinung.
90 von Oefele.
Palästina in mesopotamischer Keilschrift und Sprache korrespondierte.
Dies lässt auch weitgehende kulturelle und speziell medizinische Be-
ziehungen voraussetzen.
Die 19. Dynastie beginnt mit mächtigen kriegerischen Königen.
Namen wie Sety I. und Ramses IL gelten noch als glänzende
Herrscher, die den Ansturm der Völker von Nordwest und Nordost
zurückzutreiben wissen, selbst erobernd auftreten und nach innen eine
fieberhafte kostspielige Bauthätigkeit entwickeln. Für den Stand der
Medizin giebt uns der Papyrus Brugsch maior einen Einblick nicht in-
sofern, als die Abfassung der einzelnen Stücke in diese Zeit fällt, sondern
als die erhaltene Abschrift unter der Regierung von Ramses IL genommen
wurde. Dass natürlich zu einer Zeit priesterlicher Bevormundung nur
altehrwürdige Texte kopiert wurden, ist selbstverständlich. Charakteri-
stisch ist nur die Art der Auswahl und die Treue der Kopie der
Wort- und Satzgruppen. In der Auswahl kommt der Aberglaube
wenigstens im Verhältnis zum Papyrus Ebers doch schon in den
Vordergrund. In der Treue der Kopie ist trotz der ungleich flüchtigeren
Schrift gegenüber dem Papyrus Ebers doch eine möglichste Ver-
meidung aller Wort- und Satzkürzungen erstrebt, so dass ich eine viel
sklavischere Verehrung für den alten Text annehme als zu allen
anderen Zeiten mit reichlichen Schreiberänderungen. Dazu trägt dieser
Papyrus Brugsch Spuren, dass er durch häufiges Nachschlagen stark
abgenützt wurde. Wenn dies auch nur alles zufällige Eigentümlich-
keit des einzigen erhaltenen Exemplares eines medizinischen Buches
jener Zeit sein können, so liegt doch die Versuchung sehr nahe, diese
Eigentümlichkeiten zur Charakteristik jener Zeit zu verwerten.
Darnach wäre seit der Zeit des Königs Thutmose IIL die Gelehrsam-
keit zurückgedrängt worden und Krieger und Priester wetteifern in
der Ausnützung der Hilfsmittel des Landes zur Hebung ihres Wohl-
lebens. Die ärztliche Gelehrsamkeit sank zu einem abergläubischen
ängstlichen Nachschlagen des Rezepttaschenbuches herab, da ein
positives Wissen mangelte und kein Versehen gegenüber priester-
polizeilich verordneter Therapie vorkommen durfte.
Der grössere medizinische Papyrus Brugsch, zur Zeit im Berliner
Museum, wurde von Passalacqua auf seiner ägyptischen Reise erworben
und zuerst im Jahre 1826 beschrieben. Er wurde in der Nähe von
Sakarah bei Memphis in einem irdenen Topfe zugleich mit einem
zweiten Schriftstücke gefunden, beide auf die Regierungszeit Ramses IL
datierbar. Der Anfang fehlt. Es sind 21 Spalten der Vorderseite und
3 Spalten der Rückseite erhalten. Der Inhalt zerfällt in drei resp.
vier Teile verschiedenen Ursprunges. Die ersten vierzehn Spalten
gehören einem grösseren therapeutischen Handbuche an, das in anderer
Gestalt auch in den ersten Partien des Papyrus Ebers vorliegt. Der
zweite Teil, die übrigen sieben Spalten der Vorderseite prätendieren
eine alte Therapie aus dem Pyramidenreiche auf Gefässsystemphysiologie
aufgebaut darzustellen. Das traurigste Machwerk scheint den beiden
ersten Spalten der Rückseite als Quelle gedient zu haben. Es be-
handelt in scheinbar meist abergläubischer Anschauungsweise geburts-
hilfliche Fragen. Die rudimentäre dritte Spalte enthält mit dem
Schlüsse der zweiten Spalte ohrenärztliche Pharmakotherapie.
Die Länge des ganzen Papyrus beträgt nicht ganz fünf Meter.
Die Höhe der beschriebenen Spalten beträgt fast nur die Hälfte des
Papyrus Ebers und der Schriften des mittleren Reiches, so dass im
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 91
ganzen dieser zweitgrösste medizinische Papyrus an Inhalt weit
hinter dem Papyrus Ebers zurückbleibt.
Mykenäkultur.
Ungefähr auf die Zeit von 1700 bis 1200 lässt sich durch Importe
und Tributartikel in Aegypten die Mj'kenäkultur festsetzen. Dieselbe
beherrschte mindestens den ganzen Osten der Küsten des mittel-
ländischen Meeres. Von der Medizin dieser Kultur wissen wir nichts.
In der Kunst tritt uns aber eine treue Wiedergabe von Tier- und
Pflanzenformen entgegen, welche gute morphologische Beobachtungs-
gabe zeigt. Die medizinischen ägyptischen Papyri dieser Zeit ent-
halten viele ausländische Entlehnungen ; alle, welche davon der Myken-
äkultur angehören, können einstweilen nicht gesammelt werden. Zu
beachten ist aber, dass manche Lehre dieser Papyri, z. B. eine
Schwangerschaftsdiagnose, sich bei Hippokrates wiederfindet. Wenn
auch die Entlehnung der Griechen ei'st ein Jahrtausend später wahr-
scheinlich erscheint, so kann doch nicht exakt widerlegt werden, ob
nicht manches Gemeinsame der altägyptischen und der hippokratischen
Medizin sich auf Kulturaustausche schon des regen Verkehres zwischen
Griechenland und Aegypten zur Zeit der Mykenäkultur zurückgeführt
werden muss. Der Papyrus Ebers erwähnt Bohnen aus Kefto d. h.
dem Sitz der Mykenäkultur nach ägyptischer Bezeichnung.
Cypern.
Auf asiatischem Boden im Norden von Aegypten und im Osten
der mesopotamischen Kultur tritt eine ganze Reihe von Kulturvölkern
auf, welche in ihrer gegenseitigen Abgrenzung der schärfsten Kontro-
verse unterworfen sind. Es finden sich hier Kiliker, Hettiter, Amoriter,
Philister, Phryger, Lyder und viele andere. Durch ihre weiten See-
fahrten und ihren Handel mit den Griechen treten besonders die
Phöniker hervor. Von ihnen haben wir direkte Nachrichten in
Hieroglyphen, Keilschrift und griechischen Texten, wonach sie als
schlaue Kaufleute den Drogenhandel vermittelten und damit die Kennt-
nis von Arzneimitteln verbreiteten. Da auf kleinasiatischem Boden
aber auch die ersten griechischen Aerzteschulen blühten, so wäre für
alle diese Völker eine detaillierte Behandlung geboten. Doch bevor
nicht direkte Ausgrabungen vermehrtes Material liefern, hat ein solcher
Versuch mehr Hypothesen als feste Ergebnisse. Am interessantesten
ist bis jetzt die Insel Cypern. Hier haben die Ausgrabungen des Palma
di Cesnola Weihgescheuke mit medizinischem Interesse zu Tage ge-
fördert, z. B. eine Parturiens in hockender Stellung und eine Frau mit
einem gynäkologischen Leiden, welche entweder eine Scheidenwaschung
oder eine Scheidenräucheruns: vornimmt.
Etrurien.
Die etruskischen Funde ergeben eine hohe Vervollkommnung
einzelner chirurgischer Techniken, wie uns solche im Zahnersatz an
einem etrurischen Schädel erhalten ist. Hier sind die Ersatzkronen
in vollendeter Weise durch Goldspangen und Goldnieten an den
92 vonOefele.
Nachbarzähnen befestigt, während ein analoger altägyptischer Fund
eine ganz andere Befestigungstechnik mit Golddrahtgeflecht wählte.
Zwei Fundstücke in Terracotta von Prof. Löschke in Bonn
zeigten zuerst, dass die Etrusker eine Anatomie der menschlichen
Eingeweide kannten und als Phantom am geöffneten Eumpfe sehr
naturalistisch darzustellen vermochten. Von zwei ähnlichen aber nicht
identischen Stücken italienischer Museen besitze ich die Photographie.
xA^usserdem ist eine Nachbildung der Dünndarmschlingen in Terracotta
vorhanden. Auch weibliche Brüste und andere äussere Körperteile
wurden nachgebildet. Da aber die Kunde auch von diesen Stücken
bis in die letzten Monate noch unbekannt war, so ist anzunehmen,
dass in italienischen Museen und vielleicht auch in holländischen und
englischen noch mehr hierher gehörige übersehene Objekte liegen.
Von den vatikanischen Sammlungen ist ähnliches mitgeteilt, ohne dass
ich aber Abbildungen gesehen habe. Schon das Vorhandene beweist
einen Stand der etruskischen Anatomie höher als die spätere römische. ^)
Einen Kulturzusammenhang mit Mesopotamien der Keilschriftzeit er-
geben die beiden babylonischen Lebermodelle, über welche Publikationen
von Boissier vorliegen.
Für die übrige etruskische Medizin fehlen direkte Belege. Trotz
der Lesbarkeit der etruskischen Schrift und trotz der unzähligen wenn
auch kurzen Texte ist die etruskische Sprache noch nicht übersetzbar.
Indirekte Quellen sind die römischen Schriftsteller, nach welchen wir
uns die Etrusker als Ausbund des Aberglaubens vorzustellen hätten.
Ob aber nicht gerade die Römer aus dem etruskischen Erbe das
Talmi des Aberglaubens auswählten und das echte Gold positiver
Wissenschaft verschmähten, muss mindestens als sehr wahrscheinlich
erscheinen.
Nach den Berichten des Dioskurides spielen im Arzneischatze der
Etrusker Asarum, Anagallis, Weissdorn, Parthenium und Lappa minor
eine Rolle, was um so mehr zu glauben ist, als dies heimische Pflanzen
der nordmediterranen Flora sind. Die angegebenen angeblichen etrus-
kischen Namen sind so gut lateinisch, dass höchstens der Ausweg
bleibt anzunehmen, eine ganze Reihe lateinischer naturwissenschaft-
licher Bezeichnungen sei etruskische Entlehnung.
Medizin Westasiens zur Zeit von Amenophis III. u. IV.
Moses ist nach biblischem Berichte Gründer der israelitischen
Religion und des israelitischen Staates in Palästina. Gegen Ende der
18. Dynastie (nach 1400) gehört Palästina noch den vorisraelitischen
Völkern, welche noch zu Davids Zeiten mit und unter den Israeliten
das Land bewohnen. Die wechselnden Redensarten vom Leben und
anderen medizinischen Dingen in der Sprache der Bibel spiegeln die
vorisraelitischen medizinischen Anschauungen in Palästina wieder. Die
Textkritik schälte besonders aus den ersten Büchern der Bibel nach
Sprache und anderen Kriterien Stücke aus, welche die schliessliche
Redaktion als ältere Stilisierungen schon vorfand und einfügte. Diese
Quellschriften besitzen örtlich und zeitlich getrennte Entstehung.
Der judäische Jahwist spiegelt pneumatische Physiologie. Der
Körper besteht aus Hartteilen, Weichteilen (Flüssigkeiten) und Luft.
Seit Ablieferung des Manuskriptes hat Stieda hierüber publiziert.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 93
Die letztere ist das Belebende. Die einzelnen Mitglieder einer Familie
sind durch (Bein und) Fleisch, also durch die unbelebten Teile ver-
wandt. Der Jahwist hält medizinisch das Versehen der Schwangeren
für möglich. Medizinisch und hygienisch werden Räuchermittel und
Wohlgerüche hochgeschätzt und zwar gerade der Handel dieser Stoffe
nach dem pneumatischen Aegypten betont.
Der Elohist aus dem nördlichen Reiche lehnt sich hämatischer
Anschauung der Redensarten an das geographisch nähere Mesopotamien.
Mord ist hier überall gleich Blutvergiessen. Nicht nur dieses, sondern
auch der Genuss des Tierblutes oder noch Blut haltenden Fleisches
ist verboten. Bei der Wichtigkeit der Körpei'flüssigkeiten für das
Leben wird dem Besitze und der Besprechung von Brunnen grosse
Wichtigkeit beigemessen. Beim Opfer wird das Vergiessen des Blutes
betont (gegenüber der Verbrennung beim Pneumatiker). Als wichtigster
Ausfluss des reinen ungetrübten Blutlebens erscheinen die Träume,
welche wiederholt entscheidend in das reale Leben eingreifen.
Während Jahwist und Elohist neben der theologischen und histo-
rischen Schilung auch sonst belegbare in Denken und Sprache reflek-
tierte medizinische Schulung erkennen lassen, fehlt dies meist im
Priestercodex. Ausser der Bewegung als Grundlage des Lebens kommen
mehrfach hämatisch pneumatische Vermittelungsvorstellungen vor. Wo
der Priestercodex auf alte Gesetze und ähnliches zu sprechen kommt,
treten meist hämatische Vorstellungen in den Vordergrund. Im Ganzen
entspricht dieses Schwanken des Priestercodex einer Unkenntnis der
Medizin. Der reine Theokratismus betrachtet ja die Medizin als un-
berechtigten Versuch in das Walten Gottes einzugreifen. Charakteri-
siert wird die Richtung durch die Legende, dass Salomo eine pflanz-
liche Pharmakologie geschrieben habe, dass aber die spätere Priester-
schaft diese unnötigen und schädlichen Bücher habe verbrennen lassen.
Palästina ist also in vorisraelitischer Zeit politisch und medizinisch
zwischen den beiden grossen Flussthälern in kleine Pufferstaaten zer-
splittert. Eine kulturelle Einigung versuchte Aegypten selbst zur Zeit
seiner unbestrittenen politischen Vorhen*schaft so wenig zu erzwingen,
dass Amenophis III. und Amenophis IV. mit diesen Duodezvasallen in
ausländischen Sprachen, ausländischer Schrift, auf ausländischem Schreib-
materiale korrespondierten.
Wie aber alle diese Kulturelemente Vorderasiens der Amarnazeit
mehr vom Zweistromlande beeinflusst sind als von Aegypten, so ist
auch die Medizin mit den hygienisch theologischen Speisegesetzen ab-
gesehen vom Jahwisten dem Zweistromlande entsprechend hämatisch.
Aegyptische Medizin der Zeit demotischer Schrift.
Die demotischen medizinischen Reste sind einstweilen nicht spezieller
als in das letzte vorchristliche Jahrtausend (?) zu datieren. Von den alten
Resten sind jene des Museums in Leiden^) durch die Publikation von
Leemans zugängig. Neben Mitteln z. B. für Blutungen oder Fuss-
luxationen überwiegt der Liebeszauber, um eine Frau in einen Mann
verliebt oder ihrem Ehemann geneigt oder begattungslüstern zu
machen. Die Form der Rezepte und die verwendeten Drogen sowie
die termini technici entsprechen auch in dei\ demotischen Belegen der
*) Auch London ed. Hess.
94 • ven Oefele.
altägyptischen Medizin, nur dass die Eezepte nach Geschmack und
Bedürfnis jener Zeit gesichtet und kompiliert sind. Vor allem findet
sich auch die hermetische Umnennung der Drogen als Tierblut und
ähnliches. Das AVuchern des Aberglaubens zeigt sich besonders in
dieser Periode. Einerseits wird durch Tagewählerei und Omenbeachtung
eine präservative Gesundheitserhaltung erstrebt ; andererseits führt die
Abhängigkeit der menschlichen Gesundheit von mystischen überirdischen
Einflüssen zu einem der Medizin verderblichen Fatalismus. Die demo-
tische Zeit erscheint darum als das tiefste Niveau, das ägyptische
AVissenschaft erreicht hat. Nach Wiedemann ersehen wir aus dem
Romane des Setna, des Sohnes von Ramses II., aber auch aus genug
anderen Texten, dass der Aegypter dem in bestimmter Form ausge-
sprochenen Worte eine hohe magische Bedeutung beilegte und durch
Recitation einer Formel unter anderem Krankheiten und Schlangen-
bisse heilen wollte. Dieser Roman ist auch erst für die demotische
Zeit illustrativ. Brugsch erklärt therapeutische Massnahmen als Hyp-
notismus.
Die oben erwähnten demotischen medizinischen Texte, welche
neuerlich Thompson bearbeiten will, entstammen als Manuskript nach
W. Max Müller der Zeit von circa 200 n. Chr. und sind nach
Müller unverkennbar nach griechischen Vorlagen in ägyptische
Sprache übersetzt. Dieselben wären somit erst nach der ptolemäischen
Zeit zu besprechen. Für 700 v. Chr. bis 200 n. Chr. würden somit
abgesehen von den kosmetischen Tempelrezepten direkte Belege fehlen.
Assyrische Medizin.
Unter Adad-nirari III. (812 — 783) und seiner Mutter oder Frau
Sammuramat (Semiramis), einer babylonischen Prinzessin, wird der
Dienst des babylonischen Gottes Nabu 787 in Assyrien eingeführt, in-
dem ihm in Kalah ein Tempel Ezida errichtet wurde. Dieses Ereignis
scheint auch der gleichzeitigen Importation babylonischer Priester^
medizin nach Assyrien als Stützpunkt gedient zu haben.
Für die Stellung der Aerzte in Assyrien sei angeführt, dass unter
der Regierung des Königs Sargon (722 — 705) von Istarduri unter
Bedeckung eines Boten mit einem Begleitschreiben (K 504) zwei
assyrische Aerzte Nabusumidina und Nabuerba zum persönlichen Er-
scheinen vor dem König gesandt werden, ohne dass sie (wie ausdrück-
lich mitgeteilt wird) vorher Aufschluss über Grund dieser Deportation
erhalten haben. Das hohe Militär war also rücksichtslos gegen den
gelehrten Beruf
Die Inspektion bei im Felde erkrankten Militärs macht ein höherer
Offizier, z. B. Adadsumusur, giebt darüber Bericht an die Hof-
kanzlei und vertügt über das vorhandene Pflegepersonal. In der
gleichen Zeit d. h. der Regierung von Asarhaddon von Assyrien (681
bis 668) sind vier Briefe des Arztes Aradnanä und ein Brief des
Arztes Bäni erhalten. Aradnanä scheint Hofarzt bei Asarhaddon ge-
wesen zu sein, welcher sich bei seiner bevorzugten Stellung Unkolle-
gialitäten gegen weniger titulierte Kollegen ganz nach moderner Art
erlaubte.
Aradnanä erklärt in einem Berichte (K 532) den Gesundheits-
zustand des Königssohns Asurmukinpalea für befriedigend. In einem
anderen Briefe (K 576) rät er dem Könige präservative Einreibungen,
Vorhippokratische Medizin "Westasiens, Aegyptens nnd der mediterranen Vorarier. 95
Wassertriuken und häufiges Händewaschen. In einem dritten Briefe
(S 1064) berichtet er von dem unerwartet günstigen Heilungsverlauf
einer Augenwunde (vielleicht nach einem absichtlichen Blendungs-
versuche). In einem vierten Briefe (K 519) erklärt er den Verband
eines Kollegen für kunstwidrig und bietet seine bessere (!) Hilfe an.
In gleicher Zeit greift aber die Priesterschaft in den ärztlichen
Beruf ein. Eine Reise des obigen kränklichen Asurmukinpalea begut-
achten zwei Astrologen (K 565). In die Heilung des Königs selbst
(K 1024) mischt sich der Priester Aradea, der als Wille der Gottheit
die Heilung des Königs und noch manches Regierungsjahr verheisst.
Schoenanthus, wohlriechende Hölzer und ähnliche Drogen sind darum
nicht nur fiir medizinische, sondern noch viel hervorragender für
Kultuszwecke verwendet, so dass ebenso wie in ägyptischer Ptolemäer-
zeit Opferliste und Apothekerinventar mehr und mehr in einander
verschwimmen.
Arzt Bäni hatte über den Patienten Nabunadinsum eine günstige
Prognose eingesandt und musste dieselbe auf Anforderung der Hof-
kanzlei mit Gründen belegen.
Der Arzt Ikisaaplu war dem erkrankten Feldherrn Kudurru in
Erech auf Befehl des Königs zugewiesen worden (K 81).
Assurbanipal (668—626), der Sardanapal der Griechen, bevorzugte
Niniveh als Residenz, begründete dort eine Hochschule und legte eine
Bibliothek an. Die grösste ausgegrabene assyrische Bibliothek ist jene
von Niniveh, welche sich als ,,Kouyunjik Collection" im britischen
Museum in London befindet. Dieselbe ist in fünf mächtigen Bänden
von Prof. C. Bezold in Heidelberg katalogisiert.
Viel inhaltreicher sind aber noch die in letzter Zeit ausgegrabenen
(Bibliotheken (?) und) Archive babylonischer Städte. Doch sind diese
weder ausführlich katalogisiert noch sonst für die Geschichte der
Medizin zugänglich, so dass einstweilen für die älteste Geschichte der
Medizin in Mesopotamien fast alle Aufschlüsse aus der Bibliothek von
Niniveh zu holen sind.
Medizin, Naturwissenschaften und naturwissenschaftlicher Aber-
glaube umfassen über tausend Tafelfragmente und schon die thera-
peutischen Texte sind über 400 Stücke. Davon sind bis heute noch
kein halbes Dutzend im Jahre 1885 von Sayce in vorläufiger Form
herausgegeben und neuerlich wieder mit neuen Stücken durch Küchler
von den Originalen kopiert und neu bearbeitet im Erscheinen begriffen.
Seh eil in Paris hat im Jahre 1900 einige Proben eines medizi-
nischen Keilschriftwerkes gelegentlich veröffentlicht. Das Original liegt
im Konstantinopeler Museum (N. 583) und stammt aus Niffer.
Für den Umfang der medizinischen Texte diene als Anhaltspunkt,
dass z. B. K 191 ursprünglich auf Vorderseite und Rückseite je 4 Spalten
mit je ca. 70 Zeilen Text besass, wobei eine Durchschnittszeile in der
Uebersetzung mehr als eine Zeile dieses Buches umfasst, so dass dies
Dreitafel werk .allein schon ungefähr zwei Druckbogen dieses Buches
entspräche.
Die Medizin und Naturwissenschaft atmen den Geist direkter
Naturbeobachtung. Dabei ist aber das ,,post hoc ergo propter hoc"
kritiklos selbst wieder vom Mikrokosmos auf den Makrokosmos und
umgekehrt übertragen. Der Aberglaube von heute bringt noch die
Begegnung von Schafen, Schweinen etc. mit Prognosen von Ereignissen
in Zusammenhang. Dergleichen, sowie astrologische Beobachtung, aber
96 von Oefele.
auch teilweise berechtigte meteorologische Verhältnisse werden für
Gesundheit, Krankheit und Tod verantwortlich gemacht. Andererseits
wird auch wieder in berechtigter Weise die Physiognomie der Menschen
für zu erwartende Charkterausflüsse und Ereignisse verwendet, aber
auch wieder die Geburt von Missbildungen zu Prophezeiungen für
König und Reich verwertet. Wahrsagerei, Astronomie, Naturwissen-
schaft und Medizin war deshalb nicht völlig getrennt. In einer
Bibliothek, in der nur Stücke von Schriftwerken enthalten sind, deren
Katalogisierung erst 1899 nach mindestens zwölfjähriger Arbeit beendet
war, können wir natürlich diese Disziplinen auch nicht trennen, am
w^enigsten heute schon.
Ein prognostisch-medizinisches Werk scheint das 19-Tafelwerk
„Wenn ein Beschwörungsarzt in das Haus seines Patienten geht".
Nach Bezold handelt es sich um Zufälle, welche einem Patienten be-
vorstehen und zwar sind diese Voraussagungen aus Beobachtungen an
den Körperteilen des Patienten selbst gezogen. Das Werk gliedert
sich nach den assyrischen Bibliotheksvermerken in 2 Tafeln Ein-
leitung, 12 Tafeln der ersten Unterserie „Wenn der Sitz des Zahnes
eines Kranken eitert" und 5 Tafeln der zweiten ünterserie „Wenn
einer am ersten Tage krank ist".
Von der Einleitung ist nichts rekognosziert als die Anfangsworte,
welche an den Beginn der Methodik des hippokratischen 7ieql itad-Cov
erinnern. Die dritte Tafel beginnt mit Beobachtung der Sprache (?)
oder des Gesichtsausdruckes (?) bei der Uebernahme des Kranken.
Die 4. Tafel bespricht die Stirne (K 2723 -fK 3872 -fK 4051, K 3872),
die 5. Tafel das rechte Auge, die 6. Tafel das linke Auge (K 12539
+ K 12897), die 7. Tafel die Zunge (K 2949 + K 12856, K 2952 -f
K 3678), die 8. Tafel das rechte Ohr (K 4080 -f Sm 552), die 9. Tafel
die beiden Augen (?) (K 261), die 10. Tafel den Hals (K 3987 + Sm
951), die 11. Tafel die ausgestreckte rechte Hand, die 12. oder 13.
Tafel (K 8793) die Brust, die 14. (?) Tafel den Fuss (Sm 872).
Die 15. Tafel beginnt „Wenn einer am ersten Tage krank ist".
Auch in den rein therapeutischen Texten spielt dTe Prognose eine
grosse Rolle, so dass fast jedem Rezepte die Verheissung angefügt wird:
„so wdrd er genesen". Auch im offiziellen Krankenbericht ist die
Prognose scheinbar die Hauptsache.
Die Wissenschaft der Assyrer macht in allen Gebieten den Ein-
druck der Pedanterie und Haarspalterei. Dem entspricht in dem
Buche „Wenn ein Beschwörer in das Haus seines Patienten geht" die
Reihenfolge der Körperteile von oben nach unten. Auch wo wir keine
direkten Beweise durch Auffindung der Serienbezeichnung haben, wird
die Annahme dieser Reihenfolge wahrscheinlich.
Im Katalog Bezold fand ich bis jetzt 281 Tafelfragmente verzeich-
net, von denen bis jetzt nichts weiter gesagt werden kann, als dass
sie therapeutischen Inhalts sind. Ob hierin ein grosses systematisches
therapeutisches Werk von vielen Tafeln verborgen liegt, muss erst
die Zukunft lehren. Wahrscheinlich ist dies nicht, da die Tafeln be-
kannten Inhaltes zu kleineren Serien gehören. Diese Serien machen
den Eindruck von Spezialabschriften, z. B. der Abdominalerkrankungen.
Dabei werden die einzelnen Krankheitsgattungen durch kurze Be-
schreibungen in eine grosse Reihe von Unterarten zerteilt und jeder
eine Reihe von Rezepten, Beschwörungen und anderen Vorschriften
und vor allem auch eine Prognose quoad exitum beigefügt. Es ist
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegj'ptens und der mediterranen Yorarier. 97
dies eine Anordnung, wie sie ägyptisch der Papyrus Ebers, PapjTus
Brugsch und mittelalterlich die lateinischen, deutschen, englischen etc.
Practica besitzen. Dabei sind sie weder rein ideographisch noch
syllabisch geschrieben. Es giebt allerdings auch andere ähnlich ge-
schriebene Texte z.B. historische; diese sind nur viel übersichtlicher,
und die modernen Forscher sind über den dortigen Sprachschatz durch
viele Parallelen und Varianten besser unterrichtet. In den medizinischen
Texten ergiebt diese Art Schreibung viele Schwierigkeiten für die
Lesung.
Originalwerke enthielt die Bibliothek von Niniveh kaum. Die
medizinische Tafel 82 — 5 — 22, 544 bezeichnet sich als Kopie. Im
höchsten Falle liegen uns für Niniveh angefertigte Kompilationen aus
älteren Werken vor, eine Deutung, welche der Bibliotheksvermerk
auch zulässt. Vereinzelte Stücke z. B. des Werkes „Wenn eine Frau"
sind in Duplikaten erhalten, welche Auszüge aus dem Texte von drei
bis vier Tafeln auf eine Tafel vereinigten. Ob dabei die Abschreiber
mit übergrosser Gewissenhaftigkeit arbeiteten, lässt sich nicht be-
haupten. In 10 medizinischen Tafeln habe ich den Vermerk von inter-
linearen Schreiberglossen gefunden.
Zwei näher kontrollierbare medizinische Serien der Bibliothek
von Niniveh weisen alle jene Charakteristika auf, welche in der hippo-
kratischen Medizin der knidischen Schule zugeschrieben werden. Die
Schule von Niniveh steht also mit den Lehren der knidischen Schule
in enger genetischer Beziehung.
Mit der Therapie einer Erkrankung des Kopfes befassten sich
die Texte K 8074, K 10562, K 10926, K 13502 u. K 13505. mit
Augenerkrankungen K 4170, K 5906. K 6773, K 6974. K 7241, K
8349, K 8832, K 9247, K 9503, K 9555, K 10495, K 11568, K 11803,
K 13393, 79 — 7—8, 163. Einzelne Sj'mptome von Augenerkrankuugen :
K 7055 u. K 10625 (Lichtscheue etc.). Eine rationelle Therapie da-
für ergiebt K 2500, während K 10892 Ceremonien vor einer Stier-
gottheit und K 2573, K 2970 und K 5000 Beschwörungen vorschreiben.
Aber nicht nur in diesen vielen Spezialtexten war die Ophthalmologie
niedergelegt. Wohl ein kleines Rezepttaschenbuch stellt K 10639
dar, wo auf ein Augenrezept sofort eines für die beiden Seiten folgt.
Dyspnoe als Erkrankung von Mund und Nase besprechen K 8089,
K 9072, K 10733, K 13388, K 13831. Von auffallender Häufigkeit
ist es, dass drei Fragmente Leiden der Lippen aufführen: K 6773,
K 9438 und Em 2, 143. Es werden aber auch in 81—2—4, 199 und
82 — 3 — 23, 56 Mund und Lippen des Neugeborenen besonders beachtet
und werden die Schneckenlippe, die Wildschweinlippe und andere als
Geburtsanomalien aufgeführt. Mit der Zunge des Patienten beschäftigen
sich K 2441. K 6488, K 6586 und K 9438, mit Länge und Zustand
der Zunge des Neugeborenen Sm 1906. Für Zahnschmerzen gab es
nach K 2439 eine besondere Serie, also ein Spezialwerk. K 2849
berichtet von Beschwörungsformeln gegen Zahnschmerz, während in
81 — 2—4, 418 dagegen Kaurezepte empfohlen werden. Zur Zahnheil-
kunde gehört auch der Text K 10 834. Nasenerkrankungen dj'spnoischen
Charakters enthalten K 9528, K 12 272 und K 13971. Mit der Nase
des Neugeborenen soll sich angeblich K 13 959 befassen, wenn es sich
nicht nach meiner Ansicht um die Nabelschnur handelt. Ohrenheil-
Haudbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 7
98 von Oefele.
kimdei) betreffen K 10498, K 10 767, K 11027, K 11788, K 13492,
Sm 379. Ein Abschnitt für eine Erkrankung im Innern der Ohren
und ein Abschnitt für das rechte Ohr steht auf K 6661. Danach
muss wohl hier in Assyrien den beiden Ohren ebenso eine verschiedene
Funktion zugeschrieben sein wie im Papyrus Ebers auf ägyptischem
Boden. Die Otitis media acuta als „Feuer im Herzen des Ohres"
erwähnt K 10 453. Prognostisch mit den Händen befasst sich K 1562,
therapeutisch mit Händen und Füssen K 9156. Die Therapie von
Erkrankungen der Fingernägel und Finger behandelt K 10464; darunter
wird Panaritium als „schmerzhafte Fülle" (murus kabarti) auf-
geführt. Phthisis pulmonum (?) als Eiter aus dem Innern der Lungen (?)
wird K 11 582, Pneumonie (?) K 2590, K 6825 u. K 13 423 behandelt.
Das Epigastrium wird in K 2614, K 7824 und 81—7—27, 57 erwähnt.
Mit Magenschmerz beginnt K 71 b. Das Abdomen behandelt K 13 738 etc.,
Darmerkrankungen K 11622 etc. etc.
Seit Bartels murusqaqqadi (wörtlich : Sc hmerzdes Kopfes)
und dessen Synonym te'u als Erysipel (!) gedeutet hat, liegt bei den
Keilschriftforschern neben Lues und Lepra, welche aus Kontro-
versen über das Gesetz Mosis philologisches Gemeingut geworden sind,
und neben der Pest, die sich als rettendes Wort einstellt, wo Be-
griffe fehlen, eine allzugrosse Vorliebe vor, überall eine dieser 4 Diagnosen
aufzustellen. Es muss gewarnt werden in der Kultur des Zweistrom-
landes in höherem Masse, als es Altgriechenland besass, scharf um-
schriebene Krankheitstj'pen im Rahmen moderner Terminologie finden
zu wollen. Gerade die erhöhte Schwierigkeit der Selbstlesung gegen-
über griechischen, indischen, hebräischen und selbst ägyptischen Texten
lässt Philologen und Medicohistoriker sich dabei gegenseitig in Fehler
hineintreiben, deren Korrektur nachträglich fast unmöglich wird. Es
bedarf noch Jahrzehnte angestrengter Zusammenarbeit von Philologen
und Medizinern, bis eine Klärung möglich ist. Selbst in den nichtmedi-
zinischen Texten der Beschwörungs- und Gebetsformeln finden sich
viele ungedeutete Krankheits- und Symptomennamen.
Eine der gefürchtetsten Epidemien ist m u t ä n u (wörtlich : Todes-
krankheit). Sie herrscht in den Jahren 803, 765 und 759 nach den
Eponymenlisten in Assyrien. Ihr Vorläufer ist ein böser verheerender
Wind. Sie kann entsprechend dem hippokratischen tvcpoi und dem
ägyptischen äaä als Zusammenfassung dysenterischer Erkrankungen
und ähnlichem betrachtet werden. Eine andere keilschriftliche Kranken-
beschreibung hat Jensen auf Wassersucht bezogen
In einer synchronistischen Tafel werden verschiedene Todes-
ursachen von Königen, darunter Apoplexie des Minanu, König von
Elam, mit Sprachstörungen erwähnt. Phlegmone (mursu) und Car-
cinom (machsu) der Brust werden in Laientexten unterschieden.
In den Texten Küchlers handelt es sich hauptsächlich um Leib-
schneiden und andere Erkrankungen, welche auf abdominelle Organe be-
zogen werden können. Als Krankheitsgrundlagen lassen sich Schleim,
Galle und Wind erkennen.
Von gynäkologischen Erkrankungen erfahren wir von Phlegmone
der Mamma und Carcinom der Mamma (K 156), an welch letzterem
ein Todesfall der Amme erwähnt wird.
^) Auch K 4023, wo es sich aber wohl um äussere Verletzungen, Schlag etc.
handelt.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 99
Bezeichnend fiir diese Kulturen des abgeschlossenen Harems ist
ein offizieller brieflicher Bericht an den König-, dass eine Haremsdame
an Verstopfung leidet, mit der Anfrage, ob ein Arzt, wie es scheint
zum Setzen eines Klystiers, gerufen werden soll.
Eine Eeihe von Texten (K 4570, K 4575, K 6611, K 6663, K 6673)
sprechen von üblen oder günstigen Folgen wie Süssigkeit des Herzens,
Freilassen seines Verderbens etc. nach dem Genüsse verschiedener
Arten tierischer Nahrung, Vögel, Pflanzen, Baumfrüchten, Hölzern etc.
Ob dies als Pharmakologie oder als Wahrsagetext aufzufassen ist, kann
bei der Undeutbarkeit der Realien einstweilen nicht entschieden
werden.
Andere Texte befassen sich mit prophj^laktischen Vorschriften für
Eeisen und andere Gelegenheiten.
Für die Therapie wurde der Dienst bestimmter Götter vorge-
schrieben, deren zu diesem Zwecke K 9250 mit Gott Marduk beginnend
und mit Göttin Gula endigend sieben (!) aufzählt.
Im übrigen musste von mir an vielen Stellen schon die theurgische
Therapie erwähnt werden.
Beachtenswert ist auch die Tagewählerei für Ceremonien zur Be-
handlung chronischer Leiden. So sollen Leute mit Kolikanfällen (K 191)
am Tage des Anfalles eine Wallfahrt zu Schiff unter Benutzung einer
speziellen Gebetsformel unternehmen. Die Ueberschrift dieses Kranken-
gebetes als siptu bit nuru findet sich ausser in diesem Londoner
medizinischen Texte auch in dem Konstantinopeler Fragmente.
Auch für die Phannakotherapie wurden Pflanzen und Mineralien
noch magisch vorbereitet (K 4609 b etc.). Im allgemeinen giebt der
Prolog des Konstantinopeler medizinischen Textes hier Einblick. Trotz
der Verstümmelung ist in diesem einleitenden Gebete des Hauses des
Lichtes (siptu bit nuru) zu erkennen, dass die Krankheit als Folge
einer Materia peccans aufgefasst wird und als Gift im Körper des
Menschen sich befindet. Dieses Gift soll in der Therapie sich in un-
schädliche Körperprodukte verwandeln, wie die Milch der Brust, den
Schweiss der Seite und den Urin der Blase (?). Und in dieser Form
soll die Materia peccans als Urin, Milch, Nasenschleim und Ohren-
schmalz den Körper des Patienten verlassen.
An der Grenze von Aberglauben und Empirie steht auch die Ver-
wendung früherer Medikamente in späterer Zeit als Amulette. So
werden nach Dioskurides und Keilschriftbelegen in AssjTien Siegel-
cylinder aus Bandjaspis als geburtsförderndes Amulett an die Schenkel
gebunden.
Babylonisch-assyrische Pharmakotherapie.
Innerlich Kräuter, äusserlich Salben scheinen die Grundlage der
keilschriftlichen Pharmakotherapie (IV. R. 57,7 b). „Kräuter und Salben
(napsastu), die dii' verordnet sind, sollen tilgen dein Weh." Der
Salbenmacher (pasisu), eine häufig erwähnte Person, ist damit teil-
weise der keilschriftliche Vorläufer des modernen Apothekers. Die
Salben, Pasten oder Fettschminken benützt das ganze Altertum und
so auch die Keilschriftkultur als Medikamente, als Präservativmittel
der Hygiene und als Luxusmittel, welche im Kult selbst für Götter
bereitet werden.
Als Fettgrundlage steht dafür immer und überall in Mesopotamien
100 ■^ou Oefele.
das Sesamöl im Vordergrund. Im Gilgamisepos wird auch guter Rinder-
talg, in den Sardanapalrezepten auch Milchfett d. h. Butter zum Salben
verwendet. ^) Aus dem westlichen Oelbaumlande bezogen die Mesopo-
tamier zur Zeit ihrer Weltherrschaft Olivenöl. Ein sogenanntes
„Baumöl" kann nur auf Ricinusöl bezogen werden.
Das nachträgliche Einreiben mit Oel empfiehlt der Konstantinopeler
Keilschrifttext auch nachträglich nach der Einwirkung eines Pflanzen-
absudes auf die Füsse des Patienten.
Unter den Pflanzen und Mineralien, welche die assyrische Medizin
verwendet, begegnen wir einer Reihe, deren Namen in wenig ver-
änderter Form von den Griechen und Römern in semitischer Bezeich-
nung entlehnt wurde, z. B. cuminum, porrum, aetites. Andere Namen
wurden wörtlich übersetzt, z. B. misy, cynoglossum etc. Selbst die
eigentümliche Unterscheidung männlicher und weiblicher Pflanzen und
Steine der Spätzeit lässt sich assyrisch belegen. Andere noch un-
gedeutete Namen wie das Salz am an im neben Steinsalz lassen sich
wohl mehrfach auch in dieser Weise, also als Ammoniak etc. deuten.
Viele Drogen bleiben auch so noch einstweilen undeutbar, obwohl die
aramäischen und andere semitische Pflanzennamen späterer Zeiten enge
Verwandtschaft bekunden.
Im einzelnen innerlichen Rezept scheint vielfach von Geschmacks-
korrigentien Gebrauch gemacht zu sein und zwar kommen Dattelsirup
und Honig in Betracht. Als ein wohlschmeckendes, gleichzeitig alko-
holisches Auszugsmittel ist eine oder vielmehr mehrere Kwassarten
verwendet.
Die Rezepttherapie ist in verschiedenen Fragmenten, welche zu-
gänglich sind, sehr verschieden ausgebildet. Teilweise wird eine
einzelne Droge mit Wasser oder Milch oder Kwass oder Oel ausgezogen.
Teilweise sind Rezepte mit mehr als ein Dutzend Drogen überliefert.
In letzterem Falle erscheinen Rezepte von 3 — 5 Stoffen gegenseitig
zu einem Teilrezepte verbunden in einer grösseren Anzahl umfang-
reicherer Rezepte wieder, so dass also auch hier wie in Aegypten her-
metisch festgelegte ältere ursprünglich selbständige Rezepte zu neuen
Rezeptkombinationen verschmolzen erscheinen.
In diesen combinierten Rezepten wird die Zahl der Rezeptbestand-
teile besonders mitgeteilt und wie es scheint Gewicht darauf gelegt;
so enthält ein Rezept sieben Drogen, andere 5 resp. 18.
Für das Einnehmen der Arzneitränke wird häufig die Forderung
der Nüchternheit (balu patan) aufgestellt.
Im Vergleich mit ägyptischer Medizin und dem betreffenden
Kapitel des Dioskurides, muss es auffallen, dass Salz auch sogar zu
innerlichen Medikamenten Verwendung fand.
Physikalische Therapie.
Verfasser sieht, dass in die medizinische Litteratur in letzter Zeit
die Nachricht eingedrungen ist, dass die Keilschriftkultur die Massage
gekannt habe. Ich weiss nicht, aus welchen Texten dies abgeleitet
sein soll. Dagegen sind mir Texte bekannt, welche das gerade Gegen-
teil beweisen. Einmal werden die Salbungen und Einreibungen ideo-
^) Auch Hammeltalg- kommt vor K 71b, I, 23 und Schweinefett K 191, 11, 11
(Küchler).
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 101
graphisch schon als A-GUB-BA g-eschrieben , was das „U eber-
ziehen mit Flüssigkeit" als Grundlage jeder Einreibung ergiebt,
und zweitens, noch beweisender, vergleicht ein altsumerisches Sprich-
wort, das noch bis in spätassyrische Zeiten in Gebrauch war, eine
zweck- und sinnlose Handlung mit einer Einreibung, zu der kein Oel
oder Salbe verwendet wurde.
Dagegen finden vdr hier schon Güsse mit kaltem Wasser, was
bei dem vielfach theurgischen Charakter der Keilschriftmedizin eine
eigentümliche psychologische Parallele zu Kneipp ergiebt (K 191.
I. 14). „Wenn ein Patient an Leibschneiden leidet, soll er auf seine
Füsse niederknieen und sich setzen ; kaltes Wasser sollst du auf seinen
Kopf fliessen lassen."
Einer der häufigsten Eingriffe ist das Klystier und zwar werden
stets medikamentöse Klysmen verordnet.
Chirurgie.
In der Verstümmelungsfähigkeit des menschlischen Körpers hatten
die Assyrer sich weitgehende Erfahrungen gesammelt. Kaum ein
Körperteil blieb an dem einen oder anderen ihrer überwundenen Feinde
vom grausamem Uebermute des Feindes verschont. Ob die nötigen
Lehren für operative Behandlung der heimischen Patienten daraus ge-
zogen wurden, ist unbekannt. Die Kastration von Sklaven war jeden-
falls eine der üblichsten Operationen ; denn Eunuchen ohne Barte finden
sich mehrfach bildlich dargestellt.
Die Tempelschule von Niniveh war den Wissenschaften gewidmet,
welche im Geiste der Assyrer als praktische galten. Die Schreiber-
kunst, entsprechend unserer modernen Philologie, und Astrologie und
ähnliches ist neben der Medizin in reichem Masse vertreten. Aus den
letzten Jahren AssurbanipaFs und den folgenden 20 Jahren bis zur
Zerstörung Ninivehs fehlen genauere kulturhistorische L^eberlieferungen.
Es ist dies die Zeit des entsetzlichen Einfalls der scythischen Horden
der Kimmerier, welche Syrien, Phönikien und Palästina bis an die
Grenze Aegyptens (630) verwüsteten.
Wie weit in diesen allgemeinen kulturellen Verfall hinein die
Hochschule Niniveh blühte, ist ungewiss. Sicherlich war sie vor der
Zerstörung Ninivehs (606) erloschen.
Nach dem Falle Ninivehs setzt die Blüte des neubabylonischen
Reiches ein. Medizinische Texte aus der Zeit des Königs Nabunaid
sind bisher weder ausgesucht noch bearbeitet.
Medisch-persische Medizin.
Vom Jahre 606 au treten in Mesopotamien die ethnographisch
untrennbaren Iranier : Meder und Perser Weltreiche bildend auf. Als
Indogermanen bilden sie einen neuen Faktor in dem vorher völlig
semitischen Mesopotamien. Auch religiös als Anhänger des Zara-
thuschtra (Zoroaster) unterschieden sie sich von den mehr anthro-
pomorphisierenden und polytheistischen Vorgängern. Eine eigene
Pharmakotherapie auf den Namen Zarathuschtras zurückgehend ver-
bürgt bei den Persern noch Dioskurides. Von diesen ersten Anfängen
102 "^'011 Oefele.
an kann kein zusammenhängender Verlauf persischer Kultur und damit
persischer Medizin geboten werden. AVie unzusammenhängend die ein-
zelnen Lichtblicke persischer Kultur sind, zeigt schon der Wechsel
von Keilschrift, Pehlewi und arabischem Schriftsystem im Laufe der
Zeit. Das altpersische Eeich, das mit Darius III. 330 endete, schloss
Mesopotamien, Aegypten und die kleinasiatischen Griechen in sich.
Jedes dieser Gebiete hatte seine besondere Medizin und jede davon
wusste mit wechselndem Geschicke am persischen Hofe Einfluss zu
erlangen.
Weder von der Adoptivmedizin fremder Völker noch von der
nationalen persischen konnten Belege in persischer Aufzeichnung erhalten
bleiben. An die Stelle des Ziegels als Schreibmaterial in den semiti-
schen Kulturen Mesopotamiens traten in den königlichen Archiven
der Perser Lederrollen. Auf Monumenten finden sich nur Texte ohne
Interesse für die Geschichte der Medizin.
Herodot erzählt die Episode, wie der griechische Arzt Demokedes
aus Kroton die Kunst der ägyptischen Aerzte aussticht. AVenn schon
unter solchen Verhältnissen die nationale persisclie Medizin nicht von
fremden Beimischungen verschont bleiben konnte, so waren die 556
Jahre vom Tode Darius III. bis zur Gründung der Sassanidendj^nastie
durch Artaxerxes die schwierigste Epoche für Erhaltung der alten
Tradition nationaler persischer Medizin. Als Kehrseite haben aber
auch diese Zeiten der Fremdherrschaft nationalgesinnte Perser viel
eifriger auf die Erhaltung der alten medizinischen Traditionen bedacht
sein lassen, als es unter dem eklektischen Luxus des altpersischen
Weltreiches der Fall war. Bei der engen Verknüpfung medizinischer
und religiöser Vorstellungen in der Kultur der Perser, ziehen sich in
den wenigen erweislichen Resten als roter Faden die gleichen Grund-
gedanken von den altbaktrischen Zeiten bis zur Zerstörung des neu-
persischen Reiches durch den Mohamedaner Omar durch. Und wenn
auch damit die Medizin im Lande Persien mit der Geschichte der
arabischen Medizin vom Jahre 636 n. Chr. angefangen zusammenfliesst,
so lebt die altpersische Medizin ausser Landes in dem kleinen ver-
sprengten Häuflein der Parsen oder Feueranbeter bis heute fort. Die
Geschichte der persischen Medizin umfasst also manches Jahrhundert
mehr als die hippokratische Medizin des Abendlandes.
Nach der Religion der Perser entsteht der Dualismus durch den
Abfall des Bösen vom Guten. In der zarathuschtrischen Medizin lässt
sich bis in die älteste Zeit der entsprechende Grundgedanke nach-
weisen, dass jede Trennung und Abscheidung vom Körper unrein ist.
Ein menschlicher Körper mit unnatürlicher Ausscheidung, vor allem
also mit Hautausschlägen, ist unrein und wird gemieden. Manche
Forderung moderner Antiseptik und Aseptik findet sich darum bei den
Persern aller Zeiten, aber auch manche ganz gegenteilige Gebräuche.
Dahin ist zu rechnen das Fehlen sowohl der Beerdigung wie der
Leichenverbrennung. Der Selbstreinigung der Flüsse entgegengesetzt
ist das Verbot in einen Fluss zu harnen, zu spucken oder sich darin
zu waschen. Die religiöse Bevormundung der Medizin hatte schon
beim ersten Auftreten der Perser in der Geschichte die empirisch
medizinischen Erfolge auf ein sehr tiefes Niveau herabgedrückt. Die
Ohnmacht der altpersischen Medizin sehen wir an dem Tode der
Schwester des Kambyses nach einem traumatischen Aborte, an dem
hilflosen Dahinsiechen des Kambvses innerhalb drei Wochen an einer
Vorhippokratische Medizin Westasieus, Aegyptens und der mediterranen Yorarier. 103
infizierten Fleiscliwunde, an der Hilflosigkeit bei der Sprunggelenks-
luxation des Königs Darius und dem Mammaabscesse der Königin Atossa.
Bei den griechischen Klassikern werden wohl medische und per-
sische Drogen und Zubereitungen erwähnt; nach sicheren Anhalten
sind dies aber Verwechslungen mit babylonischer und assjTischer
Medizin, welche in der Zeit der Seleukiden nochmals zur Herrschaft
gelangte.
Mit der Scheu der Perser vor jeder Berührung mit Körperaus-
scheidungen lässt sich auch die Nachricht nicht vereinigen, dass eine
kurze griechische Uroskopie, welche Ideler reproduziert hat, aus persi-
schem Originale übersetzt sei. Auch hier liegt nach meiner Ansicht
eine Verwechslung mit den semitischen Vorkulturen des Perserreiches
zu Grunde.
In gleicher AVeise verhält es sich mit der Diagnostik und Pro-
gnostik aus dem Aderlassblute.
Aegptische Medizin von Psammetik bis Alexander.
Wenn aus dem wissenschaftlichen Stande der Medizin von Psam-
metik bis Alexander (664 — 332) nichts zu berichten ist, so ist doch der
Beruf der Aerzte in dieser Zeit in Aegj'pten ein geachteter und lukra-
tiver. Im Vatikan befindet sich eine prachtvoll ausgeführte Statue des
Oberarztes Psamtik-seneb, von dem sich eine Canope in Florenz
befindet aus der Zeit von Psammetik I., im britischen Museum die Statue
des Vorstehers des Schatzhauses, Oberarztes und Oberhausmeisters
Pef-nef-a-Neit aus der Zeit von Apries, wieder im Vatikan eine
naophore Statue des Erbfürsten, Siegelwahrers, einzigen Freundes,
wirklichen königlichen Anverwandten, Vorstehers der Schreiber in
dem Palaste, Schrifterklärers, Vorstehers der königlichen Flotte unter
Amasis und Psammetik III. Namens Horuzasutennet, welcher von
Kambyses zum Oberarzt und Palastaufseher ernannt wurde. ^) Gerade
dieser Mann beweist in seiner Lebensbeschreibung, dass er vor allem
für den Tempel der Göttin Neit in Sais besorgt war und wohl deren
Priesterkollegium angehörte. Bei seiner Vielseitigkeit dürfte seine
Stellung als Oberarzt besonders auch des Darius wohl mehr eines seiner
reich dotierten Hofämter gewesen sein, als eine Gelegenheit zur Aus-
übung ärztlicher Praxis.
Die Institution des Oberarztes bestand noch zur Zeit des Prosper
Alpinus in Kairo und wird von ihm als bestechliche Approbations-
behörde für die Zulassung zur ärztlichen Praxis beschrieben.
Wichtig ist diese Periode, da sie es ist, in welcher Griechen für
ihre aufstrebende Kultur ägyptische Entlehnungen machen konnten
und auch machten. Wie unter dem Ketzerkönige mit den Asiaten
in deren Sprache von Aegyptern korrespondiert wurde, so machte auch
unter den Griechen Pythagoras die einzige Ausnahme durch Erlernung
der ägyptischen Sprache. Im übrigen behielten die Griechen soweit
sie auch in Aegypten ihre Kolonien vorschoben, ihre Muttersprache
bei und verkehrten mit der Bevölkerung durch heimische Dolmetscher.
Als Seeräuber, Söldlinge und Kaufleute kamen die Griechen nach
Aegypten. Söldlinge waren die ersten Griechen, welche Psammetik I.
ansiedelte. Söldling war noch der Spartanerkönig Agesilaos unter
I
*) C apart bezieht den Text auf eine Reorganisation der Medizin.
104 A'^on Oefele.
dem letzten unabhängigen heimischen Könige. Alexander und die
Ptolemäer waren fremde Eroberer. Im Anschlüsse an diese Söldner-
heere bildeten sich Handelskolonien in verschiedenen Städten bis zur
samischen in der grossen Oase, so dass wir fern der Heimat südlich
vom eigentlichen Aegypten die älteste gefundene Inschrift im jonischen
Alphabete besitzen. Bei der tiefen sozialen Stellung der Dolmetscher
in Aegypten, auf welche die Griechen angewiesen waren, blieben sie
vielfach mit allem fremd, was nicht direkt Handel und Krieg betraf.
Dass mancher Grieche in seine Heimat zurückkehrte, beweisen Ver-
schleppungen von Gegenständen mit Hieroglypheninschriften, z. B. einer
Büste mit dem Namen des Königs Apries aus der Gegend von Athen.
Wenn darunter fremde Gelehrte waren, so war von den Dolmetschern
nichts zu erfahren und sie waren vom guten Willen der heimischen
Gelehrten abhängig, ob ihnen etwas und wie viel ihnen mitgeteilt
wurde. Da die heimischen Kreise die Invasion der Griechen sehr
ungern sahen, so war dieser gute Wille meist sehr negativ geartet.
Als Pythagoras mit Empfehlungen des Polykrates von Samos zu
Amasis kam, gab dieser König dem griechischen Gelehrten Briefe
nach Heliopolis und Memphis mit, um ihm den Zutritt zu den grössten
Heiligtümern Aegyptens zu verschaffen. Trotzdem wies an beiden
Orten die Priesterschaft den Pythagoras ab und erst in Diospolis
führte Sonches denselben in die ägyptische Gelehrsamkeit ein, wobei
bedacht werden muss, dass Pythagoras der einzige Grieche war,
welcher sich die Landessprache angeeignet hatte. ^) So kann auch ver-
mutungsweise angenommen werden, dass Hippokrates nur die medizi-
nischen Lehren der Schule von Letopolis oder einer ähnlichen zugäng-
lich fand, während erst sein Schwiegersohn Polybus sich die Medizin
von Heliopolis aneignen konnte. Vielleicht geschah aber auch dies
nur auf dem Umwege durch ägyptische geflüchtete Aerzte während
der Kämpfe der Aegypter mit den Persern um ihre Selbständigkeit.
Der Phantasie bleibt hier freier Spielraum, wenn wir an die nackte
aber auffallende Thatsache kommen, dass mitten unter den griechischen
Aerzten der hippokratischen Aera in der Menonia ein ägyptischer
Arzt Niny . . . erwähnt wird oder dass in „de aere, aqua et locis"
im letzten Abschnitte alle Aehnlichkeiten und ünähnlichkeiten auf
Aegypten bezogen werden und somit ein einzelnes Fragment einer
überarbeiteten hippokratischen Schrift und zwar eines der besten,
eine aus sich erkennbare unveränderte Uebersetzung eines ägyptischen
Elaborates darstellt. Die spätere umgekehrte Entlehnung habe ich
schon vorweg in der Uebersicht der Zeit demotischer Schrift erwähnt.
Medizin der Ptolemäerzeit.
Der siegreiche Alexander galt den Aegj^ptern als Befreier vom
persischen Joche. Mit der Gründung Alexandriens und der Errichtung
der Ptolemäerdynastie hielt griechisches Wesen und Wissenschaft in
Aegypten in einer Weise Einzug, dass für lange Zeit Alexandria als
Vorort griechischer Bildung gilt und dass in der Geschichte der
griechischen Medizin die Medizin von Alexandria einen wichtigen
Abschnitt bildet. Dem anfänglichen Entzücken über die griechische
') Von dieser Reise brachte Pythagoras das Rezept zum Oxymel Scillae nach
alter Üeherlieferuns* nach Hause.
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Torarier. 105
Invasion folgte bald in den heimischen ägyptischen Kreisen eine Er-
nüchterung mit kühler Absonderung. Im gleichen Aegj-pten wohnten
neben einander zwei Rassen, zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei
Religionen. Alle Amalgamierungsversuche blieben nur oberflächlich.
Und so trennte sich auch die heimische Priestermedizin nach anfänglichem
teilweisen freundlichen Austausche immer schärfer von der hellenischen
Medizin in Alexandria. Heliopolis war angeblich von Kambyses zer-
stört, das mächtige Theben war in den Hintergrund getreten; dafür
war jetzt das uralte Memphis die Centrale der nationalen Medizin
geworden. Die Trennung der beiden Nationen war schroifer als zur
Zeit des Piaton ^j und Hippokrates. Zwar arbeiteten die Ptolemäer-
könige ständig an der Verschmelzung der Gegensätze und versuchten
in schmeichelhafter Zuvorkommenheit für die autochthone Wissenschaft
Rezepte dauernd für die Nachwelt zu fixieren. Aber nicht echte
Medizin, sondern nur die umständlichen Rezepte für die verschiedenen
Räuchermittel und Salböle sind auf diese Weise erhalten und dazu
auch nur auf die Wände der heiligsten und geheimsten Gemächer der
nur einheimischen Priestern zugänglichen alten Tempel in Hieroglyphen-
schrift aufgemalt. Der gleichen Gruppe der Medizin gehören die ver-
lorenen Schriften der Kleopatra VII. an, Kosmetik und Geburtshilfe
sind ihr Inhalt. Die Eroberung durch die Römer war dem heimischen
Aegypter nur ein Vertauschen der ptolemäischen Fremdherrschaft mit
der römischen. Beide Dynastien bedienten sich der griechischen Sprache,
beide hatten dieselbe Religion, mochten sie den obersten Gott Zeus
oder Jupiter nennen. Auch der späteren byzantinischen Christianisierung
begegnete der heimische Aegypter mit passivem Widerstände um so
mehr, da die Diener des Christengottes viel unduldsamer auftraten als
die alten Zeuspriester. Gezwungen zu einem vielfachen Schein christen-
tume verlassen die Aegypter auch die alte Schrift und nehmen die
griechischen Zeichen an. Aber sie behalten ihre Sprache als Kopten.
Und sie behalten auch ihre alten medizinischen üeberlieferungen. Der
Medizin der klassischen Kulturvölker ein verschleiertes Bild durch-
wandert die ägyptische Epigouenmedizin die gleichen Zeiten wie diese,
aber ungesehen und unbeachtet. Nur ganz gelegentliche Bemerkungen,
zuletzt noch bei Galenos, zeigen das Misslingen der Versuche, den
Schleier zu lüften. Was sich aus diesen Nachrichten bei den alten
Klassikern zusammenstellen lässt, giebt doch nur Bruchstücke und
Zerrbilder. Aeltere Lehrbücher der Geschichte der Medizin konnten
diese Quellen nicht übergehen, da erst neuerdings die authentischen
ägyptischen Quellen zugänglich wurden. Von ägj'ptischen Quellen für
die Medizin der Zeit von Alexander bis zum Beginn der koptischen
Kultur kommen die erwähnten hieroglyphischen Tempelrezepte und
griechisch abgefasste Papyri in Betracht.
Koptische Medizin.
Die koptische Kultur kann als formell hellenisiert, in der Tünche
auch christianisiert, im Wesen aber noch als altägyptisch bezeichnet
werden. Dies zeigt sich auch in den wenigen medizinischen Resten.
^) Die griechischen Unterthanen der Ptolemäer verachteten den unterworfenen
antochthonen Aegypter, was solche Versuche zu einer Verschmelzung der beiden
Nationalitäten behinderte.
106 von Oefele.
Die Rezepte und Beschwörung-sformeln sind noch die gleichen wie
unter der Hieroglyphenkultur. Selbst die Krankheitsnamen und Medika-
mentenbezeichnung-en entsprechen, abgesehen von den Abschleifungen
der Formen, noch der Hieroglj^phenmedizin. Aber die Fixierung- der
Laute erfolgt durch das adoptierte griechische Alphabet. Nur ganz
versteckt werden noch Isis, Horus und die übrigen Götter angerufen.
Meist wird Maria, Jesus mit den Erzengeln Michael, Uriel, Raphael
und Gabriel und den 42 Märtyrern eingesetzt. Der 8emitengott Set
als Teufel spielt seine Rolle weiter und gelegentlich wird in der Be-
schwörung dem Christengotte bei ungenügender Willfährigkeit gedroht,
dass der Beschwörer zur Teufelsanbetung zurückkehren wolle. Bei
den geringen Resten koptischer Medizin und ihrer geringen lokalen
Verbreitung würde sie als epigonaler Ausläufer keine besondere Be-
sprechung verdienen, wenn sie nicht nach den übereinstimmenden
Resultaten der speziellen ägj^ptologischen Forscher die Grundlage für
die rasche Blüte der arabischen Medizin geworden wäre, die latinisiert
als salernitaner Medizin ihren Weg durch Klostervermittelung bis in
die Rezepte der nordischen Volksmedizin fand.
Eine historische Gliederung der Geschichte der koptischen Medizin
ist gegenwärtig nicht möglich. Dieselbe ist als relativ einheitliche
Episode zeitlich ungefähr parallel dem oströmischen Kaiserreich und
dieses überdauernd zu betrachten. Als Rest der altägyptischen Kultur
musste sich die koptische Medizin gegenüber dem orthodoxen Gewissens-
zwang der Byzantiner im Verborgenen vererben. Das was uns er-
halten blieb, sind darum keine historisch aufgezeichneten Daten, sondern
zufällig erhalten gebliebene koptische Papyri. Welch grosse systema-
tische Sammelwerke aber vorhanden gewesen sein müssen, zeigen die
hohen Originalblattbezeichnungen 241 und 244, welche die beiden
einzigen davon erhaltenen Blätter in Turin tragen. Die Sprache dieses
Bruchstücks ist oberägyptisch, während die Reste im Berliner Museum
meist fajumisch abgefasst sind. Es ist zu vermuten, dass auch noch
in anderen Sammlungen unbeachtet ähnliche medizinische Bruchstücke
anderer Dialekte liegen. Schmidt will kürzlich einen grossen Codex
gesehen haben, der nicht mehr zu ermitteln war.
In den Neapler Stücken scheint es sich um die Behandlung von
Hautkrankheiten zu handeln. Im übrigen sind sekretere Sachen im
Vordergrund: Geburt, Liebeszauber und selbst ein Hundesegen für
Diebe. In einem kleinen Fragmente sind Brand, Leibschmerzen, Uterus-
leiden und schmerzhafte Nase zusammengestellt. Die Anatomie wurde
natürlich in dieser konservativen Tradition nicht gehoben, sondern
gefiel sich darin in mystischer Weise, z. B. von 300 Adern, welche
vom Nabel ausgehen, zu sprechen. Dagegen erhielt sich eine gewisse
pharmaceutische Chemie aus der alten umständlichen Arzneibereitung,
so dass der alchemistische Ofen mit Blasebalgheizung und das Rösten
mineralischer Drogen erwähnt wird. Ein Färberezept gehört ver-
wandten Gebieten an. Sehr tief stehen dem gegenüber die anderen
propädeutischen Kenntnisse des koptischen Arztes, so dass er selbst
in den erhaltenen koptischen Physiologusstücken dessen Zoologie noch
unvernünftiger machen konnte. Seine Botanik scheint auch nur soweit
gereicht zu haben, um wilde Artemisia und ähnliches einsammeln zu
können. Ein oberägyptischer Leichenstein mit Krankheitsbeschreibung
ist neuerdings besprochen (Bloch).
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 107
Medizin des Sassanidenreichs in Westasien.
Nach der kurzen Regierung Alexanders des Grossen zerfiel das
Weltreich unter den Diadochen in verschiedene Teile, deren jeder mit
äusserlich giiechischen Herrschern in seine ursprüngliche heimische
Kultur zurückkehrte. Vorderasien, das ja selbst mehr oder weniger
die Mutter der griechischen Kultur war, blieb im engen Kultur-
austausch mit dem Westen, da es auch im späteren römischen Welt-
reiche eine Nachbarprovinz Griechenlands darstellte, Mesopotamien
und Iran lagen aber ferner ab. Zur Zeit des römischen Weltreiches
waren diese Gebiete nur vorübergehend politisch unterworfen. Kulturell
blieben sie aber auch dann von Rom und Byzanz unabhängig. Eine
religiöse dem Christentume ähnliche Reformation hatten die iranischen
Indogermanen schon früh durchgemacht. Die Religion des Zara-
thuschthra durchsetzte das ganze Leben der Iraner und gab auch
strikte Gesetze für die Medizin. Jedenfalls waren dieselben auch dem
Achämenidenreiche geläufig, werden aber in weiser Politik in einem
so gemischtreligiösen Reiche in duldsamer ^^'eise zurückgestellt. Die
Medizin des Seleucidenreiches muss erst entziffert werden. Im par-
thischen Reiche werden die alten Lehren hervorgesucht, vermehrt,
kommentiert und gehandhabt.
Alexander soll bei der Unterwerfung Persiens die heiligen Bücher
vernichtet und nur die Schriften über Heil- und Sternkunde ver-
schont haben. Auch von den anderen Büchern sollen die Reste
später wieder gesammelt sein. Der Inhalt wurde aber schon zur
römischen Kaiserzeit scharf vor Fremden gehütet und in mehr oder
weniger veränderter Form bis auf den kleinen Rest der heutigen
Parsen vererbt. Dass ein Franzose Anquetil du Perron 1771 sich
durch persönlichen Verkehr mit den Parsen in den Stand setzte, eine
französische Uebersetzung der Zendavesta zu geben, hat zur Folge,
dass auch die meisten Arbeiten über die Zendavesta im allgemeinen
und über die Heilkunde der Zendavesta im besonderen der franzö-
sischen Litteratur angehören. Davon ziehe ich vor allem Carsatelli
und Pergens heran, da ich in den Sprachen der Urtexte nicht be-
wandert bin.
Zu dem Dualismus des guten und bösen Prinzipes tritt ein Poly-
theismus der personifizierten Naturkräfte. Das böse Prinzip des Dua-
lismus Angra Mainyn (Ahriman) ist der Schöpfer aller Krankheiten
und allen Unglücks. Die Schlange (oder die Würmer) das Sinnbild
des Giftes sind die Ursachen der Krankheiten. So erscheint die
Krankheit als etwas Fremdes in den Körper Eingedrungenes als
Materia peccans. Die angebliche Zahl dieser Krankheiten wechselt.
Das Vendidäd nennt 99 999, die Uebersetzung Gujarat 90 000, das Bun
Dehesch 10000 und das Dinkart nur 4333. Die aufgezählten Krank-
heitsnamen versuchen diesen Zahlen in keiner Weise nahe zu kommen.
Für die Krankheitsauffassung ist bezeichnend, dass alles, was den
Körper verlässt, als unrein, also infektiös, gilt.
Die Thätigkeit des Arztes wird dadurch zu einer priesterlichen
und war von einer Erfolgsprüfung abhängig. Der Kandidat musste
drei Vertreter der verstossenen Kaste ohne Todesfall behandeln, um
zur Praxis bei rechtgläubigen Parsen zugelassen zu werden. Die
108 ^on Oefele.
Aerzte gliedern sich in Chirurgen, Internisten und Beschwörer, von
welchen die Beschwörer am höchsten geachtet waren.
Der Kranke war unrein. Von einem Krankheitsdämon besessen,
schied er Produkte der Krankheit aus, vor allem auch bei Hautkrank-
heiten; so konnte diese Gefahr der Infektion selbst zur Isolation des
Unreinen führen. Der Arzt hatte die Aufgabe, den Krankheitsdämon
auszutreiben und den Kranken zu reinigen, so dass er wieder ein
brauchbares Glied der Gesellschaft wurde. Die Stellung von Patienten
mit erkennbar unheilbaren Krankheiten war somit eine höchst traurige.
Thrita, der älteste Arzt der persischen Mythe, erhielt von den Göttern
ein goldenes Operationsmesser und ausser dem Lebensbaume 10000
Arzneipflanzen. Unter letzteren soll Cannabis, eine Lauchart, Benzoe,
Aloe und Granate sich befinden.
Trotz der scharfen religiösen Abgrenzung der unreinen Dinge
befindet sich unter den Medikamenten der Rinderharn. Unter den
Amuletten sind Rabenknochen und Rabenfedern zu erwähnen.
Die Behandlungstaxe war nach dem Stande des Patienten wechselnd
festgesetzt und stand darum in keinem Verhältnisse zur Leistung des
Arztes. Die Bezahlung erscheint auch nicht als Honorierung der
Einzelleistungen, sondern als Pauschalsumme für die Uebernahme eines
einzelnen Falles von Erkrankung. Ob bei Misserfolg resp. im Todes-
fall die Honorierung unterblieb, ist nicht zu ersehen. Die Aerzte für
Menschen behandelten auch die Tiere.
Alle unnatürlichen Vorgänge und Einwirkungen im Bereich des
Geschlechtslebens sind verboten, teilweise bei Todesstrafe. Dahin ge-
gehört Samenfluss, Masturbation, Päderastie, Prostitution, Abortus,
Todgeburt; selbst die Menstruation macht, wie überall im Orient, un-
rein. Da die ganze Medizin religiös gehalten ist oder umgekehrt uns
nur die religiöse Seite der Medizin in den Religionsvorschriften erhalten
ist, so verstehen sich auch die religiös begründeten Vorschriften für
die Menstruation.
Für die eigentümliche Totenbestattung der Parsen bestehen aus-
führliche Vorschriften, aus welchen hervorgeht, dass eine frische Leiche
für unreiner gilt als eine Leiche in Verwesung.
Zeitlicli ist das Bild, welches sich solcher Gestalt aus den heiligen
Büchern der Perser zusammenstellen lässt, nicht einheitlich. Schon
die Quellen zeigen dies in einer auffallenden Weise. Im 7, Kapitel
des Vendidad in den Paragraphen 20 bis 22 findet sich das Material
noch in der alten Sprache des Zend. In dem speziellen Kapitel über
Medizin des Dinkart ist ein Pehleviwerk erhalten. Beide Stücke als
Medizinalgesetz im Verhältnis von Urtext und Auslegung waren zur
Zeit der Sassaniden gültig. Eine engere Begrenzung ist aber nicht
möglich. Der genauere Einblick, welcher uns durch die Schriften des
Abu Mansur Muwaffak ben Ali Harawi in die persische Medizin gewährt
wird, gehört, weil nach Muhamed, nicht mehr zu diesem Abschnitt
(968—977 n. Chr.).
In Syrien und Mesopotamien gründeten in den ersten Jahrhunderten
unserer Zeitrechnung Juden und Nestorianer berühmte Schulen, welche
auch dem Studium der Heilkunde dienten. Es seien Djondisabur,
Edessa und Nisibis erwähnt. Die Pflege der Medizin und Natur-
wissenschaften in Kleinasien brachte die syrischen Uebersetzungen
des Dioskurides, der Geoponica, des Physiologus und anderen hervor,
Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegj-ptens und der mediterranen Vorarier. 109
welche in der Eückübersetzung der erhaltenen Handschriften wert-
volle Mittel zur Kritik der griechischen \ielfach verstümmelten Texte
ergeben.
Djondisabur als persische Universität für Kirchen- und Laien-
wissenschaft begann unter Chosroes I. (532 — 579 n. Chr.) zu blühen.
Hier bestand ein Spital und eine Apotheke, und die Namen mehrerer
Aerzte sind bekannt. Ausser der sj'rischen Medizin wurde von oben
herunter eine möglichst weitgehende Verpflanzung der Sanskritmedizin
nach Persien in dieser Zeit unterstützt.
Während des Druckes teilte W. Max Müller aus Kairo mit,
dass ein neuer grosser hieratischer medizinischer Papyrus für die
University of California gekauft wurde. Die bisher aufgerollten Seiten
enthalten nur Eezepte, welche schon aus Papyrus Ebers bekannt sind,
aber in anderer Anordnung. Man envartet, wenn das Ganze auf-
gerollt ist, in ägyptologischen Kreisen mit grosser Spannung ein
Duplikat zu Papyrus Ebers.
Die Medizin der Juden.
Von
J. Preuss (Berlin).
Litteratur.
Joh. Georg Gross, S. Theol. D., Compendium Medicinae ex Scripturä Sacra
depromtum. Basil. 1620. 8°. — Biujaniin Mussdphia, Alias Dionysii
dicti: Sacro-Medicae Sententiae. Hamburg 1640. 12^. — Thomas Bartholin,
De morbis biblicis miscellanea medica. Franeof. {1672). 1693. 8°; 1705. 4**. — •
Georg Goetz, Medicinae practicus: Variae celeber. mediconim observat. quibus
multa loca Novi Testamenti docte illustrantur. Fascic. pjrimus. Altorph. 1740. 8^.
(Fortsetzg.":) — floh. Jac. Schniiät, Pastor, Biblischer Medicus. Züllichau 1743.
8 *'. — Rieh. Mead, Medic. reg. : Medica sacra sive, de morbis insignioribus, qui
in Bibliis memorantur. Land. 1749. Nachdruck: Amstelod. 1749. Deutsch: Lpz.
1777. — €hr. Tob. Ephr. Meinhard, Dr. med., Bibelkrankheiten, welche im
alten Testamente vorkommen, erster u. anderer Theil. Frankf. u. Lpz. 1767. III.
u. IV. Buch ibid. V. Buch {neues Test.) ibid. 1768. — J. C. Trnsen, Oberstabs-
arzt, Darstellung der bibl. Krankht. Posen 1843. 8'*; Breslau 18-53. 8°. — J. B.
Friedreich {Prof. med. forens.). Zur Bibel. Naturhistorische, anthropol. imd
mediein. Fragmente. 2 T. Nürnbg. 1848. 8". — Sir Bidson Bennet, -The
diseases of the Bible. {Oxford) 1887. 1891. 8°. — IFilli. Ebstein, Die Medizin
im alten Testament. Stuttg. 1901. 8".
Benj. Wolff Gintzburger, praes. Georg Gottlob Richter, Disp. inaug.
med., qua Medicinam ex Talmudicis illustrat. Gotting. 1743. 4". Auch in Picht er' s
opusc. med. Franeof. u. Lpz. 1780. tom. I No. 7. — Abr. Hartog Israels,
Diss. hist.-med. exhibens Collectanea Gynaecologica ex Talmude Babylonico. Groning.
1845. 8°. — B. tT. Wunderbar, Biblisch-talmudische Medizin. Riga 1850 — 1860.
— Josef Berget {toie der vorige, Lehrer), Die Medizin der Talmudisten. Lpz. 1885. —
»7. 31. Babbinowicz, La medecine du Thalmud. Paris 1880. 8° {enthält nur
Excerpte). — Derselbe, Einleitg. in die Gesetzgebung und die Medizin des Tlialmuds.
Deutsch von Mayer. Trier 1881. 8°. — Der .Joce dophen-Streit: Baivitzki-Kotel-
niann, Virch. Archiv 1880— 1884; Israels, Nederl. Tydschr. voor Geneeskd. 1882 II;
Pinkhoff ibid. 1888 I. — L. Kazenelson, Dr. med., Die normale und patho-
logische Anatomie des Talmud. Koberfs pharmakol. Studien. Bd. V. Lpz. 1896.
— tf. Preiiss, Dr. med., Materialien zur Geschichte der bibl.-talmud. Medizin : der
Arzt, Vir eh. Arch. Bd. 138; Auge, W. med. W. 1896; Mundhöhle, D. Med.-Ztg.
1897 ; Beschneidung, W. Min. Rundschau 1897 ; Bauchhöhle, Allg. med. Centralztg.
1898 ; männl. Genitalien, W. med. Wochenschr. 1898 ; Nervensystem, D. Mediz.-Ztg.
1899; Nerven- und Geisteskrankh., Ztschr. f. Psych. 1899; lirusthöhle, Allg. med.
Centralztg. 1899; Nase und Ohr, ibid. 1899; Chirurgie, D. Ztschr. f. Chirurgie 1901.
Die cit. Schriften enthalten Nachweise auch der übrigen ausserordentlich um-
fangreichen Litteratur.
Die Medizin der Juden. 111
Die Medizin der Juden nimmt in der Gescliiclite der Heilkunde
insofern eine Sonderstellung ein, als unsere Kenntnis dei^elben aus
nichtärztlichen Schriften fliesst. Die gesamte altjüdisclie Litteratur
gellt auf den Pentateucli zurück, dem sich die übrigen Bücher der
Bibel in Form von Chroniken oder Dichtungen anschliessen. Neben
dieser „schriftlichen Lehre*' geht die mündliche einher, die dem Mose
gleichfalls auf Sinai offenbart, von ihm aber nicht aufgezeichnet wurde.
Sie pflanzt sich von Geschlecht zu Geschlecht durch mündliche Ueber-
lieferung fort, Schriftauslegungen und rabbinische Verordnungen auf-
nehmend, bis im 2. Jahrhundert n. Chr. Rabbi Jehuda ha-nasi (der
Fürst) das umfangreiche Material unter dem Namen M i s c h n a sammelt
und redigiert. Eine andere derartige Sammlung ist als „Tosephtha"
auf uns gekommen. An diese Schriften schliessen sich ausführliche
Diskussionen mit Abschweifungen auf alle Gebiete des Wissens, der
Sage und Legende, die dann ihrerseits wieder im Anschluss an die
einzelnen Sätze der Mischna geordnet und unter dem Namen Geniara
vereinigt wurden. Als Urheber der älteren Sammlung, der palästinen-
sischen Gemara (des Jeruschalmi), gilt R. Jochanan im Anfang des
dritten, als der des babylonischen Talmuds, des Babli, R. Asche im
6. Jahrhundert. Mischna und bab3'lonische Gemara heissen Talmud
im engeren Sinne. Andere Sammlungen, die Midraschim genannt
werden, enthalten nur Schriftauslegungen meist homiletischer Natur
und zwar nach der Reihenfolge der Bibelverse geordnet. Sie sind in
den verschiedensten Zeiten angelegt.
Eine Schrift rein ärztlichen Inhalts aus dem jüdischen Altertum
existiert dagegen nicht, nicht einmal ein naturhistorisches Sammel-
werk, wie etwa das des Plinius. Bibel und Talmud sind in erster
Reihe Gesetzbücher, die ärztliche Dinge in der Hauptsache nur
insoweit behandeln, als sie dem Gesetz unterstellt waren. Von irgend
einer medizinischen Systematik kann daher, vielleicht mit einer ein-
zigen noch zu erwähnenden Ausnahme, gar keine Rede sein. Die
Mitteilungen stammen von den verschiedensten Autoren, aus den ver-
schiedensten Zeiten und Ländern, von Männern der Wissenschaft so-
wohl als auch von Laien. Eine jüdische Medizin alsAnalogon
etwa der ägyptischen odei- griechischen giebt es daher
nicht. Die ersten jüdischen Aerzte, die in der Heilkunde litterarisch
sich bethätigen, sind Araber, die auch in der Sprache ihres Heimat-
landes schreiben. Das älteste Fragment eines ärztlichen Werkes in
hebräischer Sprache stammt von Donnolo, einem italischen Juden des
10. Jahrhunderts, und stellt eine Rezeptsammlung dar.
I.
Die Ersten, denen die Bibel den Namen röphe (Arzt, Heiler) bei-
legt, sind die ägyptischen Paraschisten, die die Leiche des Patriarchen
Jakob ein'balsam'ieren. Dieser Name rophe ist fortan der einzig ge-
bräuchliche für jeden ärztlichen Praktiker, den Internisten sowohl als
auch den Chirurgen und Augenarzt und, soweit davon im Altertum die
Rede sein kann, auch den Gynäkologen und Geburtshelfer. Dass auch
der Priester ärztliche Funktionen ausgeübt habe, nimmt man zwar
gewöhnlich aus vergleichend ethnologischen Gründen an, doch hat
er in den Quellen nur die Funktion des Gesundheitsbeamten, und zur
Zeit des Königs Hiskia (um 720 v. Chr.) erscheint er schon neben
112 J. Preuss.
dem Arzte. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Priester, ebenso
wie die Propheten, ärztlicher Kenntnisse bar gewesen seien.
Namen von Aerzten sind im Talmud sehr selten und wo sie er-
scheinen, wird von ihren Fachkenntnissen wenig mitgeteilt. Ein Arzt
Thodos, der noch zur Zeit des Tempels lebte, und dessen Identität
mit dem gleichnamigen griechischen Empiriker man geraten hat, be-
richtet, dass man in Alexandria jedes Mutterschwein vor dem Export
kastriert habe und begutachtet, dass eine ihm vorgelegte Anzahl
Wirbel nicht von demselben Menschen stamme. Schüler des B. Ismael
obduzieren (kochen) um 100 p. Chr. den Körper einer zum Tode
verurteilten Prostituierten, um die Zahl der Glieder des menschlichen
Körpers zu bestimmen. R. Ismael berichtet auch von Vivisektionen
an Verbrecherinnen in Alexandria, wie denn überhaupt die Beziehungen
zwischen jüdischen und alexandrinischen Aerzten sehr enge gewesen
zu sein scheinen und jedenfalls eingehender Untersuchung noch wert
sind. Dass jüdische Aerzte auch in Alexandrien gelebt haben, kann
als sicher gelten. Ein anderer, späterer Kreis ärztlicher Praktiker
gehört den babylonischen Juden an, unter denen sich besonders Mar
Samuel (165 — 257) einen Namen gemacht hat. Er ist, wie alle seine
Landsleute (Chaldäer), gleichzeitig Astrolog. Man kannte von ihm
ein „collyrium Samuelis", dessen Wert er aber selbst nicht hoch an-
schlägt, vielmehr hält er klares Wasser für das beste aller Augenwässer.
Er lehrt, dass wenn man einem lebenden Tiere das Genick bricht und
ihm dann den Hals durchschneidet, das Fleisch nicht ausblutet. Von
ihm stammt die forensisch wichtige Lehre, dass die Defloration unter
Umständen auch ohne Blutung stattfinden könne. Der weitaus grösste
Teil der ärztlichen Aussprüche aber, die sich im Talmud finden, ist
anonyme Tradition, so dass eine Datierung derselben häufig nicht ein-
mal annähernd möglich ist.
Von der Verantwortlichkeit des Arztes wird besonders in der
Tosefta öfters gesprochen. Schadet er einem Kranken absichtlich, so
ist er strafbar „um der Weltordnung willen", ist die Beschädigung
durch einen Irrtum des Arztes veranlasst, so greift das irdische Ge-
richt nicht ein, sondern seine Aburteilung bleibt dem Himmel auf-
bewahrt. Dagegen ist er für Fahrlässigkeit auch auf Erden haft-
pflichtig. Diese Gesetze gelten übrigens nur für den Arzt, „der heilt
mit Erlaubnis der Behörde", während der Nichtapprobierte dem ge-
meinen Recht unterliegt, also auch bei Schaden durch Irrtum haft-
pflichtig ist. Griechenland und Rom bestraften, wie bekannt, den
Arzt selbst bei vorsätzlicher Tötung des Kranken nicht.
In der Bibel hat von jeher das Kapitel von der gara'^ath
(Levit. 13) das Interesse der Aerzte erregt. Dass es sich um die Lepra
der Haut handelt, darf als ausgemacht gelten trotz der mehr oder
minder geistreichen Hypothesen, die die Neuzeit wieder gebracht hat.
Es wird die Diiferentialdiagnose zwischen anderen schuppenden, fleckigen
Erkrankungen der Haut gegeben, im Zweifel wird der Kranke auf
eine oder zwei Wochen eingeschlossen (isoliert) und, falls sich wirk-
liche Lepra herausstellt, dauernd aus dem Lager entfernt und ihm die
Verpflichtung auferlegt, jeden, der sich ihm nähert, durch Zuruf auf
seine Krankheit aufmerksam zu machen.
Die Medizin der Juden. 113
Hervorzuheben sind ferner aus der Bibel die Vorschriften über
die Gonorrhoiker (zabim), über Menstruierende und Wöchnerinnen,
die Speisegesetze, unter denen das wiederholt mit grosser Strenge ein-
geschärfte Verbot des Blutgenusses besonders bemerkenswert ist, das
ebenfalls mit Nachdruck betonte Gebot der Sabbathruhe, die auch
Sklaven und Vieh umfasst, und manches andere, das allgemein bekannt
ist. Aber ob alle diese Gesetze in hj^gienischer Absicht gegeben oder
ob ihnen kultuelle, ethische oder sonstige ErAvägungen zu Grunde liegen,
das sagen uns die Quellen nicht, wenn sich dem modernen Leser auch
diese Meinung mit zwingender Gewalt aufdrängt. Dass dagegen die
strikte Befolgung dieser Vorschriften auf die Gesundheit des Volkes
resp. des Individuums von heilsamstem Eiufluss sein musste, leuchtet
ohne weiteres ein.
„Interessante Fälle" aus der Bibel sind: die Beulenpest mit dem
Mäusesterben bei den Philistern, die Anfälle von Petit mal des Königs
Saul und die Epilepsie und Melancholia agitata der Besessenen in den
Evangelien.
Geburtshilflich wird (aus der Aegypterzeit) ein Gebärstuhl, obnajim,
erwähnt. Die Institution der Hebammen ist bekannt, ihre Leistungen
iDeschränken sich auf das Vertrösten der Kreissenden. Abnorme Ent-
bindungen sind die der Rebecca, bei der bei der Geburt des zweiten
Zwillings ein Arm vorfällt, und die der Rahel, die, vielleicht infolge
von Uterusatonie, bei der Entbindung stirbt. Thamar erleidet bei
ihrer Zwillingsgeburt einen Dammriss, während der zweite Zwilling
durch Selbstwendung spontan zur Welt kommt. Das Weib des Pinchas
(I. Sam. 4, 19) stirbt bei einer infolge heftigen Schrecks eingetreteneu
Frühgeburt.
lIL
Die Miscliiia hat verschiedentlich Veranlassung, ärztliche Dinge
^u besprechen. Die Zahl der Glieder (Knochen) des menschlichen
Körpers wird auf 248 angegeben, was der Wahrheit entspricht, wenn
man, wozu triftige Gründe vorliegen, mit Kazenelson annimmt, mau
habe die Leiche einer 16 — 17 Jahre alten Person gekocht, wobei die
noch niclit durch feste Verknöcherung verschmolzenen Skeletteile aus-
einanderfielen. Das biblische Gesetz, dass sowohl der Priester als auch
das von ihm darzubringende Opfer ohne Körperfehl sein soll, bildet
den Grund zu einer Art Musterungsvorschrift, in der alle Fehler, die
dienstuntauglich machen, aufgezählt werden: eine ganze Anzahl von
Augenleiden, besonders Hornhautflecke und Staar, Verunstaltungen der
Nase (durch Lepra), sowie zahlreiche Missbilduiigen des Schädels, der
Wirbelsäule und dei; Extremitäten ; ferner Abnormitäten der Genitalien :
die verschiedenen Arten von Kryptorchismus — ein Fall von Retentio
testis lumbalis beim Tier wird aus dem 1. nachchristlichen Jahr-
hundert beschrieben — und der Spadonie. Zu letzterer rechnet R.
Ismael auch den meroach eschek der Bibel („seine Hoden sind zer-
drückt", Levit. 21, 20), während R. Akiba darunter die Pneumatokele
der Alexandriner versteht („er hat Luft in seinen Hoden'*). Dienst-
untauglich ist auch der Epileptiker, der Taubstumme und Geisteskranke.
Auf die Abnormitäten der Genitalien näher einzugehen, geben auch die
Ehegesetze Veranlassung. Dem Manne mit zerquetschten Hoden oder zer-
schnittener Harnröhre verbietet schon die Bibel die Ehe (Deut. 23, 2). Der
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 8
114 J- Preuss.
ersten Kategorie setzt die Mischiia alle Formen des Kasti-atentums gleich,
die übrigens die Bibel gleichfalls schon erwähnt und bei Menschen
und Tieren auszuführen verbietet; zur letzteren Form gehören auch
die Fisteln und Spaltbildungen des Penis, falls sie den Penisschaft,
nicht bloss die Glans betreffen. Als „Merkmale des Kastraten" werden
angegeben : er hat keinen Bart, sein Haar ist weich, seine Haut glatt,
er lässt seinen Harn nicht im Bogen, seine Stimme ist hoch, sodass
sie von der einer Frau nicht zu unterscheiden ist, sein Körper dampft
nicht, selbst wenn er zur Kegenzeit in kaltem Wasser gebadet hat.
Unterschieden wird „der saris durch Menschenhand'', der eigentliche
Kastrat, von dem saris chammah, dessen Genitalien auf kindlicher
Stufe der Entwicklung stehen geblieben sind, wie dies infolge Lepra
ja auch heute noch nicht selten beobachtet wird. Eheunfähig sind
auch die Zwitterformen des Androgynos und tumtom (Krypsorchis).
Gynäkologisch-geburtshilfliche Bemerkungen finden sich in den
Ausführungsgesetzen der biblischen Verordnungen über Menstruation
und Wochenbett. Die Vagina wird vom Uterus unterschieden. Die
Pubertät, deren Eintritt die Straf- und Ehemündigkeit bedingt, er-
scheint beim Weibe früher als beim Manne. Bei beginnender Pubertät
bildet sich unter der Brustdrüse eine Falte, die Mamma neigt sich
nach vorn über, der Warzenhof färbt sich dunkler, die Mamilla lässt
sich eindrücken und richtet sich erst langsam wieder auf.
Die Dauer der regelmässigen Menses normiert die Bibel auf längstens
7 Tage, unterschieden davon werden protrahierte Blutungen und .,Blu-
tungen nicht zur Zeit der Menses". Schreck und sonstige heftige
psychische Erregungen können früheren Eintritt bedingen. Da auf die
Kohabitation mit einer Menstruierenden oder sonst „aus dem Blutquell"
(Uterus) blutenden Frau die Bibel die Strafe der Vertilgung durch
Gottes Hand setzt, so werden detaillierte Anweisungen zur Unter-
scheidung dieses Blutes von anderem nötig. Subjektive Zeichen des
„Unwohlseins" sind : Gähnen, Niesen, abnorme Sensationen in der Nabel-
gegend und im Unterleibe, Fluor, Fieberschauer.
Aus demselben Grunde war auch die Diagnose einer stattgehabten
Entbindung erforderlich. Abgegangene Klumpen werden in Wasser
gelegt, lösen sie sich auf, so bestehen sie aus Blut. Ein sandalen-
artiger Fötus (F. papyraceus) ist nur möglich, wenn gleichzeitig ein
andei'er, normaler, da ist. Zwillinge können gemeinsame oder ge-
sonderte Eihäute haben. Embryotomie am lebenden Kinde darf nur
ausgeführt werden, bevor der Kopf den Scheideneingang verlassen hat,
später vernichtet man nicht ein Leben um eines anderen willen.
Einer Hochschwangeren, die auf dem Gebärstuhl verstorben ist, soll
man den Leib aufschneiden und das Kind herausnehmen, da es vor-
gekommen ist, dass das Kind nach dem Tode der Mutter noch gezuckt
hat. Schwierigkeiten in gesetzlicher Beziehung macht das „durch die
Wand Geborene" (joce dophen). Nach Eabbi Simon ist es jedoch „wie
ein geborenes" anzusehen. . Schon diese Bemerkung zeigt, dass joce
dophen nicht, wie man auf scholastischem Wege beweisen wollte,
ein durch centralen Dammriss geborenes Kind sein kann, dass viel-
mehr die übereinstimmende Tradition der Kommentare im Eecht ist,
die darunter den Kaiserschnitt an der Lebenden und unter der „Wand"
die Bauchwand versteht. Thatsache ist, dass die Mischnagesetze
mehrfach mit dem lebenden joce dophen und seiner ebenfalls lebenden
Mutter (glücklicher Ausgang für Mutter und Kind) rechnen, wobei
Die Medizin der Juden. 115
dahingestellt bleiben möge, ob diese Annahme auf Beobachtung oder,
wie Israels wollte, auf einem theoretischen Analogieschluss von dem
allgemein bekannten Kaiserschnitt an der Toten beruht.
Die geschlechtliche Differenzierung der Frucht ist mit dem 41. Tage
vollendet, nach R. Ismael jedoch, der Gelegenheit hatte, in Alexandria
eine schwangere Verbrecherin vivisezieren zu sehen, kann die Dia-
gnose der weiblichen Frucht erst mit dem 81. Tage gestellt werden.
Achtmonatskinder sind nicht lebensfähig, wohl aber im 7. Monat ge-
borene.
Ein ausführliches Kapitel ist den Hautkrankheiten (nega'im) ge-
widmet. Der biblische Name Qar'^aath für den Aussatz ist aber aus
der Sprache für immer geschwunden, man diskutiert nur noch die
beiden Einzelformen der wie Schnee glitzernden bahereth und der
stumpfen, in ihrer Farbe der Schalenhaut des Eies gleichenden seeth,
macht darauf aufmerksam, dass eine Atfektion auf der Haut eines
Germanen anders aussehe als auf der eines ]\Iohren und wieder anders
bei einem in der Hautfarbe zwischen beiden stehenden Semiten. ]\[an
lässt den Leprösen zum Lehrhause zu, trennt ihn aber von den übrigen
Besuchern durch eine 10 Handbreit hohe AVand,' er muss zuerst ein-
treten und zuletzt herausgehen. Noch aus der Zeit des Tempels
werden Fälle von Lepra mutilans erwähnt. Am Rüsttage des Passah-*-
festes gingen diese Unglücklichen in Jerusalem zum Arzt, um sich
ihre „hängenden gefühllosen Glieder" amputieren zu lassen, da sie zur
Darbringung des Opfers nicht durch Totes verunreinigt sein durften.
Von besonderem Interesse sind die Verordnungen bei Gelegenheit
der Speisegesetze. Nach biblischer Vorschrift ist ein gefallenes oder
von wilden Tieren zerrissenes Tier (trepha) zum Genuss verboten. Die
Mischna nennt als trepha alle Tiere, bei denen sich Verletzungen oder
sonstige abnorme Zustände an inneren Organen finden, denen das
Tier, falls es nicht geschlachtet worden wäre, in absehbarer Zeit
erlegen wäre, freilich ohne ausdrücklich zu lehren, dass der Genuss
solcher Tiere gesundheitsschädlich sei. Jedes Schlachttier muss auf
solche Zustände untersucht werden. Der Gedanke und die konsequente
Durchführung dieser obligatorischen Fleischschau — die mit
der heidnischen Opferschau natürlich gar keine Beziehungen hat — ,
die ausnahmslos, auch für Hausschlachtungen, gilt, bildet den Glanz-
punkt der talmudischen Medizin überhaupt, mögen auch in Einzel-
heiten die modernen Anschauungen von denen der Mischna abweichen.
Gleichzeitig geben diese Vorschriften ein ungefähres Bild der chirur-
gischen Veterinärpathologie der Tanaiten.
Es gelten als lebensgefährlich: Perforation des Oesophagus, Ab-
reissung der Trachea (aber nicht einfache Perforation oder Längs-
w^unden), Perforation der Hirnhaut, perforierende Herzwunden, Bruch
der Wirjjelsäule mit gleichzeitiger Trennung des Rückenmarks, voll-
ständige Entfernung der Leber, Perforation oder Defekte der Lunge,
Perforation des Magendarmsystems, soweit dadurch Speise- oder Kot-
massen in die freie Bauchhöhle oder in das umliegende Zellgewebe
austreten können, Perforation der Gallenblase. Nicht lebensgefährlich
sind: Entfernung der Milz, der Nieren, des Uterus, grösserer Leber-
teile, fistulöse Kommunikation zwischen Netzmagen und Blätter-
magen.
In dieser ganzen Liste, die offenbar eine Art Anleitung für den
Fleischbeschauer darstellt, kommt nicht ein einziger griechischer oder
116 J. Preuss.
sonst fremdsprachlicher Terminus vor, so dass die Annahme, sie sei
von Fremden entlehnt, wohl ausgeschlossen ist.
IV.
In der Gemara werden wieder die meisten Einzelbestimmungen
der Mischna einer Besprechung unterzogen. Mar bar E. Asche hat
einen Penis mit Epispadie wie einen Calamos zurechtgeschnitten,
wohl nach der Technik, die wir von Antj^llus, seinem alexandrinischen
Zeitgenossen, kennen (Oribas. 50, 3). Für Sperma und Harn existieren
zwei gesonderte Ausführungsgänge. Dem Kastraten unter den Männern
entspricht bei den Frauen die ajlonith: sie hat keine Brüste, hat
Schmerzen bei der Kohabitation, Labien und Mons veneris sind nicht
wie bei anderen Frauen entwickelt, sie hat selbst als 20jährige noch
keine Pubes, ihre Stimme ist männlich - rauh. Sie ist nicht ge-
bärfähig.
Auf gynäkologischem Gebiet bringt man ein Eohr, das oben etwas
Werg trägt, in die Vagina, um im Zweifelsfalle zu entscheiden, ob
Blut wirklich aus dem Quell, dem Uterus, stammt. Die Untersuchungen
werden, wie im Altertum überhaupt (Galen K. VIII. 433), von Frauen
ausgeführt, die dem Arzte resp. in foro Bericht erstatten.
Die Dauer der Schwangerschaft wird auf 271—274 Tage ange-
geben. In den ersten drei Monaten liegt das Kind im unteren Teil
seiner Wohnung (des Abdomens oder des Uterus?), in den mittleren
im mittleren, in den letzten im oberen Teil. Es liegt zusammengerollt
wie eine Schreibtafel, die Arme an den Schläfen, die Achselhöhlen auf
den Knieen, die Fersen gegen die Glutäen, der Kopf liegt zwischen
den Schenkeln, der Mund ist geschlossen, der Nabel offen ; es isst und
trinkt dasselbe wie die Mutter, hat aber keinen Stuhl, um die Mutter
nicht zu töten. Bei der Geburt öffnet sich das Geschlossene und
schliesst sich das Offene, sonst könnte es keine Stunde leben (R. Samlai
im 3. Jahrhdt.).
Wichtig ist eine Bemerkung des R. Zeira im Namen des R. Huna
(um 250 p.Chr.): Alle Früchte sind als 7 Monats- oder 9 Monatskinder
angelegt. Manche der ersteren Kategorie werden einen Monat länger im
Uterus zurückgehalten und bleiben dann am Leben, manche der letzteren
Art werden einen Monat früher geboren und sterben dann (j. Keth.IV,
5*^ Anf.). Man hat also zweifellos beobachtet, dass auch 8 Monats-
kinder am Leben bleiben, nun aber auch die Theorie aufzugeben, die
alle Welt glaubte, dazu konnte man sich nicht entschliessen.
Ausführlich sind die Diskussionen über die trephoth. Bänder
(sirka) zwischen den Pleurablättern sind nicht Ligamenta spuria, sondern
krankhafte Gebilde : bei intakter Serosa entsteht keine sirka. Bronchi-
ektatische Höhlen werden von ulcerösen geschieden. Eingehend werden
die Perlsuchtgebilde auf der Pleura geschildert, aber nicht für lebens-
gefährlich erklärt. Ist von der Leber soviel wie' eine Olive übrig ge-
blieben an der Stelle, wo die Gallenblase liegt, sie (die Leber) wächst,
so ist eine Restitutio ad integrum möglich. Ist auch nur eine Niere
wie faules Fleisch geworden, so dass sie beim Anfassen zerfällt, oder
ist Eiter im Nierengewebe, so ist das Tier trepha.
Chirurgisch interessant ist die Lehre, dass die Hand der Wunde
schadet. Ein Heide sieht einen Mann, dem durch- einen Sturz vom
Dache der Leib geborsten war, so dass die Därme heraustraten. Da
Die Medizin der Juden. 117
liess er den Sohn des Verletzten holen und that, wie wenn er ihn vor
den Augen des Vaters töten wollte. Bei diesem Anblick bekommt der
Kranke einen Ohnmachtsanfall, seufzt tief auf, die Därme treten zurück
und jener näht den Leib zu, ohne den Darm berührt zu haben. —
Einem Schaf hat man ein Stück aus der Trachea fensterartig aus-
geschnitten und das Tier, nachdem die Wunde durch ein Stück Rohr-
haut verschlossen war, am Leben erhalten — die älteste Erwähnung
der Tracheotomie in semitischen Quellen, soweit bis jetzt bekannt.
Den sehr fetten R. Elasar bringt man in ein Marmorhaus, giebt ihm
einen Schlaftrunk (Narkose) und nimmt viele Körbe Fett von ihm.
In eine Penisfistel steckt man eine grosse Ameise, lässt sie sich fest-
beissen und schneidet ihr dann den Kopf ab, der einheilen und die
Fistel verschliessen soll. Die Furcht vor eisernen Instrumenten, der
man im Altertum vielfach begegnet und die unter den Arabern noch
Fachchirurgen teilen (z. B. Abulkasem IL 57), findet im Talmud ihren
Ausdruck in dem Satz, dass „Eisen Entzündung macht". Daher
schneidet man bei Atresia ani die den After verschliessende Haut mit
einer Gerstengranne kreuzweis ein. Das gewöhnliche Operations-
instrument ist natürlich trotzdem das Messer. — Für verloren ge-
gangene Zähne hat man den künstlichen „Zahn von Gold", für fehlende
Glieder eine Prothese qab, vielleicht ein nach Art eines Schuhes
ausgehöhltes Holzstück.
Aus dem Gebiet der Neurologie ist der Streit Rabinas und R.
Jemars hervorzuheben über ein Schaf, dessen Hinterbeine nach-
schleppten ; der eine meinte, es leide an Ischias, der andere, der Faden
der Wirbelsäule (das Rückenmark) sei beschädigt. JVLan schlachtet
das Tier, um die Diagnose durch die Autopsie zu kontrollieren.
Ausserordentlich zahlreich sind die, meist in Form von Aphorismen
durch den ganzen Talmud zerstreut vorkommenden diätetischen Regeln.
Obenan steht die Warnung vor plötzlicher Aenderung der Lebensweise,
denn sie führt leicht zu choli meajim, den im Orient so gefürchteten
Darmkrankheiten. Von gleicher Wichtigkeit ist Massigkeit. Das Leid
der Schlaflosigkeit, der Uebelkeit, der Bauchschmerzen ist bei den
Unmässigen, lehrte schon Ben Sira, und „von der Mahlzeit, die dir
gut schmeckt, zieh deine Hand bei Zeiten weg," mahnte R. Jochanan.
Laufen, Sitzen, Stehen soll man gleichmässig einteilen. Wer isst ohne
zu trinken, bekommt Verdauungsstörungen; man vermeidet sie daher,
wenn man sein Essen in Wasser schwimmen macht. Wichtig ist ein
kräftiger Morgenimbiss und wenn möglich, der tägliche Genuss von
frischem Gemüse oder Kompo't. Kinder soll man nicht an Fleisch und
Wein gewöhnen. Leichte Speisen braucht der Mensch, wenn er zur
Welt kommt und wenn er sich anschickt, sie zu verlassen. — Selbst
bei unheilbar Kranken verlangt die Humanität, dass der Arzt ihnen
bestimmte Diätvorschriften gebe. Man soll bedenken, dass der Ge-
sunde isst, was er gerade hat, der Kranke aber allerlei Leckerbissen
verlangt.
Ganz bekannt ist der Einfluss des Klimas auf Gesunde und Kranke.
Rabbi wohnte in Beth Schearim; als er krank wurde, zog er nach
Sephoris, das hoch liegt und dessen Luft balsamisch (bassim) ist. Der
König, der seinen kranken Sohn zur Heilung an einen anderen Ort
führt, kommt in den Gleichnissen sehr oft vor. Ebenso bekannt sind
Bäder „im grossen Meer, in den heissen Quellen von Tiberias und in
den Wassern Sodoms", die man „zur Heilung" nahm (j. Sabb. 14''),
118 J. Preixss.
natürlich auch die dem ganzen Orient geläufigen Dampfbäder ebenso
wie Waschungen und Bäder aus Gründen der Sauberkeit, der Körper-
pflege und des Kultus.
Weitaus das Meiste jedoch aus der Zahl der ärztlichen Bemer-
kungen, die die Gemara hat, gehört überhaupt nicht hierher, sondern
in eine Geschichte der Volksmedizin. So all die Lehren, die Abbaje
von einer klugen Frau, seiner Amme oder Mutter erhalten hat, so die
Namen von Krankheiten und ihre Kuren, die bei der Besprechung
des Gesetzes, dass bei gefährlichen Erkrankungen die Sabbatvorschriften
nicht beobachtet werden dürfen, und bei anderen Gelegenheiten auf-
gezählt werden. Hier treffen wir in der Aetiologie die Dämonen aus
Persien, die Astrologie aus Babylon, das Pneuma aus Griechenland, in
der Therapie das Besprechen von Wunden und manches Andere, das
die mischnischen Schriften noch als heidnischen Aberglauben verbieten,
die Amulete und Beschwörungsformeln. Die Namen der Krankheiten,
häufig auch die der Medikamente, sind fremdsprachlich, meist griechisch.
Ein sehr spätes Einschiebsel scheint eine nach Körperteilen syste-
matisch geordnete Eezeptsammlung zu sein, die sich Gitt. 69 ab
fiindet. Sie rührt vielleicht erst von Kabina aus dem 6. Jahrhdt. her.
Zur Zeit des Midrasch hat im Volke griechische Freude an der
Schönheit der äusseren Form über den rein auf das Abstrakte ge-
richteten bilderlosen Kult des Judentums gesiegt ; die Priester schelten
über das Verweilen in Theater und Cirkus, über die laxen Sitten
Griechenlands und Roms, die auch ihre Umgebung anzustecken drohen,
und manche Bemerkung in den Gleichnissen, z. B. über hysterische
Stummheit, ist auch für die Medizingeschichte interessant. Aber
bereits sind die Juden unter alle Völker der Erde versprengt und ihre
Leistungen gehören der Geschichte des Volkes an, das sie aufge-
nommen hat.
Indische Medizin.
Von Iwan Blocli.
Litteraturverzeichnis
(in chronologischer Reiheufolg-e). ^
Die ältere Litteratur bis 1875 hei Haeser^ „Lehrbuch dei' Geschichte der
Medizin" I S. 5 {tcozu noch nachzutragen: J. II. Fürstenau und Johannes
J*hUipp Pancmunn, „Spicileginm observationum de Indorum morbis et medicina^',
Rinteln 1735, abgedr. in: Despntationes ad morborum historiam et airationem
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Berlin 1876, S», S.' 82-33; S. 283-290; Nachtrag 1878 S. 13-14. — E. Haas,
„üeber die Ursprünge der indischen Medizin, mit besonderem Bezug auf SMsrjtta"
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Derselbe, „Hippokrates nnd die indische Medizin des Mittelalters" ebendas. 1877
Bd. XXXI S. 647-666. — Vdoy Chand UuU, „The Materia Medica of the
Hindus", Calcutta 1877, 8^. — A. Maller, ., Arabische Quellen zur Geschichte der
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heilkunde 1891 Bd. XII S. 179—233. — J. Jolly, „Sonic considerafions regarding
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„Essay on the Hindu System of medicine" in: Med. Rep. of Calcutta 1894, Bd. III
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„Nagarjuna et V Üttaratantra de la Siignitasamhitä", Anantarivo 1896 {Publication
privee). — Sylvain JLevi, „Notes sur les IndoScythes" in: Journal Asiatique 1896
9e Serie Vol. VIII S. 444 — 484 (über Caraka). — G. A. lAHard, „La litteraiure
medicale de l'Inde" in: Bulletin de VAcademie de Medecine" 1896 Bd. XXXV 3« serie
S. 466—484. — H. Fasbender, „Entwicklungslehre, Geburtshilfe und Gynäkologie
der Hippokratiker", Stuttgart 1897, 8 ", S. 41—70 (Indische Geburtshilfe). — IJefard,
„Le medecin Charaka. Le serment des hippocratistes et le serment des medecins
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Müll er 's „Sacred Books of the East", Oxford 1897, c9 ". — Derselbe in „Grund-
riss der indischen Philologie" von Bühl e r - Kielh orn Bd. II, 1, b {Atharvaveda).
— Lietard, „La doctrine humorale des Hindous et le Rig-Veda", Janus 1898 Bd. III
120 Iwan Bloch.
S. 17 — 21. — JP. Cordier, „Quelques donnees nouvelles ä propos des traites medicaux
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{Augenheilkunde der Inder). — J. JEÜoch, „Ein neuer Beitrag zur Frage der Alter-
tumssyphilis'' in: Monatshefte für prakt. Dermatologie 1899 Bd. XXVIII S. 629 bis
632. — X. Aschoff, „lieber das Botver-Manuskripf^ in: Deutsch, med. Wocheii-
schrift 1900, Vereinsbeil. No. 8 S. 50. — Th. A. Wise, „Commenfary of the
Hindoo Systeme of medicine", London 1900, 8 ° {unveränderter Neudruck der Aus-
gabe von 1860). — W. Caland, „Altindisches ZauberrituaV^ , Amsterdam 1900. —
G. liietard, „Resume de Vhist. de la med. chcz les orientaux en Europe jusqu'au
XIII. siede'' in Bull med. Vosgues, Epinal 1900 Bd. X V S. 19—32. — ,f. Jolly,
„Zur Quellenkunde der indischen Medizin {1. Vägbhatay in: Zeitschr. der deutsch,
morgenl. Gesellsch. 1900 Bd. LIV S. 260 — 274. — ,f. OrtJi, „Bemerkungen über das
Alter der Pocken-Kenntnis in Indien und China'' in: Janus, Archives internat. pour
Vhistoire de la medecine, 1900 Bd. V S. 391—396; S. 452—458. — ,T. Jolhj, „Nach-
trägliches über das Alter der Pockenkenntnis in Indien", ebendas. Bd. V S. 577—578.
— i. Aschoff', „Das Knoblauchlied aus dem Boiver-Manuskript" , ebendas. Bd. V
S. 493 — 501. — JP. Cordier, „Origines, evolution et decadence de la medicine In-
dienne" in : Annales d'' Hygiene, Paris 1901, Bd. IV S. 81 ff. — fl. Jolly, „Indische
Medizin" in Bühl er ''s {bezw. Kielhorn^s) „Grundriss der indo-arischen Philo-
loge", Strassburg 1901 {unter der Presse; dank der Güte des Verfassers konnte der
die vener. Krankheiten und Lepra betreffende Teil des Manuskriptes benutzt iverden).
In Beziehung auf die Ausgaben der einzelnen indischen Autoren und sonstigen
Schriften über dieselben vgl. die Angaben an den betreffenden Stellen.
Litterarhistorische Einleitung.
In dem seit der letzten Bearbeitung der indischen Medizin durch
Haeser verflossenen Vierteljahrhundert haben sich die Anschauungen
über den Charakter und die Entwicklung der indischen Heilkunde zu
wiederholten Malen geändert, und erst in neuester Zeit wurden einige
sichere Thatsachen ermittelt, welche der weiteren Forschung über die
Quellen der indischen Medizin und ihre Beziehungen zur Heilkunde
anderer Völker als Ausgangspunkte dienen können. Es befindet. sich
diese Forschung noch in den Anfängen, wie die folgende litterar-
historische Uebersicht lehrt, welche den gegenwärtigen Stand derselben
in Kürze darlegen soll.
Die Zahl der medizinischen Werke der Inder ist eine ungemein
grosse. Lietard hat 230 Autorennamen und 500 Büchertitel ge-
sammelt, und schätzt die Gesamtzahl der alten und modernen medi-
zinischen Schriften auf 700 bis 800. ^) Die drei ältesten und berühm-
testen medizinischen Schriftsteller, auf denen zu einem grossen Teile
alle folgenden beruhen, sind Susruta, Caraka und Vägbhata,
die „alte Trias" (VrddhatrayT) der indischen Medizin. Mit ihnen vor
allem hat sich die geschichtliche Forschung der letzten 25 Jahre be-
schäftigt, da ihre genaue chronologische Fixierung uns zugleich Auf-
schlüsse über die grössere oder geringere Originalität der indischen
Medizin gewährt, die besonders ein Gegenstand heftigen Streites ge-
wesen ist.
In zwei durch einen oft allzugrossen Scharfsinn bemerkenswerten
Abhandlungen verfocht E. Haas die Ansicht, dass die indische Medizin
^) Vgl. insbesondere den „Catalogue of the Sanskrit Manuscripts in the Library
of the India Office" edited byJuliusEggeling, London 1896 Part V p. 923—990
(Medizin. Handschr.). — Gildemeister, ,.Bibliothecae sanscriticae specimen", Bonn
1847, S. 149 ff. — A. Webers „Verzeichnis der Sanskrithandschriften der K. Bibl.
in Berlin" Bd. I u. II, Berl. 1853—1890.
Indische Medizin. 121
jeder Originalität entbehre und nur eine „schattenhafte Reproduktion
geborgter und schlecht verstandener Weisheit, vermengt mit eigenem
kindischen Unverstand sei", die nicht über die im ganzen Mittelalter
gültige, von Galen ererbte und von den Arabern fortgepflanzte
Humoralpathologie und über die gleichfalls von den Arabern besessenen
Kenntnisse in der Chirurgie hinausgehe. Was den theoretischen Teil
der indischen Medizin betreffe, so sei derselbe ein blosser „Reflex der
griechischen Naturphilosophie", wie diese in den successiven Bearbei-
tungen der Syrer und Muhammedaner nach dem Osten gedrungen sei.
Haas nimmt als Anfangs- und Endpunkte für die Entstehung der
systematischen Wissenschaft der Medizin bei den Indern die Mitte des
10. und die Mitte des 15. Jahrhunderts nach Chr. an, wobei er das
berühmte Hauptwerk der indischen Medizin, das des Susruta für
ein modernes Produkt des 15. Jahrhunderts, das Werk des Caraka
für einen „Pseudo-Caraka" erklärt. Er stützt sich hierbei besonders
auf die Angaben des Fihrist (10. Jahrhundert) und des „Tibb-i-Sikan-
darl" (15. Jahrhundert), einer persischen Uebersetzung und Encyklopädie
der indischen Medizin. Was Vägbhata betrifft, so meint Haas, dass
dieser zeitlich älter sei als Susruta und Caraka; denn es „müssen
erst Sammelwerke wie Yägbhata's „Astafigahridaya" vorausgegangen
sein, ehe ein Laie sich mit der Behaglichkeit und Geschwätzigkeit
eines Susruta oder Caraka darüberhermacht und sie mit moralisieren-
den Gemeinplätzen verficht, die der AVürde des Gegenstandes durch-
aus nicht entsprechen" (?).
Zur näheren Begründung dieser Ansicht, die, wie gleich bemerkt
sei, weit über das Ziel hinausschiesst, wies Haas auf verschiedene
merkwürdige Uebereinstimmungen einzelner Stellen des Susruta
und des Hippokrates hin und Hess sich sogar zu der kühnen
Etymologie Susruta = Bukrät = Hippokrates, Käsl= Kos,
Divodäsa = ^toeiör^g verleiten. Doch ist gerade dieser Teil der Unter-
suchungen von Haas über die Analogie zwischen indischer und
griechischer Medizin der wertvollste, weil solche in der That bestehen,
wie später an einigen Beispielen gezeigt werden soll.
Im übrigen wurden die Haas sehen Hypothesen alsbald durch die
vortreffliche Arbeit von A. Müller arg erschüttert, durch welche die
unzweifelhafte Existenz des Werkes von Susruta, wie wir es jetzt
kennen, um das Jahr 910 n. Chr. nachgewiesen wurde. Ein um jene
Zeit geschriebenes arabisches Buch, angeblich eine durch den Inder
Manka aus dem Sanskrit ins Persische übersetzte Toxikologie des
indischen Arztes S ä n ä k , enthält unverkennbare Spuren der Benutzung
eines Kapitels des Susruta.
Ferner fand man auf einer Ruine bei Angkor in Cambodja eine
Inschrift mit einer Erwähnung des Susruta und seiner Geschick-
lichkeit als Arzt. Es ist diese Inschrift zu Ehren eines Königs
Yasovarman verfasst, der seit 889 und vor 910 regierte.
Endlich wird Susruta schon in der ältesten medizinischen Hand-
schrift, dem B 0 w e r - Manuskript, welches dem fünften nachchristlichen
Jahrhundert angehört und nach Hoernle mehrere auffällige textliche
Uebereinstimmungen mit Susruta und Caraka aufweist, erwähnt.
Es geht aus dem Inhalt des Bo wer- Manuskriptes hervor, dass diese
beiden Schriften schon damals „alte Bücher" waren, und dies ist für
Caraka durch einen weiteren Fund in erfreulicher Weise bestätigt
worden. Sylvain Levi veröffentlichte nämlich im Jahre 1896 im
122 Iwan Bloch.
„Journal Asiatique" eine Notiz aus einer alten chinesischen [Jeber-
setzung einer Sanskriterzählung über den indoskythischen König
Kaniska. Die Uebersetzung ist ungefähr um 405 n. Chr. verfasst.
Kaniska regierte am Anfang des ersten nachchristlichen oder am
Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts.^) In dieser Erzählung
ist von Caraka als von einer ganz bekannten Persönlichkeit die
Rede, die zur Zeit des Kaniska lebte und den Euf eines bedeuten-
den Arztes genoss, so dass der König seine Bekanntschaft zu machen
wünschte. Eines Tages kam Caraka in den Palast des Kaniska
und imponierte dem König in hohem Grade durch seine schlagfertige
Redeweise. Bald fand Caraka Gelegenheit seine ärztliche Kunst
dem Könige ad oculos zu demonstrieren. Er extrahierte der Lieblings-
gemahlin Kaniska's ein totgeborenes, in Fusslage befindliches
Kind. Er warnte dann den König vor einer neuen Schwängerung
dieser Gattin, da dieselbe D3^stokie zur Folge haben würde. Doch
„das Feuer der lasciven Begierden des Kaniska loderte zu heftig",
wiederum erfolgte eine Konzeption und die Königin gebar unter den-
selben Schmerzen einen Sohn. Caraka, tief betrübt über die Miss-
aclitung seiner Ratschläge, zog sich in die Einsamkeit zurück, um
ganz seinen Studien und erbaulicher Beschäftigung zu leben.
Hiernach fällt die Lebenszeit des Caraka mit grösster Wahr-
scheinlichkeit in den Beginn unserer Zeitrechnung. -)
Was den dritten altindischen Arzt Vägbhata betrilft, so hatte
Huth („Sitzungsbericht der Berl. Akad. d. Wissensch." 1895 S. 267 If.)
einen Kommentar des Candränanda zu Vägbhata's „Astan-
gahrdaya" in dem tibetischen Tandjur nachgewiesen und danach als
untere Grenze für die Abfassungszeit dieses Werkes das 8. Jahrhundert
n. Chr. angenommen. Ihm trat Cordier in mehreren Schriften ent-
gegen und erklärte den Vägbhata für einen Zeitgenossen des Königs
Jayasimha von Kaschmir (1196 — 1218). Neuerdings hat J. JoUy
dem Vägbhata eine ausführliche quellen kritische Studie gewidmet
und sich dabei besonders auf ein älteres Werk desselben, den „Astän-
gasamgraha" gestützt, der wahrscheinlich von dem echten Väg-
bhata stammt, während der „Astängahrdaya" einen Pseudo-V. zum
Verfasser hat. Dieses Werk ist nach Jolly wahrscheinlich nicht
nach dem 7. Jahrhundert n. Chr. entstanden, und da in ihm
wieder Caraka und Susruta als ältere Autoren citiert werden,
so gewinnen wir wiederum auch für diese chronologische Anhalts-
punkte. Vägbhata gehört übrigens einer Medizinerfamilie an. Denn
es heisst am Schlüsse des „Astängasamgraha" : „mein Grossvater, von
dem ich meinen Namen habe, war der ausgezeichnete Arzt Väg-
bhata, dessen Sohn war Simhagupta, von diesem stammeich ab, im
Indusgebiet bin ich geboren. Von meinem Lehrer Avalokita und
meinem noch verehrungswürdigeren Vater lernte ich." Simhagupta
') Nach T. W. R. Davids, „Der Buddhismus", Leipzig 1899, S. 245 begann
er um 10 n. Chr. zu regieren.
-) Die bxxddhistische Medizin in Indien, über die J-tsing (671—695 n. Chr.)
ausführliche Angaben macht, entspricht der des Caraka und Susruta und wurde
in fast unveränderter Form nach Tibet verpflanzt (vgl. H. Lauf er, ,, Beiträge zur
Kenntnis der tibetischen Medizin", Berlin u. Leipz. 1900, 2 Teile). König Buddha-
däsa von Ceylon (4. Jahrb.) war selbst Arzt, errichtete Hospitäler, ebenso Asoka
(250 V. Chr.). Altbuddhistische Medizin des Mahävagga um 350 v. Chr. (3 Humores,
Laparatomie etc.).
Indische Medizin. 123
wird an einer anderen Stelle „vaidj'apati" Meister der Medizin genannt,
war also ebenfalls Arzt.
Alle späteren medizinischen Schriften entlehnen den grössten Teil
ihres Inhalts diesen drei Autoren. Sie werden bei der Uebersicht der
einzelnen Ausgaben erwähnt werden.
Von Interesse sind die bei Caraka, Susruta und Yäg-
bhata und anderen Autoren sich findenden alten Ueberlieferungen
über die Entstehung der indischen Heilkunde. Die Medizin gilt
den Indern als ein „Upaveda" (Nebenveda) und wird von ihnen als
„Ayurveda" (Heilkunde, Wissenschaft des Lebens) bezeichnet, dei- gött-
lichen Ursprungs ist. Der älteste Menschenarzt ist Atreya. Ihm
folgen Agnivesa und Caraka, Dhanvantari und dessen Schüler
Susruta. Im „Astäiigasamgraha" des Yägbhata wird über den
Ursprung der indischen Medizin folgendes berichtet:
„So sprachen Atreya und die anderen grossen Weisen: Wer sich ein
langes Leben wünscht, das religiöses Verdienst, Reichtum und Wohlsein
bringt, muss sich streng an die Vorschriften des Ayurveda (der Heilkunde)
halten. B rahm an, nachdem er das bedeutungsvolle, ewige Ambrosia des
Ayurveda erkannt hatte , übergab es dem D a k s a , dieser den beiden
Asvins, und diese dem Satakratu (Indra). Da nun die Menschen
von Krankheiten gequält wurden, welche die Religion, den Erwerb, den
Genuss und die Erlösung hemmten, begaben sich die erhabenen, grossen
Weisen: Dhanvantari, Bharadväja, Nimi, Kas'yapa und Kä-
s'yapa sowie Alambäyana und die übrigen, mit Punavarsu (Atreya)
an der Spitze, zu dem hilfreichen Götterfürsten öatakratu. Als er sie
erblickt hatte, trug ihnen der Tausendäugige (I n d r a) der Uebei-Heferung ge-
mäss den das Leben schützenden Veda vor, der ein Nebenveda ist, aus den
acht Teilen: (Heilung der Krankheiten des ganzen) Körpers, der Kinder,
der (durch) Dämonen (veranlassten), der Glieder oberhalb des Schlüssel-
beins (Ohren, Augen, Mund, Nase u. s. w.), Chirurgie, Toxikologie, Lehre
von den Elixieren und Lehre von den Liebesmitteln besteht und heilig ist,
so wie der Urvater (B rahm an) ihn erkannt hatte. Nachdem sie diesen
heiligen Text begriffen und einander erklärt hatten, kamen die hochedeln
Weisen erfreut zur Menschenwelt. Dort verfassten sie, um den Bestand
des Ayurveda zu sichern, Lehrbücher. Nachdem sie dieselben abgefasst
hatten, brachten sie sie sorgsam ihren tüchtigen Schülern bei: Agnivesa,
Härlta, Bheda, Mändavya, Susruta, Karäla und den anderen.
Dann verfasste auch jeder von diesen ein besonderes Lehrbuch, und sie
trugen diese Werke ihren klugen Lehrern und den Scharen der Weisen vor.
Von diesen gelobt, erlangten dieselben hohes Ansehen auf der Erde. Jedes
einzelne dieser Werke behandelt aber nicht die Heilung der sämtlichen
Krankheiten, und bei Beschäftigung mit den verschiedenen Werken würde
über dem Lesen derselben ein Menschenalter vergehen, weil von den Ver-
fassern der nämliche Gegenstand bald wiederholt abgehandelt, bald ver-
schieden dargestellt ist, und weil sie, um die Erklärung des Sinnes bekümmert,
nicht auf den Wortlaut achten. Deshalb wird mit thunlichster Zusammen-
fassung aller Lehrbücher, der Abstufung der Zeitalter entsprechend, in
(passender) Einteilung der Astängasamgi-aha abgefasst werden, der frei ist
von Unordnung, AVortschwall, Selbstberichtigungen, Wiederholungen u. a.
(Fehlern der Darstellung), nur auf die drei Teile (der Medizin) : Grund-
ursachen, Symptome und Heilmittel Bezug hat, Bestimmungen, deren Sinn
124 lAvau Bloch.
und Wesen verborgen ist, erklärt, und "Widersprüche zwischen seinen eigenen
und fremden Lehrbüchern zumeist beseitigt."
(Uebersetzuug von J. JoUy.)
Beziehungen der indischen Medizin zur griechischen und
arabischen Heilkunde.
Nach dem gegenwärtig-en Stande der historischen Forschung- über
die Quellen der indischen Medizin darf als unzweifelhaft angenommen
werden, dass die beiden extremen Anschauungen über die völlige Selb-
ständigkeit derselben und andererseits ihre von Haas behauptete durch-
gängige Abhängigkeit von der griechischen Medizin als völlig unhalt-
bar zurückgewiesen werden müssen. Eine unbefangene Prüfung hat
bisher eine durchaus selbständige Entwicklung der indischen
Heilkunde nachgewiesen, die aber mit einer Aufnahme fremder
Elemente verknüpft war. Unzweifelhaft hat eine Wechselwirkung
zwischen griechischer und arabischer Medizin einerseits und indischer
Medizin andererseits stattgefunden. Es ist deshalb von Wichtigkeit,
die bisher darüber bekannten Thatsachen näher zu betrachten.
Es ist bemerkenswert, dass schon in dem Corpus hippocraticum
indische Heilmittel genannt werden, wie Narde, Zimt und
Pfeffer. Der letztere, der von den Indern als Augenmittel verwendet
wird, tritt auch bei Hippokrates (ed. Littre VIII, 202) ah ivdi/.6v
(fcxQftayMv TO twv 6cp0^aX}.uöv o '/.aXetrai TtensQi auf.
Ferner werden Sesamum Orientale, Andropagon Schoenanthus,
Amomum, Hyperanthera Morunga, Cardamomum, Boswellia thurifera,
Laurus Cinnamomum und andere Heilpflanzen indischen Ursprungs ge-
nannt. Dass schon vor dem Zuge Alexanders des Grossen nach
Indien Berührungen zwischen Griechen und Indern stattgefunden haben,
ist wahrscheinlich ^), so dass sich hierdurch die Erwähnungen indischer
Medikamente bei Hippokrates erklären. Sicher ist jedenfalls, dass
ein Zeitgenosse des Hippokrates, der knidische Arzt Ktesias,
der lange Jahre als Leibarzt am Hofe des Perserkönigs weilte, nach
Indien kam oder wenigstens sehr zuverlässige Berichte über indische
Verhältnisse empfing, die er in einem Werke 'Ivdr/.ä niederlegte, von
dem leider nur noch Fragmente vorhanden sind. Ktesias, dessen
Wahrheitsliebe nicht angezweifelt werden darf-), erzählt, dass die in-
dischen Aerzte den Griechen in der Behandlung des Schlangenbisses
überlegen seien, dass sie ebenfalls die heilende Kraft gewisser Quellen
entdeckt hätten. Auch rühmt er die vortreffliche Gesundheit der Inder.
^) Chr. Lassen, „Indische Altertumskunde", 2. Aufl., Leipzig 1867, Bd. II
S. 583 nimmt weite Seereisen der Inder in frühgeschichtlicher Zeit an, von denen
schon im Rigveda die Rede sei. — Haeser („Geschichte der Medizin", 3. Aufl., Leipz.
1875, Bd. I S. 164) spricht von dem uralten Handelsverkehr der Aegypter und
Phönikier mit Indien, zu welchem Ceylon die Brücke gebildet zu haben scheint.
Auf dem Wege dieses Verkehrs gelangten dann die indischen Mittel nach Griechenland.
W. Max Müller teilte Dr. Felix v. Oefele eine Stelle aus einem demotischen
Papyrus mit, welche den als Arznei verwendeten Magneteisenstein aus Indien er-
wähnt. (Gütige Mitteilung des Herrn Kollegen v. Oefele.)
^) Vgl. meine Untersuchung über des Ktesias Nachrichten über die Lepra in
Persien („Beiträge zur Geschichte und geographischen Pathologie des Aussatzes",
Deutsch, med. Wochenschr. 1900 Xr. 9). Ferner Gilmore in seiner Ausgabe des
Ktesias, London 1888, S. 5.
Indische Medizin. 125
Keiner von ilmen litte an Kopfweh, Augenkrankheiten, Zahnweh, Mund-
geschwüren und Fäuhiis (?). ^)
Die eigentliche Entdeckung Indiens durch die Griechen erfolgte
durch den kühnen Zug des grossen Alexander. Seitdem fand ein
regerer Verkehr zwischen Indien und Europa statt, der bis in die
römische und bj'Zantinische Zeit angedauert hat. Nearchos, einer
der Begleiter Alexanders, bezeichnet die Lebensweise der Inder als
eine sehr einfache und hebt besonders die sorgfältige Pflege hervor,
die sie ihrem Körper zu teil werden Hessen. Sie bedienten sich dabei
insbesondere der Abreibungen durch glatte Eeibhölzer aus Ebenholz.
Er behauptet nun — eine interessante Stelle — , dass die Inder diesen
Gebrauch von den Griechen angenommen hätten, ebenso wie sie die
Bereitung der Salben durch die Griechen kennen gelernt hätten. -)
Im ganzen haben die Begleiter Alexanders ihre Aufmerksam-
keit mehr der Natur als der Kultur Indiens zugewendet. Erst in der
Diadoclienzeit begann diese letztere mehr beachtet zu werden. Es ist
vor allem Megasthenes, dessen Reisen nach Indien C. Müller
(Fragm. historicorum graecor. Paris 1848 Bd. II S. 398) zwischen
300 und 288 v. Chr. ansetzt, welcher seine Eindrücke und Beobach-
tungen während seines Aufenthaltes in Palibothra (Pataliputra) am
Ganges (als Gesandter des Seleucus Xicator bei ,.SandrakottGs)
in einem vier Bücher umfassenden Werke „Indica" niederlegte.")
Aufzeichnungen medizinischer Natur wird besonders das zweite Buch
der „Indica" enthalten haben, das nach Arrian und Strabo die
Sitten der Inder behandelte. Diodor (II, 35) berichtet, dass einige
Kapitel über die Beschaifenheit des Körpers der Inder, über Lebens-
weise, und über den Einfluss der westlichen Kultur auf Indien ge-
handelt hätten. Der Verlust dieses letzteren Kapitels ist besonders
schmerzlich. Erhalten ist eine interessante Notiz des Megasthenes
über die indischen Aerzte. Sie lautet:
„Die indischen Philosophen sind die Brahmanen und Gannanen. Den
letzteren stehen am Ansehen die Aerzte am nächsten. Sie leben einfach,
aber nicht unter freiem Himmel, nähren sich von Reis und Mehl, die ihnen
jeder, den sie darum bitten, gern gewährt. Sie verstehen es, die Frauen
fruchtbar zu macheu und durch Arzneien die Erzeugung von Knaben oder
Mädchen zu bewirken. Die Heilung von Krankheiten führen sie in der
Regel durch geeignete Speisen, nicht durch Arzneien herbei. Am meisten
schätzen sie unter den Heilmitteln Umschläge und Einreibungen, weil andere
von schädlichen "Wirkungen nicht frei seien."
(Uebersetzung von Haeser.)
Während der ganzen Diadochenzeit und der römischen Weltherr-
schaft hat ein lebhafter Verkehr zwischen Indien und den westlichen
Ländern stattgefunden, der gewiss zu einem Austausch geistiger und
materieller Schätze geführt hat. *) In Alexandria und in Rom konnte
^) Ktesias, Fragm. 57,15 bei Lassen a. a. 0. II S. 654.
2) Lassen a. a. 0. II S. 728.
■^) Die Fragmente sind als „Megasthenis Indica" von E. A. Schwanbeck
(Bonn 1846) herausgegeben. Saudrakottos liess dem Seleucus Aphrodisiaka
und stimulierende Medikamente zukommen (Athenaeus, Deipnos. I, 32).
*) Vgl. A. Weber, „Die griechischen Nachrichten von dem indischen Homer,
nebst Aphorismen über den griechischen und den christlichen Einfluss auf Indien"'
in „Indische Studien" Bd. II 1853 S. 161—169.
126 Iwan Bloch.
man häufig indische Kaufleute und Brahmanen sehen, und es ist be-
zeichnend, dass Theophrast, ein Schüler des Aristoteles, sogar
von einem Inder berichtet, der sehr wirksame Arzneimittel (Aphro-
disiaka) besass. ^) Wiederholt kamen indische Gesandtschaften nach
Rom -), und wenn auch umgekehrt fast nur römische Kaufleute nach
Indien gingen, so kamen doch auch Gelehrte dahin. Lucian berichtet
von einem jungen Paphlagonier, der in Alexandria studierte und von
dort nach Indien reiste. (Lucian im Leben des „Alexander von Abono-
teichos" cap. 44). Galen hat uns den (gräcisierten) Namen eines
alten indischen Arztes erhalten, der ein zu seiner Zeit berühmtes
Abortivmittel angegeben hatte. Dieser Arzt hiess 0 r b a n o s. ^) Galen
giebt die genaue Zusammensetzung dieses indischen Eezeptes an, in
welchem Crocus, indische Narde, Zimt, Ingwer, verschiedene Pfeffer-
arten und andere indische Pflanzenmittel vorkommen. Dies deutet
doch auf eine relativ genaue Kenntnis der indischen Medizin hin. Noch
an einer anderen Stelle des Galen (ed. Kühn Vol. XVII a, S. 608}
wird eines indischen Arztes P a m p h i 1 o s gedacht. Hier soll aber die
Lesart 'Ivöixiig eine unrichtige sein (nach Mitteilung von Dr. Hermann
Schöne), so dass jene Stelle nicht für unsere Zwecke verwertet werden
kann. Die Authentizität und Richtigkeit der ersten Stelle steht da-
gegen fest. Auch der im 6. Jahrhundert n. Chr. lebende byzantinische
Arzt Aetius erwähnt einen indischen Kollegen als o 'Ivöog (vielleicht
Caraka?). Ein Namensvetter dieses Arztes war der im 4. Jahrh,
n. Chr. lebende Presbyter Aetius, der in Alexandria Medizin
studierte und später die Freundschaft des um 350 n. Chr. aus Indien
zurückgekehrten Theophilus genoss. Heusinger vermutet, dass
aus dieser Quelle auch die Kenntnisse des Byzantiners Aetius über
die indische Medizin stammen.^)
Von grossem Interesse ist, dass sich schon seit der Ptolemäerzeit
die griechischen Aerzte mit den in Indien endemischen Krankheiten
beschäftigten. Höchstwahrscheinlich stammt der erst seit 300 v. Chr.
nachweisbare Name iltcpavrtaoig (für die alte „Lepra" des Herodot
und „oarvQiaoig'' des Aristoteles), mit dem man fortan den Aussatz
benannte, aus Indien, wo die Begleiter Alexanders den Elefanten
und die „Elefantenkrankheit" kennen lernten.'^) Der Pneumatiker
Archigenes, ein Zeitgenosse Trajans, berichtet uns über ver-
schiedene originelle Heilmethoden, welche die indischen Aerzte bei
Leprakrankheiten anzuwenden pflegten. '') Leonides, ein alexan-
drinischer Arzt des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, weiss, dass
die Guineawurm (Filaria medinensis) -Krankheit in Indien endemisch
ist. ^) Zahlreiche den Beinamen „indisch" führende Arzneimittel der
griechischen Aerzte sind uns in den Sammelwerken der byzantinischen
^) Theophrast, Hist. plantar. IX, 18 sect. 9.
^) Vgl. L. Fried 1 an der, ,. Darstellungen aus d. Sittengeschichte Roms", Leipz.
1888, Bd. I S. 52—58. _ ^ .,.,,/,,
^) 'AvriäoTog i) ' Ooßavov Xeyouevrj tqv IvSov, ttqos to t« Ivzoe ßos<fr] EKßdXXeiv
bei Galen, De antidotis lib. II cäp. 1 ed. Kühn XIV, 109—111.
*) Fabricius, „Biblioth. graeca" XIII, 254; C. F. Heu sing er, „Der Pres-
byter Aetius" in Henschels „Janus" Bd. II, Breslau 1847, S. 424.
^) Vgl. J. Bloch, „Zur Vorgeschichte des Aussatzes", Zeitschr. f. Ethnologie
1899 S. 211. Das indische „slipada" ist unsere heutige Elephantiasis („Elephanten-
fuss").
«) Aetius, Tetrabibl. IV Serm. I cap. 122.
') Ibid. Tetrabibl. IV Serm. II cap. 85.
Indische Medizin. 127
Periode erhalten geblieben, z. B. das berühmte „indische Pulver" gegen
Gicht.i)
Unter der Herrschaft des Islam, welche sich bis nach Indien er-
streckte, gestalteten sich die Beziehungen der indischen Heilkunde zu
der Medizin des Abendlandes, welche nunmehr in der Form der
arabischen Heilkunde auftrat, greifbarer und inniger. Doch kann
man im ganzen annehmen , dass die Aniber mit ihrer eminenten
Assimilationsfälligkeit, auch auf wissenschaftlichem Gebiete, sich mehr
von den Indern aneigneten als diese von ihnen.
Schon in vorislamitischer Zeit machten sich arabische, iri der
von den christlichen Nestorianern gegründeten Medizinschule zu Gondi-
sapur vorgebildete Aerzte mit der indischen Heilkunde vertraut. Der
um 460 n. Chr. lebende Arzt el-Haret aus Tejif bei Mekka bereiste
Indien, um seine Kenntnisse zu bereichern. -) Es ist dies die älteste
Nachricht über die Verbindung der Schule von Gondisapur mit Indien.
Der persische König Kosru I. Nuschirvan (Chosroes der Griechen),
der von 532 — 579 n. Chr. regierte, schickte seinen Leibarzt Barzujeh
(Burzweih) zweimal nach Indien, um Arzneien und medizinische
Werke zu holen. Es ist derselbe Arzt, der auch das Schachspiel aus
Indien mitbrachte.") Wie innig die Verbindung der Medizinschule
von Gondisapur mit Indien war, erhellt aus der Thatsache, dass ein
indischer Arzt T a n f a t s c h a 1 (T a n f a s t a 1, N a u f a s c h a 1, T a s u i-
tistani), der ein „Buch der irrigen Meinungen über die Krankheiten
und Gebrechlichkeiten" verfasste, die in Gondisapur üblichen medi-
zinischen Disputationen leitete.^) Auch Haret Ben Kai da, der
Arzt des Propheten Muhammed, soll in Indien Medizin studiert
haben. ^)
Die in persischer Sprache geschriebene Arzneimittellehre des
Abu Mansur Muwaffaq, die neuerdings auf Veranlassung von
R. Kobert durch Abdul Chali Achundow ins Deutsche übersetzt
worden ist, bildet ein sehr interessantes Dokument für die frühen Be-
ziehungen der indischen Medizin zur arabischen. Dies AVerk wurde
zwischen 968 und 977 n. Chr. verfasst. ") Der Verfasser, ein Nord-
perser aus Hirow, hatte Persien und Indien bereist. In letzterem
Lande verweilte er längere Zeit; er erwähnt mehrere indische Aerzte,
bevorzugt die indische Gradeinteilung der Arzneien. Er nennt Indien
das Dorado wirksamer Arzneimittel, und die indischen Grundanschau-
ungen über Medizin haben für ihn den gleichen Wert wie die
griechischen.")
Als indische Aerzte nennt Muwaffaq: „Galek den Inder",
Mengeh, Naufil, Rata, Bihail und einen so rein indischen Namen
wie Sri B h a r g a v a d a 1 1 a. ^)
^) Paulus Aegineta VIII 13; Alexander v. Tralles ed. Puschmann
11, 542; Nikolaus Myrepsus XVIII, 1.
) ^I 3/ 0 s p r R R 0 T ^4H
') Ernst H. F. Meyer, „Geschichte der Botanik'', Königsb. 1856, Bd. HI S. 31;
Haeser I, 452.
*) Haeser I, 452.
*) Ibidem.
**) „Historische Studien aus dem Pharmakolog. Institute der Kaiserl. Universität
Dorpat", herausg. von K. Kobert, Halle 1893, Bd. III S. 303.
') Ibidem S. 304—306.
«) Meyer a. a. 0. III, 40; Müller a. a. 0. S. 551—552.
128 Iwau Bloch.
Ibii Abu Oseibia, der berühmte arabische Geschichtsschreiber
der Medizin behandelt im 12. Buche seiner „Geschichte der Aerzte"
auch die indischen Aerzte besonders. Er nennt „Kankah den Inder",
Sangahal, Susrud (Susruta), eine indische Aerztin Eüsä, die
ein Buch über die Behandlung der Frauenkrankheiten schrieb, Güdar,
Manka (zur Zeit Harun al Easchid's), der in dessen Tagen von
Indien nach dem 'Iräq reiste und ihn behandelte", ferner Sälih
Ibn Bah lach, von dem er eine interessante Anekdote erzählt, in der
die griechische H eilkunde und ihr Vertreter Gabriel B a c h t i s c h u a
der indischen Heilkunst und Sälih Ibn Bahlach entgegengestellt
wird, und der indische Arzt über den Vertreter der arabisch-griechischen
Medizin, triumphiert, endlich Sänäq und dessen „Buch der Gifte in
fünf Abteilungen", welches Manka der Inder aus der indischen
Sprache in die persische übersetzte.^) Auszüge aus diesem letzt-
erwähnten Werke giebt August Müller in deutscher üebersetzung
und weist zugleich nach, dass dieses Buch niemals in Indien geschrieben
wurde, aber unverkennbare Spuren der Benutzung eines
Kapitels des Susruta enthält, so dass schon um 910 n. Chr.
dieses Werk von den Arabern benutzt worden ist. -)
Ishak ben x^mran aus Bagdad, der die medizinische Wissen-
schaft nach Nordafrika verpflanzte, schrieb um eben dieselbe Zeit
(900 n. Chr.) ein Werk über die einfachen Arzneien, in dem auch in-
dische Heilmittel erwähnt wurden'^), und endlich gedenkt bereits der
grosse Ehazes (850—923) der hervorragendsten indischen Aerzte.
Vor allem citiert er oft den Caraka, dann den Atreya (Hawi X, 2),
den Sesirid (Susruta), und kennt sogar die „sthänas" (Abschnitte
der Medizin) der Inder, indem er den „Sind-Hisher" (Siddha-sthäna)
erwähnt. Auch soll Ehazes ein indisches Werk über den Zucker
ins Arabische übersetzt haben.*)
Die Kenntnis dieser Thatsachen gestattet ohne Zweifel den Schluss,
dass fremde Einflüsse auch in der indischen Medizin thätig gewesen
sind. Wir besitzen hierfür aber viel weniger positive Belege als für
den grossen Einfluss, den die indische Heilkunde auf die griechische und
arabische Medizin ausgeübt hat. Die Namen fremder Aerzte werden
in den älteren medizinischen Schriften der Inder nicht genannt, nament-
lich findet sich keinerlei Erwähnung der Y a v a n a s (Griechen). Anderer-
seits wissen wir, dass auf anderen Gebieten Entlehnungen stattgefunden
haben. Eohde hat mit Evidenz nachgewiesen, dass ein Teil der
indischen Novellendichtung von den Griechen entlehnt ist. ^) So scheint
auch die Humoralpathologie der Inder griechischen Ursprungs
zu sein ^), und bei einer sehr wünschenswerten genauen Vergleichung
der indischen Medizin mit der griechischen Hessen sich vielleicht noch
mehr Uebereinstimmungen entdecken. Auf die Thatsache, dass man eine
dem Eide der Asklepiaden fast gleichlautende Formel bei Caraka
findet, dass die Facies hippocratica übereinstimmend geschildert wird,
^) A. Müller a. a. 0. S. 478ff. : F. Wüstenfeld, „Geschichte der arabischen
Aerzte und Naturforscher", Gott. 1840, S. 138.
2) Müller a. a. 0. S. 545.
•■') L. Leclerc, „Gazette niedicale de l'Algerie" 1870 No. 6.
*) Vgl. M. Steinschneider, .,Die toxikologischen Schriften der Araber u. s.w."
in Virch. Arch. Bd. 52, Berlin 1871, S. 487—491.
■^) Erwin Rohde, „Der griechische Roman", 2. Aufl., Leipz. 1900, S. 582 ff.
**) Auch Hirschberg a. a. 0. S. 34 Anm. 3 ist dieser Ansicht.
Indische Medizin. 129
II. dgl. mehr, ist nicht allzu viel Gewicht zu legen. Auf eine aller-
dings sehr merkwürdige Uebereinstimmung in der Schrift des Hippo-
krates über die Kopfwunden und in Susruta machte Pagel auf
merksam. ^) Es handelt sich um das Versprechen der späteren Schil-
derung einer besonderen Wundnaht, das in beiden Schriften vorkommt
und in beiden nicht gehalten wird.
Trotzdem ist eine gewisse Originalität der altindischen Medizin
unverkennbar. Hätte wirklich die indische Medizin den grössten Teil
ihrer Kenntnisse der griechischen entlehnt, dann wäre es sehr auffallig,
dass z. B. die Grundlage jeder Heilkunde, die Anatomie in nichts
an die griechische erinnert, die doch schon zur Zeit des Hippokrates
eine sehr hohe Entwicklungsstufe eiTeicht hatte. Die indische Ana-
tomie ist die allerprimitivste, die man sich denken kann, da das brah-
manische Gesetz jede Beschäftigung mit Leichen, jede Berührung der-
selben verbot. Haeser hat ihre überraschende Aehnlichkeit mit der
altgermanischen Anatomie nachgewiesen-), so dass wir mit Sicherheit
sagen können, dass die indische Anatomie einen autocht honen,
urarischen Charakter trägt. Ferner ist kein Zweifel, dass auch die
Materia medica der Inder vollkommen ursprünglich ist. Sie ist
besonders von den Griechen und Arabern in reichem JMasse benutzt
worden. Die Heilmittel in den indischen medizinischen Schriften sind
durchweg indische. Nur eine einzige fremde Arzneipflanze, die in
Persien einheimische Asa foetida, lässt sich in dem Heilschatz der
Inder nachweisen. =^) In der inneren Medizin ist den Indern die
Kenntnis des Zuckergehaltes des Urins bei Diabetes eigentümlich, in
der Chirurgie die Ehinoplastik, die Nasenbildung aus der Stirn-
oder Wangenhaut. Auch die Hygiene und Diätetik haben ein
durchaus originelles Gepräge.
Uebersicht über die medizinischen Schriften der Inder.
1. Die Bo wer -Hand Schrift. — In den Kuinen von Mingal
nahe bei Kuchar in Kaschgarien (chinesisch Turkestan) ist diese uralte
medizinische Handschrift entdeckt worden. Sie befand sich in einem
buddhistischen Stüpa, der 1889 von zwei einheimischen Kauf leuten auf
der Suche nach verborgenen Schätzen erbrochen und seines Inhalts be-
raubt wurde. Der englische Leutnant Bower erwarb dieselbe von
dem einen derselben im Jahre 1890. *) Er übergab sie dem berühmten
Sanskritisten Rudolf Ho er nie in Calcutta, dem wir die meisten
Aufschlüsse über diesen Fund verdanken.
Die Bower-Handschrift besteht aus 56 Blättern aus Bii'kenbast,
von denen 54 doppelseitig beschrieben sind. Von diesen 54 Seiten
enthalten ST^j» drei medizinische Werke. Die Sprache des medizinischen
Teiles ist Sanskrit, aber kein grammatisches Sanskrit, sondern das
alte Sanskrit des nordwestlichen Indien, das bei den Buddhisten am
Beginne unserer Zeitrechnung in Gebrauch war. Zunächst galt es,
das Alter der Bower-Handschrift festzustellen. Aus den Unter-
1) J. L. Pagel, „Geschichte der Medizin", Berlin 1898, I, 33.
2) Haeser a. a. 0. I, 607.
3) Meyer a. a. 0. III, 17.
*) Note by Lieutenant Bower in : Proceedings of the Asiatic Society of Bengal
1890 S. 221.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 9
130 Iwan Bloch.
sucliungeii von H o e r n 1 e ^) und B ü h 1 e r -) hat sich ergeben, dass die
Handschrift in das 5. Jahrhundert nach Chr. zu versetzen ist. Einige
Teile gehören dem Ende des 5. Jahrhunderts, andere dem Anfange
desselben an. Keinesfalls ist eine spätere Abfassungszeit als 550 n. Chr.
anzunehmen.
Durch die nunmehr (bis auf die litterarische Einleitung) vollstän-
dig vorliegende Uebersetzung des Bower-Manuskriptes von H o e r n 1 e •^)
sind wir über den Inhalt desselben genau unterrichtet worden. Der
Inhalt der medizinischen Schriften des B.-Ms. ist der folgende.
Erstes AVerk (5 Blätter): Ursprung und medizinische AVirkungen
des Knoblauchs, der als wahre Panacee gegen alle möglichen Uebel ge-
priesen wird, und das Leben bis auf 100 Jahre verlängern soll. Dieser
Abschnitt ist neuerdings von L, Aschoff aus dem Englischen ins
Deutsche übersetzt und kommentiert worden (s. oben). Gleich im An-
fang wird eine interessante Uebersicht über die altindischen Aerzte
gegeben: „Auf dem heiligen Berge, wo die heilbringendenPflanzen
wachsen, wohnen die Munis, Männer mit erleuchtetem Geiste: Atreya,
Härita, Paräsara, Bhela, Garga, Sämbhavya, Susruta,
Vasist ha, Karäla und Käpya. Sie prüfen den Geschmack, die
Eigentümlichkeiten, die Formen, Kräfte und Namen aller heilbringenden
Pflanzen." Bekannt sind von diesen das Werk des Susruta, die
Härlta-Samhitä, und Vangasena d. h. die Ueberarbeitung der
Atreya-Samhitä. ^) — Auf das „Knoblauchlied" folgen kürzere Ab-
schnitte über Verdauung, über ein Elixier für tausendjährige Lebens-
dauer, über die richtige Mischung der Ingredienzien, über gewisse
stärkende Arzneien, über Augenwasser, über Gesichtspflaster und
Augensalben, über Haarmittel und Hustenmittel.
Zweites Werk. Dieses ist umfangreicher, umfasst Blatt 6 — 34
der Handschrift und heisst „Navanitaka" („Sahne") d. h. Extrakt aus
älteren Lehrbüchern. Es handelt in 16 Kapiteln von Pulvern, Butter-
decocten, Oelen, vermischten Rezepten, Klystieren, Elixieren, Brühen,
Aphrodisiaka, Augensalben, Haarfärbemitteln, Terminthia, Chebula,
Bitumen, Plumbago zeylanica, Kinderpflege, Sterilität und Behandlung
von Schwangeren und Wöchnerinnen. Die letzteren xAbschnitte sind,
da Kap. 15 und 16 verloren gingen, nicht vorhanden. Von Interesse
ist, dass auch in diesem Teile des Bower-Ms. der Diabetes erwähnt
wird („süsser Urin", an dem die Hunde lecken).
Drittes Werk. Dieses umfasst nur 3Vo Blätter und enthält in
^) R. Hoernles, „Proceedings of the Asiatic Society of Beugal" 1891 S. 54;
,,0n the data of the Bower Mamiscript, Journal of the Asiatic Soc. of Bengal" Bd. LX
1891 S. 79; ,.An instalment of the B. Ms." Ibidem S. 135.
^) Bühl er, „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes" Bd. V 1891
S. 103, 302.
^) „The Bower Manuscript. Facsimile Leaves, Nagari .Transcript, ßomanised
Transliteration, and English Translation with Notes," edited by A. F. Rudolf
Ho er nie, Ph. D., Principal Calcutta Madrasah. Parts I — VII. Published by Order of
the governments of India. Calcutta 1893—1897. — Vgl. das Referat von J. Jolly
in der „Zeitschr. der deutschen morgenländ. Gesellschaft" Bd. LIII 1899 S. 374—380
[„eine monumentale Publikation sowohl seiner äusseren Ausstattung als seinem
inneren Wert nach"].
*) Ein grosser Teil des Inhaltes der Bower-Handschrift findet sich gleichlautend
in Caraka, Susruta, Härita-Samhitä u. s. w. wieder. — Auch in anderen
uralten centralasiatischen Handschriften mit Sanskrittext z. B. in der um 350 n. Chr.
geschriebenen Macartney-Hs. kommen medizinische Dinge vor (Jolly).
Indische Medizin. 131
72 Versen 14 Arzneiformeln zu änsserlichem oder innerlichem Gebrauche
bei den verschiedensten Krankheiten.
Alle drei Werke sind fast durchweg metrisch abgefasst.
2. Caraka — Ausgaben: a) Carakasamhitä Sthana 1. Sütra-
sthänam, Gangädhara viracitam. Jalpakalpataru-samäkhyayä vya-
khyaya sahitam tenaiva samsodhitam. Kalikätä samvat 1925 (Calcutta
1868) 8*^ 384 S. Der Herausgeber ist Gangädhara Kaviräja
Kaviratna. — Diese Ausgabe enthält nur das erste Kapitel des
ersten Buches und den Anfang des zweiten, d. h. etwa den 70. Teil
des Ganzen. Der beigegebene Kommentar des Herausgebers ist weit
umfangreicher als der Originaltext. Diese Ausgabe ist vervollständigt
durch Dharanidhar Ray, Behrampore 1878. 1528 S. — b) Caraka-
samhitä Jivänanda Vidyäsagara Bhattäcäryena samskrtä prakä-
sitä ca. Calcutta 1877, 8 ". — 2. Auflage 1896. 93i S. (Herausgeber
ist Jivänanda Vidyäsagara.) — c) Carakasamhitä. Mahämuni-
nägnivesena praritämaharsi - Carakena pratisamskitä kaviräja srl - D e -
V e n d r a n ä t li a -Senaguptena kaviräja-sri - U p e n d r a n ä t h a -Senagup-
tena ca sampäditä samsodhitä prakäsitä ca. (Charaka Samhita By
Mahamuni Agnibesha. Rev. by Maharshi Charaka. Compiled and
edited by Debendra Xath Sen and Upendra Nath Sen.) Cal-
cutta 1897, 8'* 1056 S. — d) Englische Uebersetzung : Charaka Samhita,
translated into English by Abinash Chandra Kaviratna, Cal-
cutta 1891-1899 (20 Hefte, noch unvollständig. Vgl. Roth in Z. der
deutsch, morgenl. Gesellsch. Bd. 48 S. 140—142) — 1870 übersetzte
Mah. Lal Sircar 2 Kapitel im Calcutta- Journ. of Medicine. ^)
Nach R. R 0 1 h (Caraka in : Zeitschr. d. deutschen morgenl. Gesell-
schaft 1872 Bd. XXXVI S. 441—452) zerlällt das Werk des Caraka
in 11 Hauptteile (sthäna) von verschiedenem Umfange: 1. Sütra (seil,
sthäna) 30 Kapitel: Lehrsätze, einleitender allgemeiner Teil. 2. Ni-
däna, 8 Kap.: Ursachen der Krankheit. 3. Vimäna, 8 Kap.: Vom
Masse, nämlich der drei Humores u. s. w. Vorschriften über Diät,
über ärztliches Studium, Epidemiologie u. a. m. — 4. Särira, 7 Kap.:
Anatomie. 5. Indriya, 12 Kap.: Anatomie und Pathologie der Sinnes-
organe, Sinnestäuschungen, Sprachstörungen, Vorzeichen des Todes.
6. Rasäyana, 4 Kap.: Essenzen, Elixiere. 7. Väjikarana, 4 Kap.:
Aphrodisiaka. 8. Cikitsä, 28. Kap.: Einteilung der Krankheiten,
Prophylaxe, Therapie, Makrobiotik, Gegengifte. 9. Kalpa, 12 Kap.:
Gegengifte, Brech- und Abführmittel. 10. Pancakarmädhikära,
11 Kap.: Applikation der Medikamente, Vomieren, Laxieren, Geschwürs-
lehre. 11. Uttarasiddhi, 1 Kap.: Nachkur.
3. S u s r u t a — Ausgaben : a) The Susruta or System of medicine
taught by Dhanvantari and composed by his disciple Susruta, ed. by
Sri Madhusudana Gupta. Calcutta 1835—1836, 2 Bände 8**.
b) The Susruta or System of medicine taught by Dhanvantari, edited
by pandit Jibananda Vidyäsagara. Calcutta 1873, 8 " 3. Auf-
lage 1889. 915 S. c) Susruta - Samhita, Mähamati - Dalvanäryyakrto
Nirandhasamgrahäkhyatikä - sahitä - Kaviräja srl A v i n ä s a c a n d r a
Kaviratnena anuväddtä samsodhitä etc. (Teil 1—34). Mehr nicht
erschienen. Calcutta 1885, 8 ^K — Uebersetzungen : a) Susrutas Ayur-
vedas. Id est medicinae systema a venerabili Dhanvantare demon-
stratum a Susruta discipulo compositum. Xunc primum ex Sanskrita in
^) Der wichtigste Caraka-Kommentar ist der des Cakradatta.
9*
132 Iwan Bloch.
Latinum sermonem vertit. introductionem, annotationes et rerum in-
dicem adjecit Dr. Franciscus Hessler. Erlangen 1844 — 1850,
3 Bände 8 **. — Kommentar in 2 Heften. Erlangen 1852 u. 1855.
[Nach dem Urteile von A. Webe r ist diese Uebersetzung mangelhaft.
Hessler hat sogar Personennamen als Sachnamen übersetzt!].
b) A. M. Kunte, „Charaka edited and Susruta translated", Bombay
1876 (nur Anfang), c) The Susruta Samhitam. translated from the
original Sanskrit byUdoy Chand Dutt (Fase. 1 u. 2), by Angho-
rechunder Chattopadhyäya (Fase. 3), Calcutta 1883; 1891. 8®
[Bibliotheca Indica. New Series No. 490, 500, 802]. — d) Susruta
Samhitä. The Sugruta Samhitä or the Hindu System of medicine
according to Susruta. Translated from the original Sanskrit by
Dr. A. F. E. Hoernle. Fase. L Calcutta 1897, 8^ [Bibliotheca
Indica. N. S. No. 911]. ^)
Koth bemerkt über das Verhältnis des Susruta zu Charaka:
„Was System und Terminologie betrifft, so sind sich Caraka und
Susruta in allen wesentlichen Punkten ähnlich, weit ähnlicher als zwei
heutige Lehrbücher der Pathologie unter einander sind. Caraka über-
trifft den Susruta an Umfang, aber nicht erheblich. Man bemerkt
bei beiden denselben Wechsel von Prosa und gebundener Rede, doch
dürfte jene bei Caraka etwas häufiger vorkommen. Seine Schreibart
ist, wo der Stoff es zulässt, lebhafter und ansprechender, als die trockene
sachmässige Behandlung bei Susruta." Schon die alten indischen
Schriftsteller betonen, dass die Chirurgie in besonderer Ausführ-
lichkeit und besser als von anderen Autoren von Susruta be-
handelt wird.
Dieses Gebiet wird besonders im ersten Sthäna des Susruta,
dem 1. Sütrasthäna, berücksichtigt. 46 Kapitel. Ursprung der
Heilkunde, Propädeutik, Instrumentenlehre, Chirurgie, Entzündung,
Wundbehandlung und Geschwürslehre, Ehinoplastik , Diagnostisch-
Prognostisches, Speise und Trank, Arzneien und Anwendung derselben.
2. Nidänasthäna. 16 Kap. Allgemeine Pathologie. Rolle
des Blutes, der Galle, des Schleimes und der Luft bei der Entstehung
der Krankheiten, Hämorrhoiden, Lithiasis, Fistula ani, Lepra, Harn-
leiden, Bauchtumoren, Fötalkrankheiten, Phlegmonen, Abscesse, Fisteln,
Mammaaffektionen, Arthritis, indolente Tumoren, Halstumoren, vene-
rische Krankheiten, Elephantiasis, Frakturen, Mundkrankheiten.
3. ^ ä r I r a s t h ä n a. -) 10 Kap. Anatomie. Embryologie. Sperma,
Menstruation, Befruchtung, Entwicklung des Embryo, Teile des Körpers,
Gefässlehre, Aderlass, Neurologie, Schwangerschaft, Diätetik der Neu-
geborenen. 4. Cikitsästhäna. 40 Kap. Therapie, Therapie
der Wunden und Geschwüre, der Frakturen, des Rheumatismus, der
Hämorrhoiden, Lithiasis, Fisteln, Lepra und Hautkrankheiten; Harn-
leiden, Diabetes (Kap. 13), Abdominaltumoren, geburtshilfliche An-
gaben (Kap. 15), Therapie der Phlegmonen und Entzündungen, Abscesse,
Mammageschwülste , Gicht , Geschlechtskrankheiten , Elephantiasis,
Mundleiden, Oedeme und Schwellungen, Haarkrankheiten, Aphrodisiaka,
Sedativa, Panaceen und Elixiere, Therapie der Fettleibigkeit, Anti-
hidrotica, Vomitiva und Purgantia, Klystiere, Räucherungen, Nasen-
^) Kommentare zum Susruta wurden von Ubhatta Jej jata Dallana,
Cakradatta (im 12. u. 13. Jahrli. n. Chr. u. früher) u. a. verfasst.
^) Dieser Teil ist besonders von Parasuräma herausgegeben.
Indische Medizin. 133
mittel. 5. Kalpasthäna. 8 Kap. Toxikologie. Antidote. lieber
Giftmischer („Giftmädchen"), Symptome der Vergiftung, vegetabilische
animalische Gifte, Schlangenbisse und Therapie derselben, Antidote gegen
andere Gifte. 6. Uttaratantra (Schlussabhaudlung). 66 Kapitel.
Spezielle Pathologie und Therapie. Krankheiten des Kopfes
(Augen, Ohren, Nase, Katarrhe), Kinder, Dämonen und Heilmittel da-
gegen, weibliche Geschlechtsleiden, Fieber, Dysenterie, Schwindsucht,
Drüsenverhärtungen, Herzkrankheiten, Ikterus, Diarrhoe, Erbrechen,
Durst, Singultus, Atembeschwerden, Husten, Stimmlosigkeit, AVurm-
leiden, Blähungen, Heus, Appetitlosigkeit, Ischurie, sonstige Harnleiden,
dämonische Krankheiten, Epilepsie (Kap. 61), Delirium, über Ge-
schmacksempfindungen, Lebensweise.
Ueber diesen weitschichtigen und oft bunt zusammengewürfelten
Inhalt des Werkes des Susruta macht E. Meyer die treffende Be-
merkung: „Eine Masse wahrhafter Kenntnisse, die eine durch Jahr-
hunderte fortgesetzte ärztliche Beobachtung voraussetzen, sind mit einer
etwa gleichen Masse der abenteuerlichsten Einbildungen, denen die
Gestalt höchster Präzision angedichtet ist, zusammengeknetet, und aus
der Gesamtmasse sind Glaubenssätze wie Kügelchen euies Eosenkranzes
gedreht und aufgereihet, die sich dem Gedächtnisse des Schülers ein-
prägen sollen." ^)
4. Vägbhata. — a) Astängahrdayam (d, h. Wesen der 8 Teile sc.
der Medizin). A compendium of the Hindu System of medicine, AVith
the commentary of Arunadatta. Revised by Anna Moreshvar
Kunte. Bombay 1880, 8'« 2 Bde. — 2. Auflage. Bombay 1891, 4«. —
b) The Astängahrdaya, a treatise of Hindu medicine by Bäg Bhata.
— Edited by pandit Jibänanda Vidyasagara. Calcutta 1882,
8 ". — c) Srimad Vägbhata viracitam Ästangahrdayam Sankara-
sastrinä cikitsakena parisodhitam. Bombay 1900 (153, 792 S. 8".
Textausgabe von dem Arzte ^.). — d) Ein anderes neuerdings heraus-
gegebenes Werk des Vägbhata ist der „Astängasamgraha, com-
pendium of medicine edited bv Ganesa Sakhäräma Tarte*',
Bombay 1888. 2 Bde. (306, 421 S.) gr. 8 ". -)
Beide Schriften des Vägbhata können, wie Jolly dargelegt hat,
nicht später als im 7. bezw. 8. nachchristlichen Jahrhundert verfasst
worden sein. Sie gleichen in ihrer Einteilung völlig dem Ayurveda des
Susruta. 1. Sütrasthäna. Chirurgie, Diätetik, Pharmakologie.
2. S ä r 1 r a s t h ä n a. Anatomie und Embryologie. 3. N i d ä n a s t h ä n a.
Aetiologie und Pathogenese, Fieber, allgemeine Pathologie. 4. Cikit-
sästhäna. Therapie. 5. Kalpasthäna. Antidote, dämonische
Medizin, Elixiere. ^_
5. Härita (Atreya). — Die unter dem Namen des altindischen
Arztes Atreya gehenden Manuskripte sind apokryph. '■^) In der Ein-
leitung der „Caraka Samhitä*' wird Härita als einer der Lieblings-
^) E. Meyer a. a. 0. Bd. HI S. 14.
-) Kommentare zu Vagbhatas Werken verfassten Arxinadatta (vor dem
15. Jahrh.), Hemädri (Minister des 1271 — 1309 n.Chr. regierenden Königs Eäma-
räja*). Auch existiert ein alter anonj'mer Kommentar zum Astängahrdaya aus dem
13. Jahrhundert.
^) Vgl. Räjendraläla Mitra, „Notices of sanscrit manuscripts, published
under orders of the government of Bengal etc." Bd. VIII, Calcutta 1885, S. 138 —
Inhaltsangabe eines Ätreya-Manuskriptes bei F. E. Dietz., „Analecta medica", Leipz.
1833, S. 158.
134 Iwan Bloch.
Schüler des Ätreya bezeiclmet. Dieser Harlta verfasste ein medi-
zinisches A^'erk, welches vielleicht als eine Ueberarbeitimg des ur-
sprünglichen, nicht mehr bekannten Buches des Atreya anzusehen
ist. Vägbhata citiert bereits den Härlta, ebenso erwähnt dieser
den Vägbhata als Zeitgenossen. Hiernach kann n.an den Härlta
(oder vielmehr das seinen Namen tragende Werk) ungefähr in das
6. bis 7. nachchristliche Jahrhundert setzen, a) Die Härita-Sam-
liitä .existiert in wenigen Handschriften, von denen die eine sich in
Calcutta, die andere in der Sammlung des Mahäräja von Birkaner
befindet. Ein Teil ist in der Königl. Bibliothek zu Berlin. Heraus-
gegeben wurde die Härlta Samhitä von Kaviräja Bin od Lal
S e n : Atreya Maharshi - Härlta - Samhitä, a complete System of Hindu
medicine ed. and publ. by Kaviraj. Bin od Lal Sen. Calcutta s.
a. (1887) 8^\ 420 S. b) Ausgabe von Jair am Eaghunath. Bom-
bay 1892, 812 S.
6. Bhävamisra; Verfasser des Bhävaprakäsa. — Ausgabe:
a) Bhävaprakäsa, a treatise on Hindu medicine, compiled by Bhäva-
misra. Edited by Jivänanda Vidj^asägara. Calcutta 1875, 8 ". b) Das-
selbe s. 1. 1881, 8 ">. ■
Der Bhävaprakäsa ist die berühmteste mittelalterliche Schrift
der indischen Medizin. Er gehört dem 16. Jahrhundert an und ist
eine Kompilation aus den besten früheren medizinischen Werken, die
wegen ihres klaren, leicht verständlichen Stiles und ihrer vorzüglichen
Anordnung unter den indischen Aerzten sehr verbreitet ist. Wise
hat seine Darstellung der indischen Medizin zu einem grossen Teile
nach , dem Bhä vapr. gegeben. Bhävamisra hat Caraka, Susruta,
Yägbhata und andere alte Schriftsteller ausgiebig benutzt, anderer-
seits aber auch einiges Originelle in seinem Werke niedergelegt.
So ist er der Erste, der die durch die Portugiesen eingeschleppte
Syphilis, den „phii-anga roga" (Franken- d. h. Portugiesenkrankheit)
beschreibt. Auch erwähnt er als Erster ausländische Arzneimittel.
Dies sind die Hauptschriften der indischen Medizin, worauf alle
folgenden beruhen. Kurze Erwähnung verdient noch M ä d h a v a oder
Mädhaväcärya. der im 12. Jahrhundert lebte, und besonders als
Diagnostiker berühmt war. Er schrieb das „Mädhava-Xidäna" (Ausg.
von Vidyäsagara, Calc. 1876; von Dutt, Calc. 1880). Eine alte
Sanskritstanze lautet :
Nidäne Mädhavas sresthas,
Sütrasthäne tu Vägbhatas :
Särlre Susrutas proktas,
Carakas tu cikitsake.
d. h. Mädhava ist unübertroffen in der Diagnostik, Vägbhata in
Theorie und Praxis der Medizin, Susruta in Chirurgie. Caraka
in der Therapie. — Mädhava widmet bereits den Pocken (masü-
rikä) ein besonderes Kapitel. Früher wurden dieselben nur unter den
leichteren Uebeln aufgezählt.
Ein sehr verbreitetes medizinisches Handbuch ist der „Madana-
vinoda" oder „Madanapälanighanu", ein „Nighantu" (Wörterbuch),
aber mehr eine Materia medica. Es wurde um 1374 unter den
Auspizien von Madanapäla, einem Räjan im Norden von Delhi ver-
fasst. — Ein anderer „Nighantu" trägt den Namen des Dhanvantari,
des indischen Aeskulap, und ist ein Repetitorium der Materia medica
Indische Medizin. 135
aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, wichtig durch die Aufzählung
zahlreicher Synonj^me.
Der „Astängahridayanighaiitu" ist das Wörterbuch aller Sub-
stanzen, die in der Samhitä des Vagbhata vorkommen.
Das berühmteste Werk über die Synon3'men und Eigenschaften
der Arzneien und über diätetische Verhältnisse ist der „Rajanighantu"
des ,.Narahari. eines Arztes aus Kashmir, verfasst zwischen 1235
bis 1251 n. Chr.
Ein Handbuch der klinischen Medizin ist die „Säriigadharasam-
hitä" von Säriigadhara. dem Sohne des Damodara, die im
„Bhävaprakäsa" citiert wird und wohl ins 13. Jahrhundert gehört.
Sie enthält eine Beschreibung der Krankheiten und der Symptome,
sowie therapeutische, pharmaceutische und diätetische Notizen. Aehn-
liche Nosologien wurden von Vangasena und Cakradatta ver-
fasst.
Die zahlreichen Werke über Hygiene heissen „Pathyäpathya"
d. h. gesunde und ungesunde Dinge. Endlich giebt es noch Mono-
graphien über den Puls über Fieber, Pädiatrie (bälacikitsä), Lepra,
Diabetes, Augenleiden, Gynäkologie, Pastoralmedizin, über den Ge-
brauch metallischer Präparate oder ge\\isser anderer Heilmittel.
Medizin der Vedas.
Die indische Medizin der vedischen Periode ist eine rein theur-
gische. Zauber, Dämonen und Beschwörungen spielen die Hauptrolle.
Daremberg unterscheidet eine ältere Periode der vedischen Medizin,
in welcher (besonders in den älteren Teilen des R-Yeda) die Krank-
heiten durch Gebete und Anrufungen der Götter beseitigt werden
und eine jüngere, in der Magie und Zauberformeln am meisten
zur Anwendung kommen. Hierauf beziehen sich vor allem die Sprüche
und Lieder des vierten, des Atharva-Veda, der überhaupt für die
Kenntnis der vedischen Medizin die grösste Bedeutung besitzt.
Unter den Heilgöttern der Yedas treten uns besonders die
Asvins ^) entgegen, die „rossgestaltigen Himmelsärzte", die Yerkünder
der Morgenröte, welche auch von ihrem dreirädrigen goldenen Wagen
auf die Erde herabsteigen, um die kranken Menschen zu heilen, die
Fruchtbarkeit der Frauen zu befördern und das Leben durch Arzneien
zu verlängern. Auch als Chirurgen geniessen die Asvins grossen Ruf
Sie verstehen abgeschlagene Köpfe so wieder anzusetzen, dass die be-
treffende Person wieder lebendig wird, heilen die Armlähraung des
I n d r a und sind auch die Aerzte der übrigen Götter, Yon ihnen ging
die Kenntnis des heiligen Opfertrankes, des Soma (Saft von Sarco-
stemma viminalis und Asclepias acida) aus, der den Geniesser unsterb-
lich macht und daher den Göttern die am meisten willkommene
Gabe ist.
Neben den Asvins gilt R u d r a , der Yater der Maruts, der schnellen
Winde, als bester der Aerzte, den man um Heilmittel anflehte, die er
in seiner Hand trägt. Sein Hauptmittel ist „jäläsa", d. h. Urin (der
Kuh), mit dem die kranken Stellen eingerieben werden. Dies geschieht
^) My r i an t Ileus, „Die Asvins oder arisclieu Dioskuren", München 1876; W.
Schwartz, ,,Die rossgestaltigen Himmelsärzte bei Indern und Griechen", Zeitschr.
f. Ethnologie Bd. XX, 1888.
136 Iwan Bloch.
z. B. im Atharvaveda bei Skrophulose. — Agni, der Gott des Feuers,
der „nächste Freund", den die alten Inder im Herdfeuer beständig bei
sich hatten, Sarasvati, Savitar sind ebenfalls Götterärzte. Der
letztere ist der Erregergott, der aller Bewegung und Thätigkeit vor-
steht. Es heisst von ihm:
„Der goldenhändige Savitar, der rege, bewegt sich zwischen Erd und Himmel,
vertreibt die Krankheit, setzt die Sonne in Bewegung, eilt
durch die dunklen Räume hin zum Himmel."
(Rigveda 1, 35, 9. — Uebersetzung von E. Hardy.)
Dhätar, der Gott „Setzer", „Bildner", „Ordner" wird besonders
bei Kontinuitätstrennungen (Frakturen u. dgl.) angerufen. Endlich
werden noch die „Wässer" als göttliche Personifikationen der Heil-
kraft des Wassers angerufen.
„Die Wässer heilen wirklich, die Wässer verjagen jede Krankheit, heilen
jedes Leiden. Mögen sie ein Heilmittel für Dich bereiten ! "
(Atharvaveda VI p. 91.)
Die Krankheiten sind das Werk böser Dämonen, der Räk-
sasas oder auch der Götter, wie denn Rudra nicht bloss als Krank-
heitsheiler, sondern auch als Krankheitsbringer auftritt. Aber auch
Menschen ist die Kunst gegeben, durch Zauber ihre Mitmenschen
krank zu machen und aus ihnen rekrutiert sich nach dem Tode die
Klasse Räksasas. Opfer, Gebete und Zauberhandlungen, magische
Sprüche, Amulette u. s. w. sind die Hauptabwehrmittel aller dieser
schädlichen und krankmachenden Einflüsse. Man sucht z. B. den
Krankheitsgeist dadurch von sich abzuwehren, dass man das Haus, in
dem ein Kranker sich befindet, durch eine ungewöhnliche Oeffnung
verlässt! Oder man bannt die Krankheit in andere Menschen oder
auch in Tiere. Das kalte Fieber wird dem Frosche, die Gelbsucht
dem Papageien zugeschoben. Auch Lärmmachen vertreibt die Krank-
heitsdämonen. Die verschiedenen Heilkräuter, entstammend dem
göttlichen Amrta (Ambrosia), an ihrer Spitze der Soma, w^erden
gegen die Krankheiten angerufen (z. B. Atharvaveda VI, 96 ; VIII, 7).
Es scheint schon in der vedischen Periode einen eigenen Stand
der Aerzte gegeben zu haben. An einer Stelle des Rigveda heisst
es: „Die Wünsche der Menschen sind verschieden, der Fuhrmann ver-
langt nach Holz, der Arzt nach Krankheiten, der Priester nach Liba-
tionen." Der vedische Arzt macht nach R. Roth „kein Hehl daraus,
dass nicht Menschenfreundlichkeit vorzugsweise ihn zur Praxis treibe,
sondern dass der Gewinn der wesentliche Gesichtspunkt sei". Er ist
ein „Kräutermann, welcher in dem Holzkästchen, das er mit sich führt,
eine Anzahl der duftenden Kräuter bereit hat, die er als seine Bundes-
genossen im Kampfe mit der Krankheit betrachtet und zur Besiegung
des Feindes anfeuert". ^)
Die Zahl der im Atharvaveda erwähnten Krankheiten ist durch-
aus keine geringe. -) Es ist da die Rede von Abscessen, Tumoren,
Skropheln, Blutungen und Blutflüssen, Kolik, Obstipation, Schwindsucht,
Konvulsionen, Husten, Deformitäten, Diarrhoe, Samenfluss, Hydrops,
^) Vgl. das „Lied des Arztes" (Rigveda X, 97) übersetzt von R. Roth in:
Zeitschr. d. deutschen morgenländ. Gesellschaft 1871 Bd. XXV S. 645 ff.
^) Vgl. den Index zuBloomfields Ausgabe des Atharvaveda, unter „Diseases".
Indische Medizin. 137
Epilepsie, Ohrenschmerzen, Augenkrankheiten. Fieber. Schwellungen,
Frakturen, Gicht, Kopfschmerz, Herzkrankheit, Hemiplegie, hereditäre
Krankheit, Entzündung, Gelbsucht. Lepra (kiläsa). Manie. Krankheiten
der Nägel, Neuralgie. Hautexanthem, Lähmung, „Königskrankheit"
(Epilepsie?). Rheumatismus, Krämpfe, Veitstanz, Zahnleiden, Blähungen,
Geschlechtskrankheiten (grämya sc. vyädhi), Wurmleiden, Wunden,
Kinderkrankheiten, Schlangenbiss u. s. w.
Besonders häufig wird im Atharvaveda des Takman gedacht,
dessen Heilung allein vier Hymnen (I, 25; V, 22, VI, 20, VII, 116)
gewidmet sind. Im Hymnus V, 22 lautet z. B. eine Stelle:
„0 Takman, zu. den Müjavant gehe und weiter weg zu den Balhika
(fernewohnenden Völkerschaften) ! Das S ü d r a - "Weib (aus der S ü d r a - , der
niedrigsten Kaste) falle an, das strotzende, das schüttele etwas, o Takman."
Nach den Untersuchungen von VirgilGrohmann^) und Bloom-
field^') ist der Takman ein bösartiges Fieber und zwar haupt-
sächlich Malariafieber, das intermittierenden Typus zeigt.
Ferner sind der vedischen Medizin schon einige Thatsachen des
menschlichen Geschlechtslebens bekannt, so die Vermischung des männ-
lichen und weiblichen „Samens" bei der Befruchtung, die Dauer der
Schwangerschaft, die auf 10 Mondmonate bemessen wird, konzeptions-
befördernde Mittel, Abortiva und vor allem Aphrodisiaka, die ja
auch in der späteren indischen Medizin eine so grosse Rolle spielen.
Die Gandharven, die „göttlichen Lebemänner", die sich mit den
himmlischen Nymphen, den Apsaras vergnügen, sind besonders auf
diesem Gebiete wohl bewandert und kennen viele aphrodisisch wirkende
Pflanzen.
Als Heilpflanze wird besonders die K u s t h a - Pflanze (Costus
speciosus) verwendet, nach der später der Aussatz benannt sein soll.
Auch homöopathische Mittel finden sich im Atharvaveda. Man
braucht vergiftete Pfeile gegen Gift, gelbe Pflanzen gegen Gelb-
sucht u. a. m.
Heilsprüche des Rigveda preisen die heilsame Wirkung der See-
winde:
„Zwei Winde wehen eilend her, vom Ocean, vom fernen Ort,
Kraft wehe Dir der eine zu, der andere Dein Leiden fort,
Wind, wehe Heilung diesem zu, und wehe, Wind, sein Leiden fort,
Die Götter haben Dich gesandt mit aller Heilungsmittel Hort,"
und diejenige der kalten Bäder:
„Heilkräftig ist des Wassers Schwall, das Wasser kühlet Fiebers-Gluth,
Heilkräftig gegen alle Sucht, Heil bringe Dir des Wassers Fluth!'*^)
Auf einer verhältnismässig hohen Stufe der Entwicklung scheint
die vedische Chirurgie gestanden zu haben. Man wandte auch bei
chirurgischen Krankheiten zunächst Zaubersprüche an und vollzog
symbolische Handlungen. Einer dieser Zaubersprüche ist sehr merk-
würdig, weil er in einer auffallenden Uebereinstimmung mit dem alt-
^) Virgil Grohraann, „Medizinisches aus dem Atharvaveda mit besonderem
Bezug auf den Takman" in A. Weber's „Indische Studien" Bd. IX (1865) S. 381 ff.
') M. Bloorafield a. a. 0. S. 441—444.
*) Rigveda X, 137. Vgl. Aufrecht, „Zeitschr. der deutsch, morgenländ. Ge-
sellschaft" Bd. XXIV S. 203.
138 Iwan Bloch.
germanisclien, sogen. „Merseburger Segen", sich deutlicli als ein Ueber-
rest urar isolier Medizin bekundet. Dieser eine Fraktur be-
treifende Spruch findet sich im Atharvaveda IV, 12, 2—5 und lautet:
2. "Wenn dir zerrissen, dir zerbrochen
ein Knochen in dem Leibe ist,
das leg' zum Heile wieder,
Dhätar, zusammen Glied zum Glied!
3. Zusammen sei mit Mark dein Mark,
zusammen sei mit Glied dein Glied !
Zusammen wachs' dein altes Fleisch
und auch der Knochen wachs' dazu!
4. Zusammen füg' sich Mark mit Mark,
und mit der Haut verwachs' die Haut !
So wachs' dein Blut und auch das Bein [Knochen],
das Fleisch verwachse mit dem Fleisch !
5. Das Haar verein' sich mit dem Haar,
die Haut verein' sich mit der Haut !
So wachs' dein Blut und auch das Bein
zusammenleg' Zerbrochnes, Kraut ! ^)
Doch in chirurgischen Fällen konnte man am allerwenigsten auf
Zaubersprüche bauen. So finden wir schon im Rigveda sehr bedeutende
Leistungen der urindischen Chirurgie aufgeführt. Es ist dort sogar
von künstlichen Beinen (Rigveda I, 116, 15) und Augen (I, 116, 16) die
Rede. Sehr geschickte Chirurgen extrahierten die Pfeile aus den
Wunden der Krieger, die dann regelrecht verbunden wurden. Die
A^vins sollen dem Püsan neue Zähne eingesetzt haben. Im Atharva-
veda (IV, 22) wird die Kastration erwähnt. Bei Diarrhoe versetzte
man dem Patienten Schläge auf die Analgegend!
Medizin der brahmanisclien Periode: Anatomie und Physiologie.
Die Inferiorität der indischen Heilkunde in Vergleichung mit der
griechischen Medizin beruht vorzüglich auf dem gänzlichen Mangel
einer anatomischen und physiologischen Wissenschaft. Da diese beiden
Disziplinen die Fundamente der wissenschaftlichen Heilkunde bilden,
so trägt trotz einiger glanzvoller Einzelerrungenschaften die indische
Medizin im ganzen den Charakter der Unwissenschaftlichkeit, des rein
Empirischen.
Die Pflege der Anatomie war deswegen vollkommen unmöglich,
weil die Beschäftigung mit Leichen aufs strengste durch das religiöse
Gesetz verboten war (Manu IV, 132; V, 87, 135) und jede Berührung
eines toten Körpers durch ein Bad und andere Ceremonien gesühnt
werden musste (Manu V, 59; 62; 64; 85; IV, 108; 110; 111; 116).
^) Vgl. E. Harcly, „Indische ReligionsgescMclite", Leipz. 1898, S. 44. lu dem
„Merseburger Segen" heisst es: „Beiu zu Beine, Bhit zu Blute, Glied zu Gliedern,
als wenn sie geleimt wären." Hier bespricht Wodan, der Götterarzt, die Bein-
verletzung. Vgl. W. Scherer, „Geschichte der deutschen Litteratur", 7. Aufl., Berlin
1894, S. 15.
Indische Medizin. 139
Trotzdem sind, wie aus Särlrasthäna Kap. 5 des Susruta hervor-
geht, ohne Zweifel Untersuchungen von Leichen vorgenommen worden.
Wie später die mittelalterlichen Aerzte es thaten, liess man die Leiche
sieben Tage in Wasser liegen, bis sie maceriert war und die äusseren
Teile abgeschabt werden konnten. Hierzu benutzte man Pflanzenrinden.
Hatte man so die inneren Teile freigelegt, so beschränkte man sich
auf eine blosse Okularinspektion. So erklärt sich die mangelhafte
Ausbildung der Anatomie, die im wesentlichen nur eine Aufzählung
der einzelnen Körperbestandteile ist. Der menschliche Körper besteht
aus 6 G 1 i e d e r n (4 Extremitäten, Rumpf und Kopf) ; aus einzelnen
(Kopf, Bauch, ßücken. Nabel, Stirn, Kinn, Hals und Brust) und dop-
pelten (Ohren, Augen, Nase, Augenbrauen, Schläfen, Oberarme. Brüche,
Hoden, Seitenteile, Nates, Kniee, Unterarme. Oberschenkel u. s. w.)
Organen. Dazu kommen noch 20 Finger und die Organe der Sinne.
Das ist die allgemeine Körpereinteilung. Im besonderen werden nach
Susruta 7 Häute. 7 Segmente. 7 Elemente, 7 Sitze der einzelnen
Organe, 70 Gefässe, 500 Muskeln (bei Frauen 490), 90 Sehnen, 300
Knochen (nach Caraka 306, nach anderen 340—360). 210 Gelenke
(68 bewegliche), 107 Punkte, deren Verletzungen lebensgefährlich oder
gefährlich sind (,.Marman'-) ^), 24 Nerven, 3 Körperflüssigkeiten. 3 Ex-
cretionsflüssigkeiten, 9 Sinnesorgane. Die Gefässe laufen alle im
Nabel zusammen, sie führen nicht nur Blut, sondern auch Luft,
Schleim und Galle. Auch die 24 Nerven entspringen aus dem Nabel,
10 ziehen nach oben, 10 nach unten und 4 nach den Seiten. Der
Mensch hört, sieht, schmeckt und riecht mit 8 Nerven, spricht mit 2,
schläft mit 2 u. s. w.
Ebenso phantastisch wie die Anatomie ist die Physiologie. Ihre
Grundlage bildet die Lehre von den drei Humores: Luft, Galle und
Schleim. Diese durchfliessen den ganzen Menschen. Ihre Alterationen
sind die Ursachen aller Krankheiten. Die Luft befindet sich haupt-
sächlich zwischen Fuss und Nabel, die Galle zwischen Nabel und Herz
und der Schleim zwischen Herz und Scheitel.-) Luft herrscht im
Greisen-, Galle im Mannesalter. Schleim in der Kindheit vor. Ebenso
prävaliert Schleim am Morgen, Galle am Mittag, Luft am Abend.
Luft ist alleiniger Träger und Vermittler der Bewegung, die Galle
ist Ursache der tierischen Wärme, der Schleim ermöglicht die
Thätigkeit der einzelnen Organe. — Diese drei Elementarstoife des
Körpers erzeugen sieben andere Stoffe (dhätus): Chylus, Blut. Fleisch,
Fett, Knochen, Mark und Samen. Chylus entsteht durch Attraktion
aus der Nahrung, ist weiss und süss und erhält den Menschen in
guter Stimmung. In der Milz und Leber wird der Chylus zu
Blut. Das Blut verwandelt sich in Fleisch, Fleisch in Fett, Fett
in Knochen. Knochen in Mark und Mark in Samen. Diese ganze
Metamorphose nimmt einen Monat in Anspruch. Der krankhaft
veränderte Chylus wird sauer oder salzig und erzeugt dann kon-
stitutionelle Krankheiten. Blut ist schwerer als Chylus, es bewegt
*) Und zwar 19, deren Verletzung sofortigen Tod herbeiführt, 33, deren Ver-
letzung nur langsamen Tod, 44, Lähmung der Glieder, 8, heftigste Schmerzen herbei-
führt, 3, die kein Herausziehen von Fremdkörpern vertragen. Zu diesen „marman"
gehören Hohlkand. Fusssohle, Testes, Regio inguinalis u. s. w.
^) Bekanntlich lassen auch die Hippokratiker den Schleim hauptsächlich aus
dem Gehirn herabfliessen („Katarrh") und so in die verschiedenen Organe eindringen
und krankhafte Veränderungen erzengen.
140 Iwan Bloch.
sich durch die verschiedenen Gefässe des Körpers. Härlta und
Bhävamisra sollen sogar die Cirkulation des Blutes vom Herzen
aus durch Arterien und Venen erwähnen, und so Vorläufer Harveys
sein (B h a g V a t S i n h J e e). Bei den Frauen entsteht das Menstrual-
blut ebenfalls aus dem Chylus. Findet Konzeption statt, so fliesst es
zu den Brüsten und verwandelt sich in Milch, Urin, Fäces, Schweiss,
Cerumen, die freien Eänder der Nägel, Haar, Sputum, Thränen, Nasen-
schleim gelten für Unreinheiten des Körpers. — Sechs hohle Einge-
weide dienen dem Zwecke, den Schleim, unverdaute Nahrung, Galle,
Luft, Fäces und Urin in sich aufzunehmen. Das AVeib hat drei
weitere für die Aufnahme des Fötus und der Milch bestimmte.
Allgemeine Aetlologie und Pathologie.
Härita führt die Krankheiten auf drei Hauptursachen
zurück, auf ,,K a r m a", Alteration derHumores oder beide zu-
gleich. „Karma" ist die unvermeidliche Folge guter und böser, in
dieser oder jener Welt verrichteter Handlungen. Gewisse Krankheiten
(„Karmajah") sind Folgen von Sünden in einem früheren Leben. Der
Mörder eines Brahmanen leidet an Anämie, der Töter einer Kuh an
Lepra, ein Königsmörder an Schwindsucht, ein Mörder im allgemeinen
an — Diarrhoe ! Der Ehebrecher mit seines Herrn Frau wird Gonorrhoe
erdulden, der Schänder des Ehebettes seines Lehrers Urinverhaltung.
Ein Trunkenbold bekommt Hautkrankheiten, ein Brandstifter Erysipel,
ein Spion verliert ein Auge. Die durch Karma verursachten Krank-
heiten müssen durch Gebete, Sühneceremonien und beruhigende Zauber-
sprüche geheilt werden. So soll z. B. der Karma-Kranke auf einem
schmalen Fusspfade fortgehen bis zur unsichtbaren nordöstlichen Land-
zunge; er soll von Wasser und Luft leben, bis „seine irdische Hülle
dahinsinkt und seine Seele sich mit Gott verbindet" (Manu). — Es
giebt 80 Krankheiten, die durch krankhafte Veränderung der Luft er-
zeugt sind, 40 durch Alterationen der Galle, 20 durch Abnormitäten
des Schleimes und 10 durch Erkrankungen des Blutes. Je nach der
Prävalenz des einen oder anderen Elementarteiles werden Greise,
Männer oder Kinder ergriffen. Auch die übrigen Grundstoffe spielen
bei der Pathogenese der einzelnen Krankheiten eine Eolle, so dass die
mannigfachsten Kombinationen möglich sind und in der theoretischen
Medizin verwertet werden.
Allgemeine Diagnostik und Prognostik.
Die allgemeine Diagnostik der Krankheiten erfuhr bei den alten
Indern eine ziemlich subtile Ausbildung, besonders in ihrem physi-
kalischen Teile. Inspektion, Palpation, Perkussion, Auskultation, Ge-
ruch und Geschmack wurden als Hilfsmittel derselben verwendet. Der
Arzt soll alle fünf Sinne bei der Diagnose einer Krankheit in Ge-
brauch ziehen, ferner das Aussehen, den Blick, Zunge, Haut, Stimme,
Urin und Fäces des Kranken beachten. Der Puls (Radialis) muss
sorgfältig geprüft werden, beim Manne der rechtsseitige, bei der Frau
der linksseitige. Kompressibilität, Frequenz, Eegelmässigkeit, Grösse
desselben sind zu erforschen. Der leise dahinschleichende kündigt
Vorherrschen der Luft, der wie ein Frosch hüpfende Prävalenz der
Galle, der laugsam gegen den Finger schlagende, des Schleimes an.
Indische Medizin. 141
Nacli Bhagvat Sinh Jee zeigen die weiteren subtilen Einteilungen
des Pulses bei den altindisclien Aerzten eine auffällige Ueberein-
stiramung mit denjenigen des Galen.
Die Prognostik der Inder ist eine eigene Kunst, die ausserordent-
lich zahlreiche Dinge zu berücksichtigen hat. Es giebt günstige und
ungünstige Vorzeichen vor dem Besuche des Arztes. Günstige sind
eine Jungfrau, eine Frau mit Säugling, zwei Brahmanen. Fisch, Pferd,
Wild. Elephant. Milch, Blumen. Tänzerin, spirituöse Flüssigkeit,
Wäscher mit trockenen Kleidern, voller Wassertopf u. s. w.; un-
günstige : Gras, Schlange, Oel, Feind, streitendes Volk, Eunuch, Butter-
milch, Bettler, Asket, Einäugiger, leerer Wassertopf u. s. w. Alle
diese Dinge muss aber der Arzt zufällig auf seinem Wege zum
Patienten treifen, um daraus eine Prognose stellen zu können. Sieht
aber der zum Arzt geschickte Patient die oben erwähnten guten Vor-
zeichen auf seinem Wege, so ist das schlecht für den Kranken, sieht
er die schlimmen, so ist es gut! Auch sollte der Bote von demselben
Geschlechte und Stande wie der Patient und darf keine Witwe oder
Bettler sein. Die Herkunft und Heimat des Kranken sind von Be-
deutung. Verbrecher, Mörder und Schlächter, Unheilbare sollen nicht
behandelt werden. Die Prognose ist bei Brahmanen, Königen, Greisen,
Frauen, Kindern ungünstiger, da sie keine starken Arzneien nehmen
dürfen und unfolgsamer sind. Die Körperbeschaffenheit des Kranken
ist für die Dauer des Lebens bezw. der Krankheit massgebend (kurzes
Leben, langes Leben und Leben von mittlerer Dauer). Kurze Finger
und langes Sexualorgan sind ein Zeichen von Kurzlebigkeit I Feindschaft
Gottes, der Brahmanen und der Aerzte verkürzt das Leben und be-
schleunigt bei Krankheit den Tod. Als die acht „schweren Krank-
heiten" mit besonders ungünstiger Prognose gelten Ascites, Aussatz,
Nervenleiden. Gonorrhoe. Hämorrhoiden, Mastdarmfisteln, widernatür-
liche Kindeslage und Lithiasis.
Diätetik und Hygiene.
Diätetik und Hj-giene waren bei den alten Indern aufs pein-
lichste geregelt, ihre zum Teil lächerlich pedantischen Vorschriften
wurden strenge befolgt. Anerkannt muss werden, dass bei keinem
anderen Volke der Grundsatz der körperlichen Reinheit in solch
rigoroser Weise durchgeführt wurde wie bei den alten Indern.
Zweimal täglich zwischen 9 und 12 Uhr vormittags und 7 und
10 Uhr abends soll man speisen, und zwar nicht an einem öffentlichen
Platze, da Essen, Coitus und die Befriedigung der natürlichen Bedürf-
nisse dem Blicke anderer Menschen entzogen werden müssen. Als
Speisegeräte sind vorzüglich goldene zu benutzen, da Gold das „beste
Tonicum" für das Auge ist. Aus silbernen Schüsseln zu speisen, ist
für die Beförderung der Leberfunktionen sehr zuträglich. Zink ver-
bessert Intelligenz und Appetit. Messing vermehrt Luft und Hitze,
heilt aber Störungen des Schleimes und vertreibt Würmer. Der Ge-
brauch von Stahl- oder Glasgefässen ist wirksam gegen Chlorose, Gelb-
sucht und Schwellungen. Ein Stein- oder irdenes Service bringt
Armut. Holzschüsseln regen zwar den Appetit an, aber vermehren
die Sekretion des Schleimes. Die Benutzung von Blättern als Schüsseln
schützt gegen Gifte. Bevor man das Speisezimmer betritt, soll man
etwas Salz und frischen Ingwer nehmen, zur Anregung des Appetits
142 Iwau Bloch.
und Reinigung' des Halses. Caraka schreibt vor, dass man beim
Essen das Antlitz nicht gegen Norden wende. Manu sagt, dass, um
lange zu leben, man gegen Osten gerichtet speisen müsse, um berühmt
zu werden, gegen Süden, um reich, gegen Westen, und um die rechte
Erkenntnis zu erlangen, gegen Norden (Manu 11, 52). Wem bei der
Mahlzeit ein Flatus entfährt, der muss sofort das Mahl verlassen und
darf während des ganzen Tages keine Nahrung mehr zu sich nehmen.
Es giebt 4 Arten der Nahrung : die mit den Zähnen zerkaute wie Brot,
die mit der Zunge geschlürfte wie Gewürz, die mit den Lippen ein-
gesaugte wie Mango und die einfach getrunkene (Flüssigkeiten). Die
verschiedenen Gerichte werden nacheinander in einer vorgeschriebenen
Ordnung aufgetragen und auf bestimmte Plätze gestellt. Die Speise
soll vom Menschen mit göttlicher Verehrung betrachtet werden, was
der Gesundheit zuträglich ist (Manu II, 55). Granatäpfel, Zucker
und ähnliche Dinge sollen stets zuerst und nie am Ende der Mahlzeit
gegessen werden. Es ist zweckmässig, harte und butterähnliche Sub-
stanzen am Anfang, weiches Fleisch in der Mitte und Flüssigkeiten
am Ende der Mahlzeit zu geniessen. Süssigkeiten sollen zuerst, darauf
salzige und saure Dinge, dann scharfe und bittere, und zuletzt ad-
stringierende genommen werden. Die ganze Mahlzeit beendige man
mit einem Trunk Milch oder Molken gemischt mit Wasser. Nie über-
stürze man das Mahl. Man vermeide Gourmandise, fülle die Hälfte
des Magens mit fester, ein Viertel mit flüssiger Nahrung, der übrige
Teil bleibe leer. Ab und zu darf man während der Mahlzeit
AVasser trinken, am Anfang genommen verzögert es aber die Ver-
dauung und macht mager, am Ende genommen ruft es Fettleibigkeit
hervor (Vägbhata). Ein Durstiger sollte vor dem Essen seinen
Durst löschen und ein Hungriger sollte vor dem Trinken etwas feste
Nahrung zu sich nehmen. Wer das Erste nicht befolgt, bekommt
Tumoren, im zweiten Falle Hydrops. Was der Mensch isst, ist er
d. h. Intelligenz und Charakter hängen von der Nahrung ab. Nach
beendigter Mahlzeit muss der Mund sorgfältig gereinigt werden, innen
und aussen, und zwar mit Wasser, ebenso die Hände. Schmierige
Stellen werden mit Salz abgerieben, der Zahnstocher wird ausgiebig
zur Anwendung gebracht. Auch die Augen werden mit nassen Fingern
bestrichen. Dann folgt ein Dankgebet. Betelkauen vertreibt den
nach dem Essen sich ansammelnden Schleim, beseitigt den Foetor ex
ore und verbessert die Stimme. Auch ein Spaziergang (100 Schritte)
ist lebens verlängernd. Sitzenbleiben unzuträglich. Lauf eh nach dem
Essen ist so viel als ob man den Tod selbst herbeiriefe. Nach dem
Spaziergange lege man sich eine kurze Zeit auf die linke Seite, was
die Verdauung befördert. Hiernach pflegte der alte Inder sich ge-
wöhnlich der Massage zu unterwerfen, sowie Leibesübungen
(Gymnastik, Friktion u. s. w.) vorzunehmen, da dies „Fleisch, Blut
und Haut" reinigt, das Gemüt erheitert. Schlaf herbeiführt und doch
zunächst die Ermüdung vermindert. Die Massage wird besonders von
Barbieren ausgeführt. Frauen werden nur von Frauen massiert. Der
Schlaf ist am Tage nur nach grossen Anstrengungen gestattet. Man
soll ihn auch in der Nacht nicht zu lange ausdehnen und eine Stunde
vor Sonnenaufgang aufstehen, und (nach allerlei Ceremonien) zunächst
seine natürlichen Bedürfnisse befriedigen (mit bedecktem Kopfe), dann
die Zähne mit Zahnpasta oder Pulver reinigen (gepulverter Tabak,
Salz, Betelnuss, Pfeifer, Ingwer), und mit einer der verschiedenen Zahn-
Indische Medizin. 143
bürsten (Zweige von „Acacia arabica'% Ficus indica ii. s. w.). Danach
wird die Zunge mit einem goldenen, silbernen oder kupfernen In-
strument abgekratzt, der Mund mit kaltem Wasser mehrere Male aus-
gespült und das Gesicht gewaschen. In die Nase wird täglich ein
wenig Rüböl eingetropft. Nägel, Bart und Haar sind rein zu halten,
und müssen jeden fünften Tag geschnitten werden. Der Körper wird
mit parfümiertem Oel eingerieben, besonders Kopf, Ohren und Fuss-
sohlen. Dies geschieht besonders vor dem täglichen Bade, welches
streng vorgeschrieben ist (Manu IV, 203; Yäjnavalkya's Gesetz-
buch III. 314). Nach dem Essen ist das Bad schädlich, kalte Bäder
verhindern Blutkrankheiten, heisse haben eine alterierende Wirkung.
Ein alter Arzt, Hariscandra sagt: „0 Menschen, ein warmes Bad,
frische Milch, ein junges Mädchen und massiger Gebrauch von fett-
reicher Nahrung sind Eurer Gesundheit zuträglich." An Erkältung,
kaltem Fieber, Diarrhoe, Dyspepsie, Ohrkrankheiten, Augen affektionen
leidende Personen dürfen nicht baden. Nach dem Bade muss der
Körper sorgfältig abgetrocknet werden. Bei jedem Tempel sind heilige
Badestellen („tirthäni"), die heiligsten Bäder sind diejenigen im Ganges-
flusse. Ausserdem wurden Seebäder und Heilquellen (im Hima-
laya, Hindostan, Dekhan) benutzt. M Die Kleidung muss vollkommen
sauber sein. Schmutzige Kleider rufen Hautkrankheiten hervor.
Blumen, Gold, Edelsteine dienen als Schmuck und wenden böse Geister
ab. — ]\Iilch, Butter (gegen Phthisis), Honig, Eeis, W^asser verlängern
das Leben. Nach dem Coitus soll man Milch trinken. Einmal in der
AVoche ein Vomitiv, monatlich ein Laxans, zweimal im Jahi-e ein
Aderlass erhalten die Gesundheit. — Der Beschaffenheit des Klimas
wendeten bereits die alten Inder volle Aufmerksamkeit zu. Sie unter-
scheiden drei Klimate. ,,Annpa*' ist eine feuchte Marschengegend mit
zahlreichen Flüssen, Seen und Hügeln, enthält viel AVild, Früchte
und Vegetation (Zuckerrohr). Die ,.Schleim"- und ,,Liift"krankbeiten
sind in diesem Gebiete besonders häufig. „Jangala" ist ein trockener,
wasserarmer Landstrich, wo Akazien, Calatropis gigantea, Salvadora
indica und ähnliche Bäume in überreichlichem Masse gedeihen. Die
Früchte dieser Gegend sind süss, die Fauna besteht besonders aus
Aifen und Bären. Hier herrschen Gallen- und Blutkrankheiten vor.
„Misra" vereinigt die Vorteile von „Anüpa" und „Jaiigala" ohne ihre
Nachteile zu haben. Diese Gegend ist weder zu heiss noch zu feucht
und daher am meisten der Gesundheit zuträglich. Der an einer Schleim-
krankheit Leidende gehe in die Jangala-Gegend, der Biliöse ins
Anüpa-Gebiet. Der Arzt muss genau die klimatischen Verhältnisse
der einzelnen Landesteile kennen, damit er seine Patienten in dieser
Beziehung gut beraten kann.
Materia medica und Toxikologie.
Die Materia medica der Inder musste in dem äusserst fruchtbaren
Lande sich im Laufe der Zeit zu einem grossen Eeichtum entwickeln.
Sie bildet denn auch einen durchaus eigenartigen Bestandteil der alt-
indischen Medizin. Caraka teilt die Arzneien in drei Klassen:
mineralische, animalische und vegetabilische. Susruta hebt die Not-
^) Vgl. „Ein Seebad im alten Indien" im „Journal of the Asiatic society of
Bengal" vol. 41 n. „Globns" Bd. 24 S. 248; Haeser a. a. 0. I, 491.
144 Iwau Bloch.
wendigkeit pharmakologischer Kenntnisse für den Arzt hervor. Der
Arzt solle selbst auf die Suche nach Arzneien gehen und sich von
Hirten, Büssern, Reisenden und anderen Kennern des Waldes über diie
Standorte und Eigenschaften der Heilkräuter belehren lassen. Nara-
käri beschreibt ausführlich die Natur des Bodens, auf dem die ver-
schiedenen Medizinalpflanzen kultiviert werden können. — Man schreibt
allen Medikamenten (pflanzlichen, tierischen und mineralischen) fünf
Eigenschaften zu (Geschmack, spezifische Wirkung, ausserdem er-
hitzende oder erkältende Eigenschaft, Umwandlungsfähigkeit der
Körper, verschiedene Wirkung derselben Substanz bei innerlichem oder
äusserlichem Gebrauche). Caraka kennt 500 Heilpflanzen,
Susruta 760. Unter diesen sind besonders viel gebraucht: Costus
speciosus (Antispasmodicum), Wrightia antidysenterica (Haemostaticum),
Tribulus terrestris (gegen Lithiasis), Cardiospermum Helicacabum
(Emmenagogum), Piper uigrum (Laxativum), Piper longura (Stomachi-
cum), Salvadora indica (Antipyreticum), Terminalia bellerica (gegen
Yerschleimung und Lungenkatarrh), Saccharum officinarum (Beförde-
rung der Schleimbildung, Befrigerans), Santalum album und Santalum
flavum (Krätze, Gonorrhoe), Poa cynosuroides (Diureticum), Moringa
pterygosperma (Antihj^pnoticum), Capparis sepiaria (Hypnoticum), Shorea
robusta (Enthaarungsmittel), Cinnamomum Cassia (Cholagogum), Vina
medicata (Anaestheticum), Luffa echinata (Emeticum und Purgativum),
Ptychotis ojowan (gegen Kolik), Amomum elettarum (Antasthmaticum),
Pimpinella Anisum (Galactagogum), Dolichos sinensis (führt Flatus
herbei), Minosa Serissa (Anodynum), Aconitum Napellus (Toxicum),
Cannabis sativa (Sedativum), Ricinus communis (Laxans), Spermacoce
hispida (Emeticum), Convolvulus Turpethum (Laxans), Symplocos race-
mosa (Laxans), Embelia ribes (Anthelminticum), Pentaptera Arjuna
und Plectanthrus sentellaroides (gegen Lithiasis); Datura alba, nigra,
Opium, Nerium odorum, Calotropis gigantea, Gloriosa superba, Cocculus
Indiens und Strychnos nux vomica dienen als Narcotica. Als Anti-
dote („Agada") bei Vergiftungen werden hauptsächlich genannt:
Vangueria spinosa, Asclepias germinata, Convolvulus Turpethum, Ter-
minalia, Curcuma longa, C. xanthorrhizon, Nymphaca odorata, Brassica
latifolia, Aconitum ferox. Aphrodisiaca: Piper longum, Aloe per-
foliata, Pimpinella anisium, Aeschynomene grandiflora, Euphorbia
pentagonia, Carthamus tinctorius, Carpopogon pruriens, Flacourtia cata-
plu-acta, . Galedupa arborea, Phyllanthus Emlica u. s. w.
Auch tierische Heilmittel werden ausgiebig verwendet. Ziegen-
knochen werden pulverisiert und mit anderen Ingredienzien zu einer
Salbe gegen Fisteln verarbeitet. Elefantenzähne bei Leukorrhoe.
Milch ist sehr heilkräftig, menschliche und Elefantenmilch vortreff-
lich bei Augenleiden, Kuhmilch befördert die Samenbildung, Büffel-
milch den Schlaf, Ziegenmilch heilt Phthisis und Blutkrankheiten,
Schafsmilch befördert den Haarwuchs, Stutenmilch nützt gegen Rheu-
matismus, Eselsmilch gegen Husten, Kamelsmilch ist Laxans und wirkt
gegen Hydrops, Asthma und Skrophulose. Molken und Butter sind
gleichfalls vortreffliche Heilmittel. — Verbrannte Haare gegen Haut-
wunden. Ferner Fleisch, Fett, Urin (besonders Urin der Kuh), Nägel
(Räucherungen gegen Malaria), Mist (Kuhmist gegen Entzündungen
und Haut Verfärbungen, Elefantenmist gegen Lepra), Blut (als Stärkungs-
mittel).
In hohem Ansehen standen bei den alten Indern die mine-
Indische Medizin. 145
rauschen Arzneimittel, die von ihnen bereits innerlich verwendet
wurden. Die Metalle zerfallen in zwei Klassen: Haupt- und Xeben-
metalle. Die sieben Hauptmetalle sind: Gold, Silber, Kupfer, Zinn,
Blei, Zink, Eisen. Die Nebenmetalle sind Kompositionen der Haupt-
metalle: Messing, Kupfersulfat, Bleioxyd u. s. w. — Zu den „rasa"'
(Freuden d. h. der Aerzte) gehören Quecksilber, Schwefel, Arsenik,
Bleisulfate, Borax, Alaun, Eisensulfat, Zinkcarbonat, Bleiglätte. Auch
Edelsteine kommen zur Verwendung (Diamant, Rubin, Saphir, Topas,
Onyx u. s. w.), ferner Silicate, Salze (Pottasche, Kochsalz, Chloram-
monium.) Vegetabilische Arzneimittel sind nach dem Glauben der
Inder nicht so wirksam \ne metallische. (Pflanzenpulver sind nur
2 Monate, Pillen und Tinkturen 1 Jahr, ölige Präparate 16 Monate
wirksam). So ging das Bemühen der indischen Aerzte dahin, metallische
Mittel mit den Kräften der pflanzlichen Heilmittel zu begaben. Dies
erreicht man durch chemische Prozesse (Reinigung. Oxydation, Subli-
mation u. s. w.) und erhält so Mittel, die Jahre hindurch wirken.
Gold wird gereinigt, indem man es in dünne Blättchen schlägt, diese
werden bis zur Rotglut erhitzt und in süsses Oel getaucht, dann wieder
erhitzt und in Molken gelegt, ein drittes Mal erhitzt und in Kuhurin
abgekühlt. Dieser ganze Prozess wird siebenmal wiederholt. Dann
ist das Gold frei von allen schädlichen Beimischungen. Es wird dann*
oxydiert, und so als Arzneimittel gebraucht, heilt alle Krankheiten,
verlängert das Leben, ist Stimulans und Aphrodisiacum. Aehnlich
verfährt man mit Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Zink und Eisen.
Von allen Metallen wird das Quecksilber (parada) am meisten
geschätzt. Die Inder scheinen die Ersten gewesen zu sein, die den
Merkur als Arzneimittel verwendet haben. Er wird schon bei C a r a k a
und Susruta als solches erwähnt \), und sowohl äusserlich als auch
innerlich verordnet. Es werden dem Quecksilber göttliche Kräfte zu-
geschrieben. Die Arznei, die etwas Merkur enthält, gilt für besonders
heilkräftig. Ein Sprichwort lautet:
,,Der Arzt, welcher die Heilkräfte der Wurzeln und Kräuter kennt,
ist ein Mensch, der, welcher die des Wassers und Feuers kennt, ein Dämon,
wer die Kraft des Gebetes kennt, ein Prophet, des Quecksilbers, ein Gott."
Die zahlreichen Vorrichtungen und Apparate zur Herstellung der
verschiedenen Präparate des Quecksilbers heissen Yantra. -) Queck-
silber fand gegen alle möglichen Krankheiten, vor allem Hautleiden,
auch fieberhafte Krankheiten (Pocken), Nervenleiden. Lungenaifektionen,
später gegen Syphilis Verwendung.
Die Formen der Arzneien waren Tinkturen , Elektuarien,
Tropfen, Pulver, Inhalationen. Räucherungen. Bäder, Infusionen. Gar-
garismen, Salben. Pasten, Pillen, wässrige Extrakte, Suppositorien,
Dekokte, Pflaster. Bolus, Konfektionen, Syrupe. Pimulsionen, Lotionen,
Spray, Dämpfe. Oele. Linimente, Fomentationen, Bougies u. a. m. '^j
Es giebt vier Arten von Niesemitteln: pulverförmige (durch ein Rohr
einzuschnauben), Pasten (in die Nase einzuführen). Rauch von ver-
brannten Harzen, Rauch von Haaren und Federn.
^) Näheres über die Geschichte des Quecksilbers bei den Indern bei J. Bloch,
„Der Ursprung der Sj-philis-', Jena 1901 Bd. I, S. 128—129.
2) Vgl. BhagvatSinhJeea. a. 0. 143-146 und Tafel 1—6.
•■') Gewichte und Masse: bei Bhagvat Siuh Jee a. a. 0. S. 149 — 150; ferner
Tab. 1 u. II als Anhang zu Bd. II der Hesslerschen Susruta-Uebersetzung.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 10
146 Iwan Bloch.
Besondere Erwähnung- verdienen auch die Toxikologie und die
Aphrodisiaca. Indien ist recht eigentlich das Land der Gifte.
Diese spielen in Leben und Sitte des Volkes eine bedeutende Rolle.
Daher muss der Arzt die Zahl und Natur der Gifte genau kennen.
Es giebt zwei Arten von Giften: „Sthävara" (vegetabilische und
mineralische) und „ Jaflgama" (animalische). Datura, Arsenik, Aconitum
Napellus u. a. gehören zur ersten Klasse; Insekten-, Skorpionen, Eid-
echsen-, Schlangen-, Tollwut-, Fuchs-. Schakal-, Wolf-, Bären- und
Tigergift zur zweiten Klasse. Es giebt allein 80 giftige Schlangen,
die in fünf Klassen zerfallen, je nachdem ihr Gift das Fett, die Ein-
geweide, die Knochen, das Mark oder den Samen vergiftet. Letzterer
Fall ist absolut tödlich. Die Hauptantidote wurden oben erwähnt.
Innerlich genommene Gifte werden mit kaltem Wasser und Brech-
mitteln behandelt, mit Aderlass und der Mischung der „fünf Salze"
(Piper longum, nigrum, Ingwer, Honig). Beim Schlangenbiss wird der
Teil oberhalb der Wunde zusammengeschnürt, oder die Bissstelle aus-
geschnitten, ausgebrannt, ausgewaschen, ausgesaugt. Berühmt sind
die indischen „Giftmädchen", die durch ihren Umgang töten. ^)
Bei der äusserst subtilen und merkwürdigen Ausbildung der Ars
amatoria bei den alten Indern waren die Aphrodisiaca von ungewöhn-
lich grosser Bedeutung. Der Inder betrachtet eine gewisse Variation
und ein künstliches Raffinement in den geschlechtlichen Beziehungen ^)
als sehr gesundheitszuträglich und als von den Göttern gern gesehen.
Die verschiedenen „Figurae Veneris" (48) gelten deshalb als durchaus
zulässig. Tag, Stunde, Art des Coitus werden genau vorgeschrieben.
Es giebt gewisse Manipulationen vor, während und nach dem Beischlaf.
Ungues, lingua, dentes werden zu aphrodisischen Zwecken in Bewegung-
gesetzt, künstliche Vergrösserung des Gliedes auf verschiedene
Weise (z. B. durch Biss! und durch Insekten) zu erreichen gesucht.
Lingam (Penis) und Yoni (Vulva) geniessen göttliche Verehrung. Die
zahlreichen aphrodisischen Medikamente sind oben erwähnt worden.
Ausserdem werden Gesang, Mondenschein, Musik, Blumen u. s. w. zur
Steigerung des Geschlechtstriebes herangezogen. Kinderlosigkeit gilt
für das grösste Unglück. Während der IVIenstruation, am 8., 14. und
15. Tage jedes Monats, am Sterbetage der Eltern ist der Coitus ver-
boten. „Faules Fleisch, alte Weiber, Herbstsonne, halbgeronnene
Milch, Morgencoitus und Morgenschlaf sind verderblich." Im Sommer
soll man alle 14 Tage, in den anderen Jahreszeiten alle 3 Tage den
Beischlaf ausüben. „Plenus venter non amat libenter" ist eine indische
Variation des Sprichwortes. Auch auf den Glauben an das Versehen wird
beim Coitus Rücksicht genommen (durch freundliche Umgebung u. s. w.).
Spezielle Pathologie und Therapie.
Schon die Veden weisen eine beträchtliche Zahl von Krankheits-
namen auf. In den systematischen Werken der indischen Medizin ist
die Menge der Krankheiten eine erstaunlich grosse. Auch hier wird
oft jede einzelne Krankheit je nach der Verschiedenheit der Sj'mptome
') Vgl. über diese den Abschnitt ,,Die indischen Giftmädchen" in: „Der Ur-
sprung- der Syphilis" von J. Bloch, Teil II.
^) Vgl. darüber das „Kämasütram des V ä t s y ä y a n a", deutsch von R. Schmidt,
2. Aufl.. Leipzig 1900: „Ananga-Ranga" von Kalyäna Malla, französ. Uebersetzg.
Paris 1886.
Indische Medizin. 147
in eine Anzahl neuer Kategorien aufgelöst. Es giebt z. B. 25 ver-
schiedene Arten von Fieber (nach Caraka 13). unter denen haupt-
sächKch Malaria-Formen zu verstehen sind. 20 Varietäten der Gonorrhoe,
6 Arten der Abscesse, 9 Karbunkel, 8 Typen des Diabetes, 9 Ery-
sipelas, 74 Mundaffektionen, 18 Hautkrankheiten, 21 Wurmleiden u. s. w.
Die Inder haben eine sehr subtil ausgebildete Lokalpathologie und
Lokaltherapie. Unter den Symptomen spielen Anämie (Pänduroga),
Blutungen, Gelbsucht, Fettsucht und Abmagerung eine grosse Rolle.
A\'ie schon erwähnt, kannten die altindischen Aerzte das Hauptsymptom
des Diabetes, den süssen Geschmack des Urins, und vielleicht auch
die Albuminurie (schaumiger Urin). Der als unheilbar angesehene
Diabetes wird voraüglich mit Erdharz behandelt. Die indische
Cholera wird mit Brechmitteln, Erwärmung des Körpers, auch mit
Asa foetida und Adstringentien innerlich (Susruta) oder mit weissem
Pfeffer und Opium (Caraka) kuriert. Zahlreiche Hautkrank-
heiten (Geschwüre, Kerion Celsi. Alopecie, Pityriasis capitis. Favus,
Canities, Acne, Eczem, Naevus, Verruca. Erysipel) werden beschrieben.
Von Interesse ist die Erwähnung von Hautentzündungen infolge von
Berührung mit Blüten. Früchten, Saft von Semecai'pus Aracardium,
stachligen Insekten. Die Hautkrankheiten werden durch Einreibung
von Pasten und Salben, durch Aetzmittel u. s. w. behandelt. Die'
Pocken (mäsurikä) kommen als selbständige Krankheit erst später
vor, fehlen im Bower-Mskr. und bei Caraka, ebenso ist der Cult
einer Pockengöttin späteren Ursprungs (Orth-Jolly). Besonders
reichhaltig ist das Kapitel: Lepra. Die, schwerste Form des Aus-
satzes heisst im Veda „kustha", sogen, „schwarzer Aussatz". Die
ärgsten Sünden werden im Jenseits mit ..kustha" bestraft. Der
..kusthin" ist erbunfähig. Nach Jolly hat die medizinische Litteratur
diesen Begriff etwas weiter gefasst. Schon das Bower-Manuskript
versteht unter ..kustha" verschiedene Hautleiden. Ursachen: schäd-
liche Nahrung, wie z. B. ^lilch mit Fischen, Unterdrückung der
natürlichen Ausscheidungen, körperliche Anstrengung, starke Erhitzung
oder Erkältung, sexueller Verkehr bei Indigestion, Versündigungen
gegen Brahmanen, Lehrer oder in früherem Leben. Vorzeichen:
Die Haut ist glänzend und rauh, starke oder keine Scliweisssekretion,
Verfärbung, Hitze. Jucken, Taubheit einzelner Theile. starke Schmerz-
haftigkeit von Wunden und Geschwüren, leichte Entstehung und lang-
same Heilung dei-selben, dunkle Farbe des Blutes, Exanthem von roter
Farbe. Schmerzen, Mattigkeit. Es giebt 18 Arten von kustha
(7 schwere, 11 leichte). Dutt glaubt, dass unter diesen sich auch
die Ichthyosis und die Elephantiasis befinden, ferner Psoriasis,
Pityriasis. Herpes tonsurans. Impetigo u. s. w. Die Lepra ist nicht
bloss in der Haut, sondern auch in den inneren Organen. Hautlepra
hat bereits Lähmung der Hände und Füsse. Abfall der Glieder zur Folge.
Die innere Lepra (in Mark und Knochen) verursacht Einfall oder Ab-
fall der Nase, Rötung der Augen. Stimmlosigkeit. Der Keim der Krank-
heit geht in Samen und ..Meustrualblut" über und vererbt sich dann.
Hautlepra ist heilbar, innere Lepra nicht. ..Kustha" ist nach Susruta
ebenso wie Schwindsucht. Fieber. Ophthalmie und epidemische Krank-
heiten (Pocken u. a.) durch häufige Berührung. Atem. Zusammenspeisen,
Zusammenliegen und -sitzen. Kleider. Kränze und Salben übertragbar.
Nach Caraka verursachen „Würmer" das Abfallen der Glieder,' Fieber
u. a. bei der Lepra. Behandlung: Verschiedene Abkochungen mit
10*
148 Iwan Bloch.
Butter und Oel alle 14 Tage ein Brechmittel, monatlich ein Abführ-
mittel, alle drei Tage ein Nasenmittel, alle sechs Monate Aderlass, Diät,
fromme Lebensweise, Meidung des Coitus, Fleisches und geistiger Ge-
tränke. — Neben kustha wird oft der „weisse Aussatz'' (svitra) er-
wähnt, eine leichtere Krankheit. Diesem verwandt ist „kiläsa", die
schon im Atharvaveda als eine durch weisse und graue Flecken
charakterisierte Krankheit geschildert wird. Nach D u 1 1 ist „kiläsa" =
Leukoderma, Vitiligo, nach J o 1 1 y aber auch Lepra anaesthetica. Nach
Susruta sitzt kiläsa nur in der Haut und ist ohne Ausfluss, zerstört
aber die Haut, juckt, gleicht bisweilen Brandwunden. Kiläsa der
Genitalien, Handflächen, Lippen ist unheilbar. Ferner giebt es noch
eine Krankheit „vatarakta" (Windblut), die auf Lepra bezogen wird,
wahrscheinlich aber auch gichtische, rheumatische Leiden und Derma-
tosen umfasst (Jolly).
Unter den venerischen Krankheiten giebt es zunächst (nach
Vägbhata) 23 Krankheiten der männlichen Genitalien; von diesen
scheiden aber 18 sogenannte „sükadosa" aus, die durch Stimulantien
hervorgerufen wei'den. Besonders oft kommt „upadamsa" vor, eine
Erkrankung des Penis (durch Verletzungen beim Coitus mit den
Händen, Nägeln oder Zähnen (sie), Unterlassung der Abwaschung
post coitum, Benutzung von verdorbenem Wasser zur Abwaschung.
Verkehr mit einer menstruierenden, unreinlichen oder an einer Frauen-
krankheit leidenden Frau, erzwungenen Coitus, Gebrauch von Stimu-
lantien u. s. w.), die sich durch rauhe, aufgesprungene Haut, Priapis-
mus, Schmerzen, schwarze, schmerzhafte, gelbe oder rote Pusteln,
feigenähnliche, heftig brennende, rasch reifende Geschwulst, Aus-
fluss u. s. w. auszeichnet, mit Hodenanschwellung verbunden ist, oft
zur Zerstörung des Gliedes und zum Tode führt. Wenn das Fleisch
am Penis geschwunden, von Würmern zerfressen ist, so dass nur noch
die Hoden übrig sind, so ist der Fall hoffnungslos. Upadamsa wird
zunächst mit Oelen und Wärme behandelt, dann macht man einen
Aderlass am Penis oder setzt Blutegel an, verordnet Laxantien und
Breclimittel. auch wohl ein Klystier, lässt warme und kalte Ein-
reibungen, Abwaschungen und Umschläge machen. Eiter muss mit
dem Messer beseitigt werden. Upadamsa kommt auch bei Frauen
vor. — „Avapätika" ist Paraphimose, „arsas" sind juckende Fleisch-
auswüchse am Penis (innen und aussen) oder schw^ammartige, schleimige,
Blut entleerende Gebilde in der Vagina, die unbehandelt die männ-
liche Potenz bezw. die Menstruation zerstören. Ferner werden Polypen
der Harnröhre, Phimose, Strikturen erwähnt. Bei letzteren wird in
die Harnröhre eine eingefettete Röhre eingeführt, alle drei Tage von
etwas grösserem Kaliber, oder es wird auch die Verengerung mit dem
Messer behandelt. ..Lingavarti", „Lingärsas" (Penisgeschwür) ist ein
hahnenkammähnlicher Auswuchs an den Genitalien, der chirurgisch
oder durch Einreibung des Saftes von Berberis asiatica. Realgar u. a.
behandelt wird. Jolly hat ganz richtig erkannt, dass „arsas" (sonst
„Hämorrhoiden"), „lingärsas" und „lingavarti" dieselbe Krankheit,
nur verschiedene Formen derselben bezeichnen und zwar uusere
venerischen Vegetationen (spitze Condylome, Feigwarzen). Sie
haben nichts mit Syphilis zu thun. Diese Krankheit wird vielmehr
als „phiraiiga, phirangaroga", „phirangämaya" erst in den Schriften
des 16'. Jahrhunderts, zuerst im Bhävaprakäsa genannt; denn der in
Europa zunächst darüber bekannt gewordene Passus aus einem Skrt.-
Indische Medizin. 149
Ms. der kgl. Bibl. in Berlin (Cliarabers 510^^) ist nach E. Sieg, der
für den Verf. denselben übersetzt hat, wörtlich aus dem Bhäva-
prakäsa (4. 50) entlehnt, -) Er bezieht sich auf die ..Frankenkrank-
heit" und ihre Einschleppung nach Indien durch die Portugiesen. Die
Syphilis ist danach eine „Beulenkrankheit", die durch intimen Verkehr
mit einem ..phirangin*' (Europäer) oder einer „phirangini" (Europäerin)
entsteht. Es giebt einen äusseren (Hauteruptioneu) und inneren
phiranga (Gelenkaffektionen, Rheumatismus) und einen äusserlich-
inneren. Komplikationen: Abmagerung, Kräfteverfall. Einfallen der
Nase, Knochenaffektionen. Hauptmittel : Quecksilber, besonders inner-
lich (Pille mit Weizen, die ohne die Zähne zu berühren mit Wasser
hinuntergeschluckt wird), äusserlich als Räucherung oder Einreibung.
Zweites Mittel gegen Syphilis ist : Sassaparilla (cobaclnl, Chobchini),
Wurzel von Smilax. Jolly zweifelt nicht an der europäischen Her-
kunft der Syphilis.
Chirurgie.
Obgleich chirurgische Eingriffe von den alten Indern nur im
äussersten Notfalle beim Versagen aller übrigen Mittel gemacht wurden,
hat doch die Chirurgie (Salya) eine hohe Ausbildung bei ihnen erlangt.
Die eminente Reinlichkeit der Inder, der sorgfältige Verband, die aus-
gezeichnete Nachbehandlung sicherten den glücklichen Erfolg auch
sehr kühner Operationen (Laparotomie, Rhinoplastik), welche die in-
dischen Aerzte früher als die Aerzte aller übrigen Völker ausgeführt
haben. Dieselben verfügten auch bereits über ein sehr reichhaltiges
Instrumentarium (125 — 131 chirurgische Instrumente). Dieses wird in
die „Yantra" (Apparate, Hilfsinstrumente) und „Sastra" (eigentliche
Instrumente) eingeteilt. Die 105 Yantras sind Pincetten, Zangen (für
Polypen), Tuben, Katheter, Bougies, die Kleidung des Patienten und
als wichtigstes Yantra die Hand, die als das beste aller Instrumente
betrachtet wird. Die 20 Sastras sind Messer, Lancetten, Sägen,
Scheren, Troicarts, Nadeln, Bisturis u. s. w. '-) Alle Instrumente sind
aus bestem Stahl hergestellt und werden in hölzernen Etuis auf-
bewahrt. Operationen werden nur an glückbringenden Tagen vor-
genommen, der Patient muss gegen Osten, der Operateur gegen Westen
sehen. In schwierigen Fällen wird der Patient narkotisiert (haupt-
sächlich mit der Drogue .,Sammohini"). Vorher wurden die Operationen
an Früchten (Kürbis) eingeübt, oder an toten Tieren. Blutentziehungen
wurden durch Aderlass, Schröpfköpfe, Blutegel vorgenommen, Cauteri-
sationen vermittelst heissen Sandes, Feuers (bei Schlangenbissen)
siedender Flüssigkeiten ausgeführt. Nach Susruta ist ein Aetzmittel
besser als das Messer. Glühende Nadeln wurden bei Milzschwellung ins
Milzparenchym eingestossen, mit sehr günstigen Erfolgen. Als Klystier-
und Injektionsspritzen wurden die Harnblase von Schweinen und anderen
Tieren, lederne Schläuche mit goldener Kanüle u. s. w. benutzt.
Die. Wunden zerfallen in gequetschte, geschnittene, gehauene, ge-
stochene, perforierende u. s. w.. werden zum Teil genäht (Kopf). Zum
Ausziehen von Fremdkörpern wird auch der Magnet gebraucht. Kälte,
heisses Oel, Kompression gegen Blutungen. Geschwüre, Abscesse, Ge-
^) S. Weber, Verz. der Berl. Skr.-Handschriften Bd. I N©. 996.
^) Vgl. die auf Tafel 7 — 10 bei Bhagvat Sinh Jee a. a. 0. zwischen S. 182
u. 183 abgebildeten altindischen chirurgischen Instrumente.
150 Iwan Bloch.
schwülste werden sehr zweckmässig' behandelt (Incision, Exstirpation,
Arsensalben gegen Neoplasmen). Bei Frakturen und Luxationen
kommen feste Verbände, Schienen und Extension durch künstliche
Vorrichtungen zur Anwendung.
Die Inder führten die Laparotomie und D a r m n a h t (Ameisen-
naht) aus ^), operierten Mastdarmfisteln mit Messer oder Cauterium.
entfernten den Stein durch Sectio perinaealis (genau nach der Methode,
die auch Celsus beschreibt), bei Frauen von der Scheide aus. Be-
sonders glanzvoll ist die plastische Chirurgie dei alten Inder. Sie
übten die Oto-, Cheilo- und vor allem die R h i n o p 1 a s t i k , die wegen
der Häufigkeit des Abschneidens der Nase (als Strafe) eine gewöhn-
liche Operation geworden war. Der gestielte Lappen wurde aus der
Wange gebildet,-) nachdem man auf diese ein Pflanzenblatt von der
Grösse der Nase gelegt und den vorderen Teil der Nase angefrischt
hatte. Die künstliche Nase wurde mit Salbe von rotem Sandel- und
Süssholz bedeckt und dann ein guter Verband angelegt.
Augenheilkunde.
Das Auge ist eine Vereinigung aller Elemente. Ausser den Lidern
giebt es 4 Augenhäute. Die Linse gilt als Ort des Sehens. Es giebt
76 Augenkrankheiten (Geschwür der Hornhaut, Entzündung und
Trübung derselben, Vorfall der Regenbogenhaut, Verschliessung der
Pupille, Scleritis, Phlyktänen, Chalazion, Hordeolum, Trachom, Con-
junctivitis, Ectropium, Lidkrampf, Ptosis, Trichiasis, Blennorrhoea neo-
natorum u. s. w.). Sehr interessant ist die Beschreibung des Milz-
brandes der Lider:
,,Eine andere Art bildet sich an den Augenlidern ähnlich einer Pflaume
und ist schmerzhaft, hart, dick, feucht und eitert nicht, sondern wird aus-
gedehnt und knotig; wenn Wind, Galle und Schleim in Unordnung sind,
erscheint die Schwellung oberhalb des Augenlids, bricht auf, und Blut,
Wasser und Eiter werden entleert durch mehrere Oeffnungen. In diesen
Fällen ist der Schmerz so heftig, dass er einer Vergiftung ähnelt."
(Hirschberg.)
Die Therapie der Augenkrankheiten ist eine ziemlich zweck-
mässige (kalte Umschläge, Breiumschläge. Abkochungen von Eibisch,
Ingwer, Streichen von Arzneien über und unter die Lider, Skari-
fikationen der Lider bei Blennorrhoe der Neugeborenen, Extraktion
von Fremdkörpern u. a. m.). Hirschberg konnte aber die Angabe,
dass Susruta die Star-Operation beschrieben habe, nicht be-
stätigen, da die Beschreibung zu undeutlich sei. ^)
Geburtshilfe, Gynäkologie und Kinderheilkunde.
Der Uterus hat die Gestalt eines Fischmaule.s. Man unterschied
das Cavum uteri und den äusseren Muttermund vom Scheideneingang.
Die Eierstöcke werden nicht erwähnt. Das Menstrualblut stammt
^) Vgl. die Stelle des Susruta nach Stenzlers Uebersetzung bei Haeser
a. a. 0. Bd. I S. 30.
^) Siehe Stenzlers Uebersetzung der Susruta- Stelle bei Haeser I, 31— 32.
•'') Vgl. die Uebersetzung der Stelle durch Gustav Oppert bei Hirschberg
a. a. 0. S. 38 — 39. Star heisst : Linganäsa (Wesensverlust), mantha (math = quirlen),
Netrapatala (Hülle auf dem Auge).
Indische Medizin. 151
aus dem Chylus. Die Menstruation beginnt im 10. oder 12. Jahre,
dauert bis zum 50. Jahre. Sie wird durch die Luft bewirkt. Die
Konception geschieht durch die Vereinigung des männlichen Samens
mit dem 3Ienstrualbhit. Mädchen sollen nach dem 12., Männer nach
dem 25. Jahre heiraten. Beischlaf während der Menses erzeugt tote
Kinder oder Monstra, durch Amor lesbicus werden knochenlose Kinder
produziert! Die Schwangerschaft dauert durchschnittlich 10 Monate.
Die Brüste schwellen durch das Menstrualblut an. Sorgiältig war die
Diätetik der Schwangerschaft bei den Indern (Furcht vor Verseheu),
sie hatten eigene Gebärhäuser.
Der Embrj'o zeigt im dritten Monat die Hervorragungen des
Kopfes und der Extremitäten, im vierten Herz, im fünften differenzieren
sich die einzelnen Körperteile, im sechsten regt sich die Psyche. Die
harten Körperteile entstammen dem männlichen Samen, die weichen
dem Menstrualblut. Zwillinge entstehen durch Teilung der Samen-
menge. Die Ursachen der Geschlechtsverschiedenheit beruhen auf der
jeweiligen Prävalenz des Samens oder Menstrualblutes. Für das Er-
zeugen von Knaben oder Mädchen existieren sorgfältige Vorschriften.
Bei der Entbindung assistieren vier Frauen. Abort wird undeut-
lich beschrieben, ebenso die Nachgeburt, welche durch äusseren Druck,
Schütteln des Körpers der Kreissenden und Brechmittel entfernt wird.
Die altindische Geburtshilfe kannte nicht das enge Becken, ebenso-'
wenig eine kombinierte äussere und innere ^Methode zur Wendung auf
den Kopf. Die Wendung auf die Füsse ist den Indern und Hippo-
kratikern unbekannt (F a s b e n d e r). Bei unvollkommener Fusslage und
Steisslage holten die Inder den zweiten Fuss bezw. beide Füsse hervor.
Sicher ist, dass die altindischen Aerzte den Kaiserschnitt an der
Toten kannten, den die Hippokratiker nicht erwähnen. Die Patho-
logie des Wochenbettes und die Gynäkologie ist sehr dürftig.
Die Diätetik des Wochenbettes und der Neugeborenen verdient da-
gegen alle Anerkennung. Mutter und Kind werden nach der Geburt
gewaschen, erst nach IVo Monaten wird die Wöchnerin entlassen. Das
Kind bekommt am ersten Tage Honig mit flüssiger Butter, am zweiten
und dritten Tag eine Handvoll Muttermilch mit Honig und Butter,
dann die Mutterbrust. Für das Lager des Kindes werden sehr subtile
Vorschriften gegeben. Ammen sind sehr gebräuchlich, müssen diätetisch
leben, schwere Speisen vermeiden, dürfen nicht kalt baden u. s. w.
Arznei wird dem Kind vielfach durch die Mutter- oder Ammenbrust
zugeführt, die entweder von der Frau eingenommen oder als Paste
auf deren Brust verrieben wird. Die Medikamente werden sehr genau
nach den einzelnen Lebensmonaten und Jahren des Kindes dosiert.
Brechmittel sind verpönt, Abführmittel werden nur selten angewendet.
Vielfach werden Blutegel den Kindern appliziert.
Standesverhältnisse und Deontologie.
Die ältesten Aerzte der Inder waren Priester. Erst später bildete
sich ein eigener Aerztestand: die Vaidj^as (litauisch ähnlich ==
vaistas, Arzt).^) Neben den Aerzten bilden die Vaisyas (Heilgehilfen)
eine niedere Klasse. Der Stand der Aerzte war ein hoch angesehener
wegen seines hervorragenden wissenschaftlichen Strebens, das Medizin
^) Von „Veda" Wissenschaft, also eigentlich: Gelehrter, Weiser.
152 Iwan BJoch.
und Chirurgie in gleichem Masse umfasste. „Der Arzt, dem die
Kenntnis des einen dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit
nur einem Flügel" (Su^ruta). Mit dem 12. Jahre begann der ärzt-
liche Unterricht und dauerte bis zum 18. Jahre. Ein Lehrer soll nur
4 bis 6 Schüler zugleich unterrichten. Er soll „lauter, gewandt, recht-
lich, unbescholten" sein, seine Hand zu regieren wissen, mit den nor-
malen und abnormen Zuständen des menschlichen Körpers vertraut,
geduldig und liebreich gegen seine Schüler sein. Diese stammen am
besten aus einer Aerztefamilie, sollen Keuschheit, Wahrheitsliebe und
Gehorsam geloben, sich eifrig der Lektüre ärztlicher Schriften, dem
Unterricht des Lehrers und dem Verkehr mit anderen Aerzten hin-
geben (Caraka). Nach Susruta mnss der Arzt eine „feine Zunge,
schmale Lippen, regelmässige Zähne, ein edles Antlitz, w^ohlgeformte
Nase und Augen, ein heiteres Gemüt und feinen Anstand haben und
fähig sein, Mühen und Schmerzen zu ertragen". Mit feierlichen Cere-
monien wurde der Schüler vom Lehrer aufgenommen. Der Unterricht
bestand in Lektüre der medizinischen Schriften und Auswendiglernen
derselben, in der Ausführung von Operationen (an Früchten, Leder-
teilen, Teilen toter Tiere), Anlegung von Verbänden (an menschlichen
Figuren, Pflanzensuchen, Salbenbereitung u. s. w. Die Obrigkeit er-
teilte nach beendigtem Lehrkursus die Erlaubnis zur Ausübung der
ärztlichen Praxis. Meistens musste die Genehmigung des Rajan ein-
geholt werden. Susruta giebt für das Auftreten des Arztes gegen-
über seinen Patienten sehr beherzigenswerte Vorschriften.^)
Die ärztliche Politik ging so weit, dass Caraka empfahl, beim
König missliebige Personen nicht in Behandlung zu nehmen. Auch
zeichnet dieser ein lebensvolles Bild des Kurpfuschers und Charlatans,
der „das Zusammenkommen mit Gebildeten meidet, wie der Wanderer
die Gefahren des dichten Waldes". — Die Aerzte waren steuerfrei,
empfingen ihr Honorar nach den Verhältnissen des Kranken und
mussten von Zahlungsfähigen sehr hoch honoriert werden, während
Brahmanen, Freunde, Verwandte, Arme kein Honorar zu entrichten
brauchten. Hospitäler für Menschen und Tiere wurden bereits von
dem buddhistischen Könige A^oka eingerichtet, wie auf den In-
schriften desselben zu lesen ist (250 v. Chr.).
Anhang. Tibetische Medizin.
Heinrich Lniifer, Beiträge zur Kenntnis der Tibetischen Medizin. Teil I.
Berl. Inaug.-Diss. vom 10. August 1900 {p. 1—42). Teil IL Leip. 1900 p. 45—90.
In den oben angeführten beiden überaus beachtenswerten Ver-
öffentlichungen bietet Lauf er, gestützt auf Materialien seines Bruders
Berthold L., ein vollständiges und deutliches Bild vom Stande der
mit der indischen in vielen Beziehungen verw^andten tibetischen Heil-
kunde. Dort findet sich auch anhangsweise die deutsche Uebersetzung
eines Werks aus dem Tanjur, Sütra, Bd. 123 fol; 1— 3*^ nach einem
Exemplar des Asiatischen Museums in St. Petersburg. Es handelt von
dem Elixir Sarvegvara, welches alle Krankheiten bezwingt und die
Körperkräfte vermehrt (SarvegvararasäyunarogaharaQarirapustakanäma).
Der Vollständigkeit halber sei hier auf diese Publikationen von Laufer
verwiesen.
^) Vgl. Th. Puschmann, „Geschichte des medizinischen Unterrichts", Leipzig
1889, S. 12—13.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen.
Von
Robert Fuchs (Klotzsche bei Dresden).
Die mythisclie Zeit.
I. Ursprung der griechischen Heili(unde.
1. von Oefele, Phannac. Post 1899 Xr. 6. — 2. von Oefele, Ällgem. medic.
Central-Zta. LXVII, 189R Nr. 96 ff. — .9. Haas, Ztschr. der Deutsch. Morgenland.
Gesellschaft XXXI, 1877 S. 647 jf. — 4. Th. Puschmann, Geschichte des medic.
Unterrichts von den ältesten Zeiten bis zur Gegemvart, Leipz. 1889 S. 12 f. —
5. J, Bei endes, Apotheker-Ztg. 1899 Xr. 93. — 6. Le rage Benouf, Ztschr. f.
ägypt. Sprache und Alterthumskunde XI, 1873 S. 123. — 7. Georg Kbers, Das her-
metische Buch von den Arzneimitteln der alten Aegypter, Leijiz. 1875, Vorwort. —
8. von Oefele, Wien. Min. Wochenschr. 1894 Nr. 46; 1900 Nr. 26. — 9. von
Oefele, Allg. medic. Central-Ztg. LXIV, 1895 Nr. 39. — 10. von Oefele a. a. 0.
— 11. Hopf, lanus lY, 1899 S. 125 ff. — 12. von Oefele, Allg. medic. Central-
Ztg. LXIV, 1895 Nr. 31 f. — 13. von Oefele, Heilkunde 1898 {Anticonceptionelle
Arzneistoffe. Ein Beitrag z. Frage des Malthusianismus in alt. u. neuer Zeit). —
14. von Oefele, Prager medic. Wochenschr. XXIV, 1899 Nr. 24 ff. S. 8. —
15. J. H. Hirschherg, Gesch. der Augenheilkunde. Gräfe -Sämisch, Handb.
der gesamten Augenheilk. 2. Aufl. IL Teil XII. Bd. XXXIIL Kap., Leipz. 1899.
— 16. Carl KicTisen, Historisches ü. Krisen u. krit. Tage, Berl. 1893. —
17. Allan Webb, The historical relations of ancient Hindu with Greek medicine
in connection etc., Calcutta 1850. — 18. lAetard, La litterature medicale de
VInde. Extrait du Bulletin de VAcad. de medecine 1896, 5 mai. — 19. lietard,
lanus III, 1898 S. 17 ff. — 20. Berentles s. unter 5. — 21. von Oefele, 70. Ver-
samml. deutscher Naturforscher und Aerzte zu Düsseldorf 1898. Histor. Ausstellwiig
f. Naturiciss. u. Medicin S. 15f. — 22. Norsk Magazin for Laegevidenskaben Vtl
1021 ff. — 23. A. X prj ar i 8t] g , 'Agxnia f.Xkrjviyirj yvvniyteioXoyia, if Kwrarat'TivovTto^ei
1894 S. 201 f. — 24. von Näf/elsbach , Homerische Theologie, 2. Aufl. von
Autenrieth, Nürnberg 1861 S. 7 ff. — 25. Conradi, Gölting. gel. Anzeigen 1856
I 60 S. 599. — 26. Ernst Curtitts, Griech. Gesch. I 25.
Wie die Anfänge der griechischen Kultur sind auch die Grund-
lagen der griechischen Heilkunde aus der Zeit der urindogermanischen
Völkergemeinschaft herzuleiten. Stets baut sich ja die wissenschaft-
liche Heilkunde auf der volkstümlichen auf, die sie nach und nach
mehr ausgestaltet und vervollkommnet. Auf der sich langsam voll-
ziehenden Wanderung von ihrer asiatisch-europäischen Urheimat nach
Kleinasien und Hellas hinunter und später, nach ihrer endgültigen
154 Robert Fuchs.
Niederlassung-, haben die Griechen höchstwahrscheinlich auch auf
medizinischem Gebiete manches von den Völkern gelernt, mit denen
sie in Berührung kamen. Jedoch sind trotz eifriger Versuche einiger
ärztlicher Geschichtsforscher, nahezu alles als entlehnt nachzuweisen,
bisher nur verhältnismässig wenige unzweifelhaft sichere Ergebnisse
gewonnen worden. Auch den zuversichtlichsten Beteuerungen gegen-
über ist die grösste Vorsicht von nöten, und es empfiehlt sich, stets
zugleich den Nachweis zu verlangen, dass die allmähliche Entwicklung
der betreffenden Kenntnis aus der volkstümlichen Medizin unmöglich ist.
Der Beweis der Entlehnung ist nicht erbracht im Falle der Be-
ziehung auf Gemeinplätze oder auch sonst vorhandene Sitten, Ein-
richtungen oder Anschauungen. Dahin gehören bezüglich der die
Keilschrift verwendenden mesopotamischen Kulturvölker die Schriften:
1 (Amulet), 2 (Aderlass und Humoralpathologie) ; bezüglich der Inder :
3 (Gemeinplätze, Schülereid, augenfällige Sj^mptome, selbstverständliche
Vorschriften), 4 (desgl.), 5 (Berücksichtigung von Jahreszeit, Ort und
Körperbeschaffenheit ; Lehre von den 4 Temperamenten) ; bezüglich der
Aegypter : 6 (Versuchsmittel zur Feststellung der Fruchtbarkeit), 7 (all-
gemeine Beobachtungen), 8 (Inhalation), 9 (Aerztinnen), 10 (Frauen-
emanzipation), 11 (Frauenmilch als Wundermittel), 12 (Schwur, ethische
Vorschriften), 13 (angeblich Aegyptisches in Niederdeutschland!),
14 (naheliegende Sentenz).
Ein Zusammenhang der hellenischen Heilkunde mit der indischen
ist am besten erkennbar in der Verwendung indischer Eezeptbestand-
teiie (Sesamum, Cardamomum, Andropogon, Laurus cinnamomum,
Amomum, Valeriana Jatamansi u. s. w.), vergl. 15. Der Behauptung
von Eicksen (16), dass Anklänge in der Chirurgie vorhanden seien,
widerspricht die glaubwürdige Versicherung von Hirschberg. Am
vorsichtigsten urteilen Webb (17) in seinem grundlegenden Werke und
der vielbelesene Lietard (18; 19). Wegen bisher ungelöster chrono-
logischer Zweifel ist die Heranziehung von Sanskrittexten ergebnis-
los (20), und in späterer Zeit ist sogar eine Befruchtung der indischen
Heilkunde durch die griechische wahrscheinlicher (18; 21).
Auf ägyptische Vorbilder (22; 23) weisen ausdrückliche Er-
wähnungen bei Homeros hin, ferner ägyptische Pflanzenmittel (Faba
Aegyptiaca, Acacia Aegj^ptiaca, Cuminum, Quercus Aegyptiaca, viel-
leicht auch Sinapis), sowie tierische und mineralische Erzeugnisse
Aegyptens (Körperteile des Flusspferdes, des Krokodils, der Hyäne;
Alaun, Salz, Antimon, wohl auch Sory).
Beweise dafür, dass fremde Einwirkungen in bestimmten Rich-
tungen stattgefunden haben, sind ferner die auffällige Uebereinstimmung
von Mass und Gewicht bei den Hellenen und bei den Aegyptern und
Babyloniern und das Emporblühen der ältesten griechischen Aerzte-
schulen an Orten, die im Brennpunkte des Verkehrs mit den orienta-
lischen Völkern lagen (Rhodos, Knidos, Kos, Kroton, Kyrene). Dafür
hingegen, dass diese Einflüsse nur an der Oberfläche haften blieben,
zeugen wichtige Gründe: die stark ausgeprägte Veranlagung der
griechischen Volksstämme, eher Einfluss auszuüben, als sich beeinflussen
zu lassen, die Unkenntnis der fremden Sprachen, die mit dem auto-
chthonen Stolze verbundene Geringschätzung alles Fremden, Barba-
rischen. Diese Momente hebt Nägelsbach (24) für das Gebiet der
homerischen Theologie treffend hervor und schon Conradi (25) mit
Bezug auf die Medizin. Mag nun auch zeitweise die Vorliebe für die
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 155
eine oder andere Ansicht im Meinungskampfe mehr hervortreten, stets
wird die von Ernst Curtius (26) ausgesprochene Wahrheit un-
erschütterlich fest stehen: „Was sie Cdie Griechen) in Religion und
Cultur, im Staatsleben, Kunst und Wissenschaft gethan, ist ihr
eigen, und wie viel sie auch von anderen übernommen, haben sie es
doch so umgestaltet und wiedergegeben, dass es ihr Eigen thum
geworden ist".
2. Quellen der Geschichte der griechischen Heilkunde.
Zur Ergänzung unserer sehr lückenhaften Kenntnis von der Ent-
stehung und Entwicklung der griechischen Heilkunde dienen: 1. die
erhaltenen Bauwerke (Tempel, Grotten, Altäre); 2. Werke der Klein-
kunst (z. B. Götterbilder, Weihgeschenke, Darstellungen nackter Körper
oder Körperteile zur Abwehr des bösen Blickes); 3. erhaltene Instru-
mente und Behälter (namentlich Sonden, Nadeln, Messer, Schröpfköpfe,
Salbenbüchsen, Balsamnäpfchen, Mörser und Mörserkeulen); 4. In-
schriften, Pap3Ti; 5. die uns überkommenen Werke der alten Aerzte;
6. Bemerkungen alter Schriftsteller über die griechische Medizin.
Eine Aufzählung der einschlägigen Litteratur ist wegen deren be-
deutenden Umfauges unmöglich. Der Hervorhebung würdig sind bei 1
in erster Eeihe:
J. Anderson, Brit. Med. Journ. 1887, II. — Caton, a. a. 0. 1898, 1 1509;
1572. — Courtois-Sufflt, Archives yener. de medecine 1891, II 576 ff. — Defras
et Lechat, Epidaure, Pjrm 1895. — L. Iferrlich, Epidaurus, Berlin 1898. —
Kavi'ftdifis, FouiUes d' Epidaure I, Athenes 1891 ff. — Körte, Mitfheil. des Kais.
Deutsch. Archäolog. Instituts, Athen. Ahth. XVIII 231 ff'.; XXI 287 ff. — Julian
Mareuse, Zur Gesch. der Krankenhäuser. Zeitschr. f. Krankenpjiege 1899. —
Pansanios, periegesis, Indices. — Hitter von Rittershuin, Der medic. Wunder-
glaube 11. die Incuhation im Alterthume, Berlin 1878.
Weitere Litteratur findet man in den angegebenen Werken, sowie
in den archäologischen und mythologischen Nachschlagebüchern. Ueber
2. Weihgeschenke und Votivhände gegen den bösen Blick
handeln ausser den Genannten noch:
Crirard, Bulletin de correspondance helleniqiie II 419 ff. — *T. M. C'harcot et
P. Sicher, Les difformes et les malades dans Vart, Paris 1889; Dies., Nouvelle
iconographie de la Salpetriere, Paris IL — Die verschiedenen Corpora inscripüonum. —
Fröhner, Revue des deux mondes 1873. — Chirlt, Gesch. der Chirurgie I 94f..
Berlin 1H98 ; lanus IL 1897—98 S. 482 ff. — Jahn, Ber. d. K. Sachs. Ges. d.
Wiss., phil.-hist. Cl. YII, 1855 S. 28 ff. — Köhler, Athen. Mitth. II, 1877 S. 253 ff.
— Körte, a. a. 0. — Lötry, Archäol.-epigraph. Mitth. IV, 1880. — Margoulieff,
Etüde critique sur les mo7iuments antiques representant des scenes d'accouchement,
Paris 1893. — M(trx, Athen. Mitth. X Taf. 6. — EL. Meige, Internat, med.
photogr. Monatsschr. 1894 S. 137; 167. — Perdrizet, Melusine 1899. — Heisch,
Ahhandl. des Wien, archäol.-epigraph. Seminars VIII. — Richer, Rev. scientifiqne
LH, 1893. — Usener, Rhein. Mus. XXVIII, 1873 S. 407 ff.
Ueber 3. Instrumente belehren die Kataloge fast sämtlicher
grossen Museen (Athen, London, Paris, Berlin, Bukarest), sowie die
Werke über Ausgrabungen in Griechenland. Verzeichnis bei Gurlt
(s. 0.) I 506 ff. unter Nachweis der Schriften. Die grösste Sammlung
(Lambros) befindet sich im Athenischen Nationalmuseum. Das wichtigste
Werk ist Scultetus, Armamentarium chirurgicum c. observat. B. a
Lamzweerde et Verduin ed. Sprögel, 2 Bb., Amstel. 1741. Ueber die
in Olympia und sonst ausgegrabenen Instrumente und Geräte berichten :
156 Eobert Fuchs.
Ernst Curtius u. Friedt: Adler, Olympia, Berlin 1S90, Bd. IV. — Recueil
des travaux de la Socicte medicale allemande de Paris I, 1866 S. 59 ff. — Gazette
hebdomadaire de medecine et de Chirurgie 1855 S. 693 ff. — Lanibros {Ktüvar.
IT. '/. Aaun^ös), Jlsot oixvcöv xnl OfKvdascos Ttatju rols d^x'^'^ois, Ad'ijv7]ai 1895.
Bei manchen Geräten, Tiegeln, Töpfen, Kästchen, Büchsen, Mörsern
und Mörserkeulen lässt sich nicht entscheiden, ob sie für sonstige
häusliche Zwecke oder speziell für medizinische gedient haben. In
Griechenland ist ärztliches Werkzeug viel seltener gefunden worden
als in römischen Gebietsteilen, doch sind sicher manche der in Pompei,
Herculaneum, Spanien, Gallien und in den österreichisch-slavischen
Ländern gefundenen römischen Instrumente im Besitze von Aerzten
griechischer Abkunft gewesen. 4. Bezüglich der Inschriften ist
wiederum auf die grossen Sammelwerke und die Museen zu verweisen.
Zu nennen sind ausserdem u. a.:
I. jBaier, Expositio veteris inscri2^tionis de Aesculapio et Hygea diis hominum
amantissimis, Altorf. 1742. — Th. Hannack, Inschriften aus dem Kretischen
Asklepieion. Philologus 1891. — Joh. u. Theod. JBcninack, Inschriften aus d.
Asklejneion von Epidauros, Leipz. 1886. — Briau, Varchiatrie romaine ou la
medecine officielle dans Vempire romain, Paris 1877. — Deecke u. Sief/ismund,
Die tvichtigste7i Kyprischen Inschriften. Curtius^ Sammlung der Inschriften XII
217 ff. — N. Festa, Atene e Roma III, 1900 i\V. 13. — Henzen, Philologus
XXI, 1864; Bollett. delV Instit. — JP. Kahhadias^ 'Ecprjuepls aoxaio/.oyixij 1883;
1885. — ie Has, Voyage archeol, pari. V inscr. 161; 1695 u. s. w. — A. C.
Merriani, Gaillard, Med. Journ. 1885; Boston Med. and surgical Journ. CXII,
18S5. — Paton and Hicks, Inscriptions of Cos, Oxford 1891. — Pellegrinif
Lapide votivn ad Esculapio Belluno 1890. — Piccoloiuini, Nuova antologia
XXXXIV, 1893. — Beine arcMologiqtie 1863 S. 469 ff — Bh angäbe,
Antiquites hellcniques n. 378. — Sallet, Zeitschr. f. Numismatik V. — 3Ioriz
Schmidt, Die Inschrift von Idalion und das kyprische Syllabar, Jena 1874. —
von Wilafnowitz-Möllendorff, Isyllos von Epidauros. Philolog. Untersuch. IX.
Heft, Berl. 1886.
Die Litteratur über die Ehrentafeln für Aerzte wird in Kap. 3 ver-
zeichnet werden. Eine Zusammenstellung aller medizinischen Papyri
steht noch aus; sie ist schon deshalb gegenwärtig nicht zu liefern,
weil noch keine Sichtung der täglich anwachsenden Bibliotheksschätze
erfolgen konnte. Es sind daher die Kataloge der grossen Bibliotheken
zu befragen, aus denen die Litteraturgeschichten und Geschichtsbücher
der Medizin nur dürftige Auszüge bieten. Als Proben seien angeführt :
Papyrus Erzherzog Bainer. „Führer durch die Ausstellung", Wien 1894.
2. Zimmer 241 {Rezept aus dem 2. oder 3. Jahrhunderte n. Chr.). — Pap>yri
Argentoratenses Graecae ed. a Car. Kalbfleisch, Ind. lect, Rostoch. 1901. — Greek
Papyri in the British Museum. Catalogue with texts. Edited by F. G. Kenyon,
I, London 1893; II, London 1898 (i 48; 51; 57; 90 f; 93; 96 ff.; II 113 ff.; 252, teils
schiver entzifferbare Worttrümmer, teils Rezepte, abergläubische Formeln; das vorletzte
Citat bezieht sich auf die Steuerverhältnisse der Pastophoren). — Catalogue of Additions
to the Department of Manuscripts in ihe British Museum, London 1888 — 1893
S. 396 ff. Nr. CLV {Zahnheilkunde); CLXXXVI ro [Rezepte). — Bloch, Ueber
einen griechischen Papyrus forensisch-medicinischen Inhalts. Allg. medic. Central-
Ztg. 68. Jhrg. 1899 Nr. 46 f. — Brandts, Hermes XXXII, 1897 S. 509; 520.
Dahin gehören zum Teil auch die Papyri magici, welche unter
die Zauberformeln gelegentlich medizinische Weisheit mischen.
So z. B. Fuchs, Medicinisches ans den griechischen Papyri der ägyptischen
Gräber. Deutsche medic. Wochenschr. 1899 Nr. 26 [vgl. dagegen von Oef'eles Be-
merkungen a. a. 0.). — Wilh. Christ, Gesch. der griech. Litt, bis auf d. Zeit
Justinians [Iw. Müller, Handb. der Mass. Altert.-Wissensch. VII), 3. Aufl. S. 836.
— The american Journal of philology XVII 1, 1896 S. 77 ff. — JDieterich,
Jahrb. f. class. Philol. Suppl. XVI 783 ff. — Greek Papyri etc. (s. o.) I 65 ff.;
GescMchte der Heilkunde bei den Grieclien. 157
215: — Kroll, Phüologns LIV, 1895 S. 560 ff. — Kyranides s. Byzantinisches.
— Noi'ossadsky, Journal du Ministere russe de Vinstruction publique 1895
5. 81 ff. — C Wessely, Griechische Zauberpapyrus von Paris ti. London, Wioi
1S88; 15. Jahresber. des K. k. Staatsgymn. in Hernais, Wien 1889 u. s. iv. —
Fapyrus Londinensis s. unten.
5. Die erhaltenen Werke griechischer Aerzte brauchen
hier nicht aufgeführt zu werden. Nur die wichtigsten Anecdota und
Anonyma seien aufgezählt:
Anecdota Graeca ed. ßoissonade, Paris. 1844, 1 228 z. B. — Anecdota Graeca,
e codd. mss. Biblioth. Oxoniensis descr. I. A. Craniet; Oxonii 1889 ff'., 4 voll. —
Anecdota medica Graeca ed. Zach. Ernierins, Lugd. Bat. 1840. — Anecdota medica
Graeca von Hob. Fuchs. Rhein. Mus. XLIXf., 1894 f. — Anecdota aus Byzan-
tinischer Zeit. Von denis. Leipz. 1899 (s. Deutsche media. Wochenschr. 1899 Nr. 7 f.).
— ^v/.knyi] 'Eilt/vtxcoi' avexäozcov noirjriov ytai koyoyonqcov Sinipootuv hTtoxiov^Ek/.nbos:
OTTovdj] 'ApSo. Movazo^väov xai /Jriii. E%ivit. Tsrouäiov n — ?', 'Ev Devsriq 1816
(Aetios, Epiplmnios der Physiolog, Theophilos de fahrica corporis humani, de stercore).
— Anecdota Graeca et Graecolatina ed. Yal. Mose, Berol. 1864 ff. — Anecdota
Graeca ed. Vüloison, Venef. 1781. 2 Bh. — Co8tomiris,Jiev. des etudes grecques
1889; Gazette medicale de Paris 1S89. — IMrembei'g, Archives des missions
scientifiques et littcraires u. s. u\ II 484ff., Paris 1851.
Anonymi carmen de herbis {rä ^sol ßorttviör) s. G. Kaibel, Hermes XXV,
1890 S. 103 ff. ; Poetarum de re physica et medica reUquias coUegit U. Cats Busse-
inakei', Paris 1851. — Anonymi introductio anatomica ed. lo. Steph. Rernard,
Lugd. Bat. 1744. — Anonymi iusiurandum {voxos InTci^de) s. Poef/irum de re phy-
sica etc. — Anonymus Londinensis s. unten. — Anonymi de oculis s. Galenus ed.
Basileensis 1549. — Anonymi neoi ofd-aluMv s. Th. P-uschinann, Berl. Studien V
Heft 2, 1886; Helm reich, Philologus LI = K. F. V, 1892 S. 746. — Anonymi
TTsoi Ttii&töf s. S. Schneider, Excerpta rr. tt., Progr., Leipz. 1895. — Anonymi
d-rjoi/ty.)'] s. Poetarum de re physica etc. — Anonymus s. Wessely, Wien: Stud.
XIII, 1891 S. 312 ff. {Optik betreffend).
Die pseudonj'men Schriften finden sich da erwähnt, wo über den
betreifenden Schriftsteller gehandelt wird, dem sie beigelegt werden.
Unter den Sammelausgabeu ragen hervor:
Apollonii Citiensis etc. scholia in Hippocr. et Galen, ed. Dietz, Regimontii
Prussorum 1834, 2 Bb. — ArticeUa: lohanitii Isagoge, Philareti über pulsuum,
Theophili de urinis. Hippocratis aphorismi c. comment. Galieni, üb. prognost., üb.
regiminis acut., Hippocr. üb. epidemiar., de nat. foetus, Galieni IIb. Tegni, Gentilis
de Fulgineo de divisione librorum Galieni, Hippocr. de lege et jusjurando. Venet.
1487, fol. — Eclogac physicae ed. I. G. Schneider I 1801; II 1801. — Medicae
artis principes, post Hippocr. et Galen., Graeci Latinitate donati, Aretaeus, Buff'us
Ephesius, Uribasius, Paulus Aegineta, Aetius, Alex. TralUanus, Actuarius, Nie.
Myrepsiis. Latini, Com. Celsus, Scrib. Laryus, Marcell. Empiricus. Aliique jn'acterea,
quorum unius nomen ignoratur etc. Anno M. D. LXVII Excudebat Henricus
Stephanus. — Medici antiqui omnes qui Latinis Utteris etc., Venet. 1547, fol. —
Medicorum Graecarum opera, quae extant. Cur. Car. Gottl. Kühn. Gr. et lat. 26
voll, in 28 2)fit'tt., Lips. 1821 — 33 {Galenos, Aretaios, Dioskurides, Hippokrates). —
Medicorum XXI vetermu et clarorum Graecorum varia opuscula ed. Ch. F. de
Matthaei, Mosquae (selten). — Physici et medici Graeci minores ed. Ideler, 1841 f.,
2 voll. — Poetarum de re j)hysica et medica reliquiae ed. Bussemaker, Paris 1851.
— Principes artis medicae ed. II. cur. Adalb. de Haller et Rud. Vicat, Lausannae
1784 ff. {Alexandros von Trallds 2 voll., Rhazes 1 vol., Caelius Aurelianus 2 roll).
— Scriptores pHirabilium medicamentorum antiqui ed. Ackermann, 1788.
Wertvolle Belehrung über die alte Medizin verdanken wir unter
6. den alten Schriftstellern vor allem den griechischen Werken
des Piaton*, Aristoteles*, Strabon*, Erotianos, Plutarchos* und den
anderen Doxographen*. Soranos, Tansanias*, dem Anonj-mus Parisinus
und dem Anonymus Londinensis (auf Menon, Schüler des Aristoteles,
beruhend), Galenos, Athenaios*, Oreibasios, Aetios, den Canones medi-
corum der Alexandrinerzeit * (Otto K r ö h n e r t , Canonesne poetarum
158 Robert Fuchs.
scriptorum artificum per antiquitatem fuerunt ? Diss., Königsberg- 1897 ;
Wellmann, Hermes XXXV, 1900 S. 367), den Glossensammlungen
und Wörterbüchern (Lexica, Etymologica), den Anthologien, den mittel-
alterlichen latrosophien (Hausarzneibüchern) ; den lateinischen des Celsus,
Plinius Maior*, Martialis* Gellius*, Caelius Aurelianus. Viele historische
Darstellungen der Medizin aus dem Altertum sind uns nur dem Namen
nach bekannt, z. B. Athanasios, Herennius Philon, Paulos, Phoibammon,
Sopatros, Soranos (tisqI iaTQcov) u. a.
3. Litterarische Hilfsmittel.
Da die medizinische Geschichtswissenschaft nui- ein Teil der ge-
samten Geschichts- und Kulturwissenschaft ist so dienen ihr zugleich
die litterarischen Hilfsmittel des umfassenderen Wissenszweiges und der
meisten Einzeldisziplinen, vor allem der naturwissenschaftlichen Eichtung
und der Philosophie. Die Darstellungen der allgemeinen Geschichte
der Medizin finden am Schlüsse des vorliegenden Gesamtwerkes ihren
Platz; die besondere Litteratur der griechischen Heilkunde wird hier
verzeichnet. Die wichtigeren Werke sind durch * hervorgehoben.
Pragmatische und bibliographische Werke sind, weil ihr Inhalt aus
dem Titel hervorgeht, nicht geschieden worden.
* Maurice Albert, Les medecins grecs ä Rome, 1694. — Archives des missions
scientifiques et littcraires, ser. I vol. 4 — 6', Faris 1866 f.; ser. II vol. 1 — S, Paris
1864 ff'. — Aitnier, Die arabischen (hebräischen) Handschriften der k. Hof- u.
Staatsbibl. in München, Münch. 1875 S. 351 ff. — * Herrn, jiaas, Grundriss der
Gesch.- d. Mediz.u. des heil. Standes, Stutfg. 1876; ders., Die geschichtl. EntwicM.
des ärztl. Standes u. d. mediz. Wissenschaften, Berl. 1896. — Banlis, Brit. medical
Journal 1892. — Beverovicins, Idea medicinae veterum, Liigd. Bat. 1637. —
Briau, Bev. archeol. 3e ser. tome V, Paris 1885 S. 385 ff.; VI 1885 S. 192 ff.
— * Conr, Bursian, Jahresbericht ü. d. Fortschritte d. klass. Alter tumstviss., jetzt
hrsg. V. L. Gurlitt u. W. Kroll. {Letzter Jahrgang : XXVII 1899; mit Beiblättern :
Bibl. philol. u. Biogr. Jahrb.). — *Enitnanuel Chanvet, La philosophie des
medecins grecs, Paris 1886; *ders., La medecine greeque et ses rapports ä la Philo-
sophie, Paris 1883. — * Willi. Christ, Gesch. d. griech. Litt, bis auf d. Zeit
Justinians, 3. Aufl., Münch. 1898, S. 851 ff. — *X XySi^g, ^Agxains Icciqi-aT^s avd-
?.sxTa rj ByxcoQiOä ictrpixr] xara na()döoaiv. ITQaxrixa avvöSov 'EXXjvoov iarpon', 'Ad"/]-
vT]oi 1883. — Corlieu, Les medecins grecs deimis la mort de Galien jusqu^ä la chute
de Vempire d'Orient, Paris 1885. — *G.-A. Costoniiris {KcoaTOftoio(g), Rev. des
etudes grecques IL III, Paris 1889; X, Paris 1897 S. 405 ff. — Ch. Daremberg,
Archives des missions scientifiques et littcraires, Paris 1851, II 484 ff. ; ders,,
Notices et extraits des manuscrits grecs d''Angleterre, Paris 1853; *ders., Notices
et extraits des manuscrits medicaux grecs, latins et fran^ais, Paris 1853 ; * Etat
de la medecine entre Homere et Hippocrate, Rev. archeol. IX, 1868. — JJarein-
herg et Saglio, Dictionnaire des antiquitcs grecques et romaines [noch nicht voll-
ständig). — * Dechambre, Dictionnaire encyclopedique des sciences medicales, Paris
1884, unter Grece. — IHipony, Medecin XI Nr. 15, Paris 1885. — *A. Enimiriger,
Die nosokratischen Philosophen nach d. Berichten des Aristoteles. Preisschrift.
Würzburg 1878. — Engelinann, Bibliotheca scrij)torum Graecorum, 8. Aufl. bes.
von Preuss, Leipz. 1880. '— * Fabricius, Bibl. Graeca XII 1724; XIII 1726 tt. s. w.
— H. Francotte, Distinctions honorifiques ä Athenes, Le Musee Beige, 4« annee,
1900 Nr. 2. — Gedike, Medic. Ztschr. d. Vereinigung f. Heilkunde in Preussen,
1849 S. 31 ff. — Nie. Gerzetic, lieber Medicin u. Sonnencultus d. Alterthums,
Karansebes 1895. — *Th. Goniperz, Griech. Denker, Leipz. 1896, I 221 ff. —
CJir. Godofr. Grüner, Bibl. d. alten Aerzte, Leipzig 1781 f., 2 Bb. — Jose
Miguel Gnardia, De medicinae situ apud Graecos pirogressucjue per pthUosophiam,
Paris 1855. — Giüd u. Koner, Das Leben d. Griech. u. Rom. lieber Aerzte, Bäder
u. Heilquellen b. d. Alten, Berl. 1861. — Chr. Fr. Harless, Die Verdienste der Frauen
um Naturwiss., Gesundheits- und Heilkunde u. s. w., Götting. 1830. — Ad. Harnack,
* Nichtmedizinische Quellen.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 159
Medicinisches a. d. ältest. Kirchengesch., Leipz. 1892. — * Houdart, Histoire de
la medecine grecque depuis Esculape, Paris 1856. — Sud. Kohevt, Hist. Stud.
a. d. Pharmakol. Instit. d. Kais. Univers. Dorpat, I 62 ff., 1889. — *Karl Kriini-
bacher, Gesch. d. hyzantin. Litt, von Justinian bis z. Ende des oström. Reiches
(527—1453), 2. Aufl., Miinch. 1897 S. 613 ff.; 903. — * Car. Goftl. Kühn,
Opuscula academica medica et philologica I. II, Lips. 1827 f. — Li. 31., Rhein. Mus.
XXIII, 1868, S. 187 ff.; 384. — *IAetard, Bulletin medical des Vosges 1896 Nr. 41.
— LipinslxU, Histoire des femmes medicins dans Vantiquite. Vortrag vor der „Sectio»
d'histoire des sciences'^, Paris 1900. — * Emil Lüviny, Die ü. d. medic. Kennt-
nisse d. alten Aegypter berichtenden Papyri verglichen mit den griech. u. röm.
Autoren, Leipz. 1888. — Mahler, Allg. Wien. med. Ztg. 1887. — * Manget,
Bihliotheca scriptorum medicorum veteriim et recentiorum, 1731, fol., 4 Bb. —
Mareuse, Wien, medic. Wochenschr. 1900 Nr. 10; Zukunft 1899 Nr. 32. —
H. Mead, Opera medica, 3. Aufl., I pars 5; IL Goettingae 1748 f. — *i. M. »7.
Mouclier , Essai sur l histoire chronologique de la medecine grecque depuis les
temps les plus recules jusqu'ä Hippocrate, These, Bordeaux 1887. — *l*aidy-
Iflssowft, Real-Encyclopädie d. class. Altertumswissenschaft, Stuttg. 1894 ff', [un-
vollendet). — «7. E. Petreqiiin, De Vetude des medetins de Vantiquite, Lyon 1858.
— * PhilippsoH, "Tkrj dvö-pconivT], Berol. 1831, I 1 n. 2. — Pingel, Fleckeisens
Jahrbb. f. class. Philol. 1895 S. 183 ff. — * Prosopographia Imperii Romani saec.
I. IL III, I ed. Elimarus Klebs, Berol. 1897; II ed. Herrn. Dessau, 1897; III
ed. Paulus de Rohden et Herrn. Dessau, 1898. — *F. Pitccinotti, Medicimi
antica, besorgt v. Salvatore de Renzi, Napoli 1860. — Qititzmann, Med.
Central-Ztg. 1847. — F. Schneller, De honoribus medicorum ap\id veteres, Lips.
1732. — H. Schelenz, Pharmazeut. Ztg. LXXVIII, 1899; ders., Frauen im
Reiche Aeskulaps, Berl. 1899. — Scoutetten, Gazette hebdomadaire de Bordeaux X
73 ff. — Franz Spät, Münch. med. Wochenschr. 1896. — * M. Steinschneider,
Yirchows Archiv f. pathol. Anat. CXXIV, 1891; Beihefte z. Centralblatt f. Biblio-
tliekswesen XII, Leipz. 1893. — * Franz Snsemihl, Gesch. d. griech. Litt, in d.
Alexandrinerzeit, I Leipz. 1891 S. 777 ff.; II 1892 S. 414ff. — * Konttt. Tsintsi-
ropoulos, La medecine grecque depuis Asclepiade jusqu'ä Galien, Paris 1892.
— * Uffelniann, Sammlung gemeinverständl. ivissensch. Vorträge von Tirchotv
und von Holtzendorf 18. Ser. Heft 418, Berl. 1883. — * Vnger, Wien, mediz.
Wochenschr. 1888. — * Vercmitre, Rev. archeol., nouv. Serie, 21« annee vol. 39,
Paris 1880 S. 99 ff.; vgl. die Kritik von Dechanihre, Gazette hebdomadaire de
medecine et de Chirurgie XXVII, 1880 S. 689 ff. — Welcher, Kleine Schriften,
Teil in, Bonn 1850. - * Wellmann, Fleckeisens Jah-hb. f. ckiss. Philol. CXXXVII,
1888 S. 152 ff.; *CXLV, 1893 S. 675 ff.; * Hermes XXIII, 1888 S. 556 ff. —
A. Witkoivski, Le malqu'on a dit des medecins, i« ser., Paris 1884. — Wright,
Medical Standard VI, Chicago 1889.
Auch bei den einzelnen Zweigen der griechischen Heilkunde ist
es unmöglich, die Monographien allgemeinen Inhalts aufzuführen. Es
werden daher, zunächst für Anatomie und Physiologie, nur die-
jenigen Werke genannt, die sich wesentlich mit Griechenland be-
fassen.
* Choulant, Graphische Incunabeln f. Naturgesch. u. Medicin, Leipz. 1858.
— Fröhner, Anthropologie des vases grecs. Rev. des deux mondes 1873. — G-ilis,
L'anat. plastique, ses origines, ses progres. Montpellier medical, suj^pl. III, 1892. —
*Jos. Hyrtl, Antiquitates anatomicae rariores, Vindob. 1835; Onomatologia anat.
Gesch. u. Krit. d. anat. Sprache d. Gegemo. u. s. w., Wien 1880. — Lahoidhene,
Revue scientifique XXXVIII; ders. Union medicale 1887. — * Longg, Dissertatio
hist. med. de ph. veterum, Roterod. 1833. — * Morel, De vocabulis partium corporis
in lingua graeca metaphorice dictis. Diss. Genevae 1875. — * Lukas Papaioannes,
Aimrofitnä fieKer'';u.aTn afayaoöitevu sh rova agxaiovg ?X.Xrivas imoovs, sv UsioKitl
1882. — C. Pauli, Ueber d. Benennung der Köriiertheile d. Indogermanen, Progr.,
Stettin 1866. — *Roh. Jtitt. von Töph/, Studien z. Gesch. d. Anat. im Mittelalter,
Leipz. u. Wien 1898. — * Welcher, Kleine Schriften, Teil III, Bonn 1850.
Die Hauptwerke über die allgemeine Geschichte der Anatomie
und Physiologie werden am Schlüsse des Werkes zusammengestellt.
Von diesen schlagen besonders auch für die griechische Wissenschaft
ein: Gölicke 1713; 1738; Douglas 1715; Portal 17701f.; von
Haller 1774ff.; Lassus 1783; Lauth 1815; Eble 1836; Burg-
160 Robert Fuchs.
graeve 1840; Daremberg 1841ff. (s. Galenos); Medici 1857;
Falk 1871 (s. Galenos); Schrutz 1895 (s. Hippokrates).
Pathologische Werke:
* Godofr. Grüner, Morborum antiquitates, Vratislaviae 1774. — * Chirlt,
s. Chirurgie. — *Aug. Hirsch, Handb. d. Mst.-geogr. P., 2. Aufl., Stuttg. 1881, I.
— * S. ab Oeconomicus, De p. generali veterum Graecorum, 1833. — F. Pruner,
Die Krankheiten d. Orients, Erkingen 1847. — Quitzmann, Darstellg. d. Ziistandes
d. Med. u. d. vorzüglichsten Krankh. in Griechenl. Med. Central-Ztg. 1847. — E<Iin.
Stern^ Historisches zur path. Terminologie, Diss., Leijpz. 1885. — Wertner, Wien.
mediz. Presse XX, 1879.
Unter den allgemeineren verdienen Beachtung: Blackfard 1896;
Haeser 1839ff.; A. von Haller 1757ff.; Heusinger; Monti 1898;
Nemnich 1801 (Lexikon); Eibbert 1899 u. a. m.
Werke über Therapie:
* Ch. Fiessinger, La therapeutique des anciens maitres, Bulletin de ther.,
Paris 1895 ff. — «7. E, Hebenstreit, Palaeologia th. qua veterum de morbis curandis
pilacita potiora recent. sententiis aequantur, ed. Grüner, Halae 1778. — Sahnten,
Dogmata veterum et recentior. medicor. eorumque in praxi medica usu, diss. Dwpat.
1811. — * Moriz Tihanyi, Die ther. Kenntnisse d. Griech. im Alterth. Klinikai-
füzetek Heft XU, Budapest 1897.
Chirurgische Hilfsbücher:
*^f?. Albert, Beiträge z. Gesch. d. Ch. 2 Hefte, Wien 1877 f. —^DiKÜey,
Journal of the Maine medical Association XII, Portland 1896. — *F. Gitrlt,
Gesch. d. Ch. u. ihrer Ausübung. Berl. 1898 (s. auch III 810 ff.). — Hoffa, Deutsche
medic. Wochenschr. 1900 iVr-. 16. — (Heinr. üohlfs), Allg. u. differentielle Charak-
teristik d. ch. Klassiker s. Janus V, 1882 S. 313 ff.
Allgemein gehaltene chirurgische Werke: Bernstein 1822;
Dujardin et Peyrilhe 1774ff.; Gesner; Gründer 1859; Häser
1879; A. von Haller 17741f.; Hebra 1842; Hecker in Rusts ch.
Handwörterbuch IV 6131f.; Manget; Miller; Peyrilhe; Portal
1770; Rigels; Sprengel 1805if.; St. H. de Vigiliis von
Creutzenfeld 1781; Zeiss 1862 ff. Die berühmten Sammlungen
alter chirurgischer Schriftsteller sind die collectio Veneta, Parisina,
Tigurina und Florentina. Die bedeutendsten Ausgaben sind: Veterum
medicorum chirurgia quaedam antehac desiderata Graeca et Latina,
Florentiae anno 1754 (Sorani unus de fracturarum signis, Oribasii
puo de fractis et de luxatis e collectione Nicetae ab antiquissimo
et optimo codice Florentino descripti etc. ab Antonio Cocchio);
Chirurgia e Graeco in Latinum conversa VidoVidio Florentino inter-
prete etc., Paris 1544.
Die Gynäkologie wird behandelt von:
*e7. Astriic, Tratte des maladies des femmes. Avec un catalogue chronol.
des medecins qui ont ecrit sur ces maladies, 3 Bb., Avignon 1763. — * F. C F.
jBachimont, Documents pour servir ä Ihist. de la puericulture intra-uterine,
Diss., Paris 1897198. — *Th. BartJiolinns, Antiquitatum veteris puerperii Synopsis,
Hafniae 1646 \ Amstel. 1676. — *L4. XprjariSrjg, 'Ap/aia 'EXXrjvncr] ywatxsioXoyia
u. s. IV. (s. Hippokrateslitteratur). — * Fabricitis, Bibl. Graeca XII 699 ff. —
* Commentarii Gynaeciorum physicus et chirurgicus ed. C. Hauliinus, 3 Bh.,
Basil. 1586. — * Gynaecia ed. Spachius, Argentorati 1595, fol. — Caspar Wolph,
Gynaeciorum sive de mulierum affectibus commentarii etc., Basil. 1586. —
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 161
* Gynaeciorum sive de niulierum affectibus commentarii Graecorum, Latin., Barbar,
jam olim et nunc recens editorum, Basil. 1784. — Die Gynäk. des Alterthums. Von
Edward W. Jetiks aus Chicago in Illinois. Nach d. Engl, bearb. v. Prof. Dr.
Ludw. Kleinwächter. Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr. von Hnr.
u. Gerh. Rohlfs VI 41 ff., Leipz. 1883. — Kleimvächter s. Jenks. — * Fr. B.
Osianderf Denkiciirdigkeiten f. d. Heilkunde u. Geburtshülfe, 3 Bb., 1794 f. —
D. J. Z. Flatnev, Panegyrin medicam indicit et de arte obstet, veter. disserit,
lAps. 1735. — Prochownich; Archiv f. Gynäk. XXIII 1 ff'. — Schilder, Medic.
Post 1894. — *Ed. Kasp. Jah: von Siebold, Versuch einer Gesch. d. Geburts-
hülfe I, Berlin 1839. — *JR. Stumpf, Die Gesch. d. Ehelebens, der Geburtshülfe,
der körperl. u. geist. Erziehg. der alt. Römer, Berl. 1896 [Aus „Deutsche Medizinal-
Ztg. 1895). — *jP. Site, Essais hist., litteraires et critiques sur Vart des accouche-
ments, Paris 1779, 2 Bb. — Welcher, Kleine Schriften III 185 ff., Bonn 1850.
— Wertner, Deutsch. Archiv f. Gesch. d. Medic. u. medic. Geogr. von Hnr. u.
Gerh. Rohlfs VI 71 ff., Leijyz. 1883. — G. J. Withowski, Tetoniana; anecdotes
hist. sur les seins et l'aUaitement, comprenant l'hist. du decolletage et du corset,
Paris 1898.
Schliesslich wären für die Pharmakologie zu nennen:
L. Andre-Pontier, Hist. de la j)h , Paris 1899. — * J. Berendes, Die Ph.
bei d. alt. Culturvölkern, 2 Bb., Halle a. S. 1891. — lierthelot, Journal des savants
1895 S. 382 ff. — Luiffi Boinani, Introduzione alla storia della farniacia in
Italia, 2 Fase, Bologna 1897 u. 1899. — * G. Camus, L'historique des preniiers
herbiers, Genes 1895. — Cap, Gazette medicale de Paris 1850 S. 355 ff. — * Cr.
l>ragendorff. Die Heilpflanzen d. versch. Völker u. Zeiten. Ihre Anwendg,.,
wesentl. Bestandtheile u. Gesch., Stuttgart 1898. — *F. A. Flilchiger, Archiv d.
Ph. 1876; Ders., Pharmakognosie des Pflanzenreiches, 3. Aufl., Berl. 1891 s. den
„Geschichtlichen Anhang". — FrederAinff, Grundzüge d. Gesch. d. Pharmacie,
Göttingen 1874. — * Bnd. Kobert, Hist. Studien a. d. ph. Institut d. Kaiserl.
Univ. Dorpat I— V, 1889 ff. — 3£arch, Apotheker u. Drogist 1893 Xr. 4 f. —
Philippe, Gesell, d. Apotheker, Jena 1859. — * Pölchan, Studien üb. d. Einfluss
der bedeutendsten medic. Systeme alt. u. neuer. Zeit auf die Ph., Diss.. Dorpat 1861.
— Schelenz, Pharmaz. Ztg. LXXVIII, 1899.
4. Die Heilkunde bei Homeros und den Homeriden.
1. Brendel, De Homero medico, Diss., Vitebergae 1700. — :2. Buchholz, Die
homerischen Realien, Leipz. 1871 ff. — 5. Dareniberg, Rev. archeol. XII 1865 S. 95 ff. ;
La medecine dans Homere etc., Paris 1865 ; Etat de la medec. entre Homere et Hippocrate
etc., Paris 1869 [auch Rev. archeol. IX, juillet 1868); Grundzüge der homer. Psychol.,
Zeitschr. f. Psychiatrie VI. — 4. Dunbar, The medicine and surgery of Homer, Brit.
med. Journ. 1880. — 5. Friedreich, Die Realien in der lliade u. Odyssee, 2. Aufl.,
Erlang. 1856. — 6. Frölich, Baracken im Troj. Kriege, Virchotvs Archiv LXXl
[1877); Sanitäre Gedanken über den Chiton der Homerischen Helden. Virchotcs
Archiv LXXIII, 1878; Die Militärmed. Homers, Stuttg. 1879; Ueber Leichen-
verbrennung nach Homer' s Gesängen, Janus II, 1897'98 S. 248 ff. — 7. Houdart,
Hist. de la medec. grecque depuis Esculape etc., Paris 1856. — 8. Hyrtl, Antiquitates
anatomicae rariores, Vindob. 1835. — 9. Kerkhoren, De Machaone et Podalirio
primis medicis militar'ibus, Groningae 1838. — 10. Knott, The medicine and
surgery of the Homeric poems, Dublin Journ. 1895, Decbr. ff. — 11. Küchen-
meister in Günsburgs Zeitschr. f. Min. Med. VI 1 ff. — 12. Kunis, Les choses
medicales dans Homere, Annales de In Societe de medecine II, Anvers 1889. —
13. Lichtenstädt, Versuch einer Darstellg. der in d. homer. Gesängen obwaltenden
Ansichten über Xafiir- u. Heilkunde, Heckers literar. Annaleti der Heilkunde 1827,
S. 257 ff. — 14. Malgaigne, Etüde sur Vanat. et la physiol. d" Homere, Paris 1842 ;
Sur V Organisation de la medec. et ch'ir. avant Hippocrate, Journ. de medec. et de
chir. 1846. — 15. Bichter, Das Traumleben der homer. Griechen, Europa 1885. —
16. Seymour, Homeric viands, Transactions and proceedings of the American philo-
logical association XXX 1899. — 17. Terpstra, Antiquitas Homerica, Lugd.
Bat. 1831. — 18. Virchotv, Alt- Trojan. Gräber u. Schädel, Abhandl. der kgl. Akad.
d. Wiss. zu Berlin 1882. — 19. Welcher, Kleine Schriften, Theil III, Bonn 1850.
— Soweit künstlerische Darstellungen homerischer Scenen in Frage kommen, vergl.
z. B. Albert, Les Grecs ä Rome. Les medecins grecs ä Rome, Paris 1894 S. 7 ff.
Brian in der Reime archeol. 1885. — Darernberg (s. unter 3). — Gurlt, Gesch.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. 1. 11
162 Robert Fuchs.
der Chir. und ihrer Äiisühg., Berl. 1898, I94f. — Hoffa, Ein Meiner Beitrag zur
Gesch. d. Chir., Deutsche med. Wochenschr. 1900 Nr. 16. — Löwy, Telephos' Ver-
loundung, Archaeol.-epigraph. Mittheil. IV, 1880. — Mai, lliadis fragme.nta anti-
quissima cum picturis etc., Mediol. 1819. — Pnnoflia, Bilder antiken Lehens,
Berl. 1843. Hierher gehören auch die Schale des Sosias in Berlin sowie Athener
Schalen und die in römischer Zeit beliebten Wandmalereien (Pompeji), die der freien
Phantasie entsprungen sind.
Alles das, was wir über die griechische Heilkunde um das Jahr
1000^) wissen, entnehmen wir dem ältesten erhaltenen Dichtwerke
der Hellenen, der Ilias und Odyssee des sagenumwobenen Homeros,
und, zu einem kleinen Bruchteile, den kyklischen Dichtern. Es finden
sich da beiläufige Erwähnungen des Dämonen- und Heroen glaubens,
der Entsühnung, der Magie, der Antidota, der Speisen und Getränke,
des Badens und Salbens, endlich werden auch chirurgische Szenen
kurz angedeutet (17 S. 3; 18 ff.; 43 ff; 133 ff.; 181 ff.; 339 ff.). Die
anatomischen Kenntnisse sind noch gering, da sie nur auf den Er-
fahrungen aus der Opferschau und aus der Verwundetenpflege be-
ruhen. Die Körperteile werden sehr mannigfaltig bezeichnet (3), die
Beschreibungen der verletzten Stellen sind treffend und anschaulich.
Das Leben liegt im Hauche; das Substantivum Ttveü^ia ist allerdings
noch nicht gebräuchlich (II. 17, 447; Od. 18, 131). Der Hauch ist der
Träger der geistigen Thätigkeit (Od. 19, 138; nsTivvfievog = verständig)
und der Affekte (Od. 22, 203). d-vf-ibg bedeutet Leben, Lebenskraft,
Sinn, Gesinnung, Gemüt, Mut, Zorn, Verlangen, Gedanke und lässt die
Vorstellung dieser Lebensäusserungen als Hauch noch erkennen in der
Redensart ^vf-ibv anonveiEiv, das Leben aushauchen. Der Sitz des
Lebensgeistes sind die cpQsveg, Zwerchfell; der griechische Ausdruck
kann daher dieselben Bedeutungen annehmen wie d-vf-iög. Der im Tode
ausgehauchte oder aus der Wunde entweichende Lebensodem, ipvxri,
führt als „Seele" im Hades ein Traumleben. Wie die Adern der Sterb-
lichen mit Blut, so sind die der Unsterblichen mit Lymphe {Ix^q) ge-
füllt (IL 5, 339 ff. ; 416) ; denn die Götter geniessen statt des blutbilden-
den Fleisches und Weines unvergängliche Nahrung, Nektar und Am-
brosia. Asklepios erscheint als thessalischer Fürst und kundiger Arzt.
Seine Söhne Podaleirios '0 und Machaon treten nur in der Ilias als
Militärärzte und Kämpfer auf. In dem anscheinend jüngeren 11. Buche
der Ilias führt Nestor den verwundeten Machaon zur Pflege nach seinem
Zelte. Ebenda bittet der am Schenkel durch einen Pfeilschuss ver-
letzte Eurypylos den Patroklos, die Spitze auszuschneiden, das Blut
mit lauem Wasser abzuwaschen und die mildernden cp(XQ(.iayM (Kräuter)
aufzulegen, die ihn Achilleus und diesen wiederum der Kentaur Cheiron
kennen gelehrt habe. IL 16, 28 erzählt Patroklos, wie die tapfersten
Helden der Griechen von den Aerzten mit vielen Mitteln wundärztlich
behandelt werden, und der Scholiast Aristarchos merkt an, dass in
dem Heere eine Mehrzahl von Aerzten thätig sei, die man nach schol.
Vict. zu IL 13, 213 Eegimentsärzte nennen könnte {y-ara edriq yaq
r^aav = sie lagerten nach Völkerschaften). Nach IL 2, 729 ff. be-
herrschen die beiden Asklepiaden Trikka, Ithome und Oichalie. Zu
IL 11, 514 f. erläutern Eustathios (859) und schol. Townleianum unter
Berufung auf die "Iliov TtÖQdiqaLg des Arktinos, dass Machaon der erste
^) Die Gewährsmänner lassen einen Spielraum von fast 500 Jahren.
'^) Im Canon medicorum Laurentianus erscheint er als ärztlicher Schriftsteller
in der Form „Podarilius".
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 163
Chirurg, Podaleirios der erste Vertreter der inneren Medizin und der
Psychiatrie sei (Feststellung des Wahnsinns des Aias; vergl. 3); hier
ist aber Poseidon und nicht Asklepios der Vater. (Näheres bei von
Wilamowitz-Möllendorff, Isyllos von Epidauros, Philolog. Unter-
such. IX, Berl. 1886, S. 45 if.) Die 141 beschriebenen Wunden, welche be-
handelt werden, sind oberflächliche, penetrierende oder Quetschwunden.
Neben der Ausschneidung der Fremdkörper findet sich das Ausziehen
in beiderlei Richtung. Die Blutung wird gestillt, die Schmerzen werden
durch Auflegen von Umschlägen oder Aufstreuen gestossener Wurzeln
gelindert ; dann wird ein Verband angelegt. Als Instrument wird das
Messer, fÄaxaiQa, verwendet. Als Arznei wird nur eine Mischung ver-
ordnet, die aus Zwiebeln, Honig, Ziegenkäseschabsein und Mehl in
pramnischem Weine besteht. Beschwörungen (eTtt^öai), mit singender
Stimme vorgetragen, lördern die Heilung. Heilkundige Frauen sind:
die Halbgöttin Kirke und die Kräuterkennerinnen Agamede und die
Aegypterin Polydamna. Letzterer verdankt Helene die Kenntnis vieler
Pflanzenmittel, besonders des cpüg^iaxov vr^TtevSeg = „Trauerlos"; die
in Wein gelöste Arznei (wohl Mohnsaft = Opium, nicht aber Hanf
oder Bilsenkraut) macht alles Leid vergessen (Od. 4, 220 if.). Bei
Ovidius (Heroid. V) erscheint auch noch Oinöne als Aerztin. Da die
Aerzte bereits als Demiurgen, d. i. im öffentlichen Dienste stehend, be-
zeichnet werden (Od. 17, 383 if.), hat es natürlich auch schon früher
Aerzte gegeben. In der Kleinen Ilias heilt Machaon die durch
Schlangenbiss erzeugten Wunden des Philoktetes ; Podaleirios wird
nicht genannt. In den späteren Bearbeitungen des Sagenstoflfes finden
sich widersprechende Berichte über die beiden Asklepiaden, deren
Namen sogar verwechselt werden. Bei den Ausgrabungen von Ilion
fanden sich u. a. vier 6 [Monate alte Embryonen, die nur durch Ab-
treibung oder den Kaiserschnitt ans Tageslicht gekommen sein können
(von Oefele, Anticonceptionelle Arzneistoffe, Heilkunde, Wien 1898,
S. 26). Golden ist das Urteil des Homeros über den ärztlichen Stand :
hjTQbg yctQ ävrjQ 7co/J.Cov ävtä^iog lilliov = „denn ein Arzt wiegt viele
andere auf- (II. 11, 514; vergl. Od. 4, 231 f.).
5. Die griechischen Heilgötier, Heroen und Dämonen. Asklepios
und die Asklepiaden.
Aus der gewaltigen Litteratur über die griechischen Heilgötter
seien nur einige Werke herausgehoben:
1. Hertsch, Meeresriesen, Erdgeister und Lichtgötter in Griechenl, Progr. d.
Gymn. in Tanberbischofsheim 1900. — 2. Köt'te, Die Attischen Heilg. und ihre Kult-
stätten [34. Abteiig. des Xaturf.- und Aerztetages in Düsseldorf 1898). — 3. Nägels-
bach, Homerische Theologie, 2. Aufl., Nürnberg 1861. — 4. Panofka, Die Heilg.
der Griechen, Abh. der Berl. Akad. d. Wiss. 1843 S. 157 ff. — 5. Pauly-Wissotva,
Real-Encyclopädie d. class. AltertumsivissenscMft, Stuttg. 1894 ff. {unter dem betr.
Namen). — 6. UoP.ixjjs, AI dad'iveiai xard rovs ^vd'ovs rov skkt]vi}<ov Xaov. 'Ev
Ad-r]vais. — 7. Preller, Griech. Mythologie, 4. Aufl. bearb. v. Robert^ Berl. 1894. —
8. Mubensofm, Das Aushängeschild eines Traumdeuters. Festschrift Joh. Vahlen
z. siebenzigsten Geburtst. gewidm. v. seinen Schul., Berl. 1900 S. Iff. — 9. Welcher,
Kleine Schriften, Theil III, Bonn 1850. — Dämonen: 10. Höfler, Centralblatt
f. Anthropol. V, 1900, Iff. ~ 11. Bibbeck, Beden und Vorträge, Leipz. 1899,
I Nr. 3. — 12. Jtoscher, Ausführl. Lexikon d. griech. u. röm. Mythol, Leipz. 1884 ff. ;
Ephialtes, Abh. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss., philos.-hist. Gl., XX, 2, Leipz. 1900.
— 13. ITkert, lieber D., Heroen und Genien, Abh. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss.,
philol.-hist Cl, I, Leipz. 1850. — Heroen: s. Nr. 13. — Böser Blick: 14. Jahn,
11*
164 Eobert Fuchs.
Ueber d. Aberglauben des b. B. bei den Alten, Ber. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss.,
phüol.-hist. Ct., VII, Leipz. 1855 S. 28 ff. — Asklepios: 15. Anderson, Brit.
media. Journal II, 1887. — 16. ßmev, Expositio veteris inscriptionis de Aesculapio
et Hygea diis hominum amantissimis, Altorf. 1742. — 17. Joh. u. Theod. Bau-
nack, Inschriften aus d. AsMepieion v. Epidauros, Leipz. 1886 ; Philologiis 1891;
1895 S. 16 ff. [Litteraturbelege). — 18. Hernays, Ueber den unter d. Werken des
Apulejus stehenden hermetischen Dialog Asclepitis. Monatsber. der Königl. Preuss.
Akad. d. Wiss. zu Berlin, Bert. 1872, 500 ff. {Entstehungszeit des untergeschobenen
Dialogs: Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr.). — 19. Bischoff, Kauf u. Verkauf
von Priesterthümeni bei d. Griechen, Rhein. Mus. K. F. LIV 1899, 9 ff'. — 20. ßriau
im Dictionnaire des antiquites; s. auch Gazette hebdomadaire 1875. — 21. Caton,
Brit. medic. Journal 1898, 1 1509 ff. — 22. Courtois-Sufflt, Archives gener. de
medec. II, 1891 S. 576 ff. — 23. Defias et Leehat, Epidaure, Paris 1895. —
24. Dibbelt, Quaestiones Coae mythologae, Diss. Gryphisv. 1891. — 25. Diels in
Nord und Süd XLIV, 1888. — 26. r. IMhn, Archäol. Ztg. 1877, 139 ff. —
27. Eschweiler, Ueber die Namen und das Wesen des griech. Heilgottes, Gymn.-
Progr., Brühl 1885. — 28. Festa in Atene e Roma l'll, 1900, Nr. 13. — 29.
Fötaler, American Journal of archeol. III, 1887. — 30. Franchetti, Le guarigioni
di Asclepio. Atene e Roma III, 1900, Nr. 17. — 31. Gauthier, Recherches hist.
sur Vexercice de la medec. dans les temples chez les 2'>ßuples de Vantiquite, Paris et
Lyon 1844. — 32. Crvosshanser, Aesculap und Hippokrates, Wien ohne Jahr. —
33. Herrlich, Epidaurus, Berl. 1898. — 54. Hirschberg, Gesch. d. Augenheil-
kunde im Altertimm, Leipz. 1899 § 30. — 35. Hoffniann, Die Tratimdeutg. in den
Asklepieen, Zürich 1881. , — .36. Kftbbadias (= Carvodios), 'Efrj/xe^is «(>;t;a<o-
loyiitfi 1885 ; Fouilles d' Epidaure I, Athenes 1891. — 37. Kehule, Bidlettino delV
Instituto di corrispondenza archeologica per Vanno 1865, Roma 1865, S. 263 ff. —
38. Körte, Janus III, 1898 S. 178 f.: 'EfrjisQls aQxaioXoyty.r; 1885; Mittheil, des
Kais. Deutsch. Archäol. Instituts. Athen. Abth. XVIII 231 ff.; XXI 287 ff. —
39. Malgaigne, Sur les Asclepiades et les Asclepions, Lancette Francaise 1872. —
40. Merriatn, Gaillard^s medical Journal, Washington 1885; Boston medical and
surgical Journ. CXII, 1885. — 41. JPanofka, Asklepios und die Asklepiaden, Abh.
d. Kgl. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1845, Berl. 1847 S. 271'Jf.; 327 ff. — 42. PeUe-
grini, Lapide votiva ad Esculajno. Belluno 1890. — 43. Piccoloniini in Nuova
Antologia XLIV, 1893. — 44. Premier, Rhein. Mus. XLIX S. 313 ff. — 45. v.
Mittershain, Der medic. Wunderglaube und die Incubation im Alferthum, Berl.
1878. — 46. V. Sollet, Asklepios und Hygieia, die sogenannten Anafhemata für
heroisirte Todte, Berl. 1878; Zeitschr. f. Numism. V. — 47. Schäfer, Neue
Jahrbb. f. Philol. CXXII, 1880. — 48. Urlichs, Asklepios und die Eleusinischen
Gottheiten, Jahrbb. d. Vereins von Alter thumsfreimden im Rheinlande, Heft 87,
Bonn 1889. — 49. Vercoutre, La medecine sacerdotale dans Vantiquite grecque.
Revue archeol. ser. III tome 6 f. 1885 f. — 50. Wertner, Aeskulap und seine Nach-
kommen, Wien. med. Presse XX, 1879 Sj). 1093 ff. — 51. Welcher, Kleine Schriften,
Theil III, Bonn 1850. — 52. Wilder, The A,sclepiads, the physicians of archaic
and ancient times, Transactions of the natural ecleciic medical association VI,
New Yor'k 1877 f. — 53. Wolters, Darstellungen des Asklepios. Mitth. des Kaiserl.
Archäol. Instit. zu Athen XVII, 1892, 1 ff. — 54. Zacher, Hermes XXI [1886)
S. 467 ff. — 55. Ziehen, Studien zu den Asklepiosreliefs, Mitth. des Kais. Archäol.
Instit. zu Athen XVII, 1892, 195 ff. ; 229 ff. — Die Verzeichnung der Litteratur
für die einzelnen Kultusstätten und Heilgötter würde zu weit führen.
Die Macht, Menschen zu heilen, zu verschönern und zu verjüngen,
in ihrer äusseren Gestalt umzubilden, zu töten oder zum Leben zu er-
wecken, verständig zu machen oder zu bethören, wird nicht nur bei
Homeros, sondern ganz allgemein zunächst allen Gottheiten zugeschrieben
(3). Daher wurden über dem Hauseingange die Namen der verschie-
densten IvOLoi, ccTTOTQÖnaioi, dle^iy.ay.oi, äXe^ijAOQOL. d. i. Abwehrer,
Heiland, angebracht. Darum heisst es noch Anthol. Graeca ed.
Jacobs V 41 ^= Brunck, Analecta II 325 Nr. 39: ,.— der Isis —
Zorn II Oder wer sonst blind macht von den Himmlischen". So wird
denn auch der Tod auf die verschiedensten Gottheiten zurückgeführt und
erscheinen als Urheber der Pollution {dv€iQtoyf.iög) neben einander: Pan,
die Seirene, Hekäte, Gello und ein besonderer daif^imv (= Daemon
meridianus). Später wurden besondere Gottheiten Träger der Heil-
Geschichte der Heilkiiude bei den Griechen. 165
funktion oder ihres Gegenteils. Aphrodite ist die Urheberin aller
geschlechtlichen Vorgänge und der Geburt (schon IL 5, 429; Od. 20,
74 f.). Apollon ist der Gott der Heilkunde und Götterarzt; er wird
auch Paieon, Paion oder Paian genannt. Zahlreiche Beinamen deuten
teils seinen wohlthätigen {irfiog)^ teils seinen unheilbringenden Einfluss
(«xßTjj/jo'/og, h.iqßolog, ylvTÖto^og) an. Mit dem Pfeile tötet er die
Frevler, während er andererseits seine Geliebte Korönis wieder zu
beleben sucht (Ovid., metam. II 618) und bei der Korönis = Aigla und
Euadne geburtfördernd eingreift. Er gilt als Erfinder der Heilkunst
und wird im sog. hippokratischen Eide als ir^rgög = Arzt angerufen.
Des Musengottes Schwester Artemis ist das weibliche Gegenstück zu
ihm. Ihr weihen in Brauron die Jungfrauen die erste Monatsbinde,
sie lindert die Wehen der Frauen und heilt Blindheit, aber sie ist
zugleich die unerbittliche Todesgöttin. Athene sendet bei Homeros
den Freiern Wahnsinn und verleiht ihren Günstlingen Kampfesmut.
Sonst erscheint sie als dcp&aXiitlTig = dorisch oTCzühig, Augenschützerin.
Dionysos wirkt auf das Befinden der Menschen durch seinen Wein.
Hades ist der Todesgott, der Bräutigam des jungfräulich sterbenden
Mädchens. Hermes berückt mit seinem Zauberstabe die Augen und
erweckt die verzauberten Menschen. Er sendet den Schlaf (Hypnos)
und Träume, verfügt über Zauberkräuter (fiwXv, tQuodd-Ktvlog) und"
führt die Seelen der Toten zum Schattenreiche. Poseidon gilt manchen
als Vater des Asklepios. Auf Tenos wurde er als iaxQog verehrt. Der
Kyklope erwartet von ihm Heilung seiner Wunde (Od. 9, 520). Gott-
heiten minderen Ranges stehen neben den olympischen Göttern und
bilden allmählich den Uebergang zum Menschengeschlechte. Dem
Hades leistet der unterirdische Fährmann Charon seine Dienste, doch
erscheint er erst in byzantinischer Zeit als Todesgott. Aus dem alle-
gorischen Bilde des Totseins bei Homeros, Thanätos, ist, z. B. in der
Alkestissage, ein mächtiger Gott geworden, der bald als mürrischer
Greis, bald als wehmütig teilnehmender Jüngling gedacht wird.
Eileithyia = „die Kommende" leistet bei Geburten Beistand, von den
Moiren, und zwar besonders von Lachesis, unterstützt. Sie ist bald
als Einheit, bald als Mehrheit in der Vorstellung des Homeros lebendig.
Nach stoischer Tradition ist sie mit Hekäte identisch. Sie jagt den
Menschen Schrecken ein, verwendet ihre unheimlichen Kräuter zu
Zauberspuk und Mord, verliert dann ihren Charakter als feindseliger
Dämon, und ihr Kultus geht schliesslich in dem der Artemis auf. Von
dieser hat die Tochter des kolchischen Aietes und Gattin des läson,
Medeia, ihre Zauberkünste und Giftmischerei gelernt (Ttaf-upäQ^iaxog
= alle Mittel kennend; vergl. Lunäk, Zur Medeasage, Philologus
LI = N. F. V, 1892 S. 739f.; Zielinski, ebda. L = X. F. IV, 1891
S. 148). Pan, der Hirtengott, sendet den panischen Schrecken, der
für eine Art Epilepsie oder Manie gehalten wurde, das Alpdrücken
und Träume besonderer Art, wie sie auch die Dämonen Ephialtes^)
oder Pnigalion, die Seirenes, Empusai. Lamiai oder Mormolykiai (vergl.
Goethes Gedicht .,Die neue Sirene", Gödeke I 112; Unger, Zur
Sirenensage. Philologus XL VI 1888, 770 ff.) verursachen sollen. Gleich-
^) Ausführliche Litteraturangaben bei Höfler, Der Alptranm als Urquell der
Kraukheitsdämonen. Janns V liWO S. 512 ff. ; Röscher, Ephialtes, eine pathol.-
mythol. Abhandl. über die Alpträume u. Alpdämonen d. klass. Altert. Abh. d. Kgl.
Sachs. Ges. d. Wiss., philos.-hist. Cl. XX Heft 2, Leipzig 1900.
166 Robert Fuchs.
falls der geschlechtlichen Sphäre gehören an Priäpos und dessen
attische Vertreter Tychon, Orthänes und Konisälos. Die krallen-
füssigen Harpjien verkörpern den alles dahinraffenden sicheren Tod.
Dessen verschiedene Arten werden in den Keres (auch die Einzahl
„die Ker" findet sich), den Kindern der Nj'x = Nacht, personifiziert.
Als Totengöttin der noch nicht Erwachsenen erscheint die auch wegen
ihrer Unzüchtigkeit geschmähte Gello, eine in ein Gespenst verwandelte
lesbische Jungfrau, unter dem Schutze der d^eol itargCpoL stehen einzelne
Familien oder Familiengruppen ; die Eömer verehrten im gleichen Sinne
die genii loci. Helene steht als y.ovQotQÖcpog den Lakedaimonierinnen
bei Geburt und Kinderaufziehung gnädig bei. Als „Abwehrer" (^Ae^tg)
und später als Schutzgott der Athleten wird Herakles verehrt. Für
die Heilwissenschaft wichtig ist die Personifikation des „rechten Augen-
blicks" im Kairos, der dem Homeros noch fremd ist, aber bei Ion und
Sophokles als jüngstes Kind des Zeus und Beistand der Mutigen be-
sungen wird. Der Palästra entnommen, fand er in Lj^sippos seinen
herrlichsten bildnerischen Darsteller. In der Gestalt abgezehrter
Nimmersatte schildert Kallimachos (hymn. in Cerer. 103) die Dämonen
Bulimos und Bubröstis, d. h. Heisslmnger und Hungersnot. Der Gott
Podagra ist eine scherzhafte Erfindung des spöttischen Philosophen
Lukiänos. Aus der Urzeit erhielt sich in Rhamnus und Oröpos der
Kultus des Amphiaräos, eines chthonischen Gottes (38). Ihm Avurden
Nachbildungen der geheilten Körperteile geweiht. Bildliche Darstellungen
schliessen sich an den Zeustypus an. (Vgl. Corpus inscript. Graeciae
septentrionalis I 303; 3498; über seine Verehrung in Athen neben
Asklepios: J. Ziehen, Studium zu den Asklepiosreliefs, Mittheil, des
Kais. Archäol. Instit. in Athen XVII 1892, 249.) Speziell in der Attike
ist der Vorgänger des Asklepios der „Abwehrende", Alkon^) =
Amynos (38). Den Namen des Sohnes des Alkon, Phaleros, trägt der
altathenische Hafen Phaleron. Aber auch in Athen wurde zwischen
1892 und 1895 ein Heiligtum des Amynos zwischen Markt und Burg
aufgedeckt. Der in dem heiligen Bezirke gelegene Brunnen musste
bereits im 6. Jahrhunderte v. Chr. aus der Wasserleitung des Peisi-
strätos mit gewöhnlichem Wasser gespeist werden. Die Inschriften
(5. — 1. Jahrh. v. Chr.) sind dem Amynos, Asklepios oder beiden ge-
widmet. Aus ihnen ergiebt sich, dass Dexion, d. i. der nach seinem Tode
heroisierte Tragiker Sophokles, als Priester des Amynos den Asklepios,
der später zum Staatsgotte erhoben wurde, in das Heiligtum einziehen
liess und durch einen Paian verherrlichte. Die Weihgeschenke stellen
die Adoration Genesender oder vielfach die geheilten Glieder dar
(vergl. Katalog der histor. Ausstellg. f Naturw. u. Med., Düsseldorf
1898 S. 19 f.). Aristomächos ist dei" Name eines ärztlichen Heros
(f;^wg iaxQog). Sein Grab lag in Marathon, wo er verehrt wurde. Mit
ihm scheint der ^'. i. b ev äorsi (d. i. in der Stadt -[Athen]) zusammen-
zuhängen (vergl. Corp. inscr. Attic. II 403 f; Rohde. Psyche 174, 3;
Hirschfeld, Hermes VIII 350ff.; von Sybel, a. a. Ö., S. 43). Pseud-
hippokrates, de diaeta IV = de insomniis c. 5 = 90 (bei mir I 367 u.)
empfiehlt, den Heroen im allgemeinen nach schlechten Träumen zu
') lieber seine Beziehungen zu Eleusis s. '£ftifi. apy/uo/.. 1890, S. 1171; 1892,
S. 115. Die Inschriften wurden im Norden Athens gefunden. Zur Litteratur vgl.
Curtius. Die Stadtgesch. von Athen, Berl. 1891, S. L; 210; von Sybel, Hermes
XX 41 if. '
Geschichte der Heilkunde bei den Griecheu. 167
opfern. Die Heroen sind die „Welirer", die aTtoTQÖTiaioi, und werden
nach ihrer Apotheose in heiligen Bezirken, arj-Aoi, verehrt. Der Heros
besitzt ein Denk- oder Grabmal, fjQqtov, teilweise mit Kapelle und
Baumeinzäunung. In Olj^mpia beteten die Kranken Polydämas an,
in Theben Hektor. Lukianos erwähnt den heroisierten Skythen
Toxäris, der in Athen unter dem Namen „Der fremde Arzt" {^€vog iazQÖs)
besonders bei Fiebern angerufen wurde (13 S. 192). Die Stoiker
lehrten unheilstiftende Heroen fürchten, deren nächtliche Begegnung
Schlagfluss, Geisteskrankheit und andere Leiden bringe (Pseudhippocr.
de morbo sacro, bei mir II 547 tf.).
Die Dämonen ^), öaif^oveg, waren ursprünglich die Götter selbst,
von Hesiödos an meist neben den Göttern stehende männliche oder
weibliche Wesen, die alle Eäume füllen. Im Genienglauben der Römer
findet sich der griechische Dämonismus getreu nachgebildet. Die
Dämonen zerfallen in gute und böse (Namen bei Pollux, onomast. V
26 § 131). Die aufgeschriebenen Namen der ersteren schützen den
Eingang der Häuser vor bösen Geistern und sind ein gutes Omen.
Dem Glücklichen = dlßioöaifxojv (Hom. II. 3, 182) steht der /.a/.odaiiuov
= Unglückliche, besonders der Komödie, gegenüber. Die Dämonen
heilen auch Krankheiten ihrer Schutzbefohlenen, gleichwie sie sie
hervorrufen, Begierden erzeugen und den Tod bringen (Diog. Laert."
8, 33; Cic, de div. I 3; II 58; Porphyr., de abst. II 37; Aret, de morb.
chron. I 9 bezüglich Epilepsie ; HesychTos und Phaborinos s. v. Jaggiöv
= Makedonischer Dämon). Auch an hundeartige Dämonen glaubten
viele ; das sind die Seelen bösartiger Toten, die aus dem Grabe kommen,
um den Lebenden Krankheit, Wahnvorstellungen und Verderben zu
bringen. Die Geister wurden, soweit man überhaupt ihre Existenz einräumte
(Plut., de Stoic. repugn. 37; Sallust. Emes., de diis ed. Gale p. 266),
durch Kräuter, Steine und Buchstabenspuk (rä 'Ecpioia yQdi.if.iaxa =
Ephesische Buchstaben, Lucian. Philopatris 16 ; Apoll. Tj^an. III 38 etc.)
gebannt.
Den bösen Blick (dfpduhiog TtoviqQog, 6. cpOvvsQog, ßa(r/.avia)
machen unschädlich: Amulette mit Götterbildern oder Namen von
Göttern (Tyche, Eros, Aphrodite, Athena, später Saräpis, Harpokrätes),
Bilder des nackten Körpers, besonders des weiblichen oder kindlichen
in typischer Stellung, oder menschlicher Körperteile (Hand, Auge, Geni-
talien), Darstellung von Löwenköpfen, Schreckbildern (Medusa), Karika-
turen ■-) und Leitern, Anwendung des Gegenzaubers oder Fluches,
Schellen, eiserne Nägel, Knoblauch, Gladiatoren- oder Yerbrecherblut,
Spucken in den eigenen Busen oder in den eines anderen, endlich
Entblössung des Körpers (14).
Mit Mythologie und Medizin standen auch noch folgende Natur-
erscheinungen in enger Beziehung: die XaQ(xtv{E)ia oder nlovxtoveia
= spiracula Ditis = Höhlen mit schädlichen Ausdünstungen (z. B. am
Maiandros in Kleinasien); die Traumorakel im Amphiaräosheiligtum
in Oröpos und das P}i;hion des Apollon in Delphoi in Phokis; die
Wundergrotte des Trophonios in Lebadeia in Boiotien; die Erdfeuer
des Berges Moschylos auf Lemnos ; die namentlich Euboia, den Kopais-
^1 Vg'l. du Prel, Die Mj'stik der alten Griechen, Leipz. 1888.
^) Hierher gehört auch der häufig gefundene nackte Zwerg mit unförmigem
Kopfe, dickem Bauche und heraushängender Zunge. Es ist wahrscheinlich ein
phönikischer Gott, der über Aegypten (deshalb „Aegyptischer Herakles") einwanderte.
Hesychios nennt ihn Gig(n)on. Sonst heisst er auch ndraiv.os.
168 Robert F\ichs.
See, Delplioi, Lakonien und die Inseln heimsuchenden Erdbeben; die
verschiedenen Dampf- und Wasserquellen, als die Solfatara von Susaki
(Schwefelwasserstoff und Kohlensäure), die Kohlensäurequellen bei
Hierapölis in Phrygien, die Schwefelquellen bei Thermopylai (Hgccylsia
lovxQcc = Heraklesbäder), die Mineralquellen auf Kos, die, wie alle
übrigen, erst durch die Pneumatiker zu Ehren kamen, und in Epi-
dauros, die heissen Quellen auf Melos (Hippocr. epid. V 9; bei mir
II 224), Polyaigos, Kimölos, Methöne, am Isthmos (Bäder der Helene),
die stark gashaltige Quelle bei dem ältesten Orakel in Dodöna etc.
Ehe wir uns zu Asklepios wenden, bedarf das gewaltige Gebiet,
das wir unter der Bezeichnung „Mythische Medizin" ^) zusammenfassen
können, wenigstens der Erwähnung. Nach R o s c h e r s *) Zusammen-
stellung gehören hierher : 1) der Gesichtskrampf (zt'tov =^ xvvubg anaof-WQ
= Hundekrarapf) der Pandareostöchter ; 2) das Leiden der Proitiden:
Wahn, in weisse Kühe verwandelt zu sein, Stimmenveränderung,
Grind, Linsenmal {äXcp6g\ Haarverlust und Satyriasis, Heilung durch
Nieswurz vom Seher Melampus bewirkt; 3) des Herakles Hautleiden
(xjjcoQo), durch Schwefelbäder (s. o.) vertrieben; 4) desselben Helden
letztes Leiden, verursacht durch von der Hydra stammendes Pfeilgift
und bestehend in starkem Jucken und Krämpfen; 5) der Epiäles =
Alpdruckdämon, von Herakles erwürgt; 6) des Minos ansteckende
venerische Krankheit, durch ein Ziegenblasen-Condom unschädlich ge-
macht -) und durch Alraun beseitigt ; 7) die Läusesucht (cp^eiglaaig)
des Peliassohnes Akastos; 8) des Aison, Vaters des lason, angebliche
Vergiftung durch Stierblut; 9) die Pygalgie (Steissschmerzen) der
Reisige des Agamemnon; 10) das Lemnische Frauenleiden {Arn-iviov
/.a/Mv) = foetor oris et pudendorum; 11) der Heisshunger des Ery-
sichthon; 12) die Cheironischen , d. i. unheilbaren, schmerzhaften
schwärenden Wunden, besonders an den Füssen; 13) ähnliche, nach
Telephos benannte Wunden mit Eiterung; 14) Wahnsinn, sporadisch
oder epidemisch, z. B. des Herakles, Orestes, Aias und der lo und
Ino oder der Tyrrhenischen Seeräuber, der Proitiden, Thebanerinnen ;
15) die mit Xoiuög bezeichneten und gewöhnlich mit „Pest" übersetzten
Seuchen von Ilion, Athen, Tanagra; 16) zwei Hundekrankheiten:
Lethargie und Kynanche (eine Art Bräune); 17) Kyn- oder Lykan-
thropie, von Pan über Hirten verhängt (Long, pastor. 3, 23).
Der Mittelpunkt aber der mythischen und religiösen Medizin des
Altertums ist A s k 1 e p i o s , bei Homeros und Hesiodos ein thessalischer
Fürst (s. Kap. 4). Sein Name lautet 'JaxXrjTtiö:, dialektisch "Joylamög,
'Ao/.'kani6g, 'Aoyl.aTiitov, Ataxlaßiög, Jtlo/ilarctög und Aiaxlartievg, lateinisch
Aisc(u)lapius, Aesculapius. Der Ursprung dieses Wortes ist unauf-
geklärt. ^) Sein Kultus ging von dem Phlegyer- und Minyerlande =
Thessalien-Magnesia aus. Die thessalische Sage nennt Ischys, den
■') 1. IToXiTTjs. AI aad'epeiaL y.ara roiiq iivd'ovg rov sXXrjvixov Xaov, ev Ad'/jvaig o. J.
2. V. Sybel, Die Mythologie der Ilias, Marburg 1877 ; 3. Röscher, Die sogen. Phar-
makiden des Kypseloskasteus, Philologus XL VIT = N. F. I, 1889 S. 703 ff.; Die
„Hvindekrankheit" {kvcdv) der Pandareostöchter und andere mythische Krankheiten,
Rhein. Mus. N. F. LIII, 1898 S. 169 ff.; 639 ff.
-) Heibig, Ein Condom im Altertume, Reichs-Medizinal- Anzeiger XXV, 1900
S. 3 f.
') Thrämer bei Pauly-Wissowa, Real-Encyclopädie der class. Altertums-
Avissenschaft II, Stuttg. 1896, Sp. 1642 ff. — Deutungsversuche Sp. 1643. — Litteratur
ebda. Vgl. noch Rubensohn, Das Aushängeschild eines Traumdeuters (Festschrift
Joh. Vahlen zum siebenzigsten Geburtst. gewidm. v. sein. Schul., Berl. 1900, S. 1 ff.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 169
Sohn des Lapitlieiikönigs Elätos, als seinen Vater, Korönis, die Tochter
des Phlegyas, als seine Mutter. Nach der Ilias (II 729 ff.; IV 202)
stammen die Asklepiossöhne Machäon und Podaleirios aus Trikke,
Ithöme und Oichalie. Sie und ihr Vater sind schlichte Heroen, erst
in der späteren Sage wird Apollon zum Vater des Geschlechtes ge-
stempelt. Der Kentaur Cheiron unterweist ihn auf dem Pelion in
der Kräuterkunde (II. IV 219) und gesellt ihm die Schlange als Be-
gleiterin bei. Die Phokaier verehren Asklepios als ihren Stammvater
{^QXay€Tag). Die älteste Kultstätte in der Peloponnesos ist Titane bei
Sikvon; dort finden sich die thessalischen Schlangen wieder, ausser-
dem bekleidete Statuetten. Gründer des Tempels ist der Sohn des
Machäon oder Asklepios, Alexänor. In Arkadien gelten Arsippos und
Arsinöe als Eltern des Asklepios. Auch die Messenier eigneten sich
den Gott an, indem sie die in der Ilias genannten Stammsitze nach
ihrem Lande verlegten; Vater ist Apollon, Mutter die Tochter des
Leukippos, Arsinöe, Gattin Xanthe. Machäon soll die als Heilgötter
verehrten Söhne Xikomächos und Gorgäsos gezeugt haben. Argölis
hängt vollständig ab von der epidaurischen Sagengestaltung. Nach
der inschriftlich erhaltenen Darstellung des Isyllos^) ist Aigla, auch
Koronis genannt, des Asklepios Mutter, sein Vater Apollon. Von
Epidauros wanderte der Kultus weithin, nach der Akropolis von Athen
420 V. Chr., Balagrai in der Cyrenaica. Kos, Taras = Tarentum, Rom
(zur Vertreibung der Pest 293 v. Chr. wird der Schlange auf der
Tiberinsel ein Heiligtum errichtet). Sonst zeichnen sich durch den
Asklepioskultus noch aus: Tithorea in Phokis; Acharnai, Peiraieus,
Eleusis in der Attike, Sikyon (Goldelfenbeinstatue von Kalämis) ; Argos ;
Gerenia, Pharai, Messene in Messenien; Leuktra, Sparte, Epidauros
Limera in Lakonien; Lebena auf Kreta (Heilungen s, Philologus 1889
S. 401 f.; 1890 S. 577 ff.); Kyrene; Rhodos; Melos; Kalymna; Burina
auf Kos (Krankengeschichten von Hippokrates benutzt nach Strab.
XIV 657: Varro bei Plin. XXIX 4); Knidos; Syrna in Karlen; Samos;
Pergamon (Aristid. serm., 2. Jahrh. n. Chr.); Kroton in Bruttium. Als
Lehrer des Asklepios tritt neben Cheiron Apollon auf (Diodor. V 74).
Thrämer zählt folgende Wunderkuren des Asklepios auf: 1. der
wahnsinnigen Töchter des Proitos von Tiryns; 2, der erblindeten
Phineiden; 3. des blinden Epidaurierkönigs Askles (daher angeblich
Asklepios = "Aa/lr^g -f- r^itLog = mild) ; 4. des an der Hüfte verletzten
Herakles ; 5. des Iphikles durch Ttäva/.eg ^keyvrjiov (=== Heilwurz) ; 6. der
zahlreichen Toten, für deren Erweckung ihn Zeus mit dem todbringenden
Blitzstrahle bestrafte. Das Gorgonenblut aus der linken Ader be-
nutzte er zur Schädigung, das aus der rechten zur Heilung (Apollod.
III 10, 3, 8). Nach seiner Tötung wird Asklepios entweder als
Schlangenträger unter die Sterne versetzt oder in den Olympos er-
hoben. Die Gräber des Asklepios sind unterirdische Kultstätten
(aövTa), so am Lusios in Arkadien und in Kynosürai in der Attike.
Cicero (de nat. deor. III 57) unterscheidet 3 Aesculapii: 1. den von
den Arkadern verehrten Sohn des Apollon und einer Unbekannten,
2. den von Zeus getöteten und bei Kynosürai begrabenen Sohn des
Ischys und der Koronis, 3. den am Lusios bestatteten Sohn von
^) von Wilaraowitz-Möllendorff, I. von Epidauros = Philolog. Unter-
such. IX, Berl. 1886 11 if.: 89 ff.; Cavvadias, Fouilles d'Epidaure I, Athenes
1893, Nr. 7.
170 Kobert Fuchs.
Arsippos und Arsinoe. Als Gattin erscheint neben Xantlie (s. oben)
Lampetie, Tochter des Helios, oder Hipponöe oder Epiöne. Treffend
scheidet Thrämer bei den Kindern die hygienische oder iatrische
Seite. Ersterer gehören an: 1. die jungfräuliche Hyg(i)eia, besonders
in Titane, doch auch in Epidauros verehrt, von der zahlreiche Bild-
werke erhalten sind; 2. Euamerion, Dämon in Titane; 3. die jugend-
liche Aigle = Glanz; letzterer: 1. Panake(ia) (Pseudhipp. iusiur.);
2. laso; 3. Akeso; von männlichen: 4. Akesis; 5. laniskos (Aristoph.
Plut. 701 schol.) ; 6. Telesphöros ; 7. Machaon und 8. Podaleirios gelten
in der "lUov rcögOrjoiq als Söhne des Poseidon. Machaons Söhne sind :
Nikomächos, Gorgäsos, Polemokrätes, Sphyros, Alexänor. Der Gott
ist chthonischen Ursprungs (Schlange, Inkubation, Orakel). Seine
Funktion ist die Eettung (z. B. vom Ertrinken). Heilung Kranker und
Erhaltung Gesunder.
Von den ärztlichen Beinamen des Asklepios sind einige bezeich-
nend, so iazQÖg, 'Irjiog u. s. w. = Arzt, Koxvlsvg = Becherreicher,
"Og&iog = Erector, naiäv u. s. w. == Helfer, IiorriQ == Retter. Als
Attribute seien hervorgehoben : Schlange, Hund, Ziege, Mohn, Zange (?),
Schröpf köpf (?), Schale, Bücherrolle, Tafel, Cypresse, Keuschlamm, Lor-
beer, Stab (meist Schlangenstab). Der Gott spendet seine Hilfe während
des Schlafes im Tempel (lyMifirjaig = incubatio), teils persönlich, teils
durch Schlange oder Hund. Das Traumbild giebt auch bloss Rat-
schläge, meist übernatürlicher, auch wunderlicher Art. Die erhaltenen
Geschichten dienten zur Erbauung und Bethörung der Opfer arg-
listiger Priester. Wirkliche Heilungen kommen bloss bei M. Junius
Apellas (v. Wilam. — Möllend. a. a. 0.) und in einer verstümmelten
Inschrift in Betracht, auch bei einigen Rhetoren (vgl. auch Plaut.
Curculio). Die Tempel ärzte dürfen mit den traumdeutenden Priestern
nicht verwechselt werden; sie heissen „Diener", „Söhne des Gottes"
(Asklepiaden) oder „Assistenten" {Cdxooot vnodQuJvreg). Von ihren Ver-
diensten erzählten die kölschen nivocxsg = Tafeln, die Hippokrates
studierte (Strab. VIII 374; XIV 657; Plin. h. n. XXIX 4). Sie Hessen
bei der Behandlung natürlich keine Stellvertretung zu wie die traum-
deutenden Tempeldiener. Unterstützend traten zu den Eingriffen der
Aerzte hinzu: die gesunde Lage des Ortes, Aufenthalt in luftigen,
teilweise noch erhaltenen Zellen, Bäder, streng geordnete Lebensweise
und Leibesübungen.
6. Die medizinischen Kenntnisse der ältesten griechischen
Philosophen.
Die Wichtigkeit der Kenntnis der Philosophie für das Studium
der Heilkunde ist jederzeit anerkannt worden. In wie weit die Aerzte
diesen Grundsatz bekannten, wird an gehöriger Stelle jedesmal hervor-
gehoben werden. Von den Philosophen verkündete u. a. Aristoteles
(de sens. et sens. 1), dass der „Physiker", d. h. der Naturforscher, auch
über die letzten Ursachen von Gesundheit und Krankheit unterrichtet
sein müsse, und ebenda (Kap. 7) wird betont, dass Naturwissenschaft und
Heilwissenschaft bis zu einem gewissen Grade in gemeinsamen Grenzen
liegen. Die Philosophie, die erste, grundlegende und allumfassende
Wissenschaft, spürte, lange bevor es eine ärztliche Wissenschaft gab,
nach der Entstehung, Entwickelung, Abnahme und Vernichtung des
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 171
menschlichen Körpers, den Störungen seines Gleichgewichtes, der Art
und den Bedingungen seiner Lebensbethätigungen, den geistigen
Kräften und ihren Aeusserungen, den Winden, Klimaten, Jahreszeiten,
der Beschaffenheit und den Wirkungen der Nahrungsmittel u. ä. Die
Medizin bildete also einen kleinen Teil der Gesamtdisziplin, mit der
sie innig verwachsen war. Je mehr die Kenntnisse auf ärztlichem
Gebiete wuchsen, desto mehr trat naturgemäss das Bestreben der
Spezialisierung hervor. Hippokrates bestimmte zuerst die Grenzen
beider Fächer, indem er die Medizin auf eigene Füsse zwar stellte,
aber doch den noch bei Galenos nachklingenden Grundsatz im Wesen,
nicht in der Wortfassung festlegte : der beste Arzt ist zugleich Philosoph.
So lückenhaft unsere Kenntnis der ältesten griechischen Medizin ist,
so reichlich fliessen die philosophischen Quellen von Solons und Kroisos'
Zeiten an. Sie bieten uns daher einen wertvollen Ersatz für das un-
wiederbringlich Verlorene. So wünschenswert es wäre, die Uebergänge
und das Uebergreifen der einen Wissenschaft in die andere darzulegen,
so gebieterisch heischt der dem Griechentum zugewiesene Raum die Be-
schränkung auf rein medizinische Thatsachen.
Von den alten ionischen Philosophen erklärte Thaies von Miletos
(etwa 624— 548 5 v. Chr.) das Wasser für den Grundstoff aller Dinge.
Sein Mitbürger und Zeitgenosse Anaximandros nahm als Anfang
{&Qyiri) von allen Dingen das Unbegrenzte (aTtsigov), die unendliche
Stoffmasse, an. Die Menschen sind als fischähnliche Lebewesen aus
der flüssigen Erde hervorgegangen. Sein Schüler und Landsmann
Anaximenes erklärte die Luft und den wehenden Hauch {TTvevf^a)
für das allem zu Grunde Liegende. Eine doppelte Veränderung der
Luft findet statt, die Verdünnung = Erwärmung und die Verdichtung
= Erkältung. Hippon aus Rhegion (2. Drittel des 5. Jahrh. v. Chr.)
ging von dem Feuchten (vyQÖv) aus und erklärte die Seele als eine
aus dem Samen entwickelte Feuchtigkeit. Die^) Krankheiten be-
ruhen auf dem Uebermasse des Feuchten oder auf seiner Verminderung
durch Austrocknen, doch auch auf Dick- oder Dünnsein der Feuchtig-
keit. Auf die aus diesen Ursachen entstehenden Krankheiten selbst
ging Hippon nicht ein. Die „Gefühllosigkeit und Trockenheit" der
Greise soll auf Feuchtigkeitsverminderung zurückzuführen sein. Das
Weib sondert auch Samen ab, jedoch nicht zum Zwecke der Frucht-
bildung. Zuerst entwickelt sich beim Embrj-o der Kopf, zuletzt Nägel
und Zähne. Die Ausbildung erfolgt meist in 60 (oder 40?) '^) Tagen, kann
sich aber auch 4 Monate hinziehen. Diogenes von Apollonia (etwa
430) schloss sich an Anaximenes an : die vernunftbegabte Luft bewirkt
das körperliche und geistige Leben. Dem Erdschlamme sind die Lebe-
wesen entstiegen. Ueber den Verlauf der Adern hat uns Aristoteles
(hist. anim. III 2 p. 511 b 30 f.) ein Fragment des Diogenes überliefert,
dem die Schilderung in Pseudhippocr. de morbo sacro VI (III) = bei
mir II 553 f. sehr nahe kommt. Es giebt 2 Hauptadern, die der Leber
(fiTtaTirig) und die der Milz {aTthqvlrig). Beide verästeln sich nach den
Füssen und dem Kopfe und berühren auch das Herz. Die Adern
{(pUßeii) führen unterschiedslos Blut und Luft. Von Aorta, Hohlvene,
Carotis und Jugularis finden sich schwache Andeutungen. Auch der
Puls {(pleßonalia) war ihm bekannt (Erotian. ed. Klein p. 131, 14 f).
^) Anon. Londiu. 11 (Beckh-Spät S. 16).
2) Fredrich, Hippokratische Untersuchungen, Berl. 1899 S. 128 A. 3 f.
172 Robert Fuchs.
Auf Pseudliippocr. de flat. hat die Lektüre des Diogenes zweifellos ein-
gewirkt. Was über die Beeinflussung anderer sogenannter hippokra-
tischer Schriften vorgetragen wird, bezeichnet Fredrich^) unter An-
gabe der Litteratur mit Eeclit als üeberschätzung seines Einflusses.
Zur Lehre des fiyei.ioviY.ov == des „herrschenden Teiles" der Seele
bringt W e y g o 1 d t treffliche Beiträge. -) Der Vergleich des Menschen
mit der Pflanze arQariwTTjg (= „Soldat" = Pistia stratiotes L. =
Muschelblume), der sich Anon. Londin. 6, 22 ff. (Beckh-Spät S. 10)
findet und darin beruht, dass der Mensch mit der Nase so in der Luft
wurzle wie jene Pflanze mit ihren Wurzeln im Wasser, braucht keines-
wegs auf Diogenes zurückzugehen.
Durch die Zahlenlehre des Pythagöras von Samos (etwa 575
V. Chr. bis zur Jahrhundertwende), der von seinen mittleren Jahren
ab in Kroton in Unteritalien lehrte, wurde die Heilkunde, und zwar
vermutlich erst nach seinem Tode, nur in so fern gefördert, als die
Lehre von den kritischen Tagen auf seiner Theorie beruht. Als Arzt
erforschte er den Bau des Tierkörpers und sann er über die Zeugung
nach. Alles tierische Leben entsteht nach ihm aus dem Samen, nicht
aus faulenden Stoffen. Ohne über die Seele genauere Untersuchungen
anzustellen, führte er auch sie auf die Zahl zurück. Er schied die
Seele und den Verstand (vovg) von den Affekten {S-ci-wg). In der Be-
handlung Kranker soll er erfahren gewesen sein, wobei ihm die
Kenntnis der Heilwirkungen der Pflanzen und des Sühneverfahrens
zu statten gekommen sein soll. Der von ihm gegründete Mysterien-
verein legte den Mitgliedern eine reine, gesunde Lebensweise auf, be-
stehend in Leibesübungen, Musik und wissenschaftlichen Studien (u. a.
der Medizin), Massigkeit, Enthaltung von Fleisch und Bohnen, Nicht-
tragen von Wollkleidung und Genuss von Meerzwiebeln, deren Essig,
Kohl, Anis (z. B. bei Skorpionenbiss, Epilepsie) und Senf. Seine Lehren
gestaltete der (jüngere?) Zeitgenosse des Sokrates Philoläos von
Kroton aus. Die physischen Eigenschaften wies er dem Gebiete der
5 zu, die Seele dem der 6, den Verstand, die Gesundheit und das
Licht dem der 7, Liebe, Klugheit und Einsicht dem der 8. Das
Menschliche verlegte er in das Gehirn, wo der Verstand (vovg) seinen
Ursprung (ccqxcc) hat, das Tierische in das Herz {^vf.i6g = Begierde),
das Pflanzliche (nach Zeller ,.Anwurzlung und Wachstum") in den
Nabel, alles dreies zusammen (nach Zeller „Besamung und Erzeugung")
in die Geschlechtsteile. Nach ^) ihm besteht der Körper aus Warmem ;
er bildet sich in der gleichfalls warmen Gebärmutter. Sofort nach
der Geburt wird aber die kalte Luft eingeatmet und, nach erfolgter
Kühlung der inneren Teile, wieder ausgestossen. Krankheitsursachen
sind Galle, Blut und Schleim. Die Galle ist Fleischsaft {i%ioQ oag-Mg) ;
sie hat also mit der Leber nichts zu thun und ist unnütz. Durch
Zusammenpressen des Fleisches entsteht Blutverdickung und umgekehrt
Der Schleim wird durch den Eegen erzeugt und ist, wie sein Name
cpleyi-m = „Brand" besagt, warm. Wohin der Schleim gelangt, da
verursacht er Entzündung. Zu viel oder zu wenig Wärme oder
Nahrung u. a. sind unterstützende Ursachen der Erkrankung. Die
Einreihung des Blutes unter die Krankheitserreger nähert ihn den
^) A. a. O. Iudex.
2) rieckeiseus'jahrbb. f. class. Philol, CXXIII, 1881 S. 508 ff.
3) Anou. Loudin. 18; 20 (Beckh-Spät S. 251; 28).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 173
Koern und trennt ihn von den Knidiern. Alkmaion von Kroton^;
war noch ein Jüngling, als Pythagoras schon ein Greis war. Er war
höchstwahrscheinlich Arzt, doch auch Physiolog. Chalkidios (comment.
in Plat. Timaeum p. 279 Wrobel) berichtet, dass er sich um die
Anatomie des Auges verdient gemacht habe. Es ist leider nicht
sicher zu entscheiden, ob hier .,exsectio" Herausnahme des Auges oder
Zergliederung, nämlich von Tierleichen, bedeutet; Letzteres nehmen
an : Z e 1 1 e r , W i n d e 1 b a n d und H ä s e r. Ausser dem Tastsinne ver-
mutete er „Gänge" {tzoqoi) der Sinnesorgane nach dem Gehirne, das
Sitz der Seele ist und den Samen erzeugt. Er stellte den Adern,
(pXißeg, blutführende Adern, aliiÖQQooi cp., gegenüber, erkannte also bei
den Sektionen die fast blutleeren Arterien. Da bei ihm der Schlaf
durch Zurückstauung des Blutes in die blutführenden Adern erklärt
wird, hat er also die an der Leiche gewonnene Anschauung auf den
lebenden Körper übertragen. Gewiss führte er den Ursprung aller
Adern auf den Kopf zurück. Er behauptete (Aristot. hist. anim.
I 11, 492 a 14), dass die Ziegen durch die Ohren atmeten, und wurde
deshalb von Aristoteles gescholten, der sich selbst die Entdeckung der
Eustachischen Röhre zuschreibt (a. a. 0. 19). Auch die Luftröhre, dQtrjQir],
kannte er. Das Kind entsteht aus der Vereinigung des männlichen
und weiblichen Samens; sein Geschlecht hängt von dem üeberwiegen
der einen oder anderen Samengattung ab. Zuerst bildet sich "der
Kopf, damit der Mund schon im Uterus die Nahrung aufsauge. Krank-
heit und Gesundheit richten sich nach dem Fehlen oder Vorhandensein
des Gleichgewichts der Elemente (Feuchtes, Trockenes, Kaltes, Warmes,
Bitteres, Süsses u. s. w.). Aehnlich ist der Grundsatz der hippokratischen
Pathologie. Alkmaion schrieb nur e i n Werk, das die alexandrinischen
Bibliothekare 7C6qI cpiaeiog (Ueber die Natur) betitelten; es war das
erste Werk über ^Medizin. Aristoteles bekämpfte es in dem verlorenen
Buche TiQog xa UlvMakovog, hielt es also für echt. Das Buch war
bereits zur Zeit des Simplikios (etwa 530 n. Chr.) verschollen und
sonst wenig citiert, wenngleich Alkmaion, der eigentliche Vater der
Medizin, auf die Hippokratiker und Empedokles, Anaxagoras und
Demokritos wesentlich eingewirkt hat.
Epicharmos, der Vertreter der dorisch-sicilianischen Komödie
(etwa 550—460 v. Chr.), war nicht Pj'thagoreer, sondern Eklektiker.
Als sein Vater wird Hel(i)othäles (oder Philothales?), -) als sein
Bruder M e t r o d ö r o s von Kos genannt, doch ist deren Zugehörigkeit
zum Asklepiadengeschlechte und Aerztestande noch nicht ausgemacht.
Epicharmos schrieb u. a. über den Kohl, der als innerliches und
äusseres Heilmittel diente.
Xenophänes ausKolöphon (etwa 575— 480 v. Chr.), als Rhapsode
Hellas durchwandernd, bis er in Elea in Lucanien eine Philosophen-
schule gründete, erklärte die Gottheit, das Ein .und Alles, für den
') Gomperz, Griech. Denker, Leipz. 1896, 1119 ff.; Kühn, Car. Gottl., opusc.
medica acad. I 69 ff.: Unna bei Petersen, Hist.-philol. Studien, Hamburg 1832:
loann. Wacht 1er, De Alcmaeone Crotoniata, Lips. 1896, auch als Berliner Disser-
tation 1896.
^) Elolathes bei Häser. 3. Aufl. I 78, ist falsch (Herzog, Koische Forschungen
u. Funde, Leipz. 1899, S. 200 f.). Nach lambl. vita Pythag. 34 ist Metrodoros viel-
mehr Sohn des Thyrsos. des Vaters des Epicharmos : hingegen ist nach Diog. Laert.
Vni 1, 5; 3, 1 Elothales Vater des Epicharmos. Wie sich auch immer diese
Schwierigkeit lösen mag, sicher ist der, dessen Philosophie auf die Heilkimde über-
tragen wird (lambl.). Thyrsos und der Üebertragende Metrodoros.
174 Kobert Fuchs.
Urgrund alles Seins. Die Seele ist nach ihm Luft. Sein Lehrgedicht
TtEQi cpvoEiog (Ueber die Natur) ist nur in Trümmern erhalten. Das
eigentliche Haupt der Eleaten istParmenides aus Elea (geb. etwa 540
V. Chr.). Er lehrt, das Seiende, die den Raum füllende Masse, ist die
Wurzel aller Dinge, und mit ihm ist das Denkende identisch. Die
Sinne trügen, wahrhaftig ist nur die Vernunft (löyog). Der Wert der
Seele beruht auf dem Warmen als ihrem Träger, ipvxr] und vovg,
Seele und Verstand, sind noch nicht gesondert. Die Menschen sind
nach seiner Lehre, wie es scheint, aus dem Erdschlamme hervorge-
gangen. Das Geschlecht des Fötus hängt von dem Uebergewichte des
männlichen oder weiblichen Samens ab. Knaben entstehen aus dem
rechten Hoden und in der rechten Gebärmutterhälfte und umgekehrt,
wie noch im Ausgange des 18. Jahrhunderts gewähnt wurde. Das
weibliche Geschlecht ist, wie bei den Knidiern, das wärmere ; denn es
hat mehr Blut; daher die Menses. Das Altern ist die Folge der
Wärmeabgabe. Zenon aus Elea (25 Jahre jünger als sein Lehrer
Parmenides) und sein Zeitgenosse Meli ssos von Samos können über-
gangen werden.^)
Herakleitos aus Ephesos (etwa 535 — 475) erklärt das Feuer
für den Urgrund der Dinge und beurteilt die Eeinheit der Seele nach
der Menge des Feuers. Alles ist in stetem Flusse. Daher täuschen
die Sinne leicht; nur die Vernunft vermittelt die Erkenntnis des
Wahren. Die in Anlehnung an Herakleitos verfassten Briefe gehören
etwa dem 1. nachchristlichen Jahrhunderte an. Der 5. handelt von
der falschen Heilkunde gegenüber der wahren Naturerkenntnis, der
6. bekämpft die Aerzte (B e r n a y s , Die Heraklit. Briefe, Berlin 1869). -)
Empedökles von Akragas (Agiigent) lebte etwa zwischen 495 und
435 V. Chr. und bethätigte sich auch als Arzt (Galen. X 5). Er ist
bei den Aerzten sehr beliebt. Seine Lehre ist von Alkmaion stark
beeinflusst, wie die beiden poetischen Werke cpvoiKd (= Ueber die
Natur) und xaO^aQf^ioi (= Sühnungen) zeigen. Die iazQL/A (= Aerzt-
liches) bildeten entweder einen Teil der dem Arzte Pausanias ge-
widmeten ersten Schrift oder waren selbständig. Der iazQiyibg löyog,
vermutlich dieselbe Schrift, verzeichnete Mittel, durch die man Krank-
heiten und Unglücksfälle fern halten könne. Die Dinge bestehen
aus den 4 qitdbuaTa (= Wurzeln oder Elemente): Feuer, Wasser,
Luft, Erde; ihre Eigenschaften beruhen auf der Mischungsart, die
durch Liebe und Hass geregelt wird. Aus der Erde wuchsen Glied -
massen hervor, die sich zu Ungeheuern und dann zu Menschen ver-
einigten. Naturgeschichte, Anatomie und Phantasie ergaben folgenden
Werdegang des einzelnen Menschen: Mann und Frau sondern Samen
aus ; ") die Frau ist kalt und feucht, der Mann warm und trocken ;
das Geschlecht richtet sich nach der Wärmemenge des Samens oder,
wie auch bei den Hippokratikern, nach der Menge des männlichen
oder weiblichen Samens ; nimmt die Frau kalte und feuchte Nahrung,
so wird sie eine Tochter gebären; Zwillinge entstehen, wenn viel
Samen fliesst und sich dieser gleichmässig in beide Uterushörner ver-
teilt. Die Aehnlichkeit der Kinder und der Eltern beruht also auf
') Vgl. Fredrich a. a. 0. S. 29 ff.; 132; Fuchs, Hippokrates I 189ff., An-
merkungen.
*) Vgl. unten Hippokrates, de nat. hom. und de diaeta.
^) Vgl. Fredrich a. a. 0., S. 127 A. 1 eine weitere Vermutung.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 175
Vererbung. Im Uterus bildet sich nun die Frucht, zuerst das Herz,
zuletzt die Nägel und Zähne. Ausgebildet ist sie in 40 Tagen, die
Knaben etwas rascher als die Mädchen; die Geburt tritt nach 7 — 10 Mo-
naten ein. Die Seele ruht im Blute, ist Blut; sie bewegt sich, wie
alle Teilchen der Dinge {dnoQQoaL), durch die Poren oder Kanäle
{tcöqol). Solche Kanäle bestehen für die Sinnesorgane, die Haut und
die Nahrung. Die Dinge werden durch ihnen Gleichartiges im Körper
wahrgenommen. Ton ihnen lösen sich Teilchen los und dringen in
die betreifenden Organhöhlen. AVenn z. B. gegen das Auge ein Strahl
vorrückt, so eilen ihm Feuer- und Wasserteilchen des Auges entgegen
und bewirken das Gesichtsbild. Der Schall wird im Ohrlabyrinthe
(Aet, de plac. philos. IV 16) aufgefangen und hängt von den Poren
ab, durch und gegen welche er sich bewegt. Indem sich das Blut in
der Brust senkt, bewirkt es das Nachströmen der Luft, d. h. die Ein-
atmung; das sich hebende Blut treibt die Luft aus und erzeugt so
die Ausatmung. Doch erfolgt die Atmung zum Teile auch durch die
Haut. Die Zusammensetzung der Knochen und Weichteile suchte
Empedokles zu ergründen. Die Gesundheit lässt er bemhen auf dem
Gleichgewichte der 4 Elemente. Endlich machte er sich um die sanitären
Verhältnisse seiner Vaterstadt verdient, denn er unterdrückte ungesunde
Erdausdünstungen durch Verstopfen einer Bergspalte ; ^) die schädlichen
Wässer des Flusses Hypsas verbesserte er durch Zuleitung frischen
Wassers, wie er denn überhaupt die Entstehung natürlicher Wässer
zu ergründen suchte. Die pestähnliche Seuche (Ao^.moc;) aber soll er
durch Räucherungen und brennende Scheiterhaufen vertrieben haben.-)
Sein Schüler Akron von Akrägas wird in den Canones medicorum
genannt. Empedokles verspottete ihn in einer Komödie. Nach Suidas
schrieb Akron eine Diätetik Gesunder {iiegl Tgocprjg vyuivwv), und zwar
in dorischem Dialekte. Die athenische „Pest' ist von ihm nach
Plutarchos durch Anzünden von Scheiterhaufen vertrieben worden;
doch war das jedenfalls eine frühere Seuche als die des Jahres 430 ff.
Dass er den Phänomenen besondere Aufmerksamkeit schenkte, ver-
leitete dazu, ihn als Begründer der empirischen Sekte zu betrachten,
mit der er nichts zu thun hat.
Die atomistische Schule gründete Leukippos aus Miletos oder
Elea, Empedokles' Zeitgenosse, Schüler des Parmenides. Er und sein
Schüler Demokritos von Abdera bezeichnen als Wurzel der Dinge
das Volle und Leere. Das Volle soll in zahllose unteilbare Bestand-
teile, äroua, zerfallen. Sie sind ewig unveränderlich und nur durch
Form und Grösse unterschieden. Alle Erscheinungen beruhen auf
Stoss und Druck der Atome, bei räumlicher Entfernung zwischen den
Dingen auf Ausflüssen. Die Seele ist eine Ansammlung der feinsten
Atome, also von Feuerteilchen. Sie ergänzt sich durch die Atmung,
durchdringt den Körper und giebt ihm Bewegung und Empfindung.
Die Wahrnehmungen erfolgen dadurch, dass sich Atome von dem
Objekte loslösen und die Seelenatome in Bewegung versetzen. Demo-
kritos, unter dessen Lehre viel Leukippisches verborgen sein mag,
wandte dieses auf die Einzelwissenschaften praktisch an. Die Orga-
') Eine auf dieses Ereignis, aher nicht auf Empedokles selbst geschlagene
Münze bespricht Thiersch, Epochen der bildenden Kunst unter d. Griechen, 2. Aufl.,
München 1829 S. 425. Vgl. Weicker, Kleine Schriften III, Bonn 1850, S. 43.
*) Vgl. unten Hippokrates : de vet. med., de nat. hom., de sem. und de diaeta.
176 Eobert Fuchs.
iiismen entstammen dem Schlamme. Mit der Anatomie der Tiere,
besonders des Chamäleons (z. B. bei dem angeblichen Besuche des
Hippokrates), hat sich Demokritos viel befasst. Bezüglich der Sinne
meinte er, sie täuschten jeden in anderer Weise über die Eigenschaften
der Dinge; daher sei unser Wissen lückenhaft und unsicher. Den
Puls (cphßoTiaUr]) kannte er. Namen und Wesen der Entzündung
{cpltyf-iovi]) erklärte er durch die Anwesenheit des Schleimes {(pleyiia).
Er sann nach über Fieber und Seuchen ; letztere sollen durch das Herab-
fallen von Himmelskörpertrümmern verursacht sein. Die Elephantiasis
(sc. Graecorum) soll er allein im frühen Altertum gekannt, beschrieben
und durch das Eindringen zähen Schleims in die Hautadern und
Klumpigwerden (d^goußovodai) des Blutes erklärt haben. Dabei fallen
die nekrotischen Hauterhebungen ab. ^) Wasserscheu soll auf Nerven-
entzündung beruhen. Viele Krankheiten verschulden die Dämonen.
Auch der Diätetik wandte er seine Aufmerksamkeit zu. In der Em-
bryologie leistete er Bedeutendes. Auch er glaubte an männlichen
und weiblichen Samen; je nach dem Ueberwiegen des ersten oder
zweiten entsteht ein Knabe oder Mädchen. Der Same selbst ist der
wirksamste Bestandteil des Menschen und hat am Seelenfeuer einen
hervorragenden Anteil. Auch die Weiber besitzen ein samenbildendes
Organ, Beim Embryo bildet sich zuerst der Nabel als Fruchthalter,
dann Kopf und Bauch, schliesslich die inneren Teile. Frühzeitig
spannen sich Sagen und Anekdoten -) um den sympathischen Philosophen,
und Bölos von Mendes vergrösserte die Verwirrung durch seine be-
kannte Schwindellitteratur. Die unter des Demokritos Namen gehen-
den Werke betreifen: den kleinen Diakosmos; die Natur des Menschen;
die irjTQt'/.rj yvw^nq = Aerztliche Anschauung;-') Sympathien und Anti-
pathien;^) die Anatomie des Chamäleons; Seuchen; Fieber; Husten,
Emprosthotonus, •^) Hundswut, Elephantiasis, *') die Epilepsie ; ') Pro-
gnostik; Diät, Arzneimittel, x«/(>o-/;fi)jza: = „Handfestes" (magische
Kräutermittel und Mittel für Tiere); ntgl ^vo(.iwv r/ '/.oyiyaJv y.avojv =
Ueber Ehythmen (d. i. über die Heilwirkung der Musik); *) Alchemie; ^)
Landwirtschaft. Dass Demokritos auch als Arzt thätig gewesen ist,
lässt sich nach dem Schriftenkatalog und Zeugnis des Satyros bei
Diog. Laert. nicht bestreiten. Strittig aber ist, mangels einer gründlich
zusammenhängenden Untei'suchung, welche Schriften oder welche Ge-
danken in ihnen echt sind oder sein können (vgl. Fabricius, Bibl.
Graeca II 633 ff. ed. Harl.). Die Frage kann nur nach Sammlung der
1) Fuchs, Anecd. med. Graeca, Rhein. Mus. XLIX 1894, S. 557 f.!
2) Vgl. Anon. Lond. 37, 35 ff. (Beckh-Spät S. 60f.; 106 f. = Diög. Laert. IX
43) über seinen Tod. Ueher Demokritos und Hippokrates s. unten Hippokrates.
*) Ueber „Seelenheilkunde" handelnd nach Gromperz, Sitz.-Ber. d. Kais. Ak.
d. Wiss., philos.-hist. KL, CXXII S. 4, Wien 1890, der es für echt hält.
*) Unecht. — Der pseudhippokratische vofws {=^ lex) wird bloss von v. Wilamo-
witz-MöUendorff, und zwar ohne Grund, für deniokritisch angesehen (Gom-
perz a. a. 0. CXX 1889, S. 184).
*) Vielleicht kein selbständiges Buch.
•*) Verworfen von Fredrich a. a. 0., S. 42 A. 2: Wellmann, Die pneumat.
Schule bis auf Archigenes u. s. w., Berlin 1895, S. 25.
"') De morbo sacro des Hippokrates-Corpus ist dem Demokritos aus thörichten
Gründen beigelegt Avorden : Nachweis bei Hippocr. ed. Ermerins II p. XXX f.
*) Gell., noct. Att. IV 13. — Rezepte bei Marcellus Empiricus, Serenus u. s. w.
**) Die in dieses abseits gelegene Gebiet schlagenden Pseudonyma sind noch
längst nicht vollständig zusammengebracht, geschweige abschliessend behandelt.
Vgl. einstweilen Oder, Rhein. Miis. XLV 70 ff.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 177
Pseudodemocritea und Vergleichung mit den Bruchstücken und Zeug-
nissen über Demokritos gelöst werden; denn auf Demokritos fussen
viele Meinungen späterer Aerzte, z. B. des Asklepiades.
Anaxagöras aus Klazomenai in Kleinasien (etwa 500—428
V. Chr.) setzte an die Stelle von Urstoff und ürkraft die vernünftige
Weltseele (vovg), die die physikalischen Veränderungen in der Welt
regele. Die Masse besteht aus unendlich kleinen und vielen unver-
änderlichen, aber teilbaren Teilchen, Gold aus solchen Goldteilchen,
Silber aus Silberteilchen u. s. w,; das ist die später so benannte
Homöomerientheorie. Die Lebewesen stammen aus dem Erdschlamme
und sind von dem Geiste erfüllt, der durch die unvollkommenen
Sinnesorgane die Wahrnehmungen geschehen lässt. Jede Sinnes-
thätigkeit ist mit einer Art Schmerz verbunden. Der Schlaf ist ein
rein körperlicher Erholungsvorgang, denn die Seele ist ja in den
Traumbildern thätig. Das Atmen haben die Lebewesen mit den
Pflanzen gemein, behauptete Anaxagöras als Erster. Er beobachtete
die seitlichen Ventrikel des Gehirns und fand, dass bei einem ein-
hörnigen Bocke nur eine Gehirnhöhle vorhanden war. Die Frucht
wird durch die dem Samen innewohnende Wärme erzeugt. Den
Samen giebt der Mann, das Weib nur die Stätte zur Umformung.
Zuerst bildet sich das Gehirn. Knaben gehen aus dem rechten Hoden
hervor und liegen im rechten Uterushorne; bei den Mädchen ist es
umgekehrt.^) Die bedeutsamsten akuten Krankheiten sind durch die
Oallenverlagerung auf Lunge, Adern, Pleura verursacht,') worüber
sich die Komiker mehrfach aufhielten. Schwarze und gelbe Galle
wird unterschieden. Galenos sieht in Anaxagöras den Vater der
Krisenlehre. Sein Schüler Archeläos von Athen suchte Anschluss
an Anaximenes und Diogenes und sprach von 2 Elementen, Warm
(Feuer) und Kalt (Wasser), wie sie in dem Urstoffe Luft vorlägen.
Eine Ausgestaltung seiner Lehre ist das pseudhippokratische Buch
über die Diät (de victu);-) ihr folgte auch Petron von Aigina. Die
Atmungslehre des Anaxagöras dehnte Archelaos auf alle Dinge aus.
Sonst ist uns nichts von seinen Anschauungen überliefert.
Anhangsweise müssen noch kurz die Meinungen der Philosophen
oder Aerzte verzeichnet werden, dei'en Name und Theorie wir dem
1891 nach London gebrachten Anonj'mus verdanken. Herodikos
von Knidos, wohl älter als Alkamenes, aber jünger als Euryphon, '^)
erklärt die Krankheiten durch Nahrungsüberschüsse. Die Zustände
hängen von der Mischungsart des die Nahrungsüberschüsse bildenden
saueren und bitteren Saftes ab und von der Stelle und der Beschaffen-
heit der Stelle, nach welcher sich jene Säfte begeben. Alkamenes
von Abydos geht auf die zum Kopfe aufsteigenden und von ihm
wieder überallhin versandten Nahrungsüberschüsse zurück. Nach
Timotheos von Metapontion werden die Säfte von dem gesunden
Kopfe richtig verteilt ; ist er aber durch Temperatur oder Verletzungen
geschädigt, so verstopfen sich die Durchgänge, die sich im Kopfe
stauenden Säfte verwandeln sich in salzige und scharfe Flüssigkeit
und brechen schliesslich irgendwohin durch; je nach der Beschaffenheit
der Stelle richtet sich die ausbrechende Krankheit. Ist die Luftröhre
^) Die nämliche Lehre haben die Hippokratiker.
-) Tredrich a. a. 0., S. 129 f.; 138 ff.
•■') A. a. 0., S. 34 f.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 12
178 Robert Fuchs.
betroifen, so erfolgt der Erstickungstod. Abas macht die Entleerungen
des Gehirns nach Nase, Ohren, Augen und Mund verantwortlicli. Bei
geringer Abgabe ist der Mensch gesund, sonst krank. Aus den
Eeinigungen entstehen 5 Katarrhe (vgl. meine Hippokratesausgabe I
171 A. 6 zu de gland. XI, wo 7 Flüsse vorkommen). Herodikos
von Selymbria nennt die Lebensweise die Ursache der Krankheiten.
Gesundheit liegt vor, wenn das richtige Mass Anstrengungen und
Schmerz für die Verdauung sorgen. Heilmittel ist die Arbeit. Die
Heilkunst ist die „Anweisung zu naturgemässem Leben". Ninyas,
der Aegypter, unterscheidet angeborene und erworbene Leiden. Letz-
tere entstehen durch die Ueberschüsse der Nahrung, die im Körper
liegen bleibt. Thrasymächos von Sardeis (Kardia vermutet
V. Wilamowitz-Möllendorff) beschuldigt das Blut, das durch
Temperaturextreme in Schleim, Galle oder Fäulnisstoif umgewandelt
wird. Phaeitas^) aus Tenedos, Arzt, denkt an die Ablagerung der
Flüssigkeiten an ungeeigneter Stelle und an Abgänge; die Stelle ist
lückenhaft.
7. Aeussere Verhältnisse des Aerztestandes im Zeitalter des
Hippokrates.
Unterricht. Aerztliche Werkstätten. Honorar. Amts-
ärzte und militärische Aerzte.
/. Hecher, Charikles, Le'qiz. 1840, II 89 ff. — 2. Bloch, Zur Gesch. d. wissensch.
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differenze dai moderni ospedali, 1830. — 15. 3Ieissner-I>ieniev, Die Kranken-
pflege im Kriege u. d. Hilfeleistung d. Frauen v. d. ältest. Zeiten bis z. Vertrage
von Genf, Samml. gemeinnütz. Vortr., Prag 1887. — 16. MolUere, De Vassistance
aux blesses avantV Organisation des armees permanentes ; Leservice de sante militaire
chez les Grecs et les Romains, Lyon medical 1888. — 17. Monnier, Hist. de Vassi-
*) Ich stimme von Wilamowitz-Möllendorff (Hermes XXXIII 519) be-
züglich der Schreibung des Namens bei. Phasilas ist verlesen.
Gescliichte der Heilkunde bei den Griechen. 179
sfance publ. dans les femps anc. et niod., 2. Aufl., Paris 1860. — 18. Xielli/, Hyffiene
navale, son histoire, ses progres, Paris 1878. — 19. Oestet'leiiy lieber d. früheste
Eiitwickelg. d. gerichtl. Medic, Schmidts Jahrbb. CLXX VI 1877. — 20. Ortolan,
Debüts de la medec. legale en Europe comme institution pratiqiie et conime science,
Gazette medic. de Paris 1872. — 21. Pett'equin, Du transport des blesses chez
les anciens et d' apres les poctes grecs et lat. Atm. de la societe de medec. d'Anvers
1872. — 22. Piischninnn, Gesch. des medic. Unterrichts n. s. tc, Leipz. 1889. —
23. ütingabey Antiquites Hclleniques II, Athenes 1855, S. 35. — 24. Bittmannf
Cultürgesch. Xotizen ü. d. Heerespfleqe in d. Vorzeit, Der Feldarzt, Beil. d. Allg.
Wien. med. Ztg. 1880. — 25. Sancey, Les ambiilances dans Vhistoire, Gazette des
hopitaux 1871. — 26. Max ScInnidU Allgem. Umrisse der cidturgesch. Entwickelg.
d. Hosjntalivesens u. d. Krankenpflege, Vortr., Gotha 1870. — 27. Tollet, Les
edifices hospitaliers depuis leurs origines jusqu'ä nos jours, 2. Aufl., Paris 1893. —
28. Trepte, Die freiio. Krankenpfl. im Kriege, ihre Gesch. u. ihre Aufgabe, Berl.
1895. — 29. Triller, Clinotechnica viedico-antiquaria ; s. de diversis aegroiorum
lectis etc., Francof. a. M. 1774. — 30. Vercotttre, La medec. publ. dans l'anti-
quite grecque, Rev. archeol. XXXIX, 1880 S. 99 ff. — 3L WeUker, Kleine
Schriften, Bonn 1850, III. — 32. JVolzenflorff', Die Pflege d. Verwundeten bei d.
Griechen, Westermanns illustr. deutsche Monatshefte LXXI, 1892 S. 671.
Ueber keine der hier zu behandelnden Fragen besitzen wir Mono-
graphien der Alten. Die rein zufälligen Erwähnungen in den Klassikern
ergeben daher kein vollständiges oder durchaus zuverlässiges Bild, da
Einzelheiten verallgemeinert werden müssen und in dem unerbittlich
engen Rahmen eines Sammelwerkes nicht einmal aufgezählt, geschweige
denn beleuchtet werden können. Der Arzt, der auch im alten Hellas
hochgeehrt w^ar, bisweilen jedoch auch herb getadelt, ja verhöhnt
wurde, fuhrt den Namen des Heilenden, iargög. Er gehört zu den
örnuovqyoi, den gemeinnützigen Handwerkern, oder er ist ör^fioauiiuv,
ölfentlicher Diener (Hom. Odyss. XVII 383 f.; Aristoph. Acharn. 1222;
vesp. 1432; Strab. IV 181). Da T«';fj^ Handwerk und Kunst bedeutet,
ist er zugleich rexriTr^g, xiiQOtiX^rjg. Er kann empirisch als örjfuovQybg,
kunstgerecht als dQxiTexwvr/.bg = Meister oder dilettantisch als
TTtTtaiöevi-ävog = „Kenner" vorgebildet sein (Plat. polit. 293; Aristo t.
polit. III 11). Erst bei Aristophanes (Acharn. 1030) bekommt diquoouveiv
(ßrii.iiovqy6g) die Bedeutung des Praktizierens (Arztes) schlechthin.
Ursprünglich wird die Unterweisung der Aerzte in der Weise
erfolgt sein, dass der Vater oder ein älterer Verwandter den Knaben
belehrte über Bau und Funktionen des Körpers, Arten und Ursachen
der Krankheiten, allgemeine philosophische und naturwissenschaftliche
Erfahrungen und ihn zum Krankenbette mitnahm. So würde sich die
Fortpflanzung der ärztlichen Lehre in dem Asklepiadengeschlechte
am ungezwungensten erklären. Die Genossenschaft der Asklepiaden,
die sich zu gemeinsamen Opfern und religiösen Familienfesten zu ver-
einigen pflegte, wird aber bald Zuzug von Angehörigen anderer
Geschlechter erhalten haben, teils dadurch, dass sich begeisterte Freunde
der Heilkunde um die Zulassung bewarben, teils auch dadurch, dass
sich Unberechtigte als Asklepiaden ausgaben und so eindrängten. Die
keineswegs zuverlässigen Geschlechtsregister sollten wohl lediglich die
Reinheit der Lehre nach aussen hin verbürgen. Als sich die Askle-
piaden, deren Benennung nunmehr den Sinn von „ärztlichen Zunft-
genossen" erhält, über Hellas verbreitet hatten, genügte die Ueber-
tragung der Lehre von Vater auf Sohn den Bedürfnissen nicht mehr;
man nahm geeignete Bürgerssöhne in die eigens eingerichteten Askle-
piadenschulen auf. Auch dieser Unterricht begann in früher Jugend;
die Aufnahme in die Zunft selbst erfolgte aber erst nach Vollendung
der Ausbildung durch einen Eid (Pseudhippocr. iusiur.). Der Bewerber
12*
180 Kobert Fuchs.
verpflichtete sich in diesem Eide zu Pietät geg-enüber dem Lehrer,
Teilung- von Hab und Gut mit ihm, wenn er dessen bedarf, geschwister-
licher Liebe zu dessen Nachkommen, unentgeltlicher Unterweisung
dieser in der Heilkunde, Geheimhaltung der überkommenen Lehre,
diätetischen Massnahmen für Kranke, Fernhaltung von schädlichen
Einflüssen, Verabscheuung tötlicher Mittel oder gefährlicher Ratschläge,
Verwerfung der Abtreibung und des Steinschnittes, ^) der den
„Handwerkern" zukomme. Er versprach ein lauteres Leben, eine
ebensolche Kunstausübung, Sittsamkeit im Verkehre mit Patientinnen
und Patienten jeden Standes und Wahrung des Amtsgeheimnisses.
Eine Prüfung vor der Aufnahme in die Innung wird nicht erwähnt.
Die Eintragung der Geprüften in das Geschlechtsregister ist sehr
wahrscheinlich. In Athen mussten die Bewerber um das Aerzteamt
der Ekklesia den „Meister" nachweisen, bei dem sie in der Lehre
gewesen waren (Xenoph., memor. IV 2, 5). Die öff'entlichen Vor-
lesungen, die Pseudhippokrates (praec. 12) verwirft, dienten nicht der
sachlichen Ausbildung, sondern waren, wie alle Sophistenmache, auf
Geldgier und Ruhmsucht zurückzuführen. Diese latrosophisten, wie
sie später genannt werden, waren keine Aerzte, sondern sprachen nur
über Medizin. Bisweilen versteht man unter latrosophisten allerdings
auch Aerzte, die in sophistischer Weise Betrachtungen über die Heil-
kunde anstellen (Hippocr. ed. Ermerins II p. LXXXVII). Diese
Sophisten zogen von Stadt zu Stadt und sind daher mit Tiegiodurai
(== Wandernde, Wanderlehrer) passend bezeichnet worden.-) In rein
ärztlichem Sinne jedoch sind unter Periodeuten nicht Aerzte zu ver-
stehen, die, wie die Quacksalber, von Stadt zu Stadt zogen (Häser,
Brian, Daremberg), sondern ansässige Aerzte, die ihre Patienten
im Herumgehen von Haus zu Haus aufsuchten (Kliniker), im Gegensatze
zu den Chirurgen, welche in der Werkstätte auf Kunden warteten. •')
Natürlich konnte das Gewerbe in beiden Formen auch von einem Ein-
zigen ausgeübt werden. Solche Periodeuten sind z. B. Demokedes,
Hippokrates, später Alexandros von Tralleis und Paulos von Aigina.
Nicht bettlägerige Patienten kamen in die iaxQela = largud
(QyaazrJQia oder ärztlichen Werkstätten, um sich untersuchen,
operieren oder mit Arzneien versehen zu lassen. Es waren dieses grosse,
wohl meist an den Hauptstrassen gelegene Gebäude, auch Buden, mit
grossen Thüren und dem vollen Tageslichte zugänglich, wie sie noch
zur Zeit des Galenos den städtischen Aerzten überlassen wurden.^)
Ein Bibliotheksgebäude in Theben (Aegypten) hatte die Aufschrift
^t^/jjs' IctTQelov (der Seele ärztliche Werkstatt). Die Werkstätte war
vielfach mit der Wohnung des Arztes verbunden und mit Kranken-
zimmern für die Patienten und die bedienenden Sklaven versehen.
^) Bei dieser Bedeutung von h&iäv uiuss man stehen bleiben. Wer „Kastration"
vermutet, muss das klare Wort mit unsäglicher Künstelei umdeuten und das be-
kräftigende oviVt uijv seinem Sinne und Gebrauche entgegen erläutern.
") Wenn Häser, 3. Aufl., I 87 f. anmerkt, dass das Substautivum nicht vor
Athanas. Alexandr. homil., ed. Paris. 1798 II 431: 433 belegt sei, so vergisst er,
dass eine andere Ableitung schon bei Dioskurides vorkommt. Nebenbei sei bemerkt,
dass jene Sitte noch heute in Griechenland besteht (Häser a. a. 0.).
■'') L Ö AV e n f e 1 d , Eiy.oairciPxaeTriols rov 'EXXriviycov fpiloloyiy.ov EvXXoyov
S. 338; 342.
*) XVIII, II 629 if. Vgl. Aeschin. adv. Timarch. 19: 50; Aristoph. Acharn.
1030: Epictet. III 23, 27 ff. : Lucian. adv. indoct. 29; Macrob. Saturn. VII 16; Plat.
leg. 1 14; polit. III 13 f. — Hippocrate par Littre II 604; III 272 ff.; V 25; IX 206 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 181
Die Wohlhabenden konnten dort ihre völlige Genesung nach der
Operation abwarten, wie heute in den Privatkliniken. Die Zahl der
IcuQda hing von der der Krankheitsfälle ab. Zu der unentbehrlichen
Ausstattung gehörten nach Pollux (onomast. X 46; 149): kupferne
Badewannen, Salben- und Arzneibüchsen, Schröpfköpfe, Bougies. Gestelle,
Skalpelle, Pinsel, Ohrlöffel, Scheeren, Ohrensonden und andere Soliden,
Zahnbürsten und -Zangen, Schüsseln, Schwämme, Binden, Kompressen,
Verbandzeug, Fusshalter (zum Fixieren bei der Operation), Klystier-
spritzen. Der Verfasser der hippokratischen Schrift de medico tadelt
die Benutzung von kupfernen Geräten neben den Instrumenten und
pomphafte Binden, denn der Kranke suche nicht Putz, sondern Hilfe.^)
In den Aerztebuden trieben sich aber auch oft Neugierige. Possen-
reisser und Schmähsüchtige herum, die Demochäres, des Demosthenes
Neffe, witzig „Dysmeniden" nannte (Aelian. var. hist. III 7). Dem
Arzte standen lernende Gehilfen zur Seite, vnrjohai, t^ia^rjxai. Sie werden
nicht selten mit dem blossen Artikel bezeichnet. Es ist wahrscheinlich,
dass diese nur geringe Leute und Sklaven selbständig behandelten
und nicht selten quälten. Die Sklaven, öovloi, bedienten auf Geheiss
ihren Herrn, legten wohl auch nach dessen Anweisung mit Hand an,
durften aber von sich aus nur Unfreie behandeln. Der freie Arzt
kurierte jedermann. Den Frauen war das Heilgewerbe verschlossen;
ihr Einfluss beschränkte sich auf Katschläge und Beistand in der
Familie, namentlich bei Geburten. Gingen die Aerzte auf Reisen, so
führten sie einfachere Hilfsmittel für den Handgebrauch mit sich,
also wohl Charpie und Verbandzeug, Abführ- und Brechmittel sowie
Instrumente. -) Vorschriften über das Benehmen und die Deontologie
überhaupt sind in den hippokratischen Schriften de medico, de hab.
dec. und praec. gegeben; sie sind teilweise naiv (z. B. Reden in Sen-
tenzen, Wohlbeleibtheit des Arztes). Spezialärzte gab es nicht, Avenn-
gleich natürlich der einzelne Arzt in bestimmten Hantierungen geübter
gewesen sein mag als in anderen (Cic. de orat. III 33).
Das Honorar bestand ursprünglich stets und später gelegentlich
in Geschenken. Sonst hätte die Sage nicht entstehen können, dass
Zeus den Asklepios mit dem Blitze erschlug, weil er Geld nahm. In
hippokratischen Zeiten war die Bezahlung durch Geld {/utoi^ög) bereits
eingebürgert. Bei staatlichen Aerzten bezahlten die Bedürftigen sicher
kein Honorar. Bei den Wohlhabenden ist das Gegenteil anzunehmen ;
denn sonst wären die Auszeichnungen, das öffentliche Lob, der Ehren-
kranz und das Bürgerrecht, die dem Euenor wegen Ueberwachung der
Arzneibereitung für das öffentliche iatQtlov in Athen, wegen Stiftung
einer grossen Summe aus eigenen Mitteln und wegen unentgelt-
licher Behandlung Kranker zuerkannt worden sind, nur hin-
sichtlich der beiden ersten Thaten begründet. In der hippokratischen
Schrift praec, Kap, IV (bei mir I 58 f.) wird geraten, mit der
Honorarfrage nicht anzufangen, weil sonst der Kranke glauben Avürde,
dass man ihn im Stiche lassen werde, wenn er nicht alles bewillige.
Besonders sei Aufregung über den Geldpunkt bei solchen zu befürchten.
^) Hippocr., de offic. med. giebt weitere ansführliche Auskunft über alle diese
Fragen. Die Charlataue kennzeichnet Welcker (a. a. 0., S. 227 ff.)
^} Vgl. Pseudhippocr. de hab. dec. 8. Kästchen mit Bestecken haben sich er-
halten: vgl. Guhl und Kon er, Das Leben d. Griech. u. Rom., Berl. 1862, II 297;
Jahn, Annal. d. Vereins f. nassauische Alterthumsk. u. Gesch. VI, 1859; Aaun^ög,
Ueol aixvcji^ xal aixvdascos Tcaoa rols doxaiois, lAd'/jvTjat 1895 (Reliefs).
182 Eobert Fuchs.
die an einer akuten Krankheit litten. ') „Besser ist es, denen, welche
davong-ekommen sind, Vorwürfe zu machen, als diejenigen, welche in
Gefahr schweben, im Voraus gehörig auszuschnäuzen". Daraus schliesse
ich, dass die vorherige Forderung von Honorar zum mindesten zu-
lässig war. Im übrigen sollte sich das Honorar nach den Vermögens-
verhältnissen des Patienten richten. Im Asklepieion zu Epidauros
und wohl auch sonst stand die Höhe der nach glücklicher Kur zu
zahlenden Summe CiaTQo) im Belieben des Patienten. Der Bademeister,
der nicht zugezogen worden war, erhält z. B. 1 'Atrurj == 1 Drachme =
etwa 72 Pf. Trinkgeld. ^) Der Gott fordert die Bezahlung mit den
Worten: „Geheilt bist du; nun musst du aber das Honorar bezahlen!"
Als Gegenleistung oder Teil einer solchen wurde auch die Aufzeichnung
der Krankengeschichte auf Stein oder Metall mit Lobpreisungen auf
den Gott angesehen. Was die Höhe der Honorare anlangt, so sind
uns nur die Maxima überliefert; aber so hohe runde Summen sind
immer misstrauisch zu betrachten. Andererseits sind die Minimal-
angaben des Krates von Theben •^) (1 ögay^irj = etwa 72 Pf, für den
Gang) und des Aristophanes (Plut. 407 f. „gar nichts") nicht ernst
gemeint; denn bei jenem ist der satirische Ton der Stelle, bei diesem
die komische Uebertreibung nach unten unverkennbar. Die Bezahlung
erfolgte bei staatlichen Aerzten jährlich (Herod. III 131) und wurde
durch die Steuer mit gedeckt.*)
Demokedes erhielt in Aigina im 2. Jahre seiner Praxis 1 aigi-
netisches Talent == etwa 6522 J(, im 3. Jahre in Athen 100 attische
Minen = etwa 7800 ^, im 4. Jahre von Polykrätes von Samos
2 Talente (Herod. a. a. 0.). Bei Dareios erhielt er für die Ein-
richtung des luxierten Beines zunächst ein paar goldene Fesseln, später
aber, da er dem Grosskönige Undank vorwarf, ein reich ausgestattetes
Haus und Gastrecht an dem Tische des Königs. Ehrendekrete.
goldene Kränze, ölf entliches Lob, Bürgerrecht, Dotation und Steuer-
freiheit (letzteres beides z. B. bei Onasilos) wurden Aerzten vielfach
zuerkannt. Nach Diod. Sicul. IV 71 fassten ja schon die Eroberer
Trojas einen Ateliebeschluss zu Ehren von Podaleirios und Machaon,
Kleombrötos soll für die Heilung des Antiochos I. von Seleukos
100 attische Talente = rund 470000 J^ erhalten haben (Plin., bist,
nat. VII 37, 123).
Staatliche Aerzte^) gab es zu Hippokrates' Zeiten schon
längst, gewiss auch in den Gymnasien. Die grossartige Einrichtung
des iaxQüov (de off. med.) weist auf staatliche Unterhaltung hin. ■^)
Für Kos werden uns ferner staatliche Aerzte durch Inschriften bezeugt.'*)
Eine Steuer, iargc^öv, deckte auch da die persönlichen und sächlichen
Ausgaben, z. B. in Delphoi. ^) Dass vor Charondas (7. Jahrh. v. Chr.)
^) Rosen bäum, Pabst's Allgem. med. Zeitg. 1838 Nr. 78: vgl. Bentley,
Phalarideae XIX = übers, v. Ribbeck 527 ff.
^) V. Wilamowitz-Möllendorf f , Isyllos von Epidauros. Philol. Untersuch.
IX. Heft, Berl. 1886, S. 122.
") Bei Diog. Laert. VI 5, 86. S. auch Iwan Müller, Handb. d. klass. Altert -
Wiss., 1. Aufl., VIS. 111 A. 1. Die Summe ist im Vergleiche zu allen anderen
Lebensbedürfnissen und zu den heutigen Verhältnissen sehr übertrieben.
*) Inschrift in den Archives des missions scientif. et litter., 2« serie, Paris 1865,
II 218 f. no 16.
*) Herzog, Koische Forschungen und Funde, Leipz. 1899 S. 204 ff.
*) Paton and Hicks, Inscriptions of Cos, Oxford 1891, 5; 344.
■) Curtius. Götting. gel. Anzeigen 1864 S. 1226; Perrot, Guillaume et
G-escMchte der Heilkunde bei den Griechen. 183
in Tliurioi (Lucanien) die Bürger durch Amtsärzte gratis behandelt
wurden, bezeugt Diod. Sic. XII 13, 4; denn Charondas nahm diese
Bestimmung in seine Gesetzgebung herüber. Derselbe Gedanke wird
auch dem Demokritos zugeschrieben (Pseudhippocr. epist. XXII 2).
In einer Inschrift von Teos wird bei einer Einverleibung den neuen
Bürgern jede Steuer mit Ausnahme der Aerztesteuer auf 10 Jahre
erlassen. ^) An das koische egyaoTr^oiov gliederte sich das Asklepieion
an. In Epidauros wurden Zimmer für Patienten ausgegraben. Da die
meisten Besucher Fremde waren, die natürlich bezahlen mussten, wurde
der Staat sehr entlastet. Dass aber Thasos keine largela gehabt habe,
weil in den hippokratischen „Epidemien" Privatwohnungen angegeben
werden, ist keine zwingende Folgerung Herzogs ( a. a. 0., S. 207 A. 3).
Zu den Obliegenheiten der Amtsärzte gehörten vermutlich ausser der
Behandlung der Armen die Leitung bei der Bekämpfung von Seuchen
und Sachverständigengutachten ; -) die gerichtlichen Funktionen aber,
die Bloch •^) aus Papyri mitteilt, scheinen lediglich auf römisch-ägyp-
tischen Gesetzesbestimmungen zu beruhen.
Militärärzte wurden in den homerischen Gedichten bereits
nachgewiesen (s. Kap. 4). Dieser Gebrauch erhielt sich für die Folge-
zeit, denn Solon sorgte für die staatliche Pflege verwundeter Krieger
(Plut. Sol. XXXI 4). Aristeides (orat. Panathen.) berichtet, dass für
die Verwundeten in Athen ein einziges Krankenhaus hergerichtet
gewesen sei; aber ein so gew^altiges Lazaret wird es schwerlich ge-
geben haben. Wenn auch Thukydides hierüber keine Belehrung bringt,
so bezeugt doch Xenophon für das Heer der 10000 verschiedentlich
das Vorhandensein von Militärärzten; z. B. anab. I 8, 26 behandelt
Ktesias die Wunde im Thorax des Artaxerxes; III 4, 30 wird be-
richtet, wie beim Marsche in gebirgiger Gegend viele Griechen ver-
wundet wurden und deshalb im nächsten Quartier 3 Tage Rast ge-
macht wird, damit die Aerzte ihres Amtes walten können; VII 2, 6
werden die Soldaten zur Pflege in Privathäusern untergebracht. Auch
in der Cyrop. (z. B. I 6, 15) wird bezüglich des Heeres der Perser
und Griechen Aehnliches berichtet ; es werden da sogar die verwundeten
Feinde mit behandelt. Im alten Sparta befanden sich gleichfalls
Wahrsager, Aerzte und Flötenspieler als Nichtkämpfer bei den Heeren.
Sie genossen Bürgerrecht und waren in gemeinsamen Zelten unter-
gebracht.*) Onasilos leistete im Kriege von Idalion gegen die Perser
und Kitier militärärztliche Dienste (Ende des 5. oder Anfang des
4. Jahrh. v. Chr.). In der Schrift des Corpus Hippocraticum de medico
ist das letzte, 14., Kapitel der Kriegschirurgie gewidmet. Es wird da
nur das Herausziehen von Geschossen erwähnt, das in Städten selten
vorkomme. Darum müsse der Feldscher die Heere nach auswärts be-
gleiten, um in seinem Fache tüchtig zu werden. '^) In den unter-
geschobenen Schriften (de legat. Littre IX 423) berät die Ekklesia vor
Delbet, Exploration archeol. de la Galatie et de la Bithynie, Paris 1862; Wescher
et Foncart, Inscriptions recueillies ä Delphes, Paris 1863, Nr. 16.
^) Zeit: etwa 305 v. Chr. S. Athen. MittheU. XVI 292.
2) lieber einen griech. Pap. forensisch-medic. Inhalts. AUg. medic. Centr.-Ztg.
LXVIII, 1899 Nr. 46 f. Vgl. Iwan v. Müller, Handb. d. klass. Altertums-Wiss. IV 1,
2. Aufl., 1893 S. 206.
») Vgl. Demosth. II 216 Schäfer.
*) Xen. resp. Laced. XIII 7 = scripta minora ed. Dindorf, Lips. 1824 S. 142.
^) Ecker, Animadversiones in locnm Hippocratis tteqI irir^ov etc., Frib. Brisg.
1829, S. 91f.
184 Robert Fuchs.
der Ausrüstung der Expedition des Alkibiädes nach Sicilien darüber, ob
es nötig sei, einen Marinearzt mitzugeben. Hippokrates sagt zu, seinen
Sohn Thessälos aus freien Stücken mitzuschicken. Schon aus der
Erwähnung eines einzigen Arztes ist die Unkenntnis des Fälschers
zu erkennen. Dass es aber sogar eine militärmedizinische Litteratur
zu des Hippokrates Zeiten gegeben hat, erhebt die Verweisung im
letzten Satze von de medico über allen Zweifel. Eine besondere Strafe
für Pflichtverletzungen amtlicher Aerzte scheint es nicht gegeben zu
haben ; wenigstens heisst es in der pseudhippokratischen Schrift lex 1 :
„allein für die ärztliche Kunst ist in den Staaten keinerlei Strafe fest-
gesetzt ausser der Verachtung", vor deren schweren Folgen wieder-
holt gewarnt wird.
8. Gymnasien und Gymnasten.
1. Basindes, De vetenim Graec. gymnastice, Berol. 18o8. — 2. JBecker,
Charikles, Leipz. 1840; 1854 u. ö. — 3. Hintz, Die Gymnastik d. Hellenen, Güters-
loh 1877 {mit Litteratur). — 4. Depping, Körperkraft u. Geschicklichk. des
Menschen. Hist. Darstell, d. Leibesübungen b. d. alt. u. neuer. Völkern. Deutsch
von Springer. 2. Aufl., Minden 1882. — 5. Grusherger, Erziehg. u. Unterr. im
Mass. Alterth. u. s. iv. 1 1 : Die Knabenspiele, Würzb. 1864. — 6. K. F. Her-
niann, Lehrb. d. griech. Antiquitäten, bearb. v. Blümner, IV, Freiburg 1882. —
7. Hüppe, lieber antike u. mod. Gymnastik, Prag 1900. — 8. Fr. tTacobs, Ver-
mischte Schriften Bd. III; VIII, Leipz. 1823 ff. — 9. Jäger, Die Gymnastik
der Hellenen, 2. Aufl., Stuttg. 1881. — 10. Jüthner, lieber antike Ttirngeräthe.
Abh. des archäolog.-epigraph. Seminares der Univ. Wien. Hrsg. v. Benndorf u.
Bormann, XII, Wien 1896. — 11. J. H. Krause, Die Gymnastik u. Agonistik
d. Hellenen u. s. w., 2. Aufl., Leipz. 1841 ff., 3 Bb. — 12. MercurUilis, De arte
gymnast. libri VI, Venet. 1672.
Im Mittelpunkte des griechischen Lebens stand und gleich wichtig
für die Entwicklung der Kunst wie der Chirurgie war die körper-
liche Bewegung in der Palästra oder dem Gymnasion. In den ärztlichen
Schriften ist ein Unterschied in der Bedeutung beider Worte nicht
zu erkennen, und für andere Schriften ist ein solcher wenigstens noch
nicht einwandfrei erwiesen. Jedenfalls findet sich in den erhaltenen
ärztlichen Texten und ihren Erklärungsschriften vorwiegend die Be-
zeichnung Palästra = Eingschule.^) Der Zweck der Turnanstalten war
die Erziehung tüchtiger Bürger und abgehärteter Krieger. Piaton
fasst das Ziel der körperlichen Ausbildung zusammen in die Worte:
Unterweisung der Knaben, Erhaltung der Gesundheit der Erwachsenen
und gute Körperverfassung (eve^ia) aller. Lukianos (Anacharsis s. de
gymnasiis) legt Solon eine begeisterte Lobpreisung der Palästra in
den Mund; das Turnen stähle den Körper, bereite zum W^aflfendienste
vor und erwecke den Ehrgeiz der wetteifernden jugendlichen Kämpfer.^)
Gleiche Anerkennung widmen den Leibesübungen Pseudoplutarchos
(TTsgl aaxijaeiüg) und Philostratos , tvsqI yvf.ivaoxr/.fß (ed. Daremberg,
Paris 1858).''') Wenn dem gegenüber scharfe Verurteilungen laut ge-
worden sind, so liegt das an der früh auftretenden einseitigen Ueber-
^) Kühle wein, Die chir. Schriften des Hippokrates. Jahresb. ü. d. Kgl. Kloster-
schnle zu Ilfeld, Nordhausen 1898.
2) Heinz e, Anacharsis. Philologrus L = N. F. IV, 1891 S. 458 ff.
^) H ä s e r , Canstatt's Jahresber. 1858 ; C o b e t , De Philostrati libello tt. y. recens
reperto, Lugd. Bat. 1859; Flavii Philostrati opera ed. Kayser, Lips. 1870; Jessen,
Apollonius von Tyana u. sein Biograph Philostratus, Homburg 1885; Fertig, De
Philostratis sophistis, Bamberg 1894.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 185
treibung der Uebungen in das Athletenhafte. Hiergegen wenden sich
die scharfen Tadelworte des Pseudhippokrates (de diaeta I 24), eines
Tyrtaios (XII Iff.), Xenophänes (el. 2), Euripides, der im Autolykos
(fragm. 282 Xauck) sang: „Denn obwohl es unzählige Nichtsnutzein
Hellas giebt, so ist doch nichts nichtsnutziger als der Athleten Sipp-
schaft" (Athen. X 413 f.). Auch Isokrätes (paneg.) klagt, dass man
die Athleten mehr feiere als die Geisteshelden. Am meisten aber
höhnten die stets zu kränkenden Worten aufgelegten Kyniker. Bei
Dion Chrysostömos (orat. XXXII 44) nennt Anacharsis das Gym-
nasion eine Stätte, wo sich täglich die Tollheit tummelt, und Sparta
als Pflegestätte der Körperstählung wird wie ein Tollhaus angesehen
(Lucian. Anacharsis 39, cf. 5; Diog. Laert. I 104 u. a.). Und doch
ist das Gymnasion der Born, aus dem das Griechentum in der guten
Zeit seine Lebenskraft und seine Widerstandsfähigkeit gegen die von
aussen anstürmenden Mächte stets von neuem schöpfte, und selbst so
verdammenswerte Auswüchse wie die im Gj'mnasion erzeugte Päderastie
vermochten der kraftvollen Förderung der Volksgesundheit nur in
Ausnahmefällen Abbruch zu thun.
Uns aber beschäftigt nur die ärztliche Seite dieser Einrichtung.
Durch den Anblick der nackten Kämpfer, deren Stellung stets wechselte,
wurde zunächst die Kenntnis des Körperbaues, also ein Teil der Ana-
tomie, wesentlich gefördert. Während die Faust- und Ringkämpfer
im heroischen Zeitalter noch den Schurz {TtsQiUof^a) trugen, erschienen
sie von der 15. Olympiade (etwa 720 v. Chr.) an völlig unbekleidet.
Sodann wurde der Sinn für alles das, was den Körper besonders schön
und leistungsfähig macht, gestärkt, also für Diätetik (z. B. Entfettung)
und Hygiene. Endlich aber wurde die Kenntnis der Chirurgie fast
täglich vermehrt. In den Gymnasien ging es ja nicht ohne leichte
und schwere Verletzungen ab ; so kamen häufig vor : Verletzungen von
Augen, Ohren, Nase, Zähnen, Kiefern, Luxationen und Knochenbrüche
aller Art. Die „gebrochenen Ohren" sind das Merkmal des Faust-
kampfes (Plat. Protag. 342 Bf.; Gorg. 515 E); die Ohrenkappe {äucpwzig)
schwächte die gegen den Kopf geführten Schläge kaum ab. Der Faust-
kämpfer Androleos kam um Ohr und Auge.^) Stratöphon kann kein
Hund mehr erkennen.^) Olj'mpikos verliert Augen, Ohren, Kinn,
Brauen und Nase und seinen Prozess obendrein, weil er dem vorge-
wiesenen Bilde nicht gleicht.^) Aulus aber weiht Zeus die Hirnschale
und verspricht für später die noch erhaltenen Wirbel.^) Sind hier
auch Uebertreibungen untergelaufen, so bestätigen doch die chirurgi-
schen Hippocratica, dass das Bild im ganzen zutrifft (de artic. repos.
4; 47). Auch der Kunstausdruck oxüa&ai (die Hand schnell aus der
einen in eine andere Lage bringen; a. a. 0. 30 vgl. mit Küh lewein
a. a. 0.) ging in der Bedeutung „sich in einfacher AVeise luxieren"
in die Fachsprache über. Das Gj'mnasion, das vielfach als Fortbil-
dungsaustalt für die Knaben bezeichnet wird, untersteht dem Gymnasi-
arches, den der Xystarches in der Leitung unterstützt. Die Vorturner
oder Leiter der einzelnen Uebungen sind die Gymnasten {yvfxvaaxai,
inioxdtai). Als Wächter über das Salben erhalten sie den Namen
eines {iaTQ)alELn%r^g und als Ratgeber in diätetischen und hygienischen
Fragen den eines tmqög, vyieivög. Die Kinder wurden von dem staat-
^) Anthologia Graeca ed. Jacobs V 8; 7: 9; 13 = Brnnck, Analecta 11 319
Nr. 13; 12; 320 Nr. 17; 317 Nr. 2.
186 Robert Fuchs.
liehen oder privaten Turnlehrer, fcaiöorglßi^g, unterwiesen. Die 2 Turn-
lehrer von Teos bezogen je 500 Drachmen = etwa 360 J6 Jahres-
gehalt. In Athen wählte die Ekklesia den Koafn]zr]g als Aufsichts-
beamten und Hess durch ihn 2 gymnastische Pädotriben und 4 Waffen-
lehrer für die Epheben berufen. Der aiocpQovLOTi]^, von der Phyle ge-
wählt, übte die Zucht und führte die Hausverwaltung.
Die Arten der Gymnastik bei den Knaben umfassten Turnen,
Fechten, Taktik, Speerwurf, Bogen- und Katapeltenschiessen, Schleudern,
Eingen, Schwimmen, Lauf u. s. w. Der Lauf ^) (ögöinog) ist entweder
geradlinig oder kreisförmig. Der diavlog = Doppellauf beträgt 2 Stadien
== 354,8 m und geht zum Ziele und wieder zurück. Beim Reifenlaufe
wird der Reifen, tQoyög, mit dem Stabe, ilarriq^ getrieben. Armheben
ist das Vorspiel zum Faustkampfe, doch auch eine Einzelübung. Es
findet seine Krone im Kampfe gegen den fingierten Gegner, o/cia/naxia
(Dio Chrys. a. a. 0.). Gerungen {Ttalauiv) wird entweder so, dass sich
der Geworfene wieder zu erheben sucht, oder es wird im Liegen
(ä'/Jvöi^oLg, '/.vliGig = das Sichwälzen) weiter gekämpft. Der Finger-
kampf, äxQoxeiQirj, bezweckt, den Gegner durch Quetschen und Zer-
brechen der Hand zu überwinden. Rohe Finten, wie Gliederver-
renkung, Beinstellen, Würgen, und auch die ausweichenden Wendungen
waren, wenn überhaupt, dann nur im Anfangsunterrichte verpönt.
Beim Sackkampfe (y.coQvy.oinayJa) wird ein mit Feigenkörnern, Mehl oder
Sand gefüllter und über dem Kämpfer befestigter Sack mit den Händen
hin- und herbewegt. Als Nebenübungen werden genannt : Spaziergang,
Ritt,. Schütteln des Körpers {7TaQäaeio(.ia). Reiben (rglipig), Finger-
bewegung {x^igovo/iurj), Atemanhalten. Aus sonstigen Quellen kennen
wir noch den Diskoswurf (Metallscheibe, bis an die Armbeuge reichend
und mit dem Unterarme geschleudert) und die Stimmübungen zur
Kräftigung der Brust.-) Vor den mit Entblössung verbundenen
Uebungen wurde der Körper mit Olivenöl eingerieben. Die durch
Schmutz, Staub, Sand und Schweiss gebildete, als Hokuspokusmittel
gebrauchte Kruste wurde vor dem Reinigungsbade mit der Striegel
wieder abgeschabt. Die Nationalspiele zu Olympia (erstmalige Auf-
zeichnung des Siegers 776 v. Chr.) und Nemea (seit 573), sowie die
isthmischen bei Korinth (seit 582) und die pythischen (in erweiterter
Form seit 590) zu Delphoi förderten nun zwar die körperliche Aus-
bildung des Hellenenvolkes, aber sie zogen auch eine einseitige, häss-
liche Sportpflege im Athletentum gross. Die Athleten befolgten strenge
Lebensregeln : Erhaltung der richtigen Körperfülle (o/xog) durch Hunger-
kuren, Fleisch- und Hülsenfruchtnahrung (Bohnen), Enthaltung von
Brot und Essenszwang (ävayxocpayia) ; absichtliches Lachen und Seufzen,
Atemanhalten, z. B. bei der Salbung, lauter Vorschriften, die von den
Aerzten in der Heilkunde kunstgerecht ausgestaltet wurden. Gleich-
wohl wird über die Kraftproben der zum Teil mangelhaft ernährten
Athleten in den Berichten der Alten viel gefabelt. Manche Leistungen
sind in unseren Tagen nachgeahmt worden (5). Milon von Kroton
trug ein 4 jähriges Rind um die Rennbahn; aber es gehörte der be-
sonders kleinen peloponnesischen Rasse an (5). Auch Sprünge von über
^) Pseudhippocr. de diaeta II 27 (63) ff. = bei mir I 337 ff. Vgl. das ausführ-
lichere Verzeichnis bei Galen. VI 132 ff. ; Orib. ed. Bussem. et Daremb. I 448; 511;
519; 521; 524 ff.; 531 ff.
^) Ewer, Deutsche mediz. Presse 1899.
Geschichte der Heilkunde bei deu Griechen. 187
50 Fuss klären sich als mehrfache Sprünge auf (5). Durch Aufgeben
der Trainierung wurden die Athleten untüchtig und leicht krank.
Die im Gj'mnasion gewonnene medizinische Erfahrung wurde
natürlich von den Laienbeamten verwertet. Die Verletzten wurden
zunächst an Ort und Stelle vom Gymnasten behandelt; z. B. wurden
die Glieder sofort eingerenkt und durch Kieferverletzung gelockerte
Zähne mit Golddraht befestigt. Aber zwischen Gj'mnast und Arzt ist
doch eine scharfe Grenze gezogen; die endgültige Hilfe sowie Hilfe
in schweren Fällen leistet der Arzt (K ü h 1 e w e i n a. a. 0.). Dass ein-
zelne Gymnasten auch ärztliche Praxis ausübten und sogar chronische
Leiden behandelten, ist kein Gegenbeweis. I k k o s von Taras (Tarentum),
der um 470 v. Chr. in Olympia siegte, stellte eine Mässigkeitstheorie
auf. Piaton ^) tadelt ihn, weil er hinter seiner Darstellung der Diätetik
und der Leibesübungen Sophistisches verberge. Herodikos von
Megära, nach seinem Wohnorte gewöhnlich „von Selymbrla" genannt,-)
war Gymnastes und verband Gymnastik und Heilkunde zur laigakei-
iTTtzj; = Salbheilkunde, da er durch eigene Kränklichkeit das Prinzip
bestätigt fand, dass die Nahrungszufuhr in der körperlichen Arbeit
ihr Corrigens finden müsse. Dadurch wurde das richtige Verhältnis
von körperlicher Wärme und Feuchtigkeit (= Kälte), also Gesundheit,
erzeugt. Diese Lehre hatte er in einer Beweisschrift (uTrödeiBig)
niedergelegt und damit für Salber und Badewärter eine reiche Er-
werbsquelle erschlossen.^) Galenos fXVII, ii 99 ff.) bezeugt aus Piaton,
dass Herodikos grundsätzlich ermüdende Spaziergänge verordnete,*)
lässt es aber dahingestellt, ob es der Leontiner oder Selymbrier sei,
und Di eis stellt unter Vergleichung von Beckh-Spät Kap. IV und
Galenos VII 701 auch noch den Knidier zur Wahl. Aber das Zu-
sammenhalten sämtlicher Stellen entscheidet mit ziemlicher Zuverlässig-
keit für den Selymbrier ; denn da Piaton die Ortsbezeichuung Protag.
316 D hinzufügt und sonst den blossen Namen bei ähnlichem Ge-
dankengange verwendet, müsste man an absichtliche oder leichtfertige
Irreführung der Leser glauben, wenn er mit blossem „Herodikos" einen
anderen hätte bezeichnen wollen. Vorzüglich passt hierzu , dass seine
ärztliche Erziehungskunst (Plat. resp. III 406 A ff.) im Hippokrates-
corpus öfter bekämpft v/ird. De loc. in hom. 34 (= 35) heisst es:
„Gymnastik und ärztliche Kunst sind einander entgegengesetzt" ;
epid. VI 3, 18 lautet: „Herodikos brachte die Fieberkranken um durch
Laufen, Ringkämpfe und äussere AVärme. Das Fieberhafte ist ein
Feind von (Hunger,) Ringkämpfen, Spaziergängen, Läufen und Ab-
reibungen. (Er heilte) Schmerz durch Schmerz." Aristot. rhet. A 5
1361 b 4 meint, dass viele gesund seien wie Herodikos, aber sie seien
nicht glücklich, weil sie fast auf alles das verzichten müssten, wozu
der Mensch da sei. Er schuf ja sich und seinen Patienten durch das
naturwidrige Herumdoktern ein langwieriges Siechtum, da jede Ab-
weichung bei den Verwöhnten Unwohlsein herbeiführte, und diese
„lächerliche" Art verbitterte ihm das Leben bis in sein hohes Greisen-
^) Protag. 316 D.
. 2) Anon. Londin. Beckh-Spät 14 f.; 77 ff. — Plat. Protag. 316 D.: Phaedr.
227 D. Vjgl. oben Kap. 6.
*) Plin., hist. nat. XXIX 4, wo Prodicus (!) zu einem Schüler des Hippokrates
thörichterweise gestempelt wird.
•*) Z. B. von Athen bis Megära und zurück (26 Stadien = 26 X 177,4 m =
4,6 km; 2 X 4,6 km = 9,2 km).
188 Eobert Fuchs.
alter hinein.^) Den gegen Ikkos gerichteten Vorwurf erhob Piaton
mit Recht auch gegen ihn. Einen Verehrer des Herodikos, aber nicht
ihn selbst, lernen wir in Pseudhippocr. de diaeta (w. s.) kennen. Die
seltenen Kunstausdrücke für bestimmte Uebungen werden von Herodikos
herrühren. Galenos hält es für überflüssig, ihn in seiner Schrift
7i6t£qov latQr^fjg rj yvi.ivaony.fig ton rb vyieivov V 806 auch nur zu
nennen , ^) während er Hippokrates , Diokles , Praxagoras , Phylotimos
und Herophilos als vollkommene Kenner der Leibesübungen preist.-)
Asklepiades freilich hat ihn berücksichtigt (Cael. Aurel., morb. chron.
III 8), und Caelius (a. a. 0.) eröffnet mit ihm den Reigen seiner ,.be-
rühmtesten" Vorgänger in der Heilung des Hydrops. Herodikos suchte
nämlich den Hydrops durch Abführen, Erbrechen gleich nach dem
Essen, laue Bähungen (Rindsblasen mit verschiedener Füllung) und
Schlagen der Geschwulst mit gefüllten Schläuchen zu heilen.
Des Flavius Philostratos^) verdienstliches Werk Ttsgl yt/nva-
GTrArjg, das einzige erhaltene über diesen Gegenstand, rührt nicht von
dem älteren Philostratos aus Lemnos, Sophist und Biograph, etwa 200
n. Chr., her, sondern von seinem Neffen, auch einem Sophisten (f 264
p. Chr.). Zu jener Zeit war die Gymnastik längst verfallen, und der
Verfasser legt u. a. den ängstlichen Diätvorschriften der Aerzte die
Schuld daran bei. An die Gymnasten stellt er bezüglich der körper-
lichen und geistigen Eigenschaften ideale Ansprüche. Gleich der „an
sich guten Kunst" der Medizin gilt ihm die Gymnastik als eine Wissen-
schaft, bestehend aus Medizin und Pädotribie. Die Obliegenheit des
Gymnasten ist es, die Säfte zu entleeren, überflüssige Stofte zu ent-
fernen. Hartes zu erweichen, Dünnes fett zu machen, umzugestalten
oder zu erhitzen; sog. Katarrhe, Wassersucht, Schwindsucht und Epi-
lepsie durch Diät und Massage (rglipig) zu heilen. Der Arzt hingegen
heilt jene Krankheiten durch Uebergiessungen, Arzneitränke und Um-
schläge und hilft bei Zerreissungen, Verwundungen, Augentrübungen
und Verrenkungen. Da sei der Gymnast ratlos, v/ie ja auch der Arzt
nicht sein ganzes Fach gründlich beherrschen könne.
9. Rhizotomen und Pharmakopolen. Hebammen.
Vgl. Kap. 3. — 1. Berendes, Pharmacie bei d. alt. Culturvölkern. Arch. f.
Phnrmacie 1889 ; Dasselbe, Halle 1891, 2 Eb.; die Rh., die Vorläufer d. Apotheker?
Das älteste Arzneibuch d. Griechen, Apotheker-Ztg. 1899 Xr. 1-5 f. — '2. Hitschan,
D. Heimat u. d Alter d. europ. Culturpflanzen, Correspondenzbl. f. d. Ges. f. An-
throp. XXI 1891. — 8. Clievreitil, Besume d'une hist. de la matiere dej)uis les
philosophes jusqu'ä Lavoisier, Paris 1878. — 4. Colin, Gärten in alt. u. neuer Zeit,
Rtmdschau V 1879. — 5. Frederking, Grundzüge der Gesch. d. Pharmacie u. s. w.,
Götting. 1874. — 6. Gilbert, La pharmacie ä truvers les siecles, Toulouse 1893. —
7. Hergel, Die Rhizotomen, Pr. d. K. k. Obergymnas. zu Pilsen 1887. — 8. Höfer,
Hist. de la botanique etc., Paris 1873. — 9. Kirchner, Fleckeisens Jahrb. f. class.
Philol. Suppl. VII 483 ff. — 10. E. Meyer, Gesch. d. Bot., Königsberg 1854 ff.,
4 Bb. — 11. Murr, Beiträge z. Kenntniss d. altgriech. Bot., Innsbruck 1889. —
12. JPölchaii, Stud. über d. Einfluss der bedeutendsten medic. Systeme älterer u.
neuer. Zeit auf d. Pharmakologie, Diss., Dorpat 1861. — 13. Schidtes, Grnndriss
einer Gesch. u. Litt. d. Botanik nebst Gesch. der bot. Gärten, München 1871. —
14. Welltnann, Die Pflanzennamen d. Dioskurides, Hermes XXXIII 1898, S.
360 ff'. ; Das älteste Kräuterbuch d. Griech., Festgabe f. Franz Susemihl, Leipz. 1898.
— 15. X^rjoriSris, 'AQ%aia 'EkXrjviy.i] yvvaiy.eioXoyia rjxot avaxof^da etc., tv Kaiv-
') Plat. resp. III 406 A ff.
■^) V 806 ff. — 879; 898.
■■') Vgl. auch 3Ieineke, Krit. Beiträge z. P. rr. /. Philologiis XV, 1860.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 189
oravTiiovTcoXei 1894. — 16. Fasbendet', Enticickelungslehre. Gehurtshülfc u. Gynäk.
in d. hippokraüschen Schriften, Stiittg. 1897. — 17. Godson, On the evolution of
obstetrics and gynecology, The Lancet 1895. — 18. Harter, Gesch. d. Wetidung
tvährend d. Alterfh. u. d. Mittelalters, Diss., Berl. 1870. — 19. John Hopkins
Hosp. Bull. III. Baltimore 1892 [Hunter). — 20. Kleinivächter, Die Gynäk. d.
Alterth. von Edtv. Jenks, Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medio, u. medic. Geogr.
VI 1883. — 21. Kroner, lieber d. Pflege u. d. Krankheiten d. Kinder. Aus griech.
Quellen. Preisschrift, Breslau 1876 (s. auch Arch. f. Kinderheilk. 1876). — 22.
Marcuse, Heilkundige Frauen im Alterth., Zukunft 1899 Xr. 32. — 23. Maryou-
liejf', Etüde crit. sur les monnments antiques representant des scenes d'accouchement.
Paris 1873. — 24. Meadows, History of niidtvifery. The Lancet 1872. — 25.
Pinoff, HenscheVs Janus IL 1847, S. 735. — 26. Thierfelder, Piaton n. d.
Eigenschaften u. Verricht. d. Hebammen. Küchenmeister, Zeitschr. f. Med. etc.
N._ F. L — 27. Welcher, Kleine Schriften III, Bonn 1850. — 28. WitKoivshi,
Hist. des accouchenients de tous les peuples, Pans 1888; Accoucheurs et sages-
femmes celebres, Paris 1893; Anecdotes et curiosites hist. sur les accouch., Pat'is
1893. — 29. Wnlfsohn, Stud. ü. Gehurtshülfc u. Gynäk. d. Hippocratiker, Diss..
Dorp. 1889.
Die Aerzte der älteren Zeit bereiteten die Arzneien selbst, zum
Teil in den lurgtla. Einen Beweis dafür bietet: Pseudliippocr. epist.
ad Cratevam (Littre IX 342 if.), worin Hippokrates Krateiias auffordeit,
ihm Pflanzen zu besorgen, soviel er nur kann, Säfte und Flüssigkeiten
in Gläsern zu verwahren, Blätter und Blüten aber in verschlossenen
irdenen Töpfen. Hier erscheint also Krateuas als giCoiofiog = Wurzel-
schneider, d. h. als Droguenlieferant, und zwar ist dieser Beruf nach
dem Briefe in seiner Familie erblich. Auch Galenos bezeichnet noch
die Rhizotomen als vjir^Qärm = Handlanger der Aerzte zusammen mit
mit den Salbenköchen, Klystiersetzern, Aderlassern und Schröpfkopf-
setzern. *j Dass die Aerzte die Arzneibereitung, die wohl durch die
Assistenten geschah, zum mindesten überwachten, lehrt auch Pseudhipp.,
de hab. dec. 8. Auch Arzneien, deren Zurichtung sehr zeitraubend
war, mussten im iatgtlov bereit stehen. Wie schwierig aber das
Präparieren war, ist aus Galen. XIII 366 f.; 372; XIV 30; 220; 249
und aus zahlreichen hippokratischen Medikamenten ersichtlich. Ersterer
verlangt ja sogar neben der sorgfältigen üeberlegung und Beobachtung
der Eigentümlichkeiten der Bestandteile die Geschmacks-, Geruchs-
und Gesichtsprobe."-) Die qiIot6(.iol haben ihren Namen a potior! von
den oiZat = Wurzeln erhalten, die sie sammelten, ganz aufbewahrten
oder zerlegten, teilweise schälten und nötigenfalls im Rauchfange oder
in der Sonne trockneten. Das Ausgraben war bei Abergläubischen
mit allerhand Spuk verbunden. Theophrastos (hist. plant. IX 8, 5)
giebt genaue Anweisungen und verspottet die Thoren, die beim
Sammeln des /.Iv^ttrov (Calendula arvensis) und der ylv/.vaiöi] (Paeonia)
den Specht fürchteten, beim Ausgraben des Ttava^eg 'yJaylrjTtieiov (Echino-
phora tenuifolia) beteten und Honigkuchen und Sommerweizen auf die
Erde warfen und beim Suchen der Alraunwurzel und der Nieswurz
mit einem zweischneidigen Schwerte Kreise zogen oder gemeine Reden
führten. Natürlich verarbeiteten aber die Rhizotomen auch die anderen
brauchbaren Pflanzenteile. Es ist klar, dass sie sich dabei pharma-
ceutische und medizinische Kenntnisse erwarben und diese auch aus-
nützten, manchmal in verwerflicher Weise. Sie mischten wohl auch
1) XVII, II 229.
^) Vgl. auch Galen. XIV 24, wo es auf die persönliche Auswahl ankommt und
die Salbeuhändler. inpoTrcölat als unzuverlässig geschildert werden. Plin. hist. nat.
XXXIV 11, 25; XXXVI 3.
190 Robert Fuchs.
die Mittel, gleich unseren Drogisten {cpaQuay-orttölai == Arzneiliändler)^
und machten den Aerzten Konkurrenz. Doch hat Berendes Eecht,
wenn er das nicht als Eegel gelten lässt. Von den wirklichen „Wurzel-
schneidern" und den Arzneihändlern, die in ihren Buden auch Schön-
heitsmittel, allerlei Geheimmittel und Gifte, ja Kuriositäten, z. B. Brenn-
gläser, ^) feil hielten, hebt sich eine andere mit QiCoröi^iog bezeichnete
Klasse vorteilhaft ab, die pharmakologischen Schriftsteller, die um der
Wissenschaft willen Pflanzen gruben. Ihre Schriften sind bis auf
spärliche Bruchstücke (Diokles, Krateuas u. s. w.) untergegangen. Jeden-
falls wurde im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert bereits Tüchtiges
geleistet. Pseudhippocr. de nat. pueri enthält viel pflanzenphj'siolo-
gische Vorgänge, und zweifellos förderte die Akademie und die peri-
patetische Schule später diese Studien. Plin. hist. nat. XXV 2, 4 f.
spricht von Hhizotomen, die Abbildungen der Pflanzen mit darunter
beigefügter Aufzählung ihrer Wirkungen veröifentlichten , doch auch
von solchen, die die Bilder durch Beschreibung ersetzten oder bloss
Namen und Wirkungen verzeichneten. Als erstes qi'Cozof.ir/.ov ist uns
das des Diokles bekannt; als der ^iCow^iubs gilt aber Krateuas.
Natürlich gab es auch Charlatane, empirisch Kurierende, z. B.
Hirten, Quacksalber und Quacksalberinnen {cpaQf.iay.oi, ipaQfiay.ldeg) und
weise Frauen.-) Wo hätten die auch je gefehlt?
Als die Geburtsgöttinnen nicht mehr selbst zu den sterblichen
Frauen herabstiegen, halfen die Frauen ihren Mitschwestern in schweren
Stunden treulich aus. Sie werden bezeichnet als •^) : d/.toTgig*, a/.imoQig,
dxioiQia, laTQivT], iaxQOf-iala, f.tala, (.laievToia, 6f.upa/.oi6f.iog * (Nabelschnei-
derin), vcpaiQezQia (die unten, d. i. unter den Schenkeln, Wegnehmende)
und ist oft als Substantivum zu Partizipien weiblicher Endung
zu ergänzen, z. B. zu loacpdooovoa (hineinfassend), iargsCovoa, naga-
(päooovaa, raf-iovoa (schneidend). Aber auch da, wo die Knidier im
Corpus Hippocraticum das Masculinum setzen, ist es nur als allgemeiner
Ausdruck für „man" gebraucht; bloss dann, wenn der Arzt ausdrück-
lich als eingreifend hervorgehoben wird, untersucht er an Stelle der
Patientin, einer Freundin oder Verwandten (s. meine Ausgabe III
327 A. 4; 347 A. 53; 526 A. 48). Wenn also XgriOTiör]g (15 S. 231)
meint, dass die männlichen Formen höchstens bewiesen, dass sich der
Autor an Aerzte wende, so hat er recht ; aber man Avürde fehl gehen,
wenn man mit ihm annehmen wollte, dass die Aerzte nur raten, die
Frauen aber die Ratschläge ausführten (vgl. z. B. Pseudhippocr. de
nat. pueri 11 = XIII; epid. V 63; 53; iusi.). Es ist völlig unglaub-
haft, dass die äusserst komplizierten Vorschriften der Einlagebereitung
und Einlegung samt Vorbereitung, sowie z. B. die der Embrj-ulcie von
eine]' Frau ausgeführt worden wären. Herod. 133 wird erzählt, dass
Atossa dem Demokedes trotz ihrer Scham ein Geschwür an der Brust
(Mastitis) zeigt. Bei Euripides (Hippol. 293 f.) mahnt die Amme die
Phaidra also: „Leidest du an einem verborgenen Uebel, so stehen dir
Frauen als Helferinnen zu Gebote. Ist dein Leiden von der Art, dass
es auch Männern ofi'enbart werden kann, so wende dich an die Aerzte."
Natürlich trieb das Schamgefühl auch damals die Mädchen und Frauen,
sich lieber ihren Geschlechtsgenossinnen als den Aerzten zu entdecken.
Aristoph. nub. 767 mit schol.
Demosth. in Aristogiton. 793; Menand. frgm. p. 42 Meineke.
) Die mit * versehenen Ausdrücke gebrauchen die Hippokratiker.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 191
Denn jene waren die geborenen Geburtshelfer, die mit freundlichem
Zuspruche, Zurufen, Liedern, Zaubergesängen, Beschwörungen und
Arzneien Beistand leisteten. Auch sonst waren sie gefällig und lieferten
Abortivmittel und Liebestränke; ja sie waren in Ausnahmefällen zu
den niedrigsten Diensten, zu Kuppelei und anderen Verbrechen bereit.
Hebammen mussten, um tüchtig zu sein, geboren haben, aber keine
Geburten mehr erwarten. Sie belehrten über den Eintritt der Geburt,
beschleunigten und erleichterten sie, manchmal auf rohe Weise, trennten
die Nabelschnur und belebten — oder töteten — scheintote Kinder,
indem sie das Blut der Nabeigefasse nach innen zurückdrängten. Ihre
Ausbildung fanden sie vermutlich nur bei älteren Hebammen; hin-
gegen kann ich Häser nicht einräumen, dass die Unterbringung
Schwangerer in der Wohnung von Hebammen aus Aristoph. Lys. 746 f.
hervorgehe, wo die angeblich Kreissende vielmehr bittet „heim" {or/.aöt)
gehen zu dürfen. Aufklärungen über das attische Hebammenwesen
verdanken wir dem Umstände, dass Sokrates' Mutter eine ehrbare,
angesehene und barsche f^iala war.^) Auch Sparta hatte zweifellos
weibliche Geburtshelferinnen, trotz des archaischen Steines, auf welchem
2 männliche Dämonen (die Tindariden) eine Spartanerin entbinden.-)
Eine anmutige Fabel erzählt uns Hyginus Nr. 274. In Athen habe
es in älterer Zeit keine Hebammen gegeben, da den Frauen und
Sklavinnen die Ausübung der Heilkunst verboten war. Da habe
Agnodike, als Mann verkleidet, bei einem Arzte Hierophylus, den man
für Herophilos gehalten hat, Unterricht genommen und den Gebärenden
Hilfe geleistet. Von den Aerzten aus Brotneid vor dem Areiopagos
verklagt, sei sie auf Fürbitte der vornehmsten Athenerinnen frei ge-
sprochen, und so sei das Gesetz aufgehoben worden.^)
Das älteste uns erhaltene Hebammenbuch ist das des Soranos (w. s.).
10. Die ältesten griechischen Aerzteschulen, Kyrene, Kroton, Sicilien,
Rhodos, Knidos, Kos.
1. Grosser, Gesch. u. Älterthümer d. Stadt Kroton, Theil I, Minden 1866. —
2. StitdniczJi'ft, Kyrene, Eine altgriech. Göttin, Leipz. 1890. — S. X^rjoTiSr^s,
Iviloyos X.XIY 189213, ersch. 1895 {über die loissenschaftl. Methode). — 4. Con-
radi, Bemerkungen ü. d. niedic. Grundsätze d. kölschen u. knid. Schule. Ahh. d.
K. Ges. d. Wiss. zu Göttinyen VII 1856, S. 131 ff. — 5. Houdart, Hist. de Ui
niedec. yrecque depuis Esculape etc., Paris 1856 [mit Vorsicht zu benutzen!). —
6. Idzerdftf Specimen medicum inaugurale continens doctrinam de morbis cutaneis
secundum Hippocratem, Gronningae 1836 (Einleituny). — 7. llherg. Die medic.
Schrift „lieber die Siebenzahl'\ Griech. Stud. — H. Lipsius dargebracht, Leipz. 1894
S. 22 ff.; 35 ff. — 8. Hippocrate par Littre IV S. XV ff.; VII 304 ff. — 9. C\ T.
Newton, A history of discoveries at Halicarnassus, Cnidus and Branchidae, Lon-
don 1862 f. 2 Bb.; Travels and discoveries in the Levant, Land. 1865; Journ. des
savants 1866. — 10. Meinusat, Sur Hippocrate et Cnide, Reo. des detix mondes
1857 f. — 11. Spät, Die Begründung der „Humoralpathologie^^ in der Schule von
Knidos, Wien. Min. RundscJtau 1897 Nr. 47 [Nicht einwandfrei). — 12. Barth,
De Coorum tituloruni dialecto, Diss., Basil. 1896. — 13. JJubols, De Co insula.
Diss. Lutet. Paris. 1884 {Karte, 2 Pläne). — 14. Herzog, Koische Forschungen u.
Funde, Leipz. 1899; Koios und Kos. Hermes XXX 154 f. — 15. Kiihlewein, Kos
und Knidos. Eine kulturgesch.-archäol. Skizze, Westernuinns Illustr. Monatshefte
LIII 1882, S. 393 ff. — 16. Lietard, La medecine grecque avant Hippocrate.
Extrait du Bulletin medical des Vosgcs 1896 Nr. 41. — 17. Malgaigne, Sur
') Plat. Theaet. p. 149 ff.
2) Marx, Athen. Mitth. X Taf. 6.
^) Wiener mediz. Presse 1895 Nr. 46 Sp. 1753.
192 Robert Fuchs.
V Organisation de la meclec. et chir. avant Hippocrate, Journ. de medecine et de chir.
1846. — 18. Pantelides, Itiscriptions de Vile de Cos, Bull, de corresj). hellen. V
1887. — 19. JPaton and Hicks, Inscriptions of Cos, Oxford 1891. — 20. l*ingel,
Zur Gesch. d. griech. Heilkunde {Herodotos III 131), Fleckeisens Jahrhh. f. class.
Philol. 1895 S. 183. — 21. Pullan, Report on the island of Cos. — 22. Bayet,
Memoire sur l'ile de Cos, Arch. des missions scientif. Serie III tome III 1876 {Karte).
Eine der ältesten Pflegestätten der Medizin war Kyrene, jetzt
Grenne, die im Jahre 631 v. Chr. gegründete Kolonie von Thera.
Kyrene wurde bald von der Hauptstadt der Landschaft Kyrenaia (lat.
Cyrenaica) zur zweitgrössten nordafrikanischen Stadt. Von einer be-
sonderen Aerzte schule ist nichts überliefert, wir wissen nur von der
Pflege der Philosophie und Mathematik. Als Demokedes den Polykrates
von Samos (f 522 v. Chr.) behandelte, erfreuten sich die kyrenaischen
Aerzte nach den Krotoniaten des höchsten Ruhmes (Herod. III 131).
Das oiXcpiov, ^) silphium, laser(pitium), ist die Pflanze, der Kyrene sein
Wappen (Münzen) und seinen Reichtum verdankt. Kr o ton in
Bruttium, am Aisäros gelegen, erhielt seine Aerzteschule wahrschein-
lich durch Kalliphon, den Vater des Demokedes, einen knidischen
Asklepiaden, wenn ei- nicht etwa die bereits bestehende Schule bloss
zur Blüte gebracht hat. Als Demokedes von Kroton floh, 4 Jahre
vor dem Tode des Polykrates, also 526/5 v. Chr., war er bereits ein
tüchtiger Arzt (Herod. III 131); also muss die Gründung der Schule
wesentlich vor diese Zeit fallen. An ihr studierten die Pythagoreer
das medizinische Nebenfach der Philosophie. Hippäsos, etwa 450 v. Chr.,
wird sowohl als krotoniatischer, als auch als metapontischer Arzt be-
zeichnet (lambl. vita Pytliag. 81; 267). Sein Zeitgenosse Hippon er-
warb sich in Kroton gründliche Kenntnisse in der Physiologie. Dass
er eher Philosoph als Ai-zt war, wurde oben angedeutet. Dieses gilt
auch für Philoläos (Anon. Lond. XVIII 8 p. 31 = Beckh-Spät 25 0".).
Will man eine sicilische Schule unterscheiden, so kann man dieser
PhilistTon, Empedokles, Pausanias und Akron zuweisen. Als die
rhodische Schule unterging, deren Blüte schwerlich lange gedauert
hat und deren Geschichte in Dunkel gehüllt ist, da wetteiferten von
den asiatischen Schulen Knidos und Kos mit einander (Galen. X 5).
Die meisten und besten Choreuten im Wettkampfe stellte Kos -) (a. a. 0.).
Herodotos lobt allerdings bloss die Krotoniaten und Kyrenaier. Von
den Werken der Alten über Knidos (jetzt Kap Kuio, lakedaimonische
Kolonie in der asiatischen Doris) ist nichts erhalten. Die Schriften
von Poseidippos, Aristeides, Demognetos, Theoporapos sind unterge-
gangen; wir wissen nur, dass der Letztgenannte im 12. Buche aus-
sagte, dass die kölschen und knidischen Aerzte Asklepiaden gewesen
und dass die ersten Nachkommen des Podaleirios von Syrnos ge-
kommen seien.-') Ausser den knidischen Schriften des Hippokrates-
corpus besitzen wir nur einige Citate zur Orientierung. Die früheste
Erwähnung kölscher Aerzte findet sich Pseudhipp. de legat. (Littre IX
^) Die zu Plinius' Zeiteu bereits verschoUeue Panacee (bist. nat. XIX 15) ist
endlich von Kronfelder als eine Art Narthex L. == Steckenkraut nachgewiesen
worden, die . sich bloss in Kaschmir findet (Die Arkesilas-Schale u. das Silphium.
lanus III 1898 S. 22 ff.).
-) 366 V. Chr. wurde Kos, jetzt Xco^a = „Land", Hauptstadt der Insel. Die
Geschichte der Insel schrieb Makareus (Athen, dipnos.). Berühmt, auch in der Heil-
kunde, sind die koischen Weine, besonders das vinum Hippocoum, nach dem ager
Hippo = Jetzt S/jßos 'Innia benannt.
3) Phot. biblioth. p. 120 B ed. Bekker.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 193
408). Um 584 v. Chr. nach Häser (3. Aufl. 103), nach Curtius Be-
rechnung wahrscheinlich noch früher, riefen die von den Einwohnern
Kirrhas hart bedrängten Apollonpriester zu Delphoi angeblich den
Asklepiaden Nebros und seinen Sohn Krisos aus Kos zu Hilfe. Die
Einwohner von Kirrha vergifteten aus Rache hierfür den Fluss
Pleistos und erzeugten so eine Seuche. Fest steht, dass die Anfänge
beider Schulen mindestens um Generationen vor Hippokrates zurück-
lagen und dass zunächst nur die Angehörigen des Geschlechts einen
gemeinsamen Kultus hatten, vermutlich den des fJQcog ATiatrig i4ayla7ri6g,
der sich zum Hauptgotte weiter entwickelte. Das Geschlecht besass
bereits zu Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. eine grosse Bibliothek ^)
(Archiv) und eine reiche Litteratur, -) wie sie Pseudhippocr. de vet.
medic. 1 voraussetzt und L i 1 1 r e I 55 iff. und 232 f. belegt, sogar populär-
wissenschaftlicher Art (Pseudhippocr. de affect.). -) Auch für die Zeit
des Sokrates bestätigt es Xenoph. memor. IV 2, 10: ,,denn es giebt
auch viele Schriften der Aerzte." Welche vorhippokratischen oder
mit ihm gleichzeitig lebenden Aerzte dem Namen nach bekannt sind,
wird im nächsten Kapitel gezeigt werden.
1 1 . Vorhippokratische oder zeitgenössische Aerzte des Hippokrates.
Litteratur: s. oben. Ausserdem: 1. Weniger, Erlebnisse eine griech. Arztes.
Samml. gemeinnütz, u-issensch. Vo7-tr. Heft X. F. 104. — 2. Wet'tner, Demokedes
aus Kroton. Altärztl. Lebensbild aus Griechenl. Bohlfs Deutsch. Arch. f. Gesch.
d. Medic. u. med. Geogr. Y 1882, S. 205 ff'. — 3. Ctesiae Cnidii quue supersunt —
Cum interj)retafione Lat. Henrici Stephani aliorumque — adiecit Alb. Lion. Gottingae
1823. — 4. Sjfief/el, Ktesias als Geschichtsschreiber, Ausland 1877 JVr. 33. —
5. Wertner, Altorient. Curgeschichten IL Cursaison 1883; Ueber d. Stetig, d.
ärztl. Standes im Alterth., Bohlfs Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. YIII 1885,
S. 188.
Am wenigsten ist uns bekannt von Pj'thokles. von dem
Pseudhippocr. epid. V 56 bloss berichtet: „Pythokles gab den
Patienten Wasser und mit vielem Wasser versetzte Milch zu trinken."
Diese Vorschrift würde zu den knidischen Regeln gut passen. Epid.
VII 112 wird dem Halikarnassier im Hause des Xanthippos nach der
Vorschrift des Mnesimächos zur Ader gelassen, aber er stirbt an
dadurch entstandener Phrenitis. Auch die Knidier übten starken
Aderlass, jedoch ist erst bei den folgenden Aerzten die Zugehörigkeit
zur knidischen Schule zu ermitteln gewesen. Ueber Kalliphon,
Hippäsos, Hippon und Philoläos wurde bereits gesprochen.
Von Polykritos von Mende ist nur zu sagen, dass er als Ge-
fangener am persischen Hofe gleichzeitig mit Ktesias kurierte, und
von Theomedon ist nur der Name zu verzeichnen.
Demokedes von Kroton, Sohn des knidischen Asklepiaden
Kalliphon, war am Hofe des Polj^krätes von Samos, als dieser
522 V. Chr. durch den persischen Satrapen Oroites gekreuzigt wurde.
Er war damals nach Herod. III 131 erst 4 Jahre von Kroton fort,
das er wegen des Jähzorns seines Vaters verliess (526'5). Er muss
in Kroton schon längere Zeit praktiziert haben ; denn trotz des Mangels
^) Nach Weisungen für Kos und Knidos bei Houdart (5) S. 271, und zwar
Andreas von Karvstos, Soranos und Tzetzes.
2) A. a. O./S. 205 ff.: 269 ff. Vgl. oben Herodikos, Kap. 8; unten Pythokles,
Mnesimächos.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 13
194 Robert Fuchs.
jedweder Ausrüstung ^) war er in Aigina der gesuchteste Arzt. Daher
wurde er im 2. Jahre als ör^f.uovQyhg unter glänzenden Bedingungen
angestellt (s. Kap. 7), im 3. nach Athen als solcher bei'ufen und im 4.
als Leibarzt des samischen Tyrannen angestellt und nach Ermordung
dieses sowie seines Mörders Oroites als Sklave zu Dareios I., dem Sohne
des Hystaspes, nach Susa gebracht. Als Dareios auf der Jagd der
Knöchel aus dem Gelenke sprang, quälten ihn die ägyptischen Aerzte
durch gewaltsames Einbinden des Gliedes so, dass er 7 Nächte nicht
schlafen konnte und auf das Aeusserste gefährdet wurde. Mit Fesseln
und Lumpen angethan, wurde der zufällig dem Könige genannte
Demokedes herbeigeholt und unter Androhung von Geisseihieben ge-
zwungen, seine verheimlichte Kunst zu bethätigen. Dareios, wider
Erwarten bald vollkommen genesen, lohnte ihm die milde Behandlung
der schmerzhaften Verletzung mit 2 Paar goldenen Fesseln, und als
der Arzt die Gabe als „doppeltes Uebel" bezeichnet, überschütteten
ihn auf Geheiss des Grosskönigs die Haremsfrauen mit Gold. Dareios
erhob hierauf seinen Eetter zum Genossen der königlichen Tafel und
begnadigte auf seine Fürsprache die ägyptischen Aerzte. Bald darauf
behandelte er die Königin Atossa wegen Mastitis und erreichte durch
sie seine Entsendung nach Hellas an der Spitze einer Kundschafter-
expedition. Es gelang ihm, von Taras nach Kroton zu entkommen und
dort bei den Bürgern gegen die ihn aufgreifenden Perser Schutz zu finden.
Zum Abschiede trug Demokedes den Persern auf, seine Verlobung mit
der Tochter des Athleten Milon dem Grosskönige zu melden. Nach
lamblichos (vita Pythag. 257 If.) soll Demokedes später die von Kylon
verjagten Pythagoreer gegen Kroton geführt haben und dabei ums
Leben gekommen sein. Aber diese Nachricht geht auf den Schwindler
Apollonios von Tyäna zurück, und ausserdem wissen weder die übrigen
Gewährsleute, noch lamblichos selbst (267) von der Zugehörigkeit zu
den Pythagoreern auch nur das Mindeste. Suidas erwähnt ein ärzt-
liches Werk des Demokedes, der in den indices Pliniani ebenfalls ge-
nannt wird; jedoch liegt der Verdacht nahe, dass die Späteren, die
von dem Inhalte nichts wissen, das fingierte Buch einem möglichst
alten Arzte beigelegt haben, gleichwie auch Kadnios das erste Prosa-
werk verfasst haben soll.-) Auch um die Anatomie hat sich Demo-
kedes (W achtler a. a. 0., S. 90 f. Anm. 1) verdient gemacht.
Euryphon von Knidos ist ein etwas älterer (Soran. vita Hippocr.)
Zeitgenosse des Hippokrates. Er war der Anatomie kundig (Galen.
XV 135). Die Entstehung der Krankheiten erklärte er also: „Wenn
der Leib die erhaltene Nahrung nicht entleert, so entstehen Üeber-
schüsse, die nach dem Kopfe zu emporsteigen und so die Krankheiten
herbeiführen. Wenn jedoch der Leib fein und rein ist, so geht die
Verdauung in gehöriger Weise vor sich; andernfalls tritt das Er-
wähnte ein." ^) Er schrieb auch über die 7celLi] vooog = die bleiche
Krankheit (Galen. XV 136; XVII, I 888), wie sie in der knidischen
Schrift de morb. II 68 des Hippokratescorpus ebenfalls beschrieben
wird. Das Bruchstück über die Ttshag, das uns Galenos überliefert,
beweist, dass Euryphon der Verfasser von de morb. II nicht sein
kann. Es handelt sich um ein trockenes Fieber mit Schauern, Kopf-
^) So Herod. a. a. 0.; s. dagegen Euseb. praep. ev. XVII 2 p. 791.
') Wachtier, De Alcmaeone Crotoniata, Lips. 1896, S. 20.
'') Anon. Londin. IV 31 ff. (Beckh-Spät 7).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 195
schmerz, Leibschmerz, Gallenerbrechen, Versagen des Gesichts, Schmerz-
gefühl u. s. w. ; die Lippen sehen aus wie bei einem, der Maulbeeren
verzehrt hat, zuweilen treten häufige Wechselzustände ein. Bei Be-
sprechung der Hämorrhagien behauptete er im Gegensatze zu Hippo-
krates, dass sie auch aus den Arterien erfolgen (Cael. Aurel. morb.
cliron. II 10). Littres Schluss (I 214), die koische Schule habe
deshalb die Luft mehr oder weniger auf die Arterien beschränkt, die
knidische hingegen in Arterien und Venen Blut und Luft voraus-
gesetzt, ist eine wahrscheinliche Hypothese. Schmerzen in den Ein-
geweiden (tormentum) nannte er xogöaipög. Er bezeichnete die Zeit
als seine Lehrmeisterin. Die Schwindsucht behandelte er, wie vieles
andere, mit Esels- und Frauenmilch und mit dem Glüheisen. Zur Er-
kundung der Konzeptionsfähigkeit setzte er das Weib auf einen Geburts-
stuhl (?) und machte eine Räucherung (Soran. I 9, 34). Die Verhaltung
der Nachgeburt hob er durch urintieibende Arzneien aus Diptamdosten
und Salbei oder durch bluttreibende Pessarien oder durch Schütteln
der an einer Leiter festgebundenen Wöchnerin (I 22). Bei Uterus-
prolaps hing er die Frau Tag und Nacht kopfüber an' einer Leiter
auf, liess sie dann rücklings zurückfallen und verabreichte ihr als
Nahrung kalten Getreideschleim. Dabei berechnete er die geeignetsten
Tage falsch (II 31, 85). Mit Unrecht sind ihm beigelegt worden die
pseudhippokratischen Schriften : de diaeta, de victu salubri, de morbis II,
de morb. int. Auch von den Kviöiai yvCuiiai kann er nicht Urheber,
sondern höchstens Miturheber sein (s. unten). Er oder sein Sohn oder
Enkel gleichen Namens wird von dem ältesten Komiker Piaton ver-
spottet, weil er dem hageren Schwindsuchtspropheten Kinesias wegen
Empj'ems unzählige Glüheisenmale am Körper beigebracht hat.*) Jeden-
falls hat Euryphon die spätere Medizin noch beeinflusst.-) Nach ihm
behauptete z. B. Herophilos, dass bei Pleuritis die Lunge leide (Cael.
Aur. ac. m. II 16), nannte Praxagoras noch die Eingeweide und den
Ileus unterschiedslos yoQÖal (a. a. 0., III 17), schlug noch Asklepiades
die Geschwulst bei Wassersüchtigen mit gefüllten Blasen (morb.
chron. III 8).
Ktesias, Asklepiade (Galen. XVIII, I 731), war des Ktesiarchos
oder Ktesiöchos Sohn und knidischer Arzt (Suidas). Im Heere des
Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon dienend und in der
Schlacht bei Kunaxa von diesem gefangen, stand er bei ihm 17 Jahre
lang wegen seiner ärztlichen Tüchtigkeit in Ehren (Diod. Sic. II 32;
danach Tzetz. ribr. bist. Alpha, chil. I 82). Von persönlichen Be-
ziehungen zu Hippokrates weiss die Ueberlieferung nichts ; denn avyysvrjg
(Galen. XVIII, I 731) heisst bloss „Zeitgenosse". Seine geographischen
Werke neqai/.a, 'Ivdtxa u. s. w. interessieren uns hier nicht. Er tadelte
Hippokrates Avegen der Ansicht, dass sich der Oberschenkel dauernd
reponieren lasse (a. a. 0.). Es ist aber nicht auszumachen, ob diese
Kritik in einem eigenen ärztlichen Werke oder als Bemerkung in einer
geogi-aphischen Schrift enthalten war. Gegen Ktesias wiederum wandte
sich als Verteidiger des Hippokrates Diokles (Galen. XVIII, I 736).
Ein Bruchstück über el/JßoQog (Nieswurz) hat Oreibasios erhalten (ed.
Bussem. und Daremb. VIII 8). Danach war diese Pflanze zur Zeit
seines Vaters noch ungebräuchlich, so dass man die Kranken zu seiner
^) Fragm. poet. comoediae antiquae ed. Meineke 11 2 S. 679 f.
^) Ermerins (Hippocr. III p. XII) übertreibt, wenn er sagt : mehr als Hippokrates.
13*
196 Robert Fuchs.
Zeit auf die häufige tödiiche Wirkung dieser Arznei hinwies und erst
allmählich mit ihr umgehen lernte. Er erwähnt auch eine wohl-
riechende indische Salbe ycdoTtiov (Photii Bibl. p. 49. 33 Schneid.).
Nach Photios schrieb er, wenn auch nicht durchweg, ionischen Dialekt
(p. 45 A 7, 20 Bekk.) ; seine Werke waren zur Zeit des Galenos noch
vorhanden.
Der kölschen Schule gehört an Aineios, Grossoheim des Hippo-
krates, an welchen ein in Athen aufgefundener Marmordiscus mit seinem
Porträt und mit einem Epigramm erinnert. Sein Weihgeschenk be-
weist, dass sich die kölschen Aerzte bereits gegen Ende des 6. Jahr-
hunderts V. Chr. eines grossen Ansehens erfreuten, i) Etwas älter als
Hippokrates ist Apollonides von Kos, Leibarzt des Artaxerxes I.
Longimänus (465 — 424 v. Chr.) von Persien. Als solcher heilte er eine
schwere Wunde des Megabyzos. Wegen Vergehungen mit der Schwester
des Königs Amytis w^urde er mit dem Tode bestraft (Ctes. 30; 42).
Wenn Hippokrates in den gefälschten Schriften decret. Athen., epist.
1 — 9 Artaxerxes I. schroif zurückweist und sich weigert, zu dem Hellenen-
feinde als Arzt zu kommen, so kann hierin ein Anklang an jenes
Ereignis gefunden werden. Anhangsweise, um später nicht wieder
darauf zurückkommen zu müssen, seien wenigstens genannt: Melanthios
(Herzog 151), des Demetrios Sohn, dessen in Halikarnassos gefundener
Grabstein verkündet: „Dieses Stück (oder: „Koische Erde"; denn es
ist eine Lücke) Erde birgt (mich?) einen Greis, ganz frei von Kümmer-
nis"; Kallignötos von Kos, auf den Agathias ein bissiges Epigramm
gedichtet hat (Anthol. Palat. XI 382); Xenokrätes von Kos, der
durch ein von Praximönes beantragtes Ehrendekret der Koer aus-
gezeichnet wurde (Herzog 20); dann aus römischer Zeit C. Julius
Protoktetos äQxiarQog (= Gemeindearzt) in Kos (Herzog 92);
Nikomedes aus Smyrna, von dem zwei Epigramme erhalten sind, wohl
dem 3. Jahrhunderte n. Chr. zugehörig und in einen Aesculapiustempel
in Rom gespendet. Das Werk, dessen Kopie die Epigramme erläutern,
stand im kölschen Asklepieion und rührte angeblich von Boethos aus
Karthago her (Herzog 131 f.). Die übrigen Aerzte aus Knidos und
Kos werden ein jeder an seinem Platze aufgeführt werden.
Hippokrates.
12. Lebensgeschichte.
1. „Vom Vater der Aerzte", Europa 1879 Nr. 22. — 2. Ackermann, Hist.
litteraria Hippocratis [ed. Kühn I). — 3. Anderson, Medico-chirurgical notes on
the tvorks of Hipjjocrates and Galen. Medical Neics 1895. — 4. Auber, Institutions
d' Hippocrate, Paris 1864. — 5. JBarthez, Discours sur le genie d'Hippocrate s. des-
selben Nouveaux elements de la science de Vhomme, 3. Aufl., Paris 1859. — 6.
Jßeglie Warburton, Hippocrates, Ms life and writings, Edinburgh 1872 {auch
Brit. medic. journ. 1872). — 7. Boulet, Dubitationes de Hippocratis vita, patria,
genealogia, forsan mythologicis, et de quibusdam ejus libris nmlto antiquioribus quam
vulgo creditur, Paris, these, an XII = 1804 {Curiosum!) — 8. Boy er, Etüde sur
l'Hippocratisme, le Traditionalisme, VEclecticisme progressifs de Vecole de Montpellier,
Montp. medical XL VII 1881. — 9. Brian, Gazette hebdomadaire 1857 Nr. 29;
1858 Nr. 15, das angebliche Grabmal des H. betreffend. Becensionen in Canstatfs
Jahresber. 1857 f.; Schmidfs Jahrbb. XLV 251. — 10. Dareniberg, Hist. des
^) Herzog-, Koische Forsch, u. Funde, Leipz. 1899 S. 151 ; 200 f. Von bekannteren
Namen seien erwähnt: Pythodötos, Gorgias, Gnosidikos, HippolÖchos.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 197
Sciences medic, Paris 1870, 1 89 ff. — 11. Duncnn, Edinburgh medical journ.
XXII 1876. — 12. Finckenstein, H. u. seine Zeit, Deutsche Klinik 1861. —
13. FinlaysoUf Hippocrates. Gkisgoiv medical journ. 1892. — 14. Fishev,
Historical and hiographical notes on Hippocrates. Ann. a)iat. and surg. III 1881.
15. Freund, Blicke ins Culturleben: Ueber die Person des H., Breslau 1879. —
16. (lel Gnizo, II genio d' Ippocrate. Memoria letta alVAccademia Pontmiiana etc.,
Napoli 1897 [Atti deW Accad. Pont. XXVIl). — 17. Gomperz, Griech. Denker,
Leipz. 1896, I 238 ff. — 18. Gregoras, Krit. Betrachtungen ü. d. Leben «. d.
Lehre des H., Diss., Erlangen 1886. — 19. Grosshause r, Aesculap u. H., Wien
0. J. — 20. de Hot/OS Lhnon, Espiritu del ^Hippocratismo en su evolucion con-
temporanea, Sevilla 1854. — 21. Houdart, Etudes hist. et crit. sur la vie et la
doctrine d'Hippocrate, et sur Vetat de la medec. avant Itii, 2. Auft., Paris 1840
(Vorsicht!). — 22. Union s. 20. — 23. llherg, Ueber das Hippokratische Corpus.
Verh. der Philologen- Vers, zu Görlitz 1889; Die Hippokrates-Ausgaben des Artemidoros
Kapiton und des Dioskurides. Rhein. Mus. N. F. XLV 1890; Zur Deberlieferung
des Hippokratischen Corpus. Ebda. XLII. — 24. Jfschner, Vom Vater d. Medic.
Gegentcart 1898 Nr. 47. — 25. Kraus, Ueber d. Hippokratismiis. Äntrittsvorlesg.
Mitth. d. Vereins d. Aerzte in Steiermark 1894. — 26. Legallois, Recherches
chronologiques sur Hippocrnte. Pai'is 1804. — 27. Hippocrate jmr Littre I l ff. —
28. Marius, Dissertatio de vita Hippocratis. Wirceburgi 1838. — 29. 3Ioreau de
la Sarthe, Notice sur Hippocrate, Paris 1810. — 30. Oettinger, Hippocratis
vita, 2)hilosophia et ars medica, Berolini 1836. — 31. Chr. Petersen, Zeit u. Lebens-
verhältnisse des H. = Philologus IV 1849, S. 209 ff — 32. Jul. Petersen, Ueber
d. Hippokratismus. Vortrag. Verh. d. Congr. f. inn. Med. in Wiesbaden 1889. —
33. Pucchiofti, Dtlla sapienza d^Ippocrate, e della neeessitä di ristabilirc la medicina
ippocratica in Italia, Napoli 1858. — 34. Hemusat, Sur Hippocrate et Cnide'.
Rev. des deux mondes 1857 f. — 35. Heinr. Bohlfs, Ueber d. Geist d. Hippokrat.
Medic. Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Med. IV 3 ff. — 36. Sari, St^idien ü.
H, Florenz 1846. — 37. O. Schnitz, Hippokratiske näzory o puvodu usic, Prag
1895. — 38. Sourlangas, Etüde sur Hippocrate, son oeuvre, ses idees sur Vinfection
et ses moyens antiseptiques, Paris 1894. — 39. Wiirburton s. Beglie. — 40.
Porträt. Medical Class. Public. Comp., New York 1888.
Der Name „Hippokrätes" war im Altertum sehr häufig. Wir
kennen 7 Aerzte und 1 Tierarzt dieses Namens. An Lebens-
beschreibungen stehen zu Gebote: 1. Die vita Soräni, die entweder
aus dessen ßloi iaxqCov entnommen oder nach ihnen gearbeitet ist und
durch den citierten Koer Soranos auf die koischen Archive, ferner
auf Eratosthenes aus Kyrene (etwa 240 v. Chr.), Pherekydes, Areios,
Apollodöros (etwa 140 v. Chr.) und Tharseus zuriickführt ^); 2. die des
Suidas (etwa 1050 n. Chr.)'^); 3. die des Tzetzes (etwa 1150 n. Chr.;
chil. VII 155). Zu Rate zu ziehen sind nebenbei: 4. Steph. Byzant
unter KCbg nach Herennius Philon ; 5. die gefälschten Briefe, die meist
anekdotenhaft sind. decr. Athen., de legal. ; 6. andere Schriftsteller, z. B.
Piaton und Aristoteles. Wie angesiclits dieser Zeugnisse Boulet (7)
bestreiten konnte, dass es einen Hippokrates gegeben habe, ist uner-
findlich. Der Name 'l7t7toY.QdTr^Q zunächst hat in der Ueberlieferung die
mannigfaltigsten Veränderungen erlitten. Sehr häufig begegnet in den
Handschriften ^IrcTtoAgatf^g, Hipocras u. ä. Der über glossarum hat
Yppocratis und Epocratis, und Hippokras ist eine aus dem ^Mittelalter
herübergerettete, wohlbekannte Form. Die Namens Verstümmelungen
bei den Arabern gehen so weit, dass Hippokrates (Bukrät) und So-
krates (Sukrät) geradezu identisch erscheinen.
Ueber das Geburts- und Todesjahr des „Hippokrates IL des
Grossen" haben wir keine eindeutige Ueberlieferung. Kedrenos (ed.
Basil. p. 118) lässt ihn zur Zeit des Dareios, des Hystaspes Sohn
1) Vgl. Galen. III 850.
*) Unter 'InTioxfaTr^i, Km», .Joäxcof, &eaaa?.6s, Popyias, .Je^i-rnoi-, .^qfioxoiroi.
198 Robert Fuchs.
(521 — 485 V. Chr.), Ruhm erwerben, Eusebios-Hieronymus Ol. 86, 2
bezw. 86, 1 = 434/433 bezw. 435/434 v. Chr. Petersens Ansatz, vor
470, wird von P e t r e q u i n (Chirurgie d'Hippocrate I 32 ff.) widerlegt.
Gr egoras (18) kommt auf 470, indem er sagt: Histomachos (Sor.) irrt,
wenn er 460 angiebt, denn dann hätte Hippokrates der athenischen
Pest (Frühsommer 431 ff.) nicht durch Entsendung seiner Söhne und
seines Schwiegersohnes entgegentreten können, da er mit 29 Jahren
keine erwachsenen Nachkommen gehabt haben kann; dazu passt, dass
bei Aul. Gell. XVII 21 Hippokrates als älterer Zeitgenosse des Sokrates
erscheint. Zu unbestimmt ist die Angabe bei Synkellos (248 B;
253 D), dass er zur Zeit des römischen Diktators Rufus Larcius
501 berühmt und Zeitgenosse des Demokritos, Empedokles, Zenon,
Parmenides und Artaxerxes Makrocheir (465 — 425) gewesen sei. Auch
Eusebios-Hieronymus, die seine Blüte um 436 — 432 ansetzen, und
Piaton, dessen Protagoras dem wenigstens nicht widerspricht, ergeben
nur einen mangelhaften Anhalt, wenngleich der ersteren Angaben
auf Apollodöros und somit auf Eratosthenes fussen werden. Wie sonst
verdient vor dieser Tradition die genauere Angabe in der vita Sorani
(nach Histomachos 7teQi Trjg 'irtTtoAQaxovg aigioeiog I) den Vorzug, dass
Hippokrates am 26. Agrianos oder Agrianios Olymp. 80, 1 = 460 459
auf Kos geboren sei unter dem Monarchen Habriädas ; denn sie ist den
koischen Urkunden entlehnt, ist auch heute allgemein anerkannt.
Nach Suidas und Tzetzes starb er, 104 Jahre alt, Olymp. 106, 1 =
356/355. P e t r e q u i n verringert sein Leben auf das wahrscheinlichere
Mass von rund 85 Jahren und kommt so zu etwa 375. Von dieser
einigermassen zuversichtlichen Begrenzung weichen andere mehr oder
weniger ab; 377 nehmen Sprengel und Fr öl ich, 377/359 Christ,
376/373 Schulze, 370 Wertner an. Als Grabstätte bezeichnen
Suidas Larl(s)sa, Soranos und Tzetzes eine Stelle zwischen Larissa und
Gyrtön(e) in Thessalien. Dass Samartsidis im Jahre 1857 bei dem
heutigen Tyrnabe (= Gyrton) das Grab und den Sarkophag mit In-
schrift entdeckt hätte, hat ihm trotz der Beihilfe der Zeitung 'Einig
niemand geglaubt (Petrequin I 25).^)
Das Hippokratesporträt in einem Cod. Bononiensis beruht auf
Phantasie. Zweifel bestehen bezüglich der Büste aus der Villa Albani,
abgebildet bei Christ, Gesch. d. griech. Litt., 2. Aufl., München 1890
Taf. 21. Die Litteratur über HippokrateslDilder findet man bei
Fabricius-Harles Bibl. Graeca II 507 Anm. m und Visconti,
Iconographie grecque I 379 ff. Der Stammbaum ist verschieden
überliefert, da die mit einander wetteifernden Aerzteschulen ihre Sonder-
interessen darin zum Ausdrucke brachten ; doch werden die Hippokrates
nahe stehenden Generationen als geschichtlich gelten dürfen. Leider
ist der Stammbaum, den C. Stertinius Xenophon für Kaiser Claudius
aus Kos verschrieb, bei Tacitus (annal. XII 61) nicht überliefert; wir
würden sonst auch in der Zeitbestimmung mehr Stützen gewinnen. -)
Nach Soranos gehört Hippokrates der 20. Generation des Asklepios und
der 19. des Herakles an, nach Tzetzes der 17. des Asklepios. Sein
Vater war der Arzt Herakleides (Sor.), seine Mutter war Praxithee, die
1) Vgl. Brian, Gazette hebdomadah-e 1857 Nr. 29: 1858 Nr. 15. — Caiistatt's
Jahresbericht 18571 — Rosenbanm, Schmidt's Jahrbb. XLY 251 if.
■^) Herzog, Koische Forsch, u. Funde, Leipz. 1899 S. 97: 200 f. hat alle Nach-
weisungen auf Grund der Inschriften beigebracht.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 199
Tochter der Pliainarete (epist. 2), oder Pliaiiiarete (Sor., Tzetz.). Als
Grossoheime werden Aineios (s. oben) und Podaleirios. ^) als Grossvater
Hippokrates I., Enkel des Nebros, genannt. Den ärztlichen Unter-
richt erteilte der Täter. Dass ihm Herodikos von Selymbria (Sor.,
Tzetz.) gymnastische Stunden gegeben habe, ist ebenso unsicher wie
der Bericht, dass er Schüler des Gorgias. Prodikos und Demokritos
gewesen sei. Bei Herodikos steht entgegen, dass Hippokrates an-
scheinend Athen nicht besuchte. Gorgias, den hochbetagten Ehetor,
könnte er in Larissa gesehen haben. Bei Demokritos könnte an ein
oberflächliches Zusammentreffen in Abdera gedacht werden. Am zweifel-
haftesten aber sind die Beziehungen zu Prodikos, dem Sophisten. Hippo-
krates unternahm nach glaubwürdiger Ueberlieferung grosse Reisen
durch Hellas. Es war dieses einmal der allgemeine Zug jener Zeit,
sich auf Reisen zu bilden, statt daheim die Schule fortzupflanzen. Ferner
aber war zweifellos ein lebhafter Bildungsdrang der Grund, weshalb er
das Eiland verliess, das ihm wegen seiner gesunden Lage so wenig Lehr-
stoff bot. Auch das Bestreben, andere alte Asklepiostempel (z. B. auf
Thasos) kennen zu lernen, mag von Einfluss dabei gewesen sein. Jeden-
falls waren ihm sein Schwiegersohn Polybos und andere Schüler zuver-
lässige Stellvertreter, diddoyoi. Von freundschaftlichen oder verwandt-
schaftlichen Beziehungen zu auswärtigen Asklepiaden, wie Gregoras
andeutet, ist uns nichts bekannt. Die von Hippokrates besuchten Stätten
sind schwer zu bestimmen, da die Schriften grösstenteils unecht sind.
Fest steht nach epid. I und III der Besuch der Insel Thasos, der von
Larissa in Thessalien, Abdera in Thrakien, Kyzikos an der Propontis
und Meliboia in Thessalien; die beiden Klazomenier (I 2, 3 Kap. 20;
I 10. Pat.) wohnten offenbar auf Thasos. Da nicht auszumachen ist,
^Weviel von epid. II und VI auf Hippokrates selbst zurückgeht, kann
bezüglich folgender Städte der Besuch zum mindesten nicht erwiesen
werden : Kran( n)on bei Larissa, Perinthos an der Thrakischen Pro-
pontis, Ainos am Hebros (= Maritza), Plenos (?; vergl. bei mir II 267 f.
Anm. 52), Pharsälos in Thessalien. In den übrigen Büchern der Epi-
demien genannte Orte, wie Oineiädai, Pherai, Malierland, Datos, können
nicht als vorübergehende Wohnorte des Hippokrates in Anspruch ge-
nommen werden. Vollends unerweisbar ist die Annahme, dass er an
allen den in de aere aq. loc. genannten Stätten gewesen sei, also in
Aegypten (Georg Ebers), Libyen, am Asowschen Meere, am Phasis
(jetzt Rion in Russisch-Kaukasien), in dem ausgedehnten Skythenlande,
in den Ausläufern des Ural; denn seine Mitteilungen können sehr
wohl auf mündlichen Berichten beruhen. Für einen etwaigen Aufent-
halt am persischen Königshofe ergeben die gefälschten Briefe eben-
falls keinen Anhalt. Für einen Besuch in Athen spricht ebenfalls
nichts. Galen. XIV 281 passt auch für jeden anderen griechischen
„Pest"-Herd. Die Schilderungen der athenischen „Pest" bei Thukydides
(II 49 u. ö.) und Hippokrates (epid. III 3, 7) haben so gut wie keine
Aehnlichkeit. Thukydides erwähnt nicht einmal den Arzt, der zu
jener Zeit trotz seiner Jugend in Ehren stand. Wäre Hippokrates
thatsächlich damals in Athen mit Erfolg thätig gewesen, so hätte er
auch als Athener, Laie und Privatmann (Gregoras S. 11 f.) ihn nennen
müssen. Auch sonst weiss Galenos nichts von einem Aufenthalte in
Athen, und selbst mit Piaton (Protag.), Varro und Plinius ist nichts
*) Steph. Bj'z. unter Kwi.
200 Robert Fuchs.
Zuverlässig-es zu ermitteln. Alles, was sonst berichtet Avird, sind
Anekdoten,^) deren Spur von wahrem Kerne höchstens erraten
werden kann. Dahin gehört die Behauptung, er habe in Knidos (so
Andreas, wohl der Herophileer) oder Kos (Tzetz.) als Gustos der
dortigen Bibliothek den Tempel samt allen Archivstücken verbrannt,
um sich den Erfinderruhm zu sichern, und sei deshalb zu den thrakischen
Edönen geflohen. Wohl aber wird er die Tiivay.eg (= Weihetafeln)
mit den Krankheitsbeschreibungen und Rezepten studiert haben (Varro
bei Plin. h. n. XXIX 4). Seine Diätetik und klinische Lehre kann
sehr wohl aus den litterarischen Tempelschätzen abgeleitet sein
(Strab. III 14 ; cf. XIV 657). Eine ähnliche Brandstiftung legt Strabon
(a. a. 0.) der Frau des Hasdrübal bezüglich des karthagischen x4.sklepios-
tempels zur Last, die Arabisten dem Avicenna. Wunderlich sind bei
Tzetzes die 4 Gründe, weshalb Hippokrates in bildlichen Darstellungen
das Haupt mit dem Mantel umhülle, und die Zurückführung der Aus-
wanderung nach Thessalien auf einen Traum (Sor.). Märchenhaft ist
es, dass er mit Euryphon die „Phthisis" des Königs Perdikkas von
Makedonien als Liebessehnsucht zur Phila, seines Vaters Nebenfrau,
festgestellt und, von den Abderiten berufen, Demokritos von seinem
Wahnsinne, die Stadt von der Pest befreit haben soll (Sor.), Zweifel-
haft ist, ob er den Zug der Pest vorausgeahnt und durch Entsendung
von Schülern in der Attike gehemmt habe (Sor.). Ersonnen ist die
schroffe Absage an Artaxerxes I. Makröcheir (Sor.; dogma Athen.;
epist. llf.); fraglich, ob er Kos vor der Eroberung durch die Athener
rettete, indem er die Thessalier zur Hilfe herbeirief (Sor.), ob er in
die athenischen Mysterien eingeweiht und der Speisung im Prytaneion
gewürdigt wurde (decr. Athen.); nicht wahr, aber gut erfunden, dass
in seinem Grabmale Bienen gehaust hätten, deren Honig den Soor der
Kinder vertrieb ; plausibel, dass er uneigennützig und geldfeindlich war
(Sor.). Nach Pausan. X 2, 4 hat er nach Delphoi ein Skelett als Weih-
gabe gestiftet, gleichwie Erasistratos eine Zahnzange; nach den Ara-
bisten gründete er das erste Hospital. Die an weithin sichtbarer
Stelle heute noch gezeigte Hippokratesplatane ist viel jüngeren Ur-
sprungs; hingegen hat Hippokrates zweifellos die früher nach ihm
benannte Quelle BovQiva gekannt. Hippokrates hatte 2 Söhne,
Thessälos-) und Drakon (Galen. XV 110; Suid.), die ebenfalls auf
Wanderungen auszogen. Hippokrates III., Sohn des Thessälos, schrieb
iatQLY.d, ebenso Hippokrates IV., der Sohn des Drakon, welcher Arzt
der Roxäne, der Gemahlin des grossen Alexandros, war. Hippokrates V.
und VI, Söhne des Thymbraios, schrieben über Medizin ; und dasselbe
berichtet wiederum Suidas von Hippokrates VII., dem Sohne des
Praxiänax. Zu seinen Schülern zählten in erster Reihe seine Söhne
und sein Schwiegersohn, weiterhin aber auch Apollonios und Dexippos
von Kos (s. unten) und nach Tzetzes (chil. VII 155) Praxagoras von
Kos u. a., deren Lehren unten besprochen werden werden.
Was die Wertschätzung des grossen Koers anlangt, so sind
Tadelworte gegen ihn ausserordentlich selten. Bekannt ist, dass
1) Vgl. L i 1 1 r e VII S. XVII. P e t r e q u i n I 28 ff. H u b e r in Friedreich's Blatt,
f. gerichtl. Mediz. u. Sanitätspolizei XXXVII 1886 S. 321 ff. Heuscliers Janus I
853 f. Haas in d. Ztschr. d. deutsch, morgenl. Ges. XXXI 1877 S. 6571 Was am
Schlüsse genannt ist, bezieht sich auf eine "durch Araber verschuldete Verwechselung
des H. mit einem Wollüstling.
-) Vgl. Kap. 7 Schluss über die angebliche Entsendung nach Sicilien.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 201
Asklepiädes seinen gi'osseu Vorfahren aus Eitelkeit einen „Todbringer"
{d^avdrov /.lelhrig) nannte und verachtete. ^) Sonst Hesse sich nur der
Tadel des Galenos, XVI 809, anführen. Des Lobes voll sind alle
Schriftsteller aller Zeiten. Piaton vergleicht ihn mit Polykleitos
und Pheidias (Protag. 311 B f.), Aristoteles nennt ihn den „Grossen"
(polit. VII 4 1326 a 15). Apollonios von Kition den „Göttlichen" (ed.
Dietz p. 1; Chirurgi Graeci vet. ed. Cocchi p. 171), Galenos den
„Göttlichen" (IV 542), den „in jeder Beziehung Bewundernswerten"
(IV 789; II 189; VII 739), den „Finder alles Guten" (XVI 273;
X 458) und kargt auch sonst nicht mit Lob (XV 110; XIX 220 f.);
Ruphos, Celsus, Athenaios von Naukrätis, Stephanos von Bj'zantion
(s. Kiög), Alexandros von Tralleis (II 333 „der weise Greis"; 377
„der Göttlichste"), Theophilos, Suidas („das Aphorismenbuch übersteigt
menschlichen Verstand") und das ganze Mittelalter huldigen dem „Vater
der Heilkunde", dessen Ehrenstellung gewahrt bleibt, selbst wenn man
den Vaterbegriif nicht in seinem vollen Umfange anerkennen kann.
13. Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum).
S. die Litteratiir zu Kap. IS. — 1. Kühle tvein, Beiträge z. Gesch. u. Be-
urtheilg. d. hippokrat. Schriften. Philoloyus XLTI 1S8'2. — 2. Laboulbene, Hist.
des livres hippocratiques. Gazette des hopitaux, Paris 1S>^1. Die bedeutendsten
Werke über Chronologie und Echtheitsfragen s. in den Anmerkungen.
Die Zahl der unter dem Namen des Hippokrates gehenden
Schriften wird verschieden angegeben, da es darauf ankommt, welche
Bücher man als selbständige Werke und welche man als Fortsetzung
eines anderen Buches zählen will. Tzetzes (chiliad. VII 971 f.) be-
rechnet 53, ebenso Littre und Christ in seiner griechischen Litte-
raturgeschichte 53 Schriften in 72 Büchern; von einem „Sechzig-
bücherwerke" und 3 Schriften spricht Suidas; mehr als 60 sind es
nach Petrequin, etwa 67 nach Ermerins, 69 im Index des cod.
Paris. 2255/2254 saec. XIV, über 70 nach Fredrich, 72 nach
D i e 1 s. -) Die Werke der Hippoki-atiker waren anonym, als sie zu
Beginn des 3. vorchristlichen Jahrhunderts für die bücherliebenden
ägyptischen Diadochen gesammelt wurden, um auf die TtLvayisg (Kata-
loge) der alexandrinischen Bibliothek gebracht zu werden. Nur so
erklären sich die Zweifel über die Aechtheit und die schwankende An-
ordnung. Bis dahin waren die Werke über Hellas verstreut ; ihr Haupt-
stock aber muss in Kos und Knidos in den Archiven gelegen gewesen
sein, namentlich die formelhaften oder unvollendeten Bücher {vTroftvi]-
f-iaxa). Das Fehlen des Titels, der meist aussen auf den Rollen an-
gebracht war, die Sammlung durch Kaufleute aller Länder und die
Vereinigung von drei Kategorien von Handschriften (1. erläuterte
Texte, 2. ra £x Ttloiwv ^) = Schiifsbücher, d. h. die den Schiffern gegen
Erstattung einer Kopie von Ptolemaios III. abgenommenen Texte,
3. schon vorher in Aegypten verbreitet gewesene Bücher in der
alexandrinischen Bibliothek, die nicht immer zuverlässige Eintragung
in den (.ir^Qog jtiva^ (= kleiner Katalog, d. h. der echten Werke) '^)
^) Galen. XI 163; vgl. XI 177; Littre IV 3.3 ff.
-) Ueher d. Excerpte v. Menons latrika in dem Londoner Papyrris 137. Hermes
XXVIII 1893 S. 407 ff.
») Galen. XVIII, i 379.
202 Robert Fuchs.
haben dazu beigetragen, dass der Ursprung der meisten Werke dunkel
bleibt. Kataloge finden sich mehrfach in den Handschriften, z. B. im
Vatic. 276 saec. XII, in einem Bruxellensis saec. XIP), in Paris.
2146; 2255 und 2254 saec. XIV, in einem Arabiens u. s. w.
Die ganz verschiedenartigen Schriften sind bei Erotianos ein-
geteilt in: 1. semiotische, 2. naturwissenschaftliche {cpvoi-/.a) und
ätiologische und 3. therapeutische Werke (diätetische, chirurgische,
vermischte, auf die Kunst bezügliche). Nach ihrer Echtheit zerfallen
sie in knidische und koische Denkmäler oder in Vorbilder und Kompi-
lationen aus diesen ; man kann auch abgeschlossene, ausgefeilte Werke
und stichwortähnliche Notizensammlungen und Krankenjournale sondern.
Den Charakter von vrcouvrif-iaxa = Notizen haben: epid., aphor.,
praenot. Coac, prorrh. I und de nat. hom. vielleicht; von Kompilationen:
de diaeta, de oss. nat, de cris., de dieb. crit., von sophistischen Reden
z. B. de arte, de vet. med., de nat. hom., de flat., orat. Die Schriften
sind an Aerzte, Laien (de victu sah) oder beide gerichtet. Als iTtiöeiiis
an das grosse Publikum erweist sich z. B. de arte. Auch als Fach-
schrift oder Schulschrift könnte man das eine oder andere Werk kenn-
zeichnen.
Der Dialekt,'-) der auf Kos gesprochen wurde, war der dorische.
Natürlich war der örund, weshalb die hippokratischen Schriften in
ionischem Dialekte abgefasst sind, nicht der Wunsch, dem Demokritos
zu Gefallen zu sein (Aelian. var. hist, IV 201, sondern in jener Zeit
war die durch Herodötos so meisterhaft vertretene "lag die vorwiegende
Prosasprache. Der Anonj^mus bei Bachmann (Anecd. II 367) hat
Recht, wenn er dem Herodötos das Einmischen poetischer Formen und
Wendungen nachsagt, Unrecht, wenn er die hippokratische las rein
nennt. Denn schon Xenokritos (Erot. s. v. allocpdoGovTsg) und Erotianos
(und vermutlich auch Galenos in seiner verlorenen Schrift über den
Dialekt des Hippokrates) haben vielfach dorische und attische Formen
festgestellt.'^) doch gingen die alten Kritiker zu weit, die durchweg
den altattischen Dialekt Q4tO-ig) herausfinden wollten. Obwohl auch
bei unserem Corpus das Bestreben, die Schulformen an Stelle der
Dialektformen zu setzen, vielfach hervortritt, so ist die Ueberlieferung
doch im Ganzen in den besten Codices treu und häufig der Fassung
des Galenos überlegen, der im Kampfe gegen die Atticisten den
Pseudionismus allzu wacker verteidigte.
In Bezug auf den Stil*) weisen die hippokratischen Schriften die
denkbar grössten Verschiedenheiten auf, wie sich schon aus dem über
die Einteilung Gesagten schliessen lässt. Die Schwierigkeit der Text-
1) Hellsehers Jaiius 1847 S. 475.
^) Gomperz, Sitzunosher. d. kais. Ak. d. Wiss. in Wien, phil.-hist. Kl. CXX
1889 S. 76ff.: „Dialektologisches". 0. Hoff manu, Die griech. Dialekte III 192 ff.
Kaute, Observationes granimaticae in Hippocratis scriptis genuinis. Diss. Gryphis-
waldiae 1876. KühleAvein, De dialecto Hippocratica (s. dessen Ausgabe des Hipp.
S. LXVff.); Hermes XXII 186 A. 2. Littre in seiner Ausg. des Hipp. I 479 ff.;
X S. XXXliff. Lob eck, Beiträge z. Kenntnis des Dialekts des H. Philologus 1853;
Quaestiones lonicae, Eegimoutii 1850. Petrequin (s. dessen Ausg. des Hipp.) I
111 ff. Uthoff, Quaestiones Hippocraticae. Diss. Marburgi 1884.
*) Ilbergi Studia pseudippocratea. Diss. Lips. 1883, S. 33 ff. zählt Beispiele auf.
*) Kühle wein, Observationes de usu particularum in libris qui vulgo Hippo-
cratis nomine circumferuntur. Diss. Gotting. 1870. Littre I 465 ff. Maas, Hermes
XXII 566 ff. Petrequin a. a. 0. Weber, Einige Bemerkungen über Hippo-
krates' Darstellung und Stil (S.-A. aus Freundesgaben für Carl Aug. Burk-
hardt zum siebzigst. Geburtst, Weimar 1900).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 203
behandlung. welche darin wesentlich mit begründet ist, hat die Heraus-
geber schon (besonders Erinerins) verleitet, ihren eigenen Stil, ja ihre
modernen Gedanken in die Ueberlieferung gewaltsam hineinzukorrigieren,
diesen Widerstreitendes wegzustreichen und überall schulmeisterlich
zu uniformieren (Beseitigung des Numeruswechsels; ^) Wortumstellung).
In den besten Schriften findet sich eine natürliche, schlichte, gefällige,
klare, edle, stets geschmackvolle Redeweise. Die Satzverbindungen
sind durchsichtig (Kopulation, Adversation), jedoch mannigfaltiger als
bei Herodötos, und die Perioden stellen sich von selbst in tadelloser
Abrundung ein. Eine gewisse Schwerfälligkeit der alten Prosa, keines-
wegs bloss des Hippokrates, zeigt sich in der häufigen Wiederholung
eines und desselben schwerwiegenden Begriftswortes in einem Satze,
wenn das Pronomen genügen würde (z. B. de artic. repos.). Daher
vergleicht Weber den hippokratischen Stil in seiner ^^'ürde und An-
mut mit der Plastik des Kephisodötos. des Vaters des Praxiteles.
Die Handschriften-') älterer Zeit enthalten nur einen Teil
des Corpus. Die hervorragendsten sind: Yindobonensis med. IV (ß),
10. Jahrh.; Parisinus 2253 (A), 11. Jahrh. ; Laurentianus 74, 7 (B),
11. oder 12. Jahrh.; Vaticanus graec. 276 (V), Ende des 12. Jahrh.;
Venetus Marcianus 269 (M), 11. Jahrh. Hierzu kommt eine grosse
Anzahl jüngerer Codices, die in 2 Klassen zerfallen. Führer der ersten
Klasse ist Paris. 2142 (H), 13. Jahrh., Führer der zweiten verschiedene
Paris, und ein Laurentianus (74, 1 = L), Ende des 15. Jahrh.
Ausgaben") giebt es in erstaunlicher Anzahl jedoch sind die
älteren mit geringen Ausnahmen durch die neueren entbehrlich ge-
worden. Im Altertum zunächst gaben den Hippokrates heraus: Mnemon
von Side in Alexandreia (Galenos XVII, I 606 tf.) ; unter Hadrianus
(117 — 138 n. Chr.) Artemidöros Kapiton und Dioskurides der Glossograph,
die vielfach unnötige Konjekturen und alltägliche Ausdi'ücke statt der
alten in den Text setzten und allzu sehr feilten (Galen. I 24 f.;*) XV
21; XVI 2; 485; XVII. I 793 ff.; XIX 83). Ob Galenos selbst die ver-
heissene kritische Ausgabe der echten Schriften verfasste, wissen wir
nicht (XVI 3). Folgende neuzeitliche Ausgaben sind die wichtigsten:
die editio princeps oder Aldina, Venet. 1526, fol.; die von Cornarius,
Basil. 1538, fol. (beiLittre Frobeniana wegen des Druckers); die von
M e r c u r i a 1 i s , Venet. 1588, fol. ; die von AnutiusFoesius, Francof.
ad M. 1590 ; 1595, am besten in der Neuauflage cur. Chouet, Genev. 1657,
fol. (hierzu gehört die kritisch und exegetisch gleich wichtige Oeconomia
Hippocratis, alphabeti serie distincta etc. Anut. Foesio Mediomatrico
1) S. bei mir I 58 A. 9; 60 A. 14; 164 A. 27; 173 A. 11: 182 A. 28; 197
A. 35 u. a. m.
'^) Gomperz, Sitz.-Ber. d. Kais. Ak. d. Wiss. in Wien, philos.-hist. Kl. CXX
1890 S. 66 ff. — Ilberg, Stndia psendippocratea, Diss. Lips. 1883 S. 301; Verh. d.
vierzigst. Vers. Deutsch. Philol. u. Schnlniänner in Görlitz 1889, Leipz. 1890 S. 401;
Rhein. Mus. XLII 1887 S. 436; Prolegoraena critica in Hippocratis operum receu-
sionem novam, Lips. 1894. Kaute, Ohserrationes grammaticae in Hippocratis
scriptis genuiuis, Gryphiswaldiae 1876 S. 9 f. — Kühle wein. Hermes XVII 1882;
XX 1885; XXII 1887. Littre I 80ff.; 511ft'.; X S. LIX ft. Petrequin I 137 ff.
Uthoff, Quaestiones Hippocraticae, Diss.. Marburgi 1884, S. 3 ff.
*) Choulant, Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medic. etc., 2. Aufl.,
Leipz. 1841. Daremberg, Oeuvres choisies d'Hippocrate, traduites par — , Paris
1843 und 1855 S. IX ff. Bissen, Les editions et les traductions de la collection hippo-
cratique, Strasbourg 1866; Littre I 502 ff.; 540 ff. u. a. ni. Kritik u. Biograpliie
der Herausgeber vereinigt geschickt Petrequin I 145 ff.
*) Ilb^erg, Ehein. Mus. XLY 1890 S. 111 ff.
204 Eobert Fuchs.
medico, authore, Francofurdi 1588, fol., besser in der Neuausg-abe cur.
Choiiet, Genev. 1662 fol.); die von van der Linden, Lugd. Bat. 1665,
8*\ 2Bb., öfter aufgelegt; die von C kartier, Paris 1639—1679, fol.,
minderwertig, unpraktisch; die von Mack, Wien 1743 — 1749, 8^ unvoll-
endet; die von de Merey, Paris 1813, 12^ mit lat. Uebersetzung; die
von Kühn, Lips. 1825 - 1827, 3 Bb., desgl. (nach F o e s i u s , viele Druck-
fehler, gute Einleitung). Für immer verwachsen mit Hippokrates ist
der Name des, „esprit encyclopediqiie, en qui la force de conception egale
le savoir", ^) E (m i 1 e) L i 1 1 r e s -) durch seine Ausgabe : Oeuvres com-
pletes d'Hippocrate, traduction nouvelle avec'le texte grec en regard,
Paris 1839 ff., 10 Bb. Die Varianten sind am ausführlichsten ver-
zeichnet, Erklärungen oft beigegeben; die Litteratur ist erschöpfend
benutzt; zahlreiche Vorbemerkungen und Exkurse; Uebersetzung
elegant, klar, aber sehr frei und nicht ohne Willkür. An philo-
logischer Hyperkritik und schulmeisterlicher Pedanterie kranken:
Hippocratis et aliorum medicorum veterum reliquiae. Mandatu academiae
regiae ... ed. Franc. Zach. Ermerins,") Traj. ad Rhen. 1859—1864,
3 unhandliche Bände; epimetrum und continuatio epimetri, Einleitung,
Text und ausserordentlich lückenhafte lat. Uebersetzung nach F o e s i u s ;
wenige Handschriften, daher unklare Textauffassung und Verkennung
des Dialekts. Das Lob Franckens und Kl eins „medicus ille
(fdoloywrarog'^ *) ist cum grano salis zu nehmen. "iTtTio/.Qdzrig. KofxLdj]
Caroli H. Th. Reinhold, ^^jvtjol 1865 f., enthält nur 14 Schriften und
diese nicht einmal vollständig; von Wert sind die kritischen STtlfiexQa
und öß(-ho(.ioL. Die beste, aber lediglich kritische Ausgabe ist im Er-
scheinen begriffen; sie heisst: Hippocratis opera quae feruntur omnia,
vol. I rec. Hugo Kühle wein, Lips. 1895 (Teubner) und enthält: de
vet. med.; de aere aq. loc; progn.; de diaeta in ac. ; epid. I; III;
Prolegomena: c. I. De codicibus manu scriptis; c. IL De memoria
secundaria scr. J. Ilberg; c. III. De dialecto Hippocratica scr.
H. Kuehlewein. Für die chirurgischen Schriften wird stets unent-
behrlich sein : die postume Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Petrequin,
Paris 1877 f., 2 Bb. mit wichtigen Einleitungen, Nachträgen, Exkursen,
Parallelensammlungen. Die übrigen Spezialausgaben müssen über-
schlagen werden. Facsimilia finden sich : The Palaeographical Society,
Facsimiles of Ancient Manuscripts etc. ; K ü h 1 e w e i n I.
Die ältesten der zahlreichen Ueber Setzungen^) sind lateinische'*)
und stammen der Sprache nach aus dem 5. und 6. Jahrhunderte n. Chr.
Zur Zeit der Gothenherrschaft in Italien (493 — 555) wurden die
griechischen Klassiker ja nicht mehr verstanden. Die Uebersetzer
^) Gazette hebdomadaire 1861 S. 378.
-) Daremberg-, Jonrnal des savants 1851 ff. Lob eck (s. unter Dialekt). —
Heinr. Rohlfs, Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. medic. Geogr. IV. 1881
S. 58. — Ilberg-, Verb. (s. oben) S. 394.
•'') Ilberg-'a. a. 0.
*) Erot. ed. Klein, Lijis. 1865, praef. p. V.
■'') Vgl. oben Ausgaben; dann Littre 1540 ff.; Petrequin I 145ff. (Kritik,
Biographie der Verfasser).
'•) Fuchs, Anecdota Hippocratea. Philologus 58 = N. F. 12, 1899 S. 407 ff. —
Ilberg, Verhandlungen (s. oben) S. 399 ff.; Philol. 52 = N. F. 6, 1894 S. 426; in
„Griech. Stud. — H. Lipsius dargebracht", Leipz. 1894 S. 23 ff. Kühle wein,
Philol. 42, 1882—1884 S. 123; Hermes 17, 1882 S. 484 ff.; 25, 1890 S. 120 ff. Eose,
Anecdota Graeca et Graecolatina, Berol. 1870, II 115 ff. — Stadler, .lanus IV 1899
S. 548.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 205
waren wohl griechisch sprechende Gelehrte von Unteritalien; sie um-
schrieben das Original gelegentlich in freier Fassung (Kühle wein).
Cassiodorus (instit. divin. lect. I 31) riet seinen Mönchen, Hippokrates
und Galenos im lateinischen Texte zu lesen; er war 514 n. Chr. Konsul.
Constantinus Africanus übersetzte etwa 1080 die Aphorismen. Gerardus
von Cremona übertrug aus dem Arabischen in das Lateinische das
progn. und de diaeta in ac. Des Galenos Kommentar 7 und 8 zu epid. VI
ist nur in lateinischer Fassung erhalten, ebenso die untergeschobene
hippokratische Schrift de hebdom. Die lateinische Gesaratausgabe von
Fabius Calvus, dem väterlichen Gönner Eaffaels (* 1483), Romae 1525, foL,
und öfter, hat nur antiquarisches Interesse ; besser ist die des C o r n a r i u s,
Venet. 1545, fol. und Basil. 1554. 4". Cod. Paris. Lat. 6865 saec. XIV
enthält scholastische Paraphrasen des Textes,^) doch ist das nur ein
Beispiel für viele. Auch an arabischen und hebräischen, ja an einer
gälischen üebersetzung fehlt es nicht. Von sonstigen Uebersetzungen
sind zu beachten : Daremberg, Hippocrate. A Paris 1843. 2. Aufl. 1855,
8*^ (französisch) und Francis Adams, Lond. 1849, 2 Bb., unvoll-
ständig, mit brauchbarer Einleitung. Völlig veraltet sind die deutschen
Uebersetzungen von Grimm, Altenbg. 1781 ff., 4 ßb.; 2. Aufl. von
Lilieuhain, Glogau 1837f., 2Bb.; Upmann, Berl. 1847, 3 Bb. Sie
werden ersetzt durch Fuchs, Hippokrates, Sämmtliche AVerke. Uebei's.
und ausführl. commentirt, Münch. 1895 — 1900.
Ein Wörterbuch hat nur F o e s i u s geliefert (s. oben Oeconomia) ;
die versprochene neue Auflage von Ermerins ist nicht geschrieben
worden. Auch sonst ist es nur bei Ansätzen dazu geblieben, z. B. bei
Petrequin. Kommentiert-) haben die Hippokratessammlung. teils
in fach wissenschaftlicher, teils in grammatisch-lexikographischer Weise :
Herophilos und Erasisträtos (um 300 v. Chr.), Bakcheios von Tanagi-a
(290-260), dessen Kommen tartrümmer im handschriftlichen Nachlasse
Darembergs gefunden wurden, Phillnos (um 280), Zeuxis und Deme-
trios, der Epikureer (um 250), Xenokritos, Glaukias und Herakleides von
Taras (um 230), EupliorTon, Pasikrätes, Lysimächos, ein unbekannter Arzt
Asklepios (D i e t z , Apoll. Citiens. etc. schol. I 458 ; 478 ; Geopon. XX 6 ;
Oder, Rhein. Mus. XL VIII 21), Attalion und Epikeleustes unbe-
kannter Zeit, Nikandros (Glossen), Lj'kos, der Sohn des Pelops aus
Makedonien (vor 100 v. Chr.), und dessen Benutzer Epikles aus Kreta
(s. W^ellmann, Hermes XXXV 383), Apollonios von Kition (ältester er-
haltener Kommentar) und Asklepiädes um 70 v. Chr.. Philonides (um
30 V. Chr.) ; im 1. Jahrhunderte n. Chr. Erotiänos , ^) Dioskurides der
Glossograph, Archigenes, Soranos, Ruphos der Ephesier, um 100 — 200
n. Chr., Sablnos, die beiden Lj'kos (w. s.), Galenos ; Domnus, Philagrios
(um 350), Pseudo-Oreibasios (um 360), Stephanos von Athen, Theo-
philos der Protospatharios, Pseudo-Damaskios. Palladios, loannes von
^) Kalbfleisch, Rhein. Mus. N. F. 51, 1896 S. 468.
^) L i 1 1 r e I 80 ff. P r e u , Diss. de interpretibus Hippoeratis Graecis. Altoi-fi 1795.
Fedeli, Die hippocratischen Comm. an d. Hochschule -in Pisa s. Janus V 1900
S. 161 If. Von Späteren z. B. Martianus, Magnus Hippocrates Cous notationibus
explicatus, Venet. 1652, fol.
•'') Erotiani vocum Hippocraticarum conlectio rec. ... Jos. Klein, Lips. 1865.
Ilberg, Das Hippokrates-Glossar des Erotiänos u. seine urspr. Gestalt. Abh. d.
philol.-hist. Gl. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. XIV Nr. IL Leipz. 1893. -- Häser
H. Aufl. S. 115 erwähnt, dass handschriftlich erhalten sei ein Kommentar von Kalli-
machos zu de aitic. repos. ; dieser Kallimachos hat auch ein verloren gegangenes
lexikographisches Werk zu Hippokrates geschrieben.
206 Eobert Fuclis.
Alexandreia (630—650), Meletios (um 780), Maimonides (um 1170
n. Chr.) und fast alle bedeutenden Arabisten. Erotianos und Galenos
haben uns armselige Bruchstücke in ihren Glossenwerken von einigen
dieser Glossographen übermittelt. Auch zwischen und neben den
Zeilen unserer Hippokrateshandschriften (Scholia) finden sich teilweise
noch nicht einmal veröffentlichte Spuren der Erklärer. Glossographisch
sind die Arbeiten von Bakcheios, Epikles, Nikandros, Erotianos,
Galenos (nur gloss.), Herakleides von Taras, Lysimachos, Philonides
vielleicht, sicher Xenokritos und Zeuxis. Das fälschlich unter dem
Verfassernamen des Herodötos gehende Glossar ist vielmehr iür den
Historiker Herodötos bestimmt, nicht für Hippokrates.^) Herakleides
von Erythrai schrieb keinen Kommentar (Littre I 91), sondern ein
grösseres Werk über die in den „Epidemien" den Krankengeschichten
angefügten Wortabkürzungen, yiaQuAtriQeg,
Auf die Textgeschichte-) einzugehen, dazu fehlt es an Raum.
Im allgemeinen stimmt der Text des Galenos zu unseren bestbe-
glaubigten Lesarten, während sich Erotianos häufig weit von ihm
entfernt. Zuverlässig ist das Urteil über Galenos nur, wenn man aus
dem W^ortlaute der Interpretation die ihm vorliegende Lesart er-
schlossen hat, denn auf die Lemmata vor dem Kommentar und auf
Citate ist bei ihm nicht der mindeste Verlass. Zu tadeln ist vor
allem, dass Galenos trotz seiner Weitschweifigkeit ■') die richtige Text-
form nicht selten verfehlt hat, dass er die philologischen Feinarbeiter
der Geschwätzigkeit und Kleinigkeitskrämerei zieh,^) im Lexikon
häufig andere Lesarten hat als in den Kommentaren und in diesen
anderie als in den Citaten. die älteste Lesart unbeschadet ihrer Un-
richtigkeit bevorzugte (XVII, i 1005), den Erotianos nachschrieb, in
Erklärungen phantasievoll ist (s. bei mir II 444 A. 68) und über-
haupt „mehr schimmert, als überzeugt, mehr deklamirt, als beweist" ^)
und zudem echte und unechte Schriften zusammenwirft.
14. Die Echtheitsfrage.
Von den Kap. 13 genannten Büchern schlagen hier ein : 2, ö, 6, 15, 16, IS, 21,
82; aus Kap. 14 vgl. Daremberg, Ermerins, Gomperz, Kaute, Loheck, Reinhold,
ütho/f. — 1. Chauvet, La philosophie des medecins grecs, Paris 1886, S. 1 — 99.
— 2. Christ, Gesch. d. griech. Litt, etc., 8. Aufl., Münch. 1898, S. 712; 858ff. —
8. Conradi, Bemerkungen ü. d. mediz. Grundsätze d. koisch. u. knid. Schule. Abh.
d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Götting. VII 1856, S. 131 f. — 4. Biels, Hermes XXVIII
409; 423 ff.; 427 ff . — 5. FredricJi, Hippokratische Untersuch. = Kiessling u.
V. Wilaniowitz-Möllendorff', Philol. Untersuch. XV, Berl. 1899. — 6. Fuchs,
Janus II 1897, S. 88ff. {Zurückweisung von Spät, w. s.); Ausg. d. Hipp. Eingangs-
bem. zu d. einz. Schrift. — 7. Grüner, Censura librorum Hippocraticorum etc.,
Vratisl. 1772. — 8. Hüser, Lehrb. d. Gesch. d. Medic. u. d. epid. Krankh., 3. Aufl.,
Jena 1875, S. 112 ff. — 9. Ilberg, Studia pseudippocratea, Diss., Lips. 1883; ders.
1) S. Erotianus ed. Franzius, Lips. 1780 p. 602 ff.
^) Ilberg- iu d. Kühle wein sehen Ausg. I Proleg. Cap. IL Littre I 502 ff.
^) „Der unerträgliche Seichbeutel" nennt ihn von Wilamowitz-Möllen-
dorff mit einigem Rechte (Philolog. Untersuch. IX, Berl. 1886 S. 122).
*~) Ilherg in der Kühle wein sehen Ausgabe I S. XL VIII.
^) Meixner, Neue Prüfung der Echtheit u. Reihenfolge sämmtl. Schrift. Hippo-
krates d. Gross. (II) u. s. w.. München 1837 S. 18 f. Vgl. Bröcker, Die Methoden
Galens in d. litter. Kritik. Rhein. Mus. XL 1885 S. 415 ff. Cobet, Mneraosj'ne IX
1860, S. 25 ff. Hipp. ed. Ermerins I S. XVIII; XXXIV. Iw. v. Müller. Verhandl.
d. 41. Versamml. deutsch. Philol. u. Schulmänner in München 1891. Leipz. 1892
S. 80 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 207
in „Griech. Stud. . . . H. Lipsins dargebracht'-, Leipz. 1S94, S. 22 ff. — 10. Kob€t%
Hist. Stud. aus d. pliarmakol. Institute d. Kaiserl. Univ. Dorpat. I, Halle a. S.
1889, S. 59 ff. — 11. Kühleivein, Observntiones de usu particulanim in libris qui
vulgo Hippocratis nomine circumferuntur, diss. Gotting. 1870. — 12. Laboulbene,
Histoire des livres hippocratiques. Gazette des hdpitaxix 1881. — 1.3. Link, Ueber
d. Theorien in d. hippokra tischen Schrift, nebst Bemerk, ü. d. Echtheit dieser Sehr.
Abh. d. Berl. Ak. d. Wiss. 1814 f., physik. KL, S. 322 ff. — 14. Littre I 200 ff.;
IV p. XV ff; VII i). XI; 304 ff'. — 15. Meixnet; Xetie Prüfung d. Äechtheit u.
Reihenf. sämmtl. Schrift. Hippokrates' d. Grossen, Münch. 1836 f. — 16. Oettinger,
Przegkid lekarsk (^ Med. Uundschau] 1879 Xr. 27 ff'. (Titel übersetzt: „Die hipp.
Samml. im Lichte d. neuer. Krit.''). — 17. Petersen, Hippocratis nomine qiuie
circumferuntur scripta ad temporum rationes disposita, pars prior = Index scholarum
in gymnasio Hamburgensium academico a paschate 18.39 usque ad pascha 1840
habehdarum, Hamburgi 18.39. — 18. Pett'eqnin I 103 ff'. — 19. Poschenriexler,
Die naturwiss. Schriften d. Aristot. in ihrem Verhältnis z. d. Büchern der hippo-
kratischen Samml. Progr. d. Studienanst., Bamb. 1887; Die piaton. Dialogein ihr. Ver-
hältnisse z. den hippokratischen. Sehr. Beil. z. Jahr.-Ber. d. Stud.-Ansf. Metten 188182,
Landshut 1882. — 20. Schneidet; Quaestionum Hippocratearum sjiecimen, diss.,
Bonnae 1885. — 21. Spät, Der gegenic. Stand d. Hippokratesfrage u. d. Corpus Hippo-
kraticum v. Standpunkte der Menon-Aristotelischen Ueberlieferung = Allg. medic.
Central-Ztg. 1896 Xr. 91 ff.; Die geschichtl. Enticickelg. d. sogeminnten Hippo-
kratischen Medic. im Lichte d. neuest. Forsch.. Berl. 1897 ; Zur Gesch. d. altgriech.
Medic. = Münch. med. Wochschr. 1896 [im Ergebnis verfehlt). — 22. Sprengel,
Apologie des Hipp. u. seiner Grundsätze, Leipz. 1789—92, 2 Bb.x Versuch einer
pragmat. Gesch. d. Arzneikunde, 4. Aufl. Mit Bericht, u. Zusatz, verseh. v. Dr. Jul
Rosenbaum, Leipz. 1846.
Der Wunsch, in diesem Zusammenhange ein Bild über die histo-
rische Entwicklung der Echtheitsfrage zu geben, bleibt mir versagt,
da in den 2000 Jahren nach Hippokrates eine Litteratur entstanden
ist, deren blosse Aufzählung den Rahmen dieser Skizzen weit über-
schreiten würde. Ebenso würde es sich mit der Aufführung aller an-
gewandten Kriterien für Chronologie und Echtheit verhalten. Zunächst
ist, um in ganz gi'oben Umrissen eine Grundlage zu geben, davon aus-
zugehen, dass die Schriften fast alle vor Aristoteles verfasst sind, das
Corpus (= Sammlung) der damals ohne Autornamen verbreiteten Schriften
aber nach Aristoteles zusammengestellt worden ist und im wesent-
lichen in der uns erhaltenen Form bereits den ältesten erreichbaren
Kommentatoren und Glossographen vorlag. Nur so erklärt es sich,
dass knidische Schriften und Sophistisches im Corpus stehen. Piaton
und Aristoteles kannten daher nur wenige von den hippokratischen
Schriften, die einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert um-
spannen mögen, und auch diese nur obei-flächlich. Hippokrates ist für
Aristoteles beinahe eine mj-thische Person (Fredrich S. 1). Doch
sah noch Galenos auf der Bibliothek zu Pergamon 300 Jahre alte
j\ranuskripte, die er für echt ansah (XVIII 630). Die unendliche
Schwierigkeit, ja vielfach Unmöglichkeit der Echtheitsbestimmung
beruht darin, dass 1. die Werke anonj-m waren, als sie gesammelt
wurden, 2. gleichzeitige zuverlässige Zeugen für die Echtheit einzelner
Werke überhaupt nicht vorhanden sind, 3. die alten Kommentatoren
und Glossatoren kritiklos verfahren sind, ja Galenos ^) in tendenziöser
Weise zur Unterstützung seiner Lehren Gefälschtes für Echtes an-
gesprochen hat, 4. die Schriften grundverschieden angelegt und teil-
weise unvollendet geblieben sind. Erotianos erkennt in der Vorrede
31 Schriften als echt an, Galenos, soweit wir urteilen können, 13 (aber
') Sein Werk über die Echtheitsfrage ist verloren gegangen (XVI 3). Vgl.
Bröcker, Ehein. Mus. XL (1885) S. 415 ff.; II her g, Verh. d. 41. Vers, deutsch.
Philol. u. Schulmänner in München 1891 S. 80 ff.
208 Robert Fuchs.
mit vielen angeblichen Interpolationen), Palladios nur 11. Boulet
und SittP) übertreiben die Afterkritik dahin, zu behaupten, alle
hippokratischen Schriften seien nach Piaton geschrieben. Daremberg
klagt, dass die sogenannten echten Werke von 15 auf 4, dann auf 3
und schliesslich auf 2 zusammengeschrumpft sind (de cap. vuln., de aere
aq. loc); wie lange werde es dauern, bis auch diese als untergeschoben
gelten würden ? Nach D i e 1 s nimmt die neueste Kritik kaum 6 Schriften
als allenfalls echt an. Ein Blick auf die Forschungen lässt deutlich
die Pole erkennen, zwischen denen die Gelehrten hin- und herschwankten.
Sehr lehrreich ist es, unter Petrequins (I 70 ff.) Führung die mannig-
faltigen Gründe ihres Abirrens zu durchmustern. Dem treffenden
Urteile S p r e n g e 1 s '-) fehlte die Durchführung. Z e 1 1 e r s Grundsätze
bezüglich der Piatonkritik '^) sind auf Hippokrates noch nicht über-
tragen worden. Sie gipfeln in sinngemässer Anwendung in folgenden
Sätzen: 1. Es lässt sich nicht behaupten, dass die Alten oder gar
gerade Piaton und Aristoteles alle hippokratischen Schriften in den
uns zuiällig erhaltenen Werken hätten erwähnen müssen; 2. die ge-
schickte Nachahmung konnte einer untergeschobenen Schrift Merkmale
echter Schriften geben; 3. auch ein Hippokrates wird nicht lauter
gleich vollkommene Werke geschaffen haben; 4. ein so reicher Geist
war nicht auf eine Darstellungsform beschränkt; 5. seine Ansichten
konnten im Laufe eines halben Jahrhunderts, zumal in so schnell-
lebigen Zeitläuften, manchen Wechsel erfahren. Jedoch ist die Echt-
heitsfrage bezüglich des Hippokrates sehr Adel schwieriger als bei
Piaton, für den doch sichere Ausgangspunkte in grosser Zahl vor-
handien sind. Die Geschichte dieser Frage ist eine Geschichte des
Irrtums der erlesensten Geister aller Völker, und es wäre für jeden
Sterblichen eine Vermessenheit ohnegleichen, die Lösung dieses
Sphinxrätsels sich zuschreiben zu wollen. Doch lehrt auch hier der
Irrtum anderer untrügliche Wahrheiten erkennen. Typen von irrtüm-
licherweise aufgestellten Echtheitskriterien sind u. a.: 1. wo das Herz
als Ausgangspunkt der Adern erscheint, ist später Ursprung der
Schrift erwiesen (Littre I 220); 2. wo ol7talaioi= „die Alten" vor-
kommt, desgl. (viele), denn anders konnte sich auch der Grieche der aller-
ältesten Zeit kaum ausdrücken ; 3. die innerliche Verwendung von Oel
beweist nachplatonischen Ursprung (Bernard s. Littre VIII 474 f.);
4. die „äusseren" und „inneren" Gründe des Selbstbewusstesten,
Meixners. Positive Kriterien hingegen, die aus sorgfältiger Ver-
gleichung der Lehren und der sprachlichen und stilistischen Formen
gewonnen sind, sind z. B. : 1. Die Annahme, dass die Arterien nur
Luft, die Venen nur Blut enthielten, deutet auf Abfassung der Schrift
nach Praxagoras (Fredrich 68); 2. für späte Abfassung ist die Er-
wähnung von sliiuvS^eg iilaTüai {= Bandwürmer) ein Beweis; 3. Ver-
gleiche, die Vorliebe für Schlagworte {(pvoio, und vö^ioc,, agd-Cog, die
Figur der Parechese) sowie auf Anreden hinführende Formeln u. a. m.
sprechen für den sophistischen Charakter der Schrift; 4. häufiges
Brennen und Schneiden, sowie Eingiessen in die Lunge führen mit
Wahrscheinlichkeit auf knidische Verfasser, ebenso vielleicht die Ver-
') Gesch. d. griech. Lit. bis auf Alex. d. Gr., München 1886 S. 492.
^) Beyträge z. Gesch. des Pulses nebst einer Probe u. s. w., Leipz. u. Breslau
1787 S. 31 ff.
'') Grundriss d. Gesch. d. griech. Philos., 3. Aufl., Leipz. 1889 S. 111 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 209
Schreibung von y.o/./.oi Kvidioi (= Seidelbastbeeren) und Mass- und
Gewichtsbestimmungen; 5. bestimmte Wörter sind knidischen (s. unten)
oder späteren Ursprungs (z. B. ovgr^ua für ovqov = Urin).
Von Alters her hatte zwischen den kölschen und knidischen
Asklepiaden ein edler Wettkampf geherrscht, in welchem der erst-
genannten der Sieg schliesslich zugefallen ist. Jedoch war die knidische
Schule anscheinend älter als die koische, denn die Kviöiai yviouai
(Knidische Sentenzen) hatten bereits die 2. Auflage erlebt, ehe sie
Hippokrates angriff. Trotz ähnlicher Bedingungen (Asklepiostempel
mit WeihinsQhrifteu. die die Krankheitsgeschichte darboten) war ein
bedeutender Unterschied zwischen den beiden Lehren vorhanden. Wo-
her wissen wir denn aber, was knidischen Ui'sprungs ist ? Hippokrates
oder ein ihm sehr nahe Stehender hat in de victu in ac. 1 folgenden
Fingerzeig gegeben: „Diejenigen, welche die sog. ,.Knidischen Lehr-
meinungen" verfasst haben, haben zwar richtig beschrieben, was die
Patienten bei jeder einzelnen Krankheit zu leiden haben und welchen
Ausgang einige Krankheiten genommen haben, von demjenigen aber,
wovon der Arzt, da es der Patient nicht sagt, Kenntnis zu erlangen
suchen muss, ist vielerlei ausgelassen einiges ist auch für die
Schlussfolgerung (nämlich aus den Sj'mptomen) wichtig." Weiter tadelt
er sie, weil seine Folgerungen vielfach ein richtigeres Ergebnis lieferten
und weil jene nur wenige Heilverfahren anwendeten, nämlich bei den
chronischen Krankheiten fast stets nur Abführen und Molken- und
Milchdiät, vorausgesetzt, dass es die Jahreszeit zuliess. Von dieser
völlig unzureichenden Therapie der alten seien aber die späteren
Bearbeiter der Kviöiai yvcöf-iai zurückgekommen zu Gunsten einer mehr
individualisierenden, reicheren Therapie. In Bezug auf die Lebens-
weise sollen sie auch unkundig gewesen sein. Die mannigfachen
Wendungen der Krankheiten führten sie dahin, eine bestimmte Anzahl
von Krankheiten eines Typus aufzustellen und sich mit der Einreihung
des Einzeltalls unter der betreffenden Nummer zu begnügen, statt über
seine Eigenart nachzusinnen. Es ist ja begreiflich, dass auf diese
Weise ein Fortschritt über das einmal vereinbarte Schema hinaus nicht
leicht war. Dieses ausdrückliche Zeugnis ist unanfechtbar und Käsers
Einwendung gegen die Gerechtigkeit des Angriffs abzulehnen (S. 105).
Die Fehler sind also kurz folgende : zu viel Krankheitsarten, zufällige
Merkmale statt charakteristischer Sj'mptome beachtet, Vernachlässigung
der objektiven gegenüber den subjektiven Erscheinungen, nur einige
treffende Prognosen, Nichterkennen des AVesens der Krankheiten und
ihrer Erscheinungen und daher schlechte Krankheitsbilder. Zu dem
ersten Zeugnis passt gut die Parallelversion des Knidiers Eurvphon
zu de morb. II 68 ülDer die nelid^ = bleiche Krankheit (s. Galen.
XVII, 1 888), worin wir die auch sonst gebräuchliche Reihenfolge:
Semasiologie, Therapie, Prognose kennen lernen. Durch Zusammen-
halten weiterer Citate ^) und den Vergleich mit den Schriften unseres
Corpus erkennen wir sofort an den hervorstechenden Merkmalen als
knidisch die im nächsten Kapitel vorangestellten Schriften. Aus allen
erreichbaren Zeugnissen ergiebt sich nun folgendes Bild. In sprachlich-
1) Vgl. Galen. XVII, i 886 (Treuifii); Ruf. ed. Daremberg-Euelle 159 über
rsfpirts; Galen. I 419: 424; TU 427; Littre II 199: IV 65 f.: VII 304. Ausgiebig
benutzt sind die knidischen Sätze von dem Verfasser von de hebd. und de morb. III
nach Ilberg in „Griech. Stud." (9) S. 33 ff.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 14
210 Robert Fnchs.
stilistischer Hinsicht fallen gewisse Redeweisen auf, z. B. alloxe
y^al äXXoTB, e^avTrjg, ßgöxeiv tovQ vdövrag, rd xard cpvaiv (das Natürliche
= Menses), aber nicht iivio xal /.ütio (pdgfuaxov diöövai, u. a. m. ; ferner
die wunderlichen Kunstausdrücke: oaxoi^) =^ Schösslinge == Zweige
= Uterusbänder (Fuchs III 558 A. 111); „dicke Krankheit" für ein
nervöses Leiden ohne Verdickung (II 537 A. 78) ; dliöm]^ = Fuchs =
Lendenmuskel.
In der Physiologie zeigen die Knidier Verwandtschaft mit
Alkmaion und Empedökles, während sie andererseits Philolaos' An-
schauungen beeinflussen. Die Schule stellt wahrscheinlich die Begriffe
„Galle" und „Schleim" fest und bringt diesen Ausdruck {cpleyi-ia)
künstlich zusammen mit cpl€y{iLiaiv)sLv = brennen. Das weibliche Ge-
schlecht erscheint ihr wärmer als das männliche, wie bei Parmenides.
Von Einfluss auf das Befinden soll das „Göttliche" sein. Die Schule
hat Vorliebe für gewisse Probleme, wie für die Zusammensetzung des
Körpers, Parallelisierung der körperlichen Vorgänge mit solchen im
Weltall, in Tier- und Pflanzenleben, Ausdeutung von Träumen und
dabei Geringschätzung des Vorgängers und Hochachtung vor sich
selbst. In der Anatomie leisteten die Knidier Gutes (Galen. II 900 ;
XV 136). In der Pathologie ersinnen sie ein Anschwellen und Sich-
umlegen der Lunge, doch findet sich das auch in einer anscheinend
auf Hippokrates beruhenden kölschen Prognose (394). Die Zahl der
Krankheiten ist deutlich erkennbar in de niorb. III: 4 des Gehirns,
5 mit der Lunge zusammenhängende oder mit Lungensymptomen auf-
tretende; in de morb. int.: „Es giebt 3 Arten Schwindsucht" (10),
4 von den Nieren herrührende Krankheiten (14 fl".), 3 Wassersuchtarten
(24 ff.), 3 Leberleiden (27 ff.), 5 Milzleiden (30 ff), 4 Gelbsuchtarten
(35 ff.), 5 „Typhos" genannte Fieber (39 ff), 3 Heus (44 ff.), 4 „dicke"
Krankheiten nervöser Art (47 ff.) u. s. w. Dabei beobachten sie gut.
In der Therapie sind sie geschickte, wenn auch zu diensteifrige
Chirurgen, die sofort mit dem Messer und Glüheisen zur Hand sind.
Die Behandlung Avar sehr einfach, aber höchst energisch: übertriebenes
Abführen, Diät ohne Auswahl, meist Milch und Molken, besonders
aber Milch von einer Frau, die einen Knaben geboren hat (vgl.
Papyros Ebers ... von H. Joachim, Berlin 1890, S. 23, 89, 92 u. ö.).
Spazierengehen ist z. B. bei Phthisen zu empfehlen, in anderen Fällen
das Auflegen von Schläuchen, das Eingiessen von Arzneien in die
Luftröhre, um durch Husten Ausw^erfen herbeizuführen, das Inhalieren,
lederne Schläuche zum Auflegen und Aufbinden zum Zwecke der
Bähung, z. B. nach Feststellung pleuritischer Reibe- und kleinblasiger
Rasselgeräusche, Schaukelbewegungen (aliugelv), bestimmte Medikamente
in grosser Zahl (Galen. VI 795 bezüglich Euryphons), darunter die
jederzeit berühmte cö/m^ Ivmg = „rohe Lösung", in verschiedener
Weise zu Mehl verarbeitete Gerste mit oder ohne Zusatz (Fuchs II
426 A. 30). Die gynäkologischen Lehren des Corpus gehen fast
ausschliesslich auf knidische Forschungen zurück.
Als Urheber der „Knidischen Lehrsätze" bezeichnete „man" im
Altertum Euryphon (Galen. XVII, I 886), jedoch erwähnt der Ver-
fasser von de diaeta in ac. mehrere Verfasser. Die kölschen Asklepiaden
hatten vor Hippokrates ihre medizinischen Erfahrungen in den „Kölschen
Lehrmeinungen" niedergelegt, die Knidier in der knidischen Streitschrift
') De morb. mnl. II 204 cf. mit Littre VII 309; VIII 534.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 211
gleichen Titels. Die Abhandlung des Theopompos über sie ist unter-
gegangen (Phot. bibl. p. 120 B Bekker). Vor dem Erscheinen von
de diaeta in ac. war bereits die 2. Auflage der knidischen Schrift er-
schienen (Galen. XV 424 f.); sie war der 1., die Streichungen, Ver-
besserungen und Zusätze erfahren hatte, sehr ähnlich und entsprach hin-
sichtlich der pharmakologischen Therapie den ärztlichen Ansprüchen
besser (a. a. 0.). Eine 2., erweiterte Auflage der kölschen Sätze durch
Praxagoras liegt nach Kühlewein^) in den Coac. praenot. der Hippo-
kratessammlung vor.
15. Die Schriften der hippokratischen Sammlung.
Litteratiirnachweisungen s. in den Ausgaben {besonders Littre, Pctreqiiin, Fuchs).
Xur hervorragend Bemerkenswertes tcird hn, Nachfolgenden angeführt.
1. Knidische Schriften.
Auf Grund der im vorigen Kapitel gewonnenen ^Merkmale können
nunmehr die sicher knidischen Schriften leicht zusammengestellt werden.
1. Tiegl rovocüv y = de morbis III = Die Krankheiten III.
Inhalt: Gehirnleiden (1 — 4), Leiden mit Symptomen wie bei Lungen-
entzündung (5—9), Angina (10), Gelbsucht (11), Starrkrampf (12),
Opisthotonus (13), Darm verschluss (14), Lungen- und Brustfellentzündung
(15 f.), Eezeptbüchlein (17). ßeihenfolge der Körperteile also vom
Kopfe nach unten zu. Disposition: Semiologie (Symptome) und Therapie;
Prognose zwischen beiden oder am Schlüsse. Einleitungssatz = Schluss-
satz von de hebd., also bilden beide Schriften ein Ganzes, de hebd.
und de morb. III heissen bei Galenos (s. Er m er ins II S. LXIf.) n.
fovowv a TÖ liu/.QÖrsQov und 7t. v. ß' x6 u. (das kleinere) ; Erot. (praef.)
zählt de morlD. III als II, dafür II als I. Kompiliert aus den Kviöiai
yviöfiai, daher enge Verwandtschaft mit de morb. II und de äff. int.-)
Vernachlässigung der Aetiologie, wie II 12—75, weil in de hebd. schon
gegeben. Als ursprünglichen Gesamttitel vermutet Ilberg-) gut
vt. vovocov. Die Byzantiner wussten von der Zusammengehörigkeit
nichts mehr. Die ßlrjToi = „Getroffenen", d. i. vom Schlage gerührt,
erinnern an de diaeta in ac. 17. Das Formelbuch für Eezepte ist alt,
aber ohne Grund später mit 1 — 16 vereinigt.
2. Ttegl sßöouüdiüv = de liebdomadibus = Die Wochen (Ilberg:
lieber die Siebeuzahl; Aumer: Das Buch der Siebensachen], bis auf
winzige Stücke nui- in barbarischem, verstümmeltem Latein und in
arabischer Umschreibung erhalten. Inhalt -) : Die 7 beherrscht das AU
und alle Körpervorgänge. 1^11 Nachweis der 7 im All, phantastisch
ausgeschmückt, 12 — 52 Uebertragung dieser kosmischen Theorie auf
den Mikrokosmos Mensch, 13—23 Aetiologie der Fieber, 24—39 Therapie
der Fieber, wobei Phrenitis, Lethargus, Peripneumonie und Hepatitis
als mvoog = Brennfieber angesprochen werden; Krisenlehre, thera-
peutische Ausführungen. 40—52 Semiotik nebst Traumlehre, Prognostik,
Tod. Entstehungszeit 5. Jahrhundert. Diokles benutzte diese Schrift.
AVenn Piaton (Phaedr, 270 C) dem Hippokrates die Forderung unter-
stellt, dass die Kenntnis der ganzen Natur für die Medizin unent-
*) Westermann's illustr. Monatshefte LIII (1882) 400.
^) Gegenüherstellung bei Ilberg, Die raediz. Schrift 'Ueber d. Siebenzahl' in
,Griech. Stiid. ... H. Lipsiiis dargebracht"', Leipz. 1894 S. 36 ff.
14*
212 Robert Fuclis.
behrlicli sei, so durfte Fred rieh (6 f.) darauf nicht die Aussage
gründen, dass der Verfasser in dieser Hinsicht ein „Schüler" des
Hippokrates sei; denn jenes Dogma ist rasch Gemeingut geworden.
Im übrigen vgl. oben 1 und Härder, Kliein. Mus. N. F. XL VIII
433 ff. (Uebersetzung) ; Berthelot, Rev. des deux mondes 1893, S. 557.
3. negl GaQ/.dJv (aQxiöv) == de carne oder musculis (principiis, s.
Ermerins III 501) = Das Fleisch. Inhalt: Eigene Theorie des
Anonymus über das Warme als Grund aller Dinge und Vorgänge in
Anlehnung an Herakleitos und Parmenides. Entstehung der Körper-
teile aus den Fäulnismengen der Erde, die sich in Fettes, Klebriges,
Kaltes, Feuchtes verAvandeln, durch die Einwirkung des göttlichen
Warmen; Erklärung der Sinnesvorgänge. Hiermit hängt Kap. 19
über die Siebenzahl nur äusserlich zusammen. Ich nehme daher an,
dass nur der letzte Teil von demselben Knidier herrührt wie oben
1 und 2; denn auf de hebd. wird im Schlusssatze von Schrift 3 ver-
wiesen, Dass aber weder de carne, noch dessen Schlusskapitel (nach
Ermerins de aetate = negi aicövog) mit de hebd. ein Buch bildet,
schliesse ich aus der Citierweise „an anderer Stelle", wofür ja „im
nächsten Kapitel" oder „Buche" zu erwarten wäre. Gomperz (Griech.
Denker I 233 ff,, 454) scheint mir in der Verschmelzung zu weit zu
gehen. Auch eine Lücke vor Kap. 19 vermag Ermerins (III p. LXXIII)
nicht zu erweisen. Die Schrift fällt in die Zeit des Diokles (Fred rieh
77 f.). Ermerins' Behauptung, dass de sept. partu von demselben
Pythagoreer herrühre (III p. LXXIII f.), leidet daran, dass er über
der äusserlichen Aehnlichkeit der Parallelen den Widerstreit des In-
halts vergisst. Dass die Siebenzahl als Grundlage auf die pythagoreische
Zahlentheorie zurückzuführen sein wird, fördert unsere Berechnungen
nicht.
4. Ttegl vovatüv a = de morbis I == Die Krankheiten I.
Inhalt : Allgemeine Verhaltungsmassregeln ; Krankheitsursachen : Galle,
Schleim, Ueberanstrengung, Verletzung, Ueberwiegen einer der 4 Quali-
täten; Folgezustände, Prognose, Günstiger Augenblick und Akairie,
Richtiges und Falsches in der Kunst, gute und schlimme Symptome,
Zufallsbehandlung, Uranfang und Ende der Heilkunst, Handfertigkeit
(1 — 10), — Innerliche Vereiterungen = Empyeme (11 ff.), eingebildete
„Zerrungen oder Zerreissungen" (20 ff.), Wunden, Prognose bei diesen
Zuständen allen; Entstehung von Fieber, Frost, Seh weiss, Brustfell-
und Lungenentzündung, Brennfieber (-/Mvoog), Phrenitis (23 ff.) ohne
durchsichtige Anordnung, mit Prognose abschliessend. Das Buch ist
trotz des Anon. Lond. VI 43 unecht (Kap. 2 = An. L. VII Iff.),
Teil I (1 — 10) ist sophistischen Ursprungs wegen der eristischen Formeln
und der schematischen Einteilung, der Eingang nach de aere aq. loc.
gemodelt. Der Verfasser steht dem von de äff. mindestens sehr nahe.
Teil II (11 ff) hiess früher Ttegi l^mmov (Galen. XVII, I 276; XIX
76 u. ö.) und ist knidischen Ursprungs wegen der Succussion (6 ; 15 ; 17)
und dialektischer Worte (Ermer, II p. LlXf.). S. oben 1; 7.
5. :^£qI rovoiov ß' = de morbis II = Die Krankheiten IL
Inhalt: Kopf leiden durch Schleim- oder Gallenanhäufung (1 — 4), „Gehirn-
sphacelismus", richtiger der Englische Schweiss (5), Lähmung mit Stimm-
verlust (6), Knochenfrass (7), Lähmung (8), Angina u. ä. (9 ff.). — Vom
Kopfe herrührende Krankheiten (12 ff), Knochenfrass (24), Lähmung
(25), Anginaarten (26 ff.), Schwellung und Entzündung des Zäpfchens,
der Mandeln und der unteren Zungenfläche sowie Gaumenschwellung
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 213
(29—32), 5 Polypenarten (33 ff.), 2 Gelbsuchtarten (38 f.), Fieberg-attungen
als Gallenfieber, Tertiana, Quartana (40 ff.), 3 Brustfellentzündungen
(44 ff.), 3 Lungenaffektionen, darunter Phthoe-Phthisis (47 ff.), „Tracheal-
aphthen" (50), Tabes (51), Lungenleiden (52), Tracheenverletzung (53),
verschiedene Lungenleiden u. ä. (54 ff.), Brennfieber (63), Schluchzfieber
(64), Lethargus (65), Trockenkrankheit = avavzT^ (66), Mörderisches
Fieber (67), die Ttelidg = bleiche Krankheit (68), Rülpssucht (69),
Schleimkrankheiten (70 f.), rpQoviig = „Sorge", d. i. Hj'pochondrie in
3 Arten (72 ff'.), Meläna (75). Erotianos (praef.) zählte es als „Buch I",
Galenos als tt. vovolov «' zd i^ietLov = „das grössere" (vgl. Citate oben
unter 1). Teil I (1—11) ist eine andere Redaktion von Teil II (12 ff.),
also von einem anderen Verfasser geschrieben. I vernachlässigt die
Therapie, bevorzugt die Aetiologie und ist knapper, II bringt unter
Vernachlässigung' der Aetiologie meist Symptome, Therapie und Prognose
und ist ausführlicher; passend nennt Ilberg (Siebenzahl 37) I wissen-
schaftlich. II praktisch. Von 33 an werden von dem Verfasser von
Teil II die Zustände weiter behandelt, die in I unberücksichtigt sind.
Kap. 1 war schon zu Zeiten des Galenos am Kopfe verstümmelt (anders
Ilberg 37 A. 1). Knidische Lehre enthält die ganze Schrift, zusammen-
geschweisst, wie sie heute vorliegt; denn die der Byzantinerzeit an^
gehörenden Kapitelübei-schriften decken die Zählweise der Krankheits-
gattungen auf, wie sie de diaeta in ac. 3 an den Knidiern rügt; die
Annahme von Schleim und Galle als Krankheitsursachen, die Milch-
und Molkenbehandlung, die Vorliebe für Abführmittel und eigentüm-
liche Redeweisen dienen zur Bestätigung (Littre VII Einleitung;
304 ff.; Erm. II p. LXIf). Jüngerer knidischer Ursprung ist sicher,
aber Houdarts Ansicht, dass gerade Euryphon der Verfasser sei, ist
unbegründet (Hist. de la medec. grecque etc., Paris 1856, S. 185).
Vgl. 1; 2; 4; 6.
6. tteqI rcöv ivrng Ttaiköv = de morbis (affectionibus) internis =
Die inneren Krankheiten. Inhalt: Lungeuleideu aller Art (Iff.),
fiktive Kontinuitätstrennungen (8), Empyem (9), 3 Phthisen der Lunge
und des Rückenmarkes (10 ff.), Darre (13), 4 Nierenleiden und Folge-
zustände (14 ff^.), durch die anhqviTig = Milzader verschuldetes Leiden
= Ischias (19), Schleim als Krankheitsursache (20), „Weisser Schleim"
= Anasarka sowie Hydropsarten (21 ff.), 3 Leberleiden (27 ff.), 5 Milz-
leiden (30 ff.), 4 Gelbsuchtarten (35 ff), 5 „Typhos"-Arten, d. i. ver-
schiedene Fieber 0 (39 ff.), 3 Ilei = skorbutische Erscheinungen (44 ff.),
4 „dicke Krankheiten" = akute Manie (47 ff.), Hüftweh (51), 3 Tetani
(52 ff.), Knidische Schrift: Schleim und Galle als Krankheitserreger,
Eingiessungen in die „Lunge", d. i. Luftröhre, Widerspruch gegen
koische Lehre (s. Littre V 425; VI 306; VIII 8), teilweise wörtliche
Uebereinstimmung mit de morb. II und III, Sprachgebrauch, de morb. II
wird durch de äff. int. zuerst rekapituliert und ergänzt, dann wird in
der Krankheitsschilderung von oben nach unten fortgefahren^) unter
Angabe von Aetiologie, Symptomatologie, Prognose, Therapie, also
wissenschaftlich-praktisches Handbuch.-) de morb. III ist, abgesehen
von der Aetiologie, näher verwandt mit de äff. int. als de morb. IL
Galenos (gloss.) nennt das Buch „das IL, grössere von den Krank-
heiten", mithin ist „inneren" späterer Zusatz, vermutlich gleichen
') Deutimg in meiner Ausgabe II 528 A. 68.
■-) Ilberg, Siebenzahl 37 ff.
214 Robert Fuchs.
Ursprungs mit den byzantinischen Kapitelüberschriften. Trotz vieler
richtiger Thatsachen nennt Galenos das Buch des Hippokrates un-
würdig (XV 537; Erm. II p. LXIXf.). Houdart (a. a. 0. 406 Anm.)
macht wiederum Euryphon zum Urheber, ohne es beweisen zu können.
Viele Verwandtschaft mit Philolaos von Kroton. Das Buch ist nicht
vollständig (s. bei mir Kap. 20 A. 41).
7. nsQL nad-töv = de affectionibus = Die Leiden. Inhalt: Galle
und Schleim als Ursache aller Krankheiten (1), so auch des Kopfes (2) ;
Abführen und Medikation zu Beginn der Krankheit, nicht gegen
Ende (3), Schmerzen in den Ohren, im Schlünde, am Zahnfleische, am
Zäpfchen und an den Zähnen (4), Polyp (5); Brustfell-, Lungenent-
zündung, Phrenitis und Brennfieber (6 ff.), andere Fieber (12); Eigen-
art akuter Krankheiten (13); Schilderung von Sommerleiden mit und
ohne Fieber (14 ff'.). Tertiana und Quartana (18), Anasarka (19), Hyper-
trophie der Milz (20), Ileus (21), Hydrops (22), Ruhr (23), Lienterie (24),
Diarrhöe (25), Tenesmus (26), Cholera = Cholerine (27), Harnstrenge (28),
Hüftweh (29), Arthritis (30), Podagra (31), Gelbsucht (32), Geschwülste
(34), Varia (35), Abführung (36), Ausfragen des Patienten und erste
Massnahmen des Arztes (37), Allgemeines über Verletzungen (38), Ver-
wendung dessen, was zur Hand ist, besonders bei Speisen und Ge-
tränken (39), Diät-, Salb-, Abführungsvorschriften (40 ff.), Weine (48),
Fleisch (49), Diät allgemein (50 ff.), Bad (53), Verschiedenes über die
Kost, namentlich Pflanzenkost (54 ff.). Der knidische Verfasser der
Notizensammlung verrät sich durch die Milch- und Molkenkur, häufiges
Purgieren und Redensarten. Die für Laien verfasste Schrift (Kap. 1 ;
33) legte Galenos nach den Hippokrates-Codices dem Polybos bei, aber
dem widerspricht Galenos selbst (XV 537 ; 587 ; E r m. II p. LXVI ff.).
Jedenfalls steht der Verfasser dem von de morb. I nahe.
8. negi döhtov = de glandulis = Die Drüsen. Inhalt: Be-
schreibung der Drüsen, ihrer Lage und Funktion (1 ff.) ; Drüsen sitzen
in den Eingeweiden (5), Nieren (6), im Halse und Kopfe (7), in den
Achselhöhlen (8). Das Gehirn ist die grösste Drüse und verursacht
durch Abgabe des herangezogenen Drüsenüberschusses 7 Arten von
Flüssen = Katarrhen (11 ff.); Delirien und Raserei als Gehirnleiden (15),
Brustdrüsen und deren Erkrankungen (16 f.). Die Beschränkung im
Thema bewirkt, dass deutliche Anzeichen für den knidischen Ursprung
fehlen. Wahrscheinliche Kriterien zum mindesten sind jedoch die
Aehnlichkeit der Flusstheorie mit de morb. I Teil II und de carne 16
und was Erm er ins III p. VIII anführt.
Zu allen Schriften über Gynäkologie vgl. Littre VIII 520 ff.
9. neQi yvvaLxeäov (a) = de morbis mulierum (I) =Die Frauen-
krankheiten (I). Inhalt : Frauenleiden und Erklärung der Regel (1),
deren Verhaltung (2 f.), spärliche (4) und übermässige Reinigung (5),
Beschreibung des Menstrualblutes u. ä. (6), Pnix hysterica (7), „gallige"
(8) und schleimige Periode (9), Unfruchtbarkeit des Weibes (10), allerlei
Störungen der Kindererzeugung (11 ff.), Mittel für Schwängerung (22 f.),
Beschwerden und Krankheiten Schwangerer (25 ff.), Quer- und Fuss-
lage (33), Entbindung (34), Lochienfluss (35 ff.), durch Entbindung ver-
ursachte Leiden (42 f.), Milchanomalien (44), Nachgeburt, Folgeerschei-
nungen der Geburt un3 deren Behandlung (46 ff.), Uteruskrankheiten
(55 ff), Abortus (66 ff.), Nichtkopflagen (69 ff), Molen (71), Rezepte für
alle Frauenleiden (74 ff.) ; unechter Teil mit Rezepten (92 ff.). Littre
(VIII 8) durfte I und II nicht verbinden, denn die stete Ankündigung
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 215
des Themas, odTqyriOLg, in I und das Fehlen dieser in II weist dieses
einem besonderen Verfasser zu (Erm. II p. LXXVIIIff.). Daher kann
die Benennung ,.I" und „II" nur alexandrinischen oder späteren Ur-
sprungs sein. Auf de nat. pueri wird verwiesen Kap. 1; 44 und um-
gekehrt (F u c h s III 391), doch so, dass de nat. p. älter ist. Enge Be-
ziehungen zu de morb. IV, de sem., de nat. pueri, (de morb. mul. I und)
de steril., ohne dass diese etwa ein zusammenhängendes AVerk bilden
müssten, wie Erm. II p. LXXXV will; wohl aber kann de steril,
Fortsetzung von de m. m. I sein. Als ich aus ,.aber" im 1. Satze
schloss, dass der Anfang unvollständig sei (II 391 A.), hatte ich
Di eis (Hermes XXII 436 A.) übersehen, wonach das aber einem
Schreibfehler zu verdanken ist. Wegen Fehlens einer klaren Dispo-
sition ist es fraglich, wie viele Kapitel echt und wie viele ausser 92 ff.
ein- oder angesetzt sind. Die Auszüge des Buches, welche sich in de
superfet. und de excis. fet. mit finden, beweisen, dass der Text, wohl
auch an Vollständigkeit, gelitten hat (Littre VIII 532). Knidisch
ist: der Ausdruck, die Krankheitseinteilung und -Beschreibung, das stete
Abführen und Darreichen von Milch und Molken, das Schütteln Ge-
bärender, die eigentümlichen Prognosenformeln (bei mir II 391). Das
Buch kann aus älteren knidischen Schriften entlehnt sein (Erm.
II p. XCIII), ist aber trotz Erm. II 558 nicht jünger als HippokrateV
Zeitalter. Der unechte Teil hat öfter die attische Form atacpig für
uarafpig; vielleicht gehört trotzdem das Arzneibuchfragment der kni-
dischen Schule an. Pseudaristoteles entlehnt dem Buche vieles (Littre
VIII 4 ff.).
10. negl yvvaueuov (II). Zur Bezifferung, Entlehnung u. s. w.
vgl. 9. — Galenos hielt das Werk für echt (gloss. niCai: r/.raQ); doch
hält ihm Erm. (II p. XCII) entgegen : methodus nosologica, purgantia
und Sprache. Kap. 1 hat van der Linden aus de loc. in hom. 46
wiedergewonnen. Ein geeigneter Schluss fehlt. Inhalt: Die Gebär-
mutter verursacht alle Frauenleiden (1), Flüsse (1 ff.), Verlagerungen
des Uterus (14 ff.); mit besonderer Einleitung werden 28 ff. weitere
Verlagerungen besprochen ; sonstige Uterusleiden (45 ff.) ; Rezepte für
allerlei kosmetische und gj-näkologische Zwecke (76 ff.); anscheinend ist
dieses Arzneibuch später angefügt und nach und nach vermehrt
worden,
11. 7i€Qi dcpnQiov = de sterilitate == Die Unfruchtbarkeit
der Frauen. Inhalt: Grund der Sterilität (1), Versuchsmittel zu
ihrer Feststellung (2), Merkmale der Schwangerschaft (3 f ), Mittel zur
Konzeption (4 ff.), Mole (21), gynäkologische Rezepte und Behandlungs-
weisen (22 ff.); Extraktion des Fötus (37). Wegen Zusammengehörig-
keit mit de morb, mul. I s. oben 9; bezüglich de superfet. dieses.
Knidisch aus den oben angeführten Gründen (Erm. III p, VIII), Die
Disposition ist schlecht. Vgl. bei mir III 591 A,
12. neQi yuvaixeirjg q)voiog = de natura muliebri = Die Natur
der Frau. Der Inhalt deckt sich fast völlig mit de morb. mul. I und II,
aus welchen de n, m. ein wohl zu Lehrzwecken gemachter Auszug ist.
Damit ist das knidische Gepräge festgestellt. Der schlecht gewählte
Titel ist dem anonj'men Auszuge später vorgesetzt worden. Manches
findet sich doppelt. Die Schüttelung Schwangerer ist allgemein knidisch,
aber auch ausserhalb von Hellas sehr verbreitet ; mithin ist Euryphons
Verfasserschaft eine unglaubwürdige Hypothese; denn der berühmte
Arzt war doch kein Plagiator.
216 Robert Fuchs.
13. ntql £7iiy.vrjaiog = de superfetatione = Die Ueberfruch-
tiing. Inhalt: üeberfruchtung, Symptome, Folgeerscheinung-en bei
Verhalten der Nachfrucht, Ursache (1), allerlei Komplikationen bei
der Geburt (2 ff.), Sentenzen über Muttermundstellung, Coitus, Zwillinge
(12 ff.), Dystocie (15), Merkmale der Schwangerschaft und Schlüsse auf
den Fötus (16 ff.), positive und negative Disposition für Schwanger-
schaft (20 f.), Vorschriften bezüglich Konzeption und Abortus (23 ff.);
Rezepte für alles dieses (32 f.) ; Regelverhaltung bei Jungfrauen (34) ;
Rezepte (35 ff.). Gründe für knidischen Ursprung wie oben ; ferner ist
die Schrift aus den anderen knidischen Schriften ausgeschrieben, be-
sonders de morb. mul. I und de steril.; manches, z. B. der Anfang ist
selbständig verfasst. Einleitung und Schluss fehlen; die Disposition
ist von der Mitte an planlos; der Titel verrät dadurch, dass er den
Inhalt nicht deckt, seine späte Entstehung. Als Urheber vermutet
L i 1 1 r e Leophänes (vor Aristoteles ; I 379 ff.) ; dass dieser aber einen
so mangelhaften Auszug gemacht haben könnte, hat ihm niemand ge-
glaubt.
14. negl lyxaTaTOf-irjg ifißgvov = de fetus (embryonis) in utero
excisione = Die Zerstückelung des Kindes im Mutterleibe,
Inhalt: Thema (1), Querlage (2), Lochien (3), Schüttelung oder Succussion
(4), Prolaps und Reposition (5). Aus den anderen knidischen Schriften
entlehnt, jedoch mit Besonderheiten in Kap. 1; 4 f. (Littre VIII 510).
Der Titel ist später dazu gekommen und passt nur zu Kap. 1.
2. Wahrscheinlich knidischen Ursprungs sind:
15. TtsQi vovoiüv ö' = de morbis IV = Die Krankheiten IV.
Inhalt: Der Fötus besteht aus Schleim, Blut, Galle, AVasser wie seine
Eltern (1); Vermehrung und Verminderung der 4 Säfte durch An-
ziehung der entsprechenden Nahrungsteile (2), Beispiel hierfür (3),
weiterer Beweis (4), Gründe für Zunahme des Schleims (4), der Galle (5),
des Wassers (6), des Blutes (7), Ergänzung der Säfte (8 f.), Abnahme
der Säfte (10); wieso und warum sind die Menschen gesund? (11), Ab-
gang der Entleerungen am 3. Tage (11 f.), andernfalls Erkrankung (13);
Ueberwiegen der Feuchtigkeit macht krank (14); Nachlassen des
Fiebers und Krisis an ungeraden Tagen u. s. w. (15 ff.) ; Leiden bei
mangelnder Entleerung oder Behandlung (18) ; 3 Krankheitsursachen :
1. Nichtentleerung, 2. ungünstige Klima- und Lebensverhältnisse,
3. Trauma oder Anstrengung u. dgl. (19 ff.); Fieberentstehung (22);
Helminthologie (23) ; Steinleiden (24) ; das Getrunkene geht nicht nach
der Lunge (25), sondern zum Magen (26); infolgedessen Entstehung
des Hydrops (26). Der Titel ist spät erfunden, mindestens die Ziffer IV.
Bloss von Oefele (Aerztl. Rundschau 1895) erklärt das Buch für echt,
9in schw^erer Irrtum. Littre, Ermerins und D i e 1 s (Preuss. Jahrbb.
LXXIV 1893, S. 424) nehmen mit Recht für de morb. IV und de
nat. pueri denselben Verfasser an; de m. IV liegt vor de sem., womit
Littre obendrein de nat. pueri verschmilzt, wegen des Citats in de
sem. 3. Den knidischen Ursprung beweist Di eis (a. a. 0.), während
Ermerins an einen mit knidischen Lehren vertrauten Arztphilosophen
(latrosophisten) denkt (III p. XIV); natürlich ist dieser latrosophist
nicht der Verfasser von de flat. Am Schlüsse (23—26) sind Reste
anderer Schriften desselben Verfassers angefügt, meint Fredr ich; viel-
leicht sind es aber zufällig ankrystallisierte fremde Notizen. Die Ver-
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 217
wandtschaft der Anschauungen mit denen des ApoUoniaten Diogenes
wurde von Petersen, Ernst H. F. Meyer und Diels (Hermes 1894,
S. 428) zu sehr betont. Die Schrift ist für Aerzte und Laien bestimmt
und um die Wende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts erschienen;
Anspielung auf Kap. 2 bei Plat. Tim. p. 70 A f. Genannt Avird die
Schrift nie.
16. Tisgi yovfjg = de semine (genitura) = Der Samen und
17. 7i€Qi cpvaiog Ttaiölov = de natura pueri = Die Entstehung
des Kindes sind seit Littre's glücklichem Blicke ein einheitliches
Werk. Der Titel st. r/jg (pvaiog tov Ttaiöiov zov iv tö/m muss die von den
Alten nie citierte Schrift de sem. mit umfasst haben. Den vollständigen
Titel der beiden Bücher verdanken wir den Selbstcitaten des Verfassers
von de morb. mul. I, der also auch hier als Verfasser anzunehmen ist
(Littre VIII 6 f.; Erm. II 485; 496). Empedökles und Demokritos
haben die Anschauungen merklich beeinflusst. — de nat. p. wurde zu
Galenos' Zeiten Hippokrates oder Polybos beigelegt; letzterem stimmte
auch Kühle wein zu (Philologus XLII 1882-84, S. 132), und von
Oefele erklärte sie sogar für echt (hierzu und sonst vgl. oben 15).
Letzterer hätte sich statt auf schwanke Gründe auf Orib. I 527 Buss.
u. Dar. stützen sollen. Allein schon Ermerins erkannte den knidischen
Ursprung (II p. XC; III p. VIII; XIV). Es spricht nichts gegen
Petersens Ansatz, um 424 v. Chr., jedoch sind die Anspielungen, die
Petersen in den „Wolken" des Aristophanes finden will, zu sehr ge-
sucht, als dass sie schlagende Beweise genannt werden könnten.
18. neQL oipiog = de visu = Vom S'ehen. Inhalt: Verförbung
der „Pupille" (1); dem Sehvermögen kann nur bei Erwachsenen durch
Schaben und Brennen der Lider nachgeholfen werden (2); Brennen
im Kücken (3); Schaben und Brennen der Lider mit Wolle (4); Ope-
ration granulöser Augenlider durch Schneiden, Brennen oder Beizen (5) ;
Mittel für Erosionen (6), Tagblindheit (7), Verlust des Sehvermögens
bei erhaltenem Auge (8), Trachom (9). Die Schrift ist unvollständig
und vielfach verderbt. Die Alten erwähnen sie nicht. Dass sie
knidische Lehren überliefere, giebt an die Hand: 1. die Verweisung
de aflfect. 5 (Erm. II p. LXVIf.); 2. die Ausdrucksweise (Erm. III
p. XLI vergl. m. III p. VIII und XL f.) vielleicht. Die Stilähnlichkeit
von de visu 6; 9 und de äff. 2; 4 f. (Littre IX 127) vermag ich nicht
anzuerkennen. Alle Kritiker verwerfen die Schrift (Littre IX 124 ff.;
X p. XXXVIII ff).
19. Tiegl TÖTiiov riJjv xar' ävdgwTtov = de locis in homine = Die
Stellen am Menschen. Inhalt: Die Krankheit geht vom ganzen
Körper, vorzugsweise vom Trockenen, aus (Solidarpathologie), Theorie
von der Drüseneigenschaft des Gehirns nebst „Flüssen" oder „Ka-
tarrhen" (1), Sinnesorgane (2), Aderlauf (3), von Adern und Sehnen
(Nerven?) verursachte Krankheiten (4); von den Sehnen (5); Suturen
und Gelenke — beachte den wunderlichen Ausdruck negövri = schnallen-
nadelähnliches Gebilde zur Bezeichnung des Ellenbogenfortsatzes — (6) ;
Gelenkschäden (7); Weg, den die Nahrung nimmt (8), „Flüsse" (9 ff.);
gefährliche Symptome (16); Therapie der Brustfellentzündung (17), des
Empyems (18), der Phthisis pulmonum (19); Fluss nach dem Bauche
u. s. w. (20 ff.), Hydrops (23 f.), Therapie verschiedener Leiden (25 ff.)
und allgemeine Therapie (30), Trepanation (31), Prognosen (32), all-
gemeine Therapie (33), Gymnastik und Medizin (34), Therapeutisches
(35 ff.), das Brennen der Adern (39); die ärztliche Kunst (40) und
218 Robert Fuchs.
schematische Zusammen stellung-en über allerlei, z. B. die günstige Ge-
legenheit (41 If.) ; die Frauenkrankheiten (46) = Anfang von de morb,
mul. II und falschlich hierher geraten. Knidisch ist die „Umlegung
der Lunge" (14) und die Eingiessung in die „Lunge" d. i. Trachea
(Erm. III p. VIII). Piaton bezieht sich auf die Schrift (Tim. p. 74
Dff.; resp. V 462 C). Des Galenos Echtheitszeugnis (I 54; II 132)
ist wertlos angesichts der sophistischen und vielfach thörichten Anlage
und Gruppierung des für Aerzte und Laien zusammengestoppelten
Machwerks. Alkmaions Einfluss ist deutlich. Der Verfasser scheint
ein Dorier gewesen zu sein (Erot. unter -/.iOagog und xä^/uagov).
Nach Erschöpfung des sicher oder wahrscheinlich knidischen
Schriftbestandes wenden wir uns nun, um die Kreise immer enger zu
ziehen, den zweifellos
3. sophistischen Schriften
zu. Als typisches Beispiel einer solchen gehört an erste Stelle
20. TCEQi cpvawv == de flatibus = Die Winde. Inhalt: Ein-
leitung über die ärztliche Kunst (1), die Krankheiten (2) und den Wind
als den Alleinherrscher, vvQavvog, über alle Dinge (3 ff.); der Wind im
Körper verursacht die Fiebererscheinungen (7 ff.), die Flüsse (10), die
fiktiven Zerreissungen der Weichteile und den Hydrops (11), die
Schlagflüsse (12 f.), die Epilepsie (14), kurz, der Wind (Pneuma) ist
die primäre Ursache aller Krankheiten, alles übrige begleitende Ur-
sache (15). Wenn Spät^)'und von Oefele-) die Schrift für echt
und somit alle genialen Schriften des Corpus mittelbar für gefälscht
erklären, so setzen sie unsere gründlichen Kenntnisse von der Sophistik
als nicht vorhanden voraus. Diese auch durch Piaton und Aristoteles
gestützten sophistischen Kriterien treffen auf de flat, in vollendeter
Weise zu : 1. es ist keine Schrift, sondern durchweg eine epideiktische
Eede nach Gorgias' Manier ; man beachte die phrasenhafte Einleitung,
die Anreden, die rhetorische Emphase (3), den Ichstil, die Ueber-
treibungs- und Verallgemeinerungssucht (z. B. 1 Schluss, 2); dieses
ist so auffällig, dass Diels (a.a.O.) mit Recht von einem „abschreckenden
Beispiele" der um die Wende des 5. und 4. Jahrhunderts grassierenden
latrosophistik spricht; der Verfasser ist aber Sophist und steht der
Heilkunde ziemlich fern. Auffällig sind ferner die sophistische Rede-
weise, z. B. die Personifikation des Windes als dvväoTr]g = Machthaber,
Despot, Parechesis von Trag (14), die typischen Uebergänge, Ankün-
digungen des Themas und Abschlüsse, die Disposition, die dichterischen
Wendungen, die gesuchten Gegensätze, die Citate, die ja praec. 12
ausdrücklich verboten sind, u. s. w. Piaton hat die Schrift vielfach
benutzt, ohne den Verfasser zu nennen.^) Der Anon. Lond. (Beckh-
Spät9) bezeugt, Hippokrates habe nach Aristoteles die Winde {cpDaai)
als die Krankheitsursachen bezeichnet. Aristoteles' Schüler Menon, der
Arzt, hat seinem Meister die medizinische Litteratur gesichtet. Die
^) Die ganze Litteratur s. bei Fuchs, Jauus II 1 (1897).
^) Aerztl. Eundschau 1895 Nr. 17. Vgl. dagegen Weygoldt, Fleckeisens
Jahrbb. f. klass. Philol. CXXIII 1881, S.'508£; Maass, Hermes XXII 566 ff. ; Erm.
11 p. LIII; 55; Diels, Hermes XXVIII 424; 431; 433.
'') Poscheu rieder, Die piaton. Dialoge in ihr. Verhältnisse z. d. hippokratisch.
Sehr. Jahres-Ber. ü. d. k. Stud.-Anst. im Benediktinerstifte Metten, Landshut 1882,
S. 42; 461; 48 f.; 61; 68 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 219
angeschlossene Erläuterung, die aus de flat. stammt, scheint auch Menon
zum Verfasser zu haben ; mithin galt ihm de flat. für echt. Wenn der
An. Lond. selber im nächsten Kapitel anhebt : „Wie aber Hippokrates
selbst sagt" und nun die knidische Schrift de morb. I umschreibt und
später mit de nat. hom. ebenso umspringt, so beweist er lediglich seine
Unglaubwürdigkeit. Dass aber x4.ristoteles-Menon in der hippokra-
tischen Echtheitsfrage auch sonst nicht unfehlbar ist, lehrt de nat.
hom. (w. s.) ; es erklärt sich aus der geringen Beachtung der ärztlichen
Schriften durch Aristoteles überhaupt, der xlnonymität der Schriften in so
später Zeit, aus der Verdrängung guter echter Bücher durch zeitgenössisch-
elegant geschriebene Bücher unbekannter Sophisten. Als Vertreter der da-
mals herrschenden Pneumatheorie (Diogenes' von Apollonia Theorie galt
zur Zeit des peloponnesischen Krieges) hatte Menon Anlass genug, sich
auf die seine Theorie stützende Schrift als echte zu berufen, selbst
wenn er vom Gegenteil überzeugt war. Der Verfasser ist beeinflusst
von Anaximandros oder sicherer Anaximenes und Diogenes von Apollonia.
21. TtsQi (pvöioq &v3-Q(b7iov = de natura hominis = Die Natur
d e s M e n s c h e n. Inhalt : Der Mensch besteht nicht aus einem einzigen
Grundstoffe (Iff.), sondern aus 4 Qualitäten: Warmes, Kaltes, Feuchtes,
Trockenes in Form von Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle
(3 § 7 f.), Beweise (5 § 9 ff.) ; wechselseitige Zu- und Abnahme der Säfte
mit der Jahreszeit, daher Zu- und Abnahme der Krankheiten in
Perioden (7 § 12 ff.). — Heilung per contraria (9); Entstehung der
Krankheiten durch Lebensgewohnheiten und die Luft (individuelle und
endemische oder epidemische Leiden), Behandlung (10); Grad der
Krankheit im Verhältnis zur Stärke des Körperteils (11) ; des Polybos
Adernbeschreibung (12); allerhand zusammenhangslose Notizen (13 ff.),
z. B. über Uiinsedimente (15), Fieber (16). Litteratur und Vorbilder
s. bei mir I 189; dazu Fred rieh. De libro tt. cp. ä. pseudippocrateo,
diss. Gotting. 1894. Die Schrift zerfällt in 4 von verschiedenen Ver-
fassern herrührende Teile. I umfasst 1 — 8 und wird im Anon. Lond.
XIX 2, also gewiss von Menon, bezüglich 1 — 4 für Polybos in An-
spruch genommen. Zu Galenos' Zeiten sprachen manche die ganze
Notizensammlung {v7toi.ivrii.ia) dem Hippokrates ab (XV 9), andere
sprachen sie Polybos zu (172 f.); die meisten derer, welche die Zu-
sammenschiebung verschiedenartiger Stücke erkannten, legten 1 — 8
Hippokrates bei (11 ff.; 16; 107 ff.), andere sprachen sie ihm ab, wieder
andere hielten es mit Menon (Gal. XV 11 f.). Galenos hält 1 — 8 für
echt (XV 10 ff; 15 f.; 49; 106; 109), weil Piaton im Phaidros 270B
darauf anspiele (XV 3 f.; 12; 31; 102 f.). Oreibasios (coli. med. III
Iff.) hält Hippokrates für den Verfasser. Beider Gründe sind un-
verbindlich, denn beide irrten auch bei anderen Schriften in unbegreif-
licher Weise, und Piaton bezieht sich a. a. 0. überhaupt nicht auf
eine bestimmte Schrift (Nachweis Fred rieh. Hipp. Unters. Iff.). Für
Hippokrates tritt bei 1 — 8 ein P o s c h e n r i e d e r, für Polj'bos : L i 1 1 r e ,
Christ, Diels, Gomperz. Gegen die Echtheit von 1—8 sprechen :
der Charakter als epideiktische Rede, denn weder Hippokrates, noch
Polybos waren Redner d. i. Sophisten, sondern sie waren Aerzte,
und praec. 12 verbietet den Aerzten solche Reden; die sophisti-
schen Schlagwörter (pvoig und vouoi und dg^wg, wennschon die
Sophistik gegen de flat. etwas zurücktritt ; dass Aristoteles (bist. anim.
III 3, 512 b 12) das ganz anders geartete 12. (bei anderen 11.) Kap.
für Polybos bezeugt, also die Kritiker den Verfasser nur dieses Kapitels
220 Robert Fuchs.
ZU dem der ganzen Notizensammluiig gemaclit haben müssen. — Teil II
= Kap. 9 ff. gehört einem Unbekannten, nach Fredrich (16) dem, der
in I interpoliert hat. Dioskurides schrieb 9 Hippokrates, dem Sohne
des Thessalos, zu (Gal. XV 110 ff.); der Anon. Lond. VII 15 das Kap.
10 dem grossen Hippokrates selbst; doch hatten beide keine anderen
kritischen Mittel als wir. — Teil III = Kap. 12. Die mangelhafte
Aderlaufbeschreibung ist de nat. oss. 9 wiederholt. Sie wird wegen
ihrer Unbestimmtheit von Galenos (XV 150), wegen ihrer schlechten
Stilistik von Fredrich (S. 18) getadelt. Die Autorschaft des Polybos
bestritten später manche dem Aristoteles (Gal. V 529), wohl mit gutem
Grunde. — Teil IV = 13 ff. sind verschiedene Collectanea eines Un-
bekannten. 13, Eiteransammlungen, weicht ab von der in epid. I. III
und aph. entwickelten hippokratischen Anschauung. 14 (Prognose),
Verfasser unbekannt, ebenso 15 f. Kap. 16 weicht so wie 13 von Hippo-
krates ab. Da die Venenbeschreibung schon dem Aristoteles dürftig
erschien, muss der Notizensammler einige Zeit vor ihm geschrieben
haben. Galenos bezeichnet avvoxog = synochisches Fieber in Kap. 16
als nachhippokratisch (XV 172 f.) ; die Entstehung nach Philistion ver-
tritt Fredrich (47). Jedenfalls galt das ganze Buch in der römischen
Kaiserzeit als Urkunde der kölschen (= hippokratischen) Humoral-
pathologie. ^) Einen Kommentar schrieb Sablnos hierzu (Galen. XV 25).
Vgl. 22.
22. TtsQi öicuTr^g vyieiv^g = de diaeta (victu) salubri = D i e
Hygiene der Lebensweise. Inhalt : Wer seiner Gesundheit leben
kann, hat eine bestimmte Lebensweise einzuhalten ; deren Beschreibung
(1); Regeln für die einzelnen Konstitutionen, Altersstufen, Jahreszeiten
(2 f.); Entfettungs- und Mastkur (4); Erbrechen und Klystiere (5);
Eegeln für Kinder und Frauen (6); Regeln für solche, die der Gym-
nastik obliegen (7). — Fälschlich angeschweisst sind: 8 über Gehirn-
leiden = de morb. II 12 Anfang; 9 (der Verständige muss sich durch
eigene Einsicht in Krankheitsfällen helfen) == de affect, 1. Satz. Die
für Laien bestimmte Schrift bildet in den Handschriften und für
Galenos mit de nat. hom. ein Buch; daher bei Gal. XVIII, I 831
(vgl. XV 175) 7t. cp. a. Y.ai öiaiTrjg genannt. Kommentar III des
Galenos bezieht sich auf de d. s. Die Abtrennung, durch Littre war
unberechtigt ; denn diese Notizen sind nur äusserlich aneinandergereiht,
wie de nat. hom. Gründe für Anreihung bei Fredrich (Hipp. Unt.
19 ff.). Dass Buchhändler zur Zeit der Gründung der alexandrinischen
Bibliothek aus Spekulation de nat. hom. und de v. s. aus Notizen zu-
sammengesetzt hätten (Gal. XV 105 ; 109), widerspricht der Entstehung
des Corpus und ist auch sonst unglaublich. So ungeschickt war der
Fälscher nicht, und so dumm waren die Beamten der bücherliebenden
Könige nicht. Unsere Schrift soll von Polybos herrühren (Gal. XV
108; 173; 175; 183; 212). Dabei bescheiden sich auch Petrequin,
Ilberg und Fredrich, weil Beweismittel für wie gegen fehlen.
Jedenfalls ist die Schrift koisch und dem hippokratischen Kreise ver-
wandt, schon wegen der Aehnlichkeit mit de aere aq. loc.
23. vöiiiog = lex = Das Gesetz. Nötige Anlagen und Kennt-
nisse zur Erlernung der Medizin. E r m e r i n s will lex, de arte, de vet.
med. so als einheitliches AVerk dnoloyia rfjg iiqxQLy.rg zusammenstellen.
Ihn widerlegt Ilberg (Stud. pseudipp. 28 ff.), von Wilamowitz-
i;» Di eis, Preuss. Jahrbb. LXXIV 1893 S. 430.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 221
Möllendorff schiebt im Motto zum „Herakles" I eiu Citat dem Demo-
kritos unter, von Oe feie macht die echt griechische Rede mit allen
Merkmalen der Sophistik, die ihr anhaften, sogar zu einer — ägyp-
tischen. ^) Vgl. 24; 25.
24:. negl reyvr^c = de arte = Die Kunst. Inhalt: Die Heil-
kunde existiert und ist eine Kunst (1 f.) ; Definition (3) ; die Heilkunde
vermag ihre Aufgaben zu lösen, die Angriffe ihrer Gegner werden
rhetorisch abgeschlagen (4 ff.). Eine vortreffliche Sophistenrede des
5. Jahrhunderts, aber nicht von Protagoras (so G o m p e r z) - ), auch nicht
von einem seiner Schüler, vielmehr gegen die Richtung seiner Schule,
von einem sophistisch gebildeten Arzte verfasst. ^) Vgl. 23; 25.
25. n(Qt ccQxairjg irjTQi/.^g == de vetere (prisca) medicina ^ Die
alte Medizin (K ü h 1 e w e i n I 1 ff.). Inhalt : Es giebt eine ärztliche
Kunst (1); Lob der alten Kunst, von der jede weitere Forschung aus-
gehen muss (2 ff.) ; ihr Ursprung sind diätetische Erfahrungen bei Ge-
sunden und Kranken (5 ff.); unrichtige Anfüllung wie Entleerung ver-
ursacht Krankheit (9 f.); Gründe (11 f.); das Warme und Kalte, Feuchte
und Trockene ist nicht die Krankheitsursache, sondern das Süsseste,
Bitterste, Sauerste, Herbste u. s. f. (13 ff.); Beweise: Schnupfen (18),
Flüsse (19); wahre Naturerkenntnis hat zur Voraussetzung Kenntnis
der gesamten ärztlichen Kunst, besonders des individuellen Verhaltens
des Menschen gegenüber Essen, Trinken und der sonstigen Lebens-
weise (20 f.); die Krankheiten entstehen aus Energien (höchste Steige-
rung der Eigenschaft und Wirkung) oder Form (Hohles, Festes,
Rundes u. s. w.) im Körper (22 f ) ; Wirkungen der Säfte und ihre Ver-
wandtschaft: das Sauere ist der schädlichste, das Süsse der zuträg-
lichste (24). Die Schrift ist voraristotelisch *) und gehört zum älteren
Bestände. Die Säftelehre ist von Alkmaion beeinflusst, was auf das
Ende des 5. Jahrhunderts hinweist, insofern dessen alter Lehre die
neue gegenübergestellt wird. Kap. 20 polemisiert gegen de diaeta I 2.
Zu de diaeta in ac. bestehen auch nahe Beziehungen, wenngleich Iden-
tität der Verfasser ausgeschlossen ist ; beide nennen das cpUyfta nicht ;
de vet. med. erwähnt „ein Bitteres, gelbe Galle genannt", de d. in ac.
..Bittergallige" (vgl, Littre IV 656 ff.). Im übrigen aber ist die
Schrift koisch. Dass ein Redner, also ein Sophist vorliegt, und zwar
einer, der mehr Philosoph als Arzt ist, lehrt der Augenschein. Litte-
ratur: Kühle wein, Hermes XXII 1887, S. 179 ff; XXVII 301 ff.;
Weber, Philologus 1897. S. 2310^: von Wilamowitz-Möllen-
dorff, Hermes XXXIII 518 f Vgl Nr. 23.
26. negl öiahrig I — III; IV = Ttegi tvvTtvuov = de diaeta (victu)
I — III ; IV = de somniis = Die Diät I — III ; IV = D i e Träume.
Inhalt von I: Die Vorgänger haben nur kleine Gebiete der Diätetik
behandelt, teilweise auch fehlerhaft, der Verfasser will unter der Be-
nutzung der früheren Ergebnisse die ganze Diätetik behandeln (1);
Ausgangspunkt muss sein: 1) Kenntnis des Körpers, 2) Wirkung der
Nahrungsmittel auf ihn, 3) Einwirkung jeglicher Arbeitsleistung auf
das Individium, d. h. richtiges Verhältnis der Arbeit zur Nahrungs-
^) AUg. medic. Central-Ztg. 1895 S. 371 A.
^) Dissert. in ..Deutsche Jahrbb. f. Politik u. Liter."' 1863, April: Griech. Denker
I 341 f.; 364: 374 f.: 376: 391 ff. Vgl. Schrift unter oben Nr. 25.
») Natorp. Philologus L = N. F. IV 1891 S. 262 ff.: 278 ff.
*) IIb er g, Stud. pseudipp. 28 ff.; 54 ff.
222 Robert Fuchs.
aufnähme, letzteres die „Entdeckung" des Verfassers (2); Körper-
beschreibung: Zusammensetzung aus Feuer (Warmem — Trockenem)
und Wasser (Kaltem — Feuchtem), deren Harmonie (3 f.); Entstehen
und Vergehen ist bloss Zusammentreten und Scheidung der ewigen
Elemente (4); derselbe Gegensatz „alles ist dasselbe und nicht das-
selbe" beherrscht das Weltall, das wird mit herakleitischen Worten dar-
gethan (5) ; Anwendung auf die Welt- und Menschenseele (6 ff.) ; hera-
kleitische Beispiele hierfür aus dem Handwerke und der Kunst (12 ff.) ;
Uebergang auf die beiden Geschlechter, in denen Feuer und Wasser
wirken, Entstehung der Kinder, Geburt (26 ff.); Wirkung des Feuers
und Wassers in den Altersstufen (33) und Geschlechtern (34), in der
vernünftigen und unvernünftigen Seele, Heilung durch Stärkung des
einen, von dem anderen überwältigten Elements (35 f.). — von II:
Oertlichkeiten (37), Winde (38), Speisen (39 ff.), Bad (57), Salben (58),
Erbrechen (59), Schlaf (60), Anstrengungen (61), Spaziergänge (62),
Läufe (63), Schüttelung (64), Gymnastik (65 f.). — von III: Genaue
Vorschrift über die Lebensweise gemäss dem neuentdeckten Prinzip
(67 f.); Selbstlob wegen der Entdeckung, nämlich der Diät für solche,
die lediglich ihrer Gesundheit leben können (69); 15 Störungen des
Wohlbefindens und deren Heilung (70 ff.); Schluss (85). — Von IV:
Träume, Einfluss, Ursprung, Auslegung, ob gut oder böse (Iff.). Der
Nachweis, dass ein ärztlicher Sophist ältere Werke (Herakleitos, Anaxa-
göras, Kratylos' Werk oder wenigstens Ideen) und wohl etwa gleich-
zeitige Werke (Herodikos) äusserlich zusammengefügt hat, wird von
Fredrich (Hipp. Unt. 81 ff.) in beredter Weise erbracht (Litteratur s.
dort) ; Abfassungszeit also : etwa 400 v. Chr. Herodikos von Selymbria
ist trotz der gewiss von ihm stammenden gymnastischen Kunstaus-
drücke so wenig der Verfasser (IIb er g, Berl. philol. Wchschr. 1897
Sp. 1157 f.) wie Philistion (Marcuse widerlegt von Ilberg a.a.O.
1900 Sp. 432). Der koische Ursprung steht fest (Fredrich 221 f.),
obwohl nach Galen os als Verfasser angesehen wurden Euryphon,
Phaon, Philistion, Ariston, Philetas, Pherekydes oder sonstwer (227 f.).
Diokles tritt gegen das Werk auf (172; 174). In den Klöstern wurde
ein mit Galenos, Oreibasios, Alexandros von Tralleis vermischter Text
von de diaeta gern gelesen. Goethes Sprüche in Prosa (432 ff.) ent-
halten einige Sätze aus unserer Schrift.
27. n€Qi TQocpr]g = de alimento = Die Nahrung. Wuchtige
Sentenzen über die Nahrung in mystischer Form nach dem heraklei-
tischen Satze ,.Alles ist im Flusse". Wörtliche Uebereinstimmung ist
selten, ideelle durchweg. Galenos erklärt die Schrift für echt (V 529).
Patin ^) nimmt denselben Urheber an wie für de diaeta; aber den
Herakleitos verehrte damals jeder Grieche; deshalb ist es verfehlt, zwei
Verfasser zu identifizieren, bloss weil sie ihn nachahmen.
28. nsQi t€Qrjg vovaov = de morbo sacro = Die heilige Krank-
heit. Inhalt: Die Epilepsie ist ebenso wenig göttlichen Ursprungs
wie irgend eine andere Krankheit (1), vielmehr haben das Sühnepriester
und Aufschneider ersonnen, weil ihre eingehenden Anweisungen oft
erfolglos waren (2); die natürlichen Heilmittel beweisen, dass gött-
licher Ursprung nicht vorliegt (3 ff*.). Krankheitsherd ist das Gehirn,
dessen Beschreibung, Adernlauf (6 f.). Schleimige Konstitution neigt
zur Fallsucht, Arten und Symptome der Epilepsie (8 ff'.), Prognose (Uff.),
1) Festschrift für Urlichs, Würzburg 1880, 46 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 223
Anzeichen eines Anfalls (15); Einfluss des Windes (16). Gehirn als
Sitz der Wahrnehmung (17), dessen Erkranken durch Feuchtigkeit (17),
Schleim und Galle (18) ; Gehirn als Sitz des Verstandes und Herr des
Körpers (19), nicht das Zwerchfell oder Herz, die die meiste Empfin-
dung haben (20); Zusammenfassung und Schluss (21). Die mehr an
Laien als an Aerzte gerichtete Schrift stammt natürlich nicht von
Demokritos ; denn die epist. de mania, welche sich auf de m. s. bezieht,
ist genau so gefälscht wie der vorangehende Brief. Die Briefe „Hippo-
krates-Demokritos" sind umgekehrt von de m. s. abhängig. Unecht
ist de m. s. bereits für die QueUe des Vossianus. Die Ueberein-
stimmung mit de aere aq, loc. bestätigt den kölschen Ursprung
(Erm. II p. XXX flf.), besonders für Aetiologie und Pathologie, während
Diogenes von Apollonia Anatomie und Psychologie beeinflusst. Die
Schrift steht viel höher und ist auch mit aus diesem Grunde
jünger als de flat. Fredrich (S. 32 A. 2) denkt an einen Schüler
des Hippokrates, der des Meisters Gedanken ausführe; ich glaube mit
mehr Recht einen latrosophisten, auf den Hippokrates mittelbar ein-
wirkt, denn einen Asklepiaden als Verfasser ansprechen zu sollen.
29. negi nagO-evkov = de his quae (ad) virgines spectant := Die
Krankheiten der Jungfrauen. Inhalt: Psychische Störungen
hysterischer Art bei unreifen Mädchen. Die Schrift ist vollständig;
da sie das de morb. mul. I 2 Erwähnte nicht enthält, ist die dort
citierte Schrift verloren, und unsere steht abseits. Der sophistisch
veranlagte Verfasser ist wohl Arzt und nicht Sophist (letzteres Erm.
II p. XCIV). Trotz vieler Aehnlichkeit mit de morbo sacro beweist
die Verlegung des Verstandes in Herz und Zwerchfell die Verschieden-
heit des Verfassers. Die Einleitung ist weitschweifig, die Form stark
deklamatorisch. Galen os kennt die Schrift (XIX 153).
4. Eein ärztliche, sicher oder wahrscheinlich der
kölschen Schule zugehörige Schriften.
30. oQxog = iusiurandum = Eid. Denkwürdigstes Stück der
Sammlung: Eidesformel der Schüler beim Eintritte in die Lehre.
Neueste Litteratur ausser den 36 Ausgaben (Littre IV 626): Bailly,
Le serment d'Hippocrate. Extrait d'un rapport sur un memoire de
M. Charpignon. , Gazette hebdomadaire de medecine, Paris 1882;
Charpignon, Etüde sur le serment d'H., Orleans et Paris 1881;
Deshayes, Contribution ä l'histoire de la Taille et de la Castration,
Orleans 1882; Küh lewein, Westermanns illustr. Monatshefte LIII
1882, 392 ff. ; Euder, 'l/tTTOAgäzofvg bgxogvMl dfpoQiof.ioi, Eegensb. 1864;
Smith, The oath of Hippocrates. Baltimore John Hopkins Hospital.
Bulletin III 1892. Die Kritiker schwanken sehr. Oefele (Allg. medic.
Central-Ztg. 1895 S. 370 i.) hält den Eid für eine Entlehnung aus dem
Altägyptischen, als wenn die Griechen in der besten Zeit Eide hätten
entlehnen müssen. Houdart (S. 79) hält ihn für vorhippokratisch.
Nach Sprengel und Daremberg ist er alexandrinisch, weil Apollon
als Aerztegott angerufen wird, ein ganz willkürlicher Grund, gerade-
so willkürlich wie die Versetzung des Steinschnittes — nur das
kann rouelv Xi&aüvTag bedeuten — in die Zeit des alexandrinischen
Spezialistentums. Littre vermutet bei Aristoph. Thesm. 273 eine
Anspielung auf diesen Eid; aber an jener Stelle ist gar keine Schrift
gemeint. Es ist wahrscheinlich, dass der Eid vor Hippokrates ver-
224 Robert Fuchs.
fasst war und ihm nur beigelegt wurde, weil er der berühmteste alte
Arzt war. Sicherlich ist dieses Asklepiadenstatut eines der ältesten
Denkmäler des Corpus und auf Kos entstanden. Eine unechte Formel
in Hexametern aus cod. Paris suppl. 446 saec. X, in den ersten christ-
lichen Jahrhunderten gedichtet, veröffentlichte K ü h 1 e w e i n (Hipp. 73 f.) ;
desgleichen finden sich 11 Hexameter eines Anonymus aus 2 italie-
nischen Handschriften bei Bussemaker (Poetarum de re physica et
medica reliquias collegit — , Paris 1851).
31. ntQL ir]TQov = de medico = Der Arzt. Inhalt: Deontologie:
Aeussere Erscheinung und Auftreten des Arztes (1); Näheres über die
ärztliche Werkstätte (2) ; jede Handreichung muss Nutzen schaffen (3) ;
Verband (4); Operationsweise (5); Instrumente (6); Schröpfköpfe* (7) ;
Aderlass (8) ; Schlusssatz über Instrumente (9) ; Abscesse und Geschwüre
(10 f.) ; Kataplasmen (12) ; Kriegschirurgie (14). Litteratur :Petrequin,
Melanges d'histoii'e, de litterature et critique medicale, Paris et Lyon
1864; Revue medicale 1850, Mai f.; Recherches historiques et critiques
sur l'origine du traite „du medicin", Lyon 1850; Janus N. F. II 495;
Ecker, Animadversiones in locum Hippocratis Uegl iiqrQov etc., Friburgi
Brisgaviae 1829, meint, die für Anfänger verfasste Schrift sei vielleicht
vorhippokratisch, aber sie verweist doch auf de vuln, oder de loc. in
hom. (bei mir I 45 A. 13). Dass in de off. med. unser Buch vor-
ausgesetzt sei, kann ich nicht finden (Häser, 3. Aufl. I 117). Ich
glaube, dass die Schrift der kölschen Schule und der hippokratischen
Zeit angehört.
32. neQi svoxrjinoovvr^g == de habitu decenti = Ueber den An-
stand. Inhalt: Falsche und wahre Wissenschaft und ihre Vertreter
(Iff.); Philosophie und Medizin sind unzertrennlich (5); Göttliches be-
wegt die Medizin (6) ; Anstandsvorschriftsn (7 f ) ; Kenntnisse (9) ; Vor-
rätighaltung von Instrumenten und Arzneien (10); Eintritt in das
Krankenzimmer (11 f.); Untersuchung (13); Beachtung der Fehler der
Patienten (14); Lager (15); Würde im Auftreten (16); Assistent und
Laien (17); Schluss (18). Heinr. Rohlfs übersetzt „Ueber den Chic".^)
Ich vermag nichts Bestimmtes über die Schrift auszusagen. Die
wunderliche Ausdrucksweise, die mit der Sprache ringt, weist sie dem
älteren Bestände zu. Echt ist sie nicht; gegen den kölschen Ur-
sprung liegt kein Kriterium vor.
33. naQayyeUai = praecepta ^ Vorschriften. Inhalt ähnlich.
Der Text ist vielfach dunkel, die Sprache im höchsten Grade schwülstig,
es scheinen schwere Verderbnisse vorzuliegen. Nach einer von Darem-
berg aufgefundenen Glosse erklärten Chrysippos, Archigenes und
Galenos die Ausdrücke xQÖvog und xaiQÖg. -) Sonst weiss ich über das
Buch nichts weiter anzugeben,
34. TteQi dvaTOf-iiig = de anatomia = Die Anatomie. Inhalt:
Luftröhre {dQrt]girj), Lunge, Herz, Leber und deren Adernsystem, Nieren,
Blase = 6 Organe der Mitte; Speiseröhre, Magen, Zwerchfell, Milz,
Därme. Das Bruchstück beruht auf Forschungen des Demokritos und
ist jedenfalls vor Aristoteles geschrieben. Die Kürze verwehrt weitere
Mutmassungen.
M Deutsches Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr. IV 1881 S. 23.
^) Petrequin I 110 f.; Daremberg, Archives des missions scientifiques,
Paris 1852 S. 412 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 225
35. Ttegi y.aoöirjQ = de corde = Das Herz. Die sehr genaue
Beschreibung des Herzens und seiner Verrichtungen hält Ermerins
(III p. VIII) für knidisch, Teichmüller und Fred rieh für vor-
aristotelisch, letzterer setzt sie mit Bestimmtheit in die Zeit des Diokles,
nach de carne, Petersen und Falk verweisen sie in nacharistotelische
bez. praxagoreische Zeiten. Wevgoldt (Fleckeisens Jahrbb. f. klass.
Philol. CXXIII 1881, S. 508 ff.) und Kühle wein (Jahresb. ü. d. Kgl.
Klosterschule zu Ilfeld, Nordhaus. 1898, S. 15) berufen sich auf die
Sätze: Seele = Feuer, das Feuer ist eingepflanzt, die Seele hat ver-
schiedene Teile, Sitz der Seele : Herz, Sitz des Verstandes : linke Herz-
kammer und den Terminus rb rjye/novi-AÖv sowie die teleologische Vor-
stellung von einem persönlichen Gotte, um die Schrift einem nach-
aristotelischen Stoiker beizulegen. Bei letzterem wird es bewenden
müssen.
36. TTegl doricov cpvoiog == de natura ossium = D i e Natur der
Knochen. Inhalt: Topographische Anatomie des Rumpfes (1); Adern
(2); Nerven und Sehnen (3); Aeste der Adern (4 — 19). Keine einheit-
liche Schrift. Bakcheios las das Buch als „Anfang zum vectiarius"
(Galen. XIX 114; 128; Ilberg, Das Hippokrates-Glossar des Erot,
Leipz. 1893, S, 134 f.). Es wurde erst nach Galenos mit dem aus dem
Anfange erschlossenen Titel in verkürzter Form selbständig. Es stammt
vermutlich aus einer doxographischen Sammlung wie Aristot. bist. anim.
III 2 f. Das vnöiiivriua zerfällt in 5 Teile: I. 1 — 7, Verfasser unbe-
kannt; II. 8 = Aristot. bist. anim. III 2; III. 9 = de nat. hom. 12
(Arist. 1. 1. 3), dem Polybos zugeschrieben (s. oben Nr. 21); IV. 10 =
epid. II 4, 1; V. 11 bis Schluss, Verfasser unbekannt. Der Annahme
Ilbergs, dass das Buch zu jung sei, um von Erotianos gekannt zu
sein, widerspricht geschickt Fredrich (Hipp. Unt. 56 A. 1; s. auch
dessen unter 21 erwähnte Dissertation, S. 17). Kap. 10 ist etwas
jünger als die Epidemienstelle, die überarbeitet und ergänzt ist. Die
Excerptensammlung gehört wahrscheinlich in den Anfang des 4. Jahr-
hunderts V. Chr. Bester Text bei Fredrich, Hipp. Unt. S. 57 ff.
37. Ttegi xviuöv = de humoribus = Die Säfte. Inhalt: Stich-
wortähnliche Sammlung von Sätzen über Säftebewegung, Richtung
dieser, Mittel dagegen (1); allgemeine Kenntnisse des Nützlichen und
Schädlichen und der Symptome (2 ff.); Behandlungsweisen (5); desgl.
bei Steigerung der Erscheinungen (6 f.) ; Individuelles in der Säftefrage
(8); Seelisches (9); Anzeichen etc. (10); Magen (11); Krankheitsarten
und -entstehung (12); desgl. hinsichtlich der Jahreszeiten (13); des
Windes (14); Jahreszeiten, Klima und Konstitution (15 ff.); Aufhebung
eines Leidens durch das andere, Rückfälle u. dergl. (20). Litteratur
bei mir I 404 ; dazu Rose, Anecd. graeca et graecolatina I 22 ff. Da
die Notizensammlung bloss Merkworte enthält, ist eine Ermittelung des
Verfassers aussichtslos. Die zahlreichen bei mir verzeichneten Paral-
lelen ergeben nahe Verwandtschaft mit echten kölschen Schriften.
Zeuxis und Herakleides von Taras verwarfen das Buch (Gal. XVI 1;
XVIII, II 631). Galenos hielt das Buch für echt, da er einen Kom-
mentar dazu geschrieben hat (Kühn XVI 60 f.). Paris, graec. 2142
schol. bestätigt dieses Urteil des Galenos, der manches als „äusserst
brachylogisch", anderes als „ungebührlich ausgesponnen" bezeichne.
Jedenfalls wurde das vnöuvriua für Schulzwecke auch von Galenos noch
benutzt.
38. TtsQl Aoiaecov = de crisibus = Die Krisen. 64 kurze Kapitel
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 1^
226 Robert Fuchs.
Über kritische Vorgänge. Das aus progn., Coac, aph. und epid. ent-
nommene Excerptenwerk gehört der hippokratischen Schule an.
39. TttQL V.QIOII.U0V = de diebus criticis = Die kritischen Tage,
Ebenfalls ein hj'pomnemaartiges Excerpt aus kölschen (Kap. 1) und
knidischen Stücken (2—11). Es dient zur Wiedererlangung kleiner
Stücke aus de hebd. und steht sehr tief an Wert.
40. neQt vygiüv '/.gr^oio^ = de liquidorum usu = Ueber den Ge-
brauch der Flüssigkeiten. Noch nicht geordnete, vielfach un-
klare Notizensammlung, Avahrscheinlich Konzept für die Ausarbeitung.
Es sollte die Anwendung der Wassersorten, des Weins und Essigs,
warm und kalt, in der Heilkunde dargestellt Averden. IIb er g weist
darauf hin (Berl. philol. Wchschr. XX 1900, Sp. 1254), dass de 1. u. 1 ff.
wiederkehrt aph. V 16 ff., also ist auch de 1. u. koisch. Der Zeit nach
kann es Hippokrates nicht fern stehen. Es findet sich auch der späte,
ungeschickt gewählte Titel neQi vöaiog = Ueber das Wasser (L i 1 1 r e
I 370).
41. /uoxhytös = vectiarius = Ueber die Einrenkung (das
Buch vom Hebel) ist ein Auszug aus de fract. und de art. rep. Wie
ihn Ermerins für knidisch halten konnte (lllp. VIII), ist rätselhaft.
Der Excerptor war Arzt, wie sein selbständiges treffendes Urteil er-
giebt. Pasikrätes soll einen Kommentar hierzu verfasst haben (Gal.
XIII 213; Littre VIII p. XXXIII). Vgl. de nat. oss.
42. Ttegl e7tTaf.irjvov = de septimestri partu = Das Sieben-
monatskind und
43. negl uy.tau^vov = de octimestri partu = Das Achtmonats-
kind bildeten einst ein^) Buch; wenn 43 auf 42 folgte, ist mitten
heraus ein Stück verloren gegangen (Fuchs III 648 A. 11). Erotianos
nennt die Bücher nicht, Aetios (Flut., plac. philos. V 18) und Clemens
Alexandrinus (ström. VI 16 = p. 290 Sylb.) legen sie Polybos, Galenos dem
Hippokrates selbst bei, wenn sein Kommentar (ed. Charterius V 347 ; bei
Kühn nicht) echt ist. Zur Frage der Einreihung in ein Gesamtwerk
s. oben Nr. 3. Die Zahlentheorie verrät den Pythagoreismus. Anklänge
bei Pseudaristot. bist. anim. Ich halte die Schriften für nachhippo-
kratisch. Ttegi k7ttai.ii]vov vöOvv (bei Calvus, lat., p. 43; ed. Basil. p. 541)
hat mit dieser Schrift nichts gemein. S. Fuchs III 641.
44. jieQi döovTocpv'iTjg = de dentitione = Ueber das Zahnen
wird im Altertum nicht genannt. Die Aphorismen über Kinderkrank-
heiten sind schlicht gehalten und zeugen von ärztlichem Verständnis.
Vielleicht ist die Schrift unvollständig. Zeit »und Verfasser sowie die
Schule, der er angehört, sind nicht zu ermitteln.
Die Kreise sind nunmehr so eng gezogen, dass nur noch Schriften
übrig bleiben, die 5. echt sind oder sich mindestens ganz eng an Hippo-
krates anschliessen.
45. negl öiaiTrjg o^ecov = de diaeta ([ratione] victu[s]) in acutis =
Die Diät (Lebensordnung) bei akuten Krankheiten (Kühle-
wein 1109 ff.). Inhalt: Verurteilung der „knidischen Lehrsätze" und
der alten Schriften über die Lebensweise (1 ff.) ; allgemeine Vorschriften
des Verfassers über die Chirurgie (4) ; akute Krankheiten (5) ; der Laie
hat kein Verständnis für wirkliche Aerzte und Scheinärzte (6); die
Aerzte haben vieles nicht erkannt und halten das für gut, was der
') Nachweis bei Erm. II p. LXXIV; Kühle wein, Philologus XLII 1882 ff.
S. 131. ,
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 227
andere für schlecht hält (7 ff.); Nützlichkeit des Getreideschleims (10);
Verabreichung (11 ff.), Bereitung- (15); unterstützende Behandlung, sonst
schlimmer Ausgang (16 ff.); Zeitpunkt der Verabreichung (20); Zer-
teilung des Schmerzes in der Seite u. s. w. (21 ff); bei Diätwechsel all-
mählich verändern (26 ff.); Zahl der täglichen Mahlzeiten (29 ff.); die
mit bitterer Galle leiden schwerer als die von schleimiger Verfassung
(34); Ungewohntes schädigt, auch wenn es an sich gut ist (36 ff.);
Schlaflosigkeit (49) ; Wein u. ä. (50 ff.) ; Bäder (65 ff.). — ^6.9« = spuria
= Unechtes (Anhang): teilweise ähnliche Vorschriften über Behand-
lung akuter Leiden. — Andere Titel: TteQl öiaiTT]g Galen. VII 924;
ngbg rag Kviöiac, '/viüf.iag Gal. XIX 195; nsgl nrioccvr^s = ü. d. Getreide-
schleim Gal. V 762; s. auch XIX 182. Teil I wurde fast von allen
alten und neuen Kritikern für echt erklärt. Galenos glaubte, das Buch
sei aus dem Nachlasse herausgegeben (XV 624), und kommentierte es
(XV 418 ff.; XIX 182 ff:;. Erasistratos kritisierte bereits das Werk.
Petrequin setzte es vor de vet. med., mit dem es grosse stilistische und
inhaltliche Aehnlichkeit hat, und zwar, übertrieben genau, vor 412 v. Chr.
Später als de vet. med. erschien es Littre verfasst (I 318; II 217),
und Petersen liess den Spielraum von 421 — 377. In der That mehrten
sich in der jüngsten Zeit die Merkmale für nachhippokratischen (aber
voraristotelischen) Ursprung. Gegenüber dem Indicium der geringen
Anzahl von Heilmitteln, das nur auf den frühesten Zustand derknidischen
Lehre gehen kann, da schon Euryphon zahlreiche Verordnungen gab
(Gal. VI 795), sind folgende Thatsachen hervorzuheben: die eigentüm-
liche Verwendung der Partikeln (wie in de vet. med.) und die unge-
mein entwickelte Sprachstufe passen nur in eine vorgeschrittene Zeit,'
die Diction in de cap. vuln. und de aere aq. loc. weicht so ab, dass
man für beide Gruppen besondere Verfasser annehmen möchte; aller-
dings sind die Abweichungen von epid. I ; III so geringiügig, dass sie
nichts beweisen. Jedenfalls scheint sich mir bei aller Würdigung ent-
gegenstehender Merkmale die Wagschale gegen die Verfasserschaft des
Hippokrates zu neigen. Das über Bäder Gesagte halte ich für unecht,
doch passt es wenigstens zur hippokratischen Lehre. Die Schrift ist
für Laien und Aerzte geschrieben. Vgl. oben Nr. 25; zur Litteratur
bei mir III 1 A. 1 und lunoxgatovg rb 7C. ö. o. y.ai agyaiag iaxQi'/.rig (.lerd
orif-ittiöötiov rakJ.r^wv t^d. KogaiQ etc., tv '^&i^vaig 1887; Weber,
Philologus LIX (N. F. XIII) 1900, S. 545 ff" — Appendix, von
Erasistratos gekannt (Gal. XV 744; vgl. 586 f.; 733), von Galenos
verworfen, schon wegen Wiederholungen aus Teil I (XV 796 ; allgemein
verworfen nach 797; 800 f.; 812; 835 ff.; 839 ff; 851; 858; 867 ff.).
Obschon er 2, jetzt verschmolzene Kominentare schrieb (XIX 36 ff. vergl.
mit XV 732—919), erkennt er doch (XV 732) in Teil II eine Samm-
lung flüchtig hingeworfener Notizen, die ein Schüler confus gesammelt
habe ; letzterer habe die zuweilen schon von Hippokrates ausgefeilten
Sätze um seine eigene Weisheit vermehrt. Die Annahme echter und
unechter Miscellanea aus ausgewählten Gebieten der Heilkunde eignet
sich Daremberg an (vgl. Gal. XV 918). Athenaios (dipn. II 16 p. 57)
steht auf Seiten der P^chtheitsleugner.
46. TcgoyvojOTixov = prognosticum =DasBuchderPrognoseri
(K ü h 1 e w e i n I 78 ff.). Inhalt : Wichtigkeit der Prognose (1) ; Gesicht
und „facies Hippocratica" (2); Augen (3); Lagerung (4); Zähneknirschen
(5); Geschwür (6); Crocydisnius (7); Atmung (8); Seh weiss (9); auf-
getriebener Oberbauch und Schwellungen überhaupt (10 ff.); Eiter (13 f.);
15*
228 Robert Fuchs.
Hydrops (15); Verschiedenes (16 ff.); Schlaf (19); Stuhl (20); Blähungen
(21); Urin (22); Erbrechen (23); Auswurf (24 f.); ^ute (26) und schlechte
Anzeichen (27); Eiteransammlungen (28 ff.); Blase (36); Fieber (37 ff.);
Zäpfchen (42); Verschiedenes und Schluss (43 ff.). Kap. 47 nimmt auf
Libyen, Delos und Skythien als persönlich bekannte Länder Bezug-,
doch ist von einer Bereisung von Libyen und Delos durch Hippokrates
nicht das mindeste zuverlässig bezeugt. Ebenso braucht epid. I 3, 25
das von Galenos verstandene progn. in der Verweisung nicht gefunden
zu werden (s. bei mir II 117 A. 53). Einen Kommentar hierzu ver-
fasste Herophilos (Gal. XIX 64). Als Auszug aus Coac. mit Zusätzen
fassen die Schrift auf Ermerins (III p. XII; Verfasser ist keinNach-
ahmer des Hippokrates), Littre (bis 1840; auch aus prorrh.) und
Hirschberg ^). Es sind aber vielmehr die Coac. Auszüge, das progn.
dagegen ein planvolles, auf langjähnge Erfahrung und reifes Urteil
aufgebautes Werk eines hervorragenden Arztes. Darum schliesst
Fredrich (Hipp. Unt. 80 A. 3) mit Recht auf einen Schüler, der die
Ansichten seines Meisters Hippokrates, mit Ausnahme der göttlichen
Krankheitsursache, verarbeitet. An eine Jugendarbeit des Hippokrates zu
glauben, war ein schwerer Missgriff Petersens, Falks und Littre 's.
Die angebliche Anspielung Aristoph. Plut. 706 mit schol. auf Hippo-
krates als Kotkoster hat mit progn, nichts zu thun. Litteratur:
'JaTQurj icprinegig I, Athen 1859 Nr. 8;Kühlewein, Jahresb. ü. d. Königl.
Klosterschule zu Ilfeld, Nordhausen 1876; Philologus XLII 1882 ff.
S. 119; 124 ff. (Uebersetzungen aus dem 5. und 6. Jahrhunderte n. Chr.);
Hermes XXV 1890 S. 113 ff
47. Kojaxal ngoyvcüasig = praenotiones Coacae ==Koische Pro-
gnosen. Inhalt: 1. Erkältung und Fieber (Iff.); 2. Kopfschmerz
(156 ff.); 3. Koma etc., Kopfwunden (174 ff.); 4. Anzeichen von den
Ohren her (185 ff.) ; 5. Geschwülste der Ohrspeicheldrüsen (195 ff.) ; 6. Ge-
sicht (208 ff.) ; 7. Augen (213 ff) ; 8. Zunge, Mund (224 ff) ; 9. Sprache (240 ff.) ;
10. Atmung (255); 11. Hals, Schlund (256 ff.); 12. Hypochondrium, Nabel,
Kardialgie (273 ff.); 13. Lendensymptome, bei akutem Rheumatismus
besonders (298 ff.); 14. Blutverlust (320 ff.); 15. Zittern, Krampf (341 ff ) ;
16. Anginen (357 ff.) ; 17. Brustfell-, Lungenentzündung, Empj^eme (373 ff.);
18. Phthisis, Leber (425 ff.); 19. Hydrops (443 ff); 20. Ruhr (453 ff.);
21. Lienterie, Darmverschluss (458 ff.) ; 22. Blase (462 ff.) ; 23. Lähmungen,
Manie, Melancholie (466 ff.); 24. Kälte im Kreuz, Pusteln, Aderlass
(477 ff.); 25. allgemeine Anzeichen (482 ff.); 26. Verletzungen, Fisteln
(488 ff.); 27. Altersstufen (502); 28. Gynäkologisches (503 ff.); 29. Er-
brechen (545 ff.); 30. Schweiss, Urin (561 ff.); 31. Stuhl (589 ff.). Titel
echt. 163 Stellen werden ganz oder teilweise citiert prorrh. I; 55
werden im Buche selbst wiederholt, 3 drei- und 1 viermal ; 65 stimmen
zu aph.; mit epid. sind 12, mit de cap. vuln. 2, mit de morb. etwa 20
Stellen verwandt. Also ist unser Buch eine durch sachlich geordnete
Auszüge entstandene Sammlung, eine neue und vermehrte Auflage der
prorrh. I, ein im6fAvr]f.ia für den Schulgebrauch, nicht Privatgebrauch
(wie Fred rieh 11 will). H i r s c h b e r g (a. a. 0. 59 ; 123) hat zweierlei
übersehen, wenn er in seiner Litteraturgeschichte die Coac. aus den
Tempelinschriften in Kos ableitet : 1. die Abhängigkeit der Sammlung
von noch vorhandenen Büchern ganz anderer Art, 2. die völlige Ver-
schiedenheit der zwar von Symptomatologie und Therapie, aber nicht
') Gesch. d. Augenheilkunde, Leipz. 1899 S. 59; 123.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen.
229
von Prognostik handelnden Weihegaben für Asklepios. Aber dass
mittelbar sehr viele Erfahrungen aus der Tempelbehandlung und dem
echten Hippokrates mit überliefert werden, hat niemand zu bestreiten
gewagt. Den Gedanken, dass die vorhippokratischen „koischen Sen-
tenzen" von Praxagoras in der 2. Auflage der Coac. auf den modernen
Standpunkt gebracht worden seien, hatte Kühle wein im Jahre 1882
ausgeführt ^ ). Auf Anfrage hat er liebenswürdigerweise einige Belege
für die Ansicht beigebracht, dass wenigstens unter seinem Einflüsse
die Coac. entstanden seien: von den eigentümlich benannten 11 Säften
des Praxagoras findet sich Coac. 146; 352 der „glasartige", 397 der
„salzige" und „süsse Auswurf", 570 der „lauchgrüne" Urin (vgl. Euf.
ed. Daremb. 165, 14); 121; 125; 136 u. ö. der „hämmernde" Pulsschlag.
Somit wird das Handbuch in den Kreis der Schüler des Praxagoras
hinabgerückt; mehr lässt sich nicht feststellen. Einen Kommentar
schrieb der Epikureer Demetrios (Littre IV p. XYIII).
48. TtgoQgrjti/.bv a == prorrheticum (praedicta) I = Die Vorher-
sagungen I. Inhalt: 170 prognostische Sentenzen, gelegentlich unter
Namensnennung des Patienten, ohne jede Ordnung und Kritik von
einem ärztlichen Excerptor zusammengestellt. Ermerins hält die
Schrift für das älteste Werk des Corpus wegen der Einfachheit der
Sprache "^j ; die Votivtafeln führt er auch hier irrtümlich als Vorlage an.
Galenos. der es in 3 Büchern kommentiert hat (XVI 489 flf.), rechnet
es zur hippokratischen Schule (706fi".) und weist auf Aehnlichkeiten
mit Coac. (w. s.), aph., epid. (besonders II und VI) und progn. hin.
Erotianos will seine Unterschiebung nachweisen (praef. Schluss). Das
Buch ist, wie eine Vergleichung ergiebt, ein ungeschickter Auszug aus
der meisterhaften Schrift progn. und muss vor Coac. liegen. Nicht-
hippokratische Gedanken finden sich in dem Schriftchen nicht; dem-
nach wird an einen seiner Schüler als Verfasser zu denken sein.
49. nQOQqr(ii/.ov ß' == prorrheticum (praedicta) II = Die Vor-
hersagungen IL Inhalt: Tadel der wunderlichen Prognosen un-
kundiger Aerzte (1); Anweisung zur Untersuchung auf die Prognose
hin (2 f.) ; Prüfung der Verstösse bei Stubenhockern, Athleten u. a.,
deren Anzeichen (4); Hydrops (5 f.), Phthisis (7), Podagra (8), Epilepsie
(9 f.), Geschwülste (11), Wunden (12), vouai = brandige Zerstörungen
(13), Verletzungen des Kopfes (14) und anderer Körperteile (15), des
Rückenmarkes (16), Anfüllung der Kehle mit Blut (17), Augenleiden
(18 ff.), Ruhr (22), Durchfall, Lienterie (23), Konzeption (24). Die
Sammlung scheint auch für Laien bestimmt zu sein und rührt von
einem Angehörigen der hippokratischen Schule her.
50. d(poQiouoi = aphorismi = Die Aphorismen (Lehrsätze,
Denksprüche), 8 Bücher. Inhalt von I : Das Leben ist kurz, die Kunst
ist lang U.S.W. (1), diätetische Therapie (2—25); von II: Prognostik
(1 — 54) ; von III : Jahreszeiten und Altersstufen hinsichtlich der Krank-
heitsdisposition (1 — 31); von IV: Erbrechen, Abführen, Diagnose,
namentlich bei Fiebernden (1 — 83); von V: Krämpfe, Kälte, Wärme,
Gynäkologisches, Fieber und Vermischtes (1 — 72); von VI: Sympto-
matologie für chirurgisch zu behandelnde Leiden, Mannigfaltiges (1—60);
von VII: Nebenerscheinungen, Komplikationen mit Prognose, Folge-
^) Westermanus illustr. Monatshefte LIII S. 400.
*) Specialen historico-medicum inaugui'ale de Hippocratis doctrina a prognostice
oriunda, diss., Lugd. Bat. 1832 S. 10.
230 Robert Fuchs.
erscheinungen (1 — 79) ; von VIII : allerlei untergeschobene Entlehnungen
aus anderen Büchern der aph. und aus den hebd. — Die Aphorismen
I — VII sind das berühmteste Werk der Sammlung und bis zu unserem
Jahrhunderte als echt angesehen worden. Aus der grossen Zahl von
Werken verdienen eine Hervorhebung (s. ausserdem bei mir I 67):
Berends, Lectiones in Hippocratis aphorismos, Berol. 1830; Gurlt
Gesch. d. Chir. u. s. w., Berlin 1898, I 277tf.; Heiberg, Aph. von
H. Studier fra Sprog og Oldtitsforskning etc., Kopenh. 1892; Mer-
b a c h , Die A. des H. in's Deutsche übers., Dresden 1860 ; Leutzsch,
Philologus XXX 1870; Menke, Die A. des H., Bremen 1842 (Text);
Ruder, "^iTTTroxQccTovg ugzog zal dcpogiof-ioi, Regeusb. 1864. Die ältesten
Schriften zu den „das menschliche Begreifen schier übersteigenden
Aphorismen" (Suid.) sind: Worterklärungen des Glaukias^), des Bak-
cheios von Tanagra^); der Kommentar und eine zusammenhängende
Auseinandersetzung über den Inhalt der aph. von Herophilos in 2 be-
sonderen Werken (Gal. XVIII, II 16; XIX 64; 404; Daremb. 434) —
leider sind die Stellen nicht zweifelsfrei, auch nicht Erotianos; Mont-
faucons Bemerkung über den in der Mailänder Ambrosiana erhaltenen
Kommentar ^) bedarf der Nachprüfung — ; der Kommentar des Askle-
piades, dessen 2. Buch Cael. Aurel. de morb. ac. II 1 citiert (Scholia
in H. et Galenum ed. Dietz II 458 ; 478) ; der des schmähsüchtigen
und unwissenden Lykos von Makedonien in mehreren Büchern (Gal.
XVIII, I 197), gegen die Galenos ro Ttoog Amov iteol xov drpoQiof.wv
schrieb (scr. min. II 113); der des Oreibasios, wenn das Zeugnis auf
Wahrheit beruht (Littre IV 442 ff.); der des Damaskios im cod.
Monacensis graecus 227, noch nicht veröffentlicht. Im 5. oder 6. Jahr-
hunderte n. Chr. wurden die aph. ins Lateinische übersetzt (s. oben).
Das vTtöuvrjua, das ich im Gegensatze zu Fredrich (Hipp. Unt. 11)
nicht als für den privaten, sondern für den öffentlichen Gebrauch
bestimmt ansehe, wurde durch Soranos in 3, Ruphos von Ephesos in
4, Galenos in 7 Abschnitte eingeteilt; doch las letzterer auch den
8. Teil in einigen Handschriften. Petrequin I96ff. glaubt an die
Echtheit wegen der Anspielungen des Piaton (symp., soph., Tim.),
Aristoteles (bist, anim., de part. anim.) und der Polemik des Diokles
(Steph. Athen, in Scholia etc. ed. Dietz II 326), überhaupt wegen der
Stellungnahme der Alten. Das Werk sei kein Jugendwerk, denn es
fänden sich Erinnerungen an progn,, epid., de aere aq. loc, de victu
in ac. und an die chirurgica; ferner setze es langjährige Erfahrungen
und eine ausserordentliche Geistesschärfe voraus, auch gründliche
praktische Kenntnisse eines gereiften Mannes; es sei das „Resume der
Prognostik der kölschen Schule". Daher scliliesst er auf rund 400
V. Chr. Aber man sieht nicht ein, weshalb gerade dieses Jahr heraus-
gegriffen wird, da Hippokrates in den späteren 25 — 30 Jahren seines
Lebens zweifellos noch viel mehr Erfahrungen gesammelt haben muss.
Zweifel äusserten : der stets misstrauische H o u d a r t ; E r m e r i n s , der
an einen Sophisten dachte wegen der doch nur durch ihre Schlichtheit
wirkungsvollen herrlichen Sinnsprüche, in denen nicht der mindeste
„Pomp" liegt (II p. LXXXIXf.); Leutzsch aus gleichen Gründen
^) Daremb er g, Archives des missions scientifiques, Paris 1852, S. 4.S3 gegen
Littre.
2) A. a. 0. 430 ff. gegen Littre VIII p. XXXV f.
^) Fabricii bibl. Graeca ed. Harles II 544.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 231
(Philologus XXX 1870 S. 264 ff.); Häser 3. Aufl. I S. 118; Littre
VIII 2 ff. An völlige Unechtheit kann ich nicht glauben. Bei den
markigen Worten fühlt man. wenn man es auch nicht beweisen kann,
den Genius heraus, dessen einzige^ von den Alten vielfach als „göttlich"
bezeichnete Gaben doch nicht ihm entrissen werden können, um irgend
einem namenlosen, einfältigen Sophisten beigelegt zu werden. Anderer-
seits ist die Form vieler Sprüche anfechtbar, auf Entlehnung oder
Excerpierung hintührend. Ich glaube demnach, dass der Grundstock,
in den Perlen wörtlich, in den übrigen Stücken dem Gedanken nach,
dem Hippokrates zu verdanken ist, doch so, dass ein nicht sonderlich
geschickter Notizensammler den Vermittler dabei spielt.
51. y.at iriTQelov = de officina medici = Die ärztliche "Werk-
stätte. Inhalt: Erkennung des Aehnlichen und Unähnlichen, Wahr-
nehmbaren bilden die Grundlage der Chirurgie (1); Handfertigkeit,
Einrichtung der Werkstatt (2), Haltung und Stellung des Operateurs
(3); Nägel, Hand (4); Instrumente (5); Gehülfen = Assistenten (6);
Verbandarten und Anlegung u. s. w. (7 ff.); Wasseranwendung (12);
Unterlagen für Knoclienbrüche (14); Hinhalten, Strecken, Zusammen-
passen, Lagern und Einbinden des beschädigten Gliedes (15 f.);
Knetung (17); Ein- und Ausbinden, besondere Fälle (18 ff.). Der Ent-
wurf — denn um einen solchen handelt es sich — hat als Lehrmittel
für Vorlesungen gedient, daher die Stichworte. Die Ausführung behielt
sich der Verfasser für den Vortrag vor. E r m e r i n s irrt vollkommen
von der Wirklichkeit ab, wenn er das Buch für knidisch erklärt (III
p. VIII); dasselbe wäre von Fredrich zu sagen, wenn er aus der
sophistischen Figur der Parechesis den sophistischen Charakter der
Schrift wirklich erschliessen wollte (Hipp. Ilnt. 31 mit Anm. 2). Der
Nachweis der Echtheit lässt sich wegen der eigenartigen Form des
Buches leider nicht führen ; aber das Werk ist von fast allen Forschern
aller Zeiten für des Hippokrates würdig anerkannt worden, und so
kann auch ich feststellen, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit
dem grossen Koer zukommt. Kommentare schrieben Asklepiades ( Erot.
116, 11; Gal. XVIII, II 660; 666) und Galenos (XVIII, II 629 ff.).
Litteratur bei Fuchs III 71; ferner Kühlewein, Hermes XXIII
1888 S. 259 ff. ^
52. negl Umov = de vulneribus et ulceribus = Die Wunden
und Geschwüre. Inhalt: Allgemeine Therapie der Wunden und
Geschwüre (sky.og ist doppeldeutig) ; Wundraittelformeln. Erotianos und
Galenos, dessen Kommentar verloren gegangen ist, bezeugen die Echt-
heit (Petrequin I 257 ff.). Mit dem dem Galenos bekannt gewesenen
unechten Anhange ist auch der echte Schluss untergegangen. Keines-
falls knidisch (Erm. III p. VIII), sicher altkoisch und dem Hippokrates
mindestens nahe stehend, wie die zahlreichen Parallelen aus den echten
Schriften darthun (Petrequin I 260 ff.). Hier wird nur die sprach-
liche Untersuchung Gewissheit bringen. Litteratur: Ellebrecht, de
vuln. et ulc. secundum Hippocratem, Gryphisvaldae 1845.
53. Tcegl alf.ioQoöiö(ov = de haemorrhoidibus = Die Hämor-
rhoiden und
54. 71€qI avgiyytjv = de flstulis = Die Fisteln bildeten, wie
Petrequin I 329 ff. sicher nachweist, ehemals ein Buch, enthaltend
Aetiologie (1) und verschiedene Heilverfahren (2 ff.); entsprechend bei
Nr. 54 Kap. 1 und Kap. 2 ff. und Rezepte für verwandte Leiden (7 ff.).
Beide hält Ermerins für knidisch (III p. VIII), während es nach
232 Robert Fuchs.
Daremberg- und Littre feststeht, dass die Schrift mindestens einem
koischen Zeitgenossen oder Schüler des Hippokrates angehört. Letzteren
selbst könnte man mit g-rösserer Wahrscheinlichkeit für den Verfasser
erklären, wenn die noch nicht erfolgte Durchforschung der Diktion
damit in Einklang stehen würde.
55. neqi riov ev /.erpalfj TQLo(.iäxcov == de capitis vulneribus = D i e
Verletzungen am Kopfe. Inhalt: Untergeschobene Einleitung
(Gründe bei mir III 258 A. 1), deskriptive Schädelanatomie (If.),
5 Verletzungen des Schädels (3 ff.); Schädelbohrverfahren und sonstiges
Heilverfahren (9 ff.). Die Beobachtungen verraten eine so erlesene
Kenntnis in allen hier in Betracht kommenden Gebieten, dass man sie
bis zu Petrequins Zeiten als irrig ansah; erst dieser bewies durch
eigens zu diesem Zwecke vorgenommenes Studium Tausender von
Schädeln, dass die Schädelkenntnis seiner Zeit hinter der hippo-
kratischen zurückstand. Dabei mutet die Sprache altertümlich an und
ist schlicht und klar ; es spricht demnach nicht das Mindeste dagegen,
dem übereinstimmenden Echtheitszeugnis von Bakcheios (Kommentar),
Epikles (Worterklärung bei Erot. ed. Klein p. 58; Littre VIII
p. XXXIV), Euphorion und Lysimächos von Kos (Erot. a. a. 0.),
Aristoteles (bist. anim. I 16), Erotianos (p. 36) und Galenos (Petre-
quin I 413), dessen Kommentar verloren ist, Glauben beizumessen.
Oreibasios hat einen Teil und Niketas die ganze Schrift in die eigene
Sammlung übernommen. Die sprachlichen Verschiedenheiten gegen-
über de fract. und de artic. rep. sind nicht so bedeutend, dass man
sie nicht einer anderen Epoche desselben Schriftstellers zuweisen
könnte. Litteratur u. a. bei Fuchs III 258 ff.; Kühle wein, Hermes
XV 1885.
56. ntQl dyf.uöv = de fract(ur)is = Die Knochen brüche und
57. 7t€QL agdQiov €iiißo?.rjg = de articulis (reponendls) oder de articu-
lorum repositione = Die Einrichtung der Gelenke sind nach
Er m er ins (III p. VIII; X; XIII) knidisch „wegen der Kohheit der
chirurgischen Eingriffe", Die „rohe Behandlung" war aber ebenso gut
den alten koischen Aerzten eigentümlich, und die Anbindung der Frau
an die Leiter mit dem Kopfe nach unten bei Prolaps, die u. a. Euryphon
empfahl, wird in de a. gerade verworfen; mithin ist de a. koisch.
Aber dieses Buch verweist in Kap. 67 und 72 auf jenes, also gehören
beide einem und demselben Koer. Das bestätigen die sprachlichen
Untersuchungen vollauf. Dass Ermerins beide in ein Buch ver-
einigen will, ist eine Uebertreibung des eben richtiger gefassten Ge-
dankens. Da Ktesias gegen das in de a. 70 behandelte Einrichtungs-
verfahren ankämpft (Gal. XVIII, I 731), Apollonios von Kition den
Text von de a. erläuterte und illustrierte ^), so ist ein Zweifel über die
Verfasserschaft des grössten Koers so gut wie ausgeschlossen. Auch
Galenos' Kommentar in 4 Büchern (XVIII, T) stimmt damit überein.
Der volle Titel n. d. L findet sich in den besten Handschriften
(Laurent. 74, 7 saec. IX ; Vatic. 276 saec. XII), der verkürzte ist durch
die Bequemlichkeit des Galenos beim Citieren eingebürgert. Ich stimme
Kühle wein-) bei, wenn er die Werke in das Ende des 5. Jahr-
hunderts, also in das gereifte Mannesalter des Hippokrates, verlegt,
^) S. Apollonios von Kition.
2) Die chir. Schriften d. Hippokrates. Jahresber. ü. d. Königl. Klosterschule zu
Ilfeld 1897/98, Nordhausen 1898 (mit ausführlicher Inhaltsangabe).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 233
schon wegen zweier mit de diaeta in ac. übereinstimmender Spracheigen-
tümlichkeiten. Dass aber der über Nase nnd Ohren handelnde Teil
(de a. 35 ff.) zwar alt, jedoch nicht ursprünglich sein soll, habe ich
bereits III 113 A. 21 bestritten. Alles Weitere s. Fuchs III 84 ff.;
177 ff.
58. Imdrjiiiuüv ßißUa hczä = epidemiorura libri VII = Die epi-
demischen Krankheiten I — VII (I und III K ü h 1 e w e i n 180 ff.).
Inhalt von I: Witterungsgestaltung (Katastase) dreier Jahre, die der
Arzt auf Thasos verbrachte, nebst Krankenjournal ; von III : Witterungs-
gestaltung eines Jahres ebenda mit Krankenjournal ; von II : Katastase
in Kran(njon in Thessalien (Iff); Krankheitsverlauf im Allgemeinen
(6); Varia (7 ff.); Einzelfälle (II Iff); Varia (10 ff ). Fälle (Uff.); Kata-
stase von Perinthos an der Thrakischen Propontis mit Journal (III
Iff.), allgemeine Erfahrungen mit Kasuistik (5 ff.; IV Iff".); Erkenntnis
der seelischen Eigenschaften auf Grund der natürlichen Körper-
beschaffenheit (Physiognomonie ; V Iff'.), desgleichen und Vermischtes
(VI Iff.); von IV: Katastasen mit Kasuistik; von V: Journal, besonders
lür Larisa in Thessalien; von VI: Vermischtes derselben Art; von
VII: wde von V. Kommentar des Galenos zu I: XVII, I Iff.; zu II:
303 ff.; zu III: 480 ff.; zu VI: 793 ff Die Inhaltsübersicht beweist,
dass I und III ursprünglich zusammengehörten, und zwar folgten die
4 Konstitutionen auf einander und ebenso die Krankengeschichten.
Wegen Vertauschungen der Fälle s. Fuchs II 146 A. 29. Bezüglich
I und III zeugen die Kommentatoren und Glossatoren von Bakcheios
bis Galenos für die Authentizität (Fred rieh, Hipp. Unt. S. 9). Die
Fälle sind den Vorschriften des progn. eng angeschlossen. Den Gruppen
der echten Epidemien stehen die beiden Gruppen der unechten gegen-
über: II, IV. VI und V, VII. Letztere sind von Schülern verfasst
(Littre V 3ff.); nur 2 Fälle der Aehnlichkeit sind zwischen den
Gruppen II und III zu beobachten. Aus II 3, 17 dürfte trotz der
Erwähnung der „hellenischen" Monate nicht zu schliessen sein, dass
der Verfasser ausserhalb Griechenlands lebte; denn auch in Deutsch-
land spricht man von „deutscher Währung", „deutschem Gelde" und
in Frankreich vom „französischen Theater". Des Galenos Zeugnis für
Hippokrates (XVII, I 375; V 529) verschlägt angesichts der augen-
fälligen Minderwertigkeit von II, IV ff. nichts. Auch darauf ist nichts
zu geben, dass nach ebendemselben (XVII, I 314) II und VI von
Hippokrates für den Handgebrauch aufgezeichnet und von seinem
Sohne Thessalos u. a. erweitert und vermehrt worden sein sollen; denn
so nahe liegend dieses ist, so hat doch Galenos keine litterarischen
Unterlagen hierfür befragen können. IL IV und VI können nicht den-
selben Verfasser haben (P e t r e q u i n I 48), doch ist die Sprache I und
III teilweise ähnlich, da letztere als Vorlage dienten. Buch IV mit
nicht wenigen rätselhaften Aussprüchen gilt selbst Galenos als unter-
geschoben (XVII, I 579; 633; 960). Zu dem von einem Periodeuten,
Wanderarzte, gelieferten Grundstocke sind mancherlei Zusätze ge-
kommen (Erm. I p. ClXff.). Buch V erklärt Galenos für „offenbar
unecht"' (XVII, I 796). Eine Zeitbestimmung gewinnen wir in diesem
seltenen Falle aus Kap. 95. Die „Belagerung von Datos" in Thrakien
ist nach Petrequin's klarer Beweisführung nicht identisch mit dem
Treffen bei Drabeskos im Jahre 453 v. Chr. (Fuchs II 249 A. 96),
sondern mit dem Kampfe des Philippos von Makedonien um die dortigen
Goldgruben, 356 v. Chr. Erinnerungen an die knidische Schule finden
234 Robert Fuchs.
sich (bei mir Eing-ang; Anm. 2; 83), weshalb wohl hier und bei VII
an jüngere Knidier als Urheber zu denken sein wird. Buch VI hat
der Sophist Palladios erläutert (Apoll. Cit. etc. schol. ed. Dietz II 1 ff.).
Knidisches ist in diesem Buche nicht zu entdecken. VII (s. oben V)
verlegt Ernierins mit gutem Grunde in die Zeit des Philippos von
Makedonien. Litteratur bei mir II 99 ff.
59. neQi degtüv, vödriov, rönwv = de aere aquis locis = Ueber
Luft, Wasser und Oertlichkeit (Kühlewein I 33 ff.). Inhalt:
Der Arzt muss Jahreszeiten, Winde, Gewässer, Lag'e u. s. w. (1) und
Himmelskunde berücksichtigen (2); Schilderung der Krankheiten je
nach der Lage der Ortschaften (3 ff.), des Wassers und seiner ver-
schiedenen Wirkungen (7 ff.), der Jahreszeiten desgl. (14 ff.); Unter-
schiede der Asiaten und Europäer in dieser Hinsicht (18 ff.); Lücke,
in der über Aegypter und Libj'er gehandelt war (19); Krankheits-
kunde nach Völkerschaften: Asowsches Meer (20), Makrokephale (21),
Riongegend (22); Trägheit und Weichlichkeit der Asiaten im Vergleich
zu den Europäern (23), Skjthen (24 ff.), die übrigen Stämme Europas
(31 f.), Schluss (33). Erotianos nennt die Schrift nur rreol r. y.al wQiwv
(ü. Oe. u. Jahreszeiten); Galenos (XIX 35) jt. t. v. und behauptet, es
sollte TT. oh^oeiov y.al v. /.al cuoiöv /.al ytoQiöv heissen ; der Schreiber des
cod. Paris, graec. E rtegl nooyviooecog hwv 'BinoxQäiovc Litteratur:
Ilberg, Philologus LH 422 ff; Kühle wein, Hermes XVIII 17 ff.
Die für Aerzte und Laien gleich anziehende Schrift zerfällt in zwei von
demselben Verfasser herrührende Teile: 1—17 Wind, Wasser, Jahres-
zeiten, 18 ff. Asien und Europa. Die Notwendigkeit der Meteorologie und
Astronomie für die Medizin betont ja auch Piaton,') und Benutzungen
unserer Schrift durch Aristoteles hat erst jüngst noch Richter i) nach-
gewiesen. Auch Euripides kann als Echtheitszeuge aufgerufen werden
(Clem. Alex, ström. VI 627), ferner Galenos, Erotianos, Palladios
Sophistes, Athenaios (II 7), der Scholiast zu Aristoph. nub. 332, der
Verkürzer des Bakcheios : Epikles (Erot. Klein 84). Die Neueren sind
einstimmig für die Echtheit dieser Perle der alten Litteratur ein-
getreten, aus sachlichen wie sprachlichen Gesichtspunkten. Dass
Hippokrates das Buch nach der Rückkehr von seinen Reisen nieder-
geschrieben hat, erscheint Petersen einleuchtend wegen des Urteils
und der Erfahrung; aber dafür, dass dieses gerade zwischen 420 und
414 gewesen sei, vermag Petrequin (I 88 f.) nur obige ähnliche
Euripidesstelle anzuführen, die wenigstens ein Herabsteigen unter 406
verwehrt. An dieser Schrift kann man sich am besten ein Bild von
der Genialität und Universalität des „Vaters der Heilkunde" machen.
Vgl. 4; 28.
Ausser diesen 59 Schriften giebt es noch eine grosse Anzahl dem
Hippokrates untergeschobener Abhandlungen und Bruchstücke, deren
Anzahl durch Bearbeitung unedirter Handschriften leicht zu vermehren
ist. Auf letztere kann nicht eingegangen werden. '-) Schwierig ist
häufig die Entscheidung darüber, ob auf einen Schriftteil oder eine
besondere Schrift verwiesen wird, da ja, wie oben erwähnt, nicht ein-
mal die authentische Titelform feststand. Man muss deshalb in der
Annahme selbständiger Schriften möglichst zurückhaltend sein. Zu
den erstgenannten gehören:
^) Richter, De Aristotelis prohlematis, diss., Bonnae 1885. Vgl. Fredrich,
Hipp. Unt. 9 Anm. 4; 5 f.; leg. V p. 750 DE; Gal. IV 806.
^) S. z. B. Kostomiris, Kevue des etudes grecques II 1889 S. 352 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 235
1. Die emoToXai = epistulae = Briefe. Sie gehören der koischen
ßhetorenschule an, die unter den ersten römischen Kaisern blühte, und
zerfallen in die Gruppen: 1. Hippokrates und Artaxerxes 1 — 9; 2. H.
und Demokritos 10 — 17; 3. sonstiger medizinischer Briefwechsel
18 — 24. Für jede Gruppe scheint ein Verfasser vorzuliegen. Litteratur:
ten ßrink. Philologus VIII 416 ff.: Her eher, epistolographi Graeci
Nr. 306 ff. ; Hirzel, Hermes XIV 358 ff.: Marcks, Sj'mbola critica
ad epistolographos Graecos S. 30 ff.; Schmidt, Epistolarum quae
Hippocrati vulgo tribuuntur censura, lenae 1813; Schneider,
Henschels Janus I 1846 S. Iff.; Stadler. Epistola Pseudohippocratis.
Arch. f. lat. Lexikogr. u. Gramm. XII 1900 S. 21 ff. ^)
2. dnyfia 'JOrjvakov = decretum Atheniensium = Beschluss der
Athener,
3. iTiißcüfuog = Altarrede,
4. ngeoßtvTuöi; Oeaaa'/.ov ^Irrnoy.Qärov^ viov = de legatione =
Gesa ndtschafts rede des Thessalos gehören derselben Schule
an wie die Briefe. Sie wai'en im Bibliothekskataloge von Alexandreia
verzeichnet, können also nicht nach dem 3. Jahrhunderte v. Chr. ver-
fasst sein (Marcks a. a. 0.). 2—4 haben einen Verfasser; Näheres
bei Herzog, Koische Forsch, u. Funde, Leipzig 1899 S. 215.
5. nefji (faguä/Mv = de remediis (medicamentis) purgantibus = Ab-
führmittel, ein Schriftchen von 1'., Seiten, das kein alter Zeuge
erwähnt und dessen Ursprung unbekannt ist. Littre I 422: Küh le-
wein I p. XXVI A. 1.
Endlich sind noch die verlorenen Schriften-) zu streifen.
1. Die Stellen, an welchen ein ßezeptbuch, ffagjua/.iui^, citiert
wird, hat Ermerins II p. LXVII zusammengetragen. Aehnliche
Formularien sind de morb. III und de morb. mul. angefügt worden.
2. nsQi oXe^gküv Toavuäzwv = Ueber lebensgefährliche
Wunden wird von Galenos dem Hippokrates bloss zweifelnd bei-
gelegt und ist jedenfalls identisch mit der bei Erotianos erwähnten
Schrift TTf.QL ßüojv y.ai. %Qavf.iäuov = Ue. Geschosse u. W. Ein Ab-
schnitt handelte vom Herausziehen der Geschosse.
3. neol eßöoudöwv = Die AVochen s. oben.
4. Iv rrjoL nagd^evirjoi vovaoioi = Ueber J un g fr auenk rank-
heiten wird de morb. mul. I 2 citiert (vgl. de morb. mul. I 41);
5. iv fp&ivddt = Ueber Phthisis de morb. mul. 12;
6. negi Ttsoinvtv/iioviag = Ueber Lungenentzündung de
morb. IV 25, bei mir I 271 A. 66. Eine grosse Anzahl solcher Titel
hat Häser I, 3. Aufl. Ulf. vereinigt; jedoch sind augenscheinlich
die meisten hiervon nicht Bücher-, sondern Abschnittstitel oder über-
haupt nur allgemeine Bezeichnungen der Stelle einer verlorenen Schrift,
sodass über ihren Inhalt nichts ausgesagt werden kann.
7. vyieivöv = Ueber Hygiene. Vgl. Ilberg bei Kühlewein
p. XVI; XXVI; Fredrich, Hipp. Unters. S. 82.
^) Vgl. Bernays,, Die heraklitischen Briefe, 1869; Ermerins, Anecdota
medica Graeca 276 ff. (epistnla ad regem Ptolemaeum de hominis fabrica).
-) Littre I 422 ff.
236 Robert Fuchs.
Die Heilkunde in den hippokratischen Schriften.
17. Anatomie und Physiologie.
1. Hirsch, Commentatio historico-medica de collectionis Hipjiocraticae auctorum
anatomia, qualis fuerit et quantum ad pathologiam eorum valnerit, Berol. 1864;
Nonnulla de Hippocratis cognitione authropologica, diss., Berol. 1834. — 2. Kühle~
tvein, Die chir. Schriften d. Hipp. Jahresb. iL d. Kgl. Klosterschule zu llfeld
1897198, Nordhaus. 1898 S. 8 ff. — 3. Senfelder, Die hippokraiische Lehre v. d.
Ausscheidungen u. Ahlagernngen. Wien. med. Wochenschr. 1896. — 4. Stenzel, De
Hippocratis studio anatomico singulari, diss., Vitembergae 1754 u. a. — 5. Welcher ,
Kleine Schriften III, B»nn 1850.
Die oben betrachteten Bücher der hippokratischen Sammlung
ergeben als Ganzes ein anschauliches Bild vom damaligen Stande der
Heilkunde. Wollte man hingegen die Schriften der einzelnen Gruppen
bei der Schilderung der einzelnen Zweige der Medizin zu Grunde
legen, so würde sich ein ganz lückenhaftes Bild ergeben. Beispiels-
weise bieten die echten und die kölschen Schriften über Gynäkologie
fast nichts, ebenso die knidischen nichts über Luxationen und Knochen-
brüche. Zudem ist es der Zufall, dem wir die Erhaltung der einen
oder anderen Schrift verdanken, und dieser hat natürlich nicht so
gespielt, dass die beste und umfangreichste Darstellung auf uns ge-
kommen ist, sondern viel mehr Minderwertiges als Brauchbares. Schon
aus diesem Grunde erscheint es, wenn nicht Bände entstehen sollen,
durchaus geboten, nicht eine Schilderrng der kölschen Anatomie neben
die der knidischen zu stellen, sondern die Anatomie und Physiologie
der im Corpus vereinigten Werke zu bieten und bei den übrigen
Disziplinen ebenso zu verfahren.
Die anatomischen Kenntnisse jener Zeit werden von dem einen
Forscher eingehende, von dem anderen oberflächliche genannt. Mit solchen
Urteilen ist nichts gesagt, denn es fehlt der Massstab. Wohl aber
kann man sagen, dass die Kenntnis der Anatomie und Physiologie dem
Stande der übrigen Zweige entsprechend entwickelt war und nur in
den unechten Schriften etwas zurückstand. Die anatomischen Kennt-
nisse gewannen die Asklepiaden auf mannigfache Weise : durch münd-
liche und schriftliche Ueberlieferung, durch Zuschauen bei Opfern und
Hausschlachtung, durch den Verkehr in der Palästra, durch Ver-
letzungen im Felde und im Frieden, durch Betrachtung von ange-
schwemmten und unbeerdigten Leichen und Leichenresten und durch Tier-
anatomie. Die Tieranatomie ist durch vielerlei Bemerkungen gesichert;
z. B. handelt de carne 17 von Tier- und Menschenaugen, de morbo sacro
14 vom pathologischen Befunde des Ziegenhirns, 3 vom tierischen und
menschlichen Schädel, epid. VI 4, 6 vom Dickdarme des Menschen und
des Hundes, de corde vom tierischen oder menschlichen Herzen, ins-
besondere von den hermetisch schliessenden Halbmondklappen und den
Herzohren, von einem Kehldurchschnitte beim Schweine, vom Heraus-
nehmen des Herzens eines Toten u. s. w., de nat. oss. besonders vom
Knochen und Adernlauf, und Pausanias X 2, 4 erwähnt sogar ein an-
geblich von Hippokrates in Delphoi geweihtes Skelett, de locis in
hom. ermahnt zur Uebung im Secieren und giebt über alle Körper-
teile, wenngleich Irrtümer und Spekulation dem Ergebnisse abträglich
sind, ausführliche Belehrung. Die Theorien vom zweihörnigen Uterus
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 237
und über die UeberfruchtuDg beruhen auf Tierstudien. Es ist also
nicht richtig, wenn K ü h 1 e w e i n (S. 8) behauptet, dass von Tieranatomie
keine Spur in der Sammlung vorliege. Und wie steht es mit der
Anatomie der Menschenleiche? Die hypothetische Form, in der ^e
art. rep. 1 vom Präparieren des Humerus gesprochen wird, beruht
zweifellos auf exakter Kenntniss. und die genaue Beschreibung der
Wirbel (der „Zahnwirbel"), der Wirbelsäule, des Zwerchfells und der
Bänder, Sehnen- und Nervenstränge setzt unbedingt voraus, dass der
Verfasser dieses alles nicht am Affen, wie später Galenos, sondern am
Menschen selbst beobachtet hat. Mag auch die Lage der inneren
Eingeweide mangelhaft beschrieben sein (Aristot. de part. anim. I 16),
um so klarer ist die Kenntniss der Osteologie und Histologie, namentlich
der Extremitäten. Es ist freilich richtig, dass die Vorschrift der
sofortigen Beerdigung Gefallener und der Abscheu vor dem Toten,
Religion und Aberglaube eine planraässig ausgeführte Sektion von
Leichen hemmte, doch konnten alle diese Hindemisse weder gelegent-
liche Einblicke in geöffnete Körperhöhlen, noch partielle Untersuchungen
rein anatomischer Art völlig ausschliessen. Solche Einzelfälle werden
u. a. bezeugt von Herod. IX 83; Plin. h. n. XI 70; Paus. IV 9; Gal. II
280; Aristot. de part. anim. IV 2 (pathologische Sektion). Zu weit
gehen die Forscher, die an Vivisektionen von Tieren und Menschen
glauben möchten, und auf der anderen Seite wiederum die Ungläubigen,
die durch das blosse Aufweisen von Irrtümern (Verwechselung von
Venen und Arterien, Sehnen und Nerven, Vernachlässigung des Pulses)
die Vornahme von Teilsektionen ausschliessen zu können vermeinen.
Gal. II 280 ff., ^) dessen 6 Bücher über die „Anatomie des Hippokrates"
leider untergegangen sind, bestätigt sogar, dass es bei den Asklepiaden
keine anatomischen Lehrbücher gab, weil das anatomische Alphabet
praktisch erlernt wurde. Erst als man mit der Ausbreitung der
Schule im Secieren lässig wurde, stellte sich das Bedürfnis nach Lehr-
mitteln ein, deren erstes Diokles geschrieben haben soll. Galenos
lässt Hippokrates das Verdienst, die ersten anatomischen Spekulationen
angestellt zu haben, obschon er sicherlich darin im eigenen Ge-
schlechte Vorgänger gehabt hat, und preist ihn als fleissigen Anatomen.
Der unbekannte Verfasser von de loc. in hom. erklärt „die Be-
schaffenheit (cpvaig) des Körpers" für den „Ausgangspunkt der wissen-
schaftlichen Forschung" (2). Je nach dem philosophischen System
gelten das Warme und Kalte oder das Warme, Kalte, Feuchte. Trockne
oder dieses mit Herbem, Fadem, Süssem, Sauerem u. s. f. für die
Körperelemente. Allmählich bricht sich das 4 Qualitäten-System Bahn,
das auf den 4 empedokleischen Elementen, Feuer, Wasser, Luft und
Erde, aufgebaut ist. Diesen Elementen entsprechen die animalischen
Grundstoffe Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle. Die schwarze
Galle ist die Absonderung der Milz, die gelbe die der Leber. Auf
dem richtigen Mischungsverhältnis (zgäaiQ) dieser 4 Flüssigkeiten
beruht die Gesundheit, das Ueberwiegen des einen Stoffes über die
anderen nennt man Krankheit. Das Leben ist im Warmen enthalten ;
die eingepflanzte Wärme des Körpers entspricht dem herakleitischen
Feuer. Die Aussenluft bildet als 7tvev(.ia, Atmungsluft, die Nahrung
des Warmen im Körper. Die Säfte und die durch Wärme aus ihnen
heraus destillierten festen Körperteile werden durch die Nahrung er-
^) Litteratur bei Petrequin I 62.
238 Robert Fuchs.
gänzt, indem die Wärme wiederum das Gleiche zum Gleichen lenkt
und durch Ausdörren assimiliert
Die Osteologie umfasst besonders die Beschreibung- folgender
Knochengebilde: der Schädelknochen, so der Suturen (Stirnnalit be-
deutet Gesundheit), der Stirnhöhlen, der Schläfengegend (mangelhaft),
des Pericraniums, der beiden Schädelplatten, der Diploe; der Nasen-
knochen, des Nasenknorpels, des Siebbeins, das einem Schwamme gleiche,
der Kiefer. Der Kiefer ist deshalb mit Zähnen besetzt, wöil er von
allen Knochen allein über Blutgefässe verfügt. Von der Wirbelsäule
ist weniger bekannt. Des obersten Halswirbels wird nicht gedacht,
der Zahnfortsatz (ööovg) (epid. II 2, 24) aber wird gut beschrieben.
Die Wirbelzahl ist höchstens 18 oder 22; es giebt je 7 wahre und
mehrere falsche Rippen {nUvQai). Ihre Befestigung an den Wirbeln
wird sachgemäss geschildert. Die Schlüsselbeine sind durch Gelenke
mit dem Brustbeine verbunden, die anderen „Gelenke sind nach den
Schultern geneigt an den Schulterblättern" (de loc. in hom. 6). Das
Akromion, als selbständiger Knochen gedacht, verbindet Schulterblatt
und Clavicula. Die Gelenkverbindung ist entweder arthrodisch oder gin-
glymisch. Zur Geschmeidigmachung dient die Gelenkschmiere {(.w^a =
Schleim, vYQnrrjg rwv ocQ^gcuv = Gelenkfeuchtigkeit). Die Knochen
der Kinder sind porös {or]Qayywör]g) und darum blutreicher.
Die Weichteile heissen aäg^ = Fleisch oder /nvg = Maus,'
Muskel. Bekannt sind folgende Muskeln: Schläfenmuskeln, Masseteren,
Humerusmuskeln mit Sehnen, der Deltamuskel, der grosse Brustmuskel,
Hand- und Fingerbeuger, Psoas, Glutäen, Schenkelmuskeln, Biceps
femoris, Fibulasehnen, Achillessehne, die Rückenmuskeln. Dass Sehnen
und Nerven gemeinhin als vevqa = tövol = Strang zusammengeworfen
werden, ist schon gesagt.
Der Darm besitzt 2 Aodiat = Höhlen, d. i. den Magen (vrjdvg)-
und die Därme. Der sehnige Magen wird durch Fasern {iv€g) und
Adern mit den Nieren verbunden. An ihn schliesst sich das 12 Ellen
lange gewundene y.wlov, dann der fleischige Mastdarm {oiQxog loiod^iog)
und der After {a-/.Qov day.Tvliov). Bei Gelegenheit wird noch der Leer-
darm {vfjoTig), das Mesenterion und Mesokolon genannt, durch welche
der obere Darmteil an der Wirbelsäule befestigt ist. Auch das nsgi-
rövaiov, Bauchfell, wird häufig als bekannt vorausgesetzt. Als Quell
des Blutes gilt in der Regel die Leber, die bei der Opferschau in
erster Linie geprüft wurde. Der Abriss de anat. erwähnt die nv/iat =;
Pforten als „2 hervorragende Zipfel" (lobus quadratus und lobus Spiegelii).
Die Milz zieht sich auf der linken Seite an „der falschen Rippe"
einer „Fusssohle ähnlich" hin. Von Drüsen (de gland.) sind bekannt,
die Mandeln, die Lymphdrüsen des Halses, die Mesenterialdrüsen und
die Brustdrüsen, nicht .aber Schilddrüse, Pancreas und Parotis, doch
werden in den prognostischen Werken vielfach Parotitiden heran-
gezogen. Die vornehmste Drüse ist das Gehirn. Alle Drüsen ver-
walten die Feuchtigkeit, da sie schwammig sind, und so können sie
durch übermässige Aufspeicherung von Wasser und Schleim und durch
deren plötzliche Entsendung nach einem bestimmten Körperteile Krank-
heiten erzeugen. Die Nahrung wird in der Leber zu Blut, die Luft
im Herzen zum Pneuma = Lebensgeiste umgebildet. , ,
Ferner werden Kehldeckel, Luftröhre {dgrriQLrj) ohne Hervorhebung
des Kehlkopfes und die Bronchien (ßgöy/oi) mehrfach beschrieben. Die
Epiglottis verschliesst die Luftröhre für die Nahrung (de corde). Das
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 239
Getränk geht nicht, wie viele, auch Piaton, annahmen, in die Lunge
(de morb. IV 25), sondern in den Magen, zum Teil auch in den
Pharynx und von da in das Pericardium. um das heisse Herz abzu-
kühlen (de corde 2 f.); den Beweis dafür erhält mau, wenn man
einem Mennigewasser trinkenden Schweine den Kopf abschlägt. Die
Stimme bildet sich in der Luftröhre durch die ausströmende Luft.
Wird bei einem Selbstmörder mit durchschnittener Kehle die Wunde
geschlossen, so kehrt die Stimme wieder zurück. Die Lunge hat 5
überragende Zipfel, Lappen {).oßoi), sieht aschgrau aus und ist wie ein
Wespennest durchbohrt (de corde). Die eingeatmete liUft strömt
(a. a. 0.) nach den Lungen, um das Herz zu kühlen, nach de morbo s.
geht der feinste Teil des jrvei/ja durch Mund und Nase nach Gehirn,
Leib und Lunge und von dieser durch die Adern zum Herzen.
Das Herz (de corde) ist pyramidenförmig, dunkelrot und von
einem glatten Häutchen umgeben; in diesem befindet sich etwas urin-
ähnliche Flüssigkeit, um des Schutzes willen und um den Brand zu
löschen. Das Herz schlappt das in die Lunge geleitete Getränk auf
und nährt sich davon. Der kräftige Muskel hat in einer Umhüllung
2 Kammern, der rechte kommuniziert mit dem linken. Der linke ist
geräumiger und schlaffer als der andere, lässt die Spitze fest und er-
scheint aussen aufgenäht. Die Herzgrube ist mörserähnlich geformt.
Die Herzohren dienen natürlich nicht zum Hören, wie dem schalkhaften
Verfasser fast alle Anatomen späterhin nachgesprochen haben. Die
Kammern sind innen rauh, die linke infolge der einströmenden Luft
mehr als die rechte. In die Herzsubstanz senken sich spinnengewebe-
artige Fäden ein. Die Halbmondklappen schliessen, namentlich links,
so . gut, dass weder Luft, noch Wasser eindringen können. Die linke
Kammer nährt sich von dem feinsten Bestandteile des Blutes der
rechten Kammer. Die Sektion lehrt, dass der linke Ventrikel blut-
leer ist.
Die Vorstellung von den Adern, rpleßeg, ist sehr verschieden je
nach dem Ursprünge der Schriften und grossenteils hypothetisch. Unter
(pXeßeg sind von Haus aus alle Kanäle im Körper zu verstehen, später
die blutführenden Adern, doir^gir] bedeutet zunächst die Luftröhre
und ihre Verästelungen, später die zunächst im Wesentlichen, darauf
ganz luftführenden Adern. Das älteste Stadium, vorhippokratische
und hippokratische Zeit, lässt die Adern im Kopfe entspringen, das
zweite, von Diogenes von Apollonia an (Arist. bist. anim. III 2), von
der Aorta und Hohlvene aus, das dritte ist das unserige. Die zu-
treffendste Beschreibung findet sich de morbo s. Leber und Milz als
Quellen des Blutes entsenden die Hohlvene und die Aorta abdominalis;
diese verzweigen sich nach Brust, Herz, Armen und Händen, Gehirn,
Sinnesoi'ganen und, an Lenden und Nieren vorüberziehend, nach den
Ober- und Unterschenkeln. Am besten bekannt sind die der Oberfläche
nahe kommenden Teile des Adernsystems: Aneurysma der Arteria
subclavia, Intercostalarterien, Carotiden und deren Spaltung in der
„Schläfengegend", die Brustgefässe und deren Verästelungen nach der
Bauchdecke und die Durchgänge durch das Zwerchfell. Im all-
gemeinen ist die rechte Kammer der Speicher des Blutes; sie erhält
auf nicht näher beschriebenen Bahnen das Blut und durch die Lungen-
arterien etwas Luft. Die dem linken Ventrikel innewohnende Wärme
erwärmt das an sich kalte Blut, das nun in die Adern strömt, von
dem hämmernden Herzen vorwärts getrieben. Eine pulsartige Be-
240 Robert Fuchs,
we^ung zeigen auch Aorta (dQTi^Qtrj) und Lungenarterie. ^) Die Knochen
verleihen dem Körper Halt und P'orm, die Nerven (Sehnen ?) Beugung
und die Adern Lebensluft, Nahrung und Bewegung. In de morbo s.
ist das Herz Centralstelle der die Krankheiten ihm kundthuenden
Adern, das Gehirn aber bereits Sitz von Denkvermögen, Gefühl und
Bewegung. Der Gedanke des Kreislaufs findet sich angedeutet de
nat. oss. Die Gerinnung des Blutes ausserhalb des Körpers erfolgt in
der Art, dass sich Fasern (h€<^) bilden.
Der urogenitale Apparat umfasst zunächst die herzförmigen
Nieren, die den Harn filtrieren. Sie ziehen die Flüssigkeit heran.
Die auf beiden Seiten der Blase gelegenen Samenbläschen und die
vasa deferentia werden nur angedeutet. Bei der Erektion wird der
entstehende Hohlraum durch Pneuma und Samen, welche einströmen,
ausgefüllt. Ueber die weiblichen Genitalien erhalten wir eingehende
Schilderungen, welche auf der Tieranatomie beruhen. Das Becken ist
bekannt; es entwickelt sich erst durch das Auseinanderweichen der
Gelenke, zumal der Symphyse, während der Geburt vollständig. Das
Hüftbein ist mit dem grossen Wirbel am Sacrum durch ein knorpeliges
Band verbunden. Vom Sacrum zum grossen Wirbel krümmt sich die
Wirbelsäule nach innen, und dort liegen Blase, Samenblase und Eectum.
Die Urethra ist bei den Weibern kurz und weit. Die Nomenklatur
der einzelnen Geschlechtsteile ist ungemein reichhaltig und schwankend.
Der Uterus heisst infjrgai = Gebärmutter, weil er zweihörnig sein soll.
Der äussere und innere Muttermund und seine Lippen sind bekannt.
aiöua bedeutet Muttermund, introitus vaginae, orificium uteri. Digitale
Untersuchungen der portio vaginalis sind sehr häufig. Die Uterus-
bänder (zparfa oder veCga xd y.aXt<')ueva nayßi = Schösslinge) und die
äusseren Geschlechtsteile werden gleichfalls beschrieben, die Ovarien
hingegen nicht. Die Gefässlehre des Beckens ist sehr mangelhaft.
Die Milch wird durch den aufgetriebenen Uterus aus dem Netze nach
den Brustdrüsen gedrückt.
Ueber das Nervensystem ist bereits das Wichtigste gesagt.
Die dura und die pia mater (ufjnyB) umgeben das nach de morbo s.
in zwei Hälften zerfallende Gehirn; die Hälften sind durch eine da-
zwischen gelegene Haut mit einander verbunden. Sonst erscheint das
Gehirn als eine mit kalter Flüssigkeit gefüllte Drüse. Der vom
gesamten Körper abgesonderte und im Gehirne aufgespeicherte Samen
wird nach den Hoden geleitet. Anatomisch erkannt waren nervus
acusticus, trigeminus, vagus, von den vom umhäuteten Rücken marke
ausgehenden der nervus ulnaris, plexus brachialis, nervus ischiadicus
und andeutungsweise der sympathicus, ferner die Intercostalnerven. Von
Funktionen der Nerven ahnten die Hippokratiker nichts.
Das Auge hat 3 Häute: to levxör' = die weisse Haut, die f^tfiviy^
lemoTega = dünnere Haut und to dgaxvoeid/^g == die spinnengewebeartige
Haut. Vor der Pupille (-/.ÖQr] = Puppe, Öipig = Sehe) liegt die Horn-
haut = zb öiarpaveg, das Durchsichtige. An der 2. Haut unterschied
man ro {.lilav = die farbige Haut, Regenbogenhaut; ihre Grenze mit
') Littrel 209 stellt fest, dass die Hippokratiker den Adern, fUßes, allgemein
einen Pulsschlaof zuschrieben. Die Stellen aus epid. VII und prorrh. II (Littre I
228), wozu de alim. 48 treten kann, sind sein Beweismaterial, ofvyfids ist Puls, aber
aucli krankhafte Pulssteigerung; nnluoe bedeutet letzteres oder Zucken (Ruf. ed.
Daremb. 614 ff.). Wann freilich tfls^ee allgemein „Adern" oder speziell „Blutadern"
bedeutet, ist schwer auszumachen.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen.- 241
dem Weissen hiess „Kranz" = arsrpdvrj. Das Innere ist mit der durch
das Gehirn gelieferten einheitlichen Flüssigkeit, rb vyonv, gefüllt, die
an der Luft gerinnt. Die Linse musste daher, wenn sie überhaupt
erkannt wurde, für ein Gerinnsel angesehen werden. Zwischen Auge
und Gehirn bestehen mehrere Verbindungen, nach .\ristoteles später
3 Röhren in chiastischer Stellung; eine von diesen rp)Jßeg (bei Hero-
philos Tinoni) = Kanälen, Röhren ist auch der für funktionslos an-
gesehene Sehnerv. Die Stoffteilchen begegnen in den Röhren der
Sehflüssigkeit und dringen dann bis ins Gehirn vor, wo sie Gesichts-
eindrücke auslösen.
Vom Ohre kennen die Hippokratiker den steinharten knöchernen
Teil und das spinnengewebeähnliche ganz trockene Trommelfell. Der
Knochen, nicht etwa das weiche Gehirn, erzeugt durch seinen Wider-
hall den Ton. Der Verfasser von de loc. in hom. stellt sich die Um-
gebung der Ohren als leere Hohlräume vor, die den Schall zum Gehirne
leiten. Das Labyrinth war schon von Empedokles entdeckt worden.
Die Nase riecht, indem der Geruch der Stoffe durch das Siebbein
nach dem Gehirne aufsteigt. Der Katarrh hebt durch die Feuchtigkeits-
menge diese Fähigkeit auf.
18. Allgemeine Pathologie.
Die Gottheit, ^) t6 d^elov, als Urheberin der Krankheiten (vovaog,
vöarjfta, rtäO-og) erkannte der Verfasser von de diaeta IV i= de somniis)
an; allein der Meister widerepricht dieser Annahme von einer göttlichen
Einwirkung direkt und indirekt durch die Schrift de aere aq. loc, und
sein Anhänger (de morbo s.) gesellt zu diesem Meinungskampfe oben-
drein Spott und Hohn über die einfältigen Kollegen. Und in der That
sind es durchweg natürliche Einflüsse, die in den hippokratischen
Quellen als Krankenerreger vorschweben, so Lebensgewohnheiten,
namentlich die Diät, Wärme und Kälte (z. B. de hum. 15), Luft und
Wind, Wasser und dessen Ausdünstungen,-) Jahreszeit, Sonne und
Schatten, örtliche Lage, Schlafen und Wachen, Leidenschaften, Gifte
und giftige Tiere, Einflüsse der Gestirne ; Vererbung, Flüsse = xaragooi
im Körper, Zurückhaltung von Ausscheidungsstoften, Alter, Geschlechts-
thätigkeiten, gewaltsame Eingriffe aller Art, plötzliche Veränderungen
von Lebensgewohnheiten, selbst wenn sie an sich schädlich wären.
Blähungen (de flat. ; de nat. oss.). Alle Leiden beruhen darauf, dass
durch die genannten Faktoren eine öuaAoaala, d. i. ein schlechtes
Mischungsverhältnis der 4 Qualitäten (AVarmes. Kaltes, Feuchtes,
Trockenes) in der Weise herbeigeführt wird, dass das eine oder andere
überwiegt. Die tellurischen und cälestischen Einflüsse sind in dem
anthropologischen Meisterwerke de aerv^ aq. loc. geschildert. Warme
Winde erzeugen danach viel Feuchtigkeit und Schleim und daher
Durchfälle, ferner schmächtigen Wuchs und Schwächlichkeit, Neigung
*) XorjariSrjg, 'Aoxctia eXXrjvixij yvrnntetoXoyia etc., ev KiovaxaftiiovTiöXet 1894
S. 213 ff.; Littre VIII p. V; 530ff.: Gal. XVIII, ii 18. — Vgl. Senfelder, Die
hippokratische Lehre v. den Ausscheide, u. Ablagerg. Wien, mediz. Wchschrft. 1896.
-) Ueber Ansteckung und deren Abwehr vgl. Sourlangas, Etüde sur Hippo-
crate, son oeuvre, ses idees sur l'infection et ses moyens antiseptiques, Paris 1894.
Hauptmittel sind das Feuer, Schwefel, duftende Blumen und Salben (Gal. XIV 281).
Vgl. auch Struve, Locus Hippocratis Epidemiorum V dartfovf ytal sxnvovi' olov ro
acbucc expositus, Nordhusae 1760.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 16
242 . • Robert Fuchs.
zur Berauschung, da der Kopf nichts verträgt. Die Frauen neigen
zu Blutungen, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten, die Kinder zu
Krämpfen, Atemnot und Fallsucht, die Männer zu Ruhe, Fieber, nächt-
lichen Pusteln, Hämorrhoiden, Flüssen und Lähmungen. Kalte Winde
erzeugen kräftige und säftearme Menschen mit langsamem Stuhle und
viel Galle oder Schleim.. Die Bewohner solcher Gegenden bekommen
leicht Aderbrüche, Brustfellentzündungen und überhaupt akute Leiden,
doch auch Empyeme, hartnäckige Verstopfung, Augenkrankheiten,
Nasenbluten, schwere Epilepsiezufälle. Die Frauen sind meist spärlich
menstruiert und gebären schwer, Abortus ist selten; sie können nicht
stillen und neigen zu Phthisis und Krämpfen. Kinder bekommen
Scrotalhydrops und werden spät geschlechtsreif Stehendes Wasser
macht schleimig und heiser, die Milz schwillt bei seinem Genüsse, und
Schmächtigkeit des Wuchses und Hydrops ist die Folge. x4.m besten
ist das Regenwasser, doch muss es abgekocht und durchgeseiht werden.
Blasen- und Nierensteine, Harnstrenge, Ischias und Hernien entstehen
durch den Genuss verschiedenartigen Wassers. Knaben leiden mehr
darunter als Mädchen, denn bei letzteren ist die Harnröhre kurz und
weit. Nicht minder von Einfluss sind auch die Jahreszeiten und
Klimaverhältnisse. In Asien z. B. ist alles schöner und grösser als in
Europa, denn dort sind Kälte und Wärme temperiert. Allüberall
spricht sich die Frühlingsstimmung aus, und es ist kein Feld vorhanden
für Männlichkeit, Sorge, Mühsal. Hierauf wird an den skythischen
Stämmen der Einfluss der klimatischen Verhältnisse und der Lebens-
gewohnheiten gezeigt (Erzielung der Makrokephalie in Asien; Er-
zeugung der rätselhaften sexuellen Neurasthenie, die ,,vovoog ^ijleia"
genannt wird, u. s. w.). Die örtlichen Verhältnisse sind für die ende-
mischen [knr/ßQia voaiji-iaTa), die Veränderungen von Jahreszeit und
Luft für die epidemischen Krankheiten (y.oiva oder ndyxoiva v.) verant-
wortlich zu machen. Letzterenfalls ist die Fortsetzung der gewohnten
Lebensweise und verminderte Nahrungszufuhr und somit Atmung zu
empfehlen.
Die Störung des Gleichgewichtes der Säfte zeigt sich darin, dass
entweder der kalte Schleim Fieberfrost oder die heisse Galle Fieber-
hitze erzeugt, indem sie das Blut durch ihr Eindringen in der Tempe-
ratur beeinflussen. Das Uebergewicht des Schleims begünstigt die
Entstehung von 7 Katarrhen, nach Ohren, Augen, Nase, Leib, Gurgel
und Lunge, Rückenmark und Hüften. Variationen finden sich de
carne 16 und de loc. in hom. 10 ff. Eine weitere Folge der Ent-
mischung ist die Entzündung mit der Eiterung; denn der Eiter ist
verdorbenes Blut oder geschmolzenes Fleisch. Die Ablagerungen sind
einfach oder metastatisch und kongestiv; sie stecken in einer Tasche
{Xircüv) und sind, besonders an den Gelenken und am Darme, als Nieder-
schlag der Fieber zu betrachten.
19. Allgemeine Diagnose, Prognose und Therapie.
Die subjektiven Symptome hervorzuheben, erscheint den Patienten
als Hauptaufgabe ; die des Arztes ist es darum, unter Berücksichtigung
jener die objektiven Symptome durch Untersuchung zu erforschen und
im Schlussverfahren zur Geltung zu bringen. Es heisst darum de off.
med. 1 : „(Man lerne) zuerst das Aehnliche oder Unähnliche (gegenüber
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen, 243
dem Zustande der Gesundheit) kennen.^) (Man gehe dabei aus) von
den wichtigsten, von den am leichtesten (erkennbaren Erscheinungen),
von den (Erscheinungen), welche auf jede Weise . . . erkannt werden.
Was zu sehen, zu fühlen und zu hören ist. Was durch das Gesicht,
das Gefühl, das Gehör, die Nase, die Zunge und den Verstand wahr-
genommen werden kann; was mit allen denjenigen (Mitteln), mit
welchen wir erkennen können, erkennbar ist." -) Die Benutzung des
Geschmackssinns, z. B. um zu erkennen, ob der Ohrenschmalz süss
oder bitter sei (epid. VI 5, 12), reizte die Komiker dazu an, die Askle-
piaden „Kotkoster", Äongocpayoi, zu nennen, prorrh. II 3 werden als
Mittel zur Diagnose hervorgehoben Verstand, Augen, Befühlen des
Bauches und der Adern, die Nase bei der Behandlung Fiebernder, die
Ohren, um auf Stimme und Atmung zu lauschen. Die Kranken visite
erfolge früh am Morgen, denn da sind Patient wie Arzt am frischesten
und am wenigsten beeinflusst. Dann rauss der Arzt zunächst den
Körper betrachten; denn im Gymnasion hat er sich ja den klaren
Blick für gesunde Körper erworben. Hierauf sehe er nach Aufstossen
und Blähungen, Stuhl, Atmung, Schweiss, Lagerung, Urin und dessen
Bodensatz u. s. w. Der Puls {arpvy/ii6^; TiaÄuög, nalia) war zwar be-
kannt, diente aber nur dann als Merkmal, wenn er stürmisch ging.
Das gilt auch von Hippokrates, wennschon in dessen echten Schriften
der Puls überhaupt nicht angeführt wird. Der normale Puls wurde
nicht beachtet. Die Temperatur wurde mit der Hand auf der Brust
gemessen. Die Symptome, welche für die Diagnose wertvoll sind, ge-
hören auch zur Vorhersage des Ausgangs, de hum. 4 werden als
solche Merkmale weiter angeführt: Durst. Nasenbluten, Daliegen wie
ein Toter, Trockenheit, Widerstandskraft gegen Collaps, Atmungs-
störungen, Schwellung des Oberbauches, Kälte der Extremitäten, Augen,
Farbe, Pulsschlag, Zittern, Verhärtung von Haut, Sehnen, Gliedern,
Stimme, Denkvermögen, Haare, Nägel, Geruch der Haut, des Mundes,
der Ohren u. s. w., Thränen, Traumbilder, Gehör, Teilnahme für Mit-
teilungen, Geduld, Uterussekrete, Nasensekrete, Augenbutter; auch der
Crocydismus wurde dabei berücksichtigt. Probeweise dürfen nach de
arte auch Abführmittel und anstrengende Läufe zur Diagnose heran-
gezogen werden. Auf anatomische Erfahrungen gegründete Diagnosen
finden sich epid. V 21 und VII 121 (sardonisches Gelächter, weil das
Eisen des Katapultengeschosses im Zwerchfell stecken geblieben war).
Die Perkussion wird zwar nicht erwähnt, aber die Härte und Grösse
von Leber, Milz und Lunge Hess sich ohne Perkussion schwerlich er-
mitteln. Hingegen wird die Auskultation *) gebührend gewürdigt und
durch Schütteln {jcaoäaeiojtia) des Thorax des Kranken unterstützt.
Die Schüttelung bewirkt als therapeutischer Eingriff den Durchbruch
des Eiters nach den Bronchien, als diagnostischer erzeugt sie bestimmte
Geräusche {ipörpog), indem der Eiter angeblich gegen die Brustwandung
schlägt, da ja zwischen den beiden Pleurablättern ein Hohlraum vor-
handen sein sollte. Eiteransammlungen in den Sehnen und Knoten,
^) Küchenmeister, Die physik. Diagnostik des H. in Bez. auf die Krankh.
der Kespirationsorg'. u. d. Milz. Schmidt's Jahrbb. der in- u. ausländ, gesammt.
Medic. CXLIV 1869 S. 97; Nebel, Commentatio in Hippocratis doctrinam semioticam
de spasmis et convulsionibus, Marburgi 1791.
^) Fuchs III 71.
') Philipp. Littre's Ausgabe d. H. u. die akiist. Explorationsmethoden b. d,
Hippokratikem. Deutsche Klinik 1855.
16*
244 Robert Fuchs.
in der Bauchhöhle sind durch Schütteln nicht wahrzunehmen (de morb.
I 17), wohl aber solche in der Pleura. Das Vorhandensein blassgelber
Schleimmassen in der Lunge verrät sich durch ein Kehlgeräusch beim
Atmen (de loc. in hom. 16). Eiterherde (Empyeme), die noch nicht
nach oben durchgebrochen sind, rufen beim Schütteln in der Weiche
ein Geräusch hervor wie bei einem Schlauche (14). Eine Beschreibung
therapeutischer Succussion, um dem Eiter durchzuhelfen, wird de morb.
II 47 nach der knidischen Lehre geliefert; III 16 wird das Anlegen
des Ohres an die Brustwand und der schnarchende Ton des in der
Brust zurückgehaltenen Eiters erwähnt. Bei Lungenwassersucht hört
man bei längerem Aufhorchen kleinblasige Rasselgeräusche, ähnlich
dem Sieden und Zischen des Essigs. Bei dem von den Knidiern
fingierten „Auffallen der Lunge auf die Seite" vernimmt man ein
Knirschen wie von einem Lederriemen, also pleuritische Reibungs-
geräusche. ^) Ferner wird besonders geachtet auf Farbe, Geruch, Kon-
sistenz des Erbrochenen, des Stuhles und Harns; des letzteren Boden-
satz ist wichtig als Vorbedeutung (progn.).
Die Wichtigkeit der Prognose^) betont der Hippokratiker, ge-
treu der Weisung des Meisters, im progn. 1: „Es scheint mir am
besten zu sein, dass sich der Arzt in dem Voraussehen des Krankheits-
ausgangs Uebung erwirbt ; denn wenn er bei seinen Patienten vorher-
erkennt und vorhersagt den gegenwärtigen Stand, das Vorausgegangene
und das künftig Geschehende, ferner das, was die Patienten beim Be-
richte über ihren Krankheitszustand weglassen, so wird man festes
Zutrauen zu ihm haben." Die Bestätigung, dass dieses im Sinne des
Hippokrates gesprochen sei, giebt dieser selbst epid. I 2, 2 Kap. 11:
„Man muss das vor der Krankheit Gelegene angeben, den gegen-
wärtigen Stand erkennen, die Prognose voraussagen. Das hat man zu
üben. Bezüglich der Krankheiten hat man sich auf zweierlei einzuüben :
zu nützen oder (wenigstens) nicht zu schaden." Der letzte
Satz ist der erhabenste in der Therapie, von tiefem sittlichen Ernste
und markiger Form : cocpelslv rj (.lij ßXäTtxBLv. Die prognostischen Mittel
decken sich mit den diagnostischen. Von guter Vorbedeutung sind
z. B.: guter Ernährungsstand, gute Mischung der Säfte {svy.o(xoLa\ be-
stimmte Farben, ruhiger Schlaf, behagliche Lagerung, klare Besinnung,
starker Schweiss, zumal an den kritischen Tagen, Beweglichkeit, heitere
Stimmung. Ungünstig sind die gegenteiligen Symptome, ausserdem
z. B. Zähneknirschen, Flockenlesen, rohe und wilde Schimpfworte und
Gesten, Otfenstehenlassen von Mund und Augen, unnatürliche Lage mit
gespreizten Beinen und Hinabrutschen, starke Hitze, plötzliche Ver-
änderungen, Schlaflosigkeit, Durchfälle, Appetitlosigkeit. Am gefähr-
lichsten und, wenn nicht in 24 Stunden die Ursachen beseitigt werden
können, tötlich ist die sog. „facies Hippocratica", progn. 2 : „eine spitze
Nase, hohle Augen, eingefallene Schläfen, kalte und zusammengezogene
Ohren, abstehende Ohrläppchen, eine harte, straffe und trockne Stirn-
haut, eine gelbe, schwarze oder bleiche Färbung des ganzen Gesichts".
Bei den Augen ist bedenklich: Lichtscheu, unwillkürliches Thränen,
Verdrehung, Verkleinerung, Rötung oder Gelbwerden des Augapfels,
schwarze Aederchen, Augenbutter, Verzerrung, Verschwollensein, Glanz-
1) Littre VII Iff.; X 28; Philipp, Deutsche Klinik 1855 Nr. 2.
-) Ermerius, Specimen historico-medicura de Hippocratis doctriaa a proguostice
oriunda, Luard. Bat. 1832.
r
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 245
losigkeit, stierer Blick, Offenstehen. Anzeichen der Lebensgefahr sind
u. a. auch fahle Verfärbung des Gesichts, schlaffes Herunterhängen
der kalten Lippen, Bauchlage, Delirien, Petechien und Hautausschläge
mit lividem Hofe, kalter Atem, kalte Schweisse, schmerzhaft auf-
getriebener Oberbauch, übelriechender Eiter, Hydrops nach akuten
Krankheiten, Kaltwerden, Erbleichung von Händen und Nägeln, kon-
trahierte Genitalien, fortwährender Stuhlgang u. s. w. Folgeerschei-
nungen und Vorläufer des Todes werden de morb. I 3 ff. zusammen-
gestellt. Derselbe Eingriff kann je nach dem Zeitpunkte Eettung und
Verderben bringen (6). doch stellt sich Gutes und Böses zufällig ein,
und auch das überlegte Handeln des Arztes kann zugleich gute und
schlimme Nebenfolgen haben (7f).
Der vornehmste Heilfaktor ist die Natur ^) selbst: vovawv rpvaug
iTjTQoi =: ,,Die Naturen sind der Krankheiten Aerzte" (epid. VI 5, 1).
Dann heisst es weiter: „Die Natur findet von selbst die Bahnen, nicht
infolge von Ueberlegung . . . Die Natur ist ohne Unterricht ge-
blieben und hat nichts gelenit und thut trotzdem ihre Schuldigkeit."
de alim. 39 bekräftigt ebenfalls: „Die Naturen sind in allem ohne
Lehrmeister." Die menschliche cpiaig ist die im Körper enthaltene
natürliche Widerstandskraft gegen krankhafte Einflüsse. Bei den
heftigsten Krankheiten, den akuten, ist der Widerstand der Natur
am deutlichsten ausgeprägt. Die eingepflanzte Körperwärme sucht
die flüssigen Krankheitsstoffe zu bewältigen, indem sie sie um-
wandelt und austreibt. Aus dem Zustande des Eoh- oder ünge-
kochtseins (dTteipia) leitet die rpiaig durch die ihr zu Gebote stehende
Wärme die Säfte über in den Zustand der Kochung oder des Reif-
seins {Ttexpig) und zwingt sie zum Entscheidrngskampfe in der Krisis
(ycQioig) oder der milderen Lösung (Ivoig). Das klarste Beispiel sind
die Stufen des Nasen- oder Rachenkatarrhs. Bei örtlichen akuten
Krankheiten muss man die örtlichen, bei Fiebern die allgemeinen Krisen
aufmerksam verfolgen. Die Krisis zeigt sich durch vermehrte Aus-
scheidungen, Ablagerungen (änöoiaütg) und Metastasen (Uebergang
einer Fieberform in die andere) und vielfach Delirien an. Zu diesen
Veränderungen, die über Leben und Tod entscheiden, eignen sich die
nach der pythagoreischen Zahlentheorie berechneten kritischen Tage vor
allen übrigen. Die echte Krisenlehre findet sich epid. I 26; danach
entscheiden sich Fieber mit an einem geraden Tage auftretender
Exacerbation am 4., 6., 8., 10., 14., 20., 24.. 30., 40.. 60., 80. und 120.
Tage, andernfalls am 3., 5., 7., 9., 11.. 17., 21., 27. und 31. Tage. Bei
Nichteinhaltung dieser Tage deutet die Krisis auf Rückfall oder Tod.
Nach progn. 37 führt am 4. Tage ein gutartiges Fieber zur Krisis,
ein bösartiges zum Tode. Dann folgt Periode 2 vom 4. — 7., 3 vom
7.-11., 4 vom 11.— 14., 5 vom 14.— 17., 6 vom 17.— 20. Tage. Das
sind also Viertagsperioden mit Abschluss am 20. Tage. Doch warnt
der Hippokratiker, sich dabei auf ganze Tage versteifen zu w-ollen, da
ja nicht einmal das Jahr nach solchen zu berechnen sei. Etwas ab-
weichend und bis zu 7 Jahren erweitert ist das System von de sept.
partu 9; eine Spielerei mit Zahlen liegt de carne 19 vor. ^) Daher
1) Hahn, Die Naturheilkraft des H., Berl. 1870.
2) Borden, Oeuvres completes de B. Par . . . Kicherand, A Paris 1818, 1209 ff.
(Recherches sur les crises); Grüner, Semiotice, Halis 1775, deutsch: Jena 1793;
Traube, Deutsche Klinik 1852 Nr. 15.
246 Eobert Fuchs.
besteht des ohnmächtigen Menschen Werk nicht in der Meisterung,
sondern in der Unterstützung der Natur, der zum Trotz man die Be-
handlung unheilbarer Leiden nicht übernehmen soll, schon nicht, um
nicht falsche Hoffnungen zu erwecken und die Heilkunde herabzusetzen
(de arte; de artic. rep. 58; progn. 1; de morb. mul. I 71). Wo aber
Heilung möglich ist, soll man den Kranken kräftig machen, ungünstige
Vorgänge verhüten oder mildern und zu jedem unterstützenden Ein-
griffe den rechten Zeitpunkt (xaigög) heraussuchen. Denn dieser ist
rasch enteilt (aph. I 1), und nur auf ihn ist das stolze Wort anwendbar:
„Was Arzneien nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt,
heilt das Feuer, was das Feuer nicht heilt, das muss man als unheilbar
betrachten." Greift man aber ein, so kommt es vor allem darauf an,
den Patienten seine Gewohnheiten möglichst genau einhalten zu lassen.
Die Therapie,^) deren Leitsatz oben bereits erwähnt wurde,
ist auch bei den Hippokratikern eine ungemein reiche. Jeder plötzliche
Umschwung ist gefahrvoll (aph. II 50; de diaeta in ac). ,,Die starke
und plötzliche Entleerung oder Anfüllung, Erwärmung oder Erkältung
ist gefährlich ; denn jedes Viel ist der Natur feindlich. Das Allmähliche
hingegen ist gefahrlos, sowohl sonst, als auch dann besonders, wenn man
sich von dem einen zum andern wendet"' (aph. II 51); „Wenn man alles
nach Gebühr thut und die Ereignisse nicht nach Gebühr eintreten, soll
man nicht zu etwas anderem übergehen, sondern bei dem von Anfang an
Beliebten verbleiben" (52). Man muss also planvoll, konsequent und
dabei mild vorgehen, das, was entleert werden soll, entleeren und alle
äusseren und persönlichen Umstände berücksichtigen (1 2). Bei äussersten
Leiden soll man äusserste Mittel mit Umsicht anwenden (6) und auf
dem Höhepunkte der Krankheit leichte Diät anordnen (4 ff.). Das be-
kannte alte Verfahren ist dem unbekannten neuen vorzuziehen (de
fract. 1). Die Allopathen und Homöopathen haben sich vielfach auf
Hippokrates bezogen, um ihren Standpunkt zu rechtfertigen (s. bei mir
aph., z. B. I 78 A. 22). Jedenfalls ist der Satz „contraria contrariis"
im Hippokratescorpus für manche Bedingungen klar ausgesprochen,
jedoch ist er erst viel später im Streite der Meinungen über Gebühr
ausgebeutet worden. In der authentischen Fassung ist er unanfecht-
bar, z. B. aph. II 22: „Alle durch Ueberfüllung kommenden Krank-
heiten heilt die Entleerung" -) und umgekehrt oder de flat. 1 in der
Gegenüberstellung: Hunger — Essen, Durst — Trinken, Ermüdung —
Ruhe oder aph. V 19: „Was erkältet ist, muss man erwärmen." Auch
der Hippokratiker von epid. VI 2, 1 ist dieser verständigen Ansicht:
„Nebenableiten; nachdem man nachgegeben hat, sich sogleich entgegen-
stemmen; nachdem man sich widersetzt hat, nachgeben." Doch soll
man auch gelegentlich das Gleiche thun, z. B. einen Saft, der
schon von selbst geht, im Weggehen unterstützen ; den einen Schmerz
durch den anderen aufheben (man denke an Ischias und Brennen,
epid. V 7), Oeffnen des unteren Ausweges, wenn das in Bewegung Ge-
ratene nach oben drängt, und umgekehrt. Der verallgemeinerte Satz,
dass das Entgegengesetzte des Entgegengesetzten Arznei sei und die
Medizin bloss ein Zusetzen und Wegnehmen^) sei, entspricht so recht
^) Senfelder, Die hippokratische Psychro- und Thermotherapie. Wien. klin.
Eundschau XI 1897.
^) van Cooth, Diatribe in diaeteticam veterum etc., Trajecti ad Ehenum 1835.
^) Vgl. Grüner, Commentarius ad locum Hippocratis: Medicina est additio et
detractio, lenae 1800.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 247
dem Sophisten von de flat. Vielmehr muss der Arzt die individuellen
Zustände berücksichtigen und die Diät nach den Stadien der Krank-
heit gestalten, sodass die Widerstandskraft stets der Schwere des
Leidens gewachsen ist. Während der az«i) (Höhepunkt) des Leidens
ist im allgemeinen, wie gesagt, Nahrungsverminderung ^) angezeigt,
doch ist jedes Zuviel und jedes Zuwenig bei dem einzelnen gleich ge-
fährlich, wie de diaeta in ac. eingehend nachweist. Bei Fiebern z. B.
ist flüssige Nahrung anzuraten, ebenso bei Wunden. Die Stärke der
Getreidenahrung, meist Gerste, wird verringert durch Abkochen, Seihen,
Rösten und Wasserverdünnung zu Gerstenschleim und blossem Gersten-
und Mehlwasser. Ferner kommt in Anwendung Wein in verschiedenen
Marken und Verschnittarten, Essighonig, Honigaufguss (^lelUgarov)
sowie die cJui) Ivaig = „rohe Lösung", d. i. Gerstenwelgen von frischer
Gerste oder irgendwelchem Getreidemehle, Hirsen- und Weizentrank
und der y.v/.H6v = Mischtrank, d. i. Gerstengraupen mit Wasser und
nach Befinden Käse, Wein, ]\Iilch, Salz, Zwiebeln, Kräutern. Die
Knidier hingegen verordneten schematisch die Milch- und Molkenkur,
häufig in unbegreiflichen Mengen. Dazu kommen die anderen diäte-
tischen und gymnastischen Mittel, wie Leibesübungen, Spaziergänge,
Meeresfahrten, Holzsägen, Stimmübungen, Erzeugung von Fettleibig-
keit durch starke Märsche und Uebungen mit allmählicher Nahrungs-
entziehung und dann planmässiger Steigerung. Selbst der Rausch ist
mitunter heilsam. Eine sorgfältige Würdigung der Wirkungen der
einzelnen Lebensmittel wird in den vortrefflichen Vorschriften de diaeta
II geboten. Es Averden da abgehandelt: die Getreide- und Gemüse-
arten, als Bohnen, Erbsen, Kicherplatterbsen, Hirse, Linsen, Erven,
Leinsamen, Salbeisamen, Lupinen, Rauke, Gurke, Sesam, Echter Saflor,
Mohn (9); Knoblauch, Zwiebel, Porree, Rettig, Orientalische Kresse
(•/.doda^iov), Senf, Senfkohl, Koriander, Lattich, Anis, Petersilie, Basilien-
kraut, Gartenraute u. s. w. (18), die Obstsorten (19) ; die Fleischspeisen,
als unsere Fleischsorten, Esel-, Hunde-, Fuchs- und Igelfleisch, Geflügel
und besonders Fische, z. B. Drachenkopf, Drachenfisch, Rauher Stern-
seher, Knurrhahn, Schattenfisch, Barsch, Klippfisch, Meergrundel. Kaul-
kopf, Rochen, Steinbutte, Aesche, Pfriemfisch, Aal und andere Meeres-
gerichte: Polypen, Tintenfische, Muscheln und Schnecken, Seeigel,
Krabben, Krebse; endlich die übrigen gewöhnlichen Speisen, Eier,
Käse. Ebenso werden die in der Inhaltsangabe oben aufgezählten
hygienischen Massnahmen, so Baden, Salben, Massage, Schlaf, Schaukeln
u. s. w., durchgesprochen.
Der Aderlass-) wurde nicht eben häufig vorgenommen, in den
zahlreichen Fällen von epid. III nur einmal bei Pneumonie. Der aph.
I 23 kann mit der Bemerkung, dass man „es", falls der Patient Wider-
stand leisten kann, bis zum Eintritte der Ohnmacht treiben soll, auf
den Aderlass gehen, der auch V 31 erwähnt wird, wenngleich dort
vor dem Aderöffnen bei Schwangeren wegen des dann drohenden
Abortus gewarnt wird. Der unechte Anhang von de diaeta in ac. 4
') Marcus e, Die Diät d. Hippokratiker in ac. Krankh. Wien, mediz. Blatt.
1899 Nr. 11; Diätetik im Alterthum, Stuttg. 1899.
2) Bauer, Geschichte der Aderlässe, München 1870; Chambers, Bloodletting
in old time. British and foreign medical Review XXII; Edinburgh medical Journal
1895 January; Landsberg, Janus N. F. I 1851 S. 161 if.; II 1853 S. 89ff.; Mal-
gaigne, Revue med.-chirurg. de Paris IX 1851 S. 153; 182; Mezler, Versuch
einer Gesch. des A., Ulm 1793; Preuss, Wien. klin. Wchschr. 1895 S. 608 if. u. a.
248 Robert Fuchs.
rät wiederum Aderlass an bei Entzündungen der Oberbaucligegend unter
Absperrung des Pneuma, Spannung des Zwerchfells u. s. w., und zwar
als hauptsächlichstes Mittel. Die Knidier wandten Aderlass vielfach an,
bei Venen und Arterien, an Arm, Fuss, Kniekehle, Zunge u. dgl. und
trieben sie jedesmal so weit, wie möglich, je nach dem Kräftestande (ngog
övfa/.iiv ; de morb. mul. I 77 u. ö.). Nahrungsaufnahme und Erwärmung
durch Bewegung vor dem Aderöffnen ward vermutlich nur chronisch
Erkrankten zugemutet. Vor dem Schneiden muss man die Venen mit
Binden festhalten, damit die Haut- und Venenwunde korrespondiere
(de med. 8). Nach dem Abzapfen und Abnehmen des Verbandes muss
man, wenn das Blut nicht steht, den Körperteil, Arm oder Bein, so
lagern, dass das Blut zurückströmt, und so einen Verband anlegen,
ohne dass der Schnitt durch ein Gerinnsel verstopft wird (de vuln. et
ulc. 26). Das Messer sei krumm und nicht zu schmal (de med. 7).
Jahreszeit, Konstitution, Alter und Farbe des Blutes entscheiden mit
über die abzuzapfende Menge. Prophylaktische Aderlässe erfolgen im
Frühjahre.
Der Schröpfkopf \) (oixva), den die CTriechen sicher nicht erst
fremden Völkern zu entlehnen bi'auchten, ist uns durch zahlreiche auf-
gefundene Exemplare bekannt geworden (Museum zu Bukarest, Athen,
London). Er bestand aus Hörn, Glas, Bronze oder einem Flaschen-
kürbisende (Orib. ed. Buss. et Dar. II 60 ff.). Solche mit schmaler
Peripherie und weitem Bauche ziehen aus der Tiefe herbei, solche mit
breiter Ansatzstelle wirken mehr auf die Oberfläche (de med. 7). Das
Schröpfen wird vielfach mit dem Scarifizieren verbunden (7); auch
werdisn nach Bedarf mehrere Schröpfköpfe gesetzt (epid. V 8), z. B.
unter und auf den Brüsten.
Abgesehen von dem Abführen, über das unter „Pharmakologie"
gehandelt werden wird, sind dieses im wesentlichen die allgemeinen
Heilfaktoren der hippokratischen Medizin.
20. Aeussere Heilmittel, Pharmakologie.
1. ßurggraeve, Etudes sur H. au point de vue dosimetrique, 2. Aufl.,
Paris 1893. — 2. I>ierbach, Die Arzneimittellehre des H., Heidelberg 1824. —
5. Lucas, Materia medica Hippocratica, Specimen inavgurale, Halae 1815. —
4. Maudnitz, Materia medica Hijypocratis, Dresdae 1843. — 5. Seidenschnur,
De Hippocratis methodo alvum purgandi, diss., Lips. 1843.
Die allem Anscheine nach koische Schrift de liq. usu zählt die
äusseren Mittel und ihre Anwendung in Form kurzer Notizen auf.
Es werden da in hervorragender Weise herangezogen: Trinkwasser
für Genuss, Befeuchten, Erwärmen und Abkühlen, als Schwamm-
auflage auf die Augen, für Güsse und Bähungen, als schweisstreibendes
Mittel, zum Spülen, Ausspritzen der Nase und Lindern des Schmerzes;
Meerwasser gegen Pruritus, zu Bädern,^) bei reinen Wunden, zum
Zusammenziehen von Geschwülsten, gegen Geschwüre (ebenso Salz,
Salzlake, Soda); Essig zu Güssen und Bähungen, bei Wunden und
Verstopfung der Adern durch Gerinnsel, Schwarzfärbung der Genitalien,
^) KcovßT. AafiTi^öf, tieqI atyivcHv yeal aixvaascos Tiapa rols a^x^tois, A^^vrjat 1895;
Fuchs' Besprechg. in Rev. crit., Wchschr. f. klass. Philol., Deutsche Medizinal-Ztg.
1895; Landsberg, Janus N. F. 11 1853 8. 94 ff.; Orib. II 781 mit Anm.; Welcker,
Kleine Schriften III, Bonn 1850 S. 215 ff.
2) Hiller, Die Hydrother. des H., Diss., Freiburg i. B. 1892.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 249
Hitze an Ohren und Zähnen, Liehen, Lepra, Vitiligo. Warzen, Ohren-
schmalzhäufung; Salzessiglösung, Essighefe desgl.; Wein in unzähligen
Sorten bei Verwundungen, als Deckmittel bei Arzneien, bei Güssen,
Zusammenziehung, zum Anfeuchten der wollenen Binden, zum Sättigen
von Runkelrüben- und Epheublättern, zur Mischung mit Brombeeren,
Sumach, Salbei und Mehl ; Oel und Fette, auch Mönchsrobbenthi-an zu
denselben Zwecken wie heute. Allgemein und örtlich wurden Dampf-,
Sand-, Sonnenbäder, Umschläge, z B. Hirse und Salz in Wollsäckchen,
Blasen und Schläuche mit Wasserfüllung, Auflegen von Töpfererde
u. dgl. verschrieben.
In den koischen Schriften ist die Zahl der Medikamente eine
spärliche; die meisten, wohl gegen 300, werden in den knidischen
Büchern de morb. mul. und de nat. mul. verordnet. Unter den Erd-
arten sind am wichtigsten : Töpfererde, Samische, Eretrische. Kimolische
und Weisse Erde und Röthel; unter den Salzen die Soole, die „trocknet"
und ,,warm macht", die Soda (Utqov oder virgov) und der Alaun, der
von der Insel Melos ^= Milo oder aus Aegypten kommt, besonders
bei bösartigen Geschwüren, u. a. des Uterus, nützlich ist, die Konzeption
begünstigt und Zahnfleischschwellungen vertreibt. Unter den übrigen
mineralischen Stoffen erfreuten sich besonderen Rufes: der Schwefel,
vor allem zu Uterusräucherungen und -Bestreichungen verwendbar
und gern mit Gänsefett gebunden; irgend eine mit iiolv^daiva be-
zeichnete Bleiverbindung, z. B. bei Herpes und Flechten; Bleiglätte
und Bleiweiss desgl.; Asphalt zu Räucherungen der weiblichen Ge-
schlechtsteile ; Magneteisenstein verhindert beim Weibe das Ausströmen
des männlichen Samens; Blei, Kupfer und Zinn zur Herstellung von
Instrumenten, z. B, Sonden, Blei zum Einlegen in die Nase nach
Polypenoperationen, zur Erweiterung verengter Genitalien in Röhren-
form, als Pessar; Mennige als Suppressionsmittel, geröstetes Kupfer,
Kupferblüte und Kupferschuppen u. dgl. bei Augenleiden, als Adstrin-
gentien und Aetzmittel; die noch nicht gedeutete Chalkitis, Chalkitis-
alaun (= Kupfervitriol ?) und das unbekannte Misy bei Anschwellungen,
Entzündungen, Geschwüren als Adstringentia; Ofenbruch {anoöög),
Gold- und Silberglätte, ChrysokoUa zu mannigfaltigen Zwecken. Leicht
abführend wirken vegetabilische Arzneien der verschiedensten Art,
z. B. die Runkelrübe, Kohl, Melone, Sauerampfer, teils für sich, teils
gemischt, z. B. mit Essighonig, teils ganz, teils als Absud oder Auszug.
Frische Milch und Molken, besonders von der Eselin, in grosser Menge
genommen, wirken ähnlich. Rettigsaft\(fft(>ji/a/ft) führt schon zu den
kräftigeren Purgativen hinüber. Am wertvollsten ist entschieden, auch
als Brechmittel, der WJßogog i,u('lag) = die Schwarze oder Orientalische
Nieswurz, deren Gefährlichkeit wegen Unbekanntseins der Maximal-
gabe bereits die Vorgänger des Ktesias bestimmt hatte, die Kranken
zunächst zum Testamentmachen anzuhalten. Dass der unvorsichtige
Gebrauch auch bei den Hippokratikern viele Todesfälle zur Folge
hatte, beweist L i 1 1 r e durch zahlreiche Beispiele (V 199 ff.). Er wurde
aber auch von vorsichtigen Hippokratikern in der auguaia und mit
Essighonig verdünnt gegeben. Mit der Nieswurz ward gern „das
Sesamartige", eine unbekannte Samenart, zur Steigerung der Brech-
wirkung gemischt. Wolfsmilcharten, besonders Meerstrandswolfsmilch
{neTtUg = ninhov) und Gartenwolfsmilch (/rsTrAog), liefern einen Saft,
der von Kot und Winden befreit. Abführend wirkt auch Eselsgurken-
saft, dessen Bezeichnung, tlarrjQiov, auch gemeinhin jedes Purgativum
250 Robert Fuchs.
bezeichnet zu haben scheint. Die ..Knidischen Kerne" {xoxxol Kviöwi)
= Seidelbastbeeren wurden auf Kos so gut gebraucht wie in Knidos.
Die geschälten Kerne werden in grosser Zahl, 30 oder mehr, in Honig,
Wein und Pfeifer gereicht. Koloquinthe, Smyrnäischer Dosten {vamoTiog)
und Saubrot dienen als kräftige Vomitiva. Thapsiawurzel, mit Oel
und Honig gekocht, treibt Galle aus, der Saft bewirkt Erbrechen.
Als antispastisch wirkend, d. i. den Schleim von dem Gehirne weg-
ziehend, sind erwähnt Nies-, Kau-, Leckmittel (Latwergen) und Gurgel-
wässer (yagyaQiauaza). Urintreibend sind zunächst die Getränke mit
Essig, Honig, See- und Salzlake, nach Bedarf mit Bingelkraut-, Man-
gold-, Klee-, Seifenkraut-, Knoblauch-, Zwiebel-, Sellerie-, Petersilien-,
Meerzwiebelsaft und „Kantharidenauszug" (sicher nicht „Spanische
Fliege", vielleicht Chrysomela oleracea oder cerealis). Schweisstreibende
arzneiliche Mittel begegnen nicht. Menstruationsbefördernd sollen eine
grosse Anzahl Mittel sein, von den unschuldigen bis zu den lebens-
gefährlichen hinauf. Sowohl für diesen Zweck, als überhaupt für
gynäkologische Zwecke sind brauchbar: Osterluzei (doimoloxia = am
besten für die Lochien), Mutterzäpfchen aus Thapsia- und Saubrot-
wurzel, Beifuss, Eberraute, Wermuth, Aethiopischer Kreuzkümmel,
Zürgelbaum- und Cypressenschabsel, Gichtrose, Mutterkorn, Beruf-
kraut, Mutterharz, Sagapenum u. a. Erweichend, namentlich in der
Gynäkologie, ist die Wirkung von Butter, Oelen, Salben aller möglichen
duftenden Pflanzen (Schwertlilie, Mandel, Lilie, Safran), Fett von
Hammeln, Schweinen, Rindern, Ziegen, Hirschen, Gänsen und Robben
u. a. m. Von narkotischen Mitteln begegnen //tjxwv/ov V7tvwrr/.6v =
f.ir]'/.iovoQ onög, d. i. Mohnsaft, einmal, Nachtschatten, Bilsenkraut,
Alraun (bei Krämpfen eingenommen, sonst als Pessar), Schierling.
Lucas erwähnt zum Schlüsse noch das Aphrodisiacum Bibergeil und
Silphion (eine Art Narthex), das die Stelle unserer Asa foetida völlig
vertrat; es wurde in jedweder Form angewandt. Aromatische Mittel
sind: Koriander, (Meer-)Fenchel, Anis, Dill, Liebstöckel (? aioeli),
Myrrhenkraut, Morisons Nussdolde, Rosmarin, Haarstrang, Kretische
Augenwurzel, Minze, Polei, Dosten, Basilienkraut, Saturei, Bohnenkraut,
Bittermandelöl, Zimmet, Cassienrinde, (Card)amomum, Baldrian, Kalmus,
Weihrauch, Myrrhe. Stärkende Nahrung geben ab Färberröte und
Aegyptische Saubohne = Indische Seerose.
Es blieben nunmehr bloss noch die sog. Wundermittel zu er-
wähnen, abergläubische Phantasiemittel, und die Dreckapotheke. Zu
der ersten Gruppe gehört das Trinken von in Wein ersäuften See-
polypen, das Einnehmen von Raupen, Larven, Otterhaut, Buprestis,
Hasenhaaren. Bei der letzteren Gruppe ist unrühmlicherweise vertreten:
Fuchs-, Gänse- oder Habichtskot als Emmenagogum; Frauenmilch,
besonders von der Mutter eines Knaben, um zu erkennen, ob eine
Frau konzipieren wird (de steril. 2).
SpezieUe Pathologie und Therapie.
21. Fieber, Darmleiden, Respirations- und Gefässl<ranl<heiten, Krank-
heiten der Harn- und Geschiechtswerkzeuge und des Nervensystems.
„Hitzige" {öB,vq) und „langwierige" (xguviog), d. h. nach unserem
Sprachgebrauche akute und chronische Krankheiten, werden im Corpus
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 251
vielerorten erwähnt, ebenso findet sich der Gegensatz epidemischer
bezw. endemischer und sporadisch ( (T/rooad/jv) auftretender Krankheiten.
Am klarsten tritt diese in de morb. II. III, de äff., de äff. int. minder
deutliche Einteilung') hervor de diaeta in ac. 5: ,,Akute Krankheiten
sind die, welche die Alten Brustfellentzündung (7rÄ.€VQlTig), Lungen-
entzündung {neQLTtvtvuovLa), Phrenitis und Brennfieber {xavoog) genannt
haben, nicht minder alle anderen diesen Krankheiten zunächststehenden,
bei welchen die Fieber im allgemeinen anhaltende sind. Wenn näm-
lich nicht irgend eine pestähnliche (d. i. seuchenartige) Krankheitsart
im Volke auftritt, die Krankheitsfälle vielmehr vereinzelt vorkommen,
so sterben an diesen Krankheiten auch viel mehr Leute als an allen
anderen Krankheiten zusammengenommen."' Ein wirkliches System
der deskriptiven Pathologie findet sich leider in keiner Schrift, sondern
höchstens Ansätze bald dieser, bald jener Art, nach äusserlichen Merk-
malen aufgebaut, z. B. den Körperteilen vom Kopfe zum Fusse her-
unter folgend.
Die zahlreichen Fieber-) zunächst beruhen auf Veränderung des
Gleichgewichts der 4 Qualitäten, und diese wird hervorgerufen durch
Trinkwasser oder miasmatische Ausdünstungen. Das Wesen des Fiebers
beruht in der gewaltigen Steigerung der dem Körper angeborenen
Wärme (Phys. et med. Graeci min. ed. Ideler I 82; Rose. Anecd. II
226, 208). Man halte sich bei Betrachtung dieser endemischen Malaria-
fieber stets vor Augen, dass es sich nicht um Tj'pen unseres ge-
mässigten, sondern um eigene Typen des subtropischen Klimas handelt,
deren Eigenart bei dem Darniederliegen der historischen und allge-
meinen Medizin im heutigen Griechenland überhaupt noch nicht ge-
nügend durchschaut ist! Es finden sich folgende Typen: diufr^ueQivog
nvQETÖg = Eintagsfieber = Quotidiana, rgnalog n. = Tertiana, retag-
ralog n. = Quartana und Tquirgnaiog n. = Halbdreitagsfieber. D n d. n.
führt Piaton (Tim. 86 A) auf die Luft zurück, was auf dem Corpus
oder Philistion beruhen könnte. Der xo. und r. n. ist durch Schleim
und Galle verschuldet (de afi". 18), nach Piaton (a. a. 0.) durch Aus-
dünstungen des Wassers. Der x. tt. tritt namentlich im Herbste bei
Leuten von mehr als 30 Jahren auf (aph. II 25: de hebd. 28; Littre
II 182; VIII 652) und überdauert nicht ein Jahr (epid. VI 6, 11;
Stelle unsicher). Im Urine zeigen sich zuvor schwarze Wolken (Coac.
571). Nach Piaton (a. a. 0.) soll die Erde an dem Leiden schuld sein.
Der Hemitritaeus ist die Duplikation einer Tertiana und einer Quotidiana.
Haben die Fieber keinen bestimmten Tj^pus, so sind sie entweder
avvoxoL oder awexelg, d. i. anhaltend, oder nlävrizeg, d. i. erratisch.
Gvvoyfii werden bloss de nat. hom. 16 erwähnt, doch darf man hieraus
keineswegs mit Fredrich^^) schliessen, dass schon in jener Zeit die
avvextlg, wie bei den Pneumatikern, als etwas anderes gedacht wurden
als die ovvoxoi; die kleinen Abweichungen beruhen auf dem ver-
schiedenen allgemeinen Standpunkte der Verfasser, nicht auf der
Pyretologie selbst. Der rinlalog 7t. ist nach dem Alpdämon genannt
und bezeichnet den Fieberfrost (giyoiivgerog Phrynich. Bekk. p. 42. 1;
Etymol. magn. 434, 5; Eustath. zu II. 561, 6 ff.; zu Od. 1687, 53), die
^) S. z. B. auch de morb. I 3.
*) Conradi, Ueber die von H. geschilderten Fieber u. s. w., Göttingen 1844
Littre II 530ff.
^) Hippokratische Untersuchungen 25 A. 1.
252 Robert Fuchs.
febi'is algida, ein durch Schleim verändertes Brennfieber (de liebd. 25).
Späte, aber auch schon für die Hippokratiker zutreffende Definitionen
giebt Archig-enes ^) und Pseudosoränos. -) Der -mdoog = Brennfieber ^)
ist 1. jedes Fieber mit grosser Hitze (vgl. das ardent fever der Tropen),
2. febris remitteus oder pseudocontinua der subtropischen Länder, mit
dem Hauptmerkmale „innerliche Hitze bei äusserlicher Kälte" (de morb.
I 29 ff.; Fuchs I 101 A. 54; 437 A. 9; II 99 A. 5); Ursache ist die
Galle, eine gewöhnliche Begleiterscheinung Lungenentzündung. Der
XijO^agyog (sc. Ttugerög) ist nicht Lethargie schlechthin, sondern jedes,
vermutlich pseudokontinuierliche, Fieber mit Somnolenz (aph. III 30
= bei mir I 90 A. 30; Coac. 136 = II 19 f. A. 136; II 454 A. 88;
Littre V 584 ff.). Die leinvQia = doujdrjg it. (Fieber mit Ekel und
Brechreiz) ist im Corpus nicht eindeutig erklärt; es ist aber soviel zu
entnehmen, dass es nach dem Fastigium sofort stark abfiel (Littre
X 668; Fuchs II 17 A. 117; 417 A. 15; Eose, Anecd. gr. et graecol.
II 260 § 115). Phrenitis, wörtlich Zwerchfellkrankheit, ist die un-
unterbrochene Störung des Denkvermögens bei heftigem kontinuierenden
oder remittierenden Fieber (Gal. XVI 492 ff.). Mit Influenza identisch
oder ihr nahekommend ist die epidemische Phthisis auf Thasos: epid.
III 3, 13. Als Diphtheritis und ähnliche mit Komplikationen auf-
tretende akute Leiden glaubte Littre die Perinthische Hustenepidemie
(Fuchs II 280 A. 106) ansprechen zu sollen ; jedoch deuten mancherlei
Umstände auch auf die Grippe hin (epid. VI 7, 1; 7, 10; IV 52 f.).
Grosse Aehnlichkeit mit Unterleibstyphus und biliösem Typhoid haben
die Fälle aph. VI 42; epid. III 3, 13. Patient; de morb. 11 41; de äff.
int. 27 ff. Epidemische Parotitiden mit Metastase auf die Hoden finden
sich erwähnt prorrh. I 153 ff. ; 158 ff.; epid. I 2. Als symptomatische
Fiebereinteilung sind Bezeichnungen aufzufassen, wie it. tzvamöc, =
starkes F., xhagög = lauwarmes, nsQrmrjg = brennendes, xvrjoimüdrjc:
= juckendes, hyywörjs = Schluchzfieber, tvfpwörig nicht typhöses
Fieber, sondern als Sammelname aufzufassen (die näheren Bestimmungen
s. Fuchs II 528 A. 68). Die Behandlung wurde oben angedeutet.
Anzufügen wäre nur noch, dass die Hippokratiker im Gegensatze zu
Galenos den Genuss von Wasser den Fiebernden verboten.
Von örtlichen Leiden werden häufig genannt: voi-iai = Noma,
Wasserkrebs (epid. V 4; VII 113; prorrh. II 13; Fuchs I 509 A. 28);
Skorbut u. ä. (de äff. int. 46 „blutiger Ileus"; mit Milzschwellung
prorrh. II 36); „Aphthen" bei Kindern und Schwangeren (aph. III 24
= Soor; gynäk. Schriften); Zäpfchen- und Mandelentzündung (de morb.
II 29 f.); Dysenterie, Lienterie, Tenesmus, Diarrhöe (de nat. hom. 7;
Coac. 453 ff.). Nach heftigen Diarrhöen wird gern der Urin verhalten ;
eine Wendung zum Guten ist zu erwarten, wenn die auf den Bauch
gebrachte Hand keine peristaltischen Bewegungen mehr wahrnimmt
und Blähungen abgehen (prorrh. II 22 f.). Die Darmwandschabsel bei
Dysenterie und Durchfälle verschwinden durch Brech- und Niesmittel,
Diät (Milch, Schleimharze, Oel), Güsse über den Unterleib u. dgl.
Ileus, durch verhärtete Kotmassen den Darm verschliessend, wird durch
Einblasen von Luft in den Anus gehoben (de äff. 21 ; de morb. III 14).
^) Wellmann, Die pneumatische Schule bis auf A., S. 167.
*) Rose, Anecd. graeca et graecolat. II 261 § 121.
') G 1 a s s , De febribus ad Hipp, accomm., Laus. 1788 ; K ä h 1 e r , De causo veterum
commentatio, Regimontii Prussorum 1834 ; Lange, De causo vet., diss., Berol. 1836;
Littre II 538: X p. LVL
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 253
Als Symptome werden sehr oft i^enannt Geschwulst des Hypochondriiims,
Milz- und Leberschwellungen mit Folgekrankheiten, wie Icterus,
Hydrops, Marasmus, Nasenbluten. Das Brennen mit Buchsbaumspindeln,
die in siedendes Oel getaucht werden, mit dem Glüheisen oder dem
Lampendochte schafft Linderung (de morb. int. 28 vgl. m. 18; 25).
„Empyeme" der Unterleibshöhle werden nicht durch Succussion, son-
dern durch Auflegen feuchter, in charakteristischer Weise trocknender
Töpfererde (de morb. I 17) erkannt.
Die Atmungsorgane werden von Katarrh, Geschwüren.
Schwellungen und Entzündungen, Polypen. Angina (jede Verengerung
des Larynx), chronischer Larjmgitis, Lungen- und Brustfellentzündung,
Blutspeieu, Blutung (auch Bluterbrechen) und Phthisis heimgesucht.
5 Nasenpolypenoperationen werden de morb. II 33 ff. beschrieben. Mit
Hilfe einer Zinnröhre werden 4 um ein Schwammstückchen befestigte
Fäden in die Nase eingetührt, ein Geissfuss wird unter das „Zäpfchen"
(= Polyp) gelegt und nun Faden, Schwamm und Polyp durch den
Mund entfernt. Charpie mit Kupferblüte, die in Honig gebunden ist,
oder Bestreichen der Stelle mit Honig vermittelst einer Bleisoude u. ä.
bringen Rettung.^) Die Unterabteilungen der Anginen = Halsentzün-
dungen (de morb. II 26 ff.) sind künstlich ersonnen und gelten bloss
für die Anhänger der knidischen Lehre. Die Behandlung besteht, da
Blutstockungen im Halse vorliegen sollen, in Aderlass, Abführen, Nies-
mitteln und Diät. Die Lungenentzündung {[rregijrtvevinovia) wird mit
der nkevolTig mehrfach zusammengeworfen, de loc. in hom. 14 besagt:
„Wenn sich der Fluss nach der Brust wendet und es Galle ist, so ... .
befällt die Weiche und das auf der Seite der Weiche gelegene Schlüssel-
bein Schmerz, es stellt sich Fieber ein, die Zunge wird oben gelblich,
und der Kranke hat einen zusammengeballten Auswurf. . . . Wenn
beide Seiten schmerzen, ... so ist dieses Lungenentzündung, jenes
Brustfellentzündung". Der Fluss zieht sich, um die Entstehung mit
zu berühren, vom Kopfe nach den Bronchien und der Lunge, und diese
schwillt infolge des Feuchtigkeitsgehalts an. Der Schleimfluss führt
nun zur Vereiterung, „Empyem", und der Eiter wird entweder aus-
geworfen oder lagert sich als Herd in der Lunge oder Brusthöhle ab.
Nach der knidischen Lehre von de morb. int. 3 ff. sind Blut und salziger
Schleim, die von der Lunge herbeigezogen werden, die Erreger von
eiternden Tumoren {(pv^iara) in der Lunge. Die schaumigen Oedem-
massen werden mit Spinnengeweben verglichen (de morb. int. 3 ff.).
Hauptcriterium ist das Aussehen der Zunge (epid. VII 6; 14 f.; 17;
23). Pleuritis -) ist auch eine Folge des Auffallens der geschwollenen
Lunge auf die Seite (Coac. 395). Freilich ist Pleuritis nicht nur
Brustfellentzündung, sondern Fieber mit Seitenstechen, gewöhnlich
leichtere Fälle. Sie tritt auf nach Traumen und Lungeneiterung;
die Prognose richtet sich nach dem Auswurfe, falls nicht Durchbruch
nach aussen eintritt. Die Therapie bei Pneumonie und Pleuritis ist
ähnlich, warme Bäder und Güsse, warme Umschläge, Einölen, Diät.
Chirurgische Eingriffe sollen erst nach dem 7. Tage erfolgen: Ein-
') Lurje, Stud. ü. Chirurgie der Hippokratiker, Dorpat 1890 S. 71.
*) von Leyden, Berl. klin. Wchschr. 1889 Nr. 29 wird bezüglich der Aspiration
der Pleuraexsudate widerlegt von Lurje a. a. 0. 78: Wolff, Die Gesch. der PI. mit
bes. Berücks. d. Ther. u. d. Probepuuction. Allg. medic. Central-Ztg. 1900 S. 277 ff.
Verna, Morborum acutorum pleuritis juxta Hippocratis mentem, Yenet. 1713.
254 Robert Fuchs.
schneiden nahe dem Zwerchfelle, Brennen^) am Rücken, allmähliches
Abzapfen des Eiters, Leinwand drainage. Ebenso helfen Niesmittel,
Eingiessen scharfer ßeizmittel in die Lunge (d. i. Luftröhre), Husten
erregende Mittel, fette und salzige Speisen, herber Wein. Das Lungen-
erysipel (de morb. int. 7 u. a.) ist unser Alpenstechen. Die Aus-
trocknung der Lunge wird als Ursache angesehen. Die Phthisis be-
greift alles, was auf Schwund zurückgeführt wurde, namentlich die
Darre (/nagaoinög) und die Auszehrung (cp-O-örj, cp^ioig). Die Lungen-
phthisis ist eitriger oder knotiger (cpiina) Natur, auch die Folge von
Blutspeien, verursacht durch den Schleimkatarrh. Die Beschreibung
ist treffend (de morb. II 48 f.; epid. III 5; aph. V llff; Coac. 426 ff.).
Die Therapie gleicht der bei Lungenentzündung. Von der Uebertrag-
barkeit der phthisis pulmonum sprechen zuerst Isokrätes (Aegin. 14)
und Aristoteles (s. H ä s e r Ig 174). Das Herz, dessen Hämmern (ocpvy/nög)
nur bei Krankheiten beachtet wurde, aber nicht als sonderlich gefähr-
lich galt, ist angeblich vor allen Gebresten immun (Fuchs I 427 A. 17).
Kardialgie bedeutet nicht etwa „Herzweh", sondern „Weh am Magen-
munde".
Das Steinleiden war so verbreitet, dass sich nach dem iusi. die
Aerzte verpflichten mussten, das niedrige Geschäft den Lithotomen zu
überlassen, wie heute noch in Griechenland epeirotische Bader das
Geschäft besorgen. Eine andere Auslegung der Stelle ist durchaus
unstatthaft, mag auch aph. VI 18 jede Verletzung der Blase für töt-
lich erklären. Das Leiden entsteht durch den Genuss verschieden-
artigen Wassers (de aere aq. loc. 12 f.). Kinder bekommen Lithiasis
durch die Amme (de morb. IV 24). 4 Nierenleiden kennen die Knidier
(de morb. int. 14 ff.). Danach bewirken Schleim und Galle, besonders
im Sommer, Nierenentzündung, akute und chronische Nieren abscesse,
die auch Folgen des Steinleidens sein können, mit Durchbruch des
Eiters nach Blase, Bauchhöhle oder Darm (aph. VII 36). Ist eine
Geschwulst erkennbar, so ist in der Richtung der Niere einzuschneiden
und der Eiter abzulassen ; ausserdem reiche man urintreibende Mittel.
Die akute Cystitis der Knaben und Greise gilt für schwer heilbar (aph.
VI 6; Fuchs I 121 A. 6). ipioga (Krätze) oder /JrtQa der Blase be-
deuten chronischen Blasenkatarrh. Bei jeder Verschwärung (ß?,xwoig)
der Blase geht kleienartiger Bodensatz unter Schmerzen mit ab und
riecht der Urin nach Ammoniak (de nat. hom. 15 ; aph. IV 75 ff.). Der
den Indern bereits bekannt gewesene Diabetes mellitus ist den Hippo-
kratikern noch fremd. An den männlichen Geschlechtsorganen be-
obachteten die Koer und Knidier folgende Krankheiten : metastatische
Hoden geschwulst bei Fieber (epid. II 2, 7), bei Husten, also wohl
Hernien (II 1, 6 ff.), Hydrocele und Varicen der Hoden (de aere aq.
loc. 12 ff.), Geschwüre und Feigwarzen (t9ü«/a), d. i. spitze Kondylome,
am Präputium (de vuln. et ulc. 14 = Fuchs III 292 A. 43 ; ebda, das
Rezept: Matiicaria parthenium L.) und möglicherweise Tripper (aph.
VII 57).
Von den Nervenleiden wurde die Phrenitis schon abgethan.
Auch bei diesen Krankheiten ist der Schleimfluss aus dem Gehirne
die Ursache, und sie wollen nicht weichen, weil die „trocknen" Nerven
die Feuchtigkeit nicht ertragen mögen (de loc. in hom. 4). Daher
^)Moldenhawer, De varia iTstionem adhibendi ratione apud Hippccratem,
Berol. 1818.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 255
erklärt sich die Bösartigkeit der Apoplexie und Paraplegie, der Spasmen
und Konvulsionen, ^) des Tetanus und Opisthotonus, der Eückenmarks-
darre, des Hüftwehs, -j des Rheumatismus ^l und der bloss örtlich ver-
schiedenen Gichtarten. Auch die Atrophie infolge von Lähmung ist
bekannt. Der in de morbo s. verhöhnte Aberglaube bezüglich der
,heiligen Krankheit', Lrdr^iLnpia oder hg^ vovoog. hat lediglich kultur-
historisches Interesse. „Schuld ... ist das Gehirn" (6), die schleimige
Konstitution der Frucht wie des lebenden Individuums. Der Schleim
sperrt den Adern die Luft ab. und so entsteht Stimmverlust, Ohnmacht,
Krampf der Hände, Augenverdrehung u. s. w. Bei Kindern ist Heilung
selten möglich, bei Erwachsenen unter Umständen durch die Behand-
lung zu erhoifen. Sie besteht in trocken machender Diät.
22. Wunden, Geschwulste, Hernien, Hämorrhoiden, Fisteln, Parasiten,
kachektische Zustände, Hautleiden.
„Wenn bei einem Blase, Gehirn, Herz, Zwerchfell, Dünndann,
Magen oder Leber verwundet ist, so ist es tötlich'', lehrt aph. VI 18
(vgl. 24), und Gehirn, Rückenmark, Magen und eine zu Blutfluss
neigende Ader fügt de morb. I 3 hinzu ; bei Verletzung dicker Sehnen
und der Muskelköpfe erfolgt unheilbare Lähmung. Penetrierende
Brustwunden sind wegen des Einströmens von Luft fast stets tötlich.
Vorschriften für die Behandlung sind nach de vuln. et nie. : Venneidung
der Anfeuchtung, ausgenommen mit Wein, und des Verbandes, be-
schränkte Nahrungsaufnahme, Herbeiführung raschen Eiterns, Aus-
trocknung, Blutenlassen der Wunde, wenn nötig, nach vorheriger Er-
weiterung und Einschneidung der Ränder, Aufschläge auf die LTm-
gebung und, nach Verharschung, auf die Wunde selbst. Abführen. Kap.
11 ff. bringen das Rezeptformular für alle Wundarten und verordnen
u. a. Wollkraut. Asphaltklee, Feigen- und Olivenblätter, Andorn,
Keuschlamm, Malve, Raute, Leinsamen, Färberwaid, Linsen, Olivenöl,
Fette, Harze, Mehlbrei, Honig, Rindsgalle, Weihrauch und Myrrhe,
Essig, Alaun, Kupferblüte, Kupfervitriol, Ofenbruch, Bleiglätte, Grün-
span, Soda, Realgar, Auripigment und das sog. „schwarze Wuudmittel"
(a. a. 0. 12). „Hernien^) {Qrj^ig, später x?;ÄrJ ... in der Schamgegend
sind meistenteils für den Augenblick ungeiährlich. Brüche ein wenig
oberhalb des Nabels und auif der rechten Seite sind schmerzhaft und
verursachen Unruhe und Koterbrechen ... Sie entstehen . . . durch
einen Schlag oder eine Zerdehnung oder durch den Sprung eines anderen
auf den Leib" (epid. II 1, 9). Hämorrhoiden (de haemorrh.) ent-
stehen durch Festsetzung von Galle oder Schleim in den Blutadern
am After, Erhitzung und Anschoppung des herbeigezogenen Blutes und
Geschwulstbildung. Die Operation besteht im Ausbrennen mit 7 — 8
Stück 22 cm langen Sonden, deren Ende umgebogen ist und eine
Abplattung, viel kleiner als ein silbernes 20-Pf-Stück, trägt, und zwar
muss man alle Knoten völlig wegbrennen. Der Patient soll gehalten
^) Nebel, Commeutatio in Hippocratis doctrinam semioticam de spasrais et
convulsionibus, Marburg-i 1791.
*) Landsberg, Ueb. d. hippokratische Behandig. der Ischias. Janus N. F. I.
*) Saalmann, Descriptio rheumatismi acuti etc., Monasterii 1789.
*) Albert, Beiträge z. Gesch. d. Chir. 2. Heft, Wien 1878: „Die Hemiologie
d. Alten"; Gyergyai berichtigt Sprengel bei Eohlfs, Deutsch. Archiv f. Gesch. d.
Medic. u. med. Geogr. III 1880 S. 321 ff.
256 Robert Fuchs.
werden und schreien, damit die blassen, weinbeerkernähnlichen Knoten
hervorspringen. Dann wird Linsen- oder Ervenbrei, später ein mit
Honig bestrichener Schwamm eingeführt und durcli Bauchbinde fixiert,
mindestens 20 Tage lang; Nahrung: Mehlbrei, Hirse, Kleienabsud,
Wasser. Man kann auch die güldene Ader wegschneiden und Adstrin-
gentien auflegen oder bei der Untersuchung dem Ahnungslosen die
Knoten mit dem Finger abreissen. Weit oben sitzende „Feigwarzen"
= Mastdarmpolypen sucht man mit dem Spiegel (xaroTtTijg) auf. Schutz
gegen Verbrennen beim Einführen des Eisens gewährt ein Metallrohr.
Als trockene Haut fällt der Knoten ab, wenn man ihn mit Zäpfchen
aus Myrrhe, Galläpfeln, Alaun, Schusterschwärze u. s. w. beizt oder
eine Durchnähung {dvaQfjdntnv) vornimmt. Fisteln am After ent-
stehen durch Quetschung und Geschwulst, Rudern und Reiten, weil
dadurch das Blut in die Weichteile getrieben wird, fault und eine
Höhle bildet. Man hat die Geschwulst sofort zu öffnen, ehe der Fistel-
gang zum After vorgerückt ist. Die Tiefe der Fistel wird mit einem
Knoblauchstengel gemessen. Der durch Fasten und Liebstöckel-
auszug (?) vorbereitete Patient wird in Bauchlage gebracht, dann
zieht man, nach der Speculumuntersuchung, mit Hilfe des Knoblauch-
Stengels und eines Fadens eine mit Thalwolfsmilchsaft und Kupfer-
blüte gesättigte Linnenwieke von aussen nach dem After hin ein.
Die eingepasste Wieke wird durch einen Hornzapfen festgehalten,
nachdem der Anus mit Walkererde eingerieben ist. Arii 6. Tage ätzt
man mit Alaun- und Myrrhen Zäpfchen. Aehnlich ist die Behandlung
mit Flachsfäden, Schwamm, Bleistäben. Auch Spülungen mit Aetz-
mitteln, die in eine Blase mit Federkielmündung gefüllt werden, sind
rätlich. Der vorgefallene After wird mit einem Schneckenbreie be-
strichen, während der Patient an den Füssen aufgehängt ist. Andere
Mittel, die durch Zapfen und Gurte fixiert werden, sind in de fist. be-
schrieben. Von Parasiten begegnen : Bandwürmer {ek/mvO-eg TilaTtlai),
als deren Glieder die sonst irrtümlich für ihre Jungen gehaltenen
gurkenkernähnlichen Entleerungen zu gelten haben (de morb. IV 23) ;
Spulwürmer (e. aiQoyyvlai = rund), Springvvürmer (do/.aQldec\ de morb.
mul. II 78 = Fuchs III 570 A. 146). Kachektische Zustände
sind zunächst: der Kropf (yoyyQwvrj), die Skrofeln {xoiqdg = Ferkel-
geschwulst), die Krebse (aniQQog harter K., xag-Atvog oder y.aQxlpiofia ==
offener K., /.gv/tTog x. = tiefliegender Krebs, d/.QÖ!ca0^og /.. = Ober-
flächencarcinom). Öcculte Carcinome dürfen nicht exstirpiert werden,
weil das stets baldigen Tod zur Folge hat. Die Wassersucht,
vögcüip, vdeoog, entsteht durch vieles Trinken Die Lunge entsendet
von dem Getränküberschusse nach der Brust, es entsteht Hitze, und
das Fett schmilzt (de morb. int. 23). Andere Ursachen sind Ge-
schwülste in der Lunge = Hydatiden ; Schleimüberfluss {levxov (pUyj.ia
= weisser Schleim; de äff. 22); Hämorrhagie (epid. VI 4, 9); Milz-
und Leberleiden, Ruhr und Lienterie (de äff. 22). vögwip und vöegog
sind meist Ascites, o'iöi]i.ia und vöq. vTtooaQy.iÖLog = Anasarka, cpläyf-ia
Xsvy.öv = Oedem, Anasarka, allgemeine schleimige Kakochymie, viel-
leicht auch Hautemphysem; vdo. ^r^gög = Trommelsucht (aph. IV 11;
bei mir I 93 A. 11; Littre IV 415 ff.). Succussion und Auflegen von
Thonerde als diagnostische Mittel sind schon besprochen. Das Heil-
verfahren besteht in abführenden, trocknenden Arzneien, Uebungen,
Spaziergängen, Paracentese (a. a. Ö.). Bei Schenkelödem und Scrotal-
hydrops werden die entsprechenden Adern geöffnet (de morb. int. 23
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 257
Schluss). Ueber die Hauterkraiikungen, Geschwüre und Geschwülste
zu sprechen, ist bei der Reichhaltigkeit der Terminologie, der Arm-
seligkeit der Forschungsergebnisse und dem Wortreichtum der streiten-
den Parteien nicht rätlich. Gruppen und Deutungen haben folgende
Spezialisten, allerdings unter steten Vorbehalten, versucht: Bären-
sprung, Die Hautkrankheiten, Erlangen 1859; Idzerda, Specimen
medicum inaugurale continens doctrinam de morbis cutaneis secundum
Hippocratem, Gronningae 1836; Janovsky, Beiträge z. Gesch. der
Dermatologie I bei Rohlfs (s. Anm. 4) VIII 1885 S. 60 ff. Doch darf
soviel als ausgemacht gelten, dass die Hippokratiker 1. ffv/nara = „Ge-
wachsenes", d. i. „alle auf oder unter der Haut entwickelten Beulen
oder Geschwülste, die allmählich in Eiterung übergehen", und darunter
phlegmonöse Abscesse {(pvyed-la), 2. Iotvol = IottoL = Schuppen
{Xijtqa, Xeiyriv, TtiTVQiaaig), 3. s^avd-riuara kh/MÖsa == nässende Aus-
schläge, u. a. Wachsgeschwülste, Favus oder Kopfgrind {xrjQiov), im-
petiginöse Ekzeme (? axcog) und pustulöse und vesiculöse Ausschläge
(cpXvATaiva, cp),vKzaivig, rpiv^dxiov, ipvögdKiov) unterschieden haben.
Zudem sind glaubhaft aufgewiesen Anthrax, €Q7rr]g ia&i6j.ievog =
fressende Geschwüre einschliesslich Herpes, ipd)Qa = chronische exsu-
dative Dermatosen, Vitiligo {&lfp6(;, lev-Kv, ?). ^) Nach den Ursachen
scheidet Idzerda mit Recht: Verunstaltungen, idiopathische Haut-
veränderungen und Ablagerungen {dtTTÖaiaoig); seine Feststellungen
von Purpura, Miliaria und Erythem sind gleichfalls unwidersprochen
geblieben.
22. Chirurgie, Frakturen, Luxationen, Muskelschäden und Amputation.
t. Genga, Erläut. der Chirurg. Lehrsätze des H. Aus d. Ital. von Hunczoicsky,
Wien 1777. — 2. von Gesscher, Die Wundarzneykunst des H. Aus d. Holland.,
Hildburgh. 1795. — 3. Guerhois, La chir. d'Hippocrate extraite de ses aphorismes
etc., Paris 1836. — 4. K-ühlewein, Die chir. Schriften des H., Jahresh. ü. d. Kgl.
Klosterschule zu llfeld Ostern 1898, Kordhaus. 1898. — 5. lAttre III 338 ff.; IV
Iff. — 6. Lurje, Studien iL Chir. der Hippokratiker, Dorpat 1890. — 7. Mal-
gaigne, Eecherches historiques et pratiques sur les appareils employes dans le traite-
ment des fractures en general depuis Hippocrate etc., Paris 1841. — 8. Petrequin,
Chirurgie d'Hippocrate, 2 Bb., Paris 1877 ; Vues nouvelles sur la chir. d'Hipp.,
Anvers 1864; ßulletin de therapie 1864.
Auf die hochentwickelte Chirurgie der Hippokratiker, die aus
jahrhundertelanger Arbeit die staunenerregende Summe zieht, ist
schon öfter ein Streiflicht gefallen, so in den Abschnitten über ärzt-
liche Werkstätten und über Therapie. Es wird daher genügen, nach
G u r 1 1 s -) vollständiger und zutreffender Vorlage hier die Instrumente
jener Zeit zusammenzustellen, deren Verwendung ja keine andere sein
konnte als in heutiger Zeit. Die Sonde, i^ioxög (auch Wundeinlage
von Zinn oder Charpie) oder jUtJA?;, gdßöog, bestand aus Zinn, Blei oder
Kupfer und war glatt oder gebogen, solid oder hohl, auch mit Knopf,
Spatel (vTtdlsiTtTQov) oder Oelir (reiQr^/^ievrj, ^ir]lioT[Q]ig) versehen. Sie
wurde bei Fisteln durch einen Knoblauchstengel ersetzt. Das Messer
(af-ulrj) erscheint als Lanzette oder Bistouri {f.iaxaiQig, /naxaiQiov), als
Konvexbistouri (arr^d-oeidr^g u.) oder Spitzbistouri (d^vßelrjg i-i.). Das
7iami]Qiov oder Glüheisen, auch aidiJQia = Eisenstäbchen benannt,
^) So Bärensprung und Janovsky.
®) Gesch. d. Chir. u. ihrer Ausübung u. s. w., Berl. 1898,
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 1 •
258 Robert Fuchs.
wird durch Holzspindeln, die in siedendes Oel getaucht sind, und
durch Lampendocht manchmal wirksam ersetzt. Zum Schaben dient
das Easpatorium, ^vottiq. Schädelbohrungen werden mit dem xQvjtavov
= Perforationsbohrer oder jvqIiov xagavirög == Sägetrepan (Krontrepan ?)
vorgenommen. Als Kanülen finden sich ovQiyyeg und avliGxoi erwähnt.
Der Mastdarmspiegel (;mro7izi]Q) ist bei Hämorrhoiden und Fisteln un-
entbehrlich. Bei Polypen legt man den Geissfuss {xr]li]) unter. Zum
Schröpfen nimmt man gl-avui, zum Einblasen von Luft und zum Ein-
spritzen Blase und Federkiel {^vatig und titeqöv). Die Zahnzange
{ööovTccyQcx) und die Zäpfchenzange {oTacpvMyqa) werden als bekannt
vorausgesetzt. ^)
Die Knochenbrüche, ayfxoi, werden in de fract. meisterhaft ab-
gehandelt. Die Einrichtung muss in natürlicher Haltung erfolgen und
kann durch Pronation und Supination unterstützt werden. Schwierig
wird die an sich leichte Behandlung lediglich durch den Unverstand
der Aerzte; der Laie übertrifft sie an Einsicht, denn er bietet das
verletzte Glied von selbst in der richtigen Lage dar. Die „akademische
Pose'" (Petrequin II 104) ist nicht die uns geläufige, also Supination
des herabhängenden Armes, sondern die rechtwinklige Beugung in
Mittellage zwischen Pronation und Supination. Da diese Grundlage
vor Petrequin unbekannt war, sind nur dessen Erläuterungen
brauchbar. An den oberen Extremitäten ist der Bruch der Speiche
leichter zu heilen als der der Elle, weil eine massige Streckung aus-
reicht. Die Einrichtung erfolgt mit den Ballen, dann trägt man etwas
Wachssalbe auf, lässt die Hand etwas über Ellenbogenhöhe halten,
bringt den Kopf der Binde auf die Bruchstelle, wickelt 2—3 Touren
nicht zu fest, aber auch nicht zu lose und verteilt die übrigen Lagen
so, dass der Blutzufluss abgeschnitten wird. Die zweite, längere Binde
kommt mit dem Kopfe auf den Bruch, man geht einmal herum und
verteilt die übrigen Lagen nach unten zu, wobei man immer weniger
anzieht und die Abstände weiter nimmt, damit die Binde dahin zurück-
kehre, wo die erste endigt. Ob man links oder rechts herum wickelt,
hängt davon ab, nach welcher Richtung hin die Natur des Bruches
einen kleinen Ausschlag des Verbandes wünschenswert macht. Darauf
kommen mit etwas Wachssalbe bestrichene Kompressen rund um die
Bruchstelle herum und dann wieder Binden abwechselnd nach links
und rechts herum. Eine gleichmässige Höhe soll erst am Ende der
Wickelung erreicht sein. Einige lockere Touren kommen um die Hand-
wurzel. Ob die Binden kunstgerecht liegen, entscheidet die Aussage des
Patienten, dass der Verband anliege, aber nicht drücke. Am nächsten
Tage muss eine kleine weiche Geschwulst an der Hand entstanden sein,
dann muss der Patient das Gefühl allmählicher massiger Lockerung
haben. Am 3. Tage muss der Arzt den Verband erneuern und etwas
mehr anziehen, von der Bruchstelle aus allmählich mehr nachgebend.
Späterhin sind die Binden zu vermehren. Am 7. Tage ist die Ge-
schwulst verschwunden und die Zusammenpressung nötigenfalls sorg-
fältiger vorzunehmen, dann wird wiederum eingebunden und einge-
schient. Immer nach 3 Tagen werden die Schienen etwas fester an-
gebunden. In 30 Tagen etwa ist die Festigung der Bruchstelle
erreicht. Nach jedesmaligem Lösen sind Güsse angezeigt. Die Diät-
vorschriften sind : etwas weniger Nahrung, weiche Zukost, kein Wein,
^) Einige nur in der Geburtshilfe augewandte Instrumente s. daselbst.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 259
kein Fleisch, später, nach etwa 10 Tagen, allmählich kräftigere Kost !
(1. Abschnitt). Nach diesem Muster verfahrt man bei Brüchen des
Oberarms (8) und der unteren Extremitäten (9 ff.). Die Einrichtung
wird je nachdem unterstützt durch den erhöhten Sitz des Verletzten,
durch hebelartige Stöcke mit Kissenbelag, Schemellehnen, weiche Leder-
riemen, die mit Gewichten beschwert sind, mörserkeulenartige Holz-
stäbe, die in eine eingegrabene Eadnabe eingesetzt werden, eiserne
Hebel von der Art der Brecheisen, lederne Ringe, am Bette gestützte
Balken u. s. w., wie das in meiner Ausgabe erläutert und durch
Petrequin in Bildern veranschaulicht ist. Zur Lagerung der Beine
werden Unterlagen und Rinnen (atüXrjv = gouttiere) benutzt, für den
Arm Tragbinden (15 f. ; 22). Der Autor behandelt dann Kap. 24 ff.
die komplizierten Knochenbrüche, bei denen Fleischwunden zu heilen
sind und Knochenzersplitterung und -Abstossung vorliegt. Die Luxa-
tionen werden in de artic. rep. geschildert, zunächst die Verrenkung
und Einrichtung des Schultergelenks mit Hilfe der Hand, der Ferse,
der entgegengestemmten Schulter des Arztes, des mörserkeulenförmigen
Pfahls (vTt€Qov), der Leiter, der ciußr^ oder „Bank" (eines Einrichte-
brettes, an welchem das Glied befestigt wird, weil mit dessen Hilfe
mannigfaltige Hebelwirkungen entfaltet werden können; Kap. 7 vgl.
mit Fuchs III 164 A. 49), des thessalischen Stuhles mit hoher Lehne
oder der Querleiste einer zweiteiligen Thür (7 a). Auf allerlei nütz-
liche Winke folgen die Vorschriften für Einrichtung des luxierten und
gebrochenen Akromion (13 ff.), der luxierten Elle (17 ff.), der Hand
und Finger (26 ff.), des verrenkten oder gebrochenen Unterkiefers
(30 ff.). Im letztgenannten Falle bildet die gestörte Zahnsymmetrie
das Indicium; die Zähne werden nötigenfalls durch Goldfäden oder
Zwirn zusammengebunden. Nasenbrüche und -Quetschungen (35 ff.)
werden durch eine besondere Plastik beseitigt, dann folgen die Be-
schädigung des äusseren Ohrs (40), die Rückgratsverkrümmungen
infolge von Krankheit {(pv^iata = Tuberkeln) und Trauma \) (41 ff.),
der Rippenbruch (49) und die Quetschung des Thorax (50). die Ober-
schenkelluxationen (51 ff.), die verschiedenen Arten der Krummfüssig-
keit (62): -/.vllog oder Qaißög = Knie oder Fuss nach innen, ßlaiuög
= Knie oder Fuss nach aussen. Bleisohlen nach Art chiischer Schuhe,
Halbschuhe (TtrjloTrdttdeg = Lehm treter) oder kretisches Schuhwerk
erleichtern die Heilung. Komplizierte Luxationen, d. i. mit Durch-
bohrung der Weichteile (63 ff.), Lehren über Ablösung ganzer Knochen
(68), über Gangrän, Absetzung (69), Einrichtung von Extremitäten
und allgemeine Vorschriften bilden den Schluss, Gelenkversteifung
{äy-Avltoaig) und „Wieselarmigkeit" {yaXidyy.tov) sind ebenfalls den
Chirurgen geläufig (Littre IV 8ff ; Fuchs II 256 A. 11; III 139 ff.).
Verletzungen des Schädels, dessen genaue anatomische
Beschreibung de cap. vuln. 1 ff. in meisterhafter, bis Petrequin
unvollständig begriffener Weise gegeben wird, sind entweder zu be-
zeichnen als Riss (Fissur) mit Quetschung der Weichteile, Knochen-
quetschung ohne Bruch oder Lageveränderung, Eindrückung, Eindruck
oder Knochenwunde ohne Verlagerung (töga), Kontrafraktur, also
5 Arten, wozu die Komplikationen treten. Es kommt zur Bohrung
') Die Wiederauffrischung' der hippokratischeu Höckerbeseitigung durch Calot
(Heusner, Deutsche mediz. Wchschr. 1897 Nr. 48) habe ich III 128 A. 33 ange-
zogen.
17*
260 Robert Fuchs.
(TCQiaig, Sägen, Trepanation) bei Quetschungen und Brüchen und deren
Komplikationen, seltener bei Eindrückungen. Schwer erkennbare Risse
u. s. w. werden sichtbar, wenn man die Wunde erweitert und läng-
lich gestaltet und den Knochen mit „dem schwarzen Mittel" über-
giesst, vielleicht mit dem von de vuln. et ulc. 12. Die Schläfengegend
darf man nicht anschneiden wegen der sonst auftretenden Krämpfe
ex contrario. Wird der Schaden auch so nicht sichtbar, so muss man
den Schaber (^vot-^q) anwenden. Die Trepanation hat darauf zu er-
folgen, jedoch vor Ablauf von 3 Tagen nach der Verwundung. Sowohl
die blossgelegte Hirnhautstelle, als auch die ganze Wunde müssen,
damit sie nicht fungös werden, rasch ausgetrocknet d. i. zur Ver-
eiterung gebracht werden; dann kommen gesunde Granulationen an-
statt wilden Fleisches zu stände. Nach Besprechung der Prognose
und allerlei Einzelheiten wird (21) die Bohrung selbst also beschrieben:
man bohre nicht gleich bis zur dura mater, lasse vielmehr den Knochen
sich selbst lösen, man ziehe wegen der Erhitzung des Knochens den
Trepan wiederholt heraus und tauche ihn in kaltes Wasser. Hat man
die Behandlung nicht von Anbeginn gehabt, so muss man mit dem
gezähnten Schädelbohrer sofort bis auf die Hirnhaut bohren unter
häufigem Herausziehen und Untersuchen mit der Sonde.
Muskelzerreissungen (Qrjy^ara) oder -Zerrungen {andof-iaTcc)
wurden aus theoretischen Gründen vorausgesetzt bei Brustfellentzün-
dungen (Coac. 376 ; Erm. I p. XXXI). Aederchen werden leicht durch
körperliche Anstrengungen, Schlag u. ä, zerrissen (de morb. I 20).
Zerrungen in den Adern oder Weichteilen haben, wenn sie heftig sind,
Vereiterungen zur Folge; sind sie schwächer, so treten langwierige
starke Schmerzen auf (a. a. 0.; aph. VI 22 vgl. m. Gal. XVIII, I 34).
Die angezogene Feuchtigkeit wird schliesslich abgestossen und er-
weckt dadurch den Anschein, als wenn die Ruptur verlegt wäre ; doch
das ist eine Täuschung.
Eine wirkliche Amputation findet sich nicht erwähnt. Der
Arzt hat so lange zu warten, bis der Brand {ocpd/.elog, ydyyQaiva,
fxelaaf.ia) an einem Gelenke Halt macht. Alsdann wird das Erkrankte
abgetragen unter peinlicher Schonung des Gesunden, damit keine Ohn-
macht eintrete. Blutungen endlich werden gestillt durch Adstrin-
gentia {GTvnTLy.d\ Kälte, Elevation, Durchschneiden oder Durchbrennen
der blutenden Gefässe, Tamponade und Verband, ^) nicht Unterbindung.
In der Chirurgie haben die Hippokratiker Grosses geleistet, soweit
nicht Anatomie und Angiologie die Voraussetzung bildeten. Ihre
Haupt Verdienste, und zwar nach menschlicher Voraussicht die des
Meisters selbst, liegen auf dem Gebiete der Frakturen, Luxationen,
der Trepanation, Paracentese, Empyemoperation und Hämorrhoiden-
und Fistelbehandlung.
23. Ophthalmologie, Otologie, Rhinologie, Zahnheilkunde und
Psychiatrie.
1. Andreae, Augenheilkunde des S., Magdeh. 1863. — 2. Harras, Die
hippokratische Augenheilkunde, Diss., Erlang. 1897. — 3. Hirschberg, Berl. Min.
Wchschr. 1885 Nr. 23; 1896 Nr. 8; Centralbl. f. Augenheilk. 1885; Wörterh. der
Augenheilk.; Gesch. d. Augenheilk. hei G-raefeSaemisch, Handb. d. gesamt.
') Lurje 17 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 261
Au^enJieilk., 2. Auf., Leipz. 1899. — 4. 3Ifignus, Die Gesch. d. grauen Staares,
Leipz. 1876; Arch. f. Ophth. XXIII; Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. 1,
Leipz. 1878 S. 43 ff.; D. Anat. d. Auges h. d. Griech. u. Rom., Leipz. 1878: Die
antiken Büsten d. Homer, 1896; Augenärztl. Unterrichtstafeln Heft XX = Die
Anat. d. Auges in ihr. geschichtl. Enttcickelg., Brest. 1900; Die Augenheilkunde der
Alten, Breslau 1901. — 5. Sichel, Annales (Voculistique VI 1842 S. 216 ff. ; s. auch
Fuchs III 316 ff. die Anmerkungen. — 6. Körner, hie Ohrenheilk. des H., Wies-
baden 1896. — 7. JBaldeiveiUf Die Bhinologie d. H, Diss., Wiesbaden 1896. —
8. Ahonyi, Die Zahnheilkunde im Zeitalter des H, Janus V 1900 S. 12 ff.; Die
Z. im Zeit. d. H, Wien, zahnärztl. Wchschr. 1899 Nr. 9 ff. — 9. Geist-tTacohi^
H. über Zahnheilk. Zahnärztl. Wchblatt. 1894 S. 385 f.; Hipp, über Z. Correspondenz-
blatt f. Zahnärzte XXXIII Heft 4. — 10. Döring, Hippocratis doctrina de deliriis,
Diss., Marburgi 1790. — 11. 2ffi88e, De insania commentatio secundum libros Hippo-
craticos, Diss. Lips., Bonnae 1829.
In den ausgezeichneten Büchern von Hirschberg und Magnus
sind geradezu alle Streitfragen der hippokratischen Ophthalmologie
verabschiedet. Deshalb schliesse ich mich ihnen möglichst an. Die
Kenntnis vom Baue des Auges war keine eingehendere, als man sie
durch äusserliche Betrachtung gewinnt. Auch de carne 17 scheint
nur von zufällig ausgelaufenen Menschen- und Tieraugen zu handeln.
Es bezeichnet dcp^a).(^og meist das Auge, ö.w//a meist den Augapfel,
oxpig das Sehloch, die Iris, die Sehkraft und selten den Augapfel, /o'^»;
die Pupille, to (.iümv die Regenbogenhaut und das Sehloch, oreq^arr]
den Lidrand (nach anderen den Corneo-Skleralfalz ; vgl. aber Fuchs
III 318 f. A. 9). 3 Häute werden de loc. in hom. 2 erwähnt, eine
obere dickere, die mittlere dünne und die unterste dünne, die die
Feuchtigkeit schützt. Nach de carne 17 nannte man bei der obersten
Haut (to Xev/.öv) die Hornhaut wegen ihrer Durchsichtigkeit zb öiaqxxveg,
an der 2. die Eegenbogenhaut to i^eXav (das Dunkle oder Farbige) ; von
der 3., der Netzhaut, wusste man nichts weiter. Die Krankheit, die
de loc. in h. angedeutet wird, ist Vorfall der Regenbogenhaut; vom
Sehnerven ist nur eine dunkle Ahnung vorhanden. Deutlich erscheint
der Sehnerv als ffVeip de carne 17, woselbst auch die Schichten der
Hornhaut, die Netzhaut und der Glaskörper begegnen.
Ursache aller „Augenleiden sind natürlich die Katarrhe" aus dem
Gehirn, und zwar der 6., der Sehstörungen (Sehnervenphthisis bei
Tabes?) bewirkt (de loc. in hom.; de gland.; de morb. II 1). Unter
den die Bindehaut betreffenden Leiden ist die ocpO^aXf-da = lippitudo
Celsi = Augenentzündung zu nennen. In dieser Bezeichnung fliessen
Conjunctivitis, auch Trachom, und Erkrankungen der Cornea, Iris und
Chorioidea zusammen. Die Hippokratiker unterscheiden feuchte und
trockene Ophthalmie, eine epidemische und endemische; unerwähnt
bleiben Ophthalmia neonatorum und die skrophulöse Augenentzündung,
welch letztere der Tagblindheit in prorrh. II 33 f. zu Grunde liegen
muss. Von den Lidkrankheiten wird das Gerstenkorn (y-gi^']), die
Lidkrätze (iptoga) mit Jucken, also unsere Lidrandentzündung, die
(pltynovrj (pustula maligna?), die Ausstülpung und die Trichosis ge-
nannt, nicht aber das Hagelkorn {xalätiov). Ueber die Thränenorgane
liegen nur dürftige Bemerkungen vor; sie gelten den Thränen auf
Reizung und im Alter. An der Hornhaut beobachtet man Geschwüre,
Irisvorfall und verschiedenerlei Narben {ovXri, dx^vc, vecpelrj, agye/nov,
aiyis hezw. äylit] und naQÜlai-ixpig). An der Iris wird erkannt: die
winkelige Gestaltung, Vergrösserung und Verkleinerung und die Ver-
dunkelung der Pupille = Star. Der Star ist unheilbar, die Winkel-
gestalt bei jungen Leuten heilbar, bei den übrigen Krankheiten ist
262 Robert Fuclis.
die Aussicht nicht gerade schlecht, de loc. in hom. 13 bezieht Hirsch-
berg auf Irisentzündung mit Verwachsung, Glaskörpertrübung und
Sehstörung. Von den Linsenkrankheiten ist die Trübung = Star zu
nennen (prorrh. II 20 ; de visu 1). Die meergrüne Färbung der Pupille
deutet auf Altersstar. Näheres über die ylavxomg und ihre Prognose
fehlt zu jener Zeit. Amblyopie und Amaurose werden genannt, aber
nicht erläutert. Erstere kann folgende Gründe haben : Alter, Bleich-
sucht, Gelenkentzündung, letztere beiden durch Schleimfluss bedingt;
Amaurose entsteht bei Fieber, Wunden in der Augenbrauengegend,
Blutverlust. Schwarzwerden vor den Augen vor dem Tode, bei Er-
schütterungen und Schwindel heisst oAÖTog = Finsternis, Schwindel
ölvog oder aMToöivlrj. Halbsehen findet sich nur bei Gehirnleiden (de
morb. II 12). Nyktalopie ist bei Hippokrates Tagblindheit, bei den
Späteren Nachtblindheit ; Erscheinungsbedingungen : in der Jugend, bei
einer katarrhalischen Epidemie, beim Husten von Perinthos. Von sub-
jektiven Störungen wurden beobachtet: mouches volantes, schwarze
Linsen, Flimmern, Schatten und die Vorstellung von Läusen beim
Flockenlesen (de dieb. crit. 3). Das Schielen, lllalveiv, ist erblich (de
aere aq. loc. 14) oder tritt unvermittelt auf nach Ohreneiterung, Seh-
nervenlähmung und im Wochenbette. Nystagmus bei hitzigen Fiebern
sowie rasches unausgesetztes Augenzittern CiTiTrog = Pferd) fehlen
gleichfalls nicht. Das Semiotische wurde bereits früher erledigt.
Therapeutisches findet sich nur in den untergeschobenen Schriften, und
zwar Schaben der trachomatösen Bindehaut, Ausschneiden der eben
dadurch verdickten Bindehaut, Herausnahme des Eiters aus der Vorder-
kammer, Beseitigung der Haarkrankheit und Ausziehen einer Pfeil-
spitze aus dem Lide. Man schabte und brannte dann mit krauser ge-
reinigter milesischer Wolle, die um eine Spindel gewickelt wurde, und
ätzte dann mit Kupferblüte, ein nach Anagnostakis' praktischen
Versuchen bewährtes Verfahren. Nach dem Schaben und Brennen muss
man einen Einschnitt in der Scheitelgegend machen und nach dem Ab-
fliessen des Blutes „das blutstillende Mittel" auflegen und den Kopf
purgieren, d. i. von Schleim befreien. Tiefe Einschnitte in den Kopf
heilen den Schleimfiuss (de loc. in hom. 13). Werden die Pupillen
bläulich oder meerwasserfarben, so ist Purgation des Kopfes und
Brennen am Kopfe nötig, ebenso bei Bluteintritt in die „Sehe" (de
visu 1 ; de 1. in h. 13). Brennen der Rückenvenen bis auf den Knochen
bei einem wegen einer Lücke nicht bestimmbaren Augenleiden und
Trepanierung und Herauslassen des Wassers bei Verlust der Sehkraft
ohne sichtbare Veränderung werden schliesslich de visu 3 und 8
empfohlen.
Ueber Otologie hat Körner in einem meisterhaften Vortrage
alles Wissenswerte vereinigt. Danach ist Hippokrates, obwohl zu-
sammenhängende Darstellungen fehlen, doch auch der Vater der Ohren-
heilkunde. Der äussere Verlauf der Krankheiten wird trotz des
Mangels tiefer anatomischer Kenntnisse richtig und scharf beobachtet
und wiedergegeben. Die Wechselbeziehungen zum Organismus über-
haupt sind durchschaut, ebenso die Einwirkung der äusseren Umstände.
Es werden besprochen : die Kontusion der Muschel mit Knorpelfraktur
und ihre Folgen, deren Behandlung durch Diätetik ohne Verband und
Aufschläge, durch Fixierung mit Kleister oder Wachspflaster, Eröffnung
des Eiterherdes, Schneiden, Brennen unter Vermeidung des Ausstopfens ;
die Schwerhörigkeit der Greise, die Ohrenflüsse der Kinder; die Me-
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen« 263
tastase der Mandelentzündung auf die Ohren; die adenoiden Vege-
tationen mit ihren Folgeerscheinungen, besonders bei Spitzköpfigen ;
die akute Ohreneiterung infolge von Schleimfluss und nach Gehirn-
erkrankung ; Ohreneiterungen als günstiger Ausgang akuter Allgemein-
leiden (Husten von Perinthos); chronische Ohreneiterungen; Fälle aus
dem Krankenjournal (epid VlI 5; IV 12; V 50; VII 112 c); Schwer-
hörigkeit bei hohem Fieber (epid. I; III; II), nach Blutspeien als le-
tales Symptom; Gehörhallucinationen bei Geisteskranken und sonst.
Durch vorzügliche Bilder erläutert B a 1 d e w e i n die chirurgischen
Eingriffe bei N a s e n 1 e i d e n. Auch hier war die anatomische Grund-
lage äusserst dürftig. Nasenbluten gilt als wichtiges kritisches Moment,
z. B. bei Nasensekretverhaltung, Ueberanstrengung des Körpers, Sup-
pression der Regel, Leber- und Milzvergrösserung. Nasenfrakturen
und -Polypen sind oben geschildert worden, ebenso ihre Behandlung.
Ueber Zähne belehrt de dent. Wenn beim Zahnen reichlicher
Leibesfluss vorhanden ist, sind Krämpfe seltener (6), ebenso bei akutem
Fieber (7); im Winter ist die Prognose besser (9); Husten erschwert
das Zahnen und bewirkt Abmagerung (11); „stürmisches Zahnen" ver-
spricht bei guter Pflege günstigen Ausgang (12). Die Handhabung
der Zahnzange galt als selbstverständlich und stand auch Laien frei.
Cariöse wackelnde Zähne sind zu entfernen; sonst sind schmerzende
Zähne durch Brennen auszutrocknen (de äff. 4). Die gezogenen Zähne
wurden untersucht und beschrieben (epid. IV 19). Ein oberer Weis-
heitszahn des Hegesistratos wird ebenda (25) erwähnt und seine Dis-
position zur Eiterbildung richtig geschildert. Die Zahnbildung ist in
de carne in theoretisierender Weise dargestellt, de äff. schiebt das
Cariöswerden auf den Schleim und die Abnutzung der Zähne durch
die Speisen. Wer über die einzelnen Krankengeschichten Aufklärung
wünscht, befrage Abonyi (S. 179 ff.).
Das Kapitel der Psychiatrie muss sehr lückenhaft ausfallen,
da die meisten Hippokratiker das geistige Centrum überhaupt nicht
in das Gehirn verlegten und in der Wahnidee der 4 Kardinalsäfte be-
fangen waren. Sie trennten daher psychische Erkrankungen und das
Delirium und ähnliche Fiebersymptome nicht reinlich. Von Geistes-
störungen ist Folgendes bekannt. Bei jungen Mädchen und Frauen,
selten bei Männern, erzeugt die Epilepsie leicht Irrereden, Ohnmacht,
Schreckbilder und Drang zum Erhängen. Geschlechtsreife Jungfrauen
bekommen für den Fall der Nicht Verheiratung solche Zustände nament-
lich zur Zeit der Periode. Bei Suppression der Regel bewirkt das
gegen das Herz als das geistige Centrum vordrängende Blut Delirien
und Tobsucht, dann kommen Schreckbilder und Selbstmordgedanken
allerlei Art. Heilmittel ist die Ehe (de his q. ad virg. spect.). Die
erbliche Disposition wird auch hier nicht erkannt. Die Behandlung
ist die diätetisch-gymnastische ; denn dadurch wird das gestörte Gleich-
gewicht der Säfte wiederhergestellt.
24. Gynäkologie und Geburtshilfe.
1. Bauer, De arte obstetricia Hippoo-atica, Tuhingae 1833. — 3. Bucher,
Die noch heute interessirenden Angaben des H. über geburtshülfl. u. gynäk. Gegen-
stände, Diss., Strassburg 1896. — 3. X^rjatiSTjs, Ao/aia s}.Xr]viXTJ ywaineioloyia
TJTOi dvarotcla, <pvaio).oyia, voaokoyia xal ^e^arcsia tcöv yvvaixeioiv ysvvrjrf/ccöv o^yävcov
fisrd yev. slaaycoyrjg sh rfjv iaroix^v tmi/ ^iTtTCoxQarcy.tiiv xpövayv etc., iv Kcovoravrt-
vovTtöXei 1894. — 4. Fasbender, Entwickelungslehre, Geburtshülfe \md Gynäk. in
264 , Eobert Fuchs.
d. hippokratischen Schriften, Stuttg. 1897 [vorzüglich). — 5. Freund, Klin. Beiträge
z. Gynäk. 1864, 2. Heft; Deutsche Klinik 1869 S. 239 ff. — 6. Georgiades, De
morbis uteri secundum libros Hippocratis Tte^l ywaixeiris fvaios, Diss., lenae 1797.
— 7. Grüner, Explicatur locus Hippocratis de uteri orificio praepingxd, lenae 1790.
— 8. Mobb Hunter, Hippocrates on the diseases of ivomen and parturition. John
Hopkins Bulletin 1892 S. 43 ff. — 9. Mitgen, D. Geburtshülfe des H. Gemeinsame
Deutsche Ztschr. f. Geburtskunde IV; VI, Weimar 1829; 1831. — 10. Slevogt,
Prolusio de embryulcia Hippocratis, lenae 1709. — 11. Wulfsohn, Stud. u. Ge-
burtshülfe u. Gynäk. d. Hippokratiker, Diss., Dorpat 1889.
Eine für uns selbstverständliche Wahrheit war zur Zeit der Hippo-
kratiker noch nicht errungen, dass nämlich, entsprechend der ana-
tomischen und physiologischen Verschiedenheit von Mann und Weib,
auch die Männer- und Frauenleiden verschieden seien und eine ver-
schiedene Behandlung erforderten. Wenn darum der knidische Ver-
fasser von de morb. mul. I 62 den Aerzten die neue Wahrheit vor-
hält, so ist schon das ein grosses Verdienst. Freilich kommt in Be-
tracht, dass die Aerzte nur in den seltensten Fällen selbst praktisch
Frauen behandelten und ihre Kenntnis fast ausschliesslich auf falsche
Schlüsse aus der Tieranatomie, auf philosophische Spekulationen und
die Auskünfte von Frauen und Hebammen gründeten. Der Arzt unter-
suchte nicht selbst, sondern fast stets die Hebamme oder eine Freundin
oder alte Frau. Auf deren Aussage und die Antworten der Patientin
hin ordnete der Arzt die Behandlung an. Somit sind die ärztlichen
Schriften, die als knidisch ihrem Ursprünge nach erwiesen sind, trotz
Häser (Ig 198) in der Theorie zwar für Aerzte, in der Praxis aber
für Hebammen verfasst. Man darf sich durch das häufig verwendete
Masciüinum der Partizipien nicht beirren lassen. Das Masculinum be-
zeichnet lediglich das nicht näherer Charakterisierung bedürftige „man".
Auf die ungemeine Reichhaltigkeit und oft mystische Dunkelheit
der Kunstausdrücke in der weiblichen Anatomie sei nochmals hinge-
deutet, aidolov bezeichnet die äusseren und inneren Genitalien allgemein,
doch auch die Vagina, die portio vaginalis. Daneben findet sich : yevsoig,
yövog (auch Vulva), yovi] (auch Uterus, Genitalschlauch, Vulva) ; zu 'Ikzüq
vgl. Fuchs III 563 A. 127. Der Mons Veneris heisst z-re/g == „Kamm"'
das allerdings auch für xöXfcog = Vagina genommen werden kann
(Fuchs III 388 A. 176), ferner fjßr], InloEiov, k7tLy.xiviov. Die Labia
heissen 'jidhq ^) oder y.Qri(.ivoL (wörtlich „Abhang", doch auch Vulva).
Die verborgenen Teile werden vom Touchieren Tragacpaaisg genannt.
Ferner sind festzuhalten : Vagina = avxtjv, ^i^rga ; 2) introitus vaginae
= OTÖua (auch orificium uteri), aröinaxog; Cervix = avx7]v, atöf^taxog,
doch fehlt jede Beschreibung; Cervicalkanal vom orificium externum
bis 0. intern um = avXög, IvavUrj; Uterus = voT€Qa{i) oder f.irJTQa, jurj-
TQai, weil 2 Kammern (köItzoi, xägara) angenommen werden,^) als leben-
diges Wesen gedacht, das seine Lage verändert; doch bedeutet /ti^rga
und fxffCQai auch Vagina, Vulva; fundus uteri = 7tv^/.i7]V] Uterushals
= avx'>]v TCüV i^irjTQwv; orificium uteri = OTÖf.ia(Ta), aröi-iaxog, letzteres
auch, wenn ein Stück Hals eingeschlossen wird; Muttermundslippen
= ä/^icpidea (auch bloss Saum), leyva, x^t^^^o baxtov, v(.iriv ; *) unbekannt
^) Wenn iyx^iv, •xlvKstv = spülen dabei steht.
') So heissen auch die Muttermundslippen.
') Zweihörnigkeit des Uterus aus neuer Zeit Avird belegt: Die Medic. d. Gegen-
wart II 1899 S. 400.
*) Allerdings interpretiert X^r;GriSr]g S. 58 „Schleimhaut an Muttermundsiippen
und -Hals".
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 265
ist das Hymen, denn die dreimal erwähnten Häute, ur^vr/yeg, die den
Eintritt des Sperma hindern, liegen im orificium uteri und sind krank-
hafte Gebilde. Unbekannt sind ferner: Clitoris, Tuben (erst bei Ari-
stot. bist. an. III 1 als v.sQdxia jfjg }.ir^QUQ zu belegen), Ovarien, Nerven
des Uterus (erst bei Herophilos) und die Ligamenta lata, falls etwa
die y.QcxTea oder vsvqcc xa -/MleouEva ooyoi (Schösslinge) nur theoretisch
angenommen, nicht praktisch festgestellt sein sollten. Von grosser
Bedeutung, auch für die Folgezeit, ist die Hypothese des Vorhanden-
seins napf- oder becherförmiger Erhöhungen an der Innenwand des
Uterus, aus denen der Fötus seine Nahrung sauge. Soranos erklärt
diese sog. -/.orvlr^ööveg für Gefässmündungen, ähnlich den Hämorrhoidal-
knoten ; aus ihnen ergiesse sich die Regel.
Die Menstruation, xaraur^via, knidisch ra y.arä cfvaiv = „das
Naturgemässe", fordert durchschnittlich l^o (0,409 1; de morb. mul. I
72j oder 2 attische Kotylen (0,546 1 ; a. a. 0." 6) Blut zu Tage. Monats-
binden {gd-Kog = Zeug) werden nicht erwähnt, wurden aber nach dem
Zeugnisse von Weihinschriften der Artemis Brauronia von alters her
geweiht.^) Für ihre Nichterwähnung ist der Grund der, dass hier
kein schweres Leiden vorliegt, bei dem der Arzt eingreifen müsste.
Alle Erscheinungen vor, bei und nach dem Auftreten der auf 3 Tage
bestimmten normalen Regel werden richtig beschrieben. Der liolVe
Stand des orificium uteri vor ihrem Eintritte sogar wird in de superf.
22 gelehrt, der Tiefstand vor der Geburt a. a. 0. 12. Zwischen den
Brustdrüsen und dem Uterus besteht eine Sympathie, die sich be-
sonders beim Anzüge der Regel (de his q. ad virg. spect. u. a.), „Auf-
fallen der Gebärmutter auf die Hüfte" (de morb. mul. II 24) und bei der
Milchbildung (de gland. 16 f.) zeigt. Die volle Entwicklung des Beckens
tritt erst ein durch das Auseinanderweichen der Gelenke in der Ge-
burtsperiode. Die Frauen haben auch Samen, gleich den Männern,
dessen unwillkürliche Entleerung im Schlafe erfolgen kann (de m. m.
II 66). Unter den nicht mit dem Gebiirtsvorgange zusammenhängen-
den Krankheiten sind folgende hervorzuheben. Die Atresie. gleichwie
alle derartigen Leiden durch Touchieren von Frauenhand ermittelt,
findet sich als idiopathischer Zustand nicht erwähnt, wohl aber als
Folge des Zerreissens und Verschwärens der Weichteile nach der Ge-
burt, indem die Muttermundslippen verwachsen; auch blosse Ver-
engerung ist möglich; cpiiwg entsteht durch callöse Stenose. Von
Flüssen, qöoq, giebt es eine gi'osse Anzahl Spielarten; dazu gehört
vor allem der rote (wohl Genital blutungen), rotgelbe, mehrere weisse
und weissliche und der jauchige Fluss, zu reichlicher und zu spär-
licher Fluss sowie gänzliches Ausbleiben mit Metastase, z. B. nach
der Nase. Die Behandlung besteht vorwiegend in Diät, z. B. Suppen
von Hülsenfrüchten. Hasen- und Ziegenfleisch, Leber, Geflügel, ge-
backenem Eigelb, Käse, Enthaltung von Wein und Bädern, Umbinden
der Armbeugen und Kniekehlen mit Wollbinden, Schröpfen unter den
Brüsten, Mutterzäpfchen = Tieooög, TTQÖod-e/na, ngöod-sTov adstringieren-
der Art, Erbrechen, kalten Waschungen, Beschränkung auf eine Mahl-
zeit täglich. Spülungen, -) Nieswurzgaben, Reinigung des Kopfes u. s. w.
Pessare werden noch verwendet bei Prolaps, Carcinom und Hydrops
^) Mommsen, Philologus LVIII 343.
*) Die zahlreichen Ableitungen von nkvvsiv, vinrstv, vit,sa&ai, xXvisiv, aloväv,
Xeiv = irrigieren hat gesammelt X^r^axihriq 236.
266 Robert Fuchs.
des Uterus und bei Sterilität infolge von Erschlaifung und Verlage-
rung des Uterus oder infolge von Samenzersetzung im Uterus. Es
sind verschieden geformte Zäpfchen und Kugeln, die teils mechanisch,
teils chemisch einwirken sollen. Ihre Länge, z. B. bei Meerzwiebel-
einlagen, beträgt bis zu 6 Fingerlängen. Der künstliche Penis war
uns als bXioßog aus Aristophanes bekannt und ist uns als ^öxy.ivog
ßavß(bv und ovog aus Herodas bekannt geworden; aber die erweitern-
den zinnernen und bleiernen Sonden, die mit Medikamenten bestrichen
und auf Holzstäbchen abgepasst sind, können gar nicht so verwendet
worden sein, wie de superf. 29 klar ergiebt. Bei Prolapsus wird die
von Euryphon empfohlene Schüttelung mit der Leiter, Kopf nach
unten, mit Recht entschieden verworfen (Littre VII 308 f; VIII 6 f.),
auch zur Beförderung der Entbindung nicht angewandt (vgl. de exe.
fet. 4 mit epid. V 103; VII 49). Die Sterilität tritt bei allen mög-
lichen Abnormitäten am Uterus ein, mag dieser nun zu feucht oder
trocken, zu hart {tvCjqoc) oder weich, zu heiss oder kalt, zu fett oder
mager oder so oder so verlagert sein. Als Lageveränderungen werden
erwähnt: Prolaps, Version, Flexion, Inversion und die hysterischen
Folgezustände, darunter die Pnix hysterica.
LTm die Konzeptionsfähigkeit festzustellen, wurden Versuchsmittel
(/t£iQr]Ti]Qia) verordnet, die von Mystizismus und Laienwahn ^) ein-
gegeben sind (Fuchs III 381 A. 149). Je nach Wunsch der Eltern
steht zur Beseitigung oder Erlangung von Nachwuchs eine lange, viel-
fach ebenso mystische Liste von aiö/ua, cpd^ÖQia, ey.ßoha und anderer-
seits xvrjzriQia zur Wahl. Denn sowohl die Abtreibung, z. B. auch
durch Springen mit Anschlagen der Fersen (de nat. pueri 2), ^) als
auch das Aussetzen des geborenen Kindes galten für moralisch ein-
wandfrei. ^) Der Coitus wird je nach der Konstitution bald empfohlen,
bald verboten (de sem. 4 = Fuchs I 212 A. 13). Schleimigen und
wasserreichen Naturen ist er nützlich. Nach de sem. 6 besitzt der Mann
auch weiblichen, das Weib auch männlichen Samen, der männliche ist
stärker als der weibliche, deshalb geht von ihm die Zeugung aus;
kommt von beiden starker Samen, so entsteht ein Knabe, andernfalls
ein Mädchen. Wenn der schwache Samen viel reichlicher ist als der
starke, so ist die Frucht weiblich, andernfalls männlich. Ein und
dieselbe Person, ob Mann, ob Frau, hat bald starkes, bald schwaches
Sperma. Beeinflussung des Geschlechts ist möglich: bei wässeriger
Diät wird ein Mädchen, bei feuriger ein Knabe entwickelt, also die
Schenk sehe Theorie (de diaeta 127). Erfolgt binnen 7 Tagen kein
Samenausfluss («xoom, €KQvoig, de septim. partu 9), so erfolgt durch die vom
Uterus auf das Sperma ausgeübte Zugkraft, öIki], die Konzeption, und
dann treten die bekannten Anzeichen auf, darunter die Flecken im
Gesichte, Icpr^ideg. Die Grösse der einen oder anderen Mamma, des
einen oder anderen Auges verrät das Geschlecht des Kindes: auf der
rechten := kräftigen Seite liegt der Knabe, auf der linken = schwachen
das Mädchen (de superf. 19; aph. V 37 f.; prorrh. II 24; epid. II 6,
15; V 2, 25; VI 4, 21). Das menschliche Ei, für das das Hühnerei
(de sem.) die Parallele abgiebt, steht mit dem ^öqlov = Placenta in
1) Vgl. aph. V 59 = Fuchs I 116.
^) Der sechstägige Sameu. der abging, wird die mucosa uteri gewesen sein
(Fuchs I 218 f. A. 4).
*) Dem widerspricht nicht das bloss dem Arzte gegebene Verbot im iusi.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 267
Verbindung: das Fruchtwasser wird nicht direkt erwähnt. Aber noch
ist manche Fährlichkeit zu besorgen. Die Gefahr des Versehens wird
allerdings nur einmal erwähnt, de superf. 18 : „Wenn eine Schwangere
nach dem Genüsse von Erde und Kohlen verlangt und auch wirklich
solche isst, so findet sich am Kopfe des Kindes . . . ein davon her-
rührendes Zeichen"; aber die Möglichkeit des Fehlgehens ist eine
stets drohende schlimme Aussicht. Abortus liegt vor. wenn der Samen
später als 7 Tage nach der Konzeption abgeht (TQOjaf^bg u. ä.; dia-
cpd-oQcc u. ä. ; äf^iß'AojGig), sonst spricht mau von „Ausfluss", exQvoig (de
sept. partu 9). Für den gern zu gleicher Zeit wiederkehrenden Abortus
gilt als Ursache, dass die Entwicklung der Frucht rascher vor sich
geht als die des Uterus (de superf. 27), aber nicht unvorsichtige Be-
wegung. Zur Abwehr des gefährlichen Zufalls dienen Erzeugung
von Fettleibigkeit und Einbringen von Medikamenten durch Sonden
in den Uterus (de m. m. I 25). Ferner stören den regelrechten Ver-
lauf das Absterben und Abfaulen der Frucht, Blutungen (de superf. 9),
Molenbildung und Ueberf ruchtun g. Die ^ivlrj entspricht nach Wulf-
sohn unserer Mole, nach Buch er und Fasbender einem sich von
selbst ausstossenden verkalkten Myom (de m. m. I 71). Die Ursache
ist reichlicher Monatsfluss und schlechte Beschaffenheit des Sperma.
Ueberfruchtung, eTtixvrjOig, entsteht, wenn sich der Mutterhals nach
der Konzeption nicht geschlossen hat. Befindet sich die eine Frucht
in der Uterusmitte, so wird sie von der anderen ausgetrieben; be-
findet sich die 1. Frucht in dem einen Home, so ist das 2. Kind nicht
lebensfähig. Die Nachfrucht kann zurückbleiben und verjauchen (de
superf. 1). Zur Beschleunigung und Steigerung der AVehen dienen
wy.vTOx.ia. deren z. B. de m. m. I 77 eine ganze Reihe aufgezählt sind.
Die AVehen erklären sich daraus, dass das Kind einmal keinen Platz
mehr hat und sich nach der Freiheit sehnt, zum andern die in dem
engen Räume (arevnxioQia) durch Anziehung aufgespeicherte Nahrung auf-
gezehrt hat. Der Ausgang der Geburt hängt von der Kindeslage wesent-
lich ab. Wegen der Gravitation des schweren Kopfes liegt dieser gewöhn-
lich vor. Ausnahmen sind : die einfache (ömXöov) und gemischte Steiss-
lage, gewöhnliche Schieflagen und Lagen, ..in welchen es sich um eine
Abweichung des Steisses vom Becken eingang in geringerem Grade
handelt" (Fasbender 293 0".), vollkommene (ohne Wendung!) und
unvollständige Fusslage (mit A\'endung!). Armvorfall bei Schief läge
(Frucht ist tot, Embryulcie !), Schief läge ohne Armvorfall (Kind lebt,
Wendung auf den Kopf durch die knidische Schüttelungsmethode !). Die
Wendung auf den Kopf erfolgt durch äussere, innerliche und gemischte
Handgriffe; leider ist die Anweisung nicht immer klar und einmal sogar
unausführbar. Bei Abortus wird die Schüttelung oder ein Niesmittel
dann angewandt, wenn die Ausstossung gehemmt ist wegen zu grosser,
quer gelagerter und kraftloser Frucht (de m. m. I 68). Ein Gebärstuhl
findet sich in hippokratischen Zeiten bei den Griechen nicht. Das
Maavov und der dkpQog ävdxliiog rerQVTtr^uevog (mit durchbohrtem Sitze)
dienen entweder zu Scheidenräucherungen oder zur Entfernung der
zögernden Nachgeburt (de superf. 8); im letzteren Falle zieht das auf
Schläuche gebettete Kind beim Ausfliessen des Schlauchinhalts durch
sein Eigengewicht die Placenta heraus. Auch in der Geburtsdarstellung
aus dem Aphroditetempel in Golgos auf Cypern (Cesnolasammlung in
New York) ist nur ein bequemer niedriger Schemel, nicht ein Gebär-
268 Robert Fuchs.
stuhl anzunehmen. ^) Eine eigentliche Zange findet sich nicht, ebenso-
wenig der Kaiserschnitt, trotz der uralten Mythen A'on der Geburt des
Dionysos und Asklepios sowie der indischen und römischen Sagen
(Numa Pompilius). Im Falle der Totgeburt werden ein Zermalmer
= TtieoTQov und ein Haken = ö'w^, elyivoxriQ gebraucht; die Hand
wird mit einer getrockneten stacheligen Fischhaut {iyßvrj) umkleidet,
die Galenos phantasievoll als Instrument mit fischschuppenähnlicher
Oberfläche deuten will (Fasbender 158 u. A. 3). Die Unterbindung
der Nabelschnur wird nicht erwähnt; Pseudaristoteles (bist. anim.
VII 10) kennt sie. Obwohl dort auch (.irf/xovwv = Kindspech erwähnt
wird, vermag ich doch de diaeta in ac. app. 72 nur auf Gartenwolfs-
milch zu deuten. Vom Wochenbette ist wenig zu sagen, da bloss der
Wochenfluss {loxela, s. Fasbender S. 180) behandelt wird, der als
Analogon der Katamenien betrachtet wird. Die bei dessen Zurück-
haltung beobachteten Symptome stimmen grossenteils zu denen in-
fektiöser Krankheiten, namentlich des Kindbettfiebers.
Auf die nur gelegentlich angemerkten Krankheiten, wie foetus
carnosus (epid. II 2, 19), Verwaclisung von Arm und Thorax (V 13),
Klumpfuss (de artic. rep. 53), kongenitale Luxationen (52), sonstige
intrauterine Verletzungen (de sem. 10), Hydrocephalus acutus (de dent.
6 ff.), Krämpfe (de morbo s. 10) und kleinere Uebel, wie Husten,
Verstopfung, Durchfall, Soor, kann hier nicht eingegangen werden.
25. Unmittelbare Nachfolger des Hippokrates.
Es wäre gewiss eine reizvolle Aufgabe, mit Häser (I., 206 ff.)
einen zusammenfassenden Eückblick auf die Verdienste des Hippokrates
und der Hippokratiker zu werfen. Allein einmal sind bisher schon
die Daten so ausgewählt gewesen, um über die Hauptthatsachen zu
unterrichten, sodann aber steht die mir gegebene Aufgabe, Häsers
Schilderungen auf einen bedeutend engeren Raum zusammenzuziehen,
statt sie zu vervollständigen und auszuspinnen, hindernd im Wege.
Die bereits von mir verschuldete Ueberschreitung des dafür von An-
fang an vorgesehenen Eahmens erklärt sich aus dem Streben, zunächst
für das Verständnis der alten Heilkunde, die den modernen Arzt und
Laien gleich freufd anmutet, eine Grundlage und einen Massstab zu
gewinnen, an dem er die demnächstigen langsamen Fortschritte der
griechischen Medizin abmessen kann. Der Umstand, dass der zuerst
zu behandelnde Arzt ein Hippokrates und „Vater der Heilkunde" ist,
war ja nur zu verlockend für den Uebersetzer und Erklärer der hippo-
kratischen Sammlung. Zur Entschuldigung mag ferner dienen, dass
Hippokrates von jeher das Schosskind der medizinischen Geschichts-
schreibung war und die neuere und neueste Forschung zu einem ganz
überwiegenden Teile gerade ihm gewidmet ist. Angesichts dieser un-
bestreitbaren Thatsache will ich auch den unausbleiblichen Vorwurf,
das ganze folgende, viel weniger bearbeitete und aufgeklärte, aber
dessen ungeachtet durchaus nicht minderwertige Gebiet im Fluge zu
durcheilen, mit einiger Gelassenheit auf mich nehmen.
Die gewaltige Persönlichkeit des gottbegnadeten Arztes Hippo-
krates war wie keine zweite geeignet, auf die Gleichstrebenden an-
ziehend zu wirken und sie an die neu aufgestellten wichtigen Erkennt-
^) S. Fuchs III 625 A. 9: Seligraaun in Virchows Jahresh. 1878.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 269
nisse zu fesseln. So gaben denn die kölschen döy^iara den Mittelpunkt
ab, um den sich die zu gleich gründlichen Studien begeisterte Mitwelt
in Gestalt der dogmatischen Schule, wie sie später genannt wurde,
scharte. Zu den ersten Schülern zählten die Söhne Thessälos und
Drakon (Gal. XV 110), die gleich dem Vater In die Fremde zogen,
und der Schwiegersohn Polybos, der auf Kos die Traditionen seines
Schwiegervaters fortpflanzte (I 58; XV 12). Dass Thessälos den
Alklblädes auf der slclllschen Expedition (415 — 413 v. Chr.) begleitet
haben soll, entbehrt eines zuverlässigen Zeugnisses, wohl aber war er
später Leibarzt des Makedouerkönlgs Archelaos und vielleicht Ver-
fasser mehrerer Schriften ; ^) vermutlich enthalten die epld. Beiträge
von ihm und seinem Bruder (Gal. VII 855; 890; IX 859; XVII, I 796;
888). Die Vermutung Petrequlns(I 44), dass beide dieselben Stätten
wie ihr Vater bereisten, ist einleuchtend. Der Sohn des Thessälos,
Hlppokrates III., hing dem platonischen Philosophiesystem an, ver-
fasste mehrere medizinische Werke, darunter eines de morbls (Petre-
quln I 45) und folgte möglicherweise seinem Vater in der Hofarzt-
stelle nach. Von seinem Bruder Gor glas ist nichts bekannt. Hlppo-
krates IV., Sohn des Drakon,-) also des L, rettete als Leibarzt der
Ehoxäne dieser nach dem Tode ihres Gatten, des grossen Alexandros,
das Leben und starb nach schriftstellerischer Bethätlgung unter
Kassandros, dem Sohne des Antlpätros (ca. 319 a. Chr.). Hlppo-
krates V. und VI., Söhne des Thj^mbralos, und Hlppokrates VII,
Sohn des Praxlänax, schrieben gleichfalls über Medizin (Suld.).
Als unmittelbare Schüler Hlppokrates' IL werden Apollonios
und Dexlppos (bei Plut. quaest. convlv. 7, 1 fälschlich Jioj^innog)
genannt, Anfang des 4. Jahrhunderts (Suld.). Letzterer wurde von
dem Karerkönlge Hekatomnos berufen, um die für verloren gehaltenen
Prinzen Mausölos und Plxodäros zu retten, und er bedang sich die
vorherige Beendigung des damals tobenden Krieges aus. Er schrieb
ein ärztliches Werk in 1 Buche und tisqI nQoyvüJaecov in 2 Büchern.^)
Diese und des Apollonios Werke waren schon für Eraslstratos schwer
erlangbar (Gal. XV 703). Dem Anon. Lond. col. XVIII entnehmen
wir, dass ihm die Nah rungs Überschüsse als Krankheitserreger er-
schienen, also Galle und Schleim, doch auch AVärme und Kälte u. a. m.
Durch Schmelzen von Galle und Schleim entstünden Lj'mphe und
Schweiss. Würden Galle und Schleim faul und dick, so stelle sich
Ohrensausen, Schnupfen und Triefäugigkeit ein; würden sie trocken
und fest, so bilde sich Fett und Fleisch. Das Weitere dort ist ver-
derbt. Gal. XV 478; 702 flf.; 744 überliefert von beiden, dass sie nach
des Eraslstratos spöttischer Aussage 12 wächserne Becher von je ^/g
Kotyle Inhalt (ca. Vas 1) hergestellt und den Fiebernden (täglich)
] oder 2 hiervon zum Trinken dargereicht hätten; sein Vorwurf, dass
sie die Patienten Hungers sterben Hessen, sei unberechtigt.*) Der
Zweck des Kehldeckels {irnylioviig) wurde von ihm treffend geschildert
(Plut. a. a. 0.).
*) Suidas erwähnt „3 medizinische Werke".
^) Unter J ^äxcov sagt Suidas, dass dieser, also der IL, ein Enkel des berühmten
Hippokrates g'ewesen sei von Thessälos her, einen Sohn Hippokrates gehabt habe (also
Hlppokrates IV.) und dass dieses Hippokrates Sohn Drakon, also der III., die Ehoxane
behandelt habe.
") Jude ich, Kleinasiat. Stud. 234.
*) Littre I 328 ff.
270 Eobert Fuchs.
Es scheint am Platze zu sein, die bloss aus dem Anon. Lond. uns
bekannt gewordenen Aerzte hier einzureihen, obwohl nicht anzu-
nehmen ist, dass sie gerade Hippokrateer waren. Alkamenes aus
Abvdos erklärte nach einem verloren gegangenen Aristotelescitate die
Ueberschüsse für die Krankheitsursachen ; sie steigen zum Kopfe, doch
dieser führt ihnen weitere Nahrung zu, und so entstehen im ganzen
Körper Krankheiten. Timotheos von Metapontion meint, wenn der
Kopf gesund und sauber sei, werde aus ihm die Nahrung dem ganzen
Körper zugeschickt, und das Geschöpf sei gesund. Sei hingegen der
Kopf nicht gesund, so entstehe durch Verstopfung der Durchgänge
für die Nahrung Krankheit. Der im Kopfe abgesperrte üeberschuss
werde zu einer salzigen, scharfen Flüssigkeit und rufe da, wohin er
durchbreche, Krankheiten hervor, z. B. in der Luftröhre Ersticken
und Tod. Der Kopf aber erkranke durch übergrosse Abkühlung oder
Erhitzung oder durch Verletzung. Abas (Aias?) spricht ebenfalls
von den Abflüssen des Gehirns nach Nase, Ohren, Augen, Mund als
Krankheitserregern ; doch ist gleich darauf von 5 Katarrhen die Rede.
Massiger Abfluss sei unschädlich. N i n y a s der Aegj^pter unterscheidet
angeborene, dem Körper eingepflanzte und erworbene Leiden. Die
Wärme erzeuge die Ueberschüsse. Thrasymächos von Sardeis
findet den Sitz der Krankheiten im Blute, das durch Kälte und Hitze
nachteilig verändert werde; dabei gehe es in Schleim, Galle oder
Faules über. Phaeitas = Phaidas (Beckh-Spät Phasilas) von
Tenedos sagt, die Krankheiten entstünden durch Flüssigkeitsablage-
rungen an ungeeigneten Körperstellen oder durch die Abgänge selbst.
Die Flüssigkeiten bezeichnete er nicht näher. Er schrieb ein Kochbuch,
besonders für Kuchen (Kallimachos' Katalog bei Athen. XIV p. 643).
Er wird in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts gelebt haben. Die
Grabschrift dieses Sohnes des Damassagöras, die in Paphos gefunden
wurde, hat von Wilamowitz-Möllendorff^) besprochen. Aigi-
m i 0 s von Elis behauptete, eine einmalige Ueberfüllung bewirke mehr-
malige Erkrankung. Der Körper wachse langsam, weil die Nahrungs-
zufuhr durch sichtbare und unsichtbare Entleerung ausgeglichen werde.
Üeberschuss entsteht, wenn zu früh neue Nahrung zugeführt wird.
Er soll zuerst die Pulslehre, in der Schrift nsgl naAf.idjv, behandelt
haben (Gal. VIU 498; 716; 752; Ruf. ed. Ruelle 219j. Petrön(as) ist
vermutlich identisch mit Petrichos. -) Nach Celsus III 9 lebte er vor
Herophilos und nach Hippokrates, also im 4. Jahrhunderte und stammte
aus Aigina (Hom. IL XI 624 schol. BLV). Ein Gedicht über Schlangen
von Petrichos erwähnt Plinius, in den Autorenverzeichnissen desselben
Plinius erscheint er als Arzt.") Fiebernde bedeckte er mit vielen
Gewändern, um Hitze und Durst zu erzeugen, beim Nachlassen gab er
kaltes Wasser, bis Seh weiss auftrat, unter Umständen erst auf Erbrechen
oder Abführen durch Salzlake hin (Gal. 144). Darauf reichte er Schweine-
braten und Wein (Geis.; Gal. XV 436 f.), was Erasistratos als „Stopfen"
bezeichnete und verwarf. Mikkion scheint ihn ausgeschrieben zu haben. ^)
Die 2 Elemente, die er nach dem Anon. Lond. annahm, sind das Kalte
und AVarme und unterstützende Faktoren das Trockene und Feuchte.
Die Krankheiten entstehen aus Ueberfüllung oder schlechter Mischung
^) Hermes XXXIII 519; XXXV 565 f.
2) Well mann in Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. CXXXVII 1888 S. 153 f
•'•) Wellmann, Hermes XXIII 1888 S. 563 A. 3.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 271
der Grundstoffe. Die Galle ist ein Krankheitserzeugnis und völlig-
unnütz. Sein Schüler Ariston begegnet in meinen Anecdota medica
Graeca im Rhein. Mus. 49. 1894 S. 546. Den Philistion aus Lokroi
(Athen. III p. 115 D; Piut. symp. VII 1; Gell. XVII 11, 6; Gal. IV
306), der sicilischen Schule angehörig (Gal. X 5; Diog. Laert. VIII
8, 1 ; 3), einen jüngeren Zeitgenossen Piatons, hörten, wie Kallimächos
im „Katalog" (mvaxeg) angab, Eudoxos (und Chrysippos) von Knidos
(Diog.), ferner auch Diokles (Wellmann, Rhein. Mus. LIII 626;
Herm. XXXV 372 f.). Er lebte wie Timaios in Syrakusai (Plat. epist.
2 = p. 314 D) und ist auch nach Athen gekommen, wenn der bei
den botanischen Forschungen der Akademie beteiligte ungenannte
Arzt (Athen. II p. 59 F), wie es den Anschein hat, Philistion sein
sollte. Diese Annahme wird gestützt durch die vielen Anklänge, die
Diokles und Piaton aufweisen. In Anlehnung an Empedokles nimmt
Philistion 4 Elemente (Ideen) an, Feuer — Wärme, Luft — Kälte,
Wasser — Feuchtes, Erde — Trockenes. Ursachen der Erkrankung
sind 1. die Elemente, 2. die Körperbeschatfenheit (öiddemg), 3. die
äusseren Einflüsse (Trauma und Geschwürbildung; übergrosse Hitze.
Kälte u. dgl. oder deren plötzlicher Umschlag ins Gegenteil ; Verderb-
nis der Nahrung). Gesundheit beruht auf richtigem Atmen und Luft-
wechsel durch die Hautporen, Krankheit auf dem Gegenteile. Zweck des
Atmens ist Kühlung der eingepflanzten Wärme (Gal. IV 471). Das
warme, frische Brot erklärt er für nahrhafter als das kalte, altbackene
(Athen, a. a. 0.), wie in seinen öipaQTvzr/.d (Athen. XII p. 516 C) oder
in seiner diätetischen Schrift (negl diahrjg?) stand. Hingegen kann
er trotz der Behauptung „Einiger" das pseudhippokratische de victu sal.
nicht verfasst haben (Gal. XV 455; XVIII, I 8; XIX 721). Seine
Säftelehre wird der platonischen nahe stehen (Tim. p. 82 E u. ö.).
Die Atmung findet statt, um die dem Herzen eingepflanzte Wärme zu
lindern (Gal. IV 471; V 702). Würde auch die platonische Fieber-
lehre Philistion entlehnt sein, so hätte dieser die kontinuierlichen
Fieber auf das Feuer und von den intermittierenden die Quotidiana
auf die Luft, die Tertiana auf das Wasser und die Quartana auf die
Erde zurückgeführt. Das Klebkraut, cfdlaciov (s. Hippocr. ed. Fuchs
III 352 A. 80 = de nat. mul. 32), hat seine oben erwähnten Verdienste
um die Botanik der Nachwelt überliefert. Von dem ngyavov, Apparat
zum Einrenken, ist uns aus Oreibasios (coli. med. 49, 4 = IV 344)
nur der Name bekannt. Einen Bruder des Philistion unbekannten
Namens erwähnt Caelius (m. ehr. III 8 ; V 1). Eudoxos von Knidos, ^)
Sohn des Aischines, war Astrolog, Geograph, Arzt und Gesetzgeber
(Diog. Laert. 8, 90). Eusebios - Hieronymus setzen seine Blüte auf
Ol. 89, 2 = 42221 v. Chr. an, aber nach der sicheren Angabe im
Mathematikerverzeichnis bei Proklos (ed. Fried lein 66, 14 ff.), das
sich auf Eudemos von Rhodos stützt, kann er nur etwa 400 v. Chr.
geboren sein.-) Er starb 53 jährig 342 337. Er erwarb als Sophist
seinen Unterhalt auf Reisen nach Athen, -) Aegypten, Italien und
') Unger, Philologus L = N. F. IV 1891 S. 218 f. wird vielfach herichtigt
durch Susemihl, Rhein. Mns. LIII 1898 S. 626 ff.
*) Ich folgere so, von Proklos-Endemos ausgehend: Piaton geb. 427, Leodamas
geb. ca. 437, Neokleides geb. ca. 427, Leon, Schüler des letzteren, geb. ca. 407,
Eudoxos geb. ca. 406,400; Blüte des Philistion, den Eudoxos hörte, ca. 380 (geb. ca.
417) ; Reise nach Aegypten ca. 360 ; Tod des Endoxos im Alter von 53 Jahren 353/347 ;
Blüte nach dem Chron. pasch. 373 2, nach ApoUodoros 368/4, was hiermit gut har-
272 Robert Fuchs.
Sicilien, wohin ihn sein und des Philist ion Schüler Chrysippos, der
Sohn des Erineos (Diog. Laert. VIII 8, 3). von Knidos begleitete
(Philostr., Apoll. Tyan. 1, 32; von Wilamowitz-Möllendorff,
Antigonos v. Karystos 324 ff.). Seine Heimat Knidos widmete ihm wegen
seiner, vorzugsweise astronomischen, Verdienste und wertvollen AVerke
(Diog. Laert. 8, 89 ; Helm, Hermes XXIX 167 ff.) einen Ehrenbeschluss
(Diog. VIII 68). Chrysippos wurde ein bedeutender Arzt und Lehrer
der pneumatischen Richtung. Sein Sohn, Arzt und Mitverschworener
der Arsinöe, der ersten Frau des Ptolemaios I., wurde ca. 277 hin-
gerichtet (Diog. VII 186; Theoer. XVII 128 schol.). Sein Schüler
Aristogenes (s. unten) war Leibarzt bei Antigonos Gonatas (Gal. XI 252).
Andere Schüler von ihm waren der Lehrer des Erasistratos, Metrodöros,
und Medios (Gal. XI 252). Chrysippos zeichnete sich als xlnatom aus
(Gal. XV 135) und lernte in Aegypten die Droguen schätzen. Eines
seiner Werke handelte von den Gemüsen {negi ^.axävcov; schol. ad
Nicand. ther. 845; Plin. oft). Die Pflanze xQvoiTtTieiog verdankte ihm
ihren Namen (Plin. 26, 93; Garg. Mart. ed. Ptose 152, 14). Was die
Therapie betrifft, so untersagte er Fiebernden im Gegensatze zu den
Hippokratikern das Trinken. Als Hauptsymptom des Fiebers be-
zeichnete er die abnorme Pulssteigerung (Cael. Aur., libri respons. :
Rose, Anecd. II 226, 208). An Stelle des Aderlasses und der Abführ-
mittel, die er verwarf, wandte er, z. B. bei Plethora, Brechmittel,
Klystiere und Umbinden der Arme und Beine an. Wassersucht heilte
er durch Schwitzkästen oder „Fässer" (iy öiä ni&ov TtvQia). Die
Diätetik vervollkommnete er in einer besonderen Schrift (Porphyr,
reliq. ed. Schrader I 165; Cels. I praef. 2, 18). W^ahrscheinlich
stammen auch einige Rezepte von ihm (Cels. V 18, 30; Ruf. ed. Dar.-
Ruelle 6; Cael. Aur. m. ehr. 14; II 5). Um nicht nochmals auf
die verschiedenen Chrysippoi zurückzukommen, seien gleich noch die
anderen beiden hier angeführt. Der Schüler des Aethlios ^) (Diog.
Laert. 8, 89), von dem Augenmittel verbreitet wurden, ist nach W e 1 1 -
mann (378) der jüngere Chrysippos, der Enkel des Begleiters des
Eudoxos, nach meiner Ansicht aber der oben erwähnte Rhodier. Er
verfasste q>vaiy.d ^eojQrjinaTa = Physische Lehrfragen (Diog. a. a. 0.).
Chrysippos, der Anhänger des Asklepiades, im Canon Laurentianus
ohne Beiwort, schrieb de lumbricis = Ueber die Würmer (Cael. Aur.
m. ehr. IV 8 p. 537), mindestens 3 Bücher, ferner unterschied er
Lethargus und Katalepse (ac. m. II 10; 12; m. ehr. I 4; II 5). Ein
sonst nicht näher bekannter Chrysippos war Erasistrateer.
Diokles^) von Karystos, dessen Name in den Handschriften
vielfach verstümmelt ist (z. B. Dyodes), wurde von vielen ausge-
schrieben, so von Praxagoras, Piaton (Fränkel S. 30), Aristoteles,
moniert. Geburt des Chrysippos ca. 380; Hinrichtung des Sohnes des Chrysippos
von Knidos, des Chrysippos von Ehodos, durch Ptolemaios II. ca. 277, Geburt also
ca. 318. Chrysippos von Knidos mag um 340 den Metrodöros, der um 310 die Pythias,
Tochter des Aristoteles heiratete, in die Heilkunde eingeführt haben, um 310/8 den
Erasistratos. Ich teile also Wellmanns chronologische Bedenken nicht, die ihn dazu
führen, folgendes Stemma aufzustellen: Chrysippos, Sohn des Erineos, aus Knidos;
dessen Sohn Aristogoras; dessen Sohn Chrysippos, Lehrer des Erasistratos; dessen
Sohn Chrysippos von Rhodos (Hermes XXXV, 1900 S. 371 ff.).
^) Codex der Anecd.: Agrius, von Eose (a. a. 0.) verbessert.
^) Fabricius, Biblioth. Graeca XII 583 ff. (Harles); Fränkel, Dioclis Carystii
fragmenta quae supersunt, Berol. 1840; Grüner, Bibl. d. alt. Aerzte II 605 ff.
(deutsch); Kühn, Car. Gott!., De Diocle Carystio progrr. V, Lips. 1820; opusc.
II 86 if.; Hippocrate par Littre I 71. »
Geschichte dgr Heilkunde bei den Griechen. 273
Tlieoplirastos, Apollodöros dem lologen, Nikandros, Krateuas, Dios-
kurides, Sextius Nigros, indirekt von Plinius (bist. nat.). Gargilius
Martialis, Symeon Setli, dem lateinischen DioscorideSj Macer Floridus u. a.
Beziehungen zur Akademie, seine Erwähnung in den Canones medi-
corum Lambecii und bei Plinius (26, 2, 6): „secundus aetate famaque
exstitit", Celsus (I praef.; III 24; YII 5; VIII 20), Galenos (II 905;
XIV 683; XVIII, I 731 f. Bekämpfung des Ktesias), Caelius (chron.
IV 6), der Unterricht bei Philistion ( w. s.) und sein Widerspruch gegen
die offenbar noch nicht lange vorliegende pseudhippokratische Schrift
de diaeta weisen ihn dem ersten Teile des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu.
Er ist ein anderer als der jüngere Chalkedonier (Gal. XIII 87). Sein
Vater hiess Archidämos (Arcidä korrigierte Wellmann, Hermes
XXXV 1900 S. 369) und war Arzt (Gal. XI 472 ff.). Nicht nur als
Leiter der hippokratisch-dogmatischen Schule (XIV 683), sondern vor
allem wegen seiner Menschenfreundlichkeit (V 751) und seiner rheto-
rischen Schulung (XIX 530) erwarb er sich bei seinen Mitbürgern
den Namen eines „iunior Hippocrates". ^) Nach derselben Quelle muss
er, dem Beispiele des Hippokrates folgend. Reisen unternommen haben,
so nach Gaza und Athen. Dass er bei der Angabe des Produktions-
ortes der besten Gemüse ähnliche Reiseerinnerungen verwerte, lässt
sich ebenso gut leugnen wie versichern (Athen, p. 59 A). Seine in
attischem Dialekt abgefassten Schriften w'aren nahezu so vielseitig
wie die von ihm vielfach herangezogenen hippokratischen Schriften,
die er trotz der eigenartigen Numerierung (p. 104; 107; s. Rose,
Aristot. pseudepigr. 379 f.) durchaus nicht ediert zu haben braucht,
weil die Nummern ja auch in den von ihm benutzten Rollen gestanden
haben können. Auch die Physiognomonik (Licht und Sonnenlauf) als
Ausgangspunkt für die Prognosen scheint er mit ins Auge gefasst zu
haben (Gal. XIX 530). Er schrieb: 1. eine dvarourj = Anatomie (II
282; 716; 900 u. ö.); 2. TtaOvs, atria, O^egaTteia {F?Ltho\ogie, Aetiologie,
Therapie; XVIII, I 7 u. ö.; Cael. Aur. ac. m. I 12); 3. mindestens
4 libri curationum (Cael. Aur. m. ehr. I 4 p. 132); 4. vyuivd nobg
nlüoiaQyov in wenigstens 2 Büchern (Einleitung bei Gal. VI 455 f.), -)
gegen Pseudhipp. de diaeta die wahren Lehren des Hippokrates ver-
fechtend (Fred rieh);-) 5. nagt laxävcov = Gemüse {Gal. XVIIL I
712; XIX 89; Fredrich S. 187 A. 2); 6. qi^otoiuxöv = Wurzel-
schneidebuch, also augenscheinlich die älteste Pharmakologie ; '^) 7, negl
d^avagUuov (paQ(.ict'AOJv = Tötliche Gifte (Athen, p. 681 B; Nie. ed.
Schneider 97); 8. Ttgoyvcoavixöv (Cael. ac. m. II 10 p. 96); 9. nsgi
Tivgenöv = Fieber (Cael. ac. m. I 12); 10. TteQi yv(.ivaan/.fjg (nach Gal.
V 879 vielleicht keine selbständige Schrift); 11. :n:€Ql Tteipeiog (rtgay-
^) Den Namen des Octavius hat der Herausgeber Heremannus comes a Neüenar
(Octavii Horatiani rerum Medicarum Lib. Quatuor etc., Argent. 1532) eigenmächtig'
eingesetzt. Weil die Schrift in der einzigen (Brüsseler) Handschrift hinter Theodoros
Priscianus steht, wurde sie auch diesem beigelegt. Dass aber des letzteren Lehrer
Vindicianus der Verfasser sei, lehrt die Vergleichung des Textes mit den Excerpten
aus den Gj^naecla des Vindicianus (Theod. Prise, euporiston libri III ed. a. Val.
Rose, Lips. 1894 p. 426 ff. ; 448 f. Anm.). Dass in dieser Schrift fast durchweg
Diokles zu Grunde liege, zeigen Rose, Aristot. pseudepigraphus 379 f.; Diels,
Doxogr. Graeci 185; 435 Anm.
2) Gal. XIX 89; Athen, p. 61 C; 320 D; Orib. öfter; Fredrich, Hippokrat.
Untersuch. 171 ff.
') Well mann. Das älteste Kräuterbuch d. Griech., Festgabe f. Susemihl
1 ff.; 29 ff.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 18
274 Eobert Fuchs.
fiaTsia) = lieber die Verdauung (Fuchs, Anecd., Ehein. Mus. 49,
547);*) 12. einen über de egestionibus = Entleerungen (Cael. 1. 1.);
13. xai' iargelov = Aerztliche Werkstätte (Chirurgie; Gal. XVIII, II
629; 666); 14. nsgl kjtidtoiaov = Verbandlehre (XVIII, I 519);
15. "AQxLdaf.ioQ, zu Ehren seines Vaters so benannt, wenngleich er
dessen trockene Friktionen missbilligte (Gal. XI 472 if.); 16. de igni et
aere = Feuer und Luft (Vind. 1. 1.); 17. wenigstens 3, vielleicht 12
Bücher ywmxela = Gynäkologie (Sor. II 2; 53; 85). Unecht ist die
€7ciorolr] rtoocpvla-AUY.ri an König Antigönos, aus Paul. Aegin. in Fabricius
(1. 1.) übernommen, und der Brief an Pleistarchos (Kühn opusc. med. II
115). Dass er Hippokrates kommentiert haben soll, ist nicht zutreffend;
er hat das Corpus nur oft verwendet, namentlich wohl im progn. Er
war ein tüchtiger Anatom (Gal. II 282; 716; XV 135 f.), wennschon
ihn Aristoteles nicht kennt und er nicht der erste anatomische Autor
war, da die Hippokratiker und Demokritos ihm vorausgegangen waren.
Des Galenos Tadel (II 900) passt nicht recht auf seine verdienstvollen
Betrachtungen der Lunge und des Herzens (Fuchs 541; Cael. Aur.
ac. m. II 28), der nögoi (Gänge) zwischen Gallenblase (xo?.rjööxog ■/.voug)
und Leber (Fuchs 554), der ßlinddarmklappe (Vind.), der Ureteren
und des Pförtners (Gal.). In den erhaltenen Citaten sind die 4 hippo-
kratischen Säfte, Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle, nachweisbar.
Die Seele hat ihren Sitz im Herzen (Fuchs 543), und zwar in dem
eingeborenen psychischen Pneuma der wohl blutleeren linken Kammer.
Von dieser Centrale gehen die beiden Adersysteme aus, das der xoilrj
(pVeip und der na%aa aQTr^oia = Aorta. Die Aorta ist blutgefüllt, ent-
hält aber auch zum Gehirne aufsteigendes Pneuma (Fuchs 523 ff".).
Die Adern führen Blut und Pneuma, die Arterien wahrscheinlich mehr
Pneuma, die Venen mehr Blut. Die sinnliche Wahrnehmung verlegt
er in die rechte, den Verstand in die. linke Hirnhemisphäre (Vind.).
Die Atmung dient zur Abkühlung der angeborenen Wärme und zur
Ergänzung des Pneuma (Gal. IV 471). Die Wärme bewirkt auch die
Verdauung, nach deren Eintritt die Leber mit der Blutbereitung ein-
setzt (Fuchs 556). Die Ueberschüsse gehen nach Darm und Blase,
aber auch als Schweiss und Ausdünstung ab (Gal. XI 472). Krank-
heitsursachen sind das gestörte Verhältnis der 4 Qualitäten oder äussere
Einwirkungen (Di eis, Dox. gr. 441; 443). Die Lehre von dem Fieber
{irtiyevvrjjLia = Nebensymptom ist es ihm bloss; Gal. XIX 343) wird
der des Philistion entsprochen haben (Cael. Aur. ac. m. II 10). Die
Intermittens erschien ihm gutartiger als die Continua. -) Die Phrenitis
hielt er für Zwerchfellentzündung, denn dort sitze der Verstand.
Kräftige Patienten liess er baden, jungen kräftigen Phrenitischen
zapfte er Blut ab, ebenso Vollblütigen und Weintrinkern. Der Ader-
lass erfolgte am Arme und unter der Zunge. Bei Lethargus hat
das abgekühlte seelische Pneuma um Herz und Gehirn das dort be-
findliche Blut fest werden lassen; die Kranken dürfen nicht baden,
sondern müssen scharfe Arzneien, Abreibungen und Niesmittel an-
wenden. Die Katalepse nannte er Aphonia.- Epilepsie und Apoplexie
werden durch Verstopfung der Aorta mit Schleim verursacht; dann
^) Diese Anecdota sind eine wichtige doxographische Quelle für Hippokrates,
Diokles, Praxagoras und Erasistratos und daher namentlich zu den letzten drei zu
vergleichen.
2) S. Cael. Aurel., ac. m. II 10 p. 97.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 275
kann das Pneuma nicht hindurch. Bei Angina wird verordnet : Ader-
lass, bei Blutarmen Schröpfen, Einreiben mit Ochsengalle und Kräuter-
auszügen, Gurgelwässer, Belegen der Höhle unter der Zunge mit
Pfeffer, Auflegen warmer Schw^ämme und Wachspasten auf den
Hals u. s. w. Tetanus heilen Diuretica. ^) xoQÖaipog = Dünndarm-
verschluss und Ileus = Dickdarmverschluss werden zuerst unter-
schieden. Da die Manie auf „Kochung des Herzblutes ohne Ver-
stopfung*' zurückgeht, so sind Kühlmittel anzuwenden. Der durch
Leber oder Milz verursachte Hydrops zerfallt in dvd ooq/m und daxitrjg;
ist das Scrotum leukophlegmatisch gefüllt, so sagt er vögcuma/ttög. Ab-
gehende Würmer hält er im Gegensatze zu den Hippokratikern für
ein durchaus nicht etwa ungünstiges Zeichen. Bei der Pneumonie,
die er von der Pleuritis schied, sollen die Lungenvenen erkrankt sein.
Zum Ausziehen breiter Wurfgeschosse erfand er ein Brett mit Haken,
Jio/liovg ygacpia-Äog (Cels. VII 5). Seine Diätetik (Orib. III 168 ff.) giebt
Vorschriften für jede Tagesstunde, für Morgenspaziergang, Waschen,
Zähneputzen, Lagerung, Sommer und Winter, Wanderungen (VI 69). *)
Erbrechen verwirft er. Bei übermässigem Coitus werden Blase, Nieren,
Lunge, Augen und Rückenmark geschädigt (III 181). Eine besondere
Binde, axacpiov rf ^öÄog = „Trögehen oder Kuppeldach", erwähnt
Orib. IV 289. Seine gynäkologischen Lehren sind ebenfalls nur in
Trümmern auf uns gekommen. Die Frauen leiden zufolge ihres be-
sonderen Baues an besonderen Krankheiten (Sor. II 2). Die Menses
fallen bei allen genau in dieselbe Zeit, dauern bis zum 60. Jahre und
zeigen von der Geschlechtsreife bis zum Climacterium ein gleichmässiges
Ansteigen und Abfallen (I 4, 21). Fruchtbarkeit wii'd daran erkannt,
dass Hüften und Weichen fleischig und breit sind und Sommersprossen,
rotblondes Haar und männliches Aussehen vorgefunden werden. Wenn
der Duft von Scheideneinlagen aus Harz, Raute, Knoblauch oder
Koriander im Hauche wahrgenommen wird, liegt Fruchtbarkeit vor.
Sterilität wird verraten durch: Magerkeit, Dürre, Fettansatz, hohes
oder sehr geringes Alter (I 9, 35), Schiefheit des Uterus, wie er von
Sektionen an Mauleselinnen abnahm (Gal. XIX 329); sie tritt ein,
wenn kein oder zu wenig Sperma ejakuliert wird, im Körper eine der
4 Qualitäten überwiegt oder der Uterus erschlafft ist (Plut.). ^) Beim
Embryo sind am 9. Tage Blutpunkte, am 18. Bewegung des Herzens
und am 27. schwache Spuren von Rückenmark und Kopf in einer
schleimigen Membran erkennbar (Orib. III 78). Spontaner Abort
kündigt sich durch Frost in den Schenkeln und Schweregefühl im
Becken an (Sor. I 18, 59). Dystocie stellt sich bei erstgebärenden,
sehr jungen, leukophlegmatischen und „hitzigett" Frauen ein. Ursachen
sind: nicht gerade Stellung, Verhärtung, Verschluss oder Widerstand
des orificium uteri, Grösse, mangelhafte Ausbildung oder Tod der
Frucht (II 17, 53). Bei Prolaps treibt er Luft in den Uterus und
legt nach dessen Aufrichtung geschälte und in Essig getauchte Granat-
äpfel ein (II 31, 85). Sein QiCozof^uöv, von dem wir 4 Bruchstücke be-
sitzen, *) ist die Bibel aller griechischen und römischen Nachfolger
') Arzneitränke s. bei Orib. IV 565.
*) Gegenüberstellung von Diokles bei Oreibasios und Psendhippokrates de diaeta
bei Fredrich 197 ff.
") Kleinwächter bei Rohlfs, Deutsch. Archiv f. Gesch. d. Medic. u. med.
Geogr. VI 1883 S. 267.
*) Wellmann a. a. 0.; vgl. Janus IV 1899 S. 28.
18*
276 Robert Fuchs.
geworden. Die bei Theophrastos und Dioskurides beigefügten populären
Synonyma sind grossenteils schon bei Diokles aufgezählt gewesen.
Nach den Bruchstücken zu urteilen, gab er auch den Standort, die
Art des Ausgrabens, die Aehnlichkeit mit verwandten Pflanzen, den
Nährwert, die Eigenschaften und Wirkungen, besonders in medizinischer
Hinsicht an. ^) Auch der Mineralogie schenkte er seine Aufmerk-
samkeit.
Praxagoras^) von Kos, Sohn des Nikarchos (Gal. IV 471; VI!
584), ist ein anderer als der auch lif-uxidag genannte Vater des syraku-
sischen Idyllendichters Theokritos. Gercke, Rhein. Mus. XLII 602;
Knaack, Hermes XXIX 474 wollen beide identifizieren. Er lebte
gleichzeitig mit Diokles (Gal. II 905; XIV 683; Geis. I prooem.) und
wird in dem Canon medicorum Laurentianus und dem von Gramer
und Lambecius mit aufgeführt. Die Blütezeit des nur wenig jüngeren
Zeitgenossen des Aristoteles mag um 340/320 fallen. Als Haupt
der Dogmatiker löste er seinen Lehrer Diokles ab (Gal. XIV 683),
dem er an Einsicht nicht nachstand (Euf. 220 Ruelle). Seine Schriften
bezogen sich auf Anatomie (Gal. XV 135; Hom. IL X 325 schol.
BD), wobei er u. a. für Pleuritis auch pathologische Befunde mit-
teilte (Fuchs 545), Diagnostik, diacpogal rwv ö^eiov (Unterschiede
der akuten Krankheiten), wovon die Abhandlung über die Symptome
(eTtiysvö/iuva) wohl ein Teil war; wenigstens 4 Bücher waren de
curationibus, wenigstens 3 ^sgi vovgcov = de morbis, wenigstens 2 de
peregrinis ) passionibus betitelt (Gael. Aur. ac. m. II 10 p. 96) ; ferner
schrieb er cpvaiy.a, ovveÖQEvovxa = Folgekrankheiten (?), de planus
und eine Arzneimittellehre. Galenos (VI 511) berichtet uns, dass
Praxagoras des Diokles Diätetik zu vervollständigen suchte, während
ihn wieder Philotimos ergänzte (Fredrich, Hippokrat. Untersuch.
174 ff.). Er gilt Galenos trotz aller Lücken (a. a. 0.) als der wirk-
liche Sachverständige gegenüber Herodikos in gymnastischen und diä-
tetischen Fragen. Ob er der Verfasser der pseudhippokratischen
Coac. sei, wurde oben unter Nr. 47 mit dem nötigen Vorbehalte be-
urteilt. Den Unterschied der Venen und Arterien (Aorta = Ttaxela
aQTTqQia: Fuchs 542 u. ö.), der sich bei Hippokrates bereits ange-
deutet fand, hat er klar hervorgehoben und für die Pulslehre ver-
wertet. Keineswegs hat er jedoch, wie Galenos annimmt (V 561;
VII 702), den Puls entdeckt (Hippocrate par Littre I 225 ff.). Der
gewöhnliche Puls, ocpvy/iidg, geht bei Krankheiten in den 7taXf.iög ==
Hämmern über, dann in den rgöf-iog = Zittern (Ruf. ed. Daremb. 220 ;
Aristot. I 479 b 21). Ihm gelten die Arterien als nur lufthaltig, die
Venen als nur blutgefüllt. '^) Darin folgte ihm die Stoa. Die Körper-
wärme erklärt er für erworben, eTtUrrjrov (Gal. VII 614). Den Sitz
der Fieber verlegte er in die Hohlvene, zoilr] cpliip. Trotz der Ver-
wechslung von Nerven, Sehnen und Blutgefässen scheint er die Eigen-
schaft der Nerven als Vermittler der Empfindung erkannt zu haben;
das Centrum dieser Empfindung ist das Herz (Gal. V 187 f.). Das
i)Berendes, Apotheker-Ztg. 1899 Nr. 15 f. (S.-A. S. 10 f.).
^) Gar. Gottl. Kühn, De Praxagora Coo programma III, Lips. 1823; opiisc.
acad. et med. pathol., Lips. 1828 p. 128 ff. — Ein phantastisches Büd von ihm wie
von den meisten anderen Aerzten enthält nach einer brieflichen Mitteilung von
Dr. Piasberg ein cod. Bononiensis ; cf. Uli vi er i, Studi italiani di filologia classica
III 1895 S. 454.
^) Fredrich, Hippokrat. Untersuch. S. 78.
Geschichte der Heilknude bei deu Griechen. 277
Eückenmark besitzt im Gehini ein Anhängsel (Gal. III 67), Er
nahm 11 Säfte an, die er als süss, gleiehmässig gemischt, glasartig,
sauer, laugig, ^) salzig, bitter, lauchgrün, eigelb, schabend und stockend
bezeichnete. Die Phrenitis deutete er als Herzentzündung. -) Bei
Lethargus gab er unausgesetzt Getreideschleimsaft, daneben scharfe
Kly stiere, Wein mit Kräuterauszügen, und die Füsse hielt er
warm. Die Epilepsie u. a. erklärte er wie Diokles durch Verstopfung
der Aorta bezw. Arterien mit Schleim. Kataleptische Zustände nannte
er -^cofiaTwör^g = komaartige Krankheit. An den sie begleitenden
Fiebern leiden Sklaven mehr als Freie. Plötzliche Nahrungszufuhr
bringt auch anscheinend Genesenen leicht den Tod. Bei Pleuritis
soll die Lunge krank sein ; er behandelte sie daher gleich der Lungen-
entzündung. Bei A ngina gab er Klystiere und Seh weissmittel ; er Hess
zur Ader, erzeugte Erbrechen, schnitt das Zäpfchen ein und legte
Pech auf. Manie soll eine Herzgeschwulst zur Ureache haben. Bei
Ileus Hess er auf Rettigsaft erbrechen ; durch Pressen der Eingeweide
mit der Hand quälte er die Patienten furchtbar; half dieses nicht, so
schnitt er zur Entfernung des Kotes den Dickdarm oder Leib auf und
nähte ihn dann zusammen. Bei Hämorrhagie und Hydrops gab er
kräftige Diuretica, bei Phthisis Nieswurz. Unter seinen Schülern
zeichneten sich aus Xenöphon, Pleistonlkos, Philotimos, Mnesitheos und
Herophilos.
Xenöphon von Kos, „Schüler des Praxagoras", bei Diog.
Laert. II 59 der Dritte dieses Namens, behauptete nach einem Scholion
des cod. Paris, graec. 2255 (= Erot. 7, 20 ff.) zum hippokratischen
progn. (Littre I 75), „dass die Art der kritischen Tage göttlichen Ur-
sprunges sei; so, wie die Dioskuren, sagt er, wenn sie vor den Augen
der vom Sturme heimgesuchten Matrosen erscheinen, ihnen durch ihre
göttliche Gegenwart Rettung bringen, entreissen die kritischen Tage
häufig den Kranken dem Tode". Ein Erasistrateer gleichen Namens
hat nicht existiert. Er pflegte die anatomische Nomenklatur (Gal.
XIV 699 f.). Das von Chrysippos aufgebrachte Umbinden der Glieder
anstatt des Aderlasses verteidigte er, so bei Blutspeien (Cael. m. chron.
II 13 p. 416). Hysterische Anfälle verstand er zu heilen (Sor. II 29). —
Pleistonlkos war ein guter Anatom (Gal. XV 135 f.). Er erklärte die
Verdauung nicht für Kochung. sondern für Verfaulung (Geis, praef 4)
und nannte das Wasser verdauungsförderlicher als den Wein (Athen. II
p. 45 D). Er schrieb u. a. über Säfte, aber ob in einem besonderen Buche
7rsQl xv(.uov (Susemihl, Geschichte d. giiech. Litt, in d. Alexandriner-
zeit I 781 A. 26), steht dahin. Rezepte findet man bei Galenos,
Plinius und Oreibasios; Plinius führt ihn zu Buch 20—27 als Quelle
auf — Philotimos findet sich in dieser Schreibweise, nicht als
Phylotlmos (so Athen, ed. Kaibel I p. XL f.), in den Canones medi-
corum und sonstigen mir bekannten Handschriften. Seine Blütezeit
wird etwa 290 v. Chr. angesetzt werden können. Er schrieb nicht
unter 13 Büchern neql zQOfpfjg = über Ernährung (Athen. III p. 79 Äff.),
unter dem Titel oipaQTVTixvv == Gemüsebuch (VII p. 308 f; Orib. I
182 ff.; 299 f; 429 ff ; Gal. VI 507 ff ; 720 ff u. ö.), ferner xm' irjtQ€lov =
^) virocoSris = wie Soda. Aus Eiif. de appell. part. corp. hum. 226. Mit den
Säften gaben sich seine Schüler als Schriftsteller ab: Well mann bei Susemihl,
Gesch. d. griech. Litt, in d. Alexandrinerzeit, Lpzg. 1891, I 780.
*) Fuchs, Anecd. med. Graeca 540 ff. und Cael. Aur. liegen der Pathologie zu
Grunde.
278 Robert Fuchs.
Aerztliche Werkstätte (Geis. 8, 20; Gal. XVIII, II 629; 6.66) und wohl
auch TtsQi xv(aGjv = lieber Säfte (V 104 f. ; 346 ; 685). Das Gehirn er-
klärt er für unnütz (Gal. III 625). Bei Pleuritis ist die Lunge er-
krankt; bei Epilepsie weist Caelius seine nicht näher bezeichnete
Therapie zurück. Einen Anatomen nennt ihn Galenos XV 135 f.
Herakleides von Taras benutzte den Philotimos bei der Besprechung
der Eeponierbarkeit des luxierten Femur (Gal. XVIII, I 731; Gels.
VIII 20). Die Tuben, die Diokles Ksgalat = Hörner, Praxagoras'
Anhänger mit Philotimos ^ölitoi = Busen nannten, soll er beschrieben
haben, denn entdeckt waren sie schon (Gal. II 890). — Mnesitheos von
Athen scheint auf einem Votivrelief, auf dem „Mnesitheos, der Sohn des
Mnesitheos" neben „Epeuches und Diakritos, den Söhnen des Dieuches"
als Dedicant verzeichnet ist, verewigt zu sein. ^) Er mag bald nach
Praxagoras gewirkt und noch vor Philotimos geschrieben haben.
Galenos lobt ihn als „in jeder Beziehung tüchtig", auch als treiflichen
Anatomen (XV 135 ; Orib. III 23 ff.). Die Hauptregel seiner medi-
zinischen Encyklopädie lautet: „Die Medizin erhält die Gesundheit
durch Aehnliches, heilt die Krankheit durch Entgegengesetztes". -)
Die Schrift Ttegl EÖsaxibv = über Nahrungsmittel citiert Athen, dipn.
VIII p. 357 A u. ö., Fragmente bei Oreibasios. Ein Bruchstück daraus
in 16 lamben trägt den Titel Tteqi olvov = über den Wein.^) TceQl
Ttaiöiov rqocpfig oder vrjTCioTQocpiyiög = „Kinderernährung" hatte Brief-
form und war an Lykiskos gerichtet (Orib. III 153 f. schol. = III 682).
Plinius verwertete des Mnesitheos Diätetik (Index zu XXVII), Athenaios
seinen Brief ^rtsQi y.iod-coviai^tov = lieber das Zechen (XI p. 483 F).
Das Versiegen der Milch wollte er durch Erbrechen heilen (Sor. I 35,
97). Die Mädchen sollen, weil sie schwächer seien, 6 Monate später
entwöhnt werden (I 41, 117). (.ivTqoL&eog ist der Name der Kronen-
wucherblume, ßovcpd-al(.iov (Diosc, III 146 p. 485). — Dieuches von
Athen, ebenfalls Dogmatiker (Gal. XI 163), dessen Erwähnung auf
einer Dedikation eben berührt wurde, zeichnete sich aus in der Ana-
tomie (Gal. XV 135), pharmakologischen Therapie (XI 795) und
Diätetik, u. a. für Seefahrende (Orib. V 231 u. ö.). ^) Die empedo-
kleische Lehre von den Elementen teilte er mit Diokles und Mnesitheos
(X 462). Unter seinen Schülern ragte hervor Numenios von Herakleia
durch seine dichterischen akLEvti/.d = über Fischfang, das öslTtvov =
"Gastmahl, die öipaqTVTiy.a (Suid. s. Tii-iaxLdaq) und die dnqQLaY.<x = über
(schädliche) Tiere, besonders Schlangen.^) Gelsus (V 18, 35; 21, 4)
erwähnt je ein Eezept für Arthritis und Metritis. — Menokritos
aus Samos, möglicherweise der Sohn des Metrodoros, erhielt von der
Volksversammlung der Insel Karpäthos ein Ehrendekret wegen un-
eigennütziger Hilfeleistung bei einer Seuche. ®) — Euenor von Argos
^) Bulletin de correspond. hellenique II 88; 70. Versamml. deutsch. Naturf. u.
Aerzte zu Düsseldorf 1898. Hist. Ausstellg. f. Naturw. u. Medic. S. 21 Nr. 91.
2) Dietz, ApoUonii Citiensis etc. scholia I 239; Littre I 77.
*) Poetarum de re physica et medica reliquias collegit U. Cats Bussemaker,
Paris 1851 ; vgl. Athen. II p. 36 A; Eustath. p. 1624, 34.
*) Well mann bei Susemihl I 812 bringt Ausführlicheres.
^) 23 meist hexametrische Bruchstücke s. Poet, de re phys. et med. rell. coli.
Bussem. II 87 ff.; Wellmann, Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. CXXXVII 1888
S. 153.
*) Wescher, Texte et explication d'un decret en dialecte dorien provenant de
nie de Carpathos. Kevue archeol. Paris 1863 S. 469 ff.; Cannstatt's Jahresber. II
1864 S. 5.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 279
in Akarnanien endlich, der, wie Chrysippos von Knidos, das Fieber
als abnorme Steigerung der eingepflanzten Wärme definierte, wurde
322/1 V. Chr. durch die Volksversammlung in Athen durch einen Kranz
und das erbliche Bürgerrecht ausgezeichnet, weil er ein Talent zur
Errichtung eines latreion gespendet hatte (Rhangabe, Antiquites
helleniques II 1855 Nr. 377 f.; Curtius, Götting. gel. Anzeigen 1856
Nr. 196; v. Wilaraowitz- Möllendorff, Hermes XXII 240 A. 1;
W e 1 1 m a n n , Hermes XXIII 559 f. A. 6). Caelius (m. ehr. III 8 p. 478)
citiert das 5. Buch curationes, d. i. d^egaTtevrixcc. Ferner schrieb er
über die Wirkungen der Arzneimittel (Athen. II p. 46 D; Plin. 20,
187; 191; 21, 180). Das Cisternenwasser bevorzugte er (Athen, a. a. 0.;
Plin. 31, 31 ; 34). Zerstreute Notizen über Feststellung der Konzeptions-
fähigkeit, Prolapsus uteri und Verhaltung der Nachgeburt überliefert
Soranos von ihm, Galenos rühmt ihn als Augenarzt, dfp&aX^uixög.
26. Die Philosophie des Piaton und Aristoteles. Theophrastos und
Menon. Straton von Lampsakos, Eudemos, Klearchos, Kallisthenes.
1. J^ichtenstädt, Piatons Lehren auf d. Gebiete d. Naturwiss. u. Heil-
kunde, Lpzg. 1826. — ■■ 2. Philippson, Tlr; dvd-pcomvr;, Berol. 1831. — 3. Poschen-
rieder, Die piaton. Dialoge in ihr. Verhältnisse z. d. hippokratischen Schriften.
Beil. z. Jahres-Bei-ichte d. Stud.-Anst. Metten für 1881182, Landshut 1882 {Litteratur
das. S. 16 f. A. 3). — 4. Schleiertnncher, Ueb. Piatons Ansicht v. d. Ausübung
d. Heilkunst. Gesammelte Werke III 3 S. 286 ff. — 5. Sprengel, Plato ü. Geistes-
zerrüttung. Nasse''s Ztschr. f. psychische Aerzte 1818. — 6. Tininios übersetzt in
Henschels Janus II 425 ff. — 7. ßaeumker, Des Aristoteles Lehre vom äusa.
u. inn. Sinnesvermögen. Diss. Münster 1877. — 8. IHels, Medizin i. d. Schule des
A. Delbrücks Preuss. Jahrbb. LXXIV, Berl. 1893 S. 412 ff. — 9. Emminger,
Die nosokratischen Philosophen imch d. Bei-ichten des A. Preisschrift, Würzburg
1878. — 10. Geoffroy, L'anat. et la physiol. d'Aristote, These, Paris 1878. —
11. HeHling, Materie u. Form u. d. Definition d. Seele bei A., Bonn 1870. —
12. Landmann, Die physiol. Anschauungen des A., Diss., Gi-eifstcald 1890. —
13. Hippocrate par Littre \II1 4 ff. — 14. Neuhäuser, J..' Lehre v. d. sinnl. Er-
kenntnissvermögen u. sein. Organen, Leipz. 1878. — 15. Peyrani, La biologia nelV
epoca Aristotelica, Parma 1886. — 16. üohlfs. Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic.
u. s. w. III 470 ff. — 17. Aristoteles j)seudepigraphus ed. Val. Rose, Lips. 1863. —
18. Volprecht, Die physiol. Anschauungen des A., Diss., Greifsw. 1895. — 19.
Theophrasti Eresii opei-a omnia ed. Wininier, 3 Bb., Paris 1854 ff. (mit lateinische)-
TJebersetzung). — 20. Grüner, Bibl. d. alten Aerzte II 581 ff. — 21. Kirchner,
Die bot. Schriften des Theophrast v. Eresos, Leipz. 1874. — 22. Richter, Die bot.
Schriften des Th. Jahrbb. f. Philol. Suppl. VII 449 ff. — 23. Stadler, Theophrast
u. Discorides. Abhdlgen. W. v. Christ dargebr. v. seinen Schul., Münch. 1891. —
24. Usener, Analecta Tlieophrastea, Diss., Lips. 1858; Rhein. Mus. XVI 259 ff.
Die Ideenlehre des grossen Piaton (7. Thargelion = 26./30. Mai
427 — 347 V. Chr.) als solche hat auf die Entwicklung der Medizin
nur wenig Einfluss ausgeübt, jedenfalls sehr viel weniger als der
aristotelische Realismus. Zudem hat Piaton viel mehr die ärztlichen
Forschungsergebnisse anderer geschätzt und für sein System verwertet,
als er diese Studien selbst förderte. Sagt doch Galenos nachdrücklich,
dass er sich überhaupt nicht mit der Heilkunde selbst abgab (V 696).
Das aber, was er den Aerzten, vor allem Hippokrates und Philistion,
entlehnte, gehört eher in eine philosophische als medizinische Erörte-
rung seiner Theorien.
Soweit Piatons Philosophiesystem für uns in Frage kommt, ist
Folgendes festzustellen. Das Wesen der Dinge erkennt Piaton in
ihrer Form, Idee {iöea = €ldog), die allein in Wirklichkeit existiere;
280 Robert Fuchs.
die sinnlich wahrnehmbare Form der Dinge sei der Täusclmng und
dem Wandel unterworfen, zwischen Sein und Nichtsein schwebend,
nicht wirklich seiend. Der Begriff sei also das unveränderliche Ur-
bild alles Veränderlichen; für jede Gruppe gleichartiger Dinge gebe
es daher nur eine Idee, und so nennt er diese eine Idee eine Monade.
Die Materie ist ihm der Eaum, in dem sich die Dinge darstellen,
falls die Ideen eine Vereinigung mit ihnen eingehen; denn nur dann
können die in Wirklichkeit nicht existierenden Dinge, die Schatten
{sXdioXa) und Abbilder der einzig existierenden Begriffe, überhaupt
sinnlich wahrgenommen werden. W i e aber dieses Teilhaben der Dinge
an den Ideen zu denken sei, darüber hat Piaton keine Aufklärung
gegeben. Es ist ein Zwiespalt zwischen der sinnlichen und unsinn-
lichen Welt, den er zu lösen weder versuchte, noch vermochte. Ver-
mittler zwischen beiden Welten ist die Seele. Der Physik oder Natur-
lehre hat Piaton nur den Timaios ^) gewidmet, den er in hohem
Alter schrieb. Der Demiurg schafft die Weltseele nach der Idee des
Lebewesens (avrotCoov) aus der formlosen Masse des Chaos. In diesen
Weltseelenraum stellt er die zu 4 Elementen gewordenen chaotischen
Teile hinein, die uns nun als existente Dinge erscheinen. Diese ganze
Einkleidung ist so mythisch angelegt, so unklar in ihren einzelnen
Phasen, dass es unmöglich erscheint, zu sagen, wieviel Mythus und wieviel
Weltanschauung Piatons ist. Die Lebewesen zerfallen in 4 Klassen,
Götter, Luft-, Wasser- und Erdbewohner. Die Seele des Menschen
sitzt in dem vollkommen d. i. kugelig gestalteten Gehirn. Ihr Feuer
stösst mit dem äusseren Feuer zusammen, und sie sieht u. s. w. Das
eigentliche Wesen der Seele liegt in ihrem vernünftigem Teile, to
XoyiGTixöv, dessen Sitz der Kopf ist. Ihr sterblicher Bestandteil zer-
fällt in den Mut, to S-v/^ioeiösg, dessen Sitz die Brust, und die Begierde,
To t7tid^v(.iriTLY.6v, dessen Sitz der Bauch ist (Tim. p. 69 CD; 72 D;
Phaedr. p. 246). Hinsichtlich der Medizin steht also Piaton durchaus
auf den Schultern der Aerzte und der älteren Philosophen. Die ge-
legentliche Verurteilung dieser Disziplin als Charlatanerie ist von
seinem hohen idealen Standpunkte und von dem marktschreierischen
Gebaren der latrosophisten und Scheinärzte her wohl begreiflich, ja
berechtigt (4). Von der wahren menschenfreundlichen Heilkunde, die
nicht schwätzt, sondern handelt, und besonders von dem ihm kon-
genialen Hippokrates denkt er genau so erhaben wie alle anderen
einsichtigen Beurteiler (resp. I p. 331 E; 346 A; VIII p. 567 C;
Charm. p. 165 C; Prot. p. 311 B; Phaedr. p. 269 ff.). Nach letztge-
nannter Stelle hängt die echte Heilkunst von gründlicher Kenntnis
des Körpers ab, diese wieder von eingehendster Einsicht in das Wesen
der Natur, des Alls: ohne Naturbeobachtung keine Medizin. „Der
wahre Künstler (rex^txdg)", umschreibt Fredrich^) den schönen Ge-
danken, „muss das Wesen eines jeden Dinges genau kennen, muss
wissen, ob es einfach oder vielgestaltig ist, das Vielgestaltige in Ein-
faches teilen und alles Einfache untersuchen, worauf und wie es
wirkt und wovon und wie es leidet." Als Zeugen für diese idealste
Auffassung der Heilkunde nennt er Hippokrates, jedoch, wie bei de
nat. hom. gezeigt, nicht eine einzelne bestimmte Stelle, sondern sein
^) Vgl. den wichtigen Kommentar des Chalkidios hierzu.
^) Hippokrat. Unters. 1 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 281
ganzes System.^) Darum legt er grossen Wert auf anatomische Unter-
suchungen. Der Demiurg schuf die Sehnen (veüga) durch Mischung
von Knochen und Fleisch, wie schon die Mischfarbe Gelb aus Weiss
und Rot anzeigt (Tim. p. 74 D ; 82 D). Ihr Zweck ist das Zusammen-
halten und Bewegen der Gelenke, daher ist der Kopf davon frei
(75 CD; 77 E). Das Herz ist die Verknotungsstelle der noch nicht
unterschiedenen Adern, die entweder der Leber- oder Milzader zuge-
hören, und die Quelle des kräftig durch alle Glieder getriebenen
Blutes (70 AB). Es wird abgekühlt durch die schwammigen Lungen,
die das Ttrev/na und die Getränke aufnehmen (70 CD); der Luft wegen
führen die Kanäle (dx^rol) der Luftröhre (ccQrrjQia) nach der Lunge.
Das Getränk wandert durch die Lunge nach den Nieren und der Blase
hinab (91 A). Ein Teil der Nahrung allerdings gelangt durch die
Speiseröhre (aTÖf.iayog) in die Bauchhöhle (y.odia; 73 A; 78 AC; 79 A).
Die Leber ist dicht, glatt, glänzend und süss und enthält Bitteres
= Galle; sie gestaltet das aus dem Kopfe Herabkommende durch
ihre süsse und bittere Eigenschaft entsprechend um. Zu ihr gehören
die loßoi- = Lappen . öoyol = Behälter und m'/at = Pforten (71 A flf.).
Die hohle Milz speichert die durch Krankheit erzeugten Unreinlich-
keiten auf; daher schwillt sie bei Kranken und geht sie bei Gesunden
zusammen (72 C). Knochen und Weichteile sind aus dem Marke bezw.
dem Blute hervorgegangen. Die Knochen schützen das Mark vor
Temperaturstörungen. Der edelste Teil des Markes bildet die Samen-
bereitungsstätte, das Gehirn. Das im Pneuma aufgenommene Feuer
kocht (d. i. verdaut) die Speisen. Die gewundenen Därme verzögern
deren Austritt. Die Ernährung des Körpers besorgt das Blut. Der
Tod besteht in der Scheidung der Seele von der Materie. In patho-
logischer Hinsicht sind zu beachten: alle Veränderungen (inetaßoXai),
von aussen kommende oder selbstverschuldete (leg. VII p. 797 E f. ;
resp. III p. 404 AB; leg. V p. 705 D von Hipp, de aere aq. loc. ab-
hängig), ferner, wie Philistion lehrte, jeder Ueberfluss, Mangel oder
Ortswechsel von Pneuma, Schleim und Galle (Tim. p. 94 D) ; Unmässig-
keit in der Ernährung und im Geschlechtsgenusse u. s. w. (Prot,
p. 353 ; Gorg. p. 518 ; resp. p. 404 u. ö.). Unzählige Krankheiten ent-
stehen z. B. dadurch, dass die Kanäle der Luft durch Flüsse verstopft
werden, weil dann die abgesperrten Teile faulen (Tim. p. 84 D). In
das feste Fleisch eindringende Luft verursacht Schmerzen, d. i. wohl
QijyjiiaTa, Zerreissungen (Tim. p. 84 E vgl. m. Poschenrieder S. 42).
Tetanus und andere Krämpfe ruft ebenfalls die Luft hervor, nämlich
wenn sie sich um die Nerven und die in deren Umgebung gelegenen
Aederchen herum anschoppt ; Fieber bringt dann die Lysis. Auch das
Missverhältnis von Nahrung und Anstrengung ist schädlich (leg. VII
p. 789 A). Die Epilepsie entsteht durch den weissen Schleim und die
schwarze Galle (Tim. p. 85 AB). Die 4 Fieberarten entstehen durch
die 4 Elemente: die Continua durch Feuer, die Quotidiana durch
Luft, die Tertiana durch Wasser, die Quartana durch Erde (86 A).
Grundlage der Therapie ist die Prognostik, die sich auf Geschehendes,
Gewesenes und Werdendes erstreckt (Lach. p. 198 D). Dazu tritt die
Befragung des Kranken und seiner Umgebung (leg. p. 720 D ; 857 D).
Die Umwandlung des leidenden Zustandes in die Genesung muss durch
^) So schon Petersen, Hippocratis nomine quae circumfernntur scripta etc..
Hamburgi 1839 S. 18.
282 Robert Fuchs.
Arzneien bewirkt werden (Theaet. p. 167 A ; Phaedr. 268 B) , jedoch
im richtigen Augenblicke (Tim. p. 89 A ff.; resp. I p. 332 C; V p. 459 C).
Damit aber muss auch die Diät harmonieren (resp. I p. 332 C), die bei
Kranken nicht zu reichlich sein darf (Gorg. p. 504 E). Allerdings be-
darf es bei der einen Krankheit der Änfüllung, bei der anderen der
Entleerung, doch stets im richtigen Verhältnis (symp. p. 186 CD, dem
Arzte Eryximächos in den Mund gelegt); das ist also die Form
„contraria contrariis!" (vgl. Pliileb. p. 31 E; 35 A; resp. IX p. 585 AB;
X p. 906 C). Die Lehre von der Sympathie der Teile (resp. V p. 462 CD)
scheint ebenfalls hippokratischen Ursprungs zu sein (Poschenrieder
S. 66 ff.).
Aristoteles (384—322 v. Chr.) aus Stageira oder Stageiros in
Makedonien war der Sohn des Nikomächos, des Leibarztes des
Königs Amyntas IL, und der Phaistis. Nikomächos führte sein Ge-
schlecht, wie Phaistis auf Asklepios, so auf Machäon zurück und hat
nach Suidas 6 medizinische Werke und ein naturwissenschaftliches
hinterlassen. Für den früh verwaisten Sohn sorgte Proxenos aus
Atarneus. 367/6 — 347/6 gehörte er der platonischen Philosophenschule
zu Athen als Schüler an, nicht ohne bereits in seinen Schriften
Schwächen der Ideenlehre seines Meisters darzuthun. 342 übernahm
er die Erziehung des grossen Alexandros auf Wunsch des Makedonier-
königs Philippos. 335/4 gründete er im Lykeion zu Athen die peri-
patetische Schule, deren Bücherschätze und vielseitige Forschungen
durch besondere Assistenten er dank seines Reichtums mächtig förderte.
Er starb in Chalkis auf Euboia, wohin er wegen politischer Umtriebe
kurz vor seinem Tode geflohen w'ar. Von den Schriften des Aristo-
teles, die Hermippos auf 400, Ptolemaios und ihr Neuherausgeber
Andronlkos auf 1000 schätzte, sind für die Medizin von Bedeutung:
8 Bücher cpvoiv.al äy.godoeig = naturwissenschaftliche Vorlesungen;
10 Bücher tisqI ta l^cim larogiai = Tiergeschichte, deren 7., 9. und 10.
unecht sind, i^usg. von Aubert und Wimraer, Lpzg. 1868, 2 Bb.;
7t€Qi ^(!)cüv /Liogiiov = von den Teilen der Tiere, 4 Bücher; tt. 'C yeveosiog
= von der Entstehung d. T., 5 Bücher, letztes selbständig, Ausg.
von Aubert u. Wimmer, Lpzg. 1860; 7C. cdod-ijoeiüg y.al 7t. aiod-rizCbv =
über Wahrnehmung und Wahrnehmbares; ?r. yeveGecog = über Ent-
stehung, 2 Bücher; Jt. ipvxfjg = über die Seele, 3 Bücher; aezsojQoloyiycd,
4 Bücher. Die ävaro/nal sind untergegangen, ebenso das ötttiköv =
Optik in mehreren Büchern (Rose 373 ff.). Diese Schriften "waren für
den Unterricht, nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt und sind an-
scheinend im wesentlichen im letzten Jahrzehnte vor seinem Tode
verfasst und nach seinem Ableben herausgegeben w^orden. Diogenes
erwähnt 2 medizinische Werke, und Caelius citiert „de adiutoriis I"
= Heilweisen. Die für sich und allein existierende Idee verwirft
Aristoteles und erklärt nur das Einzelne für wirklich existierend,
für Substanz, ovaia. Die allgemeinen Begriffe aber sind höchstens
Nebenexistenzen, nicht für-sich -Existenzen. Das Wissen kann sich
nur auf das Unveränderliche, Nichtsinnliche beziehen; alles Sinnliche
ist veränderlich. Das, was der Veränderung unterliegt, ist der Stoff,
die vir]; die Uebertragung neuer Eigenschaften auf den Stoff stellt
sich in der Form [eiöog, f-iogcpri) dar. Das Geformtsein des Stoffes
ist die Wirklichkeit, evTslix^La, der Stoff als Nichtgeformtes ist die
Möglichkeit, dvva/.ug. Alles Stoffliche unterliegt der Veränderung
oder Bewegung; das Bewegte ist der Stoff, das Bewegende die Form.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 283
Die Naturlehre erforscht das Geformte, Körperliche, in Bewegung:
Versetzte und den Grund der an ihm vollzogenen Veränderung. Die
Natur ist plan- und zweckmässig; also gilt es, diesen Endzweck zu
ergründen. Die Menschen sind von Anfang an vorhanden gewesen,
wie alle Gattungen. Sie sind charakterisiert durch Ernährung, Zeugung,
Empfindung, Bewegungs- und Denkfähigkeit und ebenso beseelt wie
Pflanzen und Tiere. Aristoteles war der Begründer der systematischen
und komparativen Botanik und besonders Zoologie. Anatomie und
Physiologie, namentlich die der Fortpflanzung, bilden hier den Aus-
gangspunkt. Demokritos' Verdienste würdigte er bei den eigenen
Tiersektionen und -Vivisektionen; von Diokles war er vielfach ab-
hängig, aber von Praxagoras' Theorien wusste er so gut wie nichts,
weshalb er auch Venen und Arterien nicht scheidet, sondern bloss
Aorta und Hohlvene; die Hippokratiker ausser dem sog. „Polybos"' (de
nat. oss. 9), Syennesis (8) und Diogenes von Apollonia zog er (bist,
anim. III) nicht heran, und so durfte er mit Recht sagen, dass die
inneren Teile des Menschen wenig bekannt seien. So wusste er nichts
von Blutadern im Gehirn, glaubte, dass das Hinterhaupt leer sei, das
Herz 3 Kammern habe, alle Nerven und Adern dem Herzen ent-
stammten, die Nieren des Menschen gelappt seien, die Milz der des
Schweines gleiche, und die Aussage (de part. anim. IV 2), dass ein
Vorgang durch die Sektion bestätigt werden müsste, zeigt eben
durch die irreale Form die Irrealität der Sektion an. Die Verschieden-
heit der Suturen, wie sie Aristoteles den Männern und Weibern bei-
legt, beruht auf Irrtum. Die Physiognomik ist sehr w^eit ausgebildet.
Alle Menschen haben beiderseits 8 Rippen, die Ligürer 7. Die Hand-
und Fussknochen sind ungenau beschrieben ; die Chirömantik ist dafür
um so genauer. Die aktiven Elemente, Luft und Feuer, und die
passiven, Erde und Wasser, bilden, zu gleichartigen Stoßen des Körpers,
Homöomerien, zusammengeordnet, Blut-, Knochen-, Fett-, Markstoff
u. s. w. Das Fleisch ist Träger der Empfindung, das Pneuma der
Seele. Die Wärme ist an das Pneuma gebunden und wird im Samen
des Vaters dem Kinde übermittelt. Das Blut, das im Herzen aus den
Nährstoffen herausgekocht wird, w^ährend die unbrauchbaren Ueber-
schüsse, 7r€Qiaau)fiaTa. abgehen, nährt und vermittelt Denkprozesse.
Die Wärme verdaut (kocht) auch die Nahrung im Darme unter Bildung
von Chylus (ix^^Q), wobei das fettreiche Netz unterstützend eingreift.
Das Nierenfett erhält den Nieren die Wärme, deren sie zur Aus-
scheidung des Urins bedürfen. Der Speisesaft, iy^Q, wird durch die
vom Mesenterium zu Aorta und Hohlvene führenden Adern nach dem
Herzen zur Kochung übergeführt. Durch Lungen und Lungenvenen
wird stets warmes Pneuma dem Herzen zugeführt, das dann heftig
aufwallt und so Pulsschlag erzeugt. Die Adern {(pleßeg) schlagen mit
dem Herzen, wenn sie das Pneuma aufnehmen. Aristoteles kennt die
verschiedene Färbung venösen und arteriellen Blutes, scheint aber die
Aorta für blutleer zu halten, da ihre Aeste, die Samenarterien, kein
Blut führen. Das menschliche Hirn ist grösser und feuchter als das
tierische, blutlos, kalt und ohne Empfindung. Es hat Drüsenfunktion.
Das Rückenmark dagegen ist von warmer Beschaffenheit, tvöqoi =
Kanäle bedeuten für Aristoteles Nerven, Sehnen, Bänder, Darm, Ureter.
Ueber die Augen hat er in den verloren gegangenen Schriften dmi/.ov
und 71£qI bipeajg gehandelt. Er nennt die Brauen, Augen, Lider, die
Pupille (= das Feuchte, womit man sieht), das Schwarze bezw. Hell-
284 Robert Fuchs.
blaue und Weisse, 3 Gänge; der kleinste, nach der Nase zu gelegen,
führt nach dem Gehirne, die beiden anderen nach dem kleinen Gehirne.
Das Ohr ist innen mit dem Munde durch eine Röhre verbunden , mit
dem Gehirne jedoch nur durch eine Ader. Die Bildung des Sperma
aus Pneuma und Wasser erfolgt in den blutleeren Gängen (Arteriae
spermaticae internae), die Ausstossung durch Pneuma. Die Windungen
der Hoden sollen die Lust dämpfen, gleichwie der gewundene Darm
die Esslust mässigt. Der Uterus ist, wie in der Vorstellung der
Hippokratiker , zweihörnig. Das kältere Weib liefert im Samen den
Stolf, d. i. den Leib, der wärmere Mann die Form, d. i. die Seele.
Zwischen Amnion = Schafhaut und Chorion = Lederhaut sammeln
sich die „falschen Wässer", TtqöcpoQov. Achtmonatskinder sind lebens-
fähig (Orib. III 63 Buss. u. Dar.; Censor. , de die nat. 718). In der
Entwicklungsgeschichte spekulierte er über geschlechtliche und unge-
schlechtliche Zeugung (sogar bei einigen Fischarten). Wurm-, Eiform,
Lebewesen sind die Entwicklungsstufen. Die Ausbildung des Huhnes
und der einzelnen Organe der Tiere, sowie die Trächtigkeitsdauer be-
schäftigten ihn. Am 14. Tage ist die männliche, am 90. die weibliche
Frucht so gross wie eine Ameise und hat in der Reihenfolge der Ent-
wicklung folgende erkennbare Glieder : Genitalien, Herz, Extremitäten.
Die Gravitation wendet den zuerst im Fundus liegenden, nach den
Knieen gerichteten Kopf kurz vor Eintritt der Geburt nach unten.
Wirklich medizinische Lehren des Aristoteles sind uns so gut wie
nicht bekannt, nur, dass er bei maniakalischen Zuständen Kühlmittel
empfahl, weil er die Krankheit von der inneren Glut ableitete, und
dass er die Pleuritis auf die Kochung oder Verdichtung der flüssigen
Teile zurückführte (Cael. m. ehr. 15; ac. m. II 13). Die pseudaristo-
telischen 7iQoßlri(.iaxa sind in der Alexandrinerzeit von einem Anonymus
aus 2 Büchern „ärztlicher Probleme" und aus dem Hippokratescorpus
zusammengestückt worden.
Theophrastos von Eresos auf Lesbos (f 288/86 im 86. Jahre
stehend), dessen Büste in der Villa Albani zu Rom steht, ^) war der
Nachfolger des Aristoteles als Haupt der peripatetischen Schule.
Der Philosoph ergänzte das aristotelische System besonders im Hin-
blick auf Botanik und Mineralogie. Von Werken sind zu nennen:
10 Bücher (wenn das 4. zerlegt wird) laroQlat TtsQl cpvtCov = Pflanzen-
geschichte, eine Beschreibung und Morphologie der Pflanzen; 6, ur-
sprünglich 8 Bücher ahiai cpvtCbv == Aetiologie der Pflanzen; TtEQl
Xid^tov = Lieber Steine, nur als Auszug erhalten, die Plinius benutzte ;
2 Bücher rt. tcvqöq = Vom Feuer, deren 2. verloren ist; yc oof-iwv =
Ueber Gerüche; ^. aviutov = Ueber Winde; tt. ar^f-ieicov, vödzcov xal
Tivevfxarcov == Ueber Anzeichen, Wässer und Winde und it. xsif.td)vtov
^al Evdiwv = Ueber Stürme und Windstille sind mit zahlreichen Zu-
sätzen versehene Notizensammlungen. Auf den 18 Büchern cpvGixiöv
öö^ai = Meinungen der Naturforscher und wahrscheinlich auch auf
seinen zahlreichen Monographien über bestimmte Philosophen beruht
der wertvollste Inhalt der cpvo. 66^. des Aetios (Diels, Doxographi
Graeci, Berol. 1878). In botanischen Dingen benutzt Theophrastos
den Diokles, ^) weshalb die Bezeichnung als „Vater der Botanik" nur
teilweise gerechtfertigt ist. Hingegen steht Dioskurides in pharma-
') Visconti, Iconographie grecque I 257 if.
2) Janus IV 1899 S. 28.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 285
ceutischen und therapeutischen Angaben oft ganz für sich. Haupt-
quelle für Pflanzensäfte und Gifte, also die Arzneimittellehre, ist hist.
plant. 9. Ganz oder vorzugsweise medizinischen Inhalts sind die
verlorenen Schriften über : Sinnliche Wahrnehmung und sinnlich Wahr-
nehmbares, Epilepsie, Schwindel und Schwarzwerden vor den Augen,
Schweiss, Ermüdung, Seuchen, Ohnmacht. Melancholie, Trunkenheit,
Lähmung, Ersticken, Delirium und Leidenszustände, giftige Tiere
(TteQi iü)v öa'/ieiiüv xat ßkrjcr/Mv).
M e n 0 n , ^) der Schüler des Aristoteles, sammelte und sichtete für
diesen die ärztlichen Werke und Lehren der Vorgänger in einer
avvayojyi] IcexQixi] (ärztliche Sammlung) (Gal. XV 25 f.), so auch das
hippokratische Corpus. Der Anonj-mus Londinensis (2. Jahrh. n. Chr.)
hat hieraus einen überarbeiteten Auszug aus etwa dem 1. Jahrhunderte
erhalten, mit Menekrrites schliessend. Das andere ist Zusatz des
wenig vertrauenswürdigen Anonymus, der z. B. de morb. I dem Hippo-
krates beilegt. Der cpvoixbg Straton von Lampsäkos, Sohn des
Arkesiläos oder Arkesios, leitete nach Theophrastos' Tode die peri-
patetische Schule 18 Jahre lang. Er war der bedeutendste von den
8 ^) Gelehrten gleichen Namens, die Diogenes erwähnt (V 61), soll Ptole-
maios Philadelphos unterrichtet und „viele" Werke geschrieben haben
(Suid.). Für die Medizin werden von Bedeutung gewesen sein die
Werke über das Pneuma, die menschliche Natur, die Hervorbringung
lebendiger Junger, die Geschlechtsvereinigung, den Schlaf, die Träume,
das Sehen, die sinnliche Wahrnehmung, die Krankheiten und die
Mittel {neQi övvdf.ietov). Nach ihm ist die Wärme, daneben die Kälte
die Urheberin aller natürlichen Erscheinungen. Alle seelischen Funk-
tionen gehen auf ein mit Vernunft ausgestattetes Seelenwesen (tö
fjysiiiovixöv = das ,.Fülirende", Centrum) zurück, dessen Sitz die Augen-
brauengegend ist. Dieses Seelische verleiht durch Entsendung des
Pneuma, in dem es webt, den an sich leblosen Körperteilen Lebens-
funktionen. Eudemos von Rhodos folgte Aristoteles' Ansichten,
namentlich in der Naturlehre. '■') Ihn setzten manche zu Unrecht
mit dem Herophileer gleich. Klearchos von Soloi schrieb utgl
aKsksTtuv, Phanias über Naturwissenschaft. Kallisthenes von
Olynthos, Aristoteles' Neffe und Mitschüler des grossen Alexandros,
verfasste ein Werk über Anatomie. Er starb wegen Verhöhnung des
Königs eines gewaltsamen Todes ; darüber berichteten schon die Alten
in sehr abweichender, phantastischer Weise (Curt. Ruf. 8, 5, 13; 8, 8, 21).
') S. unter Hippokrates, Schriften ; Anonymus Londinensis. Auszüge eines Un-
bekannten aus Aristoteles-Menons Handbuch der Mediz. u. s. w. Deutsche Ausg.
von Beckh und Spät, Berl. 1896: Diels, Sitzungsber. d. Berl. Ak. d. Wiss. 1893
S. 101 ff. (Ueb. d. physik. Syst. des Straton); Hermes XXVHI 410 ff.; Anonymi Lond.
ex Aristotelis latricis Menoniis et aliis medicis Eclogae ed. Acad. Borussica, suppl.
Aristotelicura III 1, Berol. 1893; Kenyon, Classical Eeview \T 1893 S. 237 ff.;
Littre I 166 ff. : Spät, Zur Gesch. d. altgriech. Medic. Aus d. griech. Londoner
Papyrus 137. Münch. med. Wchschr. 1896 Nr. 3. S. oben hippokratische Schriften
unter Nr. 20.
*) Wellmann, Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 1892 S. 675; Diels, Ueber
d. physik. System des Straton. Sitz.-Ber. d. Berl. Ak. d. Wiss. 1893 S. 101 ff.
^) Eudemi fragmenta ed. Spengel, Berol. 1866.
286 Robert Fuchs.
27. Die Heilkunde in der Alexandrinerzeit. Herophilos.
Die Herophileer (300 v. Chr. bis 50 n. Chr.).
1. Beck, De schola medicorum Alexandrina comnientatio, Lips. 1810. —
2. Daretnberg, Histoire des sciences medicales, Paris 1870 S. 165 ff. {Chrono-
logie). — 3. Cur. Gottl. Kühn, Scholae medicae Alexandrinae historia, progr.,
Lips. 1832; opusc. acad. I 109 ff. — 4. Matter, Essai historique sur Vecole
d'Alexandrie, 2 Bb., Paris 1820. — 5. Hasch, t>. Mediz. z. Zeit d. Alexan-
driner. Norsk Magazin for Laegevid. 1894 Nr. 8 ff. — 6. Susemihl, Gesch. d.
griech. Litt, in d. Alexandriner zeit, 2 Bb., Lpzg. 1891. — 7. Daretnherg, Ana-
tomie et pihysiol. d' Herophile. Revue scientifique XX VII 1881. — 8. Finlayson,
Herophilus and Erasistratus. Glasgow med. Journal XXXIX 321 ff. — 9. Car.
Gottl. Kühn, opusc. II 298 ff. — 10. lAebmann, Quos mediana progressus
fecerit per Herophilum Erasistratumque, Wirceb. 1845. — 11. Marx, Herophilus.
Ein Beitr. z. Gesch. d. Medic, Karlsruhe u. Baden 1838 ; De Herophili celeberrimi
medici vita, scriptis etc., Gottingae 1842; Comment. soc. Gotting. VIII 79 ff. —
12. Pinoff, Herophilus, ein Beitr. z. Gesch. d. Geburtshilfe. Janus II 1847 S. 739 ff.
— 13. Schoene, De Aristoxeni tieqI rfjg 'H^ofiXov al^saecoe libro XIIIo a Galeno
adhibito, Diss., Bonnae 1893. — 14. Schwarz, Herophilus und Erasistratus, eine
hist. Parallele, Würzburg 1826.
Die vorzügliche geographische Lage, die grosse Entwicklung des
Handels und infolge d'avon die Ansammlung gewaltiger Reichtümer,
die fortschreitende politische Macht der griechischen Stämme unter
Alexandros und seinen Diadochen, die Erschliessung entlegener Welt-
teile durch Alexandros, die Berührung der griechischen Bildung mit
der hochentwickelten einheimischen Kultur des Aegypterlandes, die
begeisterte Liebe begabter Fürsten für Kunst und Wissenschaft und
noch viele andere glückliche Umstände, die in der Menschheitsgeschichte
nur zu ganz seltenen Zeitpunkten vereinigt zu ünden sind, begünstigten
in Alexandreia die Entfaltung auch der ärztlichen Kunst zu hoher
Blüte. Mag die Einwohnerzahl zu jener Zeit mit 900000 richtig ge-
griffen sein, mag die Bändezahl 700000, die man der einzigartigen
Bibliothek im Bruch eion- Viertel zugeschrieben hat, stimmen oder nicht,
Alexandreia ward nach Alexandros' Tode der Mittel- und Brennpunkt
der griechischen Welt und der griechischen AVissenschaft. Da die
von Ptolemaios T. Soter gegründete Hofbibliothek und die von Ptole-
maios IL Philadelphos gestiftete Serapeionbibliothek durch ihre reichen
Mittel fast den gesamten Handschriftenhandel nach Alexandreia zog,
fanden die Gelehrten nur dort das Material für ihre Studien, während
die Attalerbibliothek zu Pergämon zurückstand. Hierdurch wurde
also besonders gefördert die ärztliche Biographie, Bibliographie, Echt-
heitsbestimmung, Chronologie, Exegese, Geschichtsschreibung, Ency-
klopädie. Praktische Förderung aber fand die Heilkunde zunächst
durch anatomische Studien. Dass freilich Verbrecher viviseziert
worden sein sollen und sogar von den Königen persönlich, wie manche
Historiker gewähnt haben, ist eine Uebertreibung, die Celsus (praef.)^)
und Tertullianus (de anima 10; 25) als Erfindern zur Last zu legen
ist. Aber die Sektion Toter wird von Plinius (hist. nat. 19, 5, 86)
und Galenos (II 895 ; 900) ausdrücklich bestätigt und dabei mit Recht
über die Tieranatomie gestellt. Förderlich war dabei die durch Pyrrhon
ausschliesslich auf die Bahnen des sinnlichen Erkennens gewiesene
^) Fuchs, Hermes XXIX 1894 S. 174f. (= De Erasistrato capita selecta);
Rhein. Mus. N. F. LH 382 if. (= Lebte Erasistratos in Alexandreia?).
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 287
Philosophie, die Nachwirkung der solche Einzelbeobachtungen liebenden
knidischen Schule in Herophilos und Erasisträtos, die Einbalsamierung
und Beerdigung der Leichen in Aeg3-pten. Bei der Sektion wurde
erst die Bauchhöhle, dann der Thorax geöffnet (Geis. 1. 1.). Dass auch
Demonstrationen und Anschauungsmittel, z. B. von den nunmehr streng
auseinandergehaltenen Arterien und Venen, im Unterrichte benutzt
wurden, folgt aus den bei Aristoteles häufig hervorgehobenen Worten
7taQ(xÖ£Lyi.ia, oxW" oder diayQarpr^. Rhuphos demonstrierte Sichtbares
an einem Sklaven, Verborgenes an einem Alfenkadaver. Daraus er-
klärt sich auch der vertrauensvolle Mut zu den verwegenen Opera-
tionen eines Erasisträtos u. a., die Erfindung des Starstiches und die
Vervollkommnung z, B. des Steinschnittes und gynäkologischer Ein-
griffe, die man ohne Kenntnis der betreffenden Teile niemals gewagt
haben würde.
Unter den von solchen Verhältnissen begünstigten alexandrinischen
Aerzten nimmt den ersten Platz ein Herophilos aus Chalkedon,
Schüler des Koers Praxagoras und des Knidiers Chrysippos, dessen
Lebensschicksale uns verborgen sind. Sein Name wird in den Hand-
schriften vielfach in der ersten Silbe zu Hiero-, in der letzten zu
phylos u. s. w. verderbt. Als Lebenszeit giebt Larcher 340 ff.,
Schulze (Compendium 358) 324 ff., Petrequin (Chirurgie d'Hippo-
crate I 92) 307 ff., mit Sprengel übereinstimmend, an, jedoch ohne
irgendwelche positiven Unterlagen. Ueber ihn und seine Sekte
schrieben: Zeuxis, Aristoxenos (13) wenigstens 13, Apollonios Mys
mindestens 28 Bücher, betitelt „de secta Herophili" (Cael. Aur. ac. m.
II 13 p. 110), und Herakleides von Erythrai. Varro Hess in seinen
quinquatrus (Fragm. 6) den Diogenes gegen Herophilos auftreten. Die
Anekdote von der Hebamme Agnodike wurde bereits erzählt (s. S. 191).
An Schriften verfasste er: amTo^iixä in wenigstens 3 Büchern (Gal. IV
596), eine mehrbändige /tsgl arpvyinwv nguyi-iaTda (Handbuch vom Pulse),
die Galenos und Herakleides von Taras in eigenen Werken zurück-
wiesen. TO negl offdahiüv = Ueber die Augen (Aet. VII 48 u. ö.),
mindestens 2 libri curationum (Cael. Aur. m. chron. II 13), ad Hippo-
cratis prognosticum ^) (1. 1. V 2), einen Jicurr^iixös (Sext. Emp. adv.
math. XI 50). Das Buch ttsqI ahiwv -) ist von Hegetor, seinem Schüler,
verfasst. Soranos (I 6, 27) erwähnt die Schrift Tcgbg tag -/.oivag dö^ag
= gegen die gemeinen Ansichten und das uauori/.öv = Hebammen-
buch (II 17, 53). Endlich schrieb er einen Kommentar zu den hippo-
kratischen Aphorismen (Gal. XVIII, I 186 f.) und eine yiMoawv l^i^yrioig
(Worterläuterung) zu den hippokratischen Schriften (XIX 64; Erot.
ed. Klein 37, 9). Dass er auch de alim. des hippokratischen Corpus
verfasst haben soll, wagt der Scholiast bei Littre IX 98 Anm. zu
versichern. Herophilos war bis in späte Zeiten als „AVahrredner" und
vorzüglicher Arzt bekannt und beliebt und wurde u. a. von Archigenes
fleissig benutzt, besonders in der Anatomie (Gal. XV 135) und Puls-
lehre. Nach ihm beherrschen 4 Kräfte, dvYä(.iug, alle Lebewesen, die
ernährende, erwärmende, denkende und empfindende, deren Sitz Leber,
*) Aus einer Handschrift des Stephanus Athenieusis übersetzte Puccinotti,
Storia di raedicina II 193 ein Stück. Häser I3 235 erwähnt einen unedierten Kom-
mentar zu den hippokratischen aph. aus der Mailänder Ambrosiana. Ueber Unter-
g:eschobenes vgl. Sprengel-Rosenbaum; E. Meyer, Gesch. d. Bot. I 231;
Cobet, Mnemosyue IX 21 ff.
*) Antonio Cocchi, Dell' anatomia, Firenze 1745, bietet ein Bruchstück.
288 Robert Fiichs.
Herz, Gehirn und Nerven sind. Unsterblich ist er geworden durch
die Entdeckung- des Torcular Herophili (Irjvög = Kelter, awli^v =
Einne) und durch die meisterhafte Beschreibung der Hirnhäute, der
Plexus choroidei, der venösen Sinus, der Gehirnhöhlen ; die 4. galt ihm
als Sitz der Seele, die „Schreibfeder" in ihr führt später den Namen
■Kcclaf-iog "Hgocpllov. Das Auge beschrieb er nach den Sektionsergeb-
nissen ausführlich, und Celsus folgte ihm in der Darstellung. Er
handelte vom Glaskörper und beschrieb die Augenhäute. Die erste
nannte er ^egatosiörig = hornartiger (sc. x^^ct»^ = Mantel), die zweite,
Ader-Regenbogenhaut, Qayoeidvjg = Weinbeerenhaut oder xoQiosiörjg =
Zottenhaut ; die dritte benannte er statt aQaxvouöi^g = Spinnengewebe-
haut vielmehr äf.upißlrjOTQ06idr]g = Netzhaut, ohne aber, wie Celsus
meint, den Namen zu erfinden. ^) Der Sehnerv ist ihm noch ein TtÖQog
= Kanal, nämlich für das Pneuma. Dem Zwölffingerdarme gab er
seinen Namen, dwdexaddytrvkog, und die Chylusgefässe beobachtete er.
Seine Beschreibung der Leber hat Galenos (II 570 ; Orib. III 357 f.)
erhalten. Die Arterien, deren Aufsaugungskraft der Nahrung gegenüber
grösser sei als die der Venen (Anon. Loud. 28, 47 If.), sollen sechsmal
stärkere Häute besitzen, und auf Grund der Sektionsergebnisse nannte er
die Arteria pulmonaria vielmehr cplhifj aQvriQuhdrig = vena arteriosa. In
der Pulslehre folgte er dem ausgezeichneten Musikschriftsteller Aristo-
xenos, dem Schüler des Aristoteles, unter Uebernahme der Rhythmen-
deflnition (Gal. VIII 515 ; 871; 911; IX 278; 463). Er ging in seinem
sphygmologischen Lehrbuche aus von acpvyinög, rgöi-iog, artaaiibg und
nal(.iög (VIII 716; 724) und sonderte die 3 letzteren als Muskel- und
Nervenerscheinungen vom ocpvyf.i6g, der Arterienthätigkeit. Somit
kämpfte er teils gegen Praxagöras, teils gegen Aigimios an (Ruf.
S. 219). Entdeckt hat er aber den Puls so wenig wie Praxagöras.
Die Arterien führen Blut und Pneuma (Gal. IV 731) und erzeugen das
Schlagen, indem das Herz den Arterien die Kraft zur Systole und
Diastole vermittelt (702). Zwischen diesen beiden Phasen liegt je eine
Pause. Er spricht von grossem, schnellem, starkem und rhythmischem
Pulsschlage und unterscheidet ausserdem viele Grade der Regelmässig-
keit und Gleichmässigkeit des Pulses und das Gegenteil. Diese kom-
plizierte Lehre hielt sich aber nicht über Plinius (hist. nat. XI 38;
XXIX 5) hinaus. Die Genitalien erforschte er ebenfalls (Orib. III 367 :
Tuben). Die Nebenhoden nannte er TtaquoTccTai = „Danebenstehende".
Der Samen ist aus dem Blute bereitet und wird von den vasa sper-
raatica durch den Samenstrang nach den Samenbläschen geleitet. Die
linke Vena spermatica zweigt sich nach ihm „zuweilen" aus der Vena
renalis ab (Gal. II 895). Wie Mnaseas bezeichnete er die Menses als
dem einen Weibe zuträglich, dem anderen schädlich (Sor. 16, 27 ; 29).
Beim Embryo gehen die Venen allesamt in die „Vena cava", die
Arterien in die „Aorta abdominalis", die sich am Rückgrate hinzieht,
jedoch nicht ohne sich vorher in der Höhe der Blase beiderseits zu
verästeln (I 17, 57). Männer- und Frauenkrankheiten erklärt er für
einerlei Ursprungs (II 2), wie die Scholiasten zu seinem Texte an-
merkten. Herophilos war, obwohl Soranos meist anderer Ansicht in
Einzelheiten ist, einer der erprobtesten Geburtshelfer und Gynäkologen.
Bezüglich des Prolapsus uteri meinte er, es falle nur der Muttermund
^) Gründe bei Magnus. Die Anat. d. Auges in ihr. geschichtl. Entwickelg,,
Breslau 1900 S. 13 f. Vgl. Ruf. ed. Daremberg-Ruelle S. 135 ff.; 154; 171 f.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 289
vor. ähnlich dem Kopfe eines Polypen (11 31, 85). Dystocien sind
u. a. eine Folge häufiger Schwangerschaft (Nebenfrau des Magnesiers
Simon), der Schieflage der Frucht, der Enge des Mutterhalses oder
-mundes, der Verdickung der Fruchthiille und Zurückhaltung des
Fruchtwassers, der Schwäche des Uterus oder des Körpers, äusserer
Ursachen, blutiger oder wässeriger Ausflüsse, des Todes der Frucht
u. s. w. Der Austritt kann erfolgen ohne Sprengung der Häute, aber
dann nur schwer. Sterilität ist bei Schlaffheit des Uterus zu besorgen.
Die Geburt von Fünflingen hat er ebenfalls beobachtet.^)
Was die Pathologie und Therapie anlangt, so pries Hero-
philos hier wie sonst die auf Erfahrung beruhende Einsicht als
wichtigste Grundlage, und in der Verteidigung der ratio verschwendete
er den Gegnern gegenüber sogar seine Worte (Plin. bist. nat. 26, 2).
Hingegen gab er auf theoretische Erklärungen (Xoyixi] /ued^oöog) nicht
viel und kam somit folgerichtig auf die Hervorhebung der unmittel-
baren Erscheinungen, also der Symptome. -) Im allgemeinen muss man
ihn einen Humoralpathologen nach Art des Hippokrates und Praxa-
goras heissen, wenngleich er eine Zurückfiihrung der Krankheiten auf
bestimmte Säfteverhältnisse in der Regel unterliess, so bei Pleuritis
(Cael. Aur. ac. m. 11 18), bei der die Lunge leide (16), Peripneumonie
(29), Angina (111 4), Cardiaci (11 38), Cholera (111 21) und Heus (17).
Vom Opisthotonus sprach er bloss aus, dass er Biegungen der Wirbel-
säule auszugleichen vermöge und ein hinzutretendes Fieber die Lysis
bringe (ac. m. 111 8). Herzparalyse liege vor, wenn der Tod ohne er-
kennbare Ursache plötzlich eintrete (m. chron. 11 1). Er unterschied
3 Arten von Träumen, gottgesandte und im körperlichen Zustande
oder in der geistigen Verfassung begründete (Ps.-Plut., quaest. conv.
IV 2, 3). Bei Hämorrhagien empfahl er im Anschlüsse an den knidischen
Chrysippos das Umbinden von Kopf, Arm und Schenkel (m. ehr. 11
13). In TT. ahiü)v (s. oben) erklärte er die Unheilbarkeit der Femur-
luxation durch die erfolgte Zen-eissung des Ligamentum teres. Als
der Philosoph Diodoros aus Karlen von ihm die Einrichtung der
Schulter verlangte, verweigerte sie der Arzt mit dem Scherzworte:
„Deine Schulter konnte weder da, wo sie ist, noch da, wo sie nicht
ist, eine Ausrenkung erleiden" (Sext. Emp., Pyrrhon. II 245). Ob
die abgehenden Würmer lebendig oder tot sind, darauf komme nichts
an, merkte er zum hippokratischen progn. an (IV 8). Bei Zahnleiden
warnte er vor unüberlegten Extraktionen, weil diese mitunter den
Tod bringen (11 4). Ueberhaupt müsse der Ai-zt die Grenzen seiner
Macht kennen, denn nur der, der das Mögliche und das Unmögliche
unterscheiden könne, sei ein vollkommener Arzt (Stob. '^) floril. 102, 9).
Die „Götterhände" (Gal. Xll 966; vgl. Erasistratos bei Ps.-Plut.. quaest.
conv. 4, 1), d. i. Arzneien, verwandte er bei jeder Krankheit, sollte doch
sogar das blosse Darauftreten auf Arzneipflanzen Nutzen schaffen
(Gels. V praef; Plin. 25, 5, 15).
Darin schlössen sich seine Schüler ^) ihm an, die seine Grundsätze
gern in eine viel allgemeinere und apodiktische Form kleideten, ohne
^) Nicolai Rochei de morh. mulier. curand. XXVII in Bauhini Gynaecia I 212.
^) „Als Erstes soll man das bezeichnen, was sich zuerst zeigt, auch wenn es
nicht das Erste ist", lehrte er nach dem Anon. Lond. 21, 22 (Beckh-Spät S. 30).
') Vgl. Roeper, Philologus X 569, der für Tropilos zuerst Herophilos
verbessert hat.
*) Chronologie bei Daremberg, Hist. des sciences medic. I 159 ff.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 19
290 Robert Fuchs.
die verständigen Vorbehalte ihres Lehrers zu beachten. Dabei stellten
sie die Prognostik und Therapie ungebührlich in den Vordergrund
und gerieten so, unter Aufgabe des festen Bodens der Erfahrung überhaupt,
zu spitzfindigen Spekulationen. Obwohl sie die Wichtigkeit der Anatomie
betonten, machten sie doch auf diesem Gebiete nur unbedeutende
Fortschritte ; sie begnügten sich im wesentlichen mit den angestaunten
Errungenschaften des Hippokrates und Herophilos, deren Schriften sie
erläuterten und citierten. Hegetor warnte vor Heilversuchen bei
unheilbaren Leiden (Dietz, ApoUonii Citiensis etc. schol. in Hipp, et
Gal. I 35). Demetrios von Apameia, in den Caeliushand Schriften
auch zu Aponieus oder Attaleus verschrieben, ist mit D. Herophil(i)us
identisch. ^) Ihn benutzte Herakleides von Taras in seiner Schrift ngbg
l4aTvdd^iavTa (Gal. XIII 722).^) Er rechnete den Lethargus zu den
akuten Krankheiten und nannte als Merkmale einen Druck (pressura),
Abgestumpftsein und Fieber (Cael. Aur. ac. m. II 1). Bei Peripneu-
monie liegt eine Schwellung der ganzen Lunge, bei Pleuritis eines
Lungenteiles (25) vor. Er unterschied den a7taa/.ibg vom rQÖf^wg und saltus
{afpvyf.iög ?) und handelte über Manie (chron. m. I 5). Bei Hydrops
hob er die Tympanitis = inflatio durch Luft, den xara adg-^a = all-
gemeines Oedem und die Wasseransammlung zwischen Bauchfell und
Eingeweiden = &ayikr]g hervor; so stand in seinem 11. Buche de
passionibus. Gingen die Getränke sofort ab, so nannte er das „Durch-
laufen" (diabetes), die erste Erwähnung dieses Namens für die schon
den Indern bekannte Krankheit (III 8). Sein 12. Buch tzsqI 7tad-G)v
wird ac. m. II 25 angezogen. Bei Hämorrhagien unterschied er 2
Hauptgruppen, cum incisura und sine i., mit vielen Unterabteilungen
(chron. m. II 10). Die osiglaoig 2) hält er in seinen orj/neitoTixü = An-
zeichenlehre für Brennfieber (Sor. I 47 § 124). Andere Citate betreffen
die Phrenitis (ac. m. I 1), die Cardiaca passio (II 33) und den Cynicus
Spasmus (chron. m. II 1). Die Frauenleiden sind von den Männer-
krankheiten verschieden (Sor. II praef. 2). Den Fluss der Weiber
erklärte er als „Erguss von Flüssigkeiten (also nicht von Blut schlecht-
hin) durch die Gebärmutter während längerer Zeit" (II 11). Seine
8 durch die Farbe und einige durch Wirkung und Herkunft unter-
schiedene Arten führt Soranos ebenfalls an (a. a. 0.). Die Dystocie
definierte er als „schwere Geburt" ; ihr Zustandekommen hänge von
dem Zustande der Mutter oder des Kindes oder von der Beschaffen-
heit der Genitalien ab. Die ausführlichen Voraussetzungen, die er
dabei annimmt, erschöpfen die Frage nahezu (II 17, 53). Von Eude-
m 0 s , den ich nicht für den Peripatetiker ansehen kann, rühmt Galenos
anatomische (XV 135), besonders die Knochen (III 203 ; Ruf. ed. Dar.-
Euelle 142; 152), die Drüsen (Pankreas IV 646) und die Nerven
(VIII 212) betreffende Untersuchungen. Galenos (II 890) berichtet
von einem Eudemos, dass er die Tuben TtlexTccvai = Flechtwerk
nannte, ohne eine Erläuterung für diesen Ausdruck geben zu können.
Ferner sind zu nennen: Kallimächos, ein Verwandter des Hero-
philos, Kalliänax^) und Bakcheios von Tanagra. Letzterer gab
^) Vgl. ausser der Uebereinstimmung' des Buchtitels „libro signorum" und eines
Falles von Onanie bei Priapismus (Cael. Aur. m. chron. V 9, cf. ac. m. III 18)
Well mann, Hermes XXHI 1888 S. 566.
^) Vermutungen über das Leiden, das sicher nicht Sonnenstich ist, s. bei
Soranus ed. Lüneburg- Hu her S. 90 f. A. 2.
') Er war Schulgenosse des Kallimächos von Bithynien und lebte um 280
Geschiebte der Heilkunde bei den Griechen. 291
des Hippokrates epid. UI heraus (Gal. XVII, I 619) und schrieb zum
Corpus 3 Bücher le'^sig = Glossar (Erot. 14, 14 ; 31 u. ö.). Dieses Glossar
wurde von dem Kreter Epikles und Apollonios Ophis excerpiert und
durch Phillnos in 6, Dioskurides Phakas in 7, Apollonios von Kition
in 3 Büchern und durch Glaukias in 1 Buche bekämpft (31, 13 ff.).
Auch andere Werke des Corpus erklärte er (Gal. XVIII, II 631),
namentlich die aph. (XVIII, I 187). Dem Herophilos setzte er in der
Schrift äTtoixvrjfiovevi-iaTa 'IlQocpiXov re xal tü)V ärcb zf^g ot/Jag avTov
(= Ueber H. und seine Schule; XVIII, II 149) ein Denkmal. Seine
„Gespräche" mit den Patienten tadelte Zeuxis (XVII, II 145). Sonstige
Schriften bezeichnet Galenos (VIII 732; 749) als „Vorlesungen",
ä'KQodaeig. Eine Pulsdeflnition, die seinem „Handbuche vom Pulse"
(i^ Twv arpvy^aov eTtiToinrj, a. a. 0.) entstammt, wird ebenda nach Aristo-
xenos und Agathlnos (748) citiert. Caesar bediente sich seines er-
weichenden Mittels {i^dXayfia), dessen Zusammensetzung Galenos XIII
987 mitteilt. Bluterguss erklärte er durch Aufbrechen, Fäulnis,
Anastomose und Auspressung, expressio oder sudatio; letztere wii'd
bei unversehrtem Zahnfleische und bei verbundenen Knochenbrüchen
beobachtet (Cael. Aur. m. chron. II 10 p. 390). Mantias, ^) der Lehrer
des Herakleides von Taras (Gal. XII 989; XIII 462) hat lange Zeit vor
Musa gelebt (XII 989). Ein phantastisches Bild von ihm und einigen
anderen Aerzten (so Herakleides von Taras, Krateuas, Nikandros)
birgt der Vindob. des Dioskurides.^) Galenos kennt folgende Werke
von ihm: Ttegl xad^aQtixrjg fj nQ07toxiO(.iCüv /) y.Xvof.icüv = Abführmittel,
Tränke oder Klystiere; dw6(.iug = Mittel; fpaQf-iayiOTtcolrjg 6 ycca' targelov
= der Arzneimittelhändler in der ärztlichen Werkstätte; ra -/.axa
TÖTtovg = Topica und xar' iatgelov (XVIII, II 629; 666). Soranos
(I 22, 71; II 4, 29) erwähnt ihn in seiner Gynäkologie. Sein pharma-
kologisches Wissen schätzt Galenos, ebenso wie das des Krateuas,
höher als die botanischen Arbeiten des Pamphilos (V 134; XI 795 ff.;
XIV 7). Er beschäftigte sich u. a. mit Abführmitteln, Arzneitränken,
Klystieren und topischen Mitteln (XI 795; XII 534; XIII 13; 162;
462; 502; 642; 751). Bei zurückgehaltener Placenta liess er das
Eigengewicht des Kindes oder ein Bleigewicht nachhelfen (Sor. I 22,
71). Kydias von Myläsa in Karlen hat den Hippokrates interpretiert.
Erotianos (p. 79, 15) wirft ihm Unwissenheit vor, und der Koer Lysi-
mächos schrieb 3 Bücher gegen ihn (32, 4 ff.). Chrysermos war
der Lehrer des Erythraiers Herakleides (Gal. VIII 743) und des
Apollonios Mys. ^) Galenos (741) gedenkt der Pulserklärung des
Chrysermos. Ohrspeicheldrüsengeschwülste heilte er durch in Wein
gesottene Affodilwurzel, den „dicken Hals" (struma) durch ebensolche
Wurzeln mit weingetränktem Rosmarin (cachrys; Plin. 22, 71). Einen
„Pastillus Chrysermi" schätzte Galenos noch (XIII 243). Zenon,
vielleicht der von Laodikeia (Gal. XIV 163; 171), schrieb 2 Bücher
über die xaqayafiQeg, d. h. die Buchstaben, welche den Kranken-
V. Chr.; von ihm wird eine Schrift iQortrifiaTa iarpixä. (Fragen des Arztes am
Krankenbette) erwähnt. S. Well mann, Hermes XXXV 1900 S. 383.
^) Sprengel, Gesch. d. Medic. I4 605; Gar. Gottl. Kühn, opusc. acad. et
philol. II 151 ff. Sie setzen seine Zeit ohne ^Begründung auf etwa 276 an.
*) Visconti, Iconographie grecque, A Paris 1811, I 295 f.; A Paris 1808
S. 165 u. Tai 35; E. Meyer, Gesch. d. Bot. I 232.
')Schoene, De Aristoxeni Tte^l rfjs 'Hgofilov al^iaetos libro XITI** a Galeno
adhibito, Diss., Bonnae 1893, 15 A. 2.
19*
292 Kobert Fuchs.
geschicMen von Hippocr. epid. I. III angefügt sind (Gal. XVII, I 618).
Ihn griff der Empiriker Apollonios von Antiocheia deshalb an, er er-
widerte, und nach Zenons Tode setzte ein anderer Apollonios, ge-
wiss des ersteren Sohn, die Fehde fort. Wellmann identifizierte
die beiden Apollonios mit den gleichnamigen Nachfolgern des Serapion,
die der Zeit um 170 v. Chr. angehören müssen. Sein Werk über
Arzneimittel wird mehrfach erwähnt (Gal. XIV 143; 146; Pallad.
comment. in VI. epid. Hippocr. ed. Dietz II 98). Daraus stammt das
Mittel dia stoechados gegen Kolik (Cael. Aur. m. chron. IV 7; Aet.).
Ein Zenon von Kypros war der Lehrer des Oreibasios. Herakleides
von Erythrai in lonien lebte gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr.
und war Schüler des Chrysermos. ^) Er kommentierte Pseudhippocr.
epid. III und VI (Gal. XVII, I 793), doch ist sein vielleicht aus-
gedehnterer Kommentar verloren gegangen. Ferner schrieb er
wenigstens 7 Bücher negl T?/e "Hgorpilov algeosiog = Ueber die
Schule des Herophilos (Gal. VIII 746). Er war etwas jünger als
Apollonios von Kition. -) Andreas*^) von Karystos fiel kurz vor
der Schlacht von Rhaph(e)ia 217 v. Chr., weil der für den König
Ptolemaios Philopätor bestimmte Dolchstoss ihn traf (Polyb. V 81).
Er war älter als Serapion (Gal. XIV 683 vgl. m. XIII 343, wo sein
Malagma auch als das des Serapion bezeichnet wird"). Eratosthenes
gab ihm als seinem Abschreiber den Spitznamen Bißhoaiyiad-og =
Bücheraigisthos (Etym. magn.). Nach der vita Hippocr. des Soranos
brachte er in seiner „Genealogie der Heilkunde" die Anekdote auf,
Hippokrates habe nach der Entlehnung der ärztlichen Lehren das
Archiv in Knidos eingeäschert. Seine Schüler behaupteten, wohl im
Einklänge mit ihm, dass die Wasserscheuen alles fürchteten, Ttavröcpoßoi
seien (Cael. Aur. ac. m. III 12). Die Krankheit selbst nannte er ■awö-
Ivaoog (III 9). In einem an Sobios gerichteten Briefe fügte er zu
den vielen von Herophilos beigebrachten Gründen der Dystocie noch
Lähmung und Schrumpfung der Frucht hinzu, denn dann sei die
Frucht nicht schwer genug (Sor. II 17, 53). Häufiger Coitus macht
den Samen roh und unreif (Orib. III 108). Das grösste Verdienst
aber erwarb er durch sein pharmakologisches Werk vägOnq^ = Arznei-
kasten, das Galenos in übertriebener Weise tadelte (XI 795 f., vgl.
XIX 105 u. ö.; Plin. bist. nat. XX 200; XXII 102 u. ö.). Dioskurides
jedoch lobte es trotz der vielen Auslassungen von Wurzeln und Pflanzen
(praef.). Ihn schrieben Serapion, Nikandros, Herakleides von Taras
und Philonides (Athen, dipn. XV 675) aus ; Dioskurides und Plinius
hingegen benutzten ihn durch Vermittelung des Sextius Nigros (Niger).
Seine aufrecht stehende Streckbank zum Einrenken {TtUvd-wv) be-
schrieben Celsus (8, 20), Galenos (XVIII, I 338 f.; 747) und Oreibasios
(coli. med. XLIX 4 = IV 339 ff.). Celsus giebt von ihm Salben für
die Augen an (6, 6; Gal. XII 765).*) Von Schriften begegnen noch:
negl aterpdvwv = Ueber (Schädigung des Kopfes durch) Blumenkränze
(Plin. 21, 12; Athen. XV p. 675 C); ^sqI dayie^wv == Ueber den Biss
1) Wellmann, Hermes XXIII 1888 S. 565 u. Anm. 2.
^) Osann, De loco Rufi Ephesii medici apud Oribasium servato sive de peste
Libyca disputatio. Gratul.-Progr , Gissae 1833 S. 7.
ä) Wellmann a. a. 0. S. 561 ff.
*) Ueber den Karystier gleichen Namens findet man Näheres bei Susemihl,
Gesch. d. griech. Litt, in d. Alexandrinerzeit I 818 A. 238 ; ebenso über den Pharma-
kologen Andreas, den Sohn des Chrysares (817 A. 230).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 29S
giftiger Tiere (VII p. 312 D; Gal. XIV 180; Wellmann, Hermes XXHI
1888 S. 561 ff.); ttsqi twv ipevöws TteTtiotevf.iiviov = Üeber das, was
man fälschlich glaubt, d. i. Ueber AVundergeschichten (Nie. ther. 823
schol.).
Lange nachdem Ptolemaios Physkon (171 — 167 v. Chr.) aus Hass
gegen seinen Bruder Ptolemaios Philometor die Gelehrten und Aerzte
aus Alexandreia vertrieben und so über ganz Hellas zerstreut hatte
(Athen. IV p. 83), kam in Menos Karu zwischen Laodikeia und Karüra
an der phrygisch-karischen Grenze die zweite herophileische Schule *)
zur Zeit des Strabon (XII 580), der etwa 66 v. Chr. geboren wurde,
zu Stande. Der jüngere Zeuxis, dessen Werke schon Galenos schwer
erreichbar waren, und sein Nachfolger Alexandros Philalethes,
um Christi Geburt herum lebend. -) brachten sie zur Blüte. Alexandros
ist die Hauptquelle des Anon. Lond. Der 2. Abschnitt beginnt mit
einem herophileischen Satze, dann wird gegen die Erasistrateer pole-
misiert und Asklepiades vielfach, teils lobend, teils tadelnd, eingeführt;
aus dieser Stellungnahme zu Asklepiades ist zu erklären, dass er sogar
als dessen Schüler betrachtet wurde (Theod. Prise, p. 315 B Aid.;
Cael. Aur. ac. m. II 1). Diels beruft sich ferner auf die verbindliche
Widerlegung des Herophilos (29, 12 ff.), die schulmeisterliche Benennung
der Gegengründe mit 1, 2, 3 und die lonismen. Bezüglich des 1. Ab-
schnittes ist die Benutzung der nämlichen Quelle zweifelhaft, da die
Menoneia so gut direkt benutzt sein könnten wie mittelbar durch
Alexandros. Seine Geschichte trug den Titel ^gea-Kovra tolg iaTQoli; =
Lehrmeinungen der Aerzte; Galenos VIII 726 citiert deren 5. Buch.
Die Schrift nsgl arceg^iarog (= der Samen) hat Vindicianus in dem
Teile des Brüsseler Bruchstückes ausgebeutet, der mit den Worten
anhebt: „Alexander amator veri appellatus, discipulus Asclepiadis,
libro I de semine spumam sanguinis eins essentiam dixit Diogenis
placitis consentiens" (Octav. Horatian. ed. a Neüenar, Argent. 1532
p. 102 ff.). Alexandros hielt die Verdauung im Magen für eine blosse
Zerkleinerung zu Brei, leugnete aber die von anderen behauptete
substantielle Verwandlung und Anpassung (Anon. Lond. 24, 30 ff.). Den
Lethargus deutete er wie Asklepiades als plötzlich auftretendes Leiden
mit Fieber, Druck und Abstumpfung (Cael. Aur. ac. m. II 1 p. 74).
Die Frauenleiden fasste er nicht als besondere Krankheiten auf (Sor. II
praef. 2). Den Fluss definierte er in seiner gynaec. I als ,,Erguss
einer grösseren Menge Blut durch den Uterus während längerer Zeit"
(II 11, 43). Rezepte giebt Galenos an (XII 557; 580; XIV 510).
Seine Schüler machten auf den verschiedenen Wert der Ergebnisse sinn-
licher Wahrnehmung und des Schluss Verfahrens aufmerksam (Anon.
Lond. 35, 21 ff.). — Kleophantos, Vorbild, nicht Lehrer des Askle-
piades (Cels. 3, 14), schrieb über den Wein (rationem vini, Plin. bist,
nat. 26, 14; dieser nennt ihn als Quelle zu Buch XX — XXVII). Dass
seine Nachfolger kalten Wein bei der cardiaca passio reichten, missfiel
Asklepiades (Cael. Aur. ac. m. II 39 p. 176). Bei Tertiana und Quartana
übergoss er vor dem Anfalle den Kopf reichlich mit warmem Wasser
und gab darauf Wein (Cels. 3, 14). üeber Dystocie sprach er gynaec. XI
in verständiger Weise (Sor. II 17, 53). Die Lehre, dass das Fieber
eine übermässige Pulssteigerung sei (Eose anecd. II 226, 208), hat er
') Münzen mit Aerztenamen bei Marx S. 61.
*) Diels, Hermes XXVIII 1893 S. 412.
294 Eobert Fuchs.
von Chrysippos von Knidos entlehnt. Da er Sohn des Kleombrötos
war, in Alexandreia eine Schule gründete, zur Zeit des Ptolemaios IL
und III. lebte, sich an Chrysippos anschloss und die Diätetik besonders
ausbaute, erklärte ihn Wellmann, Hermes XXXV 1900 S. 381 f. mit
glücklichem Griffe für einen Bruder des Erasistratos. Einen anderen,
später lebenden Kleophantos nennen Galen. XIII 262; 310; 985; XIV
108; Cic. pro Cluent. 6, 47; Ruf. 32 Dar.-Ruelle. — Apollonios
Mys^) (= Maus) war Mitschüler des Herakleides von Erythrai und
daher wohl Schüler des Chrysermos. Er wurde bis Rosenbaum '^) mit dem
Kitienser zusammengeworfen. In seiner fleissigen Studie über die
Apollonioi bei Pauly-Wissowa erwähnt Wellmann ausserdem folgende
Aerzte dieses Namens: den Hippokrateer (s. oben), den Erasistrateer
(s. unten), den Antiocheier (s. oben) mit seinem Sohne A. Biblas, den
Pergamener (s. unten), Claudius (zur Zeit des Kaisers Claudius, 41 — 54
n. Chr. ; Rezepte bei Galenos), A. Ophis (den Verkürzer des Bakcheios-
Kommentars zu Hippokrates), A. Glaukos, A. aus Pitäne, A. aus Tarsos,
A. aus Prusa, =') A. Ther, *) A. Organikos und noch zwei nur inschrift-
lich bezeugte. Obwohl ihn Caelius, der ihn wie den Demetrios bald
„Herophilius", bald „Mys" nennt, anscheinend nach Asklepiades an-
setzt (ac. m. II 27 p. 139), so können wir doch mit Rücksicht auf
Herakleides die Zeit um 20 v. Chr. annehmen. Als Herophileer (Cels. V
praef) verfasste er in wenigstens 28 Büchern (Cael. Aur. II 13 p. 110)
eine Schrift über die „Schule des Herophilos", Ttegl rfjg "HQocpiXov atgsaewg
(Gal. VIII 744 ; Sor. II praef). Auch in der Definition des Pulses
folgte er den Herophileern (Gal. VIII 744). Sein Hauptgebiet aber
war die Arzneimittellehre mit den Schriften: mcegl (.ivQtov (Salben;
Athen, p. 688 E ff.); Tttql tCov euTtogioxiov cpaQ/^idmov = ,.Hausmittel"
in mindestens 2 Büchern (Gal. XI 795; XII 995; XIV 143 ff ; Cels.
a. a. 0. ; Palladios bei Dietz, Apollon. Citiens. etc. schol. II 98 ; Cramer,
Anecd. I 305). Galenos trat ihm bei aller Hochschätzung seiner
Rezepte mehrfach entgegen (vgl. XII 475 f.; 509 f.; 614; 646; 686;
1000 u. s. w.). Auch Wundermittel wandte er bei Bedarf an (Gal.
XII 475; Menschengalle bei Plin. h. n. 28, 7). Unter den Chirurgen
„Apollonii" meint Celsus (VII praef.) zweifellos auch diesen Apollonios
mit. — DemosthenesPhilalethes aus Massilia (Marseille) lebte
um 40 n. Chr. und ist jedenfalls mit dem bekannten Augenarzte
identisch. Er war Schüler des Alexandros Philalethes. In 3 Büchern
handelte er vom Pulse (Gal. I 104; V 503; VIII 727), vom Karbunkel,
und zwar wohl nur gelegentlich (XIII 856) ; das (xpd^aXf^uxbg betitelte,
von Simon lanuensis erwähnte und viele Autoritäten verwertende
.Werk in 3 Büchern betraf die Augenheilkunde. Oreibasios (s. index)
und Aetios (VII p. 134) haben Abschnitte über die xi^(.uooig, cpXvy^zaLvai,
VTCöxvaig (= yXavy.woig der Hippokratiker) und ein Augencollyrium
„Nileum Demosthenis" = „von Demosthenes verbessertes Mittel des
Neileus" erhalten (Cels. V 9). Aetios 113, 12; 16; 44; 48; 51 ; 73 f.;
^} Well mau 11, Hermes XXIII 1888 S. 565 f. Litteratur s. Well manu bei
Susemihl, Gesch. d. griech. Litt, in d. Alexandrinerzeit, Leipzig 1891, I 816 A. 220.
") Bei Sprengel, Versuch einer pragmat. Gesch. d. Arzneikunde, 4. Aufl.
S. 547 A. 15.
■■') Sor. I 22, 71. Er entfernte die Nachgeburt durch Ziehen an dem heryor-
ragenden Teile.
*) Seinen Verband fiövww =; Monoculus beschreibt Oreibasios (coli. med. 48, 41
= IV 306).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 295
74; 79 bringt weiterhin Bruchstücke über Augenschwellung, Fremd-
körper, Sehschwäche, Verdunkelung, den grauen Star, Hasenauge,
Sklerophthalmie und Lidabscess ; vgl. YII 32 das Rosenmittel. Einen
Apparat zum Einrenken, aoTQccßr^ = Saurasattel, erwähnt Oreibasios
(coli. med. 49, 4 = IV 344). Statt des überlieferten „Damastes" hat
Ermerins bei Sor. I 31, 87 zuerst „Demosthenes" wiederhergestellt; es
handelt sich da um ein Werk über Kinderkrankheiten. Die Citate
aus Demosthenes in den Pandekten des Sylvaticus (etwa 1300 n. Chr.)
hat Kühn, Additamenta ad elenchum medicor. vet. a I. A. Fabricio
in biblioth. Graec. vol. XIII exhibitum, spec. VIflf. gesammelt. — Ari-
stoxenos, ebenfalls Schüler des Alexandros Philalethes (Gal. VIII
746 ; 734), gehört derselben Zeit an. Bei Wasserscheu reichte er Tränke
und brauchte er Klystiere (Cael. Aur. ac. m. III 16 p. 233). Er sammelte
u. a. die Pulsdefinitionen der Herophileer (das Citat schliesst nach
Wellmann, Die pneumat. Schule bis auf Archigenes, Berl. 1895, S. 12
bei Gal. VIII 748, 8) in seinem Werke von wenigstens 13 Büchern
über diese Schule. ^) — G a i u s , Augenarzt aus Neapolis, schrieb über
Wasserscheu (Cael. Aur. ac. m. III 14 p. 225). -^ Dioskurides
P h a k a s , nach linsenartigen Flecken im Gesichte so benannt, stammte
aus Alexandreia und war Leibarzt der Kleopatra. Er schrieb /«pi
ovouaaiwv tCov (paQjiidxiov (Gal. XIX 105) und über die Libysche Pest,
deren Bubonen er treffend beschrieb (Orib. XLIV 17 = III 607 f.).
Im ganzen verfasste er nach Suidas (s. v.), der falschlich „aus Anazarba"
hinzusetzt, 24 bedeutende Werke. Schon Eudokia (violet. p. 129) ver-
w^echselt ihn mit Dioskurides von Anazarba. — S. unten Philinos.
28. Erasistratos. Die Erasistrateer.
Vgl. die Litteratur zu Kap. 27. — 1. Itobertus Fitchs, Erasistratea, quae
in librorum memoria latent congesta enarrantur, Diss., Berol. 1892; Die Plethora hei
Erasistratos, Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 1892 S. 679 ff. ; De Erasistrato
capita selecta, Hei-mes XXIX, 1894 S. 171 ff.; Ein Brief des Erasistratos. S.-A.
aus d. Aerztl. Rundschau 1897 Nr. 1; Lebte Erasistratos in Alexandreia?, Rhein.
Mus. X. F. LH 1897 S. 377 ff. ; Eine neue Receptforniel des Erasistratos, Hermes
XXXIII 1898, S. 342 ff: — 2. Giirlt, Gesch. d. Chirurgie u. ihrer Ausübe, u. s. w.,
Berl. 1898, 1470 f. [lieber Setzung). — 3. Car. Gottl. Kühn, Additamenta ad elenchum
medicorum veterum a . . . Fabricio in biblioth. . . . exhibitum XXV, Lips. sine anno;
opuse. II 303 ff. — 4. Lichte^nstädt, Erasistratus als Vorgänger von Broussais.
Litter. Annalen d. gesammt. Heilk. hrsg. v. Dr. J. Fr. C. Hecker XVII, Berl. 1830
5. 153 ff. — 5. PorciuSf Erasistratus s. de sanguinis missione, Romae 1682. —
6. von Sallala, Galen, Vom Aderlassen gegen den Erasistratus, übers, u. m. An-
merk. vers., Wien 1791. — 7. Suseniihl in Bursiatis Jahresber. XXII. Jhrg. Bd.
79, 1894 S. 286 ff'. ; Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 1896; Analecta Alexandrina,
Greifswald 1885 I p. VII f; Phüologus LVII 1898 S. 318 ff. — 8. VulpinuSj
Haemophobiae triumphus s. Erasistratus vindicatus etc., Lugd. 1697.
Bezüglich der Identität liegt es zunächst auf der Hand, dass
der bei Antiphon, iiQog 'EQuaiargaTov TtsQi ttüv Tawv (gegen E. über
die Pfauen, Athen. IX p. 397) genannte und der Sikyonier (Gal.
XIII 356) ein anderer sein muss. Dass auch bei Palladios Sophistes
Erasistratos nicht gemeint sein kann, habe ich früher gezeigt (Diss. 13
A. 34). Von der Bedeutung, die der Arzt Erasistratos für die
Weiterentwicklung der Heilkunde gehabt hat, zeugen fast alle späteren
^) Schöne, De Aristoxeni Tte^l -rrje 'HQOfiXov al^iaecos libro XÜI* a Galeno
adhibito, Diss., Bonnae 1893.
296 Robert Fuchs.
Aerzte und auch andere Schriftsteller. Plutarchos^) verwendet die
Steigerung: „Herophilos oder Erasistratos oder selbst Asklepios".
Lukianos nennt ihn „den Arzt" schlechthin. Appianos rühmt seine
ausserordentliche „Tüchtigkeit und Weisheit". ApoUonios von Kition
bezeichnet ihn als „den besten Arzt". Soranos gesteht ihm neben
seiner Vortrefflichkeit in der Kunst die höchsten moralischen Eigen-
schaften zu. Georgios Kedrenos giebt ihm in irrtümlicher Auffassung
der Vorlage den Beinamen des „Berühmten". Dass ihn seine An-
hänger als „unfehlbar" und als einen „Gott" ansahen, würde ohne
Gewicht sein, wenn nicht auch der sonst zu Tadel geneigte Galenos
schwankte, ob er Hippokrates oder Erasistratos die Palme zuerkennen
solle (I 184; vgl. II 648; XI 147; II 88). So hatte denn der Porträt-
sammler der Vorlage des Bononiensis graec. 3632 saec. XV Recht,
wenn er das freilich nicht getreue Bild des Erasistratos in seine
Galerie berühmter Aerzte aufnahm,-) Ingrassia (* 1510) ihn den
„sicilianischen" (?) Hippokrates nannte, der Erbauer der „Academie de
medecine" in Strassburg seinen Namen in die Ehrentafel neben anderen
Leuchten der Heilkunde eingrub.
lieber die Lebenszeit des Erasistratos bestehen Meinungs-
verschiedenheiten. Ohne auf die schätzenswerten Berechnungen Helms ^)
und Wellmanns*) näher eingehen zu können, beziehe ich mich aut
das über Eudoxos und Chrysippos (s. oben Seite 271 f.) Gesagte und
stelle als wahrscheinlich folgende Chronologie auf: Erasistratos ge-
boren etwa 330 v. Chr., Schüler des Metrodöros ■^) um 312/310, des
Chrysippos um 310 308, erwarb sich den höchsten Ruhm durch die
Entdeckung von dem Zwecke und Wesen der Nerven im hohen Alter
(Gal. V 602 ff.) etwa 258/7, gestorben ungefähr 250/240. Dieser An-
satz wird durch die Zeugnisse der Alten gestützt. Plinius (h. n. 14,
9, 1) berichtet, dass P^rasistratos um das Jahr 450 der Stadt = 304
V. Chr. den besten Weinen den lesbischen zugesellt habe. Nach
iEusebios (armenische Version) wurde oder war er im Jahre 1758 nach
Abraham = Olymp. 130, 3 = 257/6 berühmt, nach der lateinischen
Ueberarbeitung des Hieronymus 1760 = Ol. 130, 4 = 256/5 unter
der Herrschaft des Antiöchos II. Theos von Syrien (262—247). Dieses
wichtigste Zeugnis, das offenbar auf die epochemachende Entdeckung des
Arztes geht, ist bei den bisherigen Berechnungen nicht genügend ge-
würdigt worden (vgl. Syncell. 520, 16). In diesen Rahmen passen die
übrigen Daten ausnahmslos hinein, zunächst der Liebesroman des Prinzen
Antiöchos und der Nebenfrau seines Vaters, Stratonike, an deren Wahr-
heit bisher noch niemals Aerzte, wohl aber Philologen gezweifelt haben.
Dass ein zarter Jüngling, der in eine in den besten Jahren stehende,
ihm unerreichbare Frau verliebt ist, aus Verzweiflung über die Hoff-
nungslosigkeit seiner Liebe erst seelisch und dann körperlich erkrankt
und sich durch die bekannten Zeichen der Aufregung beim unver-
^) Fuchs, Diss. S. 6 if . ist hierzu und zu den folgenden Citaten zu vergleichen.
2) Olivieri, Studi italiani di filologia classica III 1895 S. 454.
ä) Hermes XXIX 1894 S. 161 ff.; Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 67. Jhrg.
Bd. CLV 1897 S. 396.
*) Hermes XXXV 1900 S. 349 If. Er bezeichnet die Reihenfolge „Diokles, Era-
sistratos, Praxagoras, Herophilos" bei Cael. Aurel. ac. m. II 27 p. 139 als „an-
scheinend chronologisch". S. dagegen die Reihenfolge „Herophilos, Erasistratos" bei
Kühn, opusc. II 303 ff.
^) Unter seinem Namen gehen Rezepte mit dem Titel Tte^l rmv yvvaixeicov
^ad-öjv. die noch nicht veröffentlicht sind ^Orib. ed. Buss. et Dar. I p. XXV f.).
Geschichte der Heilknnde bei den Griechen. 297
hofften Eintritte des Weibes dem scharf beobachtenden Arzte wider
seinen Willen verrät, ist so ungemein natürlich und wahrscheinlich,
dass es der Parallelen gar nicht bedürfen sollte, die uns Hippokrates-
Perdikkas, Galenos - lustus und zahlreiche Aerzte neuerer Zeit
liefern (Diss. S. 12 f.). ^) Im Gegensatze zu Helm (Fleck. S. 396;
Herm. S. 165), dessen „Hyperkritik" (Sus. S. 324) auf das sach-
kundigere Urteil der Aerzte nichts giebt und dazu führen könnte,
jedes beliebige Zeugnis der Alten zu beseitigen, und im Gegensatze
zu Suse mihi, der wenigstens das Milieu als glaubhaft anerkennt,
gebe ich den Thatbestand auch heute nicht preis. Aber in so weit
trage ich Susemihls und Wellmanns Beweisführung Rechnung,
dass ich wegen Plin. 7, 123, wo von dem unbekannten Keier Kleom-
brötos vielmehr diese That berichtet wird, diesen als den Retter des
Antiochos ansehe (natürlich nicht den Mathematiker Leptines, Val.
Max. V 7, 1). Dieser Kleombrotos aber, der etwa 293 v. Chr. dem
Könige Seleukos I. Nikätor (312 — 280) für den Antiochos die Strato-
nike abrang, ist kein anderer als der Vater des Erasistratos (Suid. ;
vgl. Diss. S. 10 A. 2). Wie so häufig ist die Ruhmesthat des unbe-
kannten Vaters auf den Sohn übertragen worden. Kehren wir nun
zu Erasistratus selbst zurück, so ist zu berichten, dass er in lulis auf
Keos geboren ward als Sohn des Kleombrotos und der Kretoxene, der
Schwester des Anatomen Medios *) (Gal. XV 135 f ), und nicht auf
Chios, Kos oder Samos als Sohn der Pythias, der Tochter des Aristoteles
(Diss. S. 10 f.). Zum Samier wurde er lediglich deshalb gemacht, weil
er am Mykäleberge Samos gegenüber bestattet sein soll (Suid.). Es
bleibt zweifelhaft, ob sich, wie um das Grabmal des Hippokrates, so
auch um das des berühmten Landsmannes des Prodikos die Sage ge-
woben hat oder ob Erasistratos wirklich erst auf Keos, dann wohl in
Kos studiert, im Seleukidenreiche und in Aegypten '^} praktiziert und
sich von da gegen Ende seines Lebens nach Samos zurückgezogen hat.
Medizinischen Unterricht genoss er bei Metrodöros, dem dritten Manne
der Pythias, der als Jüngling den Knidier Chrysippos gehört hatte.
Zu letzterem begab sich Erasistratos später ebenfalls, gleich seinem
Bruder Kleophantos, *) und zwar wahrscheinlich direkt nach Alexan-
dreia. Dass er zuvor in Athen peripatetische Philosophie gehört habe,
lässt sich nicht erweisen. Möglich ist es, dass seine peripatetischen
Anschauungen (Gal. 11 88 u. ö.) dort gewonnen wurden, aber ebenso
^) Zu der namentlich von den Franzosen romanhaft ansffestalteten Historie
vgl. ausserdem: Apuleius, metam. X 2 f. §680; Wertner, Rohlfs' Deutsch. Arch. f.
Gesch. d. Medic. und med. Geogr. VIII, Leipz. 1885 S. 173 ff.; Pester medic.-chir.
Presse 1884 Nr. 17; Vierer dt. Medizinisches aus der Geschichte, Tühingen 1896
S. 85; Falk, Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie u. psych.-gerichtl. Medic. XXIII, Berl.
1866 S. 496 mit Anm. (auf Grund von Aretaios). Die Scene hat die französischen
Maler Lairesse und Boixieres so begeistert, dass sie sie zwei- hezw. einmal in herr-
lichen Bildern dargestellt haben (Winkelmanns Werke hrsg. v. Femow I, Dresden
1808 S. 99 ff.).
*) Diesen Medios — denn so ist bei Galenos M^Setos zu verbessern — zog
Plinios (XX— XXVII Index) heran. XX 27 berichtet er, dass Medios bei Blut-
speien und zur Anregung der Milchabsonderung gekochten Rettig verabreichte. Ein
zerteilendes Malagmarezept überliefert Celsus (V 18, 11).
') Dass er in Smyma eine Schule gegründet habe, hat auch Matter, Essai
historique sur l'ecole d'AIexandrie, A Paris 1820, I 117; 11 79 nicht zu erweisen
vermocht. An seine Wirksamkeit in Samos glauben Susemihl, Philol. S. 322 ff.;
Christ, Gesch. d. griech. Litt, 3. Aufl., S. 855.
*) S. oben S. 294. Kksöfavros o KXeo^ß^örov bei Rhuphos (Dar.-Ruelle 32).
298 Bobert Fuchs.
■gut konnten sie ihm auf andere, heute nicht mehr ergründbare Weise
vermittelt werden. Ein bestimmtes Zeugnis fehlt auch hinsichtlich der
AVirksamkeit des Erasistratos als Hofarzt des Ptolemaios IL Phila-
delphos (285—247) und des Ptolemaios III. Euergetes (247—221).
Indessen sprechen Wahrscheinlichkeitsgründe dafür: die reiche Be-
schenkung des Erasistratos durch Ptolemaios IL (Diss. S. 8 f.), das
Mittel gegen Arthritis, das er dem Könige versprach, die Beziehungen
des Rhodiers Chrysippos zum ägyptischen Hofe (s. oben), die Wirk-
samkeit der Schüler des Chrysippos, Kleophantos und Xenophon, in
Alexandreia (Wellmann S. 381 A. 1), endlich der Umstand, dass nur
für Aegypten die Freiheit anatomischen Präparierens nachweisbar ist
(Plin. h. n. 19, 86). Sonst sind uns nur noch Anekdoten über Era-
sistratos überliefert, dass er die hippokratischen Bücher auf weiten
Reisen gesammelt habe, dass er wegen eines unheilbaren Geschwürs am
Fusse Gift genommen habe und mit den Worten gestorben sei : „Wohl
mir, dass ich des Vaterlandes eingedenk bin!", dass von ihm in Delphoi
eine bleierne Zahnzange geweiht worden sei, um anzudeuten, dass nur
wackelige Zähne entfernt werden dürfen, ^) schliesslich dass er, als er
einen Patienten vor dem Hause schon schnarchen gehört habe, gesagt
habe: „Da drinnen höre ich einen besseren Arzt" (Diss. S. 11 ff.).
Von Schriften'-) werden genannt: 1. ol ■Ka^oXov Xöyoi = All-
gemeine Grundsätze, eine Ttgayi^iarela = ars = Handbuch in wenigstens
2 Büchern (Gal. II 105; Athen. XV p. 655 E F); 2. 2 Bücher ävaro^ai
(Cael. Aur. ac. III 4 p. 192; Gal. IV 718); 3. 2 Bücher öiaiQeoewv d. i.
„Sektionen" („Einschnitte" bei Susemihl könnte nur auf Aderlass
gedeutet werden), im hohen Alter verfasst (Gal. XI 192 f.; 199; XVIII,
1 86 ; Gell. noct. Attic. XVI, 3, 3) ; 4. Ttegl ahiCbv = Aetiologie (Diosc.
de venen. praef. = II 49 Sprengel); 5. 2 Bücher v/ietvö)' (Gal. VII
554; XI 179; 235 f.); 6. wenigstens 3 Bücher TteQl tivq&iCjv = Fieber
(XI 155; XVI 39), deren letztes die Therapie umfasst zu haben
scheint (XI 220; XIX 37); 7. r] tCov mata triv y.oiUav nad^Cbv Ttqcty-
\iaxBia. = de ventre (XI 192), deren 3. Buch citiert wird (Cael.
Aur. ehr. m. IV 3 p. 522); 8. ta TteQt Ttagalvaeiog = Lähmung
(Gal. XI 245; XVI 673), die ich mit fj iCbv Ttageaecov (Susemihl „Ohn-
mächten") identifiziere (XI 192); 9. ttsqI Ttoödyqag (a.a.O.); 10. de
hydrope (Cael. Aur. ehr. m. III 8 p. 473; 487); 11. o Tteql dvvcc(.iewv
■Kai ^avaaifAiüv = Mittel und tödliche Mittel, bei dessen Citierung
teils die erste, teils die zweite Hälfte ausgelassen wird (Diosc. de
venen. 18 = II 74 Sprengel; 87; Nie. alex. 65 schol.); 12. mindestens
2 Bücher ttsqI rijg ävaycjyfjg tov ai/.iatog, eher über „Blutauswerfen"
handelnd als über „Blutentziehung" (Susemihl), was ja wohl in das
therapeutische Fach einschlüge; 13. einen dipaQtvriKÖg = üeber die
Kost (Athen. VII p. 324 A; XII p. 516 C). Aus dem leider noch
immer indexlosen Rhazes führt Haller '^) noch ein Buch „de summa"
an. Wenn Galenos (II 60; III 316) noch tvsqI xataTtöaeiog = Hin-
unterschlucken; 7t. ävaööaecog == (Blut)verteilung ; 7t. Tteipecog = Ver-
dauung zitiert, so hat er damit schwerlich eigene Werke, sondern
wohl Abschnitte gemeint, etwa aus den xa^' olov löyoi. Aus der
') Diesen Sinn hatte die Gabe natürlich nicht, sondern bleierne Weihgeschenke
waren überhaupt üblich.
2) Vgl. meine Diss. S. 15 ff.
*) Biblioth. medica practica I 117 f. Was er sonst noch anführt, beruht auf
Irrtum.
Geschichte der Heilknnde hei den Griechen. 299
Erklärung des bei Hippokrates (de artic. repon. 7) zuerst vorkommenden
Wortes äf.ißrj und der doxograpliischen Zusammenstellung bei Erotianos
(52, 10) kann ich nur entnehmen, dass Erasistratos den Vorgänger, den
er fleissig studiert hat (Diss. S. 14), auch kommentiert hat. ^) Wenn
Suidas 9 Werke des Elrasistratos zählt, so ist ein Ueberlieferungs-
fehler anzunehmen. Dass er sie selbst gezählt habe, ist deshalb aus-
geschlossen, weil sie schon Galenos nicht vollzählig vor sich hatte
(XI 221). Und doch ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass aus
semitischen Quellen noch mancherlei wiedergewonnen werden mag;
denn seine Lehre wurde frühzeitig auf jüdischen Boden verpflanzt '^)
und ist von den Arabern vielfach verwertet worden, auch ohne dass
der Name erkennbar ist.^)
Die Grundlage der Lehre des Erasistratos ist philosophisch-peri-
patetisch und medizinisch-dogmatisch. Dabei sind aber starke Ein-
schränkungen nötig. Denn dass er, wie die späteren Anhänger be-
haupteten, Theophrastos gehört habe (Gal. IV 729; vgl. Diog. Laert.
V 2, 15 = 57), ist offenbar nur aus den bestehenden Uebereinstimmungen
erschlossen worden, und Galenos selbst trägt Widersprechendes in ge-
nügender Menge zusammen (Diss. S. 11). Pythagoreisches ist ihm durch
den Schüler des Eudoxos. Chrysippos von Knidos, übermittelt worden.
Ferner ist er durch die knidische Richtung seines Lehrers Chrysippos
wesentlich beeinflusst und zum Widerspruche gegen Hippokrates geneigt
gemacht worden, wenngleich Galenos, wie üblich, stark übertreibt
(Diss. S. 4). Weiter sind Spuren des Diokles unverkennbar (Gal. II
282; 716). Pi'axagoras' Pneumalehre war der Untergrund seiner
Pathologie, in dem Masse, dass er „Pneumatiker" genannt worden
ist. *) Die Beeinflussungen durch Petrönas aber (Gal. XV 435 f.) und
die ägyptische Weisheit*) sind bedeutungslos.
Erasistratos war ein vorzüglicher Anatom*) ( Vindic. gynaec. =
Theod. Prise, ed. Kose 464). Er öffnete Kadaver von Ziegenböcken
und anderen Tieren, um das Gehirn, die Sinnesorgane, die Gefässe,
die Eingeweide, die Herzklappen {tQiyXwxiveg vj-uveg = dreizackige
Häute) zu erforschen. Bei eben geborenen Ziegen untersuchte er das
Gekröse. Bei Menschenleichen ergründete er die Natur des Gehirns
und als Greis den Ausgangspunkt der Sinnesnerven. Bei solchen, die
einem Schlangenbisse erlagen, fand er Leber, Dickdarm und Blase
zersetzt und bei Wassersüchtigen eine steinharte Leber. Dass er
Verbrecher viviseziert habe, wie Celsus (prooem.) dreist behauptet, ist
schon bei Herophilos zurückgewiesen worden.
In der Physiologie ist Erasistratos von allen alten Aerzten
der erste, der auf dem Standpunkte der neueren Physiologie steht.
Er erklärte die Natur für eine Künstlerin, für fürsorglich und für in
jeder Beziehung zweckmässig, wenngleich er in Einzelheiten gegen
') Er kannte aph., prognost., epid. 11 (Gal. XIX 570 arovuäpyov), de diaeta in
ac, de morb. IV. Vgl. Hippocrate par L i 1 1 r e V 74 f . ; 328 ; 130 ; 363 ; 376 ; D a r e m -
berg, Archives des missions scientifiques, Paris 1852 S. 433.
-) Kobert, Hist. Stud. aus d. Pharmak. Instit. d. Kais. Univ. Dorpat V 172.
") Vgl. Rhazes, z. B. Continens; Hobeisch ben el-Hassan. Bei der schweren
Zugänglichkeit und bei der Schwierigkeit des Verständnisses der Arabisten habe ich
Zuverlässiges leider bis heute nicht ermitteln können.
*) Bouchut, Histoire de la medecine etc., Paris 1873, I 156.
**) Ebers, Wie Altägyptisches in die europäische Volksmedicin gelangte,
Virchows Jahresber. ü. d. Leistg. u. Fortschr. in d. ges. Medic. XXX, 1895, I 283.
•) Die Stellen s. Hermes XXIX 1894 S. 173 ff.
300 Robert Fuchs.
diesen Satz handelte, indem er z. B. die Milz für ein zweckloses Organ
erklärte. Auch lehnte er es vielfach ab, den Wundern der Natur
nachzugehen, und so hielt er es für gleichgültig-, ob man wisse, wo
und warum sich die Säfte bildeten, ob die gelbe Galle im Magen ge-
bildet oder zugleich mit den Speisen eingeführt werde, denn das ge-
höre in die Naturwissenschaft. Auch der menschliche Körper besteht
nach ihm aus unveränderlichen Atomen. Diese starren, gefühllosen,
winzigen Atome werden durch die von aussen herbeigezogene Wärme
(E7ti/.TrjTov S^eQi-iöv) zu lebenden Wesen gestaltet, denn eingeborene
Wärme giebt es bei ihm nicht. Von den vier Qualitäten des Empe-
dokles hielt er nichts, sondern er Hess eine andere Kraft an die Stelle
ihres Widerstreites treten. Es ist der sog. „horror vacui", wonach
nirgends ein leerer Eaum möglich ist, vielmehr bei dem Abgange
einer Masse augenblicklich anderes etwa entstehende Lücken ausfüllt.
Hieraus erklärte er Hunger und Durst, Verdauung, Ausscheidungen,
Atmung, Ausströmen des Blutes bei Gefässverletzung. Galenos ist
unlogisch, wenn er ihm aus der Nichtbeachtung der Anziehungskraft
einen Vorwurf macht, denn diese war nunmehr überflüssig für Samen,
Fleisch, Magen, Nieren, Gallengänge, Gallenblase, Milz, Nerven und
Uterus. Ein anderer wichtiger Satz ist der von der Dreigeflochtenheit
aller Körperteile, TginloiiLa, die eine stete Vereinigung von Nerven,
Venen und Arterien voraussetzt. Bloss das Gehirn nahm er als eine
„Anschwemmung des Blutes", ^ageyxv^ia, bis in sein hohes Alter
davon aus. Die Nerven dienen zur Bewegung und Wahrnehmung, die
Venen zur Fortleitung des nährenden Blutes, die Arterien als Kanäle
einzig und allein für das Lebenspneuma. Das Seelencentrum, fjyef-iomöv^
verlegte er in die Meninx und in das kleine, für sich umhäutete Hirn,
s7tiy.Qavig, weil dahin geschlagene Tiere sofort lautlos umsinken, und
deshalb beschäftigte ihn bis zur Erkenntnis des Ursprungs der Nerven
deren Thätigkeit nicht weiter. Da erst erkannte er auch den Zweck
der grösseren Zahl von Gehirnwindungen beim Menschen gegenüber
den Hirschen und Hasen. Für die Ernährung der Nerven gab die er-
sonnene Triplokie die Erklärung ab. Die Bewegung, z. B. beim Thorax,
erfolgt dadurch, dass die Seele durch den hohlen Nerv das psychische
Pneuma dem betreffenden Muskel zuschickt und dieses dann dessen
Hohlräume gewaltsam ausfüllt, so dass Streckung bezw. Beugung ein-
tritt; je mehr Pneuma, desto rascher die Bewegung. Die meisten
Nerven sitzen in dem Pleurasäcke. Die Erneuerung des Pneuma ge-
schieht so, dass die Luft zunächst die „rauhe Arterie" = Luftröhre
durchläuft, die Lungenarterien füllt und dann zum Herzen und Gehirn
gelangt. Die Luft muss eine gewisse Dichtigkeit haben, sonst ist sie
schädlich. Die willkürliche Ausdehnung des Thorax bewirkt durch
die TTQos To nevovf-ievov ay.olov^La das Nachströmen der Luft. Zur
linken Herzhöhle gelangt das Pneuma durch die vena pulmonalis („die
venenähnliche Arterie"). Der Herzstoss presst mit einem Male das
Pneuma überallhin, das Lebenspneuma, Cwr^xoV, in die Arterien, das
seelische Pneuma, ipvxi'Mv, durch die Arterien bis in die dura meninx.^)
^) Dass Erasistratos Stratons Pneumalehre theoretisch so geistvoll, praktisch
„bis zur Absurdität" ausgebildet habe, sucht Di eis darzuleeen: Preuss. Jahrbb.
LXXIV 1893 S. 428; Sitz.-Ber. d. Berl. Ak. d. Wiss. 1893 S^ 101 ff. Er berück-
sichtigt aber nicht, dass schon Philistion und durch ihn Diokles, Praxagoras und
Piaton, natürlich auch der Knidier Chrysippos die Elemente der von Erasistratos
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 301
Was allerdings die Nierenarterien dabei zu schaffen hätten, bezeichnete
er als unerfindlich. In die feinsten Ausläufer, Capillargefässe = aw-
avaoTOfid)aeig, der Arterien münden die Verästelungen der (fXeßeg =
Venen ein. Er beschreibt an den uns zugänglichen Stellen die Lungen-
arterie == die „arterienähnliche Vene", die aus der rechten Herzhöhle
das Blut den Lungen sendet, und den Lauf der vena cava. Das Blut
ist der Saft der verdauten Speisen ; woher er kommt, geht den Arzt
nichts an. Die Stätte, wo das Blut zuerst auftritt, ist die Leber; sein
Zweck die Bildung der Glieder, deren Ernährung und die Zeugung.
An verschiedenen Stellen schwemmt das Blut fleischähnliche Massen
an, und zu diesen Parenchymen gehören Lunge, Leber, Milz, Nieren,
Gehirn, Rückenmark und Fett, nicht aber der Magen, die sonstigen
Eingeweide und der Uterus. Die Verteilung ^= ävdöoaig des Blutes
denkt sich Erasistratos also: der mit Speisen gefüllte Magen presst
den Saft nach der Leber, von da kommt der in Blut verwandelte
Saft offenbar zum Magen zurück und wird durch dessen Pressung in
die Hohlvenen zum Herzen gesandt, von da gelangt das Blut in die
Lunge, indem es durch die tricuspidales am Zurückfliessen gehindert
wird. Bei der Systole schliessen die unteren Klappen die Hohlvene,
öffnen sich hingegen die Klappen der arteria pulmonalis. Als Aus-
gangspunkt dieses Laufes gilt das Herz mit seinem rechten Ventrikel,
obwohl von ihm aus nur das Lungenparenchym ernährt wird. Die
Ausläufer der Hohlvene stossen in der Leber mit den galleführenden
kleinen Gefässen zusammen. Das im Leibe schon bei seiner Ent-
stehung durch die Galle verunreinigte Blut scheidet sich am Treff-
punkte der beiderseitigen Aeste so, dass das klebrige Blut in die
weiteren, die dünnere Galle in die engeren Gallengefässe einströmt.
Man erkennt hieraus, dass nur die Theorie von der Lufthaltigkeit
der Arterien verhindert hat, dass Erasistratos Harvey den Ruhm der
Entdeckung des Blutkreislaufes vorweggenommen hat und sich damit
begnügte, den Pneumalauf vom Herzen, den Blutlauf von der Leber
beginnen zu lassen. Die Verdauung besteht darin, dass die durch die
Speiseröhre in den Magen gelangten Speisen und Getränke im Magen
von den seitlich abwechselnd drückenden Muskeln dank des einge-
zogenen Pneuma verarbeitet werden und, durch Galle beschmutzt,
nach den Därmen hinabgleiten ; die Flüssigkeiten gelangen infolge des
horror vacui nach der Blase, gleichviel wie.
Die pathologischen Erscheinungen bestehen in der Störung
irgend einer Körperfunktion, ') z. B. der Atmung. Doch hierüber er-
fahren wir aus den Bruchstücken nichts Nähetes. Am wichtigsten
erschien nämlich dem Erasistratos, wie seinem Lehrer Chrysippos, die
abnorme Füllung der Gefässe mit Nahrungsstoff, die Ttlrjd^wQa.
Die Venenmäntel werden dann gewaltsam ausgeweitet, besonders
an der Lunge, später auch an den Extremitäten, als wenn eifrig
geturnt worden wäre. Hieraus folgt zunächst der xörtog = Er-
mattung, Geschwüre, Entzündungen, Bluterguss in die Synanastomosen
der Venen und Arterien mit Störung des Pneumalaufes = Ent-
zündung und Fieber, Venenzerreissung, Blutspeien, Voniicae, Bräune,
Arthritis, organische Leiden, Lähmungen, Epilepsie, Pleuritis. Die
nur bis zu Ende gedachten Theorie vorgetragen haben, so Ton dem Nichtbestehen
des leeren Raumes und der Störung des Pneumaumlaufes als Krankheitsursache.
^) Von jetzt ab folge ich meinem Aufsatze über die Plethora.
302 Robert Fuchs.
7taQe}.i7ctioGig = Eindringen des Blutes in die Pneumawege erfolgt
aber nicht nur durch die rohe Gewalt der Plethora, sondern auch
durch Anschneiden einer Arterie; denn im Nu stürzt das Pneuma
heraus, und wegen der Unmöglichkeit des Vacuum schiesst das Blut
nach, so dass wir fast im Momente der Verletzung das Blut austreten
sehen. Jede solche Störung des Pneuma bedingt eine cpleyi-iovi] =
Entzündung, und diese erkennen wir am „Schlagen" der Arterien,
oq)vyf.i6g (also nicht „Puls"). Ein Symptom, eTriyevvrjina = accidens,
der Entzündung ist das Fieber, Dieselbe Ansicht herrscht noch
bei Broussais vor, wenngleich dort schlechter gestützt als bei seinem
Vorgänger; denn auch der Franzose gründet seine Lehre von
der Nichtessentialität der Fieber auf den Satz „Keine Entzündung,
kein Fieber".^) Das Hauptmerkmal ist die ausserge wohnliche Fre-
quenz des ocpvyf.i6g (Rose, Anecd. II 208; 226), die beim Messen mit
der Hand fühlbar werdende Hitze und das Eitersediment im Urin,
häufig auch Verdauungsstörungen, quälendes Durstgefühl in Mund
und Schlund ohne wirklichen Durst {fi sTtiTtolaLog öLipa = Ober-
flächendurst). Folgende Fieber finden sich: das rasche und das lang-
same; Fieber als Sj^mptom der Lähmung, der Herz- oder Magenmund-
erkrankung (Kardialgie), der Gallenleiden und Regel verhaltung. Durch
Plethora entstehen ferner Hämorrhoiden {■/.ovöulw/naTa = Knötchen),
Hämorrhagie, Hämoptysis, Angina (owdyxTi) == Entzündung der Man-
deln {TtaQiG&fua) und der Kehldeckelumgebung. Bei letzterer tritt
leicht eine tödliche Metastase auf die Luftwege (Erstickung), Kopf,
Leber oder Lunge ein. Arthritis ist Gelenkplethora. Die ä7toTv%Lat,
ir]g Ttiipstog = Verdauungsstörungen beruhen in der plethorischen
Hemmung der Fähigkeit des Magens, sein Volumen abwechselnd zu
vergrössern und zu verringern. Hydrops entsteht entweder durch
die Leber oder die zwecklose Milz, Die Entzündung dieser Organe
hindert den Blutumlauf, das ungereinigte Blut ergiesst sich als kaltes,
wässeriges Exsudat zwischen Eingeweide und Bauchfell. Ueber
urogenitale Plethora ist nichts erhalten. Paralyse entsteht dadurch,
dass die kalten, zähen Schleimmengen, die die Nerven ernähren, in-
folge einer im Gehirne eintretenden Stauung in die Nervenarterien
einbrechen und so den Pneumalauf authalten. Wie die Methodiker
später überall, so unterschied Erasistratos hier die auf Ausdehnung
und die auf Zusammenziehung beruhende Form und behandelte sie
verschieden. Ueber Lungenleiden fliessen die Quellen äusserst spärlich.
Die Kardialgie der Alten hat sehr verschiedene Erklärungen gefunden.
Falk deutet sie als blosses Symptom höchster körperlicher Erschöpfung,-)
Hecker als englischen Seh weiss, ^) mit Recht, soweit die zweite Art
des Erasistratos in Frage kommt, die ihren Sitz im Magenmunde hat
und mit Fieber einhergeht. Die andere Art ist irgend ein Herzleiden.
Die Urin verhaltung hat eine ungewöhnliche Ausdehnung der Blase
zur Ursache, wodurch dem Urin der Weg verlegt wird. Am gefähr-
lichsten ist die Ausscheidung schwarzen Urins (vgl. Hippocr. progn.
12 = 22); ich glaube aber nicht an unmittelbare Entlehnung wie
^) Lichtenstädt, Platon's Lehren auf d. Gebiete d. Naturforschg. u. d. Heil-
kunde, Leipz. 1826 S. 154; auch Heck er, Litter. Annalen d. gesammt. Heilk.
XVII 154.
2) AUg. Ztschr. f. Psychiatrie u. psych.-gerichtl. Medic. XXIH, Berl. 1866
S. 487 Anm.
*) Der englische Schweiss 185 ff. ; vgl. Landsberg in Henschels Janus II 53 ff.
Geschichte der Heilknnde bei den Griechen. 303
Littre I 136. Die Frauenleiden sind trotz der Verschiedenheit der
weiblichen und männlichen Geschlechtswerkzeuge im AVesen den
Männerkrankheiten vollkommen gleich (Sor, II 4 p. 301 Rose;
2 p. 299 f.). Wir haben aber nur eine genauere Schilderung der
Regelverhaltung bei dem „Mädchen von Chios" überkommen. ^) Die
verhaltenen Menses erzeugten Husten, Auswurf von Schleimmassen
und Blut, Erbrechen. Das Blutspeien schien die Stelle der Regel
übernommen zu haben, denn, wenn es mit ihr zusammenfiel, währte
es 3—4 Tage. Fieber war auch vorhanden. Die Sterilität erklärte
er durch Callositäten, fleischige Auswüchse, schwammige Beschalfenheit
oder Kleinheit des Uterus.
Die Therapie stützt sich auch bei Erasistratos auf eine sorgfaltige
Prognose: „Wer richtig heilen will, muss sich in dem, was zur ärzt-
lichen Kunst gehört, üben und darf keines der das Leiden begleitenden
Symptome ununtersucht lassen, sondern er muss sich danach um-
schauen und erforschen, bei welcher Disposition (öidd-eaig) jedes einzelne
Leiden auftritt" (Gal. V 138). Denn nur so ist es möglich, die Ge-
sundheit zu erhalten, welche Erasistratos als „gute Ordnung und
richtiges Mass" erklärt. Hierbei muss der Arzt die allgemeinen Ur-
sachen und die Symptome streng scheiden. Von den Heilverfahren
ist zunächst das Abführen zu nennen, das Heilmittel aller Plethora-
folgen. Heftige Abführmittel verwarf er, milde gebrauchte er. Das
Ablühren wurde unterstützt durch Fasten, beschränkte Aufnahme von
Speise und Trank oder leichte Diät, sowie durch Enthaltsamkeit zu
gewissen Tageszeiten oder von gewissen Genussmitteln. Dieses Ver-
fahren wurde angewandt bei Epilepsie, Nieren-, Milz-, Leberleiden,
Hämorrhoiden, Entzündung, Ileus, Regelverhaltung, Wassersucht und
bei allen im Entstehen begrifi'enen Krankheiten. Als Ersatz dient
das Erbrechen, unmittelbar nach der Mahlzeit durch einen lauwarmen
Trank hervorgerufen, wenn die Speisen gleichsam in der Schwebe
zwischen Mund und Magen sind. Das Klystier ist bald schwach, bald
stark und wird z. B. bei Lähmung und Wassersucht gebraucht. Bei
Darmverschluss wird es aus Soda und Salz zusanynengesetzt. Reiner
oder verschnittener Wein, sowie ein nicht näher beschriebener Trank
werden als harntreibendes Mittel bei Hämorrhoiden, Leber- und Gallen-
leiden, Wassersucht u. s. w. gebraucht. Galenos tadelt den Erasistratos
heftig, weil er den Aderlass auf das äusserste beschränkte, und nannte
ihn einen alf.iocpößog = Blutscheuen. Und in der That verwarf er
die Blutentziehung wegen der Schwächung der Kranken fast ausnahms-
los da, wo sie der letzte Rat der anderen Aerzte war. Jedoch musste
Galenos selbst, der ein ganzes Buch „Ueber den Aderlass gegen Era-
sistratos" verfasst hat, auf der anderen Seite zugestehen, dass jener
in seinem Buche ^tegl aif.iaTog ämywyf^g einmal den Aderlass ange-
raten habe, und die Erasistrateer des galenischen Zeitalters wussten
gar nicht anders, als dass ihr Meister zur Ader gelassen habe. Als
Ersatz hatte er von Chrysippos ein anderes Verfahren gelernt, die
Umwicklung der Schultern, Unter- und Oberschenkel, Arme, Weichen
und Geschlechtsteile mit Wollbinden, z. B. bei Luugengeschwüren, Blut-
speien und Hämorrhagien. Ueber die Gymnastik gab er ausgezeichnete
individualisierende Vorschriften (Gal. V 879; 898), ebenso über lang-
same oder rasche Spaziergänge in der Ebene, im Sande, bergauf,
*) Fuchs, Hermes XXIX 201.
304 Kobert Fuchs.
gleich nach der Mahlzeit, vor der Sonnenhitze oder gegen Abend mit
genauester Vorschrift der Stadienzahl. Bäder, kalte Waschungen, Ab-
reibungen, schweisstreibende Mittel, zumal nach körperlichen üebungen,
Dampfbäder, Umschläge scharfer und erweichender Art, Zäpfchen,
Tränke, Schröpfköpfe, Salbungen, Brennen, Absetzungen wandte er in
derselben Weise an wie die Hippokratiker. Ihnen hatte er auch die
„rohe Lösung" abgesehen, die er aus Myrthe, Wein, Feigen und öl-
baumblätterigem Seidelbaste {yaf.i£Xala) zusammensetzte. Im einzelnen
heilte er den Katarrh durch Aufsetzen eines mit heissem Weine ge-
tränkten Hutes und durch Auflegen von Wollstücken, in die Wein
und heisses Oel gezogen war, auf Seite und Zwerchfellgegend. Den
Sonnenstich u. ä. behandelte er mit nassen Schwämmen. War bei
Lähmung der Urin verhalten, so entfernte er ihn mit einem S förmigen
Katheter, oder er berührte die Harnröhre des knieenden Patienten an
der äussersten Spitze mit Schaumsoda. Plethora wird vertrieben
durch Diät, z. B. Verbot von Fleisch, Fisch, Milch-, Graupen- und
Mehlspeisen und von Getränken, durch Gemüse-, Frucht- und Brot-
kost, durch Fasten, Ruhe, Erbrechen, Arzneien (Bibergeil zum Ab-
führen), Schweissmittel, Leibesübungen, Harnausscheidung, verschiedene
Bäder, Umbinden, Umschläge, Spazierengehen. Bei Fieber ist der
Getreideschleim in denselben Spielarten, wie sie die Hippokratiker
empfehlen, anzuwenden. Reichliche Nahrung hindert auch hier den
Kräfteverfall ; denn die von Dexippos und dem Hippokrateer Apollonios
angewandte Enthaltung ist Mord. Beim Nachlassen reiche man Honig-
wein. Bei Angina lege man heisse Schwämme oder Umschl^äge ab-
wechselnd auf Brust und Bauch und führe mit Bibergeil und Wein
ab. Gegen Podagra verordnete Erasistratos dem Ptolemaios Phila-
delphos ein unbekanntes Malagma, das „Erasistratium emplastrum"
(Cael. Aurel. m. ehr, V 2 p, 564), Ruhe wird durch Adstringentien
geheilt. Der Bauchstich {n:aQay.€VTr]oig) bei Hydrops ist zwecklos,
denn der die Verwässerung verursachende Scirrhus hält an, und die
oberhalb der Anzapfungsstelle gelegenen Teile erkranken. Die
wahre Ursache, nicht das Symptom, wird gehoben durch mildes
Abführen, Auflegen von Feigen, ölbaumblätterigem Seidelbaste und
xa(.ial7tiTvg oder von Raute, durch Klystiere, Urinmittel (20 Epheubeeren
in Wein), Baden, Umhergehen, Salbungen im Bette, eine genau be-
stimmte Zahl von Reibungen. Die Diät umfasse reichliche Mengen
von gesüsstem Sesamsalzbrote, von Fisch, Huhn, Wild, Lamm- und
Ziegenfleisch, Honig- oder Milchtränken. Man zerreibe 2—3 trockene
mürbe Feigen und versetze sie mit Oel. Ferner nehme man in einem
Fasse ein Dampfbad (fj dia Ttld-ov Ttvgla). Räucherungen wandte
Erasistratos bei Frauenleiden an. Bei Querlage des Kindes zerlegte
er das Kind im Mutterleibe durch den eußgvoacpdxTrjg, das Ringmesser,
natürlich kein Pessar, wie Ploss vermutet.^) Tertullianus ^) hat für
dieses ausgebildete Verfahren nur das Epitheton des Meuchelmordes
übrig.
Als „Götterhände" = Arzneien verwendete Erasistratos Frauen-
milch gegen den Biss giftiger Tiere, Kuhmilch mit Honig und Salz
gegen Lähmung und Wassersucht, Vogelhirn mit Wein gegen Schlangen-
1) D. Weib in d. Natur- u. Völkerkunde, 2. Aufl., Leipz. 1887, I 550. Vgl.
Langbein, Specimen embryulciae antiquae ex Tertulliani libro de anima cap. 25,
Halis 1754.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 305
biss, Bibergeil mit Wein gegen den Basiliskenbiss und Angina. Wasser :
gebrauchte er in allen Formen. Die Bestimmung des spezifischen
Gewichtes mit der Wage verwarf er (Athen, p. 46 C). Gerste findet
sich in denselben Zubereitungen wie bei den Hippokratikern. Die
Abkochung des gern verordneten Kohls wird peinlich genau geregelt.
Endivie {-/.lywoiov) soll bei Krankheiten des Leibes nützen, Linsen bei
Gallenüberfluss. Die vMQv/.r], eine lydisclie Brühe (p. 516 C; vgl.
160 A f.) Avar im öipaQtvTixbv beschrieben. Sonst begegnen u. a.:
sonchus albus = Ackergänsedistel (sonchus arvensis L.) gegen Nieren-
gries und Foetor oris, osQig = Cichorie gegen Krankheiten des Leibes,
Koloquinthe, Gurke, Melone {ninoyv), Feige, Brombeere statt des
Andronischen Pastillus, Aepfel in Wein als Umschlag gegen Wasser-
sucht, Pfeifer als Augen wasser, ebenso Safran und Mj'rrhe; Epheu-
beeren in Rosenöl, auf Granatapfelschale geträufelt und ins Ohr ge-
steckt, vertreiben auf der entgegengesetzten Seite den Zahnschmerz;
Lysimachia = lythrum salicaria L. = Roter Weiderich lobte er sehr,
doch wissen wir nicht, weshalb. Schlechtes Wasser wird durch Honig
verbessert. Von Weinen bevorzugte er den von Thasos, Lesbos und
Chios, hauptsächlich aus Ariusia. Wer von einer Schlange in den
Finger gebissen worden ist, tauche ihn in flüssiges Pech, dann in
Wein und tiinke diesen. Endlich sind noch zAvei Rezepte zu er-
wähnen, deren Geschichte ich zu ermitteln gesucht habe, ^) zunächst
die ijidyxQriaTog) {vyqd) oder das vyqo-KoXlovQLov, dessen Formel Celsus,
Galenos, Oreibasios, Aetios, Paulos, Theophänes Nonnos und die spätere
Zeit variierte. Es wurde verordnet gegen Augenleiden mannigfacher
Art, therapeutisch und prophylaktisch, Nasen-, Ohren-, Rachenleiden,
fressende Geschwüre der Genitalien [vo/ni]), schwarze und schwer ver-
harschende Geschwüre überhaupt. Eine der Formeln aus einem
Pariser iatgooöq^iov (Hausarzneibuch) lautet:
Tj ^EQaOlOTQOXOV vyQcc.
yakv.oü ovyyiag c
f-iLovog dmov
af.ivQvrjg Scva ovyyiag f
ygöxov ovyyiav S/j.
eipe ewg naxGioai.
€7tiXQl€.
Des Erasistratos Feuchtmittel. Rp.
(Geröstetes) Kupfer 180 g
Geröstetes Misy 90 g
Myrrhe • 90 g
Safran 45 g.
M. f. s. Honigdicke.
Zum Einreiben.
Das zweite Mittel lautet in lateinischer F'assung (Bauhini gynaecia,
Basil. 1586, I 59) ohne Varianten wörtlich:
„Fortius pessarium ad tumorem et impetum vulvae, quod Erasistratus
fecit, quo utebatur regina, et laudabatur magnifice. Ibid.-)
Papaver viride cum fructu suo sume, ut superius diximus, tunsum
in pila lignea et exprime sucum usque ad sextarium I. deinde adjicito
passi boni sextarium I et immitte etiam vinum, dein excoque ad tertiam
et per linteum cola et quod humoris expresseris repone: deinde tere
galbani scrupulos IL hoc diligenter trito, adjice opii 5 L hoc iterum
tere et decoctioni adde et iterum decoque postque in sole tere, ubi
siccando suci plurimum recipiat, donec ceroti fiat crassitudo. cum autem
uti volueris, ex eo cum oleo rosaceo distempera et pessarium illine et
») Hermes XXIX 171 ff.; XXXIII 341 ff.
^) Ex Cleopatrae T et II libro gynaeciorum. — Auf die Empfehlung" „Die Königia
(Cleopatra?) gebrauchte es" ist natürlich nichts zu geben.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. 1. 20
306 Eobert Fuchs.
subjice, quia omnes Impetus tollit et cumulat et somnium facit. Est
enim Optimum, quia ego expertus sum,"
Natürlich ist das ursprüngliche Pessar überarbeitet worden und
hat fremde Zusätze aufnehmen müssen, namentlich gegen den Schluss
hin. 0
Ziehen wir die Summe aus dem über den „Nebenbuhler des Hippo-
krates" Gesagten, so zeigt sich, dass das Hauptverdienst des Erasistratos
weniger in der mustergültigen individualisierenden Beobachtung der
Krankheit und in der wuchtigen und dabei einer gewissen Eleganz
nicht entbehrenden Darstellungsweise lag als in der anatomischen
Gründlichkeit, in der bis ins Kleinste durchdachten philosophischen
Theorie von den Leiden des Menschen und in der trockenen Klein-
arbeit der therapeutischen Vorschriften. Die Bruchstücke ergeben nur
einen schwachen ßegrilf von seiner Persönlichkeit, denn gerade das
Beste, die Anatomie, die allgemeinen Schriften und die ^sQaTtevTizd:
sind verschollen.
Als Schüler des Erasistratos hat Susemihl-) mit lobens-
werter Zurückhaltung Nikias von Miletos bezeichnet. Aber das
ovficpoirrjTijg, das Dionysios der Ephesier bezeugt (Theoer. 11 schoL),
deutet vielmehr auf Unterweisung durch denselben Lehrer, Metrodöros,
aber zu verschiedener Zeit. "^) Nikias war ein Freund des Theokritos
und praktizierte, nachdem er auf Kos studiert hatte, in Miletos. Seine
Bekanntschaft mit Theokritos kann auf Sicilien bei der Brautschau
des Nikias oder auf Kos erfolgt sein, wo beide dem Dichterbunde des
Philetas 295/90 angehörten (Theoer. 28, 7; 11, 6; Schol. zu 11).
Nikias hat nach Dionysios' iaxqwv ävayQacpi] zu Ehren des Erasistratos
ein Epigramm gedichtet. *) Ein anderer Nikias war Arzt des Pyrrhos
von Epeiros (f 272).
Hingegen war in der That ein Schüler des Erasistratos Straten.
Dieser ist nicht identisch mit dem peripatetischen Philosophen aus
Lampsäkos,o cpvoiycög (Rohde, Rhein. Mus. XXVIII 1873 S. 269).
Diogenes erwähnt 8 Gelehrte dieses Namens (V 61); unter ihnen ist
es der dritte, „ein Arzt, Schüler des Erasistratos, wie aber einige
behaupten, sein Mündel". ^) Er verallgemeinerte die Beschränkung
des Aderlasses bei Chrysippos und Erasistratos zum Verbote (Gal. XI
197). Soranos enthält von ihm Bemerkungen über Uterusprolaps und
Verhaltung der Nachgeburt. Er war der einzige Arzt vor Themison,
der über Elephantiasis {y.ay.oxvfua bei ihm) schrieb (Orib. coli, med,
XLV 28 = IV 63). Erotianos (52, 10) hat eine Glosse zu dem liippo-
kratischen Wort äf.ißrj von ihm erhalten, so dass er möglicherweise
einen Kommentar zu einer oder mehreren Schriften verfasst hat. Der
Anonymus jcsql ioßölcov xal örjkr]zr]Quov cpaQfxdxojv (Rohde 283) citiert
^) Vgl. die weiteren Belegstellen Aet. p. 35; 45; 139; 179; Theod. Prise, ed.
Rose S. 365.
^) Gesch. d. griech. Litt, in d. Alexandrinerzeit I 323; 329 vgl. mit Bursians
Jahresber. LXXIX 1894 S. 291 f. A. 74.
'•') Analoga hierzu bei Euseb. praepar. evang. XIV 5, 11 bezüglich des Arkesilaos
und Zenon; Cic. acad. I 1, 3 vgl. mit Krische, lieber Ciceros Academica, Götting.
Stud. 1845 S. 172 A. 1. Diese Stellen verdanke ich Herrn Otto Piasberg.
*) Susemihl a. a. 0. 782; 800 A. 129; Analecta Alexandrina, Greifsw. 1885
S. VIII; Helm, Hermes XXIX 1894 S. 161 ff.; Legrand, Etüde sur Theocrite,
Paris 1898 S. 41 if.
5) Wellmann, Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 1892 S. 675.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 307
noch eine andere Glosse unbekannten Ursprungs. Ueber den späteren
Straton, der über Epilepsie schrieb und vielleicht dei-selbe ist wie der
von Berytos, findet man die Litteratur bei Susemihl I 816. Zu
eliminieren ist der sog. Erasistrateer Xenöphon (s. oben S. 277)^
Als Leibarzt des Antiöchos III., des Grossen, der von 224 — 187 v. Chr.*
regierte, zeichnete sich Apollophänes von Seleukeia aus (Polyb. V
56 ; 58). Er wies darauf hin, dass nach Erasistratos alle an Kardialgie
Erkrankten fieberten, weil eine Herzgeschwulst die Ursache des Leidens
sei (Cael. Aur. ac. m. II 33 p. 150). Dass er 0^r]Qiaxd = .,Ueber
giftige Tiere" geschrieben hat, folgt aus Nikandros (ther, 491 schol.;
Plin. 22, 59). Gegen Lungenentzündung verwendete er eine Wachs-
paste (Cael. ib. II 29 p. 142). Dieses Malagma, Ttolvdqxiov = „viel-
herrschend" benannt, wurde von dem tarentinischen Herakleides ge-
lobt (ib. II 24 p. 134). Seine Bereitung wird bei Cels. V 18, 6 und
Gal. XIII 220; 979 angegeben (vgl. Orib. V 122; 866; Alex. Trall. I 387
Puschmann). Gegen Risse (gaydöeg) und Kondylome verordnete er
Pastillen (Gal. Xin 831). — Der Praxagoreer Xenöphon von Kos
war mutmasslich ein Ahne des C. Stertinius Xenöphon aus Kos,
des Hofarztes und Mörders des Kaisers Claudius. Dieser Xenöphon
hatte die Oberleitung der Insel Kos, der er viel Gutes ermes. Sein
Kopf findet sich auf Münzen.^) Ptolemaios, um 150 n. Chr. in
Alexandreia wirkend, machte sich um die Optik verdient.-) Von
Chrysippos wissen wir bloss den Namen (Diog. Laert. 7, 186), ebenso
von Apemantos. Charidemos (bei Cael. Aur. III 15 p. 227 Cari-
demus) lebte höchstwahrscheinlich in Smyrna als Glied der dortigen
erasistrateischen Schule. Denn eine smyrnäische Inschrift'^) lobt den
litterarischen Eifer eines „Hermogenes, Sohnes des Charidemos", und
andererseits nennt Galenos (XI 432) einen Hermogenes als eifrigen An-
hänger des Erasistratos. Weil Artemidoros von Side leugnete, dass
die Hydrophobie eine Krankheit sei, Charidemos aber im Gegensatze
zu ihm den Charakter als Krankheit in besonderen Phallen (..specialiter"
bei Cael.) anerkannte und Plutarchos (quaest. conviv. VIII 9, 1) be-
richtet, dass die Hydrophobie zur Zeit des Asklepiades heftig auf-
getreten sei, so kommt Wellmann auf den Ausgang des 1. Jahr-
hunderts V. Chr. Ein Arzt Hermogenes schrieb über den Homeros.
Lukillios singt in der Anthologie :
„Träumend erblickte den Arzt Hermogenes einst Diophantus.
„Nimmer erwacht er, und doch trug er ein Scbutzamulet. *)
Derselbe Hermogenes wird verspottet, weil er neben Deukalions
Flut, Phaethons Weltbrand und Potämons Versen das vierte Welt-
übel sei. ^) Nikarchos*) scherzt, dass Hermogenes, dem der Stern-
deuter Diophantos nur noch 9 Monate Lebenszeit zugesteht, diesen
^) Dubois, Bulletin de corresp. hellenique V 468 ff.; Brian, Revue archeol.
XLIII 1882, 203 ff. ; Mommsen, Rom. Gesch. V 333; Prosopographia imperii Romani
III 273 Nr. 666; Dittenberger, Sylloge, 2. Aufl. Nr. 368; Herzog, Koische
Forschungen u. Funde,, Leipzig 1899 S. 189 ff. Eine herrliche Büste bei Visconti,.
Iconographie grecque, Ä Paris 1808, I 155 ff. ; Taf. 33.
") Näheres bei Hirschberg, Gesch. d. Augenheilk., 2. Aufl., Leipz. 1899,
155 ff.
^) Bei Kaibel, Epigrammata graeca ex lapidibus cbnlecta, Berol. 1878 Nr. 305;.
Wellmann, Fleckeisens Jahrbb. f. class. PhUol. CXLV 1892 S. 676 f.
*) Vgl. Bösel, Anthol. lyrischer u. epigramm. Dichtg. der alt. Griech., Leipz.
0. J., S. 189 f.
20*
308 Eobert Fuchs,
bloss anrührt und Diophantos nicht mehr ist. Artemidöros*) von
Side (Pamphylien) lebte vor Asklepiades, denn in seiner Schrift „de
hydrophobia" fand sich der Satz, dass diese Krankheit vom Magen
herrühre, und diese These übernahm der Asklepiadeer Marcus Artorius,
des Augustus Freund und Arzt (Cael Aur. ac. m. III 14 f. p. 224 ; 227).
Er erklärte die „Kardialgie für eine neben dem Herzen entstehende
Geschwulst" (II 31 p. 146). Ueber den Grammatiker Artemidoros,
der ein culinarisches Wörterbuch, öipaQTvu^ial ylaaoai, schrieb, und
über Artemidoros aus Perge in Pamphylien, Freund des Verres, stellt
Well mann-) alles Nähere zusammen. Athenion erklärte die
Frauenleiden für besondere Krankheiten (Sor. II praef.). Celsus hat
die Formel für eine Pille (catapotium) gegen Husten von ihm erhalten
(V 25, 9). Wellmann vermutet, dass er der Erasistrateerschule in.
Smyrna angehört und sonach in der zweiten Hälfte des 1. Jahr-
hunderts V. Chr. gelebt habe (bei Pauly-Wissowa). Apollo nios von
Memphis, =^) Schüler des Straton (Gal. VIII 759; XIV 700), schrieb ^egl
aQd^QCJv = Ueber die Gelenke (Erot. 52, 17 f.); ob das ein Kommentar
zu der gleichnamigen hippokratischen Schrift war, konnte auch Klein
(p. XXXII) bloss als Vermutung vorbringen. Jedenfalls war darin
auch anatomische Nomenklatur enthalten (Gal. XIV 699 f.; XIX 347).
Vermutlich schrieb er auch diqQiaxd, über giftige Tiere (XIV 188;
Nie. ther. 52 schol.) ; noch Aetios erwähnt sein Antidot gegen Schlangen-
gift (II 3, 20; 4, 84). Nach Caelius (ehr. m. III 8 p. 469) unterschied
er Hydrops mit Urinverhaltung von Diabetes und erklärte er Darm-
parasiten, namentlich wenn sie tot ausgeschieden werden, für schlimme
Anzeichen (IV 8 p. 537). Um die Pulslehre hat er sich ebenfalls ver-
dient gemacht (Gal. VIII 759; XIX 347). Ein Mittel gegen Blut-
ergüsse im Auge und gegen Brauschen überliefert Aetios VII 22, sein
XLayCov gegen Hypopyon entlehnt aus Galenos Aetios VII 30, und
endlich erwähnt er noch ein Eezept gegen Augenkarbunkel (32) und
das rcETtuGf^iivnv •/.oKKvqlov (gepresstes Collyrium) gegen Augennarben (41).
Zu grösserer Bedeutung gelangte die bis dahin wenig beachtete era-
sistrateische Schule aber erst um 100 v. Chr. (Strab. XII 580) durch
das Freundespaar Hikesios*) von Smyrna und Menodoros. ^)
Diogenes von Laerte (V 6) unterscheidet versehentlich zwei Aerzte
Hikesios. Letzterer schöpfte vieles aus Diphilos von Siphnos, der ca. 300
V. Chr. u. a. nagl rCov nQOO(p8QO(xiviov rolg vooovöl Y.al lotg vyiaivovat
(Ernährung Kranker und Gesunder) geschrieben hatte, besonders über
Fischkost. Sehr beachtet waren seine Werke Ttsgl vlr^g (über die
Arznei- und Nahrungsmittel) und „de conditura vini", worin er sogar
römische W^einsorten vom ärztlichen Standpunkte aus beleuchtete.
Seine Eezepte j-ielaiva (auch bloss t) "Ixtaiov genannt) und Xiri] er-
freuten sich der Wertschätzung des Galenos (XIII 780;«) 787; 811 ff.).
Die /t/e'Aafva schrieb der Tarentiner Herakleides um (811 fif.). Athenaios
1) Kohde, Rhein. Mus. XVIII 270.
^) Bei Pauly-Wissowa, Eeal-Encyclop. der class. Altertumswissenschaft,
Stuttg. 1894 ff. Artemidoros Pseudaristophaneus wurde von Pamphilos, dem Pharma-
kologen und Botaniker benutzt (Wellmann, Hermes XXIII 1888 S. 179 ff.).
3) Vgl. Diog. Laert. 7, 7, 10.
*) Pu seh mann, Berl. Stud. V 1886, 67 A. 3; Wellmann, Fleckeisens
Jahrbb. f. class. Philol. 1888, 364 ff. ; 1892, 676 f. ; Hermes XXV 1900 S. 361 ff. ; bei
Susemihl II 418 f.
ö) A. a. 0., S. 370; Hippocrate par Littre VIII p. XXXIII f.; Athen. II p. 59 A.
ö) Vgl. Sor. ed. Dietz p. 145; 245; Paul. Aeg. III 64; VII 17; Gal. XIII 809.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 309
kennt ihn wahrscheinlich durch Dorion (Wellmann, Hermes XXIII
1888 S. 192 A. 2), Plinius sicher durch Sextius Niger (XXIV 1889
S. 568). Es giebt zahlreiche Münzen mit dem Bildnis des Hikesios.
Von Menodoros kennen wir nur einen Arzneitrank aus Galenos XIII 64.
Einer der zahlreichen Schüler des Hikesios hiess Herakleides (der
8. bei Diog. V 64). Claudius Philoxenos (vgl. Galenos, Index)
wirkte zur Zeit des Augustus in Alexandreia. Er verfasste mehrere
Bücher über Chirurgie (Cels. VII praef.), das Celsus. Plinius und Leonidas
ausbeuteten. Seine gynäkologische, nicht geburtshilfliche Thätigkeit
verbürgt Soranos (Uterus- und Eingeweidecarcinom : bei Dietz p. 136).
Zahlreiche Eezepte erwähnt Galenos (XII 683; XIII 539; 645; 738;
742; 819; Paul. Aeg. s. index). Zwei Augenmittel überliefern Galenos
(XII 731; 735) und Aetios (VII 79 f.), das eine mit dem Namen
„Trockenmittel Undank" *) gegen angefressene Augenwinkel, krätzige
Augenleiden und Sklerophthalmie, das andere einfach „Trockenmittel",
^rjQÖv, genannt. Um die Anatomie erwarb sich des Galenos Zeit-
genosse Martianos (XIV 615) Verdienste. Mit ihm muss der ana-
tomische Schriftsteller Martialis, *) der bloss 2 Bücher über Anatomie
geschrieben haben soll (XIX 13), identisch sein. Die Uebereinstimmung
des Galenos mit ihm hinsichtlich der Bereitung von Theriaksalzen,
sales theriaci, versichert uns Aetios (IV 1).
Die Erasistrateer, deren Schule noch im 2. Jahrhunderte n. Chr.
in Rom blühte, verfielen nach Hikesios in Missachtung, weil sie die
Anatomie vernachlässigten, die Physiologie und Biologie den Natur-
forschern {fpvaixoi) überliessen, die Lehre von der Plethora, der
Tiagif^imiüoig und dem Aderlassverbote zufolge ihrer Streitsucht, ihres
Verallgemeinerungsvvahnes und ihrer wunderlichen Sophisterei bis zur
Absurdität übertrieben. Sie verhöhnten die Errungenschaften aller
anderen Sekten, namentlich der hippokratischen Dogmatiker, beteten
den Gründer der Schule als unfehlbaren Meister und „Gott" an und
verfielen, abgesehen von der Plethoralehre, in roheste Empirie und
Unwissenheit.
29. Die Empiriker.
Im Gegensatze zu den Dogmatikern bildete sich in Alexandreia
die Schule der Empiriker heraus. Wenn die später zu einer streng
abgeschlossenen Sekte gewordene empirische Schule Akron von
Akragas^) als Gründer ausgab, so hat das weiter nichts zu besagen,
als dass auch Akron, vor allem in seiner Diätetik, der Erfahrung die
ihr gebührende Stelle in der Philosophie und Heilkunde eingeräumt
hat. Als wirklicher Begründer dieser neuen Richtung ist vielmehr
Philinos von Kos, ein Schüler des Herophilos, anzusehen. Er lebte
um 260 V. Chr. und schrieb 6 Bücher gegen den Herophileer und
Hippokrateskommentator Bakcheios. ■*) Dass er ausserdem Hippo-
krateskommentare verfasst habe, geht aus Erotianos nicht hervor."^)
Vielleicht gehen auch die botanischen Bemerkungen über die Lilie
^) Das bedeutet: das Mittel wirkt so vorzüglich, dass dieser Güte gegenüber
jedes Lob noch als Undank erscheinen mnss.
*) Im Texte: Martialios.
'j Gal. XI 150; XIV 683; De Claudii Galeni subfiguratione empirica . . . scrips.
Bonnet, Diss., Bonnae 1872 S. 35; Plin. XXIX 4.
*) Erot. ed. Klein p. 31.
^) Daremberg, Archives des missions scientifiques, Paris 1852, 433.
310 Kobert Fuchs.
und Schwertlilie bei Atlienaios XV p. 681 B; 682 A auf diese Streit-
schrift zurück. Die Bemerkung über das Giavf.ißQiov bei Plinius (XX
247), der ihn in Buch XX — XXVII mit heranzieht, kann hingegen
seinen ^7]Qiay.(x = „Ueber giftige Tiere" angehört haben, gleich den
anderen Rezepten (Gal. XIII 113; 842). Ein solches Werk hat er
nämlich nach dem Anonymus ^cegl ioßoltov y.al drjli^rjQicov cpaQi^idKiüv
verfasst (Rolide, Rhein. Mus. XXVIII 273 ff.). Da auch im cod. graec.
Marc. 295 fol. 474 b 0dlvog ö &rjQiay.bg mit einem Rezepte genannt
wird, gewinnt Knaacks Korrektur bei Servius ^) eine haltbare Stütze.
Dagegen hatte Knaack Recht, die Identifizierung des Philinos mit
dem Lieblinge des Aratos aus chronologischen Gründen zurückzuweisen
(Hermes XXIX 1894 S. 474 f.). Neben ihm wird als Vater der em-
pirischen Schule der ältere Serapion von Alexandreia, sein Nach-
folger (Gal. XIV 683; Gels, praef), genannt. Im cod. Crameri der
Canönes ist sein Name als laQaTzlag verzeichnet, im Canon Lauren-
tianus als Sepion. Seine Blüte wird um 220 v. Chr. anzusetzen sein.
Er stützte sich nach Gal. XIII 343, wo es sich um ein Malagma
handelt, auf Andreas. Seine Schriften waren : eine Verteidigungsschrift
TtQog TCft; aiQeaeig, ad sectas, in wenigstens 2 Büchern (Cael. Aur. ac. m.
II 6 p. 84), deren auf den Lethargus bezüglichen Teil Caelius scharf
tadelt; wenigstens 3 Bücher d^eQaTcevTiY.d = de curationibus (III 17
p. 246). Die Behandlung der Angina durch Klystier u. a. schildert
Caelius (III 4 p. 195). Die an Starrkrampf Erkrankten kurierte er so
wie Phrenitische (III 8 p. 212). Auch die Heilung der Cholera legte
er schriftlich nieder (III 21 p. 263). Zusammen mit Erasistratos wird
er abgefertigt (III 17 p. 246) wegen seiner Behandlung des Ileus
durch ein Mittel aus Bleischabseln, Seidelbastbeeren, Salz, Eselsgurken-
saft, Harz, Bibergeil und diagridion (= Purgierwindensaft). Bei
Epilepsie (m. ehr. I 4 p. 322) salbte er den Hals mit Essig und Rosenöl,
den übrigen Körper mit Gel und verordnete er Leibesübungen, Essighonig,
Ruhe mit Fasten, Spaziergänge, wieder Ruhe, nochmals Spaziergänge,
Bäder u. ä. Auf seiner Therapie fusste der Tarentiner Herakleides
(Wellmann, Hermes XXIII 1888 S. 559). In der Geringschätzung
des Hippokrates war er dem Thessalos ein würdiges Vorbild (B o n n e t
1. 1. 65 == c. 11). Die (.irjUvr] des Serapion, die Soranos (ed. Dietz
p. 145; 289) erwähnt, ist ein Malagma. Von Rezepten findet man
Reste bei Galenos (XIII 509; 885; XIV 450), Celsus (V 28, 17 gegen
Impetigo: nitri p. II, sulfuris p. IV; excipiebat resina copiosa eoque
utebatur) und Caelius (p. 322). Nach der letztgenannten Stelle ver-
schmähte er auch Kamelhirn, Robbenlab, Hasenherz, Schildkrötenblut,
Eberhoden und ähnliche Wundermittel nicht. Einige wenige ophthal-
mologische Bruchstücke sind von ihm erhalten.'^) Die Sterilität des
Weibes führte er auf eine schlechte Temperierung des Uterus zurück,^)
Der Uterus, dessen tierischen Charakter er im Gegensatze zu Piaton
leugnete, wandert nach seiner Darstellung im Körper herum.")
Glaukias von Taras suchte etwa 50 Jahre später in seinem, einen
starken Band bildenden alphabetischen Wörterbuche und in seinen
Kommentaren zu allen hippokratischen Schriften (Erot. ed. Klein
^) ad Vergil. Georg. II 215: „Solinus (Knaack: Philinus) et Nicander qui de
his rebus (d. i. tzsqI d-r]Qiax(Jjv) scripserunt". S. Hermes XVIII 1883 S. 33.
^) Pergens, Annales d'oculistique XXIII 1900, Juni.
^) Kleinwächter, Rolilfs' Deutsch. Archiv f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr.
VI 1883 S. 53: 266.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. !311
p. XXIX f.; ind.; Gal XVI 196) die empirische Lehre mit der dogma-
tischen in Beziehung zu setzen. Galenos citiert von ihm einen
Kommentar zu de humor. (XVI 1; 196; 324) und epid. II; VI (XVII,
I 793 f.; XVII, II 94). Er nahm bei de hum. einen unbekannten
Hippokrates als Verfasser an. Für Epidesmologie hat er auch etwas
geleistet (XVIII, I 790; 797). Nach Athenaios (II p. 69 F f.) bevor-
zugte er gekochten Gartensalat vor allen anderen Gemüsen. Rezepte
führen an Galenos XIII 835; Plin. s. Index und Quellenverzeichnis
zu XX — XXVII. Schönemann ^) setzt den Glaukidas (Athen. III p. 81
AD) dem Glaukias gleich. Er hat gewiss auch ein pharmakologisches
Werk geschrieben; denn über die Karde schrieben Chaireas und er
„sehr genau" (Plin. 20, 263). Darauf führen auch die übrigen Plinius-
stellen hin. Sein Andenken ist sehr bald verblasst. Von dem älteren
Zeuxis, der von dem gleichnamigen Herophileer verschieden ist,
wissen wir nur, dass er alle hippokratischen Schriften erklärte (Erot.;
Gal. XVI 1; 196; XVII, II 145; 165; 221; 339).
Herakleides von Taras, dessen Gestalt der berühmte Vindo-
bonensis des Dioskurides erhalten hat,'-) haben wir bereits als Kom-
mentator des ganzen hippokratischen Corpus kennen gelernt (Gal. XVI
1; XVIII, II 631). Seine Lebenszeit berechnet Wellmann^) auf den
Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. Varro verspottete ihn in seiner
Satire quinquatrus, „einer kynischen Antwort . . . auf den medicinischen
Dialog des . . . Herakleides",'') nämlich auf das av(.i7t6aLov = Gast-
mahl. In dieser Schrift waren Speisen und Getränke auf ihre Zu-
träglichkeit hin besprochen, überhaupt eine Diätetik niedergelegt, aber
schwerlich in Dialogform. Athenaios hatte darin eine treffliche Vorlage
für seine öentvooocpiotaL. Herakleides verarbeitete in gewissenhaftester
Weise (Cael. Aur. ac. m. I 17 p. 64; Gal. XII 989; XVIII. I 735)
seine Vorgänger, so Hippokrates, Diokles, Philotimos, Andron, De-
metrios von Apameia, Serapion, seinen Lehrer Mantias (Gal. XIII 462 ;
502 u. ö.), den lologen Apollodöros und natürlich Herophilos selbst,
von dessen Lehre er später abfiel. In einer gegen Bakcheios ge-
richteten glossographischen Erklärungsschrift des Hippokrates in
3 Büchern berief er sich auf den sonst unbekannten kölschen Gram-
matiker Xenokritos. Betitelt waren die 3 Bücher ngog Baxxelov nsgl
%wv 'iTiTtoxQdtovg li^eiov. Gegen dieses Werk schrieb Apollonios von
Kition 18 Bücher (Erot. ed. Klein p. 32, 1). Die herophileische Lehre
vom Pulse bekämpfte er; Galenos VIII 726 giebt nicht den Titel an,
der vermutlich bloss TtsQl acpvyjuwv lautete, sondern umschreibt ihn.
Therapeutischen Inhalts waren: töv avtbg und tw»' Ixzbg -d-egaTrevriycd,
die innere Medizin und die Chirurgie umfassend, je 4 Bücher wenigstens
(Cael. Aur. ac. m. III 17 p. 236; Gal. XVIII, I 735). In dem letzt-
genannten Werke behandelte er auch die berühmte Streitfrage, ob
ein luxierter Femur dauernd reponiert werden könne. Eine Schrift
^) De lexicographis antiquis qni rerum ordinem secuti sunt quaestiones praecur-
soriae, Diss., Hannoverae 1886 p. 97.
*) Montfaucon, Palaeographia antiqua, Paris. 1708 S. 199; Visconti, Icono-
graphie grecque, A Paris 1808, I 403 ff. ; 411 f. ; Taf. 34. Zu Herakleides überhaupt
vgl. Well mann bei Susemihl, Gesch. d. griech. Litt, in der Alexandrinerzeit II
419 ff.; Hermes XXIII 1888, 556 ff., berichtigt durch Wellmann, Hermes XXXV
1900 S. 349 ff.; 862 ff.; Gar. GottL Kühn, opusc. II 150 ff.; Zell er, Phüos. d.
Griech. III 3 2 S. 3 A. 2.
*) Hirzel, Der Dialog, Leipz. 1895, I 362; 449 mit Anm. 2.
312 Robert Fuchs.
GTQarccjTrjg = „Soldat" hat die Kriegschirurgie und Kriegsarzneimittel-
lehre umfasst (Gal. XIII 725). Nr/.6laog war der Titel einer thera-
peutischen Abhandlung (Cael.ac.m. I 17 p.65). Der „liber regularis" bei
Caelius(ac.m. 11121p. 264) = öiaiTr]rLmg, mindestens 2 Bücher stark, ist
wahrscheinlich mit dem ovfiTtöaiov identisch. Die S^rjQiazä oder nsQt
■dTjQiiov (Gal. XIV 7; 186) :^ „Schädliche Tiere" beruhten auf dem lologen
Apollodöros. Vielleicht hat er auch öipagruTixcc (= Kochbuch) ge-
schrieben ; Athen. XII p. 516 C erwähnt wenigstens zwei solche Schriftsteller
des Namens Herakleides. In nsQi OKevaaiag xal öozifiaalas cpaQua^iov
= „Ueber Bereitung und Prüfung der Arzneimittel" legte er den
Grund zu einer wissenschaftlichen Pharmakologie und Kosmetik (Gal.
XII 445). Dieses Werk , das Plinius ') citiert und benutzt, tadelt
Dioskurides ebenso wie das des lölas von Bithynien, weil die Pflanzen
gar nicht, die Aromata und Metalle nicht vollständig berücksichtigt
waren. Auf Apollonios und Demetrios gründeten sich auch die gleich-
artigen Werke Ttghg 'JoTvdd^Kxvra (Gal. XIII 717; 722; XIV 181) und
TtQog 'JvTioxLda, gegen eine empirische Aerztin gerichtet (XIII 726;
811 u. ö.). Allgemeinen Inhalts war tteoI xfig t/urteigiKf^g aiQioeojg =
Die empirische Sekte, 7 Bücher (Gal. XIX 38). Näheres über seine
Lehre ist unbekannt. Wenn W e 1 1 m a n n -) anatomisch-pathologische
Untersuchungen bei Caelius (ac. m. III 17 p. 236) anzutreffen meinte,
so hat er die Stelle missverstanden ; denn es handelt sich da lediglich
um einen pathologischen Befund am lebenden Ileuskranken , bei dem
die Eingeweidewindungen durch die gedehnte, dünne Bauchdecke
durchscheinen. Bedeutung kommt, soweit die spärlichen Bruchstücke
Aufschluss geben, vor allem zu: den Rezeptformeln (Gal. XII f. und
sonst), soweit sie nicht Wundermittel einschliessen ; den Bemerkungen
über den Mohnsaft (Opium), der Behandlung der Phrenitis (1. ent-
zündliche, 2. gastrische, 3. vom Gehirne verursachte), des Ileus und
der Synanche, der allgemeinen und augenärztlichen Chirurgie (Anky-
loblepharon). Caelius Aurelianus (d. i. Soranos), der alle Empiriker
ausser Herakleides mit Verachtung übergeht, berichtet von ihm, er
habe vor dem Zahnziehen gewarnt, weil es leicht tötlich ablaufe (m.
ehr. II 4 p. 375). Noch Aetios (II 2, 84) schätzt den Herakleides, denn
er giebt an, wie dieser wildwucherndes Geschwürfleisch der Ohren zu
heilen versuchte. Die Aufschrift einer Thonbüchse HPAKAEIOI
ATKON hat Osann ^) als „Auxiov des Herakleides", d. i. Bocksdornsalbe
nicht ohne Wahrscheinlichkeit gedeutet. •^)
Um 180/160 V. Chr. lebten Apollonios, Vater und Sohn (letzterer
Bißlüg = „Bücherwurm" benannt), aus Antiocheia, die Zenons 2 Bücher
über die %«(>azTjj(>€g in den hippokratischen „Epidemien" als verfehlt
nachzuweisen suchten. Zenons Erwiderungsschrift gegen den älteren
Apollonios wies der jüngere Apollonios erst nach Zenons Tode zurück
(Gal. XVII, I 618). Die Stellen hat Wellmann bei Susemihl (I 824)
gesammelt; dort ist auch die Litteratur zu diesen und anderen Aerzten
sorgfältig verzeichnet. Zopyros war in der Zeit um 100/80 v. Chr.
1) Index zu XII f.; XX— XXVII; XX 35; 193; XXII 18.
'') Bei Susemihl II 420.
") Philologus IX 1854 S. 762; Fleckeiseus Jahrhb. f. class. Philol. LXXIII 1856
S. 710 ff. enthalten den probablen Vorschlag, bei Servius ad Vergil. georg. II 197
für „Hercules" „Heraclides" zu lesen: „Tarentus civitas in Italia . . . uude Her-
cules fuit."
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 313
in Alexandreia als Arzt thätig. ^) Er schloss sich in der Lehre der
Frakturen und Luxationen eng an Hippokrates an und war überhaupt
ein vorzüglicher Chirurg. Mithradates dem Grossen (f 63 v. Chr.)
übermittelte er brieflich sein berühmtes Antitoxicum „Ambrosia^' (Gal.
XIV 150), das er nach Celsus V 23, 2 dem Könige Ptolemaios, gewiss
Auletes, bereitet hatte. Die Güte des Mittels sollte Mithradates an
Verbrechern erproben (Gal. XIV 150; Scrib. Larg. 169 und später).
Seine Antidotenrezepte wurden von ApoUonios Mys, Heras, Andro-
machos u. a. geprüft und bearbeitet und von Galenos zusammengestellt
(XIV 115; 150; 205). Oreibasios, collect, medic. XIV 45; 50; 52; 56;
58; 61; 64 (= II 553 — 596) hat uns Zusammenstellungen folgender
Mittel aus Zopyros überliefert: der Mittel, welche aus Mund, Nase
und Augen die Feuchtigkeit herausziehen und welche aus Milz, Leber
und Niere durch den Urin die Feuchtigkeit entleeren, der Expectorantia,
Schweissmittel, der kaustischen, septischen, reinigenden und narben-
bildenden Mittel, der Adstringentien und der milch- und regeltreibenden
Mttel, Einen Zopyros aus Gortyn erwähnt Scribonius Largus als
Eezeptverfasser; er wird kurz vor oder zur Zeit des Scribonius gelebt
haben. Schüler des älteren Zopyros waren ApoUonios von Kit(t)ion ^)
und Poseidonios. Nach Strabon XIV 558, 742 war ApoUonios dessen
Zeitgenosse; seine Blüte fällt um 60 v. Chr. Dass er gegen den
Tarentiner Herakleides in 18 Büchern ankämpfte, haben wir oben
gesehen. Ausserdem richtete er 3 Bücher gegen den Hippokrates-
erklärer Bakcheios (Erot. ed. Klein p. 32; Osann 6 A. 16). Sein
Hauptwerk aber, das mit zahlreichen bunten Bildern geschmückt ist,
die aus alten Vorlagen stammen, jedoch mit byzantinischen Zuthaten
ausgestattet sind, ist uns erhalten geblieben. Es hat den Titel Ttegl
äQ^QCüv Ttgayi-iaTsia (Handbuch über die Gelenke) und ist auf Befehl eines
Königs Ptolemaios, wie die Vorrede beweist, verfasst. Wahi-schein-
lich ist der Angeredete der Bruder von Ptolemaios Auletes und König
von Kypros. l)er ausgewählte Stellen der hippokratischen Schrift be-
handelnde Kommentar zerfällt in 3 Bücher; seine Abfassungszeit be-
grenzt Schöne (S. XXIV) durch die Jahre 81/58 v. Chr. ApoUonios
citiert nicht immer wortgetreu, sondern es kommt ihm auf den Inhalt
an; deshalb ist bei Abweichungen in der Regel der hippokratische
Text zu bevorzugen. '^) Die knappen Erklärungen bewegen sich in
formelhaften Wendungen und fördern das Verständnis der Vorlage
nur selten. Sehr wichtig aber sind die Abbildungen, u. a. auch der
berühmten Streckbank (ßäd-gov) des Hippokrates. Die Herophileer, so
z. B. Hegetor. werden mehrfach verspottet (Schöne S. 23). Die Samm-
lung der Chirurgen des Byzantiners Niketas, welche diese Schrift mit
enthält, findet sich in ältester Überlieferung im cod. Laurent. 74, 7;
Schöne versetzt ihn, mit gutem Grunde, nicht, wie es bisher geschah,
in das 11. und 12. Jahrhundert, sondern in das 9., spätestens in die
') Apoll. Oit. bei Cocchi, chirurgi Graeci veteres p. 171. Vgl. Osann, De loco
Kufi Ephesii niedici apud Oribasiura servato sive de peste Libyca disputatio, Progr.,
Gissae iaS3 S. 7; Schöne, Apollonius von Kitium, Leipz. 1896 p. XXIV; Well-
mann, Hermes XXIII 1888, 556 f.
-) Apollonii Citiensis etc. scholia in Hippocratem et Galenum ed. Dietz, Regi-
montii Prussorum 1834, 2 Bb.; Car. Gottl. Kühn, Apollonii Citiensis de articulis
reponendis commentatio etc., Lips. 1837 ff., 13 Programme; Schöne s. oben; Well-
mann, Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 1892, 677; Strecker, Hermes XXVI 280 f.
*) Uthoff, Quaestiones Hippocraticae, Diss., Marburgi 1884, These VI; p. 11 f.
314 Robert Fuchs.
1. Hälfte des 10.^) Ausserdem schrieb Apollonios wenigstens 2 Bücher
über Epilepsie (Cael. Aur. m. ehr. I 4 p. 323).
Einen Poseidonios-) nennt Galenos wiederholt. Sein Wider-
spruch gegen einzelne Stoiker (IV 819), seine Bekämpfung des Chry-
sippos (V397), seine Aifektlehre (V377; 416; 429; 515; cf. IV 820)
stimmen durchaus zum Apameier Poseidonios, dem berühmten stoischen
Philosophen (f 50/46 v. Chr.), der wegen der Leitung der rhodischen
Philosophenschule „der Rhodier" genannt wird. Er hat wenigstens
vorübergehend in Alexandreia gelebt und den ganzen bekannten Westen
Europas auf Forschungsreisen besucht. Wenn ihn Pseudogal. XIX 227
als Schüler des Antipatros bezeichnet, so muss eine Verwechselung
mit Panaitios vorliegen. Oreibasios (collect, medic. 44, 17 = III 607 f.)
berichtet aus Rhuphos, dass Poseidonios in seiner Schrift über die Pest
auf das ausführlichste die Symptome der damals grassierenden libyschen
Beulenpest beschrieben habe. Dieselbe Schrift zieht offenbar Strabon
(XVII p. 830) an, wo er die Gründe für das Entstehen der libyschen
Pest nach Poseidonios mitteilt. Auf ihn beruft sich auch Apollonios
von Kition im Vorworte seines chirurgischen Kommentars, um zu er-
härten, dass des Poseidonios Lehrer Zopyros die Luxationen nach
hippokratischer Vorschrift behandelte. Auf ihn bezieht sich endlich
das Scholion Leidense zu Hom. II. X 325 über den Verschluss der
Luftröhre durch den Kehldeckel beim Essen; denn unmittelbar vorher
wird Praxagoras genannt. Man könnte nämlich auch an den unter
Valens (364 — 378) lebenden Arzt denken (s. unten). Bei der Viel-
seitigkeit des Philosophen, der über Physik, Ethik, Astronomie, Meteoro-
logie, Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Taktik, Mantik und
Philosophie schrieb, der Piatons Timaios erläuterte und tveqI Trad-wv
(Gal. V 469 if.) verfasste, kann es durchaus nicht wundernehmen, dass
er dem Kehldeckel und der Pest seine Aufmerksamkeit schenkte.
AiliosPromötos^) (Aelius Promotus) aus Alexandreia hinterliess
mehrere, zum Teil handschriftlich erhaltene Werke über Pharma-
kologie. Das övva^isQov findet sich in Venediger, die von Einfältig-
keiten strotzenden iaTQr/.a, cpvaiKcc ytal dvzi7iad^r]Tizcc in Leydener
Handschriften. Das Buch TteQi ioßölcov y.al dt]lr]Tr]Qia)v cpaQf^idxiov,
Gifte behandelnd, ist in einem cod. Vaticanus enthalten und wird von
Rohde wenigstens inhaltlich dem Archigenes zugesprochen. -) Ailios
gehört vermutlich dem 2. Jahrhunderte n. Chr. an. Heras aus
Kappadokien ist älter als Andromächos, Leibarzt des Nero (Gal. XII
989), er wird also unter Augustus oder Tiberius sein Werk vccgd-vi^ =
„Arzneikasten" oder rövog dwccfietov = „Wirkungen der Arzneimittel"
verfasst haben (XIII 416; 812; Geis. V 22; Garg. Mart. ed. Rose 135).
Aetios hat eine Prüfung der Tto/ncpölv^ = Zinkblume von ihm erhalten.
Eine Xevy.i] did %ov 'kevy.ov TteneQScog, wg '^rraXog y.al ÜQag =^ Weiss-
pfeffermittel nennt Galenos (XIII 414 ; 446). Menodötos aus Niko-
medeia war Skeptiker, Lehrer des Herodotos von Tarsos, Gegner des
^) Petrequin hat eine fast vollendete Aussfabe, Text, Varianten, Anmerkungen,
üebersetzung, hinterlassen (S. E. Jullien in dem postumen 2. Bande von Petrequins
Chirurgie d'Hippocrate, Paris et Lyon 1878 S. III). Eine deutsche Uebersetzung des
Apollonios wäre eine verdienstliche Aufgabe.
2) Henschels Janus II 1847, 298 ff.; 400; Osann a. a. 0.; Cocchi a. a. 0.
3) Rhein. Mus. XXVIII 1873 S. 264 ff.; Kühn, Additamenta ad elenchum me-
dicorum veterum etc., Lipsiae s. anno, I enthält aus dem 8vva/u.s^6v den Prolog und
Stücke über Foetor oris, Mund- und Zahnübel.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 315
Asklepiades und Verteidiger der empirischen Sekte (Diog. Laert. IX
115 f.; Ps.-Gal. isag. 4; 7), Zur Verteidigung des Asklepiades richtete
Galenos 11 Bücher gegen Menodotos an Seberos (= Severus; Gal.
scr, min. II 115; de subfig. empir. 14). Unter dem korrupten Titei
rahrjvov TtaQarpQaatoD zoD Mr^voöÖTOv 7tQOXQB7tTi/.og köyog bttI rag tiyyag
ist eine Schrift des Galenos gegen Menodotos erhalten, die zum Studium
der freien Künste und der Medizin auffordert. Gerade der auf die
Medizin gerichtete Teil ist verloren gegangen. ')
Auch Theo das (Gal. X 142) von Laodikeia wird der Zeit um
100 n. Chr. angehören.
Ob der Anatom Marino s, auf dessen t&v dvaTo/mxwv Ttgayiiateia
(Gal. II 716) die anatomische Hauptschrift des Galenos im wesentlichen
beruht (XV 135; Orib. III 488; 491), und dessen Schüler KoCvTog =
Qnintus, der kurz vor Galenos anatomische und prognostische Studien
trieb, der empirischen Schule angehörten, lässt sich bei dem Mangel
an Bruchstücken nicht ausmachen. Des letzteren Schüler Lykos
(= Lupus), der Sohn des Pelops (Gal. XVIII, II 100), aus Make-
donien, schrieb IBrjyrjTua xwv ^I/tTtoxgdtovg äipogioficbv vTtof.ivr/iaTa und
ein anatomisches Lehrbuch tt. ftvwv (Ueber die Muskeln), Da die
fleissig benutzten älteren Anatomen (926 ff.; II 458 f.; 470; XIX 22)
mit Hohn und Spott von Lj^kos überschüttet worden waren, schrieb
Galenos neben einem Auszuge aus der Schrift des Lykos (XIX 25)
auch noch 2 polemische Bücher gegen ihn, „Ueber das, was Lykos
auf dem Gebiete der Anatomie nicht weiss" (22) und „Gegen Lykos
zum Beweise, dass in den Aphorismen nichts verfehlt ist" (XVII,
II 414). Von diesem ist der Neapolitaner Lykos, auch Empiricus
(Gal. X 142 f.) genannt, zu unterscheiden. Durch geschickte Betrach-
tung einer Glosse zu Hippokrates erschliesst Wellmann, -) dass er vor
100 V. Chr. gelebt habe. Nur bleibt diese Kombination dadurch un-
gewiss, dass aus der übereinstimmenden Erklärung von äogiitov =
Bronchien nicht mit Sicherheit auf Entlehnung geschlossen werden
kann, da sich diese Erklärung jedem von selbst aufdrängt und nicht
so viel verschiedene Deutungen des Wortes ausgesonnen werdenTcönnen,
dass jeder Exeget eine eigene zugewiesen bekommen könnte. Sein
Kommentar bezog sich auf de loc. in hom. und hatte wenigstens
2 Bücher (Erot. 85, 8 ff.). Die Fragmente bei Oreibasios betreffen
Klystiere, Purganzen, Kataplasmen. Plinius hat ihn zu Buch XX bis
XXVII herangezogen, aber nur einmal citiert, XX 220, wo Melde
gegen cantharis, verschiedene Geschwülste, Erysipel und Fussgicht
empfohlen wird. Die Litteratur verzeichnet Wellmann; ^) von
Wilamowitz-Möllendorff, Göttinger Progr., Sommer 1884.
Von den Schülern des Quintus und Lehrern des Galenos sind nur
die Namen bekannt: Satyros und Aischrion aus Pergamon, Pelops
aus Smyrna und Phekianos (s. unter Galenos), ausserdem die sonst
unbekannten K a 1 1 i k 1 e s und D i o d ö r o s (Gal. X 142), Aischrion ver-
stand sich vornehmlich auf die Arzneimittellehre (Gal. XII 356 f.). Gegen
Tollwut verabreichte er Krebsasche (1. 1. ; Orib. syn. V 147). Die späteren
Empiriker neigten zur skeptischen Philosophie hin, vor allem Menodotos
(s. oben), Agrippa und Sextus Empiricus {le^rog), dessen Blüte-
zeit um 190—200 n. Chr. fällt. Letzterer lebte in Alexandreia und Athen
') Clandii Galeni protreptici quae supersnnt ed. Georg. Kaibel, Berolini 1894,
2) Bei Susemihl II 447; Hermes XXXV 1900 S. 383 f.
316 Robert Fuchs.
und lehrte Philosophie und Medizin, Im Canon bei Gramer erscheint er als
Serxestas. Seine erhaltenen, teilweise langweilig-en Schriften, ,.Pyr-
rhoniae hypotyposes" und „adversus mathematicos", sind zwar für die
Philosophie sehr wichtig, aber für die Heilkunde ohne jeden Ertrag.
Litteratur: Sexti E. opera ex rec. Imm. Bekkeri, Berol. 1842; Maggi,
Memorie del reale istituto Lombardo XII S. 97ff. ; Pappenheim, De
S. E. librorum numero et ordine, Berol. 1874; Pyrrhoneische Grund-
züge. Aus d. Griech. übers., Leipz. 1877 ; Haas, Ueber d. Schriften des
S. E., Freising 1883. Das „unguentum Agrippa" hat noch im Mittel-
alter Otho Creraonensis zu Versen begeistert (de electione et virib.
medicamentor. simplic. et compositor. 372 f.). Es hilft angeblich bei
Nervenschmerzen, Tumoren und allerhand Weh unverzüglich.
Die Empiriker betrachteten als einzige Aufgabe der Heilkunde
den praktischen Zweck. Deshalb waren sie den theoretischen
Arbeiten der Dogmatiker abhold, zumal sie obendrein, den Skeptikern
nahe kommend, leugneten, dass der Mensch überhaupt die letzten Ur-
sachen der Erscheinungen zu erkennen vermöge. Daher verwarfen
sie auch die Anatomie, die für das praktische Bedürfnis der Therapie
ja nichts lehre, und wollten sie den Naturforschern zuweisen. An die
Stelle der vielen wichtigen Hilfsmittel, deren sie sich "auf diese Weise
willkürlich beraubten, setzten sie eine in ihren 3 Teilen sorgfältig
ausgebaute Methode, den sogenannten empirischen Dreifuss des Glaukias.
Der erste Bestandteil dieses Schlüssels für alle medizinischen Fragen
ist die Ti]Qi]aig, d. i. eigene Beobachtung (Gal. XVI 82), der zweite
die IqTOQia, d. i. üeberlieferung anderer TrjQrjTiKol oder /.ivi^^iovivriycoi,
der dritte, von Serapion hinzugesetzte, die ustdßaaig ajth rov öftoiov^
d. i. der Uebergang von dem einen Aehnlichen zu dem anderen Aehn-
lichen, der Analogieschluss (X 782; Orib. II 228; 233). Bei neuartigen
pathologischen Erscheinungen versagte ja die loiogla, die xrjQr^oLQ setzte
eben erst ein, und deshalb war die Vergleichung ähnlicher schon be-
kannter Vorgänge, die sich auf 1. den kranken Teil, 2. die Krank-
heitserscheinung, 3. die Heilmittel beziehen musste, nicht zu entbehren.
Durch ihre lediglich auf die Heilung abzielenden Bestrebungen förderten
die Empiriker, deren erste Ansätze in das 3. Jahrhundert v. Chr. hin-
aufreichen und sich erst in der unfruchtbaren Scholastikerzeit völlig
verlieren, die Semiotik, die Symptomatologie, die Pharmakologie, die
Therapie allgemein und besonders die Chirurgie; hingegen verdankt
ihnen die Anatomie gar keine, die Aetiologie sehr geringe Förderung.
Am besten charakterisieren die Empiriker in ihren Kernworten (Cels.
praef.) das Ziel ihrer Methode : „Die Krankheiten werden nicht durch
Beredsamkeit, sondern durch Arzneien geheilt", „Auch der Landwirt
und der Steuermann bilden sich nicht durch Disputationen, sondern
durch die Praxis aus", „Es kommt nicht auf das an, was die Krank-
heiten verursacht, sondern auf das, was sie vertreibt" u. ä.
30. Nikandros. Sostratos. Aratos. Aristogenes. Lysimachos.
Antiochos. Attalos. Nikomedes. Mithradates. Kleopatra. Krateuas.
Die alexandrinischen Chirurgen.
1. Christ, Gesch. der griech. Litt. u. s. w., 3. Aufl., München 1898 S. 536 f. —
j2. Eitretn, De Ovidio Nicandri imitatore. Philol. LIX 1900 S. 58 ff". — 3. Scholia
in Nicandri Theriaca ex rec. Henrici Keilii 1856; Scholia vetera in Nicandri
Alexipharmaca e cod. Gottingensi rec. Abel, Budapest 1891. — 4. Knaackf
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 317
Arat und Nikander, Hermes XXIII 1888, 313 f. — 5. lAngenherg, Qiuiestiones
Nicandreae, Halis 1865. — 6. Plaehn, De Nicandro alüsque poetis graecis ab
Ovidio in Metamorphosibus conscribendis adhibitis, Halis 1882. — 7. O. Schneider,
Kicandrea, Lipsiae 1856. — 8. Utiffer, De Aemilio Macro Xicandri imitatore,
Friedland 1845, Progr. — 9. 1'ari, Scholia vetera in Nicandri Alexiphannaca etc.,
Budapestini 1891. — 10. I^olktnann, De Nicandri Colophonii vita et scriptis,
Halis 1852; Piniol. XV 1860, 304 ff. — 11. WeUmnnn, Fleckeisens Jahrbb. f.
class. Philol. CXXXVII 1888, 154 ff: - 12. Wentzel, Die Göttinger Scholien zu
Nikanders Alexipharmaca, Göttingen 1892 {Abh. d. Gott. Ges. d. Wiss. XXXVII).
lieber das Leben des Nikandros von Kolöplion/) Sohn des
Damaios, berichten zwei Abrisse: 1. Ttegl yivovg Nixdvögov aus un-
bekannter älterer Zeit, den Scholien vorgeschoben;-) 2. Suidas s. v.,
durch 1 dahin zu berichtigen, dass Nikandros „unter dem jungen
Attalos, dem Letzten, (nicht) unter dem Galaterbesieger" lebte.
Die Chronisten machen ihn nämlich zu einem Zeitgenossen des Theo-
kritos und des Arätos oder des Ptolemaios V. Es ist also Attälos IIL
Philometor (138 — 133 v. Chr.) gemeint. Die Behauptung, dass der
„Grammatiker, Dichter und Arzt" (Suid.) einen Stoif meisterhaft be-
handelt habe, von dem er nichts verstanden habe, findet sich auch
bei Cicero, der ihn dem Aratos gleich stellt (de orat. I 69). Er be-
kleidete das in seiner Familie erbliche Priesteramt des Apollon von
Klaios. •') Dass er auch Aitöler genannt wird , deutet auf einen
längeren Aufenthalt in Aitolien hin. Von Prosawerken werden ge-
nannt: 1. eine Glossensammlung zu den Hippokrateern, 2. die idoewv
avvaywyr^ = Sammlung von Heilungen ; 3. die TTQoyvioatiKcc, die Cicero
übersetzte und auch sonst in seinen Werken mehrfach anzog; von
poetischen: 4. die geographisch-mythologischen Werke KoXotpwviaxd,
u4hwXi/.d, Oiißaü/M] 5. 3 Bücher mgl xQ^iOTr^gitov navTouov^) = Ueber
allerlei Brauchbares (?). Ausser Betracht können hier bleiben: 6. die
h€Qoioiutva oder Metamorphosen ; 7. die untergegangenen yeiogyixd ==
„Ueber den Landbau'' mit den (.isXiooovQyiy.d = „Bienenzucht''; 8. die
'Ocfur/.d (Ueber Schlangen) und 9. die Epigramme. 10. Die ^rjQiaxd
behandeln in 958 Hexametern Mittel gegen den Biss giftiger Tiere,
meist Pflanzenstoflfe, und wurden von Aemilius Macer in den Theriaca
frei nachgeahmt; freilich reichen die spärlichen Trümmer des Macer
nicht aus, um den Grad der Uebereinstimmung im einzelnen zu er-
mitteln. Lucanus, der auf ^Nlacer mit beruht, zeigt einige Anklänge
an Nikandros.*^) 11. in seinen dXe^Kpdgfiay.a (Mittel gegen Gifte) folgt
Nikandros, ebenso wie in den Theriaca, dem lologen Apollodöros, dem
angeblichen (Plin. h. n. XXIV 167) Schüler des Pseudodemokritos (um
300 v. Chr.). Apollodöros schrieb vor Erasistratos ..über giftige Tiere''
(Athen. XV p. 681 D) und „über tötliche Mittel" (Nie. Alex. 594 schol.;
Schneider 187). Dass Macer nicht den Nikandros selbst, sondern die
auf letzterem beruhende Schrift des Sostratos nsgl ßlr^Cjv fj öaxetCuv
überarbeitet habe, entbehrt der Wahrscheinlichkeit. Die Bedeutung
der medizinischen Lehrgedichte erhellt daraus, dass sie, obwohl sie
ausser von Caelius Aurelianus in ärztlichen Werken nicht citiert
*) So nennt er sich selbst ther. 958.
'■') Biograph! Graeci ed. West ermann p. 60 ff.
3) Buresch, Klaros, Leipz. 1889 S. 34 ff.
*) Suid. hat Traprcov = aUes; Unger (s. 0. Schneider p. 20) will gar
ßorayüjv = Pflanzen einsetzen.
^) Knaack, Analecta Alexandrina, Eomae 1880, 11; Fritzsche, Quaestiones
Lucaneae, Gothae 1892, 9 ff.
318 Kobert Fuchs.
werden, doch fleissig gelesen, nachgeahmt (Vergilius, Ovidius), interpretiert
und paraphrasiert wurden. Kommentare schrieben Diphilos, Pamphilos,
Theon, Plutarchos, der Phalereer Demetrios (Steph. Byz. s. KoqÖTtrj),
eine Paraphrase Euteknios, über den weiter nichts feststeht. Die
Kommentatoren ihrerseits verarbeiten Diokles, Anakreon, Apollas,
Mikkion, Krateuas u. a. (Wellmann 154 if.). Die Uebereinstimmungen
zwischen dem Nikandrosscholiasten und Dioskurides von Anazarba
beruhen auf der gemeinsamen Benutzung des Sextius Niger. Von
Handschriften kommen in Betracht ein Vindob. saec. V und 2
Paris, (einer mit Illustrationen, saec. X; einer aus der Sammlung
des Mynas). Nikandros ist der Erste, der von der therapeutischen
Verwendung des Blutegels spricht. Der eben erwähnte lologe Sos-
trätos ist von dem Dichter und dem Mythographen gleichen Namens
zu trennen. ^) Da in seiner genannten Schrift über schädliche Tiere
der Tod der Kleopätra erwähnt wird, so war er etwa ein Zeitgenosse
von Macer-) (f 16 v. Chr.). Sonst begegnet noch die Schrift Ttegl
toKov = ,.Tiere", 2 oder 4 Bücher (ApoUon. Ehod. I 1265 schol. vgl.
m. Athen. VII p. 303 B; 312 E). Celsus VII praef. rechnet ihn unter
die tüchtigsten Chirurgen. Epidesmologisches führt Galenos an (XVIII,
I 823 f.). Bauchfisteln erklärte er für unheilbar (Geis. VII 4, 3). Das
Vorstehen des Nabels führte er auf 3 Ursachen zurück: auf Bruch,
auf Flüssigkeitsansammlung und auf unschädliche oder carcinomatöse
Fleischwucherung (14, 1). Die Steinoperation übte er aus (Sor. ed.
Dietz 118). Die gynäkologischen Citate bei Soranos betreifen die
Dystocie, die Verhaltung der Nachgeburt und den Nabelbruch (I 22,
71; II 19, 64).
Arätos, '^) Sohn des Athenodöros, aus Soloi lebte etwa zwischen 315
und 240 V. Chr. in Ephesos, Kos, Athen, bei Antigönos Gonätas von
Makedonien, Antiochos I. Soter von Syrien und dann wieder in Make-
donien. Dass Aratos Arzt war, geht aus einigen Andeutungen in den
Vitae Arati (Biographi Graeci ed. Westermann 54, 66 f.; 56, 12ff.,-
60, 23 f.) hervor. Diese Angaben erhalten eine Stütze durch sein
Studium auf Kos, seine Beziehungen zu dem Arzte Nikias und die
Bruchstücke seiner Werke selbst. Aber wie in der Astronomie, war
er auch in der Heilkunde mehr Dilettant denn Meister (59, 34 ff.). Er
schrieb nach Suidas (Gal. XIV 144): 1. eine ovvd-eoig cpaQf.idKwv =
Pharmakologie; 2. S-rjQiay.d = „üeber schädliche Tiere", nach den
Viten 55, 85; 56, 8;*) 3. largiKai öwdiiisis =• „Heilkräfte" in Versen
nach Pollux II 37 f. ; 4. iaTQixd == „Aerztliches" und nach Suidas 5. eine
avd-QcoTtoyovia = Embryologie. Von Nr. 4 sind 3 Hexameter übrig
geblieben; sie betreffen eigene Studien über abweichende Schädel-
bildung. Die ersten 4 Werke nach Knaack verringern sich dadurch, dass
allem Anscheine nach Nr, 4 mit 3 gleich ist. Ob man aber mit
Bernhardy und Susemihl auch noch Nr. 1=3 und 4 setzen soll,
bleibt deshalb im Zweifel, weil sich die Annahme mindestens ebenso
empfiehlt, er habe in Nr. 1 über die zusammengesetzten Mittel (avvd-sTa)
und in Nr. 3 bezw. 4 über die Heilkräfte im allgemeinen und über die
^) Well mann, Hermes XXVII 649.
^) Susemihl, Gesch. d. griech. Litt, in d. Alexandrinerzeit II 445. Vgl. Gal.
XIV 184; XVIII, I 823; Gels. VII 14; AeUan. de nat. anim. 6, 51; 9, 26.
") Knaack, Zu Arats medic. Schriften. Hermes XXIII 1888 S. 313; XXIX
1894 S. 472 ff.
*) Vgl. Maass, Aratea, Berol. 1892, 223 ff.; 385 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 319
einfachen Mittel (a/rAö) gehandelt, wie ja auch sonst zwischen diesen
Klassen streng unterschieden wird.
Antigönos Gonatas, der sich im Jahre 278 v. Chr. die make-
donische Königskrone erstritt, hatte Aristogenes von Knidos zum
Leibarzte, den Schüler des knidischen Chrysippos (Geis. III 21; Gal.
XI 197 ; 252). Er kann schon aus chronologischen Gründen nicht der
Sklave des stoischen Philosophen Chrysippos von Soloi (* ca. 280
V. Chr.) gewesen sein, wie Suidas behauptet. Er war als Anatom, z. B.
in der Schädellehre, berühmt (Gal. 1. 1. ; XV 136, wo Wellmann mit
Recht „Antigenes*' in „Aristogenes" verbessert hat). Ausserdem zählt
Suidas, der ihn für einen Thasier erklärt, 14 Werke von ihm auf: 1 über
Diät, 1 über Arzneimittel (ich lese övvduswv), 1 über den Biss giftiger
Tiere, 1 über den Samen, ferner über Hygiene und schliesslich Briefe
und ein „Compendium natürlicher Heilmittel an (König) Antigönos"
(vgl. Plin. index zu lY, VII, XII f.; IV 67; VII 193). In der Therapie,
vor allem hinsichtlich des Aderlasses, schloss er sich seinem Lehrer
an. Ein erweichendes Mittel für Knochen kennt Celsus noch (V 18, 27).
Die Unterstützung, welche die Ptolemaier den alexandrinischen
Aerzten zu teil werden Hessen, war auch anderwärts nicht ohne Bei-
spiel. Lysimächos, einst Heerführer des grossen Alexandros, nach
306 König von Thrakien, erkannte die Heilwirkung der nach ihm
benannten und von Erasistratos empfohlenen Pflanze Lysimachia (s.
oben S. 305; Plin. 25, 72; Orib. II 659). Der Arzt Lysimächos ist
natürlich ein anderer. Er stammte von Kos und erhielt wegen seiner
Erklärungsschriften zu Hippokrates den Beinamen ö '^iTiTtoy.Qcauog (Nie.
alex. 376 schol.). Er erklärte in einem Bande schwerverständliche
Worte des Hippokratescorpus , bekämpfte in 3 Büchern das Hippo-
kratesbuch des Herophileers Kydias von Myläsa und in ebenfalls
3 Büchern das des Epikureers Demetrios (Erot. p. 32, 4 ff.; 79, 15;
58, 8; 125, 2; 81, 3). Als Gewährsmann für animalische Wunder-
mittel (nicht pflanzliche, Wellmann bei Susemihl II 442 A. 154) steht
er im Verzeichnis von Plin. XXVIII. Bei Erot. p. 79, 15 darf man
nicht „Ischomachos" mit Fabricius durch „Lysimächos" ersetzen^ und
ebensowenig darf man bei Varro, de re rust. I 1, 9 unter den Geor-
gikaverfassern den Landwirt Lysimächos für den Arzt erklären. Die
Lebenszeit des Arztes wird in das Ende des 2. oder in den Beginn
des 1. vorchristlichen Jahrhunderts verlegt werden dürfen.
Vom Könige von Syrien Antiochos III., dem Grossen (224—187
V. Chr.), will Plinius 20, 264 einen gegen alle Gifte dienenden Theriak
überkommen haben. Es ist aber vielmehr Antiochos VIII. Epiphänes
Philometor (f 96 v. Chr.) gemeint. Eudemos, jedenfalls der Giftmischer
des Tiberius, Arzt und Geliebter der Livia (Tac. ann. IV 3 ; Plin. 29, 20),
Mörder des Drusus im Jahre 23 n. Chr. (a. a. 0.), hat ihn in Versen
aufgezeichnet, also jedenfalls auch selbst umgedichtet. ^) Des Plinius
Formel, als Rezept dargestellt, würde lauten:
^) Die &r]Qiaxf] 'AvTtoxov Toü 0i?MurjTo^os. Uap' UvSrjitov iftfierpcos di^ayeypa/u/uevr]
druckte Bussemaker ab (Poetarum de re physica et medica reliquias colleg. — ,
Paris 1851). Die 8 Distichen, deren prosaische Umschreibung Plinius wohl dem
Varro entlehnt hat, waren am Eingange des kölschen Asklepiosterapels als steinernes
Weihgeschenk angebracht. Sie finden sich natürlich auch bei Galenos (XIV 185 f. ;
201 f.). Thrämer bei Pauly-Wissowa, Real-Encycl. der class. Altertumswiss. II 1688.
320
Ro
bert Fuchs.
serpylli denarios 2
Ep. Feldthymian
7,8 g
opopanacis d. 2
Heihvurzsaft (?)
7,8 g
mei d. 2
Bärwurz
7,8 g
trifolii d.
Klee
3,9 g
anesi d. 6.
Anis
23,4 g
foeniculi seminis d. 6
Fenchelsamen
23,4 g
ammii d. 6
Ammi
23,4 g
apii d. 6
Eppich (Sellerie)
23,4 g
ervi farina d. 12.
Ervenmehl
46,8 g
Haec tusa cribrataque vino quam 1 Dieses stosse man, siebe es durch
possit excellenti digeruntur in pa- j und forme es mit Hilfe möglichst
stillos, victoriati pondere. Ex his j feinen Weines in Pastillen von
singuli dantur ex vini mixti cyathis 1 dem Gewichte eines Victoriageld-
ternis. I Stückes. Hiervon werden einzelne
Stücke in 3 Kyathen (0,132 1) ver-
schnittenem Weine gegeben.
Attalos III. Philometor von Pergamon (138 — 133 v. Chr.), der
sein Reich den Römern vermachte, grub und säete in der letzten Zeit
selbst in seinen Gärten (lustin. 36, 4, 3 f.; Plut. Demetr. 20). Die
selbsterbauten giftigen Kräuter mischte er mit unschädlichen. Diese
Mischung schickte er seinen Freunden als Geschenk. Ob er auch
über seine anderen Liebhabereien, Schmieden und Wachsbildnerei,
schrieb, wie es bezüglich des Gartenbaues wahrscheinlich ist, wissen
wir nicht. Wohl aber sind uns folgende Arzneimittel von seiner
Schriftstellerei über Gifte erhalten geblieben : das Attalum emplastrum
ad vulnera (Geis. V 19, 11); die Actxfy fj öia tov IsvxoD TreTtegecog nach
Attalos und Heras (Weisspifeffermittel ; Gal. XIII 414). Gegen Mund-
geschwüre riet er den Gebrauch von frischem Thunfischfette an (Plin.
32, 87). Beim P>blicken eines Skorpions muss man, um seinen Stich zu
bannen, das Wort „duo" aussprechen (28, 24). „Attalus" oder „Attalus
medicus" erscheint im Index des Plinius zu Buch XXVIII; XXXI;
XXXIII. Viele Werke hat er aber nicht hinterlassen (Gal. XII 251).
Nikomedes IL (149—91) oder IIL (91—75 v. Chr.) von Bi-
thynien fürchtete sich gleichfalls vor giftmischenden Höflingen und
braute deshalb verschiedene Antidote als Schutzmittel (Gal. XII 556;
579; XIII 929^ XIV 147).
Mithradätes VI. ^) oder Mithridates Eupätor, König von Pontos
(120 — 63 V. Chr.), nahm täglich erst das von ihm entdeckte Antidot,
dann Gift, um sich zu immunisieren (Plin. 25, 5if.). Die Mittel hatte
er zuvor an seinen Verwandten und Unterthanen mit Erfolg erprobt.
Sogar chirurgisch soll er seine Beamten behandelt haben (Plut, de
adul. 14). Asklepiades (s. unten) sandte ihm, statt seinem Rufe per-
sönlich zu folgen, seine Werke. Nach der Niederlage und dem Selbst-
morde des Königs, den. das Gift verweigerte, aber das treue Schwert
gewährte, fand der Sieger Cn. Pompeius die Schränke mit Aufzeich-
nungen über die Gifte und Proben vollgepfropft. Er Hess sie durch
seinen Freigelassenen Pompeius Lenaeus ins Lateinische übersetzen
(Plin.; Gell. 17, 16; Plut., Pomp. 37). Die Gegengifte waren mit dem
Blute einheimischer Enten vermengt, da diese sich angeblich von Gift
^) Theod. Reinach, Mithridate Eupator Roi de Pont, Paris 1890 (übers, von
Goetz).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 321
nähren und das mit diesem Blute gemischte Medikament giftzerteilende
Wirkung besitzt. Sogar vor schnellwirkenden Giften soll er so Schutz
gefunden haben. Sein berühmtestes Antidot, Mithridatium (Gell.: Mi-
thridatios), das 54 Bestandteile hatte und das noch Otho von Cremona
162 ff. als ,.Metridatum" begeistert besang, wird bei Gal. XIY 106 tf.;
164; Geis. V 23, 3; Plin. 29, 24; Scrib. Larg. p. 69 Helmr.; Marx,
Herophilus S. 76 u. ö. mitgeteilt. Es hatte sich im geheimsten Fache,
für sich gelegt, vorgefunden (Plin. 23, 149). Die Nachwelt hat die
Formel bis auf 37 Bestandteile herab vereinfacht und variiert. Sonst
kennen wir noch folgende Arzneimittel: &r^Qiaxr] Gal. XIV 155 ff.;
fj «.^avaata = „Unsterblichkeit" l^S, fj öia ay.iyycov ksyo/^evr] = Eidechsen-
mittel 152; fj äQtrjQiaxi] XIII 23; f] ägiouariy.^ 52; f^ Ttavcr/.ua. 54; das
Steinmittel 329. Den Bernstein erklärte er für Cedernharz , das an der
Küste der persischen Landschaft Karmania am persischen Golfe gefunden
werde (Plin. 37, 39). Weil Mithradates auch die Botanik durch seine
selbstsüchtigen Studien indirekt förderte, benannte Krateuas die Pflanze
]\Iithridatia nach ihm. Die von dem Könige eigenhändig beschriebene
Pflanze scordotis = scordion eignete ihm sein Uebersetzer Lenaeus
zu. Die eupatoria aber kündete noch zur Zeit des Verfalls des
Kömertums des ahnenstolzen Herrschers Ruhm (Plin. 25, 62; 63; 65).
Die sog. „Mithridatis epistula ad Graecorum regem", die ein fruchtbar
machendes Pessar für dessen Schwester begleitet, ist eine plumpe
Fälschung (Electoralis Bibliothecae Monacensis Codd. gi^aeci Msc.
recensiti . . . ab Ign. Hardt, Monachii 1804 ff., IV 207 f.).
Kleopatra,^) Königin von Aegj'pten und Geliebte des Marcus
Antonius (f 30 v. Chr.), wird unter den ärztlichen Schriftstellerinnen
ebenfalls mit genannt. Schon der Pap. Ebers (Taf. 66, 15) erwähnt
ein Toilettemittel der Königinmutter Schesch, aber schon dort ist der
königliche Name nur zur Anpreisung des Mittels herangezogen, und
weder die Rezepte, noch die Schriften können als echt angesehen
werden. Das eine dieser Bücher heisst yioa/nijtiyiöv (Schönheitsmittel) -)
und ist mit einer Mass- und Gewichtstafel versehen (Ps.-Gal. XIX
767). •^) Die Rezepte finden sich zerstreut ^) bei Galenos, Aetios, Paulos
von Aigina, bei letzterem allein 18 Mittel zum Locken und Färben
der Haare (III 2 p. 55 ed. Basil.). Obwohl die Rezepte einen sorg-
fältigen Verfasser erkennen lassen, ist doch nicht anzunehmen, dass
ein bekannter Arzt, geschweige der treffliche Soranos "*) zu dieser
widerlichen Reklame- und Putzsucht herabgestiegen wäre. Eine
plumpe Fälschung ist auch der ganze Briefwechsel zwischen Antonius
bezw. Kleopatra und Soranos. *) Das untergeschobene gynäkologische
Werk yevioia ') wird bei Moschion verwertet, stammt also sicher nicht
aus der Zeit der Trotula, wie Kleinw^ächter ^) annimmt.
') Porträt bei Svoronos, Journal d'archeologie numismatique 1899, 183 ff.
^) ycofifia}Tiy.rj isyvr] bei Gramer, Anecd. Oxon. III 164, 14.
3) Hui t seh, 3retrol. I 233.
*) Lüring, Die ü. d. medic. Kenntnisse d. alt. Aegypter berichtenden Papyri
verglichen mit d. medic. Schrift, grieoh. u. röm. Autor., Leipz. 1888, 123 ff.
^) Tzetzes Alleg. ad Iliad. prooem. 7 Boissonade = Anecd. Graeca ed. Ma-
tranga I 1.
«) Pabricius, Biblioth. Lat. IT 1 = 5. Aufl. I 691. Vgl. Usener. Rhein.
Mus. XXVIII 1873, 412 f.
') Abgedruckt in den Sammlungen Gynaecia, z. B. von Wolphius 1586;
Spachius 1597.
^) Rohlfs' Deutsch. Archiv f. Gesch. d. Medic. u. medic. Geogr. VI, Leipz.
1883 S. 46.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 21
322 Robert Fuchs.
Als erster und bedeutendster Rhizotom erwarb sich Verdienste
Krateuas (Grate vas).^) Sein von Nikandros sicherlich im Original
herangezogenes QL^oTO/m-abv war ein illustriertes Kräuterbuch und
umfasste mindestens 5 Bücher (Pseudogal., de virtute centaureae).
Er lebte am Hofe des Mithradätes VI. Eupätor (Plin. 25, 6, 26;
Haller, Bibl. bot. I 57). Dioskurides (de mat. med. praef.) rühmt
ihn und Andreas, weil sie, wenn sie auch sehr viele Wurzeln und
Pflanzen übergingen, doch die Arzneimittel genauer beschrieben als
die übrigen (Plin. 22, 75). Auch dem zweiten Werke, einer allgemeinen
Arzneimittellehre, ähnlich der dioskurideischen Materia medica, spendet
Galenos hohes Lob, zeige es doch eine staunenswerte Kenntnis von
den Einwirkungen der Metalle auf den Körper (XV 134; XI 795;
797; XIV 7). Die von dem Botaniker Luigi Anguillara für Bruch-
stücke des Krateuas erklärten Pflanzenbeschreibungen stammen aus
dem überarbeiteten Dioskurides, und auch die von Rosenbaum ange-
nommene Wiener Handschrift ^laxqoööcpov Kqaxevov tov qlCox6(.iov Ttegl
vXrjg laTQixfjg existiert nicht. Wohl aber finden sich Fragmente des
Krateuas in dem kostbaren illustrierten cod. Vindobonensis Constanti-
nopolitanus des Dioskurides, saec. V. Sie beziehen sich auf die
Arzneiwirkung der Pflanzen. Die Abbildungen dieses Codex wie des
Vindobonensis Neapolitanus saec. VII. sind dem Öriginalwerke des
Krateuas entlehnt. Krateuas hängt ab von Diokles von Karystos, und
von Krateuas' reichem Tische haben viele Nachfolger Brosamen ge-
nossen, so Dionysios, Metrodöros, Sextios Nigros und die lange Reihe
der Kompilatoren.
. Hervorragende Chirurgen fehlten der alexandrinischen Epoche
nicht. Zu den genialsten, Herophilos und Erasistratos und Claudius
Philoxenos, gesellte sich vor oder unter Augustus (Geis. VII praef.)
Ammonios von Alexandreia, genannt o Jid^ordf-ioc, = Steinschneider
(Cels. VII 26, 3). Er fixierte mit einem Haken den Stein, um sein
Zurückweichen zu verhindern, führte dann einen vorn dünnen und ge-
bogenen Eisenstab ein und zertrümmerte den Stein durch Dagegen-
schlagen. Dabei gab er Acht, dass weder das Eisen die Blase ver-
letzte, noch ein Steinstückchen zurückfiel. Von seiner reichen Er-
fahrung ist uns als armseliger Ueberrest nur ein Haemostaticum
erhalten geblieben (Paul. Aegin. 7, 16). Dass auch der ältere Try-
phon, der Lehrer des Scribonius Largus (compos. 175, 71 Helmr.),
seine Bildung Alexandreia verdanke, lässt sich nicht beweisen. Athenaios
benutzte (Gal. XIII 847), Celsus pries den „Tryphon pater" (VII
praef.). Er zeichnete sich in der Chirurgie und Pharmacie be-
sonders aus. Vielleicht ist Tryphon von Gortyn sein Sohn (Gal.
XIII 246 ; 253).
Von Euelpistos, dem Sohne des Phleges, der von Scribonius Largus
benutzt wurde, und von Meges=^) von Sidon ist zu berichten, dass sie
wahrscheinlich in Alexandreia Chirurgie studierten und kurz vor Celsus
^) Costomiris, Revue des etudes grecques II 1889, 343 if.; Stadler, Blatt, f.
das (bayer.) Gymnasialschulweseu XXXIY, München 1898 S. 609 ff.; Wellmann,
Festgabe f. Franz Susemihl, Leipz. 1898; Krateuas, Abb. d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu
Göttingen, Philol.-bist. Kl., N. F. Bd. II Nr. 1, Berl. 1897.
'•') de Bockelmann, De Megetis fragmentis, Diss., Gryphiae 1844; Des-
cbamps, Traite historique et dogmatique de l'operation de la taille, 2 Bb.,
Paris 1796; Deshayes, Contribution ä Thistoire de la Taille et de la Castration,
Orleans 1882; Ang. Mai, Classici scriptores e Vaticanis codicibus V.
Geschiebte der Heilkunde bei den Griecben. 323
(VII praef.) in Rom praktizierten. Celsus nennt den Meges „erudi-
tissimus". Zu dem Bruchstücke bei Orib. coli. med. 44, 24 = III 635
bemerkt der Scholiast (III 688, 17 ff.): „Galenos behauptet im 6. Buche
der ^eQOTtevTixri (d. i. Kühn X 454), dass M. aus Sidon stamme.
Andere aber berichten, er sei Schüler des Themison gewesen". Wir
können letzteres aus eigenem Wissen leider nicht versichern. Seine
behutsame, langsame, durch einen einzigen Schnitt mit dem halbmond-
förmigen Messer bewirkte Steinoperation (halbmondförmiger Perineal-
schnitt) rühmt Celsus (VII 26, 2) mit Fug und Recht (vgl. Buschmann,
Alexander von Tralles I 270). Der Nabelvorfall erfolgt 1. durch den
Durchbruch der Eingeweide, 2. durch den des Netzes, 3. durch Flüssig-
keit (Gels. VII 14). Oreibasios (a. a. 0.) hat uns ein Fragment von
6 Seiten über die Fisteloperation mit einem Fistelcollyrium erhalten.
Mit dem Ankyloblepharon gab er sich viel Mühe, doch konnte er
niemals erreichen, dass das Lid nicht wieder adhärierte (VII 7, 6).
Auch an den Brüsten der Frauen stellte er struma ■-= „Kropf fest
(V 28, 7). In alten Uebersetzungen des Oreibasios hat Daremberg
ein „emplastrum dia iteas, quem Megas (ego, egus Hss.) adinvenit
(inveni, invenit Hss.)" = „Weidenmittel" entdeckt (Orib. V 854 f ). Sehr
starke Trockenmittel gebrauchte er zur Beförderung der Heilung bei
Trepanationswunden.
31. Verpflanzung der griechischen Heiiltunde nach Rom.
Asklepiades.
1. AJbet't, Les Grecs ä Eome. Les malecins grecs ä Roine, Paris 1894,
5. dOff. {Büste von Rom s. S. 51); Revue scientifique LI, Paris 1893, Nr. 12. —
2. Asclepiadis Bithyni über /n quo conservatio sanitatis cxplicatur, Vindobonac 1748.
— 3. ßianchinf, La medicina d'Asclejnade per hen curare le malattie acute,
Venezia 1769. — 4. Bruns, Quaestiones Asclepiadeae de viiionim diversis generihus,
Parchimü 1884. — •>. liurdach, Asclepiades und John Brown, Leipz. 1800. —
6. Choulant, Der Rath des Asklepiades. Allg. medic. Annalen 1824, 577 ff. —
7.' Ant. Cocchif Discorso primo sopra Asclepiade, Firenze 1758; London 1762:
Diso, secondo. Antoloyia Fiorentina 1824 und bei Puccinotti, Storia di medicina II.
— 8. Asclepiadis Bithyni fragmenta ed. Gumpert, Vimariae 1794. — 9. Harless,
Mediconim veterum Asclepiadis dictorum lustratio historica, Bonnae 1828, ^rogr. —
10. Raynaud, De Asclepiade Bithyvx) medico ac philosopho, Parisiis 1862. —
11. Vhconti, Iconographie grecque, A Paris 1808, I 153 ff. ; Tafel 32 {herrliche
Büste des jugendlichen A. mit von dürftigem Vollbarte umrahmtem Gesichte). —
12. AoxlrjTTiddovg vyisivn TraoayyeXfima ed. Welz, Würzbtirg 1841.
Es ist bekannt, dass das durch Rom politisch besiegte Hellas
seinerseits den Sieger auf wissenschaftlichem Gebiete überwand, und
mit der griechischen Kunst und Wissenschaft hielt auch die ^Eedizin
ihren Einzug in dem griechenfeindlichen Italien. 219 v. Chr. kam als
erster griechischer Arzt Archagüthos. der Sohn des Lysanias, aus der
Peloponnesos nach Rom. Da aber vielfach ungebildete Griechen um
des Geldes willen die Heilkunde ausübten und den Römern durch über-
triebenes Schneiden und Brennen zur Last fielen, auch die markt-
schreierische Reklame unangenehm auffiel, so wurden die griechischen
Aerzte, die ja einem unfreien Gewerbe oblagen, lange Zeit mit Verachtung
behandelt, und erst dann gelangte die Medizin zu einiger Anerkennung,
als die übrigen Zweige griechischen Wissens in Rom volles Bürger-
recht erlangt hatten.
Unter denen, die diese Einbürgerung der griechischen Heilkunde
in hervorragender Weise förderten, nimmt die erste Stelle Askle-
21*
324 Robert Fuchs.
piades von Prusa^) in Bithynien, in allem Anhänger, aber natürlich
nicht Schüler des Kleophantos (s. oben ; Geis. III 14), ein. Seine Geburt
fällt vor die Ciceros (* 107 v. Chr.) und wird gewöhnlich um 124 an-
gesetzt, seine Blüte mag in die 70 er Jahre und in die Zeit des Cn.
Pompeius (Plin. 26, 12) fallen. Cicero hörte nämlich, 28 Jahre alt, in
Athen den Schüler des Philon, Antiöchos von Askalon, den Alters-
genossen des Asklepiades (Sext. Empir. adv. math. VI 412). Den
Asklepiades, den der greise L. Licinius Luci filius Crassus (f 91 v. Chr.-
als beredtesten Arzt und Freund rühmt, natürlich in der Vergangen)
heit, da er vom Greisenalter zurückschaut (Cic. de orat. I 14, 62), hält
Susemihl für einen anderen Arzt, der 91 bereits gestorben sein
müsste („quo — usi sumus"). Indessen bemerkt Bruns (S. 41 ff.)
treifend, dass die freundschaftlichen Beziehungen zu dem hochbetagten
Crassus nicht bedingen, dass ^asklepiades zur Zeit des Cicero und Pom-
peius bereits tot gewesen sei. Cicero mischt ja in die Charakter-
zeichnung des Crassus ohnehin manches aus seinem eigenen Gemüts-
leben und so auch, aus Artigkeit, die Freundschaft des Asklepiades,
dessen glänzende Eednergabe selbst der tadelsüchtige Galenos schätzt
(I 94). -) Suidas (von STtalöevoe de. mit der anschliessenden Lücke,
bis zum Schlüsse des Artikels) berichtet, dass er in Alexandreia unter
einem Ptolemaios studierte und zur Zeit des Pompeiu-s nach Eom kam.
Aus niedrigem Stande entsprossen und blutarm lehrte er zunächst
Ehetorik (Plin. 26, 12 ff.) , dann aber aus Euhmsucht und Habgier
Medizin. Da er weder die Heilkunst, noch die Arzneimittellehre
kannte, aber „viele Bücher" (Suid.) darüber später schrieb, vermutet
Bruns, dass er vor dem Berufswechsel Studienreisen unternahm, u.a.
nach Athen, Parion und dem Hellespont (Cael. Aur. ac. m. II 22 p. 131).
Durch Schmeichelreden, Verwerfung der herkömmlichen Quälereien und
des einfältigen Aberglaubens, durch Beschränkung der Therapie auf
die fünf einfachsten Mittel: Fasten, Meiden von Wein, Massage,
Spaziergänge und Schaukeln, durch Versprechen blosser Weinkuren
und blossen Wassertrinkens (so schon Kleophantos), durch Befriedigung
der Vorliebe für Bäder, durch Verleugnung des übertriebenen Pur-
gierens, Erbrechens, Schweisstreibens und Eöstens an der Sonne, durch
Anpreisung seiner Behandlung als „tuto, celeriter, iucunde" (Cels. III 4),
endlich durch Wunderthaten, wie die angebliche Lebendigmachung
eines Jünglings, der bereits auf dem Scheiterhaufen (Apul. ; Plin. a. a. 0. ;
VII 124; Cels. II 6) lag, wusste Asklepiades das „ganze Menschen-
geschlecht" in Aufregung zu versetzen und sich die Ehren eines „vom
Himmel Gekommenen" beizulegen. Spätere kundige Aerzte, wie Ga-
lenos, durchschauten freilich seine erst später durch Klugheit, offenen
Blick. Geschicklichkeit und Erfolge belohnte marktschreierische Art
und Unverschämtheit (XI 324). Sein den Umständen nach bewiesener
gesellschaftlicher Takt verschaffte ihm Zutritt zu den angesehensten
Männern, zu M. Antonius und Q. Mucius. Die Berufung zu Mithra-
dates lehnte er ab ; dafür sandte er ihm seine Werke (Plin. VII 124).
Die Eichtigkeit seiner neuerfundenen Theorie, dass der Wein alle
^) ,,iiiter praecipuos medicorum, si iimim Hippocratem excipias, ceteris priüceps"
nennt ihn Apnleius, Florida IV 19. Pseudogalen. XIV 683 hat: 'Aay2r]7TidS?]s [Bi&woi;]
Kiavos {= von Kios = Prusa), Ss y.al U^ovaias (d. i. JJ^ovacsve) ey.aXslro; vgl.
Strab. XII p. 566.
^) Celsüs (IV 4, 3) nennt Asklepiades „auctor bonus", dem er in vielen Dingen
folge. Plinius bezeichnet ihn als , medendi arte darum" (25, 6).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 325
Krankheiten heile, soll er dadurch glänzend bestätigt haben, dass er
niemals erkrankte und durch Sturz von einer Leiter ums Leben kam
(Plin. a. a. 0.)-
Er hinterliess mindestens 20 Schriften. Allgemeinen Inhalts waren
die libri definitionum = de finibus, neQi otoixsUov =^ „Die Elemente" ;
physiologischen Inhalts das ^sqI uvaTivofig -aoX tüv acpvyuCuv ßißUov
(„Atmung und Puls"), das auch Herophilos berücksichtigt haben muss,
und de anima, wenn er ein solches Buch verfasst hat; pathologischen
Inhalts de celeribus sive acutis passionibus III, ') de periodicis febri-
bus, de lue, de hydrope, de raorbo cardiaco, de phrenitide III, nsgl
&lco7iey,iag und negl dixibgiov, möglicherweise Teile der umfassenderen
Schrift TteQL slxCov ( Cass. latros. probl. 40) ; therapeutischen Inhalts die
libri salutarium ad Geminium, de tuenda sanitate, de clysteribus, de
communibus adiutoriis = volumen communium auxiliorum (Geis. II 14),
Ttegl oivov ööaecog = de vini datione in morbis, wenigstens 2 Bücher
(Cael. Aur. ac. m. II 29 p. 144); der Polemik gegen die Ernährungs-
und Zeugungslehre des Erasistratos dienten die libri parasceuastici seu
contradictorii = Tragaoy.eval (Scrib. Larg. p. 3 Helmr.), der Erklärung
der Hippocratea der Kommentar (mindestens 2 Bücher) zu den Aphoris-
men und der Kommentar zu de oif. med., möglicherweise noch weitere.
Untergeschoben wurden ihm die lyuiva TragayyeXiiaTa aus byzantini-
scher Zeit und die pseudogalenische Schrift «i ^^ov to xaia yaotgog
(XIX 158 ff.). Keines dieser Werke haben wir überkommen. Das ist
schon desw^egen zu beklagen, weil Asklepiades vieles historische
Material enthalten hat, so über Euryphon, Herodikos, Hippokrates,
den er sogar S-avdtov /^akhr^g (auf Mord ausgehend, Gal. XI 163)
schmähte, Diokles, Praxagoras, Herophilos, Erasistratos und Kleophan-
tos, die Apollonioi, Apollodoros, Mnesitheos, Apollonios Mys, Zenon,
Andreas, Herakleides von Pontes, Artemidoros von Side, Hikesios, wie
für einen Teil dieser Männer Bruns (S. 45 ff.) nachweist. Anderer-
seits berichtigte Moschion der Aeltere die asklepiadeischen Werke
(daher ötogO-wx^g, Gal. VIII 758). Ferner benutzten ihn (Bruns)^'arro,
Celsus, Plinius, Caelius, Plutarchos, Dioskurides. Galenos und, über ein
auf Pamphilos beruhendes Glossenwerk hinweg, Ailianos, Pollux und
Athen aios.
Sein philosophisches System entsprach den Anforderungen der
neuen Zeit auf das beste. Die Atomenlehre entlehnte er dem ponti-
schen Herakleides (um 340 v. Chr.), die Erkenntnistheorie unter Ueber-
treibung bis zum Seelennihilismus dem Epiküros (um 300), die prakti-
schen Schlussfolgerungen mit dem Hauptgrundsatze „naturae con-
venienter vivere" der Stoa. Statt von Atomen wie Leukippos geht
er mit Ekphantos und Herakleides aus von avaguoi oy/.oi, ungeordneten
Urkörperchen, die durch Stoss zersplitterten und sich nun in den
noQoi = Kanälen des menschlichen Körpers hin- und herbewegen.
Die oy-Mi der hauchähnlichen Seele sind glatt, kugelig und fein. Sym-
metrie, d. i. Gesundheit, ist vorhanden, wenn die Urkörperchen in
richtiger Anzahl, Grösse und Ordnung vorhanden sind und sich richtig
^) Es war durchaus Brauch auch bei den unmittelbaren Nachfolg^ern des Askle-
piades, bei Themison und später bei Soranos, zunächst die Ansichten der Vorgänger
zu beurteilen. Das that Asklepiades im 1. Buche, im 2. war die Prophylaxis und
im 3. die Heilung der ausgebrocheneu Krankheiten gegeben. Vermutlich hat er
diesem Werke das Gegenstück, über chronische Leiden, folgen lassen. — Die Beleg-
stellen bei Cael. Aurel.; Gal.; Erot.
326 Eobert Fuchs.
bewegen und wenn die Poren die richtige Weite haben. Das Miss-
verhältnis von Urkörperchen und Poren bedingt Stockung oder Ver-
stopfung, EVGxaGig, ardaig oder e/ncpQa^ig, d. i. Krankheit. Dieses Gegen-
stück der hippokratischen Humoralpathologie wird als Solidarpathologie
bezeichnet. Die Atmung hat die Erneuerung der Seele zum Zwecke
(Gal. IV 471). Die Speisen werden so, wie sie sind, in den ganzen
Körper verteilt und nicht verarbeitet (Geis, praef.). Der Urin geht,
ohne die Nieren zu berühren, in Dampfform in die Blase und schlägt
sich dort nieder. Die Quotidiana entsteht durch Stockung der grössten
Grundbestandteile, die Quartana durch die der kleinsten. Die Wechsel-
fieber, die Hydropsarten, die Geistesvorgänge bestimmte er und teilte
sie in Klassen ein. So sonderte er die „Phrenitis" von den bei Pneu-
monie und Pleuritis auftretenden Delirienformen, schied er die An-
zeichen der Cardiaca von der Stomachica, doch gelangte er nicht bis
zu einer selbständigen Psychiatrie. Für ihn scheint überhaupt das
Wesen der ipvx^] etwas Unfassbares gewesen zu sein ; denn er definierte
sie einmal als die Zusammenfassung aller einzelnen Sinne und er-
kannte andererseits doch keinen bestimmten Sitz der Seele oder
Seelen teile an (Cael. Aurel. ac. m. I 14 p. 41 fi".). Dem Pulse widmete
er eingehende Studien (Gal. VIII 757 Definition), da er für die Therapie
von Wichtigkeit ist.
Die Therapie entsprach der Urkörpertheorie. Sie ist auf Be-
seitigung der Stockung in den Poren gerichtet (Gels, praef.). Das
TTQöjTov ipeuöog, dass die Natur nicht nur unvernünftig und kunstlos,
sondern gar schädlich sei (Gal. III 572; Gels. IV 19), milderte er da-
durch, dass er von gewaltsamen Eingriffen, wie Brech- und Abführ-
mitteln, stark wirkenden Arzneien, mit Rücksicht auf den Magen oft
absah, unter Umständen auch vom Aderlasse. Gelsus (II 12, 2) erkennt
die weise Mässigung an, die nur das Austreiben verdorbener Stoffe
zulässt. Gleichwohl Hess er fast bei jeder Krankheit einmal sanft ab-
führen (III 4). Ersatz für die rohen Mittel boten ihm: Fasten, Ent-
haltung vom Weingenusse, Reibungen, Spazierengehen und passive Be-
wegungen, wie Fahren im Wagen (ev CevKzolg), im Handw^agen (^v
X€iQa/:id^rj) und im Schiffe (öia 7tkoiiov\ Tragen in einer Sänfte {kv
cpogeicp aicbga) oder auf einem Stuhle {ev xad-edga aicbga), Schaukeln
im Schwebebette (ÖLa xQ€f.iaazov ylividiov) und das Reiten (Gels. II 14 f.
auf Grund der Schrift: „communia auxilia"). Hierzu kam die reichliche
Verwendung kalten Wassers, die Regen- und Schaukelbäder (balinea
pensilia), die leider immer noch nicht eindeutig erklärt sind, und die
Schwitzbäder. Ohne Individualisierung, wie sie früher die Hippo-
kratiker, später die Methodiker übten, verwarf er das Umbinden der
Glieder, die reichliche Nahrungszufuhr bei Beginn des Fiebers und
die Lehre von den kritischen Tagen (Gels. 4, 4 ; 3, 4), Er entkräftete
die Fiebernden durch helles Licht, Wachen und Verbot des Trinkens,
ja des Benetzens der Mundhöhle, die rechte Bethätigung seines ,,iu-
cunde"! Am 4. Tage hingegen gestattete er üppige Mahlzeiten.
Phrenitischen verschaffte er durch unausgesetztes Massieren den Er-
schöpfungsschlaf (3, 18). Bei Angina verwarf er das qualvolle Ein-
führen von Kanülen (organon; Plin., 26, 17). Gegen Rachenentzündung
flösste er den schärfsten Essig ein (Gels. 4, 4). Bei Diarrhöe gab er
eiskaltes Wasser (4, 19). Bei Starrkrampf liess er zur Ader (4, 3).
Bei Manie soll Gesang (cantilena; Gael. Aur. m. ehr. I 5 p. 338 f.)
helfen (vgl. Isid. IV 13, 3). Besonders lehrreich muss die Schrift über
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 327
den Wein gewesen sein (Plin., liist. nat. 23, 31 f.; Diosc. Y 7 f.), die
Sextius Nigros, Celsus und Columella ausbeuteten. Asklepiades be-
trachtete den Wein als Panacee, der nicht einmal die Macht der
Götter gleich komme (PJin. 23, 38). Die griechischen und römischen
Weinsorten wurden im Anschlüsse an Hikesios auf ihren therapeuti-
schen Wert geprüft, und so wurde den Pneumatikern und Methodikern
vorgebaut. Aber auch vor gefährlicheren und grausameren Proben
scheute er nicht zurück. Er experimentierte nicht nur an Ziegen,
denen er das Herz herausnahm, und an Fliegen, denen er die Köpfe
abriss (Tertull., de anima 15), sondern auch an den Kranken, freilich
nicht ohne Erfolg; denn er fand, dass der Aderlass von Pleuritischen
am Hellespontos gut, in Athen und Rom jedoch nicht vertragen wurde
(Cael. Aurel. ac. m. II 22 p. 131 f.). Auch in der Chirurgie that er
sich hervor. Er führte die spontane Luxation des Oberschenkels auf
schmerzhafte chronische Entzündung zurück ; auch die „laryngotomia"
hat er von den Vorgängern übernommen und bei Angina angewandt,
wenn die Zäpfchenspaltung nichts nützte (III 4 p. 193; 195). Obwohl
er die Mechanotherapie und die natürlichen Heilmethoden bevorzugte
und sogar das Fieber als das beste Heilmittel pries (Gels. III 4), gab
er sich doch auch mit der Arzneibereitung ab. Wir kennen von ihm :
ein Ohrenmittel (VI 7, 3); {^wQ)dK07ta (Gal. XIII 1009); ein Meer-
zwiebelpflaster (Aet. IV 3, 45); Kataplasmen (III 2, 29); narbenbildende
Pflaster (IV 4, 93) ; einen Mutterzapfen (IV 4, 32) ; die Tnxgd = Bitter-
mittel (III 1, 10) ; endlich Augenmittel (VII 87 gegen Aegilops ; Orib.
V 140; 880). In der Anatomie leistete er nichts (Gal. III 467); für
die Gynäkologie ergiebt sich aus den von Wellmann^) gesammelten
Stellen nichts von Belang. Der Angriffe des Menödotos auf Asklepiades
wurde bereits bei den Empirikern gedacht. Auch Caelius nimmt oft
gegen Asklepiades Stellung.
Anhangsweise seien noch die anderen Aerzte des Namens Asklepiades
erwähnt; es giebt deren über ein Dutzend. So erscheint im Canon
medicorum Laurentianus -) ein Asklepiades, Andreae filius. Ein Askle-
piades „Titiensis" wird von Caelius (ac. m. III 5 p. 201) erwälmt. Er
steht unter den „veteres" zwischen Praxagoras und Demetrios und soll
Paralyse und Apoplexie für dieselbe Krankheit gehalten haben. Aelius
Asklepiades schrieb mehrere Bücher über „Salben und Kränze" (Athen.
XV p. 676 F ; vgl. 679 B) und berief sich u. a. auf den Komödiendichter
Eubülos. Vielleicht ist er der Freigelassene des Augustus, T. Ael.
Asklepiades ludi matutini chirurgus (Inscr. Graecae Siciliae et Ital. ed.
Kaibel, Berolini 1890 n. 1330). C. Calpurnius Asklepiades Avar Leib-
arzt des Traianus und erhielt von ihm für sich, die Eltern und 4 Ge-
schwister das Bürgerrecht. ^) L. Arruntius Sempronianus Asklepiades
war unter Domitianus (f 96 n. Chr.) der berühmteste und reichste
Arzt. ^) Asklepiades Pharmakion, unter Nero und Domitianus lebend,
wandte menschliche und tierische Exkremente mit Vorliebe als Heil-
mittel an. ^)
Wennschon Asklepiades zahlreiche Schüler hatte und als der
1) Bei Susemihl I 438 f. A. 121: 121b.
-) Wellmann, Hermes XXXV 1900 S. 370.
*) Herzog, Koische Forschungen und Funde, Leipz. 1899 S. 192 und A. 5.
*) Wertner in Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr. VIII
1885 S. 203.
°) Grasset, Le renouveau medical. Janus Y 1900 S. 328 f.
328 Robert Fuchs.
eigentliche Stammvater der methodischen Lehre anzusehen ist, so ver-
blasste doch sein Euhm bald nach seinem Tode. Nur Themison, der
ihm jedoch häufig widerspricht, ragte unter ihnen hervor. Titus
Aufidius (Steph. Byz. s. Y.JvQQaxiov) aus Sicilien schrieb wenigstens
2 Bücher de anima (Cael. Aur. m. ehr. I 5 p. 339) und de tardis pas-
sionibus (ac. m. II 29 p. 144) in griechischer Sprache. In dem zuerst
genannten Werke verordnete er Rasenden Geisseihiebe, Abreibungen,
Fesseln, Hunger und Durst, Wein und Geschlechtsgenuss. Bei Gelb-
sucht empfahl er den Coitus (m. ehr. III 5 p. 460). Bei Lungen-
entzündung liess er den Kranken täglich zweimal abreiben (ac. m. II
29 p. 144). Nikon, wie Philonides Schüler des Asklepiades und um
30 V. Chr. lebend, schrieb ^tegl övvdf,ieiov = über Heilmittel ^) und hat
2 Malagmata hinterlassen. 2) Chrysippos, ohne Zunamen citiert,
schrieb wenigstens 3 Bücher über Würmer (de lumbricis; Cael. Aurel.
m. ehr. IV 8 p. 537) und behauptete, dass nur bei akuten oder gefähr-
lichen Krankheiten der Abgang toter Würmer den Tod des Patienten
ankündige. Den Lethargus unterschied er von der Katalepse (ac. m.
II 10; 12 p. 99; 107). Miltiädes von Elaiussa verfasste mindestens
13 Bücher über chronische Krankheiten (Soran. II 2). Philonides •^)
von Dyrrhachion (Steph. Byz. s. v. Jvqqccxiov), Philonides von Catäna,
der Lehrer des kurz vor oder unter Tiberius gestorbenen Paccius An-
tiöchus (Scrib. Larg. 97 p. 41 Helmr.), Philonides o itTislög (Gal. VIII
748; Erot. 67, 11; 124, 1) und Philonides 6 dTtb'Ewrjg (Diosc, de m. m.
IV 148) sind ein und dieselbe Person.*) Wahrscheinlich hat der
Dyrrhachier längere Zeit auf Sicilien gelebt. ICr schrieb nicht unter
18 Büchern negl z?jg iaTQiy.fjg (übei- Heilkunde, Gal. VIII 748), Ttegl
/iivQiüv xal GTEcpdi'iov (Salben und Kränze; Athen. XV p. 675 A; 676 C;
691 F), Kommentare zu Hippokrates und eine Arzneimittellehre (Cels.
V praef.; Gal. XIII 978; Scrib. 97), alles in allem 45 Bücher (Philon
bei Steph. a. a. 0.). Seine Definition des Pulses hat Galenos (VIII 748)
aufbewahrt.
32. Die Methodiker.
1. Prospei' Alpinus, De medicina methodica libri XIII, Pataviae 1611, fol.;
Lugd. Batav. 1719. — 2. Baas, Grundriss d. Gesch. d. Medicin, Stuttgart 1876
{treffliche Charakteristik). — 3. Claras, Momenta quaedam historica de methodicae
sectae principibus, Lips. 1799. — 4. Möller, De metasyncrisi methodicorum in usum
revocanda, 1795.
Der Grund zu der methodischen Schule, die nächst der hippokratisch-
dogmatischen zweifellos die bedeutendste des Altertums gewesen ist,
ist von Asklepiades gelegt worden. Die Formel dafür stellte aber
dessen Schüler Themison von Laodikeia auf. ^) Der Grundgedanke
^) Nicand. ther. 577 schol., wo Niy.cav st&tt Niy.öcop einzusetzen ist; vgl. Well-
mann, Hermes XXin 1888, 563 f. und A. 3.
^) Cels. V 18, 12 ist vor dem letzten Malagma mit cod. 7028 zu lesen statt
,,quod uTtvQov Graeci vocant" : ,,Hoc autem, quod Niconis est", dann geht es mit
„faecis aridae" weiter (ed. Daremberg p. XXX) ; Cels. V 18, 26 : Isiconis quoque est,
quod resolvit, aperit, purgat.
'*) Im Canon medicorum Laurentianus steht „Filonis cateusis'' (Well mann
a. a. 0.).
*) Wellmanu a. a. 0. 562 ff.
^) Bouchut, Histoire de la medeciue et des doctrines medicales, Paris 1873,
II 117 ff.
Geschichte der HeilkTinde bei den Griechen. 329
ist der Widerspruch gegen die liippokratische Humoralpathologie.
Zwar kann die als Tcv£v(.ia gedeutete, auch aus Atomen bestehende
Seele ebenfalls Krankheiten erzeugen gleich den Säften, doch geht
aus den mangelhaften Quellen hierüber nichts Klares hervor. Einzig
massgebend ist in praktischer Hinsicht das Verhalten der festen Teile
(Solidarpathologie). Asklepiades legte bei der Erklärung der Krank-
heit der Beschaffenheit der Atome Bedeutung bei, Themison beachtete
nur die Qualität der Poren, in denen sich die Atome und Säfte bewegen.
Deren Zusammenziehung, Straifheit oder Hypersthenie bezeichnete er
als OTeyvtoaig, t6 oityvov, avaaig, eucpga^ig u. s. w., lateinisch (ad-)
strictum, constrictio, deren Eischlaffung, Lockerung oder Asthenie als
Qvaig, t6 Qoibdsg, lateinisch fluens, laxum (Geis, praef.). Bei Asklepiades
finden sich diese beiden Begriife noch nicht entschieden formuliert,
noch nicht zu Schlagworten ausgebildet, ebensowenig in dem Ano-
nymus Parisinus (s. Themison), der einzigen zusammenhängenden
griechischen Methodikerschrift neben dem Gynäkologen Soranos. Auch
Themison erhob erst in seinen späteren Lebensjahren diese beiden
Qualitäten zum Dogma und fügte die Mischung beider, tb jusfuy^uvov
= mixtum (Gels. 1. 1.), als Drittes hinzu, ohne ihm jedoch die gleiche
Wichtigkeit wie den einfachen Qualitäten beizulegen. Dass diese 3
„gemeinsamen Grundformen", -Koivörrjeg = communitates, communia,
bei allen Krankheiten in Frage kommen müssen, ergiebt sich daraus,
dass entweder zu viel oder zu wenig oder von dem einen Stoffe zu
viel, von dem anderen zu wenig durch die Kranken ausgeschieden
wird. ^) Nicht in Betracht gezogen wurde daher der Sitz und die
Ursache der Krankheit, da ja stets der ganze Körper leide und daher
nur eine auf den ganzen Körper einwirkende Therapie Linderung
bringen könne (Gael. Aurel. ac. m. II 34 p. 155 f.; m. ehr. III 4 p. 453).
Die Anatomie und vor allem die pathologische hat demgemäss nur
insoweit für den Arzt Bedeutung, als sie Namen für die Körperteile
festlegt; also wieder der Standpunkt der Empiriker. Erst in zweiter
Linie ist zu berücksichtigen, ob die Krankheit zu den akuten^joder zu
den chronischen (celeres) gehört und ob sie sich im Stadium der
Steigerung, des Stillstandes oder der Abnahme befindet. Die Therapie
hat folgende Ziele: allgemein „contraria contrariis", im besonderen
Erweiterung des Straffen, Zusammenziehung des Erschlafften und bei
dem Status mixtus zuerst Bekämpfung der überwiegenden Qualität ex
contrario, sodann der geringeren Qualität. Erweiternde Mittel sind:
Aderlass bis zur vollständigen Erschöpfung des Kranken (viata dvvafuiv
im Anon. Paris.), Blutegel, Schröpfung und Scarifikation , Massage,
AVaschungen und Baden in allen erdenklichen Formen, Kataplasmen.
Verengerung bewirken: kaltes Wasser, Eis. innerlich und äusserlich
verabreicht, Wein, Essig, adstringierende Mittel. Narcotica, besonders
t6 öicc ycojöiwv-) = Mohnmittel, diacodion (Saftabkochung mit Honig),
die cb/ili] kvaig, =*) die Diät, das Unterbringen in hellen, luftigen Räumen
oder unterirdischen Grotten, weiches oder hartes Lager, dicke oder
^) Daremberg, Journal general de Tinstrnction publique, Paris 1847; vgl.
namentlich Geis, praef.
-) Der Anon. Paris, schreibt so, nicht xioSeuöv oder ytaSvcHv.
") S. oben S. 247. Diese Lösung wird fast bloss bei akuten Krankheiten ver-
schrieben imd aixf den Oberbauch appliziert. Diese Behandlung wird // tmi> uiowv
TtQÖvoia = „Vorsorge für die mittleren Körperteile'* genannt. Vgl. Ruf. Ephes. ed.
Dar.-Euelle p. 41 f. A. 25; Orib. II 339; 792; IV 687.
330 Robert Fuchs.
dünne Kleidung , Land- und Seefahrten , Spaziergänge und Läufe,
Körperübungen aller Art; alles dieses Hess bei der erweiternden oder
verengernden Behandlung den weitesten Spielraum. Hierzu trat eine
aussergewöhnliche äusserliche Polypharmacie, Senfpflaster (aivaTtiGf^iöi;),
Thapsiaverabreichung, Eezepte für Hautleiden. Drastische Mittel, wie
Nies-, Brech-, Abführ-, Schweiss-, Urinmittel {oKÜla = Meerzwiebel),
Arteriotomie, Klystiere, Brennen, sowie reizende Topica werden nur
in bestimmten Fällen zugelassen unter Einhaltung der exspektativen
Methode und unter weitgehender Berücksichtigung der subjektiven
Krankheitsmomente. Stimmübungen, ävacpwvrjoLg = clara lectio (Geis.),
werden im einzelnen Falle nach verschiedenen Methoden vorgeschrieben.
Bei den meistenteils dem strictum zur Last gelegten akuten Krank-
heiten geht in der Regel dreitägiges Fasten voraus. Thessälos baute,
in Anlehnung an das ähnliche Verfahren der Hippokratiker (de victu
in ac), die kj'klischen Kuren für die Heilung akuter Krankheiten
weiter aus; es ist das die f.ieTaovyy.QiTi/.i] S-eqaiieia, metasyncrisis.
Meist in Dreitagsfristen, dia tqLtov = diatriton, zuweilen auch auf
längere Zeiträume hinaus (z. B. 11 Tage), wird durch Diätetik auf
das Verhältnis der Atome zu den Poren metasynkritisch eingewirkt.
Der 1. Abschnitt dieser kyklischen Behandlung ist der cyclus meta-
syncriticus oder recorporativus , die Entziehungskur (Fasten in ver-
schiedenen Graden, Genuss scharfer Speisen = ÖQif.ivq)ayia , Pfeifer,
Senf, Meerzwiebel, adstringierende Weine, Bäder, aktive und passive
Bewegung, Kneten und Reiben, scharfe Salben und Aufschläge, so
Senfpflaster, lokale reizende Pflaster (Pechpflaster = ÖQOTtaKia/nög);
der 2. Abschnitt ist der cyclus resumptivus, der die Steigerung der
geschwächten Körperkräfte anstrebt. Je nach Umständen wurde mit
dem 1. oder 2. Abschnitte begonnen und das Verfahren wiederholt,
und zwar dann in der Regel dreimal.
Themison von Laodikeia schloss sich zunächst seinem Lehrer
Asklepiades an, aber als reifer Mann (in senectute, Gels, prooem.)
folgte er seinem eigenen Urteile (Plin. 29, 6; Gael. Aur. ac. m. I 16
p. 59 sq.; m. ehr. I 1 p. 287; 4 p. 323 ; II 1 p. 365; V 2 p. 566).i) pünius,
der ihm sehr viel verdankt, nennt ihn darum mit Recht „summus
auctor" (XIV 114). Celsus (I praef.; III 4) bezeichnet den Themison
durch „nuper" als seinen unmittelbaren Vorgänger. Dioskurides {ftsgi
loßöXwv c. 1 Schluss = II p. 59 Sprengel; Gael. ac. m. III 16 p. 232)
berichtet, dass Themison von einem tollwütigen Menschen gebissen
worden, aber nach schwerem Leiden doch noch davongekommen sei.
luvenalis (sat. X 221) spottet, er könne eher als die Namen der
Krankheiten aufzählen,
quot Themison aegros autumno occiderit uno,
wieviel Patienten Themison in einem einzigen Herbste umgebracht
habe; der Scholiast aber bemerkt kurz dazu: ,.archiater illius tem-
poris, cui detrahit". Daher konnte ihn auch Damokrates eitleren
^) In einem wunderlichen Dialog wird die Verschiedenheit der Lehre des
Themison von der des Asklepiades auseinandergesetzt von Albert, Les medecins
grecs ä Rome, Paris 1894, 84 ff. Auf den Unterschied der beiden Schulen weist
Seneca hin (epist. 95, 9). Ueber einen jüngeren „Themison servus noster, medicinae
non ignarus" (Apuleius, apol. 33) und über die sonst genannten Männer gleichen Namens
spricht sich Fabricius aus (Bibliotheca Graeca, Hamburgi 1726, XIII 432; vgl.
430: Temeson).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 331
(Gal. XIII 40). Plinius nennt ihn im Autorenverzeichnis zu XIV
(Palimps.) und XV. Von Schriften werden erwähnt: 1. die Jugend-
schrift „libri periodici" (Cael. Anr. ac. ra. II 12 p. 108); 2. wenigstens
10 Bücher trciotolai; in einem Briefe des 2. Buches wandte er sich
an Asilius (III 18 p. 252), in einem anderen Briefe desselben Buches
an DeimaS; das 10. Buch zieht Paul. Aegin. III 15 heran, das 1.,
2., 4. und 9. Caelius;^) 3. einen „salutaris liber" = vyieivd (m. ehr.
11 7 p. 385 f.); 4. mehrere Bücher „celerum passionum" (== akute
Krankheiten) ; ■^ 5. 3 Bücher „tardarum passionum";*) 6. ein Buch
über den Wegerich (Plin. 25, 8, 80; s. unten). Von diesen Werken
sind nur armselige Bruchstücke durch Caelius bekannt geworden, und
wir müssten uns auf wenige Sätze beschränken, wenn uns nicht der
Anonymus Parisinus zu Hilfe käme, aus dem ich Bruchstücke ver-
öffentlicht habe und der sehr bald vollständig abgedruckt werden
wird. *)
Weder die Vermutung von Diels, noch die ausgesponnenen
Schlüsse Wellmanns ^) vermögen das bei oberflächlichem Zusehen
Naheliegende zu erweisen, dass Soranos' doxographische Schrift
aiTioXoyovf.ieva in dem ätiologischen Teile vorliege; denn dass die
Semasiologie und Therapie der einheitlichen Schrift von der des
Soranos sehr abweiche, ist in meinem Beitrage für Vahlen gezeigt
worden. Die frühere Stufe der Theorie aber ist ebenfalls von mir
hervorgehoben worden. Unter Bezugnahme auf die später erscheinende
Beweisführung stelle ich Wellmanns Ausführungen kurz folgende
Widerlegungsmomente gegenüber: 1. der Anonymus ist aus einem
AVurfe und nicht für Aetiologie, Semiologie und Therapie aus ver-
schiedenen Quellen zusammengestückt; 2. es ist lihbegreiflich, dass
derselbe Soranos eine zweite Schrift mit dem gleichen Titel, grundverschie-
denem Inhalte und wesentlichen Widersprüchen auch in der Doxo-
graphie verfasst haben sollte, ohne irgendwo auf dieses Unicum auch
nur anzuspielen; 3. die gesamte Kommunitätenlehre ist im An. Par.
bloss im Keime vorhanden, im Caelius hingegen ins Kleinste ausge-
reift; 4. dass der Anon. bloss den Erasistratos, Praxagoras, Diokles
und Hippokrates bei der Aetiologie anführt, Soranos ausser diesen
aber noch eine grosse Zahl (s. Cael.), beweist keineswegs, abgesehen
von Verschiedenheiten der Darstellung, die Identität des Verfassers;
denn da wir von vielen methodischen Schriften nur die des Soranos
haben, lässt sich aus dem Vorkommen doxographischen Materials bei
irgend einem anonymen Methodiker auf Grund der Wahrscheinlich-
keitsrechnung nicht aussagen, dass dieses nun gerade Soranos sein
müsse; im Gegenteil, auch andere sind doxographisch vorgegangen,
und ich glaube sogar, dass diese doxographische Betrachtung bei den
Methodikern Tradition war; wenigstens hat Athenaios das, was er
') ac. m. III 18 p. 252; m. ehr. I 3 p. 288; II 7 p. 387; III 6 p. 461; lY 1
p. 493: 8 p. 534.
2j ac. m. I 16 p. 59; II 9 p. 90.
^) Die Dreizahl folgt aus chron. praef. p. 268. Caelius citiert öfter aus dem
1. Buche. Es war das erste systematische Werk über chronische Krankheiten (a. a. O.).
*) Rhein. Mus. 49, 1894 S. 532 ff. (vgl. 50, 1895) ; Deutsch, medic. Wochschr.
1899 Nr. 7 ; Festschrift Johannes Vahlen zum siebenzigsteu Geburtstag gew. v. sein.
Schülern, Berl. 1900 S. 141 ff.
^) Anon. Lond. ed. Diels S. 6 krit. Anm. ; Diels, Ueb. d. physikal. System d.
Straten, Sitz.-Ber. d. Berl. Ak. d. Wiss. S. 102 A. 2; Well mann, Zu den ahio-
Xoyovfisva des Soran. Hermes XXXVI 1901 S. 140 ff.
332 ßobert Fuchs.
von Diokles und Praxagoras anführt, dem Asklepiades entnommen,^)
und auch Thessalos nannte sein 2. Buch „de regulis" = „Diät" : „com-
parationem" und widersprach darin dem Erasistratos ; ^) 4. dass sich
die vier Gewährsmänner beiderseits vorfinden, beweist genau so wenig
wie die Uebereinstimmung der citierten Hippokratesschriften ^) und
der Dogmen; denn die vier bedeutendsten dogmatischen Aerzte
mussten füglich herangezogen werden, die für echt gehaltenen Hippo-
kratesschriften sind für das Thema die signifikantesten und waren
allen zugänglich, und die Dogmen müssten in jeder anderen Doxo-
graphie genau ebenso lauten. Dagegen wird die mittelbare oder un-
mittelbare Urheberschaft des Themison durch Folgendes erhärtet:
1. die methodische Kommunitäten theorie ist noch rudimentär, denn
von strictum und laxum ist so gut wie nicht die Rede, und die Therapie
ist in beiden Fällen noch nicht geschieden;*) 2. andere Methodiker,
deren es ja vor Themison überhaupt keine gab, werden nicht er-
wähnt, selbst da nicht, wo es unumgänglich gewesen wäre (s. unter
Elephantiasis); 3. ganze Partien des An. stimmen, zum Teil geradezu
wörtlich, zu den Caeliusexcerpten aus Themison und stehen im Wider-
spruche zu Soranos selbst; 4. nach Cael. m.chr. praef. p. 268 hat niemand
vor Themison eine systematische Therapie der chroüischen Krank-
heiten geschrieben, und nach III 6 p. 461 hat niemand vor Themi-
son die Therapie der Kachexie angegeben, sie findet sich aber im
An. Par. an der „tard. morb. II" entsprechenden Stelle; das Gleiche
gilt von der yovÖQQoia = satyriasis (ac. m. III 18 p. 252) und der
Elephantiasis (m. ehr. I 1 p. 493); 5. Caelius enthält nichts über
bulimus, entheastica, cynicus spasmus, haemoptysis, atrophia und
lienteria, wohl aber der An. Par., auch stimmen die Krankheits-
gattungen bezw. Namen nicht durchweg überein; 6. die häufige Ver-
wendung der angeblich zuerst von Themison und Nikandros ge-
brauchten Blutegel-^) (Orib. II 72 vgl. m. 417 f.) tritt unterstützend
hinzu, ebenso wie 7. die stete Verordnung des von ihm erfundenen
Mohnmittels, diacodion^) (Gal. XIII 40 ff.); 8. des Wegerichs
{aQvöyhoaoov = plantago) ; ') 9. das fortwährende oivodozeov =
Weinreichen, das an den Lehrer Asklepiades erinnert. Da aber
Caelius gelegentlich ausführlicher ist als der An. Par., kann dieser
nicht die Quelle des Soranos gewesen sein, sondern er muss entweder
eine andere Auflage oder ein verkürzter Text sein. Verkürzungen
und Verderbnisse aber werden um so wahrscheinlicher, als die Parallel-
version des Paris. 2324 durch solche Schäden offenkundig entstellt
ist und der Satzbau, namentlich gegen Ende, und der geringe Umfang
^) Bruns, Quaestioues Asclepiadeae de vinorum diversis generibus, Parchimii
1884 S. 46. Vgl. einen ähnlichen Beleg bei Cael. Aur. ac. m. I 15 p. 45, wonach
Asklepiades in ,,celeriim passiomim I" die Ansichten seiner Vorgänger widerlegt hat.
•-') Cael. Aur. ac. m. III 17 p. 247.
■'') Well mann, Hermes 1901 S. 154 f.: de victu in ac. app.; de morbo s. ;
epid. II; de loc. in hom. ; de morb. III.
*) fol. 51 r** 16 f. wird einmal der Kommunitäten gedacht: „Bei Lähmungen
findet teils eine Zusammenziehung, teils eine Lockerung statt; beide Arten der
Krankheit werden mit erwärmenden Mitteln behandelt."
^) Vgl. Hub er, Die Blutegel im Alterthum. Hist.-therap. Studien = Deutsch.
Arch. f. klin. Medic. XL VII 1891 S. 522 ff.
") Nach Damokrates bei Galenos XIII 40 ff. hat Themison zuerst die Diacodion
bereitet.
■) Plin. 25, 8, 80; PseudapuL, de herbar. virtut. 2; Macer Florid. 265 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 333
der Schrift, die eine Einteilung- in Bücher gar nicht notwendig macht,
zu einer solchen Annahme geradezu hinführen. Unsere Kenntnis von
der methodischen Therapie hat durch die anonyme Themisonüber-
arbeitung eine ungeahnte Bereicherung erfahren. Was bisher bekannt
war, war im wesentlichen etwa Folgendes. Bei Fieber gab Themison
drei Tage nach dem Abfalle (uera öiargirov) Nahrung, falls das Fieber
nicht erst hinzugetreten war; war es dagegen ein accedens, so gab
er sofort beim Aufhören oder, bei Continuen, bei der Defervescenz
Nahrung (Geis. III 4). Bei Phrenitis Hess er bis zum Aeussersten zur
Ader (Cels. III 18: ac si trucidentur; rtQÖg dvva(.uv häufig beim An.
Par.). Bei Ileus verabfolgte er ein möglichst scharfes Salzlaken-
klystier (Cels. IV 15). Bei Dysenterie spülte er den Darm mit Wasser-
und Wegerichkly stieren, ferner Hess er an Nase, Ohr und Augen zur
Ader, salbte nach dem Essen und reichte herben Wein (Cael. Aur. m.
ehr. IV 6 p. 527). Nieswurz wandte er häufig zum Abführen und
Erbrechen an, und zwar die weisse in Dosen von höchstens zwei
Drachmen (2 X 3,9 g ^=^ 7,8 g), während Herophilos das Doppelte gab
(Plin. 25, 58); die schwarze wurde allgemein nur in den Grenzen von
4 Obolen (4 X 0,57 g = 2,28 g) bis 1 Drachme gegeben (Plin. 25,
54; Mac. Flor. 1825 f.). Dass er bei der bloss noch von dem Erasi-
strateer Straton gekannten Elephantiasis jede Salbe verwerfe (Orib.
IV 73 = coH. med. 45, 29), wird durch den An. Par. widerlegt; aber
dort werden wenigstens nur massige Salbungen und nur solche mit Ad-
stringentien (Myrtenöl, Purgierpflaumen mit Alaun, Schwefel u. ä.)
empfohlen (vgl. Cael. m. ehr. IV 1 p. 493 if.). Als Grund der Hämor-
rhagie erkannte er bloss die vulneratio = Kontinuitätstrennung an
(II 10 p. 390); er behauptete, dass sich die Narbe binnen 3 Dia-
tritoi = binnen 7 Tagen festige (II 13 p. 404)\ und verordnete
mehrere Arzneien gegen Blutungen: Granatäpfel, Aloe und kaltes
Wasser; das Weidenmittel dia heCbv; das Obstmittel 6ia o/rw^wv u. s. w.
Bei Katarrh verwandte er Schwefel u. a. als Streumittel auf den
Thorax, dann auch Riechmittel aus IlljTischer Schwertlilie und deren
Oel, aus Gileadbalsam, Schwarzkümmel, Anis, Kreuzkümmel, Eaute,
Majoranöl, Storax, Myrrhe, Weihrauch, Schwefel und Silphionwurzeln
u. s. w., auch reinen Wein als Getränk (II 7 p. 385 if.). Bei der
Würmerkrankheit fand er den Puls ungleichmässig und häufig sogar
aussetzend (9. Buch der Briefe; IV 8 p. 534). Den Alpdruck nannte
er nviyaUiov = Ersticken (I 3 p. 288 f.). Gegen Ikterus riet er mit
dem Asklepiadeer Titus den Coitus an (III 5 p. 460 f.). Nach des
Thessalos Zeugnis gab er bei Uterushämorrhagien scharfen Essig (II
13 p. 417). Bei Paralysen setzte er, wie Thessalos auch that, am
4. Tage Schröpfköpfe auf (II 1 p. 366). Bei maniakalischen Zuständen
Hess er zur Ader, dann gebrauchte er adstringierende Bähungen,
Bäder, Wein in grossen Mengen, Geschlechtsgenuss und reichliche
Ernährung (I 5 p. 339). Der artigen Geschichte, dass er keine Hei-
lung der Tollwut habe niederschreiben können, weil er, jedesmal wenn
er den Griffel ansetzte, einen Rückfall seiner eigenen Wutkrankheit
erfahren habe (ac. m. III 16 p. 232), widerspricht die im An. Par. er-
haltene kurze Therapie. Nausea = Uebelkeit heilte er mit seinem
berühmten Bittermittel, Tti/.Qd (Aloe, Mastix. Safran, Indischer Bal-
drian, Haselwurz, Zimmet und Balsam nach Aet. III 1, 10 = ed. Lugd.
1549 p. 541). Gegen Abspannung und nervöse Zustände verordnete
er von Asklepiades entlehnte ä-KOTia (Gal. XIII 1009); gegen Ohren-
334 Robert Fuchs.
leiden ein Rezept aus Bibergeil, Opopanax, Mohnsaft, Essig, Schaum-
soda, Tresterwein in Pulverform (Geis. VI 7, 1). Den Samenfluss
{yovÖQQOia An. Par., satyriasis Cael. ac. III 18 p. 252) erkannte er
zuerst von allen Aerzten als eigene Krankheit. Er berichtete, dass
auf Kreta viele daran starben, weil sie, wie man meinte, zu viel
satyrion (Orchis L. ? Knabenkraut ?) aus Unverstand assen. Auch in
Mediolanum (Mailand) soll nach Themison eine mit einem vornehmen
Manne verheiratete junge Frau dem Leiden erlegen sein. Epist. II an
Asilius hatte er Aderlass, Bähungen, kalte Umschläge und kalte
Tränke anempfohlen. Der Parisinus erweitert diese Vorschriften. Bei
Elephantiasis (epist. II an Deimas nach Cael. ehr. m. II 1 p, 493 ff.)
nahm er seine Zuflucht zu Aderlass, Brechmitteln, Abführmitteln, ad-
stringierenden Salben aus Purgierpflaumen, Essig und Rosen- oder
Myrtenöl und aus Ammoniakgummi und Alaun u. s. w. Statt der bei
Caelius erhaltenen therapeutischen Vorschriften für fast alle Krankheiten
kann hier um der Kürze willen nur eine Probe über eine einzige Krank-
Jieit, die Phrenitis, aus dem An. Par. geboten werden. Nach Angabe
der Ursache, wie sie Erasistratos, Praxagoras, Diokles und Hippokrates
auffassen, und nach einer peinlich genauen, unübertrefflichen Sym-
ptomatologie, die auch die subjektiven Symptome einschliesst, wird
folgende Heilweise angeraten: Lagerung an einem hellen Orte, bei
solchen, die das Licht scheuen, im Dunkeln; falls am 1. oder 2. Tage
Delirien auftreten und der richtige Zeitpunkt da ist, Aderlass am 2.
oder 3., selten am 4. Tage; Klystier; nach der Diatritos Nahrungs-
aufnahme unter Gebet; viel Trank, selbst bei Abneigung dagegen;
vom 1. — 3. Tage Umschläge von Rosenöl auf den Kopf, von da ab
von Rosenessig (5 Teile Rose, 1 Teil Essig); halten die Delirien an,
Auszüge aus Minze, Raute, Epheu oder Feldthymian; nach der 2.
Diatritos bei Entzündung der mittleren Teile des Rumpfes Schröpfen,
eventuell mit Scarifikation ; Aufsetzen von Schröpfköpfen auf Hinter-
haupt und Arm je nach den Kräften des Patienten; bei Delirien Zuspruch
unter Hinweis darauf, dass die Umstehenden Freunde seien, bei Ge-
legenheit auch Erschrecken; Hereinführen von Weib und Kindern;
einschläfernde Einlaufe von Mohn- oder Bilsenkrautabkochung; Stirn-
umschläge von Feldthymian in Rosinenwein, zumal bei Paroxysmen^
Umschläge von zerriebenen gekochten Mohnköpfen, Brot und Rosen-
cerat; Salben aus Mohnsaft oder Schlafpastillen aus Alraun; Stuhl-
zäpfchen aus Wolle, Mohn- oder Alraunsaft, Fixieren durch Flachs-
fäden; Salben aus altem oder Sikyonischem Oele mit Bibergeil und
Bibergeiltränke; Schröpf köpfe auf Wirbel, Kreuz, Brust und Ober-
bauch, bei Frauen auch auf den Unterleib und die Leisten ; Stuhlzapfen
aus Stiergalle und Soda oder Alaun und Honig; nach der 3. oder 4.
Diatritos, falls der Paroxysmus eintritt, Bäder von warmem Oele; bei
Schlafsucht Senfpflaster und Dampfbäder, Niesmittel, Naseneinlauf
von Essig oder Essig mit Senf und Bibergeil; ebensolche Scheiden-
räucherungen; schleim treibende Mittel, Nasenspülmittel (Qtveyxvra) aus
Senf, Honig, Thymian, Dosten, Polei, Smyrnäischem Dosten (vootorcog)
und Essighonig. Tragen in der Sänfte in guter Luft, fern von Stick-
luft, Lärm und üblen Gerüchen, denn das würde die Epilepsie be-
günstigen. Enthaltung von Bädern und Wein. Nachfolgende Läh-
mungen werden durch Bibergeil- und Wollumschläge geheilt; hieran
schliessen sich bis zum Aeussersten getriebene Aderlässe, Salbungen
u. ä. Mit gleicher Genauigkeit gab Themison auch für alle anderen
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 335
Krankheiten seine jetzt wiedergewonnenen Vorschi-iften, die sich im
allgemeinen in den oben skizzierten methodischen Bahnen bewegen
und darum vielfach mit der soranischen Therapie übereinstimmen
müssen, aber doch soviel Besonderheiten aufzeigen, dass Themison
in der Entwicklungsreihe Asklepiades bis Soranos seinen besonderen
Platz beansprucht. Leider können wir ihm diesen bei der Seltenheit
der Bruchstücke auf gynäkologischem Gebiete nicht mehr anweisen.
Dem Uterus, den er zum Gegenstande seiner Untersuchungen machte
(Orib. III 377), mass er wenig Bedeutung bei, denn er falle vor oder
werde herausgeschnitten, ohne den Tod herbeizuführen (Sor. I 3, 15).
Die Menstruation dient nach ihm ausschliesslich zur Kindererzeugung
(I 6, 27). Er leugnete, dass es besondere Frauenleiden gebe (II praef.
2 f.). Dass er bei Uterushämorrhagien zur Ader Hess, tadelt Soranos
(II 10, 42) wegen der grossen Gefahr. Themison hatte durch seine
geistreich durchdachte und praktisch zweifellos erfolgreiche Durch-
bildung der asklepiadeischen Lehre, von der schliesslich nur noch all-
gemeine Grundzüge erkennbar blieben, zahlreiche Schüler gewonnen.
Von ihnen wurde Meges aus Sidon bereits oben (S. 322 f.) be-
sprochen, da sein Unterricht bei Themison nur von Einigen, äD.oi,
bestätigt wird (Orib. III 688 = 635 schol.). Die Identität des
P r 0 k 1 0 s mit Proculus wird von Grotefend ^) ohne Grund bezweifelt. Er
setzte die Hydropsarten mit den „meisten" Aerzten in Beziehung zum
Krankheitsstadium; Xev/.ocpley^taTia sei das Anfangs- und Steigerungs-
stadium, Tv^inavkr^c. der Stillstand, äanirr^g der Abfall; auch könne
/.ata occQTia, Trommelsucht und Ascites bis über den Stillstand und
bis zum Abfalle (declinatio) hin anhalten fCael. Aur. m. ehr. III 8
p. 469). Ein Rezept gegen Podagra u. ä. hat Oreibasios (V 130 f.;
871) erhalten. \
Thessälos aus Tralleis in Lydien, der Sohn eines Webers, wird
in dem Canon des Lambecius, nicht aber in dem Cramers genannt. In
dem Laurentianischen Canon erscheint er mit dem rätselhaften Zusätze
„ex Nechepso".^) Er widmete Nero seine Schriften, doch hat er auch
noch unter Traianus gelebt. Seine Anmassung und Dummheit war
sprichwörtlich. Den Schustern, Färbern und Schmieden, die seine
Gefolgschaft bildeten und die Galenos die „Esel des Thessälos" nannte,
hielt er sechsmonatliche Schnellkurse am Krankenbette. Er zerstörte
das stolze Gebäude, das seine Vorgänger aufgerichtet hatten, und ging
gegen sie wie gegen seine ihm überlegenen Zeitgenossen wie ein „toller
Hund" vor. Auf seinem Grabmale in der via Appia bezeichnete er
sich bescheiden als iaxQovi/.r^g = Aerztebesieger (Plin., bist. nat. 29, 9).
Wie er Hippokrates siegesbewusst einen Lügner nannte und jedem
seiner Vorgänger auch das geringste Verdienst absprach (Gal. X 5),
so nannte ihn Galenos ironisch den „Allerweltsweisen" {aocf(üTaTog).
Von seinen Schriften citiert Caelius oft den öiatzr^Tixog = liber de
regulis in 2 Büchern (z. B. m. ac. III 17 p. 247). Das 2. Buch, das
er ,,comparatio" nannte, enthielt eine Polemik gegen Erasistratos und
berücksichtigte, vermutlich in doxographischer Art, auch andere Vor-
gänger. Daneben standen seine xEiQovqyovßeva (m. ehr. II 12 p. 399).
Die Lehre des Themison ergänzte Thessälos durch die Erfindung der
^) Die Stempel d. röm. Augenärzte, Hannover 1867, Xr. 83 f.; vgl. Gal. X 52:
XIV 684.
») Wellmanu, Hermes XXXV 1900 S. 370.
336 Eobert Fuchs.
Metasynkrisis = recorporatio (s. oben). Er leugnete, dass man einzelne
erkrankte Teile durch lokale Mittel heilen könne, und verwarf daher
alle Leber-, Nieren- und Brustmittel. Die galle- und schleimtreibenden
Mittel wandte er nicht an, da sie die schlimmen Entleerungen erst
hervoiTufen sollten. Nahrung verabfolgte er gern dia TqLxov, einen
Tag um, den anderen. Die Stimm Übungen sollen Wunderkuren ermög-
lichen und sogar bösartige Geschwülste heilen. Die chronischen Krank-
heiten behandelte Thessalos im 2. Buche des dianrjTixög (Cael. Aur.
ehr. m. praef. p. 268); Soranos wirft ihm einmal vor, dass er im
1. Buche in dem Kapitel über den Ileus in manchen Beziehungen mit
sich und der methodischen Sekte in Widerspruch stehe (ac. m. III 17
p. 247). Bezüglich der Phrenitis leugnete er, dass es sichere Vor-
zeichen dieser Krankheit gebe (I 1 p. 9); diejenigen, die an starker
Striktur dabei leiden sollten, meinte er, hätten Fieber und bis zur
Defervescenz einen aussetzenden (submersus) Puls, oft auch Schmerzen
beim Urinieren; man solle ihnen zur Ader lassen (I 1 p. 11). Die
Therapie der Paralysis, bei deren Besprechung er „in frecher Eilfertig-
keit einiges Hinfällige" vorgebracht haben soll, ist also: Aderlass,
Fasten bis zum 3. Tage, bloss bei Sonnenaufgang ein Trunk, am
4. Tage Essen, dann Aufsetzen von Schröpfköpfen, wie bei Themison ;
Nahrungsaufnahme für eine unbestimmte Frist bloss einen Tag um
den anderen, gewisse Acopa und Malagmata (m. ehr. II 1 p. 366 f.).
Auch bei Arthritis war sein Verfahren mangelhaft und abweichend
(V 2 p. 567). Die Kachexie berücksichtigte er wie sein Lehrer (III
6 p. 461). Bei Hydrops folgte er grossenteils dem Themison. Ausser-
dem aber reichte er vor dem Essen 3 — 5 Becher mit Wasser ver-
schnittenen Weines; die Paracentese verwarf er mit Erasistratos ;
dann wandte er die Kataplasmen „Apollophanion" und „dieuphorbiu"
an (III 8 p. 478; 491). Leber- und Milzleidende unterwarf er der
gleichen Behandlung (III 4 p. 456). Bei Kardialgie trennte er den
mit Durchfall verbundenen Fall von dem mit Blähungen einhergehen-
den (III 2 p. 434). Bei Hämorrhagien Hess er zur Ader, wenn der
Blutverlust am 3. Tage sehr bedeutend war (II 12 p. 399; 13 p. 410;
415). Auf g3'näkologischem Gebiete stellte er das Vorhandensein be-
sonderer Krankheiten der Frauen in Abrede (Sor. II praef). Der
Methodiker Dionj'sios^) war älter als Mnaseas (Sor. I 6, 27) und
ward von Galenos (XIV 684; X 52) zwischen Themison, Thessalos,
Mnaseas und Proklos, Antipatros aufgezählt. Soranos (I 6, 29) tadelt
ihn, dass er auch eine na turgem äs se Straffheit und Lockerheit an-
nahm und Mnaseas dadurch in die Irre führte. Alte Hämorrhoiden
bestreute er mit Realgar, dann legte er eine Masse auf, bestehend in
Kupferschuppen, Operment und Kalkstein; am nächsten Tage umstach
er den Knoten mit einer Nadel (Geis. 6, 18, 9). Bei Hämorrhagie
schnürte er, wie Xenophon, Binden um die Gliedmassen (Cael. Aur. m.
ehr. II 13 p. 416). Scribonius beruft sich auf ihn. Mnaseas' Name
erscheint in den Handschriften des Galenos, Caelius, Aetios, Paulos,
Alexandros von Tralleis in allen möglichen Schreibweisen, sogar als
Manaseus und bei den Arabisten als Manasse (Pseudogalenos be-
^) ZxT den vielen Aerzten dieses Namens vgl. von Töply, Studien z. Gesch.
d. Anat. im Mittelalter, Leipz. u. Wien 1898, S. 3; Oder bei Susemihl, Gesch. d.
griech. Litt, in d. Alexandrinerzeit I 877 A. 194; 878 f. Dionysios o y.v^rös (der
Bucklige) kommt noch hinzu. Er schrieb über Bubonen (Orib. III 607). Sein Name
lautet im Canon medic. Laurent. „Dionj-sius custos".
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 337
zeichnet ihn als Methodiker (XIV 684). Er ist von dem Kochschrift-
steller und Landwirte zu unterscheiden (Oder bei Susemihl I 842
A. 45; 844). Seine Lebenszeit fällt in die zweite Hälfte des 1. Jahr-
hunderts n. Chr. Er führte manche Leiden auf beide Kommunitäten,
die strictura und die solutio, zurück; Caelius nennt solche Krank-
heiten „complexus". Dazu gehört der Lethargus, denn bei einigen
werden die natürlichen Verrichtungen (officia = excrementa) unter-
drückt, bei anderen kann sogar unfreiwilliger Abgang stattfinden (ac.
m. II 5 p. 81). Bei Lungenentzündung löste man die Wachspasten
durch das emplastrum Mnasei ab, andere verwandten das des Neileus
oder Apollophanes, die minder kräftig wirken (II 29 p. 142). Durch
conductio (= Zusammenziehung) entstandene Paralj^se nannte Muaseas
Tiagdlenpig, und auch bei der Parah^se erkannte er somit die solutio
als andere Ursache an (m. ehr. II 1 p. 348). Der als „hilaritas" auf-
tretende „furor" galt seinen Schülern als durch Lockerung entstanden
(I 5 p. 329). Auch der Katarrh hat beide Grundursachen, berichtet
Caelius unter der Versicherung, dass er das Urteil des Mnaseas und
des Soranos liebe (JI 7 p. 380). Sein Nachruhm aber beruht aus-
schliesslich auf seinem wirksamen Malagma (z. B. Orib. eup. IV 127
= V 787 Buss. et Dar.; V 119; 863; 925: „Emplastrum naseum")
und Pastillus (V 122 f.; 865). Die Zusammensetzung des Pastills ist
nach Philumenos' Angabe verzeichnet. Die Menses sind nach Mnaseas
(und Herophilos) manchen zuträglich und manchen nicht; denen von
straffer Konstitution sind sie gesund, denen von schlaffer schädlich
(Sor, I 6, 27; 29). Antipatros^) schrieb wenigstens 3 Bücher
Briefe. Im 3. Buche, das ganz oder teilweise dem (sfallus gewidmet
war, sagte er aus, dass nicht nur bei der Hämorrhagie vernarbung,
sondern überall die Dreizahl (= Diatritos) das von der Natur Ge-
gebene sei (Cael. m. ehr. II 13 p. 404). Die Ligatur verwarf er in
diesem Falle, weil nach der Abnahme der Binden nur um so stärkerer
Fluss eintrete (p. 416). Menemächos'-) von Aphrodisias, in dem
Canon medicorum von Cramer Movöiiaxog genannt, war, da bereits
Celsus sein Mittel gegen Zahnschmerz infolge von hohlen Zähnen er-
wähnt (6, 9) und da er Themisons Regeln über das Ansetzen der Blut-
egel vervollständigte (Orib. coli. med. VII 22 = II 72 f.; 417 f.), gewiss
Themisons Schüler. Den Lethargus definierte er als ,.pressuram
celerrimam vel acutam cum acutis febribus et non semper iugibus"
== akutes Leiden mit akuten, nicht immer anhaltenden Fieberanfällen
(Cael. Aur. ac. m. II 1 p. 75). Ein Enthaarungsmittel, ipü.coO^Qov,
hielt Oreibasios (coli. med. X 14 = II 417) der Mitteilung für wert.
Macer Floridus (486 f.) singt:
Omnibus antidotis Menemächüs eäm sociari (sc. betonicam)
Praecipit ut stomacho magis herbis omnibus aptam,
und Vers 1165 ff. beschreibt er die Bereitung des „cataplasma sinapis"
durch Menemächos. Der „Schwätzer" (Gal. X 53 f.) Oljmpikos aus
Miletos (Gal. XIV 684) ist ohne Bedeutung. Eudemos, der Themi-
sonianer, war Arzt und „Hausfreund" der Livia, der Frau des Drusus.
Dieser wurde 23 n. Chr. auf Anstiften der Livia durch Eudemos ver-
giftet (Tac. ann. 4, 3; Plin. 29, 20). Wahrscheinlich ist er mit dem
1) Well manu, Fleckeiseus Jahrbb. f. class. Philol. 1892 S. 678.
2) Vgl. Gal. X 52; XIY 684.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 22
338 Kobert Fuchs.
Eudemos identisch, der den koischen Pinax, das Weihgedicht über
den Theriak des Königs Antiochos VIIL, für uns durch Galenos (XIV
183 f. ; 201 f.) erhalten hat.^) Kardialgie wollte er durch kalte Klystiere
heilen (Cael. Aur. ac. m. II 38 p. 171). Er erzählte von einem Arzte,
der in Voraussicht des Ausbruchs der Tollwut die Eintretenden be-
schwor, ihm zu helfen, und durch das Hervorbrechen der Thränen
einen solchen Anfall bekam, dass er hinausstürzte und seine Kleidung
zerriss (III 11 p. 221). Eudemos nahm bei Hydrophobie den Aderlass
vor, reichte am 2. oder 3. Tage Nieswurz und setzte „usque ad partium
pustulationem" Schröpfköpfe (III 16 p. 233). Die Melancholie erklärte
er für eine Art Wasserscheu (III 12 p. 222). Bei Phrenitis soll der
Widerwille vor Getränken durch visa, „quae Graeci phantasiam appel-
lant", also durch Visionen verursacht werden (III 15 p. 229). Wohl
auch Schüler des Themison war Apollonides von Kypros (Gal. X 53).
I Uli an OS wurde von Galenos in Alexandreia gehört (X 53). Galenos
bezeichnet seine Lehrvortäge als „Possen" und sagt, lulianos habe
nicht einmal gewusst, was Ttd^og und voorj^ia sei. Seine zahlreichen
eiaaytoyai (= medizinische Propädeutik) entstanden durch geringe Um-
stellungen und Veränderungen ein und desselben Werkes. Er war Schüler
des Apollonios von Kypros (X 54) und soll 48 Bände gegen die hippo-
kratischen Aphorismen verfasst haben (XVIII, 1 248). Sein „emplastrum
barbarum" wird XIII 557 verzeichnet. Er schrieb endlich noch über
die heilsame Wirkung von Gemälden. Ein Rezept eines "lovUog le-
novvöog findet sich XIII 1029. Leonidas aus Alexandreia^) (Jeio-
viörjg canones), bei Galenos 6 eTriavv^€ti-/.bg genannt, weil er Metho-
disches, Empirisches und Dogmatisches zu vereinigen suchte, lebte
gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. Wegen seines Beinamens
(Gal. XIV 684; Cael. Aur. ac. m. II 1 p. 75) wird er Schüler des
Gründers der episynthetischen Sekte, des Agathinos, gewesen sein
(Gal. XIX 353). Well mann-'*) bezeichnet ihn als den „pneumatischen
Chirurgen" und weist nach, dass er zum Teil auf Philoxenos fusse.
Wir können folgende Schriften erschliessen : 1. x^igovQyov^ieva, Titel
nicht überliefert, von Heliodöros, Archigenes und Antyllos ausgebeutet
(Wellmann S. 17); 2. eine Gynäkologie; 3. eine Schrift mit noch
nicht enträtseltem Titel, denn das Scholion bei Oreibasios III 688 lautet:
fx Tov y' N"' Tcbv Jaoviöov '/.scpalaicov. Die spärlichen Ueberreste, die
von dem Ruhme und der Gelehrsamkeit des kühnen Chirurgen zeugen,
hat Well mann (S. 16 A. 15) aus Oreibasios, Aetios und Paulos ver-
einigt. Den Lethargus erklärte er als „lethargia (lies : obtrusio) secun-
dum vias membranarum cum furore mentis atque febre et maestitudine
ac pressura (Druck) et pulsu magno", was Soranos (Cael. a. a. 0.) für
ungenügend erklärt. Er unterschied 8 Arten Schädelbrüche (Well-
mann S. 75 ff.) und behandelte den Hydrocephalus (Aet. 112, 1), Brust-
fisteln, Brustkrebs und Brustscirrhus (Aet. IV 4, 41; 43; 45; 50 =
Zervös S. 58; 60; 61; 68). Die Hämorrhoidalknoten komprimierte er
längere Zeit mit einer Zange (oracpvldyQa) und trug sie dann ab.
Verborgene Mastdarmfisteln suchte er mit dem Mastdarmspiegel auf
(tÖQoöiaaToXevg). Der Lappenschnitt war ihm wohlbekannt. Die
^) Herzog, Eoische Forschuugen ii. Funde, Leipzig 1899 S. 203 A. 1. Vgl.
oben S. 319.
^) Gal. XIV 684. Bei Gramer, Anecdota Graeca e codd. manuscriptis Biblio-
thecae regiae Parisiensis IV 196 ist er zu JioviSr,s verschrieben.
^) Die pneumat. Schule bis auf Archigenes, Berl. 1895, 123; vgl. 16; 78 if.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 339
Hermaphroditen teilte er in 3 männliche und 2 weibliche Gruppen ein
(Paul. Aeg.). Von Philon hat Galenos (XIII 267 ff.) 13 Distichen
über seine ävtlöorog erhalten. ^) Hierauf folgt deren Erläuterung.
Ein schmerzstillendes Mittel giebt Galenos X 818 an. Asiaticus
ist uns nur durch eine herrliche Büste aus Smyrna bekannt, die die
Aufschrift trägt: M. Jloöiog ^aiarr/.og iaiQog {.led^odr/.og. In dem Ab-
schiedsverse an den jung gestorbenen Arzt, der sich auf der Statuette
findet, kommt die Bezeichnung 7tQ0GxdTi]g = Patron (?) vor.-)
Philumenos'^) war mehr Eklektiker und Kompilator als Metho-
diker. Bisher versetzte man ihn in das 1. Jahrhundert n. Chr. (Häser
um 80); aber da er von Soranos - Caelius und Galenos nicht genannt
wird, nach der Ueberlieferung jünger als Archigenes, aber älter als
Oreibasios ist, weist ihn Wellmann (a. a. 0. 129 f.) der Zeit um
250 n. Chr. zu. Seine Quellen sind (a. a. 0., Index) Archigenes, Soranos,
Herodotos, seine Benutzer Oreibasios, Aetios, Paulos, besonders in
pathologischen, therapeutischen und gynäkologischen Fragen. Er ver-
fasste ycvar/.sla in wenigstens 2 Büchern (Orib. III 681 schol.) und
mindestens ein therapeutisches Werk, dessen Abschnitte über Unter-
leibsleiden in lateinischer Sprache in den ßsQajrevnxa des Alexandros
von Tralleis vorkommen, von Günther von Andernach ins Griechische
übersetzt und in die griechische Ausgabe eingeschmuggelt wurden und
von Puschmann^) veröffentlicht sind. Als Brechmittel benutzte
Philumenos Eettigsaft oder Nieswurz (Orib. V 822 f., aus der syn.,
bloss lateinisch erhalten). Seine uns bekannt gewordene Therapie be-
zieht sich auf den Bausch, crapula (Aet. I 4, 51; III 1, 25); „Begleit-
erscheinungen" des Fiebers, als Ohrenschmerz (II 1, 120), Augenver-
dunkelung (123), Urinbeschwerden (125), Verschwärungen am os sacrum
(127), Scrotum und Anus (128), Durst (119); die Ohnmacht (III 1, 7),
das Brennfieber (II 1, 78), Mandelentzündung (II 4, 45) und, sehr aus-
fiihrlich, Elephantiasis (Orib.. coli. med. 45, 29 == IV 65 ff.). Auch
über angenehm zu nehmende Heiltränke bei Fieber sann er nach (Aet.
II 1, 132). Bei chronischen Augenflüssen verordnete er Abführmittel
(Orib., coli. med. VIII 45 = II 268 f.). Den Frauen^) widmete er
seine besondere Fürsorge. Die erhaltenen Fragmente berühren allerlei
Geschwülste des Uterus (Aet. IV 4, 105), die Metritis (IV 4, 83),
Brustdrüsenentzündung (IV 4, 37 f.), die Nymphotomie (IV 4, 103) und
die Lösung der Nachgeburt (IV 4, 24). Sehr lehrreich ist auch die
Auseinandersetzung über Embryulcie und Embryotomie, deren Aus-
legung, so sehr es auch die dort vorgeschriebene Wendung recht-
fertigen könnte, doch hier zu weit führen würde (IV 4, 23).
Den Höhepunkt der methodischen Schule aber stellte zweifellos
Soranos^) aus Ephesos dar, der Sohn des Menandros und der Phoibe,
^) Poetanim de re phvsica et medica reliquias coli. U. Cats Bnssemaker, Paris
1851, II 297; cf. Orib. V 792; Macer Flor., 1812 f.: Otho Cremonensis 154 ff.
-) Visconti, Iconographie grecque, A Paris 1808, I Taf . 33 ; 157 ff.
*) Puschmann, Nachträge zu Alexander Trallianns, Fragmente ans Philu-
menns nnd Philagrius etc. Berliner Studien V 2, 1886; L. Unger, Wiener med.
Wochschr. 1888. Ueber Philumenos handelt Pinoff (s. unter Soranos).
-•) Zervös S. 30; 34; 54; 56; 126; 152; 154.
■') Albert, Les Grecs ä Eome. Les medecins grecs ä Rome, Paris 1894
S. 197 ff. ; Haeser, De Sorano Ephesio ejusque tcs^I ywaiy-eicov Tta&cöv libro nuper
reperto etc., Progr., lenae 1840; Huber, Nachträge, Münch. med. Wochschr. 1897
Nr. 14; Pin off, Artis obstetriciae Sorani Ephesii doctrina etc., Diss., Vratislaviae
1841: Henschels Janus, Breslau 18461, I; II; Scheele, De Sorano Ephesio medico
22*
340 Robert Fuchs.
nach Caelius Aurelianus „metliodicorum priuceps" (m. ehr. I 1 p. 287).
Wenn Suidas neben diesem Arzte, der in Alexandreia studierte, in Rom
(Cael. Aur. ac. m. II 22 p. 132) unter Traianus und Hadrianus (um
110 n. Chr.) praktizierte und „viele herrliche Werke" verfasste, noch
einen jüngeren Ephesier Soranos nennt, bei dem die Lebensverhält-
nisse ebenso unberücksichtigt gelassen sind, wie bei jenem die Schriften,
so handelt es sich offenbar um ein und dieselbe Person. Ein Soranos
von Kos wird in dem ßlo^ 'l7t7to'/.Q(hovg unseres Soranos citiert. 12
dieses Namens hat Fabricius^) zusammengebracht; Galenos nennt
nur einen. Unsinnig ist es, wenn Soranos zum Zeitgenossen des
Sokrates, Piaton, Aristoteles und Seneca oder des Augustus oder gar
der Kleopatra und des Antonius (so Tzetzes, Alleg. ad Iliad. proleg.
7 f.) gemacht worden ist (Usener, Vergessenes, Rhein. Mus. XXVIII
1873, 412 ff.). Von Schriften (30 = triacontas nach Muscio praef.)
werden folgende genannt: 1. negl ipvx^g IV = lieber die Seele, auf
dem Skeptiker Ainesidemos fussend und von Tertullianus , de anima,
und Sextos Empeirikos, adv. math. VII ]29ff., benutzt (Di eis, Doxo-
graphi Graeci 206 ff.); 2. 10 Bücher ßloi iaxQwv xal algioeiq xat
avvräy(.iara = Lebensbeschreibungen der Aerzte, Sekten und Zu-
sammenstellungen (Suid.); 3. ai tcöv iargtöv öiaöoxccl ■= Nachfolge der
Aerzte, vermutlich identisch mit Nr. 2; hieraus scheint die „vita
Hippocratis" entnommen zu sein (Orib. III 687, schoL); 4. (.lovößißlov
jibqI ovo(.i(xoi(J3v (oder lTV(.ioXoyi(Jjv) rov aojf^azos tov olv&qwtcov ■Koi
6vo(.iaaiaL nävTLov tüv (.uhov v.al tiöv aror/jidiv = 71€qI y.ara(Ticevrjg
rov aoj/.iaTog rov dvOQwnov, eine anatomisch - physiologische Nomen-
klatur (D i e 1 s a. a. 0.), durch das Etymologicum des Orion und durch
Meletios (w. s.) rekonstruierbar; 5. die vielleicht doxographischen
ahioloyov(.iEvoi^) = tisqi na&cöv ahicüv = libri causarum (Cael. Aur.
m. ehr. I 3 p. 289; m. ac. I 8 p. 53f.; Wellmann, Hermes XXXVI
1901 S. 140 ff. ; vgl. oben S. 331 ff.) ; 6. de coenotetis = Kommunitäten-
lehre (Cael. m. ehr. IV 1 p. 493 f.), mindestens 2 Bücher; 7. die libri
de febribus (ac. m. II 33 p. 153); 8. die libri de adiutoriis = Heil-
weisen (II 29 p. 143); 9. n. riöv ö^etov y.ai xqovuov nad-tüv == Caelius
etymologo, Diss., Argentorati 1884; Paulus Voigt, Liber de etymologiis corporis
humani quatenus restitui possit, Diss., Gryphiswaldiae 1882. — Ausgaben u. s. w. :
Sorani Ephesii de Arte obstetricia morbisque mulierum quae supersunt. Ex apo-
grapho Friderici Reinholdi Dietz . . . nuper fato perfuncti primum edita (L o b e c k) ,
Eegimontii Prussorum 1838 (am vollständigsten): Hippocratis de victus ratione in
morbis acutis ed. Ermerins, Lugd. Bat. 1841, Anhang (Textkritik); Soranus ed.
Ermerin s, Trajecti ad Rhenum 1869 (griech. u. lat.); ed. Rose, Lips. 1882; Physici
et medici Graeci minores ed. Ideler, Berol. 1841, I 255 if. {nEol fi/jr^as u. s. w.);
Lüneburg-Huber, Die Gj'näkol. d. Soranus v. Epliesus u. s. av., München 1894
(Uebersetzg.). Vgl. Ermerins, Epistola critica ad Soranum etc. (Virchow-Hirschs
Jahresber. 1872, I 266'); Görlitz, Ueb. d. Bedeutg. des S. als Geburtshelfer, Diss.,
Berl. 1873; Gomperz, Hermes V 216 ff. (Textkritik); Guardia, Gazette medicale
de Paris 1869 — 1871; Herrgott, Traite des maladies des femmes . . . par Soranus
d'Ephese et Moschion, son abbreviateur et traducteur, Nancy 1882; Troitzky, Arch.
f. Kinderheilk. XVII, 1882.
^) Bibliotheca Graeca XII 684 f.
^) Die gegen Beendigung des Druckes dieser Geschichte erschienene hoch-
bedeutsame „Fragmentsammlg. d. griech. Aerzte I. Die Fragm. der sikelischen
Aerzte Akren, Philistion u. d. Diokles von Karj'stos" von Well mann, Berlin 1901,
Aveist S. 6 ff. nach, dass Vindicianus (s. oben 8.273 A. 1), den Wellmann S. 208 ff.
mustergiltig herausgegeben hat, im ersten Teile auf Soranos' ti. oTieQ^mToi, im
gynäkologischen auf (pvoiyA n. ^cooyovias und im ätiologischen auf tc. ahicöv Ttad'tüv
oder ßioi iaxqiöv y.. aiQ. '/.. avvr. beruht.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 341
Aurelianus, de morbis acutis et chronicis (s. unten) mit doxographisch
angeordneter Polemik gegen die Vorgänger. 3 bezw. 5 Bücher, ausser
Themison die erste uns bekannte Schrift über chronische Leiden, da
Thessalos' Über regularis II. untergegangen ist (Cael. m. ehr. praef.
p. 268); 10. Tc. orcfQfiaTog = Ueber den Samen (Pin off S. 734 f.);
11. cfvaixd 71. lotoyoviag = Naturwissenschaftliches über das Gebären
lebendiger Junger (a. a. 0.); 12. n. xwv nagd rpvaiv = Widernatür-
liches (Fehlgehen?) (a. a. 0.); 13. tt. or^/^ieiioy /.atayiiaTiov = de signis
fracturarum cranii = Anzeichen von Knochenbrüchen (Ideler I 248 ff.),
durch die chirurgische Sammlung des Niketas und in Berliner Hand-
schriften erhalten ; 14. die vielfach edierte Schrift tt. yvmiKtuov {nai^töv).
nach Suidas 4, nach der Ueberlieferung 2 Bücher; 15. das daraus ent-
lehnte Bruchstück n. iiir]TQag xal yvvai/Mov aiöolov = Gebärmutter und
weibliche Scham (Rufus, Paris 1554; Orib. ed. Rasarius p. 693, lat;
Paulini universa antiquorum anatome, Venet. 1604): 16. die gefälschte In
artem medendi isagoge (Medici veteres ed. Albanus Torinus, Basil. 1528;
ed. Aldus, Venet. 1547), Vorrede 1 — 4 gehört einem Gegner der Methodiker
(G u a r d i a S. 34), der Rest enthält Fragen und Antworten auf Grund
von Ps.-Galenos^ definitiones medicae;') 17. Kommentai-e zu Hippo-
krates (Ps.-Orib., comment. in Hippocr. aph. praef.; s. Fabricius
a. a. 0. XII 645); 18. de oculo, echt, bei Kassios latrosophistes citiert
(Aristot. ed. Didot. Paris 1848, IV 382 ff.) ; 19. jceot a(fvy!.iwv = de
pulsibus, ^) unecht (Rose, Anecd. II 275 ff.) ; 20. die gefäischte Metro-
logie 7t. (.isTQiov Aai atad-uöjv öiöaaxaUa (Gal. XIX 748 ff. ; vgl. Usener
S. 412); 21. die Verbandlehre, 7t. Imötauwv (Hipp. et. Gal. ed. Charterius
XII 505 ff.). Es ist aber ferner so gut wie sicher, dass auch die
Schriften, die Caelius (w. s.) als eigene anführt, nichts anderes als
Uebersetzungen von gleichnamigen Werken des Soranos sind. Denn
einerseits waren die Schriftsteller des 5. Jahrhunderts zu selbständiger
Produktion unfähig, andererseits schliesst sich Caelius in allen er-
reichbaren Stücken dem Soranos fast wörtlich an. -) Ferner entdeckte
Daremberg in einem cod. Bambergensis 22. de medicamentis ; Rose
(Anecd. II 241 ff.) veröffentlichte 23. die gefälschten quaestiones medi-
cinales und 24. die echte Schrift de digestionibus = de salutaribus
praeceptis (tö vyieivöv) (169 ff.). In der später hinzugekommenen Vor-
rede der letzterwähnten Schrift begegnet dei*selbe Lucretius, welchem
Caelius die libri interr. ac. resp. gewidmet hat (ac. m. praef p. 1). In
seinen zahlreichen Werken benutzte der „methodicae medicinae in-
structissimus" (Tertull., de an. 6) seine Vorgänger fleissig, doch nie ohne
selbständige Prüfung. Seine Werke, vor allem die Gynäkologie, wurden
jederzeit herangezogen, u. a. von Philumenos (Wellmann 127), Oreibasios,
Aetios, Paulos, aucli von den Kirchenvätern Tertullianus und Augustinus.
Sie wurden auch zur Zeit der Gotenherrschaft in Italien (493 — 555) in das
Vulgärlateinische ^) übersetzt (s. Caelius ; Moschion), und die anatomische
Nomenklatur erbte sich auf PoUux (Onomastikon) und andere Lexiko-
graphen fort. Obwohl Galenos der schärfste Gegner der Methodiker
ist, tadelt er doch den Soranos nirgends in der ihm sonst geläufigen
derben Art, er empfiehlt sogar einige seiner Rezepte. Der Hauptruhm
^) Rose, Anecdota graeca et graecolatina II 169 f.
2) Vgl. ac. m. II 1 p. 75: 28 p. 139; 31 p. 146; 33 p. 153; 37 p. 167; m. ehr.
II 7 p. 380; Rose. Anecd. II 167; Teuffei- Schwabe, Gesch. d. röm. Lit., 5. Aufl.,
Leipz. 1890, II 1182 A. 1.
3) Rose, Anecd. II 115; Stadler, Janus IV 1899, 548.
342 Robert Fuchs.
aber liegt für ihn darin, dass er „normarum regulis methodum re-
stituit", die Methode in feste Bahnen wies (Cael. ac. m. II 9 p. 91).
Hier können aus der Fülle des lehrreichen Stoffes nur wenige Punkte
angeführt werden, wobei auf die Haupteigentümlichkeiten der Sekte
zurückverwiesen sein mag. Die Definition der Krankheitsbezeichnungen
lehnte Soranos als unnötig und irreführend ab fac. m. II 26 p. 137;
31 p. 146). Dagegen legte er grosses Gewicht auf die Diagnose und
vor allem auf die bei ihm zuerst hervortretende Differentialdiagnose,
in der er wirklich Grosses leistete (III 19 p. 254 u. ö.). „Komplex"
nannte er die Krankheiten, die laxum und strictum neben einander
zur Voraussetzung haben, z. B. den Katarrh (m. ehr. II 7 p. 380 f.).
Er schätzte den Aderlass (de adiut.) und tadelte die. die ihn nur bei
schmerzhaften Zuständen vornahmen (m. ac. II 29 p. 143). Seine
Kunstfertigkeit in der Verbandlehre wird durch die Abbildungen zu
TT. tTtiöeouiov im cod. Laurent. LXXIV 7 (Hipp, et Gal. ed. Charterius
XII 505 ff.) veranschaulicht. Bei Pleuritis half er stets durch Ader-
lass ohne Rücksicht auf den Ort der Behandlung, wie Asklepiades
empfahl (m. ac. II 22 p. 132). Bei Lungenentzündung sollte, wie bei
jeder Krankheit, der ganze Körper leiden, vorzugsweise aber natürlich
die Lunge (II 28 p. 139). Bei Kardialgie soll eine akute Lockerung
der Urkörper und eine Verteilung in jeder Eichtung stattfinden; von
einer Herzschwellung sei nichts zu bemerken (II 31 p. 146). Die
Cholera nostras betrachtete er als Lockerung des Magens, des Bauches
und der Eingeweide mit plötzlicher Todesgefahr (III 19 p. 254). Die
Lehre von den Schädelbrüchen, die seit Hippokrates kaum gefördert
worden war, baute er aus (Rose, Anecd. II 269). Den Incubo erklärte
er für etwas Natürliches, nämlich eine Art Epilepsie; dass ein Gott,
ein Halbgott oder Cupido der Erreger des Alpdruckes sei, wies er
zurück (m. ehr. I 3 p. 289). Seine Gynäcie ist für Hebammen be-
stimmt, die auch in jener späten Zeit in allen normalen, aber auch in
den meisten schwierigen Fällen geburtshilflichen Beistand leisteten.
Indem auch er die Darstellung des normalen Zustandes, cfvaiKÖv, den
Naturforschern zuweist, beschränkt er sich auf die pathologischen Zu-
stände. In sorgfältigster Weise giebt er zunächst Vorschriften über
die notwendigen körperlichen und geistigen Eigenschaften der Hebamme.
Sie soll die Handgriffe, die Diätetik und Pharmakologie kennen, von
dem Baue der Teile braucht sie nichts zu wissen, sie soll, wo möglich,
nicht geboren haben und alle möglichen seelischen Vorzüge besitzen,
namentlich mitleidig sein. Lediglich, um sich zur Abfassung eines
solchen Werkes als geeignet zu erweisen, geht er nun doch auf den
Bau. der weiblichen Genitalien ein; freilich geht aus der Schilderung
hervor, dass eigene gründliche Untersuchungen nicht vorliegen können.
Die Verlagerungen des Uterus entstehen durch krankhafte Zusammen-
ziehung der ihn mit der Umgebung verbindenden Bänder, vf.i€veg. Der
Uterus hat die Konsistenz der Lunge oder Zunge und öffnet sich beim
Coitus und bei der Periode. Von den Ovarien gehen ^rtÖQoi GTtsQ/^iazixol
= vasa spermatica zu der Blase, weshalb der weibliche Samen nicht
zur Befruchtung beitragen könne. Die Ovarien sind an avaY.Qef.iaoTfiQEg
befestigt, wie er bei der Operation einer an Enterocele Erkrankten
erkannt hat. Kotyledonen hat er nicht gesehen, ebensowenig das
Hymen. Die Exstirpation des Uterus sei ohne Gefahr für das Leben
möglich. Atresie der Vagina und des Uterus sind ihm bekannt. Das
Chorion wird oberflächlich beschrieben; vom Nabelstrange aus gehen
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 343
zwei Venen nach der Hohlvene und zwei Arterien nach der Aorta.
Von der Verbindung des Urachus mit der Blase hat er bloss gehört.
Dann wird auseinandergesetzt, dass die Periode in verschiedene Zeiten
falle und dass dauernde Jungfrauschaft förderlich sei, wie in dem
Werke vyisivbv bewiesen werde. Alsdann werden die Merkmale der
Konzeptionsfähigkeit, die der Konzeption günstigste Zeit und der
Nutzen der Schwangerschaft besprochen, letzterer aber geleugnet.
Die Vorherbestimmung des Geschlechts nach Hippokrates wird als un-
zuverlässig bezeichnet. Hierauf kommen Anweisungen über Schwanger-
schaftsdiätetik, Pica, Erbrechen, Vorbereitung der Geburtswege (Ein-
fetten, Digitalerweiterung), unfruchtbar machende Mittel {dtöxia, z. B.
Verschluss durch Tampons, Salben, altes Oel), Abtreibungsmittel = cfd^ögia,
die nur kräftige Frauen und auch nur im dritten Monate anwenden
sollen. Die fpMgia bestehen z. B. in Fasten, Baden, Aderlass, Injek-
tionen, Fahren, Schüttelung, Zäpfchen aus Iris, Mutterharz, Seidelbast-
beeren, Terpentin, Elaterium u. s. w. ; das Einstechen ist zu verwerfen.
Die normale Geburt erfolgt auf dem Gebärstuhle mit halbmondförmigem
Ausschnitte und Rücken- und Armlehne, die anormale auf dem Ge-
bärlager. Vorzeichen, Gerätschaften und Hantierungen der vier Heb-
ammen, zwei vorn und hinten, zwei zur Seite, werden angegeben.
Manche brachten unten am Gebärstuhle eine Winde an, andere ver-
anlassten die Hebamme, in eine zu Füssen der KreissendeVi angelegte
Grube zu steigen. Der Dammschutz erfolgt durch ein linnenes Tuch,
die Austreibung wird durch Zug und Druck beschleunigt. Die Placenta
soll nicht, wie bis zu jener Zeit üblich, durch rohe Methoden gelöst
werden, sondern durch Einführung der Hand in den Uterus, andern-
falls muss man den Eintritt der Fäulnis abwarten. Da die Kapitel
von der Wöchuerinnenpflege ausgefallen sind, handeln die nächsten,
und zwar sehr genau, von der Kinderpflege und den Kinderkrank-
heiten. Hervorzuheben ist hieraus Folgendes. Die Trennung der
Nabelschnur erfolgt durch ein Messer und ohne Kauterisierung ; ist die
Placenta zurückgehalten, so wird unterbunden ; die Vernix wird durch
Bestreuen mit Salz oder Soda und Waschung beseitigt ; das Kind wird
wie eine Mumie mit Wollbinden umwickelt; die erste Stillung erfolgt
am dritten Tage durch eine Amme; am besten ist es für die Mutter,
überhaupt nicht zu stillen, sondern eine griechische Amme zu nehmen,
zwischen 20 und 40 Jahren und Mutter mehrerer Kinder. Alle Vor-
schriften für die geeignete Wahl sind trefflich zusammengestellt, ebenso
die nun folgenden über ihre Lebensweise, massige Bewegung, Arbeiten
in vorgebeugter Stellung, wie Mahlen, Backen, Bettmachen. Ausge-
zeichnet sind auch die Beobachtungen über das Schreien, die Be-
wegung und Abhärtung der Kinder durch Einölen, Begiessungen,
Kneten und Frottieren, Gliederstrecken und -bewegen. Die meist
krummbeinigen Kinder lernen das Laufen in Körben mit Rädern.
Die Entwöhnung soll nicht vor dem sechsten Monate beginnen und
nicht vor l\o — 2 Jahren beendet sein. Auffällig ist die frühe Ge-
wöhnung an Honigwein oder reinen Wein. Das Zahnen wird durch
Bestreichen des Zahnfleisches mit Fett, durch Kauen grosser Speck-
stücke, durch Einhüllen von Kopf und Hals in ölgetränkte Wolle und
durch warme Breiumschläge unterstützt; während dieser Zeit soll ö^e
Amme dem Kinde die Milch in den Mund streichen. Eine grosse
Reihe von Mitteln gegen Mandelentzündung, Soor, Geschwüre, Haut-
ausschläge, Katarrh, „Siriasis" und Durchfall schliessen sich an. Im
344 Robert Fuchs.
zweiten Buche wendet sich Soranos den Frauenkrankheiten zu. Er be-
spricht die Amenorrhoe und die Metrorrhagie, die durch Ruhe, Höher-
lagerung des Beckens, Injektionen mit dem f^r]tQ€yxvTrjg = Mutterrohr
und Schröpfungen gehoben wird. Amulette und Magnete sind nur
wegen ihrer suggestiven Wirkung zuzulassen. Die vaTeQLxrj Ttvt'^
= Hysterie ist von Epilepsie, Apoplexie und Katalepsie zu unter-
scheiden. Rauschende Musik, blendendes Licht u. dgl. sind trügerische
Mittel. Samenfluss bei Männern und Frauen (d. i. weisser Fluss) wird
durch hartes Lager, Befestigung von Bleiplatten im Kreuze und
keusches Leben wohlthätig beeinflusst. Er bespricht Schwäche,
„Paralysis", Verlagerungen, Pneumatose und Oedem des Uterus und
Molen. Letztere sind durch Succussion und Percussion von Tympanitis
und Ascites zu unterscheiden. Bei der die Nymphomanie mit um-
fassenden Satyriasis bezieht sich Soranos auf die Schrift de morb. ac.
Metritis, Scirrhus und Sklerom des Uterus (wohl Fibroide) folgen.
Bei den Dystocien beruft er sich auf Herophilos und Demetrios, ohne
wesentlich Neues zu bringen. Die Untersuchung erfolgt mit dem
Speculum, öloicrga.^} Die normale Kindeslage ist die Kopflage, dann
kommt die Fusslage. Bedenklich ist die komplizierte Lage: Kopf und
Bein oder Beine; Schenkel- und Bauchlage. Hier hat die Wendung
auf den Kopf oder die Füsse zu erfolgen. Nötigenfalls wird der vor-
liegende Arm exartikuliert oder der Wasserkopf angebohrt. Der zu-
rückgebliebene Kopf wird durch den Haken entfernt. Die Zer-
stückelung ist der pseudhippokratischen Methode sehr ähnlich. Ter-
tuUianus (de anima 25) beschreibt den hierbei benutzten ef-ißQvoacpdKTrjs ^)
= „Kindschlachter", der aus Dilatatorium, einem scharfen Ringe und
einem stumpfen Haken bestand. Alle gewaltsamen Eingriffe, die Suc-
cussion mit der Leiter (Knidier), das Treppensteigen, Tanzen, Springen,
sind zu vermeiden. Fette und Buckelige werden in der Knieellen-
bogenlage entbunden, eventuell nach Katheterisierung der Blase und
Einstechen der Eihäute. Dieses sind die Errungenschaften des Gynäko-
logen Soranos, soweit wir solche seinem meisterhaft geschriebenen
Werke entnehmen können.
Der Uebersetzer des Soranos, C a e 1 i u s A u r e 1 i a n u s •^) Metho-
dicus Siccensis (== aus Sicca Veneria in Numidien ; F r i e d e 1 S. 7 ff.),
lebte vermutlich in Rom. Der Vorname „Lucius" ist auf ihn willkürlich
übertragen worden ; den wirklichen kennen wir nicht. Seine sprachlichen
Irrtümer im Griechischen und sein Ringen mit dem „color Latinus"
machen es wahrscheinlich, dass beide Sprachen nicht seine Mutter-
sprachen waren. Da für ihn die methodische Sekte und ihr princeps,
Soranos, den Höhepunkt aller Medizin bedeutet, kann aus der Nicht-
erwähnung des Galenos nicht auf die frühere Lebenszeit des Caelius
^) Vulpes, Illustrazione di tutti gli strumenti chirurgici scavati in Ercolano e
Pompei 11. s. w.. Napoli 1847; Guhl und Koner, Das Leben d. Griech. u. Rom.,
Berl. 1861, II 296; 0 verbeck, Pompeji, Leipz. 1866, II 88.
^) Langbein, Specimen embryulciae antiquae ex TertuUiani libro de anima
cap. 25, Halis 1754.
^) Albert a. a. 0. 197ff.; Daremberg, Janus II 1847; Fiessinger,
Janus I 1896 S. 535 f.; Friede! , De scriptis Caelii Aureliani Methodici Siccensis,
Diss., Bonn., Episcopi Villae 1892; Car. Gottl. Kühn, Opuscula II Iff.; 170 if.;
183 ff. ; Lane, Things old and ucav with a chapter from C. A. Pacific medical and
surgical Journal XXIX, San Francisco 1886; Rose, Hermes IV 1870; Anecd.a. a. 0.;
Schramm, Die Seelenstörungen nach C. A., Corresp.-Bl. f. Psychiatrie 1864;
Wölfflin, Hermes XVII 1882 S. 175.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 345
geschlossen werden. Nur die Sprache giebt einen Anhalt. Sie gleicht
weniger der des anderen Siccensers, des Arnobius ^) (schrieb etwa 295
„adversus gentes", j etwa 325 n. Chr.), als der des Afrikaners Cassius
Felix,-) der 447 sein Werk ,.de medicina" schrieb. Dazu passt auch
das schwülstige Latein, das Friedel allerdings lediglich dem Ausländer
zur Last legen will. Dass aber der Christ Cassius den heidnischen
Mitbürger Caelius in seinem etwa gleichzeitigen medizinischen Werke
bekämpfe, trägt auch Friedel nur als Vermutung vor (S. 11 f.), ebenso,
dass der Adressat der Epistolae (s. oben), wohl der frühesten Schrift
wegen der Anwendung der griechischen Sprache, Vettius Agorius
Praetextatus sei. Die ausschliesslich auf Soranos aufgebauten, im
Wesentlichen nahezu wörtlich mit ihm übereinstimmenden und fast
nie durch eigenes Urteil ausgezeichneten Werke des Caelius sind nach
Friedeis Uebersicht (40 ff.) folgende: 1. die medicinalium iuterrogationum
ac responsionum libri, deren Titel meist verkürzt citiert wird, „omnem
medicinam breviter" enthaltend (ac. m. praef. p. 1), aus den Werken
des Soranos von Caelius nach sachlichen Gesichtspunkten ausgewählt
und übersetzt, aber nicht die Uebertragung einer gleichnamigen Schrift
des Soranos, da dieser unseres Wissens „Fragen und Antworten"
bloss über gynäkologische Gegenstände verfasst hat (41 f.). Das Werk
hatte augenscheinlich folgende Anlage: a) prooemium : \ „Cum nobis
saepius"; b) salutaria praecepta (ac. m. II 11 p. 107 u. ö.) = vyieivov
des Soranos, mehrere Bücher; '^) c) mehrere Bücher de passionum causis
= ahioloyovi-avoi des Soranos (ac. m. I 8 p. 22); d) de diaeticis pas-
sionibus libri II (Rose, anecd. II 174 ff.; 206 ff.), deren erstes Buch die
allgemeine Pathologie und Therapie eines Teiles dieser Leiden, deren
zweites die spezielle Therapie brachte und somit Buch I vervoll-
ständigte; Buch I floss aus dem ganzen Soranos, II aus tt. ö^iiov ymI
XQoviwv voor^fidiiuv und aus ttsqI TtvQstwv (de febribus); e) de medica-
minibus = (paQfiay.£vtixa des Soranos (ac. m. II 29 p. 142 u. ö.), min-
destens 2 sehr ausführliche Bücher; f) chirurgumena (m. ehr. II 1 p.
352 u. ö.) = /eiQovQyoviiuva des Soranos, mehrere umfangreiche Bücher
(„plenissime"' m. ehr. V 4 p. 571): g) de adiutoriis libri (m. ehr. III 8
p. 476), zwischen de morbis acutis und de m. chronicis abgefasst
(Friedel 45) nach Soranos' vrcoinvijiiiaTa Tcegl ßorid-ri/ndrwv, h) de muli-
ebribus vitiis (m. ehr. V 10 p. 582) = muliebrium passionum libri
(ehr. m. II 1 p. 353) = des Soranos ywai-Ksla (m. ehr. I 4 p. 298),
vorzugsweise gynäkologisch und die Geburtshilfe flüchtig berührend.
2. schrieb Caelius nach derselben Vorlage und zur selben Zeit wie de
adiutoriis die de specialibus adiutoriis libri (ac. m. I 10 p. 28 u. ö).
Nach den ywaiy.eia des Soranos waren 3. die libri de mulieribus (III
18 p. 252) oder muliebres libri quos Graeci ywaiycdcov vocant (m. ehr.
I 4 p. 298) gearbeitet. Vor de m. ac. et ehr. sind geschrieben : 4. der
griechische liber epistolarum ad Praetextatum (m. eh. II 1 p. 366; s.
oben); 5. die libri de febribus (m. ac. II 37 p. 165; 170 u. ö; Muscio
II 2 p. 57); nach de m. ac. et ehr.: 6. die libri de coenotetis (s. So-
ranos; m. ehr. III 4 p. 455 f.; vgl. IV 1 p. 493 f.); 7. libri contra (intra im
Text ac. m. 1 1 p. 4) sectas nach dem Vorbilde von Soranos' ßloi tazQwv ;
') ed. Reifferscheid, Vindobonae 1875 (Index).
-) Sitz.-Ber. d. kgl. bayer. Akad. d. Wiss. 1880, 381 ff.
^) Die von Friedel der Fakultät überreichte Ausgabe ist bis heute nicht er-
schienen. Vgl. das zu Soranos Gesagte.
346 Robert Fuchs.
8. libri problemat(ic)i nach ra. ehr. III 3 p. 447; Friedel S. 50 be-
zweifelt den Titel und glaubt eher an eine Verderbnis, ohne Grund,
wie mir scheint; 9. das Hauptwerk celerum vel acutarum passionuni
libri III und 10. morborum chronicorum libri Y. Nr. 9 war an den des
Griechischen wenig kundigen Bellicus gerichtet (praef. p. 1) und erscheint
im Mittelalter unter dem Titel „Oxea Patici'' ^) oder „Oxipate". Die
Heilung der Ueberlieferungsschäden gelingt häufig durch Vergleichung
von Isidorus IV, Garipontus (Salernitaner), Escolapius, Medicina Pliniana,
Petroncellus und Aurelius, de acutis passionibus; denn die beiden
einzigen, von Sichardus (Basileae 1529) und Parisiis 1533 (durch
Guintherus Andernacus) verarbeiteten Handschriften sind verschwunden.
Aurelius (w. s.) ist vielleicht bloss eine Verstümmelung von Aurelianus.
Er bietet auch sonst noch verlorene Stücke des Caelius, aber nicht
aus de febribus, wie Daremberg meinte (Friedel S. 48), sondern zu
Palladios stimmende aus unbekannten Werken. Nr. 10 ist ohne Wid-
mung ; die libri responsionum sind an den des Griechischen mächtigen
Lucretius gerichtet (ac. m. praef. p. 1). Was die Ausgaben anlangt,
so findet sich Nr. 9 und 10 auch bei: Delattre, Bibliotheque classique
medicale II, Paris 1826; ed. Amman, Amstelaedami 1709 (beste, aber
nicht gute Ausgabe); ebda. 1722; Venet. 1757; Principes artis medicae
cur. de Hall er, Lausannae 1774. Für den verschwundenen Lorscher
Codex der responsionum libri (Wilmanns, Rhein. Mus. XXIII 1868,
389; vgl. 189) hat Rose einigen Ersatz geschaffen mit Hilfe eines
Londinensis und eines Karlsruher Codex. Daraus stammen die Ab-
schnitte „de significatione diaeticarum passionum" und „de salutaribus
praeceptis" = „Liber Sorani de digestionibus" (Anecd. graeca et
graecol. II 161 ff.). Ein Eingehen auf die Lehren des Caelius würde
die Wiederholung der soranischen Weisheit bedeuten, da ersterer
nichts Selbständiges geleistet, höchstens gelegentlich lateinische Citate
eingestreut hat (B ü c h e 1 e r , Index scholarum, Bonnae 1877, 5). -) Sogar
die Anordnung, vom Kopf zum Fusse, ist soranisch (m. ehr. praef. p. 268).
Die akuten Krankheiten werden in fieberhafte und fieberlose eingeteilt
(m. ac. praef. p. If.); zu ersteren, der Mehrzahl, gehören z. B. Phre-
nitis, Pleuritis und Peripneumonie, zu letzteren Angina (synanche),
Cholera u. s. w. Bei Paralysis verwarf er die Hiera, weil sie den
Magen schwäche (m. ehr. II 1 p. 366). Ueber die Hernien hat
Gyergyai einige Aufklärungen gegeben.'^) Von den Tumoren sprach
Caelius in dem Werke de febribus (m. ehr. III 4 p. 448). Die von
Asklepiades nicht erfundene, sondern aufgenommene^) Laryngotomie
(Luftröhrenschnitt) bei Angina tadelt er als ein „so grosses Ver-
brechen"; in der Schrift de adiutoriis will er diese vermeintliche
Schändlichkeit weiter brandmarken. Ein grosser Mut gehörte dazu,
die „ligamenta" = Amulette und die „incantationes" der „magi" =
Beschwörungen bei der Epilepsie zurückzuweisen (m. ehr. I 4 p. 315).
Ueber die Sitzbäder, z. B. bei Epilepsie, sinßaoig, gab er in de adiut.
libris Anweisungen (p. 303). Er erläuterte den Aderlass, dessen An-
wendung bis zur Ohnmacht, usque ad lujtod-vf.dav, frevelhaft sei (de
^) Götz, Der Liber Glossarum, Abb. d. kgl. Sachs. Ges. d. Wiss., pbilol.-hist.
Cl. XIII 1891 S. 265.
-) Vgl. Kühn, Opuscula II 1; Trilleri notae in Caelium Aurelianum, Lips. 1817 ff.
•i Deutsches Arch. f. Gesch. d. Medio, u. med. Geogr. III, Leipz. 1880, 321 ff.
*) ac. m. III 4 p. 195 (a nuUo . . . antiquorum tradita) wird aufgehoben durch
p. 193: a veteribus probatam. Also ist Asklepiades nicht der Erfinder.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 347
spec. adiut. ; ac. m. I 10 p. 28; III 3 p. 184). Von den ekelhaften
Wundermitteln zum Erbrechen hielt er nichts; m. ehr. III 2 p. 440:
Cavendae . . . horrentium materiarum fabulae. Bei Zahnschmerz Hess
er Wachs kauen, um das Zahnfleisch zu kräftigen (m. ehr. II 4 p. 373).
Cariöse Zähne sollen nur im äussersten Notfalle gezogen werden
(p. 376). Seine Ratschläge über Schwangerschaft und Kinderheilkunde,
z. B. über Verbesserung der Milch und Wahl der Amme, sind aus
Soranos abgeschrieben (m. ehr. I 4 p. 298).
Die Gynäcie des Soranos ist aber noch in anderer Gestalt auf
uns gekommen, nämlich in dem Hebammenbuch des Moschion ^) =
Muscio aus dem 5. — 6. Jahrhundert n. Chr., nach Rose p. V sogar aus
noch späterer Zeit, Es gab verschiedene Männer dieses Namens; so
hiess z. B. der Koch des Demetrios von Phaleron. Nach Plinius XIX
87 schrieb ein Moschion, gewiss in nachalexandrinischer Zeit, ein Buch
über den Rettig (de raphano). Ein Moschion. genannt o öioQd^ionlg,
weil er den Asklepiades berichtigte, hat eine Pulsdefinition hinter-
lassen (Gal. VIII 758). Von eben diesem aller Voraussicht nach ver-
zeichnet Galenos zahlreiche Rezepte aller Art (XIII 30; 537; 646 f.;
528; 853; XII 745), desgleichen beruft er sich auf dessen Buch „de
ornatu", in welchem Mittel gegen Kahlköpfigkeit angegeben waren
(XII 416). Es steht nichts im AVege, wenn man diese beiden mit dem
bei Soranos (I 35, 98) erwähnten gleichsetzen will, nach dessen Vor-
schrift zu dicke Frauenmilch durch Verabreichung von Kappern, Ret-
tigen und Pökelfleisch verdünnt werden soll. Pinoff (Henschels
Janus I 727) geht aber zu weit, wenn er den Landsmann und Zeit-
genossen des Caelius und Cassius Felix (Rose praef. p. IV ff.), den
Afrikaner Muscio, auch noch mit jenem frülieren 3Ioschion identifizieren
will, so dass Soranos und der Gynäkolog Moschion etwa Zeitgenossen
wären. Der spätere Moschion excerpiert in schlechter lateinischer
Sprache des Soranos yvvai/.ela und die gynäkologischen Teile der libri
responsionum. Er schreibt populär, weil er den Frauen damit einen
Dienst erweisen will (praef.). Darum liebt er auch die Zerlegung der
Vorlage in 152 kleine, übersichtliche Kapitel und die Form des Dialogs.
Aerztliches, wie Lösung der Placenta und Embryulcie, überschlägt er
fast ganz. Im 15. Jahrhundert wurde das Buch ins Griechische über-
setzt (ed. Wolphius, Basileae 1556; ed. Dewez, Viennae 1793). Die
Abbildungen der weiblichen Genitalien wurden wahrscheinlich von dem
Uebersetzer hinzugefügt. Die Handschriften werden in Brüssel.
Florenz und Kopenhagen aufbewahrt und stammen aus dem 9.-12.
Jahrhunderte. Auch die Münchener Bibliothek besitzt einen ]\Ioschion-
text. Ausserdem übersetzte er das „Dreissigbücherwerk" (triacontas)
des Soranos grösstenteils, und zwar wörtlich ; darunter befand sich der
op(h)thalmicus, chirurgumenos filiatros = Chirurgie des Heilkunden-
freundes und der boethematicus = Heilmittel. Diese Uebersetzung ist
verloren, aber einiges Wenige (quaedam) ist, ohne dass wir es heraus-
finden können, in der Gynäkologie des Muscio (s. praef.) erhalten.
Anmerkungsweise sei noch der „Anatomischen Tafeln aus
dem griechischen Alterthum, nach einer Pariser Handschrift zum ersten
Male herausgegeben" -) gedacht. Ich möchte sie auch heute noch der
^) Im Soranos von Rose abgedruckt. Vgl. Paucker, Rhein. Mus. XXXVIII
312 ff.; Thielmaun, Arch. f. lat. Lex. II 198if.; Sittl, Jahresber. ü. d. Fortschritte
d. klass. Altertumswiss. 1889 n 12 ff.; Herrgott (a. a. 0.).
'•*) Fuchs. Deutsche medic. Wchschr. 1898 Nr. 1.
348 Robert Fuchs.
frülien byzantinisch en Zeit zuweisen, aber Bestimmtes lässt sich leider
nicht sagen, von Oefeles freundlicher Mitteilung entnehme ich, dass
nicht anatomische Schemata, sondern solche für den Aderlass vorliegen,
worauf bei Figur 1 die Armbinden deuten ; aber Tafel 3 kann nach der
beigeschriebenen Bezeichnung der Körpergegenden durchaus nicht als
Aderlassmodell angesehen werden, während das bei 1 mehr, bei 2
weniger wahrscheinlich ist.
33. Plinius, Dioskurides und andere Pharmakologen.
Plinitis. Untersuchungen über die Quellen: Albert, Die Quellen
des P. im 46. Buche der n. h., Progr. d. Kgl. human. Gymn. Burghausen 1895J96 ;
Brunn, De auctorum indicibus Pliniajiis disputatio isagogica, Bonnae 1856 ; Det-
lefsen, Philologus XXVIII 701ff.; Hermes XXXVI 1 ff.; Mayhoff, Novae
lucubraiiones Plinianae, Lips. 1874; Münz er , Beiträge z. Qiiellenkritik d. Natur-
gesch. des P., Berl. 1897. Ausgäbest und Uebersetzungen: rec. Sillig,
Gothae 1853ff., 8 Bb.; rec. von Jan, Lips. 18o4ff., 6 Bb.; I^ 1870; 11^ (May-
hoff) 1875; Detlef sen rec, Berolini 1866ff., 6 Bb., sämtlich mit Indices;
französisch von Ajasson de Grandsagne, Paris 1829 ff.; deutsch von Grosse,
Frankf. 1781 ff.; Külb , Stuttg. 1840; Strack, Bremen 1854 f.; Wittstein,
Lpzg. 1880 ff. Erläuterungsschriften: Bros ig, D. Botanik d. alt. P.,
Graudenz 1883; Fee, Commentaires sur la botanique et la matiere medicale de
Pline, Paris 18SS, 3 Bb.; Nies, Z. Mineral, d. P., Mainz 1884. Weiteres s.
bei Teuffel-Schwab, Gesch. d. röm. Lit. IIj,, Leipz. 1890 S. 756ff. —
Dioskurides. Ausgabe: ed. Sprengel, Lipsiae 1829f., 2 Bb. Deutsche
Uebersetzung der materia medica mit Kommentar bereitet Berendes vor. Er-
läuterungsschriften II. ä.: Albert, Les medecins grecs ä Rome , Paris
1894, 224 ff. ; Carolus, Sur un manuscrit du 5me siede de Dioscoride, Annales de
l'academie d'' archeologie de Belgique XIII; Denig, Beiträge z. Kritik des Plato,
Marc Aurel, Pseudo-Proclus, lo. Glycys, Themist ius, Pseudo-Dioscor., Hephaestion,
Darmstädter Schulprogr. 1900; Kästner , Pseudo-Dioscor., de herbis femininis,
Hermes XXXI 57 8 ff. ; Kritisches u. Exegetisches zu Pseudo-Dioscor. de h. f.,
Progr., Regensburg 1896; Low, Aramäische Pflanzennamen, Leipz. 1881, S.28ff.;
Stadler , Theophrast u. Dioscor., Abhandl. W. v. Christ dargebr., München 1891;
Dioscor. als Quelle Isidors, Wölfflins Ar eh. f. lat. Lexikogr. X 399 ff. ; Der lai.
Dioscor. d. Münchener Hof- u. Staatsbibl. u.s.iv., Janus IV 1899 S. 548 ff.; Allg.
medic. Central-Ztg. LXVIII 1900 Nr. 14 f.; Dioscor. Longobardus {Cod. Lat. Mo-
nacensis 337). Aus T. M. Aurachers Nachlass hrsg. u. ergänzt = Vollmöllers
Roman. Forsch. X 1896, S. 181 ff. ; Stark, Ueb. d. Pergamentcodex d. Dioskor. in
Wien, Beil. z. Allg. Ztg. 1872 Nr. 191; Stern, Ueb. d. Augenheilk. d. Pedanios
Dioskorides, Diss., Berl. 1890; Wellmann, Analecta medica, Jahrbb. f. ciass.
Philol. CXXXVII 1888; Die Pflanzennamen d. Dioskur., Hermes XXXIII 1898
S. 360 ff.
C. Plinius Secundus, der Aeltere, ward 23 n. Chr. inComum
(Como) geboren und kam durch den Ausbruch des Vesuv 79 ums
Leben. Von seinen umfassenden Arbeiten über geschichtliche, philo-
logische, taktische und naturwissenschaftliche Fragen kommen hier nur
die letzteren in Betracht. Sie sind in dem im Jahre 77 Kaiser Titus
überreichten encyklopädischen Sammelwerke „naturalis historia" in
37 Büchern niedergelegt. Buch I enthält das Inhalts- und Quellen-
verzeichnis zu dem Werke, II— VI Mathematisches, Physikalisches,
Geographisches, VII Anthropologie und Physiologie, VIII— XI Zoologie,
XII— XIX Botanik, XX— XXVII vegetabilische Heilmittel, XXVIII—
XXXII animalische Heilmittel, XXXIII— XXXVII Mineralogisches
unter Berücksichtigung der medizinischen Wirkungen. 20000 wissens-
werte Dinge sind beschrieben (praef. 17) auf Grund der Lektüre von
etwa 2000 Bänden der rund 100 exquisiti auctores. Das Register
(Buch I) enthält am Schlüsse der Inhaltsangabe zu den einzelnen
Büchern die vollständige Quellenangabe nach den Abteilungen: ex
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 349
auctoribus und externis, im ganzen 146 römische und 327 fremde
Autoren, allerdings unter Einschluss der nur selten einmal nach-
geschlagenen. Viele Schriftsteller las er nicht im Original, sondern
in Sammelschriften und Ueberarbeitungen oder Citaten. Plinius be-
vorzugt die römischen Quellen, so für Medizin den Pompeius Lenaeus,
aber der Zahl nach sind natürlich die Griechen bedeutend im Ueber-
gewichte. Bei der materia medica geht sehr viel auf Sextios Nigros
(d. i. Krateuas) zurück, und daher rührt die Uebereinstimmung mit
Dioskurides. Das Werk ist zwar im wesentlichen als abgeschlossen
anzusehen, aber es fehlt doch an Kritik. Widersprüche, Flüchtig-
keiten, Ammenmärchen sind mit glaubwürdigen, wertvollen Nach-
weisungen untermischt. Die Sprache ist sehr verschieden, manchmal
lebhaft und in grösseren Gedanken sich bewegend, manchmal trocken
und statistisch verzeichnend trotz der eingestreuten lebhaften Wen-
dungen. Medizinisch interessant ist Buch XXVI, handelnd von neu-
auftretenden Krankheiten, wie Mentagra, Karbunkel, Elephantiasis,
von der „neuen Medizin" des Asklepiades, von dem Charlatanismus
und Aberglauben, von den Mitteln gegen einzelne Leiden, z. B. Liehen,
Angina, Kropf, Husten u. s. w. ; Buch XXVIII mit seinen VQm Menschen
entlehnten Mitteln, der Dreckapotheke, den Wundermitteln; Buch
XXIX mit seiner Geschichte der Heilkunde: göttlicher Ursprung,
Hippokrates, Klinik und latraleiptika, Chrysippos, Erasistratos, Em-
piriker, Herophilos und sonstige berühmte Aerzte, Wandlung der
Medizin, die ersten römischen Aerzte, herbes Urteil der Römer über
sie, ihre Entartung. Als Quellen kommen wohl fast alle uns be-
kannten Aerzte vor, bei dem 29. Buche z. B. von Griechen: Botrys,
Apollodöros, Archidemos, Aristogenes, Xenokrätes, Diodöros, Chrysippos
Philosophus, Horos, Nikandros, Apollonios von Pitäne. Wie wertvoll,
namentlich als Nachschlagebuch, der Plinius ist, wird aus den vielen
Citaten in unserer Geschichte hervorgehen; zum Belege dessen kann
auch angeführt werden, dass Plinius z. B. gegen 40 Augenkrankheiten
bespricht. Plinius war stets ein beliebter Schriftsteller und wurde
daher vielfach excerpiert. Für uns ist die mittelbare Ueberarbeitung
durch SolTnus im 3.-4. Jahrhunderte genau so bedeutungslos wie
die unmittelbare Ueberarbeitung durch den namenlosen Verfasser der
Medicina Pliniana = Breviarium Plinii der ersten Hälfte des 4. Jahr-
hunderts ; ^) dieses Buch ist für Reisezwecke bestimmt. Der Beiname
Plinius Vaierianus beruht auf einer Erfindung von lovius (De piscibus
Romanis, Romae 1524, c. 35).
Wegen der Benutzung gleicher Quellen wurde eben Pedanios
Dioskurides aus Anazarbos oder Anazarba in Kilikien erwähnt.
Die Form Dioskurides ist besser als Dioskorides. Es sind 3 Dioskurides
zu unterscheiden, der schon besprochene D. Phakas von Alexandreia
(s. oben S. 295), D. o ylcüTTogyQdcpog, zu Beginn des 2. Jahrhunderts
n. Chr. lebend, Herausgeber und Erklärer des Hippokrates. und der
von Anazarba (Gal. XIX 105 f.). Sein Bild findet sich in den codd.
Constantinopolitanus und Neapolitanus zu Wien unter den 7 Aerzten,
deren farbige Bilder vorn abgemalt sind (Visconti, Iconographie
grecque, A Paris 1808, I 170 f.; Taf. 36). Er lebte vor Erotianos (ed.
Klein 85, 7 f.), also etwa zur Zeit des Nero ; denn auch aus de mat. med.
^) Plinii secnndi quae fertur una cum Gargilii Martialis medicina. nunc primuni
edita a Val. Rose, Lips. 1875. Litteratur bei Teuffel-Schwab lls 1038 f.
350 Robert Fuchs.
praef. geht hervor, dass Dioskurides ein Zeitgenosse des Laecanius
Bassus war (Tac, annal. XV 33). Plinius erwähnt ihn nicht, aber
daraus folgt nicht, dass er vor ihm gelebt haben müsste. Pedanios
(Phot. cod. 124 a 12), wofür einige Handschriften fälschlich „Pedacius"
setzen, deutet an, dass er das römische Bürgerrecht erlangte, und mit
Recht, denn er leistete zuerst, trotz seiner von Jugend auf vorhandenen
Vorliebe für die pharmakologische Wissenschaft, militärische Dienste,
vielleicht als Militärarzt. Hierdurch erhielt er Gelegenheit zum Be-
suche vieler Länder und zur Erweiterung seiner pharmakologischen
Kenntnisse. Doch darf man nicht annehmen, dass nun die in seinen
Werken niedergelegten Pflanzenbeschreibungen vollkommen wären;
dazu war er der älteren Ueberlieferung gegenüber nicht selbständig
genug. Die Quellen sind dieselben wie bei Plinius, besonders der
lologe Apollodoros, Sextios Nigros und somit zugleich Krateuas und
der Herophileer Andreas. Das erhaltene Hauptwerk, nsgl iJAi^c iatQL-aijg
= de materia medica, umfasst 5 Bücher und behandelt etwa 600
Pflanzen. Buch I enthält die Aromata, Oele, Salben und Bäume, II
die animalischen Stofi'e, Getreide- und Gemüsearten, III und IV Wurzeln,
Auszüge und Kräuter, V Wein und Mineralien. Eine strafi"e Disposition
fehlt, wennschon einzelne Familien, wie Gräser, Dolden- und Kreuz-
blütler, ziemlich zusammenstehen. Galenos wagt angesichts der, von
modernen Botanikern (Tournefort, Koch, Heldreich) praktisch be-
stätigten, Vortreff"lichkeit der Pflanzenbeschreibungen nicht mit eigenen
Leistungen hervorzutreten. Die Handschriften bieten entweder die 5
Bücher in ursprünglicher Anordnung (Paris, saec. IX; Marc. saec. XII;
Laur. saec. XIV) oder in alphabetischer Reihenfolge, ungeachtet der
Verwerfung dieses Prinzips durch Dioskurides (praef). Zu der letzten
Klasse gehören der Const. saec. V und der Neap. saec. VII. Beide
sind Abschriften eines Archetypus, der zwischen Galenos und Oreibasios
geschrieben worden ist. Cod. Const., für lulia Anicia, Tochter des
Kaisers Olybrios (f 472 n. Chr.), geschrieben, wurde von dem Gesandten
Busbecq nach Wien gebracht. Die Pflanzenabbildungen, höchstens 400,
sind dem illustrierten Krateuas (w. s.) entnommen.^) Der Text des
Dioskurides ist stark verkürzt, andererseits wieder durch Pflanzen-
synonyma erweitert. Von dem Werke besitzen wir folgende lateinische
ITebersetzungen : a) den Dioscorides de herbis femininis (Stadler), eher
eine Bearbeitung der gleichen Quellen als eine Uebersetzung, stets
illustriert und nur 72 Kapitel stark; b) die gleichfalls illustrierte,
aber wörtliche Uebersetzung aus der Gotenzeit (493 — 555 n. Chr.;
Rose, Anecd. II 115 ff., in der Münchner Handschritt mit 500 Bildern
mehr versehen als in den Wienern, also in dieser Beziehung im Mittel-
alter erweitert, in sog. langobardischer Schrift; c) die aus der saler-
nitanischen Schule hervorgewachsene, im Mittelalter überwiegende
Uebersetzung „Dyascorides", auf b beruhend, aber aus Oreibasios,
Gargilius Martialis, Pseudapuleius, Galenus ad Paternum, Isidorus etc.
bereichert, alphabetisch angeordnet und stilistisch geglättet. Die letzt-
genannte Kompilation (Well mann S. 373) besteht aus: 1. den Bildern
des Krateuas, 2. den Synonymenverzeichnissen eines den Pamphilos
ausbeutenden Interpolators, 3. dem Dioskuridestext, gelegentlich mit
Parallelen aus Krateuas und Galenos. Alles dieses ist vor Oreibasios,
aber nach Galenos zusammengeflossen (S. 375). Als interpoliert sind
^) Choulant, Naumanns Arch. f. d. zeichnenden Künste I 56 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 351
anzusehen fast alle lateinischen Synonyma, ferner die gallischen,
tuskischen, sicilischen. dakischen, dardanischen, ägyptischen, spanischen,
afrikanischen, armenischen, syrischen, marsischen und die auf die
Propheten Zoroaster und Osthanes zurückgeführten. Aehnliche, etwas
vollständigere Reihen hat der von demselben Sammler ausgearbeitete
Pseudapuleius. Die Codices befinden sich in Paris, Bologna, Rom, Leyden
und Erfurt. Das 2. Werk, die evnÖQiOTa (= leicht erhältliche Arznei-
mittel), ist unecht (anders E. Meyer, Hirschberg) und will dem
Oreibasios nicht gefallen (eupor. praef = V 559 f ). 3. neql örjXrjTrjQiwv
(paQixaAtov = Gifte und 4. /t. loßöltov, iv tj» yiai rt. Ivooibviog -/.wog
(= Verderbliche Tiere; darin wird auch von tollwütigen Hunden ge-
handelt) gelten dem Photios (cod. 178) als 6. und 7. Buch der vlri\ wenn
sie Sprengel dem Dioskurides aus Alexandreia zuschreibt, so ist das
eine unbeweisbare Vermutung. Unecht ist auch : tt. (pciQuä-Acov efirteiglag
(Tri arte, Bibliotheca Matritensis 435).^) Wertvolle Beiträge zu Dios-
kurides würden sicherlich die bisher unbenutzten hebräischen, syrischen
und türkischen Paraphrasen liefern. Es kommen hierfür z. B. cod.
Monac. hebr. 231 und Leydener Codices -) in Frage. Bei "den Türken
hat Dioskurides noch heute dieselbe vorherrschende Stelle inne wie in
Mittelalter und Neuzeit im Abendlande. Galenos rühmt die pharma-
kologischen Kenntnisse des Dioskurides, wirft ihm aber Unkenntnis
der griechischen Sprache vor (XII 330), gewiss mit Unrecht. Die
Neueren haben sich fast ausschliesslicli mit der dioskurideischen
Ophthalmologie befasst.=^) Er berücksichtigt: TtiQuodwiai = Ciliar-
neuralgie, dövrai = Schmerzen ; ocp^alftia = Augen- bezw. Bindehaut-
entzündung, (pktyf.iovai, QtvuariO(.i6g = Fluss, oi'dij/m = Chemosis,
TttsQvyiov = Flügelfell ; LiioxoToCna = Verdunkelung, fX/.rj = Horn-
hautgeschwüre, agyma = Weissling = Phlj^ktänen, •/.oiXw/.ia u. ä. =
Hohlgeschwür, fp'Av/.Taiva u. a. = Hornhautpustel, ov/mI = Horn-
hautnarben, }.evyM(.ia =^ weisse Hornhautnarbe, agye^ta y.ai äx^ves (feine
Narben) der Hornhaut, vscpeliov = Hornhautfleck; oräcpvlw(.ia = Iris-
vorfall ; ^riQO(pd-aKi.iict, oy.lriQO(p&aluia, uvdr^asig = Triefen, ifJiogofp^aXfiia
u. ä., -/.vr^aiiiög = Jucken, y.av^ol ß^ßgcüjnavoi u. ä. = Blepharitis angu-
laris, TQdxco/iia u. ä. ; sonst verdienen noch Erwähnung /mlcpal =
Wimpermangel, vml>7na = Lidbrauschen, gfi^ig = Augapfelzerreissung,
alyilioxp u. ä. = Thränensackabscess, rrgÖTitwoig = Vorfall, dfißXvtoTria,
vvAxalojxp = Nachtblindheit (?), änoylctv'/xooig = Amaurose mit Pu-
pillentrübung, vTiöyvoig = Star. Als Mittel empfiehlt er u. a.: Eigelb
und Eiweiss, Sesam, Basilienkraut, Raute, Wermut, Wegerich,
Granatapfelbiüte, Mohn, Bilsenkraut, Königskerze, Ricinus, Eisenstein,
Betel, Weihrauchruss, Bohnenmehl, frischen Käse, Mehl, Linsen, Gurke,
Enzian, Sellerie, Harze, Hirschhorn, Butter und Fette, Kupferhammer-
schlag u. ä., Blei, Milchstein, Samische Erde, Gummi, Knurrhahngalle,
gebrannte Muscheln, Knabenurin, Salzblüte, Grünspan, Hefe, Zwiebel-
saft, und zwar als Salbe auf Auge und Stirn, Uebergiessung, Um-
schlag, Einträuflung, Räucherung und Klebmittel. Innerlich reicht er
zur Unterstützung Kümmel in Wein oder Wasser, Mohnköpfe u. a.
^) Choiilant, Graphische Incunabelu f. Natnrgesch. u. Medic, Lpzg. 1858
o. XII.
2) Israel, Henschels Janus II, Breslau 1847 S. 814: Ali ben Redhwan, Columua
radicura s. Fundamentum medicinae aus dem Jahre 1307.
^) Hirse hberg, Gesch. d. Augenheilk. = Gräfe-Sämisch, Handb. d. gesamt.
Augenheilk., 2. Aufl., II. Teil XII. Bd. XXIII. Kap., Leipz. 1899 S. 212 ff.
352 Robert Fuchs,
Aetios (II 3, 96) ziert seine Schrift mit dioskurideischen Augenkata-
plasmen und führt Mittel gegen die Epilepsie (II 2, 16) und gegen
Fieber an (II 1, 88).
Nachdem durch die Betrachtung der beiden wichtigsten Pharma-
kologen der Griechen und Eömer eine feste Grundlage für die Be-
handlung der antiken Pharmokognosie geschaffen worden ist, lenken
wir unseren Blick rückwärts auf die Pharmakologen aus früherer Zeit,
denen jene ihre Bedeutung verdanken, von denen uns aber nur spär-
liche Bruchstücke geblieben sind.
Kurz vor Erasistratos schrieb Ophion unter Benutzung von
Diokles über Pharmakologie (Plin. 20, 34; 22, 80 = Diosc. m. m. II 167;
W e 1 1 m a n n , Hermes XXIV 1889, 565 ff.). D i a g o r a s i) von Kypros,
Quelle für Plin. XII f.; XX— XXVII; XXXIII— XXXV, wurde eben-
falls von Erasistratos citiert (20, 198; 200; Diosc. m/m. IV 165). Nach
Erotianos (ed. Klein p. 108) erklärte er den hippokratischen Ausdruck
ifSQÖvri = Apophyse. Ein Collyrium dia rhodon = Eosenmittel kennt
Oreibasios (V 880, nur lateinisch). Andron, unbekannter Herkunft,
wurde von Herakleides, TtQog 'AvTioxLda (Gal. XII 983 if.) citiert.
Schönemann -) möchte ihn mit Andreas (S. 292 f.) identifizieren. Er
schrieb sicher über Arzneimittel und wahrscheinlich 7C. arscpavcov =
lieber Kränze (Athen. XV p. 680 E). Sein rgoxioycog '= pastillus von
adstringierender Wirkung wird in der späteren Zeit noch verschrieben
(Orib. II 440; V 791; 910), wenngleich in verschiedenen Spielarten:
Geis. V 20, 4 gegen Zäpfchenentzündung, fötide Geschwüre der Geni-
talien und Krebs; VI 18, 2 gegen Erkrankung der Eute; VI 14 gegen
Zäpfchenerkrankung; Gal. XIII 834; Cael., de m. ac. III 3 p. 186: An-
dronis et Polyidae ofpqayLg = gestempelter Pastill gegen nachlassende
Synanche. Galenos, der den Zusatz von Eindsgalle billigt (XII 276),
verschreibt ihn auch bei Ohreiterung (VI 440). Sonst erwähnt Ga-
lenos (Index) Mittel gegen Herpes, Fici des Kinns, Gangrän und
Hämorrhagie. Dass er Empiriker gewesen sei (Wellmann bei Suse-
niihl I 828 A. 320), folgt um so weniger aus den Eezepten, als von
Hippokrates an Angehörige aller Schulen dieselben Bestandteile sehr
häufig anwandten. Auch das Eezept gegen Karbunkel, Erysipelas
und Efflorescenzen bei Scribonius (63) giebt leider nicht den mindesten
Fingerzeig. Lediglich durch einen ähnlichen Pastillus und als fast
steter Begleiter des Andron ist Poiyeides bekannt (z. B. Orib. II 440).
Sein TQoxtaKog = acpQayig, ein Wundmittel, „celeberrimus est" (Gels.
V 20, 2). Er wird in wunderlicher Orthographie noch von Oreibasios
(V 789; 910, nur lat.) und dem Anonymus yr. toßöhov xal drjlr]TrjQicov
(p(XQuccy.cov ") empfohlen. Er kann, aber muss nicht in augusteischer Zeit
gelebt haben ; letzteres nimmt W e 1 1 m a n n (a. a. 0.) an. N e i 1 e u s , auch
Nileus genannt, lebte vor Herakleides von Taras (W e 1 1 m a n n , Hermes
XXIII 1888, 560), der seine Behauptung von der dauernden Eeponier-
barkeit des Femur wiederholte. Dass er unter die ,.sehr Berühmten"
gerechnet wird (Gels. 8, 20), beruht im wesentlichen auf seiner Eezeptier-
kunst. Sein vorzügliches Malagma bestand u. a. aus Safranrückstand
^) Houdart, Histoire de la medecine grecque depuis Esculape, Paris 1856,
261 ff.
^) De lexicographis antiquis qui reruin ordinem secuti sunt quaestiones praecur-
soriae, Diss., Hannoverae 1886 S. 97 Anm. 3.
■n Rohde, Ehein. Mus. XXVIIl 1873, 270: Kühn, Additamenta u. s. w. XXIV
1836 S. 3.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 353
{/.Qo-/.(')(.iayf.ia), Animoniakguinmi, Wachs, Essig und Rosen (Cels. V 18, 9;
Gal. XIII 181 ; Paul. Aeg. VII 18). Caelius (ac. m. II 29 p. 142) be-
richtet, dass es einzelne Aerzte bei Lungenentzündung auf Brust und
Rücken auflegten. Im Wettstreite mit dem Malagma steht das milde
Augencollyrium (Cels. VI 6, 11; VI 6, 8 f.; Gal. XII 765; 806; Paul.
III 22 u. ö.), das beste nach allgemeinem Urteile (Cels. VI 6, 10), wenn-
schon es Demosthenes (darum oft: Nileum Demosthenis) verbessert zu
haben scheint. Das komplizierte Mittel besteht u. a. aus Baldrian,
Mohnsaft, Gummi, Safran und Rosenblättern und wird darum auch
unter dem Namen to öia qööcov (Aet. 7, 32) gegen Lidkarbunkel ver-
ordnet. Verschiedene tTti^f/KaTa = Mittel zum Auflegen hat Oreibasios
aufgenommen (V 905). Wie Nymphodöros (= Nymphodötos nach
Schneider, Nic{\ndrea 184A.) und Protarchos erfand Neileus eine
Streckbank (Trlivd-iov), auch für den Femur (Cels. 8, 20; Orib. coli,
med. 49, 4 = IV 342; 49, 7 = IV 357 ff.; Abbildung IV 693). Helio-
döros ist für Oieibasios die Quelle. Den Apparat verbesserte der
Mechaniker Herodotos (IV 358). Nymphodöros stellte ein Mittel gegen
den Kropf nach Andromachos' Angabe zusammen (Gal. XIII 926); eine
ähnliche Foimel hat Paulos 7, 12. Plinius, der ihn als Quelle für
Buch XXXIII- XXXV citiert, berichtet, dass er den Galmei (cadmia;
34, lOOif.) gleich lölas gebrannt, in Chierwein gelöscht, zerstossen, ge-
seiht, pulverisiert, in Regenwasser verteilt und therapeutisch ver-
wendet habe. Ausser dem Streckapparat für den Femur (s. oben) er-
fand er ein yXcoaoöy.ofiov zur dauernden Extension (Orib. coli. med.
49, 4 = IV 342; 20 =399 ff.; Abbildung IV 694), das der Vater des
Pasikrätes, der Mechaniker Aristion, verbesserte. Der auch chirur-
gisch thätige (s. oben) Protarchos erfand ein Malagma für Parotitiden,
Melikeris = Favus, andere Geschwülste und schlimme Geschwüre (Cels.
V 18. 18), das beste Krätzemittel (V 28, 16 f.) und ein Rezept gegen
Papeln (18). A n ton i u s M u s a (s) wird unter den Römern besprochen
werden. Maenius Rufus wird zur Zeit des Celsus über Pharmako-
logie geschrieben haben (Gal. XIII 1010). Philo n gab dem rpih'oveiov
= Philonium bis in spätarabische ^) Zeiten seinen Namen. Nach Celsus
(VI 6, 3) enthält es Bleiweiss, Ofenbruch, Gummi, Mohnsaft mit Wasser
oder anderer Flüssigkeit (Gal. XIII 267 ff.). Dieses Antidot ist schmerz-
stillend (VIII 84; vgl. X 818; XVII, II 331). Ein ähnliches Mittel
steht XIV 6, ein simplicissimum bei Orib. eupor. IV 141 = V 792.
lulius Bassus schrieb griechisch über Pharmakologie und wurde
daher von Plinius (Index XX - XXVII) als Quelle angegeben. Er
war der Freund des jüngeren Nigros (Cael. Aur. ac. m. III 16 p. 233)
und hat den charakteristischen Namen 6 itioUvg (Gal. XIII 1033). Dios-
kurides (de m. m. praef.) zählt ihn neben „Nikeratos, Petronios,
Nigros und Diodotos" zu den Jüngeren, denen er wegen des populären
Stoffes, des Mangels an Experimenten, der vergeblichen Begründung
der Arzneiwirkungen und wegen der Verwechslung und Weitschweifig-
keit nicht viel Wert beimisst. Sein axo7iov = Mittel gegen Schwäche
findet sich bei Galenos (XIII 1017 f. ; 1033), ebendort ein Kollyr (XII
780) und ein Katapotion (XIII 60). Auch Scribonius Largus beruft
') Zum Philonium Romanum s. Janus IV 1899 S. 449; zum Ph. Persicum hei
Mesue 1. 1 ; zum Ph des Avicenua: Dozy, Supplement aux dictionnaires arabes
IT 282. Die 26 Distichen finden sich als ^ <Pilu)vo?, dvriSoios hei Bussemaker,
Poetarum de re physica et medica reliquiae, Paris 1851.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 23
354 ' Robert Fuchs.
sicli auf ihn. Oreibasios V 133; 873 f. überliefert den Cygnus Bassi
(„Schwan"). Galenos (XIII 278; 280) legt ihm Colica bei, nennt ihn
aber TuUiusJ) Bei Hydrophobie verordnete Tullius Bassus u. a.
Niesmittel und Klystiere (Cael. a. a. 0.). Scribonius Largus,-)
nach Largius Designatianus fälschlich Designatianus zubenannt, schrieb
seine Compositiones in jetzt noch 271 Rezepten um das Jahr 47 n. Chr.
Seine Lehrer waren Tryphon und Apuleius Celsus von CenturTpae
(Buche 1er, Rhein. Mus. XXXVII 321 ; Scrib. 175; 94; 171). Letzterer
behielt bei seinen Lebzeiten die Komposition seines Hauptmittels für
sich. Bücheier deutet an, dass auch Scribonius aus Sicilien stammen
möchte. Er begleitete 43 n. Chr. den Kaiser Claudius nach Britannia
(163) und fertigte für Messalina (f 48) ein Rezept an (60). Sein
Porträt beruht auf Erfindung (Janus II 1897, 611). Die Compositiones
sind an den zu Macht gelangten Freigelassenen des Caligula, G.
lulius Callistus (151; 271) gerichtet, der um Aufzeichnung der von
Scribonius erprobten Mittel gebeten hatte, und wurden mit der Wid-
mung an Kaiser Claudius veröifentlicht (22 ff.). Die Sprache ist, da es
sich um ein ärztliches Taschenbuch handelt, schlicht und vielfach mit
Vulgarismen, ja ßarbarismen durchsetzt (Helmreich p. IV f.). Die
Reihenfolge ist die typische, vom Kopfe zu den Füssen herab. Unter
den Quellen •^) sind ausser den Römern zu nennen : Hippokrates, Hero-
philos, Asklepiades, Andron, Euelpistos, Meges, Zopyros, Philonides,
Bassos; doch hütete sich Scribonius auch vor abergläubischen Mitteln
nicht. Er beschreibt zuerst die Gewinnung des echten Opiums.
Bei Kopfschmerz applizierte er Zitterrochen. Galenos hat eine grosse
Anzahl Rezepte berücksichtigt (s. Index). Als Ersatz für die ver-
lorene Handschrift des Ruellius^) dient des Marcellus Empiricus
Sammlung, die wegen der Wundermittel und der sog. Dreckapotheke
auf niedriger Stufe steht. Alle Vorgenannten überragt weit Sextius
Nigros, des Bassos Freund (s. oben). Den Pharmakologen hält
Teuffei (a. a. 0. I5 628 ff.) für den Philosophen Q. Sextius, den Vater,
obwohl dieser nie den Beinamen Niger erhält und die Annahme, es
sei der Sohn gewesen, in der Chronologie (etwa 50 n. Chr.) mehr
Unterstützung fände. Im Canon medicorum Laurentianus heisst er
Sextius, bei Galenos (seine pharmakologische Schriftstellerei wird XI
797 als dem Krateuas und Herakleides von Taras überlegen bezeichnet)
einfach Nigros, bei Gargilius Martialis (Rose, Anecd. II 129) Sextilius
(Ps.-Plin. : Sextius) Niger, sonst bloss Sextius. Plinius hat zu Buch XII
die Quellenangabe: „Ex . . . Sextio Nigro, qui Graece de medicina
scripsit" und benutzt ihn auch für Buch XIII — XVI; XX— XXX;
XXXII— XXXIV; 32, 26 mit der lobenden Bezeichnung „diligentissi-
^) Die Gründe für lulms und Tullius wägen ohne Ergebnis ab: Car. Gottl.
Kühn, Opuscula II 157; E. Meyer, Gesch. d. Bot. II 44 ff.
^) ed. Ruellius, Basileae 1529 ist die editio princeps; in Medici artis principes
ed. S t e p h a n u s ; ed. Rhodius, Patavii 1655 (mit Wörterbuch) ; ed. B e r n h o 1 d , Argen-
torati 1786; ed. Helm reich, Lipsiae 1887. Vgl. Proben aus einem Kommentar
Sperlings bei Kühn ,Progr., Lipsiae 1825—27; E. Meyer, Gesch. der Bot. II 21 ff.;
Helmreich, Blätter f. d. (bayer.) Gymnasialschuhvesen XVIII 385 ff. ; Bücheier
a. a. 0. ; Rinne, Das Receptbuch des S. L., zum ersten Male theilweise ins Deutsche
übers. = Kobert, Hist. Stud. aus dem Pharmakol. Institute d. Kais. Univ. Dorpat
V 1 ff., Halle a. S. 1896.
•"') Aufzählung bei Teuff el-Schwab, Gesch. d. röm. Lit. II 5, Leipz. 1890
S. 717.
*) Köhler, Hermes XVIII 1883 S. 382, A. 1.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 355
mus". Erotianos (ed. Klein 94) nennt sein Werk negl vXrjg = de ma-
teria sc. medica. Dieses war besonders auf Krateuas (=I)iokles) auf-
gebaut und wurde von Plinius und Dioskurides, welch letzterer die
Quelle verschweigt, aber auch von Macer Floridus (1963: Sextus
Niger) gebührend gewürdigt. ^) Dass eine florentinische Büste zu
Unrecht nach ihm benannt werde, erwies Eobert (Hermes XVII
1882 S. 135 if.). Ebenfalls im Index Plini XX— XXVII erscheint unter
den „medici" Petronios Diodötos, bei Dioskurides (de ra. m.
praef.) aber steht zwischen Petronios und Diodötos: Nigros, es sind
also 2 Aerzte, genau wie bei Erotianos (ed. Klein 98): iTeTQwvwg kv
vXmalg xal Jiodorog h ß' /^ivdokoyiKwv. Plinius 20, 77 citiert die
avd^oloyov(.ieva (= Kräuterbuch) des Petronios Diodötos (vgl. 25, 110;
Nicand. ther. 94 schol.). Zu E. Meyers Vermutung (a. a. 0. II 44 ff.),
der unter Diodötos den Petronios Diodötos und unter Petronios den
Petronios Musa(s) verstehen will, ist angesichts der Verwirr^ng schwer
Stellung zu nehmen; Plinius wdrd doch seine Quelle richtig haben
abschreiben können. -) Einen Pastillus des Petronios des Namens
„Tugend" (d. i. von tüchtiger Wirkung) verzeichnet Galenos (XIII
831). Nikerätos, der ein Buch naQi -/.aTakrjifjsog schrieb (Cael. ac.
m. II 5 p. 376), wurde von Plinius bei der Beschreibung der „medi-
cinae ex aquatilibus" (Buch XXXI) ausgezogen. Galenos überliefert
von ihm Mittel gegen Wasserscheu, Ohrenschmerz, Atemnot, Gelbsucht
(Nasenmittel), ein Kezept zur Uriuanregung, eine Latwerge, ein Ma-
lagraa, ein „invar/jQiov" genanntes Mittel und einen Korallenpastillus
(Index). Was Dioskurides über Bassos sagt, gilt auch von Nikerätos.
Zu den „vetustiores", die Epileptische mit Riechmitteln und Kly-
stieren heilen wollten (Cael. m. ehr. I 4 p. 323), gehört auch
Menekrätes von Zeophleta, vor dem Leibarzte des Nero, Andro-
machos, lebend (Gal. XII 989). Auf einer Inschrift (Inscr. Graec.
Sicil. ed. Kaibel 1759) steht der volle Name des Freigelassenen: Ti-
berius Claudius Quirina MaveY.QdTi]g\ Kuireina bezeichnet die tribus
der Kaiser Claudius und Nero; mit C. Stertinius Xenophon hat dieser
Arzt trotz Kaibel nichts zu thun. Der Titel aözongdtioQ öloyqdfAf.iaTog
ä^LoUycüv fpaQi-idxiüv (Gal. XIII 995; XIV 32; XIII 502 f.) == „Kaiser,
von Abkürzungen freies (Buch) beachtenswerter Heilmittel" bedeutet,
dass das Buch dem Claudius gewidmet war und Massbestimmungen
in vollen Lettern darin standen, um unheilvollen Verwechslungen vor-
zubeugen. Galenos kennt von ihm eine Wachspaste (XIII 937), ein
exkoriazierendes Mittel (XII 846), ein Stomaticum (XII 946) und das
berühmte öia y^ilcbv = e sucis, ein Bleiglättenpflaster mit Kräuter-
auszügen (Gal. XIII 995 ff.; Cael. ac. m. II 18 p. 123 u. ö.), in späterer
Zeit diaquilon, diaculon u. s. w. genannt. In der Inschrift werden ihm
im Ganzen 156 Werke beigelegt, und er wird als „Stifter einer eigenen
wirklich logischen (= dogmatischen) Aerztesekte" bezeichnet (vgl.
Briau, Revue archeologique XLIII 1882, 203 ff. ; Ray et, Annuaire
de l'association pour l'encouragement des etudes giecques IX 273).
Um 70 n. Chr. schliesst sich Xenokrates^) von Aphrodisia(s) an,
^) Well mann, Sextius Niger, eine Qnellenuntersuchung' zu Dioskorides.
Hermes XXIV 1889 S. 530 ff.
2) Well manu, Fleckeisens Jalirbb. f. class. Pliilol. CXXXVII 1888 S. 154 ff.;
May hoff, Novae lucubratioues Pliuianae, Lips. 1874 S. 7ff. ; auch schon Jahn,
Sitz.-Ber. d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Leipzig, phUos.-hist. Cl.. 1850 S. 277 ff.
*) ed. Franzius, Francof. et Lips. 1779; Parisiis 1814 (ed. Coray); Physici
et medici Graeci minores ed. Ideler, Lipsiae 1841, I 121 if.
23*
356 Robert Fuchs.
den Plinius für Buch XX — XXIII; XXXITI f. und, wenn „Xenocrates
Zenonis" etwa ebenderselbe sein sollte, auch für XXXV und XXXVII
ausgebeutet hat. Sein erdichtetes Porträt findet sich in den Wiener
Dioskurideshandschriften (Montfaucon, Palaeographia antiqua 199).
Auf Antrag des Piaximenes wurde er von den Koern durch einen
Ehrenbeschluss gefeiert.') Er schrieb: 1. ntQ) TT]g äno tGjv Cqnov
TQorpfig = „Animalische Nahrung", woraus das Stück über die Nahrungs-
mittel von Meertieren [rt. x. a evvÖQwv t.) u. a. bei Oieibasios (coli,
med. II 58 = I 124 ff.; XV 3 == II 739 f.) erhalten und bei Ideler-)
abgedruckt ist; 2. über die materia medica {Tag oiojnaoiag nlbv fpaQi.tdyf.wv,
Gal. XIX 105; XI 793). Er gab sich mit Piatons Lelirmeinungen
ausführlich ab (XIX 226). In seinem Arzneischatze finden sich viele
Geheim- und Wundermittel, z. B. Trompeten- und Purpurschnecken
als Kataplasma ( t{.i7t'kaoxQtiv ; Orib. II 739 f. ) ; Gehirn, Fleisch, Leber, Kopf-,
Unterschenkel- und Fingerknochen des Menschen, teils roh, teils gebrannt,
Gal. XII 248; Blut, Urin, Kot, Samen^) u. s. w. des Menschen und Körper-
teile des Nilpferdes und des Elefanten (250); Fledermausblut, dessen
haarzerstörende Wirkung bei den Achselhaaren Galenos als lügenhafte
Erfindung zurückweist (XII 258); Schweiss, Urin. Menstrualblut, Ein-
reibung von Mund und Kehle mit Menschenkot, Genuss dieser Mittel
und des Ohrenschmalzes (249). Besser sind die wirklichen Rezepte,
die Galenos anführt, z. B. das Anodynum XIII 90; das Mithridation
XIV 164; das Trockenmittel aus Erven, cephalicum, XTII 846; das
Ohrenmittel XII 627; ein zerteilendes Emplastrum XIII 439; 931; der
modifizierte Theriak des Andromachos XIV 260; sein Trochiskos gegen
Katarrh, Orib. V 911; das smigma ^ of.iij'yf.ia, Schmiermittel, V 916.
Noch Macer Floridus (984 f) weiss von des Xenokrates Behauptung,
dass die Regel soviel Tage aussetze, als die Betreffende Koriander-
körner eingenommen habe. Der ältere Andromachos '^) stammte aus
Kreta und war äQyjaTQOi^ des Nero (Gal. XIV 2; 211); sein Sohn, der
jüngere Andromachos, lebte unter den Flavii. Häufig fehlt eine nähere
Angabe, welcher von beiden gemeint ist. Der Vater ist berühmt wegen
seiner O-rjQtu/.ij öi' lyjövwv i) -/Mlovi-thrj yaXiji'rj = „Windstille" (Ruhe)
genannter Viperntheriak, in 174 elegischen Distichen beschrieben (Gal.
XIV 2ff; 24 ff.; 32 ff.; 270) und bei Galenos, Aetios (IV 1) aufge-
nommen; Text bei Bussemaker, Poetarum de re physica et medica
reliquiae, Parisiis 1851, und bei Ideler I 138 ff. Das aus etwa 60
Stoffen zusammengesetzte Mittel machte dem Mithridatiou Konkurrenz
und wurde von Antoninus Plus täglich genossen; er gab den Aerzten,
Droguisten und vornehmen Laien das Privilegium, den Theriak zu
bereiten (Gal. a. a. 0.). Der Sohn schrieb 7t. cpaQ^iäyttov oxevaolag (über
Arzneibereitung) in 3 Büchern; im 1. beschrieb er die Mittel gegen
äussere Leiden, im 2. die gegen innere, im 3. die Augenmittel (Gal.
XIII 463; 427; 441). Galenos zog ihn in seiner Pharmakologie mit
*) Herzog, Koische Forschungen u. Funde. Leipz. 1899 S. 20.
*) Vgl. das Stück über den Ziegenbock aus Buch I bei Gal. XII 261.
^) Er unterschied sogar die angeblichen Wirkungen des männlichen Sperma an
sich, als auch die solchen Spermas, das durch £y.()vai~ beim Weibe wieder abgegangen
war (Gal. XII 250).
*) Schediasma ad theriacae Andromachi singularia, Leszniae 1642; Kühn,
Additamenta ad elenchum medicorum veterum etc., Lipsiae s. anno, II; 0. Schnei-
der, De Andromachi Archiatri elegia, Philologus 1858; Sprengel bei Ersch und
Gruber, Allgem. Encyclop. IV 36.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 357
Vorliebe heran (XII 378 ff. ; XIV Iff.) und schöpfte aus ihm sein
2. Buch 7t. divxi66xi.ov (XIV 106 ff). Galenos (XIII 441 f.) wirft ihm
vor, dass er die Bereitung, Anwendungsweisen und Wirkungen der
Mittel vernachlässigt habe ; offenbar geht er, wie so oft, darin viel zu
weit. Natürlich hatte auch Andromachos seine Vorgänger gehörig
benutzt, u. a. den Hikesios (XIII 809 ff.), Archigenes und Athenaios.^)
Die von Galenos (XII; XIII; XIV, s. Index) erhaltenen Rezepte be-
treffen u. a. : Kahlköpfigkeit, Zerschlagenheit , böse Geschwüre,
blutende Wunden, Anusleiden, Soor, Kolik, Ohrenschmerzen, Ischias,
Nieren- und Magenleiden. Husten, Zahnweh, Atemnot, Ruhr, Nerven-
schmerzen, Blutspeieii, Leberleiden, Rose und gehören zu den: acopa,
melina, emplastra (epulotica, polychresta u. a.), anodyna, antidota,
arteriaca, hedychroa, stomatica, malagmata, panacea, pastilli. Den
Antidoten setzte er Cassienrinde bei (XIV 73). Erotianos widmete
dem Andromachos sein Glossar (ed. Klein p. 29). Ein wertloses Por-
trät findet sich Janus II 611. Ein unmittelbarer Vorgänger des
älteren Plinius (25, 87 ) war S e r v i 1 i u s D a m o k r ä t e s.'-^) Er schrieb :
1. einen llvd-iMc, = Pythisches Buch,-*) woraus 18 bezw. 26 lamben,
je ein Zahnpulver behandelnd, uns geblieben sind (Gal. XII 889 ff.);
2. einen (piliatgog = Heilkundenfreund (medicinae Studiosus; Gal.
XIII 40), woraus 38 lamben über das öia -moöiwv = Mohnmittel übrig
geblieben sind ; 3. einen /.hviy.ög, der in einem Buche in iambischen
Versen 3 Hüftwehmittel behandelte (Gal. XIII 349) und aus dem 47
iambische Verse über die ißr^gig == Lepidium Iberis (?) auf uns ge-
kommen sind (Plin. 1. 1.; Gal. XIII 349 f.); 4. ein Buch über Anti-
dotenbereitung in Versen (XIV 260); vermutlich hat er aber noch
andere Werke verfasst. Plinius führt ihn zu Buch XXIX als Quelle
an und giebt wieder, wie er Considia, die Tochter des M. Servilius,
dessen Freigelassener er war, behandelt hat. Zwei Arten Umschläge
bei Nierenleiden giebt Galenos an (XIII 223 f.; Studemund 26ff.).
Eigentümlich ist für Damokrates die Polypharmacie , die sich in
komplizierten Rezepten ausspricht (XIII 915). Sein Theriak wich
von dem des Andromachos ab (XIV^ 90 f.; 260) und wurde noch von
Aetios gelobt (IV 1, 111; Democratis steht im lateinischen Texte).
Er mischte nämlich Vipern bei (vgl. XIV 2 m. 232 f.; XIII 909; XIV
259 ff). Das Diachylon des Menekrates behandelte er in Trimetern
(Gal. XIII 996). Aglaias^) (bei Phot. Bibl. cod. 128,40: 'J-ylaidag)
aus B3^zantion lebte wohl auch um die Mitte des 1, Jahrhunderts
n, Chr, Unter seinem Namen ist in elegischen Versen ein „Mittel
gegen beginnenden grauen Star (vTtoyvoeig) des sehr vornehmen Byzan-
tiners A., der sein Geschlecht auf Herakles zurückführt, Schülers des
Alexandros, Mitschülers und Freundes des Demosthenes" erhalten, das
eine späte Fälschung zu sein scheint.^) Aetios (7, 50) lobt diese vyQd.
') Wellmann, Die pneumat. Schule bis auf Archigenes, Berl. 1895 S. 8 f.
^) Damocratis Servilii quae supersunt carmina raedicinalia ed. Harlesius,
Bonnae 1833; Ilberg, Verh. d. vierzigst. Versararal. deutsch. Philol. u. Schul-
männer in Görlitz 1889, Leipz. 1890 S. 395 (Litteratur) ; Studemund, Index
lectionum Vratislaviensium 1888^89, eine Busse maker (a. a. 0.) weit überlegene
kritische Ausgabe.
'') Weil ihm der pythische Gott diese Rezepte verriet (Studemund 17).
*) Text bei Kühn, Addit. II; Sichel, Revue de philologie II 1846; Busse -
maker a. a. 0.; Textkritik bei Haupt, Coniecturen über A. = Hermes VIII
1873 S. 7 if.
5) Henschels Janus I, 1846, 862 if.
358 Kobert Fuchs.
Den Eeigen scliliesst der Arzt und Botaniker Pamphilos^)
g-eg-en Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. Er ist sowohl von dem
Salbenhändler (Gal. XIII 68), als auch von dem berühmten Ari-
starcheer, dem alexandrinischen Grammatiker, zu trennen. Galenos
nennt ihn unter den letzten der vscotsqoi (XI 796) zusammen mit
Archigenes (unter Traianus). Dioskurides von Anazarba erwähnt ihn
nicht, wohl aber der gleichnamig-e Glossograph des Hippokrates, Dios-
kurides (w. s.; Gal. XIX 63 f.; Wellmann, Hermes XXXIII 1898
S. 369 ff.). Seine Schrift hiess nach Suidas sUöveg {twv ßoravCov} xara
oTOL^üGv == Geheimnamen der Pflanzen in alphabetischer Eeihenfolge.
Galenos (XI 792 ff.) nennt das Werk ^sqI ßoxavwv in 6 Büchern und
tadelt, dass der Verfasser als Grammatiker nie gesehene Pflanzen bloss
auf Grund der Litteratur beschreibe, alles kritiklos hinnehme, was
andere sagten, und zweckloserweise eine „Masse" (TcXfjd-og) Namen
beigefügt habe; er ist also die Vorlage der Synon5'menliste des alpha-
betischen Dioskurides, Pseudapuleius de herbis, Hesychios (Well mann
a. a. 0.). Galenos tadelt auch im einzelnen mancherlei, z. B. XII 31
das über die Klematis Gesagte und dass er die märchenhafte Pflanze
„Adler" (d^rdg) einem der ägyptischen hermetischen Bücher über die
36 heiligen Kräuter entnommen haben wollte (XI -797 f.); das sei
alles „leeres Gerede" (h'jQog).-) Mehr erfahren wir von der Arznei-
mittellehre des Pamphilos, tt. cpag^idmov (Gal. XI 796). Ihr ent-
stammen folgende Mittel: das Emplastrum „Weisspfeffermittel", rj öia
lev-AoC 7Ten€Q€wg, dessen Bereitung Asklepiades statt unter dem Namen
des Erfinders Attalos unter dem des Benutzers Pamphilos verzeichnete
(Gal. XIII 446 f.; 527), und das berühmte tyiöögiov leLxr^vcov = Flechten-
abschilferungsmittel (XI 839; 842). Es wurde bei an Mentagra
Erkrankten nach dem Aufbrechen der Blasen aufgelegt, muss seiner
Zusammensetzung nach bei einer weit verbreiteten Epidemie vorzüg-
lich gewirkt haben und brachte dem Erfinder grosse Eeichtümer.
34. Pneumatiker und Eklektiker. Rhuphos.
1. Wellninnn, Die pneuinatische Schule bis auf Archigenes in ihrer Ent-
wickelung dargestellt. Philolog. Unters, hrsg. v. Kiessling und v. Wilamoivitz-
Moellendorff. Vierzehntes Heft. Berlin 1895. — Aretaios. 2. Editio princejis
nach zum Teil verlorenen Handschriften, nur lateinisch, von Orassus, Venetiis 1552 ;
Parisiis 1554; Argentorati 1768 {auch in Medicae artis principes ed. Stephanus). —
3. Griechisch zuerst von Gonpyl, Paris. 1554. — 4. Aetiologica, Simeiotica et
Therapeutica Aretaei HeniscJiio autore, Augustae Vindelicorum 1603 {schlecht). —
5. ed. Wigan, Oxonii 1723 {Goupylscher Text, gute lieber Setzung). — 6. ed.
Boerhaave, Lugduni Batavorum 1731; 1735. — 7. Ad editionem J. Wiggani cur.
A. de Hnller, Lausannae 1772. — 8. Aretaei opera omnia ed. (1 G. Kühn,
Lipsiae 1828 {schlecht). — 9. ed. Ermerins, Trajecti ad Rhenum 1847 {cf. Con-
tinuatio epimetri ad editorem Hippocratis, accedunt nonnulla od Aretaeuni, ih. 1867).
— 10. Griech.-engl. von Francis Adams, London 1856 {gut). — 11. Deutsch von
Deivez, Wien 1790; 1802. — 12. Deutsch von A. Mann, Halle 1858. — 13.
Italienisch von F. Puceinotti, Volgarizzamento degli otto libri di Areteo Delle
cause, dei segni, e della cura delle malattie acute e croniche {nach Puccinottis Tode
besorgt von de Renzi), Napoli 1858 ff. {gut]; auch Firenze 1838. — 14. Borden,
Oeuvres, edit. de Bicherand, 2 Bb., Paris 1818. — 15. Kaehler, De causo Hippo-
cratis et Aretaei commentatio, Regiomonti Prussorum 1834. — 16. Klose, Ueber
d. Leben d. Aretäus u. seine auf uns gekommenen Schriften. Janus N. F. I {1851)
1) Sein Bild findet sich in den Wiener Dioskurideshandschriften.
2) Es war ein verhängnisvolles Missverständnis, dass viele dieses herbe Urteil
auf die ganze ägj-ptische Heilkunde bezogen haben.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 359
lOöff.; II {1852) 234 ff. — 17. Car. Gottl. Kühn, Opuscula I 13 ff. (Chronologie).
— 18. Letviiif Aretaeus Cappadox. Wratsch VIIl, St. Petersburg 1887. — 19.
Locher, Aretäus von Kappadocien, Zürich 1847. — 20. Pet. Petitus, Commentarii
et animadversiones in VIII Aretaei Capjxidocis libros, o. 0. u. J., jetzt bei Kühn,
Medicorum Graecoriim opera XXIV 2; In tres priores A. C. libros comm., Londini
1726. — 21. Suringar, Dissertatio de Aretaeo, diagnostico summo, Lugd. Bat.
1837. — R huphos. 22. cur. Goupyl, Parisiis 1554 {de appell., de ren. et ves.
niorb., de purgat, griech.). — 23. cur. Clinch, Londini 1726 {griech.-lat.). —
24. Medicae artis principes ed. Stephanus 1567, I (Jat). — 25. cur. de Matthaei,
Mosquae 1806 {sehr selten ; auch synops. de puls., griech). — 26. Car. Gottl. Kühn,
Ruft Ephesii de medicamentis purgantibus fragmentum e codice Parisiensi descripfum,
Lipsiae 1831. — 27. Dareniberg, Traite snr le pouls, attribue ä Rufus d'Ephese,
Paris 1846 {lateinisch in der Charteriana VIII 830 ff.). — 28. IJttr^, Revue de
Philologie 1229 ff. {de podagra). — 29. Dareinberg-Üuelle, Oeuvres de Rufus
d'Ephese etc.. Paris 1879 {griech. u. franz.: beste Ausgabe). — 30. Ackermann
in Fabricius. Bibliotheca Graeca IV 714 ff'. — 31. ßotto, -vroifis rce^l afvyuwv.
Specimen medicum inaugurale, Luqduni Batarorum 1879. — 32. Haupt, Hermes
III 224 ff = Opuscula III 429 ff. — 33. Osann, De loco Ruß EiHiesii medici
apud Oribasiiim servato sive de peste Libyca disputatio, Grat.-Progr., Gissae 1833. —
34. E. Hohde, De lulii Pollucis in apparatu scaenico enarrando fontibus, Lipsiae
1870. — 35. Ed. Zfirncke, Symbolae ad lulii Pollucis tractatum de partibus
corporis humani, Lipsiae 1885.
Wie die philosophischen Richtungen trotz ihrer bedeutenden Ab-
weichungen in der stoischen Lehre zu einem durch Eklektizismus ge-
wonnenen Ganzen zusammengefasst wurden, indem das ihnen Gemein-
same hervorgehoben und die durch den erbitterten Kampf abgenutzten
trennenden Schlagwörter und nebensächlicheren Ideen zurückgeschoben
wurden, so führte auch auf medizinischem Gebiete die Erschöpfung der
epigonenhaften Geister durch den alltäglichen harten Kampf und die
Erkenntnis der einseitig entwickelten und daher nicht mehr be-
friedigenden Lehren zu dem Bedürfnis einer Zusammenfassung des
allen Richtungen Gemeinsamen und Wesentlichen. Der herrschend
gewordene stoische Synkretismus oder Eklektizismus oder die Epi-
synthesis erlangte auch bei den Aerzten das Uebergewicht. Die allzu
entartete Lehre der Humoralpathologie bei den Dogmatikern und der
Solidarpathologie bei den Methodikern hatte sich allmählich als den
Fortschritt hemmende Verirrung überlebt, und die auf das Tastbare
(Trockenes, Flüssiges) gegründeten Gegensätze wurden vei-söhnt durch
die höhere, geistige Lehre vom Pneuma, von dem Lebenshauche.
Der erste Pneumatiker ist Athenaios von Attaleia in Pamphy-
lien. Wellmann (1 S. 8 f.) versetzt auf Grund des Suidas (s. v.
^iQXiyevriQ) den Archigenes in die Zeit des Traianus, dessen Lehrer
Agathmos in die der Fla vier oder des Nero, folglich dessen Lehrer
Athenaios in die des Claudius (41 — 54 n. Chr.). Celsus kennt die
pneumatischen Aerzte noch nicht, und das bestätigt diesen Ansatz.
Ob bei Cael. Aur. ac. m. II 1 p. 74 der „Tarsensis" auf Verderbnis
beruht oder Athenaios wirklich zeitweilig in Tarsos in Kilikien prak-
tiziert hat, lässt sich nicht feststellen. Hingegen ist bei Sor. II praef.
für Athenaios Athenion einzusetzen (Well mann). Der von Galenos
gepriesene Arzt (I 457) gi"ündete in Rom die Schule der 7tvevfxaTiy.oi
(Gal. VIII 749 u. ö.). Die gesamte Heilkunde legte er in einem durch
Klarheit und Schlichtheit ausgezeichneten Werke Ttegl ßorid-r^uccxiov in
wenigstens 30 Büchern nieder (Gal. I 457; Orib. II 302if.; Well mann
10 f.). Buch I umfasste die Diätetik (Orib. I 10; 24; 26). III die
Physiologie (Gal. XIX 356), VII die Embryologie (IV 604). XXIV die
Pathologie (VII 165); XXIX f. die Hygiene, nämlich XXIX u. a. die
360 Robert Fuchs.
Luft (Orib. II 291), XXX u. a. die Wolmstätte (302). Ferner schrieb
er oQoi = „definitiones" (Pseudogal. XIX 347). Die Schrift über den
Vogelflug und seine Vorbedeutungen rührt schwerlich von ihm her
(Gal. XV 444). Athenaios war in der Litteratur seiner Vorgänger
gut bewandert und suchte die dort vertretenen Meinungen, soweit sie
zum Stoicismus passten, zu popularisieren, da die Kenntnis der Heil-
kunde für keinen Menschen entbehrlich sei (Orib. III 164). Mit
Chrysippos erklärte er nur das Körperliche für Wirkliches. Die Ur-
bestandteile des Körpers sind die Eigenschaften der 4 Elemente, das
Warme und Kalte als die aktiven Kräfte, das Feuchte und Trockene
als die passiven {vlixd). Als fünftes tritt zu den 4 Qualitäten das alles
durchdringende, zusammenhaltende und verwaltende Pneuma hinzu,
das avucpuTov = eingeboren ist. Die eingeatmete Lebensluft muss sich
dem schon vorhandenen ^eginbv assimilieren {dlloioüoO^ai). Die Lunge
tauscht das Pneuma beim Herzen gegen das Warme aus (Pseudogal.
XIX 459 ; Aret. de caus. ac. II 3), welches in den Herzkammern sitzt
(Pseudogal. XIX 360). Daneben besteht eine öianvori = perspiratio
insensibilis. Die Quelle des Blutes ist die Leber (459 f.; Aret. II 7),
Reinigungsorgan die Milz. Die Arterien enthalten mehr Pneuma als
Blut, die Venen mehr Blut als Pneuma (Pseudogal. 365 ff.). Die Ar-
terien entspringen daher im Herzen, die Venen in der Leber (Aret.
II 7). Die Wirkungen des Pneuma sind 1. das Zusammenhalten =
£|fg, 2. das Bilden = cpvoLg, 3. das Fühlen und Denken, die ipvyji.
Sitz des Seelencentrums {fjy€f.ioviyJv) ist das Herz (Gal. X 929). Das
Ueberwiegen einer der 4 Qualitäten verursacht Dyskrasie und somit
eine Schädigung des Pneuma, d. i. Krankheit. Je nachdem 1 oder 2
Qualitäten überwiegen, entstehen 4 einfache oder 4 zusammengesetzte
Dyskrasien. Die Qualitäten der Geschlechter, Altersstufen und Jahres-
zeiten stimmen zu der hippokratischen Lehre. Die auf der aristoteli-
schen Anschauung aufgebaute Zeugungslehre setzt ein 7ioir]Tiy.öv, d. i.
den männlichen Samen, und ein vlixör, d. i. den weiblichen sog. Samen,
voraus, also Form und Stoff (Gal. IV 603; 621). Dass die Ovarien,
ebenso wie die männlichen Brustwarzen, lediglich der „Analogie" wegen
vorhanden seien (599), ist nur eine andere Ausdrucksweise für die
NichtWirklichkeit des weiblichen Sperma. Der männliche Samen ist
ein Kochungsprodukt des Blutes (626). Hinsichtlich der Lage der
Knaben in der rechten Uterushälfte und der Entwicklungsperiode
folgte er Empedokles (Well mann 152 f.). Ueber Beginn und Ende der
Zeugungsfähigkeit gab er interessante Aufschlüsse (Orib. coli. med.
XXII 4 == III 62 f.). Die Krankheitsursachen sind teils cpaLv6f.i8va =
offensichtlich, teils adiqla = unsichtbar. Die 2 aktiven Qualitäten,
AVärme und Kälte, sind die Grundursachen = 7tQ0'/.aTaQycTty.d (Pseudo-
gal. XIX 392). Zugleich sind aber 7tQoy.aTaQ/.rr/.ä auch die äusseren
Ursachen, aus deren Wirksamkeit die TtQor^yovf.isva akia hervorgehen,
die nächsten Krankheitsursachen. itqoY.maqAxiv.h sind z. B. Ueber-
füllung mit Nahrung, zur Unzeit angewandte Bäder und Leibesübungen
(Gal. XV 112); die Plethora ist dann das itQotiyov^i^vov. Näheres über
die höchst komplizierte, auch stoische Lehre findet man bei Well-
mann S. 153 ff. Eine Art Husten entsteht durch Dyskrasie der
Atmungsorgane (VII 174). Den Starrfrost (rigor = Qlyog) schied er
nicht von dem Zittern (tremor; 609). Den Lethargus erklärte er als:
furor mentis cum maestitudine (Cael. ac. m. II 1 p. 74). Fieber ent-
steht durch Fäulnis der 4 Kardinalsäfte infolge des Ueberwiegens der
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 361
Wärme und Trockenheit (Gal. I 522). Von der Fieberlehre des
Athenaios wissen wir sonst nichts Bemerkenswertes. Der Puls =
Gcpvyfiög ist 1. die gewöhnliche Herz- und Arterienbewegung-, 2. die
abnorme, wie bei Erasistratos (Well mann 171 If.). Die Definitionen
überliefert Galenos (VIII 750; 756 f.; Pseudogal. XIX 376). Die
Therapie besteht in der Zurückdämmung der überwiegenden Qualität
durch die Diätetik. Darum behandelte Athenaios ausführlich die
Eigenschaften der Genussmittel, so der Getreidearten und der Brot-
sorten (s. oben). Wasser soll durch Erde filtriert werden (Orib. I 357).
Ebenso regelte er die Hygiene der Luft (II 291; Gal. XVI 360) im
Anschlüsse an Hippokrates, der Gymnastik (Orib. III 161; Aet. IV
29), der Erziehung (a. a. 0.), der Lebensführung des weiblichen Ge-
schlechts (Orib. III 97 ff".), z. B. nach den Jahreszeiten \lll 182 ff.).
Dabei kamen die meisterhaft ausgebildeten hygienischen Weisungen
der Methodiker zur Anwendung, so bezüglich des Aderlasses (Gal.
XI 163). Von der Pharmakologie des Athenaios wissen wir fast nichts.
Ein Infusum gegen Ruhr erwähnt Galenos (XIII 296), einen Trochiskos
ebenderselbe (847) und Theodorus Priscianus (gyn. 30). Wenn die
Methodiker den Athenaios als einen der Ihrigen betrachten wollten,
so hatten sie dazu nur ein bedingtes Recht (Gal. VIII 640), denn in
anderen Punkten wich er von Asklepiades ab. Galenos' Schrift Ttegl
OTteouaTog hingegen entnimmt trotz der Polemik gegen die Zeugungs-
theorie des Athenaios diesem eine Reihe wichtiger Gedanken (Well-
mann 100 ff.). Schüler des Athenaios waren Theodoros, Magnos und
Agathlnos. Theodoros Wessen nach Diog. Laert. II 103 f. nicht
weniger als 20 Aerzte, deren 17. der hier in Betracht kommende ist.
Schon Fabricius (Bibl. Graeca XIII 433) und Kühn (Addit. XXVIII
1837 p. 4) identifizieren ihn mit ßeöÖLOQog 6 Ma/.edwv, den der Anony-
mus negl toßöXiov y.al ör^/Lr^TrjQUov fpaQf.iccy.tov ^) citiert und Aetios (IV
1, 36; VI 91; VIII 46; XII 5; XIV 24; 48; XVI 49) und Alexandros
von Tralleis (Puschmann I 559 ff.) anziehen, und zwar dank des
Archigenes. Unklar ist Alex. I 563: ix %ov vTjov ^soöcöqov fioayUovog
Ttgog t7tdri<iiiiy7CTixovg =lat.: „in LVIII. titulo (?) Theodorus muscienus"
u. ä.; für „58" setzt der cod. Berol. „2" (Sor. ed. Rose p. XVII f.).
Während Rose in dem Theodoros Moschion den oben besprochenen
Moschion sehen will, möchte Wellmann (S. 13 A. 3) May.edövog für
MooyUovog lesen. Da sowohl T'heodoros, als auch Moschion als Ge-
währsmänner für Epilepsie von Alexandros angerufen werden, lässt
sich nicht sagen, wem eigentlich das Mittel gehört, das vorschreibt,
mit Blut aus den grossen Zehen des Hinstürzenden Lippen und Stirn
zu bestreichen. Ein Theodoros heilte Lepra mit Fenchel, Brunnen-
kresse und scharfem Essig (Plin. 24, 186), Flechten (liehen) mit in
Essig gelegten Zwiebelknollen, Kopfgeschwüre mit Zwiebeln, die in
herben Wein oder rohe Eier gelegt waren, Hautausschläge (epiphorae)
und Triefaugen ebenfalls mit Zwiebeln (20, 103; Gal. XII 844); doch
wird dieses aus zeitlichen Gründen ein älterer Arzt sein. Magnos
(Gal. VIII 646) aus Ephesos schrieb wenigstens 2 Bücher epistulae
(Cael. ac. m. III 14 p. 225) und wenigstens 3 an Demetrios ^regl iwv
lcpevQYi(.ihn)v fiBTcc Tovg dsf-docovog xgövovg (Entdeckungen nach des
Themison Zeit; Gal. VIII 640), worin viel vom Pulse geredet war und
Archigenes Angriffspunkte gegeben waren (638 ff.; 647; 756; IX 8;
1) Eohde, Rhein. Mus. XXVIII 1873 S. 270.
362 Robert Fuchs.
Well mann 179 ff.; 187). Er behauptete, dass bei der Wasserscheu
Herz, Magen, Zwerchfell, Kopf und Dünndarm leide (Cael.), sonst könnte
ja der Puls nicht bösartig gehen. Die Katalepsis hat er zuerst als
eigene Krankheitsform erkannt (Cael. ac. m. II 10 p. 96). Mit Eecht
stellt Well mann S. 14 A. 4 diesem Eklektiker folgende Namens-
vettern gegenüber: den Archiater Magnos unter Antoninus Pius und
Marcus Aurelius, der zu Eom über Pharmakologie schrieb und u. a.
den Theriak des Audromachos variierte (Gal. XIV 261); seinen Zeit-
genossen Magnos Philadel p hos (oder Philadelpheus = von Phila-
delpheia?), der z. B. Pastille hinterliess (XIII 296; 829 ff.); Magnos
von Tarsos, der ein Heilmittel gegen Hämorrhoiden erfand (XIII
313); Magnos, genannt o -//kLviAoq, der ein Mittel gegen Kinn-
sykosis verbreitete (XII 829); Magnos den Periode uten, der
Flechten heilte (XII 844); den Schüler des Zenon von Kypros und
Zeitgenossen des Oreibasios, ^) Magnos von Antiocheia, den Neu-
platoniker, der nach der Biographie des Eunapios (ed. Boissonade
106 f.) zwar die Kollegen totdisputieren, nicht aber die Kranken heilen
konnte.^) Das coUyrium dia asteros (= Samische Erde) Magnu sofistu
bei Oreibasios V 913 wird auf ihn zurückgehen. Die späteren Magnoi
werden weiter unten behandelt.
Claudius-) Agathinos aus Lakedaimon gründete unter der
Herrschaft der Flavier (s. oben) die Schule der Eklektiker = Hektiker
= IniovvO-ETLAoi (Gal. VIII 787 ; Pseudogal. XIX 353). Er ist allem
Anscheine nach derselbe wie der Freund des Dichters Persius und des
Stoikers L. Annaeus Cornutus, „Claudius Agatur(r)inus medicus Lace-
daemonius" (vita Persii; Well mann 9 ff.). Andere wollen in Aga-
turinus den Agathemeros erkennen. Durch zu viel Studium und zu
wenig Schlaf bekam er maniakalische Anfälle. Sein Schüler Archi-
genes heilte ihn durch Kopfgüsse von warmem Oele (Aet. I 3, 172).
Seine Genauigkeit, Gelehrsamkeit, moralische Tüchtigkeit und das
Experimentieren (Nieswurz wurde an Hunden ausprobiert, Orib. II 158 f.)
anerkennen der Biograph des Persius, d. i. Valerius Probus, Archigenes
(bei Orib. II 158 ff.) und Galenos (VIII 937). Er schrieb Tteql orpvyuCov,
eine Pulslehre, seinem Schüler Herodotos zugeeignet, in mehreren
Büchern (Gal. VIII 749 ff. ; 936 f.). Buch I mit den doxographisch ge-
ordneten Pulsdefinitionen liegt Galenos de differ. puls. Buch IV zu
Grunde von VIII 748, 8 an (Well mann 12 f. A. 8). Daraus werden
die pyretologischen Angaben bei Galenos (VII 367ff.; XVII, I 118 ff.;
228; 942 ff.) geschöpft sein. Ob er Einzelwerke über Hygiene und
Diätetik und über Pharmakologie schrieb, steht dahin. Kalte Bäder
schätzte er sehr, warme ersetzte er meist durch Salbungen (Orib. coli,
med. X 7 = II 394 ff.). Bei Wasserscheu reichte er gleich zu An-
fang Nieswurz, wie in seinem Buche de helleboro stand (Cael. ac. m.,
III 16 p. 233). Ein Emplastrum gegen Rhagaden kennt Galenos
(XIII 830). Auch Herodotos wirkte in Rom, gegen Ende des
1. Jahrhunderts n. Chr. (Gal. VIII 750 f.; Wellmann S. 14 ff.) und muss
daher ein anderer gewesen sein als der Skeptiker Herodotos, der Lehrer
des ein Jahrhundert später lebenden Sextos Empeirikos. Er vereinigte
die pneumatische Qualitätenlehre und die methodische Kommunitäten-,
*) Vgl. Bussem aker, Revue de philologie I 1845 415 ff. ; 550 A. 6.
^) Inscriptiones Graecae Siciliae et Italiae ed. Kaibel 2064: KlavSios 1>]tt/()
'J yad-sivos. — Vgl. Kühn, Additamenta IL
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 363
Diatritos- und Metasynkrisislehre und die Terminoloj^ie, wie Well-
mann erweist, in seinen verloren gegangenen eklektischen Schriften:
iargög = Arzt (Gal. XVII, I 999) und Tteql ßorjdr^ficcTiov = Mittel
(Gal. XVI 315; Stob, floril. III 263 Meineke). Die einzelnen Bücher
dieser Schrift handelten nach Oreibasios (s. Index) u. a. 7r€Qi töjv
€^lü&€V TTQOOTtlTtlÖVTlOV ß. (z. B. BädCr). TT. T. nOlOVf.l€VÜ)V ß. (z. B.
Massage), 7t. t. y.evovf.ievtov ß. (z. B. Aderlass). Bei der Krankheit
unterschied er 4 Stadien: ocq/j], ETtiöocig, ä/.^n'^, TtaQay.inq (Orib. I 417).
Aetios überliefert seine Therapie der Erkältung (I 4, 45), des Fiebers
(Pusteln II, 1, 129; Zittern 130; Hitze I 4, 47; Koma II 1, 117;
Sänftetragen Orib. coli. med. VI 25 =^ I 519 ff.); Oreibasios die des
Anthrax (IV 647 ff.), Aetios die der Würmerkrankheiten X HI 1, 39).
Seine Bädervorschriften umfassten künstliche und natürliche Wasser-
bäder. Sand-, Sonnen-, Oel- und Schwitzbäder u. dergl. Er regelte
Schröpfen (Orib. c. m. VII 17 == II 62 f.), Aderlass (VII 8 = II 42 ff),
Eeifentreiben, Schwimmen, Scheinkampf, Fingerkampf. Sprung, Ball-
und Sackspiel, Hantelübungen (VI 26 ff = I 521 ff). Massage (VI 20
= I 496 ff.), Kauterisation (X 11 = II 409), Kämmen (X 17 = II 419f.),
Umbinden (18 = 420 ff.), Weingenuss (V 27 = I 406 ff.), Nieswurz-
kuren (VIII 3f. = II 163 ff; 7 = 181 f.). Rezepte teilt Galenos mit,
so Adstringentien XI 442 f. ; das von Kriton übernommene Emplastrum
des Hikesios XIII 789; Frauenmilch, z.B. bei Schwindsucht, mit dem
Munde unmittelbar auszusaugen (VI 775 ; X 474) u. s. w. P h i 1 i p p o s ^)
war der Vater des Archigenes. Er wird derselbe sein wie der phar-
makologische Schriftsteller und Arzt (Gal. XIII 14 u. ö.) und wie
Philippos der Makedonier, der eine Ambrosia (= Antidot) erfand
(XIV 149). Letzterer verfasste ein Buch über die Katalepsis (XVI
684; XVII, I 640; Cael. ac. m. II 10 p. 96), die er yf-atoyi] nannte.
Ein Pneumatiker Philippos schrieb negl ^lagaai-wD und veranlasste da-
durch Galenos zur Nachprüfung und zur Ergänzung der vernach-
lässigten Therapie (VII 667 ; 689). Archigenes'-) von Apameia in
Syrien, unter Traianus in Eom lebend, auch als Militärarzt ange-
stellt,*^) wurde nach Suidas 63 Jahre alt und verfasste viele ärztliche
und naturwissenschaftliche Werke. Der Scholiast bemerkt zu -luven.
VI 236, dass er ein bedeutender Arzt gewesen sei ; der Dichter selbst
gebraucht den Namen in der Bedeutung „Arzt" (XIII 98; XIV 252).
Alexandros von Tralleis (II 265 Puschmann) heisst ihn den „gött-
lichsten". Galenos lobt ebenfalls den Archigenes, aber legt seinen
Quellen ein gut Teil dieses Lobes bei (XII 534 f.), z. B. dem ApoUo-
niosMys (XII 475), Herophilos (Wellmann 172; 188 f.; 193). Auch
Aretaios schätzte ihn als Vorlage^) und ebenso Soranos, Philumenos,
Antyllos, der Anonymus Ttegl ioßöXwv aoI örjlrivriQuov (paquä/Mv '") und
*) Philippos von Akarnanien war Arzt Alexandros' des Grossen nnd begleitete
ihn bei seinen Heereszügen. Von Philippos von Kos (Canon medicorum Lauren-
tiauus) kennen wir nur den Namen. Weiteres über die verschiedenen Philippoi s.
bei Well mann 19 A. 2.
^) Harless, Analecta historica - critica de Archigene medico et de ApoUoniis
medicis eorumque scriptis et fragmentis, Berolini 1816; Carl Ferd. v. Graefe,
Normen f. d. Ablösg. grösserer Gliedmassen, nach Erfahrungsgruudsätzen entworfen,
Berl. 1812: Wellmann a. a. 0.
^) Anecdota Parisina ed. Cr am er IV 404: 6 oT^arörtsSov &eon7tevcov = Arzt
des Prätorianerlagers.
*) Nicht Archigenes, sondern Aretaios macht die Anleihen. Klose (Janus N. F.
I, Gotha 1851, 126 ff.) kehrt das Verhältnis um.
<*) Rohde, Rhein. Mus. 28 (1873) 264.
364 Robert Fuchs.
selbst Galeiios (a. a. 0.). Seine populäre Ausdrucksweise missfällt dem
rhetorisch geschulten Galenos (VIII 578; 932), ebenso die allzu pein-
liche Definierung-ssucht (698), dei* freilich ungenüg-ende Indikationen
in der Arzneimittellehre gegenüberstanden (XII 514 ; 969 ; 1002). Dass
er Eklektiker war, folgt daraus, dass er bald Methodiker (XIV 684;
Cael. ac. m. II 10 p. 96), bald Empiriker genannt wird (Gal. XII
469). Seine Schriften waren (Well mann 20 ff.): 1. 11 Bücher Briefe
mit ärztlichen Eatschlägen an Marsus (I: de oblaesae memoriae resti-
tutione; VIII 148 ff.; ein anderer über Melancholie), Ariston, Atticus;
2. negl ocpuyfAöjv (Puls; VIII 754 u. ö.), ein starkes Buch; 3. tt. nvQerwv
orjixmbottog in 10 Büchern, auch im Auszuge erhältlich gewesen (IX
668 f.) = Pyretologie; 4. ti. ivtclov (IX 672), die Galenos nachahmte =
Fiebertypen; 5. 7t. T67tcüv TteTtovO-ÖTiDv (Leidende Stellen; IX 670),
3 Bücher; 6. twv ö^kov xal yiQovuov nad^oyvtoi.iovL/.ä^ wohl 4 Bücher
(VIII 203), eine Diagnostik akuter und chronischer Leiden; 7. 7t. tCov
h ralg vöooig -AaiQwv, 2 Bücher (VII 461) über den rechten Augen-
blick, nämlich für therapeutische Eingriffe, für Galenos vorbildlich
(VII 406 ff.); 8. ■d^SQaTrevTiy.a töjv üBscov ^al xqovilüv 7ra^Cüv (Orib. II
146); 9. ovvoipig tü)v xeiQovQyovuenov (III 646; 689, 9 schol. u. ö.),
mehrere Bücher ; 10. 7t. twv xara yevog cpaQi.idyi.iov, 2 Bücher (XII 533 f. ;
XIII 217), von Galenos in der Pharmakologie grossenteils auf-
genommen; 11. 7t. xaoTOQiov xQrioeiog (XII 337); 12. 7t. ßorjd-rjf.idTwv,
vermutlich ähnlich angelegt wie bei Herodotos (Wellmann 22 A. 1;
Titel nur erschlossen). Ob Rohdes Anonymus 7t. ioßölojv -/.al dr]lrjTr]Qicüv
cpagf-idmov auf einer gleichnamigen Schrift des Archigenes beruhe, kann
nicht mit Sicherheit behauptet werden (s. S. 314). Im allgemeinen
deckt sich des Archigenes Auffassung mit den bisher erörterten pneu-
matischen Lehren, und es sollen nur einige Besonderheiten noch er-
wähnt werden. Als Krankheitsstadien unterschied Archigenes: dgx^,
ä/.iLH], 7taQay.(.iri, üveoig (Gal. VII 424). Bei der Systole sollen Herz und
Arterien die Luft in sich aufnehmen, bei der Diastole den unreinen
Rückstand (ta y.a7tvcödrj y.al liyvvwörj = Rauchiges und Russiges) aus-
.stossen (V 162; VIII 713; Pseudogal. XIX 366). Fieber beruhen auf
Fäulnis der 4 Säfte durch eine Dyskrasie, die durch Ueberwiegen des
Warmen und Feuchten verschuldet ist (Orib. II 270). Sie zerfallen in
xarö^eig von 1 — 7 Tagen Dauer, ö^elg von 1 — 14, xqövioi von 1 — 40,
ßQccyvxQÖvioi länger anhaltende (a. a. 0.). Die höchst komplizierte
Pulslehre lässt sich nicht kurz wiedergeben; Well mann (170 ff.) hat
sie ausgezeichnet entwickelt. Die 10 Pulsgattungen übernimmt Galenos
mit geringer Abweichung (vgl. Ruf. ed. Dar.-Ruelle 231). Wichtig
sind: der öUgozog acpvy/.iög = Doppelschlag, der j-WQ^irj-Altov = der
ameisenartige Puls, der öoQxaölCcov = der gazellenartige, der ay.iolrjy.iCcüv
= der wurmartige, der y.v/iiaTdjövg = der wellige. Das Fieber vertrieb
er durch Abführmittel (Orib. coli. med. VIII 46 = II 270 ff.). Auch die
Symptome, wie Schwindel (Aet. II 2, 7), Lethargus (II 2, 3), Manie
(II 2, 8), bekämpfte er, z. B. durch Erbrechen nach dem Essen (Orib.
c. m. VIII 23 = II 202 ff.). Bei Melancholie gab er seine Hiera (Aet.
I 3, 114; Pseudogal. XIX 710 f.). Migräne und Kopfschmerz be-
handelte er gleich (II 2, 50). Ausserdem hören wir Ratschläge für
Lähmung (II 2, 28), Starrkrampf (II 2, 39), Blutansammlung unter
der Schädeldecke (Orib. c. m. 46, 23 = IV 193 f.). Anzeichen und
Aussichten bei Schädelverletzungen (46, 26 = IV 197 ff.) werden
richtig erkannt. Bei Nierenleiden soll ein Umschlag von Rosencerat
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 365
mit Storax helfen (Gal. XIII 831). Anerkennenswertes leistete er für
die Therapie des Pruritus (Aet. IV 1, 123; 126), der Lepra (glänzende
Beschreibung IV 1, 120 flf.; 134; allerdings kann mit Vipernfleisch
oder Kastration, Orib. IV 530, schol., wenig ausgerichtet werden), der
Gangrän (c. m. 44, 26 = III 646 ff.), der Pest (51, 42 = IV 517 ff.)
mit dem loLf-iCjöeq elycog. Obwohl Archigenes den urteilslosen Alexan-
dros von Tralleis zur Nachahmung der Amulettbehandlung verleitete,
sind andererseits seine Erfolge auf allgemein therapeutischem Gebiete
aussergewöhnlich. Er operierte Brust- und Uteruskrebs und heilte
Fluss und Abscesse und Entzündungen der Gebärmuttei- (s^et. XVI =
Zervös 60; 89; 133 f.; 138; 143). Bei Brand, Fäulnis, Phagedäna,
Krebs, Hypertrophie, Callus, Polydaktylie u. a. nährte er den Patienten
gut, unterband {ScTroßQoyJ^eiv) oder umstach {diaggdTtTsiv) die zu dem
Gliede führenden Gefässe, legte eine Ligatur an, machte kalte Ueber-
giessungen, eventuell mit Aderlass, fixierte die hochgezogene Haut
durch Binden, jedoch nie im Gelenke, und setzte dann das Glied ab.
Die Knochen werden erst geschabt, dann gesägt; Blutungen werden
unter Nichtberührung der Nerven durch weissglühende Brenneisen ge-
stillt (Orib. 47, 13 = IV 244 ff.). Die Einwirkung der natürlichen Bäder
(Aet. I 3. 167) steigerte er durch ausgiebige Benutzung des Schwammes
(170). Pechmütze (d(»tD7ra^) zur Entfernung der Haare, Pechpflaster
und Senfpflaster verschmähte er ebenfalls nicht (180 f.). Augenmittel
fanden sich in seiner Arzneimittellehre jedenfalls in grosser Zahl. Wir
kennen u. a. ein Collyrium gegen Leukom (VII 41), sowie Rezepte
gegen das Flügelfell (61). allerhand Augenübel (79) und gegen das
Wiederwachsen ausgezupfter Haare (vgl. noch Gal. XII 790; XIV
343 u. ö.). Denn auch den zuletzt erwähnten Dienst verlangte die
neuzeitliche Eleganz von dem ersten Arzte der Gesellschaft. Leonidas
wurde bei den Chirurgen S. 338f. eingereiht ; er war ebenfalls ein Epi-
synthetiker (Gal. XIV 684; Cael. ac. m. II 1 p. 75). Ihm steht am
nächsten in seiner ganzen Eigenart Heliodöros,^) Zeitgenosse des
Archigenes und fleissiger Benutzer des Leonidas und Menodoros (Orib.
III 615; IV 161 u. ö.; Well mann 78). Juvenalis (VI 366 ff) er-
wähnt ihn als Kastrator eben erwachsener Sklaven. Seine Werke
bestanden in wenigstens 11 (Wellmann „5"; s. aber Orib. schol. III
686) Büchern xEiQovQyov(.ieva^ deren Rekonstruktion Well mann 18 A. 3
versucht, und dem uovoßißlov tvsqI Imdeautov (IV 281; schol. hierzu
537). Wie Heliodoros den Diokles, Amyntas, Apollonios o 0?j(>, Glaukias,
Menekritos u. a. (IV 671) ausgezogen hat, so ziehen den Heliodoros
heran Antyllos (Wellmann 115 A. 1; 121) und Oreibasios (coli, med,
48, 20—70 = IV 281—332, Epidesmologie). Die Auszüge des Letzt-
genannten beziehen sich ferner auf die Operation sichtbarer und
verborgener Abscesse (c. m. 44, 8 f. = III 570 ff.), die Amputation
(47, 14 = IV 247), auf Fisteln (44, 23 = III 615 ff), Varicen (45, 19
= IV 44), Geschwülste (45, 5 = IV 10 f.; 9 = 15 f.; 14 = 21), Luxa-
tionen (49, 1 = IV 333 f.; Einrichtungsarten, Anwendung des yrÄtv^/ov
des Neileus 49, 7 = IV 357 ff.) und Schädelverletzungen (Caries 46,
22 = IV 187 ff; Trauma 46, 7 = IV 147 ff), Exostose (46, 28 =
IV 204 ff.). Von Verbänden sind besonders kunstvoll: der insraycoyevg
= deplaceur, um die Nase gerade zu richten; das y.QdTYiJxa = attache
für Nasenbruch; der xsdocpvXa^ = Lippenhalter (48, 33 ff. = IV
^) Im Canon medicorum Lanrentianus „Eliodorus".
366 Robert Fuchs.
297 ff.)- Operativ heilte er von Genitalleiden die Hypospadie (50, 3
= IV 463 ff.), die Blaseiifistel (4 = 466) und den Verschluss der
Harnröhre durch wildes Fleisch (Tregl ovooaoxwd^dom ovorid-oag: 9 =
472 ff.). ^)
Apollonios von Pergamon, nicht der Landwirt, wird im Canon
medicorum Laurentianus erwähnt und lebte vor dem Zeitgenossen des
Galenos Antyllos, der ihn benutzt (1 S. 17; 226; 228). Wie später
Galenos, so erkrankte er in Asien an der Pest (Orib. II 68) und rettete
sich durch blutige Schröpfung. Den Aderlass beschränkte er auf ver-
zweifelte Fälle, in denen plötzlich eine starke Blutentziehung nötig
war (65). Der Grund war die Besorgnis des Entweichens von nveüf.ia
t,(DTLY.ov einerseits und die Furcht, dass die Plethora dem tz. cpvacxbv
den Weg verlege (66). Die Scarifikation verdient daher den Vorzug.
Wassei^cheu, deren Folgeerscheinungen er ausführlich behandelte (VI
222), erklärt er für unheilbar (V 418 f.). Oreibasios kennt von ihm
etwa ein Dutzend Eezepte gegen Furunkeln {do^ü]v; III 674 f.) und
setzt an seiner Schrift über evjiÖQLOxa (Hausarzneimittel) aus, dass sie
zu unbestimmt {aöioQioTa) seien und nicht viel taugten (eup. praef.
= V 559 f.).
Gewissenhaft und scharfblickend in der Erfassung" der Symptome
und deren Gruppierung zu untrüglicher Diagnose, ein Meister in der
gründlichen, schlichten, klaren Darstellung des Wahrgenommenen
(Anatomie, Pathologie) in allerdings rhetorisch verkünsteltem ionischen
Dialekt, der grösste Hypurg und Therapeut des Altertums dank der
Vorarbeiten der Methodiker, ebenso fleissig in der Verwertung der
Vorgänger wie durch praktische Erfahrung zu eigenem treffenden
Urteile befähigt, errang sich erst in neuerer Zeit der Kappadokier
Aretaios die Anerkennung, die ihm das Altertum versagte (1 S. 23 ff'.).
Nur Pseudodioskurides (II 34 Sprengel), Philagrios (Aet. VIII 47 ; XI 1 ;
Paul. Aeg. IV 1) und der sog. Alexandros von Aphrodisias {naQl
nvQtTwv) benutzen ihn. Als Grund sieht Well mann den Umstand
an, dass Aretaios dem Archigenes alles Pathologisch-Therapeutisclie
entlehne und bloss „Stilist" sein wolle. Der erste Grund ist aber
dahin einzuschränken, dass Aretaios auf Grund eigener Erfahrung
(z. B. hei der Lepra) -) die von Archigenes mehr gesammelten als ge-
schaffenen allgemeinen Theorien überprüfte und im Wesentlichen
billigte. Seine Lebenszeit fällt nach Archigenes und vor Philagrios
(1 Seite 63 f.), d. i. zwischen Ende des 1. und Anfang des 4. Jahr-
hunderts n. Chr. Der ionische Dialekt führt in die Zeit des Lukia-
nos und Arrianos (2. Jahrhundert) hinab, die Uebereinstimmung
mit Amyntianos (unter Marcus Aurelius, 160—180) in der ausführ-
lichen Beschreibung des Elefanten in das 3. Jahrhundert. Seine
Schriften waren betitelt: 1. Ttegl ahiCbv -Kai orn-idwv ö^ewv zal xQoviiov
Tta^iov in 4 Büchern; 2. yt. d^eganeiag ö. x. %. tt., desgl., beide in
lückenhafter Gestalt gerettet; 3. tt. TtvQeiwv (Fieber; p. 185); 4. yuQovq-
') Ein unbekannter Tragiker Heliodoros von Athen schrieb ein Lehrgedicht
über Selbstmord durch Gift: dTioXvny.d tt^oh Niy.6fia%ov (7 Hexameter bei Galenos
XIV 145); Poetarum de re physica et medica reliquias colleg. Bussemake r, Paris
1851. Der Augenarzt L. Varius Heliodorus, von dem 2 Stempel mit der Aufschrift
„Palladium'" bekannt sind, lebte nach Gelsus (Osann, Philologus IX 1854 S. 760;
Grotefend, Die Stempel d. röm. Augenärzte, Hann. 1867 S. 162). Der Mystiker
Heliodoros lebte unter Theodosius dem Grossen.
-j Bloch, Monatshefte i. prakt. Dermatologie XXVII 1898 S. 611 A. 38.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 367
yiau (295); 5. 7t. (pila/.tL/.Cüv = Prophylaxis (Alex. Aphrod. bei I de 1er,
Physici et medici graeci minores I 97); 6. 7t. ywaixsiiov (Aret. 209);
7. 7t. cpaQuccxiov (213; 254). Es ist wahrscheinlich, dass er diese
Werke in Rom verfasste, nachdem er in Alexandreia studiert hatte.^)
W e 1 1 m a n n (S. 65 ff.) zeigt , dass die pseudoe^alenischen definitiones
medicae vorwiegend pneumatisches Gut und auch viel von Aretaios
enthalten ; sie werden daher gleichfalls dem 3. Jahrhundei'te angehören.
Die Ueberlieferung des Aretaiostextes, deren Handschriften fast in
allen grösseren Bibliotheken zu finden sind, ist eine sehr schlechte.
Gleich der Anfang fehlt, und sonst sind allerwärts Lücken und Ver-
derbnisse wahrzunehmen. Indem ich auf den stets als Vorlage be-
nutzten Archigenes zurückverweise, hebe ich nur einiges Wenige her-
vor, zunächst aus der Physiologie und Anatomie. Der Darm besteht
nach ihm aus zwei kreuzweise übereinanderliegenden Häuten; die
innere bildet leicht Schabsei. Die Verdauung erfolgt durch das Warme
des Magens, auch des Colons; der Chylus wird der Leber zugeführt.
Das Atmen besteht in willkürlichen Bewegungen der betreffenden
Organe; den Antrieb giebt das Herz. Dieses zieht auch Gifte aus
dem Verdauungstrakt und aus Geschwüren der Atmungswege. Die
Bellinischen Röhren werden als ,,kleine landeugen(schlun(i-)artige
Höhlen für die Durchseihung des Urins" beschrieben (de caus. et sign,
m. ehr. II 3). Der Uterus wird dem Darme verglichen; die Innen-
wand stösst sich ab. Die Fabeln von seiner Tierähnlichkeit und
Wanderlust sind noch nicht vergessen. Nerven, Sehnen und Bänder
werden noch immer verwechselt. Krankheitsursachen sind Fehler teils
der Säfte, teils der Wärme, teils der Spannkraft (tövog). Die akuten und
chronischen Krankheiten decken sicli in der Hauptsache mit denen bei
anderen Aerzten, z. ß. bei den Methodikern. Der epileptische Anfall ge-
hört zu den ersteren, die Epilepsie zu den letzteren. Die Schilderung
der ,,syrischen Geschwüre" giebt ein treues Bild unserer Diphtherie.
■Aerpakaia und hegoxQavia (Migräne) sind chronisch, Ätcpakcdyla akut.
Das 7tvtv(.iä)d£g 7td^oQ, dem a^ua verwandt, ist mehrdeutig, u. a. gleich
Lungenemphysem. Wichtig ist die Berücksichtigung der Disposition
der Geschlechter und des Alters (Kinderkrankheiten, Aphthen u. s. w.)
und der Differentialdiagnose (Pleuritis und Lungenaffektionen u. ä.).
ä7to7i'kri^ia ist die Lähmung des Denkens, Empfindens und Bewegens,
TtaQUTtlriyia des Empfindens und Bewegens, Ttagdhoig des Bewegens,
uvaiod-rioia des Empfindens. Er kennt die gekreuzten Lähmungen und
die meningitis cerebrospinalis (de caus. et s. ac. m. 16). Bei -/.vvdyxri
strecken die Kranken wie der Hund iy.viov) die Zunge infolge der
Rachenentzündung hervor; bei awdyxrj ist das Pneuma durch Hitze
und Trockenheit alteriert. Die Dünste der charoneischen Höhlen —
man denke an die Hundsgrotte bei Posilippo — , auch verschluckte
Gräten verursachen SjTianche. Die ägyptische loxäQCi, durch schlechte
Nahrung, Nilwasser, Gerstentrank begünstigt, gleicht wiederum der
Diphtheritis. Das Weitergreifen der Podagra auf Niere und Blase ist
packend geschildert. Der Diabetes wird genau beschrieben, ebenso
sein Ursprung und seine Behandlung. Der Durst ist ein Magensymptom ;
die Getränke durchlaufen den Körper, lösen die Teile in Urin auf, es
entsteht Abzehrung und. CoUaps. Ursache kann ein akutes Leiden
') Kleinwächter, Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr.
VI 1883 S. 43.
368 Robert Fuchs.
oder Gift sein. Den Durst stillen Arzneitränke, gekochtes Obst, Pur-
ganzen, aromatische Umschläge, Milchkuren, reiner Wein. Pestartige
Bubonen {ßovßCoveg Koi(.uodeeg) sollen bei Syncope (= Kardialgia) vor-
kommen. Die Ohnmacht beruht auf einer Herzalfektion, denn der
Puls ist klein und schwach, und das Herz bringt Geräusche {ji&iayog)
und heftige Palpitationen hervor (II 3) Die y.eöf.ima = Erweite-
rungen der Hohlvene, die Lungen- und Darmblutung erzeugen sollen,
sind ebenso rätselhaft wie die hippokratischen (Nr. 15); ersonnen sind
auch die dem Kausos untergeordneten Hohlvenenentzündungen. Ob
hier die pathologische Sektion zu irrigen ßückschllissen verführt hat,
geht leider aus dem Texte nicht hervor.') Die Charakteristik der
Lungenphthisis ist so, wie wenn sie heute geschrieben worden wäre.
Die Elephantiasis = Lepra, die er selbst gesehen haben muss, nennt
er im Einklänge mit seinen Vorlagen, besonders mit Archigenes,
lebensgefährlich, weil, wie beim Tode, das Warme erstarre (1 S. 27ff.)
und erst nach Zerstörung innerer Teile das Leiden sichtbar werde.
Die Namen tletpavTiaoig, aaTvgiaoig, Xeoniaoig werden aus den unüber-
trefflich wiedergegebenen Symptomen erläutert. Die Behandlung be-
steht in Aderlass in der Ellenbeuge, Abführen. Hiera, Milchkuren, Er-
brechen (Nieswurz), Schmiermitteln, Vipein tränken u. ä.' Die allgemeine
Therapie ist sehr vielseitig, namentlich die Diätetik,'-) der Aderlass
(auch am Handrücken), andere Blutentziehungen; die Pharmakohgie
bevorzugt wenige milde Stoffe. Bei unheilbaren Leiden hat der Arzt
bloss Mitgefühl (^waxO-ta^ai). Schlaf verschafft man durch die Her-
stellung gewohnter Verhältnisse: den Fisclier legt man in den Kahn,
dem Musiker bläst man die Flöte, dem Lehrer bringt man die Kinder.
Fleischansatz wird erzielt durch Schaukeln, Reiben. Spaziergänge. Be-
lustigungen, wechselnde Gewohnheitskost. Bei Blutungen fördert man
die Ausdünstung durch Scheren und Rasieren des Kopfes; ausser
Adstringentien gebraucht man auch Gij)s (de cur. ac. m. II 2), Die
Hysterie beschreibt er am besten; er behandelt sie wie Hippokrates,
Celsus und Galenos ; die Männerhysterie-) kann durchaus nicht Epi-
lepsie sein, denn diese ist schon zweimal behandelt. Den Scheiden-
spiegel gebrauchte er zur Feststellung von Uterusulcerationen und zu
therapeutischen Eingriffen.
Ein berühmter Eklektiker war auch R huphos von Ephesos
(Rufus Ephesius gewöhnlich genannt). Die Aiabisten haben seinen
Namen mannigfach entstellt; Otho Cremoiiensis (241) nennt ihn Ruflnus.
Den „Grossen" heisst ihn Oreibasios (eup. praef. ^ V 560), als konser-
vativen Textkritiker lobt ihn Galenos (Hippocrate par Littre V 104),
als klaren und anziehenden Schriftsteller müssen wir ihn aneikennen.
Die Dioskuridescodices in Wien enthalten ein farbiges Porträt von
ihm, natürlich wenig zuverlässig Suidas weiss nur, dass er als Arzt
unter Traianus zusammen mit Kriton praktizierte. Galenos rechnet
ihn zu den vedntQOi = Jüngeren. Tzetzes macht ihn zum Arzte der
Kleopatra (s. oben S. 321). Er studierte in Alexandreia. Eine Anek-
dote berichtete von ihm oder Philotimos, dass er einen Mann, der die
fixe Idee hatte, keinen Kopf zu besitzen, durch einen bleiernen Hut
^) Weber, Grenzboten 1862 S. 408 if. ist zu zuver.'^ichtlicli.
^) Z. B. für Pleuritis. S. Bloch, Zur Gesch. d. wissenschaftl. Krankenpflege
(Hypurgie). Special-Katalog d. CoUectiv-Ausstellg. d. Litt, über Krankenpfl., Berl.
1899 S. 29 f.
^) Klein, a. a. 0. S. 50 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 369
heilte.^) Seine Werke waren ausserordentlich zahlreich (Suid.). Bekannt
sind die Titel folgender Werke: 1. 1 Buch negl T^g ägyaiag iarQixfig
(Geschichte der Medizin; Suid.)*; 2. 7t. ovo/xaoiag twv tov ävS-gcortov
(.lOQiiov = Benennung der Körperteile des Menschen, eine Propädeutik
für seine Schüler, fast vollständig erhalten, im 2. Buche des Onomasti-
kon von Pollux vielfach benutzt (Nr. 30 ; 32 ; 34), auch von Oreibasios
(coli. med. XXV = III 383 ff.) ausgezogen;^) 3. ein avETtiygacpov 7t.
ävarofxfßt. %. di. f.i. (Dar.-Ruelle 168 ff.), den Text von Nr. 2 ergänzend;
4. noch ein anonymer Auszug aus Nr. 1 ohne Wert (233 ff.) ; vö. tc. doxCbv
= Knochen (186 ff); 6. iaxQLy.a €QcoTr]f.iaTa = Aerztliche Fragen, eine gute
Diagnostik, deren Uebersetzung Bloch beabsichtigt ^) (195 ff.) ; 7. avvoipig
7t. acpvyuwv = Kurzes Handbuch über den Puls (219 ff.), vielleicht von
einem Methodiker verfasst und auf Herophilos und Erasistratos ge-
gründet (Landsberg, Henschels Janus I 799 ff.); 8. 7t. twv d^^wv xal
XQoviwv 7tad-wv* = Akute und chronische Krankheiten (Orib. IV 63);
9. 7t. T. htbg 7t.* = Aeussere Krankheiten, wohl eine selbständige
Schrift (Orib. III 686 f.; 689); 10. rb tG)v xqovuov Ttad-oyviouovixöv* =
Diagnostik chronischer Leiden (IV 529); 11. 1 Buch /r. i^agd-Qrjuduov*
= €7tl yrjQct ävd-QiüTtog {?), eine Luxationslehre (IV 540);*) 12. o Xoyog
TOV 7t. r(bv xöTtt aQ&qa voor]uca>iov * = Buch oder Abschnitt über
Gelenkkrankheiten (coli. med. VIII 47 = II 273 ff.), schwerlich mit
Nr. 11 identisch; 13. 7t. 7toddyQag = Fussgicht, nur lateinisch er-
halten, von Littre herausgegeben (Revue de philologie I 1845
5. 229 ff,), durch sein Vulgärlatein des 7. oder 8. Jahrhunderts sehr
wichtig (z. B, salemoria = saumure; muccinare = purgare), teilweise
zu Aetios stimmend und durch Khazes zu emendieren; 14. 7t. xCbv kv
vscpQolg xal xvaTst 7tad-(t)v = Nieren- und Blasenleiden (Dar.-Ruelle
lif.); 15. 7t. aarvQiaaiiioD xal yovoQQoiag (64 ff.); 16. t6 diaxQißai xat'
IrjTQslov^) /.lovößißkov* == 1 Buch über die Thätigkeit in der ärztlichen
Werkstätte; 17. tä 7tSQl öiahrjg e'* = b Bücher Diätetik (Suid.; Orib,
coli, med. II 61 = I 165 ff; 63 = 172; IV 2 = 269 ff), worin auch
von der Zubereitung der Speisen gehandelt wurde ; 18, 7t. diaiTr]g
7tXa6vTii}v.* 1 Buch über Diätetik bei Meerfahrten (Suid.); 19. 7t. avy.wv*
= 1 Buch über Feigen (Suid.); 20, 7t. ydlaxtog ßißliov* = 1 Buch
über Milch (Suid,); 21. 7t. oYvov ßißliov* = 1 Buch über den
Wein (Suid.); 22. 7t. ^tehrog* = über den Honig (Suid.); 23. rä Ttqog
lTota/.uoviav6v* == Briefe an Potamonianos (Orib. c. m, VIII 21 = II
197 ff. ; da die Stelle über Erbrechen handelt, ist das Werk hier ein-
gereiht, es könnte aber auch allgemein die Therapie oder gar Medizin
darin behandelt gewesen sein; 24. 7t. (paQuämov xa^agtixCov = Pur-
giermittel, ohne Einleitung und Schluss; 25. 7t. tgavaatixibv cpaqfx.*
■= Wundmittel, 1 Buch (Suid.); 26. vielleicht ein Werk über Augen-
heilkunde* (Orib. V 452; Paul, Aeg, III S. 77 bringen Bruchstücke
über Glaukom und grauen Star); 27. 7t. ei^togiatiov* = Hausarznei-
mittel; der Titel ist aus Orib. eup. praef. = V 560 erschlossen, denn
da wird er umschrieben mit „ein Handbuch für Laien" ; das Buch soll
I
^) Vgl. de Renzi, Collectio Salemitaua II 125 mit Aet. IV 2, 8 f.
* bedeutet verloren gegangen.
^) Zu dem Anatomischen vgl. Gurlt, Gesch. d. Chirurgie u. ihrer Ausübg.,
Berl. 1898, I 424 ff.
») AUg. medic. Central-Ztg. LXVIII 1899 Nr. 60 (S.-A. Seite 2).
*) 7t. T^avftmtafiov ä^&^cov*, 1 Buch (Suid.), wird nur ein anderer Titel sein.
'') So der Scholiast Orib. III 686 für iaroeiov.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 24
370 Robert Fuchs.
nur für Laien und daher unvollständig gewesen sein; 28. 7t. ßoravwv*
= de herbis libri IV (Gal. XI 796) ; aus Gründen der Metrik rückt G.
Hermann^) das Werk in die Zeit der Severi hinab (nach 193 n.Chr.);
8 Hexameter erklärt Gal. XII 425 f., das Xi]öavov = Bartschmutz der
Ziegen betreifend ; ■■^) 29. to ^«; -Avioyiouevcov ^sgaTceiag (.lovößißlov* =
1 Buch über Behandlung der Sterilität der Frauen (Orib. III 681);
30. 7t. t7tmvi]OEiog'^ (a. a. 0.), vielleicht mit dem vorigen zu einer
Gj^näkologie gehörig; 31. Hippokrateskommentare * vermutlich,
wenigstens erklärte er das hippokratische egqupig (Gal. XVI 196);
32. 7t. hxtQov == üeber Gelbsucht, von Oseibia als zweifelhaft be-
trachtet.'*) In seinen Werken erweist sich Ehuphos als gut beschlagen
in der Litteratur. Diesen Studien verdankt er wesentlich seinen
Ruhm in der Anatomie, Therapie und Botanik. Seine Anatomie beruht
auf Alfen Sektionen. Er klagt darüber, dass man hur noch am leben-
den Sklaven die Körperoberfläche demonstrieren dürfe und im übrigen
auf Tiersektionen beschränkt sei. Er schrieb den Nerven alle Körper-
thätigkeit zu, nicht nur Bewegung und Empfindung. Die Kreuzung
der Sehnerven (Chiasma), die -7 Augapfelhäute (darunter die Linsen-
kapsel), die Caruncula waren ihm geläufig. Das Fieber hält er für
ein natürliches Heilmittel, das die Afrikaner, wie einst Euenor, durch
Bocksharn zu erzeugen suchten (Orib. IV 85); ihr Streben sei löblich,
aber nicht sicher gewesen. Die Diagnose der Quartana erschien
Aetios als mustergültig (II 1, 83). Galenos rühmt des Rhuphos Be-
handlung der Melancholie (V 105; XIX 710; Aet. II 2, 9). Aetios
giebt seine Beobachtungen über Wasserscheu wieder (II 2, 24) und
Oreibasios die langen Ausführungen über Depots {ä7tooxi]i.if,iaTa; coli,
med. 45, 30 = IV 83 ff.). Weitere Untersuchungen betrafen die Sehnen-
geschwulst (ydyyXiov- 45, 8 = IV 15), den Bubo (44, 17 = III 607 f.),
die Pestbeulen (Aet. II 1, 95),*) die Nachtblattern {i7tivv/.Tiöeg; Orib.
44, 20 = III 610), Akrochordon und Krebs (45, 11 = IV 17 ff.), das
spitze Kondylom {-S-v^iog IV 19), die Rose (44, 28 = III 655), die Ele-
phantiasis = Lepra (45, 28 = IV 63 f.). Bei Nierenentzündung, deren
Eiterung gut geschildert wird, vermied er im Anfangsstadium urin-
treibende Mittel und führte nur durch warme Klystiere ab. Das
vevQov = ocpig = Guineawurm führte er auf das schlechte Wasser der
Araber zurück.^) Seine hygienischen Vorschriften erstreckten sich daher
auf das Wasser (Aet. I 3, 165) und andere Getränke (Orib. c. m. V 3 = I
324 ff.), Koch- und Tresterwein (V 9 = 1357; 12 = 359 f.), Essig (11 =
358 f.), Honig (II 63 = I 172), Milch (61 = 165 ff.; Aet. I 2, 86) und
die Kinderernährung (Orib. III 154 ff.), lieber den Geschlechtsgenuss
gab er genaue Vorschriften (VI 38 = I 540 ff.; Aet. I 3, 8). Das Er-
brechen soll auf möglichst angenehme Weise erfolgen (Aet. I 3, 119;
Orib. c. m. VIII 21 = II 197 ff.). Er erfand einen schmerzstillenden
Trank (Gal. XIII 92); die nach ihm benannte Salbe (Orib. V 127;
^) Orphica 717.
^) Poetarum de re physica et medica reliquias colleg. Bussemake r, Paris 1851,
^) Steinschneider, Eohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med.
Geogr. I 1878 S. 131 ff. erwähnt 19 arabische Uebersetzungen angeblicher Werke
oder Abschnitte des Ehuphos und 11 arabische Titel. Bruchstücke findet man noch
in Rhazes' Continens, in den „simplicia"des Abu-Djafar (10. Jahrb.) und deren Aus-
zügen von Ibn-el-Beithär und Djami el-Muffridat.
*) Osann S. 2.
'") Bloch, Ein neues Document z. Gesch. \i. Verbreitg. des Guineawurms
(Filaria medinensis) im Altertum. Allg. medic. Centr.-Ztg. 1899 Nr. 60.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 371
869); eine Seife gegen Runzeln (V 143; 882); eine legä mit Kolo-
quinthe zum Abführen, z. B. bei Melancholie (c. m. VIII 47 = II
273 ff.; Pseudogal. XIX 710 f.; Aet. I 3, 115; Otho Cremon. 241 ff.,
s. oben). Sein Kyphimittel erfreute sich grosser Beliebtheit (Gal. XIV
119). Die hippokratische Streckbank, ßdd-Qov, die der Mechaniker
Pasikrätes verbessert hatte, besprach er eingehend (Orib. c. m. 49, 26
= IV 432 f.). In der Gynäkologie endlich widmete der encyklopä-
dische Arzt seine Aufmerksamkeit u. a. der Regel verhaltung (Aet. IV
4, 51; Zervos S. 69), die er auch auf allzu grosse Hitze zurückführte
(Zerv. 72), der Lebensweise der Jungfrauen (III 82 ff.), dem Coitus
(Orib. III 112 f.; s. oben) und den Schwangerschaftszeichen und der
Schwangerschaftshygiene (III 98 ff.).
Nicht etwa wegen der Wichtigkeit, sondern nur wegen des gleich-
falls eklektischen Charakters wird Kassios^) der latrosophist hier
angereiht, der mit dem dreimal von Celsus genannten Cassius und mit
den Cassii des Plinius (h. n. 29, 7) ebenso wenig zu thun hat wie mit
dem lateinisch schreibenden Afrikaner Cassius Felix (w. s.). Er wird
im Canon medicorum Laurentianus mit aufgeführt. Seine larQixal
&7toQiaL -Kai TtQoßlr^iiaxa (pvoiy.d = Zweifel (Verlegenheiten) auf medi-
zinischem und Fragen auf naturwissenschaftlichem Gebiete, in Form
und Inhalt den untergeschobenen Problemen des Aristoteles und des
Alexandros von Aphrodisias, sowie den echten des Sophisten Adamantios
durchaus ähnlich und den pseudogalenischen „definitiones medicae"
nahe stehend (Rose, Anecd. I 18tf. ; Aristot. pseudepigr. 216; 221),
führen in die spätere Periode der Pneumatiker, in das 2. oder 3. Jahr-
hundert n. Chr. In dem von den Byzantinern hergestellten Corpus
problematum füllt er Buch V; auch eine lateinische Uebersetzung
einiger Kapitel aus dem 10. Jahrhunderte ist vorhanden (cod. Bam-
berg.). Das Ophthalmologische der 84 Probleme liegt anscheinend nach
Rhuphos; in den von Bussemaker veröffentlichten weiteren Frag-
menten (Aristot. ed. Didot, Paris 1848 ff., IV 332 ff.) wird Soranos, de
oculo, citiert. Dazu passt die Diktion {/.sTtTvoinög, oxByvoTtad^elv , ovgiy-
{.larwörjo). Gegen die Methodiker richtet sich probl. 8. Herophilos,
Asklepiades, Andreas von Karystos werden angerufen, auch manches
Hippokratische wird erwähnt; aber das Meisteist rein pneumatisch. Die
Fragen betreffen u. a. Geschwüre, Durst der Hydropiker, Kälte der Ex-
tremitäten, Erkrankungen der Sinnesorgane, Einfluss des Mondscheins,
Schwindel, kreuzweise erfolgende Lähmungen. Unfruchtbarkeit weisser
Erde, die gleichgültige Frage, weshalb Betrunkene schlechten Wein
gern trinken u. a. m., die Farbe der Pupille und Hornhaut (Didot).
In heroischen Versen schrieb der Arzt Markellos aus Side (es wird
das pamphylische sein) unter Marcus Antoninus (d. i. M. Aurelius,
161 — 180 n. Chr.) 42 Bücher iaxQiv.(x = „Aerztliches", darin auch über
Lykanthropie (Suid.). ^) Dieses Stück und 101 Vers über Fische
{TteQi ix^-tov), letztere der Anfang des Abschnittes:
Ev öe 'Aal eivaXliov lödrp> (pvoiv hqtsiQav
(Aber auch der Seetiere heilsame Beschaffenheit erfuhr ich),
^) Editio princeps: ed. de Sylva, Parisiis 1541. — Lugduni Batavorum 1595;
cur. Gesner, Tiguri 162 (auch lat.); Lipsiae 1653; Paris. 1541 (lat.).
*) Marcellus Sideta, 'lar^iyA Tte^l iyßvcov ed. Morelli, Parisiis 1591 (auch
lat); Fabricius, Bibliotheca Graeca I 14; XIII 315; Car. Gottl. Kühn, De
Marcello S. programmata V, Lipsiae 1834 ff. (Commentar) ; Ideler I 134 ff.; Poetae
24*
372 Kobert Fuchs.
sind uns zugänglich. Markellos hat die Schriftsteller, die über Fische
geschrieben hatten, so Dorion, Archestratos, Xenokrates, Plinius (s. In-
dex zu Buch XXXI f.), gewiss benutzt, wenn uns auch der Nachweis
wegen des Untergangs der Schriften nicht gelingen mag. Knoll er-
klärt die Kynanthropie als Kvviy.bg onao[.i6g = Gesichtskrampf;
Eoscher aber beweist unwiderleglich, dass nur die bekannten Wahn-
vorstellungen in Frage kommen können. Aetios II 2, 11 beruht auf
Markellos. Ein Gedicht auf Tiberius Claudius Herodes Atticus (f etwa
180) fand sich auf dem Gedenksteine für die Gattin des Herodes in
der Via Appia (Epigrammata Graeca ed. Kaibel 1046).
Die Eeihe der Eklektiker schliesst mit Poseidonios^) und
Philagrios^) ab. Beide waren Söhne des Arztes Philostorgios, der
zur Zeit des Valens (364— B78) und Valentinianus (IL, 375—392) lebte
(Philostorg., bist, eccles. VIII 10). Poseidonios soll sich als Arzt hervor-
gethan, aber unglaubhafter Weise behauptet haben, dass die Besessen-
heit (Ußa-Kx^vea^-ai) nicht durch Dämonen, sondern durch Kakochymie
hervorgeruien werde; denn die Dämonen besässen keine Macht über
den Menschen (a. a. 0,). Suidas (s. v. ^ildygLog) lässt Philagrios auf
der lykischen Insel Makra nach Eugenator geboren werden, fügt aber
hinzu, nach eigener Angabe in dem „Briefe an Philemon über die
Leberverhärtung" stamme er vielmehr aus Epeiros. Er sei Schüler
des Naumachios gewesen, habe nach Galenos' Lebzeiten meistenteils
in Thessalonlke praktiziert und 70 Monographien {{,iov6ßLßla\ zahl-
reiche Handbücher {owTccy^^iaxa) und einen Kommentar zu Hippokrates
verfasst. Wellmann (spätestens Anfang des 4. Jahrhunderts, S. 63)
setzt ihn daher zu früh an. Alexandros von Tralleis hat in die
GeQaTtevtixcc 2 Stücke aus Philagrios aufgenommen, die unter dem
Titel: „1. Ad splenem Philagrius" und „2. De ventositate splenis" von
Pu seh mann (Berl. Stud. V 74 ff.) in einer alten lateinischen Ueber-
setzung veröifentlicht worden sind. Ferner schrieb er über angenehme
Getränke (Orib. I 365 ff.) ein besonderes Werk (Orib. c. m. V 17 =
I 365 ff.) ; der Brief wurde bereits erwähnt. Wie er den Aretaios be-
nutzte, so benutzte ihn wieder Aetios (W e 1 1 m a n n 63 ; 112). Lands-
berg (759) nennt ihn mit Recht den „rationellsten Arzt seiner Zeit".
Als einer der ersten beschrieb er und behandelte er operativ die
Aneurysmen (Aet. IV 3, 10; Landsberg 759). Gross war er in
Diagnose und Therapie der Milz- und Leberleiden (Aet. III 2, 7),
deren Komplikation durch sympathischen Husten und Kontiguitäts-
husten er beobachtete; der Nierenleiden, bei denen er durch Diätetik
half, -) der kolliquativen Durchfälle bei Fiebern (II 1, 90). Er sorgte
sich um Verstopfung (infraxin = €i.icpQa^iv), die nach Einnahme des
„catarticum" einzutreten pflegt (Orib. V 820 f.). Bei Taubheit nahm
er, wenn er einen anderen Grund nicht fand, Nervenverletzung an
(Rhazes). Seine Diätetik, Honigwein, Mohntrank, Quitten- und Cornel-
■bucolici et didactici cur. Lehrs, Parisiis 1846; Bussemaker a. a. 0.; Röscher,
Das von d. „Kynanthropie" handelnde Fragment des Marcellus von Side, Abh. d.
philos.-hist. Cl. d. kgl. sächs. Ges. d. Wiss. XVII 3, Leipz. 1896; Ders. , Ehein.
Mus. LIII 1898 S. 169 if.; Schneider, Marcelli Sidetae medici fragmenta. Com-
mentationes philol., Grat.-Schr. f. 0. Kibbeck, Leipz. 1888.
^) H s g r. (= Heusinger), Henschels Janus II 1847 S. 400 ; L e w y und Lands-
berg, Ueber die Bedeutg. d. Antyllus, Philagrius und Posidonius in d. Heilkunde,
ebda. 298 ff.; Puschmann und Unger s. unter Philumenos (S. 339). Vgl. oben
S. 314.
3) Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr. VI 1883 S. 166.
Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 373
kirschbowle, Herling- und Eosenhonig und Selleriewein einschliessend,
entnimmt Oreibasios dem Werke über Getränke (coli. med. V 17 ff. =
I 365 ff.). An Eezepten begegnen : ein Auf legemittel (epitliima ; Orib.
V 904), ein Malagma (907), Mittel gegen Magensäure (V 143; 882),
Scirrhus und Podagra (554: VI 393), ein Antidot mit Schwefel (Aet.
IV 1, 110). ein Abführmittel für schwarze Galle mit Aloe (13, 103 ff.);
Hysteriemittel (IV 4, 70 f.; Zervos 103 aus Buch XVI). Sein Bruder
Poseidonios dient dem Aetios als Quelle für die Lehren des Ehuphos,
Galenos u. a. (Aet. VI 9; Phot, bibl., cod. 221 p. 177 a 7). _Die Aus-
züge bei Aetios (I 3, 121; II 2, 2 ff.) betreffen: Nieswurz, Phrenitis,
Lethargus, y.ccQog = Totenschlaf, Koma, Schwindel, Wahnsinn, Alp-
drücken (Incubo), Epilepsie, auch bei Neugeborenen, und Wasserscheu ;
im letztgenannten Falle scarifizierte und brannte er die Wunde und
sorgte für anhaltende Vereiterung. Matthaeus Sylvaticus entnahm im
14. Jahrhunderte den damals noch vorhandenen Werken Vorschriften
über natürliche oder künstliche Alaunbäder bei Hydrops, Gicht und
Hautausschlägen. Bei Pseudogalenos (XIX 710) wird berichtet, dass
er Melancholie durch Aderlass in der Ellenbeuge. Abführen mit der
Hiera des Ehuphos, Archigenes oder lustus u. s. w. heilte, und ebenda
(717) findet sich die Formel für ein ö^vtiöqlov = verdauungsanregendes
Mittel.
Wir haben jetzt die Bestrebungen bis zu Ende verfolgt, die von
einer grossen Zahl minder oder mehr begabter Männer, zum Teil von
Aerzten mit universeller Bildung, seltenem Fleisse. ausgezeichneter
Litteraturkenntnis und ausgiebiger Erfahrung, bethätigt wurden, um
die auseinanderfallenden und verfallenden Parteien der einen, gemein-
samen Disziplin zu einem befriedigenden Bunde zusammenzufassen.
Jedermann wird zugeben, dass die Eücksicht auf alle, die Gleicli-
wertung Entarteter mit denen, die in sich die Heilkunde verkörperten
— ich nenne bloss Hippokrates und Erasistratos — , trotz des guten
Willens der Eklektiker nicht zu einer befriedigenden „Synthesis"
führen konnte. Der Mann, der durch Vereinigung aller erforderlichen
Geistesgaben, mögen sie auch mit menschlichen Schwächen gepaart
gewesen sein, die widerstrebenden Eichtungen siegreich zusammen-
führte und auf anderthalb Jahrtausend in eherne Fesseln schlug,
so dass niemals die Spuren dieser unbeugsamen Geistesherrschaft ge-
tilgt werden können, der Mann sollte dem Hellenentume erst noch er-
stehen : Galenos, der Sohn der gelehrten, gewaltigen und reichen Stadt
Pergamon.
35. Galenos. Leben und Bedeutung.
Die ältere oder minder wichtige Litteratur findet sich bei Ackermann {tc. s.)
tmd in den allgemeinen Bibliographien. Die Angaben des Galenos über seine Lebens-
schicksale hat ebenfalls Ackermann zusammengestellt. — 1. Albert, Les Grecs ä
Eome. Les medecins grecs ä Borne, Baris 1894, 266 if. — 2. Amari, Sul supposio
sepiilcro di Galeno alla Cannita, Balermo 1887. — 3. Berthelot, Sur les voyages
de Galien et de Zosime dans V Archipel et en Asie, et sur la mutiere medicale dans
Vantiquite. Journal des savants, juin 1895 S. 382 ff. — 4. Biichner, Galenus
und Lyells, Bede im Verein homöop. Aer^te, München 1858. — 5. Baremberg,
Litroduction aux oeuvres de Galien, ou Etüde biographique litteraire et scientifique
sur Galien {nur handschriftlich; vgl. Oeuvres de Galien I p. HI); Oeuvres ana-
tomiques etc. [Einleitung dazu) s. unten Kap. 37 Nr. 8. — 6. Bubois, Beponse ä
la lettre de M. Double sur Aristote, Galien et Hippocrate. Gazette medicale 1842,
— 7. Finlayson, British medical Journal, London 1892 ; Galen : Ttco bibliographical
demonstrations etc., Glasgotv 1895. — 8. Fisher, Claudius Galenus, historical and
374 Robert Fuchs.
bibliographical notes. Annais, Anatomical and surgical Society, New York, III
1881. — 9. r^rjyopdy.T], 'O raXrjvoi vtto laroQiy.riv enoxpiv. raXrjvös, ev ^Äd'rjvan
1881 Nr. 20 ff. — 10. Labheus, Vita Claudii Galeni, Parisiis 1660; Cl. Gal.
chronologicum elogium, ib. 1660. — 11. Luboiilbene, Histoire de Gallen, sn vie,
ses Oeuvres, son dernier traducteur Charles Dareniberg. Gazette des hopitaux 1882 ;
Union medicale 1882. — 12. JViss, Galeni vita eiusque de medicina merita et scripta,
Berolini 1854. — 13. Pi'osopographia Imperii Romani saec. I. TL III,
Berolini 1897, I 374 ff. — 14. V. Mevillout, Etüde sur Galten lue ä Vacademie
de medecine. Gazette des hopitaux 1879. — 15. Schöne, Galeniana. Schedae j)hilo-
logae Hermanne TJsener . . . oblatae, Bonnae 1891.
Der Name Galenos findet sich in den zalilreiclien Handschriften,
und hei den Schriftstellern (Eufinus, hist. eccles. 5. 28 ; Isidorus, chron;
275), aber auch in den eigenen Schriften (XIV 614; 619; 625; 637.
656; XIX 9; 8 erwähnt er ein gefälschtes Werk rahqvog iazQog)
Der Gentilname Claudius ^ wird ihm seit dem Beginne des 15. Jahr-
hunderts beigelegt, ohne dass dafür in der Ueberlieferung eine Be-
rechtigung vorliegt ; vielmehr scheint er willkürlich erfunden oder aus
einer missverstandenen Abkürzung zur Zeit der Renaissance entstanden
zu sein. Galenos stammte aus Pergämon (VI 278; XII 272 u. ö.).
Seine Geburt fiel in den Sommer 1 30 v. Chr., -) nicht, wie bisher an-
genommen wurde, 131 oder gar 128/129. ^) Sein Vater Nikon •^) war
Architekt und in der Mathematik, Astronomie und Logik wohl-
bewandert (V 41 f. ; VI 755 ; XIX 43 u. ö.). Seiner mürrischen Mutter
Namen nennt er nicht (V 40). Sein Vater unterwies ihn selbst (V 41 ;
VIII 587) und schickte ihn mit 14 Jahren in Pergämos in die
Philosophen schulen (X 609; XIX 59). Dort hörte er stoische Lehren
bei einem Schüler des Philopätor, platonische bei einem Schüler des
Gaius, peripatetische bei einem Schüler des Aspasios, endlich auch
epikureische (a. a. 0.). Durch die Träume seines Vaters wurde er
mit dem 17. Jahre auf die Heilkunde geführt (X 609; XIV 608;
XIX 59; XVI 223), und zwar hörte er: in Pergämon Satyros^) (II 217;
224; XIV 69; XVII, I 575), Stratonikos 5) und Aischrion (V 119;
XII 356). Nach dem Tode seines Vaters (151 n. Chr. ; VI 756) studierte
^) K 1 e b s , Prosopographia imperii Eomani saec. I. II. III, Berol. 1897, 1 374 if.
^) IwanvonMüller, Ueber Galens Werk vom wissenschaftl. Beweis, München
1895 S. 9 ff. entnimmt Galenos' eigenen Schriften folgende Daten : 1. Besuch in Rom
im Sommer des Konsulatsjahres des Cneius Claudius Severus im 34. Lebensjahre
(XIV 613; scr. min. II 96), also nach Klein, Fasti consulares, 163 n. Chr.; in den
3 folgenden Jahren schriftstellerte er in Rom auf Veranlassung des Konsularen
Flavius Boethos (a. a. 0.), also 163 — 166; Rückkehr nach Pergämon im 38. Lebens-
jahre, im Sommer (XIX 16), also 167; Gladiatorenarzt in Pergämon wurde er mit
Beginn des 29. Lebensjahres (XIII 599), im Sommer, also 158; vorher hatte er
7 Jahre auswärts studiert, also von 151 — 158; aus der ersten Angabe folgt, dass er
im Sommer 130 geboren sein muss. Suidas lässt ihn noch unter Marcus Aurelius
(161—180), Commodus (180 — 192) und Pertinax (193) leben und giebt an, dass ihm
70 Lebensjahre beschieden waren, er starb also 360/801. Klebs (s. Anni. 1) verlegt
hingegen die Geburt des Galenos um 128/9 und deni entsprechend alle Ereignisse
1 — 2 Jahre früher.
^) I(ulios) Nikodemos auf 2 Inschriften, wovon Nikon auf einer anderen die
Abkürzung zu sein scheint. Die Tafel eines möglicherweise dem Galenos verwandten
Ail(ios) N(e)ikon bespricht mit jenen Schoene (s. vorn Nr. 15).
*) Satyros erklärte in seinen Schriften den Hippokrates (XVI 524: Schlaflosig-
keit bei Phrenitis; XIX 57) und verfasste anatomische Werke (XV 136). Vgl. zu
diesem und den folgenden oben S. 315.
'") Er beschäftigte sich mit der Therapie veralteter Geschwüre (V 119) und be-
hauptete, dass das Geschlecht des Kindes von dem Ueberwiegen des männlichen oder
weiblichen Samens abhänge (IV 629).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 375
er in Smyrna bei Pelops, ^) dem Schüler des Kointos = Quintus, -) Medizin
und bei Albinus platonische Philosophie (II 217; V 112; VIII 194;
XVI 524; XIX 16). Der Name des Lehrers Phekianos (s. oben
S. 315) lautet teils so (XVI 484), teils Phikianos, d. i. Ficianus (XVII,
I 575); Müller vermutet Aeflcianus (scr. min. II p. LXIV). In
Korinthos hörte er den Anatomen und Hippokrateskommentator No-
misianos -= Numisianus (Gal. II 217 ff.; XV 136; XVI 197; XIX 57),
auch einen Schüler des Quintus. Die Anatomie zog ihn nach Alexan-
dreia, und dort lernte er den Anatomen Herakleianos kennen (X 53 f. ;
XII 177; 905; XV 136). Mit lulianos' anatomischen Vorlesungen war
er nicht sonderlich zufrieden (s. oben S. 338). In seiner Jugend
machte er viele schwere, aber auch einige leichte Krankheiten und
Unfälle durch (VI 309 f.): eine in der Eingschule erlittene Luxation
des Akromions (XVIII, I 401 f.). einen Abscess. für dessen Heilung er
Asklepios opferte (XIX 19), einmal ein Brennfieber (VII 638), einmal
eine Quotidiana, nach der er viele Jahre hindurch gesund war (VI
308 f.), viermal eine Tertiana (VII 638), ein Fieber mit Delirien, die
er eingehend schildert (VIII 226), mehrfache akute Krankheiten in-
folge von Obstgenuss (VI 756 f.). Schlaflosigkeit brachte ihn dazu,
sich an der rechten Hand zwischen Daumen und Zeigefinger zur Ader
zu lassen (XVI 222). Nach krankheitsreicher Jugend erfreute er sich
von seinem 28. Lebensjahre an einer guten Gesundheit (VI 309 ; 756 f. ;
VII 638; VIII 226). Nur befiel ihn später in Aquileia die Pest (XIX
18), die er durch Aderlass vertrieben zu haben vermeint (524). Er
gesteht aber ein, dass er, wenn er die hygienischen Vorschriften be-
folgte, nicht ein einziges Mal erkrankt ist (VI 309). Und wie den
Körper, so pflegte er die Psyche, deren Zustand er schildert (V 43 f.),
durch Unterdrückung des Jähzorns (16). ^\ie er sich anatomische
Kenntnisse verschaffte, erzählt er selbst II 221 ; XVII, II 235. Da-
neben bildete er sich auch in den Sprachen weiter, im Attischen,
Aeolischen, Dorischen und Ionischen, sowie im Lateinischen (V 869;
VII 758). Zu Beginn des 29. Lebensjahres (Sommer 158) übertrug
dem Heimgekehrten das Kollegium der Erzpriester, ScQxuQng, seiner
Vaterstadt das Amt eines Gladiatorenarztes und, weil er sich aus-
gezeichnet bewährt hatte (XIII 574). noch viermal bei dem jährlichen
Amtswechsel (XIII 599 f.; XVIIL 11 567); er war also von 158—163
in Pergamon thätig. Unter M. Aurelius kam er im Sommer 163 nach
Rom (II 215; XVII, I 347, wo nach dem „30. Jahre" der Einer
ausgefallen ist) und blieb dort über 3 Jahre (XIV 15 u. ö.) bis zur
1) Gal. V 112; VIII 194. Er war Lehrer des Nomisianos (XV 136), behauptete,
dass die Medizin mit der Erfahrung' allein nicht auskomme (XIX 16), erläuterte den
Hippokrates (XIX 57), z. B. im 3. Buche seiner „Einführung in das Studium des
Hippokrates" in Bezug auf die Muskelanatomie (XVIII, II 926), beschäftigte sich
mit der Nervenphysiologie (V 530), zählte an der Zunge des Rindes 16 Muskeln
(XVIII, II 959), erklärte das Gehirn für den Ausgangspunkt aller Gefässe (V 527;
544) und gebrauchte des Menippos Rezept und die Asche von Krebsen gegen die
ToUwut (XIV 172; XII 358).
-) S. oben S. 315, wo er statt als Schüler des Marinos vielmehr als dessen I
Lehrer hätte bezeichnet werden müssen. Quintus war auch der Lehrer des Satyros
(II 225) und Antigenes (XIV 613 ff.). Er verfasste keine Werke (XV 68), seine Er-
klärung des Hippokrates fand nicht allenthalben des Galenos Beifall (XIX 57), er sprach
sich über Salbungen (VI 228) und Arzneimittel aus und ersetzte den Zimmet durch
ein anderes, y.a^Ttyjawv genanntes asiatisches Gewürzholz (XII 15: XIV 71). Dem
böswilligen Gerüchte, dass er die Patienten töte, musste er sich durch die Flucht
entziehen (XIV 602).
376 Kobert Fiichs.
Beendigung des Partherkrieges (XIV 648), 163—166/7. Er hielt von
der vornehmen Welt (Boethos, Eudemos, Alexander Damascenus: II 218;
XIV 627) besuchte öffentliche Vorlesungen über Physiologie, verfocht
seine Theorien gegen die ihm feindlichen Methodiker, schriftstellerte
und hatte eine grosse Praxis. Allein die gegnerischen Sekten ver-
leideten ihm trotz seiner Erfolge den Aufenthalt in der ewigen Stadt,
und als 166 Hungersnot und Pest über Italien hereinbrach, kehrte er
über SjTien, Palästina und Phoinikien, wohl auch über Kypros heim.
Auf dieser Insel war ein mächtiger Gönner von ihm mit dem kaiser-
lichen Bergwerkskommissar befreundet, und so brachte er von einem
Besuche der dortigen Minen grosse Mengen heilkräftiger Erze, Galmei
und Kupferverbindungen aller Art, mit (XIV 7 ff.). Aus Palästina nahm
er Gileadbalsam, ÖTtoßdlaainov, mit, vom Toten Meere Asphalt, von
Lykien und Phoinikien einheimische und indische Droguen und von
der Insel Lemnos die berühmte Siegelerde. Im Sommer 167 nahm er,
37 Jahre alt, in der Heimat die Praxis als Gladiatorenarzt wieder
auf (XIX 17). Die Freundschaft des Konsularen Boethus, dem er
sein grosses anatomisches Werk zueignete (II 215 f.; XIV 612 ff.;
627 ff.), des Sergius Paulus, des Ceionius Civica Barbarus, der schon
164 den Orient aufgesucht hatte, und des Cn. Claudius Severus (a. a. 0.)
blieb ihm erhalten. Bald darauf berief ihn ein schriftlicher Befehl der
Kaiser M. Aurelius und L. Verus aus Aquileia der Pest wegen nach
Italien. Kurz vor dem Tode des vermutlich auch von der Pest ergriffenen
Verus langte er in Aquileia im Winter 169 an. Mit dem decimierten
Heere erreichte Verus Rom, wo er erlag (Capit., Anton. 14; Verus 9;
Agath., bist. V 10). ^) Bald darauf kam Galenos zum zweiten Male nach
Bora. M. Aurelius wünschte, dass ihn Galenos in den Markomannenkrieg
begleite, aber auf sein Bitten d-urfte er in Rom als Leibarzt des
Prinzen Commodus zurückbleiben (XIV 650). Er frischte die alten
Beziehungen zu den Vornehmsten der Stadt wieder auf und erhielt
sich die Gunst des zum Triumphe heimkehrenden Kaisers (660; VIII
144). Seine reiche litterarische Thätigkeit setzte er im vorgerückten
Alter in Pergamon fort. Dass er unter Septimius Severus noch lebte,
folgt, abgesehen von Suidas, daraus, dass er XIV 64 f. berichtet, er
habe Severus auf Befehl den Theriak bereitet. Die „grossen Kaiser",
die XIV 217 genannt werden, sind Severus und sein Sohn Antoninus
Bassianus Caracalla. Den Namen Antoninus legte sich bereits Severus
bei (VII 478). Gegen Suidas' Angabe, wonach Galenos im Sommer
200 gestorben sein muss, lässt sich demnach nichts einwenden.
Labbeus (Nr. 10) entnimmt dem Michael Glykas-) die Widerlegung
der Anekdote, Galenos habe aus dem Munde der in Palästina ange-
troffenen Magdalene die Heilung eines Blindgeborenen durch Christus
vernommen und erwidert, dann müsse Christus unbedingt die Steine
gut gekannt haben, denn anders sei eine solche Heilung nicht aus-
zuführen. Dass Galenos aber 140 Jahre alt geworden sei und
Palästina aus dem Grunde besucht habe, weil er Christi Wirkungs-
stätte habe sehen wollen, haben bigotte Christen dem Erzheiden an-
gesonnen (Labbeus). Der Fihrist (S. 23 Aug. Müller) berichtet,
^) Buresch, Klaros, Leipz. 1889, 67 ff. verzeichnet die ganze einschlägige
Litteratnr.
^) Anuales a mundi exordio usque ad obitum Alexii Comneni etc., Parisiis 1660,
III p. 231.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 377
dass Alexandros von Aphrodisias den Galenos in persönlicher Fehde
„Mauleselkopf" genannt habe. lieber dieses ii. ä. verbreiten sich
I w. V. Mülle r ^) und H a a s ^) ausführlicher.
Es ist auf einer halben Seite nicht möglich, die unendlichen Ver-
dienste des Galenos auch nur von weitem zu würdigen. Magnos der
Arzt besang ihn, weil durch seine Thätigkeit die Menschen unsterb-
lich waren und die Dächer des thränenreichen Acheron Witwentrauer
anlegen mussten (Brunck, Analecta vet. poet. Graecor., Argentorati
s. anno II), Maler malten ihn,-) die Philosophen und -Aerzte aller
Zeiten und Völker priesen ihn als vornehmsten Vertreter beider
AVissenschaften. Athenaios macht ihn in den öuTtvooofpiojoi zum Teil-
nehmer an dem gelehrten Gespräche (I p. 26C; III p. 115 C ff.). Das
Sprichwort :
ov Ttavzbg ärdgbg eig ralr^vbv ead^* 6 Tt'kovg
= „Nicht jedermanns Kurs geht auf Galenos zu" soll zu fleissigem
Studium dieses Arztes anhalten.'^) Das Ergebnis solchen Studiums
rechtfertigt dann den Standpunkt eines Gegners Harveys: „jMallem
cum Galeno errare quam cum Harveio circulare"; d. i. wer sich auf
Galenos berufen kann, braucht sich im Falle des Irrtums nicht zu
schämen. Griechen und Römern galt er jederzeit als der grosse
i(xTQOöo(piaTi]g, „der göttlichste" (Alex. Trall. in vielen seiner 27
Citate), den Arabern als der „Aerztefürst", den Hebräern als „nobilis
chirurgus", *) Labbeus (10 S. 3) als „yv^aiog laxQog -Aal/iiövog fpdöaorpog^^
(echter Arzt und alleiniger Philosoph). Mit Recht bezeichnet Hirsch-
bergs massgebendes Urteil die galenische Zeit als den Gipfelpunkt
der gesamten griechischen ]\redizin ^) wegen der Vereinigung des über-
triebensten Dogmatismus mit der fortgeschrittensten, auch experimen-
tellen Forschung, wegen der Zuverlässigkeit und Unanfechtbarkeit
seiner Folgerungen, der ganz genauen Anatomie, der scharfsinnigen
Diagnose, der geradezu bewunderungswürdigen Therapie, der hohen
Gesichtspunkte trotz Beimischung der Regungen der Eitelkeit, wegen
der Vereinigung der Vergangenheit und Zukunft in seiner Hand —
„ein hervorragender Mensch, aber kein Genie". Hierzu fügt Darem-
berg (Orib. I p. XXVI) die beispiellose schriftstellerische Frucht-
barkeit und die Verehrung, die ihn, wie den Aristoteles zum „maitre en
Philosophie", so zum ..maitre en medecine" erhob. Wenn er aber „un
genie si universel" hinzufügt und Altmeister Gurlt**) bestätigen
will, dass Galenos „einzig in der Weltgeschichte als ein Universal-
^) von Müller, Galens Werk vom wissensch. Beweis. Abh. d. k. bayer. Ak,
d. Wiss. I. Cl. XX. Bd. II. Abth., München 1895 S. 23; Haas, Ztschr. d. Deutsch.
Morgenland. Ges. XXXI 1877 S. 657. , ,' .
^) IlaTTaSÖTiovlos-Ks^ajuevs, 'IsQOOoXvfUTiy.f] ßißkio&rjxrj etc., iv TTerQOVTiöXei
1899, II 139, Nr. 85, 16 neben Homeros, Aristoteles, Sybille, Piaton, Plutarchos,
Sokrates und Pythagoras. Die Schrift ist anonym ; Titel : ^sqI tov ttcös y^äffo-tnai al
sixövEs 'OfiriQov etc. Sein Bild findet sich in den Wiener Dioskurideshandschriften,
ist aber nicht echt. Vgl. noch Janus II 611.
■'') Cassiodor., instit. divin. lect. I 31.
*) Steinschneider, D. liebr. Handschriften d. k. Hof- u. Staatsbibl. in
München, München 1875 S. 122.
^) Gesch. d. Augenheilk. Graefe-Saemisch, Handb. d. gesamt. Augenheilk.,
2. Aufl., Leipz. 1899, II. Teil XII. Bd. XXIII. Kap. S. 315. unterstützend tritt
Roberts nicht minder wertvolles Urteil hinzu: Hist. Stud. aus d. pharmak. Instit.
d. Kaiserl. Univ. Dorpat, Halle a. S. 1889 ff., V 227 f.
«) Gesch. d. Chir. u. s. w., Berl. 1898, HI 468.
378 Robert Fuchs.
genie" dastehe, so findet die behauptete Genialität in Hirschberg
die nötige Korrektur, ohne dass die Universalität darunter zu leiden
braucht. Galenos wurde im Altertum überschätzt, modern ist es, ihn
zu unterschätzen. Indessen seine Fehler sind im wesentlichen Fehler
seiner Zeit, Schatten, die durch das Licht der fortgeschrittenen Neu-
zeit geworfen werden. Von mancher Schwäche, die sie ihm vorhält,
ist die moderne Medizin und Philologie selbst nicht frei, und viel-
leicht könnten diesen in einzelnen Fällen Mängel nachgewiesen werden,
die jenem fremd sind. Solche Urteile sind daher nur mit äusserster
Vorsicht zu verwenden und auf den Kern, den sie umhüllen, zu be-
schränken. Selbstgefälligkeit und Geschwätzigkeit (letztere gesteht
er selbst zu, z. B. XVII, I 610) hält ihm von Wilamowitz-
Möllendorff ^) in den stark übertreibenden Worten vor: „der un-
erträgliche Seichbeutel Galen", und doch wären uns ohne diese Schwäche
ganze Schriften des Hippokratescorpus vollständig dunkel. Seine
Tadel-, ja Schmähsucht wurde bereits hervorgehoben (S. 296), aber
auch deren Ausgleichung durch freudige Zustimmung und Lobes-
erhebungen bei richtiger Stellung zu den strittigen Fragen. ') Unge-
nauigkeit im Citieren, '^) Unglaub Würdigkeit im Etymologisieren (XIX
348 tf.) und Kommentieren, ^) mehr Schimmern als ■ Ueberzeugen,
mehr Deklamieren als Beweisen ^) sind nicht seine Erfindungen,
sondern stehen durchaus im Einklänge mit allgemeinen Gepflogen-
heiten teils des ganzen Altertums, teils seiner rhetorisierenden, re-
nommistischen Zeit. Welchen Wert hatte für ihn, wenn der Patient
inzwischen gestorben war, der leere Streit {Ttolvloyla, /^ii-KQoloyia,
leTttoXoyla, (flvaQia, XfjQog) '^) der Grammatiker um die Vortrefflichkeit
dieser oder jener Lesart (XVII, I 593)? Ihm kam es auf die Sache
{Ttgayfia) an, nicht auf die Wortstreiterei und Haarspalterei {xa övöf.iaTa,
XVIII, II 267; XVII, I 604 f.; 608; 616; 649; 766; 800; 975; XVI
487; 736). Trotzdem prüft er die Lesarten auch und verteidigt als
Arzt die altbeglaubigten gegen die bestehenden neuen der Grammatiker
(XVII, I 1005; 794). Wohl erhielt seine Allgewalt durch Para-
celsus den ersten heftigen Stoss (i. J. 1527), wohl vervollständigte
Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs den Sturz, wohl verdammten
ihn in späteren Jahrhunderten, stolz auf ihre Däumlingsgrösse und
ihr gelehriges Nachsprechen, oberflächliche Geister ganz und gar, aber
heute noch stehen viele seiner gegen den Kritikersturm verteidigten
Lesarten und Erklärungen siegreich für immer da. So ist es auch
mit den meisten Grundlagen seiner Lehre, die wir, unter Uebergehung
der sprachlichen Eigentümlichkeiten und anderer Nebendinge, aus
seinen Schriften entwickeln wollen.
1) Isyllos von Epidauros. Philol. Unters. IX, Berl. 1886, 122 A. 12.
-) Ungerecht ist z. B. der Tadel des Andreas: XI 795 vgl. ni. Diosc, de m. m.
praef.
^) Hippocrates ed. Ilberg-Kuehlewein I p. LVIIIff.; LX Anm.: ed. Littre
II 257; IIb er g, Rhein. Mus. LI 1896 S. 177; Kühle wein, D. chirurg. Schrift, d.
Hippokr., Jahresb. üb. d. Königl. Klosterschule zu Ilfeld, Ostern 1897 bis 1898, Nord-
hausen 1898 S. 3.
*) Hippocr. ed. Ermerins II 763 vgl. mit Fuchs II 444 A. 68.
•"*) S. oben S. 206 einige weitere Belege.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 379
36- Die galenischen Schriften.
S. die Littevatur S. 206 Anm. 5 und in dem vorangehenden Kapitel. —
1. Ackermann^ Historia literaria Ckiudii Galeni consc. a — , ex Fabricii biblioth.
graeca d. et avcta et emendata = Kühn I p. XVII ff. — 2. llherg. Die Schrift-
stellerei d. Klaudios Galenos, Rhein. Mus. 44 {1889) 207 ff.: 47 [1892) 4S9/f.; 51
{1896) 165 ff.; 52 {1897) 591 ff. — 3. Iu\ von JlüUer, Q^mestiones criticae de
Galeni lihris, Progr., Erlangae 1871 {hespr. i?i Virchoics Jahresb. von 1872, I 266
und von Nauck, Bulletin de Vacad. imperiale des sciences de St. Petersbourg XXXI):
Galenus Piatonis imitator. Acta seminarii philolog. Erlangensis IV 1886. —
4. Steinschneider, Die hebr. Ueber Setzungen d. Mittelalters, Berl. 1893; Die griech.
Aerzte in arab. Uebersetzungen. Virchotvs Arch. CXXIV 1891. — 5. WeniHch,
De auctorum graecorum versionibus et comtnentanis syriacis, arabicis, armeniacis
persicisque, Lipsiae 1842.
Galenos schriftstellerte von frühester Jugend bis in das höchste
Alter. Bei jeder Beschäftigung, beim Studium als Jüngling, beim
Experimentieren und Praktizieren, sowie bei der Lektüre hatte er un-
ausgesetzt den Griffel zur Hand. Daher übertraf er durch die Zahl
seiner ärztlichen und philosophischen Werke alle Vorgänger (und Nach-
folger) und blieb in der Erklärung der Schriften hinter keinem zurück
(Athen, p. 1 E). Suidas (s. ralrivo^i) hält die Aufzählung der „vielen . , .
allen bekannten" medizinischen, philosophischen, grammatikalischen und
rhetorischen Werke für überflüssig. Die Zahl kann nicht genau an-,
gegeben werden, da vieles unecht, anderes in mehrfacher Redaktion
wieder anderes bloss in noch nicht veröffentlichten semitischen Ueber-
tragungen zu finden ist. Einige berechnen im ganzen 500 Schriften,
andere über 640, d. i. 400 medizinische und über 240 andere, ^) andere
rund 300 medizinische und 115 philosophische, Hirschberg-) 250
dem Titel nach bekannte und 83 erhaltene echte, 19 zweifelhafte und
45 unechte, zusammen 147 erhaltene AVerke unter seinem Namen,
dazu 19 Fragmente und 15 Kommentare zu Hippokrates (die letzte
Angabe ist nicht kontrolierbar) ; Christ '^) mehr als 250 Schriften,
darunter 100 echte und 18" zweifelhafte erhaltene Werke, mehrere bloss
lateinisch oder arabisch (auch hebräisch und persisch). Um einen
Studienplan zu geben und sich vor Unterschiebungen und litterarischem
Diebstahle zu bewahren, hat Galenos zwei Führer durch seine Werke
verfasst: 1. tieq! r^g TaE,etog rütv iöuov ßißUwv Ttgög Euyeviavov (XIX
49 ff.; scr. min. II 80 ff.) = Ordnung der eigenen Werke, ^) 2. /r. zßjv
iökov ßißUcov (8 ff. ; scr. min. II 91 if ) = Ueber meine eigenen Werke.
In Nr. 1 handelt Galenos von der Entstehung und der Art des
Studiums seiner Werke, die er teils auf Wunsch seiner Freunde und
bloss für sie geschrieben, teils Tironen diktiert habe, sie seien wider
seinen Willen verbreitet, darum müsse er einen Wegweiser geben,
und zwar lese man in dieser Reihenfolge: 1. Propädeutik = de opt.
secta, 7t. aTcodei^BLog, de sect. ad eos q. introduc. ; 2. de puls, ad tir.,
^) Claudii Galeni Pergameni opuscula varia a ... Theod. Goulstouo ...
Graeca recensita, Londini 1640, praef.
^) Gesch. d. Augenheilk. Graefe-Saeniisch, Handb. d. gesamt. Augenheilk.,
2. Aufl., Leipz. 1899, II. Teil XII. Bd. XXIII. Kap. S. 313.
^) Gesch. d. griech. Litt, bis auf d. Zeit Justinians, 3. Aufl., München 1898
S. 858 f.
*) Galeni libellum qui inscribitur /7. t. t«|. r. 18. ßißk rec. Iwauus Mu eller,
Progr., Erlangae 1874. Ich folge in diesem Kapitel der ausgezeichneten Darstellung
Ilbergs (Nr. 2).
380 Robert Fuchs.
de ossib. ad t., admin. aiiat. ; 3. Physiologie = de plac. Hipp, et Plat.,
de usu pari; 4. de simpl. medic. temp. et fac, de comp, medic; 5. de
san. tuenda; 6. Kommentare und Polemisches, Philosophisches. Nr. 2,
an Bassus gerichtet, belehrt über Echtheit, Gattung (Skizze, fertiges
Werk), Zweck (Polemik, Systematik), Zeit und Umstände der x?b-
fassung. Als Student schrieb er vTcoiLivi]f.iata, die bei seinen Kameraden
viel Anklang fanden und bei dem dritten Aufenthalte in Pergamon
(167—169) vervollkommnet wurden, als erfahrener Praktiker in Rom
und Pergamon belehrende Schriften, als Lehrer und Verfechter seiner
Theorien während des zweiten Aufenthalts in Eom polemische Werke,
Ein grosser Teil der Werke ging zu Grunde, als kurz vor dem Tode
des Commodus (192) der Paxtempel mit den dort niedergelegten ägyp-
tischen und arabischen Beutestücken und deponierten Wertsachen der
Reichen (Cass. Dio 72, 24; IIb er g 211 ff.) und den benachbarten
&7ioiHfAaL in der Via sacra, wo Galenos seine Handschriften verwahrte,
niederbrannte (XTX 19; XIII 362; XIV 66). Schon bei einem früheren
Brande, unter M. Aurelius (II 215 f.), hatte er die erste Niederschrift
der admin. anat. u. a. m. eingebüsst, Die geretteten Werke teilt
Galenos in 15 Kapiteln also ein: 1. Anatomie, 2. Pathologie, 3. Therapie,
4. Diagnostik und Prognostik, 5. Kommentare und Polemik: zu Hippo-
krates. 27 Bücher für sich und Freunde (aph., de fract., de artic. rep.,
progn., de victu in ac, de vuln. et ulc, de cap. vuln.) und 35 für die
Oeffentlichkeit (epid. IL IIL VI, de hum., alim., prorrh., de nat. hom.,
de off. med., de aere aq. loc); zu Erasistratos (Kap. 7); zu Asklepiades
(Kap. 8) ; zu Serapion, Herakleides von Taras, Menodotos, Theodas und
anderen Empirikern (Kap. 9) und zu den Methodikern, z. B. lulianos
(Kap. 10); 6. Philosophie, darunter über Logik 49 Bücher, Ethik 30,
Piatonismus 34, Aristotelismus 34, Stoicismus 18, Epikureismus 10;
7. Grammatik, 76 Bücher, darunter das grosse atticistische Lexikon in
48 Büchern. In dem Verzeichnis fehlen manche wichtigen Werke
(Kalbfleisch, Ueb. Galens Einleitg. in d. Logik, Hab.-Schr., Frei-
burg i. Br. 1897 S. 16 A. 1). Gelegentlich eingestreute kürzere Ver-
zeichnisse findet man I 407 ff; II 215 ff; XVIII, I 576 ff Ferner
schrieb Oreibasios eine ovvoipig rCov ra'Arjvov ßißXuov (Phot. p. 180 a 3),
deren Verlust wir beklagen. Besondere Schwierigkeiten bereiten bei
der chronologischen Aufstellung der Werke: der ungenaue Titel, ^) das
wechselnde Tempus der Citate, weil die kleinen Schriften, die als be-
vorstehend angekündigt sind, im weiteren Verlaufe einer in Jahren
vollendeten Hauptschrift als erschienen bezeichnet werden mussten,
die mehrfache Umarbeitung oder die völlig neue Abfassung des näm-
lichen Werkes.
Die von IIb er g (a. a. 0.) geschickt erschlossene zeitliche Reihen-
folge der galenischen Schriften ist folgende.
^) Galenos gab seine vTrofivij/uara grossenteils ebne Titel an seine Freunde
(XIX il), somit umschrieb er bei Bedarf ihren Inhalt. Er legte aber auch, wie
das Altertum, kein Gewicht auf genaue Titelangaben (von Müller, Ueb. Galens
Werk V. wissensch. Beweis. Abh. d. k. bayer. Ak. d. Wiss. I. Gl. XX. Bd. II. Abth.,
München 1895 S. 1; Galeni de victu attenuante etc. ed. Kalbfleisch, Lips. 1898
p. XXIII).
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 381
I. Hauptwerke.
1. Tte^t TLüV '^iTTnoxQatovg -/mI nkdrcovog doy^icaLov I — IX = Lehr-
meinungen des Hippokrates und Piaton (Kühn V 181 ff.).
1 — 6 war für Boethos bestimmt, 7 — 9 wurde nach 169 hinzugesetzt.
Galenos hält die Schrift mit Recht für eine der bedeutendsten. Er
beweist die Uebereinstimmung der hippokratischen und platonischen
Lehren und verteidigt sie, besonders gegen die Stoa, Aristoteles,
Erasistratos. Chauvet, Memoire sur le traite de Galien, intitule:
Des dogmes d'H. et de R, Paris 1857; Cornario interprete, Lugd.
1550; Kalbfleisch, In Galeni de placitis Hipp, et Plat. libros ob-
servationes criticae, Diss., Berol. 1892; Claudii Galeni de pl. H. et PI.
libri novem rec. Iwanus Müller I, Lips. 1874; Quaest. er. de G.
libris 7t. T. xad-^ 'iTtyroxQairiV •/.. TlXariova ö., Progr., Erlangae 1871;
specimen alterum, ib. 1872 ; P e t e r s e n , In G. de p. H. et P. 1. quaestiones
er., Diss., Gotting. 1888.
2. 7t. xQdag (.ioquov XVII = Gebrauch der Körperteile
(III Iff.; IV 1 ff.), eine Physiologie mit Untersuchung der Nerven-
funktionen. Buch I nahm Boethos mit sich, der Rest entstand zwischen
169 und 180. Deutsch von Nöldeke, 1805; Galeni de utilitate par-
tium liber quartus. Ad Codices primum conlatos rec. Helmreich,
Jahresb. d. Kgl. bayer. Studienanst. ... bei St. Anna in Augsburg,
Augsb. ^1886.
3. f} 7t. tCüv acpvy^iiüv TtQayi-iaTBia XVI =Handbuch über den
Puls: di) 7t. diacpoQüg acpvyiuov IV = de differentia pulsuum (VIII
493 ff.; Schoene s. Kap. 27 Nr. 13); b) 7t. öiayvcoaecog a. IV = de
dignoscendis pulsibus (VIII 166 ff.); c) 7t. rwv kv %olg ocpvy^iotg ahiiov
IV = de causis pulsuum (IX 1 ff.) ; d) 7t. TtQoyvwaswg acpvyfiwv IV =
de praesagitione ex pulsu, während der Markomannenkriege in Rom
verfasst, 169 — 180. Vallesius, Commentaria in Cl. Galeni libros et
tractatus medicinales IV (de urinis, pulsibus, febrib., methodus medendi),
Coloniae 1592, fol.
4. 7t. T. acpvyf-icjv xoig doayo(.t€voig I = Ueber den Puls, den
Anfängern (VIII 453 ff), dem pergamenischen Arzte Teuthras ge-
widmet, nach Vollendung von Nr. 3a b und vor 167 verfasster Auszug
aus Nr. 3, nach 169 mit Zusätzen versehen.
5. ovvoipig 7t. acpvyf.iü)v iöiag Ttgay^iaxeiag 1 = Auszug aus dem
eigenen Handbuche über den Puls (IX 431 ff., 1. griechische
Ausgabe), später verfasst, auch nach der z^xvrj tatQi/.ri (I 410), an Um-
fang zwischen 3 und 4 stehendes, autorisiertes Repetitorium gegenüber
den Auszügen anderer.
6. 7t. xqdag ocpoyfuüv I = Der Nutzen des Pulses (V 149 ff.),
gegen Erasistratos vor Nr. 3 — 5 und nach 169 geschrieben.
7. 7t. -KQüoetog xai öuvdfiecog rCbv artlibv fpag/uayicov XI = Mischungs-
verhältnis und Wirkung der einfachen Arzneimittel (XI
379 ff.; XII Iff.), nach Nr. 3 zu verschiedenen Zeiten entstanden, Buch
9—11 20 Jahre nach 1—8 (XII 227). Inhalt: I-II Polemik, III— V
eigene Meinung, VI (auch geschichtlich) — VIII Arzneipflanzen (alpha-
betisch), IX — XI mineralische Arzneimittel. Israelson s. Kap. 37
Nr. 19.
8. S^eqaTtEVTiydi /.led^odog XIV =^ Heil weise (X Iff.) nach Buch
I— VIII von Nr. 7, also nach 169 verfasst; Buch I— VI dem Hieron
382 Robert Fuchs.
zugeeignet, VII ff. nach 193 verfasst und Eugenianos gewidmet. Der
Oreibasiossclioliast (IV 528) citiert das 14. Buch der &. avvoipig = Aus-
zug, was nicht richtig sein kann (s. 533). Dieses auch von dem Ver-
fasser für einzigartig erklärte Werk (X 632) wurde im Mittelalter in
unzuverlässigen lateinischen Uebersetzungen als Mega(lo)tegni oder
-techni fleissig studiert. V a 1 1 e s i u s s. Nr. 3. Unter P a g e 1 s Aegide
erschienen seit 1898 Berliner medizinische Dissertationen mit deutscher
Uebersetzung und Erklärung von K ühn X 1—104; 157—186; 232—249;
530—598; 945 ff.
9. &vaTO(.uy!.cxl lyx£iQi]a€ig XV = Anatomisches Präpariren
(wörtlich: Hantierungen II 215 ff.). Die ursprünglichen 2 Bücher, die
schon erwähnten Demonstrationen vor Boethos wiedergebend und 163
bis 167 entstanden, verbrannten und wurden in den 70 er Jahren durch
15 Bücher ersetzt. Bei Kühn steht nur I — IX (von XI der kleinere
Teil) ; X— XV sind bloss arabisch erhalten. *) Nach Marinos ver-
teilte er den Stoff so: Iff. Extremitäten, IV f. Kopf, Hals, Stamm,
VI Verdauungsorgane, VII f. Respirationsapparat, IX ff. Gehirn, Rücken-
mark, Augen, Zunge, Oesophagus, Larynx, os hyoides, XII ff. Gefässe
und Nerven dieser Teile. XV Genitalien (XIX 24 f.; Orib. index;
Oseibia). Obwohl nur Sektionen von grösseren Säugetieren vorliegen,
hatte Galenos grossen Erfolg, aber auch Neid und Widerspruch zum
Lohne. Sektionsprotokolle {v7toi^iv7]/.iaTa) erkannte als Grundlagen für
die Ausarbeitung wiederum Ilberg (S. 225: II 397). Erst Vesalius
gelang es 1543, wesentlich darüber hinauszukommen.
10. vyiEivd VI = de sanitate tuenda = Hygiene (VI 1 ff.), Ende
der 70 er Jahre abgeschlossen, ist für cpiUargoi =- medizinkundige
Privatleute bestimmt. I — V Diätetik von der Jugend bis ins Alter
für normal Lebende, VI für Kränkelnde, Schlusskapitel (VI 450 ff.)
über Quittentränke später angeschweisst.
11. TT. TCüv jc€7tov^ÖTiov töttwv VI = Die kraukeu Körper-
stellen (VIII Iff.), unter Septimius Severus, 193 ff., im Greisenalter
verfasst unter, teilweise polemischer, Benutzung der 3 gleichbenannten
Bücher des Archigenes (IX 670; Well mann, D. pneum. Schule bis
auf Arch. u. s. w., Berl. 1895 S. 84 ff.). Wichtige Varianten bei
Daremberg, Archives des missions scientifiques et litteraires, Paris
1851, II 484 ff
12. 7t. Gvvd-eoEiog cpag^iä-Kiov XVII = Zusammensetzung der
Arzneimittel. Die 2 Bücher der ursprünglichen Redaktion ver-
brannten 192. Von dem Ersätze gehören: a) 7 Bücher zu 7t. a. cp.
%G)v YMxa yevrj = nach Arten (XIII 362 ff.), meist äussere Mittel),
b) 10 zu 7t. G. cp. Twv xara roTtovg = nach Körperteilen, meist
zusammengesetzte Arzneien (XII 378 ff.; XIII Iff.). Claudii Galeni
Pergameni, medicorum principis de compositionibus medicamentorum
xaTß yevrj lib. VII. Per loannem Guinterium Andernacum jam
primum latinitate donati. Ejusdem de ponderibus et mensuris liber,
D. Andrea Alciato interprete. Basileae. Anno M.D.XXX; vgl. Rohlfs'
Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. und med. Geogr. VI 1883 S. 295 f.;
M. Gregoire, Les quatre premiers livres de la composition des
medicaments par genres, Paris 1549 (Uebersetzg.) ; lat. von Cornarius,
Paris. 1539; Rovillius, Lugd. 1549, 12". Sehr befriedigend ist die
1) H(eusinger), Henschels JanusII1847S. 396f.; Wenrich. Greenhill hat
sein Versprechen der Herausgabe dieser Schrift nicht gehalten.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 383
Geschichte der im Mittelalter „Miramir" genannten Schrift bei Stude-
mund, Index lectionura, Vratislaviae 18889.
13. «<g TO '^iTiTto-KQÖcTovg 7t. uy^töjv v7t0f.ivrif.iaTa III = Kommentare
zu des Hippokrates Schrift „Die Knochenbrüche" (XVIII,
II 318 flf.), nach Nr. 9, zweite Redaktion, entstanden ; gleich darauf
die Kommentare zu:
14. de artic. repos. IV (XVIII, I 300 ff.).
15. (de vuln, et ulc). ^)
16. (de cap. vuln.).
17. aphor. VII (XVII, II 345; XVIII, 1 1 ff.), 1. Auflage aus früher
Zeit verschollen, 2. nach dem Kommentar zu de off. med. fallend,
erhalten.
18. progn. III (XVIII. II 1 ff.). =)
19. 20. 7t. '/CQiasiov III = Krisen (IX 550 ff.); rt. ycQioiftcov fjfi6Q(7)v
III 3) = Kritische Tage (IX 769 ff.), zwischen Nr. 17 und 18, in der
letzten Zeit des M. Aurelius, entstanden.
21. de victu in ac. IV (XV 418 ff.), später mit Zusätzen versehen.
Galeni in Hippocratis de victus ratione in morbis acutis comm.
I. Vassaeo interprete, Lugduni 1549.
22. de hum. III (XVI 1 ff.), später ebenfalls bereichert, auf An-
tyllos gegründet ( W e 1 1 m a n n a. a. 0. 104 ff. ). Lat. ed. R a s a r i u s ,
Venetiis 1562; Chart. VIII 508 ff.; griech. zuerst bei Kühn nach einem
Paris, anni 1560, mangelhaft.
23. de off. med. (XVIH, II 629 ff.); vielleicht noch unter M. Aurelius.
bis 180:
24. epid. I, 3 Bücher (XVH, I 1 ff.).
25. epid. II, 6 Bücher (XVII, I 303 ff.), von denen nur das 2. und
3. und selbst diese sehr lückenhaft erhalten sind.
26. pron-h. I, 3 Bücher (XVI 489 ff).
27. TT. y.wftarog = K o m a (VII 643), ein Exkurs zu prorrh. I 1.
28. epid. m, 3 Bücher (XVH, I 480 ff.).
29. epid. VI, 8 Bücher (XVU, I 793 ff; XVH, II 1 ff ). Der
grössere Teil von Buch VI, Buch VII f. sind nur lateinisch erhalten:
ed. Rasarius, Venet. 1562, nicht bei Kühn (vgl. Ilberg S. 236 f.).
30. de aere aq. loc. III, nur in fragwürdigen lateinischen Bruch-
stücken (Ilberg a.a.O.; Commentationes Ribbeckianae, Lips.1888, 343).
31. de nat. hom. m (XV 1 ff.).
32. de alim. IV (XV 224 ff.).'')
IL Kleinere medizinische Schriften.
A. Anatomie und Physiologie. ^)
33. 7t. fn]TQag ävazoftfjg = Uterusanatomie (II 887 ff.), für
eine Hebamme in Pergamon während des Unterrichtes bei Satyros
^) Orib. IV 540 f. schol.; IV 505; 514 f. Die Klammem bedenten, dass die
Schrift nicht mehr vorhanden ist.
-) Ermerins, Emendationen zum Galenischen Text d. Hippokr. u. Galens
Commentar zum Prognostiken. Henschels Janus II 1847.
^) Haupt, Hermes VIII 7 (Konjektur).
*) Nach einer von Daremberg aufgefundenen Glosse hat Galenos auch die
praecepta commentiert (Petrequin, Chirurgie d'Hippocrate I 110 f.).
^) Ilberg, Rhein. Mus. 47 (1892) 489 ff.; A. de Haller, Bibliotheca ana-
tomica etc. I, Tiguri 1774.
384 Eoibe^rt Fuchs.
verfasst, 168/9 überarbeitet und in dieser Form erhalten; die Fort-
setzung- ist nicht erhalten, vielleicht gar nicht geschrieben worden.
34. TT. f.ieXaivr]g yßlffi = Die schwarze Galle (Y 104 ff.), viel-
leicht nicht echt.
35. (5T. xf^q taTQLyifjg e^iTtsigiag) = Aerztliche Erfahrung,
Protokoll einer zweitägigen Disputation zwischen Pelops und dem
Empiriker Philippos, auch vor 151 verfasst.
36. {n: Tfjg lov hi-ißqvov &vaTO(.if]g) = Anatomie des Embryo,
Jugendschrift.
37. (tt. ^wgayiog xat 7tvevf.iovog xivrjaecog III) = Bewegung des
Brustkorbes und der Lunge, in SmjTua nach 151 in den Vor-
lesungen des Pelops für einen Kameraden nachgeschrieben, 168/9
überarbeitet.
Ferner sind folgende Werke zwischen 163 und 167 verfasst und
Flavius Boethos gewidmet:
38. (jr. ävanvo^g ahiiov II) = Ursachen der Atmung.
39. 7t. rpwvfjg IV = Die Stimme.^) Die lateinische Schrift „de
voce et anhelitu" (bei Chart, in der Juntina u. s. w.) hält von Töply
(13 f.) für die im 12. oder 13. Jahrhundert angefertigte Uebertragung
einer arabischen Uebersetzung der echten Schrift.'
40. {rr. rfjg 'In:7ioy.QdTovg ävaTo^if]g VI) = Hippokratisclie Ana-
tomie, 164 verfasst.
41. (7r. Tfjg ^EQaOLOTQccTOv dcvaTOjiifjg III).
42. (7t. rfjg r&v Lwvttov ävarofAf^g II)-) = SektionenLebendiger.
43. (tt. Tfjg BTtl Twv ted'VEMTiov Scpatofif^g) -) = Sektionen Toter.
Nicht an Boethos gerichtet, aber derselben Zeit angehörig sind:
44. (7t. dvaTo^iKfjg diacpiovlag U)-)=AnatomischeMeinungs-
verschiedenheiten.
45. 7t. Tä)v öaröjv zolg eloayofxivoig =:Ueber Knochen, für
Anfänger (II 732 ff.).
46. 7t. cpXeßwv v.ai dgri^gicov dvaTOfxfjg = Anatomie der Blut-
und Schlagadern (II 779 ff.), Antisthenes, dem Platoniker, ge-
widmet.
47. 7t. vevQcov avatoi-ifjg = N e r V e n a n a 1 0 m i e (II 831 ff'.), desgl.
Nach 169 und vor 180 entstanden:
48. 71. f.ivG)v -uvriosiogll = Muskelbewegung (IV 367 ff.) höchst-
wahrscheinlich. Sicher :
49. 7t. TCüv y.ad-' '^IrtTto'KQdTrjv azDixekov II = Ueber die Ele-
mente nach Hippokrates (I 413 ff.). Der zweite Teil ist nicht
ausgearbeitet. Der letzte Teil des 1. Buches polemisiert gegen die
Elementenlehre des Athenaios (vgl. I 457 ff. mit Wellmann a. a. 0.,
S. 133 f. A. 6). Galeni de elementis ex Hippocratis sententia libri
duo rec. Helm reich, Erlangae 1878.
50. 7t. KQdoecjv III = de temperamentis = Die Mischungs-
verhältnisse (I 509 ff.). Buch If. behandelt das Verhältnis der
4 Qualitäten in den Lebewesen, III in den Arzneimitteln. Matern,
Die 3 Bücher des Galen über die Temperamente, Diss., Berl. 1894;
Galeni de temperamentis liber I rec. Helm reich; vgl. Nr. 72.
^) von Töply, Studien z. Gesch. d. Anatomie im Mittelalter, Leipz. u. Wien
1898, ist zu den anatomischen Werken zu vergleichen.
^) Nadim, Fihrist erwähnt eine arabische Uebersetzung des Hoheisch ben
el-Hasan.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 385
51. 7t. rpvaiyccjv dvvccf.ietov III = Natürliche Kräfte (11 Iff.;
scr. min. III 101 ff.), namentlich die Physiologie der Ernährung be-
handelnd, nicht etwa, wie Galenos übertreibend behauptet (XIX 38),
die gesamte Physiologie der xa^' olov löyoi des Erasistratos. Die
Behauptung heisst: ^ (pvoig TtQovorj^it-Kri, d. i. die Natur macht nichts
zwecklos.
52. It. G7T€QfiaTog II = Der Samen (IV 512 ff.). Wellmann
a. a. 0., S. 84 ff. ; 100 ff. analysiert die Schrift, die gegenüber Athenaios
die Existenz weiblichen Samens erweisen will. Galenos benutzt die
Anatomie des Herophilos, polemisiert gegen die Theorien des Aristoteles
und beruft sich mit Archigenes auf die Hysterische, die reichlich Sperma
secerniert haben soll. Als Gewährsmann für die Geschlechtsbestimmung
durch das überwiegende Sperma dient Empedokles- Aristoteles- Athenaios,
wenn auch mit Abweichungen im einzelnen.
53. TT. ScQiarrjg xataaxevijg tov aw/.iaTog rjfiwv = Die beste Kon-
stitution unseres Körpers (IV 737 ff.).
54. n. de^Lag = Wohlbefinden (IV 750 ff'.).
55. 7t. oorpQT^OEiog oqydvov = Das Geruchsorgan (II 857 ff.),
in 71. tä)v löiojv ßißUcov weggelassen.
56. 7t. f^ivwv dvaro/iifjg = Muskelanatomie (XVIII, 11 926 ff.),
gegen Lykos gerichtet; ed. Dietz, Lipsiae 1832.
57. 71. xqdag ävaTtvof^g = Zweck der Atmung (IV 470 ff.),
gegen Erasistratos gerichtet.
58. ei Tiara rpvoiv ev ägTrjQiaig alf.ia 7teQi€X€T^ai = Ob im natür-
lichen Zustande Blut in den Schlagadern enthalten sei
(IV 703 ff), desgl.
59. 7t. xQÜag a(pvyi.iü)v = Z w e ck des Pulses (V 149 ff'.), desgl.,
Vorstudie zu dem grossen Werke Nr. 8.
60. {7t. twv äyvorjd^ivTtov Tf7> Av%ii) y.axa rag avatouäg) = Was
Lykos in der Anatomie nicht wusste.
Nach 193 entstanden: '
61. TT. ycvov(X€viov öiaTtldoetog = Ausbildung der Frucht
(IV 652 ff). ^
62. 71. k7traf.ii]viov ßgeffwv = Das Siebenmonatskind (Chart.
V 347 ff.), Kommentar der hippokratischen Schrift gleichen Namens,
Satz 1—3.
63. {7t. ttKvoyoviag) (so von Ilberg 511 korrigiert für reyivoXoyiag)
= Entstehung des Kindes.
64. An omnes partes animalis quodprocreaturfiant
simul (Chart. V 326 ff.), in griechischer Sprache noch nicht veröffent-
licht (Ilberg 511 Anm. 4; Kalbfleisch. llQog ravgov (s. unten)
11 A. 1).
B. Pathologie.
65. {tG)v €v dcfd-aX^iolg Ttad-wv öidyvcoaig)^) = Diagnose der
Augenleiden, eine einem augenkranken Jünglinge gewidmete,
168/9 überarbeitete Jugendschrift.
Zwischen 163 und 169 entstanden:
66. 7t. tvTtcov = Typen (der Fieber; VII 463 ff.), eine gegen den
nicht genannten Archigenes gerichtete kurze Schrift für Anfänger,
vielleicht auch unter Commodus (nach 180) verfasst.
1) Ilberg, Rhein. Mus. 51 (1896) 165 if.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 25
386 Robert Fuchs.
67. TT. ribv TtQo^araQy.Ti-Kwv aitiwv, für Gorgias bestimmt; s. oben
S. 360; nur lateinisch nach Nicolaus Eheginus bei Chart. VII 347 ff.
68. 7t. r. awe-ÄTi-KCüv ai., vielleicht auch aus dieser Zeit. Zum
Titel vgl. Nr. 67. Kalbfleisch beabsichtigt die Herausgabe nach
Dresdensis Db 92.
C. Therapie.
69. 7t. cpXeßoTOfiiag Ttgbg "EqaoioxQaTov = Ueber den Aderlass
gegen E. (XI 147 ff.), Teuthras gewidmet, 164 nach einem Disput
mit Martialis ausgearbeitet. M e n a , Commentaria in libros Galeni de
sanguinis missione et purgatione ed. IL, Augustae Taur. 1589; v. Sal-
lala, Galen V. Aderlassen gegen den Erasistrat. Uebers. u. mit Anm.
verseh., Wien 1791. Vgl. Nr. 97.
70. 7t. T^g %Cbv Aad^aiQÖvtiov cpag^axiov dvvd^siog = Die Wirkung
der Abführmittel (XI 323 ff.; vgl. Sallala, Nr. 69).
D. Polemik.
71. (Ttqog Ttjv Aaivrjv öö^av TteQl Tfjg tG)v ovqlov öiaxQioecog) = Gegen
die neue Ansicht über die Absonderung des Urins, nach
IIb er g 183 vielleicht physiologischen Inhalts und wohl gegen Lykos
von Makedonien gerichtet.
E. Ausserdem fallen zwischen 169 und 180:
72. 7t. dvcof.i(ilov ö vo/.gaoiag = DsiS regelwidrige schlechte
Mischungsverhältnis, nämlich der 4 Qualitäten (VII 733ff.: de
inaequali intemperie), Ergänzung zu Nr. 50 und in Anlehnung an
Archigenes geschrieben (Wellmann a. a. 0., S. 145 ff.).
73. 7t. TQÖf-iov xal 7taX(.iov xal qlyovg v.al OTtaö(iov = Ueber
Zittern, Herzklopfen, Starrfrost und Zuckungen (Ilberg
178: Krampf; VII 584 ff.), Weiterführung der praxagoreischen For-
schungen (s. oben S. 276) und Vergleichung der hippokratischen und
platonischen Ideen, etwa gleichzeitig mit Nr. 1.
74. 7t. XertTvvovar^g dianr]g = Mager machende Diät, voll-
ständig und nicht etwa die Mastkur (xori Ttaxwovorjg) mit umfassend,
bald nach 169 erschienen, lat. bei Chart. VI 411 ff., nicht vollständig,
griech. nach dem von Mynas aufgefundenen Codex bei Kalbfleisch,
Galeni de victu attenuante liber primum Graece ed. — , Lipsiae 1898.
Zu der arabischen Uebersetzung des Honein ben Ishäq und dem ara-
bischen Auszuge, den Oseibia erwähnt, vgl. Kalbfleisch p. VI;
Kalbfleisch, Ueber Galens Schrift 77. L d., Ehein. Mus. 51 (1896)
466 ff
75. 7t. öiacpoQäg voarjiucctwv = Unterschiede der Krank-
heiten (VI 836 ff), Definition und Disposition der Pathologie.
76. 7t. Tü)v h Tolg voorif-iaoiv ahicov = Die bei den Krank-
heiten wirkenden Ursachen (VII 1 ff.).
77. 7t. tG)v (TüiUTrTwtmTwv ^ta(jpo(>ag = Unterschiede der Sym-
ptome (VII 42 ff.), Definition von v6arjf.ia, didd-saig, rtddog u. ä., Ein-
teilung der Symptome.
78. 7t. akliov avf.i7trwf.idTtüv III = Die Ursachen der Sym-
ptome (VII 85 ff.), eine flüchtige Skizze.
79. TtQog rlavY-iova S-sQaTtevrizGjv II = An Glaukon über die
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 387
Therapie (XI Iff.), ein Handbuch für die Reisepraxis des Rom ver-
lassenden befreundeten Arztes und (nach Ilberg 179) Assistenten;
Buch I Fieberdiagnose und -therapie; II lokale Entzündungen und
Tumoren aller Art.
80. 71. övoTcvoiag 111 = Atembeschwerden (VII 753 ff.) ; Buch I
Feststellung der Arten der Dyspnoe, II f. Beweis der Richtigkeit dieser
Lehre aus den für echt gehaltenen hippokratischen Schriften.
81. eqaovßovlog (V 806 ff.; scr. min. HI 33 ff.); der Zusatz zum
Titel: TiöreQOv laTQixf^g ^ yvf^tvaazixfjg eoji rb vyieivöv = „Utrum medi-
cinae sit an gymnastices hygieine*' ist dem Texte entnommen und nicht
ursprünglich (Helm reich, scr. m. pag. IV f.); Aufzeichnung eines
Dialogs zwischen Galenos, Thrasybulos und einem Philosophen; die
Antwort lautet natürlich: die Gymnastik gehört zur Hygiene, diese
zur Medizin.
82. 7t. TQoq>wv öwaf-ieiog III = Wirkungen der Nahrungs-
mittel (VI 453 ff.); Buch I Cerealien und Hülsenfrüchte, II sonstige
Vegetabilien , III animalische Nahrung und Nachträge; bald nach
167/9 entstanden und an Diokles, Mnesitheos, Philotimos u. a. an-
knüpfend.
83. 7C. tvxv[.iiag y.al •Aaxoxv/.iiag tQocfwv = de probis pravisque
alimentorum sucis (VI 749 ff.), Auszug aus Nr. 82, für Aerzte bestimmt,
mit persönlichen Lebenserinnerungen (Nikon) und Beschreibung von
Epidemien.
84. TT. (.laqaai^wv = de marcore (VlI 666 ff.) wider die Unsterb-
lichkeitskur des Philippos handelnd (s. oben S. 363).
85. 7t. Tov öia Tjjg af.iixQtcg acpaigag yv^ivaaiov = Leibesübung
m i t d e m kleinen Balle (V 899 ff. ; scr. min. I 93 ff.) = de parvae
pilae exercitio, Epigenes zugeeignet. Galeni libellus qui est de p. p. e.
rec. Helmreich, Jahresb. ü. d. Studienanst bei St. Anna in
Augsburg 1877/78, Augsburg 1878; ralr^voö 7t. t. d. x. f.uxQäg g. y.
eniend. Marquardt. Accedit de sphaeromachiis veterum disputatio,
Progr. d. Güstrower Domschule 1879.
86. 7t. cpXeßoTOf-iiag 7[Qbg ^EQaaioiQateiovg tovg iv ^Pdßfij] = J] eher
den Aderlass gegen die Erasistrateer in Rom (XI 187ff'.).
Der Schluss ist jünger (Ilberg 181 f.). Vgl. 97.
87. 7t. Tüjv 7iaqa cpvoiv oyxwi'=Widernatürliche Geschwülste
(VII 705 ff.), auch bei Orib. III 686 schol. als ^lovößißlog erwähnt.
88. n. 7tlr^d-ovg == Plethora (VII 513: de plenitudine), nament-
lich Erasistratos bekämpfend.
89. n. öiacpogag iivQttibv II = Unterschiede der Fieber
(VII 273 ff.), gegen 180 in Anlehnung an des Archigenes Schrift 7t.
Tfjg Twv 7tvQ6Twv or^f^ieuöoeiog verfasst (Well mann 84 ff.) und später
von Garipontus ausgebeutet. Vgl. Nr. 3: Vallesius.
90. 71. TOV jiQoyiyvd)o-/.eiv TiQog 'ETiiysvriV = Die Vorhersage
(XIV 599 ff.: de praenotione ad Postumum), um 180 (Ilberg S. 176)
oder unter Commodus verfasst (Labbeus S. 9: im 52. Lebensjahre
= 182).
91. 92. 7t. tGjv ev ralg voooig y.aiQütv und 7t. tcjv okov tov vo(Jj]fiazog x.
= Stadien bei den Krankheiten und Stadien im Gesamt-
verlaufe der Krankheit (Ilberg 176; Kühn VII 406ff; 440ff.),
als Ganzes gedacht und unter dem 1. Titel citiert, gegen Archigenes
gerichtet.
25*
388 Eobert Fuchs.
Nach 193 entstanden:
93. 7iQbg zovg n, xvntov ygaipavtag fj negl nsgiödcov == Gegen
die Schriftsteller über Typen oder Perioden (VII 475 ff.),
eine an einem Tage entstandene Disputation.
94. Tt. kS-G)v = Gewohnheiten (griech.: ed. Dietz, 1832;
Galeni libellum 7t. L rec. Iwanus Müller, Erlangae 1879, Progr. ; scr.
min. II 9 ff.), in der Einteilung des Antyllos Anordnung in 7t. ßorj-
•d^f-iccTcov (w. s.) folgend und auf Hippokrates (de victu in ac.) und Erasi-
stratos (de paralysi) aufgebaut, vermutlich die letzte therapeutisch-
hygienische Schrift (Ilberg 189).
95. texvT] iaTQiy.1] = Aerztliche Kunst (1305 ff.), ein systema-
tischer Abriss, im Mittelalter als (Mikro)tegni unantastbare Grundlage
für das ärztliche Studium; Hauptteile: Körper (Kap. 2), Anzeichen
(Kap. 3 ff.), Ursachen (Kap. 23 ff.). Müller-Kypke, Aus d. Revoca-
tivum memoriae des Johannes de Sancto Amando, Berol. 1894.
96. (jT. evnoQiOTcov) = Hausmittel, schon für Oreibasios uner-
reichbar (V 559) und daher durch dessen eup. ersetzt, de remediis
parabilibus III = XIV 311 ff. ist untergeschoben, enthält aber Gut
des Galenos (Ilberg 191 mit Litteratur). Aehnlichkeit hiermit hat
das fragmentum medicum bei Bursian, Index lectionum, lenae 1873.
97. (pltßoTO(xiag d-^Qa/tevTLnöv (XI 250 ff.), nach Nr. 8 verfasst, also
wohl unter Septimius Severus, d, i. nach 193. Hierauf zog er Nr. 69,
86 und 97 nach oberflächlicher Redaktion zu einem Aderlassbuche
zusammen (XIX 30 f.). Galeni de curatione per sanguinis missionem
libellus Leonh. Fuchsio authore, Lugduni 1550.
98. Tq) e7tiX7]{f.i)7tT({} Ttaiöl v7tod-i]xrj = Ratschlag für den
epileptischen Knaben (XI 357 ff".), ein Brief an den Rom ver-
lassenden Vater des Epileptikers Caecilianus von Athen mit Weisungen
an den unbekannten Arzt Dionysios.
99. 7t. T^g Tcc^etog rCbv iölcov ßißXkov (s. Nr. 1).
100. 7t. züv iöuov ßißUiov (s. Nr. 2).
101. 7t. ävTidoTwv II = Gegengifte (XIV Iff.), etwa 198—200
verfasst, daher in keiner anderen Schrift citiert. Buch I handelt vom
Theriak. Vgl. Studemund im Index lectionum Vratislaviensium
1888/9 (Textgeschichte).
102. TtQog IJlacüva 7t. tf^g d-r]QiaKfjg (XIV 210 ff.) aus derselben Zeit,
wahrscheinlich untergeschoben.
103. 7t. ßdeXlwv, avTiOTtaaeiog, Oixvag Y.al lyxaQa^siog xal ytara-
axaa/wv = de hirudinibus = Blutegel, Revulsion, Schröpf-
köpfe, Einschneiden und Scarifi zieren (XI 317 ff.), vielfach
übereinstimmend mit Athenaios, Herodotos, Archigenes, Rhuphos (bei
Oreibasios) und nach Wellmann (104 ff.) daher auf des Antyllos
Kompilation beruhend; das Buch wird eher in den mittleren Jahren
des Pergameners als in den späteren verfasst sein.
104. Ttcög öel k^EleyxBLv Tovg 7tQ007toLovf.ievovg voaelv = W i e man
Simulanten entlarven muss (XIX Iff.), unbestimmter Zeit, über-
setzt von Fr öl ich, Friedreichs Blatt, f. gerichtl. Medic. u. Sanitäts-
polizei XL 1889 S. 21ff.; Pagel, Deutsche medic. Wchschrft. 1888;
Pyls Repertorium I 39 ff.
Damit sind die wichtigeren medizinischen Schriften erschöpft,
und wir gehen über zu
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. , 389
III. den philosophischen und philologischen u. a.
Schriften.*)
Ohne darauf eingehen zu können, bezeichnen wir von solchen
pliilosophischen Schriften, die wenig mit der Heilkunde zu thun haben,
bloss den Inhalt mit einem Worte: Handnotizen über des Chrysippos Syllo-
gistik, zu Aristoteles' Hermeneutik, Syllogistik, Apodeiktik, Kategorien,
zu Theophrastos und Eudemos, zu Piatons Philosophie, sämtlich ver-
loren gegangen ; erhalten sind die Placita (Nr. 1) und Kommentarstücke
zu Piatons Timaios phj^siologischen Inhalts,-) die vorzügliche Schrift
bti talg rov acoftarog AQaoeaiv al r^g ^vxfjs öuvdfisig ertovrai = Die
seelischen Kräfte richten sich nach den Körpertempera-
men t e n (IV 767 ff.). •^) Untergegangen ist auch : n. rwv ri]g ipvxijg
(.leqibv -/.al dvvduecov III (blosse Anklänge erwähnt Ilberg 596 f.) und
die Schrift, dass die „geometrische Analyse der stoischen überlegen
sei" (XIX 47). Eine ausgezeichnete Charakteristik der wichtigen
Schrift TTeQi änodd^etog XVI, die während der ersten Praxis in Perga-
mon entstand, giebt auf Grund unbedeutender Bruchstücke Iw. von
Müller (s. oben S. 374 Anm. 2). Zum Glück verfügen wir noch
über 7C. xijg aQiotr^g didaa'/iaXiag Trgbg <PaßioQlvov = Ueber die beste
(Erkenntnis)lehre gegenP h.*) (I 40 ff. ; scr. min. I 82 ff. ; auch in
Flav. Philostrat. ed. Kays er, Heidelb. 1838, 131 ff.; vgl. Marquardt,
Zu Galenos n. a. ö., Fleckeisens Jalirbb. f. class. Philol. CVII 389 ff.) ; über
7t. tf^g dQiarrjg alqiaeiog ==Die beste Sekte (I 106 ff.) ^) an Thrasy-
bulos ; von tt. xr^g twv texvCHtv avardoewg III = Wesen der Künste
nur über Buch III : rtQog IJargörpilov tt. avar. iaTQr/.ijg = Wesen der
ärztlichen Kunst (I 224 ff.), zwischen der „Hygiene" und der
„Mikrotechne" entstanden;*) de partibus artis medicae, nur lateinisch
(Chart. II 282 ff.), an lustus gerichtet; jt, aigiaetov tolg daayo/.thoig =
lieber die Sekten, an Anfänger (I 64 ff.; rec. Helmreich,
Erlangae 1881; scr. min. III Iff.), 163 — 167 entstanden und gegen
Empiriker und Methodiker gerichtet; die daayioyi] öiaXexrixi] =
Einführung in die Logik,') eine nie citierte und darum die
späteste logische Arbeit; bn al jioi&irfieg aatü/natoL = Die Quali-
täten sind unkörperlich (XIX 463 ff), an Pindaros und
gegen die Stoa gerichtet. Untergegangen sind die sonstigen meta-
physischen (Ilberg 608) Arbeiten, ebenso die über den Epikureis-
*) Ilberg, Rhein. Mns. 52 (1897) 591 ff.
^) Ilberg a. a. 0. 47, 511 f. ; 51, 177; Daremberg, Fragments du commeu-
taire de Galien sur le Timee de Piaton pnblies ponr la premiere fois etc., Paris et
Leipz. 1848.
^) C 1 0 d i u s , Excursus in Galeni libellum : quod mores animi corporis tempera-
menta sequantur, Lips. 1820, Progr. ; Iw. von Müller, Specimen primum, alterum,
tertium novae editionis libri Galeniani qui inscribitur o. t. t. a. y.^. al. t. y. 8. t.,
Erlangae 1880, 1885, 1887; scr. min. II 32 ff.
^) So Ilberg 602.
*) Die Echtheit beweist Ilberg 603 ff. gegen von Müller, Ueb. die dem
Galen zugeschrieb. Abhandl. IT. r. d. at., München 1898 (Sitz.-Ber. d. philos.-philol.
n. d. bist. Cl. d. k. bayer. Ak. d. Wiss. 1898 I); vgl. Kalbfleisch, Ueb. Galens
Einleitg. in d. Logik, Hab.-Schrift, Leipz. 1897, S. 13 A. 1.
«) Zu I 289—304, also dem Schlüsse, bietet Kühn XIX 497—511 (= ti. tiqo-
yvwaecog) eine andere Redaktion (s. Kalbfleisch, Berl. philol. Wchschrft. 1896.
Sp. 59 f.).
') Galeni institutio logica ed. Kalbfleisch, Lipsiae 1896; Ders. , Ueb. Galens
Einleitg. in d. Logik, Hab.-Schrift, Leipz. 1897.
390 . Robert Fuchs.
mus (608 f.) und alle ethischen bis auf jt. tCjv Idiatv ky.doTuj /ca&wv xai
af.iaQTrjf.idTOJv Tfjg öiayv^aetog II = Erkennung" der jedem Ein-
zelnen eigentümlichen Leidenschaften und Fehler (VI ff.;
scr. min. I Iff.), bald nach 169 als Protokoll einer Disputation für
einen Unbekannten niedergeschrieben; Marquardt, Observationes
criticae in Cl. Galeni librum II. ipvxfjg Ttad-cbv x. a^<., Lipsiae 1870,
Diss.; Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. CXXIII 1881 S. 565ff.
(Textkritik). Polemik gegen ärztliche Sekten bildet den Gegenstand
von 7t. TTjg iatQiy.fjg k(.i7i€iQiag (Nr. 35); rc~)V ZeqaTtUovog Ttqog rag aiQ^-
OBig VTCOfxvrincxTa II, avvoipig rü)v "^ HgaT^keLdov 7t. rfjg mTteigiyifjg algeostog
VII, 7t. Twv Mrjvoöörov Ießt]Qq) XI = Gegen „Menodotos an Seberos"
(s. oben S. 315), rfjg deodä eioaywyfig vrtO(.ivri(xaTa V, fC. xfjg rwv kfXTteiQi-
xwv diacpcoviag III, Ttgbg xa ävT6iQi]f.i€va rolg rt. Tfjg öiacpwviag xCov
efi7t€iQr/iG)V III,') Tü)V deoöä „Y.E(palauov" V7t0(.ivrif.iara III,') sämtlich
untergegangen. Gerettet aber sind: die v/totv/tcbaeig ^iTtsiQixal =
de subfiguratione empirica,-) bloss in der lateinischen Uebersetzung des
Nicolaus Rheginus von 1341 und in deren 3 Redaktionen erhalten,
dem Oreibasiosscholiasten im Original noch zugänglich (IV 529), echt,
aber mit 4 interpolierten griechischen Krankengeschichten über Ele-
phantiasis = Lepra, in „gusseiserner Diction" (Eberhard); der
7tQ0TQ67irixög (s. oben S. 315 ; Kühn I 1 if. ; scr. min. I 103 ff.). ^) Die
sehr wichtige Polemik in fie&oöixrjg alqiaeiog VI == Methodische
Sekte ist verschollen und dafür der minderwertige Ersatz geblieben :
TtQog TOf vTio ^lovkiavoD ävT€iQ7]in6va TOlg 'I/tTtoy.Qatovg ärpoQio/iiolg =
Gegen die Widersprüche des lulianos wider des Hippo-
krates Aphorismen (XVIII, I 246 ff.; vgl. oben S. 338), die nach
193 angefertigte Niederschrift der öffentlichen Vorträge über aph. I 2.
Von zahlreichen philologischen, grammatikalischen und lexikographi-
schen Arbeiten gehören hierher: "IititoY.qdTovg ylcoaaCüv i^ijyi^OLg^) =
Erläuterung von Wörtern des Hippokrates (Glossar; XIX
62 ff.); die Lemmata stimmen häufig nicht zu den Kommentaren, weil
Galenos seine Vorgänger stark benutzt; von verloren gegangenen:
die Terminologie 7t. xCbv htQixwv dvoindxcov, wenigstens 5 Bücher, deren
1. die GToixela = Elemente umfasste (V 663); die Hippokrateskritik
7t. xG)v yvTjGuov 'iTtTioxQdxovg avyyQaf^j^idxojv] seine Geschichte 7t. xi]g
Tcad-^ "OfirjQov iaxQixfjg in mehreren Büchern (Bruchstücke erwähnt
IIb er g 622); die historische Skizze 7t. xov 7taQd xq) dovxvöidr] loi^ov
== Thukydideische Pest; auch andere loxogL^ä trjx^^iaxa (XVII,
II 99) haben die Brände nicht überdauert. Vollständig besitzen wir
bxi 6 aQiaxog iaxqhg y.al (pi'Aöaoipog = Der beste Arzt ist zu-
gleich Philosoph^) (I 53ff.), in Trümmern das wichtige Werk
^) So die annehmbare Konjektur Ilbergs S. 614 f. A. 6.
^) De Claudii Galeni s. e. . . . scrips. Bonnet, Diss., Bonnae 1872: Kritik von
Eberhard bei Bursian, Jahresb. I. Jahrg. (1873) 2. Bd. S. 1312 f., Berl. 1876;
Wachsmuth, Götting. gel. Anzeigen 1871, 704 ff .
*) Vgl. noch Beaudouin, Le „Protrepticus" de Galien et l'edition de Jamot
(1583). Eevue de philologie III 1898, 233 ff.; Vahlen, Varia. Hermes XXX 1895,
361 ff. (Textkritik).
*) IIb er g, Commentationes philologae quibus Ottoni Ribbeckio . . . cougratu-
lantur discipuli Lipsienses, Lips. 1888, 329 ff. ; 342 ff.
'^) Galeni libellum qiü inscribitur S. «. l. v.. f. rec. ... Iwanus Mueller,
Erlangae 1873, Progr. ; Gal. libellus quo demonstratur optimum medicum eundem
esse philosophum. Recogn. ... I. Müller, ed. altera, ib. 1875 (Zusätze zur Kritik
und zum Kommentar, lat. Uebersetzung) ; s. auch scr. min. II 1 ff.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 391
71. Tü)v eavTip doy,ovvtiüv = Eigene Lehrmeinungen; den falsch
überlieferten Titel tt. twv idkov öo^dvrcov (scr. min. II 122) korrigierte
H e 1 m r e i c h.^) Im späten Mittelalter war die Schrift noch vorhanden ;
cod. Dresdensis Db 92 enthält eine „de sententiis" betitelte Ueber-
setzung, deren Herausgabe Kalbfleisch plant.
Zwar muss ich mir versagen, alle bekannt gewordeneu Werke des
Galenos auch nur zu nennen, geschweige sie zu analysieren, aber das
Bild von der schriftstellerischen Fruchtbarkeit des Pergameners würde
nicht befriedigen, wenn nicht wenigstens noch eine kurze Auswahl
verlorener Schriften den zum Teile schon genannten beigegeben
würde. Den subjektiven Symptomen war die anscheinend hochbedeut-
same, wahrscheinlich gegen Archigenes gerichtete Schrift n. äXyrjindcKov
= Die Schmerzen gewidmet; sie ist wahrscheinlich vor Nr. 11
verfasst worden (Ilberg S. 168 f.). Ferner schrieb er n. XeievTsgiag
(VIII 394 f.; 389; Ilberg 169); Jt. Qev^aziy.cbv Öia&iaewv (VII 402;
XI 100; Ilberg 169), deren Trümmer Oreibasios aufbewahrt hat
(coli. med. 44, 2, 1; 7; 10; vgl. IV p. XIX; 538 ff.); x^iQovgyov^eva
(X 986), aus der möglicherweise Paulos Aiginetes (VI 11) geschöpft
hat. Der Polemik dienten TtQog tohg änh %Cjv alQiaeiov n. twv InX
negrivaxog dri(.ioaL(f Qr]&€VTO)v = ^V SiS ich bei meinen unterPer-
tinax (i. J. 193) gehaltenen öffentlichen Vorträgen gegen
die Sektenleute sagte; rb Ttgbg Avy.ov n. xov &(poQiafxov =
Gegen Lykos über den (hippokratischen) Aphorismus (XVIII,
I 196 ff.; Galeni de temperamentis liber ed. Helmreich 56). Aus
einer unbekannten Schrift hat der Scholiast des Oreibasios (IV 532)
Weniges entnommen. Schwer auch ist der Verlust der Schrift über
den Dialekt des Hippokrates (Lob eck — s. oben S. 202 A. 2) und
die Kritik der Echtheit des Hippokratescorpus, wenn er eine solche
geliefert hat (XVI 3). Untergeschoben aber sind u. a. folgende
Werke: d Cqtov rb v.a%a yaaxqög = Ob die Leibesfrucht ein
Lebewesen sei (XIX 158 ff.); ngbg Faügov 7t. tov 7i(bg ifxipvxovTai
%a efißQva = An G., wie die Leibesfrucht beseelt werde,-)
von einem Neuplatoniker, und zwar vermutlich von Porphyrios ver-
fasst und überhaupt nicht medizinisch; die oqoi iargiy.ol = Medi-
zinische Definitionen (XIX 346 ff., s. oben S. 341), deren Echt-
heit schon der Oreibasiosscholiast bezweifelt (IV 535 f.); er bereichert
den Text zugleich um ein Weniges (536 A. 4; 539 A. 3 f.); die Schrift
ist vorwiegend pneumatischen Inhalts (Aretaios) und wird ins 3. Jahr-
hundert n. Chr. zu verlegen sein (Wellmann 60 ff.); Uebersetzung
bei Gurlt, Gesch. d. Chir. u. ihr. Ausübg. u. s. w., Berl. 1898, 1 443 ff.;
die cpdöaocpog lorogia = Geschichte der Philosophie, im 3. bis
5. Jahrhunderte aus Plutarchos, Sextos dem Empiriker u. a. zusammen-
gesetzt; die vielfachen Verstümmelungen des Textes ergeben sich aus
dem band- oder schulbuchartigen Charakter der Schrift; alles Nähere
bei Di eis. De Galeni historia philosopha, Diss., Bonnae 1870; 7c.
XVI.IWV = Die Säfte (XIX 485ff; I p. CLXIII) von einem Unbe-
kannten. Die siaayioyT] ^ iargog == Einleitung oder Der Arzt
(XIV 674 ff.) ist vielleicht identisch mit der von Galenos in der Schuster-
1) Philologus Ln 1893, 431 ff.; vgl. Kalbfleisch, ib. LV 1896, 689 ff.
'^) Diese auch dem Asklepiades beigelegte Schrift ist eine „elende Sophisten-
rede" (Kalbfleisch, Die neuplaton. fälschlich dem Galen zugeschrieb. Schrift n<^ds
FavQov n. r. 7t. e. rt «., aus den Pariser Handschr. z. ersten Male hrsg., ßerl. 1895
S. 11 A. 1 (= Anhang z. d. Abh. d. Königl. Preuss. Ak. d. Wiss. zu Berl.).
392 ' ßobert Fuchs.
gasse (to lavdaluQiov XIX 8) beim Buchhändler aufgefundenen
Fälschung Fakr^vbg iazQÖg (Schöne'): ralr]vov L), die wegen XVII,
I 999 mit dem imgog des Herodotos nichts zu thun haben kann. Das
unvollständige Alfabetum Galieni ad Patern(ian)um = de simplicibus
medicamentis ad P. = Pseudorib. de simplicibus V ist aus Plinius und
Dioskurides ausgezogen und liegt dem Dyascorides zu Grunde; nach
Stadlers Mitteilung, der es veröffentlichen will, bestehen keinerlei
Beziehungen mit den Arabern oder Garipontus, die Schrift ist sicher
lange vor dem 8. Jahrhunderte entstanden, da Stadler eine Hand-
schrift aus diesem Jahrhundert gefunden hat. ^) 7t. ^ictqwv xat azad^/nwv
ÖLÖaGy-aUa ==- Mass- und Gewichtstabelle (XIX 748if.) sind
aus später Zeit herrührende Parallelregister, auch zu der Kosmetik
der angeblichen Kleopatra (w. s.).^) Galeni qui fertur de partibus
philosophiae libellus gab Well mann heraus (Berol. 1882, Progr. d.
Königstädt. Gymn.). n. acpvy/.uüv nQog 'Avtihviov q)ilo(.i(xd^fi v.al rpilö-
aoffov = Pulslehre an den der Wissenschaft Beflissenen
und Philosophen A. (XIX 629 ff.) ist ein der pneumatischen Schule
zugehöriges Kompendium, rivag ötl -/Md^aiQsiv = Wen muss man
purgieren? ist ein Auszug des Oreibasios aus Galenos.*) Unecht
sind ferner noch: de virtute centaureae = AVirkung der Flocken-
blume (Chart. XIII 1010 If.); de morte subitanea^) und de morbo
icterico ; ^) de oculis liber (a Demetrio translatus) (Chart. IV 223 ; Junt.
VII 57), Auszug aus Galenos, aber weder von ihm, noch von Rhuphos,
noch von einem Araber; ob die von Honein dem Rhuphos beigelegte
pseudogalenische Augenanatomie mit dieser zusammenhängt, ist noch
nicht geprüft;") tc. i)-r]QLaY.fß nqhg ITaficpdiavöv (XIV 295 ff.); Galeno
adscriptus liber de urinis (XIX 574 ff.), de urinis compendium (602 ff.),
de urinis ex Hippocrate, Galeno et aliis quibusdam (609 ff.), vgl.
Vallesius unter Nr. 3; jt. acpqoöioUov = Geschlechtsgenuss
(V 911 ff.), ein Auszug des Oreibasios aus Galenos (Ilberg 189); de
natura et ordine cuiuslibet corporis ad nepotem (Chart. V 327), sicher
viel später als 50 v. Chr. — 150 n. Chr. (so von Töply 9 ff.) anzu-
setzen; de compagine membrorum seu de natura humana (Chart. V
330 ff.), wohl auch aus dem 4, — 6. Jahrhunderte; vocalium instrumen-
torum dissectio (Chart. IV 219 ff.; von Töply 12 f.); de anatomia
vivorum, etwa aus dem 13. Jahrhunderte.')
Schliesslich giebt es auch frei erfundene Titel sog. galenischer
Schriften, z. B.: n. xQMf.iäTtov == de coloribus (Hirschberg 316 A. 2);
■rt. %figr(bv ahiGjv öiarpoQäg (Kühn I p. CXCIII berichtigt von Ilberg
166 A. 2).
Wichtigere Handschriften des Galenos besitzt fast jede
1) S. Kap. 35 Nr. 15.
2) Rose, Auecdota II UOif.
') Metrologicorum scriptorum reliquiae; coli. . . . Hui t seh, Lips. 1866, I 86;
Usener, Vergessenes. Rhein. Mus. XXVIII 1873, 4121; vgl. Nr. 12 Guinterius.
*) Diversae lectiones ad Galeni libellum t. S. v.. ed. de Matthaei, Mosquae
1806 (selten).
'•') Steinschneider, Rohlfs' Deutsch, airch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr.
I 1878 S. 126 ff.; 131 (nach Oseibia).
*) von Töply a. a. 0. 8ff.; Hirschberg, Gesch. d. Augenheilk. u. s. w.,
Leipz. 1899, 355 ff. (Litteratur, Quellenuntersuchung).
') Ein Anekdoten von Pseudogalenos findet sich in lateinischer Fassung:
W öl ff lins Arch. f. lat. Lexikogr. IX 622; vgl. Landgraf, Ein lat.-medic.
Fragment Pseudo-Galens, Progr., Ludwigshafen 1895.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 393
grössere Bibliothek; ich kann sie nicht aufführen.^) Wegen meister-
hafter farbiger Miniaturen berühmt ist der lateinische Dresdensis Db
92 saec. XV in 2 Bänden. Eine Normalzeile von 16 Silben hat Schöne
herausgerechnet; -) er hätte in dem Oreibasiosscholiasten manche noch
nicht verwertete Stütze finden können. Die wichtigsten Ausgaben
sind: 1. die editio princeps = Aldina, Venetiis 1525, 5 voll, fol., auf
dem Oxoniensis oder Vaticanus oder deren guten Abschriften beruhend,
einem Codex gleichstehend und allen Ausgaben. K ü h n eingeschlossen,
überlegen ; 2. ed. Basileensis, Basileae 1538, 5 voll. fol. (auch Frobeniana,
nach dem Verleger), Abdruck von 1 und daher besser als 3. ed. Char-
teriana, ed. Eenatus Charterius (Chartier), Parisiis 1638 — 1679, 13 tom.,
9 voll, fol, mit lateinischer Uebersetzung, ohne Codexvergleichung
gemacht, daher manches besser, vieles schlechter ; 4. ed. Juntina, Venet.
1550. 7 voll.; 5. ed. Car. Gottl. Kühn, Lipsiae 1821 ff., teilweise voll-
ständigerer Nachdruck von 3; die Druckfehler sind übernommen, Iw.
von Müller zählte in 2 Bänden 1800 Fehler {Jeiiov Xoyog öcoöey.arog
Ttqwtov VW exöo&eig vno r.u-l.KiooTo^ioiQO v, Paris 1892 p. /-«'), obwohl
Dindorf und Schäfer beteiligt waren. Bussemaker und Darem-
berg verhinderte der Tod an der Neuherausgabe. Unvollständige
Sammelschriften von grossem Werte sind: Cl. Galeni Pergameni
opuscula varia, a . . . Theod. Gou Istono.... Graeca recens., Londini
1640; Cl. G. P. scripta minora rec. Marquardt, Müller, Helm-
reich, I Lips. 1884, II 1891, III 1893. Einen brauchbaren Auszug
schufen Lacuna, Epitome operum Galeni, Basil. 1551 (fol.) u. ö.;
loannes de Sancto Amando, Concordantiae (w. s. ; s. oben Nr. 50).
Uebersetzungen: arabische s. u. a. A u m e r , Die a. Handschriften
d. k. Hof- u. Staatsbibl. in Muenchen, Münch. 1875, 351 ff.; Abraham
Sacchuth = Zacutus Lusitanus (w. s.); hebräische s. Henschels Janus
II 1847, 815 ff.; lateinische s. Eose, Anecd. II 115 (das S. 204 f. über
Hippokrates Gesagte gilt auch für Galenos); Stadler, Janus IV 1899
S. 548; Kalbfleisch, Ehein. Mus. 51 (1896) 468; Nicolaus Eheginus
(de Eegio, etwa 1330) im Dresdensis, nicht alle Schriften umfassend;
der Therapeutik an Glaukon wurde eine lateinische spezielle Patho-
logie als 3. Buch angefügt; französische s. Daremberg, Oeuvres ana-
tomiques, physiolog. et medicales de Galien u. s. w., 2 Bb., A Paris
1854 ; 1856 (unvollständig). Index: Brasavoli, Index refertissiraus
in omnes Galeni libros, Venet. 1551 (Juntina), 544 S. Kommentar:
des Stephanos zur Therapeutik an Glaukon I. ^) Die Glossen und
Glossare sind noch nicht verwertet.
37. Das galenische System der Heilkunde.
S. auch die oben erwähnte Litteratur. — 1. Anderson, Medico-chirurgical
notes on the ivorks of Hippocrates and Galen. Meäical News 1895. — 2. Argen-
terii In artem medicinalem Galeni commentarii III, 2 partt., Farisiis 1538. —
3. BasHeTf Die blutreinigende Diät bei Galen. Zeitschr. f. Diätetik u. physikal.
^) Vgl. z. B. Cobet, Mnemosvne Vlllf. ; Ilberg, Galeniana. Philologus 48
(1889) 57 if. — Philol. 42 (1882 ff.) 169 (Codex des Snltan) : Eevue des etudes
grecques II (1889) 343 ff.; St u dem und, Index lectionum Vratislaviensium 1888; die
Einleitungen zu den Ausgaben.
-) Rhein. Mus. 52 (1897) 135 ff.
*) Apollonii Citiensis etc. schol. in Hippocratem et Galenum . . . ed. Dietz,
Regimontii Prussorum 1834, 1 233 ff. ; hierzu Erläuterungen des Gadaldinus : I 345 ff. ;
praef. p. XX.
394 Robert Fuchs.
Therapie III 1899 f. ^— 4. Beck, Zur diätefisch-physik. Therapie des Galen, bes.
heim Fieber, Diss., Berl. 1899. — 5. Bourgoin, Traite de pharmacie galenique,
Paris 1880; Gazette hebdomadaire de medecine et de Chirurgie XXVII 1880. —
6. Charas, Pharmacopoea regia, Galenica et chymica, 2 partt., Genevae 1683. —
7. Chrestidis [XQrjariorjs), Opmions d^Aristote, de Galien et d'Hippocrate. Hvlkoyos
XXIV 1895. — 8. Bareinberg, Oeuvres anatomiques, physiologiques et medicales
de Galien, precedees d'une introduction ; ou etiide biographique, litteraire et scienti-
fiqiie sur Galien, 2 Bb j Paris 1854; 1857 ; Exposition des connaissances de Galien
sur Vanatomie, la physiologie et la pathologie du Systeme nerveux, These, Paris 1841 ;
Galien considere comme philosophe = Fragmens du commentaire de Galien sur le
Timee de Piaton, Paris 1848. — 9. Falbe, D. Kinderheilk. d. Klaudios Galenos,
Diss., Würzburg 189?. — 10. Falk, Galen s Lehre v. gesund, n. krank. Nerven-
system, Leipz. 1871. — 11. Frank, D. Lehren d. gross. Arztes Galen iL d. Leibes-
übungen. Neue Jahrbb. f. d. Turnkunsf XIV, Dresden 1868; Galen' s Lehre v. d.
Leibes-Uebungen, nach d. Quell, dargest., Dresd. 1868. — 12. Frölich, Ueb. Krank-
heitsvortäuschungen. Friedreich's Blätter 1889. — 13. L. Fuchs, Methodus seu ratio
ad veram medicinam perveniendi, ad Galeni libros intelligendos utilis. Eitisd. de
componendorum medicam. ratione, Venetiis 1542. — 14. Bob. Fuchs, Wundermittel
a. a. Zeit d. Galenos. Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. 1894. — 15. Gasquet,
The practical medicine of Galenus and his time. British and foreign medical Review
1868, 472 ff. — 16. Goldbach, D. Laryngologie d. Galen, Diss., Berl. 1898. —
17. Hecker, Sphygmologiae Galenicae specimen, Berolini 1817. — 18. Henschel,
Galenos Anatomie. Janus II 1847. — 19. Jsraelson, Die „materia medica^'- des
Klaudios Galenos, Diss., Jurjeic 1894. — 20. Katz, D. Augenheilk. d. Galenus
u. s. w., Berl. 1890. — 21. Küchenvieister, Die Höhen-Sanatorien- Frage bei
Galen u. seit G. bis Archibald Smith. Tageblatt d. Innsbrucker Versamml. d.
Naturforscher 1870 Nr. 79 f. — 22. Mangetus, Bibliotheca pharmacologica medica
etc., 2 Bb., Coloniae Allobrogum 1703. — 23. Martinus, Commentatiuncula in libri
qui inscribitur de chymicorum cum Aristotelicis et Galenicis consensu ae dissensu
Caput XI quod est äe principiis chymicorum, Francofurti 1621. — 24. Friedr.
Meyer, Beitrag z. Therapie d. Galen, Diss., Berl. 1899. — 25. Pagel, Z. Kapitel
„Simulation", ein hist. Beitr. Deutsche med. Wchschrft. 1888. — 26. Payne,
Harvey and Galen etc., Oxford 1897. — 27. Pernice, Galeni de pondcribus et
mensuris testimonia, Bonnae 1888. — 28. Bavel, Exposition des principes thera-
peutiques de Galien, Paris 1849. — 29. Mitter, Walthe^-'s u. Ammon's Journal f.
Chir. u. Augenheilk. N F. I 3, Berl. 1843. — 30. Sauppe, Philologus XXIII
1865. — 31. Schadewald, Sphygmologiae historia inde ab antiquissimis temporibus
usque ad aetatem Paracelsi, Diss., Berl. 1866. — 32. Schröder, D. allg. Wund-
behandlg. d. Galen, Berl. 1901. — 33. Sprengel, Briefe ü. Galenos philos. System
= Beiträge z. Gesch. d. Medic, Halle 1794, I 117 ff. ; Galen's Fieberlehre, Brest, u.
Leipz. 1788. — 34. TjUmann, D. Rhinologie d. Galen. I. Teil: Anat. u. Physiol.,
Diss., Berl. 1900. — 35. Usener, Vergessenes. Rhein. Mus. XXVIII 1873, 409 ff.
— 56'. Vallesius, Controversiae medicae et philos., accedit libellus de locis manifeste
pugnantihis apud Galenum, Lugduni 1591.
Die noch längst nicht vollständige Liste der Werke des Galenos
thut dar, dass er sich mit allen Gebieten der Heilkunde und mit vielen
ihr näher oder ferner verwandten auf das eingehendste beschäftigt
hat. All seine Verdienste in einem einzigen Kapitel darzustellen, ist
darum eine unlösbare Aufgabe. Aber auch die grösste Kürze der
Schilderung findet eine Milderung in den beiden Thatsachen, dass
1. Galenos den hippokratischen Dogmatismus neu begründete und
2. allen Nachfolgern bis zum Anbruche des neuen Zeitalters in dem
Masse seinen Stempel aufdrückte, dass die sich anschliessenden Kapitel,
auch die arabische Heilkunde nicht ausgenommen, teils von Grund aus,
teils a potiori die Ueberschrift „Galenos" tragen könnten. Zu der vor-
liegenden Skizze werden also bis zu Harveys Zeiten hin viele be-
deutungsvolle Striche von den Mitarbeitern an diesem Werke hinzu-
gefügt werden. Dem galenischen System dienen eine Reihe unter-
stützender Momente zur Voraussetzung und Grundlage, die ich in
einigen Stichw^örtern wiederzugeben versuche: Abkunft aus guter,
wohlhabender, gebildeter Familie, dementsprechende tüchtige Er-
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 395
Ziehung und Allgemeinbildung, philosophische und medizinische Ver-
anlagung und deren Förderung durch die zweitgrösste, später die
grösste Bildungsstätte der alten Welt, Neigung zum Studium der Vor-
gänger, Aufbau auf den Forschungsergebnissen der 4 Aerzte, in denen
sich die gesamte vorgalenische Heilkunde zusammenfassen lässt: Hippo-
krates, Diokles, ^) Herophilos, Erasistratos, Verschmelzung des Plato-
nismus mit dem Hippokratismus und der aristotelischen Teleologie,
ausgezeichnete Dialektik und Schlagfertigkeit, Klarheit, Schärfe,
Fleiss, Arbeitsliebe, stets offenes Auge und warmes Herz für die
Patienten, Gestaltungsgabe und hohes Talent im Unterrichte u. a. m.
Freilich verführte die Dialektik zur Missachtung weniger gebildeter oder
weniger glücklicher Gegner und deren doch auch bisweilen anerkennens-
werter Leistungen, zur Weitschweifigkeit, Hohlheit, Selbstgefälligkeit
und zum AlleswissenwoUen ; aber diese üeberspannung in der vermeint-
lichen Erkenntnis aller und jeder Endzwecke des Lebens und der
Natur ist nicht das Vorherrschende, all die genannten verzeihlichen
Schwächen sind Episoden, kaum sichtbare, leise Farbentöne an dem
Gesamtbilde „Galenos". Dem Atomismus und Methodismus in der an-
griffslustigen, übertrieben verallgemeinerten Ausartung war Galenos
durch seine ganze philosophische Erziehung wie durch praktische
Anatomie, Physiologie und Therapie, kurz, durch das Experiment der
erbittertste Widerpart. Das Experiment hatte ihm unwiderleglich be-
wiesen, dass nicht ein rein zufälliges Durcheinanderwirbeln unbestimm-
barer Atome in irgendwie verlaufenden Kanälen, sondern eine weise,
voraussehende, ordnende, milde, gütige, aller Lobeshj-mnen werte,
geradezu monotheistisch aufzufassende Natur alles Leben regelt und
dass die auf vollkommene A'ernachlässigung der Ursachen hinaus-
laufende Kommunitätenlehre mit der selbstverständlichen hippokra-
tischen Erkenntnis der 4 Elemente, der 4 Säfte und der 4 Qualitäten
als allgemeiner Krankheitsursachen einen verlorenen Kampf führe.
Zu den 4 einfachen Dyskrasien gesellt er 4 gemischte: feucht-warm,
trocken-warm, feucht-kalt, trocken-kalt (VI 409 ; Orib. coli. med. XXI
1 = III 1 ff.). Die Seele, die im 7ivev(.ia wirkt, belebt den Körper.
Im Gehirn wohnt die loyianxi] ipvyj], die Intelligenz oder das nvtvf.ia
ipvxL-Kov =r Seelenpneuma ; ihr Sitz ist der vordere Lappen des knochen-
markartigen Gehirns, ihre Organe die Nerven. Das Ccoriychu tiv. =
Lebenspneuma hat das Herz zur Stätte und die Arterien zu Werkzeugen,
das cpvaiTibv rtv. = Naturpneuma hat die Leber zur Stätte und die Venen
zu Werkzeugen. Somit sind wirksam : 1. die loyiorm] iptyi] = ipvxi^rj
dvva!.iig, 2. die t^wrixi] ip. = o(pvy(.uyai d. (pulsierende Kraft). 3. die Ini-
d-vfojTixi] ip. (begehrliche Seele) = cpvaixi] ö. Das Atmen ersetzt Stoff'
und Kräfte der Seele. Die wichtigsten Kräfte sind : die ekxrixT] = an-
ziehende (z. B. Ernährung), dkkouotiy.rj = umbildende (z. B. Wachstum),
TteTtTixrj == verdauende, dnoxQinyci] = aussondernde (z. B. Urin), oiata-
araziy.^ = anhaltende, 7Tqo}oxi7(.r^ = vorwärtstreibende, allgemeine
spezifische, mit der die Zauberer später ihren Hokuspokus rechtfertigen
wollten. Ob diese Kräfte primär sind oder den 4 Grundstoffen
sekundär als Eigenschaften beizulegen sind, getraut er sich nicht zu
entscheiden.
') Trotz der minimalen Anzahl zufällig geretteter Bruchstücke konnte Well-
mann die Bedeutung des Diokles, die bisher nur in umschwommenen Umrissen zu
sehen war, unserem Auge nahe bringen, auf Grund des Anonymus Parisinus (Fragraeiit-
sammlung d. griech. Aerzte I, Berl. 1901).
396 Robert Fiichs.
Was die Anatomie und Physiologie^) anlangt, so trägt Galenos
Selbstgeschautes auch dann vor, wenn er sich in der Niederschrift
seinem Vorgänger Marinos anschliesst. Es steht fest, dass er fast
ausschliesslich Tiere seziert hat, namentlich Alfen und unter diesen
wieder den afrikanischen Magot (Macäcus ecaudatus Geoffr.) wegen
der Erwähnung des os incisivum, der Schilderung des „menschlichen"
Fusses und der „menschlichen" Hand, ferner, wie er teils selbst an-
giebt, teils aus der Beschreibung folgt. Bären, Schweine, Einhufer und
Wiederkäuer, aber gewiss auch kleinere Tiere. Den schwangeren
Uterus (II 290) beschrieb er nach dem Präparat, ebenso die „Funda-
mente" und „Zeltstangen" des Körpers, d. i. die Knochen, besonders
im Hinblick auf die Chirurgie, weiter Wirbelsäule (Atlasartikulation),
Periost, Knorpel, Markhaut, Bänder, Sehnen, Kopf- und Halsmuskeln
(so Platysma myoides), die verschiedenen musculi interossei, den ra.
popliteus (XVII, II 235), die Insertion der Achillessehne, die Oeso-
phagus- und Darmhäute bei Fleisch- und Pflanzenfressern, zwischen
welchen der Mensch in der Mitte steht (Kazenelson 231 if.), die
weichen Empfindungs- und die harten Bewegungsnerven (Uli mann
29 f.),-) deren Austritt aus dem Gehirn (XIV 710 ff.). Weiche Nerven
sind die des Gehirns, harte die des Rückenmarkes, mittelharte die des
verlängerten Markes. Die 7 Paare Gehirnnerven sind: opticus, oculo-
motorius mit patheticus, ramus ophthalmicus trigemini, ramus maxillaris
superior et inferior, acusticus mit facialis, vagus, glossopharyngeus.
Der olfactorius ist blosse Fortsetzung der vorderen Lappen, der ab-
ducens nicht bekannt. Der palatinus gilt als eine besondere Nerven-
wurzel {qiCa). Die von der Theorie geforderte Aushöhlung des Seh-
nervs fand in der arteria ophthalmica des sonst ausgefüllten Nerven
den notwendigen Ersatz; über die Zahl der Kanäle spricht er sich
möglichst unklar aus. Der recurrens ist gleichfalls deutlich be-
schrieben. Das Rückenmark, das die ganze Wirbelhöhle durchläuft,
dient zur Aufhängung der Stammnerven unter Entlastung des Gehirns.
Die Rückenmarksknoten sind ihm entgangen. Der sympathicus als
Vereinigungsstelle von harten und weichen Nerven ist besonders
empfindlich und wird durch Ganglien verstärkt. Am Gehirn be-
schreibt er 13 Teile : den schwielenartigen Balken {tvXd)dr]g), 2 Vorder-
kammern, den 3. und 4. Ventrikel mit dem aquaeductus Sylvii (nÖQog\
Fornix, Vierhügel, Zirbeldrüse, Processus cerebelli ad corpora quadri-
gemina, pr. vermiformis, calamus scriptorius Herophili, hypophysis, in-
fundibuhim. =^) Das Auge^) hat 5 Häute: Bindehaut mit Tenonscher
Kapsel (sTriTitcpvy.iüg xnwv), Leder- und Hornhaut (oyi'kr^qhg und yisgato-
£idr]g x.\ Ader- und Regenbogenhaut (xoQioeiörjg und Qayo€idr]g %.), Netz-
haut {af.i(piß).riGTQoeidi]g x-), vordere Linsenkapsel (o Höiog x- bei GaL,
aörfkog des JPseudogal.) und 4 Flüssigkeiten : Kammerwasser {vdatoeiöeg,
loosiöeg), Sehsubstanz, Linse, Glaskörper. Die hintere Augenkammer
wird sehr unklar beschrieben, da einmal Härtungsniittel für das Präparat
^) Kazeuelson bei Kobert, Hist. Stud. aus d. Pharraak. Instit. d. Kais.
Univ. Dorpat, Halle a. S. 1889 ff., V 190 ff.; 198; Puschmann, Gesch. d. medic.
Unterrichts von d. ältest. Zeiten bis z. Gegenw., Leipz. 1889, 85 ff.
^) Beide Nervenarten haben z. B. Auge und Zunge, nur Aveiche Nerven Nase
und Ohr (III 633; 641). Andere Nerven stehen mitten zwischen beiden Arten.
») Nach Pagel, Einführg. in d. Gesch. d. Medic, Berl. 1898, I 122 f.
*) Magnus, Die Anat. d. Auges in ihr. geschieht!. Entwickelg.. Breslau 1900,
15 ff.; Kühn VII 86; XIX 358.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 397
fehlten und sodann teleologische Theorie und Sektion einander -«ider-
stritten. Die Muskulatur entspricht unserer Auffassung fast ganz;
beim Thränenapparat sind noch merkliche Lücken, die indessen auch
Vesalius noch nicht ausfüllte. Das Pneuma zwischen Iris und Linse
leitet die aufgefangene Lichtempfindung durch den Sehnerv nach den
Sehhügeln und dem Centrum. Der Gehörnerv, der sich nicht, wie
der Opticus, ausbreitet (III 644; V 446), leitet die Schallwellen
(■avi^iara) zum Gehirne. Die den Geruch vermittelnden Gehirnfortsätze,
der „siebartig durchlöcherte" Knochen von ..schwammiger" Beschaffen-
heit (III 651 f.), der die Gehirnexkreijfcente auffängt (II 858 f ), die
Fältelung der dura mater und das Naseninnere (nicht die ^luschelj,
die trotz der Ueberlegenheit des Geruchs- über den Geschmackssinn
schwächeren olfactorii werden genau beschrieben (Nr. 34); dass bei
Kindern die Stumpfnase vorherrscht, ist bekannt (I 636). Die Geni-
talien beider Geschlechter entsprechen sich genau; bei der kälteren
Frau müssen sie im Innern geschützt liegen. Der Uterus ist das
Scrotum, die Ovarien sind die Hoden, den Nebenlioden wird ein
theoretisch gewonnenes weibliches Organ gegenübergestellt. Da bei
den Tieren die Zahl der Uterushörner der der Zitzen entspricht, muss
auch der weibliche Uterus mit seiner kleinen Höhle zweihörnig sein.
Die Milchabsonderung wird durch den Druck des geschwollenen Uterus
mechanisch erklärt. Das männliche Sperma ist der Lebenskeim, das
kältere w^eibliche der Keim der Eihäute und Nahrungs vermittler. Die
Allantois enthält den Urin der Frucht; das Schafswasser ist eine
Hautsekretion des Fötus. Diese Untersuchungen sind am toten Tiere
oder an Teilen von Tierkadavern oder Menschenleichen gemacht
worden (II 221); doch muss Galenos auch bei seltenen Gelegenheiten
ganze Menschenleichen seziert haben, da er deren Präparierung wieder-
holt empfiehlt (II 224; 385), wenngleich er die Genitalien am Schweine
u. s. w., das Gehirn am Rinde untersuchte. Aber auch viviseziert hat
er, denn er beobachtet die Lähmung nach Durchtrennung von Rücken-
mark und Nerven, die Austreibung der Speisen aus dem Magen * ) und
die Urinabsonderung durch die Nieren,^) die Bluthaltigkeit der linken
Herzkammer, den mechanischen Atmungsvorgang bei Durchtrennung
von Rückenmark, Intercostalmuskeln. Nerven, Rippenresektion (auch
bei penetrierenden Brustwunden, Orib. III 219 ff.; 236), die Herz-
kontraktionen, auch bei einem an Brustbeincaries erkrankten Knaben
(Kühn II 631), zum Teil nach Unterbindung der Gefösse, die den
Arterien vom Herzen vermittelte ocpiyfnxi] dvvai.ug beim Biossiegen
und Unterbinden der Schenkelarterie der Ziege u. ä. Im Unterrichte
dienten auch Zeichnungen und künstliche Skelette von Marmor oder
Metall neben dem Tierversuche als Anschauungsmittel. -) Die Speisen
werden im Magen durch die von der Wärme unterhaltene neTirr/ij
dvva^iig zerrieben, im Dünndarme zu Chj'lus umgewandelt, durch die
Pfortadern der Leber zugeführt, dort durch das 7tvf.v(.ia (pvoi-Mv zu
Blut assimiliert und teils durch die Hohlvene zur rechten Herzkammer,
teils durch die übrigen Venen in den Körper geleitet. Durch die
Anastomosen der Scheidewand findet die Sättigung des Blutes mit
dem Pneuma der linken Herzkammer statt. Dieses Pneuma ist aus
der Lunge, der die arteria pulmonalis Blut zuführt, durch die vena
») Basler, Janus IV 1899, 598 f.; 595 f. (lobenswerte Darstellung).
*} Puschmann a. a. 0., S. 85 ff.
398 Robert Fuchs.
pulmonalis in den linken Ventrikel gelangt. Die Aorta teilt durch
ihre Synanastomosen den Venen des ganzen Körpers Pneuma mit. Es
führen also Venen wie Arterien Blut und Pneuma, erstere mehr Blut,
letztere mehr Pneuma oder erstere dickeres, letztere dünneres Blut,
Die Milz frisst die dicken, erdigen Nahrungsteile auf, reinigt also das
Blut; die aus ihnen bereitete schwarze Galle teilt sie dem Magen mit,
um sie mit dem Kote durch die Därme fortzustossen {ngocoS-elv) ; dass
die Milz nicht unmittelbar der Leber aufsitzt, erklärt er mit Platz-
mangel. Die 4 Leberlappen (Tieranatomie) machen als Hüllen durch
Abgabe von Wärme den Magen zum Verdauen geschickt. Die qualmigen
Rückstände {tcc hyvvwdrj) werden bei der Ausatmung aus dem rechten
Ventrikel durch die Halbmondklappen der Lungenarterie hindurch
nach aussen befördert. ^) Galenos erholft vergeblich von der Zukunft
die Entdeckung des atmosphärischen Pneuma und somit die Recht-
fertigung seiner künstlichen Theorie. Das Blut wird auf seinen mannig-
faltigen Gängen schliesslich verbraucht. Bei Greisen sind dieselben
Vorgänge infolge der Blutarmut abgeschwächt (I 582). Galenos wurde
durch seine zwar auf die Anatomie gestützten, aber nicht von ihr be-
herrschten Spekulationen von der Entdeckung des grossen und kleinen
Kreislaufes weitab in die Irre getührt und steht der Harveyschen
Entdeckung ferner als Erasistratos (Häser I3 360 ff.). Den Venen
giebt Galenos einen Mantel, den Arterien zwei bezw. drei. Den
Arterienpuls erklärt er als Ausfluss der afpvyf.uxrj övvaf.ug. In der
Pulstheorie schloss er sich vielfach Agathinos und Archigenes (tv.
o(pvy(.uov) an (Well mann 169 ff.). Er unterscheidet (VIII 455 ff. ; vgl.
XIX 629 ff., unecht) : 1 . noaov rfjg ötaaTolfjg = Grösse (gross, klein,
mittelmässig), 2. n:oibv zfig -Aiv^oeiog = Art der Bewegung (rasch, lang-
sam, m.), 3. Ttoibv Tfjg Ttlrjyfß = Art des Schlages (stark, schwach, m.),
4. ovaraoig = Konsistenz (hart, weich, m.), 5. XQo^og r^g fjavxiag =
Ruhepause (häufig, selten, m.), 6. öj-ialön^g %a\ avtof^ialLa, 7. Tcc^ig 7J
äta^la = (Un)ordnung, 8. TtXfjd^og = Fülle (voll, leer, m.), 9. gv-d^fiög
(, 10. d^Eq(.iaoia = Wärme der Arterie, bloss XIX 629 ff.) ; zu 6 und 7
Abarten, ■*) wie (.ivovqiCiov oder (.ivovQog = decurtatus, -/.vf-iaTihörig =
undosus, oyxolriMtiov == vermiculans, f-ivg^rpiü^iov = formicans, y.lovcbdr]g
= vibratus, a7iao/.iwÖT^g = convulsivus, öo^yiaölCcov = caprizans
(gazellenartig). "')
Die angeführten Proben pathologischer Anatomie weisen darauf
hin, dass Galenos ein besonnener Patholog und scharfsinniger
Diagnostiker war. Unter Aufnahme der Humoralpathologie mit ihren
Dyskrasien (s. oben) stellt Galenos an die Spitze, dass Krankheit und
Gesundheit in einander übergehe und jeder Mensch den Krankheitskeim
in seinem Temperament, in seiner Konstitution oder Disposition trage.
Ausgehend von der Unbestreitbarkeit des Kausalitätsgesetzes (X 50 ff.),
unterscheidet er 4 Ursachen in engerem und weiterem Sinne (VI 837 ff. ;
IX 2 ff; X 50 ff.; XV 111 ff; XIX 386 ff.): 1. die unmittelbare Ur-
sache der naturwidrigen Bewegungen (-Aivi^aeig) im Körper, wie z. B.
Plethora und Säftemangel (zävwoig); 2. die naturwidrige Bewegung
^) Abbildung, Litteratur und ausgezeichnete Darlegung des selbst dem Galenos
nicht völlig klaren Sachverhalts bei Pagel S. 124 f.
-) Vollständig bei Pagel 125 f.; gut auch bei Wellmann a. a. 0.
*) Vgl. zu den Pulskurven Nr. 31; 17. von Top ly in Wieft hat als An-
schauungsmittel 27 Pulsgattungen des Galenos in Kartonmodellen auf Holzuntersatz
mit Messingrahmen herstellen lassen. Näheres ist mir leider nicht bekannt.
Geschichte der Heilkunde hei deu Griechen, 399
selbst oder die Störung der vitalen Vorgänge {nad-og); 3. die hiervon
ausgehenden Wirkungen in den kranken Teilen = Krankheitsprozesse,
v6or)(.ia\ 4. die Symptome. Die Terminologie deckt sich mit der
pneumatischen. Die wesentlichen Symptome heissen %a Tra&oyvcof^oviyid
= leidenverratende und sind die unmittelbaren Folgen des Zustandes.
Die nebensächlichen Syptome werden nach Heftigkeit und Art (gut-
oder bösartig u. dgl.) unterschieden. Die Symptome überhaupt sind :
1. unmittelbare Funktionsstörungen. 2. Folgezustände, avi^ißeßrjxÖTa,
z. B. Fieber, 3. Abweichungen in Sekretion oder Exkretion. Die
Krankheiten teilte er in folgende Hauptgruppen: 1. Krankheiten der
4 Säfte, 2. der of-ioio^iegi^ = gleichartigen Teile (Gewebe), a) laxum
und strictum (s. Methodiker), b) Vorwiegen einer ihrer 4 Qualitäten,
c) Organerkrankung (yivog dQyaviy.öv) = Lokal pathologie, und zwar
«) nach Bau, ß) Zahl, y) Grösse, ö) Lage, s) Kontinuitätstrennung.
Unter Aufgabe der hippokratischen Kochungslehre nahm er die Stadien-
einteilung des HerodotOS auf: äg^rp iniöooig, a/.^ir^, TTaQü-Af^nq (I 193 ff.).
Die Krisenlehre behält er bei, jedoch ohne ihr unbedingte Geltung bei-
zulegen. Die akuten, vorwiegend durch Blut und gelbe Galle ver-
schuldet, entscheiden sich mit Vorliebe am 7. Tage.*) Die Ent-
zündungen sind oyy.oL jiaQcc fpvoiv = tumores praeter naturam, durch
die überschüssige Wärme verursacht. Bleibt es bei der Wärme-
aufspeicherung, so entsteht trockene Entzündung; tritt ein Säftezufluss
(gev^ia) ein, so entsteht bei Eukrasie des Blutes „einfache Entzündung",
bei Zufluss von Wasser ödematöse, von Schleim erysipelatöse, von
gelber Galle phagedänische. von schwarzer scirrhöse, von Pneuma
pneumatöse (VII 707 ff.; IX 693 ff.; XI 72 ff.). Die Lösung besteht
in Zerteilung, Exsudation, Eiterung, Sepsis. Durch Arterienverstopfung,
Entzündung oder Sepsis oder durch deren Kombination entstehen die
Fiebertypeu. Das Gemeinsame ist die Steigerung der gesamten Körper-
wärme. Beim Starrfrost ist das Nervensystem in Mitleidenschaft ge-
zogen. Bei Phthisis erkennt er eine endzündliche, verschwärende und
schleichende Art an. Tritt Diarrhöe ein, so ist es lebensgefährlich.
Durch die genaue Regelung der Urinuntersuchung zu diagnostischen
Zwecken ist Galenos das Vorbild der zahlreichen entarteten Urin-
kompendien des Mittelalters geworden, das auf die Urindiagnose die
ganze Therapie gründen wollte.
Den grössten Ruhm aber verdankt Galenos nicht seinen patho-
logischen Konstruktionen, sondern seinen bewundernswerten Heilungen.
Die vielen eigenen Krankheiten regten ihn zu ihrer Beobachtung an.
Als Gladiatorenarzt sammelte er weitere wertvolle Kenntnisse (Orib.
IV 137), Er behandelte eine durch Erschöpfung entstandene Quoti-
diana an sich selbst (VI 308 f.). ebenso ein mit Delirien verbundenes
Fieber (VIII 226), verschiedene durch Obstgenuss veranlasste akute
Krankheiten (VI 756 f.), viermalige Tertianafälle in seiner Jugend
(VII 638), die Pest (durch Aderlass; XIX 524). So konnte er bei
einem an Quartana erkrankten Jüngling die Lysis voraussagen (XIV
624), am Pulse eine Angina (XIV 661) und schmachtende Liebe -) er-
kennen (XIV 631 ff.; XVIII, II 40), heimliche Diätfehler des ungehor-
1) Traube. Deutsche Klinik 1852 Nr. 15.
^) Eine vornehme Dame war durch heimliche Liebe zu dem Tänzer Pylades in
ihrem seelischen Gleichgewichte erschüttert worden Einen verliebten Sklaven, der
sich selbst beschädigt hatte, um, von dem verreisenden Herrn zurückgelassen, seiner
heimlichen Liebe nachgehen zu können, entlarvte Galenos (XIX 4 f.).
400 Robert Fuchs.
Samen Sohnes des Boethos abstellen (XIY 635 ff.), Nerven wunden mit
28 Jahren sicher heilen (XIII 563; 599 f.), achtmonatliche Regel-
verhaltung kurieren (XVII, II 81), die durch Uterusblutungen und
Hydrops schwer gefährdete Frau des Boethos u. a. durch Sandbäder
wiederherstellen (XIV 641 ff.) und die allen Heilversuchen anderer
Aerzte spottende Krankheit des berühmten Philosophen Eudemos heben.
Weil er hiermit sein Glück begründete, griffen ihn die Gegner heftig
an. Antigenes, ein Schüler des Quintus, bat ihn zwar hinterher um
Verzeihung für den früheren Hohn, aber Martianos (s. oben S. 309)
verhöhnte ihn nach dem Erfolge noch viel mehr als Mantiker, Vogel-
flugdeuter, Opferschauer, Symbolisten und Mathematiker, d. h. als
Schwindler und Zauberer (XIV 605 ff.; 613 ff.). Die (pvoig = Natur
zur Wiedererlangung der Herrschaft über den kranken Körper zu
bringen, ist Heilung. Dabei gilt es vornehmlich, die Kraft zu unter-
stützen, welche die eingedrungenen Krankheitsstoffe austreibt, ohne
die anziehende, zurückhaltende und verändernde Kraft zu stören (XVII,
I 148). Die Wege der Heilung sind in Art und Wert mit den von
Traianus durch ganz Italien gebauten Verkehrsstrassen zu vergleichen
(X 632). Die Bedingungen, unter denen bei heilbaren Leiden Kunst-
hilfe eintreten soll, sind die hdd^eig = Indikationen. Die Indikationen
aus der Krankheit betreffen deren Charakter, Schwere, Typus, Stadium,
Ausgang, Komplikation, Genesung. Drastische Mittel sind nur in
Stadium I und IV erlaubt. Hierzu kommt die prophylaktische und
die symptomatische Indikation. Aus der Verfassung des Kranken
fliessen die Indikationen des Geschlechts, Alters, Temperaments, Wohn-
orts, des betreffenden Organs. Dazu kommen schliesslich die aus der
Atmosphäre und den Träumen gewonnenen Indikationen (I 70 ff'.; 264 ff.;
X 127 ff. u. ö.). Wie Hippokrates stellte er die mit der Gymnastik
verbundene Diätetik an die Spitze (Nr. 11; vgl. oben S. 246 A. 2),
Alle verfeinerten therapeutischen Eingriffe der Vorgänger nahm Galenos
auf, so Wasser-, Dampf-, Luft-, Sonnen-, Sand-, Mineral-, Kräuterbäder
und partielle Bäder, Der Aderlass ist in jeder Form, doch stets mit Mass
und Vorsicht (nicht bei Kindern) und mit Vorliebe im Frühling und
Herbste anzuwenden. Blutegel und Schröpf köpfe befördern die Deri-
vation, Binden der Extremitäten die Revulsion. Die Pharmakologie
der ersten Kaiserzeit wird von Galenos ergänzt, durch einfache, wie
höchst komplizierte Mittel, doch selten unappetitliche oder wunder-
liche. Er bezog aus allen Ländern durch hohe Beamte und Freunde
die Droguen und Steine und prüfte die Mittel selbst, wenn auch viel-
leicht nicht alle praktisch (XIV 7 ff.), oder er berief sich auf Heras,
Andromachos, Dioskurides u. a. Seine Hiera Hess die anderen Hierae
zurücktreten, i) ebenso seine Pikra, ^) sein Aloemittel -) und sein
Diakodion (Orib. V 920). Die Wirkungen stellte er nach Klassen
und Graden genau fest, selbst in dem Schema das Muster der Folge-
zeit (s. z. B. Symeon Seth). Die Dosiologie gestaltete er dabei bis ins
Einzelne aus. Geschlossene Krankheitsbilder pflegt er nicht zu geben,
sondern wir müssen selbst aus den zerstreuten Stellen die Symptom-
schilderungen zusammentragen. Von Fiebern führte er die Quotidiana
auf Ueberanstrengung, Ueberladung, Trunkenheit, Jähzorn und gut-
^) Fuchs, Rhein. Mus. L (1895): „Gera Galenum" bei Orib. V 923: Otho
Cremon. 245 f.
2) Orib. eup. IV 142 f. = V 7921; Otho Cremon. 225 f.
Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 401
artige Bubonen zurück und heilte sie mit Bädern, leichter Diät und
Wein; die Tertianfieber rühren von der Leber, die Quartanfieber von
der Milz her. Bei Frost empfehlen sich Reibungen von den Füssen
aufwärts (X 821 ff.). Gewöhnliche Tertiana beschwichtigen Purganzen
und Brechmittel, Sellerie und Dill, Wermut und warme Bäder, un-
regelmässige warme Magenaufschläge, Brechmittel, Aderlass, sieben-
tägiger Pfeffergenuss, Wermut. Bei Fäulnisflebern trinke man Gersten-
schleimsaft, Sellerie und Kamillenthee, verabreiche Klystiere und gebe
leichten Wein (X 806 ff.; XI 35 ff.). Dyspepsie, die gewöhnlichste
Krankheit der Kaiserzeit, vertrieb er mit Brechmitteln, heissen trockenen
Umschlägen auf Kopf und Magen, eintägigem Fasten, kalten Tränken
und kalten Umschlägen. Bei starkem Erbrechen halfen Adstringentien,
Aromata und Opium (XIII 126 ff.). Ruhr entsteht durch Galle, Genuss
von Wasser aus Bionzeröhren, plötzliches Aufgeben eines harten Lebens
und wird gehoben durch Enthaltsamkeit, Austern schalen, Hirschhorn,
Opium, Galläpfel und andere Adstringentien und Einlaufe. Milzleiden
sind durch Meerzwiebel, Kappern (X 920; XI 746), Abführen und
Scarifizieren zu beseitigen. Bei akuten Katarrhen reiche man Honig-
latwergen, Opium und eingedickten Most; bei chronischen Wein, Nar-
cotica, Mutterharz, Pfeffer u. a. Bei Empyem nützt Punktion oder
Kauterisation nur wenig (XVIII, I 38 ff.). Schleichende Phthisis kommt
durch Sepsis und theoretische Lungentuberkeln, fpv^iara, und wird
durch Seereisen, Aufenthalt in Afrika, Tabiae bei Neapel und Sorrento
= Surrentum und Milchkuren bekämpft (XVII, I 856 ff.; Orib. II
856 ff.; Waidenburg, Tuberkulose, Berl. 1870, 19; Nr. 21). Auch
Frauenmilch mit Honig oder Salz wurde dargeboten. Die Harnkrank-
heiten werden in hippokratischer Art behandelt. Den Diabetes sah er
für eine Nierenauflockerung an. Die bei Erwachsenen schwer heil-
bare Fallsucht, die eine Kinderkrankheit, Ttaiöeiov {naidiov cod.), ist
(Orib. III 683), bekämpft er mit Aderlass am Fusse, Theriak und
Wundermitteln. Bei Pleuritis goss er Honigwasser in die Anzapfungs-
steJle und Hess es durch Husten wieder entleeren. Ihre Diagnose
deckt sich etwa mit der heute noch üblichen. Dass die Elephantiasis
= Lepra in Alexandreia endemisch war, weiss er durch eigene Be-
obachtung (XI 142). Die Auslassungen über Marasmus in einer be-
sonderen Schrift (VII 666 ff.) verdienen auch heute noch Berück-
sichtigung. Die häutige Bräune und ihre Behandlung ist ihm vertraut.
Bei Trepanationswunden legte der greise pergamenische Arzt Eudemos
auf die blossgelegte Meninx das Mittel „Isis*' als Umschlag auf, und
oben darüber brachte er Essighonig. Dieses energische Verfahren
war dem damals in Rom gebräuchlichen milden weit überlegen, aber
die Mode erlaubte Galenos nicht, sich ihm zuzuw^enden (X 454). In
der Lehre von den Frakturen und Luxationen war der Gladiatoren-
arzt Meister. Ihm verdankt die Folgezeit neben der Nomenklatur
die vielen von Hippokrates übernommenen und weiter ausgestalteten
Einrichtungsarten. ^) Seine Augenheilkunde schildert uns Ritter
(Nr. 29) in trefflicher Uebersetzung. Die Optik ist bei Kühn III
759 ff. auf das ausführlichste dargelegt, die Therapie VII 85 ff.; VIII
1 ff. ; X 935 ff ; 986 ff. ; 1017 ff. Den Star heilt er durch Niederdrücken.
Gegen die Körnerkrankheit empfiehlt er eine grosse Anzahl Rezepte
(VII 35; Xn 195; 242; 735; 775; XIV 18). Die sehr sorgfältig aus-
0 Gurlt, Gesch. d. Chir. u. s. w., Berl. 1898, III 604.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 26
402 Robert Fuchs.
gearbeitete Verbandlehre bietet auch kunstvolle Binden für die Augen
und den ganzen Kopf. Bei Zahnleiden beschränkt er die Extraktion
auf verzweifelte Fälle und hilft sich sonst mit Pulvern und schmerz-
stillenden Arzneien und Mundmitteln aller Art. In der Gynäkologie
scheint er besser bewandert gewesen zu sein als in der Geburtshilfe.
Die Kindeslagen hat er augenscheinlich durch Soranos' Werk kennen
gelernt; sonst könnte er nicht sagen, dass Nichtschädellagen ausser-
ordentlich selten seien (IV 248).
Wie die griechische Medizin für uns mit einem der bedeutendsten
Aerzte anhebt, so schliesst auch ihre Blütezeit mit der vornehmsten
einem. „Alles, was seit Galen von griechischen Aerzten für die Heil-
kunde geschah, ist entweder encyklopädisch sammelnder Art, oder
Vermehrung des empirischen Materials, oder Ausbeutung und Aus-
artung der von jenem gegründeten Lehren" (Häser). Und der
Schlüssel für die Unvergänglichkeit seines Ruhmes? iajQos ydg eanv
vTti^Qerrjg Tfjg q)va€wg: „Der Arzt ist derNatur Diener" (XVI 35).
Altrömische Medizin.
Von
Iwan Bloch (Berlin).
Litteratur
(in chronologischer Reihenfolge).
M. Finckenstein, ,.Zur medicinischen Sittengeschichte des alten Rom" in:
Deutsche Klinik 1860 Nr. 33 {S. 313— 316), Nr. 35 (S. 333— 336), Nr. 37 {8.353-357).
— „Ein Kajntel anthropologischer Archäologie^ in : Augsb. AUgem. Zeit. 1874 Nr. 45
u. 46. — Caix de Saint- Ayinour, „Note sur un temple romain decouvert dans
le foret de Halatte {Dep. de l'Oise)" , Paris 1875, 12^, 35 S. — G. Bitter v.
Jiittershain, „Die Heilkünstler des alten Rom und ihre bürgerliche Stellung",
Berlin 1875. — Giuseppe Pinto, „Storia della Mediana in Roma al tempo dei
re e della republica", Rom 1879, 8^, 434 S. — G, Mo, „Sullo stato dei medici e
della medicina in Roma antica paragonato con quello dei medici e della medicina
dei tempi moderni" in: Osservatore Torino 1881, Bd. XVII S. 209, 225, 241. —
jB. ßriau, „Sur l'introduction de la medecine dans le Latium et ä Rome" in:
Academie des inscriptions 1884, 24. mars; Revue archeologique 1885 ser. III. T. 5
p. 388, T. 6 p. 192. — I>upouy, „Medecine et moeurs de Vancienne Rome d'apres
les poetes latins^', Paris 1885, 8'-', 432 S. — Cr. A. E. Sanifeld, ,,Wie kamen die
ersten Vertreter der Medicin nach Rom? Livguistisch-culturhistorisch-medicinische
Skizze" in: Virchow's Archiv 1889, Bd. CXVI S. 191 ff'. — Pellegrini, „Lapide
votiva ad Esculapio, esistente sulla facciata della casa Protti a Longarone", Belluno
1890, 8", 17 S. — B. Schiavuzzi, „Le istitutioni sanitarie istriane nei tempi
passati" in: Atti e memorie della societä istriana d^archeologia e storia. Vol. VIIl
fasc. 3 — 4, Parenzo 1892. — Maurice Albert, „Les medecins Grecs ä Rome",
Paris 1894, 8 ", 323 S. — „Donaria of medical interest in the Oppenheimer col-
lection of Etruscan and Roman antiquities" in: British medical Journal 1895,
July 20 and 27. — W. H. Boschev, „Ausführliches Lexikon der griechischen und
römischen Mythologie" , Leipzig 1894 f[. (unter den betreffenden Artikeln). —
JB. Stumpf, „Die Geschichte des Ehelebens, der Geburtshülfe, der körperlichen und
geistigen Erziehung der alten Römer", Berlin 1895. — F. Buret, „La medecine
chez les Romains avant l'ere chretienne" in: Janus I, 1897 S. 517 — 526. —
Pauly - Wissoiva , „Real - Encyklopädie der classischen Alterthumstvissenschaß",
Stuttgart 1899 Bd. III {Artikel „Carna", „Carmenta"). — M. Schanz, „Geschichte
der römischen Litteratur", 2. Auflage, München 1898—1899 Bd. I und IL —
L. Stieda, „Anatomisch-archäologische Studien. 1. lieber die ältesten bildlichen
Darstellungen der Leber. IL Anatomisches über alt-italische Weihgeschenke {Do-
naria)". Mit 28 Abbildungen {auf 5 Tafeln). S.-A. aus Bonnet- Merkels Ana-
tomischen Heften Bd. 15116. Wiesbaden 1901. Gr. 8°. IV, 131 S. [Diese ivert-
26*
404 Iwan Bloch.
volle Studie bringt eine heinahe vollständige TJebersicht über die Litteratur der
medizinischen Archäologie der Römer und altitalischen Völker, so dass für spezielle
Studien diese Schrift unentbehrlich %st.'\
Theurgischer Charakter der altitalisch-römischen Heilkunde.
Es muss als eine der merkwürdigsten Thatsachen in der Geschichte
der Medizin betrachtet werden, dass die nichtgriechischen Bewohner
der apenninischen Halbinsel und vor allem das so hochentwickelte
Kulturvolk der Eömer eine medizinische Wissenschaft nicht hervor-
gebracht haben und daher in dieser Beziehung nicht nur hinter den
Griechen, sondern auch hinter den Aegyptern, ja den Indern, Chinesen
und anderen Völkern der alten Welt weit zurückstehen. Das Vor-
herrschen des politischen Elementes in Leben und Kultur der
Eömer war der Entwicklung einer selbständigen Wissenschaft der
Heilkunde wenig günstig. Von den staatlichen Gewalten wurden
Krankheiten und Epidemien als Schickungen der Götter für politische
Zwecke und zur Stärkung der Autorität ausgenützt. Dies war nur
möglich, weil Eeligion und Menschenleben vielleicht tiirgends so innig
verknüpft waren, wie bei den italischen Stämmen. Der Eömer ver-
ehrte „in der ganzen Natur das Geistige und Allgemeine ; jedem Wesen,
dem Menschen wie dem Baum, dem Staat wie der Vorratskammer ist
der mit ihm entstandene und mit ihm vergehende Geist zugegeben,
das Nachbild des Physischen im geistigen Gebiete", und daher wird
„Ehe, Geburt und jedes andere physische Ereignis mit heiligem Leben
ausgestattet" (Mommsen). Dies musste zu einer fast ausschliess-
lichen Prävalenz des medizinischen Aberglaubens führen, welchem
gegenüber eine wissenschaftliche Medizin in keiner Weise aufkommen
konnte. Es ist vielleicht keine Eeligion der Welt so von medizinischen
Dingen durchwoben wie die altrömische, und treffend bemerkt Fincken-
stein, dass die ganze religiöse Kultur der Eömer zuletzt voll-
ständig einem pathologischen Systeme geglichen habe. Nur aus der
Mythologie erfahren wir, welche einzelnen Krankheiten den Eömern
bekannt waren, da jede Krankheit als Gott oder Göttin auftritt. Das
Gleiche gilt von den Krankheitsursachen, die ebenfalls personifiziert
wurden, und von den einzelnen Symptomen und Phasen pathologischer
oder physiologischer Vorgänge. So hatten „wenigstens zwanzig Götter
und Göttinnen bei einem Wochenbette alle Hände voll zu thun, und wer
die oft säuische Denkungsart auch der heutigen Eömer kennt, wird
sich nicht wundern, dass ihre Ahnen auch das erste Debüt eines jungen
Ehemannes unter die Protection einer Pertunda stellten" (Fincken-
stein). — Die therapeutische Beeinflussung der Krankheiten be-
schränkt sich im wesentlichen auf die Vornahme religiöser bezw.
magischer Ceremonien, auf Sühneopfer, Sühnefeste, Gebete, Wahr-
sagungen aus den Eingeweiden der Tiere , dem Fluge der Vögel, Be-
sprechen und andere abergläubische Prozeduren, wie z. B. das Ein-
schlagen von Nägeln in den Tempel des Jupiter (bei Epidemien).^)
AVie diese Massregeln wahrscheinlich zu einem grossen Teile von den
■^) In römischen Gräbern hat man Bronzenägel gefunden, die wohl ebenfalls
als solche Zaubermittel zu betrachten sind. Vgl. Augsburger AUg. Zeitung 1874
Nr. 45 u. 46.
Altrömische Medizin. 405
Etruskern in Eom eingeführt worden sind, so gilt das auch von den
zahlreichen Votivgaben oder Weihgeschenken, auf die man in neuerer
Zeit aufmerksam geworden ist. Diese „Donaria", welche aus Bronze
oder Alabaster gefertigt wurden, repräsentieren die ältesten bildlichen
Darstellungen menschlicher Eingeweide und liefern uns zugleich einen
Massstab für die Beurteilung der anatomischen Kenntnisse der italischen
Völker.
Medizinische Gottheiten der Römer.
Unter den zahlreichen Heilgöttern und Heilgöttinnen der Römer,
von denen an dieser Stelle nur die wichtigsten angeführt seien, sind
zunächst einige von mehr allgemeiner Bedeutung zu erwähnen. —
Eine uralte römische Medizinalgöttin war Carna, die Beschützerin
der wichtigsten Lebensfunktionen (Gebet an die Carna: „ut iecinora
et corda quaeque sunt intrinsecus viscera salva conservet". Macro-
bius, Saturn, üb. I c. 12, 31 if.; Ovid, fast. VI, 182). welche auch
die blutsaugenden „strigae" abwehrte. Ihr Festtag war der 1. Juni,
die „kalendae fabariae", weil ihi* Bohnenbrei und Speck, die alten
italischen Nahrungsmittel, an diesem Tage geopfert wurden (Ovid,
fast. VI, 101, 163 if.). Nach Wissowa^) gehören diese „Carnaria"
bereits zu dem ältesten römischen Festcyklus. Die Carna besass ein
altes, angeblich von M. Junius Brutus gegründetes Heiligtum auf
dem Caelius. — Der D e a Salus, der Göttin der Gesundheit, war auf
dem Quirinal ein Heiligtum errichtet, wo eine Anhöhe „collis Salu-
taris" und das Stadtthor „porta Salutaris" hiess. Hier wurde auch
alljährlich das „Augurium Salutis" vorgenommen. -) — Ebenfalls als
Hüter der Gesundheit wurde Mars verehrt, den man kurz vor der
Ernte um Erntesegen und Gesundheit anflehte (Cato, de re rust. 141).
Wie Apollo, der übrigens auch in sehr früher Zeit als „Apollo salu-
taris" verehrt wurde. ^) galt auch Mars als „Wehrer aller sommer-
lichen Plagen und Krankheiten" (W. H. Eoscher). In dem be-
rühmten Liede der Arvalbrüder heisst es : „Lass keine Seuche kommen
über mehrere! Satt sei, grausamer Mars!" — Gegen die häufigen
Malariafieber*) wurden die Dea Febris und Mefitis angerufen.
Der ersteren waren auf dem Esquilin, Quirinal und Palatin drei
Tempel errichtet (Valerius Maximus II, 5, 6; Plinius II c. 5;
Aelian. var. histor. XII, 11). In diesen Tempeln pflegten die Kranken
die Heilmittel, welche sie an ihrem Leibe getragen hatten, nach er-
langter Heilung als Weihgeschenke niederzulegen (Valer. Maxim.
II, 6). Eine von Tomasini mitgeteilte Inschrift^) zu Ehren der
Febris lautet: Febri Divae, Febri Sanctae, Febri Magnae Camilla
^) Wissowa, „De feriis anni Romani vetustissimi". Index lect. Marpurg.
1891, S. 13.
■■') Näheres über diese Göttin bei Will. Musgrave, „Dissertatio de dea Salute
in qua illius symbola, templa, statuae, nummi, inscriptiones exhibentur iUustrantur",
Oxford 1716.
3) Vgl. Theod. Mommsen in: Archäolog. Zeitung 1869 S. 90.
*) Augustinus, de civitat. Dei IV, 15 nennt sehr bezeichnend das Fieber
„römische Bürgerin". Vgl. auch Cicero, De natura deor. Ill, 25 : L a c t a n t i u s I, 20.
*) Bei J. G. Graevius, „Thesaurus autiquitatum Romanarum", Bd. XII,
Utrecht 1699, S. 867.
406 Iwan Bloch.
pro filio amato male aifecto. ^) — Die Mefitis, die Göttin der Mias-
men und schädlichen Ausdünstungen, hatte in der Gegend des Esquilin
ihr Heiligtum (lucus Mefitis Varro 5, 49) in einem heiligen Haine.
Sie war nach Servius (zu Aen. 7, 84), die Personifikation der ge-
fährlichen Schwefeldämpfe, die dem Erdboden an gewissen Stellen
entsteigen. Dieses Phänomen hatte sich wahrscheinlich auch auf dem
Esquilin gezeigt, ebenso am See Ampsanctus, wo deshalb ebenfalls ein
Tempel dieser Göttin stand (PI in,, nat. hist. II, 208; Cicero, de div.
1, 36, 79). In einer Inschrift (Corp. Inscr. Latin. 9, 1421) wird die
Mefitis von Ariano erwähnt, ist also dort ebenfalls verehrt worden.
Nach Tacitus (Hist. 3, 33) stand ein „templum Mefitis" vor den
Thoren von Cremona. Andere Kultstätten waren in Laus Pompeia
(Lodi vecchio), Potenza u. s. w. Nach R. Peter (Roschers My-
tholog. Lexikon II Spalte 2521) war die Mefitis nicht nur eine
römische, sondern überhaupt altitalische Göttin, deren Kult aus dem
Reichtum des Landes an schwefeligen Ausdünstungen hervorgegangen
war. — Ein Heiligtum der „Minerva medica" lag ebenfalls in der
Nähe des Esquilin. Die von Pinto veröffentlichte Inschrift eines
Steines: „Minervae Memori Coelia luliane Indulgentia Medicinarum
eins infirmitate gravi liberata" weist auf diese Heilgöttin hin.-)
Sehr zahlreich waren die Gottheiten, die mit dem menschlichen
Geschlechtsleben in Verbindung gebracht wurden. Unter ihnen ragt
besonders hervor Carmenta, die Göttin der Geburt und Geburts-
hilfe (Ovid, fast. I, 618). Ihr zu Ehren wurden von den Frauen
die „Carmentalia" gefeiert, die am 11. und 15. Januar stattfanden,
und bei denen der „flamen Carmentalis" die Opfer anzündete (Cicero,
Brut. 56; Corp. Inscr. Latin. VI, 3720) und die „Carmentarii" die
Orakelsprüche der Göttin aufzeichneten (Servius z. Aen. VIII, 336).
Bei diesem Feste riefen die Priester die Carmenta als „Porrima"
(Prorsa, Antevorta) und „Postverta" an, je nachdem sie um
Schutz bei der nach vorn oder rückwärts gewandten Lage des Kindes
angefleht wurde. (Ovid, fast. I, 631—633; Gellius XVI, 16, 4;
Tertull., ad nat. II, 11). Altäre der Carmenta lagen zwischen
Capitol und Tiberfluss an der „Porta Carmentalis" (Livius V, 47,
2 ; Gellius XVIII, 7, 2). — Eine andere Geburtsgöttin der Römer
war Lucina (Juno), *^) die Mondgöttin, da man dem Monde einen
Einfluss auf Menstruation und Entbindung zuschrieb (Juno Fluonia,
Fluvionia, Lucina, Sospita, Conservatrix [seil, liberorum], Dea Natio
[seil, a nascendo, Cicero, de nat. Deor. III, 18], Opigena, Kupra
[tuskisch]). Ihre Tempel lagen in der Nähe des Esquilin und auf
dem Forum Olitorium, auch war ihr ein heiliger Hain bei Lanuvium
geweiht (Livius VIII, 14; XXIV, 10; XXXII, 30; XXXIV, 57;
^) Vgl. Gl US. de Mattheis, .,Dissertazione sul culto reso dagli antichi Romani
alla dea Febbre", Rom 1814. Französ. üebers. von Haro im „Bulletin de la
Societe archeol. de la Moselle'" 1862.
^) Vgl. M. B. Thorlacius, „Minerva Romanorum medica" in: Prolusiones et
Opuscula academica. Hauniae 1806, Bd. I S. 137—150.
^) H. P. Schlosser, „De divis obstetricantibus et circa partum recens editum
occupatis ex antiquitate Romana nonnihil". Frankf. a. M. 1767; W. H. Röscher,
„Studien zur vergleichenden Mythologie der Griechen und Römer", Bd. II: Juno und
Hera, Leipzig 1875. — Das Gebet der Kreissenden an die Lucina lautete: Juno
Lucina fer opem, serva me obsecro! Vgl. Terentius, Andria Act III sc. 1;
Terentius, Adelphi Act III sc. 5.
Altrömische Medizin. 407
Cicero, de natur. deor. II, 27; I, 29; de divinat I, 2, 44; Propertius
IV, 1; Ovid, Amor. II, 23. 21; Macrob., Saturn. VII, 16). — Eine An-
zahl von Göttern und Göttinnen behütete und beförderte die speziellsten
geschlechtlichen Vorgänge wie Dens Subigus („ut virosubigaturvirgo"),
Dea Prema („ut subacta ne se commoveat prematur"), Dea Per-
tun da („quae praesto est virginalem scrobem effodientibus maritis"),
Dea P erfica (Arnobius IV, 7). Nach Preller war die Preraa
zugleich die Göttin der Viehzucht und der tierischen Begattung, wo-
rauf ein seltsames bei Rimini gefundenes Bildwerk hindeutet. Inter-
c i d 0 n a hatte die Hut über den Nabel, 0 s s i p a g a sorgte für das
Wachstum der Knochen. Ferner waren Pilumnus, Rumina (Ru-
milia), Deverra, Cunina, Mena, Uterina, Fascinus u. a.
bei den geschlechtlichen Vorgängen des Weibes thätig. ^) — Besondere
Erwähnung bedarf Mutunus Tutunus,-) der Gott der weiblichen
Empfängnis und männlichen Befruchtung, bei dessen Anrufung sich
die junge Frau auf ein „Fascinum" setzte, als welches sehr oft das-
jenige der Priapus- Statuen benutzt wurde (Arnob. IV, 7 ; Aug.
VI, 9: Priapus nimis masculus, super cuius immanissimum et tur-
pissimum fascinum sedere nova nupta iubebatui' more honestissimo et
religiosissimo matronarum). Er hatte eine Kapelle in Rom, in welcher
die Frauen verhüllt zu opfern pflegten. —
Nicht zufrieden mit der grossen Zahl ihrer eigenen Heilgottheiten
führten die Römer auch fremde ein. wie z. B. den Asklepios als Aes-
culapius,**) dessen Kult im Jahre 291 v. Chr. nach einer schweren
Pest auf den Rat der sibyllinischen Bücher von Epidauros nach Rom
verpflanzt wurde (Ovid, Metamorph. XV, 626 — 744 ; P 1 i n i u s , Nat. bist.
XXIX, 4, 22; Livius XXIX, 11 ; X, 47), und der hier einen Tempel auf
der Tiberinsel erhielt, mit welchem eine sich der Inkubation bedienende
Heilanstalt verbunden war. Hier hat man auch zahlreiche Votivtafeln
zu Ehren des Aeskulap gefunden; ferner Münzen mit dem Bilde
und der Schlange des Aeskulap*) (Pinto S. 67 fi*.). A n tonin us
Pius liess auf der Insel eine Art von Hospital errichten, in welchem
Kranke Aufnahme fanden. Das „Collegium Aesculapii et Hygieae",
an der Via Appia, gegründet 154 n. Chr., war keine Kranken- son-
dern eine Altersversorgungsanstalt.*) In der Kaiserzeit wurden die
kranken Sklaven auf die Tiberinsel geschickt, ohne dass man sich
weiter um sie kümmerte. Daher erliess Kaiser Claudius ein Gesetz,
welches allen dort anwesenden Sklaven die Freiheit schenkte. ") — Be-
sondere Bedeutung unter den fremden Heilgottheiten gewann in spä-
') Näheres siehe bei E. K. J. v. Siebold. „Versuch einer Geschichte der Ge-
burtshülfe^ Berlin 1839, Bd. I S. 114—122.
*) Mütünus ^ juvTvoi s. /uvrreov = t6 ywaixeZov; Tütünus = rcöa&r^^ Tioa&cor,
äol. nö&d'füv, latein. Puttunus u. Tuthunus.
^) Vgl. A. Schlüter, „De Aesculapii cultu a Romanis adscito dissertatio",
Münster 1833, 4 » 32 S.
*) Einen römisch-etruskischen Becher mit der Inschrift: ,,Asclapi pocolom" er-
wähnt Haeser, „Gesch. der christl. Krankenpflege", Berl. 1857, S. 95.
^) Die merkwürdige Inschri.t, welche die Schenkungs- und Stiftungsurkunde
für das Collegium Aesculapii enthält, ist zuerst von Spon, .,Recherches curieuses
d'antiquite", Lyon 1683, S. 326—340 mitgeteilt worden, auch neuerdings im Corpus
Inscript. Latinar., Bd. VI Nr. 10234 abgedruckt.
") Sueton, Claud. c. 25: Cum quidam aegra et afl'ecta mancipia in insulam
Aesculapii taedio medendi exponerent, omnes qui exponerentur, liberos esse sanxit,
nee redire in ditionem domini, si convaluissent ; quod si quis necare quem mallet.
408 Iwan Bloch.
terer Zeit die ägyptische Isis, deren Kult seit August iis eine grosse
Ausdehnung annahm (D i o C a s s i u s 47, 15) und besonders in sitt-
licher Beziehung zu argen Ausschreitungen Veranlassung gab (Ovid,
ars amand. I, 27; Sueton, Domit. 1, Otho 12; Lampridius, Com-
modus 9, Sever. 26; Spartianus, Caracalla 9), wovon auch die
„Isiacae sacraria lenae" bei Juvenal VI, 488 Zeugnis ablegen.
Die medizinischen Weihgeschenke.
Den interessantesten Bestandteil des von den Römern über-
nommenen altitalisch-etruskischen Kultus bilden die sogen. Donaria
in Form von bildlichen Darstellungen menschlicher Eingeweide und
pathologischer Zustände, ^) welche wohl als die ältesten Objekte dieser
Art zu betrachten sind. Hierher gehören zunächst Darstellungen der
Leber von Tieren (Schaf). Da aus dem Befunde der Leber der Opfer-
tiere geweissagt wurde, so mussten die Opferpriester die äusseren
anatomisch-morphologischen Verhältnisse der Leber genau kennen.
Die etruskischen Haruspices beobachteten an der Leber das Ausfliessen
des Blutes, das allgemeine Aussehen der Leber und der Gallenblase,
das Aussehen des Processus pyramidalis der Schafs- und Eindsleber
und noch andere Teile der Leber z. B. das Blutgefässsystem und die
Gallenwege. Die Beschaifenheit dieser Partien bildete die Grundlage
für die Prophezeiung. Solche Tierlebern wurden nun auch in Bronze
oder Alabaster nachgebildet. So fand man Ende September 1877 bei
Settina in der Nähe von Piacenza eine Bronzeleber (Schafsleber), -) und
im Museum der Stadt Volterra ist auf einer Alabasterurne ebenfalls
eine solche Schafsleber abgebildet. — Beim Ablassen des kleinen Alpen-
sees des Monte Falterone wurden 1836 etwa 6 — 700 bronzene Figuren,
sämtlich Weihgaben, entdeckt, darunter „deutliche Darstellungen von
Wesen, die an Krankheiten litten" (Brustwunde, Schwindsucht u.
dgl. m.). ^) Mit Recht erklärt C. Friederichs ein Paar Augen aus
Bronze für das Weihgeschenk eines Augenkranken, da sich zahlreiche
Marmorplatten mit zwei Augen und Weihinschriften darauf erhalten
haben.*) Homolle erwähnt Augen, Ohren, Brüste, Unterleib, Ge-
schlechtsteile, Arme und Hände, Beine und Füsse, die man entweder
in körperlicher Nachbildung oder als Reliefbild den Heilgöttern als
Dankesgabe für die Genesung von der den betreffenden Teil heim-
suchenden Krankheit darbrachte. Ja, sogar das Haupthaar von Frauen
wurde im Reliefbild als Votivgeschenk in dem Heiligtum der Gottheit
niedergelegt. ^) .
quam exponere, caedis crimine teneri. Nach späterem römischen Recht war sogar
„Servus aegrotus, nisi ejus curam gerat dominus, sit liher". Cod. Just. VI tit. 4.
Digest. I tit. 5 1. 52.
^) Siehe darüber Servius z. Aen. XII, 683.
. ®) „Etruskische Forschungen und Studien" von Deecke und Pauli, Stuttgart
1882, Heft 2 S. 65—87.
^) Vgl. G. Dennis, „Die Städte und Begrähnisplätze Etruriens", Leipzig
1853.
*) K. Friederichs, „Kleine Kunst und Industrie im Altertum, oder Berlins
antike Bildwerke", Düsseldorf 1871, Bd. II S. 279—285.
*) Homolle, Artikel „Donarium" in: Dictionnaire des antiquites Grecques et
Romaines par Daremherg et Saglio, Paris 1892, Bd. II S. 375. — Füsse
wurden auch nach glücklich üherstandener Reise dargebracht.
Altrömische Medizin. 409
Stieda teilt die Darstellungen der Eingeweide in drei Gruppen
ein: 1. Bildliche Darstellungen von Eingeweiden am bekleideten oder
unbekleideten Menschen mit geöffneter Leibeshöhle. — 2. Bild-
liche Darstellungen einer Gruppe von Eingeweiden auf einer Tafel
oder Scheibe (Museo Nazionale in Rom, Veji). — 3. Einzelne Ein-
geweide. Man findet Herz, Trachea, Lunge, Zwerchfell, Nieren, Milz,
Magen, Darmkanal, Harnblase abgebildet, auch männliche und weib-
liche Geschlechtsorgane, die man wahrscheinlich bei Krankheiten der-
selben darbrachte. Wenn auch diese Darstellungen sich am mensch-
lichen Körper finden, so beruhte dies nicht auf einer Kenntnis der
menschlichen Anatomie, sondern einfach auf einer Uebertragung der
Formen tierischer Eingeweide auf den Menschen J)
Medizinalwesen der älteren Zeit.
Die bisher mitgeteilten Thatsachen lassen die Behauptung des
Theophrast (Hist. plant. IX, 15), dass Tyrrhenien und Latium durch
die Heilkunst seiner Bewohner berühmt seien, sehr wenig begründet
erscheinen, und es ist diese Angabe schon von P 1 i n i u s (N. h. XXV, 5)
widerlegt worden. Auch Pinto s Einteilung der altrömischen
Medizin in drei Perioden, die rein botanische (von den Marsern er-
fundene), die mineralisch -balneologische (der Etrusker) und die
Periode der gemischten botanisch-mineralischen Heilkunst bis zur An-
kunft der griechischen Aerzte Archagathos und Asklepiades
erscheint sehr wenig glaubwürdig. Einstweilen besitzen wir nur sehr
dürftige Kenntnisse über das ältere Medizinalwesen der Römer. Wir
wissen, dass die ersten Könige verschiedene Sanitätsgesetze erliessen, ^
dass die Decemvirn die Dauer der Schwangerschaft auf 10 Monate
festsetzten (In decem mensibus homines gigni), die Toten ausserhalb
der Stadt zu beerdigen befohlen und das Behexen verboten (Qui ma-
lum Carmen incantassit coerceto). Es scheint auch einen eigenen
Aerztestand gegebein zu haben. Dionysius von Halikarnass
erwähnt Aerzte bei der Epidemie des Jahres 451 v. Chr. (X, 53). Das
Aquilische Gesetz aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., welches den Arzt,
der einen von ihm operierten Sklaven vernachlässigte, für dessen Tod
verantwortlich machte (Si medicus, qui servum tuum secuit, dereliquerit
curationem ejus et ob id mortuus fuit servus, culpae reus erit. In-
stitut. IV tit. 3 § 6, 7), setzt die Existenz eines freien Aerztestandes
voraus. Auch konnten die Römer bei den zahlreichen Kriegen der
republikanischen Zeit schwerlich der Hilfe von Aerzten entbehren.
So erwähnt Silius Italiens (Punicor. VI, 90 — 100) einen Militärarzt
Mar US aus Perusia, der nach der Schlacht am Thrasymenischen See
den verwundeten Serranus behandelte. Von Plinius wird ein
Arzt M. Caecilius erwähnt, der die per vaginam erfolgte Vergiftung
der Frauen des Calpurnius Bestia (120 v. Chr.) behauptet haben
soll (Plinius, N. h. XXVII, 4; XXIX, 85).
Offenbar aber kann sich der altrömische Aerztestand nicht durch
^) V^l. noch die (übrigens von Stieda wiederangeführte) Litteratur und
die Bemerkungen darüber bei H. Haeser, „Lehrbuch der Geschichte der Medizin"
I S. 392—394. Ferner Abbildungen von Weihgeschenken auf Taf. 34 des Atlas zu
„Magistri Salernitani nondum editi" ed. P. Giacosa, Turin 1901.
2) Vgl. Pinto a. a. 0. S. 85 ff.
410 Iwan Bloch.
bedeutendes Wissen und Können ausgezeichnet haben, da er seit dem
Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. durch die nach Eom ein-
wandernden griechischen Aerzte ganz in den Hintergrund gedrängt
wurde, wobei freilich der Begriff „Arzt" sehr weit gefasst wurde und
auch unsere heutigen Heilgehilfen umfasste. Denn viele kamen aus
den griechischen Gymnasien und Ringschulen (Gellius, Noct. Att.
XII, 5), wo sie nur untergeordnete ärztliche Funktionen ausgeübt
hatten. Manche waren auch Sklaven und wurden bei besonderen Ver-
diensten Freigelassene, wie z. B. der Arzt des Augustus Antonius
Musa (Sueton, August. 59). Unter der grossen Menge dieser ein-
gewanderten griechischen Heilbeflissenen ragte besonders ein Mann
hervor, den Plinius wohl irrtümlich als den ersten in Rom an-
sässigen hellenischen Arzt bezeichnet hat. Es war dies Archa-
gathus, der Sohn des Lysanias, der im Jahre 219 v. Chr. aus
dem Peloponnes einwanderte und sich alsbald einen grossen Ruf in
der Behandlung von Wunden und Geschwüren erwarb, daher er den
Beinamen „Vulnerarius" erhielt, sowie das römische Bürgerrecht und
eine Bude (Taberna) ^) am acilischen Kreuzwege nahe dem Forum Mar-
celli. Seine spätere Operationswut und Rücksichtslosigkeit im Schneiden
und Brennen verwandelten die Gunst in Hass und den Beinamen
„Vulnerarius" in „Carnifex" (Plinius, H. N. XXIX, 1, 6).-) —
Cicero erwähnt einen griechischen Arzt Lyso*') und wirft dabei
den Griechen überhaupt Nachlässigkeit vor (Cicero, Epist. ad Tiron.
4; 9: „Lyso enim noster vereor, ne negligentior sit; primum quia
omnes graeci; deinde, quod cum a me litteras accepisset, mihi nul-
las remisit. Sed tu eum laudas."), wie denn auch die übrigen Römer
vom alten Schlage (s. unten Cato) die griechischen Aerzte mit Miss-
trauen betrachteten, wozu gewiss Veranlassung vorlag.*) Erst As-
klepiades (s. oben) vermochte die griechische Heilkunst vollkommen
in Rom einzubürgern und auch die römischen Aerzte zur Beschäftigung
mit derselben heranzuziehen.
Mit den griechischen Aerzten scheinen auch die griechischen
Hebammen nach Rom gekommen zu sein, die Plinius als „ob-
ste tricum nobilitas" (XXVIII, 18) bezeichnet, womit ausgedrückt wird,
dass sie Freie waren. Berühmt war z. B. die Salpe, von der Pli-
nius eine Reihe abergläubischer Mittel und Prozeduren aufbewahrt
hat (PI in., N. H. XXVIII, 38, 66, 82, 262; XXXII, 135, 140). Auf
einer Inschrift kommt eine „latromaea, regionis suae prima" vor. ^)
') Die Buden (tabernae, medicinae) der griechischen Aerzte werden von
PI au tu s öfter erwähnt (Epidic. act. II scen. 2 v. 14; Menaechm. act. V sc. 4, 5,
7; Amphitr. act. IV sc. 1 v. 5).
^) Geis US hat uns die Vorschrift des Archagathus zu einem „Emplastrum
lene" erhalten (Gels. V cap. 19 § 27).
") Vgl. über diesen J. Goulin, „Dissertation dans laquelle on explique un
passage de Giceron relatif ä la medecine, et dans lequel ou demonstre que Lyso . . .
ne fut point medecin etc." Paris 1779. 4 **.
*) Dafür spricht Sullas Gesetz gegen Giftmischerei (Digestor. 48 Tit. 8 L. 3
§ 1). Vgl. über die Aerzte als Giftmischer Cicero pro A. Glement. 16, Epist. ad
Brut. 16.
^) Sprengel-Rosenbaum, „Geschichte der Arzneikunde", Leipz. 1846,
Bd. I S. 223.
Ältrömische Medizin. 411
Altrömische medizinische Litteratur.
Eine eigentliche wissenschaftliche medizinische Litteratur der
alten Römer existiert nicht, da es eben keine medizinische Wissen-
schaft gab. Die ärztlichen Schriftsteller wurden daher in ßom durch
jene Verfasser von encyklopädischen Handbüchern vertreten, in denen
neben anderen Wissenszweigen auch die Medizin abgehandelt wurde,
aber nur insofern als sie eben für den Hausgebrauch des praktischen
Römers bestimmt war, der als Pater familias auch die ärztliche Be-
handlung seiner Familie und seiner Sklaven mitübernahm. Der
älteste dieser Autoren istMarcusPorciusCato (234—149 v. Chr.). ^)
Er war einer der letzten Pfleger altrömischer Zucht und Sitte, ein
Mann von echtem Schrot und Korn („ferrei prope corporis et animi",
Cicero, De senect. 7, 14), dem die feine Bildung der Griechen ver-
hasst war, und der daher in Reden und Schriften ihrer verweichlichen-
den üppigen Kultur altrömische Einfachheit und Mannhaftigkeit ent-
gegenstellte. Bekannt ist sein heftiger Ausfall gegen die griechischen
Aerzte, den uns Plinius erhalten hat. Er beschuldigt sie der Ver-
schwörung gegen das Leben aller Ausländer und eines unerträglichen
Geisteshochmutes (PI in., N. H. XXIX, 1, 7). Cato hat die Medizin
in den „Unterweisungen" (Praecepta ad filium), in denen auch
die eben erwähnte Stelle über die griechischen Aerzte enthalten war,
und in der Schrift über den Ackerbau (De a g r i c u 1 1 u r a) -) be-
handelt. Plinius berichtet, dass Cato auch einen „Kommentar" be-
sessen habe, welcher ihn bei der Heilung seiner kranken Kinder,
Knechte und sonstigen Hausgenossen unterstützt habe, welches Rezept-
buch noch von Plinius benutzt wurde (N. H. XXIX, 8; Plutarch.,
Cat. maj. 23.) Catos Heilmethode war eine wesentlich diä-
tetische, in welcher der schon von den Pj'thagoräern gepriesene
Kohl. (De agric. c. 156; Plin., N. h. XX, 33; Plinius Valerian,
De re med. IV, 29) und Wein die Hauptrolle spielten. Grossen Wert
legte er noch auf Besprechungen und magische Prozeduren.
So giebt er z. B. gegen Quetschungen und Verrenkungen folgende
Sprüche an: „Luxum si quod est, hac cautione sanum fiet. Harun-
dinem prende — incipe cantare in malo, S. F. (Sanitas Fracto) motas
vaeta daries dardaries astata taries, die una paries, usque dum coeant. —
Vel hoc modo: huat hanat huat ista pista sista, domina damnaustra
et luxato. Vel hoc modo, huat haut haut ista sis tar sis ardannabon
dunnaustra" (De agric. 160); andere Sprüche c. 70, 73, 83, 103, 122,
123, 125, 127, 156 — 159). Doch besass Cato achtbare chirurgische
Kenntnisse (Luxationen und Frakturen, Geschwüre, Polypen, Strangurie,
Mastdarmfisteln).
Der grösste „Polyhistor" der Römer, Marcus Terentius Varro
(117—26 V. Chr!) hat ebenfalls in seinen Werken die Medizin be-
handelt. In seiner grossen Encyklopädie „Disciplinarum libri IX"
stand die Medizin an achter Stelle, und er verfasste diesen medizi-
nischen Teil w^ahrscheinlich im Jahre 33 v. Chr. (Schanz). Ferner
^) Cortese, „De M. Porcii Catonis vita, operibus et lingua", Turin 1883.
^) Beste und neueste Ausgabe: M. Catonis de agricultura Über M. Terentii
Varronis rerum rusticarum libri tres ed. H. Keil, Leipzig 1884; Kommentar dazu
als Bd. II, Leipzig 1891. Kleine Textausgabe Leipzig 189Ö.
412 Iwan Bloch.
waren die Aerzte wohl im siebenten Fache der „Imagines" (Bio-
graphien und Porträts) vertreten, seine Schrift „Catus, sive de liberis
educandis" enthielt gewiss auch Medizinisches, und in seinem noch
erhaltenen Werke über den Landbau ^) finden wir treft'ende Bemer-
kungen, die von Varros hervorragender ärztlicher und hygienischer
Bildung ein bemerkenswertes Zeugnis ablegen. So hat man erst in
unserer Zeit die berühmte Stelle (Rer. rusticar. 1. I, 12, 2): „Animad-
vertendum etiam, si qua erunt loca palustria . . . quod crescunt ani-
malia quaedam minuta; quae non possunt oculi consequi, et per aera
intus in corpus per os ac nares perveniunt atque elficiunt difficiles
morbos" als eine geniale Vorahnung der parasitären bezw. bacillären
Ursache der Infektionskrankheiten (hier Malaria) erkannt. Seine
hygienischen Vorschriften für den lÖau von Landhäusern (ibidem) sind
sehr beachtenswert. Bei einer Pest auf Corfu, wo Pomp ejus mit
seinem Heere und seiner Flotte weilte, und alle Häuser voll von
Kranken und Leichen waren, gelang es Varro durch ausgezeich-nete
hygienische Massregeln (kräftige Ventilation, Isolierung der Kranken,
Erneuerung der Wohnungen u. a. m.) der Seuche Einhalt zu thun
(Rer. rusticar. lib. I, 4, 5).
Auch der grosse Pompejus brachte der Medizin ein lebhaftes
Interesse entgegen. Er liess die in seinen Besitz übergegangenen
„Gedenkblätter" ('/iTO;i/v}j,t(aTa) des Königs M i t h r i d a t e s , eine Samm-
lung toxikologischer Versuche und pharmakologischer Notizen durch
seinen Freigelassenen Pompejus Lenaeus bearbeiten (PI in., N. H.
XXV, 5-7; 63; XXIII, 149; XXIV, 67).
Wie Pompejus nahm auch Cicero grosses Interesse an der
Medizin, wie aus zahlreichen Stellen seiner Schriften hervorgeht, -)
besonders aus Kapitel 54 bis 57 von „De natura deorum" (Aufzählung
der Organe des Körpers und ihrer Funktionen) sowie aus dem Werke
über das Greisenalter. ^) Ebenso finden wir beiGellius, Seneca
und Vitruvius gelegentliche Notizen und Urteile über medizinische
Dinge. Gellius, der eine gewisse Kenntnis der Medizin auch für
den Laien für erspriesslich hält, berichtet, dass er selbst medizinische
Bücher gelesen habe (Noct. att. XVIII, 10) und teilt als Lesefrüchte
einige Curiosa mit wie z. B. die Geburt von Fünflingen (X, 2), die
ominöse Bedeutung des 63. Lebensjahres (XV, 7), spricht über Fehl-
geburten, wobei er den Namen „Agrippa" von „aegritudo" und „pedes"
ableitet (XVI, 16), über die Siebenmonatskinder und deren Lebens-
fähigkeit (III, 16), die Pflicht des Selbstnährens (XII, 1) u. a. m. —
L. Annaeus Seneca*) wurde schon durch seine lebenslange Kränk-
^) Ausgabe von Keil s. oben.
'^) Vgl. B. F. R. Lauhn, „Dissert. epistolica de Cicerone artis medendi ac
medicorum patrono", Jena 1750, 4°; A. M. Birkholz, „Cicero medicus etc."
Leipzig 1806, 8", 2. Aufl. 1812; P. Meniere, ,.Ciceron medecin. Etüde medico-
litteraire", Paris 1862, 12 », VI, 276 S. (Gründlich.) Vgl. dazu: C. Saucerotte,
„Ciceron medecin" in: Gazette medicale de Paris, 1863 Bd. XVIII S. 597 ff.
*) Alexandre, „Appreciations medicales sur le traite de la vieillesse de
Ciceron", Amiens 1869, 8 », 31 S.
*) Vgl. A. J. Kirsten und G. G. Zeltner, „De Seneca medico etc.", Altorf
1738, 4°, 20 S.; P. Sue, „Commentaires litteraires sur quelques passages des Lettres
de Seneque . . . relatifs ä la medecine" s. 1. 8°, 30 S.; A. Alexander, „Die in den
Philosoph. Schritten des S. enthaltenen ärztlichen Bemerkungen" in: Pfaffs Mit-
theilungen 1839; K. F. H. Marx, „Uebersichtliche Anordnung der die Medicin be-
treffenden Aussprüche des Philosophen Lucius Annaeus Seneca" in: Abh. der kön.
Gesellsch. der Wissenschaft in Göttingen 1877, Bd. XXII S. 66 ff.
Altrömische Mediiin. 413
lichkeit^) auf die Beschäftigung- mit der Medizin geführt, die er
wesentlich als Diätetik auffasste. Er tadelt deshalb die Polypharmacie,
geisselt aber auch das übertriebene Baden und Schwitzen und scheint
den ihm von seinem Lehrer Sotion empfohlenen Vegetarismus (Epist.
108, 22) bald satt bekommen zu haben, da er nur ein Jahr dies
Regime befolgte. Massigkeit ist nach Seneca die Hauptursache des
langen Lebens, welches ferner durch den Genuss der Landluft be-
günstigt wird. Auch preist er das milde winterliche Klima des Golfs
von Tarent und Siciliens (Epist. 95, 58). Mehrere Bemerkungen über
Hautleiden und Geschwüre, und embryologische Notizen (deira lib. 2 c. 1)
sind von Interesse. Ferner schrieb Seneca eine verloren gegangene
Schrift über den vorzeitigen Tod (De immatura morte). — Vitruvius
berücksichtigt in seiner Schrift über Baukunst vielfach die Erfordernisse
der Hygiene, wofür besonders das vierte Kapitel des ersten Buches
charakteristisch ist, in welchem er über die Bedingungen der gesunden
Lage einer Stadt spricht. Der Ort muss hoch liegen, weder dem
Nebel, noch zu grosser Kälte bezw. Hitze ausgesetzt sein.. In der Nähe
dürfen keine Sümpfe sich befinden, da von diesen „giftige Dünste" auf-
steigen, die den Menschen verderblich sind. Speisen, Obst, Getränke
werden am besten an Orten aufbewahrt, die von der Sonne abge-
wandt liegen. Als Kriterium für die Salubrität einer Oertlichkeit gilt
die Beschaffenheit der Leber von Haustieren, deren gi-üngelbe Farbe
die Krankheit des Tieres anzeigte. Wiederholte sich das bei mehreren
Tieren, so ist der Ort als auch für Menschen ungesund anzusehen.
Winde sind nach Vitruv (De architect. I, 6) der Gesundheit nicht
zuträglich, am besten ist ein Ort, von dem der Wind ganz ausge-
schlossen ist. Südwind macht krank, Nordwest-Nordwind ruft Husten
hervor, Nordwind erzeugt heftige Kälte. Als Beispiel für eine solche
den W^inden allzu sehr ausgesetzte Stadt wird Mytilene auf Lesbos
angeführt. Ein windfreier Ort ist besonders geeignet für die Heilung
von Krankheiten. Der Zutritt des Tageslichtes zu den einzelnen
Zimmern des Hauses wird je nach dem Zwecke derselben in ver-
schiedener Weise geregelt (I, 2). Im 8. Buche, das vom Wasser, Bädern
und Wasserleitungen handelt, gedenkt Vitruv der Gefahren der
bleiernen Wasserleitungsröhreu und der Krankheiten der Bleiarbeiter.
Aus den letzten Zeiten der Republik und der Zeit des A u g u s t u s
stammen einige kleinere naturwissenschaftlich-medizinische Schriften.
PubliusNigidiusFigulus (t45v. Chr.) -) schrieb „de animalibus"
(Macrob., Sat. 3, 16, 7), „de hominum naturalibus" (Serv. zu Verg.
Aen. 1, 177). Nach Schanz lag den naturwissenschaftlichen Schriften
des Nigidius Figulus vielleicht eine Gliederung in drei Teile:
Mensch, Zeit, Natur zu Grunde. — Aemilius Macer. der Aeltere
(t 15 V. Chr.), verfasste nach Ovid (Tristia 4, 10, 43: Oft las über
die Vögel mir vor der ältere Macer, Ueber den giftigen Biss, über das
heilende Kraut) Schriften über die Ornithologie, die Gifte und die
Heilkräuter. Die Existenz dieses dritten Gedichtes wird neuerdings
von K. P. Schulze („Ovid. Trist. IV, 10, 43 s." in: Rhein. Mus. f.
^) Er machte den Eindruck eines Schwindsuchtskandidaten (Dio Cass. 59, 19).
Vgl. Hochart, „Etüde sur la vie de Seneque", Paris 1885; Diepenbrock, „L.
A. Senecae philosophi vita", Amsterdam 1888.
2) M. Hertz, „De P. Nigidii Figuli studiis antique operibus". Berlin 1845;
Roehrig, „De P. Nig. Figuli capita 11", Dissert. Leipzig 1887; Swoboda,
j.Publii iNigidii Figuli operum reliquiae" und Prolegomena, Wien 1889.
414 Iwan Bloch.
Philologie 1898 Bd. 53 S. 541—546) bestritten, und es ist also anzu-
nehmen, dass die Heilmittel schon in den „Theriaka" des Aemilius
Macer, jenem Gedicht über die Gifte, einer Nachahmung der gleich-
namigen Schrift desNikander, mitenthalten waren. Ausserdem ver-
fasste er ein Gedicht „Ornithogonia". — C. Valgius Rufus, ein
Freund des Horaz, schrieb ausser rhetorischen und grammatischen
Werken eine „Heilmittellehre", die aber nicht vollendet wurde. Sie
war dem Augustus gewidmet, dessen Schutz gegen alle Leiden der
Menschen in der Vorrede erfleht wird. Das Werk gelangte unvoll-
endet zur öffentlichen Verbreitung (Plinius, N. h. XXV, 4). i)
^) Plinius der Aeltere, der eigentlich hierher gehörte, ist bereits oben
(S. 348—349) bearbeitet worden. Da die gesamte griechische Medizin bis auf
Galen (inklusive) von einem einzigen Autor zusammenhängend bearbeitet wurde,
der eigentlich dazu gehörige C e 1 s u s aber mir zufiel, so habe ich den aus griechischen
Quellen schöpfenden, aber doch römischen Arzt Celsus hier angeschlossen.
C e 1 s u s.
Von
Iwan Bloch (Berlin).
Litteratur
(in chronologischer Anordnung),
Die ältere Litteratur (16., 17., 18. Jahrhundert) zu Celsus verzeichnet L.
Cfioulantf „Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medicin", 2. Aufl., Leipzig
1841, S. 175—179.
Jßianconi, „Lettere sopra Celso", Rom 1779, 8°, deutsch von L.*** mit einer
Zuschrift von C. C. Krause, Leipzig 1781, 8'*. — Hermann Friedländer,
„De medidna oculorum apud Celsum commentaritis", Halle 1817, 8 ", 30 S. — C. G.
Kühn, „Commentatio in Celsi librum VII c. 26 de calculi sectione", Progr. I—IV,
Leipzig 1822 — 1823, 4°. — G. E. Uohlhojf', „ lieber die Augenheilkunde des Celsus",
in Graefes u. v. Walters Journal der Chirurgie etc. 1823 Bd. V S. 408 — 426. —
«7. A. H. Nicolai, „Quaedam de cholera, quam Celsus descripsit eixcsque similitudine
cum cholera asiatica". Dissertation, Berlin 1832, 4^, 14 S. — C. J. van Cooth,
„Diatribe in diaeteticam veterum, maxime in A. C. Celsi praecepta diaetetica, Hippo-
cratis et Galeni placitis illustrata". Trag, ad Rhen. 1835, 8^. — H. J. Clir. Fr.
Brandenburg-Schaeffer, „De arte obstetricia Aul. Cornel. Celsi commentatio
historico-obstetricia\ Göttingen 1837, 4°, 66 S. — K. F, Flemniinff, „Einiae
Betrachtungen über des C. Celsus Kapitel von den Geistesverivirrungen" in: Jacobi
und Nasses Zeitschrift für Seelenheilkunde 1837 Heft 3. — J. E. Mi/ba, „Weitere
Erläuterung der Lehre des Celsus über die chirurgische Behandlung verstümmelter
Lippen, Ohren und Nasen" in: v. Walt her und v. Amnions Journal für Chirurgie
1840 Bd. I S. 313—345. — Derselbe, „Bemerkungen über des Herrn Prof.
Schümanns Erklärung der Steinschnittmethode des Celsus'', ibidem 1841 Bd. II
S. 43—52 (Schömanns Erwiderung, ibid. 1842 Bd. III H. 4). — J. F. X. Schö-
mann, „Commentatio de Uthotomia Celsiana critico - chirurgica" , Jena 1841, 4^,
32 S. (2 Tafeln). — H. Paldamits, „De Comelio Celso^' in: Programm des
Gymnasiums zu Greifswald 1842, S. 5 — 14 (S. 13 — 14 Sammlung der nichtmedi-
zinischen Fragmente des C). — L, Zeis, „Drei chirurgische Abhandlungen über die
plastische Chirurgie des Celsus", Dresden u. Leipzig 1843, 8 ° VIII, 76 S. —
C. Kissel, „A%üus Cornelius Celsus. Eine historische Monographie. I. Abteilung.
Leben und Wirken des Celsus im Allgemeinen''' . Giessen 1844, 8°, IV, 179 S. —
H. H. F. Zinifneinnann, „De aquae usu Celsiano particulari dissertatio inauguralis
historico-medica", Halle 1844, 8^, 44 S. — J, J. G. Herdtniann, „De arte ob-
stetricia apud Celsum dissertatio", Halle 1844, 8", 35 S. — A. E. Lacauchie,
„Esquisse d'une histoire des amputations et particulierement de la methode de Celse",
Paris 1850, 8^, 64 S. und 12 Blustr. Auch in Gazette medicale de Paris 1850
Nr. 19. — O. Jahn, „lieber römische Encyklopädien" in: Berichte der sächs. Ge-
sellsch. der Wissensch. Bd. II, 1850, S. 263—282. — Abschnitt „Celsus" bei E. H.
Meyer, „Geschichte der Botanik", Königsberg 1855, Bd. II S. 4 — 21. — H. Haeser,
416 Iwan Bloch.
„GescJiichte der christlichen Krankenpflege und Pflegerschaften'^ Berlin 1857, 8^,
S. 97 ff. — Erasnius Wilson, „Dermatology ofCelsus" in: British medical Journal
1863 vom 2i. und 31. Oktober. — JP. Broca, ,,Conference sur Celse", Paris 1865.
— C A. Brol^n, „De elocutione CWsi", Upsala 1872, 46 S. — Moriz Kohn
(Kaj)osi) im Kapitel .,Alopecia areata" in: Lehrbuch der Hautkrankheiten von
F. Hebra und M. Kaposi, Stuttgart 1876, Bd. II S. 147—148 (über Lib. VI c. 4
des Celsus). — 2*. Michelson, „lieber Herpes tonsurans und AreaCelsi", Leip-
zig 1877, S. 4 — 5. — JT, Alispitz, „lieber das sogenannte Kerion Celsi^^ in: Wiener
medicin. Presse 1879 Nr. 27 — 28. — M. Schnnz, „lieber die Schriften des Cornelius
Celsus'' in: Rhein. Museum f. Philol. 1881 Bd. 36 S. 362—379. — G. J. Fisher,
„Aul. Cornelius Celsus. Historical and biographical notes" in; Annais of anatomy
and surgery, Brooklyn, Neto York 1882, Bd. Y S. 126—132; S. 177— 185, S. 224-227;
S. 280 — 291. — A. JPi'ticJcniayr, „Denksprüehe aus A. Cornel. Celsus" in: Medi-
cinisch-chirurgisches Centralblatt, Wien 1883, S. 345 — 357. — i. Schwabe, „Die
Opiniones philosophorum des Celsus" in : Hermes, Z. f. class. Philologie 1884 Bd. 19
S. 385—92. — LabotilbSne, „Celse et la Medecine ä Borne" in: L' Union Medicale
1885. — StanisUnis Smolenski, „Fizyczne sposoby leczenia Korneliusza Celsa
(Physikalische Heilprozeduren des Com. Celsus)" in: Pzeglqd lekarski 1885 Nr. 27,
29, 30, 31. — Jtf. 3Ianitius, „Philologisches aus alten Bibliothekskatalogen
in: Ergänzungsheft des Rhein. Mus. f. Philologie Bd. 47, Frankf. a. M. 1892,
S. 152. — J. Finlayson, „Celsus" in: Glasgoio medical Journal 1892 Bd. 37
S. 321 — 348. — Simon Sepp, „Pyrrhoneische Studien. I. Die philosophische
Richtung des Cornelius Celsus. II. Untersuch, auf dem Gebiete der Skepsis." Inaug.-
Dissert. (Erlangen), Freising 1893, 8 °, 149 S. — J. Bloch, „Historisches zur
Therapie der Verbrennungen" (Cels. V, 27, 17) in: Dermatolog. Zeitschr. 1898
S. 35 — 36. — Abschnitt „Celsus" in: E. Giirlt, „Geschichte der Chirurgie", Berlin
1898, Bd. I S. 334—394. — Franz Franke, „Die Augenheilkunde des Celsus",
Diss., Berlin 1898. — J. Hirschberg, „Die Augenheilkunde des Celsus" in: Ge-
schichte der Augenheilkunde, Leipzig 1899, Bd. I S- 241 — 290. — Artikel „Celsus"
von M. Well mann in: Paidy-Wissowa, „Realencyclopädie der classischen
Alterthumswissenschaft", Stuttaart 1900, Halbband VII Spalte 1273—1276. — H.
Maf/nus, „Die Augenheilkunde der Alten", Breslau 1901, S. 313 ff. — 31. Schanz,
„Geschichte der römischen Litteratur", 2. Auflage, München 1901, Bd. II Tl. 2
S. 326—331.
Zeitalter und Schriftstellerei des Celsus.
Während Bianconi, Paldamus und Erasmus Wilson das
Leben des Celsus und die Abfassung seiner encyklopädischen Schriften
in die Zeit des Augustus verlegten, ist neuerdings die schon von
Eitter und Kissel verfochtene Meinung, dass das Werk des Celsus
unter der Regierung des Tiberius verfasst worden sei, als die
richtige erkannt worden. Wie aus einer Stelle des Plinius (Nat.
Hist. XIV, 33) hervorgeht, hatte der unter Caligula (im Jahre
38 n. Chr.) hingerichtete Julius Graecinus bereits die landwirt-
schaftliche Schrift des Celsus benutzt. Celsus selbst gedenkt in
seiner Schrift über die Medizin des Menemachos von Aphrodisias
(VI, 9), eines Schülers des Themison, welch letzterer unter
Augustus lebte, sowie des jüngeren Tryphon (VI, 5; die Be-
merkung „compositio, quae ad Trj^phonem patrem auctorem refertur"
setzt voraus, dass Celsus auch den Sohn gekannt habe), eines Lehrers
des Scribonius Largus, welcher 47 — 48 n. Chr. sein Rezeptbuch
verfasste. Andererseits wird Celsus zuerst von Columella, einem
Zeitgenossen des Seneca (um 50 n. Chr.) als einer der „nostrorum
temporum viri" erwähnt (De re rust. I, 1, 14; ferner III, 17, 4 [aetatis
nostrae . . . auctores]; IV, 8, 1). Genauer hat Schanz das Abfassungs-
jahr der Medizin des Celsus bestimmt. Es muss dieselbe früher ge-
schrieben sein als die „Compositiones" des Scribonius Largus, da
Celsus (IV, 7) ein Rezept mitteilt, das sich nach seiner Versicherung
Celsus. 417
in keinem medizinischen Werke finde, das aber auch bei Scribonius
Largus (c. 70) vorkommt.^) Es hat daher wahrscheinlich Celsus
sein Werk vor Scribonius, d. h. vor 47 — 48 n. Chr. geschrieben.
Der landwirtschaftliche Teil der Encyklopädie, welcher den Anfang
des Ganzen bildet, muss vor 38 n. Chr., dem Todesjahr des Graeci-
nus, der diesen Abschnitt für seine Schrift „de vineis" benutzt hatte,
verfasst worden sein. Schanz hat endlich dargethan, dass die medi-
zinische Schrift des Celsus nach 23 v. Chr. fällt. ^) Die ganze
Encyklopädie wird also zwischen 25 und 35 n. Chr. d. h. während
der Regierung des Tiber ius entstanden sein.
Die Frage, ob Celsus die Medizin berufsmässig ausgeübt habe,
ist seit Bianconi ein Gegenstand besonders lebhafter Erörterung
gewesen,^) kann aber nur im Zusammenhang mit der Betrachtung
seiner Schriftstellerei endgültig beantwortet werden. Denn es besteht
kein Zweifel darüber, dass Celsus zu jener Klasse der römischen
Schriftsteller gehörte, welche ohne eigentliche Fachmänner in
irgend einem bestimmten Gebiete zu sein, das gesamte
Wissen ihrer Zeit in grossen encyklopädischen Werken ver-
arbeiteten, wie dies ausser Celsus z. B. Varro und Cato thaten.
Schon diese Analogie würde verbieten, den Celsus als einen Arzt
von Beruf zu betrachten. Hinzu kommt, dass von jener Encyklopädie
des Celsus, die den Titel „Artes" führte, eben nur der die Medizin
behandelnde Teil auf uns gekommen ist, und wir daher nicht wissen,
ob Celsus nicht die übrigen Wissenschaften in der gleichen kon-
genialen Weise behandelt hat. Denn es muss anerkannt werden, dass
niemals ein Laienschriftsteller so sehr in den Geist der Medizin ein-
gedrungen ist wie Celsus, weshalb die Frage: Arzt oder Nichtarzt?
einigermassen begreiflich ist
Die Encyklopädie des Celsus enthielt sechs Teile. An erster
Stelle stand die Landwirtschaft in 5 Büchern (Columella 1, 1, 14),
ihr folgte die Medizin in 8 Büchern, das Kriegswesen (Qu int. 12,
11, 24; Yegetius 1, 8), Rhetorik (Quintil. 3, 1, 21; Fortuna-
ti an us 3, 2), Philosophie (im Sinne des Skeptizismus der Sextier,
Quintil. 10, 1, 124) und Jurisprudenz (Quintil. 12, 11, 24).*)
Die medizinische Schrift des Celsus.
1. Quellen. — Die Medizin des Celsus beruht wesentlich auf
den Schriften griechischer Aerzte, besonders der Alexandrinerzeit, für
deren Kenntnis uns die Schrift des Celsus von unschätzbarem Werte
ist, da jene Werke fast alle verloren gegangen sind. Daher wird
^) Es handelt sich aber um ein römisches Volksmittel gegen Angina, welches
daher beide Autoren unabhängig von einander ihrem Werke einverleibt haben können,
woraus dann für die Zeit der Abfassung kein Schluss zu ziehen wäre.
2) Schanz (Rhein. Mus. f. Philol. XXXVI S. 364) macht auf eine Stelle auf-
merksam, wo Celsus sich auf die Heilung des Augustus durch den Arzt An-
tonius Musa bezieht (lib. III cap. 9). Da diese 23 v. Chr. erfolgte, so kann des
Celsus Schrift nicht vor diesem Jahre geschrieben sein.
") Vgl. die Spezialschrift von Chr. Just. Eschenbach, „De Celso non medico
practico", Leipzig 1772, 40, 16 S.
*) lieber die Frage, ob Celsus ein berufsmässiger Arzt war, handeln (in ver-
neinendem Sinne) Haeser, „Geschichte der Medizin" I, 278 — 280; Hirschberg,
„Gesch. der Augenheilkunde" I, 242 — 243 (Er war ein filiarQos, dem man Studium
und Kenntnisse nicht absprechen kann); Schanz lässt die Frage offen.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 27
418 Iwan Bloch
wohl die Ansicht, dass Celsus nur eine freie Uebersetziing- aus dem
Griechischen lieferte, im allgemeinen zutreffen. Genauere Unter-
suchungen über die Quellenbenutzung des Celsus hat M. Well mann
angestellt. ^) Danach beruht Buch VII (Chirurgie) auf den Schriften
des alexandrinischen Arztes ClaudiusPhiloxenos (Ende des 1 . Jahr-
hunderts V. Chr.), in der Therapie verbindet er hippokratische und
empirische (Herakleides von Tarent) Ansichten mit den Doktrinen
des Asklepiades und T h e m i s o n. Die Materiamedica schöpft
aus einer Rezeptsammlung (Conpositiones).
2. Handschriften. — Die Handschriften der Medizin des
Celsus gehen alle auf denselben Archetypus zurück,^) da sie alle
dieselbe grosse Lücke in Buch IV Kap. 27 aufweisen. Hauptcodices:
Cod. Vatican. 5951 (saec. X); Laurent. 73, 1 (saec. XI); Parisin. 7028
(saec. XI). Sabbadini verdanken wir eine genauere Kenntnis von
14 C e 1 s u s handschriften der Laurentiana und Vaticana und eine
Zusammenstellung der in den übrigen Bibliotheken vorhandenen
Codices. •')
3. Ausgaben.^) — Man kann sagen, dass Celsus eigentlich
erst durch den Druck entdeckt worden ist. Seit der ersten ge-
druckten Ausgabe (1478) ist die Medizin des Celsus so oft ediert
worden wie wohl kaum eine andere ärztliche Schrift des Altertums.
Im späteren Altertum und im ganzen Mittelalter war Celsus dagegen
so gut wie unbekannt. Plinius erwähnt ihn dreimal (N. h. XX, 29;
XXI, 176; XXVII, 132), auch Marcellus Empiricus gedenkt
seiner in der Vorrede. Erst im 8. Jahrhundert n. Chr. finden wir den
Namen des Celsus wieder bei Isidor von Sevilla als den des Ver-
fassers der Schrift über die Landwirtschaft (Isidor. H i s p a 1. , Origin.
XVII, 1). Im 10. Jahrhundert erwähnt der gelehrte Gerbert (später
Papst Sylvester) den Celsus (Epist. 15: „quem morbum tu cor-
rupte postuma, nostri apostema, Celsus Cornelius a Graecis fjitaTt-
■/oV dicit appellari). Da Gerbert nur alte und echte Quellen zu be-
nutzen pflegte, so vermutet Manitius mit Recht, dass diese Stelle
auf eine unmittelbare Benutzung des Celsus zurückgeht.^) 1170
nennt Johann von Salisbury den Celsus,*') und im „Clavis
sanationis" des Simon Januensis (14. Jahrhundert) heisst es: „Item
ex libro Cornelii Celsi de medicina in XIII (VIII) particulas diviso;
hie Cornelius a Plinio commendatur. Deinde ex Cassio Feiice, qui et
ipse a Cornelio multum extoUitur." In Monte Cassino befinden sich
1) a. a. 0. und „Die pueuraatische Schule", Berlin 1895, S. 116 ff.; S. 25; S. 55.
-) Diese verschollene Handschrift soll von Thomas Perentoncelli de Sar-
zana (späterem Papste Nicolaus V.) entdeckt worden sein. Sabbadini (s. unten)
machte auf einen früher in Siena befindlichen, jetzt verlorenen Codex aufmerksam,
dessen treues Abbild die Laurentiana 73, 7 (saec. XV) ist.
') Vgl. Remigio Sabbadini, „Guarino Veronese e gli archetipi di Celso e
Plauto", Livorno 1886; idem, Suoi codici della Medicina di Cornelio Celso [Estratto
dagli Studi Italiani di Pilologia classica Vol. VIII], Florenz 1900, gr. 8", 32 S.
*) J. B. Morgagni in Aul. Cornel. Celsum . . . epistolae, in quibus de . . .
variis editionibus, libris quoque raanuscriptis et commentatoribus disseritur'', Patav.
1721, 8 °, u. ö.
") M. Manitius, „Philologisches aus alten Bibliothekskatalogen (bis 1300)",
Frankf. a. M. 1892, S. 152 (Rhein. Mus. f. Philologie, 47. Ergänzungsheft).
•*) Haeser, „Geschichte der Medizin" I, 294 nach Petit-Radel, „Recherches
sur les bibliotheques anciennes et modernes" 1819, u. Malgaigne, ., Oeuvres de
Pare", Bd. I S. CIX.
Celsus. 419
handschriftliche „Flosculi medicinales extracti ex libris Cornelii Celsi
medicorum omnium oriiatissimi". ^)
In der Renaissance war Celsus der erste medizinische Schrift-
steller des Altertums, der gedruckt wurde, noch vor der „Ars parva"
des Galen und den Aphorismen des Hippokrates.-) Er fand als-
bald zahlreiche Bewunderer. Casaubonus nannte ihn „medicorum
Dens", Fabricius ab Aquapendente sagt: „Admirabilis Celsus
in Omnibus, quem nocturna versare manu, versare diurna consulo." ^)
Die wichtigsten der zahlreichen Ausgaben des Celsus sind die
folgenden :
a. Editio princeps, Florenz 1478, fol. (mit Benutzung französ.
Handschriften). Sehr selten. [Univers. - Bibliothek Leipzig; Gotha,
Montpellier.]
b. Mediolani 1481, fol. Selten. [German. Museum in Nürnberg.]
c. Venet. 1524, fol. Sehr selten. [Juntine.]
d. Venet. 1528, 4 *• (recens, J. Bapt. Egnatius). [Sehr ge-
"schätzte Aldine.]
e. Lugduni 1542, 8^, 476 S. (Text des J, Caesarius).
f. Lugd. 1566, 8*^, ed. K. Constantinus (mit Anmerkungen und
neuen Emendationen) .
g. Lugd. Batav. 1592, 4^, ed. Balduinus Rbnsseus (mit aus-
führlichem interessanten Kommentar von T h r i v e r i u s und R o n s s e u s).
h. Lugd. Batav. 1657, 12 ^, ed. J. A. van der Linden [Elzevir].
Selten, mit zahlreichen kühnen Konjekturen.
i. Lipsiae 1766, 8^ ed. C. Chr. Krause. (Wertvolle Ausgabe,
mit Anmerkungen und Parallelstellen von Krause und Triller.)
k. Patavii 1769, 4*^, ed. Leonardus Targa. (Neue Rezension
nach Codices der Vaticana und Laurentiana und von München mit
Anmerkungen und 11 Briefen über Celsus von Targa, Cognolati,
Torelli, Facciolati und Morgagni.)
1. Biponti 1786, 8** (nicht so schlecht, wie Choulant [Handb.
der Bücherkunde für die ältere Medizin, Leipz. 1841 S. 172] annimmt).
m. Veronae, 1810, 4^, ex recens. L. Targae (höchst wertvolle
Ausgabe mit Benutzung eines neuen Codex, neuen Anmerkungen und
Lexicon Celsianum), wiederholt Patav. 1815 (mit nachgelassenen Noten
von Targa).
n. Colon, ad. Rhen., 1835, 12», ed. F. Ritter und H. Alb er s
(mit Anmerkungen und gutem Index).
0. Neapel 1851 — 1852, gr. 8", ed. Salvatore de Renzi (nach
der Targa sehen Ausgabe, mit Lexicon Celsianum, Abbildungen von
Instrumenten, Thermen u. s. w., Verzeichnis der Parallelstellen des
Celsus und Paulus Aegineta Bd. I S. 464 — 470, und mit Ab-
handlungen über Celsus von Morgagni, Kühn, Milligan u.a.).
p. Lipsiae 1859, 8 ", A. Com. Celsi de medicina libri VIII, ad
fidem optimorum librorum denuo recensuit C. Daremberg. (Letzte
kritische Ausgabe).
Von den üebersetzungen des Celsus seien erwähnt die älteste
deutsche von J. Khüffner, Mainz 1531 fol. und Worms 1539 fol;
1) S. de Renzi, „CoUectio Salernitana". Neapel 1853, Bd. I S. 39.
2) Nur zwei arabische medizinische Schriften des Mittelalters, des Abul-
casim Fragment über Arzneipräparate (1471) und der Kanon des Avicenna (1476)
wurden vorher gedruckt.
^) Vgl. Vedrenes in der Einleitung zu seiner Ausgabe S. 4.
27*
420 Iwan Bloch.
A. C. Celsus acht Bücher von der Arzneikunst. Aus dem Lateinischen
ins Deutsche übertragen, mit Beigabe von Celsus' Biographie und
erläuternden Bemerkungen von Bernhard Ritter, Stuttgart 1840,
8 0, XXXII, 606 S. (enthält zahlreiche Unrichtigkeiten) ; A. C. Celsus,
über die Arzneiwissen Schaft, übersetzt und erklärt von Ed. Scheller,
Braunschweig 1846, 8 ", 2 Bände (gute Uebersetzung mit vortrefflichen
Anmerkungen und Parallelstellen). — Die beste französische Ueber-
setzung ist die von Vedrenes: Tratte de Medecine de A. C. Celse.
Traduction Nouvelle, avec texte latin (nach Daremberg), notes, com-
mentaires, tables explicatives , figures dans le texte, et quatorze
planches contenant 110 figures d'instruments de Chirurgie antique,
ctrouves dans le fouilles de villes gallo-romaines, de Pompei et d'Her-
ulanum, par les Dr. A. Vedrenes . . . precedee d'une preface par
Paul Broca, Paris 1876, gr. 8 <>, XII, 797 S. - Englische Ueber-
setzungen gaben heraus J. Grieve, London 1756, 8*^; G. F. Collier,
London 1830, 16»; J. St eggall, London 1837, 8»; Lee(lat. u. engl.),
London 1837, 8». — Sogar ins Italienische ist Celsus übersetzt
worden (von F. R. Chiari. Venedig 1747, 8 "^ und G. A. del Chiappa,
Mailand 1828, 16 «).
4. Sprache. — Die Sprache des Celsus ist von jeher mit Recht
wegen ihrer Klarheit, Reinheit und Eleganz bewundert worden. Sie
trägt durchweg den Stempel der Klassizität und unterscheidet sich
auch in stilistischer Beziehung sehr vorteilhaft durch die lebhafte
Diktion von den übrigen ärztlichen Schriften der Römer. Wenn auch
der . grösste Teil wahrscheinlich weiter nichts als eine Uebersetzung
aus dem Griechischen ist, so ist doch dem Ganzen eine subjektive
Färbung gegeben, ganz besonders tritt das in der glänzenden Einleitung
zu Tage.
5. Disposition. — Die Einleitung, ein Musterstück medizin-
geschichtlicher Betrachtung (s. unten das Kapitel „Celsus als Medizin-
historiker") durchaus selbständiger Natur, beschäftigt sich.piiit dem
Ursprünge der Heilkunde und ihrer Geschichte bis auf Askle^iades,
Themison und Cassius, den Zeitgenossen des Celsus. Buch I
enthält eine Diätetik für Gesunde und Kranke, Buch II allgemeine
Aetiologie der Krankheiten, allgemeine spezielle Symptomatologie, all-
gemeine Prognostik, allgemeine Therapie, Lehre von den Nahrungs-
mitteln und ihrer Arzneiwirkung, Buch III: Allgemeine Pathologie
und Therapie, Betrachtung der verschiedenen Fieberarten, Wahnsinns-
formen, Schlaf- und Wassersucht, Phthisis, Epilepsie, Icterus, Elephan-
tiasis, Betäubung und Lähmung, Buch IV: Kurze Uebersicht über
die Lage der Körperteile, spezielle Pathologie und Therapie a capite
ad calcem, Bemerkungen über Rekonvalescenz, Buch V: Materia
medica und Pharmaceutik, Semiotik der Wunden und Verletzungen,
Toxikologie, innere und äussere Geschwüre, Hautexantheme, B u c h VI :
Hautkrankheiten, Krankheiten des Kopfes (Augen, Ohren, Nase, Zähne,
Mund), Affektionen der männlichen Genitalien, des Afters, Finger-
geschwüre, Buch VII enthält die Chirurgie, Buch VIII: Er-
krankungen der Knochen, Frakturen und Luxationen.
Anatomie.
Der ausschliesslich praktische Inhalt der Schrift des Celsus er-
klärt den fast gänzlichen Mangel grösserer anatomischer und physio-
Celsiis. 421
logischer Abschnitte. Nur gelegentliche Bemerkungen streifen diese
Gebiete. Am Ende der Einleitung erklärt C e 1 s u s die Untersuchung
der Leichen für notwendig, um die Lage und Anordnung der mensch-
lichen Körperteile kennen zu lernen. Auch könne man bei Gelegen-
heit von Verletzungen mancherlei anatomische Beobachtungen machen.
Im ersten Kapitel des vierten Buches giebt er dann eine höchst ober-
flächliche Uebersicht über die Lage der Eingeweide, beschreibt ge-
nauer Luftröhre und Lunge, welch letztere wie eine „Ochsenklaue"
aus zwei Teilen besteht, erwähnt Herz und Zwerchfell, Leber, Milz,
Nieren, Avelche Adern und „Höhlen" enthalten, Speiseröhre und Magen,
die einzelnen Darmabschnitte, Peritoneum, die Ureteren (welche als
„Gefässe" venae bezeichnet werden). Blase, über deren bei Weibern
und Männern verschiedene Lage Mitteilungen gemacht werden, Uterus.
Verhältnismässig ausführlich wird die Osteologie im ersten Kapitel
des achten Buches dargestellt. Sehr sorgfältig scheint er den Schädel
untersucht zu haben, von dem er eine interessante Beschreibung liefert,
wobei die Nähte besonders berücksichtigt werden. Die Anatomie der
Nase (Erwähnung der Löcher der Siebplatte, durch welche man riecht)
ist genauer als diejenige des Ohres. Die Knochen des Hirn- und Ge-
sichtsschädels werden nach ihrer topographischen Lage ziemlich richtig
beschrieben. Die Zahl der Zähne beträgt 36. Die Backenzähne sind
mit 2, 3 oder 4 Wuizeln befestigt. Es giebt 24 Wirbel, 12 „Rippen-"
und 5 „Lendenwirbel". Die Wirbel fortsätze und die Verbindung des
Atlas mit dem Hinterhaupte werden ziemlich richtig beschrieben (Be-
merkungen über die Mechanik der Kopfbewegung), ßippen, Brust-
und Schlüsselbein,' obere und untere Extremitäten werden sodann er-
wähnt, ebenso das Becken. Der Unterschied zwischen Arterien und
Venen scheint Celsus bekannt gewesen zu sein (Lib. II cap. 10).
Die Anatomie des Auges, welche von Celsus sehr viel ausführ-
licher behandelt wird (lib. VII cap. 7 § 13) als die der übrigen
Sinnesorgane, ist nach Hirschberg trotzdem „ausserordentlich dürftig,
unbestimmt und fehlerhaft", '^ Celsus beschreibt nicht den Sehnerven
selbst, sondern nur dessen Scheiden, betrachtet die Netzhaut als
Kapsel des Glaskörpers; das KammerAvasser ist ihm unbekannt. Auch
giebt er der Linse eine falsche Konsistenz und nimmt zwischen Linse
und Regenbogenhaut einen leeren Raum au.
Celsus tritt in der berühmten Einleitung warm für eine wissen-
schaftliche d. h. naturwissenschaftliche Grundlage der Heilkunde ein.
Die Aerzte, welche wie Hippokrates und Erasistratos sich auch
mit den Naturwissenschaften beschäftigt hätten, seien zwar deswegen
allein keine Aerzte gewesen, aber doch grössere Aerzte. Die physio-
logische Erklärung der Lebenserscheinungen begründet erst die Medizin
als eine Wissenschaft. Trotzdem vermissen wir gerade diesen theo-
retischen Teil gänzlich bei Celsus, der eben nur die praktischen
Resultate geben will.
Allgemeine Aetiologie, Symptomatologie und Prognostik.
In der allgemeinen Aetiologie der Krankheiten lehnt sich Celsus
am meisten an Hippokrates an (vgl. Einleitung zu Buch II: non
dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis).
Er widmet dem Einflüsse der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters,
der Konstitution auf Gesundheit und Krankheit eine ausführliche Be-
422 Iwan Bloch.
trachtung (lib. II c. 1). Als Zeichen einer bevorstehenden ernsteren
Allgemeinerkrankung' nennt Celsus das plötzliche übermässige Fett-
und Magerwerden, das häufige Auftreten von Geschwüren, wobei viel-
leicht an Diabetes gedacht wird, ungewöhnliche Erhöhung der Tempe-
ratur, Schlafsucht, Schwitzen an einzelnen Körperteilen, Speichelfluss,
Abgeschlagensein und allgemeine Uebelkeit (lib. II c. 2). Sodann
erörtert er die prognostischen Zeichen im guten und ungünstigen
Sinne, wesentlich nach Hippokrates (lib. II cap. 3—6), um dann
näher auf die Symptomatologie einzelner Krankheiten einzugehen. Ein
„starker Schnupfen" bei einem schwachen und hageren Menschen deutet
auf Schwindsucht. Schwellung der Füsse, Diarrhöen verbunden mit
Schmerz im Unterleibe und den Hüften kündigen Anasarca an. Schmerz
in den Schläfen und nächtliches Schwitzen dabei sind Zeichen einer
bevorstehenden Augenkrankheit.
Heftige Schmerzen, die das Weib nach überstandener Geburt
empfindet, sind die Anzeichen eines Abscesses im Unterleibe. Blut
im Eachen ohne Schmerzen im Kopf und den Präkordien, ohne Er-
brechen und Fieber, deutet auf ein Geschwür der Nase oder des
Schlundes. Dicker Urin mit weissem Niederschlag kündigt Schmerzen
in den Gelenken an. Blut oder Eiter im Urin sind Symptome eines
Geschwürs in der Harnblase oder den Nieren. Nierenleiden äussern
sich in schaumigem, übelriechendem, blutigem oder auch „sandigem"
Urin, in Schmerzen oberhalb der Hüften, Erbrechen, Polyurie, wobei
oft der Urin wässerig und blass ist. Tropfen weiser Abgang des
mit Blut vermischten Urins unter Schmerzen in den unteren Teilen
der Schamgegend spricht für eine Affektion der Harnblase. Durchaus
richtig schildert Celsus die Symptome der Blasensteine. — Auswurf
schaumigen Blutes deutet auf eine Krankheit der Lungen. Häufiger
Singultus ist Zeichen einer Leberentzündung. Bei langer Dauer der
Lungenentzündung ist Empyem zu fürchten. Celsus hält die Prognose
der Leberabscesse im allgemeinen für eine günstige. Eine günstige
Prognose bei Phthisis pulmonum giebt es, wenn der Auswurf weiss
und von gleichförmiger Beschaffenheit, ähnlich dem Nasenschleime ist,
auch kein Fieber vorhanden ist. Eitriger Auswurf, anhaltendes Fieber,
Appetitlosigkeit und Durst zeigen einen gefährlichen Verlauf der
Lungenschwindsucht an; Haarausfall, Eintreten von Durchfällen, übler
Geruch des Auswurfs verkündigen das nahe Ende. Oft auch hört
der eitrige Auswurf der Phthisiker einige Zeit vor dem Tode plötz-
lich auf, Durchfälle sind bei Kindern und Schwangeren am meisten
gefährlich. Durchfall verbunden mit Oligurie ist bedenklich. Läh-
mungen gehen im Frühling und Sommer leichter zurück als im Herbst
und Winter (lib. II cap. 8).
Allgemeine Therapeutik, Diätetik und Hygiene.
Celsus unterscheidet allgemeine und besonderb Heil-
methoden der Krankheiten. Die ersteren finden bei den meisten
Krankheiten Anwendung. Diese Hilfsmittel der allgemeinen Therapie
sind Blutentziehungen, Abtühr- und Brechmittel, Friktion, passive Be-
wegung des Körpers, Fasten, Schwitzen u. s. w.
Der Aderlass (lib. II cap. 10) spielte zu des Celsus Zeit eine
ähnliche Rolle ir d er Therapie wie zu Broussais' und B o u i 1 1 a u d ',s
Celsus. 423
Epoche.^) Fast keine Krankheit gäbe es, erklärt Celsus, in welcher
er nicht vorgenommen werde. Celsus hält Alter, Schwangerschaft,
zu grosse Jugend nicht für Kontraindikationen der Venaesektion,
sondern lediglich einen Mangel an Kräften und Körperschwäche.
Magere Personen sind blutreicher als dicke, ertragen daher Blut-
entziehungen besser als diese. Bei unverdorbenem Blute ist der Ader-
lass überflüssig, üble, verdorbene Beschaffenheit des Blutes indiziert
denselben, der in diesem Falle Wunderbares leistet. Heftiges Fieber
mit starker Körperrötung und strotzenden Adern, Krankheiten der
Eingeweide, Lähmungen und Spasmen, Zusammenschnürung des
Schlundes (Glottisödem ?), Aphasie, übermässige Schmerzen, innere Ver-
letzungen oder Zerreissungen, schlechte Konstitution (malus corporis
habitus) und alle mit Plethora einhergehenden akuten Krankheiten
sind Anzeigen des Aderlasses. Bei Lähmungen, plötzlicher Sprachlosig-
keit (Apoplexie), Erstickungsgefahr durch Croup ist die Venaesektion
ganz besonders angezeigt. Bei allgemeinen Krankheiten lässt man am
Arm zur Ader, bei Lokalleiden am leidenden Teile. Celsus warnt
bei der Venaesektion vor Verletzungen der Arterien und Nerven. Man
muss genau die Beschaffenheit des Blutes beachten. Dickes und
schwarzes Blut ist fehlerhaft, rotes und durchscheinendes Anzeichen
der Gesundheit. Man verbindet nach der Venaesektion mit einem in
kaltes Wasser getauchten Bäuschchen. Oefter wiederholt man am
folgenden Tage den Aderlass, bis das Blut seine normale Beschaffen-
heit erreicht. Dann beschreibt Celsus die Blutentziehung mit
(kupfernen oder hornenen) Schröpf köpfen (auf blutige oder trockene
Weise), die in jenen Fällen indiziert ist, wo ein Aderlass zu eingreifend
wäre (lib. II cap. 11). In Beziehung auf die Abführmittel, unter
denen Celsus (lib. II cap. 12) Klj^stiere, Helleborus niger, Aloe u. a.
nennt, bemerkt er, dass man in Fiebern die laxierenden Arzneimittel
durch ebensolche Speisen und Getränke ersetzen solle. Bei Darmleiden
(Ileus) sind Kly stiere sehr nützlich, entweder aus reinem Wasser
oder aus Wasser mit Honig, oder ein Schleimklystier (Ptisane, Malven-
abkochung). Stark reizend sind Meerwasser oder Salzklystiere. Auch
Oelklj^stiere kennt Celsus. — Erbrechen (lib. II cap. 13) ist bei
allen durch die Galle hervorgerufenen Krankheiten angebracht (Brech-
durchfall, Manie, Epilepsie). Veratrum album ist das beste Vomitivum.
Zu den „Communia Auxilia", die von Asklepiades empfohlen wurden,
gehört vor allem die Reibung (Frictio; lib. II cap. 14), die zur
Erschlaffung straffer und zur Stärkung weichlicher Körper dient, je
nach der Intensität, mit der sie vorgenommen wird. Sogar bei
akuten, fieberhaften Krankheiten empfiehlt Celsus die Massage, die
z. B. bei der Hirnentzündung Schlaf herbeiführt. Besonders in der
Rekonvalescenz ist sie wertvoll. Reiben beseitigt und lindert hart-
näckige Kopfschmerzen und stärkt gelähmte Glieder. In chronischen
Krankheiten ist die „gestatio", die passive Bewegung des Körpers
(lib. II cap. 15) von grossem Nutzen, auch zur Beseitigung von
Residuen nach fieberhaften Krankheiten. Fahren auf dem Schiffe,
Tragen in einer Sänfte, Fahren auf einem Wagen, Schaukeln in dem
aufgehängten Bette stellen die einzelnen Wirkungsstufen der passiven
Bewegung dar. Die Anfangsstadien der Schwindsucht, von Magen-
') Wie denn ganz ä la Broussais nach der Lehre der Erasistrateer kein
Fieber ohne Entzündung denkbar war (III, 10).
424 Iwan Bloch,
krankheiten, Wassersucht. Gelbsucht, Epilepsie bilden Indikationen für
diese therapeutische Methode. Das Fasten (lib. II cap. 16) ist be-
sonders beim Beginne der Krankheiten zuträglich, wie es überhaupt
auch dem Gesunden ab und zu zuträglich ist (Neque ulla res magis
adjuvat laborantem, quam tempestiva abstinentia). Seh weiss (lib. II
cap. 17) wird durch trockene Wärme oder durch Bäder hervorgerufen.
Erstere wird durch heissen Sand, Dampfbad, Backofen und aus der
Erde strömende natürliche heisse Dünste wie z. B. in Bajae geliefert,
ferner durch Sonnenbäder und Bewegung. Trockene Wärme ist vor-
züglich bei Nervenleiden von Nutzen, aber in schweren, fieberhaften
Krankheiten zu meiden. Das Wasserbad vermindert und beseitigt
dagegen oft das Fieber selbst, bewirkt Ausleerung verdorbener Säfte
und eine Alteration des Organismus. Bei periodischen Fiebern lässt
man vor dem Anfalle oder nach Beendigung desselben baden. Ebenso
ist in der Rekonvalescenz das Bad von Nutzen. Nach dem warmen
Bade muss der Kranke eingehüllt werden und, vor kalter Luft ge-
schützt, ohne etwas zu gemessen, den Schweissausbruch erwarten.
Warme Umschläge (aus in ein Tuch gebundenem heissem Sand, Salz,
Hirse oder einfacher Leinwand) und Schläuche mit .warmem Oel, Ge-
fässe mit heissem Wasser dienen zur lokalen Wärmeanwendung. Bei
Kontrakturen ist das Herabträufeln von warmem Salzwasser höchst
wohlthätig.
Vortrefflich sind die Bemerkungen des C e 1 s u s über die allge-
meine Diaetetik und Hygiene im gesunden und kranken Zu-
stande, welche den Inhalt des ersten Buches bilden. Bewegung und
Abwechselung sind nach Celsus das Geheimnis der Gesund-
erhaltung. Man soll bald in der Stadt, bald auf dem Lande leben,
auch Seereisen unternehmen, bisweilen kalt, bisweilen warm baden,
weder Hausmannskost noch grosse Gastmähler meiden. Der Beischlaf
darf weder zu häufig noch zu selten ausgeübt werden. Genaueres
lässt sich nicht angeben, da der Coitus auf die verschiedenen Individuen
verschieden wirkt. Er darf aber weder Schwäche noch Schmerz hinter-
lassen, ist schädlicher am Tage als in der Nacht. Weder Mahlzeit,
noch Wachen, noch Arbeit dürfen ihm folgen. Mit Recht ist ferner
Celsus ein Gegner des sportsmässigen Athletentums (lib. I cap. 1).
Alle Extreme und plötzlichen Uebergänge in Klima, Er-
nährung, Thätigkeit sind äusserst schädlich. Wer etwas abändern
will in seinen Lebensverhältnissen, muss sich allmählich daran ge-
wöhnen. Bei Ermüdung sind Einwirkungen der Wärme in Gestalt
der Sonne, des Feuers, des Schwitzbades und nachherige Oeleinreibungen
dienlich. Der Mund muss mit warmem, darauf mit kaltem Wasser
ausgespült werden. Ein kalter Trunk bringt dem von der Arbeit Er-
hitzten Gefahr. Abwechselung der Arbeit schützt vor Ermüdung.
Gegen Kongestionen im Bade bewährt sich in den Mund genommener
Essig oder kaltes Wasser. Jeder Mensch muss seinen locus minoris
resistentiae genau kennen und auf ihn achten. Hiernach giebt Celsus
subtile Vorschriften für die Ernährung des Körpers, die durch
häufige Ruhe, süsse fette Speisen und Getränke am meisten gefördert
wird. Wer mager werden will, muss nüchtern in warmem Salz-
wasser baden, sich der brennenden Sonnenhitze aussetzen, entweder
sehr lange oder sehr kurze Zeit schlafen, sich häufiger Bewegung und
anstrengenden Leibesübungen hingeben, täglich nur eine Mahlzeit ein-
nehmen, auch sich öfters der Brech- und Abführmittel bedienen (lib. I
Celsus. 425
cap. 3). — Von grossem Interesse sind auch die Bemerkungen des
Celsus über das hygienische und diätetische Verhalten in einzelnen
Krankheitszuständen. Die mit einem „schwachen Kopf" (caput in-
firmum) Behafteten sollen denselben früh Morgens mit den Händen
gelinde reiben, ihn unbedeckt lassen oder kahl scheren lassen und nicht
der Sonnenglut aussetzen. Sehr heilsam für den Kopf ist kaltes
Wasser (I, 4). Das letztere bewährt sich ferner bei Neigung zu
häufigen Erkältungen und Entzündungen (Konjunktivitis, Schnupfen,
Katarrhe, Angina), bei denen prophylaktische Uebergiessungen des
Kopfes mit kaltem Wasser, Ausspülen des Mundes mit demselben an-
gezeigt sind (I, 5). Bei Neigung zu Diarrhöen meide man allzu ver-
schiedene Speisen, besonders Hülsenfrüchte, Wildpret, gewisse Fisch-
arten und Spazierengehen nach dem Essen (I, 6). Aehnliche Vor-
schriften werden für die Darmkolik gegeben, für die besonders warme
Bäder, warme Speisen und Getränke in Betracht kommen (T, 7). Be-
sonders ausführlich (in zwei Kapiteln : I, 2 und 1. 8) behandelt Celsus
die bei der Schlemmerei der Kaiserzeit ^) gewiss nicht seltene Magen-
sch wache bezw. die Hygiene bei derselben. Die gute Verdauung
lässt sich aus dem Urin erkennen, der während derselben hell, nach
Vollendung derselben dunkler und rötlich ist. Die Urina chyli war.
also dem Celsus bekannt. Magenschwache sollen öfter einen Trunk
kalten Wassers thun, den Mund mit kaltem Wasser ausspülen, nach
dem Essen ruhen, vorher sich Bewegung machen (lautes Lesen,
Fechten, Ballspiel, Laufen, Spazierengehen, Bergsteigen). Unmässiges
Essen ist schädlich, man fange die Mahlzeit mit Eingesalzenem, Ge-
müsen u. a. an und gehe erst dann zu gebratenem Fleische über.
Compots sind wiegen der Erzeugung von ]\ragensäure zu verwerfen.
Höchstens sind Datteln, Aepfel u. dgl. gestattet. Genuss von Wasser
unterstützt die Verdauung. Als Symptome eines schwachen Magens
bezeichnet Celsus: blasses Aussehen, Magerkeit, Aufgetriebensein
und Schmerz in der Magengegend, Ekel und unwillkürliches Erbrechen,
Kopfschmerzen. — Bei Anlage zur Gicht und zum Kheumatismus
ist Bewegung von Nutzen, geschlechtliche Bethätigung stets schädlich
(Venus semper inimica est), gute Verdauung sehr anzustreben, da
Verdauungsstörungen die Schmerzen steigern (I, 9). Kälte und
Wärme sind ebenfalls in hygienischer Beziehung zu berücksichtigen.
Die Kälte ist den Greisen, mageren Personen, Verwundeten, dem
Magen, Darm, der Blase, den Ohren, Hüften und Schulterblättern, den
Genitalien, Knochen, Zähnen, Nerven, dem Uterus und Gehirn nicht
zuträglich, nützlich dagegen den Jünglingen und vollblütigen Personen,
bei denen sie den Geist weckt und die Verdauung befördert. Be-
giessungen mit kaltem Wasser empfiehlt Celsus bei Gelenkschmerzen
und anderen nichttraumatischen Schmerzen. Wärme ist bei Kon-
junktivitis, Krämpfen, Geschwüren angebracht, sie wirkt diuretisch
und narkotisch (L 9). — Im letzten Kapitel des ersten Buches (I, 10)
erteilt Celsus Vorschriften über das Verhalten bei einer Seuche
(Regimen contra pestem). Er empfiehlt Fuss- und Seereisen, oder doch
wenigstens stetigen Genuss der frischen Luft, Bew^egung. Man meide
Ermüdung, Verdauungsstörungen, extreme Temperatureinflüsse, Ge-
schlechtsgenuss, Brech- und Abführmittel, Baden, Schlaf am Tage u, a. m.
') Zu den Magenschwachen gehören nach Celsus der grösste Teil der Städter
und alle Gelehrten.
426 Iwan Bloch.
Die Vorliebe des Celsus für die diätetische Behandlung der
Krankheiten bekundet sich auch darin, dass er, wo es angeht, Arznei-
mittel durch Nahrungsmittel ersetzt. Daher widmet er den
Wirkungen der letzteren auf den Körper einen umfangreichen Ab-
schnitt, die ganze zweite Hälfte des zweiten Buches (lib. II cap. 18 —33).
Die hohe Wertschätzurg der „Ernährungstherapie", welcher man
neuerdings auf Anregung v. L e y d e n s eine grössere Beachtung zu
teil werden lässt, drückt sich bei Celsus in den klassischen Worten
aus: Haec autem (d.h. Speise und Trank) non omnium tantum
morborum, sed etiam secundae valetudinis communia
praesidia sunt. — Sehr nährend sind Backwerk, Hülsenfrüchte,
Fleisch von Haustieren, Wildpret und grösseren Vögeln, Honig und
Käse. Weniger nahrhaft Wurzeln und Knollen der Küchenpflanzen,
Hasenfleisch, Fische, am wenigsten nahrhaft alle krautartigen Ge-
müse, auch Kürbisse und Gurken, Obst und Muscheln. Sodann giebt
Celsus eine genaue Uebersicht über den Nährwert einzelner Bestand-
teile der essbaren Pflanzen und Tiere (II, 18). Er zählt die StoiFe
mit „gutem" und „schlechtem Nahrungssaft" auf (II, 19—21), unter-
scheidet milde und scharfe Nahrungsmittel (II, 22). Zu ersteren
gehören Brühe, dünne Breisuppeu. in Oel gebackene Brote, Gersten-
graupen, Milch, Eosinenwein, zu den scharfen Stoifen alles zu Herbe
und Saure, alles Gesalzene, Honig, Knoblauch, Zwiebeln, Gurken,
Kohl, Spargel, Senf, Salat und andere grüne Gemüse. Diese scharfen
Stofi'e sind zugleich die „schleimverdünnenden", während die milden
dickeren Schleim erzeugen (II, 23). Sehr subtil ist die Aufzählung
der dem Magen zuträglichen und unzuträglichen Nahrungsmittel (II,
24—25), deren Schluss allerdings noch heute beherzigenswert ist. (Ex
his autem intelligi potest, non quidquid boni succi est, protinus
stomacho convenire; neque quidquid stomacho convenit, protinus boni
succi esse.) In lib. II cap. 26 behandelt Celsus die blähenden
(Hülsenfrüchte, fette und süsse Speisen, junger Wein, Zwiebeln,
Kohl, Wurzeln, Nüsse, Milch, halbrohe Speisen) und bläh ungs widrigen
Nahrungsmittel (Wildpret, Vogelfleisch, Fische, Obst, weiche Eier, alter
Wein). Erwärmend wirken Pfeffer, Salz, saftiges Fleisch, Zwiebeln,
gesalzene Speisen, Wein; kühlend Salat, (jrurken, saure Aepfel, Birnen,
gebratenes Fleisch, Essig, saure Speisen und Getränke (II, 27). Unter
den im Magen leicht verderbenden d. h. Gärung erregenden Nahrungs-
mitteln nennt Celsus gesäuertes Brot, Weizenbrot, Honig, Milch,
Milchspeisen, Backwerk, Austern, Käse (II, 28). Auch nach ihrer
Wirkung auf den Darm werden die Nahrungsmittel unterschieden
(II, 29 — 30). Laxierend wirken gesäuertes Brot, halbroher Kohl,
Salate, Zwiebeln, Spargel, Kirschen, Trauben, alle milden Stoffe,
gesalzene Speisen, alle Konchylien, besonders die Brühe davon, Fische,
roher Honig, Milchspeisen, reines Wasser, verstopfend: Weizenbrot,
Breisuppen, harte Eier, Käse u. s. w. Diuretische Pflanzen sind Peter-
silie, Raute, Dill, Anis, Kresse, Fenchel, Spargel, Thymian, Senf,
Zwiebeln, Pfeffer u. s. w. (II, 31), narkotische: Mohn, Salat, Maul-
beere, belebende : Thymian, Pfefferminze, Raute und Zwiebeln (II, 32).
Im letzten Kapitel werden noch einmal alle Nahrungsmittel nach
ihren „ableitenden" oder „zurücktreibenden", abkühlenden oder er-
wärmenden, erhärtenden oder erweichenden Eigenschaft zusammen-
gefasst (II, 33).
Celsus. 427
Materia medica, Pharmacie und Toxikologie.
Obwohl Celsus mehr ein Freund der rein diätetischen Behand-
lungsweise der Krankheiten ist, besitzt er doch Einsicht genug-, um
die Notwendigkeit einer arzneilichen Therapie anzuerkennen. Denn
„omnes medicinae partes ita innexae sunt, ut ex toto separari non
possint", weshalb Einseitigkeit in der Therapie und Bevorzugung
einer besonderen Heilmethode zu verwerfen ist (Prooemium von
lib. V). Zu den blutstillenden Mitteln gehören Eisenvitriol, Akazien-
saft, Aloe, Bleiasche, kaltes Wasser, Weinessig, Alaunerde, Eisen- und
Kupferschlag (V, 1), die Vereinigung der Wunden (Adstringentia)
befördern Myrrhe, Eiweiss, Leim, in kaltes Wasser oder Essig ge-
tauchte Schwämme, Alaun, Auripigment u. s. w. (V, 2). Maturierende
und eitern ngsbe fördernde Mittel sind: Narde, Myrrhe, Erdharz,
Schwefel, Oel u. dgl. (V, 3). Kapitel 4 des 5. Buches behandelt die
Mittel, welche die Körperporen eröffnen. Den Körper „reinigende"
(quae purgent) Mittel sind : Kupfer, Arsenik, Weihrauch und Weihrauch-
rinde, Terpentin, Traubensaft, Schwefel u. s. w. (V, 5). Zu den A e t z -
mittein gehören: Alaun, Grünspan, Kupferschlag, Arsenik, Myrrhe,
Weihrauchrinde, flüssiges Terpentinharz, Pfeffer, Soda u. s. w. (V, 6).
Kapitel 7 zählt die Mittel auf, welche eine zehrende Wirkung auf den
Körper haben (quae exedant corpus), Kapitel 8 enthält die C a u s t i c a
(Auripigment, Kupferschlag, Myrrhe, Kalk, Alaun), die gleichzeitig
schorfbildend sind (V, 9), Kapitel 10 — 16 besprechen speziellere Indi-
kationen einzelner Arzneimittel (Erweichung, Beseitigung von Rauhig-
keiten, Granulationsbeförderung, Hautreinigung.) Mit Kapitel 17 be-
ginnt die eigentliche Pharmacie d. h. die Lehre von der Darstellung
zusammengesetzter Arzneien und spezieller Arzneiformen. Celsus
gedenkt der römischen Medizinalgewichte und erwähnt dann als die
hauptsächlichen Formen der Arzneien die Umschläge, Pflaster und
Pastillen (Trochisci). Die erweichenden Umschläge bestehen meist aus
Blumen und Pflanzenteilen, die Pflaster und Pastillen aus metallischen
Stoffen. Erstere werden auf die unverletzte Haut aufgelegt, Pflaster
und Pastillen meist bei Wunden und Geschwüren zur Anwendung ge-
bracht. In dem Pflaster ist stets ein flüssiger Bestandteil, bei den
Pastillen werden trockene Substanzen vermittelst etwas Feuchtigkeit
miteinander verbunden. Beim Pflaster werden zunächst die trockenen
Bestandteile miteinander verrieben, danach etwas Essig oder eine
andere Flüssigkeit zugesetzt, worauf eine neue Verreibung erfolgt ; was
verflüssigt werden kann, wird über dem Feuer geschmolzen und dann
etwas Oel hinzugegossen. Bisweilen werden die trockenen Stoffe auch
vorher mit Oel gekocht. Nach allen diesen Prozeduren wird alles in
eine Masse zusammengemischt. Bei der Herstellung der Pastillen
werden die trockenen Medikamente mit einer nicht fetten Flüssigkeit
zerrieben (Wein, Essig), darauf getrocknet. Bei der Anwendung werden
sie in derselben Flüssigkeit wieder gelöst. Pflaster werden einfach
aufgelegt, Pastillen eingerieben (V, 17). In Kapitel 18 des 5. Buches
werden dann die verschiedenen Umschläge (erweichende, ableitende,
schmerzstillende, zerteilende, blutstillende u. s. w.) angeführt. Unter
den verschiedenen Pflastern (V, 19) werden besonders die auf frische
Wunden zu legenden, adstringierenden, hervorgehoben, wie das „Bar-
barum" (Bestandteile: Alaun, Fichtenharz, Oel und Essig), das „Coacon"
428 Iwan Bloch.
und „Basilikon" u. s. w., ferner die Eiterung- befördernden Pflaster und
Zugpflaster wie z. B. das Emplastrum diadaphnidon, welches dta dacpvidtüv,
d. h. durch den Hauptbestandteil Lorbeeren wirkt, ätzende Pflaster,
Pflaster gegen den Biss von Thieren und frischen Wunden, sogenannte
„Emplastra leuca", gelinde Pflaster bei unbedeutenden Wunden, be-
sonders der Greise. Die Pastillen (V, 20) dienen zur Vereinigung und
Heilung frischer Wunden, zur Heilung von Geschwüren, auch zu inner-
lichem Gebrauche z. B. zur Abtreibung der Blasensteine, Die Pessarien
(Medikamente auf weiche Wolle aufgestrichen und in die Vagina ein-
geführt) werden bei verschiedenen Frauenleiden angewendet z. B. als
Emmenagoga, bei Metritis (V, 21). Dann gedenkt Celsus der Arznei-
mittel in trockener Form (Streupulver), der Niesmittel und Gargarismen
(V, 22), der Nervina, der flüssigen Einreibungsmittel (V, 24), der Pillen
(Catapotia), unter denen die Mohnsaft enthaltenden schlafbefördernden
und schmerzlindernden oder gegen Kolik und Dysurie wirksamen Pillen
besondere Erwähnung verdienen (V, 25).
Die Toxikologie wird in den Kapiteln 23 und 27 des fünften
Buches abgehandelt. Giftig ist nach Celsus jede Art von Bisswunde
eines wilden Tieres (Beschreibung der Hydrophobie). Man muss das
Gift sobald wie möglich entfernen, durch Schröpfköpfe, durch Auf-
streuen von Salz, welches eine Eiterung erregt, durch Aderlässe, durch
Ausbrennen, durch starkes Schwitzen. Bei Schlangenbissen schnüre
man das Glied oberhalb der Wunde zusammen und sauge das Gift
durch einen Schröpfkopf aus, nachdem man vorher die Wunde ausge-
schnitten hat. Auch Menschen dürfen das Aussaugen besorgen, da das
Gift bei unverletztem Körper unschädlich ist. Man muss sich vorher
nur vergewissern, dass weder am Zahnfleisch, noch am Gaumen, den
Lippen u. s. w. eine wunde Stelle sei. Celsus empfiehlt bei Ver-
giftungen ferner harntreibende Mittel, welche die Säftemasse verdünnen,
und Genuss von Essig. Bei einer Vergiftung durch Speisen oder Ge-
tränke soll man vieles Gel trinken lassen und ein Vomitiv geben.
Bei Kanthariden Vergiftung ist hauptsächlich Milch von Nutzen, ebenso
bei Bilsenkrautvergiftung; das Schierlingsgift wird durch reichlichen
Weingenuss beseitigt. Auch der berühmten allgemeinen Gegengifte
wie der „Ambrosia", des Antidoton des Mithridates u. s. w. gedenkt
Celsus.
Die Verbrennungen hat Celsus, ähnlich wie wir heute, vor-
zugsweise trocken mit Pulver- und Pastenverbänden behandelt
(V, 27, 17).
Aligemeine Pattiologie und Tlierapie.
Celsus unterscheidet acute und chronische Krankheiten
und solche, die beide Typen vereinigen, ferner allgemeine Krank-
heiten, die den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehen, und ört-
liche, die an einem einzelnen Teile ihren Sitz haben. Der Kunst des
Arztes sind bei den chronischen Krankheiten grössere Aufgaben ge-
stellt als bei den akuten (III cap. 1). Bei akuten Krankheiten muss
man erst spät an die gute Ernährung des Kranken denken, da hier
zunächst Stofl'entziehung die Heftigkeit der Krankheit vermindert, bei
chronischen Krankheiten dagegen muss die Ernährungsfrage von vorn-
herein ins Auge gefasst werden. Im Beginne einer allgemeinen Krank-
heit sind Euhe, Enthaltsamkeit, Wassergenuss zunächst angezeigt, erst
Celsns. 429
nach einigen Tagen darf man einige milde Speisen und etwas Wein
geniessen. Bäder, Brechmittel, starke Bewegung, Schwitzen, Wein-
trinken sind im Anfange der Krankheit durchaus kontraindiziert (lib.
III cap. 2). — Hierauf geht C e 1 s u s zur Schilderung der verschiedenen
Fieberarten über. Er unterscheidet eintägige, dreitägige und vier-
tägige Fieber. Es wird dann eine genaue Beschreibung des gewöhn-
lichen Fieberanfalles in hitzigen Krankheiten gegeben, auf die ver-
schiedenen Varietäten desselben hingewiesen (III, 3) und dann die vor-
zugsweise diätetische Behandlung der einzelnen Fieberarten sorgfältig
erläutert (III, 5 — 17). Nahrung soll man für gewöhnlich beim Nach-
lasse des Fieberanfalles geben (III, 5), mit Getränken freigebiger sein
als mit fester Nahrung und auch diese in beinahe flüssigem Zustande
reichen. Man muss bei Fieber für Stuhlgang und Diaphorese sorgen,
bisweilen zur Ader lassen, den Kranken ins Bad bringen (III, 6). Bäder
sind ganz besonders bei den pestartigen Fiebern (pestilentes febres)
von Nutzen, ebenso Wein. Bei Kindern sind Aderlass, Abführmittel,
Wachen, Hunger und Durst und Weingenuss nicht zuträglich. Beim
Brennfieber (ardens febris) muss der Kranke in einem gut ventilierten
Zimmer ruhen, nur leicht bedeckt werden, wobei feuchte Kompressen
auf die Magengegend gelegt werden (III, 7). Bei schleichenden Fiebern
muss der Arzt auf eine Umstimmung des Organismus hinarbeiten, dies
wird durch häufige kalte Waschungen, durch Reiben mit Oel und Salz
erreicht. Als Beispiele solcher heroischen, eingreifenden Alterations-
kuren führt Celsus diejenigen des Petron an (III, 9). Einzelne
Symptome, welche den fieberhaften Zustand begleiten, bedürfen
einer besonderen Behandlung wie der Kopfschmerz (kühlende Um-
schläge, Auflegen von mohnhaltigem Brot, Riechen an Quendel oder
Dill) und die Entzündung, deren vier Kardinalsymptome (rubor et
tumor cum calore et dolore) angegeben werden (III, 10).
Nächst den Fiebern spielen eine grosse Rolle unter den allge-
meinen Krankheiten die Formen des Wahnsinns (insania), dessen
wichtigste Abart die Phrenitis ist, eine fieberhafte, mit Delirien
einhergehende, akute Form der Geistesstörung. Bei der Melancholie
ist Aderlass, Fasten und sonstige Entziehung von Nutzen, Aufheiterung
durch Märchen und Schauspiele anzustreben. Die dritte Form der
Insania ist die Paranoia, welche bald in der Verstandes- bald in
der Gemütssphäre ihren Sitz haben kann. Dieser Abschnitt giebt
Celsus Gelegenheit, seine Grundsätze der psychiatrischen
Therapie zu entwickeln, welche Zwangsmittel nur im äussersten Not-
falle verwendet, sehr individualisierend verfährt, und von Aderlass,
Abführmitteln, lokaler Einwirkung auf den Kopf (durch kühlende oder
bähende Umschläge), Massage, psychischer Einwirkung, Musik, Narko-
ticis u. a. ausgiebigen Gebrauch macht (III, 18). Als „cardiacus
morbus" bezeichnet Celsus eine akute Krankheit, welche mit grosser
Körperschwäche, Magenbeschwerden, unmässigem Schweissausbruche
einhergeht (III, 19). Der „Lethargus", die unüberwindliche Schlaf-
sucht (coma^etc.) ist ebenfalls eine akute Krankheit, die schnell tötet,
wenn man nicht gegen sie einschreitet, was man durch Niesmittel,
stark riechende Substanzen, plötzliches Aufgiessen von kaltem Wasser
u. s. w. thut (III, 20), Betäubung (III, 26) erfolgt durch den Blitz
und durch die Apoplexie (Aderlass, Abführmittel, Massage). Infolge
der Apoplexie tritt auch oft Lähmung ein (Resolutio nervorum). Bei
allen Lähmungen ist der Aderlass das souveräne Mittel, danach Pur-
430 Iwan Bloch.
gantien, aktive und passive Bewegung und Massage und Hautreizung
des gelälimten Teiles. Bei N e u r al g i e n nützen Klimaveränderung, Eulie,
Einwirkung starker Hitze (Auflegen von Schläuchen mit heissem Wasser),
Blutentziehung. Bei Tremor sind Brechmittel und Diurese, Bäder
und Schwitzen zu vermeiden, dagegen viel Bewegung und Massage
von Nutzen (III, 27). Kapitel 21 des 5. Buches handelt von der
Wassersucht (Hydrops) bezw. inneren Luftansammlung, die als A n a -
sarca, Ascites und Tympanites beschrieben werden. Diese
Krankheit ist teils genuin, teils nur Symptom eines anderen Leidens,
Geschwüre eines Wassersüchtigen sind sehr schwer heilbar. Hunger
und Durst, Abstinenz in jeder Beziehung fördert die Heilung der
Wassersucht, ferner sind Spaziergänge, Laufen, Reiben der oberen
Teile, warmer Sand, Schwitzen in der Schwitzstube, im Backofen
u. s. w. von Nutzen. Celsus empfiehlt für diesen Zweck besonders
die warmen Luftbäder von Bajae. Abführmittel, Diuretica sind in An-
wendung zu ziehen, wobei die Menge der eingenommenen und ent-
leerten Flüssigkeit gemessen und verglichen werden muss. Auch
Schröpfköpfe, häufige Klystiere von vielem warmem Wasser, Hervor-
rufen künstlicher Geschwüre am Bauche, deren Eiterung unterhalten
wird, Sonnenbäder, Punktion des Anasarca und Ascites sind bei Hydrops
in Anwendung zu ziehen.
Ebenso ausführlich wird die Auszehrung (tabes) mit ihren ver-
schiedenen Formen behandelt. Eine Art der Auszehrung ist die
Atrophie, wo der Körper nicht mehr ernährt wird und in den
äussersten Grad der Abmagerung verfällt. Bei der Kachexie ist der
Körper selbst von schlechter Beschaffenheit (malus habitus), wodurch
die Nahrung in Verderbnis übergeht; dies ist meist Folge einer lang-
wierigen Krankheit oder der Einwirkung schädlicher Arzneimittel.
Häufig zeigen sich auf der Haut Kachektischer Pusteln und Geschwüre.
Die dritte Art der Auszehrung ist die Phthisis, deren Hauptursache
eine eitrige Affektion der Lungen ist, wodurch Fieber, häufiger Husten,
eitriger und blutiger Auswurf hervorgerufen werden. Atrophische Zu-
stände erfordern frische Luft, Massage, Bäder, leicht verdauliche
Speisen, W^ein, Diurese. Bei Kachexie ist häufiges Baden sehr nütz-
lich, Aderlass, gute, kräftige Ernährung u. s. w. Die Lungenschwind-
sucht muss gleich im Beginne behandelt werden, später ist die
Therapie fast immer machtlos. Seereisen, Klimaveränderung (ägyptisches
Klima als Heilmittel), Körperbewegung, Entfernung von den täglichen
Geschäften und Sorgen, guter Schlaf, Verhütung von Katarrhen, Ver-
meiden von schwer verdaulichen Speisen, extremen Temperaturen,
Milchgenuss, gelinde Massage, in schweren Fällen Anwendung des
Glüheisens (Kinn, Hals, Brust, Schultern), warme Bäder, Saft des
Wegerich, Terpentin mit Honig, sorgfältige Therapie der gefährlichen
Durchlälle und der Hämoptoe sind die von Celsus als besonders wirk-
sam empfohlenen Heilmittel der Phthisis pulmonum (III, 22). Auch
die Epilepsie (morbus comitialis sive major) gehört unter die allge-
meinen Krankheiten. Sie befällt häufiger Männer als Frauen, dauert
meist das ganze Leben hindurch. Nicht immer begleiten den Anfall
Krämpfe und Zuckungen. Epileptiker müssen sich einer in diätetischer
Hinsicht vorsichtigen Lebensweise befleissigen, müssen den Alkohol und
den Coitus soviel wie möglich meiden. Von Interesse sind die Be-
merkungen über lokale Beeinflussung des Kopfes durch Schröpfköpfe
am Hinterhaupt, Kauterisation, Einreiben scharfer Substanzen u. s. w.
Celsus 431
Auch der Genuss von Mensclienblut wird empfohlen (III, 23). — Die
Gelbsucht (morbus regius, arquatus) wird besonders an der gelben
Farbe der Konjunktiven erkannt, ferner sind Durst, Kopfschmerz,
Singultus, Härte im rechten Präcordium, Dyspnoe, Farbenveränderung
des Körpers Symptome dieses Leidens. Als Mittel gegen dasselbe
werden Laxantien, scharfe Speisen, herber Wein, Bewegung, Massage,
Schwimmbäder, Aufheiterung durch Vergnügungen erwähnt. Bei der
Gelbsucht sind meist Leber oder Milz affiziert (III, 24). — Die Lepra
(elephantiasis), ebenfalls eine Erkrankung des ganzen Körpers, war zu
des Celsus Zeit in Italien noch wenig verbreitet. Celsus erwähnt
die Flecken und Knoten und die lepröse Infiltration der Haut, die Ab-
magerung des Körpers, Verdickung der Lippen und Füsse, deutet das
Abfallen der Finger und Zehen an, ja kennt sogar lepröse Knochen-
affektionen. Die Therapie der Elephantiasis besteht in Anwendung
des Aderlasses, Verabreichung von Veratrum nigrum, Sorge für Leibes-
öffnung, tüchtige Körperbewegung, Schwitzen, Massage, leicht ver-
dauliche Nahrung (III, 25).
Spezieile Patlioiogie und Tiierapie.
Im vierten Buche giebt Celsus einen kurzen Abriss der speziellen
Pathologie und Therapie a capite ad calcem, der durch einen dürftigen
topographisch-anatomischen Abschnitt (IV cap. 1) eingeleitet wird. Zu-
nächst werden die diesem Gebiete angehörigen Krankheiten des Kopfes
d. h. des „mit Haaren bedeckten Teiles" desselben besprochen. Der
Begriif ,.Kopfschmerz'' ist bereits bei Celsus so weitschichtig wie
heute. Er versteht darunter Schmerzen im ganzen Kopfe, Migräne,
(beide infolge von Weingenuss und unverdaulichen Speisen oder von
Hitze und bei fieberhaften Krankheiten) Neuralgien, hydrocephalische
Kopfschmerzen. Therapie : Aderlass, Enthaltung von Speise und Trank,
kalte oder warme Umschläge, Senfpflaster, Massage. Beim Schnupfen
empfiehlt Celsus warme Bähungen des Kopfes. Nach sehr undeut-
lichen Bemerkungen über die Krankheiten des Nackens (IV, 3), wendet
sich Celsus zu den Eachenalfektionen (IV, 4), von denen er die „An-
gina" besonders erwähnt (Angina, Croup, Oedema glottidis), die durch
Aderlass, Schröptköpfe unter dem Kinn, feuchte Umschläge mit warmem
Salzwasser, Gurgelungen mit Thymianwasser u. a., Auspinselungen des
Rachens und sogar durch Incisionen am Gaumen und Zäpfchen günstig
beeinfliisst Avird. Bei Dyspnoe und Asthma ist ebenfalls der Aderlass
nützlich, auch Milchgenuss, Purgantien, Hochlagerung des Kopfes, warme
und feuchte Umschläge aut die Brust, Brechmittel, Diurese, langsames
Spazierengehen. Undeutlich wird der Retropharyngealabscess geschildert
(milde Speisen und Gurgelwässer). Gegen Husten, der bald trocken,
bald mit Schleimauswurf verbunden ist, wird Genuss von Thee, Spazieren-
gehen, Seefahrt und Meeresklima empfohlen. Bei Hämoptoe und
inneren Blutungen sind Ruhe, Sorglosigkeit und Stille notwendig. Die
Pneumonie wird ziemlich genau beschrieben und mit Aderlass, milder
Diät (Gerstengraupenschleim u. s. w.) und Umschlägen behandelt, wobei
die Zufuhr frischer Luft wichtig ist (IV, 7). Von Leberleiden
schildert Celsus eine akute Entzündung der Leber mit heftigen
Schmerzen, Erbrechen von Galle, Singultus, den Leberabscess und die
Lebercirrhose mit konsekutivem Ascites und Hydrops. Therapie:
Aderlass, Laxantien, Diurese, Incision eines Abscesses (IV, 8). Milz-
432 Iwan Bloch.
leiden (Milztumor) erfordern den Genuss saurer und scharfer Speisen,
Diuretika (Petersilie, Thymian) und als eine Art von Organtherapie
den Genuss von Rindermilz (IV, 9). Bei Nierenleiden muss der
Kranke auf einer weichen Unterlage liegen, der Stuhl muss stets
flüssig sein (Klystiere), ferner sind häufige warme Bäder, warme
Speisen und Getränke, Diuretika von Nutzen. Alle gesalzenen und
scharfen Speisen sind zu meiden. Auch der Ulcerationsprozesse
in den Nieren gedenkt C e 1 s u s (IV, 10). — Ziemlich ausführlich werden
die Magen- und Darm leiden abgehandelt (IV, 5; IV, 11 — 19).
C eis US kennt die akute Gastritis, das Magengeschwür, den „schwachen
Magen" und die „Aufblähung" des Magens (Meteorismus, Gastrectasie).
Bei Gastritis kommen therapeutisch Breiumschläge, warme Bähungen.
Fasten und Abführmittel in Betracht. Bei Magengeschwür werde alles
Scharfe und Saure gemieden. Gegen Magenschwäche empfiehlt C e 1 s u s
kalte Uebergiessungen, Schwimmen, kalte Heilquellen, Genuss von
kaltem Wein, Massage. Sehr gut ist die Schilderung des Magendarm-
katarrhs und der Cholera nostras (u. a. Erwähnung des krampfhaften
Zusammenziehens der Hände und Füsse). Therapie : Hebung der Kräfte
durch Wein, warme Umschläge, Einreiben des Körpers mit warmem
Oel. Bei Ileus werden Oelklystiere besonders gei'ühmt, auch die Peri-
typhlitis (Ileocöcalschmerz) wird angedeutet und mit trockenen, warmen
Bähungen und Schröpfköpfen behandelt. Deutlicher ist wieder die
Schilderung der Ruhr (Darmgeschwür, Abgang von flüssigem, schleim-
und bluthaltigem Kot mit „Fleischteilchen", Tenesmus und Schmerz im
After). Therapie: Ruhe, Breiumschläge, warme Sitzbäder, Waschen
des Afters mit warmem Wasser, Milch- oder Gerstenschleimklystiere,
stopfende Diät, leichte Diurese, Einführen von Alaun-Suppositorien
in den Mastdarm. Bei Diarrhoen ist zunächst Fasten angebracht, darauf
Genuss zusammenziehender Speisen, Bäder, Heidelbeerendekokt. Gegen
Bandwürmer empfiehlt Celsus besonders die Granatwurzelrinde, nach
einer Vorkur mit Knoblauch. Gegen Ascariden und Oxyuren dasselbe
oder Oelklystiere und Pfefferminzwasser. Die Ischias wird anfangs
mit warmen Bähungen und Umschlägen behandelt, dann mit kräftigen
Pflastern, blutigen Schröpfköpfen, Diurese, Kauterisation, Massage
(IV, 22). Rheumatische Gelenkschmerzen (IV, 23) werden durch
Umschläge, Blutentziehung, Kauterisation günstig beeinflusst. Bei der
Gicht (Podagra, Chiragra) ist im Beginne der Aderlass ein vortreff"-
liches Mittel. Auch die Trinkkur mit Eselsmilch hat viele für immer
von der Gicht befreit, ebenso die Enthaltung von Alkohol und den
Freuden der Liebe. Beim Gichtanfall empfiehlt Celsus Schwitzen,
Uebergiessung mit lauem Wasser, Diurese, Brechmittel, warme Fuss-
bäder in Seewasser, warme Umschläge, bei heftigen Schmerzen Salben
mit Mohnsaft. Nach dem Anfall soll der Kranke sich massig bewegen,
sorgfältige Diät beobachten, für gute Leibesöffnung sorgen (IV, 24).
Für die Rekonvalescenz nach schweren Krankheiten ist vor allem
eine ganz allmähliche Rückkehr zur früheren Lebensweise anzu-
streben (IV, 25).
Chirurgie.
Mit Recht ist die Darstellung der Chirurgie als der Glanzpunkt
des Werkes des Celsus bezeichnet worden. In gleicher Ausführlich-
keit wird kein anderer Abschnitt der Medizin von ihm behandelt.
Celsus. 433
Blich 7 und 8 sind ausschliesslich der Chirurgie gewidmet, ausserdem
finden sich in den übrigen Büchern zahlreiche chirurgische Be-
merkungen zerstreut Kapitel 26 und 28 des fünften Buches enthalten
die Grundzüge der allgemeinen Chirurgie (Wunden, Geschwüre,
Geschwülste). Als tödliche Verletzungen gelten diejenigen der Gehirn-
basis, des Herzens, Magens, der Leberpforte, des Kückenmarks u. s. w.
Verletzungen innerer Organe, grosser Blutgefässe, der Gelenke, Nerven
und Knochen sind gefährlicher als Fleischwunden. Gequetschte Wunden
sind schlimmer als Schnittwunden, Wunden von runder Form schlimmer
als geradlinige Kontinuitätstrennungen. Es werden dann die Symptome
der einzelnen Verletzungen erörtert. Bei Lungenwunden tritt Dyspnoe,
schaumiger Blutauswurf, geräuschvolles Atmen ein. der Kranke liegt
auf der verletzten Stelle, bei Nierenwunden sti-ahlt der Schmerz in
die Leistengegend und Hoden aus, es ist Dysurie vorhanden und der
Urin ist mit Blut vermischt, bei Verletzungen des Gehirns oder der
Gehirnhäute fliesst Blut durch die Nase oder die Ohren ab, es tritt
Erbrechen ein, Nystagmus, Delirien, Zuckungen; Rückenmarksver-
letzungen haben Lähmungen oder Krämpfe, Aufhebung der Sensibilität,
unwillkürlichen Abgang von Samen, Urin und Kot zur Folge. Danach
gedenkt Celsus der Flüssigkeiten, welche von den Wunden abge-
sondert werden (Blut, Eiter, Jauche). Die Blutstillung geschieht durch
Tamponierung und Kompression der Wunde bei parenchymatöser
Blutung, durch doppelte Unterbindung bei Verletzung grösserer Ge-
fässe. Ferner wird die Vereinigung der Wunde durch die Naht be-
schrieben. Auch die Massenligatur kannte Celsus. Als Wund-
verband dient ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm,
der aulgelegt und stets feucht erhalten wird, über denselben kommt
eine Leinwandbinde. Man muss in den nächsten Tagen sorgfältig das
Aussehen der Wunde beachten und bei etwaigen ungünstigen Ver-
änderungen sofort einschreiten. Bei kailösen Geschwüren werden die
Ränder abgetragen und das Ulcus selbst wird skarifiziert. Gute
Narben erzielt man durch Auflegen von Zinnplatten. Putride Ge-
schwüre werden mit dem Glüheisen kauterisiert. Aderlass, Kauteri-
sation, Excision bezw. Amputation kommen bei Erysipel und Gangrän
zur Anwendung, auch der Kontusionen und des Eindringens von
Fremdkörpern, besonders der Pfeilgeschosse (VII, 5) wird gedacht.
Was die Fisteln (V, 28, 12) betrifft, so unterscheidet Celsus Eiter-,
Sekret- und Exkretflsteln, kennt die Fistelmembran uud beseitigt die
Fisteln durch Spaltung, Abtragung der kailösen Ränder. Bei Thorax-
fisteln infolge von Caries der Rippen wird die Rippenresektion ange-
wendet, Mastdarmfisteln werden mit dem Messer bezw. durch Injektion
reizender Flüssigkeiten behandelt (lib. VII cap. 4). Das Carcinom,
welches nach Celsus besonders an den oberen Teilen des Körpers
(Gesicht, Nase, Ohren, Lippen, Mamma), aber auch in Leber und Milz
vorkommt, zeigt harte oder weiche Konsistenz, später geschwürigen
Zerfall, in seinem Umkreise sind die Venen erweitert. Mit dem Krebs
bringt Celsus die ,.Kondylome" (Sarkome) und Papillome (thymium)
in Verbindung. Therapie: Kauterien, Messer. Durch beides werden
aber die häufigen Rezidive nicht verhindert. Die Varices werden
durch das Glüheisen oder Exstirpation beseitigt (VII, 31). Skrophulöse
Lymphdrüsen (struma) werden mit dem Messer oder zerteilenden
Medikamenten behandelt (daneben fleissige Bewegung und gute Er-
nährung; V, 28, 7).
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. L 28
434 Iwan Bloch.
In der speziellen Chirurgie des Celsus nimmt die Lehre
von den Frakturen und Luxationen der Knochen einen breiten Raum
ein und füllt das ganze achte Buch aus. Im ganzen finden wir hier
eine starke Anlehnung an die hippokratischen Lehren. — Bei Knochen-
caries und Nekrose muss man den Knochen freilegen und die erkrankte
Stelle kauterisieren, damit der Sequester sich löst, oder auch die be-
treffende Stelle ausschaben, bis man auf gesunden Knochen stösst.
Durch Sondierung stellt man den Umfang der Caries fest. Ist dieselbe
sehr tief, so muss das Erkrankte mit einem Bohrer mehrfach per-
foriert, und die Bohrlöcher müssen mit dem Glüheisen ausgebrannt
werden. Bei Caries der Kopf-, Brust- und Rippenknochen ist die
Resektion vorzuziehen (VIII, 2). Dieselbe wird mit dem Kronentrepan
(modiolus) und Bohrer (terebra) vorgenommen. Celsus beschreibt
dann die Trepanation des Schädels (VIII, 3), geht danach zu den
Schädelbrüchen über (VIII, 4), wobei auch der innere Bluterguss ohne
Fraktur erwähnt wird. Lib. VIII cap. 5 — 9 behandeln die Frakturen
der Nase, der Ohrmuschel, des Unterkiefers, der Clavicula, der Rippen
und der Wirbelsäule im Anschlüsse an Hippokrates. In Kap. 10
werden die Brüche der Extremitätenknochen besprochen (Refraktion
des weichen Callus bei den mit Deformität geheilten Frakturen),
Kap. 11 — 25 enthalten die Luxationen (nach Hippokrates). — Von
den chirurgischen Krankheiten im Bereiche des Kopfes gedenkt Celsus
vor allem der Atherome, deren Inhalt bald honigartig (ineliyirjQig),
bald grützbreiähnlich, bald knorpelartig ist, auch bisweilen mit Kalk-
konkrementen und Haaren vermischt ist, ferner der Lipome (stea-
tomata). Diese Balgschwülste werden in der noch heute üblichen
Weise exstirpiert (VII, 6). Was die Nasenleiden betrifft, so kennt
Celsus geschwürige Prozesse im Innern der Nase (nares exulceratae),
gegen welche er Einatmen warmer Wasserdämpfe durch die Nase
empfiehlt, und von welchen er als eine bestimmte Form die Ozaena
hervorhebt, deren schwere Heilbarkeit er bereits erkannte (Kauteri-
sation oder lokale Applikation von Terpentinsalben nach Entfernung
der Krusten). Ferner werden die Nasenpolypen (carunculae, polypus)
und andere Tumoren der Nasenhöhle beschrieben, die mit arsenik-
haltigen Salben oder operativ (durch Ablösen und Hervorziehen mit
einem Haken) behandelt werden (lib. VI cap. 8; lib. VII cap. 10 — 11).
Entzündungen des Ohres, deren Gefahren (üebergreifen aufs Gehirn)
betont werden, werden durch Aderlass, warme Umschläge, Einträufeln
warmer Flüssigkeit ins Ohr, narkotisch wirkende Umschläge (Mohn-
saft), Einspritzen medikamentöser Flüssigkeiten bekämpft. Schwer-
hörigkeit erfordert Entfernung des Ohrenschmalzes und sonstiger Un-
reinigkeiten im äusseren Gehörgang, warme Bähungen, Diät u. s. w.
Aehnlich ist die Therapie des Ohrensausens. Fremdkörper werden
mit dem Ohrlöffel, stumpfem Haken oder durch Einspritzungen und
Erschütterungen entfernt (VI, 7). In einem besonderen Kapitel wird
die operative Behandlung der Verschliessung des äusseren Gehör-
ganges und der Defekte des Ohrläppchens (Anfrischung und Naht) be-
handelt (VII, 8). Die Parotitis ist bald genuin, bald Begleiterscheinung
einer fieberhaften Krankheit. Therapie: zerteilende Mittel oder In-
cision (VI, 16). Von hervorragendem Interesse sind die von Celsus
beschriebenen plastischen Operationen am Kopfe. Lib. VII cap. 9
stellt die „älteste im Abendlande verfasste Abhandlung über plastische
Celsus. 435
Chirurgie, die chirurgia curtorum, dar" (E, Gurlt). ^) „Curtum" be-
deutet „Verstümmelung" oder „Lücken, Defekte, Spalten". Die
plastischen Operationen an Ohren, Nasen und Lippen, die in diesem
Kapitel behandelt werden, geschehen nicht nach der seit alter Zeit in
Indien gebräuchlichen Methode, grössere Teile durch einen fast völlig
abgelösten und auf den vorhandenen Defekt gebrachten Hautlappen
zu ersetzen, sondern es handelt sich bei Celsus nur um den Ersatz
kleinerer Defekte durch blosse Yerziehung benachbarter Hautteile,
wobei die von Dieffenbach wieder eingeführten halbmondförmigen
Entspannungsschnitte angewendet werden. — Auch die Mund- und
Zahnleiden werden in dem Werke des Celsus ziemlich ausführlich be-
rücksichtigt (lib. VI cap. 9 — 15 und lib. VII cap. 12). -) Gegen Zahn-
schmerzen empfiehlt er weiche Speisen, Inhalationen von Wasserdampf,
Warmhalten des Kopfes, Abführmittel, Ausspülen des Mundes mit
heissem Kräuterthee, Bestreichen des Zahnfleisches mit Oel, Zug-
pflaster auf die Schulter der schmerzenden Seite, Spalten des cariösen
Zahnes durch Pfefferkörner oder geschälte Epheukörner. Zur Er-
haltung des Zahnes stopft er ein in Wolle gewickeltes Stück Schiefer
in die Höhle, der „erste schüchterne Versuch, eine konservative Zahn-
heilkunde heranzubilden" (Geist-Jacobi). Zur Erleichterung der
Extraktion löse man das Zahnfleisch um den ganzen Zahn, bis er
wackelt und extrahiere ihn dann mit den Fingern, nur im Notfalle
mit der Zange. Bei sehr hohlem Zahn fülle man zur Verhütung des
Abbrechens die Cavität vorher mit gezupfter Leinwand und Blei. Die
Zange muss gerade angesetzt werden. Hat man ein Stück des
Kiefers mit abgebrochen (starke Blutung), so nehme man es mit heraus.
Wackelige Zähne werden mit Golddraht an die Nachbarn gebunden.
Eine bei der Extraktion zurückbleibende Wurzel wird mit einer
Wurzelzange entfernt. Auch die Korrektur abnormer Zahnstellungen
erwähnt Celsus.
Bei Entzündung der Tonsillen sind Bähungen mit warmem Dampfe
nützlich, ferner Hochlagerung des Kopfes, Gurgelungen, Bestreichen
der Mandeln mit Granatapfelsaft, unreifem Traubensaft, eventuell
Incision, leichte Speisen. Granatapfelsaft spielt auch neben Alaun in
der örtlichen Therapie der Mundgeschwüre die Hauptrolle; man muss
oft dabei eine milde Flüssigkeit oder gutes Wasser in den Mund
nehmen. Celsus beschreibt dann sehr gut die aphthösen Geschwüre
und croupartigen Veränderungen der Mund- und Eachenhöhle. Bei
Erkrankung der Säuglinge muss die Amme auch behandelt werden.
Kurz gedenkt Celsus der Zungengeschwüre, besonders der am Zungen-
rande sitzenden, durch einem scharfen Zahn verursachten, ferner der
Parulis, Zahnfleischgeschwüre, Fisteln, Entzündungen der Uvula und
des Lippenkrebses (Aetzmittel, Kauterisation, Exstirpation). Die hyper-
trophischen Mandeln werden entweder mit dem Finger ausgelöst oder
mit einem Haken gefasst und mit dem Messer exstirpiert. Ebenso
Avird das verlängerte, nichtentzündete Zäpfchen abgetragen. Bisweilen
muss die mit den unteren Teilen verwachsene Zunge gelöst werden;
bei der „Ranula" kommt In- und Excision in Betracht. Tiefe Rhagaden
^) Vgl. E. Zeis, „Die Literatur und Geschichte der plastischen Chirurgie",
Leipzig 1863, S. 185.
-) Vgl. dazu auch G. P. Geist-Jacohi, „Geschichte der Zahnheilkunde"
Tübingen 1896, S. 27-37.
28*
436 Iwan Blocn.
der Lippen werden mit dem Glüheisen oberflächlich kauterisiert. In
Kap. 13 des 7. Buches handelt Celsus von den Halsgeschwülsten,
namentlich den verschiedenen Arten des Kropfes (parenchymatöser und
Cystenkropf, Dermoidcysten), der als eine Neubildung- angesehen und
durch Injektionen von Aetzmitteln, Incision und Exstirpation beseitigt
wird. Von den Alfektionen der Finger nennt Celsus Fingergeschwüre,
Nagelekzem und Affektionen des Nagelrandes mit Einschluss des ein-
gewachsenen Nagels; gegen die Granulationswucherungen kommen
Aetzmittel zur Anwendung (VI, 19). Auch die Frostbeulen und Frost-
geschwüre an Fingern und Zehen werden erwähnt. Therapie: warme
Bähungen, Auflegen von warmem Kupfer, Alaun (V, 28, 6). Die Syn-
daktylie und die durch Narbenkontraktur entstandenen Verkrümmungen
der Finger werden in lib. VII cap. 32 behandelt (Exstirpation der
Narben). — Die Krankheiten des Nabels zerfallen in Nabelbrüche (mit
Darm- und Netzinhalt), Nabelgeschwülste und Ausdehnung des Nabels
durch Wasser oder Luft. Nabelbrüche werden entweder mit Bleisalben
behandelt oder besser durch Radikal Operation beseitigt, wobei der des
Inhaltes entleerte Sack zwischen zwei Stäbchen gelegt und durch festes
Zusammenbinden ihrer Enden zum Absterben gebracht wird, oder auch
die Basis des Sackes mit einer Nadel mit doppeltem Faden durchstochen
und abgeschnürt wird (VI, 17 und VII, 14). Bei Ascites wird erst
ein Einschnitt gemacht und dann durch die Oeifnung eine bleierne
oder kupferne Röhre eingeführt, durch welche das Wasser abgelassen
wird, was öfter wiederholt wird (VII, 15). Bei den penetrierenden
Bauchwunden und Darmverletzungen empfiehlt Celsus die Darmnaht
und fasst bei der als fortlaufender Naht mit zwei Nadeln ausgeführten
Bauchnaht das Peritoneum mit. Es ist wohl eine Doppelnaht, erst der
tieferen Teile, dann der Haut (VII, 16). Die „Zerreissung des Peri-
toneums" ist wohl eine Art von Hernie (Vereinigung durch die Naht) ;
in demselben Kapitel werden die am Bauche vorkommenden
Varices erwähnt (VII, 17). Sodann geht Celsus zur Lehre von den
Leistenbrüchen (VII, 18 und 20—24) über, die mit derjenigen von den
Hodenkrankeiten verquickt ist (Oedema scroti ; Hydrocele, deren Haupt-
symptom das Durchscheinen des Lichtes ist ; Varicocele ; Sarcocele,
worunter Tumoren und Orchitis verstanden werden; Hydrocele funi-
culi spermatici; Netzbruch). Die Radikaloperation der Brüche wird
sehr undeutlich beschrieben. Gegen Varicocele und Varicen des
Scrotum kommen Glüheisen, doppelte Unterbindung und Durchschneidung
der freigelegten Venen, sowie unter Umständen die Kastration zur
Anwendung. Tumoren des Hodens werden exstirpiert. — Die Varices
der unteren Extremitäten werden mit dem Glüheisen behandelt oder
exstirpiert (VII, 31), und bei Gangrän eines Gliedes soll die Absetzung
in der Demarkationslinie erfolgen, die Knochen müssen dabei möglichst
hoch abgesägt und mit den erhaltenen Weichteilen ganz bedeckt werden
(VII, 33).
Augenkrankheiten.
Die Augenheilkunde des Celsus ist in zwei Kapiteln enthalten.
Lib. VI cap. 6 enthält die Lehre von den einzelnen Augenkrankheiten
und ihrer nichtoperativen Therapie, lib. VII cap. 7 die chirurgische
Behandlung der Augenleiden. — Die Symptomatologie der Augenent-
zündung (lippitudo) giebt C e 1 s u s im wesentlichen nach Hippokrates
Celsus. 437
(Prorrhet. II, 18). Als Heilmittel bei Augenentzündungen empfiehlt er
Blutentziehungen (bei heftigen Schmerzen), Arzneimittel, Bäder, Wein-
genuss, karge Diät, Laxantien, Euhe, Aufenthalt in dunklen Zimmern.
Als Salbe dient eine solche, die Safran, Myrrhen und Mohnsaft ent-
hält, die man bei Tage mit einem Spatel über das Auge streicht.
Nachts soll man Weissbrotkrume, die in Wein aufgeweicht ist, auf die
Augen legen, wodurch die Eiterabsonderung verringert wird, oder auch
ein mit frischem Eiinhalt und Meth bestrichenes Charpiebäuschchen
oder einen in Wasser oder Essig getauchten, gut ausgedrückten
Schwamm, der immer wieder angefeuchtet wird, applizieren. Bei
heftigen Schmerzen muss Mohnsaft oder Mandragora gegeben werden.
Vom zweiten Krankheitstage ab kann man auch i n das Auge Arznei-
mittel bringen, wozu die Collyrien passend sind, von denen Celsus
zahlreiche zu seiner Zeit berühmte anführt. Auch Einträufeln von
Eiweiss oder Frauenmilch mildert die Entzündung. Bei eintretender
Besserung ist ein Bad nützlich. Bisweilen ist die Entzündung so gross,
dass sie die Augen nach vorn treibt {Ttgomtoaig der Griechen; nach
Hirschberg a) Abscessus orbitae; b) Abscessus s, Phlegmone bulbi
cum chemosi ; c) Blennorrhoea cum chemosi). Dann muss man zur Ader
lassen oder abführen und fasten lassen, warme Bähungen des Auges
vornehmen, blutige Schröpfköpfe ans Hinterhaupt setzen, Einschnitte
in das Auge im Schläfenwinkel machen (Incisio bulbi). Das Staphylom
des Bulbus wird excidiert. Celsus erwähnt dann den „Karbunkel"
des Bulbus und der Lider (Abführmittel, Milch, Diät, entzündungswidrige
Kataplasmen, Leinsamenumschläge). Phlyktänen werden mit Collyrien,
Blutentziehung u. s. w. behandelt, Phthisis bulbi mit milden Um-
schlägen (Milch u. a.). Gegen Läuse in Wimpern und Brauen kommen
Schwefelarsen und kaustische Mittel zur Verwendung; die chronische
Blennorrhoe (wohl besonders nach Trachom) erfordert Abführung,
karge Diät, Einreibung der Stirn mit einer Bleisalbe, Blutentziehung
am Scheitel und den Schläfen, Einreiben einer Salbe mit Hirschhorn,
Opium, Kupfer und Blei. Hornhautgeschwüre werden mit Salben aus
Kupfer und Opium u. a. behandelt, ebenso die Hornhautnarben. Das
Trachom (aspritudo) wird genau beschrieben. Therapie desselben : Blut-
entziehung an der Stirn, warme Bähungen des Kopfes und die Augen,
Skarifikation der Innenfläche der Lider und Ausschaben der Körner
mit Feigenblättern und rauhen Körpern, Bäder, scharfe und verdünnende
Speisen und Kupfersalben z. B. das Kaisercollyr. Der trockene Katarrh
der Augen ist ein solcher ohne Fluss, nur mit Rötung, Gefühl von
Schwere, nächtlicher Verklebung durch Krusten (fleissiges Spazieren-
gehen, häufiges Baden und Schwitzen, Massage). Ferner gedenkt Celsus
der Krätze der Lider, der Amaurose durch Entzündung, Alter und
Schwäche, des Stars (suflfusio), gegen welchen Blutentziehung, scharfe
Salben, den Schleim verdünnende Lebensweise zur Anwendung kommen,
des Augenzitterns (resolutio oculorum) nach spontanen und traumatischen
Hirnleiden, der Mydriasis d. h. Blindheit und Pupillenerweiterung (Ab-
führmittel), der Nachtblindheit, der Blutunterlaufung des Auges. Celsus
erklärt, dass alle diese Krankheiten durch einfache und Hausmittel
beseitigt werden können! Diesen 17 Krankheiten fügt er in dem
chirurgischen Teile noch 13 hinzu. Unter „Vesica pinguis palpebrarum"
versteht Celsus wahrscheinlich angeborene Dermoidgeschwülste der
Lider besonders bei Kindern (Ausschälung der Blase), beschreibt dann
das Gerstenkorn (Bähung, Incision), Chalazion (Incision), Pterygium
438 Iwan Bloch.
(unguis), das excidiert wird (nach Abhebung- des Felles durch einen
Haken und eingefädelte Nadel und ohne Verletzung des Augenwinkels
und der Karunkel; Auseinanderziehen der Lider zur Verhütung der
narbigen Verwachsung), die Karunkelgeschwülste (encanthis), das Ankylo-
blepharon, die Thränensackvereiterung (aegilops), Trichiasis, Lagoph-
thalmus, Ectropium, Staphyloma. Wir finden bei Celsus die Be-
schreibung von 21 Augenoperationen, die zum Teil schon genannt
wurden. Vor allem ist hier die Operation des Stares zu er-
wähnen, die zum ersten Male uns bei Celsus entgegentritt. Der
Star entsteht durch Ausschwitzung in die Pupille und spätere Ge-
rinnung, welche die Sehstörung veranlasst. Man führt bei der Operation
eine Nadel ein und drückt die geronnene Masse nach unten. Diese
Methode wurde bis zum 18. Jahrundert geübt. Auch den Begriff der
„Starreife" (maturitas) kennt Celsus. Bei der Staroperation soll man
das linke Auge mit der rechten Hand, das rechte mit der linken operieren.
' — Gegen Trichiasis empfiehlt Celsus einen Schnitt durch die Innen-
fläche des Lides nahe dem Rande, gegen Ectropium das Glüheisen,
gegen das Staphylom Unterbindung und Ausschneidung.
Gynäkologie und Geburtshilfe.
Gynäkologie und Geburtshilfe sind in dem Werke des Celsus
nur durch die beiden Kapitel 28 und 29 des siebenten Buches ver-
treten. ^) Das erstere, gynäkologischen Inhalts, handelt von der Atresia
vaginae et vulvae, die entweder angeboren oder eine Folge von Ge-
schwüren ist. Im ersteren Falle wird die Scheide durch den stark
entwickelten Hymen imperforatus verschlossen, im zweiten Fall durch
eine narbige Verwachsung. Jene Membran wird durch einen x förmigen
Schnitt incidiert, danach abgetragen, wobei eine Verletzung der Harn-
röhre zu vermeiden ist. Ebenso wird die narbige Verwachsung in-
cidiert, von beiden Schamlippen ein Stück excidiert, und in die so ent-
standene Oeffnung werden lange in Essig getauchte Charpiestreifen
geschoben, später eine bleierne Röhre eingeführt, die man liegen lässt,
bis die Wunde vernarbt ist.
Das andere Kapitel beschäftigt sich mit der Extraktion der im
Uterus abgestorbenen Früchte, was nach Celsus „summam prudentiam
moderationemque" erfordert, aber auch durch die „vulvae mirabilis
natura" unterstützt wird. Man muss die Kreissende in die Querlage
bringen, so dass der Unterleib mit ihren eigenen Schenkeln zusammen-
gedrückt und die Frucht gegen den Muttermund getrieben wird. Wenn
der letztere sich öffnet, bringt der Arzt erst einen Finger, dann all-
mählich die ganze Hand in die Uterushöhle, bisweilen sogar beide
Hände. Bei starker Entzündung der Gebärmutter ist das Einführen
der Hand sehr mühselig und gefährlich und hat oft eklamptische An-
fälle zur Folge. Die abgestorbene Frucht liegt mit dem Kopf oder
den Füssen vor oder quer, jedoch so, dass entweder eine Hand oder
ein Fuss in der Nähe des Muttermundes liegt. Die Extraktion wird
in den ersteren Fällen ohne weiteres vorgenommen, bei Querlage
wird erst die Wendung auf den Kopf oder die Füsse ausgeführt. Bei
^) Ich sehe hier ab von den kurzen Bemerkungen über Applikation von
Arzneien zu gynäkologischen und geburtshilflichen Zwecken, wovon lib. V cap. 21
handelt.
Celsus. 439
Kopflage setzt man einen überall glatten Haken mit kurzer Spitze
ins Auge, Ohr, oder in den Mund ein, bisweilen auch in die Stirn, und
zieht mit ihm das Kind während der Wehen heraus. Während der
Arzt mit der rechten Hand am Haken zieht, wird die linke in die
Gebärmutter eingeführt, um der Frucht zur Leitung zu dienen. Bei
fauliger, wässrig imbibierter Frucht muss man den Körper mit dem
Zeigefinger durchbohren und die zusammengefallene Frucht mit den
Händen extrahieren. Bei Fusslage ist die Extraktion mit den Händen
ebenfalls leicht ausführbar, Misslingt bei Querlage die Wendung, so
setzt man den Haken in die Achselhöhle ein und zieht an, wodurch
der Kopf sich dem Beckenausgang nähert. Dann kann man den Kopf
vom Rumpfe mit einem an der inneren Seite scharfen Haken trennen
und beide Teile hintereinander herausziehen. Stets muss aber der
Kopf vor dem Rumpfe extrahiert werden, ein in dem Uterus zurück-
gebliebener Kopf kann nur schwer durch Ausübung eines starken
Druckes (durch Binde und Hand) herausbefördert werden. Die Steiss-
lage wird in die Fusslage umgewandelt. Nach der Geburt des Körpers
wird die Nabelschnur und die Nachgeburt mit der Hand abgelöst und
entfernt. Dann wird die Wöchnerin mit aneinander gehaltenen
Schenkeln in ein warmes, vor Zug geschütztes Zimmer gebracht und
in Essig und Rosenöl getauchte Wolle auf den Unterleib getaucht.
Bemerkenswert ist die am Schlüsse ausgesprochene Ansicht des Celsus,
dass eine Wöchnerin derselben Behandlung bedürfe wie ein Ver-
wundeter.
Dermatologie, Krankheiten der Geschlechts- und Harnorgane. ^)
Eine verhältnismässig ausführliche Besprechung widmet Celsus
den Haut- und Genitalleiden. Nirgends tritt aber die Unklarheit seiner
Beschreibungen mehr hervor als auf diesem Gebiete, so dass viele der
von ihm geschilderten Dermatosen heute kaum oder gar nicht zu
deuten sind. Uebrigens findet sich dieselbe Undeutlichkeit in der
Schilderung derselben Krankheiten auch bei den übrigen Autoren des
Altertums.
Die Beschreibungen des Karbunkels (V, 28, 1) und Furunkels
(V, 28, 8) entsprechen im ganzen unseren heutigen. Entsprechend der
Gefahr des Karbunkels, die ganz besonders betont wird, ist die
Therapie eine sehr energische (Glüheisen, Aetzmittel). Der Hinweis
auf die Schmerzlosigkeit des Karbunkels scheint doch darauf
hinzudeuten, dass Celsus an dieser und einer späteren Stelle (VI, 18)
den durch dieses Symptom sich auszeichnenden Milz brau dkarbunkel
im Auge hat. Das dem Furunkel ähnliche „Phjma" (V, 28, 9) ist
wohl eine circumscripte Phlegmone, auch vielleicht eine zur Vereiterung
kommende skrophulöse Lymphdrüse, da diese Affektion hauptsächlich
bei Kindern, viel seltener im späteren Alter vorkommt. Deutlich wird
das „Phygethlon" (V, 28, 10) als ein Lymphdrüsenabscess der Hals-,
Axillar- und Inguinalgegend gekennzeichnet. Die lateinische Bezeich-
nung ist „panus". Celsus erwähnt das Auftreten dieser Abscesse
I
') Hierzu vgl. auch Moritz Cohn, „Historische Streifzüge. Celsus," in:
Monatshefte für praktische Dermatologfie (von Unna) Bd. XXIII, 1896, Nr. 12
S. 627—631; Bd. XXV, 1897, Nr. 1 S. 24—27; Nr. 4 S. 161—163; Nr. 8 S. 380— 384:
Nr. 11 S. 545—549; Bd. XXVI, 1898, Nr. 2 S. 96—100; Nr. 8 S. 392—394.
440 Iwan Bloch.
bei fieberhaften Krankheiten. Therapie: zerteilende Mittel, Incision.
Lib. V cap. 28, 13 handelt von den verschiedenen Hautwarzen. Celsus
erwähnt die „Acrochordones", gestielte Warzen; „Thymion" (wegen
seiner Aehnlichkeit mit einer Thymianblüte) kommt hauptsächlich an
den Geschlechtsteilen vor und ist ohne Zweifel unsere venerische
Vegetation (spitzes Kondylom). „Myrmekia" und „Clavus" stellen die
eigentlichen Verrucae vulgares und Hühneraugen dar (Aetzmittel, Ab-
schabung, Abschneiden). Die „Pusteln" (V, 28, 14) umfassen das, was
die Griechen „Exanthem" nennen, ferner alle blasenbildenden Haut-
leiden z. B. die Miliaria, vesikulöse, nässende Ekzeme, vesikulo-
ulcerative Prozesse nach Einwirkung scharfer Medikamente auf die
Haut-, Brand- und Erfrierungsblasen. Als „Phlyzakion" beschreibt
Celsus m. E. sehr deutlich die Aknepusteln, die, wie er ganz richtig
bemerkt, besonders im Knaben- und Jünglingsalter und hauptsächlich
im Gesichte und den Extremitäten, seltener am Rumpfe vorkommt.
Rätselhaft ist die „Nachtblatter" (Epinyktis), die ebenfalls besonders
bei Nacht an den Extremitäten vorkommt und sich durch einen
schleimig-serösen Inhalt und heftige Schmerzen auszeichnet. Sie ist
von schwarzer oder livider Farbe. Wenn C o h n der Schmerzen wegen
hier zu der ganz unhaltbaren Annahme eines Gichtknotens greift,
so liegt eine andere ganz plausible Erklärung viel näher. Es handelt
sich um das thatsächlich fast stets nur an den Extremitäten lokali-
sierte Erythema multiforme, das sehr oft mit heftigen Gelenk-
schmerzen einhergeht, speziell um die blasenbildende Form desselben,
das Erythema bullosum. Bei der Therapie der „pustulae" ist
besonders auf die Diät Rücksicht zu nehmen (Vermeidung scharfer
Speisen), Bewegung, Schwitzbäder, Bleisalben u. s. w. zu verordnen.
Die „Scabies" (V, 28, 15) umfasst verschiedene Formen des Ekzems,
dessen schnelle Ausbreitung und Neigung zu Rezidiven betont werden,
ebenso wie das heftige Jucken des Eczema papulosum. Gegen das
Ekzem verwendet Celsus Zinksalben und Schwefelpasten. Auch die
„Impetigines" und „Papulae" (V, 28, 17—18) schliessen sicher gewisse
Formen des Ekzems mit ein, daneben Psoriasis (weisse Schuppen,
nach deren Wegnahme die Stelle blutet), Ichthyosis (die ganze Haut
überziehende schwarze Schuppen), Herpes tonsurans (kreisförmige Aus-
breitung sehr kleiner Bläschen), Scabies (heftig juckende Bläschen).
V, 28, 19 enthält die Schilderung der verschiedenen Farbenverände-
rungen der Haut. „Alphos" stellt weisse, rauhe Hautflecken dar, die
aussehen, als wenn einige weisse Tropfen auf die Haut gefallen seien.
Manchmal werden diese grösser und kriechen weiter. Das „fere
subasper" und die Tropfen deuten höchstwahrscheinlich auf Psoriasis
guttata, auf welche die Beschreibung ganz vorzüglich passt. Mög-
lich, dass unsere Vitiligo ebenfalls hier untergebracht werden muss.
Die „Melas" kann eine Form der Ichthyosis, auch ein Naevus pigmen-
tosus sein. „Leuke" frisst tiefer in die Haut als „Alphos", trägt oft
weisse Haare (Morphaea alba bei Lepra maculosa). — Die Haar-
leiden werden in lib. VI cap. 1 — 4 besprochen. Verhütet wird das
Ausfallen der Haare durch häufiges Scheren derselben, ferner durch
Auftragen einer Mischung von Oel und Opium. Es giebt eine Alopecie
nach Krankheiten und im Alter, abgesehen von den eigentlichen ge-
nuinen Haarleiden. Unter „Porrigo" versteht Celsus schuppende
und ekzematöse Affektionen der Kopf- und Barthaare, auch der Augen-
brauen, also wohl Pityriasis capitis, Eczema crustosum und seborrhoicura
Celsus. 441
capitis. Das Leiden ist oft Zeichen einer anderen Krankheit, die da-
durch j^ewissermassen eine Ableitung findet. Therapie : Häufiges Haar-
schneiden, Soda mit Essig, Myrobalane mit Wein u. s. w. Die „Sykosis"
umfasst ofienbar unsere heute so genannte Afi'ektion (Herpes tonsurans)
und eine nässende Ekzemform des Kopfes (essigsaure Thonerde und
sonstige feuchte antiseptische Umschläge). Celsus beschreibt sodann
zweierlei Arten von Kahlheit (area). Die Seborrhoe (cutis subpinguis)
wird dabei erwähnt. Die „Alopecie" umfasst wohl unsere ,.Alopecia
areata" und „A. pityroides", entsteht bald im Haupthaare, bald im
Barte, in den verschiedensten Formen (sub qualibet figui-a). Die
„Ophiasis" beginnt am Hinterhaupte und breitet sich in zwei Linien
zu den Ohren, bisweilen auch zur Stirne aus, wo sich beide Linien
vereinigen. Diese Form der .,Area" tritt meist bei Kindern auf, ^)
heilt oft von selbst, während die ,.Alopecie'' der ärztlichen Hilfe be-
darf (Skarifikation, Applikation von Aetzmitteln, tägliches Rasieren).
— Kurz bespricht Celsus dann noch (VI, 5) die Muttermäler, Linsen-
mäler und Sommersprossen (Ephelides, lenticulae, vari).
In der Vorrede zu dem Kapitel über die Krankheiten der männ-
lichen Genitalien (VI, 18) bemerkt Celsus, dass die Griechen mehr
Benennungen für dieselben haben als die Römer, welchen dieses Gebiet
für unanständig gelte, obgleich man in Gesprächen oft dasselbe be-
rühre. Hier tritt der skeptische Standpunkt gegenüber den Fragen
des Sexuallebens deutlich hervor, da die Skeptiker gerade das Betreten
dieses Gebietes durchaus scheuten. Celsus beschreibt dann die
Phimose und Paraphimose, die oft durch Geschwüre an Vorhaut und
Eichel hervorgerufen werden, wahrscheinlich Ulcera mollia. Weiterhin
spricht Celsus von den phagedänischen Schankern und der Zerstörung
der Eichel durch dieselben. Gegen Phimose und Paraphimose kommen
warme Bähungen, Reposition und Incision zur Anwendung. Nach einer
Schilderung des Carcinoma penis beschreibt Celsus als „carbunculus
colis" deutlich den Anthrax des Gliedes. Die Operationen an
der Vorhaut werden in lib. VII cap. 25 mitgeteilt, nämlich die plas-
tische Bildung des fehlenden Präputiums (Posthioplastik) durch Ver-
ziehung der Haut nach vorn, die Phimosenoperation und die Vornahme
der Infibulation zur Erhaltung der Stimme und der Gesundheit bei
Knaben, die nur bei Celsus vorkommt und später nicht wieder er-
wähnt wird. Der Eiterung der Harnröhre (Gonorrhoe) wird II, 8
gedacht, die Spermatorrhoe wird IV, 21 geschildert und Massage, kalte
Begiessungen und Schwimmbäder, kalte Getränke und nicht reizende
Speisen, niedrige Kopflage während des Schlafes dagegen empfohlen.
Ebenso findet die Hodenentzündung Erwähnung (VI, 18, 5; VII, 18),
die Dysurie und Retentio urinae (V, 25; VII, 26, 1). Sehr ausführlich
ist das berühmte Kapitel (VII, 26) über die Steinleiden. Celsus ge-
denkt des Katheterismus und der Urethrotomie bei Einklemmung des
Steines in der Urethra, vor allem aber des S t e i n s c h n i 1 1 e s bei
Knaben zwischen 9 und 14 Jahren. Der in ganz ähnlicher Richtung
wie noch heute beim Seitensteinschnitt halbmondförmig ausgeführte,
nach oben konvexe Schnitt ist mit seinen beiden nach unten stehenden
Hörnern nach beiden Tubera ischii hin gerichtet, am direktesten
^) Neuerdings hat Sabouraud („Ueber eine neue Form von Alopecia areata
beim Kinde (Ophiasis Celsi)", Referat in „Monatsh. f. prakt. Dermatologe Bd. XXVII,
1898, Nr. 3, S. 439) die Ophiasis des Celsus bei Kindern wieder beobachtet.
442 Iwan Bloch.
freilich mit seinem linken Hörne gegen das linke Tuber ischii (v. R y b a
liest statt ad coxä s [ad coxas] : ad coxam sinistram). Ein zu dem
ersten Schnitte, der nur die Dammmuskulatur trennt, querer, hinter
dem Bulbus urethrae, unter der Haut des rechten Wundrandes, durch
die Pars membranacea und prostatica urethrae geführter Schnitt er-
öffnet diese in schräger oder fast longitudinaler Richtung. Der Stein
wird dann mit dem Finger oder Steinlöffel ausgezogen. Ein zu grosser
Stein wird nach der Angabe des Ammonios mit dem Haken in der
Blase fixiert und dann durch ein „ferramentum", auf das Schläge ge-
führt werden, zertrümmert. Bei Weibern wird der Vestibularschnitt
ausgeführt. Ausführlich wird dann die sehr sorgfältige Nachbehandlung
besprochen (adstringierender Verband, warme Bäder, Einspritzungen
in die Blase zur Zerteüung der Blutgerinnsel u. s. w.). — Unter den
Krankheiten des Afters nennt C e 1 s u s spitze Kondylome, Hämorrhoiden,
schwammartiges Geschwür (Papilloma ani), Rhagaden, gegen welche
Affektionen teils Aetzmittel, teils operative Eingriffe und Bäder nützen
(VI, 18, 8—11; VII, 30).
Deontologie.
Nicht die blosse Erfahrung macht den Arzt, sondern die Verbindung
derselben mit der Theorie. Deshalb begnügten sich Hippokrates
und Erasistratos nicht damit, Fieber und Geschwüre zu heilen,
sondern erwarben sich eine naturwissenschaftliche Bildung.
Erst diese ist Vorbedingung einer erfolgreichen Ausübung der Arznei-
kunst (Prooemium). Man darf nicht der Heilkunst zum Vorwurf
machen, was Schuld des sie Ausübenden ist. Die Medizin ist eine „ars
conjecturalis", wobei die Vermutungen zwar öfter eintreffen, aber bis-
weilen fehlschlagen (II, 6). Daher ist eine zweifelhafte Hoffnung der
grundsätzlichen Verzweiflung in der Therapie vorzuziehen (VII, 16),
aber stets im Auge zu behalten, dass der Erfolg der Behandlung nicht
immer den Erwartungen entspricht (VII, 12). Die Beharrlichkeit (und
Konsequenz) des Arztes triumphiert oft über die Krankheit (III, 12).
Die Kühnheit hat oft da Erfolg, wo die allzu grosse Vorsicht scheiterte
(III, 9). Der Misserfolg des Arztes bei akuten Krankheiten ist eher
zu entschuldigen als der bei chronischen Leiden (III, 1). Der Charlatan
macht aus einem kleinen Uebel ein grosses, damit seine Leistungen in
desto hellerem Lichte erscheinen (V, 26, 1). Der erfahrene Arzt soll
nicht gleich bei seinem Eintritt den Puls fühlen, sondern sich zuerst
mit heiterer Miene niedersetzen, sich nach dem Befinden des Kranken
erkundigen, den furchtsamen Kranken beruhigen, und erst dann seine
Hand auf den Körper legen (III, 6). Eine schon dem Ende nahe Krank-
heit kann doch durch passende Heilmittel noch schneller beseitigt werden
(II, 14). Der wahrhaft grosse Arzt gesteht gern einen Irrtum ein,
denn „levia ingenia, quia nihil habent, nihil sibi detrahunt; magno
ingenio, multoque nihilominus habituro, convenit etiam simplex veri
erroris confessio, praecipueque in eo minist erio, quod utilitatis causa
posteris traditur; ne qui decipiantur eadem ratione, qua quis ante
deceptus est" (VIII, 4).
Oelsus. 443
Celsus als Medizinhistoriker.
Mit grosser Pietät pflegt Celsus das Andenken der grossen Aerzte
der Vergangenheit. Er ist der Meinung, dass man zwar die Erfindungen
der Neueren erwähnen, aber auch dasjenige, was sich bereits bei den
Alten findet, dem wirklichen Entdecker lassen müsse (II, 14).
Hieraus erklärt sich der unbefangene und selbständige Standpunkt,
den Celsus gegenüber einem Hippokrates und Asklepiades
u. A. einnimmt, und seine Vorliebe für die geschichtlich-medizinische
Betrachtungsweise. In der Vorrede giebt er eine kurze Uebersicht
über die Entwicklung der Heilkunde. Der Gründer der Medizin ist
Aeskulap. Podalirios und Machaon teilten die Medizin in
Chirurgie und Pharmacie. Dann wurde sie ein Teil der Philosophie
(Pythagoras, Empedokles, Demokrit). Erst Hippokrates
hat die Medizin wieder von der Philosophie getrennt. Seine Nachfolger
von Diokles bis auf Herophilos bildeten die Kunst weiter aus,
durch verschiedene Wege der Therapie. Die Medizin wurde in drei
Teile geschieden: Diätetik, Pharmacie und Chirurgie. Von
diesen teilte sich die Diätetik zuerst in rationale und empirische
Medizin; die Behandlungsweise blieb aber bei beiden dieselbe, bis
Asklepiades die Heilmethode wesentlich umgestaltete. Es wird
dann ausführlich die Ansicht der rationellen und empirischen Aerzte
über die wissenschaftliche Bearbeitung der Medizin erörtert, wobei die
ersteren die Notwendigkeit von Sektionen und pathologisch-anatomischen
Studien betonen, während die Empiriker allein der Erfahrung beim
Heilen vertrauen. Alsdann giebt Celsus eine Darstellung der Lehren
der Methodiker und präzisiert schliesslich seinen eigenen Standpunkt
dahin, dass man auf kluge Weise Theorie und Erfahrung in der Arznei-
kunst verbinden müsse, wenn man ein grosser Arzt werden wolle.
Die Einleitung zum fünften Buch enthält eine kurze Geschichte
der Pharmakologie, als deren Förderer er Erasistratos, die
Empiriker, Herophilos und seine Anhänger, Zeno, Andreas und
Apollonios Mys nennt, während Asklepiades an die Stelle der
Arzneimittel die „victus ratio" setzte.
Im Prooemium des siebenten Buches skizziert Celsus die Ent-
wicklung der Chirurgie, deren eigentlicher Begründer Hippo-
krates sei, die aber besonders durch Philoxenos und andere
alexandrinische Aerzte (Gorgias, Sostratos, Hieron, die beiden
Apollonios, Ammonios), in Kom durch den älteren Tryphon,
Euelpides und Meges ausgebildet wurde. ^)
^) Da Celsus als gebildeter Laie und Sammelschriftsteller eine besondere Stellung
in der römischen Medizin einnimmt, ist die getrennte Darstellung des Inhalts seines
Werks an dieser Stelle gerechtfertigt. Im übrigen verweisen wir auf die zusammen-
hängende Schilderung der römischen Medizin auf p. 323 ff., die mit der griechischen
aus naheliegenden Gründen verflochten werden musste.
Mittelalter.
Einleitung.
Von
Julias Pagel (Berlin).
Wegen der grossen und fast unübersehbaren Litteratur zu diesem Abschnitt
miiss ich mich darauf beschränken, ganz allgemein auf die umfassenden Werke über
allgemeine Weltgeschichte, sowie auf die Werke von Haeser, Puctdtiotti u. Daretn-
berg, endlich für die Litteratur der letzten Jahre auf meine historisch-med. Biblio-
graphie [Berlin 1898) zu verweisen.
Die Heilkunde des „Mittelalters", wie man das zwischen dem
Untergang des weströmischen Reichs (476) und der Entdeckung der
neuen Welt liegende Millennium zu bezeichnen pflegt, beginnt genau
genommen schon bei dem Ableben Galens (um 20Ö — 210 p. Chr.).
Galen selbst, der medizinische Abgott des Mittelalters, wurzelt zwar
noch fast ganz auf antikem Boden, dem er seine beste Kraft verdankt.
Aber die Bedeutung, welche die Epigonen seinen Leistungen beigelegt
haben, führte durch eine Verkettung trüber Verhältnisse in einer auch
sonst der Entwicklung der Wissenschaften im • allgemeinen wenig
günstigen Zeit dahin, dass während eines vollen Jahrtausends und
noch darüber hinaus Natur- und Heilkunde einen so gut wie gänz-
lichen Stillstand, eine Stagnation im schlimmsten Wortsinne erfuhren.
Die unfruchtbarste Periode für medizinische Kunst und Wissenschaft
beginnt mit der blinden Adoption des Galenschen Lehrgebäudes und
hört erst mit dem Zeitpunkt auf, wo man begann, sich von seiner
Autorität loszusagen. AVenn die Universalhistoriker in fast ein-
stimmiger Verurteilung von einem gänzlichen Verfall, von moralischer
und physischer Entartung, von einem äussersten Tiefstand der Kultur
berichten, so liegt darin leider keine Uebertreibung, vielmehr die volle
bittere Wahrheit. x\ber die Gerechtigkeit erheischt gleichzeitig die
Betonung des entschuldigenden Moments von der inneren Notwendig-
keit der mannigfachen Katastrophen, welche das Mittelalter besonders
kennzeichnen. Alles findet hier auf Erden einmal sein Ende; die
heidnische bezw. griechisch-römische Kultur fiel dem Untergange an-
heim, weil sie fallen musste, und sie musste fallen, weil sie gealtert
war, weil sie dem Stürmen und Drängen neuer Gedanken- und Völker-
bewegungen, fremder mit elementarer W^ucht einherbrausender Mächte
448 Julius Pagel. •
keine innere und äussere Kraft mehr gegenüber zu stellen hatte. Auf
die Ueberkultur des dem Marasmus verfallenen Altertums folgte die
Unkultur des Mittelalters gleichsam als Embryonal- und Vorbereitungs-
zustand für eine neue, bessere Zeit. So erscheint dessen Unfrucht-
barkeit in einem milderen Licht. Eine vollständige Aufräumung mit
alten und veralteten Zuständen, eine Zertrümmerung der morschen
Formen und Gestalten musste voraufgehen, ehe Neues aus den Ruinen
geboren werden konnte. Was die graue Vorzeit, die sogenannte
prähistorische Epoche, für die Kulturentwicklung des Altertums war,
das stellt das Mittelalter für die Neuzeit dar, den lange, vielleicht gar
zu lange währenden Schlummer, den Zustand der Quiescenz, ein latentes,
fötales Leben, aus dem nach abermaligen schweren Geburtswehen die
neue Zeit hervorgehen sollte. Das Jahrtausend zwischen der grossen
Völkerverschiebung auf dem alten europäisch-asiatischen Boden bis
zur Völkerwanderung nach dem neu entdeckten Erdteil, in der Zeiten
Unendlichkeit nur eine winzige Spanne, hat der den Geist der Zeiten
zu durchdringen bestrebte Historiker, nicht bloss vom chronologischen,
sondern auch vom pragmatischen Standpunkt, lediglich als Durch-
gangsstadium für die späteren Jahrhunderte, für die in unaufhalt-
samem Vorwärtsschreiten begriffene und hoffentlich noch lange nicht an
einen Euhepunkt gelangende moderne Zeit sich vorzustellen. Freilich
mutatis mutandis — mit der Einschränkung, dass die mittelalterliche
„Barbarei" immerhin bereits eine höhere Organisationsstufe darstellt
gegenüber derjenigen, welche in den Uranfängen des Menschen-
geschlechts waltete. War doch jetzt bereits eine grossartige, Jahr-
tausende alte Kulturepoche voraufgegangen, die selbst in ihren
Trümmern noch grandios und imponierend blieb und unmöglich ohne
weiteres spurlos zu beseitigen war. —
Bei der Betrachtung des Ganges der geschichtlichen Ereignisse
drängen sich naturgemäss die eigentlich politischen Begebenheiten und
Völkerschicksale jener Zeitläufte in den Vordergrund, weil sie gerade
es sind, die dem Zeitalter das charakteristische Gepräge der Labilität
verleihen. Die allmähliche Auflösung der römischen Weltherrschaft,
der Eintritt junger, urwüchsiger, bis dahin wenig bekannter, von
allen Seiten Europas vorrückender Völkerstämme der germanischen
und fränkischen Scharen, denen nicht bloss der völlige Sturz der
römischen Uebermacht, sondern zugleich in öfterem Ringen die end-
gültige Zurückweisung asiatisch-semitischer Nationalität gelingt, das
unaufhörliche Drängen und Stossen der mannigfach auf dem Welt-
schauplatz wechselnden Rassen und Stämme, die kaleidoskopartige
Metamorphose des europäischen Landkartenbildes — alles dies verrät
deutlich genug die Werdevorgänge jener Epoche. Die alte Welt ist
zu einem Tummelplatz des wilden Ringens von wechselnden Strömungen
geworden, unter denen von einer höheren Kultur in gegenwärtigem
Sinne ebensowenig als von einer sozialen Ordnung die Rede sein
konnte. Nicht soziale Ordnung, sondern Unordnung bildet das typische
und charakteristische Element des Mittelalters, ein fortwährendes
Kreissen und Gebären, Untergehen und Wiederaufleben, kurz Mangel
an Stetigkeit, die eine Hauptbedingung zur Blüte eines eigentlichen
Kulturlebens bildet. — Es erscheint nicht wunderbar, dass bei einer
derartigen Zerfahrenheit der politischen und sozialen Verhältnisse den
staatlich- weltlichen Machtfaktoren ein schweres Gegengewicht in einer
Strömung entstand, die ursprünglich zu bescheidenerem Walten und
Mittelalter. Einleitung. 449
lediglich zur anspruchslosen Herrschaft über die Gemüter der Menschen
bestimmt allmählich sich ein weit grösseres Gebiet eroberte und
schliesslich den Sieg über alle Verhältnisse des menschlichen Lebens
davontrug, ich meine die Kirche. In dieser Sphäre, die von manchen
Seiten der Religion gleichgestellt wird, stürmte und drängte es am
gewaltigsten. Die entartete, durch Sektenwesen, Pharisäismus etc.
zerklüftete, unter einem Wust von Ceremonien und Bräuchen erstickt«
Mutterreligion des Judentums gebar im Laufe des Mittelalters drei
Töchter. Vergebens waren aus dem Mosaismus die hehren Grund-
w^ahrheiten, der reine ursprüngliche Kern durch die edle Person und
Lehre eines Jesus von Nazareth zu retten versucht und durch einen
ihrer feurigsten Jünger und Agitatoren aller Welt verkündet worden.
Der AVeg zu einer, die gesamte Menschheit einigenden und beglücken-
den, erlösenden und befreienden, weltumfassenden Religion in höherem
Sinne des Worts war damit noch nicht geebnet. Denn bald hatte die
alte, wie es scheint, aus dem menschlichen Geschlecht unausrottbare
Neigung zur Dogmen- und Legendenbildung, die von jeher ein Verderb
für jede echte Religiosität gewesen ist, die Oberhand gewonnen, und
während eine verachtete Minderheit ihr Heil im treuen Festhalten an
alten Satzungen sah und den Schatz der Ueberlieferungen durch
strenge rabbinische Ummauerung ängstlich zu hüten beflissen war,
wich das junge Christentum durch Verquickung der Lehre seines
Stifters mit heidnisch-griechischen Elementen und philosophischen Ab-
strusitäten, durch Adoption eines auf Sinnenfesselung berechneten
Kultus von Ceremonienflitter und mystischem Kram gar bald weit ab
von den ursprünglich vorgezeichneten Bahnen ,,im Geist und in der
^A'ahrheit". Es suchte nicht bloss die Gemüter zu bekehren, sondern
durch Nachahmung einer äusseren, dem weltlichen Regiment entlehnten
Organisation nach monarchisch-despotischem Muster auch die Herr-
schaft über alle geistigen Interessen der Menschheit zu gewinnen.
Die christliche Hierarchie war auch so ein analoges Recidiv in den
Urzustand, wo bekanntlich das Priestertum den ausschliesslichen
Träger der höheren Kultur bildete. — AVährend sich das Christentum
allmählich Europa eroberte, gew^ann unter einem grossen Teil der
orientalischen Stämme ein Bastard aus Juden- und Judenchristentum,
der ganz nach den Bedürfnissen des Orientalen zugestuzte Islam, die
Oberhand, dessen propagandistische Gelüste eine Zeitlang sogar dem
Christentum sehr gefährlich wurden. Des letzteren Hass gegen
islamitische Invasion loderte in späterer Zeit noch einmal gelegentlich
der unter dem Namen der Kreuzzüge bekannten Offensivstösse zu
hellen Flammen auf. — Die Bedeutung, welche man religiösen Fragen
beilegte, die Heftigkeit, mit der dieselben diskutiert wurden, die Art,
wie diese besonders während der früheren Abschnitte des Mittelalters
im Vordergrund alles Interesses standen, bildet den besten Schlüssel
zum Verständnis für die Methoden und Resultate in den sogen, pro-
fanen Wissensgebieten. Nicht etwa in dem Sinne, dass wissenschaft-
liche Interessen in gleichem Masse wie kirchlich-religiöse Disputationen
die Geister in Bewegung setzten. Ganz im Gegenteil! Gerade die er-
schreckende und betrübende Gleichgültigkeit gegen die ^^'issenschaft
(ausser der theologischen) ist das Charakteristische für den mittelalter-
lichen Geist, besonders im Abendlande zur Zeit, als die christliche
Hierarchie auf der Höhe ihrer Macht stand. Nicht Forschen nach
Neuem, sondern Grübeln über dem Alten, nicht Beobachten und
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 29
45Ö Julius Pag el.
Experimentieren, sondern Spekulieren und Meditieren, nicht selbständige
Untersuchung, sondern gläubige Tradition galt als Aufgabe der Wissen-
schaft. Interpretieren und Kommentieren der Autoritäten war statt-
haft — ganz nach kirchlich theologischem Muster — aber an den
Fundamenten zu rütteln, wäre ein gewagtes Unternehmen in jenen
Zeiten gewesen. Die Herrschaft der Kirche in allen Dingen
hatte zur Folge, dass auch in der Heilkunde das Ueber-
lieferte als aprioristisches Dogma hingestellt, stabi-
liert und im Wesen unverändert beibehalten wurde,
nicht ohne dass man durch philosophische Spekulation, durch einen
Wust künstlicher Deuteleien die eigentlichen Thatsachen, den brauch-
baren Kern der älteren Medizin ganz nach dem verkehrten Geschmack
jener Zeit zurechtgestutzt d. h. entstellt hätte. Schon früh beginnt
die Kunst der Dialektik zu blühen, die in den Talmudschulen so gut
wie von den Arabern gepflegt, auch auf die christliche Kirche über-
ging und begreifen lehren sollte, was man zu glauben verlangte. Nicht
zu verkennen ist, dass Galens Wirken durch schlaue Eklektik, ge-
schickte Systematisierung, gesunde wissenschaftliche Basis und philo-
sophische Verknüpfung von Theorie und Praxis im höchsten Grade zu
der Quiescenz zu verführen geeignet war, welche sehr bald nach ihm
Platz griff. Es erscheint nicht auffallend, wenn in der Folgezeit die
Repräsentanten der medizinischen Wissenschaft diese mit Galens Lehr-
gebäude für abgeschlossen erachteten und von dem Wahne befangen,
es könne Neues in der Medizin nicht mehr gefunden werden, lediglich
das Bestreben zeigten, das Alte zu sammeln, natürlich, um den Schein
der Selbständigkeit zu wahren, entweder in encyklopädischer oder
kompilatorischer Form oder auch mit Hilfe der oben angedeuteten
Auslegungskünste verarbeitet. Dass bei dieser Gelegenheit allerlei
mystisches und legendarisches Element in die Medizin hineingeriet
und besonders die Therapie den Sammelplatz für unglaublich abge-
schmackte und alberne Lehren abgab, war wesentlich die Folge des
Aberglaubens, der in einer Zeit vorherrschen musste, wo einerseits
supranaturalistische Lehren die Gemüter occupierten, andererseits bei der
Schwierigkeit der Verkehrsverhältnisse, bei dem Mangel zuverlässiger
Nachprüfung selbst das Wunderbarste und Kätselhafteste geglaubt
wurde, was von irgendwoher, sei es von phantastischen, erfinderischen
Reisenden oder von unglaubwürdigen thörichten Schriftstellern, vor-
gebracht wurde. Man darf übrigens diese Neigung zur Märchen- und
Legendenbildung nicht lediglich dem Mittelalter aufbürden. Schon
bei den Schriftstellern der römischen Kaiserzeit, bei Curtius, Plinius u. a.
finden wir viel Sagenhaftes mit grosser, behaglicher Breite als Wahr-
heit aufgetischt. Am unheilvollsten gestaltete sich für die Entwick-
lung von Naturwissenschaften und Heilkunde der Einfluss gewisser
philosophischer Richtungen, deren Ausbildung für die Uebergangs-
zeiten an der Schwelle von Altertum und Mittelalter recht charakte-
ristisch ist. Wir werden ihnen im Folgenden noch einige Worte zu
widmen haben. Auch sie bewirkten, dass Vernunft und wahre Wissen-
schaftlichkeit vollständig aus der Heilkunde für längere Zeiten ver-
schwanden, dass Gemüts- und Glaubensleben in ihr überwucherten
und dass in Demut und Gläubigkeit alles blind acceptiert wurde, was
von autoritativer Seite, also von dem durch Avicenna arabisierten und
mit diesem von der Kirche kanonisierten Galen gelehrt worden war.
Pragmatisch betrachtet ist demgemäss die ganze Heilkunde des Mittel-
Mittelalter. Einleitung. 451
alters von nur geringem Wert. In litterarhistorischer Beziehung be-
sitzt sie allerdings auch heute noch eine gewisse Wichtigkeit, einer-
seits weil sie in wahrhaft typischer Weise die Unkultur und den
Geisterschlummer ..mittelalterlicher Finsternis" belegt, andererseits
weil vielfach erst auf dem Umwege durch die mittelalterlichen Litteratur-
produkte genaue Kenntnis von der alten Medizin hat gewonnen werden
können. An der Konservierung der alten Urkunden haben, wie be-
kannt, ein wesentliches Verdienst neben den arabischen Aerzten vor
allem die Klosterinsassen, die frommen Patres, mit ihrer emsigen
Abschreiberthätigkeit. Hierin liegt unverkennbar ein förderndes
Hauptmoment, welches indirekt dem Einfluss der christlichen Kirche
zu verdanken ist. Ihre oberen Würdenträger veranlassten zugleich
in dem Bestreben, die ganze höhere Ausbildung unter ihre Autorität
zu stellen und in ihrem Sinne zu leiten, in einer späteren Zeit die
Abfassung encyklopädischer Werke, in denen auch Medizin und Natur-
wissenschaften ganz in Uebereinstimmung mit den Lehren der Kirche
behandelt wurden. So entstanden denn, besonders von dem übrigens
auch um alle Wissenschaften sehr verdienten Benediktinerorden und
dessen Stifter Benedikt von Nursia (480—543) gefördert, die
seltsamen Produkte der sogenannten Mönchsmediziii, meist abenteuer--
liehe Gemische von Theologie, Mystik, Dreckapotheke und allen mög-
lichen, mitunter sogar recht frivolen und auf den Kitzel der Sinne
berechneten, geschlechtliche Verhältnisse mit einer gewissen Vorliebe
berührenden Mitteilungen, die ein deutliches Licht auf die Unwissen-
heit ihrer Verfasser werfen. — Neben dieser litterarischen Thätigkeit
ist der Einführung des Christentums noch in anderen Beziehungen
direkte und indirekte Förderung der Heilkunde zu danken, nämlich
durch die Schöpfungen von praktischen Einrichtungen zur Armen- und
Krankenpflege, zur Unterstützung durch Alter und Elend geschwächter
und hilfloser Individuen. Die Ausübung von Werken der Barmherzig-
keit bildete einen der vom Judentum her traditionellen Hauptgrund-
sätze der ersten Christen; sie galt für besonders gottgefällig und
wurde verständigerweise als wichtiges Hilfsmittel der äusseren Pro-
paganda verweitet. Auf diesem Boden entstanden als fast vollständiges
Novum die humanitären Institute, die zahlreichen Xenodochien, Gero-
komien, Nosokomien, die Hospitäler und Siechenhäuser, wie sie notorisch
bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, besonders zahl-
reich im oströmischen Reich und im Orient überall in der Gefolg-
schaft christlicher Wirksamkeit unter dem Patronat Irommer Bischöfe,
des Cosmas und Damianus, des heiligen Basilius (um 370 in Cäsarea
in Cappadocien ', des heiligen Hieronymus (in Jerusalem um 450), aber
auch byzantinischer Fürsten und ihrer Gemahlinnen, so der bekannten
Eudoxia (f 440) gegründet wurden. Anstalten für Säuglinge, Findel-
kinder (brebotrophea, orphanotrophea), für arme, kranke Pilger und
Almosenempfänger (lobotrophea, ptochotrophea), für Wohlthätigkeits-
zwecke aller Art existierten nachweislich in ansehnlicher Zahl in den
ältesten Christengemeinden. Ja man traf in unwirtlichen Gegenden
Einrichtungen eigens zu dem Zweck, um verrirrte Wanderer, Ver-
unglückte u. a. durch besondere Sendboten, die sogenannten Parapem-
pontes und Parabolani, aufzusuchen und in geeigneten Hospizen unter-
zubringen.
29*
452 Julius Pagel.
Ejnfluss der Philosophie auf Natur- und Heilkunde. Die sogenannte
zweite Alexandrinische oder Neuplatonische Philosophie.
Die Scholastik.
Zur Litteratiir vgl. die grösseren Quellenwerke der Philosophie- Geschichte, be-
sonders dasjenige von Ueherweg-Heinze.
Die krankhafte Abspannung des Geisteslebens, die allg'emeine Er-
schlaffung, welche in wissenschaftlicher Beziehung während des Mittel-
alters hervortrat, zeigte sich ganz besonders darin, dass ähnliche Bahnen,
wie in der religiösen Bewegung, auch in der Philosophie eingeschlagen
wurden. Auch hier zog ein tiefes Sehnen nach Neuem durch die
Herzen und Köpfe. Der aristotelische Realismus wurde als zu nüchtern
verlassen ; man verwarf auch die übrigen Systeme als für die seelischen
Bedürfnisse unbefriedigend und griff wieder zum alten „Idealismus",
indem man auf Plato zurückging, allerdings in Kombination mit einer
Lehre, die bereits im letzten vorchristlichen Jahrhundert im Schosse
des Judentums Boden gewonnen hatte und zunächst hauptsächlich
dlirch die Sekte der Essäer vertreten war. Schon im babylonischen
Exil waren die Juden mit der ganzen unseligen Kette des persisch-
orientalischen Occultismus bekannt geworden, mit der sogenannten
Emanationslehre, mit einzelnen indischen Vorstellungen, mit Magie,
Astrologie, Dämonenkult u. s. w. Gierig nach Ersatz für verlorene
Güter hatten sie nicht bloss diese religiös-philosophischen Aftergebilde
adoptiert, sondern ihrerseits im Laufe der Zeiten noch weiter aus-
gebildet, mit Elementen der pythagoräischen Philosophie verquickt und
schliesslich auf dieser Grundlage mit überraschender Kongenialität die
berüchtigte „Kabbalah" ^) aufgebaut, die Ausgeburt der verrücktesten
Phantasie, eine Geheimlehre, die am besten und jedenfalls ohne Schaden
für die menschliche Kulturent Wicklung geheim geblieben wäre. Ihren
eigentlichen Kern stellt eine ganz seltsame, mystisch-allegorische Deutung
von Bibelstellen nebst einer der persischen Emanationslehre nach-
gebildeten Kosmologie und Theosophie dar. Die hauptsächlichsten
Verbreiter und praktischen Vertreter dieser Anschauungen waren, wie
gesagt, die Essäer (auch Therapeuten genannt), eine Sekte, deren Mit-
glieder in konsequenter Durchführung ihrer Lehre das ganze Leben
auf das Ueberirdische einrichteten, es von leiblichen Bedürfnissen so-
viel als möglich unabhängig zu machen und so eine thunlichst gott-
ähnliche Heiligkeit zu erreichen suchten. Wirklich gelangten sie all-
mählich beim Volke in den Geruch von AVunderthätern, von Heil-
künstlern, die im stände wären, durch Handauflegen, Berührungen der
Kranken, verbale Suggestion und ähnliche Massnahmen zu kurieren.
In der Folgezeit, wo die Gemüter durch das junge Christentum vor-
nehmlich auf religiöse Fragen umgestimmt und für alle Arten von
transcendentaler Schwärmerei empfänglich gemacht waren, konnte es
^) Es ist bekannt, dass dieser Ausdruck wie die Litteraturprodukte der Kab-
balah (Sohar, Sefer Jezirah etc.) erst dem 12.— 13. Jahrhundert angehören. Trotzdem
mag der Terminus hier schon Verwendung finden, weil im Wesen die Anschauungen
den ersten Jahrhunderten p. Chr. angehören. Vgl. S. Karppe, Etüde sur les
origines et la nature du Zohar. Precedee d'une etude sur l'histoire de la Kabbale.
Paris 1901. F. Alcan. — Selbstverständlich hat das bei Galen oft vorkommende
Wort ,,y.aßßaliaTixri^- (seil, teyvrj) nichts mit der hebr. Kabbalah zu thun.
Mittelalter. Einleitung. 453
nicht ausbleiben, dass auch bei den Anhängern der neuen Eeligion
die erwähnten Lehren Wurzel schlugen. So entstand denn jener
monströse Dreibund, die durch und durch ungesunde Verbindung
zwischen Judenchristentum, platonisch-pythagoräischer Philosophie und
orientalischer Mystik, die sonderbare Eichtungsverschmelzung, die man
als „Neuplatonismus"' oder, wegen der hauptsächlichen Vertretung
durch alexandrinische Gelehrte, auch als zweite alexandrinische Schule
unseligen Angedenkens kennt. Ihre vornehmsten Repräsentanten sind
Männer, die obwohl auf einem sittlich und wissenschaftlich höheren
Niveau stehend als der berüchtigte Zauberer Simon und der etwas
ältere „Wunderthäter" Apollonius von Tyana in den Endzielen
dennoch sich nicht allzuweit von diesen entfernen. P 1 o t i n u s (205—270)
und dessen bekanntester Schüler Porphyr ins waren es besonders, die
das ganze System mit einem pseudowissenschaftlichen Mäntelchen um-
kleidet haben und das in so geschickter und bestechender Form, dass
spätere Kirchenväter, wie Gregor von Nazianz (328—390), der
einflussreiche Augustinus (353—430) und Andere begeisterte An-
hänger dieser Lehre wurden und in ihr erst den passendsten Schlüssel
zum Verständnis des Christentums zu besitzen glaubten. Durch die
genannten Autoritäten hielt der Neuplatonismus nicht bloss in dieses
siegreichen Einzug, sondern begann auch die übrigen Wissenschaften,
besonders die Natur- und Heilkunde zu durchsetzen. An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen ! Schon einmal waren Philosophie und
Naturbetrachtung innig verknüpft gewesen, im Zeitalter der grie-
chischen Naturphilosophen, die, wie wir wissen, auf die Entwicklung
der Medizin als Wissenschaft den segensreichsten Einfluss ausgeübt
haben. Geniale Ideen wirken wie Sturz- und Springfluten. Sie sind
extrem, sie eilen der trägen Masse weit voraus ; da diese nicht folgen
kann, muss im Kampf mit ihr Schritt für Schritt zurückgewichen,
eine Forderung nach der anderen als den realen Verhältnissen wider-
streitend aufgegeben werden. Hat sich aber die Flut verlaufen, so
überzeugt man sich, dass trotz alledem eine Befruchtung mit neuen,
brauchbaren Keimen erfolgt ist und die Sache des Fortschritts ge-
wonnen hat. So bei der griechischen Naturphilosophie. Wie anders
dagegen bei der herrschenden Philosophie im Mittelalter! Welch eine
Philosophie und was für eine Naturforschung! Ihre Früchte liegen
uns leider in der Heilkunde als traurige und abschreckende Specimina
zur Genüge vor. Denn der Neuplatonismus hat es verschuldet, dass
in die Therapie das ganze Heer der magischen Heilformen und -Formeln
von dem berüchtigten Abracadabra, Kalakau u. dergl. bis zu dem selt-
samsten Spruch- und Wortmischmasch aus allen möglichen griechisch-
orientalischen Idiomen seinen Einzug gehalten hat. Die zweite
alexandrinische Schule ist die eigentliche Nährmutter geworden des
gesamten mystischen Unfugs, wie er später in allen möglichen Formen
im Schoss der Heilkunde (als Hexen- und Dämonenglaube, als
Cagliostro's, Swedenborgs u. a. Betrügereien, Mesmerismus, Spiritis-
mus etc. und wie alle diese Milchschwestern heissen) getrieben worden
ist. Dies (und die Förderung des Sektiererwesens in den ersten
christlichen Gemeinden) sind allerdings die unheilvollen Ergebnisse
des Neuplatonismus gewesen, der hervorgegangen aus dem unausrott-
baren Hang der Menge zum Wunderglauben diesen zugleich impulsiv
genährt hat. Die Verschwisterung zwischen durch theologisches Ge-
zanke verunreinigter Philosophie und einer durch den gemeinsten
454 Julius Pagel.
afterphilosopliischen Schwindel entstellten Theologie konnte am aller-
wenigsten der Medizin zum Heil gereichen. — Versöhnend wirkt nur
ein Moment hierbei, nämlich die Thatsache, dass post tot et tanta
aus diesen Lehren, allerdings erst nach einer gründlichen Wandlung
und einem Läuterungsprozess, wie er zunächst noch nicht einmal ge-
ahnt werden konnte, die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft
hervorgegangen sind. Einen nicht unwesentlichen Vorstoss nach dieser
Richtung lieferten, wie bekannt, die Arbeiten der Araber. — In einer
späteren Zeit, als die christliche Kirche den Gipfelpunkt ihrer Macht
erklommen hatte, ging der Neuplatonismus in einer anderen Art von
Philosophie auf, die z. T. schon neben ihm bestanden hatte und mit
ihm unzweifelhaft eine gewisse innere Verwandtschaft besass, zum
mindesten jedenfalls in den Folgen, nämlich in der nicht minder ver-
derblichen Einwirkung auf den Entwicklungsgang der Heilkunde.
Das ist die berüchtigte Scholastik, ein Kind des 9. Jahrhunderts
(vielleicht noch etwas älteren Datums), das unter der Pflege des ein-
flussreichen Dominikaner-Ordens, der „Hauptstütze des Papsttums,
Begründers der Inquisition, fanatischen Gegners jeder freien Regung"
(Haeser) prächtig gedieh und sich fast ein halbes Jahrtausend als
lebensfähig erwies. Aus dem Knäuel zwischen Neuplatonismus, dem
durch Averroes und Maimonides arabisierten Aristotelismus und jüdisch-
mohammedanischer Theosophie hatte sich schliesslich eine Methode
entwickelt, die ebenso einfach als entschieden allen Konflikten zwischen
Religion und freier Forschung ein Ende zu machen berufen schien,
leider aber auf Kosten der letzteren. Wieder einmal sollte der freie
Geist, der sich mitterweile besonders auf den hauptsächlich aus den
Laienschulen hervorgegangenen Universitäten zu regen begonnen hatte,
unterdrückt, den „profanen" Wissenschaften neben der Gottesgelahrt-
heit die zweite Stelle angewiesen, die Philosophie zur Magd der Theo-
logie erniedrigt, Vernunft dem Glauben, Philosophie der Kirche nicht
versöhnend angepasst, sondern geradezu unterworfen werden. Auf
der Stufenleiter der Scholastik, deren untere und mittlere Sprossen
der Ire Johannes Scotus Erigena (f um 880) mit dem Grund-
satz von der Identität der wahren Religion mit der wahren Philo-
sophie (übrigens ganz im Anschluss an den heiligen Augustin) und
der etwa zwei Säcula später wirkende Anselm von Canterbury
(1033 - 1109) besetzt hielten, der eigentliche Vater der „Satisfaktions-
theorie" und der Sentenz: „fides praecedit intellectum, credo ut in-
telligam", sehen wir schliesslich den Pariser Professor Wilhelm
von Champeaux (1070 — 1121), das Haupt der „Realisten", den
siegreichen Gegner der „Nominalisten", die mit ihrem Grundsatz:
„universalia post res", d. h. die Ideen sind Abstraktionen der Dinge,
unterlegen waren. Ueber ihnen allen thronte an höchster Spitze
gleichsam wie ein die Fittige ausbreitender Adler die anfangs wider-
strebende Ecclesia triumphans, in den Klauen als ausgezeichnetes
Deck- und Aushängeschild den Aristoteles haltend, dessen Dialektik
in gänzlich missbräuchlicher Weise als Unterlage einer verkehrten
Methode pseudowissenschaftlicher Bearbeitung dienen musste, wobei
Schlüsse aus absolut unbewiesenen, weil unbeweisbaren, aprioristisch
konstruierten Prämissen das Gerüst und die Stütze für einen soge-
nannten logischen Bau abgaben. Von den naturwissenschaftlichen
Schriften des Aristoteles wollte auch die Kirche nichts wissen. Galen
und Avicenna, die medizinischen Heroen des Mittelalters, galten als
Mittelalter. Einleitung. 455
kanonisch, nur ihre Autorität war nach den Satzungen der Kirche
in der Medizin massgebend; alle weitere Forschung durfte lediglich
die Aufgabe verfolgen, ihre Ergebnisse damit in Einklang zu bringen;
schon ein blosser Versuch eines fundamentalen Widerspruchs, hätte
gleich einem Sacrileg, zu gefährlichen Konflikten mit den Machthabern
der Kirche geführt. Aber wie der Neuplatonismus die Keime der
Naturkunde einer späteren Zeit in sich barg, so hat sich auch aus
dem Schosse der Scholastik gerade als sie sich auf dem Höhepunkt
befand und ihre Fesseln mehr wie je drückten, schliesslich jene Anti-
kritik entwickelt, deren Vertreter freisinnige Würdenträger der Kirche
selbst mit ihrer encjklopädischen Bearbeitung der Naturwissenschaften
die Vorläufer einer Prärenaissance geworden sind und den Boden
bereitet haben, auf dem sich in späterer Zeit die Wiedergeburt der
Wissenschaften vollziehen sollte.
Altgermanische Heilkunde.
Von
M. Höf ler (Tölz).
„Deutsches Krankheitsnamenbuch" {München 1899, Pilofy u. Löhle). — „Krank-
heitsdämonen'^ in: Archiv für Religionswissenschaft 1899, IL Band. — „lieber ger-
manische Heilkunde''^ in: Janus 1897, S. 9 ff. — „lieber die Quellen der populären
deutschen Krankheits-Namen" in den: Verhandlungen der Naturforscher-Versamm-
lung 1894, 502 {Wien). — „Zur Opferanatomie'-', Correspondenz-Bl. f. Anthropo-
logie 1896, 2—12. — Edda, Uebersetzung von W. Jordan, 1889. — W. Schwartz,
Indogerm. Volksglaube, 1885. — E. L. Mochholz, Beutscher Glaube und Brauch
im Spiegel der heidnischen Vorzeit, 1867. — TV. Golther, Handbuch der germani-
schen Mythologie, 1895. — F. Dahn, Deutsche Geschichte I. — W. Mannhard,
Germanische Mythen {Berlin 1858). — M. Dunker, Geschichte der Arier in der
alten Zeit, 1867. — K. Maurer, Die Bekehrung des norweg. Stammes, 1855 — 1856.
— Weinhold, Altnordisches Leben, 1856. — Die Verehrung der Quellen, 1898. —
Deutsche Frauen im Mittelalter, 1851. — Mannheimer, „Etwas über die Aerzte
im alten Frankreich" in: Romanische Forschungen von K. Vollmoeller , 1891,
597. — O. Cockayne, Leechdoms, Wortcunning and Starcraft of Early England,
1864 — 1866. — Henrik Harpestrengs, Danske Laegebog fra det trettende Aar-
hundrede, 1826. — M. Jiartels, Medizin der Naturvölker, 1893. — F. Heinrich,
Ein mittelenglisches Medizi?ibuch, 1896. — Pfeiffer, Zwei deutsche Arzeneybücher
aus dem 12. u. 13. Jahrh. — W, L. JDe Vrees, Middelnederlandsche Genees-
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zeit. Inaug.-Diss. München 1898. Buenos- Ayres. — Schiller -Lübben, Mittel-
niederdeutsches Wörterbuch {Bremen). — tToh. Hoop, Pflanzenaberglaube bei den
Angelsachsen {Globus 1893, S. 303).
Die Germanen bildeten einen Zweig der grossen indogermanischen
Völkerfamilie.
Wie bei anderen Völkern, so entwickelte sich- auch bei den Tndo-
germanen die Heilkunde aus dem Kulte und aus der Erfahrung
vieler. Die Wörtergruppe „heil" in den verschiedenen Seiten des
indogermanischen Sprachstammes , sowie die reiche Begriflfsreihe von
„Opfer", „Reinigung", „Sühne", „Busse", „Segen", „Zauber" und
„Heilung" bezeugen dies.
Altgermanische Medizin. 457
Das Bestreben zu heilen, d. h. Störungen im normalen Lebens-
laufe zu verbessern, entspringt dem Selbsterhaltungstriebe, der sowohl
in dem Individuum wie in der Sippe (Art, Geschlecht) gegeben ist;
dieses Heilbestreben wird durch die ganze Volksmedizin, von dem
arischen Urvolke an bis zu den Deutschen des Mittelalters bethätigt
durch eine Trias von therapeutischen Methoden:
Krüt, stein unde wort
hant an kraeften grozen hört
(Vridank).
Die Kraut er kunst oder der Krautzauber stand einerseits dem
St ein Zauber, der venetischen Kunst, sowie andererseits dem Wort-
zauber. der Gallerkunst (altnord. göldr kynstr) oder schwarzen Kunst
gegenüber. So hatte auch der indische Arier eine nützliche Besserung
oder Busse (got. bota; altnord. boeta; ahd. buoza; mnd. böte =
Heilung durch Segensformeln; westf boeten) der Krankheiten durch
aufwachsende Kräuter (urvarO-baeshaza) , durch den schärfenden
Stein (-Messer) (karetö-baeshaza) (kar = Felsen, Stein; skar =
spalten, schneiden) (conf saxum = Stein, sahs = Messer, sak : secare)
und durch das Wort (mäthra-baeshaza) (jtd&og == Lehre ; fiar-, ment-,
man-, meinen; indog. mantra = Rede, Spruch, madha = Heilkunde).
Der mit dem blossen Zauber- oder Bannworte tröstend heilende Arzt
stand bei den indischen Ariern in höherem Ansehen als der gewalt-
samere Schnittarzt. Besonders lange erhielt sich nun hef den Ger-
manen die Behandlung der Krankheiten mit Heilkräutern, der Kraut-
zauber; auch dann noch, als die Germanen in den Besitz der
griechisch-lateinischen Medizinbücher gelangt waren und sie diese in
ihre Volkssprache übersetzten, blieben sie mit Vorliebe an den pflanz-
lichen Mitteln haften; an die Stelle der chirurgischen Instrumente
der Römer und indischen Drogen substituierten sie die vaterländischen
Kräuter, die „durch sich selbst" d. h. ohne chirurgische Nachhilfe
heilen sollten. Der Steinzauber, der das altehrwürdige Steinmesser
und den Steinhammer mit einschloss. entwickelte das Steinamulett
(Lebensstein), das durch eingeritzte Worte (Runenzeichen) erhöhten
Wert erhielt und als elbisches Mittel, d. li. gegen elbische Böse-
wichter galt; solche Steinamulette gegen allerlei Not und Gefahr
finden sich bereits in den prähistorischen Gräbern der Nordgermanen.
Das magische, suggestiv wirkende Wort, das von besonders Be-
gabten rhythmisch gebunden und zum „Spell" feierlich gefasst wurde,
dem eine zauberisch verborgene Kraft innewohnte, die zum tröstlichen
Segen und zum erlösenden Fluche verwendet wurde, dieser „raunend"
ausgesprochene Gedanke (indog. man = denken; Meinung, vermeint)
entwickelte sich zur „Rune", der Wortzauber zum Runenzauber.
Aus dieser therapeutischen Trias, die sich seit indogermanischen
Zeiten bis auf unsere heutige Volksmedizin fortsetzte, pflegte das
germanische Weib besonders die Pflanzenkunde.
Das Weib, das schon von der Natur als leidender Teil und Prototyp
des Selbsterhaltungstriebes in die Welt der Geschöpfe gesetzt ist, war
die ursprünglichste Hüterin heilkundlichen Wissens und die Spenderin
ärztlicher Hilfe seit Urzeiten; es kann uns darum nicht Wunder
nehmen, wenn wir bei den Germanen das Weib auch im Kultopfer-
dienste vertreten finden. Gerade diese Stellung des germanischen
Weibes als ärztliche Hilfespenderin und pflanzenkuudige Frau mag
458 M. Höfler.
es erklärlich machen, dass (nach Tacitus) die Germanen in demselben
„sanctum aliquid et providum" sahen und es wie eine hochzu verehrende
Persönlichkeit betrachteten; griif es auch niemals in den öifentlichen
Kult ein, so war es doch eine aus dem Opferblute (Guss) weissagende,
die Prognose stellende Kultdienerin, deren Eat (wiborada) gar wohl
beachtet wurde und der, quoad medicinam, hauptsächlich auf ilirer er-
probteren und bei den Germanen besonders lange geübten Pflanzen-
kunde begründet gewesen sein mag; dabei war es fast ausschliesslich
die vom Germanenweibe erreichbare Pflanzenwelt in der nächsten
Umgebung des Wohnhauses, welche ihm zu Heilzwecken zur Verfügung
stand, wenn auch die Bekanntschaft mit einigen fremden Drogen und
Heilkräutern, namentlich mit solchen , die schmerzstillend wirkten,
vorausgesetzt werden darf. Seit Urzeiten stand das Weib als treueste
Hüterin einer Art von Urmedizin in der Familie da ; durch sich selbst
aber würde das germanische Weib niemals, wie die Geschichte lehrt,
diese ärztliche Stellung zur Höhe einer wissenschaftlichen Medizin
emporgehoben haben; auf dem Boden der Nachahmung und auf dem
Wege der äusserst langsam fortschreitenden P>fahrung fussend blieb
es noch viel mehr als der männliche germanische Arzt von dem Banne
des Kultes abhängig, weil die Verwendung der von ihm bevorzugten
Heilmittel, der Heilkräuter, selbst wieder wesentlich vom jahreszeit-
lichen Sonnenstande und damit von den Kultzeiten abhängig war;
durch diese Verbindung der Pflanzenkunde mit dem Kulte kam das
Weib aber auch zu der Stellung des sehr gefürchteten wilden Weibes
aus dem Hage, der zauberkundigen Hexe (= Hagweib), wie ja auch
die Alpbezauberin, die Alpruna (nach Tacitus 8) nahezu göttlich ver-
ehrt und gefürchtet wurde.
Die neuere Forschung hat mit Sicherheit ergeben, dass die Ger-
manen einen ganz grauenhaften Opferkult hatten; während aber nun
bei den klassischen Völkern des Altertums mit zunehmender Kultur
die Opferpriester sich zu einer Priesterkaste, die zum Ausgangspunkte
der Priesterärzte wurde, vereinigten, blieb bei den Germanen diese
Kastenbildung vollständig aus mangels an Kulturcentren, während ihre
westlichen Nachbarn im dichter besiedelten Gallien, die Kelten, eine
solche in den Druiden besassen. Bei dem neben dem Ackerbaue haupt-
sächlich von Krieg und Jagd lebenden germanischen Hirtenvolke, das,
in zahllose Sippen gesondert, ein kulturförderliches Leben in Städten
verschmähte, konnte sich auch kein eigentlicher Aerztestand mangels
einer germanischen Priesterkaste ausbilden, ein wesentlicher Nachteil
für die gedeihliche Entwicklung der germanischen Heilkunde. Das
Bedürfnis nach Teilung der Arbeit und das universelle Verlangen nach
Hilfe veranlasste aber auch bei den Germanen die Entwickelung
solcher Persönlichkeiten aus der Masse des Volkes, welche nicht bloss
Lust und Liebe zum Heilberufe, sondern auch durch eigene und über-
lieferte fremde Erfahrung zu diesem Dienste befähigende Kenntnisse
und Geschicklichkeit hatten. Jeder einzelne, der eines Heilmittels be-
durfte, musste wieder bei dessen Verwendung beim Irrtume seines
Vorfahren anfangen ; nur ganz allmählich befestigte sich im Laufe der
Generationen eine mehr oder weniger berechtigte Wertschätzung der
Wirksamkeit eines Heilmittels; so oft aber diese Empirie des Heil-
verfahrens in der Lage gewesen wäre, das Volk aus den Sphären des
Dämonismus, mit dem der Kult stets verbunden ist, zu befreien, immer
wieder blieb der germanische Heilkünstler an den mitübernommenen
Altgermanische Heilkunde. • 459
Irrtümern des Kultverfahrens haften. — AVährend nun bei den Nord-
germanen, bei welchen die Fürsten auch Opferleiter, d. h. Priester-
könige waren, die angelsächsischen und normanischen Könige durch
den Volksglauben zu Heilkünstlern wurden, findet sich bei den Süd-
germanen, welche schon früher mit den höher kultivierten Nachbar-
völkern in Berührung gekommen waren, davon keine Spur. In der
germanischen Zeit war die Schlachtung jedes Haustieres eine Opfer-
handlung, welcher der „gute" Hausvater, der Gode, vorstand. Opfer-
leiter, Hirten und Tierzüchter (Schäfer und Abdecker), welchen das
Tieropfer die meiste Gelgenheit gab. die Ursache einer Seuche oder
einer Krankheit in dem Leibe des Schlachttieres zu erkennen, mussten,
wenn anders sie genügenden Eifer in der Beobachtung dieses Materials
hatten, darum mit der Zeit eine gewisse Stellung als Heilkünstler sich
erringen, u. a. auch die Schmiede, die beim Hufbeschlage mancherlei
Pferdekrankheiten beobachten konnten und als Künstler galten (alt-
nord. liodasmidir = Liederschmiede, galldrasmidir = Zauberkünstler;
confer. : Kurschmied, Erbschmied ; engl, pintlesmith). Aber die Anzahl
solcher Individuen war bei den Germanen stets nur eine beschränkte,
weil diese Persönlichkeiten nur im kleinen Räume, in der isolierten
Sippensiedelung ohne Konkurrenz thätig waren. Einem äusserst lang-
samen Wege der rohesten Erfahrung stand eben bei den Germanen
nicht die Gunst des Verkehrs, der gegenseitigen Belehrung zur Seite,
welche Kulturcentren, wie Städte, d. h. Wohnungsdichtigkeit, sie bieten.
Der menschliche Verstand hat auch in den primitiven Zeiten stets
das Bedürfnis gehabt, einen Zusammenhang zwischen Erkrankung und
Krankheitsursache herauszubringen. Je nach dem verschiedenen
Schlussvermögen des einzelnen Kranken, das sich mit der jeweiligen
Kulturhölle verändern musste, änderten sich nicht bloss die Personi-
fizierungen der die Krankheiten veranlassenden Ursachen, sondern
auch die Gestalten jener Persönlichkeiten, welchen das Volk in medi-
zinischen Dingen Erfahrung und Kenntnisse zuschrieb. Mit der
Nennung des Krankheitsnamens war der Begriff der Krankheit gegeben
sowie deren Ursache und Behandlung. Je nach dem Bedürfnisse und
je nach den vermeintlichen Ursachen wandte sich darum der Ger-
mane an den Opferleiter oder Gode, wenn es sich darum handelte,
die Gunst der Gottheit für Haus, Sippe oder Land durch blutiges oder
unblutiges Opfer zu gewinnen: an den Galsterer, Lachener oder
Zauberer (altnord. spä-menn [Mann]; spä-konur [Weib]; galdramenn),
wenn es sich darum handelte, die unholden Dämonen in den ver-
schiedensten Gestalten in dem Leibe eines bestimmten Kranken (Indi-
viduum) auszuspähen und durch Zaubermittel oder gellend gesprochene
Bannwoi'te zu verscheuchen, oder an den Einrenker oder Streicher,
an das pflanzenkundige Weib im Walde. Der Namen derKrank-
heit beherrschte die Therapie. Eine einmal benannte Krank-
heit galt schon als halb behandelt; so wurde z. B. jede Art von Bräune
oder Brand, jede Art von Wurm gleich behandelt, nachdem einmal durch
den Heilkünstler oder den Kranken selbst festgestellt worden war,
dass die Krankheit eben eine Bräune oder ein Wurm war. Parotitis
(Ohrwurm) und Panaritium (Finger wurm) wurden als Folge eines
Dämonen Werkes in Wurmgestalt ganz gleich behandelt; Typhus, Rot-
lauf, Blattern, Milzbrand, Lungenentzündung, Pest, Diphtherie, alles
fiel unter den Begriff des Brandes oder der Sucht und wurde dem-
gemäss in gleicher Weise behandelt.
460 M. Höfler.
Während die vorgermanischen Krankheitsnamen grösstenteils auf
subjektive Schmerzqualitäten, sinnfällige Hautveränderungen, ganz
augenscheinliche Gebrechen und Funktionsanomalien sich beschränkten,
brachte erst in der voralthochdeutschen Periode der Zusammenstoss
mit den Römern eine ganz wesentliche Bereicherung von objektiven
Kenntnissen des germanischen Volkes in Bezug auf Krankheiten; bis
dahin und z. T. noch später war die dämonistische Auffassung der letz-
teren auch in der Namengebung noch vorherrschend; denn zur Zeit,
als Hippokrates die griechische Medizin bereits aus den Banden des
Dämonismus befreit hatte, lag die germanische Heilkunde noch ganz
und gar in dessen Banne; auch dann noch, als durch den Verkehr
mit den Römern lateinische Krankheitsnamen bereits an die Stelle
der uralt einheimischen getreten waren (z. B. Fieber, Pein, Pips),
wurden letztere Krankheiten in gleicher Weise, wie unter ihrem ger-
manischen Namen fortbehandelt.
Die Krankheit ohne natürliche Ursache galt dem Germanen als
unnatürlich, als eine übernatürliche Strafe der Gottheit, die mit
Opfergaben (Busse) zu versöhnen, seine erste Aufgabe war; denn dies
war die erste Bedingung zur Erreichung irgend eines Heilerfolges;
die Gunst der Gottheit konnte man nur durch das blutige Opfer (oder
dessen Stellvertretung) erkaufen; durch das ganze Gebiet der ger-
manischen Volksmedizin lässt sich dieser Gedankengang bis auf unsere
Tage nachweisen. Der Heilgott Allvater Wotan-Odin, dessen eines
Auge die lichtspendende Sonne am Himmel vorstellte, war der Sonnen-,
Wind- und Fruchtbarkeitgott, der auch die elbischen Dämonen be-
herrschte und so die Krankheiten abwehrte; er war als Zaubervater
(altnord. galdrs-father) im Besitze des Kraut- und kräftigsten Runen-
zaubers, der mächtigsten Bannsprüche; mit seinem einen Auge, der
Sonne, dem leuchtenden Himmelsgestirne, vertrieb er mit Tagesanbruch
beim Hahnschrei die lichtscheuen Eiben, die Krankheitsdämonen und
nächtlichen Fiebergeister, die den Nachtschaden (Alpdruck, Delirium)
bringen, er wurde so zum Alpverdruss (= graetialfa). Eine Haupt-
aufgabe des germanischen Medizinmannes war es nun, gegen diese
dämonischen Lebewesen vorzugehen, d. h. gegen diejenigen Krank-
heiten, welche man heute vorzugsweise als „infektiös" und „nervös"
(sit venia verbo!) bezeichnen würde; dazu bedurfte er übernatürlicher
Zauberkraft; er musste nach dem damaligen Gedankengange die
elbischen Geister aus dem Körper des Kranken heraus irgendwo anders
hin vertreiben, in den wilden Wald, woher sie gekommen, zurück-
bannen, in den Baum verpflocken, auf Pflanzen versetzen (Trans-
plantation), in sein Zaubergerät, in seine Fetischtiere (Kröte) oder
sonst in ein anderes Tier verjagen, wie er selbst als ein solcher Zau-
berer aber wiederum im Verdachte stand, aus diesen Stätten und
Tieren die unholden Dämonen in den Menschen hineinzaubern zu
können. Wie der Opferpriester oder Gode durch das blutige Opfer
und durch die Versöhnung der Gottheit die Seuchendämonen ron
Land, Sippe und Haus ferne hielt, so musste der germanische Zau-
berer von dem einzelnen Individuum die einzelnen unguten Elben-
gestalten oder Dämonen abwehren.
Unter Verweisung auf die in obiger Litteraturangabe erwähnte
Abhandlung „über die Krankheitsdämonen" und auf Janus 1900 10.
S. 512 wäre hier nur anzuführen, dass der indogermanische Alpdämon,
der sich aus dem physiologischen Alptraume entwickelt hatte, zu den
Altgermanische Heilkunde. 461
verschiedensten elbischen Gestalten sich ausbildete, die in ihren all-
gemeinen Grundtypen noch gemeingermanisch sind, während in dem
Götterglauben die verschiedenen germanischen Stämme ihre eigenen
Wege gegangen waren.
Man darf nun nicht glauben, dass jede Krankheit von dem Ger-
manen dämonistisch aufgefasst worden wäre. Nur da, wo sein Kausalitäts-
bedürfnis ihn dazu veranlasste, wo andere sog. natürliche Ursachen
für ihn und seine Mitwelt nicht gegeben waren, galt ihm die Krank-
heit als das Werk eines ihm feindlich gesinnten Unholden (Alp, Mar,
Troll etc.). Wie es stets natürliche Ursachen der Erkrankung auch
für den rohesten Wilden giebt, so gab es auch von jeher schon eine
natürliche Hilfe gegen dieselbe. Die Eegel ist in der Natur die gi'au-
samste Eücksichtslosigkeit gegen die Mitwelt und diese wird auch in
der Urmenschheit an der Tagesordnung gewesen sein. Die Krank-
heit, die als eine Art Vorläufer des Todes angesehen wurde, veranlasste,
dass der davon Befallene geflohen und aufgegeben oder abgesondert
wurde, wie es die wilden Völkerschaften noch thun; damit war der
Kranke auf seine Selbsthilfe angewiesen. Für den Germanen war der
Tod durch Krankheiten oder Alter, der sogenannte Strohtod, kein
ehrenvoller; das Alter kam ihm furchtbar vor; ja nicht selten tötete
man die Kranken, Gebrechlichen und alten Leute (norweg. mand-slaet,
Mannsschlag = Altersschwäche ; altnord. grafgangsmenn = Grabgang-
männer, die im Grabe ausgesetzt wurden) ; viele mögen auch im Qualm
des Stubenrauches (altnord. stofioreyk) auf dem Strohlager erstickt sein
(altnord. strä-daudhr). —
Um bei seinen Göttern nach dem Tode ruhmvoll aufgenommen
zu sein, musste der Germane seine Wundenmarke aufweisen können;
er ritzte sich selbst solche vor seinem Tode ein; mit einem Hautmal
(Marke) versehen, konnte er in Walhalla eintreten. Schmerz war
dem Germanen noch keine Krankheit, der Schweiss ihm nur ein
Zeichen der Schwäche; heil war er, wenn er unverletzt aus der
Schlacht zurückkehrte; Gesundheit, eine Lebenserfahrung des gereif-
teren Alters und der friedlichen Kultur, ist auch dem primitiven,
rohen Menschen eine selbstverständliche Beigabe zum Leben. Die
meisten germanischen Heilkräuter sind Wundkräuter. Das kriegerische
Volk der Germanen, dessen intellektuellen oder moralischen Begriffe
fast sämtlich in Beziehung zu Krieg und Kampf traten (Kluge), nahm
mit Vorliebe seine Vergleiche der Krankheitserscheinungen aus dem
Bilde des Schlachtkampfes; es bezeichnete dieselben als einen Kampf
mit feindlichen Gegnern, und seine Krankheitsdämonen führen die-
selben Waff"en gegen die Menschheit wie es selbst (Keulen- und Beil-)
Schlag, Axt, Pfeil, Schleuder, Ger und Speer. Ueber die normalen
physiologischen Vorgänge im menschlichen Körper aber holte es
sich seine Vergleichsbilder aus seiner dürftigen Küche (Mühle. Back-
ofen) und vom Webstuhle. Schon damals war das feste Fett (Schmalz)
der Hauptbestandteil zur Bereitung der Speisen; während die süd-
lichen Völker mit flüssigem Oele kochten, schmolz der Germane das
feste Fett, machte es wie Schnee auftauen; darum Avar dem Gräko-
romauen die Magenfunktion eine Kochung, dem Germanen eine
Schmelzung oder Ver,,dau"ung. Der Herzschlag war ihm bekannt,
die Pulsbeobachtung aber fehlte dem germanischen Heilkünstler gänz-
lich ; dagegen ist die Grösse der kindlichen Fontanelle (= Blatt) aller
462 M. Höfler.
Wahrscheinlichkeit nach schon zu germanischen Zeiten untersucht
worden.
Die anatomischen Verhältnisse kannte man fast nur aus Ver-
wundungen und aus der Anatomia culinaris, die sich aus der Anatomia sa-
cralis der Opfertiere ableitet. Alles, was in der Küche Verwertung fand,
wurde eingehender berücksichtigt; besonders aber waren die Knochen
(Beine) reichlich benannt und bekannt; ebenso die einzelnen Abschnitte
der Eingeweide (inn-ofli, inn-ulf) und Fettteile beim Schlachttiere ; das Ge-
hirn wie auch die Leber wurden als dreilappig bezeichnet ; das Fleisch um
gewisse Organe herum übernahm den Namen tür diese letzteren und um-
gekehrt. Niere z. B. ist Nierenbrät und Lendengegend incl. Hoden;
Mittelgarn (Mittger) ist Zwerchfell, Niere, Eückfleisch und Darm;
Schinken ist Schenkelfleisch, Lende und Nierenfett. Der Herzbeutel
(Vorherz) galt als ein Teil des Zwerchfells (= Mittelreff, Färch), da
er bei der Eröffnung des Opfertieres und bei der Herausnahme des
Herzens an der Herzwurzei (altdän. hiartce r0toer = praecordia) durch
den Gode (= Blutmann oder Sudmann) von jenem abgelöst wurde.
„Ader" war alles hohle Eingeweide, selbst die Sehnenscheide, Die
bittere Galle galt als un „zehbar", d. h. nicht opferbar, wie auch das
mit ün„geziefer" (Parasiten) durchsetzte, unreine Fleisch, Lungen-
oder Lebergewebe etc. Diese fast nur auf das ün„ziefer" beim
Grossvieh (zebar, tifer, toi vre) beschränkte pathologische Ana-
tomie konnte nur wenig andere Beobachtungsresultate aufweisen,
z. B. die schalenförmigen Osteophytenablagerungen am Pferdefusse,
die wie ein brüchiger Gesteinsspat gespachtet (Spat), abgespaltet
werden konnten, dürften eine Beobachtung beim germanischen Pferde-
opfer von Seite des Gode gewesen sein; ferner das durch Endarteriitis
verkalkte Steinherz mit den steinharten, atheromatösen Konkretionen.
Während der Gode aber seine Kulthandlungen öffentlich im Allah
vollzog, lag über der Thätigkeit des Zauberers etwas Unheimliches;
alle die Mittel, die ihm seine Zauberlist eingab, magische Zeichen,
Eunenstäbe, gereimte und ungereimte Bannworte, Opferteile und Gesang,
Pflanzensäfte, Gift etc. traten damit begrifflich in die Vorstellung des
Zaubers über; wie innig Opferkult, Heilkunde und Zauber nach dem
germanischen Volksbegriffe zusammenhingen, geht aus dem deutschen
Volksglauben hervor, wonach gewerbsmässige Zauberer es nicht unter-
lassen dürfen, zwischen je 3 Zauberkuren die Schlachtung eines Tieres,
d. h. ein blutiges Opfer einzulegen.
Der zauberkundige Medizinmann hatte bei den Nordgermanen
eine grimmig aussehende Holzlarve (ahd. grimma; Grimasse), ein
Zaubergewand (altnord. trollsham) und einen Gallererhut (ahd. galera
hut); am Korkgürtel hing ihm ein Lederbeutel; ein mit Steinen be-
setzter Messingknopf sass auf dem Zauberstabe; das Zaubergerät in
der blasenartigen Ledertasche bestand aus Pferdezähnen, Luxkrallen,
Vogelluftröhre, Schlangenwirbelknochen, Totenknochen, Eichhörnchen-
Unterkiefer, Falkenklauen, Mittelmeermuschelu, Bernstein, Feuerstein,
Krystallen etc., lauter Gegenständen, die in der heutigen Volksmedizin
noch ihre Rolle fortfristen.
Der eigentliche Name für den germanischen Medizinmann wäre
„Lachner" gewesen, (got.) leikeis, (angels.) laeca, (engl.) leech. (nord-
germ.) laecknari, (ahd.) lähhi. Er war in erster Linie eine Persön-
lichkeit, die des Zaubers kundig galt, worunter man das mit roter
(Menig-)Farbe aufgetragene Mal oder Lach (lat. Signum = Segen)
Altgermanische Heilkunde. 463
verstand, welches der Lachner mit dem Heil-, Lachner- oder Arzt-
flnger (ahd, lähhi ; angels. haletend = digitus salutaris = angls. lace-
finger) auf die kranke, leidende Stelle machte; unter Besegnungs- oder
Beschwörungsformeln bezeichnete er durch die blutrote Farbe die
Stelle, wo der die Krankheit verursachende Dämon im Körper sitzen
sollte. Eigentlich sollte schon das blosse „Berühren" dieses Dämonen-
sitzes mit dem sogenannten Kedfinger, der in das dämonenvertreibende
Opferblut eingetaucht worden war, den Krankheitsgeist zum Ent-
weichen bringen. Einen solchen Zauberfinger musste vor allem der
Opferleiter selbst haben; daher erklärt es sich, dass die angelsäch-
sischen und normannischen Könige, welche Priesterkönige waren, mit
ihrer Königshand, d. h. durch Auflegen ihrer Heilhände nach dem
Volksglauben das sogenannte Königsübel, d. h. skrophulöse Halsdrüsen-
knollen zur Heilung brachten. Diese Vorstellung, dass schon die
blosse „Berührung" mit solchen Heilhänden (Lachnershänden) Heil-
kraft besitze, hatten wohl schon auch die Indogermanen ; die Ger-
manen nannten den starken Zauberfinger auch Wotansfinger nach dem
Stammvater aller Heilkünstler und der angelsächsischen Könige, dem
Heilgotte Wotan. (Bei den Deutschen heisst er auch Metzgerfinger.)
Auch das geburtshelfende Mitweib zog in der Höhlung der Hand
die abringelnden Zauberzeichen, mit der Spitze des Fingers, die Faust
umspannend, und beschwor so der gütigen Dämonen Beistand, damit
die Kreissende werde ledig der Geburt. Der Zauberer musste im
Stande sein, solche Zauberzeichen abzulesen, und hiess darum auch
„Ableser". Namentlich musste er die Runenschrift, welche mit roter
Menigfarbe eingeritzt war, zu lesen verstehen, eine Kenntnis, welche
zuerst das geheimnisvolle Eigentum gewisser Leute war, die selbst
wieder im Besitze heilkräftig geltender Mittel aas der Sphäre des
blutigen Opferkultes, zauberhafter Banntiere, Heilkräuter und sonstigen
Zaubergerätes waren. Alle diese Beigaben des germanischen Medizin-
mannes übernahmen so von der roten Menigfarbe, (angels.) teafor =
Zauberfarbe; (germ.) taufra, den Begriff' des „Zaubers". Durch seine
Zauberkunst galt er als ein Wesen, welches übernatürliches Wissen
besass und dem Opferpriester zur Seite stand. Das vom germanischen
Zauberer bereitete verwirrende Zaubergift hiess Luppe, das er aus
den uralten Zauberkräutern, auch Lüppkräuter genannt, z. B. Akonit
und Veratrum, bereitete durch Zerquetschung der Pflanzen zwischen
zwei Steinen oder bei der Verwesung (visus, virus, Hog) gewisser
Tierleichen [angels. thung = Gift] gewann. Zwischen der indoger-
manischen Zeit, in der das Gift (vis) mehr ein Ptomain (Aasgift)
gewesen zu sein scheint, und der germanischen Periode, in der das
„Gift" mehr ein mit anderen Stoifen (Meth) „gegebener" Pflanzenstoff"
(lüppe) war, trat wohl die Volkserfahrung ein, dass Feuer, bezw.
Kochen und Reinlichkeit (Wasser) die Verwesungsgifte oft unschäd-
lich zu machen im stände ist. Die meisten germanischen Gifte haben
eine zuerst wütendtoll machende, dann betäubende, bezw. rasch läh-
mende Wirkung. Zwei weitere germanische Gift arten waren das
brennend heisse (germ. ait) Schwellung machende, meist durch einen
Biss vermittelte, tierische Gift (Eiter), sowie das flüssige, wie im
Gusse (gud, gund) rinnende, ansteckende Körpersekret (Gund) (ahd.
gunt; angls. gund; got. gunds == tabidus humor, sanies, pus; adän.
gund = epiphora, livor, lippitudo).
Kräuter, Stein und Wort [mnd. boter wort = heilendes Wort]
464 M. Höfler.
waren die zur Besserung (Busse) der Krankheit nötigen Mittel des
Lachners, seine Zauberlist, um die Dämonen zu verscheuchen und
ferne zu halten. „Astrunen sollst du kennen, eh' du willst Lachner
werden", lehrte Sigtraut den Sifried. Die Nordgerraanen kannten
Alpdruck beseitigende Alprunen (Alraunen, Albruna des Tacitus,
altnord. alfruna), Berge- oder Schutzrunnen (bjargrunar), Liedrunen
(leodrunar).
Die Eune setzte das magische, suggestiv wirkende und tröstende,
geraunte Wort, den Zauberspruch, gegen die Dämonen voraus. Dieser
wurde sowohl von der weisen Frau, dem mit Wundkräutern heilenden
Weibe, von dem Einrenker, dem geburtshelfenden Mitweibe, als von
dem giftkundigen Lüppner und dem dämonverscheuchenden, tanzenden
Gaukler verwendet. Solche Zaubersprüche haben sicher die Angel-
sachsen, bei denen sie um 670 bezeugt sind, vom Festlande mit nach
England hinübergenommen; die Uebereinstimmung derselben mit den
deutschen ist geradezu auffällig.
Eine Art von Gegensatz zum würdevoll und feierlich gesprochenen
Krankheitssegen und altehrwürdigen Zauberspruche bildete das Ge-
schrei, der „gelle" Laut des germanischen Medizinmannes, womit
dieser als „Galler" oder „Galsterer" die Dämonen verscheuchen wollte.
Vergalsterung war so viel wie Verzauberung. „Beschreien" und
„berufen" waren auch späterhin die Bezeichnungen für „bezaubern"
(= Incantatio); vielleicht war es auch oft ein laut geschrieener
Zaubergesang, „Galster", welcher während der Beräucherung des
Kranken mit den sogenannten „Berufs"-Kräutern als Haupthandlung
des „Galler" galt. Allemanische Gefangene rühmten sich, durch ihren
Zaubergesang (altnord. golugaldrar) den römischen Kaiser Caracalla
wahnsinnig gemacht, d. h. „beschrieen, berufen" zu haben. Die christ-
lichen Angelsachsen verfügten sogar über Fieber vertreibenden Ge-
sang (fefer-cynnes gealdor) und ägyptische Magierlieder (egyptisce
galdru).
Laute Lieder vor der Gebärenden sitzend zu singen zu deren
Nothilfe, war auch Aufgabe des zauberkundigen Liedersassen (ahd.
hleodarsazzo), und in der Edda setzt sich eine Hebamme, welche zur
Geburtshilfe herbeigeritten kam, milden Gemüts zwischen des Mädchens
Kniee und singt „gewaltige Weisen" der Gebärenden zum Beistand.
Dass vom lauten Zaubergesang und vom gellen Schrei kein weiter
Schritt ist zum lärmenden Drohworte, ist wohl erklärlich. Auch in
den Bannformeln findet sich dieses Mittel, durch Drohworte, andern-
falls durch Schmeichelworte oder versöhnende Opfergaben die Dämonen
zu veranlassen, von ihrem Opfer zu weichen. Halfen die Drohworte
nicht, so musste der Kranke als der Sitz des krankmachenden Dämons
mit Gewalt, d. h. durch Prügel behandelt werden. Vielleicht hat sich
dadurch auch eine Art von Mechanotherapie und Massage, die
Knetung, Streichung und Klopfung der vom schelmischen Dämon zum
Sitze erkorenen Drüsen entwickelt. Jedenfalls ist es erklärlich und
den bei wilden Völkern beobachtbaren Gebräuchen vollkommen analog,
wenn solche Galsterer, die durch Lärm und Gewaltmittel die Krank-
heitsdämonen vertreiben wollten, dabei eine möglichst fratzenhafte
Grimasse annahmen und so similia similibus, Furcht mit Furcht, Eisse
mit Grimme überbieten 'wollten.
Die germanische Massage des Abdomen in der Form einer um-
fangenden Begreifung der beiden Bauchseiten mittels der streichenden
Altgermanische Heilkunde. 465
oder sich gleitend fortbewegenden schleifenden Hände unter gleich-
zeitiger Mitwalgerung eines die jeweilige Krankheit aufnehmenden
Gegenstandes (z. B. eines Käfers als Ursache des wiebelnden Bauch-
schmerzes) lässt vermuten, dass man die Krankheit dabei zurück-
versetzen wollte in das Fetischtier. Aus dieser massierenden Streich-
methode, der sich auch die wunderthätigen Heilkünstler der Karolinger-
zeit bedienten (F. Dahn), mag sich auch die äussere Wendung des
Kindes im Mutterleibe entwickelt haben (conf. Engelmann, Die Ge-
burt bei den Urvölkern; deutsch von Hennig. Wien 1884. S. 180).
Das nächste Heilmittel aus der Hand des germanischen Kult-
priesters waren Salz und Wasser, welche auch noch in christlichen
Zeiten dämonenvertreibende Mittel blieben. Die germanischen Priester
leiteten an den Salzquellen oder Hallorten, z. B. Antern, Halle, Suiza,
Schwäbisch-Hall, die Salzbereitung, indem sie über einen Stoss brennen-
der Bäume das Salzwasser laufen und so verdunsten Hessen. Asche
und (schwarzes) Salz bildeten im Wasser die Lauge, welche ebenfalls
einen dämonenvertreibendes Kultmittel beim Laugenbade war. An
den Seeküsten wurde das Salz dadurch gewonnen, dass man Seewasser
auf verbrennenden Moorboden übergoss.
Die Thermen, deren viele die Römer einer einheimischen Sonnen-
gottheit (Balder, Thonar oder Wodan-Odin) gewidmet fanden (heilawäg,
heiliwoog == Heilwoge; altnord. hverir, laugar], benutzte man, um
kranke oder gelähmte Glieder in sie einzutauchen und damit zu
waschen. Unterleibskranke, blutarme Frauen namentlich waren es,
welche diese heissen Quellen zu Bädern versuchten; auch machten die
Nordgermanen schon die Erfahrung, dass man bei ihrer Benutzung
sehr vorsichtig sein müsse, da sie Schwindel und Ohnmacht erregen
können. Die Germanen benutzten als Heilbäder u. A. Spaa (= Tungri
= Tongern), Wiesbaden (Aquae mattiacae), Godes-(Wodes-)Berg und
Baden-Baden (Aquae s. Civitas Aurelia aquensis). Schweigend, mit
entblösstem Haupte, barfuss oder nackt nahte sich der Germane vor
Sonnenaufgang meist an Donnerstagen dem Heilbrunnen und versenkte
als Spende für die Hilfe der Wassergeister eine Opfergabe.
Eines der primitivsten, aber auch am längsten bewahrten Mittel
war das sog. Steinbad in der Badstube, welche an einer Seite eine
Lücke hatte, durch die man heisses Wasser auf die vorher erhitzten
Steine goss; mittels des sich dadurch entwickelnden Dampfes und
unter Einwicklung in Hanfwerg versetzte man dadurch den Körper
in Seh weiss; zum Abwaschen benutzte man warme Lauge oder
Thermal wasser ; eine grössere solche Badestube hiess Badhaus (angels.
baet-hus, von: bähen). Diese bähende Dunstwärme ergab sich aus
der älteren Räucherung, wobei Hanf benutzt worden zu sein
scheint; diesen hatten die Ahnen der Germanen auf ihrer Wanderung
aus dem südlichen Asien durch die Berührung mit nichtindogermani-
schen Völkern im südlichen Russland, wo der Hanf wild wächst, oder
durch den Handel von dorther bereits kennen gelernt. Der narkotische
Qualm sollte die Schmerzen bereitenden Dämonen aus dem Leibe des
Kranken vertreiben, wie das Anhauchen oder Anblasen durch
den Kultpriester oder Zauberer auch die Kröpfe (Halsdrüsen) heileU;
bezw. den Dämon aus dem Drüsenkerne in das Zaubergerät versetzen
sollte.
Man darf nun nicht annehmen, dass alles und jedes therapeutische
Handeln beim geraianischen Volke ein rein dämonisches gewesen wäre;
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. 1. 30
466 M. Höfler.
WO eine ganz erklärbare und sichtbare Ursache vorlag, wie z. B. eine
Verwundung, da blieb dieses sicher bei seiner primitiven, empirischen,
nicht däraonistischen Behandlungsmethode. Es ist ganz und gar wahr-
scheinlich, dass, wie bei den schwarzen Naturvölkern in Afrika, selbst
nach ganz verzweifelten Verletzungen die Wundheilung überraschend
leicht und schnell verläuft, auch bei der germanischen Rasse eine
grössere Widerstandsfähigkeit gegenüber den spezifischen Wund-
eiterungserregern bestanden haben wird, die durch eine traditionell
fortbestandene primitive Behandlungsmethode, welche Wundheilung
unterm Schorf anstrebte, eine gewisse Unterstützung erfahren haben
mag. Erst wenn diese empirische, vorzugsweise in Bestreichung und
Bähung der Wunden mit schorfbildenden Heilwurzeln bestehende Be-
handlung nicht zum Ziele führte und dadurch abnorm verlief, dass
zur Wunde etwas Unerklärliches, z. B. die Wundsucht, das Rotlauf
oder der Brand, sich hinzugesellte, dann traten wieder die dämonen-
vertreibenden, mikrobenfeindlichen Zauber- und Hexenkräuter und
sonstige, aus dem Kulte entsprungene Behandlungsmethoden in deu
Vordergrund. Damit gelangen wir in das Gebiet der rein empirisch
erprobten, thatsäc blichen Heilmittel. Als .solche wären auf-
zuführen: a) die schlafmachenden Mittel, welche zumeist als Räuche-
rungen (Hexenrauch) zur Verwendung gelangten, und zwar das Bilsen-
kraut oder Schlafkraut (Hyoscyamus) (meist gegen Zahnweh), und der
schon erwähnte Hanf; ferner der berauschende Methtrank, sowie die
Schlafwurz (Lactuca) als Wurztrank (angels. wyrt drenc), der Mohn
oder Magschaden, sowie das gegen den elbischen Nachtschaden helfende
Solanum (angels. aelfthone = Alt-Dohne, Alpranke). So gut der als
Heilmittel geltende Bernstein und der Meergi'ies (margarit =- die
Perle, mere greot, angels.) auf den Handelswegen nach dem Süden
schon im 2. Jahrtausend v. Chr. gelangt waren, ebenso gut konnte
auch der Mohn und die Mandragora (Alraun, Zauberwurzel) schon
längst zu den Germanen von dort heraufgedrungen sein. Grösstenteils
traten diese narkotisch wirkenden Kräuter gegen den Alpstich oder
die Pleuro-Pneumonie in Verwendung. Sie gehörten wie der Schierling
zu den Zauberkräutern, welche der Lachner als „Lachenkraut" (oder
Arztwurz) in Verwendung brachte. Das Bestreben, solche importierte
Pflanzen auch in der einheimischen Flora ausfindig zu machen, ver-
anlasste eine Reihe von Kultvorschriften, w^elche der Wurzelgräber zu
beobachten hatte, und die vielleicht durch den Verkehr mit den süd-
lichen Völkern übernommen worden waren. Eine Reihe von ein-
heimischen Pflanzen übernahmen im Volksgebrauche die Bedeutung
und den Namen solcher fremder, narkotischer Kräuter, aber nicht
deren Wirksamkeit. So kommt es, dass die verschiedensten fremden
und einheimischen Pflanzen unter einem germanischen Namen sich
vereinigen lassen ; denn in erster Linie ist das Bedürfnis des Menschen,
der in der Pflanze eine für ihn notwendige Eigenschaft suchte, die
veranlassende Ursache zur Namengebung. So vereinigen die Wund-
kräuter, Alpkräuter, Labkräuter, Schosskräuter, Brandkräuter, Schuss-
kräuter, Giftkräuter, Unholdenkräuter etc. die allerverschiedensten
Pflanzenarten unter ihrem Namen. Solche Pflanzen, welche wir in
die Zeit der germanischen Heilkunde zurückverlegen können, sind
z. B. die in ihrer Verwendungsart als Amulett oder Anhängsel be-
sonders auftälligen Kräuter und weiterhin solche volksmedizinische
Pflanzen, deren Ausgrabungsart oder -zeit (z. B. in der Donnerstag-
Altgermanische Heilkunde. 467
Frühsonne) schon den Stempel des germanischen Alters an sich trägt,
sowie die vom Alahmunt oder Gode beim heidnischen Opfer ver-
wendeten Zauberkräuter und Garben, die mit dem Opfertiere als Alah-
kräuter oder Alah-Samen (= Elsem, Elsen; Artemisia, Wermut) mit-
verbrannt wurden, die Godeskräuter oder Weihkräuter.
Gegen Hautkrankheiten (Flecken) wurden benützt die sogen.
Zitterach- oder (An-)Sprüngkräuter (auch das von den Angelsachsen
neben Aloe, Quecksilber, Zimmt etc. aus Spanien oder Montpellier im-
portierte Scammonium), die schleimige Säfte absondernden Schmer-
kräuter (Sedum, Pinguicula), sowie die Butter (ahd. anko, ancho [unguo]
indog. 6g = Salbe, Unguentum).
Ungemein zahlreich sind die zu „Ruhrtränken" verwendeten
„Blutsucht"- (-- ahd. uz-suht, altdän. ut-sot) oder Ruhrkräuter
(darunter die altberühmte Alantwurz, Inula dysenterica, helenium,
[angels. eolone, elene], conyza, britannica) W^as man zu „Speiträuken"
(altdän. spydrickae, angels. spiw-drence) benützte, ist nicht bekannt,
vielleicht die Brechwurz (Asarum) oder Aschenlaugenwasser,
Gegen den Alp st ich (Pneumonia) wurden gebraucht die ver-
schiedenen Stich- oder Speerwurzen (-kräuter), auch Wielandswurzen
(Valeriana, Thalictrum; altnord. Velands-urt; isl. Velindisurt = brjosta-,
kverka-gras, also für Hals- und Brustkrankheiten benützt). Wielant
ist der Sohn Watos (= Thors), von dem es in der Kütrün heisst:
daz Wate arzät waere von einem wilden wibe.
Besonders lebhaft musste die Forschung nach Schmerz betäuben-
den Qualmkräutern gewesen sein, die, wie ihr Name sagt, als
Räucherung benutzt und gar bald zu den zauberhaft wirkenden Beruf-
kräutern des Galsterers gerechnet wurden; sie kamen aber auch als
Qualm- oder Tolltränke (altdän. Kwaldryk, angels. dolh-drenc, dwele-
drenc; potio, quae dicitur dwalej zur Verwendung. Solche Qualm-
kräuter, welche vor allem die elbischen, stechenden und schmerz-
bereitenden Dämonen vertreiben sollten, waren Strammonium (Rauch-
äpfel) Cannabis (Hanf, s.o.), Bilsenkraut (Hyoscyamus), Chaerophyllum,
AUbungel, Taumel- oder Tollkerbel, Atropa Belladonna (angels. dwale)
und das uralte Nachtschaden- (und Schaden-)kraut (Solanum) (Alfranke
= angels. aelfthone). Als Ervveckungsmittel aus der gefährlichen Nar-
kose, die diese Planzenstotfe erzeugten, mag wohl die Nieswurz oder
irgend ein Spei trank (s. o.) gedient haben.
Wutkräuter und Toll kräuter waren Conium Cicuta (altdän.
othyrt = Eiter- oder Giftvvurz; angels. wöde-hwistle == Wutpfeife,
Wutstengel). Belladonna, Hyoscyamus, Solanum etc.; es waren lauter
Mittel gegen Erregungszustände (Wut, Tollheit, Schmerz).
Der Opferrauch, der auch bei höher kultivierten Völkern ein
dämonenvertrejbendes Kultmittel ist (wie auch das Kultfeuer), musste
zur Erprobung der narkotisch wirkenden Qualmkräuter führen
und weiterhin zur Kenntnis auch anderer Wirkungen der zu Räuehe-
rungen benutzten Kräuter, z. B. Krampfstillung bei schmerzhaften
Uteruskoliken und Wehen, Konservierung (Antimykose) beim Schlacht-
fleische, Stimulation der Schleimhäute beim chronischen Bindehaut-
katarrh (Wacholderrauch) und Schwächezuständen etc.; von dieser
Methode war der nächste Schritt zu Bähungen und Bädern mit
wohlriechenden Heilkräutern.
Die erprobte Wertschätzung dieser Heilmittel führte auch hier
zur Verwendung der Pflanzen als vermeintliches Schutz- und Stärke-
30*
468 M. Höfler.
mittel in der Form von Pflanzenanhängseln, die am Bug (Bugler) beim
Fuss (Beifuss), am linken Arme am Goller (Gollerraute), um die Lende
(Lendenwurz, Gürtler, Beigürtler), am Schoss (Schossmalte) getragen
wurden und ebenfalls zum „Krautzauber" gehörten, während der
„Steinzauber" Feuersteine, Lebenssteine (altnord. lifsstein) etc., weiter-
hin runenbeschriebene Metallgegenstände (Hammer, Einge, eiserne
Pfeile z. B.) als Amulette oder Talismane lieferte; Anhängsel von
anderen Schutz gewährenden Mitteln waren: Zähne von Ebern und
Wölfen, Tierkrallen, trepanierte Knochenteile, Kröten, Opferblut, Alp-
steine (Belemniten, Echiniten) und auch kleine Figuren der Haus-
kobolde (Hauswichtel, Schutzengel). Auch das Zahnangebinde (alt-
nord. tan-fe, isl. tannfe = Zahngeld, Zahngeschenk, fe = pecunia)
blieb bis auf unsere Tage erhalten.
Das Amulett und der Talisman konnten sich nur aus der wirk-
lichen Erprobung wertvoller älterer Mittel ableiten, die man beständig
bei sich tragen wollte. Auch die Germanen waren beim Amulette
am Traditionellen haften geblieben, wie die modernen ^Präger des
Hosenbandordens; das eigentlich Wertvolle solcher Mittel aus längst
verflossenen Zeiten war ja- längst verkannt und zur Nebensache oder
zum nicht mehr verstandenen Rudimente geworden; nur das Wort
des denkenden, tröstenden, mitleidenden Menschen, der „Wortzauber",
in der Rune (Galsterrune, Gebärrune) sinnbildlich einst angedeutet,
blieb immer die Hauptsache und erhielt sich als Krankheitssegen bis
auf unsere Tage.
Zu jenen rein empirisch als wirksam, „wirklich" erprobten, immer-
hin aber mit dem Kulte indirekt zusammenhängenden Mitteln aus der
germanischen Zeit gehört sicher auch die Methode, durch den Maitau
auf den Wiesen in den Morgenstunden zu streichen und so das ge-
lähmte Bein durch den fruchtbaren, gesundheitbringenden Maitau
lebensfrisch zu machen (Leg. Bajuw. et Alam.) — eine Methode, die
erst nach mehr als tausend Jahren wieder popularisiert wurde. Ueber-
haupt war die Zeit des Sonnenstillstandes (St. Johannis- und St. Veits-
tag) eine im heidnischen Sonnenkulte der Germanen vielfach der
Dämonenvertreibung gewidmete Zeitperiode. Vor und nach schweren
Volksseuchen wurden Reigentänze aufgeführt, wobei die Teil-
nehmer wie Unsinnige oder Geisteskranke, vermutlich auch in der
Gestalt von Dämonenfratzen (eges grimme) ihre tollen Gaukelsprünge
zur Dämonenvertreibung in gewissen Kultzeiten und auf gewissen
Kultboden machten. Dieses Vorbild der bis zur ekstatischen Ver-
zückung gesteigerten germanisch - heidnischen Kulttänze finden wir
später z. T. wieder in der Chorea magna Germanorum (Tanzsucht),
sowie im St. Johannis-, St. Veits- und St. Willibrordustanze, im Geister-
tanze, der nach dem Volksglauben vor und nach grossen Pestseuchen
sichtbar ist, in der St. Corneliusseuche und in den Wallfahrten der
sogen. Unsinnigen. Der Tanz (germ. laich: laikaz) war und ist bei
Naturvölkern ein durch die Sinnesnerven suggestiv begeisternd und
vielleicht auch durch die Stoffwechselerhöhung wirkendes Volksmittel,
so auch bei den Germanen (analog den skythischen Orpheotelesten),
wobei diese sicherlich die den Menschen besessenmachenden Dämonen
aus dem Körper der von ihnen umtanzten Epileptischen und Geistes-
kranken, welche der aufgehenden Sonne, dem Allheilmittel, entgegen-
und mittanzen mussten, vertreiben wollten.
Reigen und Gesang, Gaukelei und Galsterei gehörten zur ger-
Altgermanische Heilkunde. 469
manischen Opferfeier, die wir uns mehr orgienartig roh vorstellen
müssen, d. h. als ein graulich wüstes Treiben mit allen Konsequenzen
desselben. Es ist aber sicher, dass die Germanen bereits auch das
an festlichen Tagen übliche Fasten als einen religiösen Begriff
kannten, womit sie zur Sicherung vor fieberhaften Seuchen sich in
Bezug auf Essen und Trinken „fesf'liche „Fesseln" anlegen, d. h.
sich an eine „Fasten "Vorschrift „fesf'binden wollten, namentlich
gegen Kuhrseuchen sollte dieses Tagfasten (angels. daegfaesten) ein
Mittel sein.
Was nun die chirurgischen Verrichtungen aus den ger-
manischen Zeiten betrifft, so müssen wir uns dessen erinnern, dass
die Germanen als ein äusserst kulturfähiges Hirtenvolk aus dem süd-
lichen Asien (Kaukasus oder die Länder zwischen dem kaspischen und
schwarzen Meere) nach den europäischen Ländern auswanderten und
als solches durch den beständigen Verkehr mit dem von ihm gehüteten
Nutz- oder Weidevieh sicher eine Reihe von durch Not und Gewinn-
sucht gelehrten Nutzkräutern, aber auch Handgriffen chirurgischer
Art kannten; dahin gehört z. B. die Kastration des Widders mittels
des Stein-,,Hammers", der den Widder zum „Hammel" machte; diese
schon in indogermanischen Zeiten ausgeführte Zertrümmerung des Hodens
durch Schlag war eine noch zur Zeit Karls des Grossen geübte ger-
manische Verstümmelungsart. Die Kastrationsmethode durch Schnitt
bei Pferden und beim Rinde ist in ihrem Ursprünge weder eine ger-
manische noch deutsche Uebung, da die Germanen sie erst von den
Nachbarvölkern erlernten, und zwar hat es alle Berechtigung, anzu-
nehmen, dass es der mit Giftkräutern (Luppe) vorzugsweise thätige
germanische Zauberer oder „Lüppner" war, welcher diese erlernte
Schnittmethode bei der Kastration als eine Nebenbeschäftigung von
seinen östlichen Nachbarn in der Wallachei (Wallach) zuerst über-
nommen hat und auf die Schnittwunde seine zauberhafte, altgebrauchte
Lüppenwurz (Sanicula) auflegte, was das germanische Volk immer
noch als Hauptsache ansah, da es von jeher an die pflanzlichen Mittel
nahezu ausschliesslich gewohnt war. Uer Begriff des „Lüppens", d. h.
der Zauberthätigkeit durch Lüppkräuter übertrug sich so auch auf
die importierte Schnittkastration, die aber sicherlich ebenso unter
Vergalsterung und Runensprüchen ausgeführt wurde, wie die ältere
Bandkastration (altnord. abbindi ; angls. ahd. ebind mnd. abende). Auch
das ahd. ar-furjan = castrare und ahd. urfur = spado, castratus sind
nur übertragene Bedeutungen, die aus dem culinarischen Reinigungs-
akte bei dem Kultopfer sich ableiten; ahd. für = pur-us, rein, von
innerlichen unzehbaren [ünziefer-jTeilen befreit.
Jedenfalls ist daraus zu entnehmen, dass die Germanen in der
Tierheilkunde chirurgische Eingriffe machten, was sich auch noch
weiterhin bestätigt durch die bei Schäfern lange Zeit geübte, tradi-
tionell fortgelehrte Methode, den Blasenwurm aus dem Gehirne des
tölpelhirnigen, beziehungsweise drehkranken Schafes an der Stelle des
Schädels anzubohren oder mit scharfen Feuersteinen abzuschaben, wo
derselbe durch den Druck der Wurmblase am weichsten geworden
war. Vielleicht sind die in Mittel- und Süddeutschland, Belgien,
Böhmen, Dänemark etc. gemachten prähistorischen neolithischen Funde
von trepanierten Menschenschädeln auf diese uralte Vorstellung
eines Wurmes im Gehirne geisteskranker, elbisch verwirrter Menschen
(Tölpel) zurückzuführen, den man auch durch äusserlich erzeugte
47Ö M. Höfler.
Brandblasen, Brandwunden herausbefördern, herausziehen wollte (conf.
Hubertusschlüssel). Der Umstand, dass man dabei ein fremdes Knochen-
stück in der künstlichen Oeflfnung des Schädels fand, spricht für eine
chirurgische Operation, wobei das zu Verlust gegangene Knochenstück
zum Eingange in die Walhalla ersetzt wurde.
Es ist ganz erklärlich, dass die durch Jagd und Krieg mit Wunden
und Verstümmelung — die ungemein zahlreichen althochdeutschen
Worte auf -los begründen das genügend — sehr vertraut gewordenen
Germanen mit heilen Gliedern ins Walhalla hinübergehen wollten,
bedeckt allerdings mit zahlreichen Wundmarken auf der Haut, aber
mit heilen Gliedmassen; man gab ihnen darum solche Ersatzknochen
(conf. Koenen 12*} mit ins Grab, dem Trepanierten also einen solchen
in das elliptische Schädelloch mit abgeschrägten Rändern. Die
Wundenmessung geschah nach Gliedlänge eines darauf gesetzten
Fingers; unter diesem Masse galt die Verwundung nicht als Blut-
schlag.
Üie Knochenwunden wurden in ihrer Schwere bestimmt durch
den mehr weniger lauten Schall des Sequesterknochens, den dieser
auf einem Metallgegenstande auf 9 Schritte Entfernung machte oder
den man „aus den 9 Fächern des Hauses" vernahm.
Eine Eeihe von anderen strafrechtlichen Bestimmungen in den
Gesetzbüchern germanischer Völker lässt uns keinen Zweifel darüber,
dass verschiedene Gliederverstümmelungen mittels bestimmter grösserer
chirurgischer Instrumente: Schrotteisen, Bluteisen (ahd. plut-
isarn). Kerb- und Schröpfeisen, Blutsax (ahd. blodsaex), Schärsax
(ahd. scarsahs), Adersax (angels. oederseax), Bohrer, Zange, Schere,
Schar-Sach, bronzene und knöchere Nähnadeln, Brenn- oder Brateisen,
Schabeisen etc. ausgeführt wurden. Tätowiernadeln, Ohrlöffel, Nagel-
reinigungsstifte, Schere und Rasiermesser sind Instrumente aus der
älteren Bronzezeit; Steinmesser und Holzmesser bestanden sicher noch
neben den bronzenen und eisernen Werkzeugen. „Was vereinzelt (in
merowingisch - fränkischen Gräbern am Niederrheine) an wirklichen
medizinischen Instrumenten gefunden wurde, ist römischen Ursprungs
und vielfach gar nicht in der dem ursprünglichen Gebrauche ent-
sprechenden Art benutzt worden" (Koenen 22*), gewiss ein Beweis,
dass die germanische Chirurgie gegenüber der bei den Römern und
Romanen auf einer sehr niedrigen Stufe gestanden sein muss.
Mit dem Rosteisen, Brenneisen (ahd. brennisan = cauterium) „blen-
dete" man die Augen, aber auch den Krebsschaden und Geschwülste.
679 wird erwähnt, dass der angelsächsische Lachner (leech) Cynifried
oder Cyneferth bei der. Aebtissin und Königin Aetheldryth einen
Tumor operiert und dadurch das Leben derselben erhalten habe. Ab-
scesse eröffnete man durch Aufkerben (angels. ofcearban, cyrf); [germ.
skrap == schröpfen, ritzen, einschneiden ; angels. scearpe, f. = incisura
cutanea; dazu: scharf, schürfen, schrappen etc.]; [indog. skar =
schneiden; germ. sker (Schere); altgerm. skarda = zerschnitten,
Scharte].
In den germanischen Zeiten, in denen Mann gegen Mann sich
schlug, erhielten die verschiedenen Wund arten in den be-
treffenden Volksgesetzen auch ihre durch das Bedürfnis der Differen-
zierung, d. h. durch einen gewissen Grad von wundärztlicher Erfahrung
veranlassten Benennungen je nach der Dignität der Wunde. Man
unterschied damals schon a) die Reff-, Weid- oder Garwunden oder
Altgermanische Heilkunde. 471
Garscliaden (ahd. hrewawunt. g:orawunt. gar- wund; mittelengl. gor-
woundede), penetrierende Bauchwunden, bei welchen das Garn (Darm)
verletzt war und der Darminhalt (gora) ausfloss; zur Sicherung der
Diagnose und Prognose gab man den auf solche Weise Verletzten
Lauch- oder Zwiebel wasser zum Trinken oder Lauch zum Essen ; kam
aus der Bauchwunde der Knoblau chgeruch hervor — jam ölet! — , so
erkannte man sie als gar-wund. Man verkostete auch das aus solchen
Wunden tliessende Blut mit Schnee vermischt; hatte es Kotgeschmack,
so war es Höhlenblut (altnord. holblodh), und die Verletzung galt als
tödlich. Der Abfluss von Synovia (Gliedwoge der Friesen, Gliedöl der
Angelsachsen, Gliedsaft der Angelsachsen. Gliedwasser der Deutschen,
wofür die Lateiner übrigens keinen eigentlichen Terminus hatten)
wurde als prognostisch sehr wichtig wohl berücksichtigt von den Ger-
manen; b) die Knochenwunden (Beinschrott) mit Knochensplitterung,
solche mit Blosslegung der Schädelknochen (Gibelschein, ahd. gibal-
sceini) ; c) die mit eisernen (glatten, reinen) Waffen zugefügten Schnitt-
wunden, (got.) beniwunda; (angels.) isene gewundod; d) die frischen,
neuen Wunden (altdän. friskae saar, ny-hughet saar, ny-skoraet saar),
die leichter heilbar, genisig waren ; e) die schon verunreinigten W^unden
mit geschwollenen, hitzigen Wundrändern (Wundenhitze) und wärchen-
dem Eiterfluss; f) die mit vergifteten (gelüppten) Pfeilen (angels.
goluppeten pfil; altdän. etgergutaet wapn = vergifteten Waffen) ge-
setzten, gefährlichen Wunden (Skorpiongift?, Echium vulgare?, Aconi-
tum? = ahd. luppewurz); g) die tiefen Wunden mit arterieller und
lebensgetährlicher Blutung (Bogenwunden und Färch wunden); li) sep-
tisch infizierte, üble, brandige, faule Wunden (angels. forrotade wunda,
engl, rüttedwounds; altdän. ilh^ saar, swartge saar, fulae saar), die mit
Schüttelfrost gefolgt waren (angels. forcillede wunda); i) Wunden, in
welchen sich der Eiterwurm, Wundenwurm d. h. die Fliegenmade auf-
hielt (altdän. saar thaer ormae g0rthe) und die durch Besprechung —
ein typisches Zeichen hohen Alters — noch im Mittelalter behandelt
wurden.
Eine gewisse Ahnung von Aseptik hatten allerdings auch die
Germanen, da sie glatte, reine, d. h. mit dem Lebenssteine geriebene,
schmutzfreiere Schwerter für nicht giftig hielten. Die vom men-
struierenden Weibe berührten Waffen betrachteten sie als giftig; ihre
offenen Wunden aber übergaben sie den Frauen zur Pflege. Zu den
Müttern wie zu den Gattinnen, schreibt Tacitus, brachten die Ger-
manen ihre Wunden, und diese scheuten sich nicht, ihre Zahl und die
Art der Verwundung genau zu untersuchen, sie brachten den Käm-
pfenden Speise und Erquickung.
Diese weibliche Seite der Heilkunde (»sanctum aliquid et pro-
vidum« des Tacitus) erfuhr sogar bei den Nordgermanen eine Personi-
fikation in der aus dem Asengeschlechte stammenden Eira (= Pflegerin).
Die Wund h eilung, das ^ und ß der ganzen Chirurgie (nach
Billroth), die Wunden-Lachnung (angels. wundalacnunge) suchte man
durch Bestreichung mit Schorf bildenden Wurzeln, mit Kräutersäften
(und Beizsteinen) zu erreichen. Dass zur Wundpflege (die ,.bequeme
Ruh der Wunden und sanfte Hut" im Nibelungenliede) auch indivi-
duelle Geschicklichkeit gehöre, wussten auch schon die Nordgermanen.
Solche Persönlichkeiten mussten Heilhände oder Lachnershände (alt-
nord. laeknirshendr) haben ; besonders das FrauenvolK mit den schmieg-
samen linden Händen (altnord. miuktaegu kvenafolki) galt zur Pflege
472 M. Höfler.
der Verwundeten besonders geeignet. Die Wundenpflege bei den Gallo-
franken, bei welchen die fränkischen Krieger gewiss zahlreiche germa-
nische Heeresgepflogenheiten übertrugen, wie aus vielen Kriegsterminis
hervorgeht, gibt im Zusammenhalte mit althochdeutschen, angelsächsi-
schen und altnordischen Quellen doch einen erlaubten Schluss auf die
Wundpflege beim kriegerischen Germanenvolke. Den ersten Verband
auf der Walstatt besorgten die Frauen und die Angehörigen der
Verwundeten; ausserdem gab es wirkliche Feldscherer (lacknir), die
Kenntnisse und Geschicklichkeit zu diesem Berufe hatten. Diese
suchten die Verletzungen am entkleideten Körper auf, „besahen" die
Wunden, nahmen die „Heil-Schauet" vor, fegten die Blutgerinnsel mit
dem Hemde ab, untersuchten mit der eingesenkten Drahtsonde (alt-
nord. spick; mtl. spicus = Senkel, acus discriminalis) auf Beinschrot,
zogen mit der Löff"el- oder Spannzange (altnord. spenni toeng) die
Knochensplitter, Pfeile und Fremdkörper aus der Wunde und ent-
fernten Blutgerinnsel, schnitten Hautfetzen mit der Schere ab, sogen
die vergifteten Wunden aus, reinigten mit lauem Wasser oder Wein
sorgfältig und zart die ganze Umgebung der Wunde. Bei aufge-
schlitztem Abdomen stopfte man, was an Eingeweiden heraushing, in
die Bauchhöhle zurück und heftete man mit tief versenkten Nesteln
(Senkeln, Borsten, Fäden aus gedrehten Haaren = Draht, seta) und
Heftnadeln (altnord. spjore; altschwed. spiaer = an der Spitze speer-,
lanzettenartig verbreiterte Nadeln) die Wundränder zusammen. — Die
bei den Nordgermanen erwähnte gedrehte Seide (altnord. silki, silki-
thraedi) als Nähmaterial bei Wunden dürfte nur hyperbolisch als kost-
bare, königliche, d. h. eines Königs würdige Wundnaht aufzufassen
sein, da die Seide erst spät (im 8. — 9. Jahrhundert) in den Norden
gelangte, ferner weil die betreifende Litteraturstelle sagenhaft roman-
tisch gefärbt ist und als ein späteres, d. h. jüngeres Einschiebsel gilt.
Es scheint auch, dass man im Notfalle die grösstenteils schon abge-
lösten Glieder ganz abtrennte; jedenfalls ersetzte man solche mangelnde
Beine später durch Holzfüsse. Ueber die Wunde legte man einen
Verband (ahd. lahinot = fomentat) mit Schorf krautabsud oder ausge-
presstem Pflanzensaft oder man rieb (zur Abwehrung der elbischen,
Wundfieber bringenden Dämonen) mit Lebenssteinen (Galaun, Alaun
= ahd. Peizstein) und gab einen Wundtrank. — Die romano-gallischen
Aerzte (gall. mir = [s]mir) als Schmierärzte legten eine Wundsalbe
(altnord. smyrsel; conf. die Salbenstempel der gallischen Aerzte bei
Koenen 12*) auf; dann ringelte oder raidete (angels. wreathed) der
Lachner oder die Lachnerin die Wunde mit dem beschwörenden, im
Kreise um die Wunde gezogenen Lachnerfinger ab und besang die-
selbe nun mit ihrem Zaubersegen, die Dämonen ferne zu halten. Aus
solchen geradezu überraschend gleichen Wund-Besegnungsformeln der
deutschen, angelsächsischen und mittelenglischen Volksmedizin, die aut
eine gemeinsame germanische Urquelle weisen, ist zu entnehmen, dass
man den abnormen Verlauf der Wundheilung damit ferne halten wollte.
Die Wunde sollte nicht zu lange schmerzend brennen oder quälen,
nicht anfangen zu schwellen oder zu gären, sie sollte nicht übel-
riechend werden oder zu stark eitern, nicht nachbluten, keinen Schmerz
in der Tiefe machen, nicht weitere Wundgänge (Fisteln) bilden, keine
Lähme (Funktionsschwäche im betreifenden Gliede) nach sich ziehen,
mit keiner zu stark entstellenden oder höfrichten Narbe, durch sich
selbst (spontan =: per primam), gach heilen vom Grunde bis oben aus.
Altgermanische Heilkunde. 473
Solche "Wundsegen sprechen für eine längst geübte, relativ treue
Beobachtung des Wundverlaufes durch den Lachner oder germanischen
Heilkünstler.
Die Wundblutung (Blutrunst) aus grösseren Blutgefässen
suchte man mit siedheissem Peche (Pechpflastern) zu beherrschen,
sowie mit Tamponade und Kompression (Moos, Nesseln, Erdrasen, Steinen
und Gespinstfasern) wohl immer unter gleichzeitiger Anfügung der
althergebrachten und hochgeschätzten und lange erhaltenen Blutsegens-
formeln; kleinere Blutungen stillte man mit Spinnengewebe (schwed.
dwergs-naet), womit die Adern durch die Thätigkeit der spinnenden
Eiben (Zwerge) vernäht werden sollten.
Eine Art von Aderlass übten die Germanen aus durch Eitzung
(angels. written) einer Haut- oder Schleimhaut-Blutader mittels eines
Domes (angels. fothorn ; ahd. adargrati = Aderkratze), der früher das
feinere Messerchen (Adersax) ersetzte; vermutlich kannten sie auch
das Ausziehen des Blutes aus der geritzten Schröpfwunde mittels einer
Bockhornspitze. Die Verrenkungen wurden mit Streichung,
Dehnung und Reibung, wobei „Ader zu Ader, Blut zu Blut, Knochen
zu Knochen" (Merseburger Zaubersegen), d. h. alles an seine Stelle
gerückt werden sollte, behandelt unter Absprechung der Zauberformel
und Benutzung irgend eines Tierfettes. Alte nordgermanische Sagen
berichten sogar von einem Gotte, der auch die einander fremdesten
Glieder und Organe zusammenheilen konnte. Auch den Fersen-
Sehnenschnitt, übernommen aus der Tierzucht, w^elche das Tier
durch Verstümmelung am „Harn" (= Schenkel) „hemmen" sollte,
führten die Germanen aus. Die Knochenbrüche wurden zur „Ver-
leimung" (d. h. Callusbildung) gezelgnet, d. h. mit der Zeigel- oder
Zelgenrute (Cornus sanguin ; angels. telgra = ramus ; got. baina bayms
= Beinbaum) mit biegsamen, aber doch festen Zweigen geschindelt
unter Benutzung von Baummoos und Ulmenbast als Polsterung und
der Gliedwal- oder Beinwal-(well-)Wurzen und -Kräuter (angels. weal-
wyrt = Sambucus ebulus). Der Zwerg Moendul verbindet in der Sage
komplizierte Knochenfrakturen mittels Radstäbchen (spelkur), d. h. mit
kleinen, runden, biegsamen Buchenholzstücken oder Weidenruten, legt
eine Salbe auf die Wunde und bettet den Verletzten mit den Füssen
(höher) ans Herdfeuer. Die Nordgermanen benutzten zum Knochen-
verbande das Lebensgras (lifsgraes), vermutlich die Zelgenrute oder
das Beinwällkraut. Die Verbandmethoden bei Kopfwunden und Unter-
schenkelfrakturen scheinen, nach den prähistorischen Funden aus dem
5. — 7. Jahrhundert zu schliessen, ganz richtig gewesen zu sein. Schlecht
geheilte Beinbrüche wurden mit Beinstelzen gestiefelt, (altnord.) tre-
fotr = Holzfuss ; (ahd.) -tra ; (mhd.) -ter ; (germ.) trewa ; (indog.) derw
(dru, ÖQvg) = Holz. Langwierige Gelenkkrankheiten durch ent-
sprechende Ruhestellung des Gelenkes zu behandeln, hatte auch der
Germane bereits gelernt.
Was die Geburtshilfe betrifft, so hat sich diese bei den Ger-
manen sicher auf nur wenige wirkliche Hilfeleistungen beschränkt,
welche eben die Mitweiber — denn nur dem Weibe fiel diese Auf-
gabe zu — ohne besondere Kenntnisse vom Baue und von den physio-
logischen Verrichtungen den Gebärenden angedeihen lassen konnten,
und die hauptsächlich in einer Zeichenschau und in äusserlicher Pflege
und Mithilfe bestanden. Den Beckengürtel dachte man sich als ein Bein-
schloss (Schlossbein, Notbein), welches sich in der Gebärnot verschliessen
474 M. Höfler.
könne und durch Zaubermittel aufsperren lasse, namentlich unter dem
Beistande der notlösenden, geburtshelfenden Dämonen (Perchta mit der
Kuhhaut, mit der blutigen Hand, Nornen, Saligen, Idisen), deren Hilfe
das meist weit herbeigerittene zauber- oder runenkundige Mitweib
mittels kräftigen Zaubergesanges erflehte. Die Bereitung des Ge-
burtslagers in der etwas abseits befindlichen Kreissstatt, bei Reicheren
im „Frauenzimmer" (= altnord. kvennahus ; später -= kemenate [mhd.]),
bei Aermeren im unterirdischen, im Winter mit Dünger bedeckten
Gemache (tung, tunck = gynaeceum, Frauenzimmer), geschah durch
Anhäufung von Stroh und besonderer wohlriechender Kräuter unter
einer Kuhhaut oder einem Ochsenfelle, um der Frau die Kindsarbeit
zu erleichtern und um die Nachwehen der „kindenden" Frau zu heilen.
Die bei der Geburt in die Schenkelnerven ausstrahlenden Nerven-
schmerzen suchte man durch Bärrunen und Beifussamulette zu be-
kämpfen. Zu heftige Gebärwehen (Krampfwehen) und sonstige eklamp-
tische Krämpfe scheint man durch Wacholderräucherungen (Qualm)
bekämpft zu haben; das Mutterschloss suchte man durch Mutter- und
Schlosskräuter (Chamomilla, Alchemilla [angels. maegthe = Magd-
kraut], Arnica, Meum, Mettram oder Matraun, Melissa,- Artemisia etc.,
vermutlich als Bähungen oder als Trank verwendet) oder durch Hanf-
räucherungen (Eupatorium cannabinum == Schlosskraut) zu eröffnen.
Konnte so die Mutter nicht von ihrem Kinde entbunden, gelöst werden,
stellte dieses sich nicht zum „Griffe", so war es mit seinen Kindes-
banden im Mutterleibe „angewachsen". Die Gebräuche der Volksmedizin
bei fast allen deutschen Stämmen machen es wahrscheinlich, dass man
in solchen Fällen die Gebärende durch natürliche Baumspalten mit
Gewalt durchzog oder mit verschiedenen anderen Kompressionsmethoden,
wie dies auch die Naturvölker thun, den Leib der Gebärenden zu ent-
ledigen suchte (altnord. verdha lettari at barni). Eine weitere ger-
manische geburtshilfliche Methode scheint u. a. das massierende Streichen
des Leibes, die diesen mit beiden Händen umfangende äussere „Wen-
dung", und der Druck von oben mit dem Fusse auf den Unterleib,
sowie das Stürzen der Kreissenden gewesen zu sein, sowie das Ge-
bären auf des Mannes Knieen, die einen anticipierten Gebärstuhl dar-
stellen (altnord. kne-setti; die mythologische Schenkelgeburt der Griechen
und Römer). Hatte die Geburt eines Kindes der Mutter das Leben
gekostet, so tötete man auch das Kind. War das Kind im Mutter-
leibe abgestorben — was bei dem damaligen Zustande der Geburts-
hilfe oft genug der Fall war — dann wendete man wieder diejenigen
Pflanzenmittel an, welche den Ruf hatten, „das tote Kind" auszutreiben.
Der Kaiserschnitt dürfte indogermanischen Alters sein ; die durch
ihn oder durch die äussere Wendung lebend entbundenen Kinder
galten als elbische Glückskinder.
Die volksübliche Geburtsstellung bei den Germanen und
Indogermanen wird die mit kauernden Knieen gewesen sein, wie sich
ergiebt 1. aus der Thatsache, dass diese Stellung an sozusagen un-
berührt gebliebenen Orten Deutschlands bislang volksüblich war, und
2. aus der Etymologie von Knie (gnu, genu, yöw, genus, gignere).
Im übrigen bestand die Geburtshilfe der Germanen wohl zumeist
in einer Prophylaxis vor den Schrecken (Eclampsia) erregenden Dä-
monen, die man durch glänzende Amulette (ahd. plechir, weil auch aus
Blech gemacht) und Talismane, sowie durch Poltern und Rummel von
Mutter und Kind fernehalten wollte:, dann, wie oben schon erwähnt.
Altgermanische Heilkunde. 475
in dem Absingen von Zaubersprüchen (Schoss-Segen), im gellen Schreien
von „gewaltigen Weisen", oder im Lauschen auf die Zeichen und
Merkmale eibischer Beeinflussung der Geburt, wobei die Luschfrau
(Lusterfrau) zwischen der Gebärenden Knieen sass. — Das Wochen-
bett im Strohlager galt auch den Germanen als Reinigungsperiode,
bei der der ächt-germanische Rauch des auf der Glutpfanne langsam
verbrennenden, röstenden Wacholders, der Tannen- oder Zirbelzäpfchen
(Terpentinwirkung) die Dämonen ferne halten und die „verborgene
Bürde" (placenta retenta) zur Ausstossung bringen sollte. Dem ger-
manischen Weibe, das eines Kindes genas, war dieses Genesen ein
Errettetwerden und am Leben bleiben; denn der germanische Begriff
„genesen" deckte sich nach der allgemeinen Volkserfahrung, die die
Gefahren der Geburt kannte, mit dem Begriffe der Entbindung von
einem Kinde. Ein besonderes Vertrauen seitens des „mit einem Kinde
gehenden" (altnord. gäuga medh barni) germanischen Weibes scheinen
die 3 Nornen, den Parzen ähnliche Schicksalsfrauen, die den Lebens-
faden verknüpften und ihn verschlingend flochten, genossen zu haben,
da sie als „weise Frauen" den gebundenen Schoss lösten (altdän.
bundaen qwith) und so „notlösend" bei der Geburt (Kreischen, Kreisten
im Kristbette) beistanden, indem sie Bergerunen und Wehenkräuter
(Mergendistel, Mergenblumen) zur Entbindung spendeten.
Die erste Mahlzeit, welche die Wöchnerin der Nordgermanen er-
hielt, hiess Nornengrütze (altnord. nörna-greytur), weil man bei dem
stets in Kultceremonien gehaltenen „Vorkommen", „Vorgehen" aus
dem dunklen Frauenzimmer oder der „Kreiss"statt den das Schicksal
bestimmenden Nornen eine Kultspeise zum Danke opferte, jedesmal
bewusst, wie gefährlich es damals stets war, eines Kindes zu „genesen".
Abortus mittel, deren die salischen, bajuvarischen und westgotischen
Volksgesetze u. a. Erwähnung machen, waren starkes Umgürten und
Schnüren des Leibes . Stossen und Schlagen auf den Leib und der
Genuss verschiedener Getränke aus Pflanzensäften sowie das Mutterkorn.
Die Germanen kannten aller Wahrscheinlichkeit nach bloss den
tierischen Tragsack, Wampe; beim menschlichen Weibe war alles
normale Genitale (Uterus, Vagina, Vulva und Perineum) einfach
„Mutter", „Kutte" (quithi), „Inn-Reff, Gereff", oder „Inn-Äder", die
schwangere Mutter die Bär- (= tragende) Mutter; abnorme Geburts-
teile (Mole und Missgeburt) dagegen waren Mar- oder Alpgestalten
(Alpkalb, Krötenalp. Büttling); abnorme Gebärmutterempfindungen
aber Mar- oder Alpwirkung durch Aufstossen derselben etc. War die
Abortusmole vergraben worden, so wurde diese Stätte zur „Unstätte",
zum Unholdenort, dessen Betretung wieder Abortus und Krankheiten
hervorrufen konnte, weil die Ursache, der Alp. hier übertragbar und
sozusagen zu Hause war (Abortus habitualis).
Die normale menschliche Nachgeburt und die Kindshaut dagegen
galten als Fruchtbarkeitsmittel (Heilmittel); die das Kind einhüllende
Eihaut war der „Folgegeist'' des Menschen, die andere schützende
Hülle (ahd. hala = secundinae, id est Uterus, qui sequitur partum,
Island, barns-fjigja) des Menschen, die darum auch als glückbringendes
Amulett („Glückshaube"; Island, sigurkufl =^ Sieg bringendes Häubl)
verwendet und später als „Gnadenbalg" geopfert wurde; die tierische
Placenta wurde an fruchttragenden Bäumen aufgehangen. „Geweiht,
gefriedet war der Leib des schwangeren Weibes, durch Losung und andere
Gottesbefragung ward das Geschlecht des Embryon erkundet; auf
476 • M. Höfler. '
einem Schilde ward das Neugeborene vor die Füsse des Vaters gelegt,
auf dass er es aufnehme" (F. Dahn).
Bei der Asphyxie der Neugeborenen „hob" die „Heb"amme (ahd.
hebh-anna = hebende Ahnfrau, Grossmutter), d. h. das mithelfende,
ältere Weib das Kind auf, übergab es dem Vater, der es dann schüttelte
und würgte, bis es helles Blut von sich gab ; dann galt es als lebend-
geboren und von väterlicher Seite her als zur Sippe, zum brüderlichen
Blute gehörig. Das neugeborene Kind wurde (nach Cäsar und
Galenos) im kalten Flusswasser gewaschen.
Dem künstlich aufgezogenen Neugeborenen gab man Kuhmilch
aus dem spitzen Ende eines Bockshorns zu trinken.
Alle auf abnorme Weise (Kaiserschnitt, äussere Wendung zu früh,
zu spät, mit Zähnen) geborene Kinder galten als eine durch Elben-
einfluss veränderte Frucht, und nicht selten wurden solche lebens-
fähige Abnormitäten zu Heldengestalten in der Volkssage. Von Miss-
bildungen kannten die Germanen den Klumpfuss (Arztfuss), den
Janiceps, den Thoracopagus, die Doppelköpfe, den Krötenkopf, die
Hasenscharte, die Ehachitis foetalis (Alpkalb, Wechselbalg, Alp), den
Cyklops, den Zwergen- und Riesenwuchs, Bilfinger, die Phimosis con-
genita (Nestelknopf). Alle Missgeburten, Missbildungen und ange-
borenen Abnormitäten galten als Produkt der Eibminne im Alptraume,
das von seinen elbischen Eltern her elbische Zeichen an sich trug.
Missbildungen (Ausgeburten), die keinen menschenähnlichen Kopf hatten,
wurden getötet und an Unstätten vergraben, wo sie als Nachzehrer,
die das Leben der Sippe geiährden (Abortus habitualis), ihr elbisches
Seelenleben fortfristen sollten.
Es entspricht vollkommen der germanischen Kulturperiode, dass
missgestaltete oder sonst kranke Kinder (altnord. ütburdhir) ausgesetzt
wurden. Die Germanen kannten die Lungensucht, die Gicht oder
Fusssucht (Podagi'a), die Lähmungsatrophie, die Gliederkrümpe, die
Kehlsucht (Croup), die Scheichsucht oder Bebergicht (Arthritis de-
formans mit Tremor, Paralysis agitans), die Wassersucht, die Mass-
leidigkeit (= nausea, fastidium), die Auswachsungen im Magen (Magen-
krebs), die Hernie (xij'A?;, y.dlrj; anord. haull; ahd. hola).
Die Angelsachsen nannten die rhachiti sehe Hühnerbrust „das
scharfe Bein" (scearpan banum); auch die Engbrüstigkeit (angbreost)
wird in der Heimat der englischen Krankheit zuerst benannt, während
die prähistorischen und z. T. historischen Gräber in Deutschland bis
zum 12. Jahrhundert keine rhachitischen Veränderungen an den Knochen
entdecken lassen (Eanke). Die schon früh im Schiffsverkehr mit dem
Süden (Spanien) und der Heimat der „Franzosen" stehenden Angel-
sachsen kannten auch das condylomatöse Stadium der Syphilis als
Fickadl (morbus ficus, adän. sar-0cky = Feuchtwarze), das Lähmungs-
stadium derselben als Darr-Adl, die Pocken als Pock-Adl, die Diph-
therie als Hals-Gund (= ansteckendes, flüssiges, d. h, secerniertes
Halsgift), die Frühjahrspneumonie als Lenzen- Adl oder Stich-Adl, den
Croup als Würg- Adl. Das Krebsgeschwür galt als Biss eines Dämons
aus dem Toten- oder Marenreiche.
Auch die Kinderseuchen galten als eine Strafe der Gottheit
für das versäumte volle Opfer, welches die kinderraubenden Dämonen,
von der Gottheit ausgesandt, durch solche Krankheiten holten. Damit
war die Behandlung derselben ein reiner Kultakt, der die Dämonen
verscheuchen sollte. Die E c 1 a m p s i e und die Konvulsionen der
Altgermanische Heilkunde. 477
Kinder (Vergicht oder Fraisen) galten als die Folge eines Eiss (d. h.
Schrecken) erzeugenden, bösen Schaden nächtlicherweile zufügenden,
elbischen Nachtgeistes, der das Kind zum Vereissen (Fraisen) und
damit zum Vergicht (Zuckung) brachte. Anhängsel aller Art, Hals-
bänder (GoUenkräuter), je nach der vermeintlichen Ursache, sollten
prophylaktisch dagegen helfen; gegen die von diesem Nachtschaden-
dämon veranlasste Krankheit selbst aber gebrauchte man den narkotisch
wirkenden Nachtschaden (Solanum) oder den mohnhaltigen Magen-
(== Mohn-) Schaden (Papaver) sowie die verschiedenen Fraisam- und
Gichtkräuter, Beschrei- und Berufkräuter, die neben der oben schon
erwähnten Vergalsterung (= bezaubern durch gelles Geschrei) und
den Schlaf herbeiführenden Zauberrunen, die später zum Schlummer-
liede oder zum Nachtsegen sich entwickelten, gebraucht wurden.
Dem Allheilmittel, der Wärme spendenden und die dunklen Nacht-
elben verscheuchenden Sonne, dem Einauge Odin -Wodans, des Heil-
gottes, übergab man die kranken Kinder zur Heilung, indem man sie
auf die Hausdächer legte. Angesichts des Sonnenscheins empfahlen
sich die sterbenden Nordgermanen in die Hände des Gottes, der die
Sonne geschaffen hat.
Die Sonnenwärme auf Höhen scheint überhaupt ein germanisches
Volksmittel gegen Fieber (Ritten) gewesen zu sein; der Sonnenkult
der Germanen schuf auch eine Art von Klimatot herapie, die man
durch die ganze deutsche Volksmedizin verfolgen kann; die Edda
spricht bereits von Hilf bergen (hlyfiaberg), „der Heilberg heisst er,
dieweil da Hilfe die Lahmen und Siechen seit lange suchen. Verjährter
Leiden ledig wird jede Frau und gestärkt, die den Gipfel er-
steigt."
Die Thatsache, dass Malariakranke in gewissen Höhenlagen vom
Fieber (Ritten) gesunden, ist den Germanen sicher schon bekannt
gewesen.
Bei den Nordgermanen hiessen solche Genesungsstätten Odinsacker
(odäins-ackr) ; dort wuchsen die ersten Frühlingskräuter wie am Mons
pe(n)sillanus (= Montpellier, wo eine der ältesten Medizinschulen
entstand). Diese der Sonne des Lenzes ausgesetzten früh grünenden
Plätze (Feuerplätze) waren auch liäufig Stätten, wo die ersten christ-
lichen Wunderthäter lebten. Dort am Sonnenfelde wohnten auch die
9 heilkundigen Gesellinnen der weisen Mengloedh (= Frigg); dorthin
wallfahrteten auch die kranken Weiber zu ihrer Genesung; dort „ge-
währten die weisen Frauen den Menschen Wohlthat für an heiliger
Stätte gestiftete Opfer*'; solche Heilstätten, wo elbische Hilfgeister
wohnten, bestrichen die Nordgermanen mit Stierblut, dort opferten sie
den Eiben Schlachttierfleisch und Honigkuchen als Kultspeise bei
langsamer Wundheilung; an solchen Kultorten wurde bislang das
eiserne Immerrind, Ewigrind (Votivtier aus Eisen) oder die Kröte
geopfert. Wenn Hungersnöte Seuchen brachten, dann wurde dem
Gotte Thor ein Opfer dargebracht („si pestis et famis imminet Thor
idolo lybatur'' Mannh. Myth. 134 conf. Zeitschr. f. deutsche Mythol. II
318. 320). Blutige Opfer und das Anzünden von Notfeuer waren die
Hauptmittel gegen Volksseuchen.
Gegen die Ruh r (Blut- oder Aus-[Uz-]sucht) verwendete man die
Eichenrinde, vermutlich in Meth gekocht ; überhaupt scheint Meth und
Honig das Vehikel des germanischen Heilschatzes gewesen zu sein.
478 M. Höfler.
mittelst dessen die verschiedenen Giftkräuter „gegeben" (dazu: Gift)
wurden, wofür auch noch viele Volksg*ebräuche sprechen.
Geisteskranke ( von den Eiben o. Maren Besessene oder Ver-
galsterte, Witzlose o. Abwitzige) suchte man durch Tänze im Allah
zur Zeit der Sonnenwende zu behandeln oder den parasitären Dämon
aus dem Gehirne durch ableitende Brandwunden hervorzulocken. Ihr
Schicksal muss sich nach und nach verbessert haben, da sie aus dem
schutzlosen „wilden Mann" oder „Werwolf" zum bemitleideten „Narren"
wurden.
Zur Fesselung der Wütenden benutzte man Kultpflanzen (Wut-
binden).
Die in der ahd. Zeit bereits benannten Augenkrankheiten
waren die Blindheit, an die sich kein Galsterer oder Besprecher mehr
heranwagte, der Staar (weisser Augenschimmel), das Schielen, die
Uebersichtigkeit des Alters, die Augenpusteln (blein), der Pannus und
das Pterygium als Augenfell oder Augenfleisch, das warzenähnlich im
Auge keimt (angels. gevif; mhd. gewib -- pannus; adän. k0d thaer
wax aer i 0ghn8e naestaens warthaer; gallokelt. = flesc con äil) und die
Hornhaut -Flecken (ahd. augvlecco; angls. fleän on eägan), das Mond-
auge beim Pferde und der unter verschiedenen Namen auftretende
chronische Bindehautkatarrh (Gund = Ansteckungsstoif beim Binde-
hautkatarrh). Pflanzenmittel, kaltes Heilwasser, Wachholderräuche-
rungen gehen als Augenmittel durch die ganze germanische Volks-
medizin.
Diese letzteren und die in der althochdeutschen Sprachperiode so
häufigen Ausdrücke für den chronischen Bindehautkatarrh
der Augen bestätigen die Angabe des Tacitus, welcher von den
Germanen sagt, dass sie ganze Tage neben dem Aschenherde zu-
brächten: „In engen Höhlen, Pfahlbauten und wahrscheinlich halb-
unterirdischen Wohnungen, dicht um das Herdfeuer gepresst, am Tage
halbgeräuchert und die Nacht in ungesunden Schlafräumen verbringend,
hatten sie den Winter zu überstehen; krank und durch Seuchen dezimiert
erlöste sie das Frühjahr aus der ungesunden Haft, und sie begrüssten
sicherlich mit Recht die wiedersteigende Sonne, als den Heilgott, der
sie wieder gesund machte." Auf dem Heuboden des Kobels, auf Tier-
häuten von Bär und Dachs oder auf der Schider- oder Loderbank
lagen abgeschieden um den Ofen (Kohlenherd) die vom Ritten oder
Fieber geschüttelten Kranken, „am Feuer Siechtums Heilung suchend"
(Edda und Burchard von Worms). An der mit Opferblut bestrichenen
Thürsch welle und am Rauchabzugsloche des Dachsparrens war nach
dem germanischen Volksglauben der Ein- und Ausgang für die aus
dem Walde mit der Luft herein- und ausdringenden, krankmachenden
dämonischen, kleinen Lebewesen, während über der w^armen Herdstelle
und an dem Aehren (ara) die gutgesinnten Hausgeister, Kobelholden
(Kobolde), Heimchen (inheimon), auch bildlich in Puppen-, Tockenform,
aus Wachs oder Holz dargestellt, ihren Sitz hatten als Stättegötter
(stetigot; nord. skurdgodh) oder schirmende Hausgötter.
Chronische Krankheiten mit Abzehrung (Schwinden, Darre)
oder mit Hautausschlägen galten als das elbische Werk mitessender,
mitzehrender Würmer, z. B. des Adl (zu ad = essen?), welche der
Heilgott Thunar-Thor vertreiben konnte (Mannh. Myth. 135).
Als Hühner- und Pferdezüchter musste der Germane auch die bei
Altgermanische Heilkunde. 479
diesen Tieren auftretenden Krankheiten, Schafpocken z. B.,
kennen lernen; er übertrug sie als öfters gebrauchte Begriffe auch
auf die Menschen (z. B. Bürzel, Zips, Pfifiz, Räude, Finnen etc.), eine
tfebertragung, die sich bei der Werthaltung dieser mit dem Germanen
unter einem Dache lebenden Haustiere leicht ergeben musste; starb
der Hausherr, so wurde auch den Haustieren der Tod gemeldet.
Die Lehre vom „locus minoris resistentiae" mag schon in dem
indogermanischen Glauben ein Motiv gehabt haben, wonach irgend ein
Held, Dämon oder Gott nur an einer bestimmten Stelle verletzlich war
oder nur durch ein Ding, eine Waffe verwundet werden konnte.
Die Krankheitsdiagnose des germanischen Heilkünstlers, die
sich nur aus dem uns zur Verfügung stehenden germanischen Wort-
schatze erschliessen lässt, bezog sich grösstenteils — abgesehen von
den schon erwähnten Wunden und Schlagbeulen (Bung) — auf all-
gemeine krankhafte Zustände (Siech, Sucht, Leid, Not, Mangel, Qual
und Weh), Uebles und Fehlerhaftes, auf die subjektive Schmerzart.
Von diesen haben die Formen auf — do, wie stechedo (stechen),
[fülida = faul], nagado (Nager), gihido (Gicht), schavedo (schaben)
juckido (jucken) ein besonderes Anrecht auf hohes Alter.
Zahlreich sind die Beobachtungen der bei den Krankheiten der
Atmungsorgane und Knochen- bezw. Gelenkkrankheiten bemerkbaren
Geräusche, der Formveränderungen, welche Muskel- und Gliederkrank-
heiten veranlassen, und der Hautkrankheiten. Schleimhautfarbe,
Wundenblutfarbe, Blutgeruch und Blutgeschmack wurden beobachtet
(eine aus der Opferanatomie übernommene Methode).
Auf Krankheiten der Haut (Flecken, Blein, Leichdorn, Zitterach,
Warze), die man z. T. dem Genüsse von Maden- (Eiben-) erfüllten
Hülsenfrüchten zuschrieb, auf Schwellungszustände der Haut, Farbe
derselben (Masern), auf den Ausdruck der Augen (Totenblick) scheint
man schon in germanischen Zeiten einen gewissen diagnostischen Wert
gelegt zu haben, ebenso auf Farbe, Glanz und Stellung der Haare,
auf die Lage des Daumens, Hungerlücken, Leibesknöpfe und Richtung
des Halses; daneben werden wohl auch greifende und fühlende Unter-
suchungen der Körperoberfläche und des Unterhautfettgewebes vorge-
nommen worden sein.
Das Besehen, die Heilschauet, Marken- und Zeichenschau der
heilenden Spähmänner (altnord. spä-madhr) bezog sich namentlich
auch auf elbische oder schelmische Anzeichen und auf die Farbe der
entleerten Würmer (elbischen Dämonen) und der ausgestossenen wurm-
ähnlichen Gebilde; aus der Farbe dieser erschloss man Symptome und
Stadium der Grundkrankheit.
Den Hauptanhaltspunkt zur Diagnose hatte der germanische
Heilkünstler nur in der Aeusserung des Kranken über das Wo? und
Wie? des Schmerzes und in der sogenannten Zeichenschau; Malzeichen
oder Lintzeichen galten als sichere Beweise der Wirkung eines elbischen
Dämons, und letztere wurde dann als Alpstich, Trudendruck, Eiben-,
Maren- oder Hexenschuss etc. erklärt, womit dann der germanische
Zauberarzt seine therapeutische Thätigkeit beginnen konnte.
Aus diesen dunklen Perioden erhob sich die germanische Heil-
kunde unter dem Einflüsse der christlichen Klöster, mit welchen sehr
häufig Hospitäler verbunden waren und in welchen die klassischen
Lehrbücher der Griechen und Römer übersetzt wurden, ganz allmählich
480 M. Höfler.
ZU einer neben der Volksmedizin sich entwickelnden Mönchs- oder
Nonnenmedizin des frühen Mittelalters, aus der noch manche Spuren
der germanischen Heilkunde sich erhalten haben, da, wie Hoop (1. c.)
richtig bemerkt, die Mönche es gut verstanden, den heidnischen Aber-
glauben, einerlei ob germanischen oder römischen Ursprungs, in eine
christliche Form zu kleiden. Auf diese Zeitperiode passen vortrefflich
die Worte Puschmanns (Geschichte d. med. Unterr.): „Die wissen-
schaftliche Bearbeitung der Medizin lag ganz darnieder. Der Schatz
des Wissens, den man aus dem Altertume übernommen hatte, wurde
nicht vermehrt, ja nicht einmal unversehrt erhalten."
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nach-
christlichen) Jalirhunderts.
Von
Iwan Bloch (Berlin).
Der politische Verfall der letzten Jahrhunderte des Römerreiches
übte seine Wirkung auch auf den Betrieb der Wissenschaften. Nach-
dem durch Galen noch einmal die Summe alles ärztlichen Wissens
der Griechen bis zum Ausgange des 2. Jahrhunderts zusammengefasst
und so ein Kanon, eine durch ihren gewaltigen Umfang imponierende,
durch ihre theoretische Grundlegung bestechende Encyklopädie der
Medizin geschaffen worden war, macht sich von nun ab auch auf dem
Gebiete der Heilkunde eine unverkennbare Stagnation geltend, die in
einer wesentlich kompilatorischen Thätigkeit der nachgalenischen
Aerzte ihren bezeichnendsten Ausdruck findet. Das Dogma tritt
seine unbeschränkte Herrschaft an und trübt den freien ärztlichen
Blick, schreckt ab von eigenen Beobachtungen und Experimenten,
kurz, hemmt in jeder Weise den Fortschritt der medizinischen Wissen-
schaft, der von jetzt ab nur in ganz vereinzelten neuen Be-
obachtungen und Entdeckungen sich bekundet, während die Wissen-
schaft als Ganzes, in dogmatischer Erstarrung befangen, nur noch von
der Vergangenheit zehrte. Die medizinischen Schriftsteller beschränkten
sich auf das Sammeln von Auszügen und Rezepten aus den Werken
der grossen griechischen Aerzte früherer Zeit oder auf spitzfindige
theoretische Erörterungen im Geiste des Galen.
Nur wenige Namen hervorragender griechischer Aerzte haben
sich aus den letzten Jahrhunderten des römischen Kaiserreiches er-
halten. Viele von ihren Werken sind verloren gegangen, so dass
unsere Kenntnis derselben nur aus spärlichen Fragmenten geschöpft
werden kann.
Als erster der hier in Betracht kommenden ärztlichen Schrift-
steller gilt
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. . 31 ;
482 Iwan Bloch.
I. Alexandros von Aphrodisias.
a) Litter atur.
Nourisso^i, „Essai sur Alexandre d' Aphrodisias, suivi du Traife du Destin
et du Libre pouvoir, aux empereurs. Trad. en fran^ais. Paris 1870, 8". —
GercJce, Artikel „A. v. A." in Pauly-Wissowa, „Real-Encyclopädie der classischen
Alterthumswissenschaft", Stuttgart 1894, Zweiter Halbband Sp. 1453 — 1455. — Otto
Apelt, „Die kleinen Schriften des Alexander von Aphrodisias" in: Rhein. Mus. f.
Philologie, 1894, Bd. 49 S. 59 — 71. — G. Vitelli, „Frammenti di Alessandro di
Afrodisia codice Ricard. 63 in : Studj ital. di filol. class. 1896, Bd. III S. 379 — 381.
b) Ausgaben.
Alexandri Aphrodisiensis scripta minora ed. Ivo Brtins, Berlin 1893, —
Ton den unter dem Namen des A. v. A, gehenden medicinischen Schriften ivurde
diejenige über die Fieber Tie^l TtvQSTcJv zuerst von D. G. Schinas nach einer
florentiner Handschrift her ausgegeben ^ (in: Museo critico Cantabrig. 1821 Heft VII
S. 362 ff.), ferner von Fr. Passoiv (Alexandri Aphrodisiensis de febribus libellus
graece et latine etc., Breslau 1822, 4^) mit dem Abdruck der wichtigen auf Hand-
schriften beruhenden lateinischen Uebersetzung des Georf/ius Valla (zuerst Venedig
1498 fol.) und in: J. L. Ideler, „Physici et medici Graeci minores", Berlin 1841,
Bd. I S. 81 ff. — Die ,,'Iar^ixd ixTtoorj/uara yat (pvai.>cd Tt^oßkrjuara", die auch dem
Alexander von Tralles zugeschrieben iverden, sind ebenfalls von Ideler a. a. 0.
Bd. I S. 3 — 81 herausgegeben worden. Vgl. ferner Tt^oßlrj/uaza dvtuSoza ed. ßusse-
niaker, Paris 1857 und Lsener, „Alexandri Aphrodisiensis quae feruntur proble-
matum lib. III et IV", Berlin 1859.
. Bis vor kurzem hielt man für den Verfasser der medizinischen
Schriften über die Fieber den berühmten Aristoteleskommentator
Alexandros von Aphrodisias (in Karien), der im Jahre 198
n. Chr. als peripatetischer Lehrer und Erklärer der aristotelischen
Schriften nach Athen berufen wurde, seine Schrift negl tif^iaQfisvrjg
den Kaisern Septimius Severus und Caracalla widmete und
wegen seiner Thätigkeit den Beinamen „Exeget" bekam. Mit diesem
hat der Verfasser der Schrift rregl jivqtTCov nichts zu thun, der viel-
mehr ausdrücklich als iatQog von dem t^rjyrjTt^g unterschieden wird.
Wie Well mann nachgewiesen hat,') gehörte der Arzt Alexandros
von Aphrodisias der pneumatischen Schule an, da er feste,
flüssige und luftförmige Bestandteile des Körpers unterscheidet, die auch
als Ursachen der verschiedenen Fieber, der Elintagsfieber, septischen
und hektischen Fieber in Betracht kommen. Da Alexandros viel-
fach den Aretaios benutzt hat (Kap. 16, 24 u. 30), so hat er nach
diesem gelebt d. h. nach dem 2. Jahrhundert n. Chr. Die eingepflanzte
Wärme, welche auf der normalen Mischung der Qualitäten beruht
(während die widernatürliche Wärme eine Folge der Dyskrasie ist),
hat ihren Sitz im Herzen und wird von hier aus durch Pneuma und
Blut dem Körper mitgeteilt. Sie bedingt alle physiologischen Funk-
tionen (Bewegung, Ernährung, Sinneswahrnehmung, Zeugung und
Entwicklung). Wie Galen teilt auch Alexandros die Fieber in
(.leydloi und f-uxQoi ein, ferner in intermittierende und kontinuierliche,
langsame und schnelle Fieber, Eintagsfieber, septische und hektische
Fieber.
^) M. Wellmann, „Die pneumatische Schule bis auf Archigenes". Berlin
1895, S. 86-91.
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts. 483
Die andere Schrift „Aerztliche Fragen und naturwissenschaftliche
Probleme" enthält eine grosse Zahl von Fragen (228), die im An-
schlüsse an Aristoteles und Galen ärztliche und naturwissen-
schaftliche Dinge in humoralpathologischem Sinne behandeln.
2. Antyllos.
a) Litteratur und Ausgaben.
ühazeSf „Continens" ed. Faventinus, Venedig 1506 fol. 40h u. 41 h (üb. II c. 3;
Staroperation). — .,AntyUi veteris chirurgi rd keixpava, praeside Viirtio Sprengel,
ventilanda exhibet Pnnagiota ^icolaides, Halle 1799, 4^. — Ch. F. Matthäi,
Medicor. graecor. varia opnscula'\ Moskau 1808. — J, F. K. Hecker , „Ge-
schichte der Seilkunde'-. Bd. II, Berlin 1829, S. 60 — 66. — U. C. Jiusse-
niaker, „Dissertatio exhib. lilrrum XLIV colleetaneorum medicinalium Oribasii",
Groningen 1835, 8°. — F. C. F. Wolz, „Antylli, veteris chirurgi, qua« apud Ori-
basium libro XLIV, XLV et L leguntur fragmenta. Dissertatio inaug. chirurgico-
historica^\ Jena 1842, 8 ", 52 S. (Lat. Uebersetzung). — A. Lewy und Lands-
berg, „lieber die Bedeutung des Anfyllus, Philagrius und Posidonius in der Ge-
schichte der Heilkunde^', in : Janus, Zeitschr. f. Geschichte und Literatur der Medicin
von A. W. F. Th. Henschel, Breslau 1847, Bd. II S. 298—329; S. 744—758.
— Fragmente des Antyllos bei Oreibasios ed. Dareniberg. Vgl. das Verzeich-
nis der betreffenden Stellen in Bd. VI (Paris 1876) S. 637—638. — A. Corlieu,
„Les medecins grecs depuis la mort de Galien jusqu'ä la chute de V'empire d'orient^\
Paris 1885, S. 107 — 111. — E. Albert, „Geschichte der Behandlung der Aneurysmen",
Wiener Min. Wochenschr. 1893 Nr. 47. — M. Wellmann, „Die pneumatische
Schule", 1895, S. 109—115 (vgl. auch dessen Artikel „Antyllus'' in Fauly-\f Is-
sowa's Realencyclopädie 1894, Bd. II Sp. 2644—2645). — E. Gurlt, ,.Geschichte
der Chirurgie", Berlin 1898, I S. 474 — 486. — .7. Hirschberg, ,.Geschichte der
Augenheilkunde", Leipz. 1899, Bd. I S. 331 u. S. 354 (Staroperation), S. 239-240
(Collyrien). — «7. Bloch, „Die geschichtliche Entwickelung der tmssenschaftlichen
Krankenpflege", Berlin 1899, S. 8—10; S. 12—13; S. 16 (Hypurgie).
b) Lebenszeit.
Antyllos, unstreitig einer der hervorragendsten Aerzte des
Altertums, wurde bisher in die Zeit nach Galen und O.reibasios
gesetzt, gewöhnlich in das dritte Jahrhundert n. Chr. Dass er nach
Archigenes (ca. 55—118 n. Chr.) lebte, ergiebt sich aus der Er-
wähnung desselben in einer Stelle des ersten Buches seiner Schrift
TTtgi ßorjOif^f.icctwv.^) Da nun Valentin Rose^^) und Wellmann ^)
den Nachweis erbracht haben, dass bereits Galen den Antyll be-
nutzt hat, so muss dessen Lebenszeit etwa um 140 n. Chr. angesetzt
werden. Antyllos war ein Anhänger der pneumatischen Schule und
bekundet in seinen Schriften öfter seine Abhängigkeit von den Lehren
des Archigenes und Athenaios, erwarb sich aber eigene grosse
Verdienste auf dem Gebiete der Hygiene und Diätetik, der allgemeinen
Therapeutik und vor allem der Chirurgie. Daher galt er schon
im Altertum als einer der berühmtesten Aerzte*) und neben Leoni-
des, Archigenes und Heliodoros als der Hauptvertreter der
pneumatischen Chirurgie.
^) 'A^'/r/evT^g Se ahoi xal tu arigvov hei Oreibasios IX, 23 (ed. Daremi-
berg II, 337)
•■') V. Rose. „Aneedota graeca", Berlin 1870, Bd. I S. 22.
■■') a. a 0. S. 104 — 109 (Zusammenstellung der bei Galen sich findenden Stellen
aus Antyllos).
*) Vgl. J. A. Gramer, „Aneedota Graeca", Oxford 1837, Bd. IV S. 196.
31*
484 Iwan Bloch.
c) Schriften.
Das Hauptwerk des Antyllos war die Schrift TtsQi ßorjd-r^^iaTtov
d. i. über die Heilmittel, welche aus vier Büchern bestand. Das erste
handelte von den äusseren Heilfaktoren (Ttegl tCov e^to-d-ev rtgooTtiTiTÖv-
rojv ßorjdriiLiätiov Oribas. ed. Daremberg II, 287), das zweite
umfasste die ausleerenden Mittel (tt. jCjv ^evovjuevwv ßor]d-r]^id%tov
Oribas. II, 38), das dritte beschäftigte sich mit der Diät und Lebens-
weise der Kranken {it. tGjv 7tQoocpeQO(.ievtov ß. Oribas. I, 300) und das
vierte enthielt Gymnastik und Hypurgie (tt. tCov Ttoiovf-iivcov ßor^d-rj/ndtcov
Oribas. I, 436). Quellen dieser Schrift sind die Werke des Athe-
naios, Apollonios von Perganion,Diokles,Herodot,Rufus
und Archigenes. Galen (im Kommentar zu Hippokrates TteQi
%v^(bv) und Oreibasios haben wiederum die Kompilation des An-
tyllos benutzt.
Das zweite grössere Werk des Antyllos war seine Chirurgie,
XeiQovQyov/iieva (Schol. zu Oribas. IV, 540, 14; III, 685, 688), die sich
an die gleichnamige Schrift des Heliodoros anlehnte sowie an
Leonides, und aus mindestens zwei Büchern bestand. Buch I ent-
hielt u. a. folgende Kapitel: rcegl tzwqov (Oribas. IV, 11, 3), neoi
änoorrjfxaTwv (III, 570, 11), Ttegl avgiyycüv (III, 611, 9), tieqI OTsaTtoudviov
(IV, 3, 11), TT. f^eXiyirjQidiiJV /.al &ihiQio(.iccTtov (IV, 7, 7), ueq! äyytvliov
(IV,^ 22, 1), n. dyyivloyXwaaov (IV, 25, 6), tt. xoiQciöcov (IV, 27, 9),
7t. äv€VQvof.iaTog (IV, 52, 9), tt. y.oXoßiof.idTiov (IV, 56, 3), ?r. twv ev
Qval xal iool ytoXoßcofidriov (IV, 58). Buch II: negl XiTtoöeQfiwv (IV,
460, 10), 7t£Qi hcoGTradiakov (IV, 463, 13), rc. fpii.icüO€Cüg (IV, 466, 5),
n. TtQoacpvoDg nöadrjg (IV, 469), tt. tw)' Ttegl refxvo^evcov, ct. ■d-ufj.iov tCov
EV aiöoioig (IV, 469).
In der chirurgischen Sammlung des Niketas (ed. Cocchi,
Florenz 1754, S. 121) wird eine Schrift des Antyllos über den
Wasserkopf „Ttsgl vÖQoxecpdhov^^ erwähnt.
Die von Paulus Aegineta VII, 24 erwähnte Schrift Ttegl
iiprjaEwg %wv efißakkoj-ievcov eig rag e^TtldOTQOvg (paQ(.id'Awv ist nur ein
Teil des Werkes 7t. ßorjdTjftdzcov. ^)
d) Klimatologie, Hygiene, Hypurgie und
Balneotherapie.
Die meteorologischen Verhältnisse und ihre Einflüsse auf den
Menschen behandelt Antyllos in äusserst spitzfindiger Weise, indem
er die Veränderungen der Luft im Laufe des Monats und des Tages
mit denen im ganzen Jahre vergleicht. So ist ihre Beschaffenheit in
der ersten Monatswoche analog derjenigen im Frühling (feucht* und'
warm), in der zweiten Woche wie im Sommer, in der dritten wie im
Herbst (trocken), in der vierten wie im Winter. Die Morgenluft ist
der Frühlingsluft ähnlich, die Mittagsluft der sommerlichen, die Nach-
mittags- und Abendluft der herbstlichen bezw. winterlichen Luft. Da
die Morgenluft feucht und warm ist wie im Frühling, so begünstigt
sie den Ausbruch der Krisen in Krankheiten u. s. w. (Oribas. EX, 3
^) Paulos Aegineta bezieht sich an folgenden Stellen auf Antyll: VI, 33,
40, 53, 62,- 67 ; VII, 10, 17, 18, 24.
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts. 485
und 4 ed. Daremb. II, 287—290). Antyllos teilt die Winde in
allgemeine und örtliche ein. Letztere sind den betreffenden Orten, an
denen sie wehen, eigentümlich. Die Winde gesunder Gegenden sind
gesund, die ungesunder ungesund. Die Winde, die vom Lande kommen,
sind trocken, die von der See und von Gewässern wehenden feucht. Die
Seewinde sind gesunder als die von Binnengewässern herkommenden
Winde, besonders wenn letztere stagnieren. Die Nordwinde sind die
gesundesten, weniger zuträglich sind die Westwinde und am schäd-
lichsten die Ostwinde (Oribas. IX, 9 ed. Dar. H, 298— 300). Hoch-
gelegene Gegenden sind wegen der fortwährenden freien Bewegung
der Luft in denselben die gesundesten. Die verdünnte Luft daselbst
ist Brustleidenden sehr zuträglich, ebenso bei Krankheiten des Kopfes
und der Sinnesorgane von günstigem Einflüsse. Niedrig gelegene Orte
passen mehr für Entkräftete und Greise, Küstengegenden für Wassersüch-
tige, Rheumatiker, Gichtiker, Nervenleidende, Dyspeptische. Im Innern
des Landes gelegene Orte sind kälter als die Seegegenden und eignen
sich, wenn sie weder sumpfig noch tiefgelegen sind, besser für akute
Krankheiten, während chronisch Kranke an die See gehören. Sumpfige
Orte rufen Seuchen hervor, ebenso ungesund sind die bei Bergwerken
gelegenen Orte wegen ihrer trockenen und stickigen Luft. Auch auf
die Beschaffenheit des Bodens kommt es an. Eine dicke Sandschicht
bedingt gute Säfte und ist Kranken mit trockener Konstitution zu-,
fraglich, Thonboden löst die Spannung (öiaXviiMg roö tövov) durch
eine schwache Exhalation, roterdige Gegenden trocknen mehr aus, die
gesündesten sind schwarzerdige Gegenden (Oribas. IX, 11 ed. Dar.
II, 301—302). In Bezug auf die Wohnung bemerkt Antyllos, dass
hohe Zimmer eine gute Atmung bewirken und dass gegen Süden
gelegene Zimmer die gesundesten seien, während Kranke, welche
der Kühlung bedüifen, am besten in nördlich gelegenen, am schlech-
testen in westlichen Zimmern aufgehoben seien. Auch die kühlen
Kellerwohnungen entsprechen diesem Zwecke z. B. in akuten fieber-
haften Krankheiten, bei Hämoptoe und Kopfleiden. Die oberen
Stockwerke dagegen sind von vollsaftigen, an Katarrhen leiden-
den Personen zu bevorzugen. Glänzender Kalkanstrich der Zimmer
oder Stein wände üben eine beunruhigende Wirkung aus; bemalte
Wände sind für Fieberkranke quälend und erregen ihre Phantasie
(Oribas. IX, 13 ed. Dar. II, 307—308). In der Lebensweise
legt Antyllos auf gymnastische Uebungen der verschiedensten
Art, auf Bäder, Diät u. a. den grössten Wert. Sehr ausführlich
wird von ihm der Nutzen des Spazierengehens behandelt, welches
er sowohl in therapeutischer als auch in rein hygienischer Be-
ziehung sehr hoch stellt. Bei Kopf-, Augen-, Rachen- und Brust-
leiden (ausgenommen Hämoptoe), bei Magenleiden, Amenorrhoe, Retentio
urinae werden Spaziergänge als therapeutisches Mittel empfohlen, die
einzelnen Arten derselben in der Ebene und auf Höhen, sogar mit
Beachtung des Aufsetzens der Füsse, werden genau beschrieben.
Bergsteigen ist Kurzatmigen zuträglich. Waldspaziergänge sind be-
sonders gesund (Orib. VI, 21 ed. Dar. I, 503-511). Laufen (d(>o>os)
erwärmt den Körper und befördert die Verdauung sowie die natür-
lichen Verrichtungen des Körpers, wirkt antirheumatisch, muss aber
bei Nieren- und Harnleiden, Verdauungsstörungen und Vergiftungen,
vermieden werden (I, 511—513). Das Reiten ist für Kranke wenig an-
gebracht, für die Brust ungesund, stärkt aber den Magen und erheitert
486 Iwan Bloch.
die Sinne (I, 519). Schwimmen ist nur in wenigen chronischen Leiden
zuträglich, auch dann nur im Sommer. Es macht mager und befördert
den Stoffwechsel. Daher sind Seebäder beiHydrops, hartnäckigen Derma-
tosen, Elephantiasis, Phthisis, rheumatischen Leiden und zur Beseitigung
von Infiltrationen angezeigt. Nerven- und Kopfleiden werden durch
Schwimmen ungünstig beeinflusst. Vor dem Eintauchen ins Wasser ist
EinÖlung und Einreibung des Körpers zweckmässig (I, 523 — 524). A n -
t y 1 1 0 s empfiehlt ferner verschiedene gymnastische Uebungen wie das
Schleuderspiel (I, 524), die „Schattenfechterei" (I, 525—526), den Faust-
kampf (I, 526), Sprungübungen (I, 526 - 528), Ballspiele (I, 528—531),
das „Kory kosspiel" (I, 531—532), den Kugel wurf (I, 532—533), das
Reifschlagen (I, 521 — 522) und als passive Bewegung besonders das
Schaukeln {aiwQa I, 513 — 518) zur Kräftigung der Gesundheit.
Subtile Vorschriften werden über das Lager des Kranken gegeben.
Alle an akuten Krankheiten Leidenden gehören ins Bett, welches bei
Kopfleiden (ausser Hirnleiden) eine zurückgeneigte, bei Brustkranken
eine hohe, bei Unterleibskranken eine zurückgebogene Lage haben
muss. Seitenlage ist bei Gonorrhoe und Nierenleiden zweckmässig.
Die Lage auf der rechten Seite ist bei Leberkranken, die mittlere
Lage bei Darmleiden angemessen (II, 309-310). Als Nahrung in
chronischen Leiden empfiehlt Antyllos besonders mit Wasser ge-
backenes Weizenbrot, in fieberhaften Krankheiten ist in Regenwasser
ausgebackener dünner Weizenkuchen, ferner Gerstengraupen u. a. von
Nutzen (I, 300 — 305). Als Getränk ist warmes Wasser allen Kranken
gut, kaltes bei Fieberhitze zu geben, und dann reichlich und viel.
Essigwasser wird gegen Hämoptoe verordnet, Honigwasser gegen
Nervenleiden. Wein auf nüchternen Magen ist schädlich (I, 414 — 417).
Antyllos unterscheidet Süsswasser- oder indifferente und kräftig
wirksame künstliche und natürliche Bäder, die als diaphoretische,
adstringierende, temperaturbeeinflussende, tonische, antispastische und
antineuralgische Mittel zur Verwendung kommen, oft unter Zusatz
von heilsamen Kräutern und Oelen. Die natürlichen Bäder sind salz-,
eisen-, Schwefel-, salpeterhaltig u. s. w. und nur in chronischen Krank-
heiten von Nutzen. Soolbäder werden gegen Wassersucht-, Kopf-,
Brust- und Magenleiden empfohlen, Schwefelbäder gegen Nervenleiden,
Eisenbäder gegen Milz- und Magenleiden (II, 380 — 385).
e) Chirurgie.
Von den aus der Chirurgie des Antyllos erhaltenen Abschnitten
sind zunächst diejenigen über die Blutentziehungenzu nennen,
unter welchen der Aderlass die erste Stelle einnimmt (Oribas. VII,
7; 9; 10; 11 ed. Daremberg Bd. II S. 38—41; S. 44—51; Aetios
Tetrabibl. I Serm. III cap. 13—15). Als Stellen für den Aderlass
nennt Antyllos die Stirn in der Nähe des Scheitelbeins, die Stelle
oberhalb des inneren Augenwinkels, hinter den Ohren, unter der
Zunge an der stärksten Vene, am Handrücken zwischen Mittel- und
kleinem Finger, die mittlere Vene in der Kniekehle, die vordere Vene
am inneren Knöchel, die obere, mittlere und untere Vene der Ellen-
bogenbeuge. Bei Ohnmacht, Magenleiden, allgemeiner Körperschwäche
muss die obere Ellenbogenvene gewählt werden, bei Epilepsie, Nerven-
und Geisteskrankheiten die untere Vene. Der Aderlass geschehe an
der mittleren Vene, wenn eine reichliche, rasche Entleerung be-
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts. 487
absichtigt wird. Die Schnürbinde darf nicht zu fest gebunden, die
Haut durch dieselbe nicht verschoben werden. Bei reichlicher Ent-
leerung muss die Oeffnung grösser gemacht werden, bei Irrsinnigen
darf man nur einen kleinen Eröffnungsschnitt machen wegen der Ge-
fahr der heimlichen Lösung des Verbandes. Auch der Arteriotomie
(Oribas. VII, 14 ed. Dar. II, 55) gedenkt Antyllos (meist an den
Nackenarterien). Schröpfköpfe (gläserne, bronzene und hörnerne)
werden ohne und mit Skarifikation angewendet (VII, 16 Dar. II,
58 — 61). Letztere wird noch in einem ibesonderen Kapitel (VIII, 18
Dar. II, 63—64) abgehandelt. Bemerkenswerte Angaben macht
Antyllos dann über die topische Anwendung der Blutegel (VII, 22
Dar. II, 69—72),^) wobei auch die „Bdellotomie" beschrieben wird.
Aus der chirurgischen Pharmakotherapie des Antyllos (Oribas. X,
19—37 ed. Dar. II, 424—466) sei nur die Einteilung der Blut-
stillungsmittel hervorgehoben in diejenigen, welche durch Kälte, Zu-
sammenziehung, Verstopfung, Austrocknung und Aetzung wirken.
Solche Hämostatica sind kaltes Wasser, Essig, Galläpfel, Akaziensaft,
Kupferhammerschlag, Grünspan, Gips, Galmei, Bleiweiss, Kupfer-
blumen, Glüheisen. — Sehr eingehend wird auch die Chirurgie der
Abscesse behandelt (Oribas. XLIV, 8 ed. Dar. III, 570—577) und
besonderer Wert auf die Berücksichtigung der Kosmetik bei Aus-
führung der Incisionen gelegt (im Gesichte nach den natürlichen Ge-
sichtslinien, an den Extremitäten in der Längsachse derselben u. s. w.).
Die Fisteln (Oribas. XLIV, 22-23, Dar. III 611— 634) werden mit
Sonden, bei besonderer Enge mit Ohrlöffeln untersucht, dann auf dem
eingeführten Finger oder der Sonde gespalten und angefrischt. Kallosi-
täten werden exstirpiert, kranke Knochenpartien werden ausgesägt.
Antyllos beschreibt die Flächenresektion, die Resektion in der
Kontinuität, an den Gelenkenden und die Totalexstirpation von
Knochen und macht detaillierte Angaben über die Resektion der
Knochen der verschiedenen Extremitäten. Bei Tracheal- und Brust-
fisteln wird eine myrtenblattförmige Umschneidung und Abtragung
ausgeführt, ebenso bei Unterleibsfisteln. Die Mastdarmfisteln werden
nach der heute noch üblichen Methode operiert. Als „Hydrocephalus"
(XLVI, 27 ed. Dar. IV, 200—204) beschreibt Antyllos die En-
cephalocele und die Hydrencephalocele. Die Phimose (Oribas. L, 5
ed. Dar. IV, 466 — 468)-) wird durch Incisionen in die innere Platte
des Präputium und Skarifikationen beseitigt, letztere auch gegen Para-
phimose zur Anwendung gebracht. Die folgenden Kapitel (L, 6 — 8
ed. Dar. IV, 469 — 471) handeln von der Verwachsung der Vorhaut,
von der Beschneidung und den Excrescenzen an den Genitalien, die
in bösartige (Epitheliome) und gutartige (spitze Kondylome) geschieden
werden. Merkwürdig ist die Beschreibung des Luftröhrenschnittes,
welche uns Aetios (X, 30) und Paulos von Aegina (VI, 33) er-
halten haben. Es handelt sich um einen queren Schnitt zwischen
den Ringen der Trachea. Antyllos verwirft die Operation, wenn
bereits alle Luftröhrenverzweigungen und die Lunge von der Krank-
heit ergriffen sind.
') Vgl. darüber J. Ch. Hu her, „Die Blutegel im Altertume" in: Deutsches
Archiv f. klin. Medizin Bd. 47 S. 525—526.
'^) H a e s e r hat dies Kapitel mit Text und deutscher Uebertetzung in : P a b s t ' ,
Allgemeine med. Zeitung 1837, S. 109 ff. veröffentlicht.
488 Iwan Bloch.
Den grössten Ruhm erwarb sich Antyllos durch seine Lehre
und Therapie der Aneurysmen (Oribas. XLV, 24 ed. Dar. IV,
52 — 56). ^) Er unterscheidet zwei Arten von Aneurysmen, eine durch
örtliche Erweiterung der Arterie, die andete durch Verletzung-
derselben entstanden. Die erstere ist länglich, die zweite rundlich.
Uebermässig grosse Aneurysmen (Achselhöhle, Hals, Schenkel beuge)
soll man nicht operieren, dagegen stets diejenigen an den Enden der
Extremitäten und am Kopfe. Beim Erweiterungsaneurysma wird ein
gerader Schnitt durch die Haut in der Längsrichtung der Arterie ge-
führt, die aneurysmatische Stelle von allen Seiten freigelegt, mit einer
darunter durchgeführten Sonde emporgehoben, worauf vermittelst einer
Nadel mit doppeltem Faden eine doppelte Unterbindung des Aneurysma
erfolgt. Dann wird das Aneurysma in der Mitte durch kleinen Schnitt
gespalten und der Inhalt entleert. Antyllos spricht sich gegen
die Methode der Exstirpation des Aneurysma aus. Aehnlich ist auch
die Operation des traumatischen Aneurysma.
Bemerkenswert ist die plastische Operation der „Kolobome"
d. h. der Defekte der Haut oder der unterliegenden Teile (Oribas.
XLV, 25—26 ed. Dar. IV, 56—59), besonders der Augenlider, der
Stirn, Nase, Wangen und Ohren. Der Defekt wird viereckig um-
schnitten und der obere und untere Schnitt nach beiden Seiten ver-
längert. Hierauf wird die zwischen den Schnitten gelegene Haut
(nebst Weichteilen) bis zu deren Enden losgelöst, nach der Mitte des
Vierecks zusammengezogen und dort vereinigt.
f) Augenheilkunde.
Von ophthalmologischen Abhandlungen des Antyllos ist nur
diejenige über KoUyrien erhalten geblieben (Oribas. X, 23 ed.
Dar. II, 432—438). Die. mit Regen wasser und Gummi zerriebenen
Medikamente werden geformt und in Metallbüchsen aufbewahrt. Die
aus Pflanzensaft bereiteten Kollyrien müssen sogleich angewendet
werden, die metallischen werden mit der Zeit kräftiger. Für be-
ginnende Ophthalmie empfiehlt Antyllos Kollyrien aus Schöllkraut,
Safran und Sarcocolla, gegen Chemosis solche aus Zinkoxyd, Bleiweiss
und Narde, gegen Geschwüre die aus Weihrauch. Bei Chemosis und
heftigen Entzündungen werden sie eingeträufelt, bei anderen Zuständen
in das Unterlid mit der Sonde eingesalbt. Flüssige Kollyrien (aus
attischem Honig, Balsamsaft und Galle), Fenchelsaft, Oel, Asa foetida,
Zimmt, Saft der wilden Raute dienen gegen Sehstörungen und be-
ginnenden Star.
Bei R h a z e s findet sich die folgende Stelle, welche dem L a t y r i o n
(S a t y r i 0 n ?) und dem A n t y 1 1 o s die Kenntnis der bereits von anderen
geübten Starausziehung beilegt: „Latyrion dixit, cum cirurgicus
vult extrahere cataractam ferro debemus teuere instrumentum super
cataractam per magnam horam in loco ubi ponitur illud. . . . Dixit
Antilus: et aliqui aperuerunt sub pupilla et extraxerunt cataractam.
Et potest esse, cum Cataracta est subtilis; et cum est grossa non
poterit extrahi, quia humor egrederetur cum ea."
^) Vgl. dazu „Ueber einige im Altertume gepflegte Operationen an den Blut-
gefässen" in: Wiener med. Blätter 1882 Nr. 1; 3; 4; 5; E. Albert, „Geschichte
der Behandlung der Aneurysmen" in: Wiener klin. Wochenschrift 1893 Nr. 47;
Paul Broca, „Des anevrysmes et de leur traitement", Paris 1856, S. 202.
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts. 489
3. Philagrios und Poseidonios.
Litteratur.
A. Leivy u. Landsberff, „Ueber die Bedeutung des Antyllus, Philagrius
und Posidonius m der Geschichte der Heilkunde" in: HenscheVs Janus Bd. II,
1847, S. 758—771; Bd. III, 1848, S. 166-184. — C. F. Ileitsinger, „Phila-
grius und Posidonius", ibidem 1847, S. 400. — Th. Puschmann, Einleitung
zu seiner Ausgabe des Alexander von Tralles, Bd. I S. 218 — 222; S. 247 - 251,
Wien 1888. — A. Carlien, ..Les medecins grecs'\ Paris 1885, S. 105—107. —
Th. Puschnmnn, „Beiträge zu Alexander Traüianus^^ i7i: „Berliner Studien
für classische Philologie und Archaeologie", Berlin 1886, Bd. V Heft 2 S. 74 — 129
(Abdruck von Fragmenten aus PMlfiffrios aus den handschriftlich überlieferten
lateinischen Uebersetzungen der Werke des Alexander von Tralles). — E. Gurlt,
„Geschichte der Chirurgie", Berlin 1898, Bd. I S. 492—493.
Das Brüderpaar Philagrios und Poseidonios, Söhne des
Arztes Philostorgios (unter Valens und Valentinian; Philo-
st org. hist. ecdes VIII, 10), gehört dem Ende des 4. Jahrhunderts
an') und stammte aus Epirus. Philagrios übte die Praxis in
Thessalonich aus und verfasste zahlreiche Schriften. Er war wohl
der beste Kenner der Milzkrankheiten unter den alten Aerzten.
Aetios und Alexander von Tralles haben ihre Darstellung der
Milzleiden den betreifenden Schriften des Philagrios entnommen.
Andere Excerpte aus Philagrios finden sich bei Oreibasios und
Rhazes. Philagrios stellte genaue Untersuchungen an über den
Einfluss der verschiedenen Dyskrasien auf das Verhalten der Milz, über
Meteorisums mit gleichzeitiger Milzschwellung, über die verschiedenen
Formen der Splenitis, bei welcher die Kenntnis des durch Malaria her-
vorgerufenen Milztumors, sowie der Vergrösserung der Milz bei akuten
Infektionskrankheiten deutlich hervortritt. Die Therapie des Phila-
grios bei Milzentzündungen bestand in Aderlass, Laxantien, Brech-
mitteln, feuchten Umschlägen, Diurese u. s. w. (T heodorPuschmann,
„Beiträge u. s. w. S. 74—129; Aet. Tetrab. III Serm. II cap. 7—16).
Auch hat Philagrios zuerst unsere heutige Fettdiarrhoe unter dem
Namen avPTi]^ig beschrieben (Oreibasios, Synopsis VI, 30 ed. Dar. V,
311 — 312; Aetios Tetrab. II Serm. I cap. 90), gegen welche hauptsäch-
lich ein hydrotherapeutisches Verfahren zur Anwendung kommt. Höchst
bemerkenswert ist das Kapitel über nächtlichen Samen fluss
(Aet. Tetrab. III Serm. III cap. 33), in welchem bereits von den
gastrischen Beschwerden bei Spermatorrhoe die Rede ist. Der Kranke
muss auf der Seite auf nicht zu weichem Lager liegen. Es werden
Massage, Spaziergänge, Fernhaltung schlüpfriger Schauspiele und
Lektüre, Gymnastik als Heilmittel empfohlen; auch soll man eine
Bleiplatte unter die Lenden schieben. Philagrios erzählt von einem
Kranken, dem er einen in der Harnröhre eingeklemmten Stein durch
Urethrotoniie oberhalb der Eichel entfernte und nachher Eselinnen-
milch und angemessene Diät verordnete, damit kein neuer Stein in
den Nieren sich bilde (Aet. Tetrabibl. III Serm. III cap. 5). Wir
verdanken dem Philagrios neben Ar chi genes eine genauere Be-
schreibung der Nieren- und Blasensteine (Aet. Tetrabibl. III
Serm. III cap. 4). Erstere kommen mehr bei alten, letztere mehr bei
^) Dass Philagrios nach Galen lebte, ergiebt sich auch aus einer Erwähnung
des letzteren in dem Excerpt He^l fjSioiv Titofiürcov bei Oribas. V, 19 ed. Dar. I, 376.
490. Iwan Bloch,
jungen Leuten vor. Die Nierensteine liegen im Nierenbecken, sind
von verschiedener Grösse, B'orm, Farbe und Oberfläclie. Die runden
und glatten werden am leichtesten ausgeschieden. Die Nierengegend
ist schmerzhaft; ist die Niere entzündet, so zeigt sich aussen eine
Geschwulst, das Bücken verursacht Schmerz, oft tritt Oligurie oder
Anurie ein, ebenso Hämaturie. Meist besteht Obstipation. Gelangt
der Stein in die Blase, so geht viel Gries ab, ebenso reichlicher Stuhl.
— Endlich sei noch der Schilderung des „Ganglions" an Hand- und
Fussgelenk, Ellbogen und Kopf gedacht, worunter teils unsere
Schleimbeutelhvgrome, teils Atherome zu verstehen sind
(Aetios Tetrab. IV Sermo III cap. 9).')
Wie Philagrios auf dem Gebiete der Milzleiden eine Autorität
war, so war es sein Bruder Poseidonios auf demjenigen der Ge-
hirnphysiologie und Gehirnpathologie, in dem Kapitel
über die „Phrenitis", die er als eine Entzündung der Hirnhäute
auffasst (Aet. Tetrab. II Serm. II cap. 2), führt er aus, dass die
Einbildungskraft im vorderen Teile, die Vernunft in den mittleren
Höhlen, das Gedächtnis in den hinteren Teilen des Gehirns lokalisiert
seien. Von Interesse ist die Empfehlung von Schlafmitteln im phreni-
tischen Delirium, entweder in Form von Einreibungen im Gesicht,
oder von Riechmitteln, oder von internen Medikamenten. Deutlich trennt
Poseidonios die comatösen (ibid. cap. 5 und 6), kataleptischen (cap. 4)
und schlafsüchtigen (cap. 3) Zustände von einander. Das Alpdrücken
(cap. .12) ist ein Vorbote der Epilepsie, Apoplexie und Manie und ent-
steht durch Anfüllung der Hirnhöhlen mit Dünsten. Auch die Epilepsie
bei Greisen und Kindern (cap. 19—21) wird besprochen. Therapie:
vieles Wassertrinken, Purgantien, Aderlass, Schröpfköpfe auf Unter-
leib und Hinterhaupt. Ausführlich wird die Hundswut und Hydro-
phobie geschildert. Ist jemand von einem tollen Hunde gebissen
worden, so muss die Wunde erweitert, die ganze Umgebung derselben
skarifiziert, die Wunde sodann mit dem Glüheisen ausgebrannt werden,
worauf man das Geschwür lange in Eiterung erhält. -)
Die Abhandlung über die Pest in Libyen, die nach Rufus von
Ephesus ein Poseidonios verfasst haben soll, •^) stammt nicht von
unserem P.
4. Magnos, Theon, Jonikos, Zenon.
. Von den verschiedenen Aerzten des Namens Magn os*) gehört dem
vierten naclichristlichen Jahrhundert an Magnos von Antiochia,
der in Alexandria lehrte (Philo storgios bist, eccles. 8, 10) und
mit Oreibasios zusammen Schüler des später zu erwähnenden Zenon
von Cypern war. Eunapios („De vitis philosophorum et sophi-
^) Die Stellen des Philagrios im „Continens" des Ehazes über Ohren-,
Mund-, Kachen-, Magen-, Darm-, Leber- und (iebärmutterleiden, Diabetes sind bei
Corlieu a. a. 0. S. 106 — 107 verzeichnet.
'^) Matthaeus Sylvaticus hat in seinen „Pandectae medicinae" (1474)
mehrere Bemerkungen des Poseidonios übernatürliche und künstliche Alaunbäder
bei Wassersucht, Gicht und Hautkrankheiten aufbewahrt
") Oreibasios XLIV, 17 ed. Daremberg III, 608.
*) Die von Galen erwähnten verschiedenen Magnos hat Well mann, „Die.
pneumatische Schule", S. 14 Anm. 4 zusammengestellt. Ueber Magnos von
Emesus vgl. Bussemaker im Janus 1847, II 273—297; über einen Magnos
von Alexandria siehe Steinschneider inVirchow's Archiv Bd. XXXV S. 355.
Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts. 491
starum", Colon. Allobrog, 1616, S. 138) berichtet von ihm, dass er
den Beinamen „Jatrosophist" führte, gross war in der peripatetischen
Dialektik, die oft vor einem zahlreichen Aerzteauditorium in Gestalt
einer aufdringlichen und mit Skepsis durchtränkten Streitsucht zu Tage
trat. Dieser Nihilismus beeinträchtigte sein ärztliches Handeln ausser-
ordentlich. Die ihm zugeschriebene Schrift über den Urin gehört
wahrscheinlich dem Magnos von Emesus an. ^) In der lateinischen
Uebersetzung der Synopsis des 0 r e i b a s i o s findet sich die Vorschrift
eines „Colluriu diaasteros Magnu sofistu" (Oribas. ed. Daremb.
V, 913).
Theon von Alexandria (nicht zu verwechseln mit einem
älteren von Galen ed. Kühn VI, 96; 182 erwähnten Theon von
A., dem Verfasser eines Werkes über die Leibesübungen) praktizierte
um 350 n. Chr. in Gallien (Eunapios a. a. 0. S. 143) und verfasste
ein dem Theöktistos gewidmetes, noch im 9. Jahrhundert vor-
handenes Werk mit dem Titel "Jvi^Qiono^, dessen Inhalt von Photius
(Bibliotheca ed. J. Bekker, Berlin 1824 Bd. I S. 166) angegeben
wird. Danach stellte es eine blosse therapeutische Kompilation a capite
ad calcem dar, aus welcher nur ein Abschnitt über Podagra und
gichtische Leiden Erwähnung verdient. Aus dieser Schrift stammt
wahrscheinlich das von Aetios (Tetrab. I Sermo III cap. 58) auf-
bewahrte Rezept für eine „Vini purgantis bilem praeparatio".
J 0 n i k 0 s von S a r d e s war der Sohn eines hervorragenden Arztes
und war selbst einer der berühmtesten alexandrinischen Gelehrten und
Aerzte, der Chirurgie, Anatomie und Pharmakologie in gleichem Masse
beherrschte, zugleich aber auch einer umfassenden philosophischen,
rhetorischen und poetischen Bildung sich erfreute. Er starb einige
Jahre vor Oreibasios (Eunapios a. a. 0. S. 142).
Der Lehrer des Jonikos. Magnos und des Oreibasios war
Zenon von Kypros, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts in
Alexandria lehrte, durch die gregorianischen Unruhen aus dem Museum
vertrieben, aber durch Kaiser Julianos wiedereingesetzt wurde
(Julian. Epistol. 45 ed. Spanhemius, Leipz. 1696, S. 426).
Caelius Aurelianus erwähnt in dem Kapitel „De colicis passioni-
bus" (Chron. morbor. IV, 7) unter den „bibenda composita vel simplicia"
auch ein „Zenonis diasticon".
*) Wie Bussemaker a. a. 0. nachgewiesen hat, ist die psendogalenische
Schrift Tis^l ovQcov identisch mit der Schrift des Magnos von Eraesus.
Byzantinische Medizin. ^^
Von
Iwan Bloch (Berlin).
Kulturgeschichtliche Einflüsse auf die Gestaltung der Medizin
in der byzantinischen Epoche.
Die Kultur des byzantinischen Reiches war nicht bloss, wie man
bisher anzunehmen geneigt war, eine Kultur des Verfalls, nicht bloss
eine in das Mittelalter hineinragende Ruine des Altertums, die nur
noch in dürftigen Resten Kunde gab von der Herrlichkeit des antiken
Baues, sondern sie bietet der objektiven, nicht einseitigen Geschichts-
betrachtung auch originelle Züge dar in den Eigentümlichkeiten einer
Entwicklung, die in der Verschmelzung antiker römisch-
hellenischer Kulturelemente mit den Einflüssen christlich -
orientalischer Kultur ihren bezeichnendsten Ausdruck fand. Die
Periode dieser Ausbildung der spezifisch byzantinischen Kultur
fällt nach Krumbacher ^) in das vierte bis siebente christliche Jahr-
hundert. Das vierte Jahrhundert bildet die Grenze zwischen der
hellenisch-römischen Bildung des Altertums und der christlich- byzan-
tinischen des Mittelalters.
Die politische Geschichte des Byzantinerreiches ist im grossen
und ganzen die „eintönige Geschichte der Intriguen von Priestern,
Verschnittenen und Frauen, der Giftmischereien, der Verschwörungen,
der gleichmässigen Undankbarkeit, der beständigen Vatermorde"
(W. E. H. Lecky). Trotz jener oben betonten Eigenart, deren
Stempel allen Schöpfungen der Kunst und der Wissenschaft aufgeprägt
ist, macht sich in beiden ein entartetes Epigonentum geltend. Jene
erwähnten Beziehungen zu den orientalischen (Syrer, Araber,
Perser, Inder, Armenier, Türken) und slavischen (Südrussland u. a)
Völkern vermochten nicht der Stagnation des geistigen Lebens ent-
gegenzutreten, noch den allmählich eintretenden Verfall der gesamten
oströmischen Kultur aufzuhalten. Nur eine eigentümliche Färbung
^) K. Krumb ach er, „Geschichte der byzantinischen Litteratur", München
1897, 2. Auflage, S. 14.
Byzantinische Medizin. 493
empfing die letztere durch jene christlich-orientalischen Einflüsse. ^)
Im übrigen aber überwucherte in der Wissenschaft das sophistische
Element, welches durch die theologischen Zänkereien reichliche
Nahrung fand. Was noch übrig geblieben war an Kraft und sozialer
Energie, wurde durch die beständigen Kriege mit den orientalischen
Völkern (Einnahme Alexandrias durch die Araber 640 n. Chr.), später
mit den Kreuzfahrern erschöpft, und endlich erlag das oströmische
Kaisertum dem Anstürme der Türken, welche ihm durch die Er-
oberung Konstantinopels (1453) für immer ein Ende machten. Die
Folge dieser Eroberung aber war die Verbreitung und Erneuerung
griechischer Bildung im abendländischen Westen.
Der Niedergang der Wissenschaften in der byzantinischen Periode
kann hauptsächlich auf drei Ursachen zurückgeführt werden, auf den
Einfluss der christlichen Lehre, der philosophischen Mystik,
wie sie im Neuplatonismus zum Ausdrucke kam und des Aber-
glaubens, wie er in der Pflege der Magie, Astrologie und Alchemie
zu Tage trat.
Das Christentum mit seiner dem Irdischen abgewandten Lehre
musste, je mehr es sich in der Kirche organisierte, den Fortschritt
der Wissenschaft in ungünstigem Sinne beeinflussen. Da das irdische
Leben nur als Vorbereitung für das Jenseits galt, wurde auch das
Wissen unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, die Autorität der
Kirche über diejenige der gelehrten Forschung gestellt, die Bibel als
höchste Offenbarung nicht nur des Glaubens, sondern auch des Wissens
proklamiert. '^) Nur in diesem Sinne wurde die antike Bildung von
den Kirchenvätern gepflegt, welche zum Teil über sehr bemerkens-
werte naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügten. A. Harnack hat in
seiner interessanten Schrift „Medizinisches aus der ältesten Kirchen-
geschichte" (Leipzig 1892, 8«, VIII, 116 8.=^) 16 alt Christ liehe
Aerzte zusammengestellt, darunter den Priester der Gemeinde zu
Sidon, Zenobios, den Bischof Theodotos von Laodicea. den
ägyptischen OrSensstifter Hierakas, den römischen Bischof Euse-
bios, den Bischof Basilios von Ancyra, den Arianer Aetios, von
dem Philostorgios (Histor. eccles. IV, 15) berichtet, dass er von
dem berühmten Arzte Sopolis in der Heilkunst ausgebildet wurde,
selbst ein vortreif lieber Arzt gewesen sei, aber niemals Honorar ge-
nommen habe. Die ersten christlichen Aerzte stammten meist aus
Syrien, wie denn auch die beiden berühmtesten, die Brüder Cosmas
und Dam i an, die aus Arabien stammten, in Syrien Medizin studiert
hatten, und später in Aegeä in Cilicien die ärztliche Kunst ebenfalls
unentgeltlich ausübten. In ihrer Wirksamkeit trat schon das religiöse
Moment ganz besonders hervor, da sie ohne Medizin, nur durch Gebet,
die Kranken heilten. Sie wurden beide während der grossen Christen-
verfolgung unter Diocletian enthauptet, gelten jetzt als Patrone
der Aerzte und Apotheker in der katholischen Kirche und werden
als Märtyrer am 27. September in Rom verehrt. An ihrem Grabe
^) Der Höhepunkt, die „Renaissance" der byzantinischen Kultur, wird durch
das 12. Jahrhundert bezeichnet (Krumb ach er a. a. 0. S. 16).
*) Und zwar auch des medizinischen Wissens, wie denn die christliche Lehre
so sehr mit medizinischen Dingen verquickt wurde, dass sie mit Recht von Har-
nack (a. a. 0. S. 46) als „medizinische Religion" bezeichnet wird. Näheres s. unten.
^) Vgl. auch A. Marignac, „La medecine dans Teglise au sixieme siecle"
Paris 1887.
494 Iwan Bloch.
geschahen viele Wimderheilungen; ihre Reliquien mit den Köpfen
Averden in der Münchener Jesuitenkirche aufbewahrt. Cosmas und
Damian, die „dvdgyvQOL^^, waren den Christen das, was Asklepios
den Heiden war. Ob sie aber wirklich existiert haben, lässt sich
nach Harnack nicht mehr feststellen. Justinian erbaute dem
Brüderpaare eine Kirche, zu der viele Kranke wallfahrteten (Pro-
copius, „De aedificis Justiniani" I, 6). Das Pariser „College de
St. Come, welches seit dem 13. Jahrhundert besteht, verehrte diese
heiligen Aerzte als Patrone und empfing seinen Namen von dem
einen derselben. ^)
Von den christlichen Grabinschriften der byzantinischen Zeit
beziehen sich mehrere auf Aerzte, z. B. eine solche auf der Insel
Gozzo bei Malta, in Verona (anno 511 n. Chr.), sogar der Name einer
christlichen Aerztin (Eestiuta) hat sich erhalten (Kaibel, Epigr.
graec. Nr. 1751). Auch in der byzantinischen Epoche waren Priester
oft zugleich Aerzte. In dem 115. Briefe des Theodor et, der an
den Bürgermeister Apelles von Cyrus gerichtet ist, heisst es z. B.:
„Als ich das Bistum zu Cyrus übernommen hatte, bestrebte ich mich
von allen Seiten die nötigen Künste dorthin zu bringen. Ich beredete
auch geschickte Aerzte, dass sie sich in die Stadt begeben möchten.
Unter diesen ist der sehr fromme Priester Petrus, der die Arznei-
kunst mit vieler Klugheit ausübt und durch seine Sitten glänzt. Jetzt
aber, da ich fortgehe, verlassen diese auch die Stadt; auch Petrus
ist dazu entschlossen. Deswegen bitte ich Deine Hoheit, Sorge für
ihn zu tragen; denn er behandelt die Kranken sehr geschickt und
heilt recht gut." Selbst der Kaiser Justinian Hess sich von einem
Arzte, der zugleich Priester war, behandeln.
Diese eifrige praktische Bethätigung der Angehörigen der christ-
lichen Kirche auf dem Gebiete der Arzneikunst lag ganz im Sinne
der christlichen Lehre selbst, wie dies Harnack in dem Kapitel
„Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung" (a. a. 0. S. 89 —
111) ausgeführt hat. Das Evangelium, als die Botschaft vom Heiland
und der Heilung, wendet sich an die kranke Menschheit und ver-
spricht ihr Gesundheit (Marc. 2, 17; Luc. 5, 31). Jesus sucht die Ge-
sellschaft seelisch und leiblich Kranker und ist von einem Kreise von
Geheilten umgeben. Schon die weltschmerzliche Stimmung der
heidnischen Zeit am Ausgange des Altertums hatte „Reinheit, Trost,
Entsühnung, Heilung" in der Religion gesucht und dem Heil-
gotte, dem Aeskulap, eine besondere Verehrung dargebracht.
Harnack bemerkt über den Aeskulapkult und seine Beziehungen
zur christlichen Religion: „Von Rom aus hat er (der Kult) sich über
den ganzen Westen verbreitet, hie und da verschmolzen mit dem
Kultus des Serapis und anderer Gottheiten, ihm zur Seite und unter-
geordnet der Kultus der Hygiea und Salus, des Telesphorus
und Somnus. Dabei erweiterte sich die Sphäre dieses heilenden
Gottes immer mehr: er wurde zum „Soter" schlechthin, zu dem Gott,
der in allen Nöten hilft, zu dem „Menschenfreunde" {(pdav^gcoTrözaTog).
^) Vgl. F. Boerner, „De Cosma et Damiano, artis medicae Diis olim et adhuc
tutelaribus", Helmstädt 1751, 4". — ,,Legenda di San Cosma e Damiano, scritta nel
buon secolo della lingua e non mai fin qui stampata", Neapel 1857, 8 ", VIII, 55 S.
— Viele christliche Aerzte nannten sich im Altertum und in byzantinischer Zeit
nach Cosmas, wie aus Inschriften hervorgeht. Vgl. über Aerzte-Heiligen C. B.
Carpzow, „De medicis ab ecclesia pro sanctis habitis", Leipzig 1709, 4".
Byzantinische Medizin. 495
Je mehr man in der Eeligion nach Rettung und Heilung- ausschaute,
desto mehr wuchs das Ansehen des Gottes. Er gehört zu den alten
Göttern, welche dem Christentum am längsten Widerstand geleistet
haben. Darum begegnet er auch in der alten christlichen Litteratur
nicht selten. In der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts und im
dritten war der Aeskulapkultus einer der verbreitetsten. Man reiste
zu den berühmten Heilanstalten des Gottes, wie man heute in die
Bäder reist ; man rief ihn an bei den Krankheiten des Leibes und der
Seele: man brachte ihm, dem 6E0C CVTHP, die reichsten Geschenke;
man weihte ihm das Leben. Ungezählte Inschriften und Bildwerke
bezeugen das. Aber auch bei anderen Göttern stellte man die heil-
bringende Thätigkeit nun in den Mittelpunkt. Zeus selbst und Apollo
traten in ein neues Licht. Auch sie wurden „Heilande". Niemand
konnte mehr ein Gott sein, der nicht auch ein Heiland war. Durch-
mustert man die grosse Streitschrift des Origenes gegen Celsus,
so gewahrt man leicht, dass ein Hauptstreitpunkt zwischen den beiden
bedeutenden Männern der war, ob Jesus der rechte Heiland sei oder
Aeskulap. Celsus tritt ebenso lebhaft und wundergläubig für
diesen ein, wie Origenes für jenen." ^) So gestaltete sich auch die
christliche Religion als die „Religion der Heilung", als „Medizin der
Seele und des Leibes". Das neue Testament ist stark von medizinischen
Ausdrücken durchsetzt, ebenso die Schriften der Kirchenväter (Taufe
= Bad der Seele; Abendmahl = „Pharmakon der Unsterblichkeit";
Busse = Vera de satisfactione medicina). Die Kirche gab sich als die
grosse Heilanstalt, als das Lazareth der Menschheit, in dem die Bischöfe
und Seelsorger die Aerzte, die Heiden, Sünder und Häretiker die
Kranken, die kirchlichen Lehren und Handlungen die Arzneien sind.
So musste im weiteren Verfolg die Kirche in der thatkräftigen Sorge
für die seelisch und leiblich Kranken eine ihrer wichtigsten Pflichten
erblicken, woraus sich die weiter unten zu behandelnde Krankenpflege
entwickelte.
In den Schriften der Kirchenväter finden sich demnach zahlreiche
medizinische Betrachtungen und Bemerkungen, die aber fast immer
im kirchlich-dogmatischen Sinne gemacht werden. So knüpft die
Physiologie und Psychologie der Kirchenväter hauptsächlich an
das Dogma von der Auferstehung des Leibes, der Schöpfung der Welt
und der Existenz der Seele an. In dem grossen Dialog des Metho-
dius über die Auferstehung (300 n. Chr.) ist der Arzt Aglaophon
ein Hauptdisputant, und zwar fand die Disputation in der Klinik dieses
Arztes statt. Aglaophon greift die Lehre von der Auferstehung
des Fleisches heftig an. Der menschliche Körper ist in einem stetigen
Umwandlungsprozess begriifen, der besonders (nach Aristoteles und
Pseudo-Hippokrates TteQi xv(.uov) durch die Nahrung befördert
wird. Daher ist der Leib „stets sich verändernd, niemals seiend, noch
das Seine in sich habend, wenn er auch als derselbe erscheint".
Methodius verfasste auch eine allegorische Erklärung der alt-
testamentlichen Stellen über den Aussatz. — Der medizinisch am
höchsten gebildete Kirchenvater ist Tertullian, der von sich selbst
sagt, dass er „auch in die Medizin einen Blick gethan habe, die
Schwester, wie man sagt, der Philosophie" (De anima cap. 2). Seine
*) Harnack a. a. 0. S. 94 — 95. Die Ableitung des Christentypus aus dem
Urbilde des Aeskulap ist nach Harnack (S. 106) eine „beachtenswerte Hypothese".
496 Iwan Bloch.
Psychologie ist materialistisch, da er die stoische Lehre von der
Körperlichkeit der Seele billigt. Das „Oberste" {fiyef.wviy.öv) der Seele
ist nicht, wie Moschion sagt, im ganzen Körper verbreitet, oder
nach P 1 a 1 0 im Kopfe, nach Xenokrates im Scheitel, nach H i p p o -
krates im Gehirn, nach Herophilos in der Hirnbasis, nach Strato
und Erasistratos in den Hirnhäuten, nach dem Physiker Strato
in der Mitte zwischen den Augenbrauen, nach E p i k u r im Brustkasten,
sondern nach Orpheus und Empedokles im Herzen, da das
„das Herz umströmende Blut beim Menschen das Geistige ist", wie
auch Protagoras, Apollodor und Chrysippos lehren. Hier
bekundet sich Tertullian als einen Anhänger der neuerdings von
Well mann monographisch gewürdigten sicilischen Aerzteschule, die
nach dem Vorgange des Empedokles das Herz als das Centralorgan
der Seele proklamiert hatte, und wir sehen, dass diese Lehre sich bis
in jene späten Zeiten erhielt und ebenso festen Fuss gefasst hatte
wie die hippokratische von dem Gehirn als Centralorgan des seelischen
Lebens. Nach Tertullian ist die Seele sowohl der Sitz der Sinnes-
wahrnehmungen als auch der höheren Erkenntnis. Auch die Pflanzen
haben einen „unbewussten Intellekt" und eine eingeborene Wachstums-
richtung (de anima cap. 19). Die Seele wird zusammen mit dem
Körper erzeugt (cap. 23). Die Anlage des Geschlechtsunterschiedes
ist vom ersten Moment an gegeben (cap. 36). In echt kirchlichem
Sinne erklärt Tertullian den Nahrungstrieb für die einzig natür-
liche Begierde, den Geschlechtstrieb aber für verschlechterte Natur
(cap. 38).
Aus vorkonstantinischer Zeit handelt die lateinische Schrift des
Lactantius „De opificio dei" fast ausschliesslich vom /menschlichen
Körper nach teleologischen Anschauungen, bespricht den Bau der
Knochen, der Gelenke, der „Nerven", Adern, Haut, dann die einzelnen
Körperteile. Der Verfasser drückt sein Erstaunen über die grosse
Mannigfaltigkeit des Aussehens der Menschen aus, da doch der Bau
derselbe sei (cap. 7). Nach der Besprechung der inneren Organe wird
auch die Fortpflanzung austührlich behandelt (cap. 12 — 13). Aus der
rechten Seite des Uterus gehen die männlichen, aus der linken die
weiblichen Embryonen nach der Befruchtung hervor. Der Same geht
entweder aus dem Mark oder aus dem ganzen Körper hervor. Die
Theorie der Zeugung wird nach V a r r o und Aristoteles ent-
wickelt. ')
Auch Clemens Alexandrinus beschäftigt sich mit der Ent-
stehung des Embryo (Pädagog. I cap. 6) und erklärt die Muttermilch
für verwandeltes Blut, was in einer ausführlichen physiologischen
Darlegung begründet wird (Pädagog. ibid.).
Dionysius Alexandrinus stellt teleologische Betrachtungen
über die verschiedene Lebensdauer der Organismen und über den
Bau des menschlichen Körpers an {rceql (pvaecog S. 339 und 417 ed.
Eouth).
Auch diätetische und therapeutische Bemerkungen finden
wir in den Schriften der Kirchenväter. So handelt Clemens Ale-
xandrinus vom Weintrinken (Pädagog. II, 2, 19—34). Der Wein
ist für ihn nur ein „Pharmakon": „Wer den Wein, eine Arznei,
^) Ausführliche Inhaltsangabe der Schrift des Lactantius bei Harnack
a. a. 0. S. 52—56; vgl. auch Brandt, „Wiener Studien" 1891, Bd. XIII S. 255—292.
Byzantinische Medizin. 497
unmässig braucht, bedarf einer neuen Arznei wider den Wein." —
„Es ist nicht passend, der ohnehin glühenden Jugend die hitzigste
aller Flüssigkeiten zuzuführen, den Wein, als wolle man Feuer dem
Feuer zugiessen." — „Ich erinnere mich, dass ein gewisser Artorius
in seiner Makrobiotik die Meinung aufstellt, man solle nur so viel
trinken, als zur Befeuchtung der Speisen nötig ist, um sich eines
längeren Lebens zu erfreuen." Novatian warnt vor dem Früh-
schoppen (De cibis iudaicis 6). Extreme Temperenzler verwarfen
auch den arzneilichen Weingebrauch, daneben jede Körperpflege und
alle Arzneien. Nur das Gebet heile (Tatian, Orat. ad Gr. 20; Ter-
tullian, Apolog. 23). Andere Kirchenväter dagegen erlaubten Bäder
(Tertullian, Apolog. 42; Clemens, Pädagog. III, 9), Arzneien und
diätetische Pflege des Körpers (Clemens, Pädagog. III, 10 u. A.).
Im ganzen aber galt die Medizin als eine von Heiden erfundene Kunst
(Pseudojustinus, Quaest. et Respons. ad Orthod. 55 p. 80 ed.
Otto) und wurde daher mit tiefem Misstrauen betrachtet. Die spe-
zifisch christlichen Heilmittel waren Gebet, Handauflegung und Exor-
cismus, neben welchen „weltliche" Arzneien als überflüssig galten.
Zahlreiche Krankheiten werden in den Evangelien erwähnt,
wie Lepra, Wassei'sucht, Ruhr, Blindheit, Taubheit, Besessenheit u. s. w.
Paulus litt wahrscheinlich an Epilepsie. Bekannt ist die von Euse-
bius und dem Verfasser der Schrift „De mortibus persecutorum" ent-
worfene Schilderung der Krankheit des Kaisers Galer ius (wahr-
scheinlich phagedänischer Schanker der Genitalien); Euseb., Hist
eccles. VIII, 16, 31f.; De vita Constantini I, 57, 2; Anonymus, „De
mortibus persecutorum" cap. 33). Die Pest, welche wie den Juden
im Mittelalter, so damals den Christen in die Schuhe geschoben wurde,
wird von Dionysius von Alexandrien (bei Euseb., Hist. eccles. VII,
21), Cyprian im Traktat „Von der Sterblichkeit" und in der Schrift
„An Demetrian" (cap. 10 ff) geschildert. Eusebius gedenkt einer
Karbunkelepidemie (Hisl ecel. IX, 8).
Nach einer Richtung hin hat der Einfluss des Christentums auf
die Heilkunde einen bedeutenden Fortschritt bewirkt. Das betrifft die
Ausbildung und den Aufschwung der Krankenpflege.')
Freilich lässt sich Haesers Anschauung, dass die eigentlichen
Krankenhäuser und Krankenhauspflege im modernen Sinne erst christ-
liche Schöpfungen sind, angesichts der neueren Forschungen nicht
mehr aufrncht erhalten.-) Zwar lassen sich die griechischen Askle-
pieien und Jatreien kaum mit den späteren Krankenhäusern ver-
gleichen (s. oben S. 180 — 182) und auch die römischen Valetudinarien
für und Sklaven Soldaten dienten eher dem egoistischen Interesse der
Herren (Cato, De re rust. II, 2; Columella, De re rust. XI, 1; 18;
^) Litterat ur bis 1875 bei H. Haeser, „Geschichte der Medizin" Bd. I
S. 438 — 439 (Hauptwerk: H. Haeser, „Geschiclite christlicher Krankenpflege und
Pflegerschaften", Berlin 1857, 8"). — Bufalini, „Dell'istoria degli spedali etc.",
Siena 1872, 8" (gründlich). — E. Küster, „Die Krankenpflege in Vergangen-
heit und Gegenwart", Marburg 1885. — C. Tollet, „Les edifices hospitaliers depuis
leur origiues jusqu'ä nos jours", Paris 2. ed. 1893. — A. Harnack a. a 0. S. 107 —
111.— E. Dietrich, „Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege", Berlin 1898,
8", 182 S. — R. Virchow, „Ueber Hospitäler und Lazarette" in: Gesammelte Ab-
handlungen; Berlin 1879, Bd. II S. 8fl.
^) Schon C. F. Heusinger bemerkt: „Uebrigens ist die allgemeine mit so
grosser Emphase vorgetragene Behauptung, dass die Hospitäler zuerst von Christen,
gegründet wurden, keineswegs bewiesen", Jauus Bd. I, 1846, S. 771.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 32
498 Iwan Bloch.
XII, 3; 7; Tacitus, De oratoribus 21)^) als der darin behandelten
Patienten. Aber schon im dritten Jahrhundert vor Christo richtete
der buddhistische König Asoka Hospitäler für Menschen und Tiere
ein, ^) und, wenn man hierfür die Aehnlichkeit buddhistischer mit
christlichen Lehren etwa verantwortlich machen wollte, so lässt sich
dieses ganz und gar nicht von der grausamen und finsteren Religion
der präcolumbischen Mexikaner sagen. Und doch hatten auch diese
wohleingerichtete Hospitäler für Kranke und Arme, die von Aerzten
geleitet wurden und durch die uneigennützige und selbstlose Privat-
wohlthätigkeit der Bevölkerung erhalten wurden. Ihnen strömten die
Kranken aus allen Teilen des Landes zu.'') Es handelt sich also
durchaus nicht, wie Dietrich ohne nähere Kenntnis der zuerst von
mir a. a. 0. angeführten Stellen behauptet, *) um blosse „Armenhäuser"
oder ,,Herbergen" und um ein vollkommenes Fehlen der „Gemeinde-
pflege" oder der „Kranken fürsorge", sondern dieselbe ethische Be-
wegung, welche beim Auftreten des Christentums auch unter den
Heiden weit verbreitet war und zum Teil für die Schöpfung des letzteren
mitverantwortlich gemacht werden muss, wird auch bei den alten
Mexikanern zur Einrichtung jener Werke der Nächstenliebe geführt
haben. Dass sie sich im Christentum weit kräftiger geltend gemacht
hat als in der heidnischen Welt, soll nicht bestritten werden. Prin-
zipiell war sie auch in dieser vorhanden, wie auch aus Harnacks
Darstellung (a. a. 0. S. 93) hervoi-geht, der die ähnliche Eichtung der
heidnischen Philosophie auf die Linderung des Menschenleides nach-
wißist.
Die christliche Lehre stellte, dem Beispiele ihres Stifters folgend,
die Krankenpflege als ethische Hauptaufgabe, ihrer Anhänger hin
(Lactantius, Div. inst. VI, 12: aegros quoque quibus defuerit qui
adsistat, curandos fovendosque suscipere summae humanitatis et magnae
operationis est; I Clem. 59: Tobg dod-eveli; laoai . . . e^avdazrioov
rovg äa^avadviag, 7tagay.dleaov xovg öliyoipvxovvTag). Die Hilfe in
Krankheitsfällen wurde früher als eine Gemeindesache angesehen. Im
Jakobusbrief (cap. 5, 14) heisst es: „Ist jemand krank, der rufe zu
sich die Aeltesten der Gemeinde", und auch in dem Polykarpbrief
(cap. 6, 1) wird die Krankenfürsorge als eine Obliegenheit der Aeltesten
bezeichnet. Beim sonntäglichen Gottesdienst wurden freiwillige Gaben
für die Armen und Kranken gesammelt (Justin, Apologie cap. 67;
T e r t u 1 1 i a n , Apologeticus cap. 39). Oberleiter der Krankenpflege
war der Bischof, oft zugleich auch ein Arzt (Ap. Const. III, 4). Unter
ihm standen die Diakonen und die „Witwen" (Presbytiden) [1. Tim.
5, 9 ff.]. In einer Anweisung aus dem 2. Jahrhundert (Harnack
a. a. 0. S. 108 nach „Texte und Untersuchungen zur Geschichte der
altchristlichen Litteratur" Bd. li H. 5 S. 23) heisst es: „In jeder Ge-
meinde soll (mindestens) eine Witwe angestellt werden, um den von
Krankheiten heimgesuchten Frauen beizustehen, die dienstfertig sei,
nüchtern, das Nötige den Presbytern meldend, nicht gewinnsüchtig,
nicht vielem Weingenuss ergeben, damit sie nüchtern zu sein vermag
') Eine Ausnahme machten vielleicht die Institute zur Behandlung erkrankter
Vestaliiinen (Plin. jun., Epist. VII, 19).
-) S. ob. S. 152. Die ärztliche Ethik der Inder verlangte auch bereits unent-
geltliche Behandlung der Armen.
') Iwan Bloch, „Der Ursprung der Syphilis", Jena 1901, Teil I S. 225.
*) Dietrich a. a. 0. S. 4.
Byzantinische Medizin. 499
für die nächtlichen Hilfeleistungen."^) Aus dieser Witwenpflege ent-
stand das Institut (viduitas) der Diakonissen, die zuerst im Plinius-
brief (104 n. Chr.) erwähnt werden. -) Der Bischof Johannes Chry-
sostomos in Konstantinopel (400 n. Chr.) hatte 40 Gemeindediako-
nissen zu seiner Verfügung, unter denen die aus vornehmer Familie
stammende junge Witwe Olympias die berühmteste war. Ausser
den Kranken wurden von ihnen über 3000 Arme verpflegt (Chry-
sostom., Homil, in Matth. 67). Das Konzil von Chalcedon bestimmte
für die Diakonissen das Alter von 40 Jahren. Um 600 n. Chr. er-
baute der Patriarch von Konstantinopel Cyriacus eine „Kirche der
Diakonissen", die heute noch als türkische Moschee erhalten ist.
Schon in der byzantinischen Zeit verschwand das Institut der Diako-
nissen, die seit dem 8. Jahrhundert nicht mehr erwähnt werden.
Die weiblichen Pfleger traten aber in der ältesten Kirche gegen-
über den männlichen in den Hintergrund. Armen- und Krankenpflege
war eine Hauptaufgabe der Diakonen (Ep. P s e u d o c 1 e m. ad Jacob. 12).
Die umfassende Thätigkeit derselben wird uns durch die Briefsamm-
lung des Cyprian bezeugt und tritt uns ganz besonders in der Zeit
der Pest entgegen (Ter tu 11., Apolog. 39). Häufig waren die Diakonen
Vorsteher der mit den Kirchen verbundenen Herbergen für Arme,
Fremde und Kranke, der „Diakonien" oder ,.Matriculae". Im 9. Jahr-
hundert gab es in Rom 24 Diakonien, deren Vorsteher „Kardinal-
diakone'* hiessen.
Die öffentlichen Krankenhäuser sind byzantinischen
Ursprungs, wo sie den Namen „Xenodochium", „Nosocomium", „Orphano-
trophium", „Ptochotrophium", „Gerontocomium", „Brephotrophium"
führten. ■^) Das älteste Xenodochium war das vom heiligen B a s i 1 i u s *)
370 n. Chr. in Caesarea gegründet. Diese „Basilias" umfasste Armen-,
Fremden- und Magdalenenhäuser sowie ausserhalb dei-selben befind-
liche voaoy.of.aia. Von einzelnen berühmten Ki*ankenhäusern sind zu
erwähnen das von der Fabiola um 400 n. Chr. in Rom begründete,
das von dem heiligen S a m s o n zu Anfang des 6. Jahrhunderts in der
Nähe der Sophienkirche in Konstantinopel errichtete (Procopius,
De aedif. Justiniani I cap. 2), die Hospitäler der Kaiserin Eudoxia
(t 420) in Jerusalem, die grossartige Krankenhausstiftung des Bischofs
Masona in Merida in Spanien (um 580 n. Chr.), welche Paulus
Diaconus als Augenzeuge beschreibt,*) das von Childebert I. in
Lyon 542 n. Chr. gestiftete Hotel- Dieu, ") das Hospital zu Mailand
(777 n. Chr.). ') Sehr berühmt war das von Alexius I. (1081—1118)
erbaute „Orphanotropheum" in Konstantinopel, das, an Grösse einer
^) Paulus rühmt die Phoebe, die Diakonin der Gemeinde Kenchrea (Römer
16, 1-2).
*) Vgl. E. Chastel, „Etudes historiques sur l'influence de la charite durant
les Premiers siecles chretiens etc.", Genf 1853, 8" (deutsch von Wichern, Ham-
burg 1854, 8°; C. Ziegler, „De diaconis et diaconissis veteris ecclesiae", Witten-
berg 1878, 4", XXX, 266 S.; Artikel „Diakon" und „Diakonisse" in Herzogs „ßeal-
encyklopädie der protestantischen Theologie", Stuttg. 1855, Bd. III, 8".
') C. F. Heusinger, „Ein Beitrag zur ältesten Geschichte der Krankenhäuser
im Occidente" in: Janus 1846, Bd. I S. 773—774.
■*) Vgl. über diesen E. Meyer, „Geschichte der Botanik", Königsb. 1855, Bd. n
S. 280-284.
ö) Abgedruckt bei Heusinger a. a. 0. S. 772-773.
*) Pointe, „Histoire du grand Hötel-Dieu de Lvon", Lyon 1842, S. 6.
'') Muratori, „Antichitä del Medio Evo" 11 S. 1029.
32*
500 Iwan Bloch.
kleinen Stadt gleichend, um die Paulskirche sich ausdehnte und, wie
das Hospital von Merida, Kranken und Armen jeder Konfession Auf-
nahme gewährte, auch sich der thatkräftigen Hilfe der kaiserlichen
Familie erfreute, endlich das von Isaak IL (1185—1195) erbaute
Hospital der vierzig Märtyrer (Nicetas Choniates, „De Isaaco
Angelo" III p. 585).
Früh schlössen sich an diese Stiftungen die Hospize für Wanderer
und auf der Eeise Erkrankte, welche in Gebirgen und einsamen
Gegenden erbaut wurden, so auf dem Gipfel des Apennin, an der
Grenze von Modena und Toskana das „Spedale di S. Pellegrino", das
von der Gräfin Mathilde gegründete „Ospedale di Frassinoro". Papst
Hadrian I. (772 — 795) gedenkt bereits der Hospize in den Alpen,
von denen das des heiligen Bernhard das berühmteste war. ^) Hier-
her gehören auch die Leproserien, die Spezialkrankenhäuser für
Aussätzige (seit dem 5. und 6. Jahrhundert). Das „Lobotrophium" des
hl. Zoticus in .Konstantinopel war höchstwahrscheinlich ein solches
Aussatzspital. ^) Besondere Beamte der Krankenhäuser und Hospitäler,
die sogenannten „Parapemponten" oder „Parabalanen", Kranken -
aufs u eher, mussten die hilflosen Kranken, namentlich Fremde, auf-
suchen und in das Hospital begleiten. Sie werden zuerst vom hl.
Basilius bei dem Krankenhause von Caesarea erwähnt (Basil.,
Epist. 94). In Alexandria gab die grosse Zahl dieser Parabalanen,
welche den Klerikern als Leibwache und Werkzeug dienten, zu Miss-
bräuchen Veranlassung, welche den Kaiser Theo dos ins I. in den
Jahren 415 und 418 n. Chr. zu gesetzlichen Massnahmen veranlassten
(Cod. Theodor, lib. XVI tit. II de episcopis et clericis 1. 42 und 43),
indem er die Zahl der Parabalanen einschränkte.")
Neben diesen Einrichtungen bestanden in der byzantinischen Zeit
Findelhäuser für ausgesetzte Kinder^) sowie Magdalenenhäuser (juct«-
voLa = Haus der Busse), deren erstes von Justinian und seiner
Gemahlin Theodora gegründet wurde (Procopius, De aedificiis
Justiniani 1. I cap. 9).
Noch einer kulturgeschichtlichen Bedeutung des Christentums in
der Geschichte der Medizin der byzantinischen Epoche ist hier kurz
zu gedenken. Das ist die besonders durch Vermittelung der syrischen
Nestorianer erfolgte Verpflanzung griechischer Medizin in den
Orient (Persien und Arabien).'"^) Vor Alexander dem Grossen
1) Fr. Puccinotti, „Storia della medicina", Florenz 1870, Bd. II S. 231.
2) Ibidem S. 229.
*) Vgl. C. F. Heusinger, ,,Die Parabalanen oder Parapemponten der alten
Xenodochien^' in: Janus 1847, Bd. 11 S. 500-525.
*) Sie hiessen „Krippen'' (creches) nach der in Frankreich seit dem 5. Jahr-
hundert bestehenden Sitte, die ausgesetzten Kinder in eine marmorne Wanne oder
Krippe am Ein gange der Kirchen zulegen. De Gerando, „Bienfaisance publique",
Paris 1846, Bd. II S. 55.
^) Litteratur: Gregorii Abul Pharagii historia compendiosa dynastiarum ed.
latin. ab E. Pocockio, Oxford 1663, 4**. — Jos. Simon Assemani, „Bibliotheca
Orientalis Clementino-Vaticana", Eom 1719—1728, 4 Bde. fol. (bes. Bd. III pars 2
S. 924 ff.). — J. H. Schulz, ,,I)e Gandisapora Persarum quondam academia medica"
in: ,,Commentarii Academ. scient. imperial. Petropolitanae'' Bd. XIII, Petersburg
1744, S. 437 ff. — J. G. Wenrich, „De auctorum graecorum versionibus et com-
mentariis Syriacis Arabicis Armeniacis Persicisque commentatio", Leipzig 1842. 8 **. —
Paul de Lagarde, „Analecta syriaca", Leipz. 1858. — E. Sachau, „Ueber die
Reste der syrischen Uebersetzungen classisch-griechischer nacharistotelischer Litteratur
unter den nitrischen Handschriften des Brit. Museums" in: Hermes 1870, IV S. 70 —
Byzantinische Medizin. 501
waren es besonders die Juden gewesen, welche in Syrien, Persien und
Mesopotamien geistige Bildung verbreitet und Schulen gegründet
hatten, nach Alexanders Zuge fasste die griechische Bildung
Wurzel in diesen Ländern.
Später waren es die syrischen Christen, vornehmlich der Sekte
der von den byzantinischen Kaisern seit der Mitte des 5. Jahrhunderts
vertriebenen Nestorianer angehörend, welche in Mesopotamien und
Persien die Wissenschaften verbreiteten, natürlich mit besonderer Be-
vorzugung der Theologie, wie denn die grosse, einer Universität ähn-
liche Schule zu N i s i b i s nur dem Studium der letzteren Wissenschaft
diente.
Die ältesten syrischen Uebersetzer profaner griechischer Schriften
(Aristoteles) zwischen 430 und 460 n. Chr. hatten sich nach Edessa
in Mesopotamien begeben, wo bereits eine christliche Schule bestand und
460 n. Chr. vom Bischof Nonus auch ein Hospital begründet wurde.
Die Namen der berühmtesten Nestorianer von Edessa aus dieser
Periode sind: Ihlba, Prübä, Kürai und Ma'nä. Unser Interesse
beanspruchen am meisten jene Nestorianer der nordmesopotamischen
Schule des 6. und 7. christlichen Jahrhunderts, welche sich besonders
mit dem Studium der griechischen Philosophen und Aerzte und ihrer
Uebersetzung ins Syrische beschäftigten. Zu ihnen gehören vor allen
Sergius von Ra'sain, Athanasius von Balad, Jakob von
Edessa und Georg, Bischof der Araber.
Der berühmteste war ohne Zweifel der Presbyter und Archiater
Sergius von Ra'sain (Sergios von Resaina),^) der in der ersten
Hälfte des 6. Jahrhunderts lebte (f 536). Er wurde von Efrem,
dem Patriarchen von Antiochia, zum Papst Agapitus nach Rom ge-
schickt und begleitete diesen nach Konstantinopel. -) Er hat den
Galen und Hippokrates ins SjTische übersetzt. =^)
Die spätere Thätigkeit der Nestorianer in der Medizinschule von
Gondisapur in Persien, sowie ihre Vei-schmelzung mit der arabischen
Medizin fällt ausserhalb des Rahmens dieser Einleitung und gehört
der Darstellung der arabischen Medizin an.*)
Neben dem Einflüsse der christlichen Lehre ist derjenige der
philosophischen Mystik und des Aberglaubens*) bezeichnend
79. — Der 8., „Syriaca inedita", Halle 1870. — W. Wright, „Syriac Literature" in:
Encyclop. Britannica, Lond. 1887, Bd. 22 S. 824—856 (S.-A. London 1894). —
Ryssel, Artikel „Syrien' in Herzogs Realencyclop. der prot. Theol., Lpz. 1885,
Bd. XV S. 185-190.
') Vgl. über ihn E. Sachau in: Hermes 1870, Bd. IV S. 77; K. Krum-
b acher a. a. 0. 1897, S. 243; E. Meyer, „Geschichte der Botanik", Königsberg
1856, Bd. III S. 33—37.
^) Vgl. Assemani a. a. 0. II, 315. Was Barhebraeus (AbulPharagius)
dort (II, 323) von Sergius erzählt, stammt aus einer Schrift des Zacharias von
Melitene. Die Stelle auch in einem syrischen Codex (Add. 17202 Bl. 166 ff.) des
Britischen Museums.
^) Näheres über die Beschäftigung des Sergius von Ra'sain mit Galen im
Kapitel „Geschichte des Galenismus" meines in Vorbereitung befindlichen Werkes
„Einführung in das Studium der galenischen Medizin".
*) Vgl. darüber H. Haeser, „Geschichte der Medizin", Jena 1875, I S. 450 —
452; E. Meyer a. a. 0. III S. 23—31.
") Litteratur: Bis 1875 bei Haeser I, 432. — G. Ritter v. Ritters-
hain, „Der medicinische Wunderglaube und die Incubation im Alterthum", Berlin
502 Iwan Bloch.
für den Charakter der byzantinischen Epoche. Er erklärt sich aus
der oben gekennzeichneten innigen Berührung antiker Kultur mit
orientalischem Wesen. Denn der Orient war von jeher die Heimat des
Wunderglaubens und der Mystik gewesen. Das menschliche Leben
wird früh mit tellurischen und kosmischen Erscheinungen in Ver-
bindung gebracht, woraus die medizinische Magie, Astrologie und der
Dämonenglaube ihren Ursprung nehmen, v. Oefele liat geistvoll
diese Beziehungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos in Meso-
potamien und Aegypten geschildert (s. oben S. 55 — 57; S. 71 — 72;
S. 73; S. 95—96). Bezeichnend ist z. B., dass eine Wiederaufnahme
babylonischer Amulette in byzantinischer Zeit nachweisbar ist (s. oben
S. 69), was auf eine Belebung uralter babylonischer Anschauungen in
byzantinischer Zeit hindeutet. Auch von den höchst wundergläubigen
Römern erbten die Byzantiner einen grossen Teil des aus dem Orient
entsprungenen medizinischen Aberglaubens. Schon zu Galen s Zeit
hatte die medizinische Astrologie von Aegypten her in Rom
Wurzel gefasst und galt Aerzten und Nichtärzten als unentbehrlich
in der Therapie ( J u v e n. IV, 553 if.). Selbst ein so aufgeklärter Arzt
wie Galen bestätigte aus eigener „Erfahrung" die Angabe der ägyp-
tischen Astrologen, dass die Konstellation des Mondes zu den guten
und bösen Planeten die guten und bösen Tage für die Kranken be-
stimme. Wenn bei der Geburt eines Menschen die guten Gestirne im
Widder, die bösen im Stier stehen, so sind für ihn Krankheiten am
gefährlichsten, wenn der Mond im Stier, Löwen, Skorpion oder Wasser-
mann steht, dagegen ist keine Gefahr, wenn er durch den Widder,
Krebs, die Wage und den Steinbock geht. Galen schilt die dies
nicht glaubenden Leute „Sophisten". Denn es handelte sich um oifen-
bare Thatsachen (Galen. IX, 910—913). Um die Mitte des 4. Jahr-
hunderts schrieb Firmicus Maternus sein berühmtes Werk über
Astrologie (Astronomicorum libri VIII oder „De Mathesi"), den Kanon
des astrologischen Aberglaubens, der keineswegs durch das Christen-
tum verdrängt werden konnte, sondern sogar die Lehren einiger
christlicher Sekten wie der Gnostiker und Priscillianisten durchsetzte,
in der Medizin (vgl. z. B. Aetios, Tetrab. I Sermo III cap. 164;
Alex. Trall. ed. Puschm. II, 579) bekanntlich bis zum 18. Jahr-
hundert Anhänger fand. Bei Niederkünften mussten Astrologen zu-
gegen sein, um sofort dem Kinde die Nativität zu stellen (Sext.
Empir. 739, 29; Augustinus, Confess. VII, 6, 8).
Neben den Astrologen spielten die Z a u b e r i n n e n und Zauberer
schon seit der römischen Kaiserzeit eine bedeutende Rolle. Erstere
waren meist Weiber von -schlechtem Rufe, ehemalige Prostituierte und
Kupplerinnen, die Schönheitsmittel, Liebestränke, oft auch Gift be-
reiteten (Martial. IX, 29; Ovid., Amores I, 8; Propert. IV, 5;
Lucian., Dialog, meretr. 4; Horat, Epod. 5) und selbst von vor-
1878, 8°, 111 S. — Häbler, „Astrologie im Alterthum", Progr. Zwickauer Gym-
nasium, Berlin 1879. — deRochas, „La science des phüosophes et l'art des
thaumaturges dans l'antiquite", Paris 1882. — V. Loret, „L'Egypte au temps des
Pharaons", Paris 1889, 8 » (darin Kap. „Medecine et sorcellerie", S. 205—256). —
A. Dietrich, „Abraxas", Leipzig 1891. — • R. Heim, „Incantamenta magica graeco-
latina", Leipzig 1892. — K. Kiesewetter, „Der Occultismus des Alterthums",
Leipzig 1896. — Alfr. Lehmann, ,, Aberglaube u. Zauberei von d. ältesten Zeiten
bis auf d. Gegenwart", deutsch v. Peterson, Stuttg. 1898, 8°, XII, 556 S. —
Artikel „Aberglaube" von Riess bei Pauly-Wissowa 1893, I. Sp. 29—93. —
W. Kroll, „Antiker Aberglaube", Hamb. 1899, 8 o.
Byzantinische Medizin. 503
nehmen Frauen aufgesucht wurden (Plutarch., Conjug. praec. 5 u.
48.^) Auch die männlichen Magier und Zauberer traten bald in
grosser Zahl auf. Der ferne Orient sandte die antiken Cagliostros
und St. Germains. Lucian lässt in seinem „Philopseudes'" ver-
schiedene Spezialitäten dieser Charlatane auftreten, einen Libyer, der
sympathetische Kuren macht, einen Babylonier tCuv XaXdaiwv als ärzt-
lichen Zauberer und Schlangenbeschwörer, einen Hyperboräer als
Zauberer, einen Syrer aus Palästina als Excorcisten und einen Araber
als Zauberer. -) Die berühmtesten Wunderthäter waren der von den
Weibern wegen seiner Schönheit sehr verehrte Alexandros von
Abonuteichos und Apollonios von Tyana'^) und der persische
Magier Ostanes (Dioskor. IV, 33; Plinius XXX, 2). Vielfach rekru-
tierten sich diese „Grosskophtas des Altertums" (Friedländer) aus
der Sekte der neuplatonisclien Philosophen (Apulej., Apol. cap. 27),
von der weiter unten die Rede ist.
Aus dieser Zeit stammt auch der Glaube an die Heilkraft der
Berührung durch Königshand. Im Tempel des Serapis zu Memphis
heilte Kaiser Vespasian einen Blinden und einen Lahmen durch
seine Berührung und erfuhr selbst das Wunder des Fernsehens an der
eignen Person (Sueton., Vespan. cap. 7; Dio Cass. 56, 8; Tacit.,
Histor. IV, 81).*) Auch die Wunder des neuen Testamentes (Heilungen
von Blinden, Lahmen u. s. w.) gehören hierher, und Friedländer
führt treffend aus, wie gerade durch den Kampf der Religionen der
Wunderglauben gesteigert wurde, indem dieselben in Wundern mit-
einander wetteiferten und sich zu überbieten suchten (III, 553).
Die Verknüpfung der Medizin mit dem religiösen Glauben offen-
. harte sich ferner in der kräftigen Wiederbelebung des Glaubens an die
Heilung von Krankheiten durch Träume, die Oneiromantik
der alten Asklepieien, in den Tempeln des Aeskulap, der Isis, des
Serapis u. a., wo diese Gottheiten den Kranken bisweilen leibhaftig
erschienen (Or igen es contra Gels. III, 24; Aristides, Orat. VII
ed. Dindorf I S. 78), meist aber durch Träume den Heilplan über-
mittelten. Artemidoros sagt : „In Bezug auf die Verordnungen, dass
nämlich die Götter den Menschen (im Traume) Behandlungen von
Krankheiten verordnen, ist es unnütz Fragen aufzuwerfen. Denn
viele sind in Pergamus, Alexandria und an anderen Orten durch Ver-
ordnungen geheilt worden, und manche glauben, dass die Wissenschaft
der Heilkunde aus ihnen hervorgegangen sei" (A r t e m i d o r. , Oneirocr.
IV, 22). Die Götter verordneten in den Träumen Salben und Ein-
reibungen, diätetische Massregeln u. dgl., und diese oft drastischen
Vorschriften wurden von den Kranken besser befolgt als diejenigen
der Aerzte (Galen. XVII B, 135—143). Selbst Galen wurde durch
Asklepios von einem gefährlichen Geschwür befreit (Galen. XIX,
19). In Rom leistete besonders die Minerva Memor, die „ge-
denkende" oder „Aerztin Minerva" Hilfe auf dem Wege der Oneiro-
^) Vgl. 0. Hirschfeld, „De incantamentis et devinctionibus amatoriis apud
Graecos Romanosque", Königsberg 1863.
*) Friedländer, „Sittengeschichte Roms", 6. Aufl. 1888, I, 510.
»J ibidem S. 511.
*) Die Könige der Germanen, von Frankreich und England hatten später
dieselbe Wundergabe. Vgl. meine Schrift „Der Ursprung der Syphilis", Jena 1901,
Teil I S. 146 und H. Vierordt, „Medizinisches aus der Weltgeschichte", Tübingen
1893, S. 74—77.
504 Iwan Bloch,
mantik. ^) Ausser den spezifischen „Heilgöttern" konnten auch alle
übrigen Götter unter Umständen durch Traumsendungen Kranke heilen,
wie in Ephesus die Diana, in Alexandria Serapis, in Rom die
Bona Dea, in Panias Pan, in Lycien Leto, in Nordafrika die
„himmlische Göttin" von Karthago, in jeder Gegend die hauptsäch-
liche Lokalgottheit. Auch grosse Aerzte wurden nach ihrem Tode
als heilbringende „Arztheroen" (fjgtog iargog) verehrt, wie in Athen
der Arzt Aristomachos und der Skythe Toxaris, der Athen
von einer grossen Epidemie befreit hatte (Lucian, Scytha 2) und
dessen Grabstein Fieberkranke heilte. Nicht minder besassen nichtärzt-
liche Heroen nach ihrem Tode wunderbare Heilkräfte (Alexander
der Grosse, der Olympiasieger Theagenes u. a.), die meist in
ihren Standbildern lokalisiert wurden. '-)
Freilich wurden mit der Oneiromantik noch andere wirksamere
therapeutische Massregeln verbunden, wie z. B. der Genuss und das
Baden in Mineralwässern. Solch ein „heiliger Brunnen" befand sich
im Asklepi OS- Tempel zu Pergamon, dessen Wasser äusserlich und
innerlich gebraucht, viele Leiden beseitigte (Aristid., Grat. XVIII
ed. Dind. I p. 413).
Der oben erwähnte Alexandros von Abonuteichos (105 —
175 n. Chr.) hatte in seiner Vaterstadt (später auf sein Betreiben
„Jonopolis" genannt) ein mit allem möglichen schwindelhaften Hokus-
pokus ausgestattes Orakel eingerichtet, das über 20 Jahre lang sich
eines riesigen Zulaufes wundergläubiger Personen, auch aus den
höchsten Ständen, erfreute und den ärztlichen Schwindel im grossen
betrieb. ^)
Eine noch bestimmtere Ausgestaltung erfuhren Magie und Zauber-
glauben durch ihre Verknüpfung mit der Philosophie. ^) Auch diese
Hess sich im Neupiatonis mus und Neupythagoreismus stark
von orientalischen (indischen, persischen, chaldäischen, ägyptischen,
jüdischen) Elementen durchdringen und empfing so schon an sich den
Charakter des Mystischen und Religiösen. Die neuplatonische
Philosophie entwickelte ganz besonders die Lehre von den Mittel-
gliedern zwischen menschlichen und göttlichen Wesen, den sogenannten
Dämonen, die vermittelst der Emanationen (der „Ideen" des
alten Piatonismus) aus dem göttlichen Urgründe hervorgehen. Dieser
göttliche Ursprung der Dämonen Hess sie an Stelle der Volksgötter
treten, die auf die Schicksale der Menschen in gutem und bösem Sinne
Einfluss haben. Dem „guten Engel" steht der „böse Dämon" gegenüber,
der von dem Menschen ganz Besitz ergreifen kann („dämonische Be-
sessenheit"), Unzweifelhaft hing dieser Dämonenglaube mit den alt-
griechischen Vorstellungen von den „Werwölfen" und den Dämonen
des „Alpdrucks" zusammen, aus welchen sich die Krankheiten der
„Lykanthropie", „Kynanthropie" und des „Ephialtes" ent-
1) Friedländer a. a. 0. III, 575.
2) Ibidem S. 575—577.
^) Ibidem III, 563 — 567; Ed. Zeller, „Alexander und Peregrinus, ein Be-
trüger und ein Schwärmer" in: Deutsche Rundschau 1877, S. 62ff. ; Fr. Cumont,
„Alexandre d'Ahonotichos" in: Memoires de l'Acad. royale de Belgique 1887, Bd. 40.
*) Vgl. Kuno Fischer, „Einleitung zur Geschichte der neueren Philosophie",
Heidelberg 1897, S. 28-84; Friedländer a. a. 0. III, 516—520; W. Windel-
band, „Geschichte der Philosophie", Freiburg 1892, S. 164—171; Harnack a.a.O.
S. 71—72.
Byzantinische Medizin. 505
wickelten, deren ursprüngliche Beziehungen zu religiösen Vor-
stellungen AV. H. Röscher in zwei klassischen Abhandlungen nach-
gewiesen hat, ') die sich auch eingehend mit den Dämonen dieser Zu-
stände beschäftigen. Jene altgriechischen Volksgötter wandelten sich
jetzt in die dämonischen Geisterwesen des religiösen Piatonismus um,
als welche sie auch in die christlichen und jüdischen Lehren über-
gingen. Seit dem 2. christlichen Jahrhundert verbreitete sich der
Dämonenglaube von den unteren Volksschichten in die oberen, und
bald spielen die Dämonen — es sind jetzt nur noch böse — in der
Litteratur eine grosse Rolle. Wie auch heute noch der religiöse
Wahnsinn aus den zeitgenössischen Religionen seinen Vorstellungs-
inhalt entnimmt, so hing auch der antike Wahnsinn mit den jeweiligen
Formen der religiösen Vorstellungen zusammen '-) und nahm so zur
Zeit des alles überwuchernden Dämonenglaubens fast immer die Form
der dämonischen Besessenheit an, in einer solchen Häufigkeit, dass
wir uns heute kaum noch eine Vorstellung davon machen können und
nui' durch ab und zu vorkommende lokale religiöse Epidemien von
„Besessenheit'' daran erinnert werden. Gegen diese in den Menschen
fahrenden Dämonen wurde dann eine bestimmte Gattung von Zauberern
zu Hilfe gerufen, die Exo reisten, anfangs orientalische Magier,
besonders äg^'^ptische Priester, später christliche und jüdische Heil-
kundige. Nach Harnack gab es schon im zweiten Jahrhundert
einen Stand von Exorcisten, wie es heute neben den gelehrten Aerzten
„Naturärzte" giebt, obgleich Skeptiker wie der Jurist Ulpian (Digest.
LXIII cap. 1, § 3j gegen ihre Einreihung in den Stand der Aerzte
Einspruch erhoben. Das Christentum vor allem bediente sich der
Exorcismen. „Als Dämonenbeschwörer sind die Christen in die grosse
Welt eingetreten. . . . Seit der Zeit Justins ist die christliche Litteratur
angefüllt von den Hinweisen auf die Dämonenbeschwörungen, und
mindestens jede grössere Gemeinde besass Exorcisten. die ursprüng-
lich als besonders begnadigte Menschen angesehen wurden, später
aber einen eigenen Stand in der niederen Hierarchie neben den
Lektoren und Subdiakonen bildeten. . . . Die Kirche zog eine feste
Grenze zwischen ihren Exorcisten, die im Namen Christi handelten,
und den heidnischen Magiern, Zauberern u. dgl. Dennoch vermochte
sie sich gegen gewinnsüchtige Schwindler nicht genügend zu schützen,
und manche ihrer Exorcisten waren ebenso zweideutige Leute, wie
ihre „Propheten". Die hohe Schule religiöser Schwindeleien war in
Aegypten, worüber sowohl Lucians „Peregrinus Proteus" als der
Brief des Hadrian an den Servian belehrt (Vopiscus, Saturn. 8).
Sehr frühe schon haben heidnische Beschwörer die Namen der Patri-
archen (Orig. contra Cels. I, 22), Salomos, ja sogar Jesu Christi
in ihre Zauberformeln aufgenommen; auch jüdische Exorcisten fingen
bald an, den Namen Jesu in ihre Sprüche einzuflechten (Apostel-
gesch. 19, 13). Umgekehrt musste die Kirche ihre eigenen Exorcisten
ermahnen es nicht den Heiden nachzumachen." =')
Die neu pythagoreische Lehre bildet die altpythagoreische
') W. H. Röscher, „Das von der Kynanthropie handelnde Fragment des
Marcellns von Side", Leipzig 1896, hoch 4°, 92 S.; Ders. , „Ephialtes. Eine patho-
logisch-mythologische Abhandlung über Alpträume und Alpdämonen des klassischen
Alterthums-', Leipzig 1900, hoch '4«, 133 S.
-'} W. H. Röscher, „Kynanthropie" S. 24.
») A. Harnack a. a. 0. S. 74; 75—76.
506 Iwan Bloch.
Philosophie ebenfalls in einem religiösen Sinne um, indem die Zahlen
das Sinnbild der Weltordnungen nach der Anschauung des Pytha-
goras, als göttliche Ideen gefasst wurden und so im Bereiche
der philosophischen Mystik eine ausserordentliche Bedeutung erlangten.
Die Namen und Zahlen spielen auch in der jüdischen Kabbala^)
eine grosse Eolle, einer schon in der persisch - macedonischen Zeit
sich entwickelnden, auf Grundlage der Emanationslehre weiter aus-
gestalteten Geheimlehre, welche die magischen und mystischen Seiten
des irdischen und kosmischen Lebens zum Gegenstande hat. Das erste
grundlegende Werk der Kabbala ist das aus dem 7. oder. 8. christ-
lichen Jahrhundert stammende, fälschlich dem Ben Akiba (1. Jahrh,
n. Chr.) zugeschriebene Sepher Jezira (Buch der Schöpfung),'^)
welches die Schöpfung in ihrer Erscheinung von Zalilen und Buch-
staben untersucht. Der göttliche Wille, der sich als Wort und Zahl
offenbart, brachte auf den 32 Wegen (22 Buchstaben des hebräischen
Alphabets und 10 Zahlen) den Kosmos hervor. Das Buch Sohar
(„Glanz"), ^) in aramäischer Sprache wurde früher dem im 2. christ-
lichen Jahrhundert lebenden Mischnalehrer Simon ben Jochai
zugeschrieben, ist aber höchstwahrscheinlich eine viel spätere Kom-
pilation des spanischen Juden Moses de Leon (13. Jahrhundert).
Es ist eine den Pentateuch in mystischem Sinne erläuternde, mit
neuplatonischen und gnostischen Elementen durchsetzte allegorische
Schrift.
Dem Piatonismus, Pythagoreismus und der Kabbala entnahm die
medizinische Magie ihre wirksamsten Mittel. Unter dem Namen
des fabelhaften Hermes Trismegistos entstanden in Aegypten
zahlreiche apokryphe Schriften, in denen sich ägyptische, griechische,
jüdische und christliche Ideen in Anknüpfung an den Piatonismus in
der wunderlichsten Weise vermischen. Diese ,. hermetischen" Bücher
sind teils in griechischer, teils in lateinischer Sprache geschrieben und
zum grössten Teil bereits im zweiten christlichen Jahrhundert ver-
fasst. Es sind Dialoge zwischen Hermes Trismegistos und
seinem Sohne Tat oder seinem Schüler A s k 1 e p i o s. Ein Traktat
führt den Titel „noif-iavögog". Andere Schriften sind an den König
Ammon gerichtet. Die sogenannten „Definitionen des Asklepios"
stammen aus der Zeit Konstantins. Die Araber und Jamblichos
schreiben dem Trismegistos unzählige Schriften (20000) zu, von
denen, besonders aus arabischer Zeit, einige über Astrologie, Alchemie,
medizinische Magie, Amulette, Talismane, Steine, Graphologie u. a. m.
erhalten sind. Mittelalterliche Magie und Occultismus operieren be-
sonders gern mit dem Namen und den Werken des Hermes Tris-
megistos.'^)
^) Vgl. A. Frank, „Die Kabbala" deutsch von Jellinek, Leipzig 1844, 8^.
— Eubin, „Heidenthum und Kabbala", Wien 1893.
^) Deutsch von Meyer, Leipzig 1830.
^) Joel, „Die Religionspbilosophie des Sohar", Leipzig 1849; S. Karppe,
,, Etüde sur les origines et la nature du Zohar", Paris 1901.
^) G. Parthey, „Hermetis Trismegisti Poemander", Berlin 1854, 8°. —
Louis Menard, „Hermes Trismegiste. Traduction complete precedee d'une etude
Rur l'origine des livres hermetiques-', Paris 1866, 8^, CLI, 302 S. ; 2. Aufl. Paris
1868. — Vgl. auch Herman Co n ring, ,,De hermetica medicina Aegyptiorum
vetere et Liber unus < uo simul in Hermetis Trismegisti omnia, ac universam cum
Aegyptiorum tum Chemicorum doctrina animadvertitur", Helmstädt 1698, 4°, VIII,
404 S. u. Index. — Pietschmann, „Hermes Trismegistos", Leipzig 1875.
Byzantinische Medizin. 507
An den Namen dieses letzteren und an das ägjrptische Land
knüpfen sich auch die ersten Anfänge der Alchemie.*) der Be-
mühungen, unedle Metalle in edle zu verwandeln. Sagenhafte Nach-
richten der ersten christlichen Jahrhunderte melden von einem ge-
heimnisvollen Buche '//iU€v oder xr^uda, in welchem diese Kunst ge-
lehrt wurde. Als erster Verfasser mehrerer Schriften über Alchemie
wird Hermes Trismegistos genannt, nach dem die Alchemie
auch „Hermetik", „hermetische Kunst" hiess. In der ägyptischen
Priesterkaste pflanzten sich die alchemistischen Kenntnisse fort, aber
sie scheinen früh zu den Babyloniern gelangt zu sein, welche eine
Verschmelzung der Alchemie mit der Astrologie und Magie vornahmen
(Altbabylonische Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen der
Sonne bezw. den Planeten und den Metallen; Gold = Sonne, Silber
= Mond, Kupfer = Venus, Eisen = Mars. Zinn = Merkur, Blei =
Saturn nach Olympiodor, 5. Jahrh. n. Chr.). In der römischen
Kaiserzeit wurde die Umwandlung von Kupfer und Erzen in Gold und
Silber als Thatsache angesehen. Der Ausdruck „Chemie'* findet sich
zuerst in der „Mathesis" des Julius Firmicus Maternus (4. christl.
Jahrhundert). Die ältesten Nachrichten über alchemistische Pro-
zeduren finden sich in ägyptischen Papyri des 2. bis 4. christlichen
Jahrhunderts,'-) besonders in einem Leydener Papyrus, in welchem
die „Verdoppelung der Metalle" auf ihre Verwandlung hinzuweisen
scheint. '^) Mehrere Werke über Alchemie wurden mit Vorliebe unter
dem Namen berühmter Philosophen und Naturforscher der alten Zeit,
eines Thaies, Heraklit, Piaton und besonders des Demokrit
veröfi*entlicht. Zosimos von Panopolis, der 28 Werke über
Alchemie verfasst haben soll, nimmt in den erhaltenen spärlichen
Resten häufig auf eine Schrift cpvaixa Tial i.ivotiy.a des Pseudo-
Demokrit Bezug. Der Bischof Synesios von Ptolemais (1415
n. Chr.) kommentiert verschiedene Bücher des Pseudo-Demokrit,
von denen eins „De arte magna" oder „De rebus naturalibus" lateinisch
gedruckt ist. *) Ein anderer alchemistischer Schriftsteller war Olym-
piodor mit dem Beinamen noiiqirig = Operator. Als „Goldmache-
kunst" findet sich die Bezeichnung xrif-äa, yr^^sia am Ende des 7. Jahr-
hunderts bei Johannes von Antiochia, im zehnten Jahrhundert bei
Suidas, während es bei den früheren griechischen Alchemisten nur
selten vorkommt (dafür d^ela oder hqa tijiyr^, xqvaonosia, Tixvi] q)iXo-
aorpiag). ^)
^) H, Kopp, Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit", Heidelberg 1886,
2 Bde. (grundlegend). — M. Berthelot, „Les origines de l'alchimie'', Paris 1885.
— Schäfer, „Die Alchemie. Ihr ägyptisch-griechischer Ursprung", Berlin 1887. —
E. V. Meyer, „Geschichte der Chemie", Leipzig 1889, 8», S. 18—54.
^) Vgl. M. P. E. Berthelot, „Les manuscrits alchymiques grecs" in: Revue
scientifique 1885 Bd. XXXV Nr. 6 und „Les papyrus alchymiques de l'Egypte",
ibidem 1885, Bd. XXXV.
') Berthelot, „La chimie des Egyptiens d'apres le papyrus de Leide" in:
Annales de chimie et physique, Paris 1886, Bd. IX.
*) Bei H. Kopp, „Beiträge zur Geschichte der Chemie", Braunschweig 1869,
S. 137 — 142. Vgl. auch über die alchemistischen Schriften des Demokrit oben
S. 176 Anmerk. 9.
^) Eine Sammlung der Schriften der griechisehen Alchemisten veranstalteten
Berthelot und ßuelle: „CoUection des anciens alchymistes grecs", Paris 1889.
Nach Z. Gildemeister, ..Alchymie" in: Zeitschr. der deutschen morgenländ. Ge-
sellschaft 1876, Bd. XXX S. 534 ff. bedeutet „Kymia" die Substanz, die unedle Metalle
in edle verwandelt. Nach A. F. Pott ibid. S. 6 ff. kommt „Chemie" von „chemi"
= das Schwarze (seil. Land Aegypten).
508 Iwan Bloch.
Die alexandrinischen Gelehrten vermittelten den Byzantinern die
Kenntnis alchemistischer Operationen, die vom 6. Jahrhundert an auch
in Byzanz eine Pflegestätte fanden, ^j während im 7. Jahrhundert die
Araber nach der Eroberung Alexandrias mit der Alchemie bekannt
wurden und daraus die Wissenschaft der Chemie entwickelten
(Geber 800 n. Chr.).
Aus diesen eben skizzierten vielfältigen Verzweigungen des
menschlichen Aberglaubens entwickelte sich der Glaube an die wunder-
thätige Kraft von Zahlen, Namen und Naturprodukten, sobald diese
in bestimmter geheimnisvoller Weise angeordnet und zubereitet
wurden. Besprechung, Amulett und magischeProzeduren
bilden die drei Hauptelemente des medizinischen Aberglaubens, der
in der byzantinischen Zeit seine grösste Blüte erreichte. Ja, wenn
man von gelegentlichen Aeusserungen des Galen und einiger anderer
früherer Autoren absieht, -) darf man behaupten, dass erst in der
byzantinischen Epoche Magie und Mystik Bürgerrecht in der wissen-
schaftlichen rein medizinischen Litteratur erwarben, so dass der
allgemeine Charakter der byzantinischen Medizin nicht zum wenigsten
hierdurch bestimmt wird.
Das Besprechen {eyraoiöi], etkoöi]),^) das „allgemeinste Mittel
zauberischer Art zur Heilung von Wunden und Krankheiten'' bei den
alten und den primitiven Völkern sowie bei den ungebildeten Klassen
der modernen Kulturvölker, zeigt deutlicher als jede andere Prozedur
die „ärztliche Wirksamkeit des Glaubens und Vertrauens" und ent-
sprang nach Welcker aus dem dunklen Gefühl, dass „Wort und
Stimme zwischen der Natur und dem Geisterreich, erforschlichen und
unerforschlichen, unendlichen Kräften, selbst geheimnisvoll und wunder-
bar geteilt und wie auf der Grenze stehen". Zu Pindars Zeit
scheint das Besprechen zuerst in die griechische Heilkunst aufge-
nommen worden zu sein. Euripides (Alkestis 982) nennt neben
den Arzneien der Asklepiaden auch heilkräftige Worte, welche
Orpheus auf thrakischen Täfelchen niederschrieb (Orphische Eunen-
täfelchen). Auch in Pia tos Staat werden die Epoden neben den
natürlichen Heilmitteln genannt.^) Berühmt waren im Altertum die
sogenannten ^Ecpeoia yQdi.i(.iaTa, welche später die Magier gegen die
Dämonen vor sich hersagten (P 1 u t. , Sympos. 7, 5 p. 706 d). Im Zu-
sammenhange mit der neuplatonisch-pythagoreischen Philosophie, der
Kabbala und der orientalischen Magie entwickelte sich das Besprechen
zu einer eigenen „Namenwissenschaft", ^) deren Kenner mit besonderen
Kräften begabt werden. Jetzt tauchen dunkle orientalische Namen,
die „magica nomina Aegyptio vel Babylonico ritu percensenda"
^) Michael Psellos hat nach E. v. Meyer später besonders zur Verbreitung
alchemistischer Ideen beigetragen.
'■^) Bezeichnender Weise ist es in der römischen Kaiserzeit nur der Laie
Plinius, der dem Aberglauben einen unverhältnismässig grossen Eaum in der
„Naturalis historia" einräumt.
") Vgl. die klassische Abhandlung von F. G. Welcker, „Epoden oder das
Besprechen" in: Kleine Schriften zu den Alterthümern der Heilkunde bei den
Griechen u. s. w., Bonn 1850, S. 64—88.
*) Auch bei den Römern zur Zeit der Republik war das Besprechen ein ge-
vröhnliches Volksmittel. S. oben (S. 411) die Zaubersprüche des Cato. Varro
dagegen vparnt in einer seiner Satiren vor dem Besprechen und empfiehlt ärztlichen
Eat. Vgl. Th. Mommsen, „Römische Geschichte" III, 594.
*) FIeqI 6vo/A.dTO)v rC ev drcooQrjTois (piloaofeiv (Or igen es c. Celsum I, 24).
Byzantinische Medizin. 509
(Apulejus. De mag. p. 43) in den Epoden auf. Lucian erwähnt
die Verbindung von sieben hieratischen Namen (Philopseudes 12).
Diese Namen mussten stets in der richtigen Sprache hergesagt werden.
Origenes bemerkt : „Die einen (Namen) sind besonders kräftig, wenn
sie ägyptisch gesprochen werden, bei gewissen Geistern, deren Macht
nur auf diese Dinge und Gebiete sich erstreckt; die anderen aber,
wenn sie in der Sprache der Perser ausgesprochen werden, bei anderen
Geistern und so weiter. ... Zu dieser Namenwissenschaft gehört auch
der Jesusname, welcher bereits unzählige Geister aus den Seelen und
Leibern ausgetrieben hat und kräftig gewesen ist in Bezug auf die,
aus denen sie ausgetrieben wurden." ^)
Viele dieser geheimnisvollen Beschwörungsformeln wurden auf-
geschrieben und als Amulette getragen. Dahin gehört das von
Quintus Serenus Samonicus erwähnte „Abracadabra":
Inscribis chartae, quod dicitur abracadabra
Saepius : et subter repetis, sed detrahe summae,
Et magis atque magis desint elementa figuris
Singula, quae semper rapies, et caetera figes,
Donec in angustum redigatur litera conum.
His lino nexis Collum redimire menaento. -)
Dies berühmte Wort (nach Revillout hebräischen Ursprungs)
wurde keilförmig in 11 Zeilen, die um je einen Buchstaben abnahmen,
geschrieben, so dass immer dasselbe Wort von jeder Zeile aus gelesen
werden konnte (Schema in der Ausgabe von Ackermann S. 150).
Auch Marcellus Empiricus (cap. 15) empfiehlt ärztliche Epoden
als Amulette z. B. gegen Halsschmerzen am Halse zu tragen, auf
Papier geschrieben und in phönicische Leinwand eingewickelt, mit
folgender Formel:
Eidov TQifisQfj ygvoeov Todvaöov
Tial raQTaQOvyov Tovadvaöov
aCoaöv f.ie oe/Avk veqriQtov vTteQxatE.
Auch Zinnplättchen mit der Formel „in nomine Zebaoth" wurden
am Halse getragen (Marceil. Empir. cap. 21). Alexander von
Tr alles empfiehlt folgendes Prophylaktikum gegen Podagra: .,Man
nehme ein goldenes Blatt und schreibe bei abnehmendem Monde die
untenstehenden Worte darauf; dann binde man die Sehnen eines
Kranichs (Grus cinerea) darum und schliesse es in eine dem Blatte
entsprechende Kapsel ein, welche der Kranke an den Fersen tragen
muss: „Mei, thren, mor, for, teux, za, zon, the, lu, chri. ge, ze, on.
Wie die Sonne in diesen Namen fest wird und sich täglich erneuert,
so macht auch dieses Gebilde fest, wie es früher war, schnell, schnell,
rasch, rasch. Denn siehe ! Ich nenne den grossen Namen, in welchem
Das wieder fest wird, was dem Tode geweiht war: Jaz, azyf, zyon,
threnx, bain, chook. Macht dieses Gebilde fest, wie es dereinst war,
schnell, schnell, rasch, rasch." **)
1) Ibidem; Harnack a. a. 0. S. 87.
^) Quinti Sereni Saraonici de medicina praecepta saluberrima cap. 52 (ed.
J. Chr. G. Ackermann, Leipzig 1786, S. 150—151).
■'') Alexander von Tralles, Lib. XII S. 582 der Ausgabe von Tb. Pusch-
mann (Wien 1879, Bd. II).
510 Iwan Bloch.
Das Amulett {anotgÖTtaiov, ßaoxdviov, Ttegiantov, 7teQiaf.if.ia,
7tQoßaoyi.dviov, reXeofia, cfvÄaxTiJQiov. Latein, amiiletum, aniolimentum,
alligatura, fascinum, ligatura, praebia), ^) ein aus Metall, Stein, Perga-
ment, tierischen ^) oder pflanzlichen Bestandteilen angefertigter Schutz-
gegenstand, der am Körper (meist am Halse) befestigt wurde und
böse Geister, Krankheitsdämonen und den bösen Blick abwehren
sollte, aber auch wohl therapeutische Verwendung fand, ist ebenfalls
eine Erfindung der Aegypter (in Form der „Skarabäen" oder „Käfer-
steine", die mit hieroglyphischen Namen und mystischen Inschriften
versehen wurden). Alexander von Tralles giebt die Vorschrift,
in einen „Medischen Stein" das Bild des in aufrechter Stellung den
Löwen erdrosselnden Herakles zu schneiden und dies als Amulett in
Form eines Einges zu tragen (Lib. VIII cap. 2 ed. Pu seh mann II,
377). Nach v. Oefele (s. oben S. 69) deutet dies auf eine alt-
babylonische Vorlage.
Bei den Griechen wurden Amulette in langwierigen Krankheiten
als letztes Mittel angewendet, wie dies z. B. Perikles that
(Plutarch., Pericles 38), Bion verspottet die nsQiama der alten
Weiber (Plut,, De superst. p, 168 d). Auch Ringe (ßaxivliog, cpaQfia-
•Kkrjg) finden sich als Amulette gegen Vergiftung (Aristophan.,
Plutos 885 c. Schol). In der römischen Kaiserzeil verbreitete sich
der Gebrauch der Amulette immer mehr. So lührte z. B. der in der
zweiten Hälfte des ersten christlichen Jahrhunderts lebende pneu-
matische Arzt Archigenes in seinen Werken auch die gegen ver-
schiedene Krankheiten gebräuchlichen Amulette an. Das Kapitel des
Archigenes über die Amulette gegen Epilepsie ist bei Alexander
von Tralles erhalten (Lib. I cap. 15 ed. Buschmann I, 567). Da
werden Nägel von einem Kreuze, Korallen (Isis nobilis), Päonien
(Paeonia L.) und Nachtschatten (Solanum L.) -Wurzeln als solche
Talismane empfohlen, besonders die verschiedenen Arten des Jaspis
als Umhängsei oder Ring (vgl. dazu DioskuridesV, 159; Plinius,
Nat. hist. 37, 37). Zirkusleute trugen wegen der Gefährlichkeit ihres
Gewerbes besonders häufig Amulette, wozu auch die im 4. und
5. christlichen Jahrhundert Schaumünzen mit hohem Rande und dem
Kopfe des grossen Alexander, dem eine besondere Schutzkraft zu-
geschrieben wurde (Lob eck, „Aglaophamus", Königsb. 1829 II, 1171),
gehörten. •') Krieger nahmen Amulette und Kapseln in den Krieg
mit, deren man z. B. am Niederrhein zahlreiche gefunden hat, meist
an kleinen Ringen befestigte bronzene Phallusbilder mit Darstellung
der Geschlechtsteile (gegen Unfruchtbarkeit) oder auch Nachbildungen
^) Riess, Artikel „Amulett" in Pauly-Wissowa's „Encyclop. der class.
Alterthumswissenschaft", Stuttg. 1894, Halbband II Sp. l'dSi - 1989; H. Schnitz,
,, Amulette und Zaubermittel" in: Archiiv f. Anthropologie 1893 Bd. XXII; Fried-
iänder a. a. 0. II, 349; Th. Reinesius, „Variae lectiones", Altenburg 1640,
S. 392; A. Sorlin-Dorigny, „Phylactere Alexandrin contre les epistaxis" in:
„Revue des etudes grecques" 1891 Bd. IV S. 287-296; G. Schlumberger,
„Amulettes byzantines anciennes destinees ä combattre les malefices et les maladies",
ibidem 1892, Bd. V S. 73-93.
'^) Nach Max Neu burgers geistvoller Auffassung hatten manche Amulette
einen antitoxischen Endzweck, wie die Wahl des Materials verrät. Gewisse Tier-
bestandreile deuten auf die „dunkle Ahnung des isotherapeutischen Princips". M.
Neuburger, ,.Die Vorgeschichte der antitoxischen Therapie der acuten Infections-
krankheiten", Stuttg. 1901, S. 12—13.
••') De Rossi, „Bulletino Archeol. crit." 1869, Bd. VII S. 60 ff.
Byzantinische Medizin. 511
weiblicher Genitalien. ^) Trotz des Kampfes der Kirchenväter gegen
die Amulette sind letztere in der byzantinischen Zeit nicht nur unter
dem Volke mehr als je verbreitet, sondern auch von der offiziellen
Medizin als gleichwertige Heilmittel in den therapeutischen Apparat
aufgenommen worden. Von grossem Interesse ist die Art, wie
Alexander von Tralles den ärztlichen Gebrauch der Amulette zu
rechtfertigen sucht. Indem er von der Heilkraft des Chrysoliths und
des Jaspis bei Epilepsie spricht, welche wissenschaftlich begründet
worden sei, meint er: „Der verständige Arzt darf kein Mittel unbe-
achtet lassen und muss ebenso mit der Naturheilkraft als mit wissen-
schaftlichen Gründen und der kunstgerechten Methode Bescheid
wissen. Er muss, wie man zu sagen pflegt, alles in Bewegung setzen,
was den Kranken von dem langwierigen und widerwärtigen Leiden
vollständig zu befreien im stände ist. Ich pflege alle Mittel anzu-
wenden; da jedoch die jetzt herrschende Zeitrichtung aus Unwissen-
heit der natürlichen Heilkraft entgegentritt, so habe ich es vermieden,
fortwährend solche Heilmittel zu verordnen, die durch ihre Natur-
kraft wirken, und mich bemüht, durch eine rationelle ärztliche Be-
handlung die Krankheiten zu beseitigen" (A 1 e x. Trall. ed. Pusch-
mann I, 570; 572. — Aehnlich II, 578). 2)
Mit Besprechen und Beschreiben der Amulette verband man oft
noch andere magische Prozeduren, über die schon Galen
spottet, bei seiner Schilderung der von dem Grammatiker Pamphilos
vorgenommenen abergläubischen Ceremonien beim Ausgraben der
Heilkräuter (Hersagen seltsamer Benennungen der Pflanzen, Epoden,
Libationen, Räucherungen, Wund ererzähl ungeo, Anrufung der Dämonen,
denen die Kräuter heilig sind u. s. w. Galen. XI, 792 — 795), Die Skepsis
des Galen in Bezug auf Zaubersprüche bezeugt auch Alexander von
Tralles (ed. Puschm. II, 475), schreibt ihm aber fälschlich eine
die medizinische Magie verherrlichende Abhandlung 71£qI rfjg xad-"
"^'Ojur^Qov larQixfjg zu und entnimmt daraus die Berechtigung der eigenen
Verwendung magischer Mittel {(pvoixd) zu therapeutischen Zwecken.
So empfiehlt er bei Podagra, das Bilsenkraut vor Sonnenuntergang
umzugraben, wenn der Mond im Zeichen des Wassennannes oder
Fisches steht. Man darf aber nur mit zwei Fingern der linken Hand
graben, ohne die Wurzel zu berühren, wobei eine Beschwörungsformel
im Namen von Jaoth, Sabaoth gesprochen wird. Am folgenden Tage
gräbt man mit den Knochen eines toten Tieres das Kraut aus und
spricht: „Ich beschwöre dich bei den heiligen Namen Jaoth, Sabaoth,
Adonai, Eloi." Dann wird die Wurzel mit Salz bestreut und dem
^) C. Konen, „Zur römischen Heilkunde am Niederrhein'" in: Festschrift der
Düsseldorfer 70. Naturforschervers. 1898 Tl. II S. 11.
^) Vgl. noch die von Alexander v. Tralles empfohlenen Amulette gegen
Kolik (II, 374 — 376), darunter einen eisernen Ring mit achteckigem Reif, auf dem'
geschriehen steht: „Fliehe, fliehe o Galle! die Lerche hat dich gesucht." Auf dem
Kopf des Ringes steht das Zeichen : •f^ , das Diagramm der Gnostiker. — In der
byzantinischen Zeit trugen die Amulette ausser den Inschriften sehr häufig Dar-
stellungen des Königs Salomo als des Beschützers gegen Krankheiten und Behexung.
— Ueber die sogen. „Katzenpfötchenamulette" vgl M. Sokolo v, „Apokryphes Material
zur Erklärung der Amulette, welche Katzenpfötchen (Engelsblümchen) genannt
werden" in: Journ. Miner. 1889 Bd. 263 S. 339-368. — V. Vasiljevsky, „Ueber
die Gillo", ibidem S. 369—371.
512 Iwan Bloch.
Kranken umgehängt (ed. Puschm. II, 585). Bei Singultus soll man
in der linken Hand vierzig Steinclien halten und sie sich auf den
Kopf legen oder die Nummer 3193 in den Händen halten und an die
Nase bringen u. s. w. Ilolla öh fii] KaTacpQovelv, ä'Aka nävTa TCQoodyeiv
l^era y.al rfjg äD.rjg ^egansiag, ist das Endurteil eines der aufgeklärtesten
byzantinischen Aerzte (ed. Puschm. II, 319), woraus der Schluss auf
die übrigen sich von selbst ergiebt.
In dei* That zeitigte der medizinische Wunderglaube ein der
byzantinischen Epoche eigentümliches Litteraturprodukt, die soge-
nannten Jatrosophien {iarqooöcpia),^) populäre Heil- und Arznei-
bücher; ein „verdünnter und getrübter Aufguss alter Lehren mit
allerlei abergläubischen Ingredienzien, Sympathiemitteln, Beschwörungs-
formeln u. s. w. untermischt." Die meisten dieser Eezeptsammlungen
sind noch nicht veröffentlicht und bieten ein grosses kultur- und
sprachgeschichtliches Interesse dar, da sie meist in vulgärgriechischer
Sprache abgefasst sind. Die Pariser und Wiener Bibliotheken be-
sitzen eine grosse Zahl von Handschriften dieser populärmedizinischen
Schriften, ^) Kurpfuscherhandbücher, •') Abhandlungen über medizinische
Magie*) u. a. Merkwürdig ist auch die Eolle der Allegorie in
einigen medizinischen Schriften. Bei der Entwicklung des Embryo
und bei der Verwesung werden gewisse Tage (3, 9, 40) für besonders
bedeutungsvoll gehalten und zur Totenfeier benutzt. ^)
p K. Krumbacher a. a. 0. S. 615-616; 619—620.
-) Ein 'JaiQooüfiov y.oivöv enthält z. B. der Codex Vindobon. med. gr. 43 (Nessel)
fol. 1 — 82; ein vnl gärgriechischer Ausziig aus Meletios steht im Cod. Vindob.
med. gr. 53 (Nessel) fol. 129— 189, ein '/«T^soaoy/*' (sie!) aus Hippokrates, Galen
u. a. im Cod. Panorm. XIII C. ;-5, ein vulgäres Arzneibuch im Cod. Bonon. Univ.
7634 u. s. w.
*) Sie fingieren oft die Namen berühmter Verfasser z. B. die mit dem Namen
des Blemmydes versehene Eezeptsammlung im Cod. Vindob. med. gr. 45 (Nessel)
fol. 35—74, die im Cod. Panorm. XIII C. 3 fol. 290 ff. dem Johannes von Da-
maskos zugeschriebene Schrift über Arzneimittel, die unter dem Namen desselben
Autors gehende Abhandlung über Abführmittel in den Cod. Bodl. Laud. 59 und
Paris. 2239. Besonders dem Psellos werden viele Jatrosophien zugeschrieben.
*) Eine „Mustersammlung geheimwissenschaftlicher Schriften" aus den Gebieten
der Medizin iiud Astrologie enthalten die Cod. Paris, gr. 2316 (s. 15), Bonon. Univ.
3632. Kabbalistische und andere Beschwörungsformeln findet man im Cod. Vindob.
theol. gr. 244 (Nessel) fol. 210. Medizinische Beschwörungsformeln, Gebete gegen
bestimmte Krankheiten, Exorcismen gegen den bösen Blick, Dämonen und Besessen-
heit findet man im Cod. Bodl. Barocc. 8 (s. 16) fol. 155—212 unter den Namen von
Kirchenvätern wie des hl. .Kyprianos, Basilios, Epiphanios, Gregor
Thaumaturgos, Christophoros, Gregor vonNazianz, Johannes Chry-
sostomos. Eine Schlangenbeschwörung und eine Eechentafel zur Bestimmung der
Todesstunde im Cod. Vindob. theol. 203 fol. 76 ff. Abergläubische medizinische
Regeln in vulgärgriechischer Sprache hat C. Bursian (Fragment, med. Graecum
im Index Scholar, ünivers. Jen. 1873 — 1874) veröffentlicht (dazu A. Eberhard in:
B u r s i a n s Jahresbericht über die Fortschritte der classischen Althertumswissensch.
1873 Bd. II S. 1311 ff.).
'') Vgl. den auf Johannes Lydos, De mensibus IV. 21 zurückgehenden, in
zahllosen Hss. und mehreren Rezensionen, oft unter dem Namen des Philosophen
Splenios überlieferten „Traktat über die Totenfeiertage". JJeQi yeptasmg
dvd'^iÖTCov xal o&ev T/Jira y.aX ewa-ra y.al rsaaa^a y.oora oder ähnlich betitelt. Aus-
gabe eines dieser Texte von E. Eohde in: Acta societ. philol. Lips. 1872, Bd. I
S. 28 ff. — M. Treu, „Excerpta anonymi Byzautini'-, Progr., Ohlau 1880, S. 41. —
K. Krumbacher (drei Bearbeitimgen), „Studien zu den Legenden des hl. Theo-
dosios" in: Sitzungsber. d. bayer. Akad. 1892 S. 347—355. — Zur Ueberlieferung :
G. Vitelli, ,,De geueratione hominis" in: Studj italiani di filologia classica 1893
Bd. II S. 138 ff'. Splenios — Plinius s. Papadopulos-Kerameus in: Byzan-
tin. Zeitschrift 1901 Bd. X S. 453-454.
Byzantinische Medizin. 513
Zum Schlüsse ist noch eines Momentes zu gedenken, welches eben-
falls den eig-entümlichen Charakter der bj^zantinischen Medizin mit-
bestimmt hat. Durch die Reisen eines Kosmas Indikopleustesu.A.,
durch die Verpflanzung griechischer Medizin in den Orient wurden
zuerst die Beziehungen zwischen dieser und der Heilkunde des fernen
Indien fester geknüpft (s. oben S. 126), und später vermittelten die
Araber eine innigere Berührung abendländischer und morgenländischer
persisch-indischer Heilkunst. Die byzantinischen Aerzte selbst pflegten,
dem Beispiele des grossen Galen folgend, wissenschaftliche Reisen
zu unternehmen, wie wir dies z. B. von Alexander von Tralles,
Paulos V. Aigina und Eustathios, dem Sohne des Oreibasios
(Orib. , Synops. I, 1) wissen. Ein byzantinischer Arzt, der der Zeit
und Person nach unbekannte GeorgiosChoniates übersetzte sogar
ein persisches Werk über Gegengifte ins Griechische.^)
Die medizinische Litteratur. ")
I. Die Schriftsteller des 4. und 5. Jahrhunderts:
Oreibasios.
lAtteratiir (chronologisch) : Suidas v. 'Opsißdaws. — Eunajnus, „Blot ftlo-
aofcov xal aofianöp^' ed. Hoissotuide, Amsterdam 1822, S. 711. — J. Jt\ C,
Heclier, „Oribasius der Leibarzt Julian' s" in: Hecker' s litterarische Annalen der
gesammten Heilkunde 1825 Bd. I Heft 1 S. 1 — 28. — Derselbe, „Geschichte der
Heilkunde'', Berlin 1829, Bd. II S. 52-60; S. 66-75. — F. B. Dietz, „Galeni de
disseetione muscul. et de consuetudine lihri'\ Leipzig 1832, S. IX. — L. Choidant,
„Handbuch der Bücherkund^ für die ältere Medicin'', Leipzig 1841, 2. Aufl.,
S. 121—125. — E. Littre in Revue de philologie 1846 Bd. II Nr. 2 und S. —
Ch. rxiremberg in „Oeuvres d'Oribase'', Paris 1851, S. XXXIII -XXXVII. —
JJerselbe, „Notices et extraits des manuscrits mcdicaux etc."', Baris 1853, S. 22,
116, 145, 149, 153, 157, 158, 166. — E. Meyer, „Geschichte der Botanik'', Königsh.
1855, Bd. II S. 261—273. — Valentin Hose, „Anecdota Graeca et Graecolatina",
Berlin 1870, Bd. II S. 110 — 118. — H. Sudhaus, „Dissertatio de ratione quae
inf er cedit inter Zosimi et Ammiani de bello a Juliano imperatore cum Persis gesto
reiationes", Bonn 1870, S. 93. — JH. Haupt in: Hermes, Zeitschrift für class.
Philologie 1870 Bd. IV S. 341 (Emendation). — A. MoUnier, „Preface" zu
„Oeuvres d'Oribase'-, Paris 1876, Bd. VI S. I—XXVIL — H. Hagen, „De
Oribasii versione latina", Bern 1875, und Berichtigung dazu in: Neue Jahrbücher
f. Philologie 1876, beides abgedruckt in: ,.Zur Geschichte der Philologie und zur
römischen Literatur", Berlin 1879, S. 243-311. — A. Corlieu a. a. 0. 1885
S. 111 — 115. — Kostoniiris a. a. 0. 1890 S. 148—150. — M. Steinschneider,
„Die griechischen Aerzte in arabischen Uebersetzungen" in: Virchow's Archiv 1891
Bd. 124 S. 476—477. — 31. Wellmann, „Die pneumatische Schule", Berlin 1895,
S. 104 und 109. — E. Chirlt a. a. 0. 1898 S. 527—544. — M. v. Töply a. a. 0.
1898 S. 29—32. — J. Hirschberg a. a. 0. 1899 S. 361—363. - G. Helm-
reich, „Zu Oreibasios" in: Philologus 1900 Bd. 59 S. 621—622 (Emendation).
^) AiniSoToi ix Ue(>aiag y.o/niad'elaai xal l^eXXrjviad'sTaai, Tta^a rov XcoviaTov
rov rsoipyiov. Im Cod. Escur. T. II. 14. (s. 16).
") K. Krumbacher, „Geschichte der byzantinischen Litteratur", 2. Aufl.,
München 1897, S. 613—620 [dieses klassische Werk des Begründers der byzanti-
nischen Wissenschaft in Deutschland erschöpft nach der litterarischen Seite den Ge-
samtinhalt der byzantinischen Kultur, deren Studium durch dasselbe die solideste
Grundlage empfangen hat]; R. Friedländer, „Die wichtigsten Leistungen der
Chirurgie in der byzantinischen Periode", Dissert., Breslau 1883, 8«, 33 S. ; A.
Corlieu, .,Les medecins grecs depuis la mort de Galien jusqu'ä la chute de l'empire
d'orient (210— 1453), Paris 1885, S. 111— 176; E. v. Töply, „Studien zur Geschichte
der Anatomie im Mittelalter", Leipzig u. Wien 1898, gr. 8°, S. 20—60; E. Gurlt,
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 33
514 Iwan Bloch.
Oreibasios, der Veranstalter der ersten grossen medizinischen
Kompilation der byzantinischen Periode, wurde als Sprössling einer
Patrizierfamilie ums Jahr 325 n. Chr. zu Pergamon geboren [nach
Eunapios; Suidas und Philostorgios, Histor. eccles. VII, 15
geben unrichtig Sardes als den Geburtsort an], was allein schon seinen
Ruhm als Arzt erhöht, wie Eunapios bemerkt, da schon vor und
ganz besonders nach dem grossen Galenos die pergamenischen Aerzte
für die hervorragendsten gehalten wurden. Nach einer vortrefflichen
Erziehung begab sich der Jüngling nach Alexandria, wo er Schüler
des 'Zenon von Cj^pern wurde (Julian., Epist. 45 ed. Spanhe-
m i u s , Leipz. 1696 S. 426). Wahrscheinlich auf Empfehlung des mit
Kaiser Julian befreundeten Zenon wurde der vielseitig gebildete
Oreibasios im Jahre 355 zum Leibarzte des damals in Athen leben-
den Julian ernannt und begleitete diesen im November 355 nach
den westlichen Provinzen (Gallien und Germanien). Er erwarb sich
durch seine umfassenden Kenntnisse, seine weisen Eatschläge, die
Julian oft als eine prophetische Gabe auffasste (1. c. S. 384), durch
seine Liebe zur heidnischen Philosophie und Wissenschaft (ibid. S. 277),
die innige Zuneigung dieses den Wissenschaften ebenso leidenschaft-
lich ergebenen wie der christlichen Lehre feindlich gesinnten Fürsten,
Auf J u 1 i a n s Anregung unternahm Oreibasios seine erste litterarische
Arbeit, einen Auszug aus den Schriften des G a 1 e n o s , der zwischen
356 und 361 verfasst sein muss ^) und nicht mehr erhalten ist. Es
ist . sehr wahrscheinlich, dass Oreibasios ebenfalls noch während
des Aufenthaltes in Gallien die Vorbereitungen für die zweite Schrift,
sein Hauptwerk, die „ärztlichen Sammlungen" (owaywyal largi^ai) be-
gann, wozu er ebenfalls von Julianos beauftragt wurde, der die
Epitome aus Galen mit grossem Beifall aufgenommen hatte. Nach
des Oreibasios eigenen Worten in der Einleitung zum ersten
Buche befahl ihm damals schon der Fürst, den wichtigsten Inhalt
der besten medizinischen Schriften zu excerpieren und zu einem
grossen Lehrbuche zusammenzustellen. -) Während er mit dieser
Arbeit beschäftigt war, erfolgte die Ausrufung Julians zum Allein-
herrscher, seine Abreise aus Gallien (Mai 361) und Thronbesteigung
nach dem am 3. November 361 erfolgten Tode des Constantius.
Oreibasios wurde von Julian zum Quästor von Konstantinopel
ernannt und scheint die Bemühungen des Kaisers um die Wieder-
herstellung der heidnischen Lehren und Tempel unterstützt zu haben,
„Geschichte der Chirurgie", Berlin 1898, Bd. I S. 524—593; J. Hirschberg, „Ge-
schichte der Augenheilkunde", Leipzig 1899, Bd. I S. 361 — 419; H. Magnus,, „Die
Augenheilkunde der Alten", Breslau 1901, S. 425— 650; A. G. Costomiris, „Etudes
sur les ecrits inedits des anciens medecins grecs et ceux dont le texte original est
perdu, mais qui existent en latin ou arabe" in: Revue des etudes grecques, Paris
1890, Bd. III S. 144—179; 1891, Bd. IV S. 97—110; 1897, Bd. X S. 405—445.
^) Aus den "Worten (Oribas. V, 1 ed. Dar. I, 1): Tag n^ooTaxd-siaas eTtiro/uds
naQci trjs ofjs d'eiörrjTos, avroxQaroQ 'lovXiavhj tiqoxeqov^ rjvixa dtEzpißofisv ev laXariq
TT] Tz^os saneoav, sls reXog rjyayov, xad'cog ■^ßovXijd'rjg, äaxcvas ix /.lovmv tcöv vrco
FaXrjvov yQacpevrayv eTioiriadfirjv geht nur hervor, dass dieses Werk während des
Aufenthaltes in Gallien begonnen und vollendet wurde, also zwischen 356 und 361,
und nicht wie E. Mej^er (a. a. 0. S. 264 — 265) annimmt, erst 360 vollendet sein
konnte, weil die Anrede ., göttlicher Alleinherrscher" darin vorkommt. Diese bezieht
sich aber nur auf die Zeit der Abfassung und Widmung des zweiten grösseren
Werkes.
-) Auch Heck er teilt diese Anschauung von der Vorbereitung der avvaycoyat
in Gallien. Geschichte der Heilk. II, 54 Anm. 6.
Byzantinische Medizin. 515
indem er zur Neueinrichtung des Orakels nach Delphi reiste. Später
begleitete er seinen kaiserlichen Herrn in den Perserkrieg und leistete
ihm bei seiner tötlichen Verwundung ärztlichen Beistand (Philo-
storgios a. a. 0.). Ob er noch während der kurzen Regierungszeit
des Julian sein grosses Hauptwerk vollendet hat, möchte dahin-
gestellt sein. In dem in der Einleitung an den Kaiser Julian ge-
richteten Plane des Werkes redet Oreibasios im Futui'um, woraus
eher zu schliessen ist, dass das ganze Werk noch nicht vollendet war.
Die Nachfolger Julians, die Kaiser Valens und Valentinianus
verbannten den Oreibasios zu dem „rohesten der barbarischen
Naturvölker" (E u n a p i 0 s), vielleicht den Goten, die ihn höchst ehren-
voll aufnahmen. Sein Kuf als Arzt war jedoch in der Heimat so
gross, dass die Kaiser sich gezwungen sahen, ihn zurückzurufen und
das konfiszierte Vermögen ihm wieder einzuhändigen. Eunapios,
der dies berichtet, erzählt, dass Oreibasios bei Abfassung dieser
Biographie noch am Leben und mit einer vornehmen und reichen
Frau vermählt sei, die ihm vier Kinder geboren habe. Beinahe
40 Jahre nach seiner Zurückberufung übte dieser durch Geist,
Charakter und feine Umgangsformen ausgezeichnete Mann eine um-
fangreiche Praxis aus, erfreute sich des Verkehrs mit Gelehrten wie
z. B. mit seinem Biographen Eunapios und am Ende seines Lebens
auch der ärztlichen Studien seines Sohnes Eustathios und starb im
Anfange des 5. Jahrhunderts in hohem Alter.
Unter den Schriften des Oreibasios nehmen die avvaywyal
targiTiai, collecta medicinalia, Sammlungen ärztlichen
Inhalts die erste Stelle ein.
Ausgaben: a) Rom. 1543, 4", ed. Angustin. ßiccius (ent-
hält Buch 1 und 5 nebst Buch 1 der Euporista griech. und lat, mit
Auszügen aus Galen, Rufus, Diokles und Athenaios über
Wasser).
b) Oribasii Sardiani collectorum medicinalium libri XVII, qui ex
magno septuaginta librorum volumine ad nostram aetatem soll per-
venerunt, Venet., s.a., 8*^, ed. J. Bapt. Rasarius, ap. P. Manutium,
Aldi F. (Buch 1 bis 15 lateinisch nach einer später in Moskau be-
findlichen Handschrift, Buch 24 u. 25 [anatomische Auszüge aus
Galen, Rufus, Soranos und Lykos] nach einer anderen Hs.).
Vor 1555. Erste latein. Ausgabe. Wiederholt Paris. 1555, 8 **, ex olfic.
Aldina, ap. Bn. T^urrisanum.
c) Collectaneorum artis medicae über, quo totius corporis humani
Sectio explicatur ex Galeni commentariis. Paris. 1556, 8 ", ap. Gu.
Morelium (Buch 24 und 25, der anatomische Auszug aus Galen).
Griechisch.
d) Oribasii anatomica ex libris Galeni cum versione latina J. Bapt.
Rasarii. Lugd. Batav. 1735, 4 **, ed. Gu. Dun dass, ap. J. Arn. Lange-
rak (Buch 24 und 25). Griechischer Text nach c durch Vergleichung
mit Galen emendiert. Uebersetzung nach der latein. Ausgabe des
Rasarius. Es fehlen Soranos und Lykos über weibliche Ge-
schlechtsteile und der Auszug aus des Rufus anatomischen Be-
nennungen. Vgl. Ch. Daremberg, „Notices et extraits" S. 145 — 146
und S. 147.
e) XXI veterum et clarorum medicorum Graecorum varia opus-
cula. Primo nunc impensis Anastasii etc. ex Oribasii codice Mos-
quensi graece edidit, Interpretationen! Latinam J. B. Rasarii, item
33*
516 Iwan Bloch.
suas animadversiones et indicem vocabulorum adjecit Ch. F. de
Mathaei, Moskau 1808, 4^ (Buch 1 — 15 griechisch nach einer Mos-
kauer Hs., die beim Brande unterging und mit lateinischen Ueber-
setzungen des Rasarius. Alle Stellen aus Galen, Rufus, Dios-
kurides fehlen). Mit Emendationen, Scholien, Index graecor. voca-
bulorum. [Sehr selten.]
Buch 1 und 2 des Moskauer Codex bei: Chr. Godofr. Grüner
progr. inest: Oribasii medicinalium collectorum liber I et II et frag-
mentum aliud e codice Mosquensi nunc primum gr. et lat. Jena 1782, 4 ".
f) A. Cocchi's Sammlung: Veterum medicorum chirurgica quaedam
antehac desiderata gr. et lat. Florenz 1754 fol. enthält Buch 46 und
47 der ovvaywycov und kleinere Stücke von Buch 48 und 49 gr.
und lat.
g) Buch 44, 45, 48, 49, der Anfang von 50 und kleine Bruch-
stücke in: „Angeli Maji Classicorum auctorum e Vaticanis codicibus
editorum", Bd. IV, Rom 1831, 8 ", S. 1—198; 276—279. Vgl. Darem-
berg, „Notices et extraits" S. 149.
h) Ülco Cats Bussemake r dissertatio philologico-medica in-
auguralis exhibens librum XLIV collectaneorum medicinalium Oribasii
nuper ab Angelo Majo Romae graece editum, cum adjuncta versione
latina adnotationibusque. Groningen 1835, 8 ".
i) Oeuvresd'Oribase, Texte Grec, en grande partie inedit,
collationne sur les manuscrits, traduit pour la premiere fois
en fran^ais, avec une introduction, des notes, des tables et des
planches, par les docteurs Busse maker et Daremberg, Paris, 8*^,
Bd. I. 1851 (LX, 692 S.), Bd. II, 1854 (XH, 924 S.), Bd. III, 1858
(XXVII, 723 S.), Bd. IV, 1862 (IX, 720 S.), [Bd. V, 1873 (VII, 956 S.),
Bd. VI 1876 (XXVII, 813 S.) enthalten die „Synopsis" und „Euporista"
in griechischem Original und lateinischer Uebersetzung; s. unten]"
Ueber die zu dieser Ausgabe benutzten Hss. vgl. Daremberg
in Bd. I S. LVII und Bd. II S. V— VI; III S. X; IV S. III— IV.
Ueber einen angeblichen im Nationalmuseum zu Budapest befindlichen
von Bussemaker und Daremberg nicht benutzten vollständigen
Codex der awaycoyal vgl. Hirschberg a. a. 0. S. 361.
Ueber den Plan und Inhalt seiner grossen Kompilation macht
Oreibasi OS selbst in der an Julian gerichteten Einleitung einige
Bemerkungen. Sie sollte so angelegt sein, dass die Leser sofort in
jedem einzelnen Falle das dem Kranken Nützliche finden könnten.
Wiederholungen sollen" möglichst vermieden, nur das litterarisch und
praktisch Beste ausgewählt werden. Oreibasios weist besonders
auf Galen als eine seiner Hauptquellen hin und sagt zum Schlüsse:
„Ich werde zuerst das auf die allgemeine Diätetik und Materia medica
Bezügliche sammeln, dann die Lehren über Natur und Bau des
Menschen, darauf das auf Hygiene und Krankenpflege Bezügliche. Es
folgen Diagnostik und Prognostik. Endlich werde ich von der
Heilung der Krankheiten und der Symptome handeln und über die
Kur der widernatürlichen Leiden. Ich werde mit den Eigenschaften
der Nahrungsmittel ' beginnen" (Oribas. I, 1 ed. Dar. I, 2 — 3). Die
Reihenfolge des aus 70 Büchern bestehenden Werkes (7rQod-vf.uog avvi]-
yayov ev eßdofiiJKovra ßißloig Orib., Synopsis Praef ed. Dar. V, 1)
war demnach folgende: Allgemeine Diätetik, allgemeine Therapie und
Materia medica, Physiologie und Anatomie, Hygiene, Krankenpflege,
Diagnostik, Prognostik, spezielle Pathologie und Therapie, Chirurgie.
Byzantinische Medizin. 517
Nach* den neueren Untersuchungen von M. Wellmann (Pneumat.
Schule 104 — 109) müssen wir annehmen, dass Oreibasios bei seiner
Zusammenstellung bereits ältere umfangreiche Kompilations-
werke benutzt und daher keineswegs immer aus den Original-
autoren geschöpft hat. Solche medizinische Kompilationen im Stil des
Oreibasios gab es bereits vor Galen, der solche schon benutzt
hat. Well mann weist scharfsinnig nach, dass Oreibasios u. a.
auch aus einer wesentlich die Schriften der pneumatischen Schule
umfassenden Kompilation geschöpft hat, in der Excerpte aus den
Schriften des Athenaios, Herodot, Apollonios von Perga-
mon,Archigenes, ßufus und Antj'llos enthalten waren und die
wahrscheinlich von Antj'llos verfasst war. Nach Moliniers Zu-
sammenstellung (VI S. XII— XIV) hat Oreibasios die folgenden
Autoren benutzt: Adamantios, Agathinos, Antyllos, Apollo-
nios von Pergamon, Archigenes, Aristoteles, Askle-
piades, Athenaios, Kriton, Demosthenes von Marseille,
Dieuches, Diokles, Dioskurides, Erasistratos, Galen,
Heliodoros, Herodotos, Lykos, Meges, Menemachos,
Mnesitheus von Athen, Mnesitheus von Kyzikos, Philagrios,
Philumenos, Philotimos, Rufus, Sabinos, Soranos,
Theophrast, Xenokrates, Zopyros. Meist werden die An-
sichten der verschiedenen Aerzte über denselben Gegenstand neben
einander gestellt, wie z. ß. die Elephantiasis (Lepra) dreimal nach
Galen, Rufus und Philumenos abgehandelt wird (XLV,
26 — 29 ed. D. IV, 59 — 82), wobei Wiederholungen sich nicht ver-
meiden lassen. Es lässt sich nicht daran zweifeln, dass Oreibasios
im grossen und ganzen mit Geschick die am meisten charakteristischen
und bedeutungsvollen Stellen aus den älteren medizinischen Schriften
ausgezogen hat. Leider ist von seinem für die Kenntnis der antiken
Medizin höchst wertvollen Werke nur etwa ein Drittel erhalten,
dessen Inhalt nach der Ausgabe von Bussemaker und Darem-
berg kurz der folgende ist: Bd. I (Lib. I — VI): Lehre von den Nah-
rungsmitteln (I — III), Getränke (IV — V), Gymnastik und Diätetik
(VI); Bd. II (Lib. VII— X; XIV-XV; Fragment von NIV):
Lehre von der Blutenziehung (VII, cap. 1 — 22); Evacuantien (VII,
23-26; VIII); Klimatologie und Hygiene (IX, 1—20); Kataplasmen
(IX, 21-55); Bäder (X, 1-9); Derivantien und Alterantien (X, 10-42);
Materia medica (XIV, XV, XVI); Bd. III (Fragmente aus Lib.
XXI, XXII; auslibrisincertis; XXIV, XXV, XLIV) : Allgemeine
Physiologie und Pathologie (XXI); Embryologie (XII); Hygiene, all-
gemeine Pathologie und Symptomatologie, Phj'siologie (libri incerti);
Splanchnologie (XXIV), Benennungen der Körperteile, Osteologie,
Myologie, Neurologie, Angiologie (XXV); Entzündung, Geschwülste,
allgemeine Chirurgie (XLIV) ; Bd. IV (Lib. XLV— LI und Auswahl):
Geschwülste (XLV); Frakturen (XL VI); Luxationen (XL VII); Ver-
bandlehre (XLVIII); Lehre von den bei Luxationen gebrauchten
x^pparaten und Maschinen (XLIX) ; Harn- und Geschlechtsleiden, Her-
nien (L); Geschwüre (LI); Verschiedenes (Bd. VI S. 542—637).
Die Selbständigkeit des Oreibasios zeigt sich nur in der prak-
tischen Auswahl und Bearbeitung des umfangreichen Materiales.
Er stellte übrigens selbst anatomische Untersuchungen an Affen an
und machte dabei sehr rationelle physiologische Beobachtungen, wie
über die beim Aderlasse nach Nervenverletzungen auftretenden Arm-
518 Iwan Bloch.
lähmungen (VII, 5 ed. Dar. II, 34—35). Ratio et experimentum sind
seine medizinischen Grundsätze. Von allen byzantinischen Aerzten hat
er allein daher so gut wie nichts von Mystik und Wunderglauben in
seinen Schriften niedergelegt.
Zwanzig Jahre (nicht vor 390 n. Chr.) nach der Vollendung der
avvayioyal verfasste Oreibasios auf den Wunsch seines gleichfalls
ärztlichen Studien obliegenden Sohnes Eustathios einen Auszug
aus diesem Werke unter dem Titel Ivvoiptg, nicht eine populäre Schrift,
sondern ein für wissenschaftliche Zwecke bestimmtes Lehrbuch {rolg
äkXoig Tolg ui] TtaQigyoig xrjv iaTQiy(.i]v imaSovoiv), welches die not-
wendigsten Thatsachen der Heilkunst, mit Ausschluss der Chirurgie,
enthalten sollte und den grössten Wert auf medikamentöse und
diätetische Therapie legt (Vorrede ed. Dar. IV, 1 — 3).
Ausgaben: a) Oribasii synopseos ad Eustathium filium libri
IX, quibus tota medicina in compendium redacta continetur. Venet.
1554, 8*^, ed. J. Bapt. Rasarius, ap. P. Manutium. Latein.
Selten.
Wiederholt Paris, 1554, 12 " apud Audoenum Parvum.
b) ÖQEißaoiov TtQog Evatd^iov zbv vibv avzov Ivvoipig ed. Busse-
maker et Daremberg in: Oeuvres d'Oribase, Paris 1873, Bd. V
S. 1—556.
Inhalt der Synopsis: Gymnastik, Coitus, Blutentziehungen, Pur-
gantien, Emetica, Klysmen, Diaphoretica, Bäder, Rubefacientia (Lib. I);
Materia medica (Lib. II — III) ; Nahrungsmittel und Getränke (Lib. IV) ;
Ammenwesen, Hygiene der Kindheit und des späteren Lebens (Lib. V);
Krisenlehre, Uroskopie, Auswurf, Fieberlehre (Lib. VI); Wunden, Ge-
schwüre, Geschwülste, Hautleiden (Lib. VII); Nervenkrankheiten,
Geisteskrankheiten, Haarleiden, Nasen- und Lippenleiden, Augen-
krankheiten, Wiederbelebung Erhängter (Lib. VIII); Brustleiden,
Magenleiden, Darmaffektionen, Leberkrankheiten, Nieren- und Blasen-
leiden, Gynäkologie, Gicht und Ischias (Lib. IX).
Hervorzuheben sind die von hervorragendem ärztlichen Urteil
zeugenden Kapitel über Diätetik der Schwangerschaft (V, 1), Ammen-
wahl (V, 2; die jüngste Amme muss 25 Jahre sein, die älteste 35,
weder zu fett noch zu mager, nicht krank sein, erst kurz vorher ge-
boren haben, am besten einen Knaben, muss sich des Coitus enthalten),
Milch (V, 3—4), Kinderkrankheiten (Hautleiden, Husten, Koryza,
Dentition, Aphthen u. s. w. V, 5 — 13), Kindererziehung (V, 10, Beginn
des Unterrichts mit 6 oder 7 Jahren; mit 12 Jahren Unterricht in
Grammatik, Geometrie und Gymnastik; mit 14 Jahren Philosophie und
Fachwissenschaften; Abstinenz von sexuellem Verkehr und Wein).
Im Gegensatze zu der Synopsis stellen die EvTtÖQiota eine
populäre Abhandlung über Medizin für das gebildete Publikum dar.
Dies Werk ist später als die Synopsis, etwa zwischen 392 bis 395
n. Chr., verfasst, und ist wiederum ein Auszug aus der Synopsis, in
4 Büchern. Ueber Entstehungsgeschichte und Zweck der Schrift giebt
Oreibasios selbst wiederum in der Vorrede Auskunft. In einem
Gespräche mit ihm hatte der gelehrte E u n a p i o s (höchstwahrscheinlich
mit dem Biographen E. identisch) den Wunsch einer näheren Kenntnis
der Heilkunde geäussert, soweit dieselbe dem Laien zugänglich und
auf Reisen oder auf dem Lande in Anwendung gezogen werden könne,
wenn kein Arzt in der Nähe sei. Kulturgeschichtlich sehr interessante
Klagen über die grosse Zahl der Kurpfuscher und ihr betrügerisches
Byzantinisclie Medizin. 519
und gemeingefährliches Gebahren erläutern weiterhin den Zweck des
Buches, die Gebildeten auf den Nutzen und die Notwendigkeit einer
wissenschaftlichen Medizin aufmerksam zu machen und genau die
Bedingungen festzustellen, unter welchen das Eingreifen eines wirk-
lichen Arztes angezeigt, im übrigen aber eine Uebei-sicht über die den
wahren „Freunden der Heilkunde" (q)iUaTQoi) in leichteren Krankheiten
oder bei plötzlichen Unglücksfällen sofort zu Gebote stehenden
{ev7T6QiaTa) Mittel zu geben. Oreibasios erwähnt als Vorgänger,
welche Schriften mit demselben Titel und Zweck verfassten: Galen,
Dioskurides, Rufus, Apollonios, deren Werke aber mit Aus-
nahme des ihm unzugänglichen von Galen dem Zwecke nicht ge-
nügten. Den Inhalt der 4 Bücher seiner Euporista präzisiert Orei-
basios zum Schlüsse so: Beschreibung der allgemeinen Eigenschaften
und der besonderen Heilwirkungen der einfachen Arzneien ohne
Rücksicht auf den Krankheitssitz (Lib. II); Beschreibung der Arzneien
für die einzelnen Krankheiten (Lib. LEI); Beschreibung der Körper-
teile, ihrer Krankheiten und der Therapie (Lib. IV); Diätetik und
Hygiene (Lib. I).
Ausgaben: a) Basil. 1529, fol. ed. J. Sichard, excudebat H.
Petrus. (In der Ausgabe des Caelius Aurelianus, nur 3 Bücher,
mit Stücken aus den owaycoyai und der awöipig vermengt.) La-
teinisch.
b) Oribasii ad Eunapium libri IV, quibus facile parabilia medi-
camenta, facultates simplicium, morborum et locorum aifectorum cura-
tiones continentur, Venet. 1558, 8", ed. J. Bapt. Rasarius, ex
officina Erasmiana Vincentii Valyrisii. (Vorrede ist „Idibus Januarii
1557'' unterzeichnet, daher vielleicht Abdruck der Baseler latein.
Ausgabe der Opera omnia, s. unten; enthält auch Emendationen zur
Synopsis.)
c) ^ÖQeißaalov rtqog EvvaTtiov Ttegl Evti oqLotwv ed.
Bussemaker et Daremberg in: Oeuvres d'Oribase, Paris 1873,
Bd. V S. 557—797. Griech. Text und franz. Uebersetzung. [Ver-
zeichnisse der für die griechische Ausgabe der Synopsis und der
Euporista benutzten Hss., besonders von Wien, Rom, Florenz, Mailand,
Paris, München, Venedig, Oxford, Bd. I S. XXXV; Notices et ex-
traits 116.]
Eine lateinische Ausgabe der sämtlichen damals bekannten
Werke des Oreibasios veranstalte Rasarius:
Oribasii quae restant omnia tribus tomis digesta, Bapt. J. Ra-
sario interprete, Basil. 1557, 8 **, ap. M. Isingrinum. (Bd. I: Synopseos
libri IX, de machinamentis et laqueis libelli II, mit Holzschnitten;
Bd. II: Collectorum libri XVII [1—15 und 24—25]; Bd. HI: Euporista
und Emendationen von Rasarius.)
Ein grosses Interesse bieten die frühen lateinischen
Uebersetzungen der Synopsis und der Euporista dar,^) von
denen die ältesten zur Gruppe jener „altlateinischen" Uebersetzungen
zwischen dem 6. und 8. christlichen Jahrhundert gehören, die nach
Valentin Rose „den Zusammenhang der Studien aufrecht erhielten,
halb noch der alten Litteratur zugehörig, halb die neuen Studien der
^) Litteratur: Oeuvres d'Oribase, Preface von Bd. V S. III — VII; A.
Molinier in Bd. VI S. XV— XXVII; V. Rose a. a. 0. S. 110 ff.; E. Meyer a. a. 0.
II, 270—271; Hagen a. a. 0.
520 Iwan Bloch.
Barbaren eröffnend, und zum Teil ausdrücklich mit Rücksicht auf die
germanischen Stämme von römischen und griechischen Aerzten für
die Barbaren geschrieben wurden, die bei ihnen in die Schule gingen,
schon im 5. und 6. Jahrhundert" (Rose a. a. 0. S. 115). Unter den
griechischen Aerzten, die solche altlateinische üebersetzungen zum
Gebrauche der Goten und anderer germanischen Völker erfahren haben,
sind hauptsächlich Hippokrates, Dioskurides, Galen, Orei-
basios und Alexander von Tralles zu nennen.
Unter den Schriften des Oreibasios blieben die awaycoyai
wegen ihres grossen Umfanges für eine Uebersetzung ausser Betracht.
Sie scheinen überhaupt seit dem 7. Jahrhundert fast verschollen zu
sein.^) Dagegen wurden, wie erwähnt, die Synopsis und die Eu-
porista wegen ihrer Kürze und übersichtlichen Inhalts schon in
sehr früher Zeit übersetzt. Diese altlateinischen Üebersetzungen sind
uns in 5 Handschriften enthalten (zwei Pariser Codices, eine Berner,
St. Gallener und eine im Besitze des Lord Ashburnham befindliche
Hss.). Die wichtigste ist das erste Pariser Ms. lat. 10233 (ancien-
suppl. lat, 621), das vollständigste und älteste (6. christliches Jahr-
hundert). Von ihnen hängen der zweite Pariser Codex lat. 9332
(7. Jahrh.), der Berner Codex, derjenige des Lord Ashburnham
(7. Jahrh.) ab. In allen sind die Synopsis und die Euporista durchein-
ander gemischt, nach Molini er schon in den griechischen Vorlagen.
Ferner enthalten die Üebersetzungen zahlreiche Ungenauigkeiten,
Zusätze aus anderen Schriftstellern, therapeutische Exkurse, magische
Formeln, z.B. eine solche, um die Geburt zu erleichtern, wobei einige
Worte aus der Christusgenealogie des Matthäus auf ein Stück
Papier geschrieben werden (VI S. 622). Selbst Interpolationen aus
den avvaytoyai fehlen nicht. Die späteren, durch Manuskripte von
Laon, Leipzig und Rom (Biblioth. Barberino) repräsentierten latei-
nischen Üebersetzungen aus dem 10. Jahrhundert sind genauer nach
dem heute vorliegenden griechischen Text gefertigt und enthalten nur
wenige Zusätze wie z. B. Auszüge aus Werken des K r i t o n (VI, 397).
Die Sprache der älteren lateinischen Üebersetzungen ist ein durch
eine eigenartige Syntax und Beimischung barbarischer, besonders
gotischer Namen ^) ausgezeichnetes Volkslatein, wie es auch in den
Diplomen der merowingischen Könige und den Gesetzsammlungen
jener Epoche uns entgegentritt. Da die Goten zwischen 480 und 550
n. Chr. in Italien weilten, so ist nach Mo linier der Archetypus der
drei ältesten Manuskripte um das Ende des 5. oder in den ersten
Jahren des 6. Jahrhunderts entstanden.
Ausgaben: a) Oribasii medici de simplicibus libri
quin qua, gedruckt durch Johannes Schott hinter „Tacuini
sanitatis etc.", Strassburg 1531 und „Physica S. Hildegardis etc.",
Strassburg 1533, fol. (Aber nur lib. IV enthält das 2. Buch
der Euporista; lib. I — III enthalten Auszüge aus Apulejus de
herbis und die sog. „Dynamidia Hippocratis" ; lib. V ein alphabetisch
^) Der Name des Oreibasios wird besonders von Paulos von Aegina er-
wähnt (VII, 11, 12, 17, 19) und sehr häufig von Aetios (z. B. Tetr. I Serm. II
cap. 197 u. ö.). Der Araber Rhazes bringt in seinem ,,Continens" zahlreiche Citate
und Excerpte aus den owaycoyai.
'^) Z. B. VI, 131 ist von einer Pflanze „Isatis'* die Rede „quam tinctores
herba vitrum vocant et Goti visdile".
Byzantinische Medizin. 521
angeordnetes Excerpt aus Dioskurides) [Meyer 270; Rose
110—114].
Wiederholtim „Experimentarius medicinae" Strassburg, J. Schott,
1554, fol.
b) Teile der alten lateinischen Uebersetzungen der Synopsis und
der Euporista befinden sich hinter der ersten Ausgabe von Caelii
Aureliani tardarum passionum libri V, Basel 1529, fol. [Choulant
208; V. Rose 116].
c) Aeltere und jüngere lateinische Uebersetzung der Synopsis in:
Oeuvres d'Oribase Bd. V S. 799—927; Bd. VI S. 1—402; der
Euporista ibidem VI S. 403-626. (Beste, vollständige Ausgabe.)
Verloren sind die folgenden von Suidas erwähnten Schriften
des Oreibasios: 1. ITgog tohg ärcogoüviag twv iaxqGjv gegen die
skeptischen Aerzte; 2. tisqI ßaaiXeiag, von der Regierung; 3. TteQi
Tca^Cüv, von den Leidenschaften.
Nach dem Fihrist und Oseibia verfasste Oreibasios auch
^eine : 4. Anatomie der Eingeweide.^)
Unecht sind die „Commentaria in aphorismos Hippocratis", die
unter dem Namen des Oreibasios gehen (Ausgaben: Paris 1533, 8",
ed. Guinth. Andernacus; Vened. 1533, 8^; Basil. 1535, 8"; Patav.
1658, 12«}.
Der Anonymus des Lauremberg. -)
Im Jahre 1616 veröffentlichte der Professor der Medizin und Physik
in Hamburg Peter Lauremberg (1585—1639) nach einem angeb-
lich aus Frankreich mitgebrachten ' Manuskripte eine in 60 Kapitel
eingeteilte griechische Einleitung in die Anatomie und fügte eine
(mangelhafte) lateinische Uebersetzung hinzu:
a) 'Aviovvnov €iaayioyr] ävaTOfxiy.ij, Anonymi philosophi antiquissimi
isagoge anatomica. Nunc priihum e sua Bibliotheca edidit, et vertit
Petrus Lauremberg, Hamburg 1616, 4*^. [Sehr selten.]
Wiederholt Lugd. Bat. 1618, 4", ed. Joach. Mors ins.
b) Anonymi Introductio anatomica graece et latine, item Hypatus
de partibus corporis graece et latine, cumnotisDn. Wilh. Trilleri
et Jo. Steph. Bernardi. Accedunt Figurae Anatomicae cum expli-
catione graeca, nunc primum ex cod. mss. bibliothecae Leidensis editae.
Lugd. Bat. 1744, 8*^. (Enthält auch noch Noten von J. J. Reiske.
„Hypatus" ist Georg. Sanguinaticius, dessen um 1450 n. Chr.
verfassten "Egi-ir^veia rwv xov oiü/.iaTog (.isqCov der Ausg. beigegeben ist.)
Diese Schrift wurde früher meist dem Oreibasios zugeschrieben,*^)
gehört jedenfalls in die Zeit desselben, nach v. Töply*) sogar ins
3. Jahrhundert, in die Nähe des Philosophen und Aristoteles-Er-
klärers Porphyrios, was aber Fuchs für zu früh angesetzt erklärt.
') Steinschneider a. a. 0. S. 476 — 477. Für Leser arabistischen Lateins sei
hier vermerkt, dass der Name des Oreibasios in solchen Schriften als „Acrabasius,
Aermesus, Anyasius, Arabasius, Arinasius, Auramasixis, Aurifiasius, Auxiatius, Avy-
nasius, Urbiasius, vielleicht auch Agarisius" erscheint.
*) Litteratur: Choulant 128—129; v. Töply S. 27—29; R. Fuchs in:
Byzantin. Zeitschrift 1899 Bd. VIII S. 200.
*) Da des Oreibasios Anatomie auf Galen beruht, der Anonymus des
Lauremb. dagegen keinerlei Beeinflussung durch letzteren erkennen lässt, so ist
des ersteren Autorschaft sehr unwahrscheinlich.
*) Töply a. a. 0. S. 32-36.
522 Iwan Bloch.
Nach Aristoteles werden anatomische Angaben in dieser Schrift
zusammengestellt, in einer sehr trockenen Weise. Nur ab und zu lässt
der Verf. zwischen den Auszügen aus Aristoteles eine eigene Meinung
durchblicken. Den Inhalt der 60 Kapitel verzeichnet T ö p 1 y a. a. 0.
S. 28-29.
Adamantios.
Der „Jatrosophist" (Aet, Tetrab. II Serm. IV cap. 27; Sokrates,
Hist. eccles. VII, 13) Adamantios war ein Zeitgenosse des Orei-
basios, der ihn aber erst in den späteren Schriften (der Synopsis)
erwähnt und benutzt.^) Von seinen Schriften oder seiner Schrift, in
welchen erDioskurides und K r i t o n benutzte, haben sich nur Frag-
mente bei Oreibasios (über medizinische Masse und Gewichte
Svnops. II, 59 D. V, 85; Rezepte gegen Alopecie Sjmops. III, 24 D. V,
109, 855; gegen Hernien Synops. III, 28—29 D. V, 111—112; gegen
Atherome III, 29 D. V, 112, 857; gegen phagedänische Geschwüre
Synops. III, 36 D. V, 114, 858—60; gegen Verbrennungen VII, 6 D. V,
335 ; gegen gichtische Atjfektionen IX, 57 D. V, 552) und bei A e t i o s
(Kur der schmerzhaften Entzündungen des Zahnfleisches und der
Zähne, wobei u. a. der Saft von Hyoscyamus in den Mund genommen
werden soll, Tetrab. II Serm. IV cap. 27; Rezepte gegen Zahn-
schmerzen, z. B. Gurgeln mit warmen Flüssigkeiten, Malvendekokten
ib. cap. 31). Auch verfasste Adamantios eine kleine i^bhandlung
über die Winde (nach Aristoteles und Theophrast), von der
ein Auszug bei Aetios (Tetrab. I Serm. III cap. 163) und bei Joannes
Diaconos Galenos steht, das Ganze von Valentin Rose („Anec-
dota graeca et graeco-latina" I S. 29 if.) herausgegeben worden ist. Eine
andere noch erhaltene Schrift des Adamantios, die cpvaLoyno/LUKcc in
2 Büchern (abgedruckt in J. G. Fr. Franz, „Scriptores physiognomiae
veteres", Altenburg 1780, 8^), ist nach Heck er und Rose nur ein
Auszug aus dem gleichnamigen verlorenen Werke des unter Hadrian
lebenden Rhetors Polemon.-)
N e m e s i 0 s. ^ )
Wie sich aus den Briefen des Gregorios von N a z i a n z (330 — 390
n. Chr.) und denjenigen des Isidor von Pelusium (370—440) an
Nemesios ergiebt (vgl. die ausführlichere kritische Auseinander-
setzung bei Töply 36—39), ist wirklich Nemesios, der Bischof von
Emesa, der Verfasser der Schrift n:€Ql cpvoetug äv^gw/iov, deren Ab-
fassungszeit in die letzten Lebensjahre des GregoriosNazianzenos
1) Nach Hecker a. a. 0. II S. 218, E. Meyer a. a. 0. II, 375 und M. Well-
mann, Artikel „Adamantios" bei Pauly-Wissowa I, 343 ist der Jatrosophist
Adamantios identisch mit dem jüdischen Arzt gleichen Namens, der sich bei der
Vertreibung der Juden aus Alexandria unter Honorius und Theodosius II.
durch den Bischof Atticus von Konstantinopel sich taufen Hess (Socrates, hist.
eccles. VII, 13). Möglich wäre das trotz der zeitlich viel früheren Erwähnung des
Adamantios durch Oreibasios.
^) Vgl. auch R. Foerster, ,,De A. physiognomicis recensendis" in: Philologus
1888 Bd. 46 S. 250—275; Ders., „Zur Physiognomik des Polemon" in: Hermes 1876
Bd. X S. 465—468.
3) Litteratur: Hecker 77—82; ChT)ulaut 126—128; Corlieu 115—117;
Töply 36—44; Margarites Evangelides, „Zwei Kapitel aus einer Mono-
graphie über Nemesius und seine Quellen", Berlin, Dissert. 1882.
Byzantinische Medizin. 523
fällt. Die Möglichkeit, dass der von Gregorios hochgeschätzte Prätor
Nemesios mit dem späteren syrischen Bischof von Emesa, dem Ver-
fasser jener Schrift, identisch sei, ist durchaus nicht ausgeschlossen.
Nemesios wurde um 340 n. Chr. geboren und veifasste seine Schrift
wohl nicht vor 381.
Ausgaben:^) a) Nef-ieaiov Itho-mtiov xai rpiXoaötpov tcbqI cpvaswg
av&QOJTTov ßiß'Uov £>, Nemesii episcopi et philosophi de natura hominis
liber unus, nunc primum et in lucem editus, et latine conversus a
Nicasio Ell ebodio, Antwerpen 1565, 8". — Editio princeps mit
latein. Uebersetzung. [Sehr selten.]
b) Nemesii de natura hominis liber unus. Oxford 1671, S**. Griech.
und latein. Ausgabe von J. Fell, Bischof von Oxford.
c) Nemesius Emesenus de natura hominis graece et latine, Post
edit. Antverp. et Oxon. adhibitis tribus codd. Augustanis, duobus
Dresden. totidemqueMonach. ed. etanimadv. adiecit Chr. Fr. Matthaei,
Halae Magdeb. 1802, 8», 128 S. [Beste Ausgabe.]
Die Schrift des Nemesios erlangte im Mittelalter eine grosse
Verbreitung und wurde früh ins Lateinische übersetzt. Die älteste
bekannte Uebersetzung ist die des Alfanus I., Erzbischof von Salerno
(t 1086), unter dem Titel „Premnon fisicon (7tQif.ivov (pvoiTcwv) id est stipes
naturaliura" bekannt, entdeckt um die Mitte des 19. Jahrhunderts in
der Bibliothek zu Avrenches in der Normandie. -) Eine weitere latei-
nische Uebersetzung wurde von dem pisaner Gelehrten Burgundio
(f 1194) im Jahre 1159 verfasst. -^j Die dritte Uebersetzung stammt
aus dem 13. Jahrhundert und wurde von Karl Holzinger nach den
Handschriften in der folgenden Ausgabe veröffentlicht:
Nemesii Emeseni libri negi cpvaewg ävd-gwnov versio latina. E libr.
ms. nunc primum ed. Carolus Holzinger, Leipz. u. Prag 1887,
8**, 175-1-37 S. (Nach einer Bamberger Hs. des 13. Jahrhunderts
und einer etwas jüngeren aus Prag. Mit kritischen Noten.)
Eine vierte lateinische Uebersetzung veröffentlichte J. Conen,
der die Schrift dem Gregorios von Nyssa zuschrieb, im Jahre 1512
(in: Gregorii Nysseni libri octo de homine, Strassb. 1512, fol).
Ferner giebt es alte italienische und armenische Ueber-
setzungen,*) erstere z. B. in „Operetta d'un autor incerto raccolta dal
sapientissimo Salomono e dal gran Basilio. della natura degli animali,
e tradotta da greco in volgare da Domenico Pizzimenti" (s. 1. e. a.
8"). Eine englische Uebersetzung lieferte G. Wither (f 1667)
unter dem Titel „The natureofmen" (London 1636, 12"), eine deut-
sche 0 st er h am m er („Von der Natur des Menschen", Salzburg 1819,
8"; vgl. auch Seybold, „Notae in Nemesium" in: Allgem. Liter.
Anzeiger 1811 S. 54).
^) Vgl. K.Burkhard, „Die handschriftliche Ueherliefening von Nemesius
Ttsol cpvaacos avd-Qconov^' in: Wiener Studien, Zeitschr. f. klass. Philologie 1888
Bd. X S. 93-135, 1889 XI S. 143-152; 243—267 und Beüage: Facsimile aus Cod.
Dresd. Da. 57 fol. 286.
») Choulant a. a. 0. S. 128.
*) Vgl. E. Tera, „La natura dell' uomo di Nemesio e le vecchie traduzioni in
italiano e in armeno" in: Atti del R. Istituto Veneto III, 7, 12, 39ff. ; „Nemesiana.
Sopra alcuni luoghi della „Natura dell' uomo" in armeno". Riendic. della R. Acadeuiia
dei Lincei II I, 3 ff.
524 Iwan Bloch.
Die Schrift rtsgl (ptaeiog avS^QWfcov (44 Kapitel) ist wesentlich
psychologischer Natur und enthält nur spärliche phj^siologische
Bemerkungen. Das Wesen der menschlichen Seele wird nach clirist-
lich-neuplatonischen Gesichtspunkten mit besonderer Benutzung des
Aristoteles und P 1 a t o n erörtert. Als Quellen dienten die tr]Tri,uaTa
oif-i/uixTcc des Porphyrios (vgl. H, v. Arnim im: Rhein. Mus. f.
Philol. Bd. 42 S. 278 ff.), Aetios (Diels, Doxographi graeci, Berlin
1879, S. 49), die Schrift des Stoikers Philopator tisqI 6iiiiaQf.i€prig
(vgl. Gercke, „Chrysippea" in: N. Jahrb. f. Philol. Suppl. XIV
S. 689 ff.).
Für die naturwissenschaftlichen, zoologischen und physiologischen
Kenntnisse des Nemesios kommen hauptsächlich G a 1 e n (Ueber die
Temperamente, über den Nutzen der Körperteile, „Symphonia" d.i. über
die Dogmen des Hippokrates und Piaton, das Werk vom wissen-
schaftlichen Beweis) und Aristoteles (Ethik, Physik, Tierkunde)
als Quellen in Betracht. Gegenüber der Ueberschätzung des Neme-
sios durch Fell, Fabricius, Portal, Sprengel, Haeser hat
V. Töply nachgewiesen, dass des Nemesios vielgerühmte Angaben
über die Bedeutung der Gallenthätigkeit (cap. 28) vollkommen auf
Galen (de usu part. V, 4) beruhen, ebenso wie seine angebliche
Entdeckung des Blutkreislaufes (cap. 24) nur eine „ziemlich
dunkle Wiedergabe der durch Galen vertretenen Anschauungen" dar-
stellt. Die in Kapitel 13 aufgestellte Behauptung, dass in der vorderen
Hirnhöhle die Einbildungskraft, in der mittleren der Verstand, in der
hinteren das Erinnerungsvermögen lokalisiert seien, geht auf Po-
seidon ios (s. oben S. 490) zurück. In Kapitel 27 unterscheidet
Nemesios Nerven und Sehnen dadurch von einander, dass erstere
Empfindung besitzen, letztere nicht. Trotz des gänzlichen Mangels an
Originalität zeichnet sich die Schrift des Nemesios durch eine
nüchterne naturwissenschaftliche Auffassung und Ablehnung des medi-
zinischen Aberglaubens (Astrologie) aus.
Hesychios vonDamaskus und sein Sohn Jakobos
Psychrestos.^)
Suidas berichtet in der Lebensbeschreibung des Jakobos
Psych restos, dass dessen Vater ebenfalls ein sehr berühmter Arzt
gewesen sei, Hesychios, aus Damaskus (ca. 370 n. Chr.) gebürtig,
der sich im Jahre 430 in Konstantinopel niederliess, nachdem er
bereits 40 Jahre lang in seiner Vaterstadt, in Rhodus, Hellas, Aegypten
(hier besonders in Alexandria) und in Italien die ärztliche Praxis aus-
geübt, und der Ruf seiner seltenen Geschicklichkeit überall sich ver-
breitet hatte.
Noch berühmter wurde sein Sohn Jakobos, einer der edelsten
Aerzte aller Zeiten. Er wurde in Griechenland (vielleicht zu Dre-
panum in Argos) geboren und folgte seinem Vater, von dem er 19
Jahre lang getrennt gewesen war, nach Konstantinopel, wo er unter
dem Kaiser Leo dem Thracier (457 — 474) „Comes archiatrorum"
wurde. ^) Er lebte noch im Jahre 467, wo er sich beim Kaiser für
1) Hecker 82— 84; Corlieu 149— 150; Meyer 11,375; Reinesius, „Variae
lect.'S 350.
^) Joann. Antiochen. cogn. Malal. Histor. chronic". Oxford 1691, 8°, P. II. Leo
lus S. 77.
Byzantinische Medizin. 525
einen Freund verwandte.^) Er war ein ausgezeichneter Diagnostiker
und Therapeut, erfüllt von edelster Menschenliebe und Uneigennützig-
keit, der sich die Liebe aller Stände erwarb und als ,. Erretter"
^ioTi]Q, als „Zeuxis und Phidias der Heilkunst '* gepriesen und
durch die Errichtung einer Statue in den Bädern des Zeuxippos
zu Konstantinopel geehrt wurde. ^) Wie hoch er in der Schätzung
anderer Aerzte stand, beweist das schöne Wort des Alexandros
von Tr alles: „Er war ein bedeutender und in der Wissenschaft
gottbegnadeter Mann" (f-t^ycig ^^^tQ '^-^^ S^eocpikeazcnog neQi rrjv Teyvrp'
yevöf-ievog, ed. Puschmann II, 163). Wegen des Umstaudes, dass er
mit Vorliebe eine kühlende und wässrige Diät verordnete, bekam er
auch den Beinamen Psj^chrestos (ipvxrjQOzög). ■^) Nach Alexander
von Tralles scheint er jenes Regime deshalb bevorzugt zu haben,
weil „er sah, dass die meisten Menschen sehr geschäftig und geld-
gierig sind und ein Leben voll Kummer und Sorgen führen." (Alex.
Trall. V, 4 ed. Puschm. II, 163). Besonders berühmt war seine
Behandlung des Podagra, über welches er wahrscheinlich bei der
umfangreichen Praxis unter den reichen Schwelgern von Konstanti-
nopel grosse Erfahrungen gesammelt hatte. Sowohl Aetios (Tetr.
III S. IV cap. 43) als auch Alexandros (Lib. XII ed. Puschm.
S. 565 und 571) haben uns Rezepte von Jakobos gegen dieses
Leiden aufbewahrt, wobei vorher die Diät des Kranken geregelt
werden musste. Gegen ein anderes Modeleiden, nämlich Migräne
und Neuralgien empfahl Jakobos Einreibungen mit warmem
Kamillenöl an der schmerzhaften Stelle, gelinde Massage, feuchte
Diät, auch Einreiben einer als Anodynum wirkenden, aus Galbanura,
Castoreum, Opoponax, Terpentin, Leinsamen, Oel und Fett bestehenden,
„Bromin" genannten Salbe (Oribas., Synops. VII, 22 versio latina
ed. Dar. VI, 160 — 161). Ein aus Süssholz, Traganthgummi, Süssholz-
saft, Kraftmehl und Lattich bestehendes Hustenmittel des Ja-
kobos und dessen Zubereitung beschreibt Alexandros von Tralles
(ed. Puschm. II, 161 — 163). Der Kranke musste davon nüchtern
3 Löft'el nehmen. Zur ärztlichen Deontologie steuerte Jakobos
folgenden Ausspruch bei: „Ein guter Arzt muss seinen Kranken ent-
weder sogleich aufgeben oder ihn nicht eher verlassen, als bis er ihn
um etwas gebessert" (Suidas).^)
Asklepiodotos Alexandrinos.^)
Dieser nicht weniger als Jakobos berühmte Arzt, der „Grosse"
nach Olympiodoros (in Meteor. II, 222 Ideler) wurde um die
^) Chronicon Paschale ed. Ducange. Paris 1689, S. 322.
') Photios, MjTiobiblon ed. Hoeschel, Oliva 1611, S. 1051. Photios be-
richtet, dass Jakobos die Reichen ermahnt habe, armen Kranken beizustehen, und
dass er von Unbemittelten niemals Honorar genommen habe. — An der Statue pries
nach Photios noch Damaskios (6. Jahrh.) den Ausdruck von hohem Geiste,
Ernst und Würde.
^) Bei Aetios a. a. 0. ipvx^iaTijg. Vgl. über diesen Beinamen ßeinesius
a. a. 0. S. 350.
*) Vgl. noch „Chronicon Marcellini comitis"', Paris 1546, S. 32; Fabricius,
Bibl. graeca XIII S. 251; C. G. Kühn, „Additamenta ad elenchum medicorum
veterum" XVII S. 8. — Excerpte aus Jakobos finden sich im Cod. 2210 F. der
Pariser Nationalbibliothek, vgl. Brian, ., Chirurgie de Paul d'Egine", Paris 1855, S. 73.
^) Meyer a. a. 0. II, 370—373; Becker II, 84-85; Freudenthal, Art.
„A." bei Pauly-Wissowa 1896, IV Sp. 1641-1642.
526 Iwan Bloch.
Mitte des 5. Jahrhunderts in Alexandria geboren und lebte später in
Aphroditopolis , wahrscheinlich der nahe bei Alexandria gelegenen
Stadt dieses Namens (Suidas v. Asklepiodotos). Er war erst Musiker,
dann Arzt (Schüler des Jakobos) und Philosoph, Schüler des Neu-
platonikers Proklos Lykios (411 — 485), der ihm seine Erklärung
des „Parmenides" widmete.^) Damaskios Damaskenos, der
letzte Lehrer der neuplatonischen Philosophie zu Athen (unter
Justini an) bezeichnet den Asklepiodotos als seinen Lehrer,
dem er vieles verdanke (S u i d a s v. Asklepiodotos). Olympiodoros,
ein späterer A r i s t o t e 1 e s -Kommentator, erwähnt Erläuterungen des
Asklepiodotos zum platonischen Timaios. Damaskios sagt über
Asklepiodotos u. a.: „Von Jugend auf galt er für den scharf-
sinnigsten und kenntnisreichsten seiner Altersgenossen, indem er un-
ablässig nach allem forschte, was die Natur oder irgend eine Kunst be-
wundernswürdiges hervorbringt" (Suidas). Er untersuchte Farbstoffe,
verschiedene Holzarten, Steine, Pflanzen auf jede Weise, hielt sich viel
bei Handwerkern auf, trieb Botanik und Zoologie nach eigener An-
schauung und ausgedehnten litterarischen Studien, war der Erste
seines Jahrhunderts in der Physik und Mathematik, tief eingedrungen
in das Verständnis der platonischen Philosophie, in der Ethik einer
realistischen Auffassung der Dinge zugeneigt, indem er mystische
Spekulationen verwarf. In der Medizin war Asklepiodotos An-
hänger des Hippokrates und Soranos und führte den Gebrauch
des Veratrum album wieder ein, er huldigte einer energischen Therapie
und konnte sich grosser Erfolge in seiner Praxis rühmen (Photios,
Suidas). Ein anmutiges Betragen, grosse Freundlichkeit im Umgange,
stetiges Streben nach der Veredlung seiner Mitmenschen erhöhten
seine Beliebtheit und seinen Einfluss, der sich bis tief in den Orient
erstreckte (Suidas). „Seine Werke gingen unter," sagt Ernst
Meyer, „kaum dass ein dankbarer Schüler sein Gedächtnis erhielt.
Der Geschichte aber ziemt es, solchen Männern ihre Kränze zu
wahren." Und bald wob die Legende einen märchenhaften Schimmer
um den grossen Vergessenen, Hess ihn durch ein Wunder aus des
Mäandros Fluten errettet werden und im Dunkeln Schriftzüge und
Personen erkennen und andere Wunder verrichten.
Palladios Sophistes-) und Severos.
Palladios,ein alexandrinischer (De febribus ed. B e r n a r d cap. 6
S. 22, cap. 7 S. 24) Jatrosophist, der wohl den grössten Teil seines
Lebens dort oder wenigstens in Aegypten verbrachte (nach einer
Aeusserung im Kommentar zu Epid. VI des Hippokrates, Ausgabe
von C r a s s u s S. 236) ist in das 5. christliche Jahrhundert zu setzen.
Er verfasste 3 Schriften ; nämlich einen Kommentarzumsechsten
Buche der Epidemien des Hippokrates, eig süzov tGjv Imöri-
f^iiwv V7töf.ivrii.ia,^) ferner Schollen zu Hippokrates über Knochen-
^) Simplicius ad Aristot. physic. auscultat. IV, comment. 141; Damaskios
in vita Isidori apud Photium cod. 242 p. 1052 — 1053; 1056 ed. Hoeschel. Vgl.
auch E. Zell er. ..Philosophie der Griechen", 3 Aufl., Bd. III Tl. 2 S. 832.
^) Hecker 11, 165—168; Corlieu 117-118; Choulant 131-133; H. Con-
ring a. a. 0. S. 86.
') R. Fuchs, „Hippokrates sämmtliche Werke", München 1897, Bd. II S. 277
Anmerkung 96. Die geringen Beiträge des Palladios zur Erklärung des 6. Buches
der Epidemien hat Fuchs a. a. 0. S. 277 — 291 in den Anmerkungen verwertet.
Byzantinische Medizin. 527
bräche, axblia. eig lo tzbqI äyi-iCbv 'IitTtoxQarovg , und eine kurze
Uebersicht der Fieber, neQi TtvQETwv avwo^tog avvoipig.
Die erstere Schrift, die nach dem Urteil von K. Fuchs ^) „fast
unbrauchbar" ist, liegt in folgenden Ausgaben vor:
a) Breves Interpretation es sexti libri de niorbis popularibus Hippo-
cratis, e voce Palladii Sophistae collectae, in : Medici antiqui graeci ed.
Juni US Paulus Crassus, Patavin. Basil. 1581, 4", S. 151 ff.
b) Apollonii Citiensis etc. scholia in HippocratemetGalenum,
Königsb. 1834, Bd. II S. 1—204.
Die Schollen zu der hippokratischen Schrift über Knochenbrüche
liegen vor in:
a) Palladii scholia in librum Hippocratis de fracturis, graece et
latine ed. Jac. Santalbinus in: Hippocrates ed. Anutius
Foesius, Frankf. 1595, sect. VI S. 196 ff.
b) Hippocratis Coi et Galeni Pergameni opera ed. Charterius,
Paris 1697, XII S. 270 ff.
Beide Kommentare geben wohl einen ziemlich richtigen, aber
keineswegs erbaulichen Begriff von den Lehr vortragen der alexandri-
nischen Jatrosophisten der byzantinischen Periode.
Die Schrift über die Fieber scheint auch dem Palladios zu ge-
hören, obgleich man sie neuerdings dem Theophilos Protospa-
tharios und Stephan von Athen zugeschrieben hat. Sie ist aber
doch wohl von Palladios verfasst, da dieser selbst in dem Kommentar
zu den Epidemien (ed. Crassus S. 272) einer von ihm geschriebenen
Abhandlung über Fieber gedenkt.^)
Ausgaben: a) Paris 1646, 4", ed. J. Chartier (griech. Text
mit latein. Uebersetzung von Chartier).
b) IIsqI TtvQeiGjv ovvToi-iog avvoipig ed. J. St. Bernard, Lugd. Bat.
et Traject. ad. Khen. 1745, 8^*. (Nach Galen verbesserter Text, mit
kritischen Noten und latein. Uebersetzung; S. 103 — 164 ein „Lexicon
alphabeticum chemicum" ohne Zusammenhang mit Palladios.)
c) In: „Physici et Medici Graeci Minores ed. J. L. Ideler,
Berlin 1840, Bd. I S. 107—121.
d) Theophili et Stephani Atheniensis de febrium differentia ex
Hippocrate et Galeno edid. Demetrius Sicurus, Florenz 1862, 8*,
46 S. (Nach einem Codex der Laurentiana.)
Aus dieser Schrift ist folgendes hervorzuheben. Beim Wechsel-
fieber ist die Ursache, der Fieberstoff, während der Intervalle in den
Muskeln und kehrt beim Anfalle wieder ins Blut zurück (cap. 28). Das
Fieber selbst ist eine widernatürliche Erhitzung {if-eQ/^aaia), die vom
Herzen durch die Arterien im Körper verbreitet wird und die Körper-
funktionen ziemlich wahrnehmbar beeinträchtigt (cap. 1), die schäd-
lichen Stoffe im Blute müssen also erst zum Herzen gelangen, um
Fieber hervorzurufen (cap. 9). Aus der Zersetzung des Blutes in den
Gefässen gehen die gefährlichen septischen Fieber hervor (cap. 15).
Das Ganze ist im humoralpathologischen Geiste abgefasst.
Der Jatrosophist Severos, der im 5. Jahrhundert lebte, ver-
fasste eine kleine Schrift über Klystiere {rceQi everiJQwv ijtol xlva-
TTjQiüv), die Dietz entdeckte und herausgab:
^) Vgl. auch Töply a. a. 0. S. 50, der die Frage unentschieden lässt.
Krto Iwan Bloch.
528
Severi iatrosophistae de clysteribus liber /y*fXtfmeU
scripti unici Florentini primum graece edidit F. Reinhold Dietz,
^""If ;nthm'AnwJsu;gt'zur Behandlung verschiedener Ki^nk-
der Klystiere durch den Ibis.
Die Schrift „Kyranides".i)
TTr^ter dem Namen Kyraniden". „Koiraniden" (Kiraniden, Kuraniden)
h.t P^f siite^tens aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stammendes Mach-
hat em spatesienb «^^^J^^i" , ., • i^^ p-elehrten Auseinander-
Andreas Bachmann (Rivinus,Ehyakinos):
a) Moderante auxilio redemptoris «»P'!»;' ^S" Lte \S^
meusve etc." (Leipz.)1638, 8«. .. , t T Frvthronhvlus
b) Mysteria physico-medica etc. Frankfurt, J. J. Erythropnyms,
feststellen.
iTTTTf »ratur- H Conriiig a. a. 0. S. 68; Th Reinesius a. a. 0. S. 7-8;
E. Me'y» VlmLbTO i^'f X"*^?*4eÄ"trl. WeAe, hat Meyer
st*;if'^iÄ un'dleriÄ l?iecMs?he^n uWung ur.er.e,gend dar-
vertues of stones, herbs, fishes, beasts and birds , 8 .
Byzantinische Medizin. 529
Die erste Kyranis ist ein mystisches Zauberbuch, das in 24
nach der Zahl der Buchstaben angeordneten Artikeln unter jedem
Buchstaben je eine Pflanze, einen Vogel, einen Fisch und einen Stein
vereinigt. Die drei folgenden Kyraniden sind eine alphabetisch ge-
ordnete magische Arzneimittellehre aus dem Tierreich. Buch II
behandelt die Land-, Buch III die Luft-, Buch lY die Wassertiere. ^)
Die Schriftsteller des sechsten Jahrhunderts:
Aetios von Amida.
lAtteratur (chronologisch angeordnet): Photios, Myriohihlon Cod. 221
p. 177 a 7. — Kristobal Orozco, „Annotationes in interpretes Aetii etc. Una
cum latinarum et graecarum dictionum ac rerum quae in iis annotationibus con-
tinentur locupletissimo indice", Basel 1538, 4*>. (Nach einem von seinem Lehrer
Pinciano erhaltenen griechischen Ms. des Aetios verbesserte 0. i}i dieser Schrift
die Irrtümer der Aetios- Uebersetzung des Cornarius und Montanus.) — John
Freind, „Historia Medicinae a Galeni tempore usque ad initium saeculi decimi
sexti'' in: Opera omnia medica. Ed. altera, Paris 1735, 4°, Tl. II S. 144—157. —
«7. E. Hebenstreit, „Tentamen philol. med. sistens Aetii libri IX aliquot capita^\
Leipzig 1757, 4°. — Derselbe, „Aetii dvsxSorcov Hb. IX cap. 28, exhibens tenuioris
intestini morbum, quem ileon et chordapsum dicunt una cum veterum super hac
aegrotatione sententiis", Leipzig 1757, 4 ". (Mit griech. Text und latein. Uebers. aus
Buch IX nach dem Bo er haav eschen Coaex.) — C Weigel, „Aetianarum exerci-
tationum specimen-', Leipzig 1791, 4°. (Gründliche Untersuchungen über Leben,
Schriften, Hss. und Ausgg.) — J. Magnus a Tengström, „Commentationum in
Aetii Amideni medici dvixöora specimen primum sistens libri IX cap. 41, ne^i daxa-
piScov^', Aboae 1817, 4". — J. F. C. Hecker, „Geschichte der IIeilkiinde^\ Berlin
1829, Bd. II S. 86—127. — E. C. J. v. Siebold, „Versuch einer Geschichte der
Geburtshülfe", Berlin 1839, Bd. I S. 212—232. — Ernst H. F. Meyer, „Ge-
schichte der Botanik'', Königsb. 1855, Bd. II S. 374—378. — Corlieu a. a. 0.,
1885, S. 118 — 122. — JL. JJanelius, „Die Augenheilkunde des Aetius'', Inaug.-
Dissert, Berlin 1899, 8°. — A. G. Costoniiris, „Etudes sur les ecrits inedits des
anciens medecins grecs et ceux dont le texte origiiial est perdu etc." in: Revue des
Etudes grecques 1890 Bd. III S. 150—179. — M. Welhnann, Artikel „ Aetios'''
bei Pauly-Wissowa, „Realencyclopädie der class. Alter-thumswissenschaft", Stutt-
gart 1893, Halbbd. I Sp. 703 — 704. — Herselbe, „Die pneumatische Schule bis
auf Archigenes", Berlin 1895, S. 124 — 126. — .7. Pagel im: j^Janus", Archive»
internationales pour Vhistoire de la medecine^ Amsterdam 1897, Bd. I S. 375 ff. —
Herselbe, „Geschichte der Mediän", Berlin 1898, Bd. I S. 143. — E. Chirlt,
„Geschichte der Chirurgie", Berlin 1898, I S. 544—555. — «7. Hirschberg, „Die
Augenheilkunde des Aetius aus Amida", Leipzig 1899, 8 °, XI, 204 S. — R. Koss-
tnann, „Zur Geschichte der Traubenmole" in: Archiv f. Gynäkologie 1900, Bd. 52
JS. 1 S. 153 — 169. — Max Wegscheider, Einleitung zu seiner „Geburtshilfe und
Gynäkologie bei Aetios von Amida (Buch 16 der Sammlung)" , Berlin 1901. S. IX — XXL
Aetios wurde am Anfange des 6. Jahrhunderts zu Amida, dem
heutigen Diarbekir am oberen Tigris geboren. Er machte seine
medizinischen Studien in Alexandria (Erwähnung seines Aufenthaltes
daselbst (Tetr. I Serm. I cap. 128 und cap. 144 ; Tetrabibl. I Serm. n
cap. 3). In späterer Zeit lebte er in Konstantinopel, wo er am kaiser-
lichen Hofe den Rang eines xo^rjg tov öipiy.lov (comes obsequii) d. h.
Chef des kaiserlichen Gefolges, hatte. Es unterliegt keinem Zweifel,
dass er unter Justini an (527 — 565) in Byzanz lebte und diese
*) Anhangsweise sei hier noch Timotheos Grammaticus erwähnt, der nach
Costomiris eine handschriftlich erhaltene Ahhandlung „De animalibus" an den
Kaiser Anastasios verfasste, und entweder ins 5. oder ins 7. Jahrhundert gehört.
Vgl. A. G. Costomiris, „Etudes sur les ecrits de anciens medecins grecs etc." in:
„Revue des et. grecques-', Paris 1891, Bd. IV S. 99.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 34
530 Iwan Bloch.
Stellung bekleidete, da schon Alexandros von Tralles, der selbst
in den letzten Jahren der Regierung dieses Kaisers den Aetios be-
nutzt hat (ed. Puschmann I, 437)^) und vor Justinian der
Titel „Comes obsequii" nicht nachweisbar ist (Cagnati, Variar. ob-
servat. lib. IV cap. 18). Ausserdem citiert Aetios zahlreiche Aerzte,
die zwischen ihm und Oreibasios gelebt zu haben scheinen, die
dieser noch nicht anführt, woraus auf einen grossen Zeitabstand
zwischen beiden zu schliessen ist.-) Die Erwähnung des Jakobos
Psj^chrestos (Tetrab. III Serm. IV cap. 43), der in der 2. Hälfte
des 5. Jahrhunderts lebte, macht ebenfalls W e i g e 1 s Nachweis wahr-
scheinlich, dass Aetios im 6. Jahrhundert lebte und seine Blütezeit
zwischen 540 und 550 fällt. Aetios scheint Christ gewesen zu sein,
wie aus der öfteren Erwähnung von Dingen, die der christliche
Gottesdienst erfordert (Tetrab, I Serm. I cap. 139 ; Tetr. IV Serm. IV
cap. 140), aus seinen Beschwörungsformeln mit Namen des Heilandes
und der Märtyrer (Tetrab. II Serm. IV cap. 50; Tetrab. IV Serm. III
cap. 14) hervorgeht.
Aetios ist der Verfasser einer medizinischen Kompilation in
16 Büchern (ßißUa Irngma tx/a/dexa), '^) in einigen Handschriften auch in
vier reTQccßißXoi zu je vier köyot geteilt, daher auch kurz als „Tetra-
biblon" bezeichnet. Von seinen Quellen lieisst es im Anfang der
Schrift: ^etlov'^i^iörjvoö ovvoipig tCov tqiCov ßißUiov, 'ÖQSißaaiov leyco ör]
zoD TtQog 'lovXiavbv yial rov Ttgbg EvordO^iov xa* rov Ttqog EvvduLOV xat
tG)V S-SQa7iEVTLy.G)V ßißUtüv FaXrjvov xal ylqxiyivovg xal '^Povcpov xal
hdgcov Twv dQxcxlov £7tiat]i.uov. Photios, der eine kurze Inhalts-
angabe der 16 Bücher des Aetios macht (Biblioth. cod. 221 p. 177a 7)
fügt noch Dioskurides, Herodotos, Soranos, Philagrios,
Philumenos, Poseidon ios, als weitere Quellen derselben hinzu.
Zu den weiter von Photios als Quelle erwähnten hegcov riv&v tüv
€711 Tfi tix^jj Ttjg iajQimjg ovof.ia Xinövrcov gehören Adamantios
Jatrosophistes (Zahnheilkunde), Antyllos, Asklepiades,
Aspasia (die Hebamme, deren geburtshilfliche und gynäkologische
Mitteilungen im 16. Buche wohl grösstenteils auf Soranos beruhen),
Demosthenes (für die Augenheilkunde), Didymos, Heras,
Hippokrates, Justos, Kriton (Kosmetik), Leonides (Genital-
leiden und Afteraffektionen), Markellos Sidetes, Markianos,
Severos (Augenheilkunde). Den Löwenanteil an dem Werke hat
Galen, nächstdem Oreibasios, Archi genes und Soranos.
Für Buch 16 (die Gynäkologie) hat Wellmann wahrscheinlich ge-
macht, dass dasselbe auf einer bereits von Oreibasios benutzten
Kompilation des Philumenos (3. christl. Jahrhundert) mit dem Titel
rwaiKEia (Schol. Orib. ed. Dar. III, 681, 10) beruht, welche aus
2 Büchern bestand und als das letzte und abschliessende Werk auf
diesem Gebiete von den späteren Autoren viel benutzt wurde, übrigens
^) Freilich wirft Puschmann hier die Frage auf, oh das Excerpt aus Tetrah. II
Serm. I cap. 89 des Aetios nicht ein späterer Zusatz sei.
^) Bei Fahricius, Bibl. graec. VIII, 322 werden als von Aetios angeführt
verzeichnet: Castinus, Cissophon, Doaros episcopus, Dositheos, Hermo-
laos, Isidoros Memphites, Julianos, Logadios, Magistrianus, Ma-
jorianus, Menas, Menekles, Numius, Pamphilos episcopus, Petrus
archiater, Severianus, Theodoretos, Theopompos, Theosebios, Thra-
syandros.
^) Eine von ihm (Tetrab. IV Serm. II cap. 6) erwähnte Abhandlung über
Chirurgie ist verloren gegangen.
Byzantinische Medizin. 531
grösstenteils von des Soranos gleichnamiger Schrift abhängig war.
Archigenes ist Quelle der Zusätze zu den Auszügen aus Galen
(avvoipig tö)v aTtlCbv raXr^vov) in Buch I und II (vgl. V. Rose in:
Hermes 1874 Bd. IX S. 474 ff.), femer Hauptquelle der Lehre von den
giftigen Tieren (Buch XIII; vgl. E. Rohde in Rhein. Mus. f. Phüol
Bd. 28 S. 268 ff.) und ist endlich für die Lehre von den drj'AijirjQia
neben Pseudo-Dioskurides und einem dritten unbekannten Autor
benützt worden (0. Schneider, „Nicandrea" S. 177 ff.).
Die Zahl der Handschriften des Tetrabiblon ist eine ziemlich
grosse. Die erste Zusammenstellung derselben gab W e i g e 1 (Aetianarum
exercitationum specimen S, 27 — 29), eine vollständigere Kostomoiris
(a. a. 0. S. 166—179) der Mss. von Paris, Leyden, Leipzig, England
(Daremberg „Notices et extraits" S. 150 ; 1 15 ; 100), der Laurentiana
in Florenz, des Escurial, des Vatikan, von Venedig, Wien, Palmos und
vom Berge Athos. Um die Kenntnis der Aetios-Hss. hat sich ganz
besonders der sächsische Arzt Carl Christian Leberecht Weigel
(1769 bis 1845) verdient gemacht,^) der sich viele Jahre lang mit dem
Studium des Aetios beschäftigte und eine leider nie erschienene
vollständige griechische Ausgabe vorbereitete, die auch heute noch
aussteht. Nach Weigel s Tode veröffentlichte H. E. Richter den
von Weigel selbst angefertigten Katalog seines litterarischen Nach-
lasses,'^) der 1873 von Weigels Neffen, dem Buchhändler W. in
Leipzig, an die Berliner Königliche Bibliothek verkauft wurde. ^) Die
Hauptstücke des A e t i o s nachlasses Weigels sind eine von ihm am
1. Juli 1824 gekaufte „prachtvoll saubere und vollständige" Papier-
handschrift mit dem Titel ßißUov laTQixbv iv löyoig exxalösyia (Mss,
90 fol. 37 der BerUner K. Bibliothek, s. XVI) der 16 Bücher des
Tetrabiblon, einst in der Jesuitenbibliothek zu Paris [Codex Weigelianus
Wellmanns; Cod. A. von Zervös; nach Wegscheider hat
diese Hs. die besten Lesarten bei variablen Stellen und zeigt grosse
Uebereinstimmungen mit den Wiener Codices XII und LI], ferner die
Abschrift des griechischen Textes der letzten 8 Bücher des Aetios
nach dem ehemals in Boerhaaves Besitz, jetzt in der Leipziger Rats-
bibliothek befindlichen Codex mit Varianten aus Cod. Vindob. 51 und
aus italienischen Mss.
Ausgaben. Im Zusammenhange sind bis jetzt nur die ersten
acht Bücher des Tetrabiblon gedruckt worden in der folgenden Aus-
gabe:
a) Aetii Amideni librorum medicinalium tomus primus, primi
scilicet libri octo nunc primum in lucem editi, graece, Venet. 1534,
fol. in aedib. haered. Aid. Mannt, et Andr. Asulani.*)
Einzelne Teile des übrigen griechischen Textes:
b) Buch IX cap. 25 ed. J. C. Hörn, Leipzig 1654 (1700) 4».
c) In des Dionysius Petavius „üranologium" steht der Ab-
schnitt „De significationibus stellarum" aus Tetrab. III gr. 1.
d) Bruchstücke aus Buch IX in der IvXXoyr] eXkTjvixibv avBy.d6%(av
^) Vgl. dessen Biographie in Callisens „Medicinischem Schriftstellerlexikon",
Kopenh. 1834, Bd. 20 S. 492 Nr. 1141 u. Altona 1845 Bd. 33; auch Wegscheider
a. a. 0. S XV.
^) Schmidts Jahrbücher der gesamten Medicin 1847 Bd. 54 S. 271 und 272.
=») V. Rose in: Hermes IX S. 475.
*) Ein mit zahlreichen wertvollen Kandnoten versehenes Exemplar D. W.
Trillers befand sich im Besitze J. F. C. Heckers (Gesch. der Heük. II, 88).
34*
532 Iwan Bloch.
Hvöqiov Movato^vd ov xal Jr]fir]T;Qiov S^ivä, Venedig, April
1816 u. d. Titel: ^AstLov loyog evvarog: TteQi ttov xara zb oro^a T'^g
xoiXlag 7tad-ü)V^ y.al avzfjg zfjg xotkiag, y.al svteQov.
e) Fragmente aus Buch 1—3, 5—6, 8, 10—12 in „Oeuvres de
Rufus" ed. Daremberg-Ruelle, Paris 1879.
f) Lib. VII cap. 1—29 ed. D. L. Danelius (a. a. 0.) Berlin 1889.
g) 'AeTiov Xöyog öcodexarog, ttqwtov vvv e^öod^elg vjro Fetogyiov
A. KcoarofioiQov, Paris 1892, 8^ 131 S. ^)
h) J. Hirsch berg „Die Augenheilkunde des Aetius von Amida,
Griechisch und Deutsch. Leipzig 1899, 8 "", XI, 204 S. (Buch VII
nach der Aldine von 1534 ohne Vergleichung mit Hss., mit zahlreichen
[526] Verbesserungen.)
i) Aetii Sermo sextidecimus et ultimus. Erstens aus Handschriften
veröffentlicht. Mit Abbildungen, Bemerkungen und Erklärungen von
Dr. SkevosZervös, Leipzig 1901, 8^ XX, 173 S. (Griechischer
Text von Buch XVI nach Pariser, Münchener Codices und dem
Berliner Aetiosapparat Weigels.)^)
Uebersetzungen: a) Lateinische Uebersetzung des J. B.
Montanus und Janus Cornarius, Basel 1533 — 1535 fol., 3 Bände.
(In Bd. I u. III (1535): Uebersetzung des Montanus von Buch 1 — 7
und 14—16; in Bd. II (1533) die Uebersetzung des Cornarius von
Buch 8 — 13 u. d. Titel: Aetii Antiocheni medici de cognoscendis et
curandis morbis sermones sex jam primum in lucem editi.) — Wieder-
holt Venedig 1534, 4" (Juntine) und s. 1. (Venedig, ap. Octavian.
Scötum) 1618, 8^ Basel 1535, 1538 fol. (Froben).
b) Aetii contractae ex veteribus medicinae tetrabiblos, hoc est
quaternio sive libri universales quatuor, singuli quatuor sermones
complectentes, ut sint in summa quatuor sermonum quaterniones, id
est sermones sedecim. Per Janum Cornarium medicum physicum
Latine conscripti. Basel 1542 fol. (Vollständige neue Uebersetzung
des Cornarius nach einer anderen Hs. und mit Benutzung des
Oroscius.) — Wiederh. Basel 1549, fol.
c) Venedig, 1543—1544, 8«, 2 Bde., ex officina Farrea. (Sehr
seltener, schöner Abdruck der Cornarius sehen Uebers. mit Ein-
teilung in 16 Sermonen.)
d) Lugduni 1549 fol. (Uebersetzung des Cornarius und:
Accesserunt in duos priores libros (quos de simplicibus scripsit)
scholia, rei medicae, studiosis plurimum profutura, per Hugonem
Solerium Sanionensem medicum, nunc primum in lucem edita).
Wiederholt, Lugduni 1560, 16** in 4 Bändchen.
e) Geburtshilfe und Gynäkologie bei Aetios von Amida (Buch 16
der Sammlung). Ein Lehrbuch aus der Mitte des 6. Jahrhunderts
n. Chr. nach den Codices in der Kgl. Bibliothek zu Berlin (besonders
den Sammlungen C. Weigels) zum ersten Male ins Deutsche über-
setzt von Dr. med. Max Weg scheider, Berlin 1901, 8", XXIV,
136 S. (Leider nicht ganz vollständig, da Verf die die Rezepte ent-
^) Vgl. Laboulbene, „Sur l'edition du XII e livre d' Aetius, confiee par le
Senat acad. de l'universite d'Athenes ä M. le Dr. Costomiris" in: Bulletin de l'acad.
de medecine, Paris 1891, 3. ser. Bd. 26 S. 89—91.
^) Vgl. J. Pagel in: Deutsche Litteraturzeitung 1901 Nr. 28; R. Fuchs in:
Wochenschr. für klassische Philologie 1901 Nr. 37 Sp. 998 ff. — Zervös bereitet
auch die Ausgabe der übrigen noch fehlenden Bücher aus Teil II des Tetrabiblon vor.
Byzantinische Medizin. 533
haltenden Kapitel meist nur in den Ueberschriften mitteilt; mit An-
merkungen und Erläuterungen.)^)
Die Wertschätzung des Aetios ist zu verschiedenen Zeiten eine
verschiedene gewesen, Photios empfahl das Tetrabiblon sehr, er
zog das Werk den 70 Büchern des Oreibasios vor. Nach Boer-
h a a V e sollte das Werk des Aetios das für die Mediziner sein, was
die Pandekten des Justinian für die Juristen sind.-) Schon Cor-
narius hatte erklärt: „Crede mihi quisquis es rerum medicarum
studiose, si totum Galenum contractum, si totum Oribasium explicatum,
si Paulum ampliatum, si omnes veterum speciales, tum per pharma-
catum per chirurgiam aggressiones, ad omnes affectiones in summa
habere voles, Aetium habes, unde totum hoc petere, ac ferre potes."^)
Spätere Autoren haben die Kompilation des Aetios mit kritischeren
Augen betrachtet. Puschmann (Artikel „ Aetius" im „Biogi\ Lexikon
der hervorragenden Aerzte". Wien 1884 Bd. I S. 63) tadelt seinen
kritiklosen Eklekticismus ; Well mann, der anfangs dem Aetios
noch „eigenes Urteil" zusprach, muss nach näherer Beschäftigung mit
demselben ihn noch eine Stufe tiefer als Paulos setzen „insofern er
ganz stumpfsinnig nach Art des Oreibasios einfach Excerpt an
Excerpt reiht"'. Die Wahrheit liegt in der Mitte zwischen der über-
triebenen Lobeserhebung des Photios oder Boerhaave und dem
abfalligen Urteil Wellmanns. Gewiss ist im grossen und ganzen
das Werk des Aetios eine blosse Kompilation und zum grossen Teile
nur eine Abschrift oder Excerpt aus früheren Kompilationen (Galen,
Philumenos, Oreibasios). Aber in der zweckmässigen Anordnung
des Ganzen, in vielen einzelnen Bemerkungen zeigt sich doch eine
grosse ärztliche Erfahrung und Selbständigkeit. Wenn man ihm die
grosse Zahl der Wundermittel und abergläubischen Rezeptformeln *)
zum Vorwurfe macht — er ist der erste b3'^zantinische Arzt, welcher
diese magische Therapie ausführlicher behandelt — so darf anderer-
seits daran erinnert werden, dass die Zusammensetzung vieler der-
artiger Mittel nur zu dem Zwecke von ihm angegeben wurde, um den
Arzneischwindlern, die diese Medikamente zu unerhörten Preisen ver-
kauften, das Handwerk zu legen. ^) Auch manche ihm eigentümliche
Anschauungen hat Aetios wie z. B. das auch von Alexander
V. Tralles (ed. Puschmann I, 436 — 439) benutzte Kapitel über
die Entzündungen („erysipelatösen Zustände") der Eingeweide (Aet.
Lib. V, cap. 89) beweist.
Was den Inhalt des Tetrabiblon betrifft, so handelt Buch I
von den einfachen pflanzlichen Arzneimitteln in alphabetischer An-
ordnung, fast ausschliesslich nach Galen os. Buch II enthält die
erdigen, metallischen und animalischen Heilstoffe, die erwärmenden,
abkühlenden, austrocknenden, befeuchtenden, adstringierenden u. s. w.
Medikamente (nach Galen, Dioskurides und Oreibasios). Be-
merkenswert ist Kapitel 196 über die Merkmale der Güte und Un-
^) Vgl. R. Fuchs in: Wochenschr. f. klassische Philologie 1901 Nr. 50 Sp.
1364—1368.
*) Costomiris a. a. 0. S. 165.
') Cornarius in der „Epistola nuncupatoria", Bl. 5 der Ausgabe Basel, 1549.
*) Die Vorliebe für diese dürfte auf seinen ägyptischen Aufenthalt zurück-
zuführen sein.
*) Vgl. darüber John Freind, „Historia medicinae" in: „Opera omnia",
Paris 1735, Tl. II S. 156.
^„. Iwan Bloch.
534
verfälschtheit der vegetabilischen Mittel teils S'* D/°/\uHde^
Temperamente, Buch ^V P'^^PT^^l^nfpest Buch VI: Kopfleiden
gnostik (Fieberlehre, Uroskope, Psychosen) 1"^^*' «"•^^^i^y^n,'' („^ch
(Gehirnkrankheiten H*."''^'<'^'i',,?''',f ° \ B„ch VII: Augenkrank-
Leonides, Poseidon.os ß^l«" "; ^•'' ^."i„ eap 35 wird nach
heilen (nach Severos und Demost^^^^
äierBuch^HI: L^m^tik^'ÄeSes (cap. l^itowieren), Mund-
cTöi-eÄ^^^^
^:lrX:^aÄkl^.ÄgSHld.ps(na^.,e
iÄir:kti:ner(;L:hA\"f!|esEuf«s),^
bh^n^^^ CÄfuÄf £n :^^^^^^^^^
süäter Condylome und Fissuren der Geschlechtsteile (cap.iö um i^n^
ro'^L'd slKrankheitenderGesa^^^^^^^^^
fc^riÄ Scf «aVe"n) aründ Blu^^^^^^^^ ^L"^*
Ruf US), allgemeine C?i™.p%(™P- 1'|-3 -^ariScäÄ F"aria
Luxationen, Nagelkrankheiten (<=.i^P J^-SS), Varices (cap A ^^^
medinensis (cap. 85 "»^h ^eonides) Buch XV t^enw^^
Geschwülste (cap. 1-5), Kop' Mp, e^, Athe^me und Up^ i^ ^^^^^'^
10-12), Geburtsverlauf (cap. 13-15X ^^""Sh^ogie der Geburt
Mittel (cap. 16-18)' Abortas cap 19-2UPatto'^^^^^^^ i 1I^„„
(cap. 22), Operative Gebu»>^. 2^^^^^^^^ 3, E^-
und Frau (cap. 26-33), l^»"^''?™"!^^ ■|vr„s,,.v,ationsanomalien (cap.
&-Äli^rWl ^Vo^Ä? fÄmetischeWra^^
1) In cap. 128 kommt zuerst der Name „Ekzem" vor.
Byzantinische Medizin, 535
Salben, Oele, ferner Küclienrezepte und Räuchermittel (cap. 114 — 145),
Einbalsamierung eines Toten (cap. 146j. Quellen für die Darstellung
in diesem Buche sind Aspasia und Soranos, dann Philumenos,
Galenos, Leonides, Archigenes, Eufus.
Alexandros von Tralles.
lAtteratur (chronologisch): E. 3Iihvards, „Tralliantis reviviscens or an
account of Trallianus one of the greek writers who florished after Galenus, sJieioing
that these authors are far from deserv'mg the Imputation of nitre compilators'\
London 1734, 8". — tTohn Freind, „Historia medicinae", Paris 1735, S. 157 —
170. — J. F. C. Hecket', „Geschichte der Heilkunde", Berlin 1829, Bd. II
S. 154—165; S. 169 — 182. — i. Choulantf ,.IIandbuch der Bücherkunde für d.
ältere Medizin", 2. Aufl., Leipzig 1841, S. 135—138. — Ei'nM H. F. Meyer,
„Geschichte der Botanik", Königsberg 1855, Bd. II S. 379—381. — Th. Puscli-
inann in seiner Ausgabe des Alexander von Tralles, Wien 1878, Bd. I S. 75 — 286.
— jP. A. Flückigei'f „Pharmakognostische Notizen aus Alexander Trallianus" in:
Archiv der Pharmacie, Halle 1880, Bd. XVI S. 81—90. — C&rlieu a. a. 0., Paris
1885, S. 130—137. — Th. I^itschmann, „Nachträge zu Alexander Trallianus"
in: Berliner Studien für classische Philologie und Archäologie, Berlin 1886, Bd. V
Heft 2, 8°, 188 S. — F. Trosse, „Burnt substances taken from Alexander Tral-
lianus" in: Janus 1896 Bd. I S. 143 — 149. — IMeselbe, „Sources of the drugs
supplied to the Greeks. according to Alexander Trallianus" in : Janus 1897 S. 551 —
557'. — E. Giirlt, „Geschichte der Chirurgie", Berlin 1898, Bd. I S. 555—557. —
«7. Hirschherg, „Geschichte dei- Augenheilkunde", Leipzig 1899, Bd. I S. 357 — 361.
Alexandros, einer der wenigen Aerzte der byzantinischen Zeit,
welche auf die Bezeichnung eines selbständigen Denkers und Prak-
tikers Anspruch haben, wurde ums Jahr 525 n. Chr. in der Ij^dischen
Stadt Tralles als Sohn des Arztes Stephanos,\) der dort eine
umfangreiche Praxis ausübte, geboren. Seine vier älteren Brüder er-
langten ebenfalls Ruhm und Bedeutung. Es waren Anthemios, der
Erbauer der Sophienkirche in Konstantinopel, Metrodoros, ein be-
rühmter Grammatiker und Lehrer der vornehmen Jugend von Byzanz,
Olymp ios, ein bedeutender Jurist, und Dioskoros, der wie Ale-
xandros Arzt war und in seiner Vaterstadt Tralles eine grosse
Praxis hatte (Agathias de imperio et rebus gestis Justiniani ed.
V u 1 c a n i u s , Paris 1660, S. 149 ). Wahrscheinlich empfing Alexan-
dros den ersten medizinischen Unterricht von seinem Vater. Aus der
Vorrede seines Werkes erfahren wir, dass der Vater des Kosmas,
welch letzterem Alexandros seine Schrift widmet, ihn später haupt-
sächlich in der ärztlichen Kunst unterrichtet und auch somit ihn ge-
fördert hat (o fj€v yctQ e^ ^QX^iS ^^S ov uövov h tolg eqyoig zfjg r^x^r^g,
alka -Aal rCbv Y.axa ßlov TiQayf.iaTOiv anovriov ös^Log vnovQyog lyiveio). ^)
Später unternahm Alexandros grosse Reisen, die ihn nach Corcyra,
Italien, Gallien, Spanien, Afrika führten, in welchen Ländern er reiche
ärztliche Erfahrungen sammelte (ed. Puschmann I, 563; 565). Dann
folgte er einem ehrenvollen Rufe nach Rom, wo er wahrscheinlich eine
amtliche Stellung bekleidete und bis ins höchste Greisenalter die
Praxis ausübte (Agathias a. a. O.l Puschmann vermutet, dass
^) Alexandros gedenkt seines Vaters im Abschnitt über die Angina (Lib. IV
ed. Puschmann 11, 139), wo von einem gemeinschaftlich von ihnen angewendeten
Mittel gegen Halsentzündungen die Rede ist.
^) Kosmas ist wohl identisch mit dem berühmten K. Indikopleustes
(vgl. E. Meyer a. a. O. II, 384), Alexandros erwähnt in der Vorrede die Aus-
landsreisen des Kosmas, der ihm stets ein treuer Freund geblieben sei.
536 Iwan Bloch.
er in Rom auch als Lehrer der Medizin gewirkt habe, da seine Schriften
zum Teil die Form akademischer Vorträge zeigen. Aus seiner Therapie
geht hervor, dass er wesentlich vornehme Kranke behandelte. Trotz
vieler Drangsale und Schicksalsschläge war Alexandros bis ins
höchste Greisenalter thätig, wo er sich allerdings genötigt sah, die
Praxis aufzugeben, aber jetzt seine Müsse zur Abfassung einer Schrift
verwendete, in welcher er die in einer „langen ärztlichen Thätigkeit
gewonnenen Erfahrungen in der Heilkunst" zusammenstellte (Vorrede).
Er starb ungefähr 80 Jahre alt gegen 605 n. Chr.
Die oben erwähnte Schrift, das Hauptwerk des Alexandros,
stellt eine Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten in
11 Büchern dar. Das bisher dazu gerechnete 12. Buch, eine Abhand-
lung über die Fieber, bildet nach Puschmanns Untersuchung
(I, 102 — 104) eine besondere, später verfasste Schrift, wie aus einer
Erklärung des Alexandros in Lib. VII cap. 8 hervorgeht, wo er auf
diese spätere Schrift als eine noch zu schreibende hinweist. Für ihre
spätere Abfassung spricht auch die Benutzung der Schriften des
Aetios in dieser Abhandlung. Puschmann vermutet, dass „die
ersten elf Bücher Notizen und Aufzeichnungen darstellen, welche
sich Alexander während der Praxis eines ganzen Lebens gemacht
und die er vielleicht für Vorträge benutzt hat, welche er seinen
Schülern hielt, dass derselbe den Plan zu ihrer Veröffentlichung erst
in hohem Alter fasste, als er sich bereits von der ärztlichen Thätig-
keit zurückgezogen hatte, und dass er zur Lösung seiner Aufgabe
zunächst die Widmung und die Abhandlung über die Fieber schrieb,
welche eine notwendige Ergänzung seiner Pathologie der inneren
Krankheiten bildet" (I, 104).
Eine weitere besondere Abhandlung des Alexander ist diejenige
über die Eingeweidewürmer (II, 586—599).
Am Anfang des 2. Buches seiner speziellen Pathologie und
Therapie (ed. Puschmann II, 3) gedenkt Alexandros einer von
ihm verfassten Schrift über Augenkrankheiten in drei Büchern, in
welchen die Diagnostik, Aetiologie und Therapie (insbesondere KoUyrien)
behandelt worden sei. Der Verfasser des arabischen Fihrist, Ibn-
el-Nedim behauptet, dass er eine arabische Uebersetzung dieser
Schrift des Alexander gesehen habe. ^) Puschmann entdeckte in
dem griechischen Codex IX, Cl. V der St. Marcus-Bibliothek die sämt-
lichen 12 Bücher der Schrift über innere Krankheiten auch zwei
Bücher über Augenkrankheiten, die zwischen dem 2. und 3. Buche
der Pathologie, in direktem Anschlüsse an seine Besprechung der
Augenkrankheiten eingeschoben sind. Es fehlt also das dritte, die
Zubereitung der erforderlichen Arzneien behandelnde. Puschmann
hat nachträglich diese Schrift gesondert herausgegeben. Er hält sie
entweder für eine Jugendarbeit des Alexandros oder für das
Werk eines christlichen Gelehrten der byzantinischen Zeit, der seine
Anschauungen dem Galen entnahm, dessen Teleologie, Pathologie
und Terminologie in der Abhandlung wiederkehren. Hirschberg
hält die Schrift für das Werk eines Anfängers aus sehr später
Zeit.
^) Alexander V. Tralles ed. Puschmann 1,92; AI. Sprenger, „Disser-
tatio inang. de origine medicinae arahicae", Leyden 1840, S. 24.
Byzantinische Medizin. 537
Die Abhandlungen Über Kopfwunden und Knochenbrüche,
deren Alexandros gedenkt, sind verloren gegangen.
Fälschlich wurden früher unserem Alexandros die medi-
zinischen Streitfragen des Alexander von Aphrodisias zuge-
schrieben, was schon mit Rücksicht auf den ganz verschiedenen Stil
auszuschliessen ist.
Die in einer Pariser griechischen Handschrift (Nr. 2316)^) sich
findenden diagnostischen Bemerkungen eines „Arztes Alexander"
über den Puls und den Urin der Fiebernden gehören eben-
falls nach Form und Inhalt nicht dem Alexandros von Tr alles
an ■-) und sind wahrscheinlich einem gleichnamigen Arzte der salerni-
tanischen Schule zuzuschreiben.
Unter den griechischen Handschriften der Pathologie des
Alexander Trallianus^^) verdienen die meiste Beachtung der
Codex Laurentianus (saec. XIV), der Codex 2201 der Pariser
Nationalbibliothek, die Cod. IX Cl. V und 295 der St. Marcus-Biblio-
thek zu Venedig und der Codex des Cajus-College in Cam-
bridge. Griechische Hss. der Abhandlung über die Eingeweidewürmer
befinden sich in der Bibliothek des Vatikan, in der Bibliotheca Am-
brosiana zu Mailand (s. XVI), in der Bodleyanischen Bibliothek zu
Oxford, sowie im Escorial (letztere mit lateinischer Uebersetzung).
Auch bei Alexandros von Tralles beanspruchen die alten
Uebersetzungen ein grosses Interesse. Die lateinischen sind wie
diejenigen des Oreibasios wahrscheinlich bald nach der Abfassung
des griechischen Originals, jedenfalls lange vor dem 9. Jahrhundert
angefertigt worden. Die noch vorhandenen Hss. derselben (in Monte
Casino s. IX vgl. Bibliotheca Casinensis 1873 Bd. II Cod. 97 ; in Paris,
Nr. 6881 und 6882 der Biblioth. nationale s. XIII; in der Stadt-
bibliothek zu Chartres, zu Angers s. X; in Brüssel Nr. 10869 der
Biblioth. royale s. XIV; im Britisch Museum, im Pembroke College
zu Oxford, Cajus-College zu Cambridge Nr. 400 s. XIII; Q. 5, 76 des
Hunterian Museum der Universität Glasgow) scheinen den gleichen
Wortlaut zu haben und der Einteilung in drei Bücher zu folgen, von
denen Buch I die Krankheiten der Kopfhaut, des Gehirns, der Augen,
Ohren und Ohrendrüsen, der Nase, Zähne, des Halses und die Pleuritis,
Buch II den Husten, Lungenentzündung, Magen-, Unterleibs-, Leber-,
Milz-, Nieren- und Blasenleiden sowie Podagra, Buch III die Abhand-
lung über die Fieber enthält.
In dem anno 987 verfassten Fihrist werden bereits alte arabische
Uebersetzungen der Schriften über die Augenkrankheiten, über
die Krankheit „Birsam" (vulgo Birsen)-*) und über die Eingeweide-
würmer erwähnt. Die zweiterwähnte Schrift habe Ibn Batrik für
^) Vgl. über diese Handschrift bereits J. G. Schenk, „Bibliotheca medica",
Frankfurt 1609, S. 22.
^) Sie stimmen wörtlich überein mit dem Abschnitt „Liber Alexandri de agnos-
cendis febribus et pulsibus et uriuis", der auf Fol. 171—174 des 1837 von Henschel
entdeckten Codex Salernitanus (Stadtbibliothek zu Breslau) enthalten ist. Vgl.
auch Choulant in: Janus 1846 Bd. I S. 52: Steinschneider in: Virchows
Archiv Bd. 40 S. 80.
^) Vgl. über sie Puschmann in seiner Ausgabe Bd. I S. 88—91.
*) Es ist die „Phrenitis", die Alexandros Lib. I cap. 13 beschreibt. Vgl. die
Beschreibung der „Birsen" bei Rhazes, Continens Lib. I cap. 9.
538 Iwan Bloch.
Al-Kalitabi übersetzt^) — Ferner erwähnt Ihn abi Oseibia
den Alexandros. Diese arabischen Schriftsteller setzen ihn in die
vorgalenische Zeit, verwechseln ihn also mit dem von Galen er-
wähnten Arzt Alexander, Rhazes nennt Alexandros im Con-
tinens als Verfasser des Buches über die Phrenitis (I, fol. 17 — 20),
einer Abhandlung über den Magen (V, fol. 102, 111; VIT, fol. 152.
Vgl. Virchows Archiv Bd. 37 S. 390), über die Fieber (XVIII, fol.
365), über die Paralysis (I, fol. 3) und eines Kompendiums der Krank-
heiten (lib. Congregationis II, fol. 36. Summa VI, fol. 121. XXIII,
fol. 460 § 651). Er wurde von den Arabern auch mit Alexandros
von Aphrodisias verwechselt, wie aus Rhazes (Contin. 1, 13 fol. 7
u. 10; VI, fol. 118) hervorgeht. IbnBaithar citiert eine Bemerkung
des Alexandros über die Wirkung des Coriander. Auszüge und
Citate aus seinen Schriften finden sich in den Pandectae des S e r a p i o n
(Jahja ben Serabi), in der Practica des jüngeren Mesue, in dem
fälschlich dem Abraham Ibn Esra(12. Jahrhundert) zugeschriebenen
hebräischen Werke „Nisjonot" (Erfahrungen aus der ärztlichen
Praxis), im hebräischen Codex Nr. 275 der k. Staatsbibliothek zu
München, der 1199 n. Chr. aus dem Lateinischen übersetzt wurde.
Von späteren byzantinischen Aerzten haben Paulos, Theo-
phanes Nonnos (besonders in cap. 4, 33, 36 und 129), Demetrios
Pepagomenos (cap. 19 der Abhandlung über Podagra), Joannes
Aktuarios, Nikolaos Myrepsos den Alexandros benutzt.
Constantinus Africanus erwähnt im „Viaticum" und in der
Schrift „de gradibus" den Alexander (vgl. Steinschneider,
Virchows Archiv Bd. 37 S. 362); Buch V der Medicina Plinii ist fast
gänzlich aus seinen Schriften entnommen. Besonders eifrig hat sich
die salernitanische Schule mit diesen beschäftigt, wofür die Schriften
des Gariopontus, Roger, Gerard Zeugnis ablegen (vgl. Stein-
schneider in Virchows Archiv Bd. 40 S. 85 ff.). E. Milwards
(a. a. 0. S. 179) wies Beziehungen des Gilbertus Anglicus zu den
Schriften des Alexandros nach.
Nachdem der Bischof von Macon, Pierre du Chastel (Petrus
Castellanus), zuerst die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf die
Pariser griechischen Codices des Alexander gelenkt hatte, erschien
als erste der Ausgaben des griechischen Textes:
a) ed. Jac. Goupylus, Paris 1548, fol., ap. Rob. Stephanum
(griechischer Text der 12 Bücher nach den Pariser Codd. 2201 und
2200 nebst griechischer Uebersetzung der Schrift des Rhazes „De
pestilentia". Enthält zahlreiche Druckfehler).
b) ed. Jo. Guinterius Andernacus, Basel 1556, 8** (grie-
chischer Text mit trefflicher lateinischer Uebersetzung und Noten).
c) Alexander von Tralles, Original-Text und Uebersetzung
nebst einer einleitenden Abhandlung. Ein Beitrag zur Geschichte
der Medizin von Dr. Theodor Buschmann, Wien 1878, 2 Bde., 8**,
XII, 617 Seiten und VI, 620 Seiten (vorzügliche Ausgabe des griechischen
Textes mit nebenstehender deutscher Uebersetzung, historischer Ein-
^) Wörtlich ahgeschrieben ist diese Stelle des Fihrist von Dschmemal ud-
Din el-Kifti. Vgl. W e n r i c h , „De auctoribus graecorum versionibus arabicis etc.",
Leipz. 1842, S. 290.
Byzantinische Medizin. 539
leitung [1, 1 — 286], Kommentar, Register der Namen und der zu thera-
peutischen Zwecken verwendeten Substanzen). ^)
d) negl elixlvO-tov, de lumbricis ed. Hier. Mercurialis, gr.-lat.
(nach einer Hs. des Vatikan), Venedig L570, 4 ". — Wiederabgedruckt
in dessen „De morbis puerorum", Frankfurt 1584, 8*. — Griechisch-
lateinisch in Fabricius, „Bibliotheca graeca" XIII, S. 602 — 613.
Griechisch bei Ideler, „Pliysici et Medici Graeci minores", Berlin
1841, Bd. I S. 305—312, Lat. in der Sammlung von Hall er, Lau-
sanne 1772, Vn S. 314—322.
e) Die Augenheilkunde des Alexandros von Tralles ed. Pusch-
m an n in „Nachträge zu Alexander Trallianus", Berlin 1886, S. 130 — 188.
Von den lateinischen Uebersetzungen erschien die erste
Ausgabe (nach den in den Hss. sich findenden Uebersetzungen):
a) Alexandri Jatros practica cum expositione glose interlinearis
Jacobi de Partibus et (Simon.) Januensis in margine posite. Lugd.
1504, 4 ^ — Wiederholt Pavia 1520, 8 » und Venedig 1522 fol.
b) Paraphrases in libros omnes Alexandri Tralliani ed. A 1 b a n u s
Torinus, Basel 1533, fol. (freie Bearbeitung der vorigen Ueber-
setzung); Basel 1541, fol. (Umarbeitung nach lateinischen Hss.).
c) ed. Guinter. Andernacus, Strassburg 1549, 8 " (die latei-
nische Uebersetzung des Guinter nach der ersten Pariser griech.
Ausgabe). — Wiederholt Venedig 1555. 8 ", Lyon 1560, 12 ^ und Strass-
burg 1570, 8 " ; Lyon 1575, 12 " mit Noten des J. M o 1 i n a e u s. Ferner
in der Step hanschen (1567) und Hall ersehen Sammlung (1772 u.
1787).
d) De Febribus in der Collectio de febribus Veneta 1576 fol. 44 ff.
und wiederholt 1594.
Französische Uebersetzung des Buches über Podagra von
Leb. Colin, Poitiers 1557, 8*>. -)
Alexandros zeigt sich in seinen Schriften als einen erfahrenen,
selbständig denkenden, dabei bescheidenen Arzt. Seine Darstellung
ist einfach und klar {eoTTovdaaa yccg. wg hdixerai, xoivalg xal ftäkkov
€vd7]koig xQrioaad-ai Xe^eoiv^ Yva xal lolg rvxolaiv ix rf^g (pQaaecog evkvrov
SIT} To avvtayf.ia ed. Puschmann I, 289). Die grossen Aerzte der
Vergangenheit, einen Hippokrates, Archigenes, Erasistratos,
Galenos, Jakobos Psychrestos u. A. '^) nennt er mit aufrichtiger
Anerkennung; aber er ist kein sklavischer Nachbeter ihrer Ansichten,
sondern hat sein eigenes Urteil und wagt es sogar, ihnen zu wider-
sprechen, z. B. dem „göttlichen Galen" (I, 333; I, 379; 407—409;
421; II, 155; 203 u. ö.). Er ist echter Hippokratiker, der sich in
seinem ärztlichen Thun von der Erfahrung und der Humanität leiten
lässt, unter Umständen auch die Suggestion in Form von Zauber-
mitteln und Amuletten zu Hilfe nimmt (s. oben).
Buch I der speziellen Pathologie und Therapie des Alexandros
handelt von den Kopf- und Gehirnleiden, den Krankheiten der Haare,
Kopfschmerz, Phrenitis, Epilepsie und Melancholie, Buch II enthält
^) Vorher hatten sich Mil ward s, Perizonius, J. Gronovius und Darem-
berg mit dem Plane einer solchen Ansgabe beschäftigt.
^) Vgl. auch über arabische Uebersetzungen des Alexandros die Abhand-
lung von M. Steinschneider, „Die griechischen Aerzte in arabischen Ueber-
setzungen" in: Virchows Archiv 1891 Bd. 124 S. 484—485.
*) Vgl. das Verzeichnis der von Alexandros citierten Eigennamen bei P u s c h -
mann II S. 600.
540 Iwan Bloch.
die Therapie der Augenkrankheiten, Buch III die Ohrenleiden, B u c h IV
beschäftigt sich mit der Angina, Buch V enthält die Lungenleiden,
Buch VI Pleuritis, Buch VII Magenleiden, Buch VIII Cholera,
Kolik, Buch IX Leberalfektionen, Ruhr, Buch X Wassersucht,
Buch XI Nieren- und Harnleiden, Buch XII Podagra.
Nur spärliche anatomische und physiologische Bemerkungen
kommen in den Schriften des Alexandros v. Tralles vor, wobei
er sich im wesentlichen an Galen anschliesst und nichts Originelles
darbietet. In seinen Ansichten über allgemeine Pathologie ist
er Anhänger der Lehre von den Dj^skrasien. Daneben nimmt er
äussere Gelegenheitsmomente der Krankheiten an wie Hitze, Kälte,
schlechte Nahrung, Luft, geistige und körperliche Anstrengungen und
Erregungen u. s. w. Seine Diagnostik ist eine sehr sorglältige
(Inspektion des Körpers, Betastung, Untersuchung des Urins, der
Fäces, des Sputums, des Pulses, der Atmung, Anamnese, Konstitution
u. s. w.), seine Therapie ist vor allem eine kausale und berück-
sichtigt Konstitution, Alter, Geschlecht, Kräftezustand des Kranken.
Arzneien werden nach dem Grundsatze „contraria contrariis" verab-
reicht,^) wobei stets auf die Naturheilkraft, die Alexandros sehr
hoch schätzt, Rücksicht genommen werden muss. Er ist daher ein
Gegner drastischer Kuren, reichlicher und plötzlicher Blutentziehungen,
starker Abführmittel, der Kauterisation und der Arteriotomie. — Da-
gegen wendet er mit Vorliebe Bäder in verschiedenen Formen, Mineral-
quellen, Thermen und Seebäder an, sowie diätetische Mittel. Die
Diät macht nach ihm den wichtigsten Teil der Therapie
aus. Polypharmacie und Operationswut werden von ihm bekämpft.
Verhütung der Krankheiten ist nach A. eine wesentliche Aufgabe des
Arztes. Die Fieberlehre lehnt sich an G a 1 e n an. Bei kontinuier-
lichen Fiebern sind die Krankheitsstoflfe innerhalb der Blutgetässe, bei
intermittierenden ausserhalb derselben. Ueber die Erscheinungsweise der
einzelnen Fieberarten und deren Genesis hegt Alexandros ungefähr
dieselben Anschauungen wie die früheren Aerzte, Er unterscheidet
aber zwei Arten des Quartanfiebers, die eine durch übermässige Aus-
dörrung der gelben Galle, die andere durch den schwarzgalligen Saft,
also durch eine hefenähnliche Beschaffenheit des Blutes entstanden,
während Galen u. A. nur letztere Entstehungsweise kennen. Die
erstere Form hat in den Gefässen, die zweite in der Milz ihren Sitz
(Milztumor, der wie A. beobachtete, nach einer starken Entleerung
abschwillt). In der Therapie der verschiedenen Fieberarten bediente
sich A. besonders der kalten und lauwarmen Bäder, kühlender Um-
schläge, kühlender Diät. Wein giebt er nur bei grosser Schwäche des
Patienten. Auch Diaphorese wird öfter eingeleitet.
Grosse Aufmerksamkeit wendet Alexandros den Krankheiten
des Nervensystems zu. Der Kopfschmerz entsteht bei Säfte-
anomalien des Kopfes, Magen-, Leber- und Milzleiden, bei Fiebern,
nach starkem Weingenuss und Anwendung von mechanischer Gewalt
auf den Schädel. Als Symptom der Hirnentzündung ist Kopfschmerz
oft Vorläufer von Krämpfen und Delirien und plötzlichem Tode.
') „Die Aufgabe des Arztes ist es, das Warme zu kühlen, das Kalte zu er-
wärmen, das Feuchte zu trocknen und das Trockne zu befeuchten. Er muss den
Kranken als eine belagerte Stadt betrachten, und ihn mit allen Mitteln der Kunst
und Wissenschaft zu retten suchen. Der Arzt soll erfinderisch sein im Ausdenken
neuer Mittel und Wege, welche die Heilung herbeiführen können."
Byzantinische Medizin. 541
Chronischer Kopfschmerz („Cephalaea") findet sich bei allgemeiner
Plethora, Kopfleiden, Erhitzung der Galle, bei Verdauungsstörungen,
bei Schlaflosigkeit und grossem Kummer. Hemikranie entsteht primär
im Kopf durch Anhäufung unreiner Stoflfe und ihre Umwandlung in
Gase und durch Unterleibsaffektion. In der Therapie der Lähmungen
(Paralysis) spielt bei Alexandros der Aderlass eine grosse Rolle.
Er sucht ferner durch abführende Medikamente eine metasynkritische
Wirkung herbeizuführen, wendet Frottierungen der Haut, Bäder und
Thermen an, behandelt die gelähmten Teile örtlich durch Blutent-
ziehungen, reizende und ableitende Mittel. Der Sitz der Epilepsie ist
das Gehirn, ihre Ursache ist der Schleim und die schwarze Galle.
Alexandros nennt sie „heilige Krankheit", weil ihr Sitz, das Ge-
hirn, etwas Heiliges sei. Ihre X'eranlassung kann vom Kopfe, Magen
oder einem anderen Körperteil ausgehen. Die erste Form ist bei
Kindern häufig. Bei Epilepsie der Säuglinge trägt A. für Ernährung
mit guter Milch Sorge und giebt dabei ausgezeichnete Anleitungen
zur Auswahl der Amme, deren Lebensweise genau vorgeschrieben wird.
Bei gastrischer Epilepsie werden Abführmittel und blande Diät ver-
ordnet. Eine systematische Purgierkur ist sein Hauptmittel
gegen die Epilepsie. Er verwirft örtliche Beeinflussung des Kopfes
durch Incisionen, Kauterisation, Trepanation u. s. w., empfiehlt da-
gegen häufige Bewegung, Bäder, geschlechtliche Abstinenz, schliess-
lich auch verschiedene Wundermittel. Bei dem „Lethargus", einem
akuten fieberhaften Zustande mit hochgradiger Schwäche und Somuolenz
wendet A. hauptsächlich Bibergeil äusserlich und innerlich an. Die
„Phrenitis", einen mit Delirien verbundenen fieberhaften Zustand, fasst
er mit Galen als Gehirnerkrankung auf, welche er durch Aderlass
und Narkotica (Opiate), Frottierungen, lauwarme Bäder, Wein, schleimige
Getränke behandelte. Jede Aufregung, Besuch müssen ferngehalten
werden. Das Zimmer sei eher hell als dunkel. Die Manie ist nach
Alexandros eine zur Tobsucht gesteigerte Melancholie und stellt
einen höheren Grad des Irreseins dar. Unter Melancholie versteht er
nicht bloss unsere Melancholie, sondern auch Tobsucht, Wahnsinn, Ver-
rücktheit und manche Fälle von Stumpfsinn. Den Herd der Melancholie
bilden Gehirn, Magen, die Herzgrube oder der ganze Körper. Die
Ursache liegt im Blut (Plethora und schädliche Beimischungen) und
in dem schwarzgalligen Saft. Therapie: Aderlass, Bäder, Abführ-
mittel, der „armenische Stein", psychische Beeinflussung, Ortsverände-
rung, Theaterbesuch.
Unter den Haarleiden nimmt die Alopecie die erste Stelle ein,
deren Hauptmerkmal das Ausfallen der Haare ist. Therapie: Ab-
rasieren der Haare auf der erkrankten Stelle, Abwaschen der Kopf-
haut, schwefelhaltige Salben. Die Alopecie ist eine Ernährungsstörung,
bei der abnorme Trockenheit auftritt oder unreine exkrementitielle
Stoffe sich einen Ausweg durch die Kopfhaut suchen. Als Haarfärbe-
mittel werden Galläpfel, Akazienextrakt, Rotwein u. s. w. erwähnt.
Unter „Pityriasis" versteht A. die übermässige Bildung kleiner, kleien-
artiger Schuppen, die sich mit oder ohne Eiterung von der Haut los-
lösen. Das Leiden kommt am Kopfe und dem übrigen Körper vor.
Therapie: fette Thonerde, Einreibung mit Wein, Oel und gepulvertem
Weihrauch, Waschungen mit Salzwasser.
Der Abschnitt über die Augenleiden stellt nur eine Rezept-
sammlung dar. Erwähnt wird der Karbunkel der Lider (II, 59).
542 Iwan Bloch.
Aus der sogenannten „Augenheilkunde des Alexandros von Tralles"
hebt Hirschberg die Unterscheidung der entzündlichen Chemosis
von der einfachen ohne Schmerz und Entzündung verlaufenden hervor,
ferner das „Emphysem", eine lockere, entzündliche Lidgeschwulst nach
Schnakenstich, das „Oedem'', eine spontane Lidgeschwulst. Der Schluss
des ersten Buches handelt von der Prädisposition zu Augenleiden
und dem Gegenteil. Dieses Kapitel ist einzig in der antiken Litteratur.
Es enthält auch eine der wenigen Stellen über ägyptische Augen-
entzündung.
Wertvoll ist der Abschnitt über Ohrenkrankheiten. Die Ur-
sachen des Ohrenschmerzes sind Dyskrasien, Entzündungen, Ver-
stopfungen, Kälte und Hitze. Einlegen erwärmender Mittel ins Ohr,
narkotische Medikamente, Aderlass, beruhigende Einspritzungen ins
Ohr mit Rosenöl, Opium, Essig, Bibergeil, warme Bähungen über das
Ohr, Aufsteigen heisser Dämpfe ins Ohr von einem mit Wermutabsud
gefüllten Topfe, Kataplasmen sind seine Hauptmittel gegen Otalgie.
Bei Katarrhen des Ohres wendet er nicht gleich örtliche Mittel an,
sondern zunächst Bäder und Schröpfköpfe auf das Hinterhaupt. Bei
Blutungen aus dem Ohre werden styptische Mittel (Galläpfelpulver u. a.)
in dasselbe eingeführt, auch Lauchsaft und Essig eingespritzt. Fremd-
körper werden mit dem mit Wolle umwickelten Ohrlölfel entfernt,
nachdem Niesen erregt ist und Mund und Nase geschlossen worden
sind. Auch Flüssigkeit wird eingespritzt. Gegen Ohrensausen dienen
Einspritzungen und Bähungen mit narkotischen Substanzen. Bei
Parotitis kommen Aderlass, Kataplasmen von Leinsamen, erweichende
Salben und Pflaster, kühle Umschläge zur Anwendung.
Was die Krankheiten des Respirationssystems betrifft, so
bespricht Alexandros zunächst die Angina, die er mit Gurgel-
mitteln (schwach adstringierende Pflanzensäfte, später stärkere Ad-
stringentien und Alkalien wie Alaun, Natron u. s. w., warmes Wasser),
zerteilenden Umschlägen, Aderlass (Venae sublinguales, Jugular-
V e n e n) , Abführmitteln behandelt. Ausführlich wird das Symptom des
Hustens behandelt, der aus einer heissen oder kalten, trockenen oder
feuchten Dyskrasie hervorgeht. Am meisten rühmt er Opium präparate,
vorsichtig angewendet, als Hustenmittel, auch Einatmung von Dämpfen
ätherischer Harze. Bei Hämoptoe infolge von Zerreissung der Gefässe
nimmt Alexandros bei vollblütigen Kranken einen Aderlass an der
Ellenbogenvene und am Fussknöchel vor, um das Blut von der Stelle
der Gefässruptur abzulenken und nach gesunden Teilen zu leiten. —
Danach müssen die Kranken ruhen, Essigwasser und adstringierende
Pflanzensäfte trinken, kalte Umschläge auf die Brust machen, lau-
warme oder kalte schleimige Suppen geniessen. Eine Milchkur ist
später sehr nützlich. Die Therapie der Pneumonie bei A. ist dürftig.
Er kennt das Succussionsgeräusch bei Empyem, die Seite, wo der
Eiter ist, ist heisser als die andere. Den Lungenschwindsüchtigen
empfiehlt Alexandros Milchkur, kräftige, leicht verdauliche Nahrung,
Gebrauch von Heilquellen, Luftveränderung und Seereisen. Esel- und
Stutenmilch ist für sie viel besser als Kuh- und Ziegenmilch. Glänzend
ist die Abhandlung über Pleuritis, die er als die Entzündung der die
Rippen bekleidenden Haut definiert. Ihre Symptome sind heftiges
Fieber, stechende Schmerzen, Atembeschwerden und Husten. Roter
Auswurf deutet auf das Blut, gelber auf die Galle, weisser und
klebriger auf den Schleim, schwarzer auf den schwarzgalligen Saft
Byzantinische Medizin. 543
als die Ursache des Leidens. Nach A. kann Pleuritis leicht mit Leber-
leiden verwechselt werden, gegen welche aber stets die der ersteren
eigentümliche Härte des Pulses spricht, sowie der Auswurf, der bei
Leberleiden fehlt. Freilich fehlt er auch manchmal bei Pleuritis.
Leberleidende haben bleichere Gesichtsfarbe als Pleuritiker. Therapie :
Aderlass, Abführmittel, örtliche Incisionen, warme Bähungen, in laues
Wasser getauchte Schwämme, innerlicher Gebrauch von Honiglimonaden
und schleimigen Dekokten, Opiate nur bei Gefahr drohender Schlaf-
losigkeit. Als Getränk dient laues Wasser oder leichter Wein.
Unter den Krankheiten des Unterleibes verdient zunächst die
Schilderung eines Falles von chronischem Magenkatarrh hervorgehoben
zu werden, der durch einen Eingeweidewurm hervorgerufen mit hoch-
gradiger Gefrässigkeit verlief und durch ein Abführmittel, bei welchem
der Wurm abging, geheilt wurde. Der „Morbus cardiacus" ist nach
A. ein Magenleiden; er ist der letzte Schilderer dieses eigenartigen
Leidens, das nach Landsberg (Janus 1847 II, 53) wohl der Aus-
druck anämischer und chlorotischer Zustände war. Von den Daim-
leiden sind die Abschnitte über „Bauchfluss", Ruhr, Tenesmus und
„Affectio coeliaca" dem Werke des Philumenos (s. oben S. 339) ent-
nommen. Gegen die beim „Rheumatismus ventris" und der „Passio
coeliaca" vorkommenden Diarrhöen verordnete letzterer u. a. warme
Ziegen- und Kuhmilch, Opium präparate, leichte stopfende Nahrung;
gegen Tenesmus örtliche Behandlung des Afters mit feuchten Um-
schlägen, warmen Dämpfen, Oeleinreibung, Einspritzung schleimiger
Dekokte oder Einführung adstringierender Stuhlzäpfchen. Gegen
Kolik empfiehlt Alexandros warme Klystiere, Einblasungen von
Luft in den After („Schlauchkur") mit nachfolgendem Klystier, Ab-
führmittel, Bleipillen, Brechmittel. Die Hauptsymptome der Cholera
sind Erbrechen und Diarrhöen. Therapie : Dekokte von Gartenminze,
Erwärmung des Körpers, stärkende Nahrung (Wein), Schröpf köpfe auf
den Bauch, warme Bäder und Frottierungen. Die Schilderung der
Ruhr ist ausgezeichnet. Bei Sitz der Geschwüre im oberen Dünn-
darm sind die erst nach einigen Stunden auf die heftigen Leib-
schmerzen folgenden Entleerungen dünn, hautartig und enthalten Blut;
Geschwüre im Dickdarm machen Tenesmus, fleischartige Entleerungen,
solche im Rectum nur Tenesmus mit Auspressen von Blut. Die Ge-
schwüre des oberen Darms werden durch den Mund, die des unteren
durch den After behandelt. Erschöpfend werden die Eingeweide-
würmer in einem Briefe geschildert, den Alexandros seinem
Freunde Theodoros schrieb, dessen Kind mit Helminthen behaftet
war. Er beschreibt die Oxyuris vermicularis, den Ascaris lumbri-
coides und die Taenia (den „dünnen", „runden" und „platten, breiten"
Wurm). Er erwähnt das durch Oxyuren hervorgerufene Afterjucken,
die Wanderung der Askariden in den Magen und die grosse Länge
der Bandwürmer (Beobachtung eines solchen von 16 Fuss Länge).
Die Helminthen entstehen durch Generatio aequivoca. Blüten und
Samen der Frucht des Granatbaums, Farnkrautwurzel, Wurmkraut,
Samen von Heliotropium europaeum, Ricinusöl u. a. sind die Wurm-
mittel des A. Gegen Askariden empfiehlt er besonders das Dekokt
von Artemisia maritima L., den Coriandersamen und den Thymian,
gegen Oxyuren Klystiere von ätherischen Oelen, Kamillenthee u. a.
Bei den Leberleiden unterscheidet Alexandros Entzündung, Ver-
stopfung und Schwäche der Leber. Die Milzleiden werden nach
544 Iwan Bloch.
Philagrios (s. oben S. 489) abgehandelt. Die Wassersucht wird
von A. auf eine Affektion der Leber zurückgeführt. Therapie: Ab-
führmittel, Diaphorese, Eisenpräparate, Aderlass nur bei Anasarka,
nicht bei Ascites.
Im Abschnitte über ürogenitalkrankheiten widmet Ale-
xander den Störungen der Absonderung des Harnes besondere Auf-
merksamkeit. Bei Blasenleiden ist die Harnentleerung beschwerlich
und schmerzhaft, Pyurie weist auf Geschwüre in der Blase, fehlen
aber Blasenschmerzen dabei, auf eine Affektion der Ureteren und der
Nieren. Therapie: Urintreibende Arzneien, keine Dekokte, reichlicher
Genuss von lauwarmem Wasser, warme Vollbäder, Thermen. Bei
Nierenabscessen stellen sich Frostschauer und Fieberanfälle ein, der
Urin enthält Blut, Eiter und ist übelriechend. Therapie: Aderlass,
Bäder, Genuss von lauem Wasser. Die Schmerzen bei Nierenstein
sind heftiger als bei Kolik, mehr umschrieben (Lendengegend); bei
Kolik ist Erbrechen und Obstipation charakteristisclier, der Urin Stein-
kranker zeigt griesähnliche, sandige Beimischungen. Therapie der
Lithiasis: warme Vollbäder, erwärmende Einreibungen, Kataplasmen
auf die Nierengegend, Oelklystiere, Opiate, Aderlass. In prophylak-
tischer Beziehung warnt A. vor dem Genüsse stark gepfefferter, oder
süsser Speisen, vor Eiern, Milch, Käse, Fleisch, starken Weinen, vor
Federbetten. Als „Blasenkrätze" wird wohl die Cystitis chronica ge-
schildert, gegen welche hauptsächlich Milchgenuss und Abführmittel
empfohlen werden.
Im letzten Buche verbreitet sich Alexandros sehr ausführlich über
das Podagra, das in seinem Wesen mit der Arthritis, der Ischias,
dem Chiragra und Gonagra übereinstimmt und als eine Entzündung
der Fussgelenke aufgefasst wird. Der Aderlass spielt in der Therapie
des Podagra eine grosse Rolle, auch prophylaktisch, ferner wendet A.
starke Abführmittel (Aloe, Coloquinthen), Diaphoretica und Diuretica
an. Die „cyklische Kur" ist sehr wichtig, während welcher der Patient
ein Jahr lang massig leben, Diät beobachten, Excesse vermeiden und
an bestimmten Tagen abführen muss. Aeusserlich sind reizende Senf-
pflaster, Canthariden, ölige Einreibungen wohlthuend, auch narkotische
Mittel und warme Bäder. Oedeme werden durch Salzeinreibungen
sehr günstig beeinflusst. Wein ist streng zu verbieten, reichlicher
Genuss von lauwarmem Wasser sehr nützlich.
Alexander war in der Theorie Anhänger des Galen, in der
Praxis Eklektiker, als Therapeut vor allem Hippokratiker.
Uranios.^)
Ein Zeitgenosse des Alexandros von Tralles, der Syrer
Uranios, verdient als eine kulturgeschichtlich interessante Persön-
lichkeit erwähnt zu werden. Er übte als Arzt die Praxis in Kon-
stantinopel aus, war ein sehr gelehrter Mann, der aber wegen seiner
Streit- und Disputationssucht ein wenig verrufen war. Er hielt sich
viel bei den Buchhändlern und auf dem Markte auf und versammelte
bei seinen Disputationen viel Volk um sich, besuchte aber auch die
^) J. Freind, „Historia medicinae", Paris 1735, S. 170— 172; J. Chr. Huber,
Artikel „Uranius" in: Biograph. Lexikon der hervorragenden Aerzte von A. Hirsch
und E. Gurlt, Wien 1888, Bd. VI S. 1027.
Byzantinische Medizin. 545
Häuser und Gastmähler der Vornehmen, wo er oft als eine Art von
Hausnarr auftrat. Er reiste später mit dem Legaten Arebindos
nach Persien zum König Chosroes, vor dem er sich als Philosophen
aufspielte und dessen Gunst er in einem hohen Grade erlangte. Nach
seiner Eückkehr prahlte er überall mit der ihm vom persischen Könige
erwiesenen Freundschaft und zeigte allen Leuten die von ihm er-
haltenen gnädigen Briefe.
Die Schriftsteller des 7. Jahrhunderts:
Theophilos Protospatharios.
lAtteratur und Ausgaben: Erste griechische Ausgabe der Schrift Tts^i rfjg
rov UV&QCÖ710V 7ta^aaxsvT]e ßißXia e , Paris 1540, 16°. — TheophiU de hominis fabrica
libri V apud Guil. Morelium, Paris 1555, 8° (griech. Text nach einer Pariser Hs.
Nach FabtHcius, Bibl. graec. XII, 648 gehört dazu die latein. Uebersetzung des
Crassus). — Beides wieder abgedruckt tn der Bibl. graec. des JFabricius XII,
785 — 911. — W. A. G-reenhiU, „TheophiU Protospatharii de corporis hutnani
fabrica libri F", Oxford 1842, gr. 8", 367 u. 54 S. (beste Ausgabe des griechischen
Textes mit wertvollen Anmerkungen). — Erste lateinische Ausgabe von J. P. Cvas-
8U8, Venedig 1536, 8° und öfter. — Jatrosophistae de urinis Über singularis ed.
F. Morel, Paris 1608, 12° (griechischer Text mit lateinischer Uebersetzung.
Wieder abgedruckt bei Chartier, Opera Hippocratis et Galeni VIII S. 359 ff.) —
OeofiXov TieQi ovqvjv ßtßXiov, TheophiU de urinis libellus ed. Th. Guidot, Leyden
1703, 8° (guter Text nach Hs. der Bodleyana, neue lateinische Uebersetzung, wert-
volle Noten). — Bei J. L. Ideler, „Physici et medici graeci minores", Berlin 1840,
1, 261 — 283 und ßussetnaker, Revue de philologie, Paris 1845 Nr. 5. — Latei-
-nische Uebersetzung als „Liber urinarum TheophiU^ in allen Ausgaben der Arti-
cella (angeblich von Pontius oder Ponticus Virunius (Vlrniius)). — Latein.
Ausgabe von Albanus Torinus (Basel 1533, 8"; Strassburg 1535, 8°, in der
Collectio Stephaniana 1567). — Griechisch-lateinische Ausgabe der Schrift „Oeotpikov
ßaaüuxov TTQCoToartad'aQiov y.a'i a^;u«aT(>oi' Ttepi a^vy/utöv" von ErtneHus in: Anec-
dota medica graeca, Leyden 1840, 8°, S. 1 — 77. — Die lateinische Ausgabe: in der
Articella („Phylaretus de pulsibus'') ; ed. Albanus Torinus, Basel 1533, 8° ; Strass-
burg 1535, 8", Collectio Stephaniana 1567 S. 844—850 als Anhang zum Aetios
u. d. Titel: Philareti medici de pulsuum scientia libellus (vgl. Rumpf im Pro-
gramm des Gymnasiums zu Frankfurt a. M. 1868 S. 13ff. über das Fragment
eines Kommentars zu dieser Schrift) ist nach v. Töply mit der Schrift ti. afv/fiöHv
des Theophilos nicht zu verwechseln. — In der Guidotschen Ausgabe der Schrift
vom Harne befindet sich auch der griechische Text einer unter dem Namen des
Tlieophilos gehenden Abhandlung Tie^i Siaxcoorifidrcov, über Kotausscheidungen.
Wiederholt bei Ideler I, 261 — 283. — üeber die Ausgaben der dem Theophilos
und Stephahos von Athen fälschlich zugeschriebenen Schrift über die Fieber s. oben
S. 527. — Scholien zu den Aphorismen des Hippohrates, Ausgabe des griech.
Textes bei F. M. Dietz, „Apollonii Citiensis, Stephani, Palladii, TheophiU etc.
scholia in Hippocratem et Galenum", Königsberg 1834, 8°, S. 236—544. — Latein.
Uebersetzung von L. Coradus, Venedig 1549, 8°; Speier 1581, 8°. — Hecker
a. a. 0. II S. 184— 19L — Corlieu a. a. 0. S. 137—139. — v. Töply a. a. 0.
S. 48—60.
v. Töply hat die Schriften, welche unter dem Namen des Theo-
philos gehen, nach folgendem Schema zusammengestellt;
a){2:
negi ovqcov.
a2 beruft sich auf al (Ideler I, 397 Prooem. § 2). Die Wiener
Hs. von a 1 nennt als Verfasser Theophilos monachos, ebenso die
Hs. einer ovvoipig aus al daselbst. In der lateinischen Uebersetzung
der Articella und bei Joannes Aktuarios {jreQi ovqcov Ideler
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 35
546 Iwan Bloch.
II, 5) heisst der Verfasser einfach Theophilos, ebenso der Verf.
beider Schriften nach den Hss. der Bodleyana (ed. Guidot).
h) 7i£qI ocpvy(.iCüV.
c) Scholien zu den Aphorismen des Hippokrates.
Bei b, von Ermerins herausgegeben, wird im Titel Theo-
philos, der Prospat harios und Archiater, als Verfasser be-
zeichnet, c wird dem Th. Protospatharios und dem Damaskios
zugeschrieben. Ersterer ist im Cod. Vindob. philos. LXXIV (s. XV) ge-
nannt.
d) Zwei handschriftlich erhaltene Werke (Fabric, Bibl. graec.
XII, 654):
1. Tiegl (pXeßoTOf.iiag.
2. deocpilov cpiXoaörpov TtövoL neql v.aTaQXö)V 7toXei.ay.G)V.
Hiernach ergiebt sich ein Theophilos Monachos als Ver-
fasser von Ttegl ovQiov und 7t€Qi öiaxcoQi]f.idza)v, ein Th. Proto-
spatharios und Archiater als Verf. von negl ocpvy/Awv, ein Theo-
philos Protospatharios als Verf. der Scholien zu den Aphorismen
des Hippokrates, ein Theophilos schlechthin als Verf. der Schrift
über den Aderlass und endlich ein Th. Philosophos als Autor der
Schrift tteqI naTagxcöv rtoXef.uy.wv.
Photios (857 — 891) richtete Briefe an einen Theophilos
Praipositos, Protospatharios, Prospatharios kai Sakel-
1 a r i 0 s.
„Protospatharios" ist der a anad^dgioc, der griechischen Hss. iTta-
d-dcQiog bedeutet Schwertträger, Leibwache, /tgcoToaTtad-dgiog ist also der
Oberst der kaiserlichen Leibwache. Es war dies aber nur eine Rang-
bezeichnung, mit welcher auch andere Aemter vereinbar waren (Bei-
spiele bei Töply a. a. 0. S. 52), also auch der ärztliche Beruf und
das Amt eines Archiater. Ein Zusammenhang zwischen dem Theo-
philos oder den Theophili der medizinischen Schriften und dem
Träger oder den Trägern dieses Namens in den Briefen des Photios
ist nicht erweisbar. Es ist aber nach v. Töply auch nicht erwiesen,
dass Theophilos Protospatharios der Verfasser der Schrift über
die Einrichtung des menschlichen Körpers ist, da die besseren Hss.
den Verf. einfach „Theophilos" nennen. Th. war Christ und ge-
hörte der byzantinischen Periode an, wird aber ohne sichere Gründe
in die Zeit des Kaisers Heraklius (610 — 641) gesetzt.
Die durch Jacques du Bois, Douglas, Portal, Sprengel
und Haeser aufgekommene Verherrlichung des Theophilos als
Anatomen besteht nach Töplys Untersuchungen zu Unrecht. Die
Abhandlung über den Bau des Menschen ist mehr eine physiologische
als eine anatomische Schrift, die nach Galen Ttegl xQ^Lag f.ioQiwv ge-
arbeitet ist, wie die Analyse des Fabricius (XII, 907—911) ergiebt.
Es ist ein „christlich- theologischer Auszug aus Galen negl xgeiag,
ohne jegliche Originalität" (vgl. die Analyse der Schrift bei Töply
S. 55—57). Die Angabe, dass Th. als Erster den Olfactorius als be-
sonderen Nerven schildere, ist unrichtig. Diese Beschreibung fehlt
ganz. Er hat den Nerven wohl nie gesehen und verstand unter dem
Namen wie Galen die corpora mammillaria. Die ganze Darstellung
ist rein teleologisch. Eigene Sektionen hat Theophilos schwerlich
gemacht.
Byzantinische Medizin. 547
Die Schrift ^sqI ovqiov, die für die Uroskopie des ganzen Mittel-
alters von grundlegender Bedeutung ist. schliesst sich an Galen an,
der aus der Beschaffenheit des Harnes den Zustand des in der Leber be-
reiteten Venenblutes diagnostizierte. Theophilos lässt die wässrigen
Bestandteile des Harns schon in der Pfortader vorhanden sein und
von hier aus durch feine, haarförmige Kanäle {rtogoi otsvoI xat tqixo-
€iÖ£ig) in die Hohlvene dringen, von wo sie in die Nieren gelangen
(cap. 2).
Die kleine Abhandlung Ttsgl öiaxco^rj^Khiov ist nach Hippo-
k rat es und Galen gearbeitet, befasst sich mit der Lehre von den
Exkrementen und deren diagnostischer Bedeutung. Theophilos
spricht darin von einer schädlichen Wirkung des Darminhaltes auf
das Gehirn (cap. 15), was an unsere moderne Lehre von den Auto-
intoxikationen erinnert, lässt Durchfalle aus Erschlaffung oder aus
Reizung hervorgehen (cap. 4), nennt die Häraorrhoidalblutung wegen
ihrer heilsamen Wirkung „^axAj^mff/tidg" (cap. 10) und beschreibt den
Abgang von Fett im Stuhl (cap. 14).
Die Schrift Ttegi arpvyuwv ist ein blosser Auszug aus Galen s
Pulslehre. Verschieden davon ist der „Liber Philareti de pulsibus",
der auf eine griechische vorher nicht publizierte Urschrift zurückgeht,
die sich vielleicht in der Wiener Hs. Nessel III p. 38 verbirgt. Die
lateinische Uebersetzung „Phylaretus de pulsibus" in der Articeila
wird bereits vom Verfasser der zweiten salernitaner Anatomie um
1100 n. Chr. citiert. Vielleicht war dieser der üebersetzer. In der
Schrift werden die 16 Bücher der alexandrinischen Encyklopädie des
Galen citiert, die Schrift selbst wird schon von K h a z e s (f 923 oder
932) im „Continens" erwähnt. Die Abfassungszeit fallt also zwischen
600 und 900 n. Chr. Die Aehnlichkeit mit der gleichnamigen Schrift
des Theophilos erklärt sich aus der Benutzung derselben Quelle.
Stephanos von Athen. ^)
Stephanos von Athen, auch St. von Alexandria genannt, war
ein Schüler des Theophilos. Er schrieb:
a) oxöXia dg ro TtgoyviooTixbv '^IrtrtoAQccTovg griech. Ausgabe bei
Dietz, Scholia in Hippocratem et Galenum S. 51 — 232.
b) i^riyrioig eig rrjv xov ngbg rXavxiova rakrjvov d-eQUTtsvTixijv ibidem
S. 233—361 (frühere Ausgaben und Uebersetzungen bei Heck er
S. 193 und Choulant S. 138).
Seinen Aufenthalt in Alexandria erwähnt Stephanos in seinen
Erläuterungen zu Galens Therapeutik, über die er wahrscheinlich
dort Vorlesungen hielt. Er erwähnt in dieser Schrift ferner ein von
ihm verfasstes Werk über den Puls, in welchem dieser als vom Herzen
ausgehend bezeichnet wird. Auch eine dem Kaiser Heraklios ge-
widmete alchemistische Schrift ,,Actiones novem de arte chemica",
Patav. 1573, 8" geht unter dem Namen des Stephanos. Bei Ideler
a. a. 0. II, 243 stehen alchemistische Gedichte des .,Stephanos von
Alexandria, des Zeitgenossen des älteren Stephanos von Athen". ^)
1) Vgl. Hecker a. a. 0. S. II, 191—194; Corlieu a. a. 0. S. 139-140;
Haeser I, 463; Krumbacher a. a. 0. S. 617.
^) Das von C. Bursian im „Index lection. acad. Jenens." 1873, 4" veröffent-
lichte Fragment Tte^l Tca^d-tvevovatUr, von den Zeichen der Jungfrauschaft, soll Ana-
logien mit ähnlichen Bemerkungen des Stephanos von Alexandria aufweisen.
85*
548 Iwan Bloch.
Paulos Aiginetes.
lAtteratur: Christobal de Orosco, „Annotationes in interjyretes Pauli
Aegineiae" , Venedig 1536, fol. (gegen A. Torinus und CruintJiet^us Andernacus).
— Hieronymi Gemusaei annotationes in libros Pauli Aeginetae omnes, Basel
1543, fol. — I£, Eggeling, „Disputatio, qua quanta ex lectione Pauli Aeginetae
ütilitas speranda sit, deelaratur'^ , Frankfurt a. 0. 1541, 8 **. — «7. E. Hehenst/reit,
„■jisQi dvafcov^oEcog, de declamatione, antiquae gymnasticae parte ad Pauluni Aeginetae
1. 1 c. 19", Leipzig 1753, 4 **. — JB. A. Vogel, „De Pauli Aeginetae meritis in medi-
cinam imprimisque chirurgiam prolusio I et IP', Göttingen 1768 u. 1769, 4^. —
C G. Kühn, „De additamentis quibusdam, quae in cod. ms. Pauli Aeginetae a
Scaligero reperta fuerunt, num ad hujus medici secundam editionem. ab auctore ipso
factam, concludi possit?", Leipzig 1828, 8^. — Hecker a. a. 0. II, 196—214;
220 — 230. — Meyer a. a. 0. II, S. 412 — 421. — ß. ßriau in, seiner Atisgabe
der Chirurgie des Paulos, Paris 1855, S. 9 — 80. — Petrequin, „Etudes medicales,
historiques et critiques sur les medicins de Vantiquite", Paris 1858, 8^. — H.
Haeser a. a. 0. I, S. 463 — 473. — H. Frölich, „Paulus von Aegina als Kriegs-
chirurg" in: Wiener medicin. Wochenschrift 1880 Nr. 45 S. 1241 und Nr. 46
S. 1265. — Corlieti a. a. 0. S. 140—146. — Steinschneider a. a. 0. S. 479-
480: — E. Gurlt a. a. 0. Bd. I S. 558—590. — J. Hirschberg a. a. 0. I,
S. 368—395.
Die Lebenszeit des Paulos Aiginetes tällt in die erste Hälfte
des 7. Jahrhunderts. Dies erhellt aus einer Stelle des arabischen
Schriftstellers Abul-Farag^), der an einer Stelle, wo er vom Tod
des Kaisers Heraklius (610—641), seinen beiden Nachfolgern Con-
stantinus III. und Herakliolus (641 — 642 n. Chr.) spricht, weiter
bemerkt : „Unter den Aerzten, die um diese Zeit blühten, war Paulos
Aiginetes der Arzt zu seiner Zeit berühmt. Vorzüglich erfahren
war er in den Weiberkrankheiten, und widmete ihnen grossen Fleiss.
Die Hebammen pflegten ihn selbst anzugehen und ihn über Zufälle,
die nach der Entbindung eintreten, um Eat zu fragen. Willig erteilte
er ihnen Auskunft, und sagte ihnen, was sie thun sollten. Daher man
ihn den Geburtshelfer (alkawäbeli) nannte. Er hat ein Werk von der
Medizin in neun Büchern geschrieben, welches Honain Ibn Ishak
übersetzt hat, und ein Buch über Weiberkrankheiten." Eine weitere
Zeitbestimmung erhalten wir durch den Umstand, dass der jüngste
Schriftsteller, den Paulos citiert, Alexandros von Tralles ist
(III cap. 28; cap. 78; VII cap. 5; cap. 11 u. 12). Ferner erwähnt
Abul-Farag, dass Paulos nach des Galenos Zeit in Alexan-
dria gelebt habe^), und in der That gedenkt Paulos selbst wieder-
holt seines Aufenthaltes und seiner medizinischen Thätigkeit in Ale-
xandria (IV, 49; 25; VI, 88; VII, 17). Da nun 640 n. Chr. die
Medizinschule von Alexandria infolge der Eroberung der Stadt durch
die Araber aufgehoben wurde, so ist anzunehmen, dass des Paulos
alexandrinischer Aufenthalt in die Zeit vor 640 fiel. Er war auf der
Insel Aegina geboren, daher Aiginetes in den Hss. und von den
arabischen Schriftstellern genannt, machte seine medizinischen Studien
in Alexandria, avo er vielleicht auch praktizierte, aber zur Zeit der
Abfassung seines Werkes nicht mehr weilte. In den Hss. wird er auch
TteQioöevTTjg genannt, was aber nach Meyer einfach „praktischer Arzt"
^) Gregorii Abul-Pharajii, Malatiensis medici historia compendiosa
dynastiarum Arabice edita et Latine versa ab E. Pocockio, Oxford 1663, S. 114
bis 115.
^) Theophili Eoeper, „Lectiones Abulpharagianae etc.", Gedani 1844, 4°,
S. 31.
Byzantinische Medizin. 549
im Gegensatze zu den zu Hause spekulierenden Jatrosophisten be-
deutet, womit freilich nicht stimmt, dass Paulos letzteren Beinamen
ebenfalls in Hss. führt. Ein Distichon in einem Ms. des 11. Jahr-
hunderts lautet:
ITavXov Ttövov fue yvw&i, rov yfjg tö itKiov
JiaÖQa/nüvrog, cpvvrog ex yjjg AlyLvrig.
Wahrscheinlich machte er wie Alexandres von Tralles grosse
Reisen und kam wohl auch nach Rom, da er lateinische Namen citiert
(in, 2; ni. 37; Y, 30; VIT, 3).
Nach dem Zeugnisse des Abul-Farag verfasste Paulos Aigi-
n e t e s zwei grössere Schriften, einWerküberMedizinin9 Büchern ^)
und eine Abhandlung über Frauenkrankheiten. Im Fihrist wird
richtig angegeben, dass die erstere Schrift nur 7 Bücher enthielt, daher
„Kenäsh al Tseriä*', Sammlung der Plejaden von den Arabern
genannt. Der Fihrist nennt es „al Kunnasch", Buch der Pandekten.
Kifti und Ibn Abu Oseibia erwähnen als weitere Schriften des
Paulos diejenige über Frauenkrankheiten, eine Abhandlung
über das Regimen und die Therapeutik der Kinder und ein Frag-
ment über Toxikologie. Die zweite Schrift hat sicher nicht
existiert. Vielmehr citiert Oseibia falschlich den Anfang des
Werkes über Medizin, der sich mit der Hj'giene und Diätetik der
Kindheit befasst, als eine besondere Schrift.
Allein und vollständig erhalten ist das erstgenannte Werk über
Medizin in sieben Büchern. Paulos selbst betitelt es vTtö^ivrj^a.
Er teilte es selbst in sieben Bücher ein (Vorrede: Tiveg ol okotvoI
Twv ema T^g oXrjg ngayfiarelag ßtßXiwv). Er verfasste es avvrofxov
xdQiv didaaycaUag als ein Repetitorium und kurzgefasstes Handbuch
fiir Äerzte, ähnlich denjenigen Kompendien, deren sich die Juristen
und Rhetoren für den Augenblicksbedarf bedienten. Besonders Aerzten
ohne die Hilfsmittel einer grossen Bibliothek, also Land- und Schiffs-
ärzten, solle es gute Dienste leisten. Paulos bezeichnet weiter in
der Vorrede seiner Schrift dieselbe als einen Auszug aus älteren Schrift-
stellern. Er habe darauf verzichtet eigene Theorien aufzustellen, da-
gegen einige praktische Erfahrungen, die er selbst gemacht habe, hin-
zugefügt. Er bezieht sich sodann auf Oreibasios (Vorrede und II cap. 1)
und G a 1 e n 0 s (II, 1) als seine Hauptquellen, hat sich aber auch mit
den übrigen berühmten Aerzten vertraut gemacht. Der Auszug des
Oreibasios aus Galen war zu seiner Zeit noch vorhanden und ist
von ihm benutzt worden. Trotz dieser kompilatorischen Thätigkeit
gehört Paulos zu den wenigen selbständigen ärztlichen Praktikern
der byzantinischen Periode, der uns eigene Beobachtungen mitteilt (z. B.
I, 41; 46; III, 3; VI, 78). Seine Darstellung ist kurz, klar und
vollständig. Erst kommt die Definiton des abgehandelten Gegen-
standes, dann dessen allgemeine, darauf die spezielle Betrachtung
nebst Aufzählung der Ansichten früherer Aerzte, seiner eigenen, und
Mitteilung der besten Therapie.
Der Inhalt des V7t6/^vr]f.ia des Paulos ist der folgende.
Buch I: Hygiene und Diätetik (Diätetik der Schwangeren und
Kinder, Krankheiten der Kinder, Friktionen, Gymnastik, Coitus, Impo-
tenz, Erbrechen, Laxieren, Reisen zu Lande und zu Wasser, Ernährung
^) Die Angabe ist unrichtig, da es nur 7 Bücher sind.
550 Iwan Bloch.
und Ernährungstherapie, Schlaf); Buch II: Allgemeine Pathologie,
Fieberlehre, Semiotik ; Buch III : Haarleiden und Haarpflege, Gehirn-
und Nervenleiden, Augen-, Ohren-, Nasen-, Gesichts-, Mund- und Zahn-
krankheiten ; B u c h IV : Aussatz, Hautleiden, Verbrennungen, allgemeine
Chirurgie, Blutungen, Ankylose, Erschlaifung der Gelenke, Helmin-
thologie; Buch V: Toxikologie; Buch VI: Chirurgie; Buch VII:
Arzneimittellehre.
Ausgaben des griechischen Textes: a) Ilavlov Aiyivrixov iargov
&qLöxov, ßißlia kfctct. Pauli Aeginetae medici optimi, libri Septem.
Venedig 1528, fol. (Aldina).
b) Derselbe Titel, Basel 1538 ed. Hieron. Gemusaeus (mit
latein. Vorrede).
c) Chirurgie de Paul d'Egine. Texte Grec avec traduction
frangaise en regard. Precede d'une Introduction par Rene Brian.,
Paris 1855, 8*^, 508 Seiten (Textausgabe nach 19 Pariser Hss. und
französische Uebersetzung. ^)
Was die Uebersetzungen betriift, so wurde Paulos bereits
zwei Jahrhunderte nach seinem Tode ins Arabische übersetzt (zu-
sammen mit Hippokrates und Galen) von Honain Ibn Ishak,
einem christlichen Arzt, Syrer von Geburt, der ca. 873 n. Chr. unter
Almotawakkel lebte, Schüler des Jahiah Ibn Mazawaih
(Johannes Mesue) war und in Bagdad praktizirte. Er machte auf
Wunsch und mit Unterstützung Almotawakkels mehrere Reisen
nach Konstantinopel und holte zahlreiche Manuskripte von dort, über-
setzte dann die obengenannten Aerzte ins Arabische. Seitdem wird
Paulos von den Arabern citiert und kommentiert. Der Erste, der
ihn erwähnt, ist Jahiah Ibn Serapion (Serapion senior), in:
Practica dicta breviarium (Venedig 1477, fol. 61 verso; tract. VII
cap. 9): Paulus Alagintie addebat in ea cassie lignee).
Nach der arabischen Uebersetzung des Honain wurde Paulos
schon früh ins Lateinische übersetzt (Georg Schenck in seiner
„Biblia iatrica", Frankf. 1609, S. 433: Extat alicubi vetus et barbara
translatio ejusdem). In dieser alten lateinischen Uebersetzung studierte
wahrscheinlich Matthaeus Sylvaticus den Paulos und citiert
ihn oft in seinen „Pandekten" (Lyon 1478). Neuere lateinische Ueber-
setzungen: a) ed. Albanus Torinus, Basel 1532, fol. (nach der
Aldine, ohne Buch VI, das von J. B. Felicianus besonders über-
setzt wurde und mit Anmerkungen von Torinus 1533 erschien),^)
b) ed. J. Guintherus Ander nacus, Paris 1532, fol. (Vollständig,
mit Hilfe von Hss. Sehr geschätzt. Oft wiederholt.)
c) ed. Janus Cornarius, Basel 1556 fol.
Französische Uebersetzungen von Buch VI (ausser derjenigen
in der Ausgabe von B r i a u) : a) von Pierre Tolet, Lyon 1540 chez
Etienne Dolet (schlecht).
b) Chirurgie fran^aise, recueillie par M. Jacques Dalechamps,
docteur en medecine et lecteur ordinaire ä Lyon, avec figures, notes,
^) Meyers und Haesers dringender Ruf nach einer neuen vollständigen
Ausgabe des Paulos muss auch heute noch wiederholt werden. Ueher Hss. des
Paulos s. Brian S. 69—80.
^) Vorher war Buch I teilweise von Guilelmus Copus übersetzt worden
(Paris 1510, 4"; Nürnberg 1525, 8"; Strassburg 1538, 4« mit Kommentar). — Von
Buch II erschien eine lateinische Spezialausgabe Köln 1546, 8*^; von Buch VII ed.
Otto Brunfels, Strassburg 1531, 8 ».
Byzantinische Medizin. 551
et les Commentaires de M. Jean Girault, Chirurgien jure.
Paris 1610, 4** (mit guten Kommentaren).
Englische Uebersetzung : The seven books of Paulus
Aegineta. Translated from the Greek with a Commentary em-
bracing a complete view of the knowledge possessed bj the Greeks,
Eomans and Arabians on all subjects connected with medicine and
surgery. By Francis Adams. In tliree volumes. London, Printed
for the Sydenham Society. Bd. I, 1845, 8«, XXVJII, 683 Seiten; Bd. II,
1846, XI, 511 Seiten; Bd. III, 1847, VIII, 653 Seiten. (Bei jedem
Kapitel sehr ausführlicher Kommentar, der sich auf antike, arabische
und neuere Autoren bezieht.)
Der Glanzpunkt des Werkes von Paulos bildet das die Dar-
stellung der Chirurgie enthaltende sechste Buch, da hier die Selb-
ständigkeit des Autors am meisten hervortritt. Aus dem Inhalte der
übrigen sei nur das Wichtigste hervorgehoben. Im Buch I cap. 10
werden die Aphthen in weissliche, rötliche und schwarze eingeteilt,
letztere als die gefährlichsten bezeichnet. Bei Epilepsie (III, 13)
empfiehlt Paulos das Aetzen der Ausgangsstelle der Aura mit Can-
thariden. Die Angina (III, 27) wird in vier Formen unterschieden als
Entzündung innerhalb des Pharynx = awayxr^, ausserhalb desselben
= nagaavvdyxrp als Entzündung innerhalb des Larynx = yiwdyxr},
ausserhalb desselben = Tragayivvdyxf]- Orthopnoe, Schmerzen und Dyspnoe,
bisweilen auch Fieber, Röte des Gesichtes und Halses. Anschwellung,
Erstickungsanfälle sind Symptome der Angina (Schilderung der Angina,
schwerer Aifektionen des Larynx, vielleicht auch der Angina Ludovici).
Von grossem Interesse sind die Bemerkungen über das Aushusten von
Lungensteinen (III, 28), auf welches bisweilen Sch\^indsucht folgt
(III, 31). Auch von vikariierender Hämoptoe bei Amenorrhoe ist die
Rede (III, 31). Paulos kennt tuberkulöse Blasengeschwüre bei
Phthisis pulmonum (III, 32), ferner Entzündungen des Herzens (III. 34),
die so tötlich seien wie Herzwunden; er erwähnt sympathische Herz-
affektionen bei Gehirn- und Magenleiden ( III, 34 ). Einige schätzbare
Bemerkungen w^erden über NeiTen- und Geisteskrankheiten gemacht.
Die „Phrenitis" wird scharf von den blossen Fieberdelirien getrennt
und als Entzündung der Gehirnhäute und des Gehirns definiert (III, 6).
Anosmie beruht auf Affektion der vorderen Hirnhöhlen (III, 24), Bei
Apoplexie ist der Aderlass das souveräne Mittel (III, 24). Als eine
besondere Psychose beschreibt Paulos diejenige, bei welcher die
Geisteskranken mit höheren Mächten in Verbindung zu stehen glaubten
und die Zukunft vorhersagten (III, 14; die Ivd^eaariycoi des Pia ton).
Auch übermässige Liebe ist eine Geisteskrankheit (III, 17). Tetanus
wird mit Opium behandelt (HI, 20), Pleuritis ableitend mit scharfen
Klystieren (III, 33). Interessant ist seine Differentialdiagnose zwischen
Pleuritis und Rheumatismus der Brustmuskeln (III, 33). Die Mastitis
der Säugenden wird mit warmen Kataplasmen behandelt (III, 35).
Von den Erkrankungen des Magen- und Darmkanals erwähnt Paulos
die Lienterie, eine gastrische und eine dysenterische Form (III, 40),
die Magengeschwüre (III, 37). Er beschreibt das Koterbrechen beim
Ileus, der durch Indigestion [dLitexpia], Obstruktion (tfxcpQd^soiQ) und
durch Brucheinklemmung entsteht; gegen letztere wird eine Bandage
(sTtiöso/iws) zur Anwendung gebracht (III, 44). Von grossem Interesse
ist der Bericht über eine von Italien ausgehende Kolikepidemie,
die sich seuchenartig über gi'osse Teile des römischen Reiches ver-
552 Iwan Bloch.
breitete, in Epilepsie oder motorische Lähmung der Glieder ausging,
wobei ersteres meist letal war. Ein italienischer Arzt erzielte mit
einer kühlenden Diät günstige Erfolge. Heck er und Haeser
sprechen diese Tiohxi] didd-eaig als ein dem Ergotismus verwandtes,
durch Misswachs der Nahrungsmittel entstandenes Leiden an. Letzterer
macht auf die Aehnlichkeit mit dem in Indien endemischen „Burning
oft the feet'' aufmerksam.^) Die Hernien (III, 53) entstehen teils
durch Ruptur (Qrj^is), teils durch Ausdehnung (ägalwaig) des Peritonäum.
Letztere können ohne Operation durch Adstringentien und Bandage von
dreieckiger Gestalt, aus dickem Material, beseitigt werden. Die Gicht
beruht auf einer Schwäche der Gelenke und Vorhandensein eines Krank-
heitsstoffes, der beim Fehlen einer genügenden Assimilationsfähigkeit
{d-Qe7iTLya] övvaiiug) der Körperteile aus dem Ueberfluss von Nahrung,
bei träger Lebensweise und häufigen Verdauungsstörungen entsteht
und in die Gelenke übergeht, aber auch in Leber, Milz, Hals, Ohren,
Zähnen sich absetzt (III, 78). Die Erscheinungen der Ischias werden
vortrefflich geschildert, Therapie: Aderlass (III, 77). Die Augen-
leiden werden in Buch III cap. 8—22, Buch VI cap. 20 besprochen, in
Buch VII sind Augenheilmittel erwähnt. Hirschberg hat aus diesen
Stellen ein vollständiges „Lehrbuch der Augenheilkunde" zusammen-
gestellt, auf welches verwiesen sei. -) Erwähnenswert ist des Paulos
Operationsmethode der Trichiasis, wobei er statt abzupräparieren, die
überschüssige Hautfalte mit der Lidbalkenzange (f-iodico ßlecpaQoycaTÖxoj)
fasst und abträgt und nicht näht, oder auch einfach die Hautfalte
zwischen zwei Plättchen abschnürt. Ferner findet sich bei Paulos
die Operation des Ektropium, der Balggeschwülste, der Lidverwachsung,
des Flügelfells und die Niederdrückung des Stars. Aus der nicht-
chirurgischen Gynäkologie sind besonders die Kapitel über die
Menstruation und ihre Anomalien hervorzuheben. Die Menstruation
beginnt nach Paulos bei den meisten Mädchen im 14., bei vielen
später, bei wenigen im 12. oder 13. Jahre und hört zwischen dem 50.
und 60. Jahre auf, selten schon mit dem 35. Jahre (III, 62). Gegen
Metrorrhagie kommt Binden der Glieder zur Anwendung (III, 63).
Bei Menstruationsanomalien muss gegen den krankhaften Zustand des
ganzen Körpers eingeschritten werden (III, 62—63). Paulos unter-
scheidet die chronische Metritis vom Carcinoma uteri (III, 72) und
empfiehlt gegen die Hysterie Binden der Glieder (III, 71). Bei allen
Untersuchungen der Gebärmutter und Scheide bediente er sich eines
Mutterspiegels (öi07iTQiaf.iög). Er giebt von der Lagerung der
Patientin und der Untersuchung mit dem Speculum im Kapitel über
die „Abscesse am Muttermunde" (VI, 73) folgende Schilderung:
„Um zu operieren wird die Frau auf einem Stuhle (o ölcpQog) hinten-
über gelagert, mit nach dem Bauche zurückgeschlagenen Beinen, die Ober-
schenkel von einander entfernt, Ihre Vorderarme werden in die Kniekehlen
gebracht und aneinander mit Schlingen befestigt, die am Nacken aufgehängt
sind. Der auf der rechten Seite sitzende Operateur untersuche mit einem
dem Lebensalter der Patientin entsprechenden Speculum (diOTTTQiCercü), Der
Untersuchende muss mit einer Sonde die Tiefe der Scheide (o xdlTtog) der
Frau messen, damit nicht, wenn der Körper (o liorög) des Speculum zu
^) Vgl. H. Haeser, „Lehrbuch der Geschichte der Medizin", Jena 1882,
Bd. III S. 386-387.
2) J. Hirschberg a. a. 0. I, S. 368—395; S. 403—417.
Byzantinische Medizin. 553
gross ist, die Gebärmutter gedrückt werde ; und wenn man ihn grösser findet,
als die Scheide, sind Compressen auf die Schamlippen zu legen, damit sich das
Speculum auf sie stützen kann. Man führt den Körper des Speculum mit
nach oben gerichteter Schraube (o xoyjjag) ein, und während das Speculum
selbst von dem Operateur gehalten wird, wird von dem Gehilfen die Schraube
umgedreht, um durch Entfernung der Blätter (ra eK(xOf.iara) desselben die
Scheide zu erweitern."
Das vierte Buch beschäftigt sich mit den Hautleiden. Im
Kapitel über den Aussatz (IV, 1) gedenkt Paulos der klassischen Be-
schreibung des A r e t a i 0 s von Kappadokien und betont die Kontagiosität
der Lepra. Die folgenden Kapitel bieten nichts Neues und Originelles.
Erwähnenswert ist das letzte (cap. 59) über die Filaria medinensis
(to dQayt.6vxiov\ die nach Paulos hauptsächlich in Indien und Ober-
ägypten vorkommt. Er erwähnt die Ansichten des Soranos, der
den Guineawurm für eine Art nervöser Substanz, nicht für ein Tier
hielt, und des L e o n i d e s , gedenkt aber nicht der klassischen Schilde-
rung des Ruf US in dessen „Aerztlichen Fragen", wo sich auch die
richtige Ursache, die Infektion durch Trinkwasser, angegeben findet.
Buch V enthält die Toxikologie, die Lehre von den Ver-
giftungen durch Biss und Stich von Tieren und durch den Genuss von
giftigen Substanzen. Nach Angabe von prophylaktischen Massregeln
gegen Tierbiss und Tierstich (V, 1), empfiehlt Paulos, die ßisswunde
auszusaugen, zu skarifizieren, auszubrennen oder eventuell zu exstirpieren
(V, 2). Der Ausbruch der Hydrophobie (to vögorpoßixbv ndd-og) der
von einem an Hundswut (kvaaa) leidenden Hunde Gebissenen erfolgt
um den 40. Tag, bisweilen erst nach einem halben Jahre. Therapie:
Kauterisation der Wunde, scharfe Umschläge, innerliche Behandlung
(V, 3). Es wird dann (V, 6) der Biss einer giftigen Spinne (t6
q>aXdyyiov) erwähnt, auf welchen allgemeine Vergiftungserscheinungen
folgen, die durch warme Bäder und innerliche Mittel bekämpft werden,
ebenso wie die ähnlichen Erscheinungen nach Biss einer anderen
Spinnenart {fj dgdyvr]; V, 7).^) Gegen Skorpionstich (V, 8) wirkt
„Silber {uQyvQog), sofort auf die Wunde (to nf^y(.ia) gebracht, wunder-
bar." In den folgenden Kapiteln (V, 9—22) werden die Bisse der
Skolopendren, Eidechsen, Spitzmäuse, Nattern, Vipern und anderer
Schlangen besprochen (nach Dioskurides), auch der Biss eines
Krokodils (V. 24) und Menschen (V, 25) erwähnt, dann folgt die
eigentliche Giftlehre (V, 26—65).
Die in Buch VII erhaltene Heilmittellehre ist hauptsächlich
nach Dioskurides, Galen (einfache Mittel) und Oreibasios (zu-
sammengesetzte Mittel) abgefasst. Das Verzeichnis einiger neuer, von
Paulos hinzugefügter Heilpflanzen giebt Meyer.'^)
\) E. Kobert, der sich neuerdings mit dem Studium der Giftspiunen be-
schäftigt hat (vgl. dessen „Beiträge zur Kenntnis der Giftspinnen", Stuttgart 1901)
hat in seiner Abhandlung „Welche dem Menschen gefährlichen Spinnen kannten die
Alten?" (im Novemberheit des Janus Bd. VI, 1901) diese beiden Kapitel des Paulos
nicht mehr berührt. Es ergiebt sich aber aus seiner Schilderung, dass Paulos das
Kapitel über die Phalangien (nach Kobert eine Lathrodectesart) dem Dioskurides
(ed. Sprengel II, 66) entnommen hat, da die dort geschilderten Symptome (Rötung
ohne Hitze und Schwellung, Kältegefühl, Zittern, Dysurie, Priapismus, Thränen der
Augen u. s. w.) bei Paulos fast wörtlich wiederkehren. Auch die d^äxvrj, deren
Biss Präcordialschmerzen, Rötung, Dysurie, bisweilen Suffokation veranlasst, scheint
zur Gattung Lathrodectes zu geEören.
2) a. a. 0. II, S. 416—421.
554 Iwan Bloch.
Der wichtigste Abschnitt in dem Werke des Paulos ist seine
Darstellung der Chirurgie, die auf eigenen Erfahrungen und den-
jenigen der besten älteren Autoren (Hippokrates, Galen os,
Leonides, Antyllos, Soranos, Faustinus, Justus, Mar-
cellus, Musa) beruht.') Der erste Teil der Chirurgie umfasst die
Krankheiten der AVeichteile, der zweite die der Knochen, besonders
die Frakturen und Luxationen (VI, 1). Aus dem reichen Inhalte kann
nur das Wichtigste berührt werden, indem für eingehendere Studien
auf die erschöpfende Darstellung von Gurlt (a. a. 0. I, S. 562 — 592)
verwiesen sei.
Bei teils angeborener, teils durch Granulationswucherungen ent-
standener Atresie des äusseren Gehörganges wird die verschliessende
Membran mit einem Spitzbistouri {tb o-Kolo7io(.iaxaLQLov) getrennt und
exstirpiert oder die Wucherung mit dem meQvyoxöf.iov oder dem
Polypenspatel (tö nolvitodL-Kov örtd&Lov) fortgenommen (VI, 23). ^)
Fremdkörper im äusseren Gehörgange werden mit Ohrlöifel, Haken,
Pincette, durch Schütteln des Kopfes, durch Ansaugen mit einer Röhre,
durch Niesepulver mit nachfolgender Verschliessung der Nase und des
Mundes, eventuell durch Operation (Incision hinter dem Ohrläppchen)
entfernt (VI, 24). Nasenpolypen werden mit dem myrtenblattförmigen
Polypenspatel an der Ursprungsstelle umschnitten und mit dem löffei-
förmigen Teile des Instruments herausgezogen, die Reste mit dem
Polypenschaber (o TtolvTio^vorriq) entfernt, bösartige Nasengeschwülste
mit dem sondenknopfartigen Glüheisen (to nvgrjvoeiöhg y.avirjQiov) ge-
brannt. Sarkomatöse Tumoren im obersten Teil der Nase werden
mittelst eines durch die Nase geführten Fadens, der an einer durch
die Nase und die Choanen in den Mund gehenden Sonde (to diTtvQr^vov)
befestigt ist, durchsägt, und bei der Nachbehandlung bleierne Röhrchen
(fioUßöiva acolrjvdQia) in die Nase eingeführt (VI, 25). Geschwollene
Mandeln (ävTidöeg) werden, nach Herunterdrücken der Zunge mit einem
Zungenspatel (6 yhooaoyiccToxog), mit einem Haken hervorgezogen und
an der Basis mit dem ayxvkoTÖfwv abgetrennt, welches tür beide Seiten
^) Vgl. das Verzeichnis der Stellen bei Brian S. 80.
^) Bei dieser Gelegenheit sei die neueste Litteratur über antike chirur-
gische Instrumente mitgeteilt. Die übersichtlichste Zusammenstellung mit Ab-
bildungen giebt E. Gurlt a. a. 0. I, S. 313 — 314 (Hippokratisches Instrumentarium),
S. 505—519 (Römische nach Celsus, Heliodor, Galen, Antyllos), S 592—593
(Instrumente der byzantinischen Chirurgen). Vgl. ausserdem C. P. J. Lambros,
,,lTs^l aiy.vcäv y.al ar/.vcöaecos Ttaoa roTf d^x'^iois", Athen 1895, 4", 62 S. mit 94 Illu-
strationen (Erschöpfende Geschichte der Schröpfköpfe bei den Alten). — A. De-
chambre, ,,Trousse de medecin au 3me siecle" in: Gaz. hebdom. 1882 Nr. 13. —
Mook, „Description d'une trousse de l'epoque de Gallen'' in: Un. med. 1881 Nr. 165.
— L. A. Neu geh au er, „Ueber alte chirurgische und gyniatrische Instrumente
u. s. w." in: Denkschriften der Warschauer ärztl. Gesellschaft 1882 Bd. 78 Heft
3—4 S. 441—498; S. 675—785 (mit 90 Bildern; Funde in Pompeji). — A. Jaco-
belli, „Speculi chirurgici scavati dalle rovine delle cittä dissepolte, Pompei
ed Ercolano" in: Morgagni,. Neapel 1883, Bd. 25 S. 185—195. — J. Habets,
„Ueber einige zu Mastricht gefundene chirurgische Instrumente aus der Römerzeit"
(HoU.), Amsterdam 1884 in: Verb. d. K. Akademie zu Amsterdam Bd. III Nr. 2
S. 133—154. — B. Schiachardt, „Ueber Darstellungen von chirurgischen Opera-
tionen und Verbänden aus dem Alterthum" in Berl. klin. Wochenschr. 1888 S. 976.
— N. Senn, ,,Pompeian surgery and surgical Instruments" in: Med. News 1895
Bd. 67 Nr. 26. — C. Brunn er, ,,Die Spuren der römischen Aerzte auf dem Boden
der Schweiz", Zürich 1894, 8". — C. Koenen, „Chirurgische Instrumente der
Römer am Niederrhein" in: Festschrift der Düsseld. Naturforschervers. 1898 Tl. II
S. 12 — 16 — P. Hamonic, „La Chirurgie et la medecine d'autrefois" (mit 487 Dar-
stellungen antiker Instrumente), Paris 1900, 8^, 140 S.
Byzantinische Medizin. 555
eine entgegengesetzt schneidende {dcvrixofxog) Krümmung hat. Nach
der Operation gurgelt der Patient mit kaltem Wasser oder Essigwasser
(VI, 30). Im Pharynx festsitzende Fischgräten {ay.avd-ai ix&viov)
werden mit dem äxavd-oßökog ausgezogen oder in einem an einem
Faden befestigten und verschluckten Schwamm gefangen oder auch
durch Brechmittel herausbefördert (VI. 32). Bei der Operation der
Drüsengeschwülste des Halses gedenkt Paulos der Verletzung der
Nn. recurrentes (VI, 35). Skarifikationen werden von einigen mit
einem aus drei mit einander verbundenen Messern bestehenden In-
strumente gemacht, so dass mit einem Male drei Schnitte gemacht
werden, Paulos zieht ein einfaches Messer vor, ebenso die bronzenen
den gläsernen Schröpf köpfen ; er warnt vor Ansetzen der Schröpf-
köpfe in der Nähe der Mammae (VI, 41). Von Interesse ist die ge-
naue Beschreibung der verschiedenen Arten der überzähligen (naga-
(pvrjg) Finger (VI, 43). Bei Empyemen kauterisierte Paulos ver-
schiedene Stellen des Thorax und Halses und war operativen Ein-
griffen dabei abhold (VI, 44). Krebs wird exstirpiert wie die übrigen
bösartigen und fauligen Geschwüre (VI, 45), Leberabscesse und Milz-
erkrankungen erfordern die Kauterisation der Bauchdecken an den
betreffenden Stellen (cap, 47 — 49). Ascites wird durch Incision in die
Bauchwand und Einstossen des Instrumentes oberhalb des Schnittes
durch das Peritonäum. Einführung einer bronzenen Röhre (6 xaly.ovg
■KaXa^ioxog) entleert (VI, 50). Sehr ausführlich werden der Kathe-
terismus (o -Aad-errjQiafiög) und Einspritzungen in die Blase (o ylva^og
Y^voreiog) bei Cystitis (VI, 59; vgl. auch Celsus VII, 26 über den
Katheterismus) beschrieben. Ebenso eingehend wird der Steinschnitt
nach der schon von Celsus beschriebenen Methode geschildert (VI, 60).
Cap. 65 beschreibt die Radikaloperation der Scrotalhernien, die mit einei-
Kastration verbunden wird. Zur Beschleunigung der Heilung muss
der Patient 8 Tage lang täglich wiederholt prolongierte warme Bäder
nehmen. Höchst bemerkenswert ist das Kapitel über die Entmannung
(6 evvovxio^ög) als ärztliche Operation. Es heisst darin: „Während
unsere Kunst den Zweck hat, die Körperteile, welche sich in einem
widernatürlichen Zustande befinden, zu dem natürlichen zurückzuführen,
erstrebt die Kastration das entgegengesetzte Ziel. Da wir jedoch
häufig, auch gegen unseren Willen, von hervorragenden Personen ge-
nötigt werden, Eunuchen zu machen (evvovxiC eiv), soll in der Kürze
die Art der Ausführung beschrieben werden." Die Operation wird entweder
mittelst Zerquetschung (fj d^ldaig) oder mittelst Exstirpation (VI, 68)
ausgeführt. Der Hermaphroditismus wird nach Leonides beschrieben
und in vier Arten (3 bei Männern, 1 bei Weibern) geteilt (VI, 69).
Im Kapitel über die Amputation der hypertrophischen Clitoris [fi vL\ucpo-
%o(ÄLa) und des hypertrophischen Collum uteri (^ xiQxioaig) werden die
den Coitus suchenden Tribaden erwähnt (VI, 70). Sehr charakteristisch
wird das traubenbüschelartige {y.oQv(.ißri) Aussehen der spitzen Condy-
lome {dnj(xog) beschrieben; unter den eigentlichen ■/.ovövlcji.iaTa der
weiblichen Genitalien, die er wegen ihrer Blutung und rauhen Hervor-
ragung mit den Hämorrhoiden vergleicht sind wohl Epitheliome oder
Varicen zu verstehen (VI, 71). Cap. 74 behandelt die Embryulcie und
Embryotomie, wobei der Schädel mit dem Polypenspatel, dem Stilet
{fl xaridg), dem gedeckt eingeführten Spitzbistouri (to oycoloTCOfxayaiQiov)
perforiert und mit der Zahn- oder Knochenzange (^ odovTdyQa, öoTayQa)
zusammengedrückt wird. Papillome, Polypen, Epitheliome und Rhagaden
556 Iwan Bloch.
des Afters werden in cap. 80 erwähnt. Die Amputation (ö dycQtoTrj-
Qiaofiög) findet eine sehr genaue Darstellung (VI, 84). Die Nagelleiden
(Granulationswucherung = TiTEQvywv, vTteqav^r^oig aaQxög beim Nagel-
geschwür; Nagelquetschung) werden in cap. 85 — 86 behandelt, in
cap. 87 Hühneraugen (o 'fjkog), Warzen (fj fivQf.ir^ytia) und gestielte Warzen
(17 axQoxoQÖujv). Ueber die byzantinische Kriegschirurgie
giebt cap. 88 über die Ausziehung der Pfeile {Ttegl ßeXtov e^aiQsaecog)
wertvolle Aufschlüsse. ^) In der Lehre von den Knochenbrüchen folgt
Paulos der von Soranos und Galen gegebenen Einteilung, fügt
aber noch die dcTtoxoTt^ d. h. die Abreissung eines Knochenstückes von
der Oberfläche hinzu (VI, 89). Bei Schädelbrüchen betrachtet er die
Depression nicht als Fraktur, sondern als Dislokation und leugnet das
Vorkommen der Frakturen durch Contre-coup {dcTi^xw^'^ ^I> 90). Die
übrigen Kapitel über Frakturen lehnen sich grösstenteils an H i p p 0 -
k rat es an. Luxation (to e^ägdriixa) ist nach Paulos das „Heraus-
fallen {f} eyiTiTOjaig) eines Gliedes aus seiner eigenen Gelenkhöhle nach
einer ungewohnten Stelle, wodurch die willkürliche Bewegung ge-
hindert wird" (VI, 111). Auch die einzelnen Luxationen werden fast
ganz nach Hippokrates abgehandelt. Paulos führt im Gegen-
satze zu Hippokrates bei mit Wunden komplizierten Luxationen
die Reposition sofort aus (VI, 121j.
Joannes Alexandrinus, Ahrou.-)
Paulos Aiginetes war einer der alexandrinischen Aerzte, die
durch ihr Wirken kurz vor der Eroberung der Stadt durch die
Araber diesen zunächst bekannt wurden. So knüpfte die Medizin
der Araber zunächst an Paulos und seine alexandrinischen Zeit-
genossen an. Zu diesen gehörten auch Joannes Alexandrinus
und Ahron.
Die Araber erwähnen häufig den Joannes und seine (und anderer
Zeitgenossen) Kommentare über die kanonische Auswahl der „sechzehn
Schriften Galens" (unter welchen sich die Bücher über die Sekten,
die Ars parva, über Anatomie, über den Nutzen der Teile, den Puls,
über die Elemente, die Temperamente, die Ursachen der Symptome,
über Fieber, Krisen, Diätetik, die therapeutische Methode u. a. be-
fanden; vgl.M. Steinschneider, „Alfarabi"in: Memoires del'academie
des Sciences. VIL serie t. 13, St. Petersburg 1869, S. 163—174). Letztere
bildeten die Grundlage der syrisch-arabischen Studien zusammen mit
einem ähnlichen Kanon von zwölf Schriften des Hippokrates, zu
denen u. a. die Aphorismen, die Prognostik, de victu in acutis, die
Epidemien, de aere, aquis et locis, de natura hominis gehörten.
Joannes selbst verfasste Erläuterungen zu der hippokratischen Schrift
de natura pueri (ein Fragment bei Dietz, „Apollonii Citiensis etc.,
Joannis scholia in Hippocratem", Königsberg 1834) und eine aui
Galens Kommentar beruhende Erläuterung zum sechsten Buche der
Epidemien, die nur lateinisch nach einer Uebersetzung des 13. Jahr-
^) Deutsche Uebersetzung dieses Kapitels von Frölich in: Wiener med.
Wochenschrift 1880 S. 1241 und S. 1265 und bei E. Gurlt a. a. 0. I, S. 580—584
^) Vgl. V. Eose, „Jon's Eeisebilder und Joannes Alexandrinus der Arzt" in:
Hermes 1871 Bd. V S. 205—215.
Byzantinische Medizin. 557
hunderts in der Articeila erhalten ist (vgl. Fuchs, Hippokrates sämt-
liche Werke Bd. II S. 277 Anm. 97). i)
Recht eigentlich auf der Brücke von der griechischen zur arabischen
Medizin steht der christliche Arzt und Presbyter A h r o n von Alexan-
dria, der in die Zeit des Kaisers Heraklius gesetzt wird, und in
griechischer Sprache „Medizinische Pandekten" in 30 Abteilungen ver-
fasste, die ins Syrische und Arabische übersetzt wurden und von
Rhazes oft citiert werden-), und besonders durch eine Beschreibung
der Blattern bemerkenswert sind. Zur Verhütung der Blattern-
narben empfahl A h r o n Liegen auf Reismehl, Bohnenmehl, Safran u. a.
Hygienische und diätetische Schriften des 6. bis 8. Jahrhunderts.
Byzantinische Produkte sind auch jene populären hj'gienischen
Vorschriften, die unter dem Namen grosser Aerzte der Vergangen-
heit gehen, wie z. B. dem des Asklepiades. Dahin gehören die
dem letzteren fälschlich zugeschriebenen:
1. vyieiva TtaQayyel^ata, herausgegeben von v. Welz, „Des Askle-
piades von Bithynien Gesundheitsvorschriften", Würzburg 1841, 8"
(giiech. Text in 83 jambischen Versen, latein. und deutsche metrische
Uebersetzung, Einleitung und Kommentar) — ed. Bussemaker in:
„Poetae bucolici et didactici", Paris 1851, 8" (frühere Ausgaben und
Litteratur bei Choulant a. a. 0. S. 66).^)
2. ^JayihqrtiadCbv vyieiva Ttagayy^Xficaa bei Ideler, „Physici et
medici graeci minores" I, 202 (21 Verse).
3. In zahlreichen Codices existieren hygienische Vorschriften für
die einzelnen Monate. Einen solchen Text gab Fr. Boissonade
heraus : IJsqI tCjv dibdeyLaf.nqvG)v tov eviavtoü OTioiaig öel xqf^ad^aL XQorpalg
hl exdoTti) amCbv xat anb nouov &7t€y€od^ai in : Anecdota graeca, Paris
1831, Bd. III S. 409—421 (wahrscheinlich noch später als 8. Jahr-
hundert). Wiederholt bei Ideler I, 423.^)
4. negl jQocpcbv bei E r m e r i n s ,,Anecdota medica graeca", Leyden
1840, S. 222—275. Ist Fragment einer dem Kaiser Konstant inos
Pogonatos (668 — 685) gewidmeten Schrift.
5. Das „Rezeptbuch des Joannes". Daremberg beschreibt
(„Notices et extraits" S. 22—30) ein in mehreren Pariser Hss. er-
haltenes Rezeptbuch des 8. Jahrhunderts, welches einem Archiater
Joannes zugeschrieben wird und sprachlich wegen der vulgären
') Nicht zu verwechseln mit Joannes medicus Alexandrinus ist Joannes
Philoponus grammaticus Alexandrinus, der im 6. Jahrhundert in Ale-
xandria lehte und sich im theologischen Sektengezänk besonders hervorthat. Ihm
werden Galen -Kommentare zugeschrieben (wohl mit Unrecht), die nach der Weise
der Aristoteles-Kommentatoren des 6. bis 7. Jahrhunderts (Olympiodoros,
Elias, David, Stephanos) in Tr^d^en (lectiones) geteilt sind, die z. Tl. mit der
vorausgeschickten dsto^ia (intentio) beginnen. — Ein angeblich von Joannes
medicus erwähnter J o n i k o s als Verfasser vom „s:xi8r]/uiai" existiert nicht, sondern
es handelt sich um die „Reisebilder" des Dichters Jon von Chios (V. Rose). Ebenso-
wenig giebt es einen Arzt Trisendemon, der vielmehr als r^zg evSaificor (der
dreimal Selige) aufzulösen ist.
^) Vgl. Abulpharag, „Historia dynastiarum" ed. Pocock, Oxford 1663,
S. 99; Steinschneider a. a. 0. S. 166.
*) Daremberg, „Oeuvres d'Oribase" I S. XXXV schreibt sie dem Orei-
basios zu. Vgl. femer H. Sauppe in Rhein. Mus. f. Philol. 1843 S. 446 (Aus-
gabe mit Emendationen); A. G. M. Ravnaud, „De Asclepiade etc.", Paris 1862-
Guardia, Gaz. med. de Paris 1868 Nr." 1 u. Nr. 37; 1869 Nr. 20 u. Nr. 31.
■*) Vgl. Daremberg, „Notices et extraits" S. 139—141.
558 Iwan Bloch.
pathologischen und anatomischen Benennungen von Interesse ist. Diese
Rezeptsammlungen waren wohl zum Gebrauch in byzantinischen Hospi-
tälern bestimmt, wie auch aus der Bezeichnung: ^£qa7tEVTiY.al y.ai
iaxQÜai owre^elaai Ttaqa öiacpoQtov ävÖQcuv laTQwv yiaxa ttjv e/.Te&€laav
äxolovS^iav tov ^svwvog hervorgeht. Joannes liefert in seinem Rezept-
buch angeblich einen Kommentar zu den therapeutischen Schriften des
Galen und giebt Rezepte für alle Krankheiten a capite ad calcem.
In Wirklichkeit ist der Name des Galen nur erborgt, um dem Buche
grösseres Ansehen zu geben.
6. Gedicht über die Heilkräfte der Pflanzen in der Ausgabe des
Dioskurides, Venedig 1518, fol. 231—235 (ed. II Aldina; über
13 Pflanzen in 190 Hexametern). Neue Ausgabe von M. Haupt im
„Index lectionum Berolinens. a. 1873/74, 4", 15 8. (vgl. Bursian in:
Jenaer Litteraturzeitung 1874 S. 205).
7. Aristotelis Epistola ad Alexandrum Magnum De conservatione
sanitatis geht auf ein byzantinisches Original zurück. Alte italienische
Uebersetzung bei F. P u c c i n o 1 1 i, „Storia della medicina", Florenz 1870,
Bd. II Appendix S. L— LIIL^)
Meletios.2)
Ein phrygischer Mönch, Meletios, wird als Verfasser der Schrift
„Ueber den Bau des Menschen" genannt;**) unter demselben Namen
gehen Schollen zu den Aphorismen des Hippokrates (bei Dietz
a. a. 0.). Der letztere Meletios heisst in der Hs. 2222 der Bibl.
Nat. von Paris „Arzt und Philosoph", was sich mit dem Mönchstum
des Ersten vereinigen Hesse. Nach Voigt und Winter fällt die
Lebenszeit des Meletios zwischen 600 und 800 n. Chr.
Ausgaben: a) Meletii commenlarius de natura hominis e codice
Cracoviensi ed. Fr. Ritschi, Breslau 1837, 4*', 32 S. (nur den Anfang
enthaltend).
') Ueber andere diätetische Schriften dieser Zeit vergl. Haeser I, 486; Darem-
berg, „Notices et extraits'' passim und die kleinen Abhandlungen bei Ideler.
2) V. Töply a. a. 0. S. 45—48; Corlieu a. a. O. S. 151.
^) Für diese Schrift war nach v. Töply (a. a. 0. S. 32—36) des Gregorios
von Nyssa (geb. 332 in Caesarea in Kappadokien, seit 372 Bischof von Nyssa und
dort 395 gestorben) Abhandlung von der Erschaffung des Menschen (deutsch von
Dr. Franz Oehler, Leipzig 1859, 8°, 315 S.) Vorbild. Diese Schrift ist wie der
„Timaios" des Pia ton „ein von reicher Phantasie getragener Flug durch das Ge-
biet der Physiologie" in 30 Kapiteln. Kapitel 30 enthält eine kurze ärztliche Be-
trachtung des Körperbaus. Charakteristisch für die oben skizzierte theologische Auf-
fassung der Medizin ist der Anfang von Kap. 30: „Ueber die genaue Einrichtung
unseres Körpers belehrt sich ein jeder aus dem, was er sieht, erlebt und empfindet,
und hat dabei seine eigene Natur zur Lehrerin (!1. Indes können wir auch die
von in diesem Fache tüchtigen Gelehrten in Büchern ausgearbeitete Darstellung
dieser Dinge vornehmen und in allem genaue Studien machen. Von diesen Ge-
lehrten haben einige durch Anatomie sich über die Lage aller einzelnen Teile in
uns unterrichtet, andere haben erforscht und auseinandergesetzt, wozu alle Teile des
Körpers vorhanden sind, so dass sich von hier eine Quelle ausreichender Kenntnis
der menschlichen Einrichtung für die eröffnet, welche dafür Teilnahme besitzen.
Sollte jedoch jemand sich lieber die Kirche als Lehrerin über alle diese
Dinge wünschen, um für nichts einer von ausserhalb kommenden
Belehrung zu bedürfen — so wollen wir in kurzen Worten auch darüber eine
Auseinandersetzung geben." Gregorios unterscheidet als Haaptgruppen der
Körperteile 1. lebenswichtige: Gehirn, Herz, Leber; 2. als Zuthat, um gut zu leben:
Sinnesorgane; 3. zur Sicherung der Nachkommenschaft; 4. als gemeinsame Grund-
lage zur Erhaltung der anderen: Magen, Lunge.
Byzantinische Medizin 559
b) Anecdota graeca e codd. manuscriptis bibliothecarum Oxoniens,
descripsit J. A. Gramer, Oxford 1836, Bd. UI, 8 », S. 1—157 (Mehriov
TteQL Tfjg ToD avd-Q(l)iTOv y.aTaö/.6vf^g).
Lateinische Uebersetzung : Meletii philosophi de natura struc-
turaque hominis Opus. N. Petreio CorcjTaeo interprete; Venedig
1552, 4**, 291 S. (sehr selten; vgl. dazu L. E. Bachmann, „Quaestio
de Meletio graece inedito ejusque latino interprete Nie. Petreio"
Eostock 1833, 4«).^)
Def Inhalt der Schrift des Meletios ist (nach der Ausgabe von
Gramer):
A. (S. 1 — 51). Vorrede mit Angabe der Kapitel, Einleitung.
B. (S. 51 - 142). 1. Kopf, Kopfknochen, Näthe. 2. Augen. 3. Nase,
Geruch. 4. Augenwinkel. 5. Wangen. 6. Kiefer. 7. Ohren. 8. Bart.
9. Antlitz. 10. Mund. 11. Stimme. 12. Atmung. 13. Brustkorb.
14. Hals, Wirbel, Rückenmark. 15. Rippen. 16. Rippenfell, Zwerchfell.
17. Lungen, Herz u. s. w., zuletzt Haut und Haai'e.
C. (S. 142—157). Seele.
Meletios fasst seinen Gegenstand von einem allgemeinen Stand-
punkt auf und verzichtet auf Selbständigkeit. In der Vorrede sagt
er, dass weder Hippokrates noch Galen, noch Sokrates, noch
Basileios, Gregorios von Nyssa, Ghrysostomos, Kyrillos
den Gegenstand vollständig bearbeitet hätten. Er habe das in deren
Werken Zerstreute gesammelt und ein abgeschlossenes Werk geliefert.
Das dreissigste Kapitel des Werkes des Gregorios von Nyssa diente
ihm als Vorlage (Winter a. a. 0. S. 19). Auch Nemesios ist be-
nutzt (W i n t e r S. 23). Die Etymologie stammt aus S o r a n o s. Auch
die Tiergeschichte des Aristoteles ist benutzt, aber nicht im Urtext,
ebensowenig wie Hippokrates. Die meisten Autoren werden wohl
nach Nemesios citiert (v. Töply S. 48). Die ganze von krassester
Teleologie erfüllte Schrift bietet geringe anatomische Ausbeute).^)
Die Schriftsteller des neunten bis zwölften Jahrhunderts:
Leo. 3)
Ein unter dem Kaiser Theophilos (829 — 842) lebender Jatro-
sophist Leo ist der Verfasser von zwei Schriften:
1. Ivvoipig iaTQiTO] in 7 Büchern, für einen jungen Arzt Georgios
verfasst, herausgegeben von Ermerins, Anecdota medica graeca,
Leyden 1840, S. 79—221.
2. yleovTog oüvoipig eig Tr]v (pvaiv tov ävd^qdjTtov xi Ion ipvx^. Ein
^) Vgl. ferner Paul Voigt, „Sorani Ephesii Über de etymologiis corporis
hnmani quatenus restitui possit". Dissert., Greifswald 1882, 8**, 52 S. — E. Zarncke,
„Symbolae ad Julii Pollucis tractatum de partibus corporis hnmani". Leipzig 1884,
8**, 45 S. — L. Scheele, „De Sorano Ephesio medico etymologo", Strassburg 1884,
8". — A. Winter, „Meletios und Orion". S.-A. aus Festschr. zur 250 j. Jubelfeier
des Gymnasiums zu St. Maria Magdalena zu Breslau, 1893, 4**, 34 S.
'^) Ueber einige noch unveröffentlichte Codices, deren Inhalt vielleicht mit
Meletios zusammenhängt, vergl. Töply S. 48 Anmerkung.
^) Costomiris a. a. 0. IV S. 99 ; E. Gurlt a. a. 0. 1, S. 590— 591 ; J. Hirsch-
berg a. a. 0. I, 365 — 366; K. Krumbacher a. a. 0. S. 614.
560 Iwan Bloch.
Auszug aus dem Werke des Meletios. Von Daremberg in der
Bibliothek des Escurial entdeckt. ^)
Die Synopsis, ein Handbuch der gesamten Medizin, zerfällt in
7 Bücher. Buch I enthält die Fieberlehre; Buch II die innerlichen
Krankheiten des Kopfes; Buch III die Augenleiden, welche nach
Hirschberg ziemlich selbständig bearbeitet sind (Empfehlung von
Bädern und Diät bei Phthisis bulbi mit Verwerfung der von Orei-
basios und Paulos empfohlenen Kollyrien ; anXotofila bei Trichiasis
= B u r 0 wsche Operation; Erwähnung des Blutergusses der Konjunktiva
= aif.iarig [Purpurgewand], der Pupillenverengerung = av/^iTtrwoig, der
Anschoppung oder Verstopfung des Sehnerven = TtagefiTtrcootg [„Diese
Kranken sehen nicht, obwohl sie am Auge selber nichts haben"];
Paracentese bei Star, dessen Diflferentialdiagnose vom Mückensehen);
Buch IV die Krankheiten der Nase, Ohren, des Schlundes, der
Atmungs- und Cirkulationsorgane ; Buch V die Affektionen des Ver-
dauungstraktus ; Buch VI die Harn- und Genitalleiden, Hernien u. s. w.;
Buch VII Haut- und äusserliche Leiden (in cap. 5 treffende Schilderung
des Oedems ; cap. 23 über Sehnen- und Muskelzerreissung), Geschwülste.
Photios.'^)
Eine kurze Erwähnung verdient Photios, der unter Michael III.
lebende Patriarch von Konstantinopel (ca. 820—891 n. Chr.), in dessen
aus 279 Büchern bestehender „Bibliothek" oder „Myriobiblon" (ed.
J. Bekker, Berlin 1824, 4", 2 Bde. und bei Migne, „Patrologia
Graeca", Paris 1860, Bd. 101 — 104) Auszüge und Kritiken des Dios-
kurides (Cod. 178), Oreibasios (Cod. 216—219), Aetios (Cod. 221),
Theophrastos (Cod. 278) enthalten sind.
Theophanes Nonnos.^)
Der Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos (912 — 959),
selbst ein grosser Polyhistor, liess durch Gelehrte encyklopädische
Excerptensammlungen aus allen Wissenschaften anfertigen und beauf-
tragte den Arzt Theophanes Nonnos mit der Aufgabe, einen Aus-
zug der ganzen Heilkunde herzustellen. Dieses Werk in 297 Kapiteln
beruht vorzüglich auf Oreibasios, Aetios, Alexandros von
Tralles, Paulos Aiginetes.
Ausgaben: a) "EjtiTOfxri rfjg latQiycfjg aTtdarjg te%vrig, Strassburg
1568, 8** (griech. und lateinisch).
b) Theophanis Nonni epitome de curatione morborum Graece et
Latine. Ope codicum mss. recensuit notasque adjecit Jo. Steph.
Bernard, Gotha u. Amsterdam 1794 — 1795, 2 Bde., 8® (gute Aus-
gabe).
Die Schrift wird auch kurz "laxQivMv genannt und in mehreren
Hss. fälschlich dem P seilos zugeschrieben.'*) Theophanes macht
^) Vgl. Ch. Daremberg, „Histoire des sciences medicales", Paris 1870, Bd. I
S. 242.
^) E. Meyer a. a. 0. III, 338—341; E. Gurlt im „Biogr. Lexikon der hervorr.
Aerzte" Bd. VI S. 963; Hergenröther, „Photius", Kegensburg 1867—1873, 8*>,
3 Bde.
») Hecker a. a. 0. II, 236-241; Corlieu a. a. 0. S. 151—152; Costomiris
a. a. 0. IV, S. 100; Hirsch berg a. a. 0. I, 366-367.
*) Vgl. Leo Allatius, „De Psellis eorumque scriptis", Eom 1634.
Byzantinische Medizin. 561
in dem z. Tl. aus der Synopsis des Oreibasios abgeschriebenen Vor-
wort den Anspruch, alles Wichtige gesammelt zu haben {^tr]Ö6v xctra
dvvctf.iLv Tü)v ävayxaiiüv vtzbqoqwv Prooem. S. 6 ed. Bernard), ver-
schweigt aber die Namen der von ihm geplünderten Schriftsteller, ver-
schmäht Krankheitsbeschreibungen, während er dagegen den Arznei-
schatz seiner Zeit wohl vollständig gesammelt hat und selbst in der
Chirurgie medikamentöse Behandlung vorzieht. Bemerkenswert ist,
dass Theophanes die Existenz und Möglichkeit von Herzleiden
leugnet (cap. 134). Den auf Entzündung des Mastdarms beruhenden
Stuhlzwang nennt er ßiaaf.t6g (cap. 169). Anzuerkennen ist, dass
Theophanes sich vom Aberglauben seiner Zeit möglichst freihält
und die dämonistische Aetiologie der Epilepsie bestreitet (cap. 36).
In der Augenheilkunde kennt er die traumatische Reizung (rdga^ig),
die einfache Augenentzündung (oqp^aA///a), die stärkere Augenentzündung
((pleyi.iovrj) und die heftige Augenentzündung mit Erhebung der Aug-
apfelbindehaut {xr]fitoaig). Er erwähnt unter den Kollyrien auch ein
„elegantes" {xQvcpsQov).
Eine Diätetik des Theophanes und ein Werk evTtÖQiata
in 725 Kapiteln sind handschriftlich in der Pariser Nationalbibliothek
erhalten.
Michael Psellos. ^)
Michael Psellos (als der jüngere von dem älteren gleich-
namigen Zeitgenossen des Photios unterschieden) wirkte in der
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts am Hofe von Byzanz (geboren
1020) und war zuletzt Erzieher des jungen Kaisers Michael Dukas
(1071 — 1078), ausgezeichnet durch eine umfassende Gelehrsamkeit auf
philosophischem, naturwissenschaftlichem und medizinischem Gebiete.
Ob die unter dem Namen des jüngeren Psellos gehenden Schriften
alle von diesem herrühren, bedarf noch einer genauen kritischen
Untersuchung. Es sind folgende:
1. J LÖaG-Kalia jtavxoöartri, eine allgemeine Encyklo-
pädie in 157 (bezw. 197) Kapiteln, herausgegeben von Fabricius,
Biblioth. graeca V S. 70 ff. (cap, 156 handelt vom Heisshunger).
2. UeqI diaiTrjg, de victus ratione, lateinisch, Venedig
1498, fol., Herford 1499, 4";. - Basel 1529 u. 1557, 8«. - Griechische
Ausgabe unter dem Titel '^vwvvfdov nsQt xv(.iu)v, ßQiofidrtov xal 7tio(.id-
rtov bei I de 1er II, 257 — 281. Die Uebersetzung hat 2 Bücher in
66 Kapiteln, das Original ein Buch in 92 Kapiteln. (Bespricht die
vegetabilischen und animalischen Nahrungsmittel und ihre Wirkungen ;
empfiehlt u. a. frischgemolkene Milch zum Frühstück ; Aloe und Wer-
mut als kräftige Magenmittel.) Wohl z. Tl. identisch mit dieser
Schrift ist:
3. IvvTayßa xov (.laY-aquoTdrov TeXXov exXeyev ärtb la-
XQIY.G)V ß i ßXlwv Tcal b-kteS-sv Tcaia atoixeiov tibqI dvvdfXBcog
TQOcpCüV v.al rfjg b^ avrwv ut(pBXBiag xat ßXdßtjg bv Y.Bcp. qXg'
ojv b Ttiva^ «z«' o&'xwg (Codd. von Paris; nach griechischen, per-
sischen, arabischen und indischen Aerzten gearbeitet, wie der Autor
1) Leo Allatius a. a. 0. S. 14ff.; Hecker a. a. 0. U, 290—300; E. Meyer
a. a. 0. ni, 350 — 356; A. Corlieu, ,, Michael Psellos ou le begue" in: Paris med.
1884 S. 325—327: Ders., „Les medecins grecs" etc. S. 153—155; Costomiris
a. a. 0. 1897 Bd. X S. 68-69.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 36
562 Iwan Bloch.
in der Vorrede bemerkt. Nach Costomiris ist diese Schrift voll-
kommen identisch mit der des Simeon Seth TtEQi rgocpCöv dvväf.iuov
ed. Langkavel, Leipzig 1868]. Nur hat Seth noch einige Kapitel
linzugefügt (S. 18 ed. L. Ttegl aQttov; S. 22 7t. augag, 7t, ä/tivkov;
S. 30 7t. ßaXaviojv, 7t. ßovy'kibooov, 7t. ßQojiLiov] S. 33 7t. ya^sl^iov [Ä?;/w)/].
Es fehlt das Kapitel des Psellos 7t. öog^dötov). — Vgl. unten Simeon
Seth.
4. TOV V7t€QTlf.lOV 7tQ OeÖQOV TCal VTtCCTOV T ä) V CflXo-
aöcpojv xvQOv ML%ariX tov TeXXov, 7t€Ql tov 7t wg al avXXij-
ipeig yivovtai. Ueber die Konzeptionen. (In 6 Kapiteln, von
denen I und V bei Fabricius V, S. 128 in der JiöaaKaXia 7tavtoda7tri
veröffentlicht sind. Die übrigen vier sind von Ruelle im „Annuaire
de l'Association pour l'ens. des Etudes grecques en France", 1879
S. 267—269 publiziert).
5. Tov aocpcüTUTOv WeXXov -/.al v7teQTi^ov Ttegl XlS-cov
övvdfxsiov. Ueber die Kräfte der Edelsteine (ed. Maussac,
Toulouse 1615, gr.-L; ed. Bernard, Leyden 1795, gr.-l.; Ideler I,
244—247; handelt in 26 kurzen Kapiteln von den Heilkräften der
Edelsteine. Der Amethj^st heilt Trunksucht und Kopfschmerz, der
Beryll Krämpfe, Augenentzündungen und Gelbsucht, der Jaspis die
Epilepsie, der Diamant Fieber u. s. w.; vielfach sind Ideen des
Anaxogaras, Empedokles, Demokrit, Alexandros von
Aphrodiasis benutzt). [Ueber „Edelsteinmedizin" vgl. H. Fühner
„Beiträge zur Geschichte der Edelsteinmedizin in : Berichte der Deutsch.
Pharmaceut. Gesellsch. 1901, X S. 435—441].
6. növrjfxa laTQfKov ccqiotov öi' id(.ißo)v, Bruchstücke
einesKompendiums der gesamten Medizin in 1373 Versen
(ed. J. Fr. Boissonnade in Anecd. graeca, Paris 1829, Bd. IS. 175 ff. ;
bei Ideler I, 203 ff. ; enthält hygienische und diätetische Vorschriften
und eine Prognostik).
7. Tleql XovzQov, Ueber das Bad (bei Ideler II, 193 in
21 Versen, wahrscheinlich ein Bruchstück von Nr. 6).
8. UsqI yiaivä)v övo[.idTix)v rCov ev voGrjiiao tv, medi-
zinisches Lexikon (ed. F. Boissonnade, „Anecd. graeca" I,
233 ff.; Verzeichnis der in der Medizin gebräuchlichen Benennungen.)
9. Tleql yecüQyL-nöjv, Ueber den Landbau (ibidem S. 242
bis- 247).
10. neQi evsqyeiag öaifxövojv, Ueber die Wirkung der
Dämonen (ed. Boissonnade, Nürnberg 1838, 8*^).
11. 'E7tLXvaeig ovvTOf.ioi cpvOiyiCüV ^rjrrjfidrojv (ed. See-
bode, Gotha, 1840, 4«).
12. Tov aocpwrdrov '/.al VTteqrii^ov MLxarjX %ov WeXXov
avvTO/.iog y.al aacpeOTdxri e^riyrjo tg eig trjv cpvatzrjv dxQÖaatv
tov "JqioxoreXovg (versio latina, Venedig 1544 [Aldinaj ; griechische
Hss. in München und Paris).
13. Fragen und Antworten über medizinische Gegen-
stände (Ms. 2155 der Pariser Bibliothek).
14. Sammlung medizinischer Grundsätze in 205 Ka-
piteln (Ms. 2230 Paris p. 71).
15. Synopsis der gesamten Heilkunst (Ms. 2236 von Paris
p. 61; wohl identisch mit 14; beide dem Kaiser Konstantinos
Porphyrogennetos gewidmet, also nicht vom jüngeren Psellos
herrührend).
Byzantinische Medizin. 563
Simeon Seth. ^}
Simeon Setli war ein Zeitgenosse des Michael Psellos,
dessen Schriften er vorzüglich als Quellen benutzt hat. Er führt in
einigen Hss. den Titel nQtoToßeotidqiog = Obergarderobenmeister und
fiayioTTjQ 'Jvzioxslag = Oberaufseher des von Antiochos erbauten
Palastes. Schon Leo A Hat ins (a. a. 0. S. 33) erklärt Simeon
Seth für einen Nach- und Abschreiber des Psellos, welche Ansicht
jetzt nach den Forschungen von Costomiris als berechtigt angesehen
werden muss, da seine Hauptschrift vollkommen mit einer im Ms. er-
haltenen des Psellos über dasselbe Thema übereinstimmt. Diese
Schrift des Simeon Seth führt den Titel:
1. Ivvtay (.la -Kctta OTOi^elov Tteql %Qoq)(öv dvvdfieioVy
Alphabetische Sammlung über die Heilkräfte der Nah-
rungsmittel, dem Kaiser Michael Dukas (1071 — 1078) ge-
widmet (Basel 1538, 8*^, Gr. et Lat; ed. M. Bogdan, Paris 1658,
8«, ed. Langkavel, Leipzig 1868, 8").
In der Vorrede bezeichnet der Verfasser „viele gelehrte Aerzte
in Griechenland, Persien, Arabien und Indien" als seine Quellen, unter
ihnen Hippokrates, Theophrastos, Galen, Dioskurides,
Aetios, Oreibasios, Paulos, Proklos, Rufus, Philotimos.
Es ist die erste Schrift über Arzneimittellehre, welche die arabische
und indische Materia medica systematisch heranzieht und ausgiebig be-
nutzt, daher höchst wichtig für das Studium der Beziehungen zwischen
morgen- und abendländischer Medizin. Die vegetabilischen und
tierischen Nahrungs- und Heilmittel sowie die Gewürze und Aromata
werden nach dem Alphabet erläutert, ebenso Brechmittel nach den
Mahlzeiten. U. a. wird hier zuerst des Kamphers {Kacpovgä) nach
arabischen Nachrichten gedacht, und seine depotenzierenden Wirkungen
werden erwähnt, ferner Moschus, '■*) Ambra, die berauschende
Wirkung des Haschisch {KavvaßovQÖOTteqixa), Gewürznelke, Muskat-
nuss {KccQvov dcQU}f.iatix6v). Reichlicher Genuss von Taubenfleisch be-
wirkt Aussatz. Der Geruch des Harns nach Spargelgenuss wird her-
vorgehoben. Die arabischen Heilmittel wie Julep (tovXdTtiov), Syrupe
(z. B. Veilchensyrup ioodxaqov gegen Brustleiden) werden hier zuerst
erwähnt.
2. ^iXoaocpiTcä xal iarQixd bei Ideler II, 283 — 285 (über
Geruch, Geschmack und Gefühl).
3. Iv(.iscov Tov Ir]d- Xs^ iTibv xaTcc &lq)dßrjTOV, egfxrjvsüov
ä-AQißwg zag (iordvag, ein botanisches Lexikon (Ms. in Wien).
4. Ivvoxpig Tteql ovqwv, Abhandlung über den Urin
(Ms. in Wien).
5. nlva^ rtsQi 7t a LT hg t(üov, „Geschichte der Tiere".
6. IvfXEwv fxaylatQov tov Irjd- avvoipig twv (pvaLx.iöv,
Abhandlung über Physik (Ms. 2372 Suppl. grec 496, Paris).
7. Abhandlung über Diätetik (Daremberg, „Notices et
extraits").
^) Hecker a. a. 0. H, S. 300—305; Mever a. a. 0. III, 356—365; Corlieu
a. a. 0. S 155—158; Costomiris a. a. 0. 1897 Bd. X S. 70—71.
^) Vgl. C. F. Heusinger, „Meletemata quaedam de antiquitatibus Castorei
et Moschi", Marburg 1852, 4°.
S6*
564 Iwan Bloch.
8. Schrift gegen die philosophischen Theorien des
Galen (Daremberg ibidem; Puccinotti a. a. 0. II, 200).
Damnastes.
In der Laurentiana zu Florenz (Pluteus 74 cod. 2 fol. 281 verso
Ms. saec. XI) ') befindet sich eine sehr interessante, nach Stil und In-
halt aus dem 11. Jahrhundert oder aus etwas früherer Zeit stammende
Schrift eines Arztes Damnastes (Ja/nvaorqg) über die Behandlung
der schwangeren Frauen und der Embryonen unter dem
Titel : Jaf-ivaarov €v. rov Ttegl y.vovo(x)V xat ßqscpwv S^sQUTtelag in 4 Kapiteln :
I. 7t. Tü)v yovlficüv y.al rekeiovi^evcüv. 2. t6 öxrajirjvialov. 3. to svvea-
ftrjvialov. 4. rö öexafir^vialov.
N i k e t a s. 2)
Erwähnung verdient an dieser Stelle die von Niketas (Ende des
II. Jahrhunderts) veranstaltete Sammlung chirurgischer Abhandlungen
aus HippokrateSjApollonios von Kitium, Soranos, Rufus,
Galen, Oreibasios, P a u 1 o s und P a 1 1 a d i o s (schöner Florentiner
Codex mit Abbildungen; davon ein Teil gedruckt in der griechisch-
latein. Ausgabe von A. Cocchi, Florenz 1754, fol., enthält des
Soranos und des Oreibasios Abhandlungen über Frakturen der
Knochen).
Synesios.^)
Ein Zeuge für die innige Verbindung zwischen arabischer und
byzantinischer Medizin ist der Arzt Synesios, der einen Teil des
„Reisehandbuch" („Zad al Mosafer") des arabischen Arztes
Dschafer Ahmed ben Ibrahim el Dschezzar (zwischen 961
und 1009 n. Chr.) ins Griechische übersetzte. Die griechische Ueber-
setzung führt den Titel: 'Ecpööia rov änodrjinovvTog. Eine voll-
ständige griechische Uebersetzung wird in Hss. dem Konstantinos
"PTqylvog oder Me^cplTr]g zugeschrieben, eine lateinische dem
Constantinus Africanus. Auch eine hebräische Uebersetzung
(Dzedat el derachim) existiert.*)
Die Uebersetzung des Synesios enthält nur zwei Bücher, von
denen das erste, über die Fieber, herausgegeben ist (ed. St.
Bernard, Amsterdam und Leyden 1749, 8") und durch die darin
vorkommende Schilderung der Pocken und Masern bemerkens-
wert ist.
^) Vgl. Bandini, „Catalogus Bibliothecae Laurentianae", Florenz 1770, Bd.
III S. 47.
^) Vgl. H. Schöne in seiner Ausgabe des ApoUonios von Kitium. Leip-
zig 1896.
•'') Vgl. Ch. Daremberg, „Notices et extraits etc.", Paris 1853, S. 69—93;
Puccinotti a. a. 0. Bd. II Tl. 1 S. 333; Corlieu a. a. 0. S. 158—161; Costo-
miris a. a. 0. 1891 Bd. IV S. 101—110.
*) Vgl. Kopp, ., Beiträge zur Geschichte der Chemie", Braunschweig 1869,
Bd. I S. 148.
Byzantinische Medizin. 565
Stephanos Magnetes.^)
Unter den Namen des Dioskurides und Stephanos von
Athen geht ein alphabetisches Arzneibuch des 11. Jahrhunderts, das
wahrscheinlich von Stephanos Magnetes herrührt:
1. Bißkog J loV'KOVQiöov xal Zts qxxvov ^d-rjvaiov tov
(pikoaöcpov 7tEQL^%ovaa cpagiuccxtuv kf-iTreigiag /.ata äXqxx-
ßr^tov aocpcjg hre^elaa (Ms. der Wiener Bibliothek).
2. Alphabetum empiricum etc. ed. Caspar Wolph, Zürich 1581,
8 ". Die Krankheiten und die Heilmittel derselben werden alphabetisch
aufgezählt, unter letzteren „ßha barbarum", „Kha Indicum" ; „Rheum
Indicum", der Rhabarber.
Schriftsteller des 13. und 14. Jahrhunderts:
' Demetrios Pepagomenos.^)
Eine vortreffliche Monographie über die Gicht verdanken wir
dem Demetrios Pepagomenos, Leibarzte des Kaisers Michael
Palaiologos:
1. IvvTayf.ia Ttegl rfig tt o tf ci y (> a g , Abhandlung über die Gicht
(ed. A. Turnebus, Paris 1558, 12*^, gr. 1.; ed. Chartier in Opera
Hippocratis et Galeni vol. X; ed. J. St. Bernard, Leyden 1743, 8").
Im Anschlüsse an Alexandros von Tralles und Paulos er-
örtert Demetrios die Theorie und Therapie der Gicht, die auch
Herz, Leber und Gehirn ergreifen kann, durch die Lebensweise (krank-
hafte Erzeugung von 7tsQi%T(l)f.iaTa und deren Bewegung = Qev(.ia-
riafxog nach dem leidenden Teile) erzeugt wird und hereditär ist. Ab-
führungen, Brechmittel, diätetische Massregeln, Gebrauch der Senna
(aife), sparsame Anwendung des Aderlasses bei vollblütigen Gichtikern,
Verbot des Alkohols sind die Hauptmittel des Demetrios.
2. rieQi Tfjg tCjv leQa'Köjv ävar QO(pfj g re xal d-egoTtelag
über die Ernährung und die Krankheiten der Jagdfalken
(ed. Rigaltius in: Hierakosophion, Paris 1612, 4").
Ebenfalls über die Gicht schrieb
Joannes Chumnos,^)
Er war ein Sohn des Nikephoros Ch. (2. Hälfte des 13. Jahr-
hunderts) und bekleidete das Hofamt eines Ttagaycoif-twi^tevog rfjg f.isyälr]g
Gcpevdövrjg. Seine Schrift betrifft die prophylaktische Diät bei
Gicht:
JlatTa TtQOfpvXay.Tixr] eig 7to6dy Qav {eö..FT. Boissonnade
in: Anecdota Nova Paris 1844, S. 203—222).
^) E. Meyer a. a. 0. ni, 365—379.
2) Hecker a. a. 0. III S. 318-325; Corlieu a. a. 0. 165—167; E. Legrand
in: Bibliographie hellenique 1885 Bd. I S. CXIXff. und Bd. II S. 397 ff.
=>) K. Krumbacher a. a. 0. S. 482.
566 Iwan Bloch,
Nikolaos Myrepsos.^)
Nikolaos, mit dem Beinamen (.ivQEipög, unguentarius, war aus
Alexandria gebürtig und lebte später als &viTovaQwg am Hofe des
JoannesDukasVatatzes (1222—1255) zu Nicaea und verfasste eine
grosse Eezeptsammlung, das Jvvaf.isQÖv in 4^ Kapiteln (Titel der-
selben bei Corlieu 68 — 69) und mit 2656 Arzneivorschriften, das im
Original bisher noch nicht gedruckt ist und eine „wüste Masse von
Rezepten zur Anfertigung zusammengesetzter Medikamente" darstellt
(Verzeichnis der citierten Namen beiFabricius, Bibl. gr. XIII, 9 ff.).
Die Schrift ist zwischen 1270 und 1290 n. Chr. verfasst. Sie steht
in engen Beziehungen zu den lateinischen „Antidotaria" des Mittel-
alters, von denen das erste ein zur Zeit des Aetios lebender Niko-
laos, später ein solches der Salernitaner Nicolaus Praepositus
verfasste, das dem 200 Jahre später lebenden Nikolaos Myrepsos
sicher bekannt war. Im 14. Jahrhundert hat Nicolaus von Eeggio
(Nicolaus Rheginus) das Werk des N. Myrepsos ins Lateinische
übersetzt, welche Uebersetzung mit dem Antidotarium des N. Prae-
positus von J. Agricola Ammonius zu einer Ausgabe ver-
schmolzen wurde (Ingolstadt 1541, 4"). Spätere latein. Ausgabe: ed.
L. Fuchs, Basel 1549, fol.^)
Joannes Aktuarios.^)
Den wahrhaft glänzenden Abschluss der byzantinischen Medizin
verkörpert Joannes, der Sohn des Zacharias, ein Schüler des
Philosophen Rakendytes, mit dem Titel äxTovccQwg, unter Kaiser
Andronikos III. (1328-1342), ein gelehrter Arzt und zugleich ein
sehr geschickter und selbständiger Praktiker, der in letzterer Beziehung
ausgezeichnete Grundsätze entwickelt (siehe die Stelle in tveqI ovqwv
bei I de 1er II, 190). Seine Schriften sind folgende:
1. 6>€(>a7rei;zrtx r||U«^o(5og, Methodusmedendi in 6 Büchern,
dem Apokauchos gewidmet (Inhaltsangabe Ms. gr. de Paris 2305
f ol. 399 : ejiel de TteqL re öiayvwaewg xai alz lag voarjfidiwv siQt]-
rai ev rolg jVQoreQoig oval Xoyoig [Lib. I u. II], h> öe tolg fiet' ex«/-
voig övalv ercQoig [Lib. III u. IV] Saa fjycev eig ^EQa7tevtL-Kr]v
fi^-9-oöov tG)v y.a%a (xiqog Tta&Cjv h voreqoig de zovTOtg
Tolg oval ßißXioig [Lib. V u. VI] etQrjxai oaa öoxel IvaireXeiv qxxq-
fiayia e^tl re töjv evTog Ttad^rifidrojv naga Xafißavofievrj y.al eTtl
tG)v Ixt 6g.
Ausgaben: Griechischer Text der ersten beiden Bücher Ttegl
öiayvcbaeiog Ttad-wv bei Ideler II, 353 — 464; latein. Ueber-
setzung der beiden letzten pharmakologischen Bücher, De medicamen-
torum compositione ed. Ru eil ins, Paris 1539, 8*^; Basel 1540, 8*^;
^) Hecker a. a. 0. II, 329—334; Meyer a. a. 0. III, 381-386; Corlieu
a. a. 0. S. 167—171; Costomiris a. a. 0. 1897, X. 406—414.
^) Das JvvafiBQÖv des Nikolaos Myrepsos bUdete lange Zeit besonders für
Frankreich den „Codex medicamentarius", die offizielle Pharmakopoe. Vgl.
darüber Corlieu a. a. 0. S. 170 und J. A. Hazon, „Eloge historique de la Faculte
de medecine de Paris", Paris 1773, S. 56.
ä) Hecker a. a. 0. II, 335—358; Meyer a. a. 0. HI, 386—390; Corlieu
a. a. 0. S. 161—163; Costomiris a. a. 0. X, 414—445.
Byzantinische Medizin. 567
aller 6 Bücher: Methodi medendi libri VI ed. Mathisius, Venedig
1554, 4«.
Die Therapie des Joannes ist eine milde mit Benutzung indiffe-
renter Mittel, kühlender Diät, belebender Pflanzenmittel. Stets betont
er die Individualisierung (Lib. V cap. 11). Er kennt die innere
Wirkung äusserlich angewandter Arzneien (V cap. 10), schildert treff-
lich die Bleivergiftung (V, 12) und erwähnt zuerst den Peitschen-
wurm, Trichocephalus dispar (Lib. I cap. 21).
2. Sehr wertvoll ist des J o a n n e s Monographie überdenHarn,
TtsQi ovQwv in 7 Büchern (bei Ideler II, 1 — 193; latein. Venedig
1519, 4 ", Paris 1548, 8 ^). Der Harn ist die Colatur des Blutes {TteQiijdrjfxa
aLiAarog), weshalb auch der Puls bei der Uroskopie beachtet werden
muss (Lib. II cap. 26). Das Hamgefäss soll aus weissem Glase sein,
in Gestalt eines Trinkglases. Ueber Bodensatz, Farbe, Wolkenbildung
des Urins macht er sehr interessante Mitteilungen.
3. Nicht minder bemerkenswert ist eine psychologische Schrift
UsqI iiVegyeiCbv y.ctl Ttad^Cov xov ipvxt^ov 7ivev(.ia%og xat T^g
v.a%^ avTo dialTr]g, lieber die normalen und abnormen
Thätigkeiten des Seelengeistes und die auf dieselben
bezügliche Diät, in 2 Büchern (ed. J. F. Fischer, Leipzig 1774,
8» gr. — Ideler I, 312—387 — Latein, ed. Jul. A. de Neustain,
Venedig 1547, 8").
Das Pneuma bildet die materielle Grundlage der Seele und ist
Ursache der verschiedenen Seelenthätigkeiten. Da das Pneuma er-
kranken kann, so wird durch körperliche Krankheiten auch die Seele
beeinflusst (Lib. I cap. 5). Als Geistesthätigkeiten werden sinnliche
Wahrnehmung (aiadi^aig), Einbildungskraft ((pccvraaia), Urteilsvermögen
{ftegog do^aatixöv), Verstand (didvoia) und Vernunft (vovs) unterschieden.
(Lib. I cap. 10). Die Vernunft ist am meisten unabhängig vom
materiellen Pneuma psychikon (I cap. 4). Vortrefflich werden die
Beziehungen zwischen (Gedächtnis und Einbildungskraft erörtert (I, 9),
bemerkenswert ist die Lokalisat ion der einzelnen Geistesthätig-
keiten in einzelnen Ilirnpartien (I, 9; I, 19). Die fehlende Ver-
vollkommungsfähigkeit der Tiere ist ihr Hauptunterschied vom
Menschen (I cap. 1 — 2). Die Lebensordnung in ihren Beziehungen
zur Geistesthätigkeit wird in Buch II besprochen (Nahrung, Getränke,
Schlaf, Gymnastik, Bäder u. s. w.).
^. tibqI cpXۧoTOf.iiag, Ueber den Aderlass (Ms. in Dresden).
5. Ueber Dysurie und Lebensordnung (Fabricius, Bibl.
gr. XII p. 638).
6. Ueber Gewichte (ibidem p. 639).
7. Kommentar zu den Büchern des Aristoteles „Von
der Natur" und ,.Von allen Erdtieren, vom Meere und
den Vögeln" (Costomiris a. a. 0. S. 415—416).
Nachträge.
Zu Oreibasios (oben S. 521 Schluss). Costomiris (a. a. 0.
1890 (Bd. III S. 148 ff.) entdeckte einen Auszug aus einer verlorenen
Schrift des 0. über die Augenkrankheiten, 'Ocp^aljuixa de
remediis oculorum (suppl. grec de Paris 446 fol. 35 v. bis 38 v. saec X)
in 39 Kapiteln.
568 Iwan Bloch.
Ins 10. Jahrhundert gehört der Mönch M erkurios, Verfasser
einer kleinen Pulslehre mit einer äusserst subtilen Diagnostik. Aus-
gaben: Msq'kovqIov Mov dxov ävayKaiOTcxzr] öiöa(Ty.ttXla 7t sqI
acpvyi^cbv. Mercurii Monachi Pernecessaria de pulsibus doctrina ed.
Salvator Cyrillus, Neapel 1812, 8», 63 S.; und bei Ideler I, 254ff.
Ein Doppelrezept eines x4.rztes Magistrianos gegen den Aus-
satz steht im Cod. Vindob. gr. 45 fol. 74 v.
Die Vorliebe für die Uro skopie ist ein cliarakterischer Zug der
byzantinischen Medizin. Ausser den erwähnten Schriften des Joannes
Aktuarios, Simeon Seth und Theophilos existieren noch in
Hss. eine Schrift des Joannes Tzetzes Ttegl ovqwv (Ms. Oxford,
Paris) und eines Isaak Taxeotes, eines syrischen Arztes, "laaax.
SvQOv %ov Ta^Eibrov Tteql ovqojv (Cod. Escur. I, II, 14 s. XVI), auf
welche Schrift sich wohl der Salernitaner Maurus im Anfang seiner
„Regulae urinarum" bezieht, wo das Werk eines Isaak über den Urin
erwähnt wird.
üebersicht über die ärztlichen Standesverhältnisse in der
west- und oströmischen Kaiserzeit.
Von
Iwan Bloch (Berlin).
Litteratur
(in chronologischer Reihenfolge).
SpoHf „Recherches curieuses de l'antiquite", Lyon 1683, 4°, S. 326 — 340. —
E. Cr. Baldingerf „Introductio in notitiarn scriptorum medicinae militaris" ed. II,
Berlin 1764, S". — &. Chr. Henrici, „Quaestio gnibus modis militibus in piigna
vulneratis succurrerint Romani (I—IX)", Wittenberg 1807 — 1809, 8 °. — C. G.
Kühn, „Progrr. octo de medicinae militaris apud veteres Graecos Homanosque con-
ditione", Leipzig 1824— 1827, 4°. — E. Th. Gatipp, „De professoribus et medicis
eorumque 2»"ivilegii8 in jure Romano dissertatio^", Breslau 1827, 8 ", 90 S. — C. «/".
Goldhorn, ,,De archiatris romanis inde ab eorum origine usque ad finem imperii
romani occidentalis^'. Dissertatio inaug. historico-tnedica, Leipzig 1841, 8. —
Th. MontiHsen, „De collegiis et sodaliciis Romanorum'\ Kiel 1843, 8 ". — JRosen-
baum-Sprengelf „Versuch einer pragmatischen Geschichte der Ärzneikunde",
Leipzig 1846, I, 208 ff.; 220 ff. — O. tfnhn in „Berichte der Gesellschaft der
WissenscJmften zu Leipzig. Histor.-phil. Klasse 1856, S. 293 ff. — Kuhn, „Die
städtische und bürgerliche Verfassung des römischen Reiches^', Leipzig 1864, 8**,
Bd. IS 84 ff. — V. Revillout, „De la profession medicale sous Vempire romain^^
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— C L. Cfrotefend, „Die Stempel der römischen, Augenärzte, gesammelt und er-
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— B. Brian, „L'archiatrie romaine ou Ui medecine officielle dans Vempire Romain,
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Militärarzt, Wien 1882, Nr. 6. — Th. Löwenfeld, „Inästimahilität und Honorirung
der Artes liberales nach römischem Rechf"' in: Festgabe der Münchener Juristen-
fakultät, München 1887, 8 ", S. 365 — 467. — H. Frölich, „ lieber die ersten An-
fänge eines Militär- Gesundheitsdienstes im Alterthum und im Mittelalter" in: Der
Militärarzt, Wien 1887, Nr. 27. — L. Friedländer, „Darstellungen aus der
SittengeschicMe Roms in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonine",
6. Aufl., Leipz. 1888, Bd. IS. 335—362. — Tfi. Puschniann, „Geschichte des
medicinischen Unterrichts", Leipzig 1889, S. 82 ff. — C Brunner, „Die Spuren
der römischen Aerzte auf dem Boden der Schweiz", Zürich 1894, gr. 8*>, 64 S.,
4 Tafeln. — L. Ewer, „Beamtete Aerzte im alten Rom", Deutsche medicin. Presse
1898 Nr. 23. — Charles C. JBotnbaugh, „Medical fees in ancient Greece and
Rome" in: Bull, of the John Hopkins Hospital 1898 Nr. 89 S. 183. — E. Rose,
„Ein römisches Militärspital", Zürich 1898, 16 S. mit 10 Tafeln. (Vgl. auch
Deutsche Zeitschr. für Chirurgie 1898 Bd. 48 Heft 2, 3 S. 316.) — C. Koenen,
„Zur römischen Heilkunde am Niederrhein" in: Festschrift der 70. Versammlung
der deutschen Naturforscher und Aerzte, Düsseldorf 1898, Teil 2 S. 3—5. — Aerzte
und ihre Honorare im alten Griechenland und Rom. Nach dem Englischen des
C. C. Bombaugh in: Wiener med. Presse 1899 Nr. 30 S. 1265. — J. Hirsch-
her g, „Geschichte der Augenheilkunde", Leipzig 1899, Bd. I S. 301 — 305 (Stempel
der römischen Augenärzte mit Litteratur). — Artikel „Collegia" in Pauly- Wisso-
wa*8 Real-Encyclopädie der classischen Alter thumswissenschaft, Halbband VII,
Stuttgart 1900, Sijalte 397. — Iwan Bloch, „Schiffsärzte in byzantinischer Zeit"
in: Janus 1902 Bd. VII S. 15—16.
I. Medizinischer Unterricht.
Erst seit der Einwanderung griechischer Aerzte in Eom und seit
der Entstehung und Konsolidierung des römischen Weltreiches ist ein
selbständiger medizinischer Unterricht in Rom nachzuweisen. Vorher
war die Medizin lediglich ein Teil jenes encyklopädischen Unterrichts
gewesen, dessen Umfang wir nach den Schriften eines Cato, Varro
und C e 1 s u s beurteilen können. Oeifentliche selbständige medizinische
Unterrichtsanstalten gab es in Italien erst unter Alexander Se-
verus (s. unten). Bis dahin (und auch noch später) existierte nur
eine private Unterweisung der der Arzneikunst Beflissenen durch ein-
zelne Aerzte (z.B. des Alexandros v. Tralles durch seinen Vater
und den Vater des Kosmas), welche entweder gegen ein vorher aus-
gemachtes Honorar oder armen Schülern auch unentgeltlich (Lucian,
„Abdicatus" cap. 24) Unterricht erteilten.
In Anknüpfung an jene encyklopädischen Tendenzen der republi-
kanischen Zeit sollte auch später die ärztliche Bildung auf einer
möglichst breiten universellen Grundlage beruhen. Noch Athenaios
wollte die Medizin nicht von den übrigen Disziplinen trennen und er-
klärte sie für einen wertvollen Bestandteil des Jugendunterrichts.
Jeder Mensch müsse Arzt sein, da in jedem Berufe eine Kenntnis der
Heilkunde nötig sei (Oribasius ed. Daremberg III, 164). Die
Erfüllung einer derartigen Forderung hätte nur der Charlatanerie
und dem Kurpfuschertum Vorschub geleistet. Dagegen war Galen
gewiss im Rechte, wenn er in einer berühmten Abhandlung die For-
derung aufstellte, dass jeder Arzt zugleich ein Philosoph,
d. h. ein Mann sein müsse, der jene höhere Kenntnis von* den Er-
scheinungen und Zusammenhängen des Lebens besitzt, welche zu einer
erfolgreichen, den individuellen und psychologischen Faktor in gleicher
Weise berücksichtigenden Ausübung des ärztlichen Berufes befähigt^)
^) FaXrjvov "Oti 6 ä^ioroe laiQos y.<u (fi).öao<fos in: Claudü Galeni Pergameni
scripta minor a ex recognitione Iwani Müller, Lipsiae 1891, Bd. II S. 1 — 8.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverhältnisse in d. Avest- u. oström. Kaiserzeit. 571
Daher hielt er eine Kenntnis der Rhetorik, Dialektik und Philo-
sophie für unentbehrlich für den Arzt (Galen ed. Kühn XL 541;
IX, 789) und bemass die Dauer des medizinischen Studiums auf min-
destens 11 Jahre, während sein Gegner Thessalos ein halbes Jahr
für hinreichend zur Erwerbung der nötigen medizinischen Kenntnisse
hielt! (Gal. I, 83; X, 5, 19; XIX, 9; X, 4; L 54; XIV, 600).
Der medizinische Unterricht begann sehr früh; der Verfasser der
unter dem Namen des Soranos gehenden „Isagoge" schlug das
II. Lebensjahr für den Beginn des Studiums vor, welches gleichzeitig
Grammatik, Rhetorik, Astrologie und Arithmetik mitumfassen sollte.
Oreibasios (Synops. V, 14) empfiehlt das 14. Lebensjahr.
In den Provinzen wurde früh der Unterricht in ärztlichen Schulen
erteilt, die aber meist mit allgemeinen Bildungsanstalten in Verbindung
waren. Alexaudria, Athen, Antiochia, Berj^tus, Massilia, Nismes, Arles,
Bordeaux', Lyon, Saragossa waren Sitze solcher Medizinschulen. In
Massilia empfing z. B. der berühmte Augenarzt Demosthenes
(unter Nero), ein Anhänger der Herophileer, seine Bildung,^) ferner
zwei Zeitgenossen des Plinius. die Aerzte Charmis undKrinas;
in Bordeaux Eutropius, Siburius (Marcellus Empiricus,
Praefat.) und Marcellus Empiricus. Aus Lyon stammten
Abaskantos, von dem Galen drei Rezepte gegen Phthisis, Kolik
und Skorpionstich mitteilt (Gal. XIII, 71; 278; XIV. 177), und El-
pidius, der Leibarzt des Ostgotenkönigs Theoderich. Auch der
Archiater Julius Ausonius (Vater des Dichters) war Gallier.-)
Neros „Gymnasium" war wohl nicht, wie Haeser (I, 392) annimmt,
die älteste medizinische Unterrichtsanstalt, sondern diente der Pflege
der Gymnastik, die allerdings einen Bestandteil der Jugenderziehung
bildete (Sueton Nero cap. 40; PI in. Nat. bist. XXXV, 168; Seneca
Ep. 15; Ep. 88, 18). Auch Hadrians „Athenaeum" war nur ein
für Vorlesungszwecke dienendes Gebäude (Friedländer a. a. 0.
III, 425). Erst unter Alexander Severus (225 — 235 n. Chr.) er-
hielten die Aerzte eigene Vorlesungssäle (Lampridius, Alexander
Severus cap. 44). In der byzantinischen Zeit waren die „Jatro-
sophisten" die hauptsächlichen Lehrer der Aerzte an den Hoch-
schulen. Durch sie empfing der Unterricht ein fast ausschliesslich
theoretisches Gepräge.
Was nun die Art des ärztlichen Unterrichts betrifft, so begann
derselbe mit dem Studium der Anatomie, die seit dem zweiten christ-
lichen Jahrhundert fast ausschliesslich an Tieren studiert wurde, wie
denn Galen seine anatomischen Studien, meist an Affen, seltener
anderen Tieren macht (Gal. II, 223). Ebenso Oreibasios (Synag.
VII, 5). Am Menschen wurden nur die bei äusserer Betrachtung
sichtbaren Teile demonstriert (Rufus ed. Ruelle S. 134), seltene
Gelegenheiten der Sektion und inneren Besichtigung bei totge-
borenen oder ausgesetzten Kindern (G a 1. II, 385), ans Land ge-
^) Vgl. über ihn R. Fuchs in diesem Handbuch I, 294—295; Hirschberg
a. a. O. I S. 353. Im 10. Jahrhundert war die Augenheilkunde des D. noch in
Frankreich vorhanden, wie aus Epist. 130 des Gerbert an den Mönch Rainaudus
hervorgeht.
*) Vgl. über die Geschichte der gallo-römischen Aerzte J. Astruc. „Memoires
pour servir ä l'histoire de la faculte de medeciue de Montpellier", Paris 1767, 4 ".
Ueber die griechischen Aerzte in Portugal vgl. Soares, „Memorias para a historia
da medicina lusitana", Lissabon 1821, 4 ".
572 Iwan Bloch.
triebenen Leichen (Gal. II, 218), gefallenen Feinden (XIII, 604),
Verletzungen u. s. w. aber eifrig ausgenutzt, wie denn auch
anatomische Zeichnungen aus späterer byzantinischer Zeit sich
erhalten haben (s. oben 8. 347 — 348, R. Fuchs und die Zeich-
nungen des Uterus und der Ovarien in den Handschriften des
Muscio in der „Introductio anatomica anonymi" aus einem Leydener
Codex ed. Bernard, Leyden 1744). Der anatomische Unterricht be-
gann mit der Osteologie (Gal. II, 220) und schritt darauf zur Be-
schreibung der inneren Organe fort. — Die Physiologie wurde wohl
wesentlich theoretisch vorgetragen, wobei besonders durch den Einfluss
des Galen die teleologische Erklärung der Lebenserscheinungen in
den Vordergrund trat (Gal. III, 74; 384). Trotzdem war gerade
Galen der eigentliche Begründer des physiologischen Experiments,
das er planmässig, mit Zuhilfenahme von Vivisektionen, auf allen Ge-
bieten anwendet (vgl. darüber oben S. 397). — Sehr eifrig wurde
ferner die medizinische Botanik gepflegt, bei welcher botanische Ex-
kursionen (Gal. XI, 797; XIV, 30; E. Meyer „Geschichte der Bo-
tanik" II, 191), kolorierte Pflanzenatlanten (PI in. XXV, 8) nach Art
des berühmten Kräuterbuches des Krateuas (s. oben S. 322), von
den Aerzten selbst angelegte Gärten mit Medizinalpflanzen (PI in.
XXV, 1—8, der alle offizinellen Pflanzen im Garten des Arztes An-
tonius Castor kennen lernte) den Unterricht in ausgiebigster
Weise unterstützten. Im Anschlüsse daran war die Pharmakologie
und Pharmacie sehr ausgebildet, deren Kenntnis wegen der häufigen
Verfälschung der Droguen und Arzneimittel für den Arzt unerlässlich
war.') Nach Galen s Ansicht müsse der junge Mediziner sämtliche
offizinellen Bestandteile der Pflanzen, Tiere, Metalle und übrigen
Mineralien so genau kennen, dass er echte und unechte zu unter-
scheiden wisse, und er möge sich dann nach seinem Buche „von der
Wirkung der einfachen Heilmittel" in der Anwendung üben (Gal.
XIII, 5700".). Daher war die Beschaffung guter Medikamente oft
schwierig, Aerzte wie z. B. Galen mussten grosse Reisen zu diesem
Zwecke unternehmen (Gal. XIV, öfi".; XII, 220—238; XII, 202), und
der kaiserliche Hof liess eigene Magazine zur Aufbewahrung guter,
wirksamer Arzneien bauen (Friedländer a. a. 0. I, 352; Pausan.
X, 32, 11). — Der eigentliche klinische Unterricht wurde meistens am
Krankenbette erteilt. Bei den Besuchen des Arztes beim Kranken
(Gels. III, 6), über welche Galen ausführliche Mitteilungen macht
(Gal. XVII B, 144-152; XVII A, 150; X, 4; XIII, 597) liess sich
der erstere gewöhnlich von seinen Schülern begleiten (Martialis
Epigr. V, 9; Philostratos, Vita Apollonii Tyanens, VIII cap. 7). Viel-
leicht dienten auch die Jatreien (Gal. XVIII B, 629—925), die Vale-
tudinarien und Militärlazarette (Hyginus, De munit. castror. cap. 34)
den Zwecken des medizinischen Unterrichtes, wo ebenso wie in den
öffentlichen Medizinbuden (tabernae) chirurgische Operationen oft
coram publice vorgenommen wurden (Epictet. III, 23, 30). Die
öffentlichen Vorträge und Disputationen waren öfter mit Demonstrationen
(Gal. XIX, 21; 455; II, 622; 690) verbunden. Freilich lieferten
gerade diese ärztlichen Konsilien und Zänkereien viel Stoff zum Spotte
(Plin. XXIX, 5; Gal. VIII, 357; X, 910; XIV, 623; Theodor.
^) Näheres darüber Iwan Bloch, ;,Ein Brief an einen Pharmakopolen des
Alterthums" in: Deutsche medicin. Presse 1898 Nr. 14 S. 107—108.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverbältnisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 573
Priscianus, Praef.). Endlich sorgte eine ungemein reiche, in allen
wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Farben schillernde Litte-
ratur für die medizinische Ausbildung, und einzelne Aerzte wie
Galen gaben ihren Schülern genaue Anweisungen zur Lektüre dieser
die verschiedensten Gebiete der Heilkunde behandelnden Schriften.
2. Klassen der Aerzte.
Der ärztliche Beruf war in der römischen Kaiserzeit vollständig
freigegeben. Es gab keine Prüfungen, keine staatliche Aufsicht,
kaum eine ärztliche Verantwortlichkeit. Dies hatte einen gi'ossen
Andrang zum ärztlichen Berufe zur Folge, den viele ausübten, ohne
genügend dafür vorbereitet zu sein. Arzt und Kurpfuscher waren im
allgemeinen weniger scharf von einander getrennt als heute, wo schon
die staatliche Prüfung eine genaue Grenzlinie zwischen beiden zieht.
Allgemein unterschied man zwischen freien Aerzten und Aerzten,
die Sklaven oder Freigelassene waren.
Die ersten freien Aerzte in Eom waren Griechen, später, kamen
auch Orientalen ^) hinzu, wie besonders ägyptische Aerzte, die zur
Heilung exotischer Leiden (Lepra, Hautkrankheiten, Herpes tonsu-
rans u. s. w.) nach Rom gerufen wurden (PI in. XXVI, 3). In der
römischen Kaiserzeit traten auch die ersten jüdischen Aerzte auf
(Celsus V, 19; 22), die seitdem in der Geschichte der Heilkunde bis
auf den heutigen Tag eine so hervorragende Rolle gespielt haben.
Dass der Römer überhaupt zu ausländischen Aerzten mehr Vertrauen
hatte, bezeugt der ältere Plinius (XXIX, 17). Dennoch vermochten
auch römische Aerzte ihre Stellung zu behaupten. Aus ihnen rekru-
tierten sich sogar hauptsächlich die Hofärzte. Scribonius Largus
begleitete den Kaiser Claudius als Leibarzt nach Britannien
(Scribon. Largus cap. 42, 163), auch ein anderer römischer Leib-
arzt dieses Kaisers wird erwähnt, Vettius Valens. Nach Plinius
(XXIX, 1) lieferten die Familien der Quintier, Cassier, Calpetaner,
Rubrier, Arruntier Aerzte, was bezüglich der zweitgenannten Familie
durch die Erwähnung eines Arztes Cassius bei Celsus (in der
Einleitung) bestätigt wird. Galen nennt mehrere Aerzte mit römi-
schen Namen: Valerius Paulinus, Flavius Clemens, Pom-
pejus Sabinus (Gal. XIII, 1027). Ebenso weisen die Stempel der
Augenärzte zahlreiche römische Namen auf (G r o t e f e n d a. a. 0.
S. 127 If.).
Wie schon im Kapitel „Altrömische Medizin" erwähnt, wurden
die griechischen Jatreien in Rom in Gestalt der „tabernae" oder
„medicinae'' eingebürgert, die aber oft nichts weiter darstellten als
Geschäftsläden, in denen Arzneien verkauft und coram publico Ope-
rationen gemacht wurden (Epictet. III, 23, 30). Die grössten
Charlatane staffierten ihre Lokale am herrlichsten aus, mit silbernen
Schröpf köpfen, Messern mit vergoldeten Grilfen, elfenbeinernen Büchsen
(Lucian adv. indoct. cap, 29). Ja, einige waren so schamlos, die
Vorübergehenden zum Eintritt bei sich einzuladen (Epictet. III, 23,
27). Die Salben-, Droguen- und Spezereihändler (unguentarii, mig-
matopolae, aromatarii), die Arzneiverkäufer (pharmacopolae ; medici bei
^) Lucian, Tragopod. 265: Stadtrömische Inschriften der medici CJL VI
9562—9617.
574 Iwan Bloch.
Plautus) hatten ebenfalls ihre „tabernae", in denen vielfach ein
pseudo-ärztlicher Eat erteilt wurde.
Wie viele andere Berufe vereinigten sich auch die freien Aerzte
in sogenannten „Collegia". Wir kennen solche „CoUegia medicorum"
aus Benevent (corp. inscr. latinar. IX, 1618) und aus Rom (CIL VI,
9566). In letzterer Stadt stand das Aerztekolleg wie viele andere
Innungen unter dem Schutze der Minerva, deren Fest es vom 19. bis
27. März beging (Ovid. , Fast. III, 308). Das Kollegium versammelte
sich in den „scholae" oder „curiae", welchen ein „tabularius" vorstand
wie z. B. unter Trajan der Arzt M. Livius Celsus, Sekretär der
„schola medicorum" auf dem Esquilin war. Diese Scholae waren
künstlerisch reich ausgestattet (Inschrift an der Basis der Mattei-
schen Amazone im "Vatikan: „Translata de schola medicorum", E.
Braun, „Die Ruinen und Museen Roms", Braunschweig 1854 S. 334).
Viele Kollegien anderer Berufe hatten besoldete Vereinsärzte. Auch
ein „collegium farmacopolarum publicorum" wird erwähnt (CIL V 1,
4489 aus Brixia). Später wurden die Kollegien aus politischen
Gründen häufig unterdrückt, erhielten sich aber bis ins Mittelalter,
wo aus ihnen die Gilden und Innungen hervorgingen.
Sehr gross war die Zahl der Aerzte aus dem Stande der Sklaven
und Freigelassenen (Servi und Liberti medici), die entweder von vor-
nehmen Römern für den ärztlichen Beruf bestimmt wurden, damit sie
als Hausärzte bei denselben fungieren konnten oder auch von Aerzten
selbst als Gehilfen ausgebildet wurden (Julian., orat. 7 p. 207 D).
Die als Hausärzte (Sueton, Nero cap. 2; Calig. cap. 8; Seneca, de
benef. III 24; Varro de re rust. I, 16, 4) fungierenden Sklaven wurden
auch oft zu niedrigen Zwecken benutzt (Mord und Giftmischerei.
Tacit., Annal. XV, 63; Cicero, pro Cluentio 14; ad Pison. 34). Be-
sonders in den ländlichen Familien waren meist solche Sklavenärzte
(Varro I, 16). In vornehmen Häusern gab es mehrere servi medici,
die oft unter der Aufsicht eines „supra medicos" oder „superpositus
medicorum" standen. Auch in Valetudinarien waren Sklavenärzte
thätig. (Vgl. die Inschriften im Columbarium der Livia Augusta zu
Sorrent.) Von Justinian wurde der Preis der ärztlichen Sklaven
und Sklavinnen — auch solche gab es — bis zu 60 Goldstücken festge-
setzt (Cod. lust. VII 7, 1 § 5; VI 43, 3; vgl. Gaupp a. a. 0. S. 16). Nach
vollzogenem Kaufe durften aber nur Aerzte ihre servi medici als Er-
werbsmittel benutzen und mussten auch dann während der Mittagszeit
ihnen Ruhe vergönnen (Dig. XXXVIII tit. 1 1. 26 § 1). Daher waren den
Aerzten die servi medici angenehmer als die Freigelassenen. Geschah
einmal die Freilassung, so waren nach dem Gesetze die Aerzte be-
rechtigt, auch dann noch von ihnen Dienste zu verlangen, z. B. die un-
entgeltliche Behandlung der Freunde des betreffenden Arztes; ferner
mussten die Freigelassen ihre ärztlichen Patrone bei deren Kranken-
besuchen begleiten und wurden so in der Begründung einer eigenen
Praxis behindert (Digg. XXXVIII 1, 25—27). Für den Loskauf der
Freigelassenen bestanden gesetzliche Vorschriften (ib. und Dig. XL
tit. 5 1. 41 § 6). Auch unter der Zahl der sogenannten „öffentlichen
Freigelassenen" (publici oder municipales liberti) befanden sich Aerzte,
die zuweilen, wie die Inschrift über einen gewissen Merula, der als
P. L. (publicus libertus) und als medicus, clinicus, chirurgicus, ocularius
bezeichnet wird, mehrere Spezialitäten in sich vereinigten.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverhältnisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 575
Ueberhaupt gelangte das Spezialistentum im kaiserlichen Rom
zu grosser Blüte.
Zunächst trat ganz allgemein der Unterschied zwischen nicht
operierenden und operierenden Heilkünstlern, zwischer Aerzten und
Chirurgen hervor. Erstere enthielten sich in Rom meist der Be-
handlung chirurgischer Fälle (Galen X, 454 ff.), wurden aber oft von
den Chirurgen zu Rate gezogen (G a le n XVIII A, 346 ff.), wie denn
Plutarch berichtet, dass Chirurgen im besten Einvernehmen mit den
Aerzten für innere Krankheiten standen (Plutarch., De frat. amore
cap. 15). Diesen Vertretern der allgemeinen Praxis standen die
allgemeinen Theoretiker, die ärztlichen Sophisten (loyiargol)
gegenüber, die ,,auf hohem Stuhle sitzend in vornehmem Tone ihre
Zuhörer mit Erörterungen über wissenschaftliche Fragen überschütteten",
aber nicht einmal eine einfache Krankheit behandeln konnten. Galen
hat uns nfehrfache ergötzliche Schilderungen dieser ärztlichen Weis-
heitsapostel hinterlassen (z. ß. XVIII B, 258).
Unter den speziellen Fächern waren die Augenärzte (medici
ocularii) am zahlreichsten vertreten, die, abgesehen von den Stempeln,
auch bei Schriftstellern und auf Inschriften am häufigsten vorkommen
(CIL, II Nr. 1737 u. 5055; V 1, 3490; Galen X, 941, 1019). Es gab
besondere Augenoperateure (chirurgi ocularii) und solche Aerzte, die
sich auf den medikamentösen Teil der Augenheilkunde beschränkten
(medici ocularii). Galen heilte ein Augenleiden durch allgemeine
Therapie, welches die „sich so nennenden Okulisten" nur örtlich be-
handelt hatten (Gal. VII, 392; XVIII A, 47—50). Auch unter den
servi medici gab es Augenspezialisten (Scribon. Larg. V 38), noch
mehr unter den liberti. ^) Ein sehr interessantes, wesentlich durch
C. L. Grotefend erschlossenes Kapitel der medizinischen Archaeologie
bilden die sogen. Stempel der römischen Augenärzte, mit
welchen den die Collyrien enthaltenden Gefässen Inschriften aufgeprägt
wurden. Man kennt jetzt etwa 200 solche Collyrienstempel. Es sind
meist viereckige Täfelchen aus Nephrit, Serpentin oder Schiefer, an
deren vier schmalen Seiten eine ein- oder zweizeilige Inschrift in
lateinischer Sprache,'-) enthaltend den Namen ^) eines Augenarztes
(oder mehrerer) und das Mittel und dessen Anwendungsweise. Diese
Stempel lassen sich bis zum ersten und zweiten christlichen Jahr-
hundert zurückverfolgen. Es sind meist Namen von Freigelassenen
auf ihnen verzeichnet, teils griechischen, teils keltischen Ursprungs.
Es scheint, dass die eigentlichen römischen Aerzte den Gebrauch der
Collyrienstempel nicht kannten. In Italien ist kein einziger Stempel
gefunden worden. Auch den griechischen Aerzten ist der Gebrauch
der Stempel mit dem Namen des Arztes fremd geblieben. Galen
spricht nur (XII, 773) von „des Antigonos Safran-Collyr, als kleiner
Löwe bezeichnet, da es mit der Gravüre eines solchen gestempelt
wurde" und kennt nur Aufschriften der Collyriengefässe (XII,
749, 768). Die Fundorte der Collyrienstempel mit Namen sind auf die
^) Unter den Augenärzten gab es wieder Spezialisten, wie Trachom therapeuten
(Martial. X, 56) und Starstecher (Pseudo-Galeni de partibus artis medicae liber
ed. Lacuna, Basel 1571, S. 31).
*) 1879 wurde in Arles ein Stempel in griechischer Sprache gefunden.
") Meist mit praenomen, nomen und cognomen, und im Genitiv. Die Buch-
staben sind in Spiegelschrift geschnitten, so dass sie erst im Stempelabdruck die
richtige Lage bekommen.
576 Iwan Bloch.
nordwestlichen Provinzen des römischen Eeiches, auf Gallien, Britannien
und Germanien beschränkt. Deneffe^) hält sie für eine Erfindung
der gallischen Augenärzte, die um der Reklame willen ihre Namen
auf die Collyrien setzten. Diese Mode dauerte vom zweiten bis zum
vierten Jahrhundert. Als Beispiel einer solchen Stempelinschrift sei
eine zu Karlsburg in Siebenbürgen aufgefundene angeführt (nach
Hirse hb er g):
T. ATTL DIVIXTI. NAR |1 DINVM. AD. IMP. LIP.
T. ATTI. DIVIXTI. DIA || ZMYRNES. POST. IMP. LIP.
T. ATTI. DIVIXTI. DIAMI || SVS. AD. VETERES. CIC.
T. ATTI. DIVIXTI. DIA || LIBANV. AD. IMP. EX oVo.
d. h. Titi Atti Divixti nardinum ad impetum lippitudinis (des T. A. D.
Collyr aus Narde gegen den Anfall der Augenentzündung; T. A.D.
dia smyrnes post impetum lippitudinis (Collyr aus Myrrhe nach dem
Anfall der A.); T. A. D. dia misyos ad veteres cicatrices (Collyr aus
Misy gegen alte Narben); T. A. D. dia libanu ad impetum ex ovo
(Collyr aus Weihrauch gegen Augenentzündung, mit Eiweiss zu ver-
reiben).
Dass es besondere Frauenärzte (taT(»o/ /üwtxe/ot) gab, bezeugt
Soranos (De muliebr. aflfect. cap. 47). Galen nennt an der Stelle,
wo er gegen das überhandnehmende Spezialistentum eifert (V, 846 ff.),
Bruchschneider (xiyAoTOiutxoO, Steinschneider ßid^otöf.ioL), Paracentese-
Operateure {7taQay.eviriTiy.ot), Augenärzte (dcpd-aX/^iiyol) , Ohrenärzte
(wtiyoi, auricularii), Zahnärzte {ödovriyol, dentarii), Diätetiker (diaiTi^-
Tfxo/), Pharmaceuten {cpaQf.iayBv%iyoi\ Botaniker (ßoranyol), Weinärzte
{oivoöÖTai) ,^) Nieswurzspezialisten {ekleßoQodotaL).
In einem Epigramm (X, 56) des Martialis heisst es: „CasceUius
zieht kranke Zähne aus oder ergänzt sie, Hyginus brennt die den
Augen schädlichen Wimperhaare aus, Fannius beseitigt das triefende
Zäpfchen ohne zu schneiden, Eros entfernt die Brandmarken der Sklaven
aus der Haut, Hermes gilt als der beste Arzt für Bruchschäden."
Hier reihen sich auch die weiblichen Aerzte (medicae,
iatQivai) an, ^) die gewöhnlich aus dem Stande der Hebammen
(obstetrices) hervorgingen*) und im wesentlichen Frauenleiden, aber
^) „Les oculistes gallo-romains au III me siecle", Antwerpen 1896, 8°, 183 S.
^) Auf einen solchen bezieht sich die Inschrift bei Mommsen, Inscriptiones
regni Neapolitani S. 16 Nr. 236 [fvaiotos olvoSorrje).
') Die wichtigsten Schriften über Geschichte der Aerztinnen sind Chr. Fr.
Harless, „Die Verdienste der Frauen um Naturmssenschaft, Gesundheits- und,
Heilkunde u. s. w.", Göttingen 1830, 8" XVI, 293 u. 83 S. (grundlegende Arbeit); Jules
Eouyer „Etudes medicales sur l'ancienne Rome", Paris 1859 (S. 139 — 235 die „Histoire
des femmes, qui ont exerce la medecine"). — E. Beaugrand, Artikel „Medecins
(femmes)" in: Dictionn. encyclop. des sciences medicales par Dechambre, Paris
1874, II Serie, tome V. — Fried r. von den Velden, „Die Ausübung der Heil-
kunde durch die Frauen geschichtlich betrachtet", Inaug.-Diss., Tübingen 1892,
gr. 8°, 24 S. — MUe. Melanie Lipinska, „Les femmes medecins ä Rome" in:
Progres medical 1899 Nr. 17 S. 276 ff. ; H. Schelenz, „Frauen im Reiche Aescu-
lap's. Ein Versuch zur Geschichte der Frau in der Medicin und Pharmacie u. s. w.",
Leipzig 1899, 8", IV, 74 S. : Melanie Lipinska, „Histoire des femmes medecins
depuis l'antiquite jusqu'ä nos jours", These de Paris 1900, gr. 8 ", 584 S. (mit er-
schöpfenden Litteraturangaben).
*) Eine Valeria Verecunda heisst in ihrer Grabschrift , .erste ärztliche
Hebamme ihrer Region" (CJL VI, 9614—9617). Seneca spricht Epist. 66 von
„obstetrices id est medicae".
Uebersicht über d. ärztl. Standesverbältnisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 577
auch andere Krankheiten behandelten. Hysterische (Gal. VII, 414),
unfruchtbare (Juven. II, 141) Frauen nahmen öfter ihre Zuflucht zu
weiblichen Aerzten. Auf einer Inschrift wird eine ,, Forella T. L.
Melaniona, Medica a mammis", eine Spezialistin für Krankheiten der
Brüste erwähnt (Harless S. 132). Galen giebt das Rezept einer
Aerztin Antiochis gegen Milzleiden, Wassersucht und Gicht (XIII,
343 ; XIII, 250). Nach S o r a n o s schrieb Elephantis, vielleicht die
berüchtigte Verfasserin obscöner Bücher, eine Schrift über die Therapie
der Alopecie (Gal. XII, 416). Wohl dieselbe befasste sich auch mit
Abortivmitteln (PI in. N. h. 28 c. 7). üeber die ärztliche Schriftstellerei
der Königin Kleopatra hat R. Fuchs (s. oben S. 321) neuerdings
gehandelt. Theodorus Priscianus widmete sein drittes Buch ,, de
passionibus mulierum" einer „mulier medica", der Victoria oder
Salvinia, die er in der Vorrede als .,artis meae dulce ministerium"
bezeichnet. ^) Ihre ärztliche Ausbildung empfingen die Frauen wohl
von den Aerzten selbst. Hyginus berichtet, Agnodike habe als
junges Mädchen sich entschlossen, die Arzueikunst zu erlernen und habe
sich dem Herophilos in die Lehre gegeben (Hygin., Fabulae, ed.
J. Scheffer et Th. Muncker, Hamb. 1674, S. 201—202). Die
Hebamme Aspasia, die von Aetios im 16. Buche oft erwähnt wird,
scheint eine solche Heilkundige gewesen zu sein. Nach Abulpha-
ragius pflegten Hebammen zu dem auch in der Frauenheilkunde
berühmten Paulus Aeginetazu kommen, um von ihm in gynä-
kologischen Fragen Auskunft zu erbitten (Gregor. A b u 1 p h a -
ragius, Histor. Dynastiarum etc. ed. E. Pocock, Oxford 1672,
S. 114 — 115). Auch die Ausbildung der Hebammen stand im Alter-
tume auf einer bemerkenswerten Höhe. So ranos behandelt in cap. 2
u. 3 seiner Gynäcie ausführlich die Eigenschaften und die Ausbildung
der Hebammen, die in allen Teilen der Heilkunst Bescheid wissen
müssen, um sowohl diätetische, als auch chirurgische und pharma-
ceutische Verordnungen geben zu können, um über das Beobachtete
richtig zu urteilen, und in jeder Beziehung der Situation gewachsen
zu sein (vgl. auch oben S. 342). Bei solchen Anforderungen musste
das Ansehen der Hebammen ein sehr grosses sein. Die freien obste-
trices bildeten eine Zunft, der die „nobilitas" beigelegt wurde, (PI in.,
N. h. XXVIII, 67); sie wurden sogar als gerichtliche Sachverständige
vernommen, um über das Bestehen einer Schwangerschaft ihr Gut-
achten abzugeben (Seneca, Ep. 66) und konnten auch ihre Forde-
rungen einklagen (iPandect. Hb. 50 tit. 13).
Die Ueberfüllung des ärztlichen Berufes hinderte nicht — ganz
wie heute — das kräftige Gedeihen eines ausgedehnten, aus den
mannichfaltigsten Elementen sich zusammensetzenden Kurpfuscher-
t u m s. Wenn verunglückte Aerzte Leichenträger oder GlaJitoren
wurden (Martial. I, 30; VIII, 74; I, 47), so ergriff'en andererseits
Färber, Schuster, Schmiede und Zimmerleute den ärztlichen Beruf
(Galen. X, 5), ohne die geringste Vorbildung zu besitzen, sogar ohne
lesen zu können (Galen. XIX, 9). Unter diesen Pfuschern befanden
^) Auch zwei christliche Aerztinneu St. Theodosia (um 300 n. Chr.) und
St. Nicerata (400 n. Chr.) werden erwähnt. Die letztere soll den hl. Chrysostomos
von einem Magenleiden geheilt haben (v. d. Velden S. 9). üeber die Restiuta
s. oben S. 494. — Plinius berichtet über Meinungsverschiedenheiten der Lais und
Elephantis bezüglich der Wirkung verschiedener Abortivmittel (Hist. nat
XXVIII, 7, 23).
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I, 37
578 Iwan Bloch.
sich Salbenhändler (iinguentarii, myropolae), Arzneikrämer {TtanoTtwlai,
y-ad^oltmi) , Kräutersammler (ßotaviy.oi) , Wurzelsammler (qi1^otÖ(.ioi) ,
Arzneibereiter (pharmacopolae, thurarii), Gewiirzkrämer (aromatarii),
Farbwarenhändler (pigmentarii), Arzneibudenbesitzer (seplasiarii) und
viele andere. Die Charlatanerie gedieh sehr üppig, da jedermann den
Beruf eines Arztes in sich fühlte. Niemals war das Interesse für die
Arzneikunde so gross gewesen, niemals eine oberflächliche Kenntnis
derselben durch Popularisierung so weit unter das Volk getragen wie
in der römischen Kaiserzeit. Die gebildeten und ungebildeten Laien
erachteten es für ihre Pflicht, in der Medizin beschlagen zu sein
(Gellius 18, 10; Plutarch, de san. tuenda praec. cap. 24, 25). Eine
lebhafte Schilderung dieser Zustände findet sich in der Vorrede der
„Euporista" des Oreibasios.
Kein Wunder, dass der Einzelne nur vermittelst einer rücksichts-
losen und schlauen Reklame sich Ansehen, Zulauf und Praxis ver-
schaffen konnte. Von den öffentlichen Disputationen, Vorträgen, Demon-
strationen, Operationen war schon die Rede. Ein weiteres wichtiges
Hilfsmittel der Reklame war das Herumziehen von Ort zu Ort, wie
dies bis tief in die byzantinische Zeit die negioöevTaL^ circula-
tores thaten. In der Grabschrift des freigelassenen Arztes P. Scri-
bonius Primigenius heisst es, dass er, in Iguvium geboren, viele
Orte besucht habe und überall durch seine Kunst, noch mehr durch
seine Zuverlässigkeit bekannt sei (Antholog. latin. ed. Me5'^er 1430).
Aehnlich nennt die Grabschrift eines Arztes aus Nicäa bei Doliche in
Thessalien ihn „7colXrjv ^dXaooav aol ycxlav TC€QivoaTr]aas" (Kaibel,
Epigr. Gr. 509). Auch viele Quacksalber, besonders die Pharma-
kopoen, zogen von Ort zu Ort (Cicer., pro Cluent. 14, 40; Horat.,
Sat. 12, 1; Cato, apud Gellium I, 15), legten Verbände an (Galen.
XVIII A, 770) und priesen ihre mit Etiketten {enayysliai) versehenen
Arzneien an, auf denen Name des Medikamentes, Erfinder und Ge-
brauchsanweisung angegeben waren (Galen. XIII, 1005 u. 1019). Zu
den genialsten Betrügern gehören jene medizinischen Zauberer wie
Apollonios von Tyana und Alexandros von Abonuteichos,
die Grosskophtas der römischen Kaiserzeit, die Lieblinge hysterischer
Frauen, deren Wunderkuren weit und breit berühmt wurden. ^)
Die Einnahmen und Honorare der römischen Aerzte wiesen
je nach dem Grade der Celebrität ganz bedeutende Differenzen auf.
Während wenigstens in der älteren Zeit der gewöhnliche Arzt für
einen Besuch einen Nummus (ca. 1 Mk. 10 Pfg.) empfing, waren die.
Honorare gesuchter Aerzte der Kaiserzeit sehr hoch. Besonders die H a u s-
är z te und Leibärzte erfreuten sich häufig glänzender Einnahmen. Die
Leibärzte der ersten Kaiserzeit erhielten ein Jahrgehalt von 250 000 Ses-
terzen. Aber Quintus Stertinius rechnete es dem Kaiserhause als
Opfer an, dass er mit dem Doppelten zufrieden war, da er nachweisen
konnte, dass seine Stadtpraxis ihm 600000 Sesterzen (21 750 Mark) einge-
tragen habe. Er und sein Bruder C. Stertinius Xenophon, ebenfalls
Leibarzt des Claudius, hinterliessen trotz grosser Verschwendung
doch noch 30 Millionen Sesterzen (PI in., N. h. XXIX, 1). Das Ge-
halt wurde gewöhnlich am 1. Januar gezahlt (Mommsen, ad Dig.
1) Vgl. Lucian., Alexandr. 3, 11, 24, 86, 89, 42; Philostrat. Vitt. soph. II, 5.
Vgl. E. Zell er, „Alexander Peregrinus. Ein Betrüger und Schwärmer." In:
Deutsche Eundschau 1877.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverhältnisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 579
XIX 5, 26), bisweilen auch nach dem Tode des Patienten weiterge-
zahlt (Dig. XXXIII, 1, 10 § 1). Auch einzelne Kuren wurden bis-
weilen sehr hoch honoriert. So zahlte der Legat von Aquitanien,
Manilius Cornutus 200000 Sesterzen für Behandlung eines Haut-
leidens (PI in., N. h. XXVI, 4). Dieselbe Summe musste ein reicher
Provinziale dem massilischen Arzt Charmis für zweite Behandlung
entrichten (P 1 i n. XXIX, 29). Galen bekam vom Consularen B o e t h u s
für die glückliche Behandlung seiner Gemahlin 400 Goldstücke = 8700
Mark (Galen. XIV, 647) und Hess sich selbst — tont comme chez
nous — für briefliche Behandlung bezahlen, auf welche Weise er
von Rom aus im fernen Gallien, Spanien, Thracien und Asien weilende
Patienten kurierte (Galen. VIII, 224). Auch in den Provinzen wurden
hohe Aerztehonorare gezahlt, wie denn z. B. der Chirurg A 1 c o n in Gallien
während seines Exils innerhalb weniger Jahre 10 Millionen Sesterzen
(2175000 Mark) erwarb (Plinius, N. h. XXIX, 22). Selbst in
kleineren Städten war die Praxis oft einträglich. Nach der Grabschrift
des freigelassenen „klinischen Arztes und Augenoperateurs" P. Deci-
mi US Eros Merula in Assisi hatte er für seine Freilassung 4000
Sesterzen, für weitere Vergünstigungen 69000 Sesterzen bezahlt und
hinterliess doch noch 520000 Sesterzen (Mommsen in: Hermes
Bd. XIII S. 120). Der Arzt Heraclitus in Rhodiapolis in Lycien
hatte dort unentgeltlich praktiziert, sich aber durch Praxis an anderen
Orten ein grosses Vermögen erworben, so dass er seiner Vaterstadt
einen Tempel des Aesculap und der Hygiea samt deren Bildsäulen,
ausserdem noch 60000 Sesterzen schenken konnte (CJL III, 4315n S. 1148).
Die Laien waren übel auf die Habsucht der Aerzte zu sprechen (P 1 i n.
XXIX, 21). Der Verfasser der „Medicina Plinii" erzählt von Aerzten,
die aus Geldgier Kuren übernahmen, denen sie nicht gewachsen waren,
die wertlose Heilmittel zu ungeheuerlichen Preisen verkauften und die
unschuldigsten Krankheiten in die Länge zogen, um grössere Ein-
nahmen zu erzielen (Plinii quae fertur medicina ed. V. Rose S. 1).
Indessen wurden auch hier durch die Ueberfüllung des ärztlichen
Standes gewisse Grenzen gezogen. Wie Plinius sagt, ermässigte die
Konkurrenz die Honorarforderungen der Aerzte (XXIX, 21). Viele
derselben waren und blieben zeitlebens ohne Vermögen, besonders
diejenigen, welche Armenpraxis ausübten (Galen. XII, 916).
3. Bürgerliche Stellung der Aerzte.
Das bürgerliche Ansehen der Aerzte in der Kaiserzeit war ein
sehr grosses und wurde durch die von den einzelnen Kaisern ihnen
verliehenen Vorrechte noch bedeutend erhöht. Julius Caesar ver-
lieh 46 V. Chr. sämtlichen Aerzten das Bürgerrecht (Sueton., Caesar
cap. 42; Augustus cap. 42), indem er vielleicht durch die Rücksicht
auf die Gesundheitspflege des Heeres dazu veranlasst wurde (Fried-
1 an der I, 337). Zum Danke für seine Heilung durch Antonius
Musa (s. unten) verlieh dann Augustus den Aerzten die Abgaben-
freiheit (Immunität, äTikeia) [Dio Cassius 53, 30j sowohl von
Grundsteuer als auch persönlichen Abgaben. Von den späteren Kaisern
(Vespasian, Trajan,^) Hadrian) wurde diese Immunität er-
^) Trajan verlieh dem Hausiatralipten des jüngeren Plinius, Harpokras,
und dessen Arzt Mariuus das Bürgerrecht (PI in., Epist. lib. X ep, 4 — 6, 22 — 23).
57*
580 Iwan Bloch.
neuert. Hadrian befreite die Aerzte von der Verpflichtung der
Uebernahme öffentlicher Aemter und Funktionen, welche Verordnung
durch Antoninus Pius wiederholt (Digg. XXVII tit. 1 cap. 6 § 8),
aber auf eine gewisse Zahl der Aerzte eingeschränkt wurde (für
jede Stadt 5 — 10). In kleinen Städten wurde gewöhlich dem dort ge-
borenen Arzt die Immunität erteilt. Alexander Severus übertrug
das Recht der Immunitätsverleihung den stimmfähigen Bürgern (ordines)
und Grundbesitzern (possessores), während die Behörden (decuriones)
dem Betreffenden das Gehalt zahlen mussten (Dig, Lib. 50 cap. 1;
cap. 4 § 2). Neben dieser öffentlichen Besoldung (salaria) hervor-
ragender Aerzte schuf Aexander Severus auch einen unentgelt-
lichen Unterricht für arme Medizinstudierende in besonderen Hörsälen
(auditoria) [Lampridius, Alexander Severus cap. 44]. Später wurde
noch die Vergünstigung der Einklagung des Honorars bei dem Praeses
provinciae hinzugefügt. Nur Charlatane und Zauberärzte wurden aus-
genommen (Digg. I Tit. 13 I § Iff.) Constantinus war ein be-
sonders eifriger Gönner der Aerzte, die er zum Unterrichten möglichst
vieler Schüler ermunterte (Cod. Theod. 1. XIII tit. 3). Valentinian
(370 n. Chr.) erteilte Vorschriften über die Lebensführung der Medizin-
studierenden, worüber Atteste und alljährliche Berichte der Präfekten
eingefordert wurden (Cod. Theodos. 1. XIV tit. 1, 1). Dies war nötig,
da in den letzten Jahrhunderten des weströmischen Reiches und auch
unter den Byzantinern das studentische Leben einen ausgelassenen
Charakter annahm und viele Analogien mit modernen Verhältnissen
aufwies (Trinkgelage, Verbindungswesen, Schulden u. s. w.). An den
Hochschulen in Athen, Antiochia, Alexandria, in Italien, Gallien und
Spanien erteilten nicht bloss Professoren (Jatrosophisten), sondern auch
praktische Aerzte als Privatdozenten („Pädagogen") den medizinischen
Unterricht, der aber in der byzantinischen Zeit wesentlich theoretisch
war, da selbst Tiersektionen als „Zauberei" verpönt waren (Theo-
phil. Protospath., „De corp. hum. fabrica" ed. Gr eenhiU,
Oxford 1842, S. 129 u. 151).
4. Leibärzte.
Neben einem sehr grossen, meist aus Sklaven, die die verschieden-
sten Spezialitäten ausübten, bestehenden ärztlichen Hauspersonal (Corp.
inscr. latin. VI, 8646 ; 8647 [medic. domus Augustianae] ; 8656 [medic.
dom. Pal.]; 8671 [medicus ex hortis Sallustianis], Sueton. CaligulaS;
Scribon. Larg. cap. 120; ut ab eins (Cassii) servo Alimeto accepi,
legato Tiberii Caesaris [d. h, der durch Vermächtnis an Tiberius
kam] quia is eam solitus erat componere) waren schon seit der ersten
Kaiserzeit Leibärzte bei Hofe angestellt, die natürlich durch hervor-
ragende Geistesgaben oder eminentes therapeutisches Talent die Auf-
merksamkeit des betreffenden Caesar erregt hatten. Mehrere von
ihnen verdienen auch in der Geschichte der Medizin eine Erwähnung.
Der Kaiser August us^) hatte als Trium vir zuerst den Marcus
Artorius, einen Schüler des Asklepiades, zum Arzte, welcher
ihm in der Schlacht bei Philippi das Leben rettete. Es wird erzählt,
^) Dubois d'Amiens, „Recherches historiques sur la vie privee de l'empereur
Auguste, ses maladies etc." Bulletin de l'academie de medecine, Paris 1869, Bd.
XXIII S. 762 ff.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverhältnisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 581
dass er durch einen Traum von der seinem Herrn drohenden Gefahr
unterrichtet wurde und dass er den schwerkranken Octavianus
in einer Sänfte aus dem Lager entfernte, welches im Laufe der
Schlacht von Brutus erobert wurde. Artorius kam 10 Jahre
später, nach der Schlacht bei Actium, durch Schiffbruch ums Leben.
Die Bewohner von Smyrna errichteten ihm ein Grabmal mit der In-
schrift „Der Asklepiade" ^) (Vellejus Paterculus II, 70; Va-
lerius Maximus I, 7, 1 ; Plut. Brut. cap. 41; Dio Cass. 47, 41).
Nach Caelius Aurelianus (acut. III, 14) schrieb Marcus Ar-
torius ein Werk über Hydrophobie und nach Clemens Alexan-
drin us (Paedag. II, 2) über Makrobiotik. — Unter den späteren
Leibärzten des Augustus ist besonders Cajus Aemilius (daraus
verderbt: „Camelius'') zu erwähnen, der den Kaiser sehr verzärtelte,
u. a. das Dach seines Schlafzimmers mit Tierfellen behängen Hess
(Vet. Schol. ad Horat. Epist. I, 15), grosse Scheu ( religio nimia) hatte,
bei einem Gichtanfalle dem Caesar die ,.Lactuca" zu gestatten, statt
dessen ihn mit erhitzenden Mitteln behandelte (velleribus muniret;
P 1 i n. N. h. XIX cap. 8), wie er denn auch gegen das Fussleiden des
Kaisers warme Sandbäder und Umschläge von in Essig gekochten
Rohrwurzeln zur Anwendung brachte (PI in, a. a. 0.).
Der berühmteste Leibarzt des Augustus war Antonius
Musa.^) [„Musa" ist Hypokoristikon von Moiaoöiogog.] Er hatte im
Jahre 23 v. Chr. den Kaiser von seinen hartnäckigen rheumatisch-
gichtischen Beschwerden und einem Leberleiden durch eine methodische
Kaltwasserkur (Wassertrinken und kalte Bäder) und durch Anwendung
von Lattich befreit, wofür er zum Ritter ernannt wurde, mit dem
Rechte der „nobilitas"', goldene Ringe zu tragen, =^) reiche Geschenke
und ein Standbild im Tempel des Aeskulap bekam (S u e t o n., Augustus
59; Dio Cass. 53, 30).^) Ebenso wurde sein Bruder Euphorbus
geehrt, der Leibarzt des Königs Ju ba IL von Numidien, welch letzterer
eine von ihm gefundene Pflanze seinem Arzte zu Ehren „Euphorbia"
benannte (PI in. nat. bist. XXV, 77). In kurzer Zeit wurde Musa
als Hydrotherapeut schnell berühmt, behandelte z. B. auch den H o r a z
(Epistol. I, 15, 2), ging aber seines Rufes verlustig, als Marcellus
trotz der von Musa eingeleiteten Kaltwasserkur starb (Dio Cass.
53, 30). Nach Galens Mitteilungen verfasste Antonius Musa
pharmakologische Schriften in griechischer Sprache (Gal. XU, 989;
^) Car. Patin, „Comraentarius in cenotaphium Marci Artorii, medici Caesaris
Angusti, a Smyrnensibus positum", Patavii 1689, 4 ".
-) L. 0. und J. F. Grell, „Dissertatio exhibens Antonium Musam Angusti
medicum etc.", Leipz. 1725, 4 ** (auch in: J. C. G. Ackermann, „Opuscula ad
medicinae historiam pertinentia" 1797 S. 343 — 382); J. C. G. Ackermann, „De
Antonio Musa Prolusio et libris qui üli adscribuntur'-. Alt^rf 1786, 4°; Gardt-
b au sen, „Augustus und seine Zeit", 1. Tl. Bd. II, Leipzig 1896, S. 724; 2. Tl.
2. Bd., Leipz. 1896, S. 402; Spalikowski, „Antonius Musa et l'hydrotberapie
froide ä Rome", Paris 1897; M. Wellmann bei Pauly-Wissowa 1894. Bd. I
Spalte 2633; Prosopograpbia imperii Romani, Berlin 1897, Bd. I S. 101 Nr. 680;
H. Schanz, „Geschichte der römischen Litteratur", München 1901, Bd. 11 Tl. 1
S. 355—356.
") Ueber die Rolle des Ringes bei den medizinischen Promotionen vgl. J. C.
W. Möhsen, „Commentatio de medicis equestri dignitate ornatio", Berlin 1767, 4°.
— Brouchoud, „Sur la noblesse des medecins et des avocats jusqu'au 18me siecle"
in: Gaz. med. de Paris 1860 S. 275 ff.; Gazette med. de Lyon 1860 S. 193 ff-
^) Eine im Vatikan befindliche Statue eines jugendlichen Aeskulap gilt als die
des Musa (M. Albert, „Les medecins grecs ä Rome", Paris 1894, S. 119).
582 Iwan Bloch
XIII, 463). Die unter seinem Namen bei Galen sich findenden Re-
zepte (Gal. XI, 87; 137; XII, 636; XIII, 108; 263; 8332 u. m.) ge-
hören wirklich ihm, nicht dem Petronius Musa.
Scribonius Largus (cap. 110) erwähnt ein „medicamentum
siccum" aus Aloe, Crocus, Zimmt, syi'ischer Narde, Mastix, welches
„refertur in Musam Antonium" und gegen Magenbeschwerden und
Gelbsucht wirkt. Auch bei Oreibasios (ed. Dar. V, 788) findet sich
ein „TQOxioi^og 6 MovGa^\ ebenso bei Aetios (Tetrab. I Serm. IV,
cap. 12; Tetrab. II, Serm. II, cap. 82).^)
Unter dem Namen des Antonhis Musa gehen ztvei Schriften „De herha
betonica^^ (mit zwei Gedichten in Senaren „Precatio terrae" %md ,,Precatio omnium
herbarum") und „De tuenda valetudine ad Maecenatem". In einem Codex des 12. Jahr-
hunderts (Ms. K. IV, 3) der Biblioteca Nazionale in Turin geht der Abhandlung
über das betonische Kraut eine „Epistola Antonii Musae ad Agrippam" voraus, ^)
und in zwei Codices Laurentiani (73, 41 saec. XI und 73, 16 saec. XIII) wird das
zweite der Schrift beigegebene Gedicht als ein von Antonius JHusa herrührendes
und an M. Agrippa gerichtetes bezeichnet. '') Die zweite Schrift ist ein Fragment.
Sie erscheint in der Ausgabe des Marcellus von Helmreich (Leipzig 1889, S. 9)
als „epistula alia eiusdem Hippocratis ex Graeco translata ad Maecenatem". Beide
Schriften sind späteren Ursprungs und haben mit Antonius Musa nichts zu
thun. Die erstere nennt 46 Krankheiten, gegen welche Betonica anzuwenden sei.*)
Tiberius hatte den Charikles zum Leibarzt (Sue ton. Tiber,
cap. 72; Tacit. Ann. VI, 50), Caligula und Claudius den
Quintus Stertinius und Cajus Stertinius Xenophon von
der Insel Kos,**) die direkten Nachkommen der Asklepiaden. Der
letztere machte 43 n. Chr. mit Claudius den britannischen Feld-
zug mit (als „tribunus militum") und erhielt dafür 44 die Corona
aurea und hasta pura (Paton u. Hicks „The Inscriptions of Cos"
Oxford 1891, Nr. 345). Xenophon liess durch Claudius seinen
kölschen Mitbürgern viele Wohlthaten zukommen (z. B. Steuerfreiheit
53 n. Chr.), wie mehrere Inschriften bezeugen. Er wohnte in einem
Privathause am mons Caelius. Von seinem römischen Haushalte ist
die Grabschrift einer Sklavin erhalten (Corp. inscr. latin. Bd. VI Nr.
8905), ferner wurde in der Villa Casali eine Bleiröhre mit der Inschrift
„Stertini Xenophontis" gefunden.^) Er soll im Jahre 54 n. Chr. im
^) E. Meyers Ausführungen („Geschichte der Botanik", Königsb. 1855, Bd. II
S. 48—54), dass Antonius Musa niemals geschriftstellert habe, vielmehr mit
Petronios Musa verwechselt worden sei, den Galen einmal statt seiner er-
wähnt, sind m. E. deswegen nicht haltbar, weil doch Scribonius Largus ganz
deutlich den Antonius Musa als Erfinder einer pharmaceutischen Vorschrift er-
wähnt, was durchaus mit den Angaben Galens über die pharmakologische Schrift-
stelierei desselben übereinstimmt.
^) Piero Giacosa, „Magistri Salernitani nondum editi", Turin 1901, S. 358.
'') Bährens, „Miscellanea critica", Groningen 1878 S. 107.
*) Die Schrift „De herba Betonica" ist an letzter Stelle abgedruckt in „Albani
Torini Collectio", Basil. 1528, fol. ; ferner in den Ausgaben des sogen. ApulejusPlato-
nicus von Wechel, Paris 1528, und Humelberg, Zürich 1537; in der „Collectio
Aldina", Vened. 1:47, fol ; in Ackermanns ,,Parabilium medicinarum scriptores",
Nürnb. 1788, S. 127 ff. Die Schrift „De tuenda valetudine" in der Ausgabe des
Sextus Placitus, Nürnberg 1538. Beide Schriften in : Antonii Musae qui Augusti
Caesaris medicus fuit, fragmenta, quae extant, collegit, nunc primum praefatus est
comment. et notas addidit Florian. Caldani, Bassano 1800, 8^ — Ueber angel-
sächsische Uebersetzungen vgl. Haeser Bd. I S. 298 u. 628.
*) Litteratur über C. Stertinius Xenophon s. oben S. 307 Anm. 1; ausser-
dem J. M. Cyrnos, „Un medecin de l'empereur Claude" in: Journal d'hygiene,
Paris 1882. Bd. VII S. 565—569.
«) Bulletino comunale di Roma 1886 S. 104, 1160.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverhältnisse iu d. west- u. oström. Kaiserzeit. 583
Einverständnisse mit Agrippina seinen kaiserlichen Herrn vergiftet
haben (Tacit. Ann. XII, 67,^) kehrte später nach Kos zurück, wo er
zum Oberpriester gewählt und zahlreiche Ehren empfing (Weihung der
Exedra im Theater mit der Inschrift fJQwg ; Münzen mit seinem Bilde).
Alle Ehrentitel des Stertinius Xenophon sind auf der Inschrift
eines viereckigen Altars verzeichnet, den Johannes Kallisperes
im Jahre 1898 beim Tempel des Apollon zu Kalymnos aufgefunden
hat (abgedruckt bei Herzog a. a. 0. S. 198). Mit Recht nennt
Herzog (S. 199) den C. Stertinius Xenophon eine „Figur für
einen Sittenroman".
Die Aerzte Neros waren die beiden Andromachos (s. oben ;
Gal. XIV, 211), der Leibarzt Trajans, der ihn auch in den deutschen
Krieg begleitete, war Kr i ton (Martial. XI, 60, 6), der Hadrians
Hermogenes (Dio Cass. LXIX, 22), der Marc Aureis Deme-
trios (Gal. XIV, 4). Als dieser gestorben war, fragte der an der
Donau befindliche Marc Aurel bei dem Vorsteher des kaiserlichen
Finanzamtes an, welcher Arzt gegenwärtig kaiserlichen Sold empfange,
und als er erfuhr, dass dies Galen sei, wurde dieser zum Nachfolger
des Demetrios ernannt (Gal. XIV, 4).
5. Archiatri.
Die Leibärzte bildeten seit Claudius einen Bestandteil der be-
sonderen Institution der Archiatri (ägxicxTQÖg,'^) davon das deutsche
„Arzt" [althochdeutsch „arzät", mittelhochdeutsch „arzät, arzet"]). Der
erste Arzt mit dem Titel dQxiatQog ist nicht, wie bisher angenommen
wurde, der ältere Andromachos, sondern bereits C. Stertinius
Xenophon führt den Titel ÖQxiatQÖg t&v d^eCov leßaatwv (Bulletin
de Corresp. Hellenique Bd. V, S. 479). Wir wissen nicht, ob Kaiser
Claudius als erster bestimmten Aerzten den Titel eines Archiater
verliehen hat und seit wann derselbe, wie im 4. Jahrhundert (Cod.
Theod. XIII, 3) mit einem Einkommen und anderen Privilegien ver-
knüpft war. Nach Galen (XIV, 211) bekam Andromachos von
Nero diesen Titel, weil er sich durch praktische und theoretische
Kenntnisse auszeichnete und „über uns alle herrschen {äQXEiv) soll".*^)
Nach Brian führten fünf verschiedene ärztliche Beamte den Titel
„Archiater": 1. die kaiserlichen Leibärzte (archiatri sacri palatii),
2. die Provinzialstadtärzte (archiatri municipales, populäres, äQxiazQog
TtöXetog), 3. die angestellten Aerzte der zwei kaiserlichen Städte (Rom
und Byzanz), 4. die Präsidenten der medizinischen Gesellschaften und
Schulen (archiatri scholares), 5. die der öffentlichen Gymnasien und
die Aerzte der Vestalinnen. „Superpositus medicorum" und „supra
medicos" auf Grabinschriften ist nicht gleichbedeutend mit Archiater,
sondern bedeutet Oberarzt, der die Aufsicht über die Sklaven (Unter-)-
*) Griechische Aerzte gaben sich öfter zu solchen Meuchelmorden her, was
ihnen besonders von Plinius (N. h. XXIX, 20) vorgeworfen wird, wie denn auch
Eudemos, der Leibarzt der Li via, den Drusus iimbrachte (Tac, Ann. IV, 3, 11;
Plin. XXIX, 20). Nicht weniger wurden sie des Ehebruchs mit fürstlichen Frauen
geziehen (Plin. a. a. 0.).
^) Ueber die Etymologie und Bedeutung vgl. Haeser I, 413.
*) Vgl. dazu noch Brian a. a. 0. S. 20ff. ; Erotian. ed. Klein, Leipzig 1865,
S. 29: „d^x^ar^e 'AvS^öftaxe; Galen , De antidot. I, 1; Lebas et Waddington,
„Voyage archeologique en Gr^ce" TU, 1695 (d^x^ar^de leßaariüv).
584 Iwan Bloch.
ärzte führt. Galen bezeichnet noch zwei Zeitgenossen als „Archiatri",
den M a g n 0 s , Leibarzt des Antoninus Pius und den Demetrios,
Leibarzt des Marc Aurel (Galen XIV, 4; XIV, 211). Man findet
aber bei den lateinischen Autoren bis auf Constantin diesen Titel
durchaus nicht (B r i a u S. 25), erst von da ab erscheint er als offizielle
Bezeichnung.^)
Die Archiatri palatini oder sacri palatii, Hofärzte,
werden zuerst unter Alexander Severus erwähnt, der aber von
den sieben Hofärzten nur einem einzigen einen Gehalt bewilligte,
während die übrigen sich mit Naturallieferungen (Getreide, Oel u. dgl.)
begnügen mussten (Alexander Sev. cap. 42).
Gemeinde- und Stadtärzte, aus denen später die archiatri
populäres, municipales, ägxiarQol ifjg Tco'Aewg hervorgingen,
hatte es in Griechenland schon in der hippokratischen Periode ge-
geben,'-) auch in Rom werden Stadtärzte schon früh erwähnt. Strabo
gedenkt der Anstellung von Stadtärzten in Massilia und anderen
gallischen Städten (III, 1; IV, 181), ein M. ül pius Sporns, früherer
Militärarzt, wird als „medicus salararius civitatis* splendidissimae
Ferentinensium" in einer Grabschrift aus der Zeit Trajans genannt
(Orelli „Inscript. latinar. selectar. collectio" Nr. 31507). Seit dem
2. Jahrhundert waren wohl in den meisten Städten besoldete Aerzte
angestellt, die in ihnen zur Verfügung gestellten iargsla die Kranken
behandelten (Gal. XVIII B, 678). Eine eigentliche Regelung des
Gemeindearztwesens erfolgte jedoch erst unter Valentinian I. in
in den Jahren 368 — 370 n. Chr. Die erste Verordnung des Kaisers
an d€n Stadtpräfekten von Rom setzte die Zahl der Archiater auf je
1 für jede Stadtregion fest, also im ganzen auf 14, ausser den Aerzten
der Athletengenossenschaft (porticus Xysti) und der Vestalischen
Jungfrauen. Diese sollten zugleich als Armenärzte fungieren und
daher aus öftentlichen Mitteln besoldet werden, durften aber auch
Honorare annehmen. Bei Vakanzen sollte der neue Kandidat vom
Kollegium der Archiatri selbst, nicht mehr, wie früher, von den Bürgern
dem Kaiser vorgeschlagen, und zwar nur ein solcher ,,qui ipsorum
consortio et archiatriae ipsius dignitate et nostro judicio dignus habe-
atur" (Cod. Theodos. XIII, 3, 8). Ein zweiter Erlass vom Jahre 370
bestimmte, dass der neue Archiater nur mit Zustimmung der sieben
Ael testen gewählt werden könne und immer die letzte Stelle erhalte
(Cod. Theodos. XIII, 3, 9; Cod. Theodos. XIII, 3, 13; Symmachus,
Epistolae, Napol. 1647, X, 40). Ferner wurden die Archiatri durch
ein besonderes kaiserliches Reskript ermahnt „lieber in rechtschaffener
Weise den Armen zu Hilfe zu kommen, als schmählich den Reichen
zu dienen. Wir erlauben ihnen anzunehmen, was ihnen die Gesunden
für ihre Dienste anbieten, aber nicht, was ihnen die Kranken in der
Gefahr für ihre Rettung versprechen." (Cod. X, 52, 9.) Auch in den
Provinzialstädten bildeten die Archiatri populäres solche Kollegien
(von 7 bezw. 5 Mitgliedern), wie z. B. in Benevent und Turin
*) Auf Inschriften werden einzelne Stadtärzte vor und nach Antoninus
Pius, der die Zahl der von den Stadtbehörden zu ernennenden steuerfreien Aerzte
auf 10 für grosse, 7 für mittlere, 5 für kleine Städte festsetzte (Digg. XXVII 1, 6
§ 2), als Archiater bezeichnet, so in Kleinasien und Griechenland, in Benevent ein
Mann von ritterlicher Abkunft und erster Kommunalbeamter, in Pisaurum ein Frei-
gelassener, in Acclanum ein Grieche, in Venusia ein Jude (Friedländer I, 338).
2j Siehe oben S. 182-183.
Uebersicht über d. ärztl. Staudesverhältuisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 585
(Friedländer I, 337) und waren in den griechischen Städten oft
zugleich Priester des Asklepios (Corp. inscr. graecar. Nr. 4315 nV)
Die offiziellen Stadt- und Gemeindeärzte genossen viele Privilegien
(Steuerfreiheit, Ablehnung von anderen Aemtern, Vergünstigungen vor
Gericht, Schutz gegen Beleidigungen u. a. m.). In byzantinischer Zeit
kamen noch Rangerhöhungen und Ehrentitel hinzu wie V. P. = vir
perfectissimus, was den Ritterrang bedeutete, aber auch mit einer
Steuer (aurum oblatibilium) verbunden war. ferner die „comitiva digni-
tas", die in drei Grade zerfiel vom Range der Provinzialpräfekten,
der Vicarii und der Duces. Die kaiserlichen Leibärzte erhielten nach
längerer Dienstzeit die letzteren Rangerhöhungen und hiessen dann
„Comes archiatrorunl" mit dem Prädikat „Vir spectabilis", welchen Titel
noch heute die Dekane der medizinischen Fakultäten führen.-) Auch
Titel wie (ixiota(»iog= kaiserlicher Hofarzt, nQonoonaS-dQiog = Oherster
der Leibwache, ^ivgeipög = Salbenkoch begegnen uns, die nicht etwa
als Familiennamen aufzufassen sind. Unter Constantinus, der die
dozierenden Archiatri durch Honorare auszeichnete (Cod. III tit. 14),
kommen zuerst emeritierte Archiatri, „ex archiatris," vor. Alle diese
Verhältnisse blieben im wesentlichen auch unter den germanischen
Herrschern von Italien und Frankreich bestehen, wie aus einer Ver-
ordnung des Theoderich über die Rechte und Pflichten des Comes
archiatrorum ^) hervorgeht.
6. Andere öffeniliche Aerzte.
Unter den übrigen öffentlichen Aerzten sind besonders die Gladia-
toren- und Theaterärzte zu nennen, welche bei den Gladiatoren-
schulen, den Schauspielen, Zirkuskämpfen u. s. w. angestellt waren,
um dem Personal ärztliche Hilfe zu teil werden zu lassen.
Die Gladiatoren schulen in Rom (nahe dem Amphitheater des
Flavius), in Capua, Praeneste, Ravenna und Alexandria lagen an ge-
sunden Orten, da man auf das Wohlbefinden der Fechter die grösste
Rücksicht nahm. Die Gladiatorenärzte (medici ludi gladiatorii) mussten
dieselben in diätetischer Hinsicht genau überwachen. Eine Art von
antiker Mastkur zur kräftigen Herausbildung der Muskulatur wurde
meistens durch Darreichung von Gerstenspeisen vorgenommen (Cypri-
anus, Epp. 2: „impletur in succum cibis fortioribus corpus, ut arvinae
toris moles robusta pinguescat, ut saginatus in poenam carius pereat"),
wovon die Gladiatoren auch Gerstenesser (hordearii) genannt wurden
(PI in., Nat. hist. XVIII, 72). Nach Galen bekamen die von ihm be-
handelten Gladiatoren in Pergamus täglich Bohnenbrei mit Gersten-
graupen, wodurch aber das Fleisch nicht straff und fest, sondern locker
wurde (G a 1. VI, 529). Auch J u v e n a 1 schilt über das schlechte
„Gemengsei der Fechtschule'' (Juven. XI, 20). Auch Einreibungen
der Gladiatoren wurden durch besondere Sklaven (unctores) vorgenommen
(Corp. inscr. latin. VI Nr. 631). Bei den Kämpfen der Gladiatoren im
Zirkus waren stets Aerzte und Chirurgen zugegen, welche sich der
*) Inschriften von solchen d^yiar^oi TioXeco? bei Haeser I, 415.
^) Gibbon, History of the decline and fall of the Roman empire", Basel 1787
Bd. III S. 22.
^)J. H. Meibomius, „Mag'ni Anrelii Cassiodori formula comitis archia-
troram commentariolo illustrata", Helmstädt 1665, 4°.
586 Iwan Bloch.
Verletzten annahmen. Es gab besondere Vorschriften für die Behand-
lung- von Gladiatorenwunden (PI in., N. h. XXVI, 135; Scribon.
Larg. 102; 203; 207; 208). Ott bot sich bei den Hinrichtungen durch
wilde Tiere den anwesenden Aerzten Gelegenheit anatomische Studien
in vivo zu machen, indem durch die grässlichen Wunden innere Körper-
teile blossgelegt wurden (Gal. II, 885; Gels., Praef.l Die bei den
Tierkämpfen anwesenden Aerzte Messen „medici ludi bestiarii" oder
„ludi matutini". ^) Auch bei den durch Volksgedränge entstehenden
Unglücksfällen waren Aerzte stets zugegen, wie z. B. nach der Er-
mordung des Caligula (FlaviusJosephus, Antiquit. judaic. XIX,
1). Es gab ferner Theaterärzte, Aerzte für das Personal der öffent-
lichen Gärten, Bibliotheksärzte (medici a bibliothecis).-)
7. Militärärzte und Militärmedizinalwesen.
Das römische Militärmedizinalwesen ist nicht so alt wie das
griechische •^) und entwickelte sich erst mit dem Beginne der Kaiser-
zeit. Wohl nur die Feldherren hatten in der früheren Zeit bei Kriegen
ihre Aerzte bei sich (vgl. oben S. 409 den Militärarzt M a r u s ; ferner
den Kleanthes, Arzt des Cato Uticensis oder Glykon, Arzt des
Consuls Vibius Pansa (43 v. Chr.) [Plutarch., Cato minor 70;
Sueton., Octavianus 11; Cicero, ad Brutum 6; Tacit, Annal. I, 10]).
Die grosse Masse der Soldaten war bei Verletzungen auf kamerad-
schaftliche Hilfe angewiesen. Jeder Soldat führte Verbandzeug mit
sich (Dionys. Halicarn. IX, 50). Der Verletzte wurde aus der
Linie getragen und verbunden (im Lager oder in nahe gelegenen
Städten; Dionys. Halicarn. VIII, 65; Livlus XXX, 34; X, 35;
VIII, 36; II, 47; XXII, 54; XXVII, 2; XI, 33). Erst Caesar wendete
der besseren Pflege der Verwundeten seine Aufmerksamkeit zu und
Augustus stellte die ersten Militärärzte an. ^) Nach Vellejus
Paterculus (II, 14) sorgte Tiberius in den germanischen Kriegen
sogar für Bade Vorrichtungen im Lager seiner Soldaten. Aus der Zeit
des Claudius stammt das Denkmal des Regimentsarztes Claudius
Hymnus der 21. Legion in Windisch in der Schweiz. Es war ein
medicus libertus (Brunn er S. 20 — 21; Konen a. a. 0. S. 3). In
Iversheim wurde ein Stein mit der Inschrift „medicus miles" gefunden
(ibidem ^).j Aerzte waren bei allen Truppengattungen angestellt. In
Rom hatten die sieben Cohorten der Polizeiwachen (vigiles) je vier
Aerzte, die im Range unter den Unteroffizieren standen. Auch die
prätorischeu Cohorten (cohortes urbanae), die Leibwache der Kaiser,
hatten für jede Cohorte vier Aerzte. Desgleichen die Legionen (medici
legionum) und Hilfstruppen, Die Aerzte der Legionen, der städtischen
^) Inschrift auf einen Arzt der Venetischen Faktion des Wettrennens im Zirkus
bei Brian, „L'assistance medicale", S. 18; Inschrift einer von den „venatores*' zu
Korinth ihrem Arzte errichteten Bronzehüste in: Corp. inscr. graecar. 1106.
'') Briau a. a. 0. S. 63.
^) Vgl. über griechische Militärärzte oben S. 183 — 184.
*) Onesander (ca. 50 n. Chr.) erwähnt zuerst die das Heer begleitenden
Aerzte {^T^aTrjyiy.öe ed. Köchly cap. 1 § 13).
'') Hierher gehört auch der Stein des Anicinus Ingenuus medicus ord(inarius)
coh. I Tungr(orum) (Corp. inscr. lat. VII, 690; Konen S. 4); Galens abfällige
Aeusserung über Militärärzte XIII, 604; Erwähnung eines tüchtigen Militärarztes
Antigonos XII, 557.
Uebersicht über d. ärztl. Standesverhältnisse in d. west- u. oström. Kaiserzeit. 587
und prätorischen Cohorten waren römische Bürger, daher „immunes",
zum Teil auch „duplicarii", während die Aerzte der Cohorten der
„vigiles" und der Auxiliartruppen liberti und peregrini sein konnten.
Die verletzten und kranken Soldaten (valetudinarii) wurden teils
in Zelten, teils in Lazaretten (valetudinaria) behandelt. Diese lagen
links von der Porta praetoria, standen unter den tribuni, in der
Garnison unter dem praefectus castrorum. Ihre Yerwaltungsbeamten
waren die „optiones valetudinarii", ^) die Lazarettärzte die „medici a
valetudinario" (Hyginus, de munit. castror. cap. 14; Vegetius, de
re militari II, 10). Auch Krankenställe für Pferde (veterinaria) wurden
rechts von der Porta praetoria, in hinreichender Entfernung von den
Valetudinarien, errichtet (mit einer Schmiede). Wiederholt statteten
Feldherren und Kaiser wie Germanicus (Tacit., Annal. I, 71),
Trajan (Plinius jun., Panegjn-. in Trajanum cap. 13), Alexander
Severus (Lampridius, Alex. Sever. cap. 47) den kranken Soldaten
in ihren Zelten oder Valetudinarien Besuche ab und spendeten ihnen
Trost. Von der Thätigkeit der Militärärzte unter Trajan erhalten
wir willkommenen Aufschluss in einer auf der Trajanssäule dargestellten
Szene aus einem Treffen gegen die Dacier. Wir erblicken zwei Ver-
wundete, den einen von zwei Kameraden unterstützt, den anderen
in der Obhut des Arztes, welcher mit der Anlegung eines Beinver-
bandes beschäftigt ist (vgl. die Abbildung bei Brunn er S. 8).
Vielleicht gab es auch Chef- und Generalärzte der Armee, worauf
eine Stelle des Achilles Tatius (De Clitophontis et Leukippes
amoribus, IV, 10) zu deuten scheint, wo von dem imgog tov oigaro-
Ttiöov, der zu dem kranken Feldherm gerufen werden soll, die Rede
ist. In byzantinischer Zeit wurden Sanitätskolonnen geschaffen, indem
unter dem Kaiser Mauritius (582 — 602), der selbst ein taktisches
Werk schrieb,-) dem ersten Treffen jeder Abteilung von 200—400
Mann acht bis zehn unbewaffnete deoTcoxcaoi, öinoxönoi (deputati) oder
a-KQißiüveg (scribones) beigegeben wurden, welche Wasserflaschen mit
sich führten, beritten waren und die Verletzten aus dem Getümmel
brachten und für jeden so Geborgenen ein Goldstück bekamen
(Mauritius, Ars milit. II, cap. 8; Leonis imperatoris Tactica,
cap. IV, § 15; XII, §§ 51, ß3, 119).
Endlich sind noch Aerzte der kaiserlichen Flotte zu erwähnen,
die durch mehrere Inschriften bezeugt sind (Friedländer I, 337;
H a e s e r I, 423j. In byzantinischer Zeit gab es einen eigenen Beruf
der Schiffsärzte (Paulos Aegin. Vorrede).
8. Niedergang des ärztlichen Standes.
Das Ansehen des ärztlichen Standes, welches besonders durch die
von den verschiedenen Kaisern auf ihn gehäuften Ehren offenbart
wird wie auch durch die von den wissenschaftlich gebildeten Laien
^) In Bonn ist ein Stein mit der Inschrift des „Edistus optio valetudinarii"
gefunden, wodurch die Existenz eines römischen Lazarettes am Niederrhein nach-
gewiesen worden ist (Konen S. 4). Ferner wurde ein römisches Militärlazarett in
Baden (Schweiz) aufgedeckt. Vgl. H a u s e r . „Ein römisches Militär-Hospiz", Wochenbl.
des Bezirkes Meilen, Stäfa 1897; Anzeiger f. Schweiz. Älterthumskunde. Zürich
1895, Nr. 2.
*) Vgl. A d a m e k , „Beiträge zur Geschichte des byzantinischen Kaisers Mauri-
tius", Graz 1891, 2 Teile.
588 Iwan Bloch.
den Aerzten gespendete Anerkennung (z. B. Seneca de benef. VI,
15, 16, 17), wurde schon früh durch schlimme Auswüchse und Aus-
artungen geschädigt. Die Charlatanerie fand auch bei zahlreichen
Jüngern Aeskulaps Eingang und verband sich mit unwürdiger Krie-
cherei, Habsucht und Verbrechen. Wie stets wurden diese unlauteren
Elemente dem ganzen Stande zur Last gelegt. Juvenal geisselt die
Charlatanerie der griechischen Aerzte (III, 7), Martial die Neigung
zu Diebstählen (Mart. IX, 96), den Ehebruch und Meuchelmord
(Mart. VI, 31; Plin. N. h. XXIX, 20). Nicht weniger Widerwillen
erregten die ewigen Streitigkeiten und Schimpfereien und Schlägereien
der verschiedenen ärztlichen Sekten (Galen XIV, 660; VIII, 357,
495; VII, 419), der Brotneid (Gal. XIV, 621) und die gegenseitigen
Verleumdungen (Galen XIV, 602, 623 ff., 625, 660; XIX, 15) der
Aerzte, die selbst vor Ermordung eines lästigen Kollegen nicht zurück-
schreckten. Diese Uneinigkeit der Aerzte erweckte das Misstrauen
der Laien. „Unzweifelhaft," bemerkt Plinius, „jagten sie alle
durch ihre Neuerungen nach Berühmtheit und machten mit dem Leben
der Patienten Gescliäfte, daher auch jene unseligen Zänkereien im
Krankenzimmer, wo jeder etwas anderes rät, um nicht von einem
anderen abhängig zu erscheinen; daher jene unglückliche Inschrift
eines Grabmals, durch die Menge der Aerzte sei der Verstorbene um-
gekommen. Täglich wird die so oft umgemodelte Wissenschaft ver-
ändert und wir durch den Hauch der Talente Griechenlands hin und
her getrieben" (Plinius N. h. XXIX, 8, 8). In Satire und Pam-
phlet wurden die Aerzte verhöhnt, wie denn selbst der Kaiser Ha-
drian eine solche verfasste (Epiphanius TtEQl /.utqCüv xat orad-f^wv
ed. Petavius p. 170; de Lagarde in „Philologus" Bd. XVIII,
S. 355) und sich in einem Brief über den medizinischen Schwindel der
Alexandriner erging (abgedruckt bei 0. Keller „Rerum naturalium
scriptores graeci minores" Bd. I [Paradoxographi]). Die Aerzte selbst
klagen über die Unwissenheit, Oberflächlichkeit, Anmassung und rück-
sichtslose Habgier zahlreicher Afterärzte (Scribon. Largus Compos.
Epistola ad Callistum). Galen geisselt in scharfen Worten die
widerliche Kriecherei der römischen Aerzte gegenüber den reichen
Patronen, ihre Missachtung der wissenschaftlichen Bildung, ihre der-
jenigen der Eäuber im Gebirge gleichende Geldgier (Galen X, Iff.;
XIV, 599 ff.; 619 ff.).
Die Medizin der Araber.
Von
Schrutz (Prag).
Als wichtigste Hilfsquellen für die Geschichte der arabischen Medizin sind
Prof. L, Choulant, Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medicin, 2. Aufl.
{Leipzig 1841), %ind dann die Werke Ferd. Wiistenfelds, besonders seine Geschichte
der arabischen Aerzte und Naturforscher {Göttingen 1840) und LiUC. LeclercSf
Histoire de la mededne arabe {Paris 1876. 2 vols.) zu bezeichnen. Beide letzt, sind
nach arabischen Quellen, luiuptsächlich nach dem bio-bibliographischen Werke Oseibias
gesehrieben und lassen ältere Bearbeitungen dieses Gegenstandes entbehren. Insbe-
sondere das Werk Leder es enthält ein sehr umfangreiches und kritisches Material
für die verschiedentlichsten Bearbeitungen der litterarischen Leistungen arabischer
Aerzte und Naturforscher. Für das nähere Eindringen in den Geist der arabischen
Medizin ist jedoch das eingehende Nachschlagen der schon im Mittelalter ins
Lateinische übersetzten Schriften arabischer Aerzte trotz der bekannten den meisten
dieser Uebersetzungen anhaftenden Mängel unerlässlich. Reichhaltige Sammlungen
arabischer Handschriften befinden sich in den Bibliotheken des Escurials, in Paris,
Leyden, London, Oxford, Wien, Berlin, München, Dresden, Florenz; viele Werke
arabischer Philosophen und Aerzte wurden früh auch ins Hebräische übersetzt und
befinden sich handschriftlich in verschiedmen Bibliotheken. — Als allgemein wichtige
Werke zur Kenntnis der Kulturzustände bei den Arabern mögen ausser den bekannten
grossen Werken über allgemeine Welt- und Kulturgeschichte bloss Alfr. Kremer,
Kulturgeschichte des Orients unter den Chalifen { Wien 1875, 2 Bde.) und Le Bmi,
La civilisation des Arabes {Paris 1884) angeführt werden. Vo7i Spezialwerken sind
insbesondere zu nennen: Hob. M. v. Töply, Studien zur Geschichte der Anatomie
im Mittelalter {Wien 1898), Prof. E. Crvrlt, Geschichte der Chirurgie u. ihrer Aus-
übung, I. Bd. {Berlin 1898), Prof. E. C. J. Sleboldi Versuch einer Geschichte der
Geburtshülfe, I. Bd. {Berlin 1839, neuer Abdruck, Tübingen 1901), Prof. G. Dragen-
dwjj'f Die Heilpflanzen der verschiedenen Völker und Zeiten {Stuttgart 1898), die
kritischen Beiträge Steinschneiders in Virchows Archiv, Zeitschr. d. d. morgenl.
Gesellsch. ic. a. m.
Bei der Transskription der arabischen Namen wurde womöglich diejenige
Wüstenfelds beibehalten, %ind die am häufigsten vorkommenden korrumpierten
mittelalterlichen Formen beigefügt.
I. Einleitung.
Die Medizin bei den Arabern bildet eine denkwürdige Episode
in der Geschichte der Heilkunde des Mittelalters, besonders zu jener
Zeitperiode, als im Abendlande über allgemeinen Verfall derselben
geklagt wird. Anfangs unbedeutend, übte sie in ihrer Blütezeit auf
590 Schrutz.
die abendländische Medizin zeitlangs einen sehr nachhaltigen EinÜuss.
Dieser grosse spätere Aufschwung der arabischen Medizin hängt
mit der weltbeherrschenden Stellung der Araber innig zusammen und
gesellt sich organisch zu dem Emporblühen der übrigen Wissenszweige
und Fertigkeiten, die bei den Arabern zur ungemein hohen Entwick-
lung gelangt sind.
Erst nachdem durch die Gründung des Islam dem arabischen
Volke ein grosser geistiger Halt gegeben wurde, wuchs es zu einer
welterobernden Macht heran. Trotz innerer Wirren nach dem Tode
des Propheten unterwarfen sich die Araber nach und nach alle
Nachbarstaaten und beherrschten schliesslich nach Verlauf eines Jahr-
hunderts alle die weiten Weltstriche zwischen dem Indus und dem
atlantischen Ozeane. Die Periode der Ommajaden war die Zeit des
höchsten religiösen Enthusiasmus und der grössten Expansion der
Araber, zugleich aber auch ihr erster Schritt zur Civilisation.
Sobald sich die ersten Eroberungsstürme gelegt hatten, gründeten
die Araber überall geregelte Reiche und die hervorragenden geistigen
Fähigkeiten des arabischen Volkes gelangten zur glänzenden Ent-
faltung. In Aegypten, Syrien und Persien fanden sie Völker vor, die
geistig weit höher entwickelt waren als die Eroberer selbst, und als
die erste Glut der Glaubenskämpfe zu verglimmen begann, wurden
die Araber in kurzer Zeit auch tolerant. Schon die Notwendigkeit
einer geregelten Verwaltung selbst erheischte es dringend in den ver-
schiedenartigsten Gebieten der öffentlichen Bethätigung gebildete
Männer auch aus den Reihen der Nichtgiäubigen häufig zu verwenden.
Ja, wir finden sehr oft, dass christliche und jüdische Aerzte auch
bei den Chalifen als Leibärzte angestellt waren und ihrer besonderen
Gunst sich erfreuten.
Schon in Aegypten, besonders aber, als der Sitz des Chalifates
nach Damaskus verlegt wurde, kamen die Araber in eine engere Be-
rührung mit der abendländischen Kultur, die hauptsächlich in den
christlichen nestorianischen Schulen Syriens gepflegt wurde. Die Höhe
des allgemeinen Aufschwunges erlebte aber die arabische Kultur erst
unter den xA.bassiden, als Bagdad gegründet und zum Sitze des Chalifen
gewählt wurde. Nicht nur die Chalifen selbst (el-Mansur 754 — 775,
Harun er-Raschid 786-809, el-Mamun 813—833, el-Mutassim 833—842,
el-Mutawekkil 847—861 und el-Mutadhid 892—902), sondern auch
viele angesehene und mächtige Familien, wie z. B. die der Barmekiden,
wetteiferten untereinander in der Pflege der edlen Künste und Wissen-
schaften, die um so erfreulicher gedeihen konnten, da sich das grosse
Reich am Höhepunkte seiner Macht befand.
Zu gleichem Glänze gelangte die arabische Kultur auch in Spanien
unter den Ommajaden , besonders unter Abderrahman I. (755 - 788),
am meisten jedoch später unter Abderrahman III. (912—961) und
el-Hakim III. (961 — 976). Und als das einheitliche weltbeherrschende
Reich des Chalifen durch innere Zwistigkeiten und Bürgerkriege in
mehrere selbständige Reiche zerfiel, entstanden in den einzelnen
Hauptstädten ebensoviele Pflegstätten der schönen Künste und Wissen-
schaften. Ueberall wurden Schulen und reichhaltige Bibliotheken ge-
gründet und in allen bedeutenderen Städten Hospitäler mit Kranken-
anstalten und Apotheken gestiftet. Auf diese Weise wurden besonders
Bagdad, Damaskus, Kairo, Cordova und manche Provinzstädte, wie
Die Medizin der Araber. 591
z. B. Saraarkand oder Eaj zu wirklichen Pflegestätten der Heilkunde.^)
Grosse Bibliotheken sowie berühmte Lehrer waren Anziehungspunkte
für die wissbegierigen Araber. Der Keisedrang, unterstützt durch
ein vorzüglich erhaltenes Verkehrswesen, verhalf ungemein viel zur
Verbreitung neuer Ideen und zum Bekanntwerden neuer Bücher im
ganzen ausgedehnten Bereiche des Islam. Jede grössere Stadt hatte
ihren eigenen Büchermarkt; hauptsächlich waren in dieser Hinsicht be-
rühmt Bagdad im Orient und Cordova in Spanien. Oeffentliche
Bibliotheken mit 200000 Bänden waren keine Seltenheit und die
Bücherschätze zahlreicher Private blieben hinter den grossen öffent-
lichen Bibliotheken nicht gar zu weit zurück. Bücherliebhaberei ge-
hörte überhaupt zu den noblen Passionen der vornehmen Araber und
in dieser Hinsicht wichen die Nachkommen Omars und Amrus von
ihren Vätern weit ab.
Was die Entwicklung der Medizin bei den Arabern speziell an-
belangt, finden wir zwar manche Spuren medizinischen Wissens schon
aus der vorislamitischen Zeit, doch gelangte die Heilkunde bei ihnen
erst nach dem X. Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zum vollen Auf-
blühen. Aber auch in dieser Ausbildung können wir derselben keine
Selbständigkeit beimessen, denn ihrem innersten Wesen nach stellt sie
sich bloss als eine gewandte Bearbeitung der griechischen Heilkunde
heraus. Mit der griechischen Philosophie, Mathematik, Astronomie,
Geographie und Naturkenntnissen übernahmen die Araber bei ihren
zahlreichen Kontakten mit der hellenistischen Kultur auch die
griechische Medizin. In der Mathematik, Astronomie, Geographie,
Physik und Chemie kamen sie über die Byzantiner weit heraus; in
der Medizin verarbeiteten sie nur den Grundstock des hellenistischen
Wissens nach ihrer Eigenart zu einer auffallend hohen und bemerkens-
werten Vollkommenheit, so dass dieselbe äusserlich das Gepräge einer
Selbständigkeit aufweist und auch lange als selbständiges Wissen be-
trachtet wurde.
Dem ganzen Entwicklungsgange der arabischen Medizin nach
können wir in derselben füglich zwei Perioden unterscheiden : die der
Anfänge, welche die ersten zwei Jahrhunderte der islamitischen Zeit-
rechnung einnimmt und sich durch intensive Uebersetzungsthätigkeit
kennzeichnet, und dann die der selbständigen Bearbeitung des an-
geeigneten Wissens, worauf mit dem Verfalle der einstigen Macht
der Araber auch jedwelche namhafte Pflege der Heilkunde aufhört.
2. Die Anfänge der arabischen Medizin.
Die Anfänge der arabischen Volksmedizin waren wie bei anderen
Völkern empirisch. Oseibia speziell führt mehrere bei den Arabern
besonders zutreffende Momente an: göttliche Inspiration, Träume, Zu-
fall, Beobachtung dessen, was bei manchen Tieren geschieht, Instinkt.
Durch nachträgliche Abschätzung all dieser Erfahrungsergebnisse sollen
die ersten allgemeinen Regeln und die Anfänge der Kunst entstanden
sein. Zur Zeit Mohammeds finden wir die Ausübung der Heilkunde ver-
^) Vgl. J. Wüstenfeld, Die Akademien der Araber (Gott. 1845); Ders.,
M ak r i z i s , Beschreibung der Hospitäler in el-Kahira. Arabischer Text mit deutscher
Uebersetzung ^anus 1846, 28—89); D. Haneberg, Ueber das Schul- und Lehr-
wesen der Muhamedaner im Mittelalter (Münch. 18^).
592 Schrutz.
teilt unter verschiedene Volksspezialisten, die kauterisierten, scliröpften,
Blut zur Ader Hessen, Wunden verbanden, Arzneien bereiteten und
Zauberkünste austührten. Manche dieser Heilkünstler nahm der Prophet
selbst in Anspruch und dieser Umstand dürfte wohl auch dazu bei-
getragen haben, dass sich die Ausübung der Heilkunde beim Volke,
wenigstens bei den arabischen Stämmen Nordafrikas bis jetzt auf
eben derselben Stufe wie zur Zeit des Propheten und in den Händen
ähnlicher Heilkünstler, der Tubibs, befindet.
Die reichhaltigen Ueberlieferungen über das Leben des Propheten
enthalten auch sehr viele (an 800) Aeusserungen und Massregeln
medizinischen, resp. hygienischen Inhaltes, die dem Propheten selbst
zugeschrieben werden. Sie wurden als sogenannte Hadits öfters ge-
sammelt und systematisch geordnet, so dass sich daraus schliesslich
zusammenhängende Abhandlungen über die Medizin des Propheten
entwickelten. 1) Aus diesen Hadits ist vorerst klar ersichtlich, wie
grossen Wert Mohammed auf die köperliche Gesundheit legte. Von
den übrigen medizinischen Vorschriften und Grundsätzen mögen nur
einige angeführt werden. Die Krankheiten liess zwar Gott auf die
AVeit kommen, aber auch die Heilmittel dagegen. Gegen anhaltende
Kopfschmerzen, an denen er oft litt, und gegen Fieber gebrauchte er
kalte Uebergiessungen und Scarifikationen ; Schröpf köpfe im Nacken
verwarf er jedoch, da sie den Verlust des Gedächtnisses, das in dem
hinteren Teil des Gehirnes seinen Sitz haben soll, nach sich ziehen.
Bei Ausbruch von ansteckenden Krankheiten empfahl er Vorsicht,
verbot jedoch, das Land während der Seuche zu verlassen. Die an
Seuchen, durch Verbrennen, Ertrinken und die als Wöchnerinnen Ver-
storbenen betrachtete er als Märtyrer. Auch über chirurgische An-
gelegenheiten äusserte sich der Prophet. Nach ihm gilt das Glüheisen
als letztes Heilmittel in Erkrankungen und als Blutstillungsmittel.
Beim Biss eines tollen Hundes soll man die Wunde einschneiden,
Schröpfköpfe aufsetzen und die Wunde so lange als möglich offenhalten.
Beim Schlangenbisse gilt dasselbe Verfahren, der Patient soll jedoch
auch am Schlafe gehindert werden; beim Skorpionstich ist das zer-
quetschte Tier auf die Wunde zu legen. — So wie bei den Juden
werden auch bei den Arabern und Mohammedanern, schon vom
Propheten selbst, die hauptsächlichsten Gesundheitslehren als religiöse
Gebote aufgefasst.
Zur Zeit des Propheten begegnen wir auch den ersten ernsteren
Versuchen der Araber, sich das medizinische Wissen der benachbarten
Völker anzueignen. Die anfänglichen systematischen Kenntnisse über
Medizin verdanken die Araber überhaupt den Persern , die mit der
griechischen Heilkunde schon früher, seit dem IV. Jahrhunderte durch
Vermittlung der von den Byzantinern ausgewiesenen Nestorianer in
Berührung gekommen sind.
Einer der ersten erwähnenswerten arabischen Aerzte ist ein Zeit-
genosse Mohammeds, Harits ben Kaiada, der früher als Zögling
von Dschondisabur in Persien am Hofe Chosroes des Grossen gelebt
hatte und später in seine Heimat bei Mekka übersiedelte. Von den
späteren Schriftstellern wird ihm nachgerühmt, dass er die Bräuche
^) Vgl. Perron, La medecine du propliete. Traduit de l'arabe (Alger et Paris
1860). Nach einer Bearbeitung des Dsehelal Eddin Abu Soleiman Daud, ungefähr
aus dem XIII. Jahrb. uns. Zeitrechn.
Die Medizin der Araber. 593
der Araber und die ihnen zusagenden Medikamente genau kannte.
Von ihm stammen viele Gesundheitsregeln, besonders über Mässigung
in Speise und Trank, körperliche Reinigungen und geschlechtlichen
Verkehr. Auf den Propheten hatte er in medizinischen resp. hygie-
nischen Angelegenheiten überhaupt einen bedeutenden Einfluss.
In dieselbe Zeitperiode fällt auch die Thätigkeit des Theodokus,
eines griechisch gebildeten Arztes, der öfters mit Theodunus und
wahrscheinlich mit Recht identifiziert wird. Von ihm sind bei den
späteren arabischen Schriftstellern ebenfalls mehrere nicht selten
humoristisch anmutende Gesundheitsgebote erhalten. Als erstes Bei-
spiel einer Aerztefamilie bei den Arabern kann ebenfalls aus dieser
Zeit Abu Hakam, ein christlicher Leibarzt des Chalifen Muawia,
sein Sohn Hakam Eddimaschki und Neffe Issa angeführt werden.
3. Allgemeine Charakteristik der ersten Periode.
Weit erfolgreicher als die anfänglichen Leistungen dieser Aerzte
erwies sich für den weiteren Entwicklungsgang der arabischen Medizin
das intensive Uebermitteln der Ergebnisse griechischer Medizin durch
zahlreiche Uebersetzungen , wobei nicht zu vergessen ist, dass schon
früh die bedeutenderen Uebersetzer sich auch als selbständige Schrift-
steller zu bethätigen versuchten.
Mit der griechischen medizinischen und überhaupt wissenschaft-
lichen Literatur wurden die Araber auf zwei Hauptwegen bekannt
Der eine führte über Alexandrien, der andere, weit mächtigere über
Syrien und Persien.
In Alexandrien, das bis zu diesen Zeiten ein hervorragender Sitz
hellenistischer Kultur geblieben war, wurden die Araber besonders
mit der neuplatonischen Philosophie und den hermetischen Künsten,
hauptsächlich aber mit der Alchymie, die von Alters her in Aegypten
einen fruchtbaren Boden gefunden hatte, bekannt. Einer der ersten
Förderer dieser neuen Künste war Omar selbst und der Moawide
Khaled ben Jezid, auf dessen Geheiss hauptsächlich der Alexandriner
Stephanus zu Ende des VII. Jahrhunderts Uebersetzungen grie-
chischer Werke über Medizin, Astronomie und Alchymie ins Arabische
besorgte.
Dass diese Künste bei den Arabern selbst eifrig gepflegt wurden,
dessen unleugbares Zeugnis finden wir an Dschafar es-Sadik,
einem Ommajadischen Prinzen, und dessen Schüler Abu Abdallah
Dschabir ben Hajjan es-Sufi (Geber — f 776), deren Namen
als die Grundpfeiler der hermetischen Künste, insbesondere der Alchymie,
bis jetzt angesehen werden. Geber, ein vielseitig gebildeter Geist und
unstreitig einer der hervorragendsten Erscheinungen des Mittelalters
überhaupt, hinterliess eine grosse Anzahl (angeblich über 500 Traktate)
von Schriften über Alchjmie, Mineralien, besonders Steine und Metalle,
über Philosophie, Astronomie, Anatomie und Medizin, aber auch über
Erklärung von Träumen, Wahrsagereien und Zauberkünste. Schon
aus dieser blossen Aufzählung sticht ein bemerkenswerter Grundzug
der arabischen Bearbeitungsweise der exakten Wissenschaften scharf
hervor, nämlich ein unleugbarer Zug ins Mystische. Ueberall äussert
sich bei den Arabern der Einfluss der geheimen hermetischen Wissen-
schaften, der Astrologie und Alchymie, beziehungsweise der neu-
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 38
594 Schrutz.
platonischen Philosophie, auf die positivsten naturwissenschaftlichen
und medizinischen Ueberlieferungen der Griechen ganz unzweideutig.
Und an diese Art arabischer Bearbeitungsweise der Medizin und der
verwandten Fächer stossen wir im weiteren Verlaufe immer wieder,
auch bei den besten und nüchternsten Geistern der arabischen wissen-
schaftlichen Litteraturgeschichte.
Der zweite, mehr positive Hauptstrom führte über Persien und
Syrien. Er wurde hauptsächlich durch die Schulen der Nestorianer,
insbesondere durch die von Dschondisabur vermittelt. Von hochge-
bildeten Männern, Griechen von Abkunft, wurden hier die Wissen-
schaften und unter ihnen auch die Heilkunde gepflegt und griechische
"Werke ins Syrische und Persische übersetzt. Anfangs wurden aus
diesen Uebersetzungen und erst später aus griechischen Originalen die
klassischen Werke griechischen Geistes ins Arabische übertragen.
Durch freigebige Unterstützung der Abassiden und vieler Grossen des
Eeiches entstanden nicht nur in Bagdad, sondern auch in anderen
Städten Syriens und Mesopotamiens geregelte Uebersetzungsschulen,
die von Männern der höchsten Bildung, wie z. B. der Bachtischua,
Mesue, Honein, Kosta ben Luka, Tsabet ben Kora u, a. m. geleitet
wurden. Griechische Originalwerke wurden oft auf die kostspieligste
Art aufgesucht und angeschaift, ja es kam vor, dass die Auslieferung
von Originalwerken zu Uebersetzungszwecken den Byzantinern zur
Friedensbedingung gemacht wurde. Auf solche Weise verschafften
sich die Araber einen grossartigen Schatz auserlesener griechischer
Kenntnisse aus allen Gebieten der Philosophie, Mathematik, Geometrie,
Astronomie, Geographie und aus allen Fächern der Naturwissen-
schaften und der Medizin, die hermetischen Künste nicht ausgenommen.
Bei dem von abendländischer Kultur noch unberührten, aber empfäng-
lichen und hochbegabten Volke wurde somit eine ausgiebige Grund-
lage zur erfolgreichen und selbständigen Pflege all dieser Wissens-
zweige und insbesondere der Medizin gegeben, so dass wir füglich von
einer arabischen Renaissance sprechen dürfen.
Von den Philosophen wurden eifrigst übersetzt und kommentiert:
Pythagoras, Demokritos, Plato, Theophrastos, Alexander von Aphro-
disias u. a. Besonders wurde jedoch Aristoteles bevorzugt, da seine
Art und Methode des Philosophierens dem Nationalgeiste der Araber
am meisten entsprach. Deswegen wurden nicht nur seine Schriften
selbst etliche Male übersetzt und revidiert, sondern auch die Werke
der aristotelischen Kommentatoren eifrigst aufgesucht und übersetzt.
Von den Mathematikern und Physikern wurden vornämlich Eukleides,
Archimedes, ApoUonios von Perga, Diophantes u. a.; von den Astro-
nomen und Geographen, insbesondere Hipparchos und Ptolemaios, von
den Medizinern alle bedeutenderen, hauptsächlich aber Hippokrates,
Dioskorides, Galenos, Rufos, Archigenes, Oribasios, Philagrios, Alexan-
der von Tralles und Paulus Aegineta eingehendst studiert und ihre
Werke oftmals ins Arabische übersetzt und kommentiert.
Die arabischen Aerzte begnügten sich jedoch schon von Anbeginn
nicht mehr mit blossen wörtlichen Uebersetzungen. Sehr bald be-
gannen sie die für sie doch fremden Werke in ihrer Muttersprache
frei wiederzugeben, dem Nationalgeiste entsprechender zu machen,
kurzum zu popularisieren. Auf diese Art wurde das griechische Wissen
zu den Arabern nicht nur eingeführt, sondern es konnte sich auch ver-
hältnismässig bald naturalisieren. Und so geschah es, dass zur Zeit,
Die Medizin der Arabei-. 595
als sich das mittelalterliclie Europa auf einer tiefen Stufe der Kultur
befand, die Araber sich zu den vornehmsten Bewahrern der wissen-
schaftlichen Errungenschaften des griechischen Geistes emporhoben.
Die später erfolgten Uebersetzungen arabischer Werke und Be-
arbeitungen ins Lateinische trugen somit überhaupt ungemein viel zur
allgemeinen Eenaissance der klassischen Wissenschaften im Abend-
lande herbei.
Auf dieselbe Weise, nur im geringeren Massstabe, schöpften die
Araber auch aus dem Wissensschatze des Orientes, insbesondere aus
dem Persischen, Chaldäischen und Indischen. Diese Ergebnisse waren
zwar nicht so reichlich und fruchtbringend wie das Benützen der
griechischen Quellen, aber ihre Spur lässt sich in den Werken späterer
arabischer Aerzte immer doch verfolgen.
Diese erste Periode der arabischen Medizin zeichnet sich demnach
besonders durch eine ungemein reichhaltige Uebersetzungsthätigkeit
aus. Die besten Männer schufen aber zugleich auf Grund der neu
erlernten Kenntnisse auch manche selbständige Werke, die später für
würdig befunden wurden ins Lateinische übersetzt zu werden. Auch
sonst treffen wir in dieser Zeitperiode einige vorzügliche Aerzte, die
sich als Praktiker hervorthaten, ohne jemals als Schriftsteller oder
üebersetzer bekannt zu sein.
4. Die hervorragendsten Vertreter der ersten Periode.
Als besonders hervorragende Namen dieser ersten Periode müssen
wir einige Mitglieder der Aerztefamilie Bachtischua, Mesue und Serapion
den Aelteren, die Honeins, dann Alkindus, Kosta ben Luka und Tsabet
ben Korra anführen.
Einzelne Mitglieder der syrischen Nestorianerfamilie Bachtischua
(Bochtjesü® = Diener Jesu) werden von Mitte des VIIL bis zur Mitte
des XL Jahrhunderts rühmlichst erwähnt. Der erste von ihnen, Georg,
Dschordschis ben Dschibril ben Bachtischua, war Vor-
stand des Krankenhauses zu Dschondisabur und wurde im Jahre 765
zum erkrankten Chalifen el-Mansur nach Bagdad berufen, wo er
wegen seiner Kunst zu hohen Ehren gelangte. Er verpflanzte die
griechische Heilkunde nach Bagdad und besorgte daselbst zahlreiche
Uebersetzungen ins Arabische. Sein Sohn Bachtischua ben
Dschordschis, Leibarzt Harun Arraschids, wurde wegen seiner
Kunstfertigkeit Vorstand der Aerzte und kann also als erster Archiater
zu Bagdad betrachtet werden. Von den Uebrigen möge nur noch dessen
Sohn Gabriel (Dschibril) wegen seiner wechselvollen Lebensgeschicke
und Förderung von Uebersetzungen erwähnt werden.
Eine in der mittelalterlichen Medizin öfter vorkommende Persön-
lichkeit ist Mesue der Aeltere (Jahja oder Juhanna ben Masswi-
jah oder Masawaihi f 857), ebenfalls ein christlicher Arzt, der auch
unter dem Namen Janus Damascenus angeführt wird. Sein
Vater war Apothekergehilfe im Hospitale zu Dschondisabur, erlernte
dabei Medizin, die er dann mit grossem Erfolge in Bagdad prakti-
zierte. Dorthin berief er später seinen Sohn, der als Leibarzt der
Chalifen Harun bis Motewekkil Sammlungen und Uebersetzungen
griechischer Werke leitete. Zugleich hielt er Vorträge über Dialektik
und Medizin und verfasste zahlreiche Schriften hauptsächlich patho-
.38*
596 Schrutz.
logischen, diätetischen und gynäkologischen Inhaltes, von denen nur
wenig erhalten blieb. Am bedeutendsten sind die Aphorismi Jo-
hannis Damasceni (Bonon. 1489), die auch in die Articella auf-
genommen wurden. Seine Autorschaft wurde jedoch angezweifelt und
u. a. auch dem älteren Serapion zugeschrieben.
Jahja ben Serabi oder Ibn Serafiun, kurzweg Serapion
der Aeltere genannt, gehört zu den arabischen Schriftstellern nur
insofern als seine in der syrischen Sprache verfassten Werke bald ins
Arabische übersetzt und auf diese Weise im Mittelalter als arabische
Originalwerke aufgefasst wurden. Er war aus Damaskus gebürtig,
Christ und lebte wahrscheinlich bis zur Mitte des IX. Jahrhunderts.
Er verfasste ein grösseres medizinisches Werk, die sogenannten Aphoris-
men, in XII und ein kleineres, die Pandekten, in VII Büchern. Dieses
Werk, das sich hauptsächlich auf Alexander von Tralles anlehnt,
wurde von Gerardus Cremonensis ins Lateinische übersetzt und als
Aggregator, Breviarium oder Practica medicinae öfters
herausgegeben. ^) Von Torinus wurde Serapion der Aeltere als Janus
Damascenus bezeichnet, ein Umstand, der zu Verwechslungen mit
Mesue dem Aelteren geführt hatte.
Honein ben Ishak auch Abu Zeid el-Ibadi (809—873),
im Abendlande als Johannitius bekannt, ist der bedeutendste Ueber-
setzer und seinem Wissen und Charakter nach eine der hervorragend-
sten Persönlichkeiten des IX. Jahrhunderts überhaupt. Als Sohn eines
christlichen Apothekers zu Hira, kam er früh nach Bagdad zu Mesue,
der ihn ungnädig aufnahm, bereiste dann Mesopotamien, Griechenland
und Persien, lernte gründlich Griechisch und Arabisch und Hess sich
schliesslich in Bagdad nieder, wo er vom Chalifen Mamun hauptsäch-
lich als üebersetzer angestellt wurde. Seine Thätigkeit war ungemein
umfangreich und fruchtbar. Er übersetzte aus dem Griechischen teils
ins Syrische und teils ins Arabische die hauptsächlichsten Werke aller
grossen medizinischen Schriftsteller des Altertums, mehrere Schriften
griechischer Philosophen und Mathematiker, ferner revidierte er zahl-
reiche fremde Uebersetzungen, so dass durch sein Verdienst die Araber
mit allen bedeutenden Werken der abendländischen wissenschaftlichen
Litteratur bekannt wurden. Die Korrektheit seiner Uebersetzungen
wird allgemein gerühmt. Neben dieser umfangreichen Thätigkeit
hinterliess er etwa einhundert selbständiger Schriften, von denen uns
meist nur die Titel bekannt sind. Viele derselben hatten Bezug auf
Hippokrates und Galen, andere waren hygienischen Inhaltes, betrafen
einfache und zusammengesetzte Speisen und Arzneien, die Lebensweise
im gesunden und krankhaften Zustande, Bäder, den Beischlaf, die Be-
schaffenheit des Pulses und Harnes, die verschiedenen Krankheits-
anzeichen, die Fieber, Augenkrankheiten, Epilepsie, Steinkrankheit
u. dgl., aber auch physikalische, astronomische, mathematische, philo-
sophische und philologische Fragen. Am bekanntesten wurde er im
Abendlande durch seine durchaus dogmatische Schrift: Einführung in
Galens Mikrotechne, welche früh ins Lateinische übersetzt und als
Joannitis isagoge in artem parvam Galeni^) an den mittel-
^) Venet. 1479, 1497, 1503, 1530, 1550 — Juntinische Ausgabe nach Uebersetz.
d. Andreas Alpagus; Ferrariae 1488; Basil. 1499, 1543 — teilweise Bearbeitung d.
Alb. Torinus; Lugdunii 1510.
2) Selbständ. Ausgab. Venet. 1483, 1487; Lipsiae 1497; Argentor. 1534. — Von
seinen selbständigen Uebersetzungen sind gedruckt: The aphorismes of Hippocrates
Die Medizin der Araber. 597
alterliclien Universitäten eingeführt wurde. Mit ihr wird die im Mittel-
alter allgemein gebräuchliche Articella eingeleitet.
Sein Sohn Ishak ben Honein (f 910) wii'd als ein seinem
Vater ebenbürtiger üebersetzer ins Syrische und Arabische gerühmt,
er befasste sich jedoch mehr mit Philosophie. Von ihm rührt be-
sonders eine Uebersetzung der aristotelischen Schrift über die Pflanzen,
welche auch dem Nicolaus Damascenus zugeschrieben wird. Von seinen
Originalarbeiten möge eine Schrift über die Anfänge der Heilkunde
erwähnt werden.
Hobeisch ben el Hassan, der Neffe des älteren Honein,
wurde von diesem herangebildet und beteiligte sich au dessen üeber-
setzungen mit solchem Erfolge, dass manche derselben beiden zu-
gesprochen werden. Hobeisch übersetzte hauptsächlich die medizini-
schen Werke Galens und war auch als Praktiker geschätzt. Von
seinen Originalwerken werden besonders Schriften über Medikamente
erwähnt.
Ein vielseitiges encyklopädisches Genie, wie man selten findet,
war Alkindus (Abu Jusuf Jakub ben Ishak el-Kindi, um
813—873). Er stammte aus einem fürstlichen Geschlecht und war
Sohn eines Statthalters von Kufa, lebte anfangs zu Basora und später
unter Mamun und Motassim zu Bagdad. Wegen seines umfangreichen
Wissens, das alle Gebiete menschlicher Gelehrsamkeit umfasste, wurde
er überhaupt nur der Philosoph genannt. Die Zahl seiner Schriften
wird mit zweihundert angegeben, wovon 22 die Heilkunde behandeln.
Lateinisch wurde gedruckt De medicinarum compositarura
gradibus investigandis libellus (Argentor 1531 u. oft.) und
dann Alkindus de pluviis, imbribus et ventis ac de aeris
mutatione (Venet. 1507.) Auch als üebersetzer griechischer und
persischer Werke that er sich hervor.
Von den übrigen Uebersetzern sind noch besonders erwähnens-
wert Kosta ben Luka aus Balbek, Christ griechischer Abkunft, der
um die erste Hälfte des X. Jahrhunderts in Irak und Armenien lebte,
und Abu Hassan Tsabit ben Korra (um 826— 901), auchThebit
genannt, Stammvater einer Gelehrtenfamilie, ähnlich der der Bach-
tischua, Mesue, Thifury, Honein, Avenzoar u. a. Er gehörte zur Sekte
der Sabier in Haran und kam später nach Bagdad, wo er als Astronom
und Arzt des Chalifen Motadhid thätig war. Er beherrschte die
griechische, syrische, arabische und persische Sprache und übersetzte
hauptsächlich mathematische und astronomische Werke. Tsabit be-
gnügte sich jedoch nicht nur mit Uebersetzungen, sondern verfasste
zahlreiche Auszüge aus den grösseren galenischen und hippokratischen
Werken und war nebstdem als Popularisator thätig.
Neben diesen hervorragendsten Uebersetzern und Bearbeitern der
griechischen Medizin waren in Mesopotamien und in den einzelnen Pro-
vinzen zu verschiedenen Zeiten noch an hundert Gelehrte beflissen,
das Wissen der Nachbarvölker, besonders das der Griechen, den Ara-
bern zugänglich und bekannt zu machen, so zwar, dass zu Ende des
IX. Jahrhunderts die Araber mit der Philosophie, Mathematik, Astro-
nomie, den hermetischen Künsten, den Naturwissenschaften und der
Medizin der Griechen, Perser, Chaldäer und Inder vollkommen ver-
in to Arabic by Honein Ben Ishak, Physician to the Caliph Motawnkkul. Calcutta
1832 ed. by John Tytler.
598 • Schrutz.
traut waren, x'^lle diese vorgenannten Wissenszweige hatten auf die
Bearbeitung der Medizin der Araber den entschiedensten Einfluss, so
dass dieselbe auch in der klassischen Periode der arabischen Heil-
kunde von ihnen innig durchdrungen wird.
5. Blüteperiode der arabischen Heilkunde.
Rhazes (AbuBekr Muhammed ben Zakarijja er-Razi,
daraus korrumpiert Abubeter, Abubater, Albubeter, Bubikir, um 850 — 923
oder 932) ist die grösste und für uns die sympathetischeste Erscheinung
unter den arabischen Aerzten überhaupt. Aus Raj in Chorasan ge-
bürtig befasste sich Rhazes in seinen Jugendjahren hauptsächlich mit
Musik, Poesie und Philosophie. Seit seinem dreissigsten Lebensjahre
widmete er sich in Bagdad dem Studium der Medizin, wurde Vorstand
des Krankenhauses in seiner Vaterstadt, dann in Bagdad und erwarb
sich allgemein den Ruf eines vorzüglichen Arztes und Lehrers. In
seinen letzten Lebensjahren infolge einer Misshandlung, die er wegen
missglückter chemischer Experimente von dem Fürsten el-Mansur von
Chorasan zu erleiden hatte, erblindet, starb Rhazes wegen seiner
Freigebigkeit in Dürftigkeit. Als Schriftsteller war er ungemein
fruchtbar und hinterliess mehr als zweihundert Werke über Medizin,
Philosophie und Religion, Mathematik, Astronomie und Naturwissen-
schaften, insbesondere über Physik und Chemie.
Sein umfangreichstes Werk ist al-Hawi, gewöhnlich nur Con-
tinens (Behältnis der Medizin) genannt. Dieses Riesenwerk könnte
als eine Art Encyklopädie der praktischen Heilkunde aufgefasst werden,
oder als ein Sammelwerk, worin meist in wörtlichen Auszügen („Dixit
Galienus" . . . „Dixit Diascorides . . .") die Leistungen der Alten und
der arabischen Vorgänger Rhazes angeführt und mit eigenen Bemer-
kungen des Verfassers ohne jedwelche dogmatische Voreingenommen-
heit besprochen werden. Da auf diese Art alle bedeutenderen Aerzte
vor Rhazes und in manchen Fällen sonst unbekannte Persönlichkeiten
angeführt werden, besitzt der Continens als medizinisch-historische Quelle
einen bedeutenden Wert. Das ganze Werk wurde von Rhazes unbeendet
hinterlassen. Erst nach seinem Tode wurden die von dem Vezir
Ibn el-Amid von der Schwester Rhazes' angekauften Aufzeichnungen
von den Aerzten aus Raj geordnet und in 30 Bänden herausgegeben;
auf diese Redaktion ist wohl manche Ordnungslosigkeit zurückzuführen.
In einer vollständigen arabischen Handschrift des Escurirals enthält
der Hawi 70 Bücher; die lateinisch gedruckten Ausgaben^) sind ge-
wöhnlich nach der Edit. princeps in 25, oder nach der Surianischen
Ausgabe in 37 Bücher eingeteilt, ohne dass ihr Inhalt wesentlich
vermehrt oder verringert wäre. Im grossen Ganzen ist die Reihen-
^) Editio princeps, Brescia 1486: Incipit prologus libri elliaiii, i. totum con-
tinentis Bubikir zacharie errasis filii. — Explicit liber XXV. elhauy i. continentis in
medicina, quem composuit Bubikir zacharie errasis filius: traductus ex arabico in
latinum per magistrum Feragium medicum salerni iussu excellentissimi regis Karoli
glorie gentis Christiane corone filiorum baptismatis et luminis peritorum. Impressum
Brixie per Jacobum Britannicum Die XVIII. Mensis octobris MCCCCLXXXVI. Ein
mächtiger Folioband zu 588 Bl. Das Exemplar der Prager Univ.-Bibl. mit schönen
Initialen. — Fernere Ausgaben Venet. 1500, 1506, 1509 (besorgt von Surianus und
eingeteilt in 37 Bücher).
Die Medizin der Araber. 599
folge der besprochenen Gegenstände so eingehalten, dass zuerst die
lokalen Erkrankungen a capite ad calcem mit verhältnismässig ein-
geschränkter Berücksichtigung der Chirurgie eingehendst erörtet
werden, worauf dann Besprechungen der Krankheiten im allgemeinen
und der verschiedentlichen Heilmittel folgen.
Das nach dem Continens bekannteste Werk Rhazes' ist Liber
medicinalis Almansoris^) so genannt, weil es von Rhazes dem
Fürsten el-Mansur Ibn Johak von Chorasan gewidmet wurde. Es
zeichnet sich durch knappe und übersichtliche Darstellung aus und
enthält in 10 Büchern oder Traktaten die Grundzüge der gesamten
Heilkunde, wie sie bei den Arabern gepflegt wurde. Der I. Traktat,
de figura et forma membrorum, enthält in gedrängter Form die erste
auf uns gekommene arabische Anatomie, IL eine Physiologie, allgemeine
Pathologie und Diagnostik (Säftelehre und Erkennen der Komplexionen);
III. Pharmakologie (Nahrun gsstoflFe und einfache Arzneien); IV. Ge-
sundheitslehre; V. Kosmetik (de decoratione) ; VI. Gesundheitsmass-
regeln auf Reisen; VII. Allgemeine Chirurgie; VEI. Toxikologie;
IX. Spezielle Therapie (de curatione aegritudinum, quae accidunt a
capite usque ad pedes); X. Fieberlehre. — Am häufigsten wurde im
Mittelalter das neunte Buch (nonus Almansoris) gelesen und kommen-
diert, zugleich diente es lange Zeit akademischen Vorlesungen zur
Grundlage; es wurde auch sehr oft selbständig oder mit anderen
Werken gemeinschaftlich, besonders in der Articeila herausgegeben.-)
Ein ähnliches Kompendium ist der Fakhir [liber pretiosus, de inorbis
particularibus membrorntn a vertice ad pedes), aus dem neulich Koning
einen Abschnitt über die Steinkranliheit im arab. Originale mit franz. Uebersetzting
veröffentlichte, und dann Liber divisionum oder Divisiones.
Von den übrigen Werken Rhazes^ wurden mehrere als Opera parva mit
dem Almansuri und aiich selbständig öfters herausgegeben.') \on diesen betreffen
die in sechs Abschnitte oder Sermones eingeteilten Aphorismen [Liber Basis de
secretis in medicina, qui liber aphorismorum appellatur) 1. Prognostik; IL Heil-
mittel gegen einzelne Krankheiten ; III. einige Krankengeschichten [de casibus, qui
mihi acciderunt); IV. Diätetik; V. Paraphrasen aus Hippokrates [de verbo Ypo-
cratis); VI. Allgemeine mediz. Sätze und l'erhaltiingsmassi-egeln des Arztes. Von
diesen sind manche für die Beurteilung der arabischen Medizin recht lehrreich und
mögen zugleich als Beispiel der barbarischen mittelalterlichen Uebersetzungstceise
dienen. „Cum Galienus et Aristoteles fortasse in re aliqua non concordant, grave
est eornm rationem concordare. — Cum egrum curas, virtutem naturalem vigora:
si eflim vigoravei-is cam, egritndines qiiam plures removes. Si vero eam dimiseris,
medicinis, quibus nteris, enm destruis. — Doctores medicine egros debent consolari
etiam si signa mortis propendant. Corpora enim hominum spiritus eornm sequun-
tur. — Qui quamplures medicorum interrogaverit, in errorem iiicidit plurimum. —
Bonum est doctori, quod cum dietis egritudinem removeat, vel curet, si potest, et
1) Ausgaben: Mediolani 1481; Venet. 1494, 1497, 1500; Lugdun. Bat. 1511;
Argentor. 1531; Basil. 1544 gewöhnlicb mit den übrigen kleineren Werken Ehazes',
den Aphorismen des Rabi Moses und Janus Bamascenus, sowie einiger hippokratischer
und pseudohippokratischer Schriften.
*) Venet. 1483, 1490, 1493, 1497; Patav. 1480. Das HI. Buch wurde auch in
ital. Bearbeitung dreimal herausgegeben (zweimal ohne Ort u. Jahrz., dann zu Venedig
o. Jahrz.).
") Z. B. Venet 1500. Liber Easis ad almansorem; Divisiones eiusdem; Liber
de iuncturam egritudinibus einsdem ; Aphorismi ipsius; Antidotarium quoddam ipsius ;
Tractatus de preservatione ab egritudine lapidis eiusdem; Introductorium medicine
eiusdem ; Liber de sectionibus et cauteriis et ventosis eiusdem ; Casus quidam, qui
ad manus eins pervenerunt : Sinonima einsdem ; Tabula omnium antidotorum in
operibus rasis contentorum; De proprietatibus, iuvamentis et nocumentis sexaginta
animalium. Es folgen dann fremde Werke. — Die Aphorismen wurden mit denen
des Rabi Moses Bonon. 1489 herausgegeben.
600 Schrutz.
non medicinis.'^ — Das Werk über die Gliederkrankheiten {de e^ritudinibus
iuncturarum) enthält nur Heilmittel und diätetische Vorschriften und keine
speziell chirurgische Eingriffe, dagegen bietet der Traktat über die Kinderkrayik-
heiten (Abubatri . . . libellus de egritudinibus puerorum et earum
cura, qui appellatur practica puerorum) eine übersichtliche Darstellung
der hauptsächlichsten Erkrankungen des Kindesalters und der dagegen gebrauchten
Arzneien. — Das Antidotarium enthält Vorschriften zur Bereitung einer
grösseren Anzahl Arzneien gegen einzelne Krankheiten, besonders aber verschiedenster
heilkräftiger Oele. Der ganze Traktat scheint bloss ein Bruchstück einer grösseren
Arbeit zu sein, sowie es auch mit dem nachfolgenden über die Steinkrankheit
thatsächlich der Fall ist. Unter den kleineren Schriften enthält diese Abhandlung
bloss den diätetischen Teil, wogegen sie in der unlängst erfolgten Publikation Konings ^
eine ziemlich umfangreiche und geordnete Schrift über die Nieren- und Blasensteine
darstellt, woraus nur ein geringer Teil ins Lateinische übersetzt wurde. Die Dithiasis
wird darin nicht nur vom Standpunkte des Internisten, sondern auch von dem
des Chirurgen eingehender besprochen.
Das bedeutendste Werk Rhazes' und der arabischen medizinischen
Litteratur überhaupt ist die Schrift über die Blattern, -) Ihr grosser Wert
besteht vorzugsweise darin, dass sie fast vollständig auf eigener Er-
fahrung beruht. Die Krankheit selbst wird keinesfalls als neu be-
trachtet, da die Kenntnis der Blattern schon bei Galen in dessen
Kommentaren zu den hippokratischen Aphorismen als sicher ange-
nommen wird, und an Galenischen humoral-pathologischen Anschau-
ungen über das Wesen der Blattern hält auch Rhazes fest. Auf diese
Weise erklärt er aus dem Gleichnisse zwischen dem Blute des Men-
schen in den verschiedenen Altersstufen von Kindheit an bis zum
Greisenalter und zwischen dem Weine in seinen verschiedenen Sta-
dien als Most, feuriger und schliesslich in Essig übergehender Wein,
sowie aus dessen Gärungen, Aufbrausen, Versäuerungen und Verfaulen
nicht nur den Krankheitsverlauf, sondern auch einzelne abweichende
Krankheitserscheinungen, wobei zugleich auf die einzelnen Körper-
konstitutionen geziemende Rücksicht genommen wird. Aus diesen
Ausführungen folgt ferner, dass vor dem Ausbruche der Blattern weder
Alter und Geschlecht noch Jahreszeiten schützen. Rhazes unterscheidet
zweierlei Arten der Blattern: wirkliche Blattern (Dschedrij, mittel-
alterlich pestilentia) und die Masern (hasbah, eulogia). Beide werden
nach ihren Erscheinungen sorgföltig und eingehendst beschrieben,
wobei zur genauen Vergleichung des Fieberverlaufes mit anderen
Fiebern aufgefordert wird. Die austührlich geschilderte Therapie
richtet sich vorerst nach der Art des Verlaufes und nach den
einzelnen Stadien der Krankheit. Vorerst sind Extinguentia und Re-
frigerantia zu gebrauchen, bei jugendlichen und kräftigen Personen
Aderlass, dann verschiedene Acetosa, reichliche kalte Abwaschungen,
Begiessungen, ja sogar Bäder. Kaltes Wasser und säuerliche Getränke
sind im reichlichen Masse auch innerlich zu nehmen, damit durch
heilsamen Schweiss und reichliche Ausscheidungen überhaupt die
^) Tratte sur le calcul dans les reins et dans la vessie. Par Abu Bekr
Muhammed Ibn Zakariya al-Kazi. Traduction accompagnee du texte. Par P. de
Koning, docteur en medecine. Leyde 1896. Eine sorgfältige Ausgabe. Enthält neben
der Schrift über die Steinkrankheit auch das früher erwähnte Bruchstück aus dem
Liber pretiosus und Parallelstellen aus Ali Abbas, Ali Habal, Avicenna und Abulkasim.
■'') De variolis et morbillis (früher Liber de pestilentia genannt) in lat. Ueber-
setzungen: Venet. 1498, 1555; Basil. 1529, 1544; Argent. 1549; Gotting. 1781;
Paris 1548 griechisch. Lond. 1766 ed. J. Channing arabisch und lateinisch. Ibid.
1847 engl. Paris 1763 und 1866 französisch (letztere Ausgabe von Leclerc und
Lenoir).
Die Medizin der Araber. 601
Giftstoffe aus dem Körper befördert werden. Immer soll man jedoch
auf die Herzbewegungen, den Puls, Atem, die Erscheinungen an den
Füssen, die Körperentleerungen u. dgl. genau achten und danach die
Therapie einrichten. Der Ausbruch des Ausschlages wird hauptsäch-
lich durch gelinde äussere Wärme betördert. Besonders ausführliche Vor-
sichtsmassregeln sind in betreff des Auges, des Gesichtes, des Ohres, der
Nase, des Mundes und Schlundes gegen Erblindung, Versch wärungen, Ver-
unstaltungen durch tiefe Narbenbildungen und Erstickungsgefahr ange-
geben. Auch dem Betten des Patienten auf verschiedene Pulver, Ein-
streuungen und Salben wird sorgfaltige Rücksicht gewidmet, damit
durch Verschwärungen und umfangreiche Narbenbildung keine üblen
Folgen erwachsen. Es wird kurzum neben der therapeutischen die
kosmetische Seite mit gleicher Sorgfalt und Umständlichkeit in Betracht
gezogen. Wie bei Rhazes überhaupt" wird auch in der Schrift über die
Blattern die Prognose besonders genau besprochen : schlimm sind die keine
kräftige Färbung aufweisenden, fahlen, grünen und violetten Blattern,
dann die schlecht durchbrechenden, verborgenen oder obskuren.
Die ganze Schrift lässt uns Rhazes als einen vorurteilslosen Arzt
erscheinen und auf diese Weise äussert er sich in seinen Werken über-
haupt. Rhazes ist Galenist und Hippokratiker im besten Sinne des
Wortes. Galenist in betreff der Säftelehi-e und der theoretischen
Grundlagen der praktischen Medizin überhaupt, Hippokratiker jedoch,
was die Praxis, insbesondere Semiotik, Prognostik und Therapie an-
belangt. Als Diagnostiker und Prognostiker ist er ein entschiedener
Gegner aller Charlatanerie und zugleich der bei den Arabern schon
früh in einen ungemeinen Schwung geratenen Uroskopie, die zu solchen
Albernheiten ausartete, dass z. B. durch Harnschau künftige Schwanger-
schaften und das Geschlecht der daraus folgenden Geburten ohne
Scheu gewahrsagt wurden. Rhazes verwirft zwar die Harnschau im
allgemeinen nicht, prüft jedoch den Harn erst, wenn er den Kranken
schon sonst untersucht hatte, um durch die Erprüfung des Harnes
das gewonnene Urteil über das Wesen der Krankheit zu bekräftigen.
In der Therapie ist er ein entschiedener Freund des diätetischen
Verfahrens und womöglich einfacher Arzneien, weiss aber auch mit
zusammengesetzten Mitteln umzugehen. Als Hippokratiker erweist
er sich ferner dadurch, dass er sich in einem ziemlich hohen Grade
auf die Erfahrung stützt. Er ist vorwiegend Internist, wie es die
mittelalterlichen fisici überhaupt waren, und darum macht sich bei
ihm eine gewisse Submission der Chirurgie samt Nebenlächern unter
die interne Medizin bemerkbar. Seine Werke bieten insgesamt eine
umfangreiche Zusammenfassung und Würdigung der Leistungen seiner
Vorgänger, der Griechen, Inder, Perser und Araber, kontrolliert und
vervollständigt durch eigene praktische Erfahrungen, teilweise sogar
durch klinische Beobachtungen.
Dass Rhazes' Auftreten auf die arabische Gelehrtenwelt einen
gewaltigen und nachteiligen Einfluss ausübte, beweist u. a. der Um-
stand, dass Ali Abbas in seinem Königlichen Buche unumwunden ein-
bekennt, er sei zur Bearbeitung dieses Werkes aus dem Grunde ge-
schritten, weil ihm der Hawi zu umfangreich und das Almansuri
zu gedrängt erschien. Ali ben el- Abbas el-Madschusi, ein
Perser ( — 994), war Leibarzt des edel gesinnten Emirs Adhad ed-
602 Schrutz.
Daula, der u. a. ein grosses Krankenhaus in Bagdad errichtete. Das
auf uns gekommene und dem Emir Adhad gewidmete Buch Alis el-
Maliki, das königliche Buch.^) ist ein vollständiges und gut
geordnetes Lehrbuch der gesamten Medizin, das bis zum Erscheinen
des Canon Avicennas allgemein im Gebrauche war. Es zerfällt in
einen theoretischen und praktischen Teil zu je 10 Büchern. Daraus
enthält insbesondere der praktische Teil eine übersichtliche Dar-
stellung der Hygiene und Diätetik, Pharmakologie, speziellen Patho-
logie der inneren, äusseren und speziell chirurgischen Krankheiten,
worauf zum Schlüsse eine Abhandlung über die zusammengesetzten
Arzneien sowie ihrer Zubereitungs weise folgt.
Besonders als Chirurg wurde Abulkasira (fälschlich Albucasis
oder Bucasis) Chalaf ben Abbas bekannt. Er w^ar aus el-Zahra bei
Cordova gebürtig (deswegen el-2»ahrawi oder Alzaharavius, Alsarabi,
Ezzahraui u. dgl.) und lebte wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des
X. Jahrh. (angebl. 912 — 1013). Sein Hauptwerk ist der das Gesamt-
gebiet der Medizin umfassende Tesrif oder Altasrif, der ebenso
wie bei Ali Abbas in zwei Teile, einen theoretischen und einen prak-
tischen zu je 15 Büchern eingeteilt ist; die Chirurgie bildet darin
bloss einen grösseren Abschnitt, der für sich in 3 Bücher zerfällt.^)
Schon früh wurden daraus Uebersetzungen ins Lateinische von
Gerardus Cremonensis besorgt, und man trifft in mehreren mittelalter-
lichen Autoren Auszüge sowohl aus dem Gesamtwerke als auch aus
dem chirurgischen Teile. Besonders viel ist im XIV. Jahrhundert in
die grosse Chirurgie Guy de Chauliacs übergegangen und der letzte,
der aus Abulkasim in ausgiebiger Weise schöpfte, war Fabrizio
d'Acquapendente , der als grosse Chirurgen bloss Celsus, Paulus von
Aegina und Abulkasim gelten liess.
Die Chirurgie Abulkasims ist freilich kein Originalwerk, denn sie
wurde grösstenteils dem VI. Buche des seinerseits auch nicht origi-
nellen Paulus von Aegina entnommen, und nur an manchen Orten mit
eigenen Beobachtungen bereichert. Ein grosser Vorzug derselben be-
steht allerdings darin, dass sie mit zahlreichen Abbildungen versehen
ist, somit zu den ältesten illustrierten medizinischen Werken gehört,
und durch diese Abbildungen viel zum näheren Verständnisse der bei
Paulus angeführten Instrumente beiträgt.
Dem Inhalte nach besteht dieselbe aus einer kurzen Einleitung
und drei Büchern. Das erste Buch (56 Kapitel) handelt von der
^) Wird im Mittelalter auch Regalis dispositio genannt und zuerst von
Constantinus Afric. übersetzt. Eine zweite Uebersetzung rührt von Stephanus von
Antiochien aus dem Jahre 1127; sie wurde im Jahre 1492 in Venedig und im Jahre
1523 in Lyon herausgegeben.
^) Aeltere Ausgaben: Augustae Vindelicorum 1519 (unvollständ. Ausgabe des
Gesamtwerkes), Basil. 1541 : Methodus medendi certa, clara et brevis . . . cum in-
strumentis ad omnes fere morbos utiliter et y^a^iy-cös depictis. Autore Albucase . . .
mit Anschluss der Chirurgie Eolands, Rogers, Constantini Africani etc. und mit
zahlreichen Holzschnitten. — Hauptausgaben: Arabisch-lateinische Ausgabe der
Chirurgie von J. Channing (Oxon. 1778) nacih zwei Handschriften in Oxford mit
Abbildungen. — La Chirurgie d'Abulcasis, traduite par Luc. Leclerc (Paris 1861) mit
Hlustr., verbesserte Channingsche Ausgabe nach der Pariser Handschrift. Ein Bruch-
stück über die Steinkrankheit erschien in der oberwähnten Publikation de Konings.
Eine hebräische handschr. Uebersetzung befindet sich in München und eine pro—
venQalische in Montpellier. — Eine lat. Bearbeitung des therapeutischen Teiles erschien
unter dem Titel: Liber servitoris s. liber XXVIIT. Bulchasim Benaberacerin inter-
prete Sini Januensi et Abraamo Judaeo. Venet. 1471.
Die Medizin der Araber. 603
Kauterisation, das zweite (99 Kap.) von den chirurgischen Erkrankungen
sowie von den chirurgischen und geburtshilflichen Operationen, das
dritte (35 Kap.) von den Frakturen und Luxationen. — In der Ein-
leitung wird über den tiefen Stand der Chirurgie bei den Arabern
bittere Klage geführt, hauptsächlich darüber, wie aus Unkenntnis
der Anatomie durch Verwegenheit roher Empiriker die gröbsten
Kunstfehler, z. B. Verbluten nach Eröffnen von Arterien beim Ader-
lasse, Herausreissen von Stücken der Harnblase beim Steinschnitte,
zweckwidrige Behandlung der Frakturen, krebsartiger Geschwülste
u. a. m. begangen werden.
Das erste Buch befasst sich mit der Kauterisation. Dieselbe wird
hauptsächlich durch das Glüheisen und nur im untergeordneten Masse
durch Aetzmittel ausgeführt. Es wird bei allen möglichen, internen,
externen und speziell chirurgischen Erkrankungen kauterisiert, wobei
Abulcasim selbst die Kauterisation bei vielen Fällen nur als letztes
Mittel betrachtet mit dem Bemerken, dass dieselbe nicht vor Recidiven
schützt. Die für einzelne Zwecke bestimmten Instrumente besitzen
ihre eigene Form und sollen nur aus Eisen und nicht aus Gold oder
Silber verfertigt sein. Von besonders erwähnenswerten Fällen möge
die Kauterisation des Kopfes an verschiedenen Stellen bei Apoplexie,
Migräne, Epilepsie, Melancholie, Ohren-, Augen- und Gesichtsschmerzen,
der Lider beim Entropium, der Achselhöhle bei häufig recidivierenden
Luxationen des Oberarmkopfes, Eröffnung der Leberabscesse durch
ein spitziges Glüheisen, wogegen die Thoracocentese auf dieselbe Art
als lebensgefährlich verworfen wird, ferner bei Coxalgie, Hernien,
Lepra, Abscessen u. a. m. angeführt werden. Sehr bemerkenswert ist
das Schlusskapitel über die Anwendung der Kauterisation bei arte-
riellen Blutungen. Diese Blutungen werden gestillt durch Digital-
kompression und darauf folgende Kauterisation der blutenden Gefäss-
öffnung, wobei vor Verletzung der Nerven ausdrücklich gewarnt wird.
Blutungen aus grösseren arteriellen Stämmen können überhaupt nur
auf vierfache Art gestillt werden: durch die angeführte Art der
Kauterisation, durch vollständige Durchschneidung der verletzten
Arterie, damit sich die beiden Endstücke zurückziehen können, durch
Ligatur und durch Anwendung von Blutstillungsmitteln mit Druck-
verband. Als erste Hilfeleistung bei arteriellen Hämorrhagien wird
Digitalkompression der Wunde und hineinlegen in ein womöglich
kaltes Wasser empfohlen.
Das zweite umfangreichste Buch der ganzen Schrift enthält vor-
erst einige einleitende Ermahnungen, keine Operation ohne gehörig
erforschte Krankheitsursache und sicher gestellten Heilungsmodus zu
beginnen, dieselbe niemals aus blosser Habgier, sondern immer nur
zum Heile der Kranken zu unternehmen , denn alles geschieht ja vor
den Augen des allsehenden Gottes. Implicite gelangt schon hier,
sowie im ganzen Werke und besonders im dritten Buche überhaupt
eine ziemlich bemerkbare Messer- und Blutscheu auch des an den
alten Werken gediegener griechischer Chirurgen gebildeten Arabers
zum Ausdruck. Im weiteren folgen dann die chirurgischen Er-
krankungen und Verletzungen mit den diesbezüglichen Heilverfahren
a vertice usque ad pedes mit einer weit intimeren Anlehnung an
Paulus Aegineta als es im ersten Buche geschah. Bei den Augen-
operationen wird u. a, als volkstümliche Operation in Persien das
Aussaugen des Stares erwähnt; sonst wird aber die Cataracta de-
604 Schrutz.
primiert. Die Entfernung- der Fremdkörper aus dem Ohre geschieht
je nach ihrer Beschaifenheit durch zweckmässige Methoden und immer
bei hellem einfallenden Lichte. Bei Operationen der Spaltbildungen an
Nase, Lippen und Ohr wird zuerst der umschlungenen Naht ge-
dacht, die später bei Besprechung der Bauchwunden ausführlicher
geschildert wird. Der zahnärztliche Teil ist mehr kosmetischen Charakters.
Vorerst wird eine Menge verschiedenartigster Instrumente, besonders
zum Entfernen des Zahnfleisches angeführt. Das Zahnausziehen
ist nur dann erlaubt, wenn schon alle medikamentösen Mittel versagt
haben. Unregelmässig gebildete Zähne, wenn sie hervorragen, werden
entweder herausgezogen oder abgefeilt; Vorderzähne, die durch einen
Schlag oder Fall lose geworden sind, werden durch Umwinden mit
Golddraht an den festgebliebenen Zähnen befestigt und verlorene
Zähne durch künstliche aus Rindsknochen ersetzt. — Das Einschneiden
des Zungenbändchens geschieht auf herkömmliche Art, die Ranula
wird exstirpiert, und die hypertrophierten Tonsillen abgeschnitten,
Nasen-Rachenpolypen exstirpiert und kauterisiert, und das vergrösserte
Zäpfchen ebenfalls abgeschnitten; nur bei messerscheuen Patienten
werden auch hier Aetzmittel oder gewisse Anräucherungen verwendet.
— Bei der Tracheotomie wird u. a. erwähnt, dass Abulkasim niemanden
kenne, der dieselbe ausgeführt hätte, es wird jedoch ein eigener Fall
von Durchtrennung der Luftröhre bei einem Selbstmörder, welchen
Abulkasim durch Naht geheilt hatte, erwähnt. — Nach Aufzählung
einer grösseren Reihe verschiedenartigster Instrumente zum Schneiden
und Durchstechen, hauptsächlich Lanzetten und Häkchen zu je dreierlei
Grössen, folgen Besprechungen von chirurgischen Erkrankungen des
Rumpfes, hauptsächlich der Brustdrüsen, Aneurysmen, Ascites, Aifek-
tionen der Genitalien und eine ausführliche Schilderung der Circum-
cision. Die Steinkrankheit und der Steinschnitt werden nach bekannten
Mustern ausführlich erörtert; zu grosse Steine werden vor ihrer
Extraktion in der Blase zertrümmert. Aber nebst solcher Zertrümme-
rung wird auch wirkliche Lithotrypsie und zwar im medizinischen Teile
des Altasrif (tract. XXI) erwähnt. Merkwürdig sind die Bemerkungen
Abulkasims über den Steinschnitt beim Weibe, da aus demselben die
Schwierigkeiten, die sich aus den orientalischen Sitten bei Behandlung
der Frauen überhaupt ergeben, ungemein hervorstechen. Vorerst soll
eine in Medizin sachkundige Frau gesucht werden, und da solche
nicht vorhanden sind, wird eine Hebamme, welche womöglich etwas
von der Sache versteht, geholt und diese führt unter Aufsicht des
Arztes die Untersuchung des Steines und auch den Steinschnitt selbst
(bei deflorierten Frauen per Vaginalschnitt) aus. Die Kapitel über
Hernien, Kastration und chirurgische Erkrankungen der weiblichen
Genitalien bieten nichts Besonderes. Bei Imperforation der Vagina
wird nach Beheben des Uebels angeraten, „ut coeat mulier omni die,
ut non denuo consolidetur locus". Es folgt ein kurzer Abriss einer
Geburtshilfe für Hebammen, wobei zugleich eine Reihe abenteuerlicher
Instrumente angeführt wird. Sehr ausführlich wird die medikamen-
töse und chirurgische Behandlungsweise der Wunden erörtert. Ins-
besondere sind es die penetrierenden Bauchwunden, welche am sorg-
fältigsten und, wie es scheint, nach eigener Erfahrung bearbeitet
sind. U. a. wird unter den verschiedenen Arten der Nähte auch
speziell die umschlungene, Kürschner- und Doppelnaht beschrieben. Bei
den Darmwunden wird als ein besonders empirischer Vereinigungs-
Die Medizin der Araber. 605
modus das Zusammenbeissen der Wundränder durch grosse Ameisen
erwähnt. Bei Besprechung der Osteomyelitis und Nekrose wird auch
ein Fall von Nekrose der Tibia angeführt, der von Abulkasim durch
Eesektion geheilt wurde. Zu Resektionen werden überall da, wo
Antyllus Meissel gebraucht, verschiedenartige Sägen, die durch bei-
gefügte Abbildungen veranschaulicht werden, verwendet. Brandig ge-
wordene Glieder, wenn der Brand nur bis zum Ellenbogen- oder Knie-
gelenke reicht, werden amputiert, und zwar auf die Art, dass die
Weichteile mit einem breiten Messer durchtrennt werden, worauf das
Durchsägen der Knochen folgt. Die Weichteüe werden dabei durch
zwei Binden geschützt, Blutungen durch Kauterisation und Styptica
gestillt. Varices werden entweder durch Incision oder durch Ex-
stirpation beseitigt. — Das Kapitel über Ausziehung der Pfeile ist
ziemlich knapp, dagegen diejenigen über Aderlass und Schröpfen weit
umfangreicher, wobei auch eine genaue Behandlungsweise der Arterien-
verletzungen bei Venaesektion angegeben wird.
Das dritte Buch, das von den Frakturen und Luxationen handelt,
wird durch eine ähnliche Weise eingeleitet, wie der ganze chirurgische
Abschnitt überhaupt, und wird darin besonders das Bedürfnis des
Studiums der Anatomie nach den Schriften der Alten nochmals hervor-
gehoben. Die Knochenbrüche werden im grossen Ganzen nur in einer
allgemeinen, mehr populären Weise abgehandelt. Insbesondere eifert
Abulkasim gegen die kenntnislosen Knocheneinrenker, welche die
schlechtgeheilten Frakturen nochmals brechen, und fügt hinzu, wenn
es eine gesunde Praktik wäre, würden schon die Alten davon eine
Erwähnung gemacht haben. Es folgen die Besprechungen einzelner
Knochenbrüche und deren Heilung a capite ad calcem und dann die
der Luxationen. Bei Reposition der Fraktur des Schambogens wird
eine Art Kolpeurynter erwähnt, nämlich das Einführen einer Schaf-
blase in die Scheide, wobei durch nachheriges Aufblasen derselben
durch ein Rohr die Dislokation der Knochen behoben werden soll.
Ferner ist hier noch bemerkenswert, dass bei Besprechung der mit
einer Wunde komplizierten Frakturen auch das Einschneiden eines
Fensters in den Verband erwähnt wird. Bei den mit Wunden und
zum Teile auch mit Fraktur komplizierten Luxationen soll man sich
nur auf blosse Bekämpfung der Eutzündungserscheinungen beschränken.
Avicenna.
In den Werken des Rhazes, Ali Abbas , . Abulkasim u. a. wurden
neben unverkennbarem Anlehnen an die Schriften der Griechen gewiss
auch gediegene Proben selbständiger Beherrschung des medizinischen
Wissens geliefert. Obzwar schon im Laufe des X. Jahrhunderts einige
bemerkenswerte medizinische Uebersichtswerke, wie der Almansuri
Rhazes' oder dasjenige des Ali Abbas, in denen eine arabische Be-
arbeitungswTise sichtlich zu Tage tritt, entstehen konnten, gelangt
die eigentümlichste und dem Arabismus entsprechendste Auffassungs-
weise der Medizin bei den Arabern doch nur erst bei Avicenna zur
vollsten Geltung. Avicenna ist der gefeierteste Arzt und Philosoph
der Araber und im Abendlande zugleich die einflussreichste Autorität
nicht nur zur Blüteperiode der Scholastik, sondern auch später bis
weit in die Renaissance und Neuzeit hinein. Alle die heftigen An-
griife, die zur Zeit des Wiedererwachens des unvoreingenommenen
606 Schrutz.
Studiums und der selbständigen Forschung in der Heilkunde gegen den
lähmenden Einfluss des Arabismus gerichtet waren, galten fast aus-
schliesslich dem Avicenna und seinen späten abendländischen Nach-
betern. Und wenn auch der Arabismus in der Medizin schliesslich
gestürzt wurde, dasjenige,' was Avicenna am meisten charakterisiert,
der Hang zur Dialektik, zum System bilden , das Dogmatisch-Metho-
dische, blieb doch lange noch gar vielen Medizinern anhaften und
kehrte in verschiedenfachen Abänderungen bis zu unlängstvergangenen
Zeiten immer wieder von neuem zurück.
Avicenna (Abu Ali el-Hosein ben AbdallahlbnSina,
980 — 1037) wurde zu Afschena in der persischen Provinz Chorasan
geboren, kam früh nach Buchara und genoss eine sorgfältige Erziehung.
Vorerst befasste er sich hauptsächlich mit mathematischen, physi-
kalischen und philosophischen Studien und seit dem 15. Lebensjahre
widmete er sich der Medizin. Durch eine ungewöhnlich rasche Auf-
fassungsgabe ausgestattet, vertasste er nach Art Galens mehrere um-
fangreichere Kompendien aus den verschiedensten Wissenszweigen.
Nach dem Tode seines Vaters führte er ein unstetes Wanderleben,
lebte an verschiedenen Höfen Persiens, bekleidete auch das Amt eines
Vezirs und versammelte um sich immer zahlreiche Schüler. Merk-
würdig für einen Araber ist seine Art des Studiums. Nach seinen
eigenen Einbekenntnissen verbrachte er hauptsächlich die Nacht zum
Studium und zum Niederschreiben seiner Werke. Und wenn der
Schlaf ihn zu übermannen begann, griif er zum Wein und setzte seine
Studien fort. Mit denselben beschäftigte er sich auch im Schlafe und
beim Erwachen waren ihm alle dunklen Probleme klar. Dasselbe
Verfahren befolgte er auch als Lehrer bei seinen Schülern. Als der
Geist durch angestrengtes Lernen zu erlahmen begann, wurde zum
Becher gegriiten und durch Gesang und Musik der Geist zur weiteren
Arbeit erfrischt. Avicenna starb unweit von Hamadan infolge seiner
eigenen verfehlten Kur, die er bei heftigen Anfällen einer Kolik an-
wendete.
Avicenna zeichnet sich neben ungewohnter Frühreife überhaupt
durch eine ausserordentliche Assimilationsfähigkeit und eine ungemein
umfangreiche schriftstellerische Thätigkeit aus. Eine jede Etappe
seines unsteten, reichbewegten und aufzehrenden Lebenslaufes ist durch
ein bedeutendes Werk gekennzeichnet. Die Zahl der bekannten
Schriften Avicennas beläuft sich über ein Hundert. Sie betreifen
Religion, Philosopie, Metaphysik, Logik, Dialektik, Mathematik, Astro-
nomie, Physik, Musik, Alchymie, die Naturwissenschaften überhaupt
und Medizin. Er beherrschte alle diese Gebiete und in allen war er
Meister. In dieser Hinsicht erinnert er ganz besonders an Galen.
Von den Arabern gleicht er am meisten dem Alkindus, einem in
gleichem Masse encyklopädischen Geiste. Als Praktiker ist Rhazes
bedeutender, als Philosoph jedoch und Sj^stematiker steht Avicenna
unter den arabischen Aerzten unerreicht da.
Das medizinische Hauptwerk Avicennas ist sein Kanon der
Medizin.^) Dasselbe ist in fünf grosse Bücher eingeteilt, von denen
') Arabische Ausgabe Eomae 1593, dann Bulak 1294 (Hedshr. 1877) in 3 Tl.
Nebstdem wurden auch einige Bruchstücke arabisch herausgegeben (z. B. v. P. Kirsten
in Breslau 1609) und verschiedene arab. Auszüge aus dem Hauptwerke verfasst. Lat.
Ausgaben: Drei ohne Ort u. Jahresangabe, von denen bes. die bei Hain sub n. 2198
Die Medizin der Araber. 607
I. die allgemeine theoretische Medizin, IL die einfachen Arzneimittel,
TU. die spezielle Pathologie und Therapie a capite ad calcem, IV. die
mehreren Körperteilen gemeinschaftlichen Krankheiten und Erschein-
ungen und V. die Pharmakopoe oder Zusammensetzung und Zubereitungs-
weise der Arzneien umfasst.
Ein jedes Buch ist vorerst eingeteilt in mehrere grössere Ab-
schnitte (Fen), diese in Traktate, ferner in Unterabteilungen (Summen)
und zuletzt in einzelne Kapitel. Das I. aus vier Fen bestehende Buch
enthält im 1. Fen die Definition der Medizin (als Wissenschaft, welche
uns die Einrichtungen des menschlichen Körpers kennen lernt, ferner
die Art, wie der Körper geheilt oder vor Schädlichkeiten geschützt
werden kann, so dass die Gesundheit erhalten bleibt oder die ver-
lorene wieder erworben wird), weiters Betrachtungen über die Medizin
im allgemeinen, die Lehre von den Elementen, den Komplexionen und
Temperamenten, den Säften, der Beschaifenheit einzelner Organe und
ihrer Verrichtungen. Der 2. Abschnitt oder Fen handelt von den
Krankheiten im allgemeinen, ihren Ursachen und Anzeichen, wobei
insbesondere die Pulslehre und Haruschau eingehendst berücksichtigt
werden. Der 3., der Diätetik und Prophylaxis gewidmete Fen ist mit
einer allgemeinen Betrachtung über die Ursachen der Gesundheit und
Erkrankung und über die Notwendigkeit des Todes eingeleitet, ent-
hält eine ausführliche Besprechung der allgemeinen Gesundheitsregeln
im Kindes-, Mannes- und Greisenalter von der Geburt angefangen bis
zum Tode, ferner Verhaltungsmassregeln bei einzelnen Komplexionen
und schliesslich Vorbeugungsregeln, insbesondere gegen Hitze, Kälte
und schlechtes Wasser, namentlich auf Reisen. Der letzte Fen betrifft
die allgemeine Therapie; hauptsächlich werden die Entleerungen und
Abführmittel, Klystiere, Umschläge, Aderlass, Schröpfen, Blutegel, Er-
öffnung von Abscessen, Kauterisation u. a. besprochen. — Der erste
Abschnitt, die spezielle Anatomie ausgenommen, dann der die Lehre
vom Pulse und Harn enthaltende Teil des 3. Abschnittes und schliess-
lich der 4. Abschnitt wurden in die Articeila aufgenommen und bildeten
auch auf diese Art mit ihrer teleologisch-neuplatonischen Auffassungs-
weise und unerreichbaren Spitzfindigkeiten die hauptsächlichste Grund-
lage der mittelalterlichen anatomisch-physiologischen und pathologisch-
therapeutischen Anschauungen.
Das IL Buch enthält vorerst eine allgemeine Besprechung der
inneren Eigenschaften einzelner Heilmittel besonders nach Dioskorides
und Galen, aber auch auf Grund eigener Erfahrungen und bildet zu-
gleich das vollständigste Buch über die Simplicia bis Ibn Beitar.
Das IIL, umfangreichste, aus 22 Abschnitten oder Fen bestehende
Buch des Kanon ist den örtlichen Krankheiten gewidmet. Dabei be-
folgt Avicenna den Modus, dass er vor den eigentlichen Schilderungen
der Erkrankungen einzelner Körperteile und Organe immer spezielle
und ziemlich eingehende anatomisch-physiologische Bemerkungen und
angeführte handlich iPrag. Univ.-Bibl.). Mediolani 1473, Patavii 1476, 1497; Venet.
1482, 1483, 1486, 1490 (Oct. Scotus), 1490 (D. Berthocus), 1491, 1494, 1500, 1507,
1523 Juntinen 1527 [m. Castig. d. Andr. Belhmensis-Alpagns], 1544, 1555, 1582,
1592, 1608, 1562, 1564 (ed. Mongius u. Costaeus); Papiae 1483, 1493, 1510, 1511;
Lugd 1522; Basil. 1556; Lovanii 1658 (ed. Vopiscus Fortunat. Plempius). Fast
allen diesen Ausgaben des Kanon sind auch einige kleinere Schriften Avicennas bei-
gefügt, so besonders seine Cantica und die Schrift de viribus cordis. Hebräische
ebersetzung Neapoli 1491.
608 Schrutz.
Betrachtungen voranschickt. Auf diese Art wird der anatomisch-
physiologische Teil des I. Buches durch eine mehr topographische Be-
arbeitungsweise, z, B. der des Kopfes (de utilitate capitis et partibus
eins) vervollständigt. Die Reihenfolge ist die übliche a capite ad pedes
und es folgen hintereinander Bespi-echungen der Kopfkrankheiten, be-
sonders derer des Hirnes, Augen-, Ohren-, Nasen-, Mund-, Zungen-,
Zahn- und Lippenkrankheiten, Erkrankungen der Kehle (es wird u. a.
auch die Tubage und Tracheotomie erwähnt), Brustkrankheiten (u. a.
eine scharfe Sonderung der Pleuritis durchgeführt, das Erkennen des
Empyems, seine ErölJFnung und Entleerung richtig angegeben), die
Krankheiten des Herzens, der Brustdrüsen, des Magens, der Leber,
Milz und der Gedärme, wobei besonders Ascites und Gelbsucht er-
wähnenswert erscheinen, ferner die Erkrankungen der Harnorgane,
der männlichen und weiblichen Geschlechtsteile mit einem kurzen
geburtshilflichen Abrisse; darnach werden noch die Hernien und zum
Schlüsse die Erkrankungen der Glieder, hauptsächlich aber der Ge-
lenke, u. a. auch Podagra und zu allerletzt die Erkrankungen der
Nägel erwähnt.
Das IV. Buch besteht aus sieben Abschnitten. Der erste be-
handelt die Fieber, wurde ebenfalls in die Articella aufgenommen und
von da aus beherrschte die Avicennische Fieberlehre von der Definition
(„febris est calor extraneus accensus in corde et procedens ab eo
mediantibus spiritu et sanguine per arterias et venas in totum corpus etc.)
angefangen bis zur Einteilung und Behandlungsweise einzelner Fieber-
arten alle Schulen des Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein.
Im 4. Traktate des 1. Fen werden auch die Blattern und „Morbilli"
ausführlich besprochen. Der 2. Abschnitt oder Fen enthält die
Semiotik, Prognostik und Krisenlehre, der 3., 4. und 5. Abschnitt
wurden als Chirurgie des Avicenna in die Articella aufgenommen.
Fen 3 enthält eine spezielle Besprechung der Apostemen und Pusteln,
nämlich Erysipelas, Phlegmone, Brand, Pestbubo und verschiedenartige
Geschwüre, Filaria Medinensis und Lepra, Fen 4 eine Abhandlung
über die Wunden, Geschwüre und anderen Verletzungen der Kontinuität.
U. a, kommt unter den Knochenerkrankungen im 4. Traktate auch
die „ventositas Spinae et corruptio ossis" vor. Der letzte chirurgische
Abschnitt (Fen 5) enthält die allgemeine und spezielle Lehre von den
Luxationen und Frakturen, Fen 6 ist der Toxikologie mit Einschluss
der tierischen Gifte und der durch Tiere verursachten vergifteten
Wunden gewidmet, Fen 7 betriift die Kosmetik, die Erkrankungen
der Haare und der Haut, die Bekämpfung der zu grossen Magerkeit
und Fettleibigkeit, Entfernung der Mamillen, Hoden, Hände, Füsse
und dergleichen, und schliesslich die Erkrankungen der Finger und
Nägel.
Das V. Buch, Antidotarium, behandelt die Zusammensetzung der
Arzneien (Composita) und wurde für die späteren Generationen eben-
falls massgebend.
Durch Vollständigkeit, methodische, bis in die kleinsten Unter-
abteilungen durchgreifende Einteilung, durch systematische, in alle
Details vordringende Darstellungsweise, durch unübertroffene Dialektik
und schliesslich seiner vorzüglichen Schreibart wegen, wurde der
Kanon Avicennas weltberühmt und eins der merkwürdigsten medi-
zinischen Bücher überhaupt. Ins Lateinische wurde er früh von
Die Medizin der Araber. 609
GeraB^us Cremonensis übersetzt und von dieser Zeit an beherrschte
er die abendländische Medizin ebenso unbeschränkt wie die arabische.
Von den übrigen medizinischen Schriften Avicennas wurden im
Abendlande am bekanntesten die fast allen Ausgaben des Kanon bei-
gefügten Cantica,^) kurze Lehrsätze nach Art der Hippokratischen
Aphorismen, welche in 4 Bücher eingeteilt in systematischer Reihen-
folge die Grundsätze der theoretischen und praktischen Medizin
Avicennas wiedergeben. Mit den früher angeführten Abschnitten des
Kanon wurden sie ebenfalls in die Articella aufgenommen. Die
mehreren Ausgaben des Kanon angeschlossenen Schriften de viribus
cordis und de syrupo acetoso, dann die naturwissenschaftlichen,
alchy mistischen und astrologischen Abhandlungen wurden durch den
Glanz des Kanon vollkommen in den Schatten gestellt.
Avenzoar.
Mit Avicenna erreichte die arabische Medizin ihren Höhepunkt
und mit ihm schliesst zugleich die Reihe der grossen medizinischen
Talente Persiens ab. Inzwischen aber wuchs das arabische Spanien
zu einer ausserordentlich grossen wissenschaftlichen Bedeutung heran.
Hauptsächlich waren es die Philosophie und Medizin, die unter dem
gesegneten Himmelsstriche Andalusiens zur schönsten Blüte gelangten
und zugleich einen gesunden Rationalismus annahmen, der für eine
freiere Denkungsart und dadurch auf das Wiedererwachen einer un-
voreingenommenen Forschung an den abendländischen Universitäten
von dem grössten Einflüsse wurde. Unter den zahlreichen bedeutenden
Namen ragen besonders die Mitglieder der Familie Ibn Zohr (Aven-
zoar) hervor. Ihr Stammvater kam im XI. Jahrhundert nach Spanien
und der Familie entsprossen viele Rechtsgelehrte, Staatsmänner und
Aerzte. Der berühmteste von denselben ist Abu Merwan Ibn
Zohr (korrump. Abumeron; f in Sevilla 1162 im hohen Alter). In
der Schule seines Vaters tüchtig herangebildet, zeichnete er sich bald
als hervorragender und vornehmer Praktiker aus. Wegen seiner Kunst
stand er in hohem Ansehen und bekleidete bei Abd-el-Mumin auch
das Amt eines Vezirs. Er war ein entschiedener Gegner des Avicenna,
seiner Philosophie und seiner dialektischen Bearbeitungsweise der
Medizin; auch gegenüber Rhazes unterscheidet er sich dadurch, dass
er sich ausschliesslich auf das Gebiet der praktischen Medizin be-
schränkte. Sein Hauptwerk ist der AJLl^^ei^r, 2) eine freie, em-
pirische Bearbeitung der praktischen Medizin a capite ad pedes, wo-
bei ihm seine und seines Vaters langjährige Erfahrung sehr zu statten
kamen. Die Leistungen der alten grossen Aerzte werden keinenfalls
ignoriert, aber denselben gegenüber stellt Avenzoar überall als ein
ebenbürtiger Mann. Von seinen praktischen Leistungen mögen nur
einige Proben angeführt werden. Als Abd-el-Mumin Purgiermittel
einnehmen wollte, Hess es Avenzoar nicht zu, sondern liess vielmehr
einen Weinstock mit Purgierwässem begiessen, und als die Rebe reif
wurde, genoss der Emir davon und die erwartete Wirkung stellte sich
^) Lat. Ausg. Venet. 1484, Groning. 1649.
2) Lat. Uebers. Venet. 1490, 1496, 1497, 1514, 1530, 1553; Lugd. 1531. Fernere
gedruckte Werke: De curatione lapidis, Venet. 1497. De regimine sani-
statis, Basil. 1630. Excerpta de balneis, Venet. 1553.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. 1. 39
610 Sclirutz.
wirklich ein. Trotz der vornehmsten Art seiner Heilmethoden g-ilt
Avenzoar für den Entdecker der Krätzmilbe und eines rationellen Heil-
verfahrens gegen die Krätze. Bemerkenswert ist auch sein Vorgehen
bei der Tracheotomie, die er nicht nur im Notfalle bei Kranken, sondern
auch versuchsweise einmal bei einer Ziege vollführte.
Avenzoar ist der letzte grosse arabische Arzt; nach ihm ist der
Verfall der arabischen Medizin unverkennbar. Schon seine Medizin
erscheint recht aristokratisch. Avenzoar betrachtet einige chirurgische .
Eingriffe, so z. B. den Steinschnitt für einen wahren Arzt als un-
würdig, weil dabei die Geschlechtsteile blossgelegt werden. Ja Aven-
zoar hält auch die Zubereitung der Arzneien für einen wahren Arzt
nicht für angemessen. Und auf diese Weise finden wir die alte Drei-
teilung der praktischen Medizin, nämlich in den internen, chirurgischen
und therapeutisch-pharmaceutischen Teil von neuem scharf betont und
bekräftigt — zum grössten Nachteile für den Fortgang der Gesamt-
medizin in den nachfolgenden Jahrhunderten.
Direkte Nachkommen des Avenzoar treten noch im nachfolgenden
Jahrhundert als bedeutende Aerzte auf.
6. Minder hervorragende Aerzte des X. -XII. Jahrhunderts und
beginnender Verfall der arabischen Medizin.
Im Anschlüsse an die vorangehenden grossen Namen müssen
wenigstens in aller Kürze noch einige Männer aus dieser Zeitperiode
erwähnt werden, die sich entweder auf dem Gesamtgebiete der Medizin
oder in einigen speziellen Fächern derselben hervorgethan haben.
Isaac Judaeus (Abu Jakub Ishak ben Soleiman el-Israili, im
Mittelalter genannt auch Isaac Judaeus, Salomonis regis Arabiae filius
adoptivus), ein ägyptischer Israelit, Schüler des zu Keirowan (Cyrene)
um das Jahr 903 gekreuzigten ausgezeichneten Arztes Ishak ben
Amran, lebte um die Mitte des X. Jahrhunderts (angebl. 830 — 932)
in Mauretanien und Keirowan. Von seinen Schriften wurden im
Abendlande besonders bekannt: ein Werk über Diätetik und der
sogenannte Führer der Aerzte,^) der vorzügliche Maximen über
die Medizin im allgemeinen und über die Verhaltungsmassregeln des
Arztes enthält (z. B. „Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist, Er-
krankungen zu verhüten. — Die meisten Kranken genesen ohne Bei-
stand des Arztes, durch die Hilfe der Natur. - Gebrauche stets nur
eine einzige Arznei auf einmal. — Sprich nie ungünstig über andere
Aerzte. Ein jeder hat seine glücklichen und unglücklichen Stunden.").
Sein Schüler Abu Dschafar Ibn el-Dschezzar (auch Al-
gizar, Algazirah, f 1009) aus Keirowan, ein nüchterner und methodischer
Geist, ist Verfasser eines Reisebuches für Arme, das als Ur-
quelle einer im Mittelalter verbreiteten populären Schrift (Viaticum)
gilt, und dann einer Abhandlung über die Ursachen der Pest
in Aegypten.
Ein besonderes Buch über die Entstehung des Fötus resp. ein
vollständiges Handbuch der Geburtshilfe verfasste zu Ende des X. Jahr-
hunderts ein spanischer Arzt Arib ben Said el Katib.
^) Lat. Uebers. Opera omnia, Lug:d. 1515,1525, De diaetis particulari-
bus, Paduae 1487, De diaetis uni versalibus et particularib. Ib II.
Basil. 1570. Deutsch. Berlin 1884.
Die Medizin der Araber. 611
Eine charakteristische Erscheinung ist zu dieser Zeit Abu Ali
Muhammed Ihn el-Heitsam (965-1038) aus Basora, wo er das
Amt eines Vezirs bekleidete, ein encyklopädisch gebildeter Mann, der
später in Kairo lebte, an 200 Schritten und Traktate, hauptsächlich
Kompilationen aus dem Gebiete der Philosophie, Mathematik, Physik
und Medizin verfasste, von denen eine Schrift über die Optik unter
dem Namen Alhazen besonders hervorzuheben ist.
Hauptsächlich als Oculisten sind bekannt Ali ben Isa und Ca-
namusali. Ali ben Isa (auch Jesu Haly, f Anfang des XL Jahr-
hunderts) ist Verfasser einer Schrift über die Augenkrankheiten ') in
drei Abteilungen, von denen die 1. eine Beschreibung des Auges,
2. Krankheiten, die unseren Sinnen zugänglich sind, und 3. Krank-
heiten, die unseren Sinnen unzugänglich sind, betrefifen. Die ganze
Schrift ist ein Kompilationswerk hauptsächlich nach Galen und Honein. —
Canamusali ist die mittelalterliche Bezeichnung für Omar ben Ali
el-Musli, einen berühmten Augenarzt und Philosophen, der im XII. Jahr-
hundert zu Bagdad und Aegypten lebte und ein aus sieben Büchern
bestehendes Werk über Augenheilkunde-') niederschrieb. Von ihm
wird ausdrücklich angeführt, dass er bei der Operation der Katarakta
ebenfalls das Aussaugen anwendete.
Ali ben Ridhwan oder Rodoam (980 bis um lOßl) aus
Aegypten, war als Philosoph und ärztlicher Schriftsteller, hauptsäch-
lich aber als Kommentator Galens (lateinisch gedruckt Venet. 1496)
bekannt. Er war eine streitsüchtige und rechthaberische Natur und
mit seinen Zeitgenossen in vielfache Polemiken, die er sehr leiden-
schaftlich führte, verwickelt.
Wegen der besonderen Form ihrer Schriften sind besonders Bi-
runi. Botlan und Dschezla bemerkenswert. Der als Astronom, Philo-
soph und Arzt bekannte Zeitgenosse Avicennas, el-Biruni, der auch
40 Jahre in Indien gelebt haben soll, schrieb u. a. ein umfangreiches
naturgeschichtlich-medizinisches Werk, worin die Medikamente in al-
phabetischer Ordnung gereiht werden. — Eine synoptische Bearbeitung
der Medizin, insbesondere der Diätetik, in Tabellenform"*) lieferte
Ibn Botlan (f um 1063 in hohem Alter), ein im Oriente vielbewan-
derter Nestorianer, der im Jahre 1054 auch ein Jahr in Konstantinopel
verweilte und aus Autopsie die hier grassierende Pest beschrieb. —
In ähnlicher synoptischer Tabellenform verfasste auch Ibn Dschezla
(korrump. Byngezla, f 1100), ein zum Islamismus übergetretener Christ,
der dann als Arzt in Bagdad lebte, ein Werk über Pathologie, *) worin
^) Lat. Uebers. De cognitione infirmitatum oculorum et curatione eorum. Ge-
druckt zusammen mit den Werken des .\bulkasim und Guy de Chauliac (Venet.
1497, 1499, 1500). Die Einleitung, die anatomisch-physiologischen Kapitel und die
Titelangabe der einzelnen Kapitel dse II. u. III. Buches wurden von C Aug.
Hille nach einer Dresdner Handschrift ins Lat. übersetzt (Ali ben Isa monitorii
oculariorura s. compendii ophthalniiatrici etc. specimen, Dresdae et Lipsiae 1845) und
mit einer ausführlichen historischen Einleitung versehen
") Die Abhandlung über Augenmittel wurde daraus in der Collect. Chirurg.
Venet. (1497 u 1499) mit dem Werke Ali ben Isas i.bgedruckt
'') Takwim es-Sihha, Lat. Tacuini sanitatis Ellucha.sem Elimithar etc. Argentor.
1531 deutsch das. 153S.
*) Lat Tacuini aeeritudinum et morbornm fere omninm corporis humani
cum curis eo rundem Buhahylyha Byngezla autore, Argent 1^32 (1533 das. mit dem
Takwim des Botlan, mit dem er auch verwechselt wird, als Canones tacuinorum ge-
druckt). Deutsch daselbst 1533 mit den Botlanschen Tafeln.
39*
612 ' Schrutz.
auch den Frauenkrankheiten ein besonderer Teil eingeräumt wird.
In der Therapie werden zweierlei Grade unterschieden, ein gewöhn-
licher, für jedermann leicht zugänglicher, und ein königlicher, für jeder-
mann nicht zu bestreitender, eine Unterscheidung, die an die mittel-
alterliche Praxis für Aime und Reiche erinnert. Die Heilung der
Hysterie wird den Hebammen überlassen.
Von den ältesten arabischen Pharmakologen sind zu nennen : I b n
Wafid (korrump. Abenguefit, 997 — 1075), ein vorzüglicher spanischer
Arzt am Hospitale zu Toledo, der eine Schrift über die einfachen
Arzneien ^) und ausser einigen kleineren Werken auch ein Rezeptbuch
für verschiedene Krankheiten und eine Abhandlung über die Bäder
verfasste; Ibn Dscholdschol, ebenfalls ein Spanier (zu Ende des
X. und Anfang des XL Jahrhunderts), der besonders eine Schrift Aus-
legung der Namen der Heilmittel des Dioskorides hinter-
liess, und sein Zeitgenosse, der in Jerusalem und Aegypten lebende
Attamimi oder Temirai.
Zu ihnen würde zu rechnen sein Mesue der Jüngere (Joannes
filius Mesuae filius Hamech filii Hely Abdala regis Damasci; Joannes
Damascenus), eine strittige und sonst nicht näher zu bestimmende
Gestalt aus dem X. oder XI. Jahrhundert. Dem wenig zuverlässigen
Leo Africanus zufolge soll Mesue ein jakobitischer Christ gewesen
sein, der in Bagdad Medizin studiert hatte, in Aegypten lebte und
angeblich 1015 in hohem Alter starb. Unter seinem Namen war im
Mittelalter und noch im XVI. Jahrhundert ein Kompendium hauptsäch-
lich pharmakologischen Inhaltes vielfach in Gebrauch, dessen arabisches
Original vollkommen unbekannt geblieben ist, so dass die Vermutung
auftauchen konnte, dass sich den Namen Mesue ein lateinisch schreiben-
der mittelalterlicher medizinischer Schriftsteller beigelegt hatte, um
seinen mittelmässigen Werken einen besseren Klang zu verschaffen.
Thatsächlich wurden die unter seinem Namen angeführten Schriften
fast so oft wie diejenigen des Avicenna gedruckt und herausgegeben.^)
Sie werden folgendermassen eingeteilt : a) De medicinislaxativis,
auch de simplicibus oder Consolatio, betreffen die mildernden
und abführenden Mittel; öfters werden diese Abteilungen in zwei
selbständige Schriften gesondert, b) Antidotarium s. Grabadin
medicamentorum compositorum, enthält die bei den Alten
und Arabern gebräuchlichen Medizinalformeln, c) Practica medi-
cinarum particularium, umfasst die Heilmittel gegen einzelne
Krankheiten resp. Krankheitssymptome vom Kopfe angefangen bis zu
den Herzkrankheiten. Diese Schrift muss als unvollendet betrachtet
werden. Eine Fortsetzung lieferte insbesondere Pietro von Abano.
In ihrer ausschliesslich praktischen Richtung, ihrer leichten Fasslich-
keit und der bequemen Zusammenstellung der Arzneimittel gegen ein-
zelne Krankheiten liegt hauptsächlich der Grund ihrer ungemein
.grossen Beliebtheit und Verbreitung. Oft werden sie mit den Werken
^) Lat. wurde nur ein Teil Liber de medicamentis simplicibus als An-
hang der Werke des jüngeren Mesue gedruckt, Venet. 1549 etc., und mit dem
Tacuin Dschezlas Argentor. 1531. Ausserdem De balneis sermo, Venet. 1533.
2) Hauptsächlichste lat. Ausgaben aller Werke: Venet. 1471, 1479, 1484, 1485,
1489—91, 1495, 1497, 1498, 1549 (Juntina), 1561 (ed. Andr. Marinus, eine der besten
Ausgaben) u. oft. Italienisch: Modena 1475, Venez. 1487, 1494, 1559, 1589; Firenze
1490. Ferner lat. Teilausgaben : Mediolani 1473, Neapoli 1475, Lugd. 1478, Pap. 1478,
Venet. 1489 u. oft.
Die Medizin der Araber. 613
des älteren Mesue verwechselt. — Die richtige Deutung der Mesue
wird noch erschwert durch einen dritten Mesue, richtiger Pseudo-
Mesue, dessen Chirurgie, nach Pagel wahrscheinlich eine lateinische
Kompilation aus dem XIII. Jahrhundert, von Pagel und seinen Schülern
herausgegeben wurde. ^)
Eine ebenso zweifelhafte Gestalt ist Serapion der Jüngere
(wahrscheinlich, da er den Abenguefit erwähnt, aus der zweiten Hälfte
des XL Jahrhunderts oder später). Von ihm rührt eine lateinische,
mehrfach gedruckte Schrift, Liber de medicamentis simplici-
b u s , ^) die bis jetzt in arabischer Sprache nicht ausfindig gemacht
werden konnte. Das Werk ist eine vollständige und ausführliche Zu-
sammenstellung dessen, was griechische und arabische Aerzte bis dahin
über einfache Arzneien geschi'ieben hatten, wobei auch das Allgemeine
der Arzneimittellehre berücksichtigt wird. Von den arabischen Schrift-
stellern wird Serapion nicht erwähnt.
Ein von den Arabern und insbesondere von Ihn el-Beitar wegen
seiner vorzüglichen Pflanzenbeschreibungen hochgepriesener spanischer
Arzt ist Abu Dschafar er-Rafiki oder Ghafiki (um 1100). Er
stammte aus der Umgebung von Cordova und hielt sich wohl auch
im Norden Afrikas auf, worauf manche berberische Bezeichnungen in
seiner Schrift hinweisen. Nach Oseibia vereinigte er in seinem Werke
über die Simplicia neben seinen eigenen Entdeckungen alles, was bis
zu seiner Zeit über diesen Gegenstand geschrieben wurde. •^)
Zum Schlüsse möge unter den pharmakologischen Schriftstellern
noch Ibn Baddscheh, im Abendlande gewöhnlich Avempace genannt
(f 1138 in Fez), ein freisinniger Denker aus Saragossa gebürtig, an-
geführt werden. Er praktizierte vorerst in Sevilla, war dann Vezir
des Jahja ben Taschifin in Fez, und da er sich hier in die Angelegen-
heiten anderer Aerzte einmischte, wurde er von ihnen vergiftet. Er
ist als Poet, Philosoph und Arzt gleichberühmt und verfasste u. a.
einen Kommentar zu Galen s Schrift über die einfachen Arzneien, einen
Auszug aus dem Continens des Rhazes, ferner eine mehr philosophische
Schrift De meditationi solitarii und Dissertatio deamore
physico.
Der rasche Flug der EntA\icklung der arabischen Medizin Hess,
vom XII. Jahrh. angefangen, merklich ab. Man kann zwar von einem
wirklichen Verfalle noch nicht sprechen, aber der Höhepunkt war
schon überschritten und die Anzeichen einer Dekadenz nehmen immer
mehr zu. Dieser Niedergang giebt sich jedoch nicht überall zu
gleichen Zeiten und plötzlich kund. So blieb das maurische Spanien
') J. L. Pagel, Die angebliche Chirurgie des Mesue junior etc., Berlin 1893;
Fr. A. Sternberg, Das 4. Buch der angebl. Chirurgie des Johannes Mesue etc.,
Berlin 1893: W.Schnelle, Die Chirurgie d. Job. Mesue jun., Schluss des 4. Buches,
Berlin 1895; H. Brockelmann, Das 5. Buch der angebl. Chirurgie d. Joh. Mesue
jun., Berlin 1895.
^) Mediol. 1473; Veuet. 1497, 1552; Argentor. 1531 und mit den Schriften des
älteren Serapion. mit dem er öfter verwechselt oder identifiziert wurde.
') Vgl. M. Steinschneider, Gafiki's Verzeichniss einfacher Heilmittel (Virchows
Archiv Bd. 77, 85 u, 86. — Ein anderer er-Rafiki, und zwar Muhammed ben
Aslem er-Rafiki, wurde als Vater des obigen betrachtet. Er lebte in der ersten
Hälfte des XII. Jahrh. und ist Verfasser eines mit Instrumenten-Abbildungen ver-
sehenen anatomisch-okulis tischen Werkes Morched (lat. Director).
^14 Schrutz,
noch lange eine bewährte Pfleg-estätte der Wissenschaften und ins-
besondere der Heilkunde, aus welcher eine stattliche Zahl freidenkender
Philosophen, sowie hervorragender Aerzte und Naturforscher hervor-
ging. Aehnliche Zufluchtsstätten fand die Pflege der Heilkunde auch
zeitweise im Norden Afrikas, besonders in Marokko, das damals mit
Spanien lebhafte Verbindungen unterhielt, dann in Aegypten und
Syrien, wo die edlen humanitären Gründungen eines Nureddin und
Saladin rege wissenschaftliche Bestrebungen hervorgerufen hatten.
An vielen Orten wirkten zwar noch immer vorzügliche Männer
und bildeten sogar Schulen, aber die Erscheiuungen des Ueberlebt-
seins der arabischen Kultur und speziell der Medizin, die schliesslich
jedwede Spur einer selbständigen Bearbeitung einbüsste, treten immer
deutlicher hervor. Sie erscheinen Hand in Hand mit dem allmäh-
lichen Dahinwelken der einstigen politischen Macht der Araber infolge
innerer Zerwürfnisse und der Verfall selbst wird durch die Barbarien
der Kreuzzüge und der mongolischen Invasionen in das Eeich der
Chalifen nur beschleunigt.
In dieser Periode können wir uns vollkommen kurz fassen, denn
nur wenige Hauptrepräsentanten der Natur- und Heilkunde erheischen
eine ausführlichere Besprechung,
Eine der grössten Erscheinungen der arabischen Litteratur ist
Averroes (eigentlich Abul Welid Muhammed ben Ahmed Ibn
Koschd, 1126—1198), besonders als freidenkender Philosoph hoch-
gerühmt. Er stammte aus Cordova, war Schüler und Freund des Ibn
Zohr (Avenzoar), war Kadi von Sevilla, dann von Cordova und später
Statthalter von Andalusien. Wegen seiner Freisinnigkeit wurde er
jedoch aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgestossen und lebte
dann bei Cordova in Verbannung, doch wurde er kurz vor seinem
Tode begnadigt und begab sich nach Marokko, wo er sein wechsel-
volles Leben beschloss. Sein ganzes reichbewegtes Leben ist von
steter Arbeit erfüllt. Es wird von ihm erzählt, dass er bloss zwei
Nächte ohne zu arbeiten verbrachte, nämlich diejenige seiner Hoch-
zeit und diejenige am Todestage seines Vaters. Seinen grossen Namen
erwarb er sich als Philosoph und die Kommentare zu Aristoteles sind
sein bedeutungsvolles Meisterwerk. Seine Medizin ist bloss aus
Büchergelehrtheit geschöpft, weswegen es nicht zu verwundern ist, dass
die Theorie noch mehr als bei Avicenna überhandnimmt und die
Dialektik in Spitzfindigkeiten ausartet, welche diejenigen des Avicenna,
fast übertreffen. Dabei tritt die Naturbeobachtung noch mehr als bei
Avicenna in den Hintergrund.
Sein medizinisches Hauptwerk sind die Hauptregeln der
Medizin (Kitab el-Kollijat — Liber universalis demedi-
cina, gewöhnlich Coli iget') genannt), die dem I. Buche des Avi-
cennischen Canon entsprechen. Sie sind in 7 Bücher eingeteilt; von
denen I. die allgemeine Anatomie, IL die Physiologie, III. die Patho-
logie, IV. die Semeiologie, V. die Materia medica, nämlich die Lehre
von den Heil- und Genussmitteln, VI. die Gesundheitslehre und VII. die
allgemeine Therapie enthält. Nebstdem verfasste Averroes mehrere
kleinere Werke über Temperamente, Fieber, Purgiermittel und Theriak
^) Ausgaben: Lat. Venet. 1482, dann mit Avenzoar oder Rhazes und Serapion
d. J. mehreremals, z. B. Argentor. 1530, Venet. 1490, 1496, 1553, 1560.
Die Medizin der Araber. 615
nebst Kommentaren zu einigen Werken Galens und zu dem Canticum
Avicennas. ^)
Ein seinem Lehrer und Meister Averroes ebenbürtiger Schüler
war der grosse Maimonides (Abu Amram Musa ben Maimun ben
Obeid Allah el-Cordovi, auch in abgekürzter Form ,.Rambam" genannt,
1135—1204). Als Mediziner erlangte er keinesfalls einen solchen
Ruhm, der ihm als Philosophen und Talmudisten gebebührt, doch muss ihm
wegen seiner medizinischen Schriften eine würdige Stelle unter den be-
deutenderen arabischen Aerzten der späteren Periode eingeräumt werden.
Aus Cordova gebürtig, lebte er später in Fez und zuletzt in Alt-Kairo
in Aegypten, wo er auch als Lehrer der Medizin und Praktiker wirkte.
Seine medizinischen Schriften, die zwar der Originalität ent-
behren, aber eine hohe Stufe der Gelehrsamkeit bekunden, sind fol-
gende: Commentare zu den Aphorismen des Hippokrates,
handschriftlich in arabischer und hebräischer Sprache; Eigene Apho-
rismen,'^) nach Galen, in 25 Bücher eingeteilt, von denen das letzte
den dunklen Stellen aus Galen gewidmet ist; Briefe über Diä-
tetik, die für den Sohn Saladins, welcher an Konstipation, Melancholie
und Verdauungsbeschwerden überhaupt litt, geschrieben wurden und im
Laufe der Zeit verschiedene Namen erhalten haben. ^) In vier Büchern
bespricht diese Schrift die Lebensweise im gesunden und krankhaften
Zustande überhaupt, dann die Lebensweise der Herrscher insbesondere
und enthält zum Schlüsse allgemeine Gesundheitsregeln. Ferner ver-
fasste Maimonides einen Auszug aus den Werken Galens (über den
Puls) und schliesslich mehrere kleinere handschriftlich teils in ara-
bischer, teils in hebräischer Sprache vorhandene Schriften über das
Asthma, die Hämorrhoiden, den Beischlaf und die Gifte, sowie deren
Heilung. *)
Diesen beiden Männern stellt sich als hervorragender Lehrer der
Philosophie und Theologie Fachr ed-Din er-Razi (1149—1209)
würdig zur Seite. Aus Raj gebürtig, bereiste er fast ganz Mittelasien und
hielt sich hauptsächlich in Herat auf, wo er eine Akademie leitete,
die von sehr zahlreichen Schülern, unter denen sich auch Sultane be-
fanden, besucht war. Er gehört in die Reihe der letzten grossen
arabischen Philosophen des Orients und hinterliess auch mehrere
Werke medizinischen Inhalts, unter denen Kommentare zu dem Canon
Avicennas besonders hervorzuheben sind.
Abu Muhammed Abd el-Latif (1162—1231), aus Bagdad ge-
bürtig, kommt als Mediziner insofern in Betracht, da er als prak-
tischer Arzt und Lehrer in Syrien, Palästina und Aegypten thätig
^) Averroes Cordubensis Liber de venenis, de Tyriaca, de concordia inter
Aristotelem et Galienum de generatione sanguinis. Item secreta Hippocratis s. 1. a.
fol. (Prag). — Collectanea de re medica sectiones III (1. de sanitate, II. de sanitate
tuenda. III. de ratione curandonim membrorum), Lugd. Bat. 1537. — Commentarius
in Canticum Ibn Sinae, Venet. 1484. Vgl. auch E. Renan, Averroes et rAverroisme,
3. ed. Paris 1866.
^) Lat. Ausg.: Bonon. 1489, Venet. 1497, 1500, dann mit dem Almansuri des
Ehazes Basil. 1570 a. 1589. Eine Kompilation aus diesen Aphorismen, im wesent-
lichen diätetischen Inhalts, gab neulich M. Grossberg (London 1900) heraus.
^) Tractatus de regiraine sanitatis. Lat. Ausg. Flor. s. a. (vor 1484), Venet.
1514, 1521, Aug. Vind. 1518, Lugd. 1535. Deutsch von Winternitz, Wien 1843.
Hebräisch Prag 1838.
*) Franz. Uebersetzung : Traite de poisons de Maimonide etc. trad. par J. M.
Rabinowicz, Par. 1867. Deutsch von Steinschneider, Berlin 1873.
616 Schrutz.
war und unter seinen zahlreichen Schriften mehrere Kompilationen,
Auszüge und Kommentare medizinischen Inhaltes hinterliess. Auch
in seinem Hauptwerke, einer Beschreibung Aegyptens, ^) sind medi-
dizinische Angaben enthalten, welche sich insbesondere au die grosse
Hungersnot und Pest, die zu seiner Zeit Aegypten (1201 u. 1202) heim-
suchten, beziehen. In dieser Hinsicht sind hauptsächlich seine An-
gaben über die anatomischen Befunde an einem Leichenhügel von
etwa 20000 Leichen besonders in betreif des Nichtvorhandenseins
einer Sutur am Kinne des Unterkiefers bemerkenswet, da sie eine
seltene Selbständigkeit des Urteiles der Autorität Galens gegenüber
bekunden und zugleich ein Beispiel zufälliger anatomischer Unter-
suchungen der Araber abgeben.
Als praktischer Arzt genoss einen grossen Euf Ali ben Ahmed
ihn Hobal Muhaddib ed-Din (1117—1213) aus Bagdad, der haupt-
sächlich in Mosul und eine Zeitlang auch in Achlat wirkte und mehrere
Schriften hinterliess. Einen beachtenswerten Abriss über die Stein-
krankheit veröffentlichte unlängst de Koning in seinem bei ßhazes
angeführten Werke.
Als Verfasser für den praktischen Gebrauch bestimmter Hilfs-
bücher mögen aus dieser Periode angeführt werden: Izzaddin es-
Suwaidi el-Ansari aus Damaskus (1203 — 1291), der ein Notizbuch
über einfache Arzneien für Krankheiten einzelner Körperteile a capite
ad calcem niederschrieb, und Salah ed-Din ben Jusuf aus Hama
(um 1296), der ein vollständiges Kompendium über Augenkrankheiten
mit einer Einleitung über die Anatomie des Auges und das Wesen
des Sehens hinterliess. Ferner möge hierher eingereiht werden Ibn
an-Nafis el- Karschi (f 1288 oder 1296 im Alter von 80 Jahren),
der in Damaskus studierte und auch als sehr gefeierter Lehrer auf-
getreten ist. Von seinen zahlreichen und umfangreichen Schriften
sind am bekanntesten seine im Oriente sehr verbreiteten Kommentare
zu dem Canon Avicennas, die im J. 1828 in Kalkutta auch gedruckt
wurden. ^)
Ibn el-Beitar, eigentlich Dhija ed-Din Abu Muhammed Abdallah
ben Ahmed (f 1248 in Damaskus), ist der bedeutendste botanische
und pharmakologische Schriftsteller der Araber. Er war aus Malaga
gebürtig (daher auch el-Malaki genannt) als Sohn eines Tierarztes,
wovon ihm der Name Ibn el-Beitar geblieben ist. Unter seinen Lehrern
ist besonders der Arzt und ausgezeichnete Botaniker Abul Abbas
Ennabathi (1165 oder 1171 — 1239) aus Sevilla, dessen Werke sich
jedoch nicht erhalten haben, hervorzuheben. Um das Jahr 1220 zog
er, unterwegs botanisierend, über Nordafrika nach dem Oriente, hielt
sich als Leibarzt der ägyptischen Emire und Vorgesetzter der Bota-
niker (nach anderen Angaben als Vorgesetzter der Aerzte in Kairo)
vornehmlich in Aegypten, Syrien und Kleinasien auf, unterhielt rege
Verbindungen mit den Gelehrten des Orients und hatte reichlich Ge-
legenheit, sich umfangreichen botanischen Studien zu widmen.
^) Compendium memorabilium Aegypti, arab. Ausg., Tubingae 1789; arab.-lat.
Ausg. V. J. Wheite, Oxonii 1800, dann eine deutsche (1790) und franz. Uebersetzung
(Paris 1810 bes. von Silv. de Sacy).
^) Moojiz-ool-Quanoon : a Medical Work, by Alee Bin Abee il Huzm, the Kara-
shite, commonly known by tlie name of Ibn-ool-Nufees, Calcutta 1828. (Wüsten-
feld 1. c. S. 147).
Die Medizin der Araber. 617
Sein Hauptwerk, Dschami el-Mufradat (Corpus simplicia
medicamentorum et ciborum continens)^) ist eine zusammen-
fassende Schrift über die einfachen Arzneien und Nahrungsmittel aus
allen drei Naturreichen. In alphabetischer Reihenfolge geordnet, wird
die gesamte Materia medica in 2330 Absätzen abgehandelt und zwar
nicht nur auf Grund der Berichte des Dioskorides, Galenos und der
übrigen Vorläufer und Zeitgenossen Ibn el-Beitars, sondern alle diese
sorgfältig gesammelten üeberlieferungen sind auf Grund persönlicher
Erfahrungen kritisch erläutert, ergänzt, berichtigt oder durch eigene
Beobachtungen ersetzt worden. Wesentlich ist es zwar eine Kom-
pilation, aber durch die hervorragende Bearbeitungsweise ist es zum
gewichtigsten, umfassendsten und vollständigsten Werke der arabischen
Litteratur auf dem Gebiete der Botanik und Materia medica geworden.
Leclerc schätzt die Zahl der beschriebenen Simplicia auf 1400,
da von den 2330 Paragraphen mehr als ein Drittel Synonyma be-
treffen. Von dieser reduzierten Anzahl entfallen über dreihundert auf
neue bei Ibn el-Beitar zum ersten Male vorkommende Medikamente
und Nahrungsmittel, wovon auf das Pflanzenreich speziell etwa zwei-
hundert kommen. Unter den durch die Araber in die Materia medica
überhaupt eingetührten oder allgemein bekannt gewordenen und bei
Ibn el-Beitar angeführten Substanzen befinden sich u. a. die Bezoare,
Ambra, Moschus, Manna, verschiedene Gewürzarten, hauptsächlich die
Gewürznelke, verschiedene Pfefferarten u. a. m., dann Zucker, Drachen-
blut, Areca, Zedoaria, Galanga, Amonium granum paradisi, Betel,
Sandal, ßhabarber, Muskatnuss, Kampfer, Berberis, Mahaleb, Tama-
rinden, Senna, Cassia fistula, Bonducella, Orangen, Croton, Melia
Azedarach, Emblica, Anacardium, Jujuba, Myrobolanen, Turbith, Salva-
dora persica, Jasmin, Convolvulus Nil., Nux vomica, Datura metel
Globularia.
Ausser seiner pharmakologischen Wichtigkeit verdient dieses Werk
Ibn el-Beitars auch als litterarhistorische Nachschlagequelle die vollste
Beachtung wegen der sich darin befindlichen zahlreichen und gewissen-
haften Citationen, durch die wenigstens Bruchstücke mehrerer in Verlust
geratener Werke sonst bedeutender Autoren der Nachwelt überliefert
wurden. Dem Hange nach Vollständigkeit folgend, führt Ibn el-Beitar
neben sonstigen Synonymen öfters Lokalbenennungen einzelner Pflanzen
an, so insbesondere altspanische, berberische, persische und sonst orienta-
lische Bezeichnungen, wodurch dieses Werk auch in sprachwissenschaft-
licher Hinsicht ein gewisses Interesse gewinnt.
Weitere Schriften Ibn el-Beitars -sind Morni (Sufficiens
de medicina), ein Handbuch, handschriftlich in Paris erhalten, über
einfache Arzneien mit Berücksichtigung ihrer therapeutischen Wirkung.
Es ist in 20 Abschnitte nach den einzelnen Körperteilen a capite ad
calcem eingeteilt und enthält zuletzt kosmetische Mittel, Gegengifte
und prophylaktische Massregeln. Ferner verfasste er Kommentare zu
dem Werke über einfache Arzneien des Dioskorides und dann über
Fehler und Irrtümer in dem Werke Ibn Dschezlas.
^) Ausg. Bulak 1875 ; L. Leclerc, Traite des simples par Ibn Beithar, Paris 1877.
Deutsche Uebersetzung von Joseph v. Sontheimer : Grosse Zusammensetzung über die
Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel etc., Stuttgart 1840 u. 42.
Mangelhaft. Sonst wurden Teilstücke öfters veröffentlicht und übersetzt (hauptsäch-
lich von Alpagus, Dietz und Sacy). Handschriften befinden sich hauptsächlich in
Oxford, Paris, Escurial, Leydeu, Padua, Hamburg.
JQIQ Schrutz.
Dass das Hauptwerk Ibn el-Beitars zu verschiedenen Neubear-
beitungen Anlass gab, ist leicht begreiflich. Insbesondere bildete es
•die Grundlage zu einer geschätzten verkürzten Bearbeitung der arabi-
schen Materia medica aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, be-
kannt nach deren Anfangsworten unter dem Namen Mala iesa (in
iat. Uebersetzung : Quod nefas est medico ignorare). Als
Autor gilt Ibn el Kotbi esch-Schafi el-Bagdadi, ein in Bagdad
wirkender Arzt, von dem angenommen wird, dass er armenischen Ur-
sprunges war.
Von den Zeitgenossen Ibn el-Beitars wäre insbesondere der Arzt
und Botaniker Ibn Essuri (1177—1241 oder 1243) hervorzuheben.
In Damaskus hauptsächlich unter Abdellatif herangebildet, leitete er
eine Zeitlang das Krankenhaus in Jerusalem, kam dann nach Aegypten
und kehrte zuletzt wieder nach Damaskus zurück, w^o er als Lehrer
der Medizin auftrat und eifrig mit botanischen Studien sich befasste.
Sein botanisch-pharmakologisches Werk blieb uns leider nicht erhalten
und wir sind in betreif desselben hauptsächlich auf die begeisterte
Schilderung des Ibn Abu Oseibia angewiesen, der mit Ibn Essuri in
der Umgebung von Damaskus und im Libanon öfters botanisierte und
reichlich Gelegenheit hatte, die Vorzüge Essuris beurteilen zu können.
Danach untersuchte Essuri am Fundorte selbst auf das sorgfältigste
und gewissenhafteste alle Bestandteile der Pflanzen von der Blüte bis
zur Wurzel in allen Entwicklungsphasen und widmete eine gleiche
Sorgfalt auch den aus ihnen bereiteten Droguen. Zudem begnügte er
sich nicht mit blossen Beschreibungen, sondern er liess die Pflanzen
und Pflanzenteile von einem Maler, der ihn auf seinen botanischen
Exkursionen begleitete, der Natur nach getreu abbilden. Auf diese
Weise war es ihm möglich, nicht nur neue Pflanzen aufzufinden,
sondern auch öfters die fehlerhaften oder unrichtigen Angaben früherer
Schriftsteller, hauptsächlich Galens, aufzudecken und richtig zu stellen.
In diese Periode rühriger wissenschaftlicher Bethätigung im Oriente
fällt Ibn Abu Oseibia Muwaffik ed-Din (1203—1273) aus Damaskus,
der wichtigste arabische medizinische Geschichtsschreiber. Er stammte
aus einer Aerztefamilie, in der besonders die Augenheilkunde gepflegt
wurde, und wirkte anfangs als Hospitalarzt in Damaskus und Kairo,
später als praktischer Arzt am Hofe eines Emirs in Sarched (Syrien),
wobei er mit den bedeutendsten Aerzten und Gelehrten des Orientes
verkehrte. Sein Hauptwerk ist eine umfangreiche, nach Biographien
verfasste Geschichte der Medizin (in Iat. Uebersetzung: Fontes
relationum de classibus medicorum)^) von den Ursprüngen
der Heilkunde bis zum Zeitalter des Verfassers. Das ganze Werk ist
in 15 Abschnitte eingeteilt, welche die Anfänge der Medizin, die
ersten Aerzte und Erfinder von Heilmitteln, die Asklepiaden, Hippo-
^) Das Werk ist nur in einig-en Handschriften in Paris, Oxford, Leyden und
Gotha vorhanden ; eine Iat. Uebersetzung von Reiske (Ende XVIII. Jahrh.) befindet sich
ebenfalls handschriftlich in Kopenhagen. Herausgegeben wurden bisher nur einzelne
Bruchstücke und zwar eine Iat. Uebersetzung des die indischen Aerzte und Ibn Beitar
behandelnden Kap. von Dietz (Analecta medica), dann Auszüge und franz. Ueber-
setzungen von Sacy (Abdellatif), von Sanguinetti (Cinq extraits de l'ouvrage arabe
d'Ibn Aby Ossaibi sur l'histoire des medecins, Trad. frang., Paris 1854 — 56, enthält
hauptsächlich die Anfänge und die Zeitperiode Muhammeds) u. a. Bruchstücke im
Arab. enthält auch das Geschichtswerk Wüstenfelds. Weitaus am meisten haben
aus dem Werke Oseibias Wüstenfeld und Leclerc in ihren Geschichtswerken geschöpft.
Die Medizin der Araber. 619
krates und seine Zeitgenossen, Galen und seine Zeit, die alexandrini-
schen Aerzte, die zur Zeit Muhammeds lebenden Aerzte, die syrischen
Aerzte zur Zeit der ersten Abassiden, die üebersetzer und ihre Gönner,
die Aerzte Iraks, Persiens, Indiens, Mag-rebs (Nordafrikas) und ins-
besondere Spaniens, Aegyptens und diejenigen Syriens umfassen. Das
ganze Werk enthält an 400 Biographien arabischer Aerzte und ist für
die Zeitperiode Oseibias und die unmittelbar vorangehende am wert-
vollsten, obzwar es auch für die griechische Medizin nicht ohne
Interesse ist. Nebst Medizinern sind in dem Werke auch Lebens-
beschreibungen von Naturforschern, Mathematikern und Philosophen,
die irgend welche Beziehungen zur Heilkunde gehabt haben, ent-
halten.
Trotz seiner ausserordentlichen Bedeutung darf Oseibia doch
keinenfalls als die einzige medico-historische Quelle angesehen werden,
denn in dieser Hinsicht müssen noch mehrere andere Geschicht-
schreiber in Betracht kommen, hauptsächlich diejenigen, welche den
kulturellen Verhältnissen und Begebenheiten ein grösseres Augenmerk
geschenkt haben. Unter denselben nimmt Abu 1 Faradsch Dschordschis,
auch Bar Hebraeus genannt (1226—1286), gebürtig aus Melitene in
Klein-Armenien, die erste Stelle ein. Er befasste sich hauptsächlich
mit Geschichte, Philosophie, Theologie und Grammatik, genoss aber
auch eine medizinische Ausbildung, insbesondere in dem grossen Ho-
spitale in Damaskus. Später war er nach einander Bischof von Guba,
Lakaba und Aleppo, schliesslich Metropolit der Jakobiten. Sein Haupt-
werk ist die Geschichte der Dynastien,^) die neben ihrem
politischen Inhalte im reichlichen Masse den kulturellen Zuständen das
Augenmerk zuwendet und auch für die Geschichte der Medizin be-
sondere Bedeutung erlangt. In dieser Hinsicht verdankt Abulfaradsch
viel einem umfangreichen litterarischen Geschichtswerke des gelehrten ^ '
und passionierten Bibliophilen Dschemal ed-Din ibn el-Kifti ^^^
(1172—1248). — Nebst der angeführten Geschichte der Dynastien ver-
fasste Abulfaradsch mehrere minder bedeutende medizinische Kompi-
lationen und Kommentare zu einigen griechischen und arabischen
Aerzten und begann eine Uebersetzung des Canon Avicennas ins
Syrische. Als medizinischer Schriftsteller wird mit ihm manchmal
Abul Faradsch Jakub ben Ishak Ibn el-Koff (angebl. 1226—1286)
verwechselt, der ausser einer Reihe von verschiedenen Schriften auch
ein Werk, Der Pfeiler der Chirurgie, niederschrieb.
Um diese Zeit (1259) lebte in Kairo >Ä.bul Mena ben Abu Naser
ben Haffad, bekannt unter dem Namen Kohen el-Atthar, und ver-
fasste das beste arabische Buch über die Apothekerkunst. 2) Es ist ein-
geteilt in 25 Abschnitte, von denen der erste einer pharmaceutischen
Deontologie, die folgenden zwanzig den einzelnen Formen der Medika-
mente und die Schlusskapitel den Gewichten, dem Sammeln, Auf-
bewahren und Prüfen der Arzneien, sowie verschiedenen sonstigen
Ratschlägen gewidmet sind.
Im Anschluss an die botanisch-pharmakologischen Schriftsteller
mögen noch einige über naturgeschichtliche Gegenstände, welche mit
der Heilkunde in einen gewissen Zusammenhang gebracht wurden, an-
geführt werden.
») Beirut 1890. Lat. Ausgabe, Oxon. 1672, deutsch Leipzig 1783—85.
«) Minhadsch el-Dukhan. Bulak 1870.
ß20 Schrutz.
Um das Jahr 1248 verfasste Tifaschi (Abul Abbas Ahmed ben
Jusef Ettifaschi), ein um die Mitte des XIII. Jahrhunderts in Aej^ypten
lebender Arzt, ein Buch über wertvolle Steine, in dem nicht nur ihre
mineralogischen und alchymistischen Eigenschaften, sondern auch ihr
Wert als Edelgestein und heilkräftigen Wirkungen behandelt werden.
Als besonderer Schriftsteller über die Naturgeschichte der Tiere
möge Damiri oder Domairi (gest. 1405), ein vielseitig gebildeter Ge-
lehrter, angeführt werden, der in einem weitschweifigen zoologischen
Werke neben thatsächlichen Eigenschaften der Tiere sehr viel Fabel-
haftes und Fantastisches beimengt.
Die Tierheilkunde speziell ist im XIII. Jahrhundert durch Abu
Bekr ben Bedr, einem Stallmeister des Sultans Ennaser, vertreten.
Für seinen Herrn schrieb er ein Buch Naseri, das in zwei Ab-
teilungen das Pferdewesen und die Pferdeheilkunde abhandelt. Ein
ähnliches Werk über Pferdekrankheiten ist auch aus dem XIV. Jahr-
hundert erhalten und die Autorschaft desselben wird einem jemenischen
Fürsten zugeschrieben.
Der gänzliche Verfall der arabischen Medizin äussert sich seit
dem XIV. Jahrhundert ganz unverhohlen und nur ausnahmsweise er-
scheinen vereinzelte Spuren einer medizinischen Schriftstellerei. Es
sind dies hauptsächlich Polygraphen, die in ihren mannigfachen Werken
auch von der Medizin Erwähnung machen. Am längsten noch er-
halten sich in Spanien die Traditionen einstiger glanzvoller Pflege der
Heilkunde.
Unter den spanischen Aerzten des XIV. Jahrhunderts ragt be-
sonders Ibn el-Katib aus Granada (1313 — enthauptet 1374) her-
vor. Er war ein vielseitig gebildeter Mann und hauptsächlich po-
litisch thätig; schrieb viel aus dem Gebiete der Geschichte, Philo-
sophie, schönen Künsten und Medizin. Insbesondere verfasste er ein
Handbuch der Medizin und mehrere Spezialschriften über die Pest,
die Lebensweise in einzelnen Jahreszeiten, die Bereitungsweise des
Theriaks, über die Entstehungsweise des Fötus, Tierheilkunde u..a. m.
Auch verfasste er Lehrgedichte über die Heilkunde und über Nahrungs-
mittel. — Als ausgesprochener Polyhistor und Polygraph erlangte auch
Sojuti aus Aegypten (Dschelal ed-Din es-Sojuti 1445—1505) als
medizinischer Schriftsteller eine Bedeutung. Er befasste sich haupt-
sächlich mit Theologie, Jurisprudenz, Grammatik, den Naturwissen-
schaften und betrieb dabei auch Medizin. Er war ungemein schreib-
selig und soll an 560 Werke verfasst haben, von denen die medi-
zinischen Schriften speziell in Algier bis in die neueste Zeit populär
blieben. Sie enthalten sehr viel abergläubisches und albernes Zeug
und hauptsächlich den verschiedensten Amuletten wird darin eine beson-
dere Heilkraft zugeschrieben.
Einer der letzten Repräsentanten der arabischen Medizin, dessen
Schriften bis heutzutage benutzt werden, ist Daud be*i Omar
el-Antaki, mit dem Beinamen el-Eddhari, der Blinde. Er war ge-
bürtig aus Antiochia, lebte zu Kairo und starb 1597 oder 1599 zu
Mekka. Er verfasste besonders ein grosses Handbuch über die ge-
samte theoretische und praktische Medizin, von dem besonders das
dritte Buch von den einfachen und zusammengesetzten Arzneien durch
Reichtum an Arzneistoffen (an 1712), unter denen auch der Kaffee
erwähnt wird, hervorzuheben ist. Eine ähnliche Bearbeitung (Franz.
Uebers. v. Leclerc 1874) lieferte auch Abd er-Rezzak ben Muhammed
Die Medizin der Araber. 621
Eddschezzairi, der in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in
Nordafrika lebte und als der letzte namhafte arabische Arzt ange-
sehen werden muss.
Seit dieser Zeit hat die arabische medizinische Litteratur nichts
Bedeutendes und Selbständiges aufzuweisen und es sind in neuerer
Zeit bloss einige Neubearbeitungen älterer Meister erschienen, die
moderne Medizin selbst findet bei den jetzigen arabischen Stämmen
nur allmählich Eingang.
Durch frühe Uebersetzungen ins Lateinische übte die arabische
Medizin auf die Entwicklung der Heilkunde des Mittelalters einen
sehr bedeutenden Einfluss und Hess zum mindesten die griechischen
Altmeister der Heilkunde nicht vollkommen ins Vergessen geraten.
Dadurch führte auch sie ihrerseits zur Renaissance.
Geschichte der Medizin im Mittelalter.
Von
Julius Pagel (Berlin).
Die Vorläufer der Mönchsmedizin. Die letzten medizinischen Schrift-
steller aus der römischen Kaiserzeit.
Die eigentlichen Vorläufer oder besser Vorbilder der Mönchs-
medizin sind die kleine Gruppe der medizinischen Schriftsteller, welche
den letzten Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit angehörig mit
ihren nach Form und Inhalt höchst unbedeutenden Machwerken den
Verfall der römischen Heilkunde deutlich genug kennzeichnen. Bei
der Schrift von Quintus Serenus Sam(m)onicus Vater (f 211),
einem aus 1115 Hexametern bestehenden Rezeptbuch, in welchem das
berüchtigte „Abracadabra" neben anderen magischen Formeln, Mäuse-
kot, Wanzen und ähnlichen Mitteln die Haupttrümpfe der für Arme
bestimmten Pharmakopoe bilden, handelt es sich hauptsächlich um
Entlehnungen aus Plinius.
Vgl. Choulant, Bücherkunde p. 212; Haeser I p. 616; Joannes Reese,
Quomodo Serenus Sammonicus a medicina Pliniana ipsoque Plinio pendeat. Rostocker
Inau^ural-Diss. 1896. Die „praecepta saluberrima'^ des S. sind, wie die meisten
Schriften der nachfolgend genannten Autoren, in die bekannte Collectio Stephaniana
{1567) aufgenommen. Vgl. auch Hob. Fuchs im Ärch. f. lat. Lexicogr. XL
p. 37-59.
Sam(m)onicus gehörte zu den beliebtesten Schriftstellern des
früheren Mittelalters. Das Gleiche gilt von dessen ungefährem Zeit-
genossen Gargilius Martialis, einem Schriftsteller von fast gänz-
lich Plinianischer Provenienz; doch findet sich auch Dioscorides viel-
fach citiert.
Vgl. Valentin Hose, Plinii secundi quae fertur una cum Gargilii Martialis
medicina nunc primum edita. Lips. 1875.
Martialis lebte etwa um 240 und gelangte mit seinen Schriften
besonders bei den Benediktinern zu hohem Ansehen. Während seine
Heilmittel ausschliesslich aus dem Pflanzenreich stammen und die
„poma et olera" vornehmlich betreffen, berücksichtigt ein noch viel
unbedeutenderer Eepräsentant des vierten Jahrhunderts, Sextus
Placitus Papyrensis (auch „Sextus Philosophus Platonicus") in
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 623
seinem „Liber de medicina ex animalibus" lediglich die tierischen
Präparate. Mit dem Hirsch beginnt er (in Kap. 1 der 22 Kapp, des
ersten Teils) und mit den Schwalben schliesst er (in Kap. 12 des
zweiten Teils). Annäherod Zeitgenosse des Sextus ist Vindicianus
Afer, Comes archiatrorum unter Valentinian I. (364 — 375), später
Prokonsul und Gymnasiarch. Er war Landsmann und Freund des
heiligen Augustinus, wurde von diesem dem Christentum gewonnen
und verfasste eine kurze, wenige Hexameter umfassende Zusammen-
stellung der einfachen Arzneimittel sowie eine „de expertis" betitelte
Schrift, die von spätei-en Autoren des Mittelalters vielfach benutzt,
gegenwärtig nicht mehr existiert. Die noch vorhandenen Schriften
des Vindicianus sind im Anhange zur Ausgabe von Theodorus Pris-
cianus (vergl. weiter unten) von Valentin Rose, Leipzig 1894, p. 426
bis 492 neuerdings herausgegeben u. d. T. : Vindiciani Afri exposi-
tionis membrorum quae reliqua sund ex codicibus etc. I Gynaecia
quae vocantur. II Epitome uberior altera. Adhaeret epistula Vindi-
ciani ad Pentadium nepotem suum de quattuor umoribus in corpore
humano constitutis. Kennzeichnend für den mittelalterlichen Geist ist
u. a. die Thatsache, dass selbst das wertlose Produkt eines Dilettanten
Marceil US, von seiner Vaterstadt Bordeaux auch M. Burdiga-
lensis, gewöhnlich M. Empiricus geheissen, Anklang fand. Mar-
cellus schrieb zu Anfang des 5. Jahrhunderts zum Gebrauch für seine
Söhne unter dem Titel „de medicamentis" ein ziemlich umfangreiches
Werk aus allen möglichen Autoren zusammen, das mehr vom lingu-
istischen als eigentlich medizinischen Standpunkte aus insofern Beach-
tung gefunden hat, als eine Reihe von namentlich in Frankreich ge-
bräuchlichen pflanzlichen Mitteln mit ihrem vulgärgallischen Namen
bezeichnet werden und somit das Werk „die ersten Anfänge einer
Flora von Frankreich" darstellt.
Vgl. die ausgezeichnete neuste Ausgabe von Georg Helmreich, Lips. 1889, mit
schönen Lidices, sowie die am 28. Juni 1847 von Jacob Grimm in der Berliner
Akademie der Wissenschaften gelesene Abhandlung, Berlin 1849.
Marcellus war Christ und diente unter Theodosius I. und II. als Ex-
magister officiorutn (entspricht etwa dem heutigen Amt eines Ministers des
Innern).
In ähnlichem Geleise wie die eben genannte Schrift bewegt sich
der „Herbarius' des Lucius Apulejus, auch unter dem Titel „de
medicaminibus herbarum" oder „Herbarum' vires et curationes" citiert.
Der oifenbar Pseudonyme Autor heisst öfter noch „Apulejus Barbarus"
oder „Apulejus Platonicus"'. Die ungefähr der ersten Hälfte des
4. Jahrhunderts angehörige Schi-ift bietet neben vielen magischen
Formeln in 128 Kapiteln die Beschreibung von 128 Arzneipflanzen
und ihrer Wirksamkeit in Krankheiten. Derselben Periode entstammt
das bei weitem höher stehende Werk von Cassius Felix, einem
der letzten Vertreter der römischen Medizin. Der volle Titel der
sehr verständig abgefassten Schrift lautet: „de medicina ex Graecis
logicae sectae auctoribus liber translatus sub Artabure et Calepio con-
sulibus" (anno 447).
Eine prächtige Editio princeps besorgte Valentin JRose, Lips. 1879, mit einem
griech.-lat. Index, der von Cassius Felix interpretierten griechischen Bezeichnungen
und einem lateinischen Index. Vgl. noch A. KöMer, Handschriften Römischer
624 Julius Pagel.
Mediciner. Hermes XVIII. Heft 3 p. 882 — 395, sowie Vir choio- Hirsch Jahresber.
de 1883 I p. 327.
Den Beschluss in der bezeichneten Gruppe von Autoren bildet ein
Schüler des oben genannten' Vindicianus, Theodorus Priscianus,
Leibarzt unter Gratian, zu Ende des 4. Jahrhunderts, Verf. einer
zwar aus Plinius und Dioscorides entlehnten, immerhin doch gegenüber
früheren Produkten durch grössere Originalität des Inhalts ausge-
zeichneten Schrift, die ursprünglich in griechischer Sprache abgefasst
später vom Autor selbst ins Lateinische übersetzt und als „Medicinae
praesentaneae" bezeichnet wurde.
Neueste treffliche Ausgabe von Valentin Mose, Lips. 1894 u. d. T. : Theodori
Prisciani Euporiston libri III cum physicorum fragmento et additamentis Fseudo-
Theodoreis (und dem oben bei Vindiciumts angegebenen Anhang). Lib. I, eine Patho-
logie a capite ad calcem in 38 Kapiteln, ist überschrieben Faenomenon, Lib. II, eine
E^-gänzung zu 1, betitelt „Logicus'\ handelt von Fiebern, Phrenitis, Apoplexie,
Lethargie, Pleuritis in 33 Kapiteln; das 3. Buch aus 10 Kapiteln bestehend ist
gynäkologischen Inhalts. Ein Fragment „physica" in 2 Kapiteln über Mittel gegen
Kopfschmerz und Epilepsie bildet den Beschluss. Es folgen unechte Anhängsel
{p. 261—354).
Daneben gehören zu den gebräuchlicheren Werken des frühen
Mittelalters noch verschiedene anonyme oder Pseudonym geschriebene
Auszüge und Versionen griechischer oder lateinischer Autoren, meist
ebenfalls ausschliesslich die Therapie betreffende Darstellungen, Ee-
zeptsammlungen elementarster Art, deren innere Verwandtschaft mit
den Arbeiten der vorhin aufgezählten Autoren klar zu Tage tritt, so
die berühmte „Medicina Plinii", als deren Verfasser Plinius
secundusjunior (Pseudo-Plinius) gilt, in 3 Büchern mit 183 Kapiteln
(neuste Ausgabe von Valentin Rose zusammen mit der Medizin des
Gargilius Martialis, Lips. 1875), ferner der sehr verbreitete „Lib er
Dynameus", auch u. d. T. „Dynamidia" gekannt, eine mit Teilen
der Hippokratischen „tisqI öiahrjg^^ zusammengestoppelte Entlehnung
aus Gargilius Martialis, endlich der berühmte „Aurelius", ein Aus-
zug aus Caelius Aurelianus zum ersten Male von seinem Entdecker
Daremberg im „Janus" von Henschel II p. 468 ff. veröffentlicht, und
die mit diesem ganz nahe verwandte als „Esculapius" bezeichnete
Kompilation, bei der es sich anscheinend lediglich um eine Ergänzung
des Aurelius handelt.
Die Mönchsmedizin vom 6. — 12. Jahrhundert.
Ztir Litteratur der Mönchsmedizin vgl. ausser den Handbüchern der Geschichte
der Medizin von Sprengel, Haeser, sowie den Bibliographien von Choulant u.
Pauly für die neuere Zeit meine med. Bibliogr. de 1875 — 96.
Es ist von vorD herein einleuchtend, dass in einer Zeit, wo der
Klerus die Repräsentation des gesamten geistigen Lebens usurpiert
und sich eine führende Rolle in der wissenschaftlichen Arbeit ange-
masst hatte, wo Mönchstheologie und Scholastik dominierten und die
Grundpfeiler auch in der Heilkunde bildeten, die Ergebnisse für diese
sich recht traurig gestalten mussten. In der That haben wir in den
schriftstellerischen Produkten, welche mönchische Praxis während des
Mittelalters zeitigte, die höchste Potenz der Sterilität zu erblicken.
"Während byzantinischer und arabischer Medizin bei allen kompilatorisch-
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 625
dialektischen Tendenzen der Charakter der Wissenschaftlichkeit nicht
vollständig abzusprechen ist und hier Spuren originaler Forscherthätig-
keit deutlich genug hervortraten, ist von alledem in den Produkten
der sogenannten Mönchsmedizin keine Rede. Samt und sonders doku-
mentieren sie den Verfall der Wissenschaften in seiner krassesten
Form. Dennoch, so albern und abgeschmackt stellenweise der Inhalt
der betreifenden Schriften ist und so wenig Federstriche erforderlich
sind, um den eigentlichen Fortschritt in der wissenschaftlichen und
praktischen Erkenntnis zu zeichnen, können wir eine kurze Würdigung
der betreffenden Erzeugnisse nicht umgehen. In ihrer für den Geist
der Zeit charakteristischen Eigenart verdienen diese treuen Zeugen
einer traurigen Epoche der Medizin, sei es auch nur vom litterarischen
Standpunkte, unter allen Umständen die Aufmerksamkeit des Historikers.
Indem wir sie Revue passieren lassen, werden wir überdies keineswegs
ein gehäuftes Mass redlicher Arbeit vermissen. Zahlreiche Schrift-
steller mit ihren z. T. recht voluminösen Schöpfungen lassen sogar ein
an sich imponierendes Streben nach Universalität nicht verkennen,
wodurch sie unzweifelhaft auch ihrerseits dazu beigetragen haben, den
Boden für die spätere universitas litterarum zu ebnen. Unbedingt
haben wir in den umfassend angelegten Werken der Mönchsmedizin
eine Art Vorläufer derjenigen Richtung zu sehen, welche später in
Gestalt der Universitäten den eigentlichen Ausdruck einer Gesamt-
wissenschaft gewonnen hat.
Leider ist bei diesen Erzeugnissen, ähnlich wie bei denen der arabisch-
med. Litteratur, der Uebelstand zu beklagen, dass die meisten Werke noch
handschriftlich im Schosse der Bibliotheken ruhen und bisher nur zum ge-
ringeren Teil der Forschung durch den Druck bequemer zugänglich gemacht
sind. Selbst bei den gedruckten Publikationen harren Fragen der Biblio-
graphie, der Authentizität etc. noch mannigfacher Aufklärung. Notorisch
haben unwissende Abschreiber und Pseudoautoren absichtlich und unab-
sichtlich mit und an ihren Originalien Fälschungen vorgenommen, durch
Zusätze oder Auslassungen sie entstellt; oft sind sie bei ihrer Thätigkeit
von einer Seite auf eine ganz andere derselben Vorlage oder gar in einen
ganz anderen Autor hineingeraten und dieses Irrtums gar nicht gewahr ge-
worden; manche Stellen sind doppelt abgeschrieben etc., so dass vieles von
dem, was wir gedruckt oder handschriftlich besitzen, noch gründlicher Nach-
prüfung bedarf, eine Arbeit, deren Mühseligkeiten nur Kenner zu beurteilen
vermögen. Dieser Uebelstand verhindert eine korrekte historisch-pragmatische
Würdigung der Verfasser und ihrer Leistungen selbst. Andererseits ist
nicht zu verkennen, dass gerade infolge dieser Thatsache die mittelalterliche
Litteratur einen gewissen Reiz für die Forschung bietet. Nichts wäre
thörichter und verhängnisvoller zugleich, als über die Heilkunde des Mittel-
alters wegen des präjudizierten Mangels an praktischer Ausbeute zur Tages-
ordnung überzugehen. Dass manches brauchbare Körnchen, manche an sich
treffliche Beobachtung auch bei den mittelalterlichen Autoren anzutreffen
ist, ist von den Historikern nachgewiesen worden und wird sich auch aus
dem Folgenden ergeben. Unverkennbar ist übrigens gerade in den Schrift-
werken der mittelalterlichen Medizin die praktisch-therapeutische Tendenz.
Zum Verständnis der späteren Epochen überdies, zur Kenntnis des Ent-
wicklungs- und Uebergangs, der auch hier nicht sprungweise und unver-
mittelt, sondern allmählich erfolgt ist, erweist sich eine genaue Darlegung
der mönchischen Vorstufe als unumgänglich; dem Geschichtsforscher, der
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 40
626 Julius Pagel.
die Zwecke seiner Wissenschaft unbeirrt verfolgt, fällt die Aufgabe zu,
unparteiisch und unbefangen die Wahrheit zu ermitteln, gleichviel ob die
Ausbeute von vornherein gross oder klein zu werden, die Forschung
negative oder positive Resultate verspricht. Er hat keinen Winkel, auch
den dunkelsten nicht, undurchsucht und unbeleuchtet zu lassen. TJebrigens
bietet, wie bereits bemerkt, selbst die unter dem unseligen Einfluss einer
fanatischen Kirche in ihrer Entwicklung gehemmte und geknechtete Medizin
des Mittelalters hie und da einige Lichtpunkte. Stellt doch schon die
Thatsache einen Lichtschimmer dar, dass in der Zeit, als die Wissenschaft
ganz unter dem Scepter der Hierarchie stand, die Universitäten geboren
wurden, also diejenigen Institute, die in einer späteren Zeit die Wissen-
schaft den Händen der Geistlichkeit entrissen, das Banner der freien
Forschung entfaltet und hochgehalten haben und fast ausnahmslos die per-
petuierlichen Träger der fortschreitenden Wissenschaft bis zu unseren Tagen
geblieben sind.
In der Kette der Schriftsteller aus der Periode der Mönchsmedizia
tritt uns als einer ihrer ersten und vornehmsten Repräsentanten der
bekannte Bischof I s i d o r von Sevilla aus Cartagena in Spanien ent-
gegen (Isidorus Hispalensis).
Isidor gehört dem 6. — 7. Jahrhundert an. Er stammte aus sehr an-
gesehener Familie und war ein jüngerer Bruder des Bischofs Leander aus
Sevilla, dessen Nachfolger er um 600 wurde und bis zu seinem am 4. April
636 erfolgten Ableben verblieb. Er war ein äusserst gelehrter, namentlich
sprachlich gebildeter Mann, auch des Griechischen und Hebräischen voll-
kommen mächtig. Zugleich besass er eine tiefe Kenntnis der profanen
Litteratur, wie seine zahlreichen Werke historischen, theologischen, philo-
sophischen, ethischen und grammatikalischen Inhalts beweisen. U. a. ist
Isidor Verfasser einer sehr bemerkenswerten Geschichte der Goten, Van-
dalen und Sueven.
Ein Verzeichnis seiner Arbeiten nebst einer gediegenen Würdigung findet sich
in dem Aufsatz von L. Spengler, iveiland Arzt in Eltville, im Janus III < Breslau
1848) p. 54 — 90; vgl. die daselbst angegebenen Quellen, ferner Haeser, Gesch. d.
Med. 3. Aufl. I p. 631 ; Graesse, Tresor des livres rares et precieux III p. 431 ;
V. Töply {Wien), Studien zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter {Wien u.
Leipzig 1898) p. 85.
Das Hauptwerk von Isidorus, welches für die Medizin und Natur-
wissenschaften in Betracht kommt, ist mit seinem encyklopädischen
Charakter und der Art der Darstellung ein ausgezeichnetes Specimen
der ganzen Serie von Werken jener Zeit, in denen meist mit dem
lieben Herrgott, den heiligen Engeln, der Dreieinigkeit begonnen, dann
zu dem Universum übergegangen wird, schliesslich die Beschreibung
der Elemente, der Erde, des Menschen etc. folgt und de omnibus rebus
et quibusdam aliis, natürlich in der oberflächlichsten Weise abgehandelt
wird. Isidors „Etymologiae s. Origines" zeigen zwar eine andere
Anordnung des Inhalts als die hier geschilderte, aber nur unwesent-
lich ; man gewinnt fast den Eindruck, als ob der Charakter der Kom-
pilation damit verdeckt und eine Originalarbeit vorgetäuscht werden
sollte. Schon der Titel zeigt, dass der Autor tiefer auf das Wesen
der Dinge einzugehen nicht beabsichtigte.
Die eigentliche Redaktion der 20 Bücher rührt vom Bischof
Braulis von Cäsaraugusta (Saragossa) her. Die spezielle Heilkunde
wird im 4. Buch behandelt (Sammelausgabe s. 1. [Lyon] 1622 apud
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 627
Johannem Vignon Spalte 914 — 923 in 3 Blättern) und scheint aus
Caelius Aurelianus entlehnt zu sein. In den 12 Kapiteln ist von der
Medizin im allgemeinen, Definition, Geschichte, von den 4 Körper-
säften, von akuten, chronischen Aflfektionen die Rede, ferner von den
Krankheiten, die an der Oberfläche des Körpers ihren Sitz haben,
von den Heilmitteln und Medikamenten, von den „libris medicinalibus",
Instrumentarium, von Gerüchen und Salben und vom Ursprung der
Medizin.
Das 12. Kapitel überschrieben „de initio medicinae", imponiert durch folgenden
Passus beim Vergleich der Medizin mit den übrigen liberales disciplinae: „Iiinc est
quod medicina secunda philosophia dicitur. Uiraque enim disciplina totum hominem
sibi vindicat. ISam sicut per illa anima ita per hanc corpus curatur:^ — Charak-
teristisch ist ferner das Kap. X de libris medicinalibus, wo nur Erklärungen von
„Aphorismu8^\ „Prognostica^^j „Dynamia'^ (offenbar die Dynamidia) und „Botanicum"
{„herbarium dicitur, quod ibt herbae notentur'^) gegeben sind.
Die naive Verworrenheit, die stellenweise hervortritt, zeigt u. a. ein
Vergleich zwischen Kap. 3 u. 4. In ersterem werden Apollo, Aeskulap
und Hippokrates als die 3 Inventores der Medizin gepriesen, in letzterem
dieselben als die Häupter der drei Sekten, der methodischen, empirischen
Schule und der Logiker angesprochen (!).
Für die Medizin kommen in Betracht das 1. Kapitel des 11. Buches
(oben genannte Ausgabe Spalte 1089 — 1102) mit anatomischen und
physiologischen Bemerkungen, für die Naturwissenschaft das 12. Buch
(zoologischen), das 16. (mineralogischen Inhalts), entfernt noch die
12 Kapitel des 13. Buches, in welchem von den Atomen, den Elementen,
von Ebbe, Flut, den Wässern, Flüssen, auch von Mineralquellen die
Eede ist und eine recht primitive Meteorologie und physikalische Geo-
graphie geboten werden. —
Aehnlich ist auch der Inhalt einer anderen, aus 47 Kapiteln bestehen-
den Abhandlung von Isidorus mit dem Titel „de rerum natura". Im 2. u.
3. Kapitel des 20. Buches werden einige Worte den Speisen und Getränken
gewidmet. Interessant ist u. a. die Etymologie des Wortes Lumbus, das
er von libido ableitet, weil in den Lenden der Sitz der wollüstigen Be-
gierden sei. — Bei Isidorus sind übrigens noch 4 Verse aus zwei sonst
verloren gegangenen Gedichten des alten Aemilius Macer aus Verdun (gest.
17 V. Chr.) über die Vögel und die Schlangen erhalten geblieben.
Die Etymologiae des Isidorus Hispalensis genossen noch lange
autoritativen Charakter und wurden vielfach später abgeschrieben (von
Thomas Cantimpratanus, Bartholomäus Anglicus u. a.). Auch das
anonyme poema anatomicum der salernitanischen Schule scheint nach
Isidor gearbeitet zu sein (v. Töply).
Noch charakteristischer für die Gruppe der Mönchsärzte und ihre
litterarische Ware ist der unter dem Namen Beda Venerabilis
bekannte Kirchenhistoriker (674 — 735), Presbyter des Klosters Wear-
mouth in England und Verf. der „Elementa philosophiae", bei
denen in der That die obige allgemeine Inhaltsanalyse der mönchs-
medizinischen Produkte ganz und gar zutrifft. Ausser einer oberfläch-
lichen menschlichen Physiologie, einer Kompilation nach Aristoteles,
ist kaum etwas Medizinisches in der ganzen Schrift zu finden. Auch
Bedas Abhandlung „de minutione sanguinis" kommt kaum als
40*
628 Julius Pagel.
medizinische in Betracht, da sie nichts weiter als ein Verzeichnis der
Prädilektionsstellen und -Jahreszeiten enthält.
Vgl. Chrässe, Litteraturgeschichte II 1 p. 529; Karl Werner, Beda
Venerabilis {Wien 1875); G. Wetzet, Die Kroniken des B. F., Hallenser Disser-
tation, Leipzig 1878.
Von Isidorus und Beda führt ein sehr begreiflicher Ideengang zu
dem Philosophen Hrabauus (unrichtig auch Khabanus geschrieben)
780 — 856, von seiner Vaterstadt Mainz noch Magnentius geheissen
und von seinem Lehrer Alcuin, dem bekannten Gründer der ersten
Akademie (schola palatii) unter Karl d. Gr., auch mit dem Beinamen
Maurus ausgezeichnet.
Bekanntlich wurde von den Mitgliedern dieser Akademie ebenso wie
seit 805 auf Verordnung Karls des Grossen in allen seinen Klosterschulen
überhaupt die Arzneikunde (sub titulo „physica") im Eahmen des ,,Q,uadri-
viums" traktiert.
Vgl. Schmeidler, Die Hofschule und die Hofakademie Karl d. Gr. Diss.
Jena 1872; Th. Sichel, Alcuinstudien {Wien 1875).
Hrabanus Magnentius Maurus stammte aus einem Mainzer Patrizier-
gesclilecht, studierte auf den Klosterschulen in Fulda und Tours, hier unter
Alcuin, zu dessen berühmtesten Schülern er zählte. Später wurde er selbst
Lehrer an der Klosterschule in Fulda, 822 Abt des Klosters (bis 842) und
war seit 847 bis zu seinem Lebensende Erzoischof seiner Vaterstadt.
. Die zahllosen Schriften des Hrabanus sind in einer ,, unkritischen und in-
korrekten^'' Ausgabe von Colvenerius zusammengestellt. Vgl. Spengler in Janus I
1846; ibid. II 1S47; Haeser l. c. I p. 636; Cfraesse, Tresor des livres rares
etprScieux; Cornel Will, Begesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe I. Inns-
bruck 1877 ; Graesse, Litteraturgeschichte II. 1 p. 839; I>ümniler, Hrabanstudien,
Verhandl. d. Akad. d. Wiss. Berlin, 6. Januar 1878; Fellner, Compendium der
Naturwissenschaften aus der Schule zu Fulda. Berlin 1881.
Hrabanus war ein sehr gelehrter, auch poetisch veranlagter Mann, von
dem der bekannte Trithemius sagen konnte: cui ut absque invidia loquar
nee Italia similem nee Germania peperit aequalem; seine Schriften betreffen
die Gebiete der Theologie, Philologie, Mathematik und Philosophie. Seine
Verdienste um das Schul- und Unterrichtswesen in Deutschland sind bekannt.
Auf Hrabans Veranlassung wurden die alten Klassiker systematisch für die
Klosterbibliotheken kopiert und vielfache Reformen im Klosterschulwesen
angebahnt.
Für die Medizin kommt hauptsächlich das Werk „Physica" s.
„de universo" in Betracht (Ausgabe: Colon. Agripp. 1626 I fol.
54 — 272, Kgl. Bibl. Berlin), eine Universalencyklopädie des gesamten
Wissens in 22 Büchern, klar und verständlich geschrieben, auch etwas
ausführlicher als die früher erwähnten Arbeiten gehalten, aber im
ganzen doch auch noch recht flach und naiv; auf Einzelheiten wird
so gut wie gar nicht eingegangen. —
Das 6. u. 7. Buch handelt vom Menschen, das 8. vom Tierreich, das
9. von der Welt, den Weltgegenden, Elementen, das 11. vom Wasser,
Meer, Flüssen, Quellen, Schnee, Regen, Eis; das 12. von der Erde und
ihrer Beschaffenheit; das 13. von der Magie, das 17. von Steinen und
Metallen, das 18. von Mass, Gewicht, Zahl, Musik, von Krankheiten
und Arzneien.
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 629
Cap. 5 fol. 231 — 233 der genannten Ausgabe de mediana etmorbis: ,^medicina
est quae corporis vel tuetur vel restaurat salutem, cujus materia versatur in morbis
vel vulneribus'^.
Das 19. vom Landbau und den Gewächsen. — Diese Analyse zeigt,
wie alle bisher angeführten Produkte nach ziemlich demselben Muster ge-
arbeitet sind. Die medizinische Partie ist nichts weiter als eine flüchtige,
mit Bibelsprüchen in reicher Fülle ausgestattete Darstellung der humoralen
Pathologie und Therapie.
Wertvoller für die Medizin, weil Einzelheiten berückichtigend und
ein spezielles arzneiliches Thema betreffend, ist der bekannte „Hor-
tulus" eines Schülers von Hrabanus, Walafridus Strabo
(Strabus), ein Gedicht in 444 Hexametern, das in 26 Kapiteln 23 ver-
schiedene Pflanzen beschreibt.
Walafridus Strabus war 806 — 807, angeblich in Schwaben, geboren,
studierte in St. Gallen und Fulda, hier als Schüler von Hrabanus, war eine
Zeitlang Dekan in St. Gallen und wurde 842 Abt zu Reichenau am Zeller-
see in der Diözese von Konstanz. Er starb 849 als Gesandter des Kaisers
Ludwig am Hofe von dessen Bruder Karl dem Kahlen. Bei den Zeit-
genossen stand Strabo, der diesen Beinamen wegen seines Schielens erhielt,
im B,ufe grosser Gelehrsamkeit; diese bezeugen auch seine zahlreichen
übrigen Schriften meist theologischen und historischen Inhalts.
Vgl. Choulant, Bücherkunde p. 228 ff. ; Haeser l. c. p. 637 ; E. Dihnntlerf
Kalender-Gedichte des W. St., Anz. f. d. Kunde der deutschen Vorzeit 1875 Nr. 6 ;
Derselbe, Grabschrift des Abtes Walafrid, Ztschr. f. d. Alterthum von Stein-
mayer N. F. 1875; Derselbe, Poetae latini aevi carolini Recens. T. I, Berl. 1880;
Sievers, Glossen zv, W. Str., Hauptes Ztschr. f. d. Alterthum 1872; F. H»
Walchner, Karlsruhe 1838.
Im Hortulus, dessen letztes Kapitel dem Abt Grimaldus in St.
Gallen gewidmet ist, beabsichtigt der Verf. zunächst nichts weiter
als die poetische Beschreibung eines von ihm selbst angelegten Kloster-
gartens, der darin gezogenen Pflanzen und eine Darlegung der Heil-
kräfte derselben. Es handelt sich dabei um Pflanzen, wie sie in jener
Zeit allgemein in Gärten gehalten wurden.
Die Reihenfolge derselben ist: Salvia, Ruta, Abrotaaum, Cucurbita,
Pepones, Absinthium, Marrubium, Feniculum, Gladiola, Libysticum, Cere-
folium, Lilium, Papaver, Sclarea, Mentha, Pulejum, Apium, Betonica, Agri-
monia, Ambrosia, Nepeta, Raphanus und Rosa. Für die Kenntnis der
Botanik und Agrikultur jener Zeit ist Walafrids Gedicht nicht ohne Wert ;
die Ergebnisse in therapeutischer Beziehung sind dürftig.
An den Hortulus erinnert eine nach Form und Inhalt ähnliche
etwas ältere Schrift des mailändischen Erzbischofs Benedictus
Crispus (Benedetto Crespo) aus Amiternura, dem heutigen Aquila oder
S. Vittorino.
Benedictus Crispus lebte zu den Zeiten des Longobardenkönigs Aribert U.
Im Jahre 681 wurde er vom Papst Sergius I. zum Erzbischof von Mailand
ernannt; in dieser Stellung war er bis zu seinem Ableben (725 oder 735)
thätig. Auf seine Veranlassung soll das Benediktinerkloster in Mailand er-
baut worden sein, später eine Abteilung des bekannten „II soccorso'' für
unglückliche Frauen.
Eine editio princeps seiner med. Schrift veranstaltete der bekannte Angela Mai
nach vatikanischen Codices Rom 1833. Vgl. G-rässe, Litteraturgeschichte II 1
630 Julius Pagel.
p. 566; Choulant, Handbuch der Bücherkunde p. 226 ; Collect. Salernit. ed. de
Menzi I p. 72 — 87. — Die geläufigste Ausgabe ist die von Joannes Vol. Ullrich
{Kitzingae 1835); das eigentliche Gedicht umfasst nebst der Vorrede knapp 9 kleine
Oktavseiten.
Das „Com mentariura medicinale" des Bened. Crispus stellt
ein winziges therapeutisches Kompendium in 241 Hexametern (mit
einer in Prosa gehaltenen Vorrede) dar und ist, wie man aus
Vers 209 entnehmen kann, eine Imitation von Quintus Serenus Samo-
nicus. Nach dem Vorwort des Gedichts resp. nach dem „Explicit"
eines vatikanischen Codex ist es von dem Verf. noch in seiner Dia-
konatszeit niedergeschrieben und seinem ehemaligen Zögling, einem
Klosterpräpositus Maurus aus Mantua, gewidmet. In der Vatikan.
Handschrift wird sogar die Verfasserschaft des Bened. Crispus in
Zweifel gezogen. Sprache und Versmass sind minderwertig ; der Inhalt
scheint (wie Vers 107 ergiebt) aus Plinius und Dioscorides zu stammen.
Z. T. handelt es sich um Beschreibung von Volksmitteln. Die Ein-
teilung des Stoffes ist nach den Wirkungen auf die einzelnen Organe
getroffen, die Anordnung demgemäss die bekannte a capite ad calcem.
Auf einer Stufe mit diesen Produkten stehen zwei bisher nur hand-
schriftlich vorhandene Werke des als ,, schlechter Dichter*' (Meyer, Gresch.
d. Botanik III p. 414) bekannten Benediktiners Bertharius, Abtes am
Kloster zu Monte Cassino von 857 — 884, betitelt : de innumeris remediorum
utilitatibus und de innumeris morbis. Berthar stammte aus der fränkischen
Königsfamilie und verfasste auch mehrere Schriften theologischen Inhalts. —
Vgl. Hist. liter. de la France V p. 606; Grässe, Litteraturgeschichte II 1
p. 262 u. 567.
Es sei bei dieser Gelegenheit bemerkt (vgl. oben p. 451), dass gerade
den Angehörigen des Benediktinerordens ein grosser Anteil an dem regen
■wissenschaftlichen Klosterleben hinsichtlich der Vervielfältigung der medi-
zinischen Handschriften gebührt. An der praktischen Thätigkeit beteiligten
sich Vertreter aller Orden, so die Antonsbrüder zu Vienne, die Alexianer,
die Begharden, die schwarzen Schwestern, seit 1070 die Verbindung der
hospitalarii sancti Spiritus zu Montpellier und seit 1092 auch die Orden
der Lazarusritter und Johanniter. Anfangs erfolgte diese praktische Be-
thätigung aus religiösen Motiven, später jedoch aus rein materiellen ßück-
sicbten und zwar in so offenkundig schmutziger Habsucht, dass es eines
päpstlichen Bannspruchs bedurfte, um die Geistlichen wieder in ihre Schranken
zu verweisen. Die Wunder- und Leichtgläubigkeit der damaligen Zeit ist
dabei von den Vertretern der Kirche nach Kräften ausgebeutet worden.
Erst seitdem das Laienelement, namentlich infolge der Gründung der ersten
Hochschulen Salerno und Montpellier an Bedeutung gewinnt, treten die
Geistlichen im allgemeinen als Praktiker in den Hintergrund, um schliess-
lich mit dem Ende des 14. Jahrhunderts ganz von der Arena der Medizin
zu verschwinden.
Heber die Bedeutung der Benediktiner vgl. noch aus der neueren Litteratur:
Regula Sancti Patris Benedicti juxta antiquissimos Codices recognita a JP. Ed/mundo
Schmidt, Batisbonn. 1880; Die Benedictiner - Regel in altdeutscher Sprache (in
Piper, Sprache und Litteratur Deutschlands bis zum 12. Jahrh. II, Paderborn
1880); Wissenschaftliche Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner-Orden mit
besonderer Berücksichiigung der Ordensgeschichte und Statistik [Brunn 1880).
Eine eigenartige Stelle und jedenfalls weit grössere Bedeutung
als die bisher aufgezählten litterarischen Denkmäler beansprucht unter
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 631
den medizinischen Werken des früheren Mittelalters die noch nicht
allzulange bekannte Diätetik des Anthimus.
Anthimus war Arzt Theoderichs des Grossen, eine Zeitlang Gesandter
desselben (Legatarius) am Hofe der Franken. Höchstwahrscheinlich ist er
identisch mit dem gleichnamigen griechischen Arzte, der 478 von Zeno aus
Konstantinopel vertrieben wurde und dann zu den Goten ging. Die Ent-
stehung der sogleich zu erwähnenden lateinisch abgefassten Schrift fällt in
die Zeit von 511 — 526. Sie ist an den Fürsten Theoderich, ältesten Sohn
des Merovingers Chlodwig und dessen Nachfolger seit 511 in der Haupt-
stadt Metz, gerichtet und führt den Titel : ,,Epistula Anthimi viri inlustris
comitis et legatarii ad gloriosissimum Theudericum regem Francorum de ob-
servatione ciborum'*. Vielleicht ist sie auf den Wunsch des Königs abgefasst
ähnlich wie zwei Jahrhunderte früher die grosse Encyklopädie von Oribasius
für Kaiser Julian. Das Verdienst einer editio princeps gebührt dem Berliner
Abteilungsdirektor der Kgl. Bibliothek Valentin Rose, der die Schrift
seinen ,,Anecdota graeca et graeco-latina" (Heft 2 p. 63 — 102, Berlin 1870)
einerverleibt hat.
Eine Analyse der Schrift lieferte Uffelniann, weiland Professor der Hygiene
in Rostock, in Deutsche Med. Wochenschr. 1881. Vffelmann vindiziert der Arbeit
den Charakter der Selbständigkeit; doch ergiebt sich die Kompilation unzweifelhaft
aus dem Passus: „Rationem ergo diversorum ciborum queinadmoduni uti debeant
secundum praecepta diversorum auctorum, ut potest intellectus noster
habere, suggerimus". Wenn TJffelmann in seinem Aufsatz Celsus als Quelle ver-
misst, so hat er daran vergessen, dass Celsus im ganzen Mittelalter überhaupt nicht
bekannt gewesen ist. Uebrigens scheint auch das Werk des Anthimiis von dem
Schicksal vieler tnittelalterlicner Produkte nicht verschont geblieben zu sein, insofern
auch hier fremde Zusätze, Einschaltungen zweifelhafter Authenticität unverkenn-
bar sind.
Die Wichtigkeit der Schrift rechtfertigt folgende kurze Analyse: Die
Darstellung ist kurz und fasslich ; sie bietet nur Thatsachen ohne jedes
theoretische Raisonnement. Es handelt sich um eine Beschreibung aller
damals gebräuchlichen Nahrungs- und Genussmittel, wobei der Verf. mit
einigen Worten auch der Bereitungsweise derselben gedenkt und Bemer-
kungen über Verdaulichkeit, Nährwert, therapeutischen Nutzen (z. B. der
Milch bei Phthisis) etc. einschaltet. Einleitungsweise wird als Grundlage
der menschlichen Gesundheit die Notwendigkeit einer rationellen Ernährung
betont, die auch Krankheit verhütet. Die Kost soU leicht verdaulich und
durch geeignete Zubereitung (Siedehitze) in diesen Zustand gebracht sein.
Massigkeit ist nicht bloss im Essen, sondern auch im Trinken geboten.
Selbst während einer Reise soll man die geeignete Präparation der Nahrungs-
mittel zum Zweck leichter Verdaulichkeit nicht unterlassen. Diejenigen
Nationen, bei denen der Genuss rohen Fleisches Sitte ist, kompensieren
diese Schädlichkeit durch geringere Quantität des Genossenen. Besprochen
werden der Reihe nach Brot, Fleisch, Speck, Meth (medus), Bier, Honig-
wein, Geflügel, Eier, Fische, Austern, Gemüsearten, Hülsenfrüchte, Getreide-
mehle, Milch, Butter, Käse, Obst, nussartige Früchte, im ganzen etwa 100
verschiedene Nahrungsstoffe bezw. Mittel, übrigens ohne bestimmte Dispo-
sition. Das Brot soll weiss, gut ausgebacken, nicht sauer und womöglich
täglich frisch sein. Vom Fleisch bespricht Anthimus verschiedene Sorten,
dasjenige von Rind, Hammel, Reh, Hirsch, Schwein, Wildschwein, Kalb
und Hasen, p. 73 und 74 der Schrift empfiehlt er den Speck, dessen Schwarte
er für ungeniessbar erklärt, auch für äusserliche Zwecke, ferner als Mittel
gegen Eingeweidewürmer (Spulwürmer und Tänien). Auch die einzelnen
632 Julius Pagel.
Teile vom Schwein, Rind etc. werden hinsichtlich ihres Nährwerts ge-
würdigt, besonders Bauch und Nieren ; letztere hält er für schädlich, da-
gegen die Vulva (uterus) des Schweins für zuträglich. Das Fleisch der
Turteltauben soll gemieden werden, weil diese öfter Veratrum (Helleborus)
essen und somit giftig sein könnten, wofür er ein Beispiel aus einer eigenen
Beobachtung an zwei Landleuten beibringt. Von dem übrigen Geflügel
empfiehlt er die Rebhühner, deren Fleisch mit etwas Coriander ohne Salz
und Oel aufs Feuer gebracht und dann genossen werden soll ; es ist be-
sonders wirksam gegen Durchfall (fluxus ventris) und Dysenterie; ebenso
ist der Genuss des Haustaubenfleisches empfehlenswert. Als spezifische
Delikatesse schildert Anthimus eine Speise „afrodes", eine Art von Fleisch-
pudding mit einer Gewürzsauce. Eier, weich gekocht, mit etwas Salz be-
streut empfehlen sich zum Frühstück. Pilze sind als schwer verdaulich
zu vermeiden (ausgenommen allenfalls die Moosschwämme und Trüfifeln). — ■
Von Fischarten werden besprochen resp. empfohlen: Hecht, Aal, Forelle,
Lachs, Barsch, Stör, Scholle. Alle Fische müssen frisch sein, desgleichen
die Auster („austrea si olent et quis manducaverit, altero veneno opus non
habet"). Von Blatt- und "Wurzelgemüsen werden vorgeführt: Rüben, Kohl,
Porree, Melde, Lattich, Endivium, Pastinak, Spargel, Steckrüben, Eppich,
Kürbis, Gurken (gegen Nierenleiden empfohlen), Melonen, Lauch, Zwiebeln,
Schalotten (ascaloniae). — Die eigentlichen Genussmittel, wie Salz, Pfeffer,
Kostwurz, Ingwer, Nelken, Fenchel, Dill, Lavendel, Poley, Coriander, Münze
und Essig werden an verschiedenen Stellen zerstreut besprochen. Getreide-
mehlsuppen sind sehr nahrhaft, besonders wird die bekannte alfita s. fenea
8. polenta, die übrigens nicht mit dem heutigen Maismehlgrützbrei identisch
ißt, sondern einem Gerstenmehlbrei entspricht, mit reinem, lauwarmem
Wasser verdünnt beim Fieber gerühmt (ähnlich wie die Ptisane des Hippo-
krates). Reis in Ziegenmilch, warm ohne Salz und Oel genossen, ist für
Dysenterische gesund. — Es folgt dann die Würdigung von Hirse. Bohnen,
Erbsen, Linsen; die Linsensuppe ist mit Essig zu bereiten. — Milch soll
entweder gekocht, oder wenn roh dann mit Honig (off'enbar dem Ersatz-
mittel für Zucker), Wein oder Meth gemischt genossen werden. Bei Dys-
enterie lässt Anthimus gern Ziegenmilch mit Weissbrotkrume gekocht nehmen
(aber „in olla, non in aeramine", also in einem irdenen und nicht ehernen
Gefäss gekocht). Auch die Verwendung frisch gemolkener Kuh-, Ziegen-
und Schafmilch zu Kurzwecken, namentlich bei Phthisis, ist Anthimus be-
kannt. Die Molken sollen warm sein, die Milch ist beim Melken in einem
Thongefäss aufzufangen. Saure Milch wird als „melca s. oxygala" (vielleicht
unsere „Buttermilch") bezeichnet. Butter ist frisch und ungesalzen gegen
Phthisis gut, aber im Beginn der Erkrankung und nicht, wenn bereits
schwere Läsionen der Lunge bezw. eitriger Auswurf existieren. Käse ist
nur frisch und süss leicht verdaulich, sonst schwer und zu Steinbildung
prädisponierend. Quittenschleim wird gegen Durchfall gepriesen. — Es
folgt noch die Darstellung des Obstes, der Aepfel, Birnen, Pflaumen, Pfir-
siche, Kirschen, Maulbeeren, Feigen, Datteln, Trauben, Pistazienfrüchte,
Mandeln, Kastanien und Nüsse, endlich noch des Olivenöls und eines „oleum
gremiale". —
Die Abhandlung- des Anthimus, von so guten Tendenzen sie auch
geleitet ist und soviel Interessantes sie auch in kulturhistorischer Be-
ziehung bietet, ist doch nicht als eigentlich wissenschaftliche, höchstens
im beschränkten Sinne und mehr als für Laienzwecke berechnete und
populärwissenschaftliche zu bezeichnen. Immerhin überragt die ratio-
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 633
nelle und den Gegenstand erschöpfende Darstellung (es fehlt nur der
Wein) alle vorher citierten Arbeiten an wissenschaftlicher Dignität bei
weitem, schon um deswillen, weil sie nicht in rein pharmazeutischem
Geleise sich bewegt, sondern in der Betonung der Diätetik, also in
der Wahl des Stoffes, eine gesundere und glücklichere Richtung ver-
folgt. — Leider steht die Diätetik des Anthimus mit ihrem bei der
Monotonie der übrigen Abschreibsei geradezu erfrischenden Eindruck
als rara avis da. Die übrigen aus jenen Jahrhunderten konservierten
Dokumente zeigen denselben Charakter, wie die bereits erwähnten;
es sind dürftige kompendiöse Naturbetrachtungen, die Universalität
prätendieren, dabei aber auf der Oberfläche bleiben, oder pharma-
kologische Machwerke, die in den bodenlosen Abgrund des wissen-
schaftlichen Verfalls einen leider zu tiefen Einblick gewähren. Phar-
makologie und kein Ende! Ob diese Produkte nun aus Vorliebe für
den Gegenstand selbst so zahlreich verfasst sind, oder ob die viel-
fältige Reproduktion derselben auf einem Zufall beruht — die That-
sache selbst zeigt jedenfalls, dass der Schwerpunkt litterarischer Arbeit
auf diesem Gebiete gelegen hat. Nicht minder charakteristisch ist
die Wahl der dichterischen Form, die teils zur Erleichterung für das
Gedächtnis, teils aus einem gewissen Nachahmungstrieb oder aus
der Sucht der Schönschreiberei hervorgegangen ist. Neben der Zeit-
sitte ist dabei nicht gering auch das Motiv der Eitelkeit oder Rivalität
in Betracht zu ziehen. Ein Pfau wollte seine Federn immer besser
spreizen als der andere! — Bei der unsicheren Kenntnis der Ab-
fassungszeiten vieler dieser Publikationen muss von chronologischen
Gesichtspunkten abgesehen und lediglich der pragmatische festgehalten
werden.
Die nötige Abwechselung in dem pharmakologischen Einerlei bringt
ein mineralogisches Machwerk, das jedoch nur im Inhalt variiert, in
Anlage, Stil und Tendenz den übrigen Werken wie ein Ei dem andern
gleicht. Es ist das „Steinbuch" oder der „Lapidar ins" des
französischen Bischofs Marbod (Marbodeus, Marbold, Merbold) f 1123.
Marbold stammte aus einer vornehmen Familie in Angers, wo er von
1067 — 1081 das Vorsteheramt einer Schule und dann das Diakonat der
Kirche versah, bis er 1096 als Bischof nach Rennes (in der Bretagne) ging.
In dieser Stellung blieb er bis zu seinem Lebensende.
Vgl. Choulant l. c. p. 244; Haesei' l. c. p. 638; Crraesse l. c. p. 364;
M. Steinschneider, Die hehr. Uebersetznngen des Mittelalters {Berlin 1893) p. 956,
sowie die These von Ferry, de Marbodi lihedonnensis episcopi et vita et carminibus.
Nimes 1878.
Das genannte Werk, das übrigens verschiedene Titel führt, handelt
speziell von den Edelsteinen und giebt in 743 Hexametern und (exkl.
des Prologs und Epilogs) in 60 Kapiteln die Beschreibung von 60 Edel-
mineralien. Nach dem Prolog, der jedoch vielleicht unecht ist, soll
ein arab. König Evax der eigentliche Verfasser und Marbods Arbeit
nur ein Auszug aus dessen Original sein. Indessen ist die Existenz
eines solchen Evax, für den in manchen Handschriften auch andere
Namen substituiert sind, apokryph. Das Buch, das bei den Zeitgenossen
und in den folgenden Jahrhunderten jedenfalls sehr geschätzt war, ist
ziemlich oft gedruckt.
Auch französische, italienische, hebräische und dänische TJebersetzungen
rssp. Ausgänge existieren, letztere in Henrik Harpestrengs (f 1244)
634 Julius Pagel.
dänischem Arzneibuch ; die hebräische Version gehört nach Steinschneider
(1. c.) gleichfalls dem 13. Jahrhundert an. Der Inhalt ist durchaus legen-
darisch, eine Reihe teilweise durch morgenländische Tradition über Rom
verpflanzter Fabeln und Sagen werden aufgetischt, und den Steinen natür-
lich allerlei wunderbare und magische Heilpotenzen, sympathetische Kräfte etc.
zugeschrieben. Ein näheres Eingehen auf den Inhalt erübrigt sich.
Nicht viel besser steht es mit dem vermutlich ins 13. Jahr-
hundert fallenden, vielberufenen „P h y s i 0 1 0 g u s de naturis duo-
decim animalium", dessen Verf., ein sonst unbekannter Bischof
Theobaldus (Tebaldus , Tibaldus) , wahrscheinlich in Frankreich
lebte (doch wollen manche die Autorschaft einem gleichfalls franzö-
sischen Bischof Hildebert 1057—1135 zuschreiben).
Vgl. Graesse IL 1 p. 121; IL 2 p. 585; Choulant l. c. p. 309; K. Ahrens,
Zur Geschichte des sogen. Physiologus, Gymnasialprogr. Plöhn 1885; M. GasteTf
II physiologus rumento. Arch. glottol. ital. Vol. X, 1887; Ferd. Kühl, Der Physio-
logus und seine naturwissenschaftlichen Anschauungen, Frankfurter Zeitg. 1883
Nr. 276; Laudiert, Geschichte des Physiologus, Strassburg 1889; G. Policka,
Zur Geschichte des Physiologus in den slawischen Litteraturen [Arch. f. slaw. Philo-
logie XIV 1893); Emil Peters, Der griechische Physiologus u. seine orientalischen
Uebersetzungen [Berlin 1898; vgl. dazu Lauchert in Deutsche Litteraturzeitung 1898
Nr. 40).
Der Physiologus ist ebenfalls in Gedichtform (Hexametern, sapphi-
schen Strophen und anderen Versarten) abgefasst und litterarhistorisch
insofern von einer gewissen Bedeutung, als er ein charakteristisches
Specimen für die Bestrebungen bietet, Theologie mit der Naturwissen-
schaft zu verquicken. An die Lebensweise von 12 Tieren, deren Eigen-
schaften dürftig genug geschildert sind, werden allerlei religiös-mora-
lisierende Betrachtungen geknüpft.
Gedruckt ist der Physiologus gleichfalls in zahlreichen Ausgaben, z. T.
mit scholastisch dialektischem Kommentar versehen. Auch Umarbeitungen,
darunter eine in althochdeutscher Prosa, existieren. Da an den Physiologus
eine reiche litterarische Arbeit sich geknüpft hat, so war schon aus diesem
Grunde eine kurze Erwähnung desselben an dieser Stelle gerechtfertigt.
In die Gruppe derselben Produkte gehört auch die bekannte
„Physica" der Aebtissin Hildegardis de Pinguia (d. h. aus
Bingen).
Geboren 1098 zu Beckelheim a. d. Nahe in der Grafschaft Spanheim
und 1180 als Vorsteherin eines von ihr in der Nähe von Bingen gestifteten
Nonnenklosters verstorben, verfasste diese ebenso fromme als begabte, bei
den Zeitgenossen wegen ihrer Gelehrsamkeit hochangesehene Jungfrau unter
zahlreichen für die Kirchengeschichte wichtigen Schriften theologischen und
moralisch asketischen Inhalts auch ein medizinisch-naturwissenschaftliches
Werk unter dem obigen Titel in 4 Büchern und 383 Kapiteln. Der Inhalt
bietet mehr kulturhistorisches und linguistisches als eigentlich medizinisches
Interesse. In dem lateinischen Text finden sich vielfach altdeutsche, z. T.
aus der Volksmedizin entlehnte Bezeichnungen für Krankheiten und Heil-
mittel. Im übrigen ist auch die Physica der heiligen Hildegard nichts weiter
als ein kurioses Gemisch von Mystik und Dreckapotheke. Auffallend ist
die grosse Zahl von Vorschriften zur Unterdrückung der Geschlechtslust,
ferner von Ratschlägen bei Schwangerschaft und Geburt. — Manches von
dem Inhalt der Physica fällt ins Gebiet der Tiermedizin. Offenbar handelt
Geschichte der Medizin im Mittelalter. 635
es sich auch hier nicht um eine Schrift von wissenschaftlicher Dignität,
sondern lediglich um eine Kompilation, ein populärmedizinisches Vademecum
(ähnlich unseren in Laienkreisen verbreiteten ärztlichen Haus- und Familien-
ratgebern), möglicherweise auch um ein unechtes, der heiligen Hildegard
untergeschobenes Machwerk.
Vgl. Graesse IL 2 p. 140, 558; Choulant l. c. p. 302— .W9- Haeser
jp. 640; Die Werke der heil. Hildegard und ihre neuste Kritik. Histor. polit.
Matter für das kathol. Deutschland, Bd. 76. 1895; ,T. Berendes (Goslar), Die
Physica der heil. Hildegard {Pharmac. Post 1896—1897, Sep.-Abz. 110 pp.; enthält
eine ausgezeichnete Analyse nebst fragmentarischer deutscher Uebersetzung) ; Paul
Kaiser, Die naturwissenschaftlichen Schriften der H. v. B. [Berlin 1901, Oster-
progr. d. Königstädt. Gymnas.).
Uebrigens steht die Hildegard als schriftstell ernde Nonne nicht ver-
einzelt da. TJ. a. sei nur an die Herrad von Landsperg (-j- 1195),
seit 1167 Aebtissin des Odilienklosters Hohenburg, erinnert, Verfasserin des
bekannten „Hortus deliciarum", einer Art von Encyklopädie mit vor-
wiegend biblischen resp. theologischen und rein wissenschaftlichen Auszügen.
Die Schrift beweist, dass der Unterricht der Nonnen in manchen Klöstern
auf hoher Stufe stand. (Vgl. Grässe II. 3 p. 933.)
Endlich sind noch zwei, einer ziemlich frühen und dunkeln
Litteraturperiode angehörige Dokumente zu registrieren, deren deut-
liche Spuren doch bereits nach Salerno führen, so dass einige Autoren
sie direkt zu den Erzeugnissen salernitanischen Schulgeistes zählen
wollen, nämlich das u. d. T. „Macer Floridus" figurierende Gedicht
und das pharmakologische Fragment des jüdischen Arztes Donnolo.
M a c e r Floridus ist ein Pseudonym für ein vielleicht dem Ende
des 9, oder dem folgenden Jahrhundert (1140 — 1160) angehöriges
Produkt. Valentin Rose entscheidet sich für die Autorschaft des auch
in einer Dresdener Handschrift des 12. Jahrhunderts als Verf. ange-
führten Otto Magdunensis (Otto v. Meudon aus Meune sur Loire
t 1161), andere nehmen den Cistercienser Odo Murmundensis
(Otto von Morimont im Burgundischen f 1161) als Verfasser an; jeden-
falls muss dieser in Frankreich gelebt haben, auf das einige Pflanzen-
bezeichnungen hinweisen. Es handelt sich um ein Gedicht in 2269
latinobarbarischen Hexametern, betitelt „de viribus (in einigen
Codices: de virtutibus) herbarum"; es hat die Darstellung der
Arzneikräfte der Pflanzen zum Gegenstand. —
Warum der Verf. sich hinter dem Pseudonym Macer Floridus verborgen
hat, ist bis jetzt noch unaufgeklärt. Vielleicht geschah es aus Vorliebe für
den bekannten Dichter (vgl. das bei Isidorus Hispalensis p. 626 Gesagte);
die Möglichkeit ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass es sich um
Pälscherarbeit von Kopisten handelt. In einigen Handschriften wird statt
Macer Floridus : Aemilius Macer als Autor angeführt ; auch eine Mischung
der Bezeichnungen als Otto Veronensis ist gebräuchlich.
Vgl. Choulant l. c. p. 233; Haeser l. c. p. 638; Steinschneider l. c.
p. 808. Macer wird auch in dem chirurg. Lehrbuch des Theoderich (Coli. Venet.
ed. 1519 fol. 113-^ u. 115-^) bei der Besprechung der medikamentösen Pfeilextraktions-
mittel erwähnt. — In dem „Michi competit'^ des Thomas von Sarepta '{vgl. diesen)
findet sich ein Autor Macer Bertoldus für Apulejus- Platonicus angeführt.
Henschel, der darüber in seiner kleinen Abhandlung „Schlesiens wissenschaftliche
Zustuende im 14. Jahrh." berichtet, fragt [l. c. p. 93) anmerkungsweise: „Sollte dies
nun endlich der wahre Name des Macer sein, über den schon soviel Vermutungen
axifgestellt sind?".
636 Julius Pagel.
In dem Buch werden im ganzen 77 Pflanzen in ebensovielen
Kapiteln in buntester Unordnung behandelt und zwar in Anlehnung
an Plinius, Gargilius Martialis, Dioscorides, Oribasius, Palladius u. a.
Zahlreiche Handschriften, 22 Ausgaben, Uebersetzungen, hebräische, dänische
und deutsche Bearbeitungen, Kommentare und Erläuterungsschriften [u. a. sogar von
Paracelsus), sowie die Thatsache, dass einige Verse ins Regimen sanitatis Salerni-
tanum übergegangen sind, sjyrechen für die grosse Beliebtheit einer Schrift, deren
sachlicher Inhalt durclmus nicht auf einem höheren Niveau steht als die übrigen
Erzeugnisse jener Litteraturepoche. — Von Kap. LXVI ab {Ausgabe von Choulant,
Leipz. 1832 p. 114) beginnt die Darstellung der Gewürze als Species mit dem Pfeffer
(„Carmine jam dictis aliquot vulgaribus herbis nunc species illas, quas cunctis jam
prope notas \ usus vendendi fecit, tentabo referre \ atque prius Piperis efc"). Einzelne
Verse sind nicht übel gelungen, und man muss über die Kunstfertigkeit der Versi-
fikation bei einem oft so heterogenen und spröden Stoffe staunen.
In einem gewissen, nicht bloss zeitlichen, sondern (nach Stein-
schneider in Virchows Archiv Bd. 42 p. 57) auch sachlichen Ver-
hältnis zum Macer steht das (von Steinschneider zuerst der Oeffent-
lichkeit übergebene) pharmakologische Fragment des jüdischen Arztes
D 0 n n 0 1 0.
Vgl. M. Steinschnei der f Virchow's Archiv Bd. 38 — 42.
Der volle Namen dieses Arztes lautet Sabbatai ben Abraham.
Donnolo ist die ital. Diminutivbezeichnung für Dominus. In einer
griechischen Quelle heisst derselbe J6f.ivovlog. Seine Lebensschicksale
hat er selbst in der Vorrede seines Kommentars zu dem mystischen
„Sefer jezirah" (Buch der Schöpfung) geschildert.
Geboren 913 in Oria bei Otranto, studierte Donnolo in Italien und
zwar vermutlich bereits in Salcrno Medizin, vielleicht auch autodidaktisch
aus Büchern, bereiste Unteritalien, war dort an verschiedenen Orten praktisch
thätig und genoss ein so grosses Renommee, dass er vielfach auch von hohen
"Würdenträgern konsultiert wurde, so u. a. auch von dem bekannten heiligen
Nilus, Abt von Eossano. Sein Tod erfolgte nach 965. Das ganze Fragment
ist nur VII Oktavdruckseiten stai'k und enthält eine dem Anschein nach
selbständige Aufzählung und Analyse von 120 Arzneimitteln meist pflanz-
licher Natur.
Da die von Steinschneider s. Z. erfolgte hebräische Separatausgabe jetzt wohl
seifen geworden ist, so sei im folgenden die Ueberschrift angeführt. Sic lautet:
„Donnolo, Fragment des ältesten medicinischen Werkes in hebräischer Sprache.''
Zu Ehren des 70. Geburtstages etc. Berlin 1867. nrpti'Dm ninp-ian ibd nr -ipvn nsD nt
etc. Nsn h\o n^d^'jsb m^npin nin'>DDni D^pnonm niti'nnnni oipaKni Das Wort n^d^Ssb,
welches Steinschneider Schwierigkeiten in der Erklärung bereitet hat, scheint nichts
weiter als eine Korrumpierung entweder für politia oder philosophia zu sein und un-
mittelbar mit dem Wort wehamsiboth zusammenzuhängen; der Autor beabsichtigte
nicht bloss eine Darstellung der pharmakologischen Mittel, sondern auch dessen, was
ins Bereich der ärztlichen Politik oder Philosophie gehört.
Mit wenigen (aus Bibel und Talmud entlehnten) Ausnahmen handelt es
sich um römische und griechische Drogen ; ein Präparat, nämlich das
„Kelkh" (= galbanum) ist unzweifelhaft arabisch , zwei (Zedoaria und
Sendros oder Cedros) zweifelhaft arabisch und ein Ausdruck (für Eselsgurke)
aus dem Arabischen übersetzt. Wie Steinschneider ganz richtig hervorhebt,
ist das Dokument ein Bruchstück aus einem grösseren Antidotarium und
enthält praktische Anweisungen zur Bereitung von Grewürzmitteln mit be-
sonderer Rücksicht auf den Honig als Constituens (der ähnlich wie hei
Anthimus den Zucker ersetzen musste) und möglichst lange Konservierung.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 637
Donnolo giebt seine Anweisungen als Resultat 40 jähriger, anscheinend ganz
eigener Erfahrungen. Der Stü ist hart und unbeholfen. Die Handschrift
ist deshalb von der grössten Wichtigkeit, weil sie einen Beitrag zur Be-
stätigung der Thatsache liefert, dass griechisches Wissen in der
Heilkunde sich noch-bis zu dieser Zeit unb eeinflus s t von
arabischer Weisheit in dem übrigen Europa, speziell in
TJnteritalien erhalten hat. So ist die Entwicklung der salemi-
tanischen Hochschule besser zu verstehen. Der Umstand, dass Donnolo,
der älteste Autor Unter Italiens, nach dem Untergange Roms, arabisch ver-
mutlich nicht verstanden hat und dennoch ein tüchtiger Praktiker war,
zeigt, dass der dortige Boden noch nicht mit arabischen Keimen in Be-
rührung gekommen war. Tbatsächlich fallt ja auch die Entstehung der
salernitanischen Hochschule mindestens 1 Jahrhundert vor der eigentlichen
Blüte der arabischen Medizin, die erst vom 11. Jahrhundert ab einsetzt.
Die salernitanische Schule.
Die Litteratur über die salernitanische Medizin ist eine schier wiübersehbare.
Der Kürze halber begnügen wir uns, auf die bekannten medizinisch-historischen
Bibliographien hinzuweisen, ferner auf Haesers gi-osses Geschichtswerk, sotcie auf
das jüngst erschienene ausgezeichnete Kolossahcerk von E. €rurlt, Gesch. d. Chir.
Bd. I p. 695. Von neueren Arbeiten seien noch hervorgehoben: 3Iodestino del
Gaizo, Documenti inediti della scuxtla medica Salernitana. Memoria letta nella R.
Accad. med. chir. di Napol. 31. 7. 1887, Nap. 1888. Derselbe, La scuola medica
di Salerno stvdiato nella storiae nelle leggetide, discoso letto alV accademia Pontaniana.
Nupoli 1896. Hier findet sich auch ein ziemlich erschöpfender Quellennachweis zv/r
älteren Litteratur.
Zwischen den beiden Einöden von Mönchs- und scholastischer
Medizin hebt sich diejenige Periode der Heilkunde, welche man als
salernitanische zu bezeichnen pflegt, gleichsam wie eine erfrischende
und liebliche Oase aus unerquicklichem Wüstenuntergrunde ab und
bietet für die historische Betrachtung einen Gegenstand von er-
freulicherer Gestaltung. Auf dem Wege, den die Entwickelung der
Medizin vom Altertum über das Mittelalter hinweg in mannigfachen
Zickzacksprüngen zur neueren Zeit eingeschlagen hat, bildet Salerno
zwar nicht die wichtigste, immerhin eine der wichtigeren und be-
merkenswerteren Etappen. Die Bedeutung, welche diesem Orte in
der medizinischen Entwicklungsgeschichte zuiällt, ist eine vielfache.
Sie knüpft sich zunächst nicht gerade so sehr an einen positiven Fort-
schritt in der Erkenntnis oder in den Leistungen als vielmehr an den
Ruf, den Salerno als Sitz der ersten abendländischen Hoch-
schule im grossen Stil, als Stammmutter der Universitäten mit Recht
geniesst; sie liegt ferner in der unzweifelhaften Thatsache, dass hier
die Heilkunde mit Vorliebe gepflegt worden ist, dass diese lange
und unverfälscht den Anschluss an die griechisch-römische Tradition
konserviert hat, endlich nicht zum wenigsten auch darin, dass früh-
zeitig bereits eine Emanzipation von klerikalem Einfluss stattgefunden
und unsere Wissenschaft durchweg weltliches Gepräge angenommen
hat. Von den Stürmen der Völkerwanderung wenig berührt, hat
Salerno, dessen Geschichte bis ins 6. Jahrhundert zurückdatiert und
das wahrscheinlich seinen Ursprung aus einer alten griechisch-
römischen Kolonisierung genommen hat, infolge inniger Handels-
beziehungen mit seinem Stammlande schon frühzeitig einen festen
Kern- und Kiystallisationspunkt für künstlerische und Wissenschaft-
638 Julius Pagel.
liehe Bestrebungen geliefert. Von nicht geringem Einfluss erwies
sich in dieser Beziehung auch die Nachbarschaft des alten Stamm-
sitzes der Benediktiner: Monte Cassino. Lange war hier wie in dem
übrigen Unteritalien griechische Wissenschaft heimisch geblieben.
Speziell wurden die Interessen Salernos von allen seinen Beherrschern,
in gleicher Weise von den Fürsten von Benevent, wie später in der
Zeit der Selbständigkeit von Longobardischen Machthabern und nicht
minder unter normannischer und sicilianischer Botmässigkeit kräftig
gefördert. Ganz besonders war es die Heilkunde, die hier in relativ
frühen Zeitläuften eine Stätte der Pflege fand. Von herrlichem Klima
begünstigt, inmitten einer an Naturschönheiten reichen Gegend am
Busen des Tyrrhenischen Meeres nicht zu weit südlich von Neapel
belegen, soll Salerno, wie neben mehreren interessanten Legenden
historisch beglaubigte Nachrichten bekunden, schon in der ersten Zeit
seines Bestehens von Kranken aus weiter Ferne aufgesucht worden
sein. Personen von Rang und Ruf, geistliche und weltliche Fürsten
und Potentaten haben hier von dem heilkünstlerischen Wirken ge-
lehrter Benediktiner Genesung erhofft und angeblich auch gefunden.
Die medizinische Wissenschaft gewann in Salerno einen so festen
Boden, dass Aerzte aus dem Laienstande in relativ beträchtlicher
Zahl sich ansiedelten, ein Kollegium bildeten und nachgewiesener-
massen völlig unabhängig von jeder priesterlichen Gemeinschaft so
die Fundamente zur ersten medizinischen Schule des Abendlandes in
weiterem Massstabe legten. In ihr hat dann medizinische Wissen-
schaft und Kunst eine für jene Zeiten überaus gedeihliche Förderung
erfahren, Salerno wurde eine Pflanzstätte medizinischen Lehrens und
Lernens, deren Ruf zahlreiche Schüler und Doktoren aller Nationali-
täten anlockte, und deren Ergebnisse von nachhaltigem Einfluss auf
die theoretische und künstlerische Ausbildung in späteren Jahrhunderten
geworden sind. Noch in der Litteratur des 14. Jahrhunderts finden
wir beispielsweise das berühmte Regimen sanitatis Salernitanum mit
derselben Autorität umkleidet, wie etwa die Aphorismen des Hippo-
krates oder irgend eine der geläufigsten Kraftsentenzen des Avicenna.
Die salernitanische Hochschule bewirkte ferner, dass die Heil-
kunde auch äusserlich und repräsentativ zu Ansehen gelangte. Der
Glanz der Medizin als Wissenschaft warf seinen Widerschein auf die
Beziehungen der Heilkunde zu Staat und Behörden, auf den Stand
der Aerzte als solchen; er erwirkte diesem eine besondere staatliche
Ordnung seiner Angelegenheiten und eine Reihe von Bevorzugungen.
Lehrer und Schüler genossen nicht nur das Privilegium der Steuer-
freiheit, sondern bezogen überdies stattliche Stipendien und Remune-
rationen. Ein weiteres Verdienst von Salerno liegt in der Thatsache,
dass es vorbildlich wurde für die Gründung weiterer Universitäten
auf italienischem Boden. Unter dem Eindrucke der salernitanischen
Hoch schulerfolge gewann ein einsichtsvoller Fürst wie Kaiser Friedrich IL
(1231) die Ueberzeugung von der Notwendigkeit organisatorischer Mass-
regeln im Interesse eines geordneten medizinischen Unterrichts und
gewisser Sonder Vorrechte zu Gunsten der wissenschaftlich geschulten,
studierten Vertreter der Medizin. Dank dem Laienelement und der
Unterdrückung theologischer Usurpationsgelüste war die Heilkunde
fortab nicht bloss wieder zum Rang einer systematischen Disziplin
erhoben und aus dem Rahmen, mit dem mönchisch- theologisches Bei-
werk sie umgaben, herausgelöst worden, sondern sie hatte auch die
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 639
ihr gebührende äusserliche Stellung erlangt, wie zahlreiche Verord-
nungen aus jener Zeit über das medizinische Unterrichtswesen und
die Medizinaltaxe beweisen.
Die hauptsächlichste Qudle zur geschichtlichen Beurteilung der salernitanischen
Leistungen bildet immer noch die bekannte 5 bändige Collectio Salernitana ossia
documenti inediti e trattati etc. von Salvatore de Jtenzi {Nupoli 1852 — 59). Mit
diesem Riesentoerk sind die relativ dürftigen und nicht zuverlässigen älteren Arbeiten
von Alazza {(Irbis Salernitanae historia et antiquitates, Napoli 1681) u. J. C. G,
A.clcerirnanns Ausgabe des Regimen sanitatis etc. {Stendal 1790) u. a. bei weitem
überflügelt und für die Forschung überflüssig gemacht. Durch die Sammlungen von
de Renzi {mit der klassischen Einteilung im I. Bande), denen der glückliche Fund
Hetischels auf der Bibliothek des Magdalenen- Gymnasiums in Breslau {1846), ent-
haltend ein Konvolut von 35 Schriften aus der ersten Blüteperiode der salernitanischen
Schule voraufging und als Anregung zu weiteren, fruchtbaren Nachforschungen in
den Klosterbiblio'heken diente, ist das litterarische Material für dieses Gebiet in un-
geahnter Weise bereichert worden. Der grossartige Zuwaclis unserer Litteratur ge-
stattet nunmehr auch eine ziemlich klare und erschöpfende Kenntnis und pragmatische
Würdigung der eigentlichen Leistungen, lieber die präsumptive Beteiligung jüdischer
Aerzte an den Arbeiten der salernitanischen Schule vgl. das bei Donnolo {p. 497)
Bemerkte. Neuere Dokumente aus der salernitanischen Schule gab Piero Giacosa
heraus in: „Magistri Salernitani nondum editi. Catalogo ragionato della esposizione
di storia della medicina aperta in Torino del 1898". Torino 1901. Fratella Bocca
editori XXXIV 723 pp. [Das mit einem palaeographischen Atlas ausgestattete
Monumentalwerk enthält u. a.:Curae magistri Ferrarii ; Catholica magistri Salerni ;
Compendium magistri Ursonis de urinis; Balnea Puteolana, sowie zahlreiche Mit-
teilungen über die in den verschiedensten italien. Bibliotheken zerstreuten med.
Codices.]
Die ersten Spuren der Medizin in Salerno lassen sich bis ins
9. Jahrhundert zurück verfolgen. Die verschiedenen Erzählungen über
den Ursprung der Hochschule, so u. a. auch die Beteiligung von
4 Aerzten verschiedener Nationalität (Araber, Juden, Griechen und
Lateiner) sind ins Bereich der Legende zu verweisen. Sicher ist, dass
an der Gründung der civitas hippocratica — so hiess die medizinische
Schule zum Unterschied von den die Philosophie und Rechtswissen-
schaft umfassenden Abteilungen der Lehranstalt — ausschliesslich das
Laienelement in Gestalt eines Kollegiums von in der Stadt ansässigen
Aerzten beteiligt war. Die Ausschliessung klerikaler Mitwirkung zeigt
die Thatsache, dass eine theologische Fakultät in Salerno überhaupt
nicht existierte.
Der weltliche Charakter der Hochschule dokumentiert sich ferner da-
durch, dass nachgewiesenermassen eine grosse Zahl von Frauen (Gattinnen
und Töchter von Professoren) am Lehren und Lernen der Medizin in
Salerno beteiligt waren. Einige brachten es durch ihre schriftstellerischen
Leistungen zu hohem Ansehen. Man darf kein Bedenken tragen, die „mu-
lieres Salernitanae", von denen öfter in der Collectio Sal. besonders als
Gewährspersonen bei Anpreisung gewisser Volksraittel die Rede ist, für rite
praktizierende Aerztinneu anzusprechen. Der Einwurf, es möchten damit
wohl eher die sogenannten „klugen Frauen" in dem ironischen Sinne gemeint
sein, ist wohl nicht stichhaltig, obwohl sicher auch Salerno damals wie jedes
Gemeinwesen, an solchen keinen Mangel litt. — Einzelne Dekane (Priores)
waren sogar verheiratet. Beweis, dass sie nicht Kleriker waren.
Der bekannte Historiker der Botanik E. Meyer geht bezüglich des Ursprunges
der salernitanischen Hochschule soiveit, dass er sie zunächst nur im Sinne von
fraternitas als Gilde oder Innung gelten lassen loill und behauptet, es habe sich nur
um eine solche vor dem Auftreten des Constantinus Africanus (s. iveiter unten) in
Salerno gehandelt. Diese habe ihre Lehren und ihre Mittel geheim gelialten und keine
ß40 Julius Pas"el.
Schriften veröffentlicht. Die litterarischen Produkte, namentlich die zahlreichen
anonymen, wie das bekannte Lehrgedicht, ein antidotarium universale etc., welche
aus der ersten Periode herrührten, waren eben deshalb nicht zur öffentlichen Be-
kanntmachung ursprünglich bestimmt und gelten nicht als Werke Einzelner, sondern
der ganzen Gilde, als Kollektivarbeiten der gesamten Schule, daher auch der 1. Yers
in dem bekannten Lehrgedieht laute: Anglorum regi scribit tota schola Salerni,
daher ferner der Zusatz am Schltiss der Kompilation des Joh. de Mcdiolano (s. weiter
unten): compilationi hujus concordant omnes magistri hujus studii, daher
endlich auch die grosse Äbundanz an anonymen Schriften in der 1. Epoche. Die weiteren,
Beweisgründe dieser anscheinend recht bestechenden Ansicht, die bereits Henschel ver-
focht und an einzelnen Manuskripten mit Glück belegte, von Haeser u. a. Historikern
jedoch nicht geteilt wird, sind im Original nachzulesen. Noch nach Constantinus ist
dieser Unterschied zwischen den exoterischen und esoterischen Arbeiten der Schule
nicht sogleich verschivunden, sondern hat eine Zeitlang fortgedauert. Vielleicht ist
der ersten Periode aus demselben Grunde auch die Chirurgie der Viermeister ein-
zureihen, die sonst als Produkt einer späteren Zeit gilt. Nicht zu verkennen ist ein
gewisser Widerspruch in Meyers Annahme, insofern man nach unseren heutigen
Anschauungen dann nicht von einem Blütezustand der Medizin sprechen kann, wenn
diese nur sozusagen im Verborgenen existiert hat. Danach käme man dazu, die
zweite, mit Tropfen orientalischen Gels gesalbte Litteraturepoche der salernitanischen
Schule für glanzvoller zu halten.
Die ältere Geschichte der medizinischen Schule Salernos ist in
3 wohl charakterisierte Perioden gegliedert, die sich z. T. um das
bedeutungsvolle Auftreten des Constantinus Africanus wie um einen
Angelpunkt drehen. Periode I ist diejenige, in der die salernitanischen
Erzeugnisse noch die engste Fühlung mit den Resten der griechischen
Medizin verraten, etwa bis zum 12. Jahrhundert. Die II. Periode, bis
zum 13. Jahrhundert reichend, ist diejenige, wo die arabische Medizin
auch nach Salerno dringt und mit ihrem Einflüsse allmählich die
griechische modifiziert resp. verdrängt. Es ist die Zeit der eigent-
lichen Blüte und Bedeutung von Salerno. Ein wesentlicher Anteil an
dieser Wendung kommt einer Gruppe von Aerzten zu, die es sich zur
Aufgabe gestellt hatte, die arabischen Werke der Medizin durch Ueber-
setzungen ins Lateinische auch den Aerzten im Abendlande zugänglich
zu machen. An der Spitze dieser Gruppe steht der berühmte Con-
stantinus Africanus. In diese Periode fällt auch die rege Beteiligung
der Juden an dem wechselseitigen Austausch der Litteratur, indem
diese gleichfalls eine lebhafte Uebersetzerthätigkeit speziell aus dem
Arabischen und Lateinischen ins Hebräische entfalteten und so die Er-
gebnisse der salernitanischen Schule verarbeiteten. In der III. Periode
erlischt der Glanz der salernitanischen Hochschule ganz, besonders
nachdem ihr auf italienischem Boden eine Reihe von Rivalinnen ent-
standen waren. Salernos Bedeutung sinkt später vollständig auf den
Nullpunkt, die Geschichte dieser Universität verschmilzt dann mit der
der übrigen Hochschulen des Mittelalters. Bekanntlich existiert sie
jetzt nur als Lyceum, seitdem 1810 ein Machtgebot Napoleons ihrem
Dasein ein Ende machte.
Von den ältesten, bekannt gewordenen Repräsentanten der salerni-
tanischen Schule liegen schriftstellerische Leistungen nicht vor; vielleicht
existieren solche überhaupt nicht, oder sie sind noch nicht entdeckt, de
Renzi erwähnt aus den Jahren vor 1000 einen Arzt Ragenifridus.
Der Name ist offenbar longobardischen •Ursprunges. Wie aus einer er-
haltenen Bittschrift dieses Arztes hervorgeht, lebte Ragenifridus zu Ende
des 9. Jahrhunderts. Yon Bedeutung ist er so wenig als die später
lebenden Berufsgenossen Petrus und Grimvaldo (Ende des 10. bezw.
Anf. des 11. Jahrb.).
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 641
Der erste Arzt von grösserer, schriftstellerischer Dignität begegnet
uns in der Gestalt des „prudentissimus et nobüissimus Clericns"
Alphanus I.
Es ist dabei zu bemerken, dass der weltliche Charakter der Schule
durchaus nicht absolut und grundsätzlich jede Betheiligung klerikalen Ele-
ments ausschloss.
Dieser Alphanus, der etwa um die Mitte des XL Jahrhunderts
blühte (übrigens nicht mit seinem Nachfolger Bischof Alphanus IL,
der sich gar nicht um die Medizin kümmerte, verwechselt werden
darf), gehört nach de Eenzi zu den wichtigsten Vertretern der saler-
nitanischen Schule aus der 1. Periode. Er war vorübergehend Mönch
im Kloster Monte Cassino und hier mit dem bekannten Abt Desiderius,
dem Begründer der dortigen Bibliothek, befreundet; von 1058—85 ver-
waltete er das Erzbistum Salerno.
Nach Petrus Diaconus und anderen Gewährsmännern gilt er als Verf.
zweier Schriften : „De quattuor elementis corporis humani" und „De unione
corporis et animae", sowie einiger kleinerer Arbeiten (u. a. auch einer
lateinischen Uebersetzung der Schrift des Nemesius von der Natur des
Menschen). Eine kurze Abhandlung: de quattuor humoribus ex quibus
constat corpus humanum hat de ßenzi seiner Kollektion einverleibt.
Bedeutender ist ein etwas älterer Zeitgenosse von Alphanus,
Namens Gariopontus (f um 1050), wahrscheinlich ebenfalls longo-
bardischer Nationalität. Der Name kommt übrigens in verschiedenen
Formen vor als: Guaripotus, Garimpontus, Warmipotus, Warimbotus,
Raimpotus, Warbodus etc. Bei seinem „Passionarius de aegri-
tudinibus a capite usque ad pedes" (auch u. d. T. : Libri
quinque praxeon s. ad totius corporis aegritudines remedia), einer
Kompilation in 5 Büchern aus Hippokrates, Galen, Caelius Aurelianus,
besonders aus Theodorus Priscianus u. a. griechisch - byzantinischen
Schriftstellern, die er meist citiert, ist der Verf. so geschickt zu Werke
gegangen, dass spätere Abschreiber und Editoren einige Teile davon
sogar dem Galen zugeschrieben haben. Zweifellos sind auch die Ar-
beiten des Gariopontus von dem Schicksal der übrigen mittelalterlichen
Produkte nicht verschont geblieben; sie sind reich an Interpolationen
und Entstellungen.
Von Gariopontus rühren nach eigenen Angaben noch verschiedene
Schriften über Chirurgie, Pharmacie, ein Über de dynamidiis, de febribus,
mehrere Bücher „raetuaticon" (vielleicht |U£^0(5r/ti)i') her, welche direkt unter
den pseudogalenischen Schriften Platz gefunden haben, ein Beweis dafür,
wie sehr von Zeitgenossen und späteren Aerzten inhaltlich die Arbeiten des
Gariopontus geschätzt worden sind. Tritt auch bei ihnen die Therapie
überall in den Vordergrund, so ist doch auch die Symptomatik nicht minder
eingehend berücksichtigt. Sie sind nicht bloss für die Kenntnis der saler-
nitanischen Lehren in jener 1. Periode, sondern auch linguistisch und kultur-
historisch von Wichtigkeit, insofern hier bereits Uebergänge vom Lateinischen
ins ItaUenische unverkennbar sind.
Eine eingehende Analyse der Schriften des Gariopontus, speziell in Rücksicht
auf die Quellen, die seiner Kompilation zu Grunde liegen, lieferte der gelehrte
Thomas Reinesius in seinen „ Variarum lectionum libri III priores in quibus de
scriptoribus sacris et profanis etc.'' Buch III cap. XII p. 527 — 555. In der üeher-
Haudbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 41
642 Julius Pagel.
Schrift dazu kennzeichnet er ihn mit folgenden Worten: esse autorem, nisi cum
exscribit alios, futilem, imperitum, barbarum: imo dum exscribit ludionem et dissi-
mulatorem quendam etc." Gedruckt ist der noch in zahlreichen Handschriften vor-
handene Passionarius in mehreren Ausgaben, u. a. Lyon 1526 {zugleich mit den
libri tres de febribus) und Basel 1531. Aus dem von de Renzi angeführten, etwas
langatmigen Titel der Baseler Handschrift kann man entnehmen, dass Gariopontus
eigentlich kein Plagiator ist, überdies nur griechische (Quellen benutzt hat. ein Beweis
für den damals noch vorherrschenden Einfluss griechtscder Autoren. Vgl. noch die
jüngsten Untersuchungen von Piero G-iacosa in Verhandl. d. Münchener Natur-
forscher-Versammlung 1899 II. 2. Hälfte p. 618.
Chronologisch folgt jetzt als eine Hauptrepräsentantin der saler-
nitanischen Schule die berühmte Trotula, berühmt weniger wegen
der eigentlichen Leistungen wie als vornehmste Vertreterin der in
Salerno zahlreich vorhandenen Aerztinnen, für deren Existenz uns
sichere Nachrichten vorliegen. Freilich gehören die meisten, Constanza
(Filia Salvatoris), Calendula, Abella, Mercuriade, Rebecca Guarna,
Luise Trentacapilli und wie sie alle heissen, erst einer späteren Zeit,
z. T. dem 14. Jahrhundert an (cf. Coli. Salern. I p. 370).
Trotula, geborene di Ruggiero, gehört nach sicheren Zeugnissen der
Mitte des 11. Jahrhunderts an und stand im Ruf grosser Gelehrsamkeit.
Von zeitgenössischen Schriftstellern wird sie als „sapiens matrona" als
„multae doctrinae matrona Salernitana" und ähnlich bezeichnet, die nach
dem Zeugnis des Odericus Vitalis sogar den Rudolfus Mala Corona an Ge-
lehrsamkeit übertroffen haben soll. Trotula gilt auch als Verfasserin ver-
schiedener Schriften, so eines Werkes : „de mulierum passionibus ante, in
et post partum," eines anderen „de compositione medicamentorum", ferner
von „de feris" (Mazza), „de aegritudinura curatione" u. a. Die Mehrzahl
dieser Arbeiten liegt bis jetzt nur handschriftlich vor. Einzelne, so auch
die gedruckte Ausgabe des erstgenannten, erweisen sich als von später
lebenden Verfassern hergestellte Auszüge. Man darf vielleicht annehmen,
dass der grössere Teil der erwähnten Arbeiten mit Unrecht auf ihr Konto
gesetzt wird. Zu einer sicheren Entscheidung fehlt aber jede Handhabe,
In den betreffenden Publikationen sind viele Scurrilitäten enthalten, Kos-
metisches und ähnliches, was mit der Medizin nur in entfernten Beziehungen
steht, aber nach der Sitte jener Zeit in medizinischen Büchern einen Platz
erhielt. — De ßenzi widmet ihr (Coli. Sal. I p, 149 ff.) eine 12 Seiten
lange Besprechung. Man darf annehmen, dass Trotula hauptsächlich geburts-
hilfliche Praxis getrieben hat. — Handschriften ihrer angeblichen Werke
finden sich in den Bibliotheken zu Breslau, Wien und Florenz. — Nach
Meyer (1. c. III p. 479 - 80) soll Trotula dem Zeitalter nach Constantinus
angehören. — Nach anderen Quellen war sie die Gattin von Johannes
Platearius I. (dem älteren), wie er zum Unterschied von mehreren, einer
späteren Zeit angehörigen Autoren gleichen Namens, deren Stammvater er
gewesen ist, heisst. Aus der „Practica brevis" seines Sohnes, des noch zu
besprechenden Job. Platearius II, , dürfen wir entnehmen, dass er ein recht
tüchtiger Praktiker von grosser Geistesgegenwart gewesen ist. Beweis die
glückliche Kur eines Mandelabscesses mit drohender Erstickungsgefahr (vgl.
Choulant 1. c. p. 296; de ßenzi I p. 162) und andere Leistungen. Schrift-
stellerisch hat er sich nicht bethätigt. Mit Platearius I. und dem unbe-
deutenden Copho senior (Copho I ), der übrigens nicht mit dem späteren
Verf. der anatome porci zu verwechseln ist, schliesst die ältere Periode der
salernitanischen Schule.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 643
Constantinus Africanus.
Die zweite Periode der medizinischen Schule von Salerno datiert
etwa vom 12. Jahrhundert und wird inauguriert mit der Wirksamkeit
eines Mannes, der zu den bedeutenderen Erscheinungen des Mittelalters
zählt und dem das Verdienst zukommt, als Hauptvermittler arabischer
Weisheit im Occident indirekt das Studium und die Kenntnis der
griechischen Medizin wiederbelebt und gefördert zu haben, nämlich
Constantinus Africanus, der daher auch das Ehrenprädikat eines
medizinischen Präceptors des Abendlandes („magister orientis et occi-
dentis") erhalten hat. — Von den einen als Plagiator vielgeschmäht, von
den anderen als Wiederhersteller medizinischer Wissenschaft, dem „ein
Gelehrtenkongress aus allen Ecken Europas ein Kollektivdenkmal in
Monte Cassino oder am Golf von Neapel schulde", verhimmelt, schwankt
das Bild des Constantinus Afer so lange in der Geschichte, als eine
weitere Forschung noch Aufklärung über Umfang und Inhalt seiner
schriftstellerischen, speziell seiner Uebersetzerthätigkeit schuldet.
Trotz der Arbeiten von de Renzi, Puccinotti, E. Meyer und des etwas
diffusen, aber im übrigen fast zu gi-ündlichen Aufsatzes von M, Stein-
schneider (s. weiter unten) harrt allerdings diese Seite mancher Ver-
vollständigung und es wird noch manche Nachlese zu halten sein.
Soviel steht jedoch fest: wenn selbst Constantinus weiter kein Ver-
dienst hätte, als dass er mit seinen bis jetzt als ältesten bekannten
lateinischen Uebersetzungen nur der Vorbereiter (nicht der Begründer)
der arabischen Periode gewesen ist und dass von seiner (übrigens nur
kurzen) Wirksamkeit in Salerno der bedeutende Aufschwung dieser
Schule (speziell nach E. Meyer das Heraustreten aus der geschlossenen
Gilde) datiert, so würde dies allein schon genügen, ihn zu einer
historisch wichtigen Persönlichkeit und sein Eingreifen als bedeutungs-
voll zu stempeln. Und diese Thatsache ist über allen Zweifel erhaben,
selbst wenn wir die oben (p. 639) erwähnte Hypothese Meyers als
unbegründet oder unwahrscheinlich ansehen. Sicher darf man an-
nehmen, dass das Eingreifen des Constantinus, sein Aufenthalt bezw.
seine Lehrthätigkeit in Salerno nicht spurlos vorübergegangen, sondern
von nachhaltigster und impulsivster Wirkung gewesen sind. Nicht
minder ergiebt sich die Berechtigung, die mit Constantinus einsetzende
Periode als die eigentliche Blütezeit der salernitanischen Medizin
anzusehen. Daher ist auch die historische Würdigung dieses Mannes
einschaltun gs weise hier am Platze, und nicht, wie in manchen Lehr-
büchern, als Appendix zu diesem Abschnitte.
Constantinus hat seinen Beinamen Africanus von seiner Heimatstadt
Carthago, wo er ungefähr im 1. Drittel des 11. Jahrhunderts geboren
wurde. Auch der Beiname „Memphita", der sich in manchen Quellen
findet, hat vielleicht diesen Zusammenhang. Er widmete sich frühzeitig der
Medizin und unternahm nach der Sitte seiner Zeit weite Studienreisen, die
ihn schliesslich auch tief in den Orient führten und, wie es heisst, sich über
eine fast 40 jährige Dauer erstreckten. Nach der bekannten Chronik des
Petrus Diacouus soll Constantinus bis nach Babylonien, Indien. Aethiopien
und zuletzt nach Aegypten gekommen sein. Während dieser Zeit hatte er
Gelegenheit, sich mit den orientalischen Sprachen und besonders mit der
arabischen Litteratur aufs innigste vertraut zu machen. Nach der Heimat
zurückgekehrt fand er hier bei seinen Landsleuten keine günstige Aufnahme,
41*
g44 Julius Pagel.
vielleicht infolge von Neid oder allerlei sonderbaren Gerüchten, die sich
an den mittlerweile fremd gewordenen Mann knüpften. Nach einer Er-
zählung, deren Glaubwürdigkeit allerdings dahingestellt bleiben muss, soll
er sogar in den (für ihn lebensgefährlichen) Verdacht der Zauberei ge-
kommen sein. Fest steht, dass Constantinus bereits nach kurzem Aufenthalt
Karthago verliess und Zuflucht in einer Stellung als Sekretär beim Herzog
Robert von Salerno suchte und fand. Vorher soll er kurze Zeit noch in
ßeggio, einer kleinen Stadt in der Nähe von Byzanz, als Protosekretär des
Kaisers Constantinos Mönomachos sich aufgehalten und das Reisehandbuch
des Abu Dschafer übersetzt haben. — In Salerno trat Constantinus auch
als Lehrer der Medizin mit grossem Erfolge auf, blieb jedoch hier nur
wenige Jahre und ging schliesslich nach Monte Cassino, wo er von dem
gelehrten Abt Desiderius (vor seiner Einkleidung als Mönch: Dauferius, als
Papst zuletzt Victor III.) mit Freuden aufgenommen, etwa seit 1070 ein
zurückgezogenes, gelehrten Arbeiten gewidmetes Leben führte, das 1087
seinen Abschluss fand. Hier in Monte Cassino, wo ihm übrigens in der
von seinem Protektor wohl assortierten Klosterbibliothek ein reiches, wissen-
schaftliches Material zur Verfügung stand, sicher auch auf persönliche An-
regung des selbst eifrig schriftstellerisch thätigen Desiderius, ist die Mehr-
zahl der litterarischen Arbeiten von Constantinus entstanden.
Wie bereits bemerkt, ist Constantinus der erste gewesen, der die
medizinische Litteratur der Araber ins Abendland verpflanzte. Aus-
gerüstet mit einer für jene Zeit immerhin seltenen und vielseitigen
Gelehrsamkeit und namentlich mit den orientalischen Sprachen aufs
tiefste vertraut, übersetzte er seit der Rückkehr von seinen Reisen
verschiedene medizinische arabische Werke ins Lateinische und ver-
mittelte so die Kenntnis derselben den europäischen Aerzten. Leider
hat Constantin dies Verdienst durch zwei Umstände beeinträchtigt,
einmal dadurch, dass er, wie unzweifelhaft festgestellt ist, teils mehrere
Uebersetzungen unter eigenem Namen direkt als eigene Arbeiten
ausgegeben, teils durch Verschweigung der wahren Autornamen den
Schein der eigenen Urheberschaft erweckt hat. Andererseits erstrecken
sich seine Uebersetzungen nur auf untergeordnete Produkte, haupt-
sächlich auf Schriften von Ali Abbas, Isaak Judaeus, Abu Dschafer
ibn el Dschezzars Reisehandbuch (eigentlich „Vorrat der Reisenden",
über Heilmittel der Armen und Dürftigen) und arabische Ueber-
tragungen griechischer Aerzte (so der bippokratischen Aphorismen,
der mikrotechne Galens u. s. w.), während die eigentlichen Koryphäen
der arabischen Medizin, Avicenna, Rhazes, Abulkasim u. a. Europa
in lateinischen Uebersetzungen zugänglich zu machen, späterer Ueber-
setzerthätigkeit vorbehalten war (vgl. weiter unten).
TJebrigens hat Constantinus nebenher auch eigene Arbeiten thatsächlich
verfasst ; doch ist die Scheidung des Echten vom Unechten, der Original-
arbeiten von den Uebersetzungen mit grossen Schwierigkeiten verknüpft und
ein verzweifeltes Geschäft für die Geschichtsforschung, so dass das wahre
litterarische Schaffen des Constantinus in vielen Stücken immer noch ein
ungelöstes Rätsel bietet. Den gründlichsten Beitrag hat Steinschneider in
seinem Aufsatz „Const. Afr. und seine arabischen Quellen" (Virch. Arch.
XXXVII p. 353 ff.) geliefert, wo im ganzen 36 Arbeiten auf ihre Echtheit
untersucht worden sind, auch der Nachweis erbracht ist, dass Const. Afr.
sich nicht gescheut hat, Job. Mesue den Jüngeren durch ein Pseudonym
Job. Damascenus zu substituieren.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 645
Wegen des genaueren Schriftenverzeichnisses und der hebräischen Uebersetzungen
vgl. Graesse II p. 568; Clioulant p. 253; Steinschneidev, Die hehr, üeberss.
a. Mittelalters p. 789; Puccinotti II p. 297 — 357. — Ueber die hier nach einem
Codex des Antbrosiana in Mailand zum 1. Male publizierte Anatomie hat sich von
Töply in seinen gediegenen Studien zur Anatomie des Mittelalters p. 77 nicht weiter
geäussert, vermutlich weil er mit Steinschneider ihre Unechtheit annimmt. — Haupt-
sächlichste Gesamtatisgaben erschienen Basel 1536 — 39, 2 Bde. und die schlechtere,
weil nur ein Viertel umfassende, Lyon 1515 hinter dai Opera Isaaci. — Die Bio-
raphie des Const. Afr. teilt nach dem Wortlaut des Petrus Diaconus Choulant
c. mit. Auf 7 Bücher de morborum cognitione et curatione, eine kompendiöse
Pathologie und Therapie a capite ad calcem folgt in T. I {der Baseler Ausgabe)
der sogen, „über aureus'^ überschrieben: de remediormn et aeyritndinum curatione,
ein Sammelsurium in etwa 70 Kapiteln, gleichfalls pathologisch -therapeutischen
Inhalts, darauf ein über de urinis {9 Kapitel), femer eine Darstellung der
Magenaffektionen {de stomachi naturalibus et non naturalibus affectionibus in
39 Kapiteln), dann ein liber de victus ratione variorum morborum, ferner Ab-
handlungen de melancholia, de coitu, de animae et Spiritus discrimine, de mulierum
morbis, de chirurgia, de gradibus. T. II bringt in einem de communibus medico
cognitu necessariis locis überschriebenen Abschnitte allgemeine Betrachtungen über
ärztliche Ethik, Komplexionenlehre und ähnliches. Daran schliesst sich die Anatomie
in 2 Büchern mit je 17 u. 37 Kapiteln, dann folgt ein Buch physiologischen, ein
anderes diätetischen Inhalts, der Rest Buch VI—X iSchbiss) enthält wiederum
pathologische Betrachtungen, aber nicht in der Ordnung a capite, sondern etwas
bunt durcheinatidergewürfelt, einige Kapitel beziehen sich auf allgemeine Seviiotik
und Prognostik. (Jebrigens ist die Schreibweise fliessend, klar, der Inhalt verständig
und nicht mit Citaten überladen.
Ein weiteres Verdienst Constantins kann man darin sehen, dass
bald nach seinem Auftreten die zweite Epoche der salernitanischen
Schule beginnt, ausgezeichnet nicht bloss durch einen Reichtum an
Schriftstellern und Schriften, sondern vor allem dadurch, dass uunmehr
auch das Studium der griechischen Medizin neue Nahrung durch die
lateinischen Versionen der ai-abischen Litteratur erhielt. Man mag
über den Wert derselben denken wie man will, soviel ist sicher, dass
sie in vielen Stücken auch eine Vermehrung und Verbesserung
griechischen Wissens gebracht hat, namentlich nach der pharmako-
therapeutischen Seite. Wenn anerkanntermassen dem Wirken der
Araber ein erheblicher Anteil an dem Aufschwung der Medizin gebührt
durch die Konservierung griechischer Werke, so ist immerhin das
Eindringen arabistischer Anschauungen für die salernitanische Schule
sicherlich kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil gewesen. Dass des
Constantinus Wirken nicht spurlos an Salerno vorübergegangen ist,
beweist das Auftreten mehrerer hervorragender Repräsentanten, welche
sich direkt als seine Schüler bezeichnen. Als solche sind besonders
bemerkenswert Johannes Afflacius (um 1040—1100) oder Sara-
cenus, Verfasser zweier Abhandlungen „de febribus et urinis"
und „Curae Afflacii", wovon ein Teil sogar dem Constantinus direkt
zugeschrieben wurde.
Die Schrift des Afflacius de febribus et urinis befindet sich Coli. Sal. II p. 737
bis 767. Interessant ist daselbst die ingeniöse Abkählungsmethode zar Milderung
der Fieberhitze {II p. 741) : „Fiat etiam artißcialiter pluvialis aqua circa aegrum
et haec facienda sunt si tempus fuerit calidum. Pluviali modo fiat. Accipiatur
illa in fundo minutissime perforata et impleatur aqua, postea ligetur fortiter cum
corda juxta lectum aegrotantis etc.'''
Geläufiger ist Bartholomäus, dessen zum erstenmale in der Coli.
Sal. (IV p. 321 - 408) nach einem Codex der Marcusbibliothek in Venedig
publizierte und von Puccinotti nach einer vollständigeren Handschrift
ergänzte „Practica" schon aus dem Nebentitel: „Introductiones et ex-
ß46 Julius Pagel.
perimenta in practicam Hippocratis, Galieni, Constantini, graecorum medi-
corum" den Verf. als Schüler des Constantinus verrät. Für die Beliebtheit
dieses Lehrbuchs sprechen die verschiedenen Kommentare und Ueber-
setzungen, sogar ins Hoch- und Niederdeutsche, ins Dänische etc.
(Ein lat. Kommentar rührt von einem späteren Salernitaner Arzt
Bernardus Provincialis her, demselben, der auch die noch zu er-
wähnende Tabula des Mag. Salernus [um 1150 — 1160] kommentierte.)
Die mittelhochdeutschen Bearbeitungen der Practica des Bartholomaeus
stammen zumeist aus dem 12. — 13. Jahrhundert und haben nicht bloss
ein sprachgeschichtliches, sondern auch als Hauptquelle aller späteren,
in grosser Zahl vertretenen deutschen Arzneibücher ein grosses litterar-
historisches Interesse namentlich für die Pharmakologie.
Die grosse Zahl der Vervielfältigungen teils in vollständiger Gestalt,
teils in Auszügen oder anderweitigen redaktionellen Veränderungen beweist
zugleich, welchen Wert die Aerzte auf den Besitz des Buches gelegt haben.
Handschriften existieren in den Bibliotheken zu Breslau, Donau-Eschingen,
Kloster-Neuburg, München. Stuttgart, Wien, ferner Bruchstücke einer niederdeutschen
Bearbeitung in einer Papierhandschrift der Coburg- Gothaischen Bibliothek in Gotha
{Nr. 920 fol. 85—203), zum ersten Male gedruckt im Selbstverlage von F. v, Oefele,
Neuenahr 1894. Die Kloster-Neuburger Handschrift diente dem Philologen J. Haupt
(zuletzt in Berlin) als Unterlage für seine Wiener Akademie-Abhandlung Bd. 71
1872, in der sich speziell der Nachweis bezüglich des TJmfanges findet, in welchem
die deutschen Arzneibücher aus der Practica des Bartholomaeus entlehnt sind. Haupt
ist auch der Nachweis zu verdanken, dass der in München asservitrte Codex von
Tegermee, nach welchem Franz Pfeijf'er seine Publikation, betitelt „Zwei deutsche
Arzneibücher aus dem 12. u. 13. Jahrhundert mit einem Wörterbuch" {Abhandl.
der Wiener Akademie Bd. 42 1863) herstellte, nur ein dürftiger und wertloser Aus-
zug aus der Neuburger Handschrift ist.
TJebrigens ist von dem Genannten durchaus ein Mag. Bartholo-
maeus de Aversa zu unterscheiden, der ebenfalls in Salerno praktiziert
und einen ,,tractatus compendiosus et valde utilis de febribus" geschrieben
haben soll.
In dieselbe Periode fällt noch die Wirksamkeit von Johannes
Platearius II, dem Sohne des schon erwähnten Joh. Platearius I
(vgl. p. 642).
Die Stammtafel der Familie Platearius ist nach Coli. Sal. I p. 235 folgende:
Joh. Platearius {a Platea) I
(und seine Frau Trotula?)
Joh. Platearius II Matteus Plat. I (senior)
I I
Matteus PL IL Joh. PL III.
Joh. Platearius II ist Verf. der schon genannten „Practica brevis",
die in verschiedenen Ausgaben gedruckt und handschriftlich noch in fran-
zösischen und italienischen Uebersetzungen existiert (vgl. Choulant 1. c. p. 296)
sowie eines Tractats „de aegritudinum curatione", indem sich
neben Galenischen Lehren der Einfluss des Constantinus geltend
macht, wie man aus der öfteren Erwähnung seiner Autorität ent-
nehmen darf.
Nach Steinschneider (Virch. Arch. Bd. 40 p. 108) würde Joh. Plate-
arius II vielleicht auch als Verfasser eines ,,de conferentibus et nocentibus
corpori humani (sie) libellus" anzusehen sein. —
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 647
Aus dieser Zeit stammt ferner die „A n a t o m e p o r c i" des C o p h o
junior (1085—1100).
Dies anatomische Buch steht in seiner Art für jene Periode fast als ein
TJnicum da. Ein poema anatomicum (Coli. Sal. V 174 — 198) ist nicht direkt
salernitanischen, sondern uralten italienischen Ursprunges, vielleicht gleich-
zeitig mit den ersten Anfangen der salernitanischen Schule und scheint sich
stark an die Etymologie des Isidorus anzulehnen (vgl. v. Töply, Studien
zur Gesch. d. Anat. im Mittelalter p, 89). — Von einem anderen ana-
tomischen Produkt der salernitanischen Schule, der sogen, demonstratio
anatomica, wird später bei der summarischen Darstellung der Anatomie die
Bede sein müssen.
Für das Ansehen der „Anatome porci" von Copho spricht die
Thatsache, dass sie noch bis zum 16. Jahrhundert dem Galen zuge-
schrieben und unter dessen libri spurii geführt wurde, bis der bekannte
Vesalgegner Joh. Dryander (Eichmann) zum ersten Male einen Teil
davon unter richtigem Namen der Oeffentlichkeit übergab.
Das "Werk zeigt bereits die Abhängigkeit von griechisch-arabischer
Terminologie (vgl. v. Töply 1. c.) und erwähnt auch den liber pantegni des
Constantin. Später ist die anatome porci von Severini ganz reproduziert
und von de Renzi in seine Sammlung (II 388 — 391) aufgenommen worden.
Hier findet sich (IV p. 415 — 504) auch noch eine von Copho jun.
verfasste „Ars medendi", in der übrigens der ältere Copho öfter
citiert wird.
Vielleicht handelt es sich dabei um Auszüge aus einem von Henschel
in Breslau entdeckten umfangreicheren Original. Das Werk besteht aus
einer Einleitung mit 49 Kapiteln ; es enthält hauptsächlich eine allgemeine
Therapie und Auseinandersetzungen pathologisch-semiotischen Inhalts ohne
rechte Ordnung. Dann folgt der liber primus de febribus et aliarum
egritudinum curis, die letzteren ziemlich a capite ad calcem geordnet. Den
Beschluss bildet ein längeres Kapitel über Lepra. Die Sprache ist knapp
und einfach, ohne jede Weitschweifigkeit und dabei gefällig, manches nicht
ohne kasuistisches Interesse. Citiert werden Hippokrates, Galen, ßufus,
Constantinus. — Verrucae an der männlichen Rute, die beschrieben werden,
deuten, wie de Renzi mit Recht hervorhebt, auf Syphilis hin. —
Eine sehr interessante, ärztliche Hodegetik aus dieser Periode be-
titelt: „De adventu medici ad aegrotum s. de instructione
medici" (Coli. Salern. II p. 72 — 81) wird einem Arzte Namens Archi-
matthaeus zugeschrieben, der vielleicht identisch mit Matthaeus
de Archiepiscopo, Verf. einer kurzen Abhandlung de urinis (IV
p. 506 — 512), ist. Die betrefi"ende Schrift enthält eine auch heute noch
lesens- und beherzigenswerte Politik im besten Sinne des Worts. Inter-
essant ist die Vorschrift :
„Ingrediens ad infirmum non superbientis vultum nee cupidi praetendas affec-
tum assurgentes tibi pariter et salutantes humili vultu resalutans et gestu eis seden-
tibus sedeas."
Dann erst erkundige man sich nach dem Befinden, lasse den Kranken
sich erst beruhigen und untersuche den Puls und zwar
„usque ad centesimam percussionem ad minus consideres ubi et diversa pulsuum
genera investiges et astantes ex longa expectatione verba tua gratiora suscipianf^.
648 Julius Pagel.
Die Beichte solle man schon vorher den Kranken abzulegen veran-
lassen, bevor man ihn überhaupt gesehen hat. Thut man das nachher, so
könnte der Kranke dadurch in dem Gedanken an eine schlechte Prognose
erschreckt werden. Ferner geniere man sich nicht, die Angehörigen vorher
auszuhorchen, um dem Kranken durch Angabe eines scheinbar erratenen
Symptoms zu imponieren und dessen Vertrauen zu gewinnen.
Archimatthaeus ist auch Verf. einer von de Renzi (V p, 350 — 376)
mitgeteilten kürzeren „Practica".
Wie bereits (p. 640) bemerkt, ist die salernitanische Litteratur an
Schriftwerken auffallend reich, deren Verfasser nicht zu ermitteln
oder die vielleicht von vornherein anonym erschienen sind, Arbeiten,
welche Meyer als Kollektivpublikationen der ganzen Fakultät bezw.
Gilde aus der ersten Zeit des Bestehens anzusehen geneigt ist. Die
erste Stelle unter diesen Produkten nimmt das gegen Ende des 11.
oder zu Anfang des 12. Jahrhunderts entstandene berühmte ^
Salernitanische Lehrgedicht
ein, das nicht bloss geläufigste, sondern auch am längsten bekannte
und zur Beurteilung der Leistungen der Schule wichtigste Dokument.
Sein gewöhnlicher Originaltitel lautet : „Regimen sanitatis
Salernitanum" (die Bezeichnung „flos medicinae" und andere sind
erst spätere Epitheta). Es verrät damit schon den Inhalt, der, wenn
auch zu anderen Zwecken bestimmt, wohl als der eigentliche Kraft-
niederschlag, als Quintessenz salernitanischer Heilkunde, angesehen
werden kann. Wenn man in den didaktischen Werken der späteren
Aerzte und zwar auf sämtlichen allgemeinen und Spezialgebieten
immer wieder den Spuren dieses Lehrgedichts begegnet, wenn die
Verse ähnlich als bekannt vorausgesetzt werden wie etwa hippo-
kratische Aphorismen oder gewisse Galensche Dicta, so wird man in
diesen Thatsachen nicht den Reflex salernitanischen Glanzes und des
autoritativen Charakters dieser Schule allein wieder- und anzuerkennen,
sondern zugleich den Ausdruck dessen zu erblicken haben, dass gerade
dies Gedicht den Berufsgenossen des späteren Mittelalters ganz in
succum et sanguinem übergegangen war, dass es nach Inhalt und Form
durchaus dem Geschmack der Studierenden und Praktiker entsprach
und sicher alle Bedürfnisse für Lernen und Lehren im weitesten Um-
fange zu befriedigen geeignet war. Thatsächlich ist dies Werk, ob-
wohl der Inhalt gemäss unseren heutigen Anschauungen doch recht
mager, auch im Vergleich zu anderen Arbeiten der gleichen Zeitepoche
dürftig genug ist, in seiner Bedeutung über den ursprünglich inten-
dierten Rahmen seines oder seiner Verfasser weit hinausgegangen. Die
ungeahnte Popularität, die ihm ein günstiges Geschick beschieden hat,
verdankt es vor allem der poetischen Form („quia metrum plus placet
auri", heisst es im poema anat). Das salernitanische Lehrgedicht hat
sich nicht bloss dem Ohr, sondern auch dem Gedächtnis eingeschmeichelt
und in Wahrheit lange Zeit hindurch seinem Nebentitel als „flos
medicinae" Ehre gemacht. Schon äusserlich zeigt sich das in der
ungeheuren, fast unübersehbaren Zahl von Ausgaben mit und ohne
Kommentar, üebersetzungen (poetischen und ungereimten) in fast alle
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 649
bekannten Hauptsprachen der Welt und sogar einige Dialekte, Aus-
zügen, Variationen etc.
Choulant zählt in seiner bekannten, bis 1841 etwa reichenden Bächerkntide Ml
Ausgaben; seitdem hat sich diese Zahl fast verdoppelt [inkl. der von Choulant über-
sehenen). Die Uebersetziingen existieren u. a. in deutscher, französischer, englischer,
polnischer, hebräischer, czechischer, persischer Sprache, in provengalischem, irischem
Dialekt etc. Die Variationen haben einen kolossalen Umfang angenommen.
Gerade die grosse Zahl der verschiedenen Redaktionen zeigt, dass
das Gedicht als willkommener Tummelplatz für geschickte und unge-
schickte Imitationen seitens der verschiedensten Verseschmiede oft
etwas zweifelhafter Qualifikation gedient hat, so dass aus den ureprüng-
lichen unzweifelhaft allein echten 364 Strophen in der von Arnaldus
von Villanova, einem der ersten Kommentatoren des Gedichts im
13. Jahrhundert, hergestellten und von Ackermann in der bekannten
Ausgabe reproduzierten Redaktion schliesslich — man lese und staune
— 3526 Strophen, d. h. das Zehnfache der ursprünglichen Zahl ge-
worden ist. — Das in leidlich gefälligen Leoninischen Versen nieder-
geschriebene Gedicht bildet eine zum populären Gebrauch, wie es
scheint, mehr für Laien als für wissenschaftliche Studien bestimmte
Zusammenstellung hauptsächlich diätetisch - prophylaktischer Regeln
(,.pro conservatione sanitatis totius humani generis perutilissimum").
Wie aus der mannigfach variierten Einleitung hervorgeht, ist es dem
Prinzen Robert, dem Sohn "Wilhelms des Eroberers und älteren Bruder
Wilhelms II., dem späteren vergeblichen englischen Thronprätendenten,
dediziert, der auf seiner Rückkehr von einem Kreuzzuge zur Kur einer
Wunde sich längere Zeit in Salerno aufhielt und dem es bei seiner nach
dem Tode des Bruders erfolgten Abreise überreicht wurde (daher der An-
fang : Anglorum regi scripsit tota schola Salerni). Der Vollständigkeit
halber sei die von manchen Historikern bezweifelte Angabe noch erwähnt,
wonach (laut einem späteren Handschrifttext) der eigentliche Redakteur
(Kompilator) des Gedichts ein sonst unbekannter Johannes deMediolano
sein soll. De Renzi, der in seiner Redaktion (Coli. Sab I p. 445 — 516)
2130 und im Wiederabdruck nach einer durch Baudry de Balzac erweiterten
Gestalt (ibid. V p. 1 — 104) sogar alle (3520) Verse reproduziert, vertritt
die Meinung, dass alle Verse echt seien ; es handle sich aber um kein ein-
heitliches, zu einer bestimmten Zeit entstandenes und von einem bestimmten
Verfasser herrührendes Produkt, sondern die einzelnen Teile seien nach und
nach zu einem Ganzen zusammengetragen worden.
Die Ueberschrift in der Kommentarausgahe des Arnold von Villanova
(Vened. s. l. e. a., wahrscheinlich Abdruck einer älteren von 1480) lautet: Iste libellus
est editus a doctoribus Saleriiiensibiis in quo inscribuntur multa et diversa pro con-
servatione sanitatis hum/ine. Et editus est iste über ad usum Regis Anglie. Et in
textu Iccto auctor ponit octo documenfa generalia pro conservatione sanitatis: de
quibus postea specialiter per ordinem determinabitur etc.
Nach der vollständigen Redaktion zerfällt das ganze Gedicht nächst
den oben angeführten 8 Zeilen, die ein geradezu markiges und lapidares
Vademecum der Diätetik in knappen Zügen enthalten, in 10 Hauptabschnitte.
Tl. I Hygiene mit 8 Kapiteln (V. 1—855) ; Tl. II Materia medica in 4 Kapiteln
(V. 856 — 1611); Tl. III Anatomica in 4 Kapiteln (bis V. 1649); Tl. IV
Physiologica in 9 Kapiteln (bis V. 1830) ; Tl. V Aetiologia, 3 Kapitel (bis
V. 2032); Tl. VI Semiotica, 24 Kapitel bis V. 2467; Tl. VH Pathologia,
8 Kapitel V. 2494; Tl. VIII Therapeutica (allgemeine Therapie, Bäder,
ß50 Julius Pagel.
Biät, Aderlass etc.) 22 Kap., V. 2883; Tl. IX Nosologia (spez. Patho-
logie inkl. Wund- und Frauenkrankheiten) 20 Kap. bis V. 3430, endlich
Tl. X de arte (ärztliche Hodegetik) 5 Kapitel bis zum Schlussvers 3484.
Den Rest bildet der ,,Epilogus". — "Wie sich aus dieser Analyse ergiebt,
stellt das salernitanische Lehrgedicht ein vollständiges Handbuch der Medizin,
eine Art Encyklopädie, oder wie man es später genannt hat, Institutiones
der Medizin in dichterischer Form dar. Man mag über die Echtheit bezw.
TJnechtheit denken wie man will, sicher ist : beabsichtigt man recht schnell,
vollständig und angenehm sich über die mittelalterliche Medizin nach allen
Richtungen hin zu orientieren, über Heiimittelschatz, anatomische und
physiologische Anschauungen, therapeutische Indikationen und Kontraindi-
kationen, so bietet das Regimen sanitatis Salem, die geeignetste Handhabe
dazu, und gerade weil es einen Niederschlag verschiedener Perioden ver-
tritt, ist es darum auch für das ganze Mittelalter massgebend. — Uebrigens
ist auch die erweiterte Redaktion so geschickt, dass das Ganze eine schein-
bare Homogenität nicht verleugnet. Von den Versen gilt allerdings : sunt
bona mixta malis.
Nicht alle anonymen Produkte der Salernitanerlitteratur gehören den
ersten Jahrhunderten der Schule an. Ein von Littre (Hist. liter. de la
France XXII p. 105) analysierter Codex der Nationalbibliothek (Nr. 8161 A,
Katalog IV p. 434) enthält als Unikum das 39 Blätter starke Manuskript
eines „poema medicum" mit dem Nebentitel „de secretis mulierum",
der nur durch den Inhalt von Buch 1 und 2 gerechtfertigt wird ; Buch 3 — 6
handelt von der Chirurgie, Buch 7 ist de modo medendi überschrieben.
Da hier des Aegidius v. Corbeil, des Wilh. v. Saliceto etc. Erwähnung ge-
schieht, so stammt dies Produkt frühestens aus dem 13.-14. Jahrhundert.
Es enthält (Coli. Sal. IV p. 1 — 176) im ganzen 1063 Verse, der chirurgische
Teil bietet Anklänge an Roger.
Ein anderes, aber in Prosa geschriebenes anonymes Werk, ein Konglo-
merat aus mehreren, ursprünglich getrennten Teilen mit dem Titel „de
aegritudinum curatione" (Coli. Sal. II p. 81 — 386), soll die Grund-
lage für die weiter unten folgende Darstellung der salemitanischen Leistungen
auf dem Gebiet der inneren Medizin bilden. Dies, femer eine anonyme
Abhandlung „de signis bonitatis medicamentorum" (II 402 — 406), endlich
die kurze Fieberdiätetik des Petrus Musandinus, betitelt „Summula
de cibis et potibus febricitantium"^ gehören wahrscheinlich dem 12. Jahr-
hundert an. Bei der zuletzt genannten Schrift scheint als Muster offenbar
die hippokratische TtSQi diahrjg ö^scov vorgeschwebt zu haben.
Den Höhepunkt der zweiten Periode der salemitanischen Schule
bildet das berühmte Antidotarium des Nicolaus Praepositus,
in welchem wir den arabischen Einfluss ganz zum Durchbruch kommen
sehen, speziell in den pharmaceutisch-therapeutischen Tendenzen, Autor
und Werk, das, wie das Eegimen für Hygiene und Diätetik, so für
die Pharmacie das Standard- work, das typische Apothekerbuch für das
ganze spätere Mittelalter, zugleich der Gegenstand zahlreicher Kommen-
tare und Bearbeitungen geworden ist, bekunden beide das nunmehr
perfekt gewordene Ueberwuchern der pharmaceutischen Therapie, wie
wir ihr auf Schritt und Tritt in den Werken der arabischen Litteratur
begegnen. Diese oft spaltenlangen formulae magistrales, die kompli-
ziertesten Rezeptkompositionen in allen möglichen Gestalten sind durch-
aus nach arabischen Mustern gearbeitet respektive arabischen Schrift-
stellern entlehnt.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 651
Nicolaus mit dem Beinamen Praepositus d. h. Vorsteher der Scliule
(so zum Unterschied von dem ein Jahrhundert jüngeren Alexandriner
Nicolaus Myrepsus, dem Verfasser eines „Dynameron" betitelten, noch reich-
haltigeren Apothekerbuchs, bezeichnet), gehört zu den bedeutendsten schrift-
stellernden Aerzten Salernos und wirkte etwa zu Anfang des 12. Jahr-
hunderts. Nach dem Zeugnis des Christophorus de Honestiis war er ein
reicher und vornehmer Mann (,,plenus divitiis et ex nobili sanguine pro-
creatus"). Auf Wunsch seiner Kollegen, wie er selbst in der Vorrede
mitteilt :
(„Ego Nicolaus rogatus a quib^isdam in practica medicine studere volentibtis
ut eo8 recto ordine modnm cotificiendi dispensandique docerem etc.")
verfasste er das bekannte Antidotarium, ein vollständiges Rezeptbuch, in
welchem etwa 140 — 150 höchst komplizierte Arzneivorschriften mit Angabe
der Wirkung und Anwendungsweise angeführt sind. Dies Antidotarium,
das pharmaceu tische Haupt-Schul- und Lehrbuch des Mittelalters, bildet
den Sammelplatz aller der wunderlichen, z. T. albernen, ganz an die selige
Dreckapotheke von Galen her erinnernden Mixta composita, der mit dem
Worte ,,dia" beginnenden Electuaria, der Syrupe, der verschiedenen ,, Metra-
data" und „Antidota", die Gott weiss woher stammen und oft bedeutenden
Personen aus dem Altertum zugeschrieben wurden,
so u. a. auch dem „Prophetae doctori" Esdras (vgl. Ausgabe Vened. 1549 fol. 210^
„Esdra dicitur quid Esdra propheta in babylonia in extlio positus eani prima in-
venit"), an dessen Wert bereits zicei ältere Lehrer der Schule, Copho u. Joh. de Platea
der Aeltere nicht glaubten [vgl. Choulant p. 261 ; Coli. Sal. I p. 229)
der zahlreichen Pillenformeln, der Serie der Confectiones von der Aurea
alexandrina bis herunter zum Zinziber conditum, der Trochisci, Filonia,
Oxypräparate, Potiones, der mit dem Epitheton omans ,,yera" versehenen
Zusammenstellungen etc. etc. — Nächst dem Regimen sanitatis gehört das
Antidotarium Nicolai zu den populärsten Büchern der Schule. In der
Pharmacopöe des Mittelalters spielt es geradezu die Rolle des Alleinherrschers.
Es ist daher nicht auffallend, dass es in zahlreichen Kopien existiert und
oft gedruckt ist.
Die bekanntesten Ausgaben sind die Venediger im Anhang zu den Werken des
Joh. Mesue und meist in Verbindung mit den Kommentaren, von denen sogleich die
Rede sein wird {„Glossae" des 3Iatthaeu8 Plateariiis juti. vgl. tveiter unten)
und mit dem sog. „ Tractatus quid pro quo", worin die Succedanea, die billigeren und
überall erhältlichen Ersatzmittel für teure Droguen aufgeführt werden. Auch Ueber-
setzungen des Antidotarium existieren {hebräisch', arabisch, italienisch, französ-isch,
neuste französische Ausgabe von ß. Dorveaunc, Paris 1896) ; vgl. Steinschneider y
Hebr. üebers. p. 811 § 508, wo dieser Forscher mit Recht bemerkt: „Die Ge-
schichte des Antidotarium Nicolai in aUen seinen Einzelnheiten würde einen Band
füllen und interessante Partien darbieten" ; ferner JPagel, Med. histor. Bibliogr.
p. 164.
Mit Unrecht gilt Nicolaus Praepositus noch als Verfasser eines sogen.
Antidotarium ad aromatarios, das nichts weiter ist als eine von Nicolaus
de Regio herrührende Uebersetzung des oben erwähnten Dynameron von
Nicolaus Myrepsus.
In der grossen Litteratur, welche das Antidot. Nicolai erzeugt
hat stehen zwei Werke obenan, nämlich zunächst das nicht minder
berühmte und angesehene „Circa instans" des Matthaeus Pla-
tea r ins jun., Verfassers der eben genannten „Glossae" ; das Werk hat
den Titel von den ersten Worten des Anfangs, welcher lautet:
552 Julius Pagel.
„Circa in st ans negotium de simplicibiis medicinis nostrum versatur pro-
positum. Simplex autem medicina est, que talis est qualis a natura producitur etc."^
Es handelt sich bei diesem Buch zugleich um eine Art von Supple-
ment zu dem Mutterwerk, indem es nur die einfachen Stoffe be-
handelt. Es ist wertvoll nicht bloss durch den grösseren Reichtum
an botanischen Mitteilungen (wovon bei Nicolaus nichts zu finden und
wodurch es sich dem Plinius und Dioscorides in gewisser Beziehung
als Repertorium anreiht), sondern auch durch die sonstige wissen-
schaftliche Tendenz; zugleich liefert es eine reiche Ausbeute für die
Kenntnis der griechischen, lateinischen und vulgär-italienischen Namen.
— Matthaeus Platearius gehört (nach de Renzi) bereits einer späteren
Periode der salernitanischen Schule an (etwa dem Ende des 12. Jahr-
hunderts).
Das andere, oft in Verbindung mit dem Antidotarium Nicolai gebrachte
"Werk ist der Kommentar des Kanonikus von Tournai Johannes de
Sancto Amando, eines als Arzt und Schriftsteller nicht unbedeutenden
Scholastikers, dessen Wirken erst in das folgende Jahrhundert fällt.
Johannes de Sancto Amando, der hier vorioeg abgehandelt werden kann, obgleich
er Hauptvertreter eines späteren Zeitalters ist, verfasste ausser dem Kommentar zum
Antidotar. Nicolai, wovon Sprengel ohne Grund viel Rühmens macht {abgedruckt in
den meisten Venediger Joh. Mesue-Ausgaben) , das viel bedeutendere Steiliye „Re-
vocativum memoriae" , bestehend 1) aus den Areolae, einer abgekürzten
Arzneimittellehre, die als Schulbuch sieh grosser Beliebtheit erfreute {gedruckt zum
I.Male: Berlin 1893), 2) den Concor danciae, einer nach Schlagwörtern geordne-
ten alphabetischen Zusammenstellung der ivichtigsten Sentenzen aus Qalcn u. Avi-
cenna {gedruckt: Berlin 1894), wozu Petrus de Sto. Floro, ein Pariser Arzt des
14. Jahrhunderts , eine Ergänzung schrieb {vgl. Neue litterar. Beiträge zur mittel-
alterlichen Medizin ed. Pagel, Berlin 1896), 3) den Abbreviationes Hippo-
cratis et Gtaleni, einer kurzen summarischen Inhaltsübersicht der ivichtigsten
hippokratischen und galenschen Schriften {vgl. Pagcl's Bibliographie de 1875 — 96
unter St. Amand p. 659).
Hier ist der Ort, noch kurz der „Alphita" zu gedenken, eines
gleichfalls aus der salernitanischen Schule stammenden, die Arznei-
mittellehre behandelnden Wörterbuchs. —
Vgl. M. Steinschneider im Anhange zur Mondeville-Ausgabe von Pagel {Berlin
1892) p. 583.
Mit Nicolaus Praepositus resp. seinem Kommentator und Ergänzer
Matthaeus Platearius beginnt eine spätere Epoche der salernitanischen
Schule, diejenige, in welcher, wie bemerkt, der arabische Einfluss zwar
noch nicht vollständig dominiert, aber doch bereits überwiegt und
die alte griechische Einfachheit verdrängt. Jetzt führt, wie die
Litteratur dieser Zeit beweist, der Apotheker in der Therapie die
Herrschaft, jetzt sind alle die oben erwähnten komplizierten Rezept-
verordnungen wieder an der Tagesordnung; je komplizierter, desto
besser; die Diätetik ist in den Hintergrund getreten. Salerno hat
mit dem Schluss des 12. Jahrhunderts (1190) seinen Höhepunkt er-
reicht, ja fast überschritten. Schon winkt der Verfall, insofern alle
Arbeiten Entlehnungen oder Nachahmungen aus dem Arabischen sind,
mit dem schliesslich die salernitanische Litteratur ganz verschmilzt.
Nur wenig selbständige Autoren sind aus dieser Zeit zu registrieren,
unter ihnen seien genannt Joh. Platearius III (der Vollständigkeit
halber), der auch von Arnold von Villanova (vgl. weiter unten) er-
wähnte Mag. Salernus (1130—1160), Verf. eines „Compendium"
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 653
(Coli. Sal. III p. 52—65), vgl. M. Steinsclin eider, Hebr. Uebers. § 515
p. 788), sowie der bekannteren, auch von Bernardus Provincialis
ausführlich kommentierten „Tabulae" (Coli. Sal. V p, 233 — 253 und 11
p. 422 — 428) ; beide Werke sind lediglich medikamentös-therapeutischen
Inhalts. —
Auf ein etwas höheres Niveau erhebt sich Mag. Maurus mit
seinem „Tractatus de urinis s. regulae urinarum" (III
p. 2 — 50) und einem Kommentar zu den Aphorismen des Hippokrates
(IV p. 513 — 577). Das Werk über den Urin ist wesentlich nach des
Theophilus und Isaac Judaeus gleichnamigen Abhandlungen gearbeitet,
es enthält nichts weiter als eine Uroskopie, also ein Stück Semiotik,
die Kunst, aus den verschiedenen Farben, Niederschlägen, wovon er
etwa 19 in allen möglichen Nuancierungen unterscheidet, die Dia-
gnose der Krankheit zu • stellen , wobei natürlich die Farben als
entsprechende Modifikationen der Elementarqualitäten angenommen
werden.
Endlich fällt in dieselbe Zeit noch der erste Hauptvertreter der
salernitanischen Chirurgie Roger (um 1230), dessen Bedeutung später
im Zusammenhang mit den übrigen hauptsächlichen Chirurgen des
Mittelalters gewürdigt werden soll. Nur soviel sei hier bemerkt, dass
gerade Roger auffallende Anklänge in der Chirurgie an den Araber
Albucasim zeigt, und dass er, was für gewöhnlich nicht beachtet wird,
Verf. eines Compendiums der inneren Medizin ist unter dem Titel:
„Summa" oder „Practica parva medicine", die in einigen
Ausgaben der Coli. chir. Venet. abgedruckt ist.
Vgl. Coli. Venet. ed. 1519 {pag. 211—234). Sie zerfällt in 4 Traktate und
ist, wie die Vorrede lehrt, nach dem Viaticum des Isaac Judaeus bezw. Constantinus,
nach Alexander von Tralles und dem Passionarius gearbeitet {„duximus dignutn
ea que circa ista tria volumina sunt facienda sub brevi doctrina constringere ). —
Dies Werk figurirt auch unter verschiedenen Titeln als „Practice medicine major et
minor^ als „Rogerina Summa major, media et parva", etc. — Es sind später
Zweifel entstanden, ob der Chirurg Rogerius identisch mit dem Verf. dieser Practica
ist. Einige wollen einen anderen Roger, Ruggiero Barone oder di Barone
{di Varone") als Autor der Practica ansehen und zwar auf Grund von Angaben in
einem Pariser und belgischen Codex. — Ich möchte mich ganz entschieden der Beweis-
führung von de Renzi (I p. 259 — 263) anschliessen, der beide für eine und dieselbe
Person und Barone nur für die Entstellung der Kopie erklärt.
Von renommierten Aerzten der salernitanischen Schule gehören
dem Ausgang des 12. bezw. Anfang des 13. Jahrhunderts noch an
Gerardus Salernitanus (der natürlich weder mit Gerhard v.
Cremona f 1187, dem bekannten Uebersetzet — vgl. weiter unten —
noch mit Gerardus de Solo aus dem 14. Jahrhundert — vgl. weiter
unten — verwechselt werden darf), ferner der bekannte Pietro da
Eboli (de Ebulo), der Dichter des Werks „de motibus Siculis",
welchen de Renzi auch als den eigentlichen Verf. der Schrift über
die Bäder von Puteoli ansehen möchte. — Frühestens aus dem
13. Jahrhundert stammt wahrscheinlich das von Littre entdeckte und
die Ergebnisse salernitanischer Lehren reproduzierende „Poema
medicum", dessen wegen der darin enthaltenen Aufschlüsse über
die Viermeister noch in dem Abschnitt über Chirurgie zu gedenken
sein wird.
Die weitere Geschichte der medizinischen Schule von Salerno
flösst wenig Interesse ein. Fortab tritt sie mehr und mehr in den
Hintergrund teils infolge des Ueberwucherns der arabischen Medizin,
654 Juliiis Pagel.
teils infolge des Emporblühens ihrer Rivalinnen auf italienischem
Boden; von ihnen überflügelt, erlischt die Schule allmählich ganz.
Auch politische Ereignisse tragen daran eine nicht geringe Schuld.
1195 traf Kaiser Heinrich VI. die Vorbereitungen zu seinem Kreuz-
zuge und hielt noch vor dem Aufbruch in das gelobte Land die
furchtbarsten und grausamsten Strafgerichte über die Feinde der
Fremdherrschaft in Süditalien. Damals fiel das alte Salerno und mit
ihm der Glanz seines medizinischen Monopols. Die Stadt hatte
ausserordentlich zu leiden, viele Gelehrte wanderten in andere
italienische Städte aus und suchten hier im Verein mit flüchtigen
byzantinischen und arabischen, aus Spanien vertriebenen Genossen
für ihre wissenschaftlichen Bestrebungen Boden zu gewinnen. — Be-
merkenswert nur der einflussreichen politischen Eolle wegen, die er
gespielt, ist noch Giovanni di Procida, Leibarzt Kaiser Friedrichs IL
und Königs Manfreds v. Sicilien. Bekannt ist seine Beteiligung an
der sicilianischen Vesper. Die Autorschaft der (Coli. Salem. III p. 69
bis 150 abgedruckten) „Placita philosophorum moralium
antiquorum ex graeco in latinum translata" wird ihm
abgesprochen und diese Abhandlung als Uebersetzung einer Leidener
(noch vorhandenen) Handschrift erklärt.
Vgl. M. Steinschneider, Hehr. Uebers. p. 349.
Charakter der medizinischen Leistungen der Salernitaner.
Ueberblicken wir nunmehr die Leistungen der salernitanischen
Schule in den einzelnen Disziplinen (mit Ausnahme der Anatomie und
Chirurgie, welche später im Zusammenhang erörtert werden sollen),
so imponiert zunächst die reiche selbständige Produktivität, mit der
Salerno die Fahne der medizinischen Wissenschaft jahrhundertelang
fast als einzige Centrale im ganzen Occident autochthon, man möchte
fast sagen, einem versprengten Keime gleich, entfaltet und die kümmer-
lichen griechisch-römischen Reste vor dem Untergang rettet, eine Pro-
duktivität, die nach Qualität und Quantität sich derjenigen der besten
Perioden unserer Wissenschaft an die Seite setzen lässt und wobei kein
Gebiet der Medizin leer ausgegangen ist. Sind auch positive Fort-
schritte nicht gemacht worden, so ist doch manche bemerkenswerte,
originelle Beobachtung zu verzeichnen. Es muss anerkannt werden,
dass in reger Arbeit Lehrer wie Schüler sich bemüht haben, nach Kräften
Wissenschaft und Praxis der Heilkunde zu fördern. An den Schrift-
werken der älteren Periode, die von Arabismus und Scholastik noch nicht
angekränkelt sind, bewundern wir die klare, gefällig-schlichte, leicht
fliessende Diktion, die nüchterne und ehrliche Schilderung der Kasuistik,
die Einfachheit des Regimes, das meist ein diätetisch-exspektatives ist,
ebenso bei aller Berücksichtigung und Reichhaltigkeit der Therapie
dennoch eine gewisse Knappheit in den medikamentösen Formeln und
Vermeidung aller pharmaceutischen Polypragmasie. Am meisten sind
naturgemäss die Arbeiten der inneren Medizin zu gute gekommen, die
thatsächlich in theoretisch-schriftstellerischer wie praktischer Beziehung
eine ausgiebige Pflege gefunden hat.
Die wichtigste Fundgrube zur Beurteilung der Lehren und An-
schauungen der Salernitaner auf dem Gebiet der praktischen Medizin bietet
das (p. 648) erwähnte, aus dem 12. Jahrhundert, also der Höhezeit der
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 655
Schule stammende anonyme Sammelwerk ,,de aegritudinum curatione*',
besonders der zweite Teil, der, wie es scheint, unter der Mitarbeiterschaft
einer Reihe der tüchtigsten Vertreter der Schule zu stände gekommen ist
bezw. eine Blumenlese aus deren Werken enthält. Schon der Umfang deutet
auf Reichhaltigkeit und Gründlichkeit. Er umfasst über 300 Seiten des
Bandes II der Coli. Salem, (p. 81 — 386). Eine Analyse dieses Werks, das
man wohl als eigentliches Schulbuch der inneren Medizin von Salerno an-
sehen darf, wird am genauesten und treuesten den Stand dieser Disziplin
wiederspiegeln.
Analog zahlreichen Werken der Pathologie aus dem klassischen Altertum be-
ginnt auch die salernitanische Anthologie mit der Fieberlehre. Die Autoren unter-
scheiden in herkömmlicher Weise drei Arten von Fieber, die effimera {ephemera,
£}intagsfieber, aus einem Fehler der Spiritus), die etnica {hektisches „que vitio
membrarum fit") und die putrida {aus einem Säftefehler hervorgegangenes, meist
akutes, infektiöse Krankheiten begleitendes Faulfieber). Die letztere Art zerfällt in
eine interpolata und continua. Die Interpolata {Wechsel/ieber) hat 3 Unterarien: die
cotidiana, tertiana, quartana; die Continua ebenfalls verschiedene Unterarten, denen
eine eingehende Besprechung gewidmet wird. Es folgt auf diese ganz Galensche De-
finition und Einteilung dir Symptomatologie und die Kur der verschiedenen Arten,
darunter auch des „emitriteus major et minor", des „synochns", der „synocha" etc.
in Gestalt von diätetif,chen Vtrordnungen, kalten Umschlägen, Einpackungen, Bädern,
Abkühlungen, Purgationen etc., die hier alle eine grössere Rolle als die Hledikamente
spielen. Nur bei den häufiger vorkommenden Wechselfiebern tmrd von den Vomitiven
ein ausgiebigerer Gebrauch gemacht. — An die Fieberlehre scfiliesst sich die eigent-
liche spezielle Pathologie, die „morbi particulares" in 166 a capite ad calcem geord-
neten Abschnitten mit einem Appendix: de salute totius corporis. Die Ursache der
frenesis ist {nach Platearius) ein ^apostema quod fit in anteriori cellula capitis",
also eine ganz somatische Auffassung der Geisteskrankheiten bezw. der Delirien bei
akuten Krankheiten. Dementiqyrechend ist auch die Therapie. Sie besteht in durchaus
lokalen äusserlichen Massnahmen, unter welchen auch die venae incisio (hi media
fronte) nicht fehlen darf! Aehnlich sind die Vorschriften für die Behandlung
der Lethargie, deren Ursache ein Abscess der hinteren Himkammer ist. — Es
folgen einige Kespirationskrankheiten : katarrus, coriza, brancos {= bronchitis resp.
auch angina, letztere nach Bartholomaeus), Apoplexie, sehr eingehende Betrachtung
der Epilepsie mit differentialdiagnostischen Bemerkungen und einer allerdings fast
kurioser Auswahl therapeutischer Vorschläge, welche ganz wie heute die Hoffnungs-
losigkeit dieser Krankheit bekunden, Paralyse {nach Platearius und Constantinus),
Manie, Melancholie mit prächtigen symptomatologischen Schilderungen {der ver-
schiedenen Wahnideen), Mittel zur Beförderung des Haarwuchses, gegen tinea, Kopf-
schmerz mit besonderen Abarten (cephalea, emigranea, inflatio cerebri, scotomia, dolor
frontis etc., 15 Seiten lang!), Schilderung der Enthaarungsmittel, die Augenkrank-
heiten mit sehr dürftigen Bemerkungen über die Affektionen der äusseren Gebilde,
über Katarakt {Operation mittelst Scleroticonyxis), Ohrenleiden {Schwerhörigkeit, Ohr-
schmerz, Taubheit, die auf innere Erkrankungen des Magens und der Leber zurück-
geführt wird), Nasenbluten, Ozaena {fetor narium), Nasenpolyp, sehr ausführliche
Darstellung der Mundkrankheiten : fetor oris, Mundyeschwüre, Zahnfleischulcerationen
[nach Trotula), Zahnschmerz , icobei die Extraktion durch Mittel ersetzt wird, die
den spontanen Ausfall des cariösen Zahns befördern, Krankheiten {Schivellungen) der
Zunge, Sprechstörungen, Mandelschwellungen, Gaumenverschwärungen , Sommer-
sprossen und andere Hautausschläge im Gesicht, kosmetische Mittel, Gesichtswunden.
Interkurrent wird hier ein Kapitel über Wundbehandlung, Knochen- und Nerven-
verletzungen, Eindringen von Fremdkörpern eingeschaltet. [Doch zeugen diese Be-
merkungen von einem tiefen Niveau der Chirurgie, da von manueller und instru-
menteVer Behandlung nicht die Rede ist, sondern alles mit Salben und Pflastern
behandelt wird.] — Es folgen Kapitel über Spasmus, Ulceration der Trachea, Hydro-
fobie {jedenfalls wegen des Hauptsymptoms der Schluckbeschwerden an dieser Stelle
eingeschaltet), eine Anthologie aus den Werken der älteren Meister der Schule über
„squissantia" (= synanche, Sammelbegriff für Croup, Diphtherie, Angina, Retro-
pharyngealabscess etc), „scrofulae in gutture" {Hnlslymphdrüsenschwellungen), Tremor,
Heiserkeit, Husten, Atemnot {Asthma), Lungenentzündung (peripleumonia) mit
differentaldiagnos fischen Bemerkungen bezüglich der pleuresis, deren Behandlung die
unvermeidliche Minutio (peri antipasen = antispasin) vorausgeht ; sehr warm tritt
hier der Autor {Platearius) für Diaphoretika ein, ferner für angemessenes diätetisches
g56 Julius Pagel.
Verhalten, für Erregung von Nasenbluten durch Kitzeln der Nasenschleimhaut
{mittelst Schiveineborsten) , besonders angesichts der kritischen Tage {7. u. 9.); die
prognostischen Auseinandersetzungen sind durchaus originell und verständig. —
Weiter folgen Auseinandersetzungen über Empyem, Phthisis {unter deren Ursachen
auch ausgetretenes, in Eiter verwandeltes Blut figuriert). Die Schilderung ist klar,
verständig und erinnert in ihrer Einfachheit an die besten Produlde der griechischen
Medizin. Besonders interessant sind die Bemerkungen über die schlechte Vrognose
von Durchfällen und Haarausfall als Komplikation bei Phthise, ebenso dass einmal
ausgebildete Phthise kaum oder niemals heilt. Jünglingen ist sie sehr gefährlich,
über das 40. Lebensjahr hinaus weniger. Dieses Kapitel ist nach Platearius,
Bartholomaeus und dem über aureus des Constantinus zusammengestellt. — Die
Quellen der Haemoptysis werden ausführlich erörtert, überall mit eingehender Kenntnis
der griechischen Quellen, speziell der hippokratischen Lehren, die öfter citiert icerden.
Es fehlt nicht an differentialdiagnostischen Bemerkungen über die Quellen des Blutes
{Mundhöhle, Zähne, Lunge, Magen) — natürlich alles vom humoralpathologischen
Standpunkte. — Interessant ist die Definition der Syncopis, weil hier das Wort
„malfatio" gebraucht wird, dass auch in den chirurgischen Schriften späterer Zeit
z. B. bei Mondeville wiederkehrt {„syncopis est defectio motus cordis, que a qui-
busdam auctoribus dicitur malfatio, ab aliis exsolutio, ab aliis lipotomia, vulgo
autem vocatur spasmatio''^). — TJriter der „cardiaca passio""' ist ivohl mehr ein
Magenleiden zu verstehen, nach mag. B.{arth.) handelt es sich um eine Affektion,
„que totum corpus resolvit in sudorem continuum, dicitur autem hec pussio diafore-
tica ab auctoribus .... Notandum quod Jiec passio atiquando fit a corde, aliquando
a stomacho"). — Dem Ma^enschmerz ist ein 4 Seiten langer Abschnitt gewidmet.
Dazwischen ist von Meteortsmus [ventositas stomachi), von Diarrhoe {solutio), Dys-
pepsie {indigestio) , Brechneigung {fastidium), Heisshunger (bolismos), Appetit-
verstimmungen. Aufstossen, Singultus, Vomitus etc. sehr ausführliih die Rede, wobei
verständigerweise überall eine kausale TJierapie befolgt wird. — Bauchschmerz {dolor
intestinorum) ist Symptom verschiedener Affektionen {tortio ventris, colica passio,
ventris inflatio, apostema in stomacho vel in ititestinis etc.), Würmer {lumbrici)
werden durch Bittermittel getötet {aloe, succus absinthii, persicaria, pulvis lupino-
rum amarorum, pulvis centonica = Santonin). Man soll diese Mittel in Honig
verabreichen, weil die Würmer mit dem Honig, den sie gern haben, zugleich das be-
treffende darin gemischte Bittermittel anziehen „et sie specie rede decipiuntur" und so
betrogen icerden; der Autor fügt hinzu: „dum sub esca latitat hamus" : unter dem
Essen lauert die Angel. Man kann auch vor der Kur 3 Tage lang Ziegenmilch
geben und den Geschmack des Bittermittels durch Verabreichung mit dieser ver-
decken. Dysenterie ist Diarrhöe im Verein mit „excoriatio intestinorum vel cum
sanguinea ventris egestione''. Die merkwürdige Etymologie „discintheria a discin-
tendo {sie), quia in ea scinduntur intestina quasi discinteria''' entspricht ganz dem
Cluxrakter und Wissen der Zeit. Therapeutisch kommen in erster Linie die Abführ-
mittel und an zweiter Stelle die Constrictiva in Betracht, desgleichen bei der Lien-
terie, dem Tenesmus und den übrigen Darmaffektionen. Gegen zu profuse Hämor-
rhoidalblutungen wird die Applikation von Bäuschen {bombices) empfohlen, die mit
einer Bleisalbe bestrichen sind. Auch das Abbinden und Nekrotisieren der Hämor-
rhoiden mit Cortex lauriole oder radix titimalli wird erivähnt. Bei mag. B.{arth.)
heisst es: omnia capita venarum cum cauterio constringi possunt, si fliixus fuerit
recens; si vero inveteratus non omnia ne gravior inde contingat. Noch werden die
ficus in ano besonders unterschieden. Dem Prolapsus sucht man durch Sitzbäder mit
geeigneten higredientien abzuhelfen. — Daran schliesst sich die Darstellung der
Leber äff ektionen : calef actio {Entzündung) und Apostema hepatis. Bei der {h)ydro-
pisis folgt eine eingehende differentialdiagnostische Erörterung zwischen ascites und
tympanites, yposarca und leucoflcumantia unter Verwertung der physikalischen
Momente der Schallerscheinungen bei der Perkussion. Die Ausführungen zeugen von
eigener Erfahrung und sind nicht durchweg kompiliert; wo Kompilation vorliegt, sind
ausschliesslich griechische Quellen benutzt. — Von der Milz haben die Salernitaner
mehr zu wissen geglaubt als die modernen Aerzte. Diabetes wird erklärt als über-
mässige {immoderata) Anziehung des Urins von der Leber zu den Nieren; er kann
auch nach geschlechtlichen Excessen propter renum concussionem eintreten; die
Schilderung der Symptomatologie ist vortrefflich. Man soll früh einschreiten, damit
die Krankheit nicht in Wassersucht übergeht. Manche bezeichnen Diabetes auch
als diarria urinae. Diätetisch wird der Genuss grünen Blattgemüses, fetten
Schweinefleisches und zusammenziehender, aus unreifen Trauben gewonnener Weine
empfohlen. Diuretica sind kontraindiziert. Warme Bleiplatten und ein tvärme-
erzeugendes Pflaster sollen in der Nierengegend appliziert iverden. {Offenbar sind
Zustände von morb. Brightii hierbei eingeschlossen.) Das grosse Wissensmaterial,
Geschichte der Heilkitnde im Mittelalter. 657
das von den Salernitanern in der Pathologie bereits angehäuft war, bekundet auch
die eingehende Behandlung der folgenden Kapitel : Blutharnen, Lendennierenschmerz,
Anschicellung der Nierengegend, Nierenstein, Nieren- und Blasenverletznngen, Dysurie
und Strangurie, die auch als Rheumatismus und suffocatio vesicae beschrieben werden,
sowie der übrigen Abnormitäten in der Harnentleerung, Samenfiüsse (gonorroea),
Satyriasis, Aproximeron i. e. partium genitalium inoperatio (nicjit bloss männliche
Impotenz, ivie Haeser irrtümlich annimmt, sondern auch die Unmöglichkeit des
Coitus von selten der Frau). Hier finden sich bereits Andeutungen von Organ-
therapie. — Es folgen Hodentumoren, Anschwellungen der Scheide und des Penis,
Pustulae in virga, „cavarus in virga, qui nihil aliud est quam Cancer cum infla-
tione", offenbar also vernachlässigter Schanker oder paraphimotische Zustände. Die
Erörterung über Menstruationsanomnlien und Gebärmutterkrankheiten, Hindernisse
der Konzeption nimmt einen breiten Raum ein (p. 331—344); unter den letzteren
figuriert auch „spermatis vitium". An Mitteln, die Konzeption zu verhindern oder
ein bestimmtes Geschlecht zu erzeugen, fehlt es auch nicht, ebenso gegen zu starke
Geilheit [ad luxuriam reprimendam) und um Jungfrauschaft vorzutäuschen. An-
hangsweise werden dürftige Notizen über normale und Fehlgeburt gegeben. Ischias
(scia), arthetica und podagra {Gelenkschmerz etc.) sind dafür desto ausführlicher
behandelt. Mit diesem Kapitel ist eine Darstellung der Traumen, Luxationen
{extortio), Verstauchungen der unteren Extremitäten verbtinden. Den Beschluss
machen juepra (Elephantiasis) und die übrigen bekannten Hautaffektionen, morphea etc.
{des sonst in der späteren mittelalterlichen Litter atur üblichen
arab. albarras tcird nicht gedacht, dieser Ausdruck kommt nicht vor, Be-
weis also für ausschliesslich griechischen Einfluss); impetigo, serpigo, scrophulae,
Verrucae, Wunden, Abscesse, Fistel, Cancer, Karbunkel {„bonus tnalanus"), Ver-
giftungen, Schlangenbisse, Verbrennungen, ignis sacer {eine Form der Gangrän,
vielleicht Ergotismus^, endlich noch zwei Kapitel „de frangendis calculis" und ,,pro
Salute totius corporis^, d. h. diätetisch-hygienischer Anhang. — Die vorstehende
Analyse zeigt, dass in diesem Buche fast so gut wie nichts fehlt. Man kann sich
dem im allgemeinen wohlthuenden Eindrucke dieses ebenso sachlich nüchternen wie
erschöpfenden Hayidbuchs der Medizin, tcie überhaupt der salernitanischen Arbeiten
nicht entziehen, besonders im Hinblick auf die mit Zitaten aus arab. Qtiellen über-
reiche Litteratur der Scholastik. Hier ein geradezu widerwärtiger Ballast an gelehrt
scheinendem Material aprioristisch gekünstelter, in der Luft schwebender Argumen-
tationen, dort nüchterne, sachlich klare Lehren mit dem Stempel der Originalität,
ruhiger Erwägung von Erfahrungen und Beobachtungen und vor allem aus dem
direkten, frischen Born griechischer Weisheit geschöpft. Die Saleriiitaner haben,
das bleibt ihr steter Ruhmestitel in der Geschichte, das griechische Erbe getreulich
und nach Kräften gehütet. — An anderer Stelle ist zu beleuchten, welchen Gewinn
daraus Stand und Beruf der Aerzte in äusserlicher {materieller, sozialer) und unter-
richtlicher Beziehung geschöpft haben {vgl. p. 638). Hier, wo die Darlegung ledig-
lich die tcissenschaftliche Entwicklung zum Gegenstande hat, sei abermals betont,
loelchen kräftigen Anteil die Salernitaner an der Erhaltung, Fortführimg und Ver-
mittelung der griechischen Heilkunde inmitten einer allgemeinen Oede gehabt Iiaben.
Trotz geringer äusserer Machtstellung icetteifert hierin die Schule von Salerno
mit den Arabern, die mit ihrem mächtigen politischen Einfiuss allerdings 'nach-
haltiger zu toirken in der Lage tcaren. Vermochte schliesslich Salerno sich diesem
nicht zu entziehen, so hat es doch seinerseits einstreiche Saat ausgestreut, deren
Keime weithin reiche Früchte trugen. So mancher Autm-, der für sich Schule ge-
macht und als Repräsentant der Medizin sich ein Andenken in der Geschichte ge-
sichert hat, verdankt Salerno die Wurzeln seiner Kraft und muss als Ausläufer
dieser Schule betrachtet werden.
Als einer der bedeutendsten Abkömmlinge der salernitanischen
Schule, der ihre Ansichten bis nach Paris verpflanzt und hier als
einer der ersten Lehrer gewirkt hat, aus dessen Wirken sogar später
eine gewisse Rivalität mit der Pariser Schule hervortritt, kommt
Petrus Aegidius Corboliensis (Pierre Gilles v. Corbeil) in
Betracht, so genannt von seiner Heimat, einem unweit von Paris an
der Seine gelegenen Städtchen.
Von der Lebensgeschichte dieses Mannes wissen wir nur soviel sicher,
dass er etwa im 12. Jahrhundert lebte, seine Studien, wie aus mehr als
einer Stelle seiner Schriften hervorgeht, in Salerno machte und Leibarzt
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 42
658 Julius Pagel.
des Königs Philipp August von Frankreich war. In dieser Stellung, mit
der zugleich der Vorsitz in der Pariser med. Fakultät verbunden war, wirkte
Aegidius noch bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts. — Ungewiss ist,
ob er Benediktiner war und noch anderweitig studiert hat.
Wir besitzen von ihm eine grosse Reihe von Schriften, die im wesentlichen
nichts weiter als in Verse gebrachte Paraphrasicrungen und Glossierungen, Nieder-
schläge salernitanischer Schulmeinungen sind speziell nach dem Antidotarium Nicolai
und den Werken des Matthaeus Platearius. Die Titel derselben sind: 1) Liber
deurinis, eine Jugendschrift des Verf's, bestehend aus 352 Hexametern {und einigen
Pentametern), ein Kompendium der Uroskopie, das sich trotz mancher Mängel in
grossem Ansehen noch bis zum 16. Jahrh. erhalten und viele Nachahmungen, Aus-
züge, prosaische und poetische, angeregt hat, u. a. auch das „Compendium uri-
narum" von Gualthemis {Walter) Agulinus, wie es scheint gleichfalls einem
Zögling Salernos {vgl. Diss. von J. Pfeffer, Berlin 1841 und Steinschneider, Hebr.
Uebers. p. 800). Ganz im Galenschen Sinne werden hier die Niederschläge und
Farben {12 — 20) des Urins berücksichtigt: niger, lividus, albus, glaucus, lacteus,
charopos, pallidus, subpallidus, subcitrinus, subrubicundus, citrinus, rufus, rubeus,
rubicundus, inopos, cyaneus, viridis color und die verschiedenen Unterarten und
Modifikationen. 2) Liber de pulsibus mit einem in Prosa geschriebenen
Prooemium und 380 Hexametern, ivie es scheint, eine Imitation oder Ent-
lehnung nach der bekannten Schrift des Philaretus {Theophilus Protospatharius).
3) de laudibus et virtutibus compositorum medicamentorum, das
längste ivenn auch am wenigsten gelungene Gedicht, 4663 Hexameter {leoninische
Verse) utid eine kurze prosaische Vorrede, der Inhalt ganz und gar Salernitanisch,
im wesentlichen eine Umschreibung des Antidotarium Nicolai und der dazu gehörigen
Glossen des Matthaeus Platearius. — Diese drei Schriften sind in der ausge-
zeichneten Ausgabe von L. Choulant {Leipzig 1826) zusammengestellt. Von einer
weiteren Arbeit, betitelt „de siynis et symptomatibus egritudinem", als
deren Verf. sich Aegidius selbst in der sub 3 genannten Schrift bekennt, sind nur
Bruchstücke erhalten und teils von Daremberg {in Notices et extraits des manu-
scrits medicaux I Paris 1853 nach einer Handschrift der Bodlejana p. 178 — 197
als „signa et causa febrium Egidii") teils von Valentin Rose in seinen bereits er-
wähnten Anecdota {p. 171 — 201) als „Metra de physionomiis [egrotorum]" nach
einer Handschrift des Amploniana publiziert.
Die Medizin im Zeitalter der Scholastii(.
Die Uebersetzer der arabischen Werke.
Der Geist, der die Heilkunde in Salerno während der ersten Jahr-
hunderte durchweht hatte, blieb leider in Europa eine isolierte Er-
scheinung. Auf die Dauer vermochte auch der Occident orientalischen
Einflüssen sich nicht zu entziehen. Zwar war es gelungen, den Islam
selbst bis auf geringe Eeste in der spanischen Halbinsel glücklich
zurückzuschlagen, aber in Kunst und Wissenschaft sollten die Nach-
wirkungen des Arabismus noch lange haften. Das gleichfalls aus dem
Orient entlehnte christliche Mönchstum empfing ihn mit offenen Armen,
und aus der Paarung beider entwickelte sich die unselige Scholastik.
Hätten die Klosterinsassen sich lediglich darauf beschränkt, Hüter der
vom Altertum überkommenen Schätze zu sein und in getreuer
nüchterner Reproduktion weiter zu bearbeiten, so wäre ihre Mission
auch für die Heilkunde eine gesegnete gewesen. Indessen der Zauber
der Dialektik schlug auch ihre Gemüter in Fesseln und mit den Pro-
dukten der arabischen Medizin fanden auch spitzfindige Tüftelei und
haarspalterische Wortklauberei einen empfänglichen Boden. Die Ein-
und Uebergriffe einer herrschsüchtigen Kirche in die Sphäre freier
wissenschaftlicher Forschung thaten das Ihrige, um an Stelle un-
befangener, klarer Sinnesarbeit und echter, frischer Naturbeobachtung
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 659
die drückende Tyrannei übersinnlicher aprioristi scher Spekulation,
nach deduktivem Schema konstruierter Lehrsätze, die geschraubtesten
und verzwicktesten Beweistührungen in pseudologischem Formalismus
zur Erhärtung von der Kirche stabilierter Dogmen aus den arabisch-
griechischen Lehrbüchern der Medizin Platz greifen zu lassen. Was
die Araber noch unverdorben gelassen hatten, das vollendete die
Kirche. Italien und Spanien, die beiden orientalischen Einflüssen am
nächsten exponierten Halbinseln, gleichsam die septischen Ecken der
Infektion, boten für diese Bestrebungen das eigentliche Angriifsobjekt.
Unter allen den verschiedenen Ordensspaltungen, hinter welche nach
und nach in einer Art von Konkurrenz die Benediktiner hatten zurück
treten müssen, war gerade der fanatischsten einer, den Dominikanern,
den Nährvätern der Inquisition, die Rolle vorbehalten, jedwede Re-
gung freisinnigen Geistes an den Hochschulen im Keime zu erdrücken.
— An erster Stelle steht unter den die Scholastik vorbereitenden und
fördernden Hauptmomenten ohne Zweifel das Eindringen der arabischen
Medizin auf dem Wege von lateinischen Uebersetzungen.
An sich lag dieser Uebersetzerthätigkeit ein sehr löbliches Streben zu
Grunde; sie zeugte von anerkennenswertem wissenschaftlichen Sinn
und von dem Drang nach Fortbildung; hielt man sich doch für be-
rechtigt, bei den Arabern neue Weisheit oder alte in neuer Form zu
suchen und griff bereitwillig zu. Die Araber imponierten mit Recht
Sie hatten die Botanik, Chemie und Pharmacie, wichtige Hilfsmittel
der Heilkunde, bestens gepflegt und mit einer Unmasse von That-
sachen bereichert, blühende Hochschulen auf der spanischen Halbinsel
etabliert, grosse Bibliotheken begründet, eine unübersehbare Litteratur
erzeugt, tüchtige Aerzte hervorgebracht, kurz ein reges Leben und
Treiben nach allen Richtungen entfaltet. Was Wunder, wenn auch
die wissenschaftlich strebsamen Elemente des Occidents nun das Be-
dürfnis empfanden, an dem Born arabischer Schulweisheit sich zu
laben, in ihre Geheimnisse einzudringen und das Gute nach Kräften
zu adoptieren. Dazu durchzog die ganze Litteratur der Araber auf <o
echt realistischem und praktischem Fundament ein tiefer kongenitaler 0|
philosophischer Zug; neben Galen, dem eigentlichen medizinischen^Ab- '
gott, erfreute sich der Philosoph kat' exochen: Aristoteles gottgleicher
Verehrung. Die klare Disposition, die bis ins feinste Detail durch-
geführten Darlegungen, die erschöpfende Behandlung des Stoffes, wie
sie beispielsweise bei den Arbeiten eines Avicenna u. A. hervortraten,
verfehlten ihre bestechende Wirkung nicht. ' Hier fand der studierende
Arzt nicht bloss alles, sondern noch mehr als alles. Dazu trat ein
politisches Moment: die Lorbeeren von Salerno Hessen die übrigen
Städte Italiens nicht schlafen; bald entstanden auch anderswo, und
zwar nicht bloss in Italien, sondern auch in Frankreich (Montpellier,
Paris) Hochschulen nach dem Muster von Salerno. Aber an diesen
neuen rivalisierenden Universitäten fand gleichsam als Gegengewicht
gegen Salerno der Arabismus glänzende Aufnahme und geradezu blind
fanatische Förderung. So ist denn zwar griechische Medizin auf diesem
Umwege zu Ehren gekommen, aber infolge fehlerhafter Uebersetzung
in korrumpierter Gestalt, entstellt und missverstanden ; das Studium
der direkten Quellen wurde darüber zugleich vernachlässigt, und mit
der arabischen Litteratur w^ar wieder der Aristotelismus, aber nicht
der echte, originale, sondern der von den Arabern verdolmetschte,
will sagen, verdeutelte und missdeutete mächtig geworden, der eine
42*
660 Julius Pagel.
prächtige Stütze und Pseudoautorität für die dialektischen Künste,
für alle die feinen Distinktionen und Disputationen, die Grübeleien
und Argumente der Scholastik bot. — Einen Hauptanteil an der Ver-
mittelung arabischer Schulweisheit im Occident haben ferner jüdische
Aerzte. Stammverwandt mit den Arabern fanden die Juden unter
deren Herrschaft volle Glaubensfreiheit und soziale Vergünstigungen,
umsomehr als traditionelle Verbindungen materieller und geistiger
Natur mit dem Orient schon von den Alexandriner Zeiten an be-
standen hatten. Philosophischer Sinn gepaart mit regem Eifer für
die Heilkunde, den einzigen, ihnen während des Mittelalters nicht
verpönten wissenschaftlichen Zweig veranlassten eine stattliche Mehr-
zahl der besser veranlagten von ihnen zum Studium der Medizin und
Naturwissenschaften. Sehr viele hervorragende Rabbiner waren zu-
gleich angesehene Aerzte, die eine erfolgreiche, schriftstellerische und
praktische Thätigkeit, besonders als Uebersetzer entfalteten. — Die
bedeutendste Centrale stellte nach dieser Richtung Toledo dar, der
„Hauptsitz der schwarzen Magie und Nekromantie" (vgl. Valentin
Rose, Ptolemäus und die Schule von Toledo, Hermes VIII p. 333).
Hier unterhielt Erzbischof Raimund (1130—1150) eine förmliche Ueber-
setzungsanstalt. Grosse Protektion erfuhren die Gelehrten auch seitens
der italienischen (neapolitanischen und sicilianischen) Monarchen, die
für ihre Hochschulen der arabischen Medizin bedurften. Es kommen
besonders hierfür in Betracht Roger IL (1121—1154), Wilhelm I.
(1154—1166), Wilhelm IL (1166—1189), Kaiser Friedrich der Rotbart
(1152—1190), Friedrich IL (1212—1250), am meisten dessen Nachfolger
Manfred (1250—1266) und Karl von Anjou (1266-1284), die durch
die Kreuzzüge mit arabischem Wesen in Beziehungen gekommen
waren. Nicht bloss an den hebräischen, sondern auch an den latei-
nischen Uebersetzungen haben neben christlichen Gelehrten zahlreiche
jüdische Aerzte nennenswerten Anteil.
Historisch denkwürdig sind durch die systematische Aus-
übung der Uebersetzerthätigkeit, die einen grossen Teil ihrer Lebens-
arbeit ausmachte und in der That die Verbreitung der arabischen
Litteratur im Abendlande bewirkt hat, ausser Constantinus
Africanus (vgl. p. 643) vor allem zwei Männer, nämlich Gerhard
von Cremona (1114 — 1187) „der fruchtbarste Uebersetzer des
Mittelalters" (Steinschneider), der ohne selbständige Werke zu ver-
fassen, während eines grossen Teils seines Lebens in Toledo, eben
jenem Hauptsitz der Translatoren, und im speziellen Auftrage seines
Protektors Kaisers Friedrich des Rotbarts lediglich Uebertragungen
der Werke von Isaac Judaeus, Rhazes, Serapion, Abulkasim und Avi-
cenna angefertigt hat.
Ein Verzeichnis aller Arbeiten des Gerhard von Cremona findet sich ausser in
den bekannten Geschichistverken von Wüstenfeld und Ledere, bezw. in Wüstenfelds
Göttinger Akademie-Abhandlung {„Die arabischen Uebersetzungen" 1876) sotvie in
dem Schumschen Katalog der Amploniana zu Erfurt noch in der bemerkenswerten
Monographie von 31. JB. Buoncainpagni {Principe), Della vita e delle opere di
Gherardo Cremonese, traduttore del secolo XII etc. {Rom 1851). Es sollen im
ganzen mehr als 71 Werke geivesen sein.
Der andere der Hauptübersetzer ist der etwa ein Jahrhundert
später lebende Jude Faradj ben Salim oder Mose Farachi (auch
Faragut, Farrarius, Ferrarius, Franchinus) aus Girgent, dessen weit
korrektere Uebersetzungen insofern auch ein glücklicheres Schicksal
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 661
gehabt haben, als sie eine grössere Verbreitung fanden. Faradj war
in Salerno gebildet und übersetzte im Auftrage seines Protektors Karl
von Anjou seit 1279 verschiedene arabische Werke ins Lateinische
(wie aus der Ueberschrift zur Chirurgie des Pseudomesue hervorgeht,
in Neapel). Am bekanntesten und verdientesten und für die Geschichte
der Medizin am wichtigsten ist die Uebersetzung des Riesenwerks des
„Continens" (al-Hawi) von Rhazes (am 13. Februar 1279 beendigt),
wozu Faradj noch ein eigenes Glossar als „tabula de nominibus ara-
bicis" mit 727 Artikeln hinzufügte.
Nach Steinschneider (Hebr. Uebers. p. 974) entliält ein Pariser Prachtmami-
skript Miniaturen, die erst 1282 ausgeführt wurden, darunter dreimal die Figur
des Uebersetzers. Vergl. noch Virch. Arch. Bd. 39 p. 296 ; Paget, Clürurg. d. Heinr.
V. Mondeville [Berlin 1891) p. 594 u. „die angebl. Chir. d. Joh. Mesue jun.^' (ib. 1893).
Bezüglich eines dritten, oft als arabischer TJebersetzer genannten Autors,
Armengaud (Ermenganus, Hermengaud, Ermengaud) Blasii (Sohn des
Blasius) aus Montpellier (f 1314), Arzt Philipps des Schönen, ist es noch
zweifelhaft, ob er wirklich selbständig und überhaupt sich dieser Thätigkeit
gewidmet hat. Renan ist der Ansicht, dass A. nur aus dem Hebräischen
übersetzt hat. Wenn er etwas aus dem Ajabischen übertragen hat, und
einzelne handschriftliche Ausgaben melden es ausdrücklich (vgl. Stein-
schneider 1. c. p. 698 § 444), so ist das höchstwahrscheinlich durch Ver-
mittelung eines Juden geschehen (Profatius s. Jacob ben Machir). (Vgl.
Steinschneider 1. c. p. 778 und die daselbst angegebenen Quellen.)
Die Naturforscher der scholastischen Periode.
Wie die Mönchsmedizin, so hat auch die Scholastik eine Reihe
von Männern aufzuweisen, welche bei ihrer encyklopädischen Bear-
beitung der Wissenschaften auch die Naturwissenschaften in den Kreis
ihrer Betrachtung zogen und von dem Drang geleitet, Natur und
Offenbarung, Glaube und Wissen mit einander zu versöhnen, diese ganz
dem kirchlichen Zeitgeiste gemäss und im theologisch-philosophischen
Sinne behandelten. An der Spitze dieser Männer steht
Albert Graf von Bollstädt,
von der Nachwelt mit dem Beinamen des Grossen geehrt (1193 —
15. Nov. 1280).
Albert stammte aus Lawingen in Schwaben und war vermutlich von
seinen Eltern zunächt zur Jurisprudenz bestimmt. Doch scheint er bereits
während seiner Studienzeit in Padua an der Beschäftigung mit der Natur
grossen Gefallen gefunden zu haben, speziell an der Lektüre des damals
gerade zuerst in lateinischen TJebersetzungen zugänglich gewordenen Aristo-
teles. Im Alter von 30 Jahren trat er in den Dominikanerorden ein, hörte
aber neben seinen theologischen Studien niemals auf, naturwissenschaftlicher
Arbeit obzuliegen. Wenige Jahre nach seinem Eintritt in den Orden
schickten ihn seine Oberen als „Lector" nach Deutschland, wo er ver-
schiedentUch in Köln, Hildesheim, Freiburg i. Br., Regensburg und zuletzt
in Strassburg thätig war. Von hier ging er wieder nach Köln zurück und
mit geringen Unterbrechungen brachte er dort seine ganze übrige Lebens-
zeit zu. Hier wurden die berühmten Männer Thomas v. Cantimpre und
Thomas v. Aquino (vgl. weiter unten) seine Schüler. 1245 — 48 weilte er
in Paris zur Erlangung der Doktorwürde. 1254 wurde er von einem
662 Julius Pagel.
Provinzialkapitel in "Worms zum Provinzial der Provinz „Teutonia" (Süd-,
Mittel- und Nordwestdeutschland) gewählt. Als solcher musste er einem
Gelübde zufolge die Klöster von Thür zu Thür sich durchbettelnd besuchen.
1256 weilte Albert in Paris aus Anlass der Streitigkeiten zwischen der
Universität Paris und dem ein Privilegium als Nebenuniversität zu selb-
ständigem Unterricht beanspruchenden Bettelmönchsorden in Rom, wobei er
angeblich der Sache der Ordensbrüder zum Siege verhalf. 1259 wohnte er
einem Ordenskapitel in Valenciennes bei; 1260 zum Bischof von ßegens-
burg gewählt, nahm er dies Amt nur ungern an und abdizierte bereits 1263,
um dann definitiv in Köln bis zu seinem Lebensende zu verbleiben.
Albert verriet bereits als Student Sinn und Talent zur Natur-
forschung. Die Schriften des Aristoteles, die gerade damals durch
Uebersetzungen populärer zu werden anfingen, verfehlten ihren Ein-
druck nicht auf ihn; schon in den Augen der Studiengenossen wurde
Albert als der „philosophus" charakterisiert, weil er im Aristoteles
genau Bescheid wusste und einige seltsame, in Venedig und Padua
beobachtete Naturereignisse zu deuten verstanden hatte. — So ist es
denn nicht auffallend, dass ihm die Liebe zum Aristoteles zeitlebens
anhaftete und er der Aristoteles des Mittelalters genannt werden
konnte. An dies Vorbild lehnt sich Albert ganz und gar nicht bloss
in Disposition und Detailbeschreibung, sondern selbst in einzelnen
Kapitelüberschriften an. Mit den Naturforschern der scholastischen
Periode teilt Albert noch die Eigentümlichkeit, dass er (im Gegensatz
zu den Encyklopädisten der Mönchsmedizin) tiefer und erschöpfender
auf die Gegenstände der Natur eingeht und sich nicht mit blossen
oberflächlichen Angaben, die fast nur auf die Nomenklatur hinaus-
laufen, begnügt. — Als streng kirchlich gläubiger Mann musste er
selbstverständlich seine Aufgabe darin sehen, gleichsam zur Beruhigung
für sein eigenes Gewissen eine Brücke zwischen Aristoteles, dessen
Autorität sein Lebenselement war, und den kirchlichen Lehrsätzen,
an deren Wahrheit er keinen Zweifel laut werden lassen durfte, auch
wohl hegte, zu schlagen, und so erklären sich bei aller Anlehnung
an Aristoteles seine mehr auf transcendentem Boden stehenden
„Digressiones". Andererseits ist Albert relativ unbefangen und ge-
steht oifen ein: so sehr er in der Theologie dem Augustinus folgte,
in der Medizin müsse er Hippokrates und Galen als höheren Autori-
täten huldigen. Man muss es Albert zum Lobe ausdrücklich hervor-
heben, dass er streng zwischen natürlichen und übernatürlichen Er-
eignissen unterscheidet, und lediglich die ersteren als Objekte der
Naturbetrachtung ansieht, während er die letzteren an die Metaphysik
verweist. Freilich sollen hierher auch Genese und Schicksale des
Kosmos gehören, sowie manches andere, was nach anderen Anschau-
ungen eine natürliche Erklärung zulässt. Alberts Bestreben, die
Grenzen der Naturerkenntnis festzustellen, birgt bereits die Keime
einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Naturphänomene und
die Anerkennung von der Notwendigkeit „rerum cognoscere causas"
und nicht lediglich alles vom lieben Gott abzuleiten. Man muss also
Albert schon zu den rationelleren Denkern seiner Zeit rechnen, obwohl
ihn die Fesseln der Scholastik genugsam drücken, und er seine
Meisterschaft in der dialektischen Kunst, von seinem eifrigen Domini-
kanerstandpunkt aus die Naturgesetze den Kirchenlehren unterzuordnen,
in geradezu imponierender Weise bekundet. Doch rechtfertigen seine
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 663
aufrichtige Frömmigkeit, seine tiefe Gelehrsamkeit, sein grenzenloser
Fleiss, der Drang nach Universalität, seine Vielseitigkeit in der Pro-
duktivität die allseitige Anerkennung, die er bei Mit- und Nachwelt
gefunden hat und stempeln ihn thatsächlich zu einer hervorragenden
Erscheinung im Mttelalter,
Drei Domänen, Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften
beanspruchen in gleicher Weise diesen Polyhistor, den „phoenix
doctorum" oder „philosophorum princeps", wie er noch (in einem
Epitaphium) heisst, als den ihrigen. An dieser Stelle können nur die
naturwissenschaftlichen Arbeiten in Betracht gezogen werden. Leider
ist ihnen das Schicksal aller mittelalterlichen Schriftwerke zu teil ge-
worden, dass eine Scheidung des Echten vom Unechten mit ausser-
ordentlichen Schwierigkeiten verknüpft und bis heute noch nicht durch-
führt ist.
Nach den Hmiptbiographen der tieueren Zeit {Choulant «. Meyer) haben wir
folgende naturwissenschaftliche Schriften als echt anzusehen (in chronologischer
Ordnung nach ihrem Entstehen aufgezählt): 1) Physicorum libri VIll, 8 Bücher
über Naturwissenschaften {auch de physico auditu genannt), schliessen sich an des
Aristoteles physica an und behandelten die allgemeine Naturlehre, die Lehre von den
Kräften und der Bewegung sehr systematisch und ausführlich. 2) de coelo et mundo
l. IV, 4 Bücher über Himmel und Welt, allgemeine Grundsätze über Bewegung der
Himmelskörper, ebenfalls nach dem gleichnamigen Buche des Aristoteles. 3) de
natura locorum, Klimato- u. kurze Kosmograj^hie mit zahlreichen ethno- u. physio-
logischen Bemerkungen. 4) de causis p^-oprietatum elementorum, die Begründung
der spezifischen Eigentümlichkeiten der Elemente nach den physikalisch -geographi-
schen Verhältnissen. 5) de generatione et corruptione libri II. 6) Meteororum libri TV,
Meteorologisches u. Physikalisch-Geographisches. 7) de mineralibus libri V. 8) de
anima libri III. 9) de nutrimento et nutribili. 10) de sensu et sensato. 11) de
memoria et reminiscentia. 12) de intellectu et intelligibili libri II. 13) de somno
et vigilia. 14) de juvejitute et senectute. 15) de spiritu et respiratione libri IL
16) de motibus animalium libri II {von den willkürlichen und unwillkürlichen Be-
wegungen der Tiere). 17) de vita et morte. 18) de vegetabilibus et plantis libri VII.
19) de animantibus. — Für die Beurteilung der natuncissenschaftlichen Kenntnisse
Alberts kommen als die icichtigsten die sub Nr. 7, 18 «. 19 genannten Schriften in
Betracht. Ar. 7 enthält eine ausführliche Darstellung de?- allgemeinen Eigenschaften
der Mineralien, die Beschreibung von 95 Edelsteinen, darunter auch die Perle, von
7 Metallen, Satz, Vitriol, Alaun, Arsenik, Marcasit {Schtcefelkies), Nitrum, Tutia,
Electrum. — Eine schöne Ausgabe von Nr. 18 erschien durch Meyer u. Jessen
{Berlin 1867). — Dazu kommen zahlreiche A^-beiten spezifisch thologischen und philo-
sophischen Inhalts, und nicht tcenige, sicher unechte, Alchemie, Astronomie u. Astro-
logie betreffende, so u. a. auch das berüchtigte Machtverk de secretis mulierum mit
einer z. T. direkt schlüpfrigen Tendenz. — Alberts Werke sind entspi-echend dem
grossen Ansehen ihres Verfassers bald nach Erfindung der Buchdruckerkunst partiell
und in zahlreichen Gesamtausgaben erschienen. Von letzteren ist die bekannteste
in XXI Foliobänden von Petrus Jamy {Lyon 1651) mit Marginalindices, Varianten
und Registern. Auch deutsche, französische, italienische und polnische Veber-
setzungen einzelner Schriften existieren. — Vgl. besonders die Biographien von
Choulant im Janus I {1846) p. 127—160; Meyer, Geschichte der Botanik IV
P- 9 — 84 und die daselbst angegebenen Quellen, sowie wegen der Litteratur der
jüngeren Zeit Haeser l. c. I u. Paget, Med. Biblogr. de 1875—96.
Grössere Verbreitung als Alberts Werke, wenn auch ihrem inneren
Gehalt nach hinter diesen weit zurückstehend, fanden die Arbeiten
dreier anderer Naturforscher der scholastischen Periode, nämlich des
Engländers Bartholomaeus Anglicus; des Niederänders Thomas
de Cantimprato und des Franzosen Vincentius Bellovacensis.
Das "Werk des Erstgenannten, betitelt „de genuinis rerum coelestium,
terrestrium et infernarum proprietatibus libri XVIII, cui [sie !) accessit liber
XIX, de variarum rerum accidentibus", um 1258 — 1260 verfasst, ist durchaus
664 Julius Pagel.
minderwertig und von derselben Gattung wie die oben charakterisierten
Produkte der Mönchsmedizin. v. Töply in seinen gründlichen ,, Studien
zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter" (Leipzig und "Wien 1898)
schliesst seine ausführliche Analyse des Bartholomaeus (p, 113—121) damit,
dass er sagt, man wird diesem Autor nicht allzu nahe treten, wenn man
seine mühselige Arbeit als kritiklose Kompilation bezeichnet. Das 5. Buch,
welches die Anatomie behandelt, ist ganz nach Isidor v. Sevilla gearbeitet. —
Trotzdem war das Werk sehr populär, wie die grosse Zahl der Ausgaben
beweist (vgl. v. Töply 1. c. und die dort angegebenen Quellen). — Auf
keiner höheren Stufe steht die bis jetzt nur handschriftlich vorhandene
Kompilation „de naturis rerum'* des Thomas v. Cantimprö (Canti-
pratanus), sogenannt von dem Kloster bei Cambrai, an welchem er als
B,egularkanonikus wirkte. Das Werk wird irrtümlicherweise öfter Th.'s
Lehrer Albertus Magnus zugeschrieben ; doch bekennt sich Th. in dem
Prologus zu seinem ,,Bonum universale de apibus" ausdrücklich zur Ver-
fasserschaft mit den Worten:
„Revolvi autem librum illum de natura rerum quem ipse multo lahore per
annos 15 de diversis auctoribus utilissime compilavi."
Thomas stammte aus Peters Leeuw bei Brüssel, wo er 1204 geboren
wurde, war anfangs Augustiner und in der oben genannten Stellung, trat
1232 zu den Dominikanern über, war in Köln unter Albert dem Grossen
und später in Paris zur Erwerbung des Magisteriums, die ihm jedoch nicht
glückte, und kehrte 1240 als Lector nach Löwen zurück, erhielt dann das
Amt eines Generalpredigers der Provinzen Deutschland, Frankreich und
Belgien und starb am 15. Mai 1280. Er soll sehr gelehrt und namentlich
ein Kenner des Griechischen gewesen sein. Unter seinen litterarischen
Arbeiten befinden sich auch Uebersetzungen einiger aristotelischer Schriften
ins Lateinische. Das oben genannte Werk ist, soweit die Inhaltsübersicht
und ein Analogieschluss aus anderen gedruckten Werken des Thomas ein
Urteil gestattet, sicher nichts weiter als eine mehr weniger redaktionell ge-
änderte Nachahmung der Vorgänger und eine blosse Entlehnung der älteren
Mitteilungen ohne selbständige Nachprüfung und eigene Beobachtung. (Vgl.
V. Töply 1. c. p. 109 — 113.) — Für das geringe Niveau naturwissenschaft-
licher Anschauungen und der Anforderungen, die die Zeitgenossen an der-
artige Arbeiten stellten, • ist keine Thatsache charakteristischer, als die Be-
liebtheit des Buches von Thomas. Wahrscheinlich hatte es für einzelne
Kreise nur den Fehler zu grosser Beleibtheit; nur so lässt sich das Be-
dürfnis nach den zahlreichen Umarbeitungen und Auszügen aus demselben
erklären. Thomas hatte viel aus- und abgeschrieben, ihm wurde das Schicksal
zu teil, gleichfalls als Quelle für weitere Entlehnungen zu dienen. Auf einem
solchen Auszug beruht das vielberufene ,,Puch der Natur'* von Kunrat
vonMegenberg 1307 — 1374 (eigentlich Maydenberg, de Monte Puelllarum,
vgl. Graesse II 2 p. 81 u. 571), das nichts weiter ist als eine durch zahl-
reiche Abweichungen vom Original unkenntlich gemachte und mit Pseudo-
originalität ausgestattete deutsche üebertragung einer solchen freien latei-
nischen Bearbeitung von ,,de rerum naturis'' des Thomas Cantimpre. Dieses
populäre Buch (herausgegeben von Fr. Pfeiffer, Stuttgart 1862, in neuhoch-
deutscher Sprache bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von Hugo
Schulz, Greifswald 1898) stellt als erste Naturgeschichte in deutscher
Sprache eine litterar historische Rarität dar, ist jedoch ohne jeden wissen-
schaftlichen Wert. Es strotzt von irrtümlichen und abergläubischen Mit-
teilungen, ganz wie sein entferntes Vorbild. Der Verfasser machte seine
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 665
Studien in Erfurt und Paris und war Kanonikus in Regensburg. Anerkennens-
wert ist allenfalls die zeitweise hervortretende liberale Gesinnung des Ver-
fassers, der keine Bedenken trägt, kirchliche Missbräuche und sittliche Defekte
bei seinen Berufsgenossen zu verspotten.
Vgl. ausser den bei Haeser 1 p. 699 genannten Quellen noch H. Sprenger^
Ziu Conrad v. Megenberg^s Buch der Natur, Germania Viertel jahrsschr. f. d. Alter-
thum 1894. — Auf ähnlicher Basis beruht wahrscheinlich auch die als Meinauer
Naturlehre bekannte, erst 1851 von Wackefnagel {Bibl. d. litter. Vereins Bd. 22
p. 1 — 19) edierte Schrift, die vielleicht aus einem Werk der Schule von Salerno oder
Montpellier entlehnt ist. Den in Bezug auf die eigentliche Medizin sehr dürftigen
Inhalt bilden diätetische Bemerkungen und eine Aufzählung der vier Temperamente.
Dasselbe gilt von einigen anderen encyklopädischen Werken des 13. — 14. Jahr-
hunderts, so von den „Li Livres diu Tresor"^ des ßintnetto Latini {f 1294) aus
Florenz, eines Zeitgenossen Dantes {vgl. G^-aesse l. c. II p. 1202 ff.), sowie von
den „Composizione del mundo'^ des Fistoro (VArezzo {um 1282, herausgegeben
von Enrico Narducci, Rom 1859). Lediglich auf Botanik und Landwirtschaft be-
zieht sich das bei Meyer IV p. 138 gründlich analysierte „Opus ruralium commo-
dorum" von Petrus de Crescentiis, einem Atttor aus dem Anfang des 14. Jahr-
hunderts {vgl. Janus N. F. II 1853 p. 380). — Eine Reihe populärmedizinischer
Schriften der mittelalterlichen Litteratur {wie der „Gart, der Gesundheit", das
Arzneybuch des Ortolff v. Bayrlandt u. a.) wird später zu erwähnen sein.
Bei weitem bedeutender und für die Medizin nicht unwichtig ist
der dritte in der Serie der oben genannten naturwissenschaftlichen
Encykloplädisten nach Albert, der berühmte VincenzvonBeauvais
(Vincentius Bellovacensis), von dessen Leben nur soviel be-
kannt ist, dass er „Lector"' bei Ludwig IX. dem Heiligen war und
1264 starb. Ausser zahlreichen theologischen Schriften verfasste er
das voluminöse „Speculum majus tripertitum" in 3 Teilen,
als : speculum naturale, historiale und doctrinale, „die umfang- und in-
haltreichste Encyklopädie aller Wissenschaften, welche bis dahin er-
schienen war" (Meyer).
Die Kgl. Bibliothek zu Berlin besitzt {unter A. 4040) ein prachtvolles Exemplar
{editio princeps) des Speculum naturale in zwei Riesenfolianten, welche aus der
Bibliothek der Breslauer Dominikaner stammen. Druck und Ausstattung { Ver-
zierung der Initialen) sind ganz ausgezeichnet, offenbar handelt es sich um eine In-
kunabel aus der ersten Zeit nach Erfindung der Buchdruckerkunst. Näheres über
Druckjahr und -Ort fehlt.
Das Speculum naturale, dessen Beendigung in das Jahr 1250 fallt,
umfasst 33 Bücher mit 3740 Kapiteln. Der Stoff ist ganz nach den
sechs Schöpfungstagen gegliedert. Mit Buch 19 beginnt der 6. Schöpfungs-
tag („de opere sexti diei etc."). Buch 2Ö handelt von der Anatomie
des Menschen („de formatione corporis humani"). Buch 32 (,.de humana
generatione etc.") von Zeugung, Geburt, Wochenbett, Lebensalter,
Temperament, Krankheitsanlagen, Tod u. s. w. Citiert werden ausser
den Kirchenvätern und Philosophen Augustinus, Cassianus, Gull, de
Conchis, Gregorius (von Nazianz?), Hieronymus, Maurus noch Hippo-
krates, Aristoteles, Plinius, Palladius, Avicenna, Razes, Isaak, Hali
Abbas, Constantinus (Africanus), Platearius, Salernus, Isidors Etymolo-
giae, Albertus, das Buch „de rerum naturis" (vgl. weiter unten), im
ganzen sind Excerpte aus vielen Hunderten von Schriften bezw.
Schriftstellern gegeben; dagegen bin ich merkwürdigerweise auf ein
Citat aus Galen nicht gestossen. Am Schluse des speculum naturale
befindet sich ein bis etwa 1250 fortgeführter kurzer Abriss der Welt-
geschichte. — Das Werk von Vincenz v. ßeauvais ist mit bewunderns-
wertem Sammelfleiss hergestellt; es stützt sich aber nicht bloss auf
055 Julius Page 1.
fremde Citate, sondern bringt auch sehr verständige Ansichten des
Verfassers selbst (unter dem Stichwort „Autor"). Die Sprache ist klar
und leicht verständlich, oft von dem bekannten simpeln Stil; durch
Einflechtung interessanter Vergleiche entbehrt der Inhalt nicht eines
gewissen Eeizes, so dass die Lektüre sich zu einer fesselnden gestaltet.
Vgl. Haeser l. c. I p. 697 , Meyer IV u. die dort genannten Quellen,
ferner A. Rieunier, Quelques mots sur la medecine au moyen-äge d^apres le Spe-
culum majus de Vincent de Beauvais XIII. siecle, Paris 1893; JT. B. Bourgeaty
JE]tudes siir Vincent de Beauvais, Paris 1856.
In ungefähr dieselbe Periode und Gattung von Schriften gehört
auch die 1863 ans Licht gezogene Schrift „de rerum naturis".
des englischen Geistlichen Alexander Neckam (Nechamus, Nequam,
de Nuques), in welcher die naturwissenschaftlichen Kenntnisse jener
Zeit in kompendiöser Form mit einer theologischen Exegese zum Eccle-
siasticus verflochten sind.
Neckam (1157 — 1227) stammte aus Hartford in England, studierte an
französischen und italienischen Universitäten, trat dann in das Augustiner-
kloster zu Exchester ein, dessen Abt er seit 1225 war. Er starb in
Worchester. N. ist bemerkenswert dadurch, weil er der älteste europäische
Schriftsteller ist, bei welchem der Boussole Erwähnung geschieht.
Vgl. Crraesse l. c. II 2 p. 234; Haeser l. c. p. 641; Steinschneider,
Hebr. Uebers. d. Mittelalters p. 964.
Ein Zeitgenosse und Freund von Neckam ist Alfred de Sereshel
(oder de Sarchel), auch Alfredus Anglicus geheissen, ein bedeutender
Kenner des Aristoteles und Verfasser einer Nequam gewidmeten Schrift de
motu cordis.
Vgl. C. 8. Barach, Excerpta e libro Anglici de motu cordis item Costa
Ben Lucae de differentia animi et spiritus über translatus a Johanne Hispalensi
(Innsbruck 1878).
Die scholastischen Mediziner.
Italien.
Die scholastische Medizin ist nicht bloss chronologisch, sondern
auch pragmatisch als Tochter der Mönchsmedizin zu bezeichnen. Beide
sind sozusagen aus demselben Blute, nur ist die Scholastik noch an
der Brust der arabischen Amme gesäugt und hat dadurch ein anderes
Kolorit erhalten. Die Tradition der Klosterschulen fand eine würdige
Fortsetzung und Erbin an der Scholastik ; ihre getreuen Hüter wurden
die Universitäten. Bildeten nicht Salerno und allenfalls Montpellier
die ehrenvolle Ausnahme, so könnte man sagen: Universität und
Scholastik sind an einem Tage geboren. Beide bedeuten eine Art von
wissenschaftlichem Aufschwung insofern, als ihnen die Tendenz zur
gelehrten Gründlichkeit eigen ist, wie sie sich besonders in der er-
schöpfenden Durchrüttelung und Durchschüttelung (Discussio et Dis-
putatio) des Thema probandum, in den Citaten der verba magistrorum,
in den gelehrten Zuthaten „Schollen" genannt, in Kommentaren und
Superkomm entaren, in einem lebhaften Frage- und Antwortspiel zeigt.
Indessen eben diese wissenschaftliche Methode, für Theologie und
Philosophie das Ideal einer solchen, gereichte der Medizin und Natur-
forschung zum Verderb. Duo cum faciunt idem non est idem. Die
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 667
theologische Physiognomie aller Wissenschaften mit Dogma an der
Spitze und Autoritätsglauben als Grundsäule verurteilten von vorn-
herein die Heilkunde zum Stillstand, zur praktischen ünfruchtkarkeit
und führten sie fast an den Rand des Abgrunds. Dennoch überragt
immerhin die Scholastik ihre mönchsarzneiliche Mutter der früheren
Jahrhunderte. Schon zeigt sich wenigstens das schwache Bestreben
nach Emanzipation, nach Selbstbefreiung von dem legendarischen und
naiven Charakter, der den Produkten der Mönchsmedizin anhaftete,
wenn auch viele Züge noch zu deutlich die gemeinschaftliche Ab-
stammung, die Blutsverwandtschaft verraten. Eine gewisse Neigung
zur eigenen Beobachtung und selbständigen Prüfung der Ueberliefe-
rungen ist nicht zu verkennen, aber die Methode ist eine falsche; es
weht ein kräftiger Hauch von Ratio, aber ohne Experimentum ; es
steckt ein tiefer wissenschaftlicher Ernst in allen Arbeiten der
scholastischen Periode, aber Ziele und Wege sind eine Kette von
Irrungen und Zirkelbewegungen. Selbst die Autoren der zahlreichen
Kompilationen machen sich ihre Thätigkeit durchaus nicht leicht;
fleissig suchen sie ihre Quellen auf und eitleren sie; in wahrhaft
rührender Weise quälen sie sich damit ab, ihren Behauptungen durch
vermeintlich beweiskräftige Momente den nötigen Nachdruck zu geben ;
mit einem staunenswerten Aufwand von dialektischen Künsten und
logischem Formalismus, mit einer Citatenwut sondergleichen, mit einem
förmlichen Turmbau von Propositiones, Quaestiones, Argumentationes,
CoUectiones, RecoUectiones, Quodlibetationes sollen Widersprüche aus-
geglichen, in den oft willkürlich angenommenen Differenzen die Sphäre
der Harmonien nicht minder willkürlich retabliert werden. Man kann
sich von dieser Art von Lehre und Beweisführung ohne Lektüre der
Originalien kaum eine Vorstellung machen. Man glaubt sich in die
Talmudschulen der Juden oder die arabischen „Medrasat" versetzt,
nur der eigentümliche begleitende Singsang fehlt, im übrigen ist die
Aehnlichkeit eine geradezu frappierende. Uns erscheinen diese ganze
Art der Fragestellung, die oft bei den Haaren herbeigezogenen Ein-
wände in den stereotypen Satzanfängen, wie: Hie oritur quaestio famosa,
oder quaestio salbatina, quaeritur utrum etc., arguitur quod sie, ad
hoc quod dicis, ad primum respondeo . . . , ad secundum etc., major patet,
minor etc., ergo etc., wobei nicht selten offene Thüren mit aller Kraft
eingerannt werden, völlig unbegreiflich. Dahin hatte die Kirche mit
ihrem fanatischen Dogmenzwang die medizinische Forschung gebracht!
Nachdem Galen und Avicenna förmlich heilig gesprochen waren, wie
hätten grosse und kleine Geister wagen dürfen, an diesen Ketten zu
rütteln, welche anderen Hilfsmittel als die der Dialektik hätten sie
verwenden können, um als blind gehorsame Sklaven nicht gegen die
von der Kirche anerkannten und von ihr als massgebend betrachteten
Autoritäten zu Verstössen?! Es ist überdies kein Zufall, dass die-
jenigen beiden Universitäten in Italien, welche die berühmtesten Rechts-
schulen jener Zeit beherbergten, nämlich Bologna und Padua, die
eigentlichen Centren der scholastischen Medizin wurden. Formelkram
und dialektisches Gezanke, Buchstabendeutung und Wortklauberei,
diese wahren Wonnen der Juristen, wurden leider auch die Signatur
der Medizin an diesen Schulen, deren Hauptführer in Bologna zunächst
Thaddaeus Alderotti (1215—95)
aus Florenz war.
668 Julius Pagel.
lieber die Lebensgeschichte dieses merkwürdigen Mannes finden sich
in den Schriften desselben zahlreiche autobiographische Daten. Von neueren
Historikern beschäftigt sich Puccinotti in seiner Storia di med. (II 2 p. 289,
340) am ausführlichsten mit Thaddäus. Er schwelgt förmlich in der
breitesten Darlegung von dessen ..physiologischen" und philosophischen
Doktrinen, die eher in ein Lehrbuch der katholischen Moraltheologie oder
Philosophie als ein solches der Medizin gehörten. — Thaddäus stammte aus
einer ganz ärmlichen Familie der niedersten Volksstufen und soll bis zu
seinem 30. Lebensjahre ohne jede höhere Bildung und Erziehung geblieben
sein. Er erwarb seinen Lebensunterhalt durch Verkauf von Kerzen. "Wie
er selbst mitteilt, war er Soranambulist. Erst im kräftigen Mannesalter er-
wachte bei ihm der Lerntrieb; er begann 1245 mit grossem Eifer das
Studium der Philosophie und Medizin in Bologna. 1260 trat er zuerst als
Lehrer, 1269 als Schriftsteller hervor. In der Praxis hatte dieser gelehrte
Scholastiker enorme Erfolge. Er war u. a. Arzt des Papstes Honorius IV.
und gewann ein grosses Vermögen. Trotz seines Eigennutzes genÄss er bei
seinen Landsleuten grosse Popularität, so dass ihm allerlei Privilegien, Steuer-
befreiung u. dgl. eingeräumt wurden. Er stand im Verkehr mit den
berühmtesten seiner Zeitgenossen, u. a, mit Dante, der ihn als „Hippokratist"
bezeichnete. Noch im Alter von 80 Jahren heiratete er. — Seine schrift-
stellerische Thätigkeit ist ziemlich umfangreich gewesen ; die meisten Schriften
bilden Kommentare zu griechischen und arabischen Autoren, weshalb ihn
Choulant, meines Erachtens mit Unrecht, zu den Vertretern der sogen, „grä-
cisierenden" Scholastik zählt. Eher kann man sagen, dass in Thaddäus
die Verschmelzung des Gräcismus mit dem Arabismus perfekt wird. —
Auch als Uebersetzer ins Italienische ist Thaddäus hervorgetreten (wofür
Puccinotti 1. c. II 1 p. XLIV eine Probe aus der Ethik des Aristoteles
liefert). Die meisten seiner Schriften sind aus Aufzeichnungen für die Vor-
lesungen hervorgegangen, daher ausser öfteren autobiographischen Notizen
noch allerlei persönliche Bemerkungen darin vorkommen, wie : ich will zu
Bette gehen, also genug für heute, oder : ich schliesse, weil das Papier zu
Ende ist und ich müde bin, oder: diese Note ist in Pisa gemacht, als ich
einen Krankenbesuch dort machen wollte u. dgl. — Von den Schriften, die
z. T. in einer Neapeler Ausgabe von 1522 und in einer Venediger Aus-
gabe von Joh. Bapt. NicoUinus Salodiensis (1527) gedruckt, z. T. noch
handschriftlich in den Bibliotheken vorhanden sind (einige Consilia hier-
von hat Puccinotti 1. c. I p, XIV — XXVII abgedruckt), seien genannt:
Expositio in arduum Hippocratis volumen, bestehend aus
Glossen zu Hippokrates' Aphorismen und dem galenischen Kommentar der-
selben, ferner Kommentare zu Galens Microtechne, der Isagoge von Johannitius
und ein mehr selbständiges Werk diätetisch-hygienischen Inhalts unter dem
Titel: hber sanitatis conservandae factus et adinventus etc. (Bonon. 1477,
auch italienisch). Die Berliner Bibliothek besitzt von Thaddäus die oben
genannten beiden Ausgaben in einem dicken Folianten vereinigt (asserviert
sub Vr 3140). Vgl. noch v. Töply: Mann und Weib. Eine Abhandl.
V. T. A. Wiener klin. Eundsch. 1899 Nr. 41—42.
Thaddäus war ein durch und durch philosophastischer Gelehrter»
der winzige Kern von Beobachtungen ist erstickt und begraben unter
einer dicken Hülle von philosophisch-dialektischen Zusätzen. Pucci-
notti giebt sich grosse Mühe den Zusammenhang zwischen Thaddäus
und dem bekannten römischen Philosophen A. M. T. S. Boethius (gest.
525) durch komparatives Material zu erweisen. — Es ist unmöglich,
Geschichte der Heilknnde im Mittelalter. 669
sich auch nar im entferntesten von der Art der Argumentation, von
der Methode, die den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen dieses
Hauptes der Scholastiker zu Grunde liegt, ohne die Originallektüre
ein Bild zu machen. Das Ganze ist ein wahrer Eattenkönig von
Fragen und Antworten und erregt schliesslich bei fortgesetzter Lektüre
den höchsten Widerwillen.
Es mag daher ein kleiner Passus ans Kap. X seines Kommentars zur be-
kannten Isagoge des Joannitius hier in deutscher Sprache reproduziert werden. Er
lautet: Frage d: Ob jemand im Schlaf Sinnesempfindurig haben kann? Mit Bezug
auf diese Frage 4 gehe ich folgendermassen vor: Es scheint, als ob der Mensch
schlafend fühlen kann, da er doch auch im Schlaf sich bewegt, wie das an den
Nachtwandlern (zu denen ich auch gehöre) klar wird. Bewegung ist aber mit Gefühl
verbunden, tceil beide auf derselben Stufe stehen {aequalia sunt). Ausserdem tcissen
tcir, dass sie, nämlich die Nachtwandler, ein Pferd satteln U7id reiten, dies ist aber
ohne Sinnesthätigkeit unmöglich. Hinwiederum ist nach einem Ausspruch des
Aristoteles (in der Schrift über Schlafen und Wachen) Schlaf das Unvermögen des
Sinnesgebrauchs und die Unerregbarkeit (immobilitas) der Sinnesthätigkeit, also
fühlt der Mensch im Schlaf nicht. Hierauf {nämlich auf diese Widn'sprüche
zwischen der letzteren und der vorhergehenden Schlussfolgerung) antworte ich, dass
zweifellos der Mensch im Schlaf nichts fühlt und räume die Begründung nach dieser
Seite ein. Wenn man mir nun einwendet, dass der Mensch, da er sich im Schlaf
bewegt, auch Gefühl haben muss, so erwidere ich darauf, dass jene Bewegung (näm-
Hch die im Schlafe) nur geschieht als Folge einer Einwirkung auf das Einbildungs-
vermögen (motus non fit nisi ab impressione facta in virtute imaginativa), das im
Schlafe gut funktioniert {bene operatur). Wendet man nun ein, dass mit der Be-
tvegung zugleich auch die Sinnesempfindung verwaiulelt wird, so ist das wohl richtig
hinsichtlich der äusseren Uebereinstimmung (secundum aptitudinem), aber nicht der
eigentlichen Funktion {secundum actum), daher fühlen tcir meistens, ohne ein Glied
zu bewegen ^lnd umgekehrt {wie sich das aus dem vorhin Gesagten ergiebt). In Bezug
auf den zweiten Einwand, wenn du sagst ^ dass sie selbst ein Pferd satteln und
reiten, entgegne ich, dass sie dies mit Hilfe der Einbildungskraft thun und nicht
mit dem Gefühlssinn {no7i per visum); denn wäre ihnen das Haus unbekannt (tn-
solita, d. h. befanden sie sich in einer fremden Umgebung), so würden sie nicht zum
Stall gehen, vielmehr gehen sie aus Gewohnheit, ähnlich wie das bei Meister Com-
pagus dem Blinden der Fall ist, der infolge seiner genauen Bekanntschaft durch
die Strassen von Bologna ohne Begleiter geht. Ueberaies kenne ich das aus eigener
Erfahrung, da ich schon schlafwandelnd aus einer Höhe von 4 Fuss zur Erde ge-
fallen bin. Ich sage also, dass ich nichts fühle. Denn sobald ich zu frieren beginne
oder ich jemand sprechen höre, kehre ich zu mir zurück {bekomme ich Bewusstsein)
und begebe mich ins Bett" u. s. tc. — hi diesem Tone geht es weiter. {Vgl. die
oben genannte Ausgabe T. II fol. 362^ Columne 2 Zeile 27.)
Es soll im übrigen nicht geleugnet werden, dass den Ausfüh-
rungen des Thaddäus eine gewisse Lebhaftigkeit eigen ist, wie er
denn überhaupt ein sehr guter Lehrer gewesen sein soll, der auch
praktischen Unterricht am Krankenbette erteilte, sowie als Vorläufer
von Jacques de le Boe Sylvius und Boerhaave gelten kann. — Die
didaktische Bedeutung des Thaddäus geht aus der Thatsache hervor,
dass zahlreiche Männer in seine Fusstapfen traten und direkt zu seinen
Schülern gezählt werden, und zwar Männer, die als Schriftsteller und
Praktiker auch ihrerseits das Niveau des Mittelmasses überragten.
Ausser dem (später ausführlich zu behandelndeiy Chirurgen Saliceto^
gehört hierzu der sogenannte „Plusquamcommentator" (nomen
et omen!) Torrigiano de Torrigiani (mit dem vollständigen
Namen Pietro Torrigiano Rustichelli, auch Trusianus oder Drusianus
de Valori geheissen), „prinius inter ceteros Taddei auditores", gebürtig
aus Santo Procolo bei Florenz, dem Heimatsorte des Historikers und
Biographen Torrigianos, Philippo Yilani, nach einem mehrjährigen
Pariser Aufenthalt Karthäusermönch in Bologna, wo er etwa 1350 ge-
storben ist. In dem „Commentum in librum Galieni qui mi-
yvw^
670 Julius Pagel.
croteclmi intitulatur", seinem Hauptwerk, von dem der Autor
seinen Beinamen hat, sind einzelne nicht üble Gedanken, das meiste
ist jedoch philosophistisch-aprioristische Deutelei ohne thatsächlichen
Wert. Der grosse Ruf dieses Buches charakterisiert den Geist der
Zeit zur Genüge, ist übrigens z. T. auf Rechnung des Ansehens zu
stellen, welches das Original, die Microtechne selbst, besass.
Der Schluss des Einleitungskapitels motiviert den Namen Plusquam commentum
mit folgenden Worten: „Et quoniam in hoc dicto nostro non solum mentem Galeni
proponimus comminisci sed sepe disgredientes aliqua faciemus intercipi medicis non
inutilia sciri, ideo plusquam commentum appellamus. Et deus sit dator auxilii."
Besonders abgedruckt daraus sind „ Canones balneandi" cap. XXXI in der Gollectio
de haineis {Venedig 1553). Vgl. Henschel im Janus N. F. II 1853 p. 400.
Fruchtbarer als Schriftsteller und Praktiker ist ein anderer
Schüler (und zugleich Verwandter) des Thaddäus, Dino de Garbo
(f 1327), Professor in Bologna und anderen Städten, zuletzt in Florenz,
ein Sohn des hervorragenden Florentiner Chirurgen Bruno oder Buono,
Schwagers von Thaddäus. — Nach den Mitteilungen seines sogleich
zu nennenden Sohnes war Dino ein grosser Verehrer des Galen, dem
er wie seinem Evangelium folgte. Daneben wandte er aber seine
Aufmerksamkeit der arabischen Litteratur zu, speziell dem Avicenna,
dessen Canon er teilweise in sehr weitschweifiger Weise kommentierte.
Vielfach wurde er zu schriftstellerischer Thätigkeit von seinem hohen
Protektor, dem König Robert von Sicilien, angeregt.
Die Kommentare des „Dynus Florentinus" zu Avicennas Canon beziehen sich
speziell auf 1. 1 f. 4, l. II und den Abschnitt über Chirurgie. Ausgaben erschienen:
Ferrara 1489, Vened. 1594 (Kgl. Bibl. Berlin). Hauptsächlich handelt es sich um
„^uaestiones" und deren Beantwortung ganz in scholastischer Manier. Die Ein-
leitung zu l. I f. 4 besagt, dass der Kommentar vom Verf. 1311 im 6. Jahr seiner
Lehrthätigkeit in Bologna begonnen wurde (w. nach dem „Explicif^ 1315 beendigt).
Der Kommentar zu l. II schliesst mit dem Explicit: „Et finita est et completa
haee expositio et declaratio hujus partis Avicenne anno xpi 1325, 27. mens. Octobris.
Quam ego Dynus de fi,orentia minimus inter medicine doctores incepi cum viguit
Studium in civitate Senarum et hanc partem Avicenne ibi in cathedra legi sed eam
complevi cum Florentiam redii propter illius studii diminutionem et annihila-
tionem . ... et hoc opus Senis incepi et florentie feliciter terminavi. — lieber den
Streit des Dino mit dem gefeierten Dichter, Philosophen und {eine Zeitlang) Leibarzt
Johanns XXII. in Avignon, Cecco dl Asculo {f 132T), zuletzt Professor der Astro-
loqie in Bologna, der bekanntlich nicht ohne Miticirkung des Dino de Garbo zum
E^euertode verurteilt wurde, vgl. Henschel im Janus N. F. II 1853 p. 395;
vgl. ferner Puccinotti, Storia di med. II 1 p. LXXXIX und wegen der Be-
deutung Dinos als chirurgischer Schriftsteller das grosse Geschichtsiverk der
Chirurgie von E. Gurlt I p. 799 {Berlin 1898).
Dinos Sohn und Nachfolger, Tommaso di Garbo (f 1370),
Freund und Landsmann von Petrarka, ein sehr gesuchter Arzt, ver-
fasste eine (unbeendigt gebliebene) „Summa medicinalis" (Venedig
1506, Kgl. Bibl. Berlin), mehrere Pestkonsilien, eine von Kennern ge-
rühmte „Expositio super capitulo de generatione embryonis III. Canon,
f. 21 Avicennae" (Vened. 1502, Kgl. Bibl. Berlin, zusammen mit einer
ähnlichen Schrift des Jacobus Forliviensis, s. diesen), einen Kommentar
zu Galens „de febrium differentiis" und andere kleinere Schriften.
Das Exemplar der summa medicinalis in der Kgl. Bibl. zu Berlin 119 Folio-
blätter stark, enthält noch einen „Tractatus de restauratione humidi radicalis^' in
5 Kapiteln und einem „tract. de reductione medicinarum ad actum'"'. — Der An-
fang der summa medicinalis lautet: Quoniam sublimis Deus omnium naturalium
et supernaturalium est opifex vitam et esse creaturis distribuens secundum distinctos
gradus et ordines: Idcirco in hujus nostri operis exordio etc. Das Werk ist nach
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 671
80 Quaestiones im I. Buch und 11 Quaestiones im IL Buch, das aus 4 Traktaten
besteht, geordnet. — Vgl. Henschel l. c. p. 405; Puccinotti l. c. II 2 p. 346.
Als Vertreter der Bologneser Schule nach Thaddäus sind zu nennen
Angehörige der (ursprünglich jüdischen) Aerztefarailie Varignana:
Bartolommeo, ein an den politischen Angelegenheiten seines Landes
hervorragend beteiligter Arzt, dessen Arbeiten. Consilien und Kollegien-
hefte (sogen. Recollectiones), hauptsächlich Kommentare zu Galen und
Avicenna bis jetzt nur in einigen durch Puccinotti (1. c. II 1 CXIII bis
CXXIX) publizierten Proben gedruckt vorliegen; dessen Sohn: Gui-
lielrao B. (t 1330) schrieb : „Secreta sublimia ad varios curandos mor-
bos verissimis auctoritatibus illustrata additionibus nonnullis: flosculis
item in margine decorata diligentissime castigata etc." (Venedig 1520),
„Ad omnium interiorum et exteriorum partium remediorum praesidia
et ratio utendi eis pro circumstantiarum varietate" (Basel 1531), zu-
sammengefasst in „Opera medica de curandis morbis universalibus et
particularibus, febribus, venenis, faciei et totius corporis raundificatio-
nibus" (Lyon 1560). Das erstgenannte Werkchen besteht aus 5 Ser-
mones. Sermo I enthält in 19 Traktaten eine Pathologie a capite ad
calcem, Sermo II in 2 Traktaten die Fieberlehre und akuten Exan-
theme, Sermo III in 5 Traktaten Wunden und Geschwürslehre, Sermo
IV in 3 Traktaten Toxikologisches, schliesslich Sermo V in 8 Trak-
taten den bekannten Abschnitt „de docoratione" (Exantheme, Lepra,
elephantiasis etc.).
Vgl. ruccinotti l. c. II 2 p. 360. Henschel l. c. p. 390.
Der Vollständigkeit halber seien hier sogleich die späteren Haupt-
vertreter Bolognas für die praktische Medizin angeschlossen. Der tüchtige
Anatom Nicolaus Bert(r)ucci (Vertuzzo, -j- 1347), Lehrer des Chirurgen
Guy de Chauliac und Verfasser verschiedener Schriften über innere Medizin,
Vgl. Henschel l. c. p. 403 u. E. Cturlt, Gesch. d. Chir. I p. 801.
wovon gedruckt sind eine Abhandlung über Diätetik, ein „Collectorium
artis medicinae tarn practicae quam speculativae" (dessen
Hauptschrift) mit anatomischen Bemerkungen, und ,,M ethodi cognoscen-
dorum tam particularium quam universalium morborum". —
Bertucci steht bereits unter dem Einfluss einer aufgeklärteren, durch Ver-
wertung anatomischer Kenntnisse geläuterten Richtung ; zu seiner Zeit waren
(speziell nach Mondinos Vorgang, vgl. weiter -unten) an den Universitäten
menschliche Leichensektionen zu Unterrichtszwecken häufiger geworden.
Ferner: Pietro de Tussignana (-{- 1410), ist bemerkenswert als "Ver-
fasser der ersten Schrift über die Bäder von Bormio (gedruckt in der Collect,
de balneis, Venedig 1553 s. t. und ,,3e balneis Burmi apud Vulturenos
liber**) ; er schrieb ferner: Corapositiones et remedia ad plerosque omnes
affectus morbosque sanandos" (Lugd. 1587, zusammen mit der Summula des
Jacobus a Partibus, ex libris Mesue excerpta) ;
Vgl. Henschel l. c. p. 419.
endlich aus dem 15. Jahrhundert Baverius de Baveriis aus Imola
(■{■ nach 1480), von 1447 — 55 Arzt Nicolaus' V., Verfasser von ,,Consilia"
(Bologna 1489) mit einzelnen beachtenswerten kasuistischen Mitteilungen
(Caries des Felsenbeins, Differentialdiagoose zwischen Hysterie, Katalepsie,
Epilepsie und Synkope, Fall von Hemiplegie einer gravida mit Wirbel-
672 Julius Pagel.
Säulenverkrümmung, von Magenschwindel , erfolgreicher Behandlung von
Chlorose mit Eisen etc.).
Gegenüber der Schule von Bologna bedeutet ihre Rivalin in P a d u a,
gegründet 1222 von Friedrich II, insofern einen gewissen Fortschritt,
als ihr eigentliches Haupt, der berühmte „Ketzer" Pietro d'Abano
(d'Albano, d'Apona, Petrus Aponensis) (1250 bis um 1320) in seinem
denkwürdigen „Conciliator controversiarum (differentiarum)
quae inter philosophos et medicos versantur" (Venedig
1471) den Versuch machte, die zahlreichen Widersprüche, die sich
notwendigerweise aus der dialektischen Behandlungsweise ergeben
mussten, zu beseitigen. Der „Conciliator", der als Muster einer Reihe
späterer Werke unter ähnlicher Tendenz in der Litteratur epochale
Bedeutung besitzt, verdient wegen seiner Bedeutung an sich volle
Anerkennung; er würde vielleicht seiner Aufgabe besser genügt haben,
wenn der Verfasser, der ein naturwissenschaftlich und sprachlich seine
Zeitgenossen an Bildung überragender Mann war, von diesen seinen
Kenntnissen mehr Gebrauch gemacht und sie zur Lösung der ver-
schiedenen Streitfragen in gi-össerem Umfange herangezogen hätte.
Leider stand auch er so sehr noch im Banne des Autoritätsglaubens
und der Dialektik, dass von irgend welchen Aenderungen selbst in den
Grundzügen der Methode nicht im entferntesten die Rede ist. Die
Aehnlichkeit in der Argumentation bei Abano mit Thaddäus ist eine
so frappante, dass man den Abano gleichsam als Zwillingsbruder des
letzteren bezeichnen kann. Die ganz schauderhaften Fragestellungen
(Quaesita), eingeleitet mit den Partikeln utrum bezw. an, erinnern
durchaus an Thaddäus, nur mit dem Unterschiede, dass der Conciliator
wegen der unklaren, abbreviierten, oft dunklen und geradezu abstrusen
Sprache viel schwerer zu verdauen ist. Was soll man von einem
Autor halten, der (in Differentia CLXIX, Ausgabe Venedig 1565 fol.
225 „utrum ptisana hordacea febri conferat necne") die Frage auf-
wirft, ob Gerstenptisane fieberhaften Kranken verabreicht werden darf
und diese Frage, nachdem er sich durch ein labyrinthartiges Gewirre
von Subtilitäten hindurchgearbeitet hat, allen Ernstes deshalb ver-
neint, weil Gersten Wasser eine Substanz und Fieber ein Accidens ist?
Immerhin ist es nicht ohne Interesse, dass Abano in manchen Stücken
trotz dialektischer Beweisführung zu ganz plausiblen, mit unseren
Anschauungen harmonierenden Schlussfolgerungen gelangt ist.
Pietro d'Abano stammte aus Albano, einem Dorf in der Nähe von
Padua, und war der Sohn eines Notars. Von "Wissensdrang geleitet begab
er sich nach Konstantinopel, um sich dort in Besitz des vollständigen Textes
der Problemata des Aristoteles zu setzen. Hier eignete er sich auch die
Kenntnis der griechischen Sprache an. Als Lector nach Paris berufen,
versah er diese Stellung mit grossem Erfolg, so dass er den Titel eines
Magisters und das Ehrenprädikat ,,le grand Lombard" erhielt. 1303 begann
er den Conciliator zu schreiben; freie Äusserungen in demselben und Ver-
spottung mancher kirchlicher Lehren verdächtigten ihn der Ketzerei bei
den Dominikanern, wegen deren er sich vor dem Papst Bonifacius VIII.
in Rom rechtfertigte und ein Absolutionsdekret erzielte. 1306 kehrte er
nach Padua zurück, um an der Universität zu lehren, die durch seine
Thätigkeit einen bedeutenden Ruf erlangte. In seinen letzten Lebensjahren
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 673
hatte er mannigfache Anfechtungen seitens der Inquisition zu erdulden ;
sein Leichnam wurde noch nachträglich dem Scheiterhaufen überliefert. —
Bei allem Freisinn verraten viele Ansichten im Conciliator den Verfasser
als einen von Astrologie, Magie, Alchemie und Chiromantie befangenen
Denker. — Eine ziemlich ausführliche Inhaltsanalyse des Conciliator findet
sich bei Sprengel II p. 571 — 575. Es sind im ganzen 210 solcher
„Differentiae", welche dem Verfasser am Herzen gelegen haben. In der
Juntine 1565 folgt dann fol. 263 ff. die Schrift ;,de remedüs venenorum"
desselben Verfassers. In dieser Ausgabe ist der Text des Conciliator sogar
mit einigen Abbildungen ausgestattet. — Wegen der Noten zu einem
lateinischen, alphabetisch geordneten Dioskorides s. Hose in Hermes VII, 38
und Steinschneider in Pageis Ausgabe des Heinr. v. Mondeville p. 592.
Vgl. ferner Jantts N. F. II p. 382—887. — In den Venediger Avisgaben des
„Mesue et quae cum eo imprimi consneverunt" {1549) findet sich noch zu dem
Grabadin des Joh. Mesue eine von Petrus Aponiis herrührende Additio (fol. 38— 48),
bestehend atis einem Sermo de unctionibus, kurzeyi Abhandlungen de syncopi und de
tumoribus mamillarutn, meist einer Anthologie ans arab Schriftstellern, gewürzt
mit der oft wiederkehrenden Apostrophe: si Deo placebit oder si Deo placuerit ; die
Therapie ist die „echte gemeine ecclesiastische Praxis" [HenscJiel, Schlesiens wissensch.
Zustände im Abendlande p. 53). Dann folgt der ganze Abschnitt Digestionskrank-
heiten in 16 Kapiteln uiul einem Schlussgebet (oratio), das als Geheimmittel zur
Stärkung des Gedächtnisses dienen soll, mit der charakteristischen Einleitung : Herr-
gott, König der Engel, ich rufe Dich an bei der geheiligten Mutter Marie, Mutter
des Erbarmens und der Frömmigkeit, bei Deinen Engeln «nd Erzengeln, bei den
12 Aposteln, den Märtyrern, den Gläubigen (confessores), bei den 14 000 Unschuldigen
und bei allen Deinen Heiligen u. s. tv.
Dasselbe, was Tbaddäus mit seinen Glossierungen, Pietro d'Abano
mit seinem Conciliator erstrebte, hat des Letzteren Schüler Guglielmo
Cor vi (1250 — 1326) aus Canneto bei Brescia mit seinem bekannten
„Aggregator Brixiensis" oder wie er mit vollständigem Titel
heisst: excellentissimi medici Guielmi brixiensis aggregatoris dictorum
illustrium medicorum ad unamquamque egritudinem a capite ad pedes
practica etc. (Vened. 1510, 160 Folioblätter stark) erreichen wollen,
einem grossen Sammelwerk und dem protot3^pischen Muster einer
ganzen Gruppe von Kompilationen, die alle mehr oder weniger über
einen Leisten geschlagen den Zweck verfolgen, durch Zusammen-
stoppelung der massgebenden Anschauungen aus allen möglichen Autoren
über die verschiedenen Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie
(a capite ad calcem) dem Leser selbst, ohne um vorweg für irgend
eine der Ansichten besonders einzunehmen, die Entscheidung über die
Richtigkeit zu überlassen.
Ein ,, Kompendium", wie Haeser das thut, kann man die „Practica",
einen umfangreichen Folianten (Padua 1505), kaum nennen, wohl aber eine
unbefangene oder besser kritiklose Kompilation, die bei der Seltenheit der
Bücher in jener Zeit und bei der Schwierigkeit ihrer Vervielfältigung und
somit genauerer Quellenstudien jedenfalls gut gemeint war und thatsächlich
ihren Zweck nicht verfehlt hat. Selbständige Anschauungen finden sich
allerdings in diesem von scholastischem Geist durchsetzten Machwerk kaum;
ein gewisser Fortschritt ist insofern unverkennbar, als von gewaltsamen Ver-
mittelungsversuchen abgesehen ist, die oft die Differenzen mehr zu ver-
mehren als zu schlichten geeignet waren und die Thatsachen nur ver-
dunkelten. — Im Keim bergen diese Aggregatoren ein gewisses Streben
nach nüchternerer Auffassung, sie wollen — natürlich cum grano salis —
nichts weiter bieten, als möglichst unparteiische Reproduktionen autoritativer
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 43
674 Julius Pagel.
Ansicht; die definitive Entscheidung bleibt schliesslich dem Leser selbst
überlassen. Guielmus brixiensis ist noch Verfasser eines der genannten Ausgabe
angehängten „de febribus tractatus optimus", sowie von Abhandlungen „de
peste", „de coneilio observando tempore pestilentiali ac etiam de cura pestis
tractatus perspicuus ejusdem".
Auf weit höherem Niveau steht ein anderer Vertreter der Schule
von Padua, glühender Verehrer des Pietro d'Abano, Gentilis de
Folig-no (t 1348) mit seinen „Consilia', die, wie die Etymologie
zeigt, zwar noch an die Produkte mit conciliatorischen Tendenzen an-
klingen, aber als kasuistische Sammlungen eine gewisse Selbständig-
keit zeigen und hierdurch trotz reichhaltiger scholastischer Argumen-
tationen wegen mancher verständigen, kritisch gehaltenen Mitteilungen,
mancher nicht ganz uninteressanten Beobachtungen und mancher Daten
von kulturhistorischem Wert grössere litterarhistorische Berücksich-
tigung verdienen und jedenfalls zu den besseren Arbeiten der scholasti-
schen Periode gehören.
Gentilis da Foligno (nicht zu verwechseln mit Gentilis da Florentia,
einem Kommentator von Avicennas Canon 1. IV f. 5 tr. 1 u. 2), (auch
Gentilis Fulgineus, de Gentilibus), war der Sohn eines Bologneser Arztes,
Schüler von Thaddäus und Professor in Bologna und Perugia, bis er 1337
zugleich als Leibarzt des Grafen Ubertino von Carrari nach Padua ging,
wo er bis 1345 lebte. Die letzten 3 Lebensjahre bis zu seinem am
schwarzen Tod erfolgten Ableben („ex nimia infirmotum requisitione", wie
sein Schüler und Verwandter Francesco de Foligno berichtet) brachte er in
Perugia zu. Ausser seinen „Consilia" (Vened. 1503) schrieb er noch eine
Reihe anderer Schriften, mit denen er allerdings sich nicht zu sehr von
den Geleisen der Scholastik entfernt hat.
Vgl. HenscJiel im Janus N. F. II p. 401; Haeser I p. 750; wegen der
hehr, uebers. Steinschneider l. c. p. 791. — lieber eine Handschrift der Vaticana
„de corde" berichtet Puccinotti, Storia di med II 1 p. CXLIl ; auch die Erfurter
Amploniana besitzt noch Handschriften von Werken des Gentilis da Foligno. —
In den Venediger Joh Mesue- Ausgaben {1549, fol. 272 ^^ - 275^) findet sich noch
eine Schrift von demselben Verf. „de pi'oportionibus medicinarum et de modo in-
vestigandi complexiones earum et ad sciendum convenientem dosim cujuslibet medi-
cinae" zugleich mit einer ähnlichen Apothekerschrift des Saladin d'Ascido {vgl.
Haeser p. 849).
Zu den hervorragenderen Schülern des Pietro d'Abano bezw.
Vertretern der paduanischen Hochschule gehören vier Abkömmlinge
der hochberühmten und eine Kette ausgezeichneter Männer dem 14. Jahr-
hundert liefernden Aerztefamilie Santa Sofia, nämlich Nicolo S.
(f 1350) und dessen Söhne, der ältere: Giovanni S. (f 1389), Pro-
fessor in Padua und Bologna, der jüngere bei weitem bedeutendere
Marsilio (f 1405 als Professor in Bologna), vorher Professor in
Padua (seit 1367) und in Paris.
Lebensbeschreibung u. Schriftenverzeichnis s. bei Henschel im Janus N. F.
1853 p. 413 — 416. Sein „celeberrimus tractatus de febribus cum omnium accidentium
cura^ erschien mit ähnlichen Abhandlungen von Galeazius de S'" Sofia, Ricardus
Parisiensis u. Antonius de Gradis u. a. : Venedig 1514 {135 Folioblätter).
Endlich Galeazzo Santa Sofia, ältester Sohn von Giovanni,
bis 1394 Professor in Padua, dann in Wien und (nach 1402) wiederum
in Padua, wo er 1427 an der Pest starb.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 675
Vgl. Karl Schrauf,, Acta facultatis medicae universitatis Vindobonensis I
1399-1435, Wien 1894.
Er schrieb u. a. „Opus med. practicae saluberrimum ... in nonum
tractatum libri Rhasis ad regem Almansorem de curatione morborum
particiilarium*' nebst Kommentaren zu Galen, Johannitius etc. (Hagenau
1533 tbl. Kgl. Biblioth. Berlin).
Eine andere berühmte Aerztefamilie in Padua wird repräsentiert
durch Giacomo de'Dondi und dessen Sohn Giovanni de'D.
Giacomo de' Dondi der Vater wurde 1298 in Padua geboren und
machte hier seine Studien. 1318 liess er sich als Arzt in Chioggia nieder
und praktizierte hier bis 1338, um daim einem Ruf als Lector der Medicin
in seine Vaterstadt zu folgen, wo er bis zu seinem Lebensende (1359) ver-
blieb. Er ist bekannt durch sein grosses 1358 vollendetes Sammelwerk
u. d. T. : „Aggregator Paduanus de medicinis simplicibus"
(zum Unterschied von Aggregator Brixianus so benannt), auch u. d. T. :
„Promptuarium medici sive de aggregatione medicamen-
torum" (Vened. 1481 u. 1576). Es handelt sich dabei nur um die nackten
Namen der Heilmittel ; von den Kennzeichen derselben, wie von denen
der Krankheiten ist nicht die Rede.
lieber die öftere Verwechselung mit dem „Herbarius Moguntinus^ vgl. Meyer^
a. a. 0. IV p. 182 ff. u. Haeser I p. 818.
Bemerkenswert ist Giacomo dadurch, dass er zuerst das Salz der bereits
seit den Römerzeiten berühmten Thermen von Albano zu Arzneizwecken
zu extrahieren versuchte. Er erregte damit anfangs das Misstrauen des
Fürsten Francesco I. von Carrara, das jedoch nach Publikation des Aggre-
gator beseitigt wurde, so dass er nunmehr die Erlaubnis zur Fortsetzung
seiner Untersuchungen erhielt. Als Resultat derselben publizierte er mehrere
Schriften, die z. T. in der Collect, de balneis Venedig 1554 abgedruckt sind.
Vgl. Henschel im Janus N F. II 1S53 p. 400.
Sein Sohn Giovanni de' Dondi gehört zu den angesehensten
Ärzten und Lehrern des 14. Jahrhunderts. Geboren 1318 in Chioggia
studierte er hauptsächlich unter seinem Vater in Padua und war bereits
1350 Professor daselbst, seit 1349 Leibarzt Karls IV. Er lehrte anfangs
Logik, später Medizin und Astronomie mit grossem Erfolge. Zuletzt hielt
er sich abwechselnd in Padua und Pavia auf und starb auf einer Besuchs-
reise in Genua bei seinem Freunde, dem Dogen Antonio Adorno unter
Hinterlassung eines grossen Vermögens. Für seine ärztlichen Leistungen
spricht besonders die Thatsache, dass Petrarka, den wir als herben Kritiker
der Ärzte seiner Zeit kennen lernen werden, mit ihm befreundet war und
sich während einer fieberhaften Erkrankung (im 66. Lebensjahre) von ihm
behandeln liess. Wegen eines ausserordentlich kunstvollen Planetariums,
das er nach 16 jährigen Bemühungen herstellte und eine Sehenswürdigkeit
der Stadt bildete, erhielt er noch den ehrenden Beinamen „dell' Orologgio".
Vgl. Henschel l. c.
In einer späteren Zeit, zu Ende des 14. und Anfang des 15. Jahr-
hunderts, ist mit der paduanischen Hochschule aufs innigste verknüpft
der berühmte Jacobus Forliviensis (f 1413), denkwürdig durch
seinen oft citierten Kommentar zur Microtechne des Galen.
Giacomo della Torre aus Forli lehrte Logik, Medizin und Philosophie
an verschiedenen Orten Itahens, von 1399 — 1402 in Bologna und von
43*
676 Julias Pagel.
1407 bis zu seinem Tode in Padua, zu dessen bedeutendsten Repräsentanten
er gehört. Sein Kommentar zur Microtechne des Galen erlangte fast dasselbe
Ansehen wie das des Ali Rodoam. Er verfasste ferner Kommentare
„super capitulum de generatione embryonis cum questionibus " zu dem be-
züglichen Abschnitt von Avicennas Canon (Venedig 1502, zusammen mit
denselben Kommentaren von Dino de Garbo s. diesen p. 670), zu Hippo-
krates' Aphorismen und zum 1. Buch des Canon (Papie 1488 u. Vened.
1490 Kgl. Bibl. Berlin).
Aus dem 15. Jahrhundert sind nennenswerte Lehrer der paduani-
schen Hochschule und sämtlich Verfasser von „Consilien" Antonio
Cermisone, zuerst Professor in Pavia und seit 1413 in seiner Vater-
stadt Padua, daselbst 1441 verstorben, schrieb: „Consilia medica
numero CLIII contra omnes fere aegritudines a capite
usque ad pedes" (Lyon 1525; das Exemplar der Kgl. Bibliothek
zu Berlin, zusammen mit den sogleich zu nennenden consilia des
Montagnana, ein Sammelband von 547 Blättern); Ugone Bentio
aus Siena (Hugo Senensis), f 1445 unter Papst Eugenius IV, schrieb:
„Perutilia consilia ad diversas egritudines a capite
usque ad calcem" (Bononie 1482), sowie Kommentare zu Hippo-
krates, Galen und Avicenna, u. a. zur Schrift de malicia complexionis
diverse von Galen („scripta Florentie et completa per me ügonem
Senensem anno diil 1421 die 3. Januarii", Ausg. Vened. 1490, Kgl.
Bibl. Berlin).
Die Kgl. ßibl. Berlin besitzt einen umfangreichen Sammelband von Avicenna-
kommentaren des Ugo Senensis (Canon l. I f. 1, Venedig 1523, Canon l. I f. 4,
Venedig 1517; Canon l. IV f. 1, Vened. 1523), in welchem auch die „consilia de
regimine sanitatis ac omnibus egritudinibus" , im ganzen 111 an der Zahl, sowie
noch eine „subtilissima quaestio de modo augmentationis" enthalten sind.
Interessant sind in den Consilia des TJgone Bentio kasuistische Mit-
teilungen über periodischen "Wahnsinn, Spermatorrhöe, Magenschwindel, Nasen-
polyp und Thränenfistel, Epilepsie (angeblich infolge zu schnell geheilter
AfFektion an den unteren Extremitäten), über ein junges Mädchen, das mit
16 Jahren niederkommt, im folgenden Jahre abortiert und fortab steril bleibt.
Endlich der bedeutendste Vertreter der Paduanischen Hochschule
in der späteren Periode : BartholomaeusdeMontagnana(t 1460),
dessen oft aufgelegte „Consilia medica'' (Lyon 1525, Kgl. Bibl.)
wegen ihrer reichhaltigen und bemerkenswerten Casuistik zu den
besseren Litteraturprodukten des Mittelalters gehören.
Montagnana verfasste ferner: „de balneis et utilitatibus juvamentisque
eorum ac regulae et modus quem observare debent" (abgedr. im Anhang
zur Ausgabe von Gatinaria, Basel 1537), in 3 Büchern (18 Folioseiten),
sowie unbedeutende Schriften pharmakologischen Inhalts. Er darf nicht mit
Heremias de Montagnana verwechselt werden, dem Verfasser eines
Kompendiums u. d. T. : „de significatione vocabulorum medicorum".
Vgl. hierzu Steinschneider in Pageis Mondeville-Ausgabe p. 593, ferner:
Alexander Hittmannf Culturgeschichtliche Abhandlungen über die Reformation
der Heilkunst, Heft II, Brunn 1869.
Bart. Montagnana war ein anatomisch gebildeter Arzt, der selbst 14
Sektionen ausgeführt hatte, und ein guter Diagnostiker. Seine die Zeit
von 1439 — 1443 umfassenden Konsilien zeichnen sich durch ihre gute
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 677
Ordnung aus und besitzen dadurch einen gewissen Wert, „dass die lokalisierte
Krankheitsform stets in den Wechselbeziehungen zum Gesamtorganismus
gewürdigt wird" (ßittmann). —
Als solche, die vorübergehende Lehrthätigkeit in Padua ausübten,
kommen folgende Verfasser medizinischer Kompendien in Betracht:
Giovanni Michele Savonarola (1390 — 1462), Grossvater des aus
der Reformationsgeschichte berühmten, unglücklichen Theologen Hiero-
nymus S.; von seinen sechs Schriften ist die bedeutendste die „Prac-
tica major, in qua de morbis omnibus quibus singulae humani cor-
poris partes afficiuntur etc.", die noch während des 16. Jahrhunderts
fünfmal aufgelegt durch mehr als zwei Jahrhunderte von italienischen
Aerzten als Leitfaden und Schulbuch der gesamten Medizin benutzt
wurde.
In der Ausgabe (Venedig 1561, Königl. Bibl. Berlin, 434 Folioblätter)
schliesst sich an die Practica major noch eine Reihe von Abhandlungen:
practica canonica de febribus, de pulsibus, de urinis, egestionibus, vermibus
balneis omnibus Italiae. Eine genaue Analyse der Practica major liefert
Rittmann 1. c. Heft 1. — Von Michelo Savonarola rührt noch eine sehr
beliebte und verbreitete Schrift über Diätetik her u. d. T. : „Libreto de
tutte le cose che se manzano comuuamente piu che comune . . . e le regule
per conservare la sanita de li corpi humani con dubii notabilissimi** (Vened.
1508). — Ueber Savonarolas Bedeutung für die Chirurgie vgl. E. Gurlt
1. c. p. 871 flf.
Antonio Guaineri (f 1440), Professor in seiner Vaterstadt
Pavia und später in Padua, dessen „Practica seu opus praeclarum ad
praxin non mediocriter necessariura" (Lyon 1534 und in zahlreichen
anderen Ausgaben) einzelne, auch heute noch beachtenswerte kasuis-
tische Mitteilungen enthält, besonders zur Pathologie des Nerven-
systems. Neben der Pathologie a capite ad calcem bringt das ziemlich
umfangreiche Buch noch besondere Abschnitte: ,,de fluxibus", „de
calculosa passione", „de peste", „de venenis", „de febribus", „de balneis"
und ein Antidotarium,
Die oben genannte Ausgabe enthält auf 307 in engster Petitschrift ge-
druckten Blättern noch die „additiones utiliss. excellent domini Joannis
Falconis, consiliarii regii in famosa universitate montispessulani doctoris
regentis etc."
Endlich noch Giovanni d'Arcoli (Arculanus, Herculanus) aus
Verona, vor seiner Thätigkeit in Padua Professor in Bologna, schrieb
„Expositio in nonum librumAlmansoris" (Basel 1540), worin
er u. a. auch eine ziemlich exakte Symptomatologie des Säuferwahn-
sinns giebt.
Als hervorragender Arzt des 14. Jahrhunderts ist hier anzu-
schliessen Franciscus dePedemontium (Piedemonte, Pedemontio,
Pedemontanus), Verfasser des sehr geschätzten „Supplementum
Mesue", einer Ergänzung zu dessen „Grabadin", die dort einsetzt, wo
Peter von Abano (vgl. p. 673) aufgehört hat, also mit den Herz-,
Baucheingeweide-, Leber-, Gebärmutter- und Gelenkkrankheiten.
Das Supplementum Mesue von Franz von Pieraont ist eines der besten
Lehrbücher der speziellen Pathologie und Therapie der gesamten mittel-
678 Julius Pagel.
alterlichen Litteratur. Es atmet salernitanischen Geist, insofern es (ausge-
nommen in dem letzten vom Fieber handelnden Abschnitt) von scholastischen
Beweisführungen frei ist, sich an die Thatsachen hält und dadurch mehr
wissenschaftlichen Charakter verrät, dass einzelnen Kapiteln anatomisch-
physiologische Bemerkungen voraufgehen. Im übrigen handelt es sich aller-
dings um eine Kompilation mit wenig eigenen Beobachtungen, einer recht
stiefmütterlichen Kasuistik, dagegen einer recht stattlichen, pharmaceutischen
Therapie, in der die Empfehlungen „ex inventione nostra" oft genug wieder-
kehren. Erwähnt werden (übrigens nicht immer mit genauem Hinweis auf
die Originalien) Hippocrates, Galen und einige bei diesem vorkommende
Autoren, Paulus (Aegineta), dann die ganze Serie der Araber, Avicenna
(meist als Aboali oder Elabin Aboa, womit Ali Abbas nicht gemeint sein
kann, da er an einer Stelle direkt als Hali abbas figuriert, auch als rex
Abo, nach Analogie von Galenus princeps), Alchindus, ßabi Moyse, Humayn
(Ymain ?), von späteren Schriften und Schriftstellern : circa instans, eine
Schrift des Gualtherius, das „lilium" (offenbar des Bern. v. Gordon, vgl.
weiter unten), Arnaldus (womit jedoch angeblich nach de ßen7;i Coli. Sal. I,
p. 351 nicht der von Villanova, sondern ein Neapolitaner gemeint sein soll),
ein ,,emplastrum Papae Joannis", endlich in dem Abschnitt über Fieber-
lehre auffallend häufig (7 x) ein Autor, Namens Falco. Ob, wie de Renzi
(Coli. Sal. IV p. 592) will, damit ein sonst ganz obskurer Arzt und Richter
Falcone aus Eboli gemeint sein soll, oder ob es sich nicht vielmehr um
den höchst renommierten NicoloFalcucci von Falcone (Falcutius,
■f 1411) aus Florenz handelt. Verfassereines ausserordentlich weitschweifigen
(in der Juntine von 1533 drei schwere FoUanten umfassenden), übrigens
fast lediglich nach den Arabern gearbeiteten Repertoriums der gesamten
Medizin, muss dahingestellt bleiben. Die letztgenannte Annahme hat deshalb
einige Wahrscheinlichkeit für sich, weil unter den VII ,,Sermones'* des
Falcutius gerade der Sermo II de febribus ein grosses Ansehen genoss ; er
ist sehr breit angelegt und umfasst in der genannten Ausgabe fast den
ganzen Tom. I in dem 1. Folioband; er ist auch in der bekannten Venediger
Coli, de febribus z. T. reproduziert. — Ist die letztere Annahme richtig,
so würde allerdings die Lebenszeit des Falcutius und das Datum der Nieder-
schrift der Sermones in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts fallen, während
de Renzi 1310 bezw. 1319 hierfür statuiert.
lieber Nicolaus Falcutius oder Florentinus vgl. Henschel im Janus N. F.
II 1853 p. 416; E. Chirlt, Gesch. d. Chir. I p. 803. Sein „Sermonum über scientiae
medicinae .... qui continet octo sermones" {enthält nur 7, der 8. Sermo ist nicht
zu stände gekommen) bildet auch eine gute Quelle für die Kenntnis der Chirurgie
und Geburtshilfe des Mittelalters. Für die umfassende Anlage des Werks spricht
die Thatsache, dass beispielsweise der Abschnitt über Kopfschmerz (Sermo III Tr. 1
Summa III) 26 Folioblätter stark ist, der Sermo V Tr. lY über Magenkrankheiten
sogar 71 Blatter.
Für die Bestimmung der Lebenszeit des Franz von Piemont geben
einige Notizen in dem Werk selbst einen gewissen Anhalt, so der Passus
in der Einleitung, wo er davon spricht, dass er das Supplement abgefasst
habe : ex imperio quam plurimum reverendi domini Roberti dei
gratia Hierusalem et Sicilie regis summi etc., woraus als sehr wahrscheinhch
hervorgeht, dass Franc, v. P. Leibarzt des Königs Robert von Sicilien ge-
wesen ist. Seinen Geburtsort verlegt de Renzi nach San Germano in der
Terra di Lavoro. „Doctor evangelicus" nennt ihn Guy de Chauliac (Tr. II
Doctr. 1 cap. 1 fol. 27* d. Ausg. von 1519) jedenfalls deshalb mit Recht,
weil in dem Supplementum Mesue die Wendung, „mit Jesu Hilfe" in zahl-
GcBchichte der Heilkunde im Mittelalter. 679
loBen Varianten vorkonamt, als da sind : Christo duce, Christo dante,
auxiliante, annuente, suggerente, propitiante, Christo Jesu concedente, Christi
gratia mediante, si adjuverit etc. etc. — Einige Male werden neapolitanische
Verhältnisse besprochen. So gedenkt Verfasser bei der Therapie der Ge-
lenkkrankheiten der Thermalwässer ,,sanctae Luciae Neapol.", ferner erwähnt
er einige Beobachtungen an Steinkranken in Neapel, auch dass die Neapoli-
taner häufiger von Podagra heimgesucht sind, während dagegen die Be-
wohner von Genua und Messana häufiger vom Husten und Katarrhen zu
leiden haben. An einer Stelle spricht er von einer ,,ducissa Calabrie", der
während eines akuten epidemischen Fiebers ein Aderlass aus den Häraorrhoidal-
venen von Nutzen gewesen sei. An einer anderen Stelle spricht er von
dem medicamen Galeni quod magister Jo. de Procida fecit imperatori in
siti vehementi (offenbar Giovanni di Procida, Leibarzt Kaiser Friedrichs II.
(vgl. p. 515), infolgedessen vermutet de Renzi (Coli. Sal. I p. 357), dass
Franz v. Piemont in Salerno studiert hat. Auch die pilulae mag. Jo.
CasamiQule werden erwähnt. (lieber diesen, der auch als Casamida figuriert
vgl. de ßenzi 1. c. I p. 345 ; er war vermutlich Lehrer von Arnold
V. Villanova und Verfasser eines breviarium practice, das unter des letzteren
Namen geht.) — Wer ist ferner Agaz experimentator magnus de Athenarum
civitate ? — Im übrigen ist, wie schon bemerkt, in Franz v. Piemonts
,,Supplementum Mesue" die Kasuistik sehr rar. Die Intentionen, welche
ihn bei seinem Werke leiteten, charakterisiert er selbst mit den Worten:
,,No8 autem facientes doctxinam disciplinativam non improbativam."
Sehr interessant ist der geburtshilfliche Teil des Werks; allerdings macht
Fr. V. Piemont noch von der Zuflüsterung von „verba sacra^ bei schweren Ent-
bindungen Gebrauch, im übrigen aber treten die auf Aberglauben beleihenden
Empfehlungen hinter ernster zu nehmenden Ausführungen zurück. U. a. berichtet
er von einer Dame, Tochter eines Arztes, die im 50. Lebensjahre zum 1. Male be-
schwängert ivurde („ Vidimus enim quandam dominam medici filiam que nunquam
conripere potuit nisi ad quinquagesimum annum et primo tempore fuit passa molam,
deinde anno sequenti fuit impregnata vere"). — Noch ist schliesslich ein Fall von
Gcdact- oder Chylurie bei dem eigenen Bruder {oda' ettca Amtsbruder?) des Fr.
V. Piemont bemerkensivert („et ita vidimtis in fratre nostro, cujus corpus totum
fuit ex febre longa consumptum et dissolutum per talem urinam et mortuus est,
cujus animam Christus recipiat benedictus^).
Alles in allem genommen gehören die Sermones des Nicolaus
Florentiniis und das Complementum Mesuae des Fr. v. Piemont zu den
ausführlichsten Lehrbüchern der mittelalterlichen Medizin. Die Sermones
freilich durchzustudieren ist fast eine Aufgabe für Monate, da sie noch
ausführlicher gehalten sind, als selbst der Canon des Avicenna.
Unabhängig von Universitätsstellungen und als praktische Aerzte
in anderen italienischen Städten als Bologna und Padua wirkten zwei
Männer, die sich durch ihre schriftstellerischen Leistungen ein be-
sonderes Andenken in der Litteraturgeschichte der Medizin gesichert
haben. Es sind die beiden Verfasser der grossen Wörterbücher der
Medizin: Simon von Genua und Matthaeus Silvaticus.
Unter allen bereits erwähnten und noch zu berührenden Litteratur-
produkten des scholastischen Mittelalters, den Commentarii, Summae und
Summulae, den Practicae, Consilia, den Aggregatores und Couciliatorea,
Expositiones und Clarificationes, den Tractatus, Eosae, Lilia und sonstigen
oft seltsam genug betitelten Werken spielen die Wörterbücher oder Synonyma
der Medizin eine nicht nebensächliche Rolle. Der Sache nach handelt es
sich meistens ebenfalls um nichts weiter als Kompendien oder Auszüge aus
680 Julius Pagel.
den dickleibigen Folianten der Araber, doch ist die lexikalische Form aus
didaktischen Rücksichten der Bequemlichkeit halber gewählt ; sie rechtfertigt
sich noch mehr in einer Zeit, wo bekanntlich Bücher zu den kostspieligen
Raritäten gehörten, die nur wenige begüterte Liebhaber oder Institute in
grösserer Anzahl als dem unmittelbaren Bedürfnis entsprechend sich ver-
schaffen konnten.
lieber die Litteratur der Synonyma vgl. Steinschneider im Anhang zu
Pageis Ausg. d. Heinrich v. Mondeville, Berlin 1891.
Die „Synonyma medicinae" oder die „Clavis sanationis"
des Simon Januensis (Geniales, de Cordo [Sprengel II 578 — 79],
Geniates a Cordo [Graesse III 534J) gehören zu den „wichtigsten Ar-
beiten auf dem Felde der Synonymik" (Steinschneider); der Verfasser
hat daran etwa 35 Jahre lang gearbeitet.
Von den Lebensdaten desselben ist bekannt, dass er Arzt des Papstes
Nicolaus IV. (1288 — 1292) und Subdiakonus und Kaplan bei einem von
dessen Nachfolger (Bonifacius VIII., 1293 — 1304) war. In einem dem
Werk vorausgeschickten Empfehlungsbrief des Campanus wird Simon noch
als ,,rothomagensis" bezeichnet. — Das dem Mathematiker und Astronom
Campanus (,,magi8tro Campano domini pape capellano canonico Parisiensi**)
gewidmete Werk ist etwa in der Zeit von 1 288 — 1 292 entstanden, vielleicht
auch früher, da Simon auch die 1279 beendigte lateinische Uebersetzung des
Continens von Razes in der Vorrede citiert. Auch der Chirurg Mondeville,
der 1306 sein Werk zu schreiben begann, erwähnt an zwei Stellen Simon
Januensis.
Wegen der verschiedenen Ausgaben der Synonyma vgl. Haeser I p. 708;
Meyer l. c. IV p. 162 ; Steinschneider a. a. 0. Die sub Vr. 302 asservierte Aus-
gabe der Kgl. Bibl. Berlin, 65 Folioblätter, Vened. 1514, ist einer Dioscoridesausgab e
von Marceilus Vergilius Secretarius Florentinus, Cöln 1529 angebunden. Anfang:
Incipit clavis sanationis elaborata per venerabilem virum magistrum Simonem
Januensem domini pape subdiaconum et capellanum medicum quondam felicis re-
cordationis domini Nicolai pape quarti qui fuit primus de ordine minorum. Om-
nino suo praecipuo domino magistro Campano domini pape capellano canonico
Parisiensi Simon Januensis subdiaconus se ipsum ex debito commendat etc.
Bi der „Clavis sanationis" handelt es sich um eine mehr nach
grammatikalisch-etymologischen als nach naturwissenschaftlichen Ge-
sichtspunkten erfolgte Zusammenstellung der Arzneimittel nach den be-
kanntesten griechischen (Dioskorides, Alexander, Demokritos, Galenus,
Oribasius, Moschion, Paulus), arabischen (Avicenna, Serapion, Albucasim,
Ali Abbas, Ebn Mesue, Isaac Judaeus etc.) und lateinischen (Plinius,
Cornelius Celsus (!), Cassius Felix, Theodorus Priscianus, Gariopontus,
Macer, Vegetius u. a.) Quellen, trotz mancher Irrtümer nicht ohne
Sachkenntnis geschrieben, mit dem Zwecke, „die wüste Nomenklatur
der Medizin zu säubern und zu erläutern". Sieht man von manchen
ausserordentlich gezwungenen und geradezu barbarischen Deutungen
ab, so hat der Verfasser seine Aufgabe im ganzen glücklich gelöst,
so dass nach dem Zeugnis des Historikers der Botanik F. Meyer es
für das Verständnis der älteren Synonymik (bis zu Caspar Bauhin)
kein besseres Werk giebt als dieses. Anzuerkennen ist das Bestreben,
dessen sich Simon selbst rühmt, durch gründliche Untersuchungen,
persönliche Erkundigungen, wozu er weite kostspielige Reisen nicht
scheute, auf alle Weise authentisches Material zu liefern.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 681
„«ec his solum contentus sed ad diversas mundi partes per sedulos viros inda-
gare ab advenis sciscitari non pinguit {sie) iisque adeo quod per montes arduos
neniorosas convalles catnpos ripasque sepe liistrando aliquando comitem me feci
cujusdam anicule (sie) eretensis admodum sciole 'non modiim in dignoseendis herbis et
nominihus grecis exponendis verum etiam in ipsis herbarmn virtutibus secundnm
Dyiascoridem) sententiam explicandis. Omnia tentavi quantum ingenii mei paupertas
sineret ut opus efficeretur excultum."
Das mit grossem Fleiss und in der Absicht möglichster Voll-
ständigkeit hergestellte Glossar enthält etwa 6000 Artikel.
Von Simon rührt auch eine im Verein mit Abraham Judaeus Tortu-
siensis verfertigte TJebereetzung des liber servitoris i. e. liber XXVIII
Bulchasim benaberazerin her (abgedruckt in der bekannten Venediger
Job. Mesue-Ausgabe).
Aehnliche litterarische Berühmtheit wie die Synonyma, wenn auch
geringeren sachlichen Wert besitzen die an Umfang Simons Werk bei
weitem überragenden „Pandectae medicinae" (mit dem voll-
ständigen Titel nach einem Exemplar der Kgl. Bibliotliek Berlin,
Vened. 1488, 207 Folioblätter: Liber pandectarum medicine: omnia
medicine simplicia continens quem ex omnibus antiquorum libris ag-
gregavit eximius artium et medicine doctor Mattheus Silvaticus ad
serenissimum Sicilie regem Robertum), welche ihr Verfasser AEatthaeus
Silvaticus (f 1342) ausMantua seinem Protektor, dem König Robert
von Sizilien, widmete. Um 1297 begonnen und 1317 (nicht 1330)
vollendet, bilden die Pandectae kein Wörterbuch, sondern eine die
Synonymik berücksichtigende praktische Arzneimittellehre, der in der
latinobarbarischen Litteratur von allen Historikern ein hoher Platz
eingeräumt wird und die in der That während mancher Jahrhunderte
zu den beliebtesten Litteraturerzeugnissen gehört hat. Das Werk be-
steht aus etwa 720 Artikeln und ist oft gedruckt. Der erste Artikel
betrifft Aron grece, arabice siricantica latine vero barba aaron; der
letzte handelt von zucarum, und dann folgen noch einige Namen, die
mit der Silbe „con'* beginnen, zuletzt: „condisi quid est lege litterara
condes".
Vgl. Steinschneider im Anhang zu Mondevilles Chir. ed. Paget p. 592; Meyer,
Gesch. d. Botanik IV p. 167 ; Graesse III p. 533; Henschel in Janus S^. F. II
1853 p. 398; Coli. Sal. ed. de Renzi I p. 341.
Der „Pandectarius", wie der Verfasser nach seinem Buch heisst, unter-
nahm gleich seinem Vorgänger im Interesse seiner Arbeit grosse Reisen
und soll bis nach Tunis gekommen sein. Zuletzt wohnte er in Salerno als
„miles et physicus regius" und unterhielt hier einen botanischen Garten.
Für manche officinelle Pflanzen soll er sich die Sämereien eigens aus Griechen-
land haben kommen lassen.
Das „opus pandectarium medicine", wie es auch noch be-
titelt ist, bildet eine fleissige und gelehrte Kompilation aus allen mög-
lichen Quellen. Der Wert der Arbeit ist jedoch dadurch beeinträchtigt,
dass nachweislich durch Kopistenschuld ganze Stücke aus Simons
Clavis hineingeraten sind; eine Sonderung des Echten vom Unechten
ist noch nicht erfolgt. Höchst verdächtig sind besonders die zwischen
den Artikeln eingeschalteten Worterklärungen.
Handschriftlich existieren noch die „Synonyma breviata cum additionibus
quibusdam" von ,,Mondino de Foro Julio" (Mundinus Friulensis f 1340)
682 Julius Pagel.
aus Cividale in der venetianischen Delegation von Friaul, Lehrer der
Medizin in Padua. Vgl. Henschel im Janus N. F. II, 1853, p. 391.
Hier ist der Ort, des bekannten „Thesaurus pauperum" zu
gedenken, einer populär geschriebenen Rezeptsammlung, auch u. d. T.
„Summa experimentorum". Als Verfasser dieser, wie d er Titel
zeigt, für die Bedürfnisse der Pharmacopoea oeconomica berechneten
Zusammenstellung, die ursprünglich angeblich italienisch geschrieben
war, gilt irrtümlicherweise der Portugiese Petrus Hispanus (nach-
malig Papst Johann XXI., Verfasser eines Kommentars zu des Isaac
Judaeus „de dietis particularibus")- Wahrscheinlich rührt der Thesaurus
pauperum von einem Arzt Julianus her. Jedenfalls gehört die 1270
verfasste Schrift zu den ältesten und verbreitetsten ihrer Art.
Der vollständige Titel lautet nach der Ausgabe Frankfurt 1576 (kl. 8®,
Kgl. Bibl. Berlin) : Thesaurus pauperum Petri Hispani Pontificis Pomani
philosophi ac medici doctissimi de medendis morbis humani corporis liber:
experimenta particularia per simplicia medicamenta ex probatissimis autoribus
et propriis observationibus coUecta continens nunc primum etc. Es handelt
sich in 85 Kapiteln um eine ßezeptsammlung gegen alle AfFektionen a capite
ad calcem, wobei die Einfachheit der Verordnungen und die Kürze der
Darstellung sicher zur Popularität des Buches beigetragen haben. — lieber
die Bedeutung des Petrus Hispanus für die Augenheilkunde vgl. J. B.
Pete IIa (Rom), ,,Le8 connaissances oculistiques d'un medecin philosophe
devenu pape'' (Janus Amsterdam II, 1897/98 p. 405—420 u. 570 — 596),
sowie die Darlegungen im Abschnitt ,, Augenheilkunde".
Aehnliche Zwecke, wie der Thesaurus pauperum, aber auf einem anderen
Gebiete, verfolgen verschiedene Schriften, die durch populäre Belehrung
auf die Menge der Gebildeten im Sinne einer rationellen Diätetik einwirken
sollen. Am bekanntesten unter dieser Gattung litterarischer Erzeugnisse
sind des Marsilius Ficinus (1433 — 1499) ,,de vita libri tres"
(Basel 1529). — Die übrige, in diese Kategorie gehörige Litteratur, populäre
Arzneibücher , balneologische Schriften , soweit sie nicht auf italienischem
Boden entstanden sind, werden an anderer Stelle zu erwähnen sein. —
Zu den berühmtesten italienischen Aerzten und medizinischen
Professoren des 15. Jahrhunderts gehören noch zwei Autoren, deren
Werke im allgemeinen nichts weiter sind als Kommentare zu Avicenna
bezw. zu dem als Schulbuch der Pathologie beliebten Liber nonus des
Razes ad Almansorem, die aber trotzdem als selbständig beobachtende
Praktiker einen gewissen Anspruch auf historische Bedeutung haben,
nämlich Giovanni Matteo Ferrario de Gradibus (f 1480) aus
Grado im Mailändischen, Arzt in Mailand bezw. eine Zeit lang Leib-
arzt am Hofe der Herzogin Maria Visconti, Verfasser von „Tabula
consiliorum" (Pap. 1501, Kgl. Bibl. Berlin, zusammen mit den Ab-
handlungen de regimine sanitatis von Rabi Moyse und von Raynaldus
[sie !] ex villa nova ad Aragonum regem inclitum), einer recht wert-
vollen Sammlung von 109 Consilien, das letzte „pro reverendissimo in
xpro patre d. Jacobo Borromeo episcopo papiensi et comite dignissimo
et domino pro macrefactione inducenda, sowie Marco Gatinaria
(f nach 1481), ein Arabist vom Scheitel bis zur Sohle, dessen Com-
pendium „de curis egritudinum totius corporis" (Basel 1537)
trotz vieler selbständiger Beobachtungen doch typisch für die ganze Art
der kommentatorischen Thätigkeit jener Zeit ist.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 683
Vgl. die Pariser These von H. M. Ferrari, TJn chaire de m^decine au
XV. siecle (1899). — TJeber die Lebensverhältnisse von Gatinaria ist nichts
weiter bekannt, als dass er in Pavia gewirkt hat und noch nach 14^1 ge-
lebt haben muss, da er in seinem Kompendium von einer in diesem Jahr
vollzogenen Kur spricht.
{Vgl. Baseler Ausg. 1537 p. 143 in dem Kapitel: Cura involnntarii exitus
urinae: „Nota quod magister Franciscus de Busti Mediolanensis in dicta civitate
Mediolani anno 1481 habuit in cura quandam puellam annorum 18 quae passa est
superfluum fiuxum urinae etc.")
Dass das Buch sich grosser Beliebtheit erfreute, beweist die Thatsache,
dass es von 15()6 — 1575 im ganzen etwa 8 mal und sogai noch im 17, Jahr-
hundert 2 mal gedruckt worden ist.
In dem in der Baseler Ausgabe nur 170 Folioseiten umfassenden Werkchen
werden ausser den Arabern noch folgende Schriften bezw. Aei-zte erwähnt: Gentilis,
Simon Januensis, Rosa anglica, Matthaeus Gradi, der Conciliator, Joannes Arcu-
lanus, Antnn. Ghuaynerius, Nicolaus Florentinus, Thadeus, Gordonius, Gerardus de
Solo, Jacobus Forliviensis, Hugo Senensis, Guil. Placentinus, ferner einige obskure
Aerzte, wie Giringellus, Marlianus etc. — Interessant ist die Warnung vor zu
früher Beerdigung an Apoplexie Verstorbener (nicht vor 72 Stunden post mortem).
Von geringerer Bedeutung als die Genannten sind : Franciscus
de Sienis (Francesco di Bartolomeo Casini da Siena), der um 1374
bis 90 blühte, der Freund Petrarkas, Professor in Perugia und Pisa
und Leibarzt der Päpste Gregor XL und Urban VI. (übrigens nicht
zu verwechseln mit seinem gleichnamigen Nachfolger in Perugia, der
erst 1400 „ad legendum et practicandum'" hierher berufen wurde);
der mehr als Philosoph bekannte M e n g h 0 Bianchelli (1440—1520)
aus Faenza, einer der Aerzte und Günstlinge des Fürsten Philipp
Maria Visconti, Verfasser von „de morbis particularibus a
capite ad pedes" etc. (Vened. 1536), sowie einiger balneologischer
Abhandlungen und eines unbedeutenden Consiliums; der bei Guy de
Chauliac (im Prooemium der Chirurgie) erwähnte Mag. Nicolaus de
Eegio (in Calabrien), ein Kenner der griechischen Sprache, dessen
Uebersetzungen Galenischer Schriften („graecae translationes" im
Gegensatz zu den aus dem Arabischen veranstalteten) z. T. noch
handschriftlich vorhanden sind und von Guy de Chauliac gerühmt
werden; er blühte etwa um 1317 — 45; Johannes de Parma, lebte
etwa in der Mitte des 14. Jahrhunderts (um 1348 — 65), war Canonicus
in Prato, und wird von Guy de Chauliac wie von Petrarka gelobt;
endlich Johannes Concorreggio aus Mailand, successive Professor
in Bologna (1404), Pavia, Florenz und seit 1439 in seiner Vaterstadt,
dessen „Lucidarium et flos florum medicinae", ein Kommentar zum
9. Buch des Razes ad Almansorem, ausser dem schön klingenden Titel
kaum etwas Neues oder Selbständiges bringt.
Damit schliesst die Reihe der bemerkenswertesten italienischen
Praktiker des 13.— 15. Jahrhunderts, die hier nach den verschiedenen
Schulen, denen ihre Lehrthätigkeit in überwiegendem Masse zu gute
gekommen ist, geordnet worden sind. Samt und sonders kann man
sie als Repräsentanten der scholastischen Medizin bezeichnen. Ihre
Produkte bewegen sich fast ohne Ausnahme auf einerlei Geleisen, und
zwar auf denjenigen, welche durch die dialektische Methode ein für
alle Male den Autoren der genannten Jahrhunderte gleichsam als aus-
schliesslich passierbar vorgeschrieben waren. Doch ist bei hervor-
ragenden Aerzten des 15. Jahrhunderts insofern ein gewisser Fort-
684 Julius Pagel.
schritt unverkennbar, als thatsächlich hier schon die ersten Anfänge
von Bestrebungen sich geltend machen, welche darauf ausgehen, sich
von der Scholastik zu emanzipieren und den Weg selbständiger,
nüchterner Naturbeobachtung zu betreten. Ein nicht geringer Impuls
zur Besserung in dieser Richtung ging von einem Manne aus. der
zwar nicht selbst Arzt war, aber ein grosses Interesse für die Heil-
kunde, wie überhaupt für alle wissenschaftlichen Angelegenheiten seiner
Zeit an den Tag legte und mit scharfem Blick namentlich die traurigen
Verirrungen erkannte, welche die Scholastik gerade in der Medizin
hervorgerufen hatte. Dieser Mann ist kein Geringerer als der be-
rühmte Dichter Francesco Petrarka (1304—74), der wegen seiner
ebenso scharfen als erfolgreichen Bekämpfung der Scholastik und
wegen seines grossen Anteils an dem Wandel der Heilkunde in der
Richtung zum Fortschritt in der Geschichte unserer Kunst allezeit
einen Ehrenplatz beanspruchen wird. Petrarka gebührt das Verdienst,
in nachdrücklichster Weise auf all das Unheil hingewiesen zu haben,
das die „syllogistische" Behandlungsmethode in der Medizin ver-
schuldet hatte. Mit Recht erhob er gegen die Aerzte den Vorwurf:
syllogizant sed non curant. Vor allem geisselte er die Sucht, die
Heilkunde mit dem Nimbus einer gelehrten im damaligen Sinne, das
heisst „philosophischen" Würde zu bekleiden. Die Philosophie, sagt
Petrarka, sei eine Wissenschaft, deren Ziele völlig den irdischen Ver-
hältnissen abgewendet seien ; die Medizin aber eine spezifisch praktische
Kunst und könne schon aus diesem Grunde nicht nach denselben
Methoden erforscht und behandelt werden wie die Philosophie. Selbst
diese sei durch missbräuchliche Verwertung von Logik und Dialektik,
die niemals Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck seien, auf
Abwege geraten, wieviel mehr aber sei dies bei der Heilkunde der
Fall, wo nicht die Disputierkunst, sondern das praktische Handeln,
nicht rhetorisches Phrasengeklingel, sondern einfache Erwägung der
Krankheitssymptome, nicht Autoritätenglaube, sondern selbständige
Beobachtung massgebend sein sollen. Treffend verspottet er die Aerzte
wegen ihrer Meisterschaft in der Kunst, den Kranken mit gelehrten
Redensarten abzuspeisen, und wegen ihrer völligen Impotenz hinsicht-
lich des eigentlichen Heilens. Sehr gut verständen sie, sagt er, ihre
Unfähigkeit und Ohnmacht am Krankenbette mit leeren Ausflüchten
zu verdecken und für ihre eigenen Fehler den Kranken oder die Natur
resp. die Schwere der Krankheit verantwortlich zu machen. Wenn
die Aerzte häufig die Meinungen der Alten im autoritativen Sinne
verwerteten, wenn sie an Hippokrates und Galen festhielten, so sei
eine solche widerspruchslose und blinde Verehrung der älteren Aerzte
durchaus nicht mehr den völlig veränderten Zeitverhältnissen ange-
messen, ganz abgesehen davon, dass man auch nicht einmal mehr
fähig sei, die älteren Lehren zu verstehen, und dass durch künstliche
Interpretation und missverständliche Auffassung die Worte der Alten
geradezu verdreht und entstellt wären, so dass die litterarischen Ar-
beiten eine förmliche Kette von in der Luft schwebenden Trugschlüssen
darstellten, denen jede reelle Unterlage mangele. Allenfalls bestände
nur insofern noch ein wirklicher Zusammenhang zwischen der da-
maligen Medizin und den alten Griechen, dass die Aerzte deren
Nomenklatur adoptiert hätten und durch griechische, gelehrt klingende
Namen, die sie den Krankheiten beilegten, der Welt zu imponieren
suchten. „Latina mors graeco velamine" nannte das Petrarka mit
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 685
feiner satirischer Wendung-. Vollends schmachvoll sei das Eindringen
des arabischen Elements in die Heilkunde; es verdiene die schärfste
Brandmarkung, dass die Aerzte an all den Schwindel glaubten, der
mit dem Arabismus in die Kunst importiert worden sei, wie Astrologie,
Alchemie, Uromantie etc. — Petrarka ist durchaus kein Verächter der
Medizin und der Aerzte an sich. Im Gegenteil war er mit einer Reihe
von Medizinern bekannt und befreundet, mit vielen stand er in ge-
lehrtem Briefwechsel, Er anerkannte die Thätigkeit einzelner voll
und ganz und namentlich rühmte er die von den Medikern verachteten
Chirurgen wegen ihres relativ nüchternen Standpunktes. Auch war
Petrarka von der Bedeutung einer auf reellen Fundamenten beruhen-
den Heilkunst völlig durchdrungen, aber er sagt, die Aerzte selbst
müssten zugeben, dass ihre Kunst noch viel von Zufälligkeiten abhänge
und fast gänzlich bestimmter Regeln entbehre. Er könne die grosse
Mehrheit der Aerzte nicht von dem Vorwurf entlasten, dass ihre
Thätigkeit eine direkt auf Trug und Charlatanerie beruhende, ja
geradezu auf Täuschung gerichtete sei. — Ist auch Petrarka ent-
schieden in einzelnen Punkten über das Ziel hinausgeschossen und
beruhen auch manche seiner Anklagen auf üebertreibungen, namentlich
wenn er tadelt, dass die Aerzte zu viel Wert auf Diätbeschränkungen
legten und wenn er das zur ärztlichen Kunst unentbehrliche psychische
Element, die unvermeidliche pia fraus gänzlich ausser Acht lässt, so
ist doch andererseits zweifellos seine Kritik in den meisten Stücken
eine durchaus berechtigte und verdienstliche. Es kann nicht in Ab-
rede gestellt werden, dass auch sie neben manchen anderen Verhält-
nissen, wozu besonders einige schwere Volkskrankheiten, die unter
dem Namen des schwarzen Todes bekannte Seuche, die Wiederbelebung
der anatomischen Forschung etc. gehören, dazu beigetragen hat, die
Aerzte von den Fesseln der Scholastik zu befreien und sie auf den
allein selig machenden Weg der Naturbeobachtung hinzuführen. Aus
diesem Grunde bleiben die kritischen Aeusserungen Petrarkas trotz
ihres vielfach laienhaften Charakters allezeit auch für die Medizin
denkwürdig und von einem gewissen epochalen Wert. Mit Recht
wird Petrarka selbst zu den Vorläufern des Humanismus gezählt;
sein Wirken inauguriert in gewissem Sinne bereits das Zeitalter, das
man in der Geschichte der Kultur mit dem Namen Prärenasisance zu
belegen pflegt. Immerhin bedurfte es noch langer, mühevoller Ai-beit,
bis der Scholastik mit allen ihren Konsequenzen und Dependenzen
der Todesstoss versetzt werden konnte.
Die Medizin in Frankreich während der scholastischen Periode.
Inzwischen hatte auch in Frankreich die medizinische Wissen-
schaft festeren Fuss gefasst und eine dauernde Heimstätte gefunden.
AVährend jedoch in Italien auch nach dem Zurücktreten der arabischen
Präponderanz an zahlreichen Orten blühende, mit Salerno rivalisierende
Hochschulen mit einer verhältnismässig grossen Zahl von Lehrern und
Schülern, einer reichen litterarischen Produktivität entstanden, sind
es in Frankreich während des ganzen Mittelalters hauptsächlich nur
zwei Universitäten, nämlich Montpellier und Paris, die als
wichtige Trägerinnen des geistigen Lebens auf dem Gebiete der
Natur- und Heilkunde in Betracht kommen. Namentlich Montpellier
gehört, wie Salerno, zu den ältesten und bedeutendsten Centren der
686 Julius Pagel.
Wissenschaft. Wie die Stadt selbst von ihrer Begründung an, die bis
auf das 8. Jahrhundert zurückgeführt wird, fast ganz orientalischen
Charakter zeigt, so ist auch die Universität als eine Art von Tochter-
stätte der spanisch-arabisch-jüdischen Gelehrtenschule anzusehen. Von
jeher hatten zwischen Montpellier und den orientalischen Ländern,
sowie mit Spanien und Italien lebhafte Handelsbeziehungen bestanden.
Eine Folge derselben war die Ansiedelung zahlreicher Juden, unter
denen auch viele jüdische Gelehrte und Aerzte sich befanden. Nach-
weislich haben diese nicht bloss eine umfangreiche praktische Thätig-
keit entwickelt, sondern auch bei der Gründung der Universität mit-
gewirkt (um 1290). Die ersten sicheren Nachrichten über die Existenz
einer medizinischen Schule in Montpellier datieren bereits aus dem
12. Jahrhundert. Die erhebliche Beteiligung gerade jüdischer Gelehrter
an der Verpflanzung der Medizin nach Montpellier erhellt aus zahl-
reichen Dokumenten, u. a. aus dem bekannten Itinerarium des Benjamin
von Tudela, eines berühmten Eeisenden, aus Mitteilungen von Aegidius
von Corbeil (vgl. Sprengel, Gesch. d. Med. II p. 546/547), besonders
aus einer erst vor kurzem von Steinschneider publizierten altfranzö-
sischen Kompilation (in jüdischen Lettern), die vermutlich aus dem
12. — 13. Jahrhundert datiert. — In Montpellier waren Jean de St. Gilles,
Guillaume de Mazeres jüdische Aerzte. Armengaud de Blaise (vgl.
p. 522i) übersetzte zusammen mit Juden die arabischen Werke ins
Latenische, u. a. mit Prophatius (Prophiat, Jacob ben Machir), Arzt
und Astronom (gest. um 1307—1308).
Prophatius stammte aus Marseille und lebte in Montpellier; er ist Er-
finder eines Quadranten und Verfasser eines Almanachs.
Vgl. H e n 8 c h e 1 , Janus N. F. II p. 389 ; Steinschneider, Hebr. Uebers.
§ 584 p. 976.
Allerdings waren die in Montpellier ansässigen christlichen Aerzte
von dem Zudrang der spanisch-jüdischen Genossen wenig erbaut und
vermochten u. a. bei Guillaume Seigneur de Montpellier ein Verbot der
Einwanderung durchzusetzen, was bekanntlich misslang, indem dieser
humane Seigneur verfügte:
„Mundo, volo, laudo atque concedo in perpetuum quod omnes homines qui-
cunque sint vel undecimque sint, sine aliqua contradictione regant scholas de physica
in Montpessulano."
Lange freilich blieb dies Edikt nicht in Geltung; auch hier feiert
bald die Intoleranz ihre Triumphe, indem schon 1319 sämtliche Juden
aus Frankreich vertrieben wurden.
Auf die nähere Geschichte der med. TJnterrichtsverhältnisse an den
Universitäten von Montpellier und Paris kann an dies^er Stelle nicht ein-
gegangen werden. Ein Hinweis auf die bekannten Werke, hauptsächlich
von Puschmanns Gesch. d. med. Unterrichts (Leipzig 1889) muss genügen.
Die lebhafte Mitarbeit der Juden mochte vielleicht die Ursache
dafür bilden, dass in Montpellier die Schola«;tik verhältnismässig hinter
einer mehr nüchtern-empirischen Richtung zurücktrat. Wenn jedoch
von einzelnen Historikern die Ansicht vertreten wird, dass in Mont-
pellier ein freierer Geist sich regte und die Scholastik gänzlich auf-
gegeben, oder vielmehr nicht adoptiert wurde, so beruht das auf
Schönfärberei.
Geschichte der Heilkunde im Mtteialter. 687
Ich glaube an einigen zuerst von mir publizierten Schriften eines der
berühmtesten Vertreter der Hochschule von Montpellier , des ,,monarcha
medicinae*' Bernhard von Gordon, nachgewiesen zu haben, dass die Scholastik
auch dort ganz in dem Stile gehandhabt wurde , wie von den besten
italienischen Repräsentanten derselben. Auch der Chirurg Mondeville, der
eine Zeitlang in Montpellier lebte , war ein echter Scholastiker , sein
chirurgisches Lehrbuch ist in den Hauptteilen mit Scholien geradezu über-
laden. Immerhin muss unumwunden zugegeben werden, dass cum grano
Balis genommen Montpellier sich anfangs in einer gewissen Unabhängigkeit
von kirchlichem Einfluss zu erhalten verstanden hat, und dass thatsächlich
auch die rein praktischen, auf die Beobachtung der Thatsachen und auf
Ausbildung von Praktikern gerichteten Bestrebungen in grösserem Umfange
zu Montpellier Geltung gewannen. Einen klassischen Zeugen hierfür be-
sitzen wir in Arnold von Villanova. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade
dieser Mann, Repräsentant einer Art von Prärenaissance , der uns noch
sogleich besonders beschäftigen wird, ferner Männer, wie der schon genannte
Bernhard von Gordon, die Chirurgen Mondeville und Guy de Chauliac, der
Augenarzt Benevenutus Grapheus (Grassus), Abkömmlinge der Hochschule
von Montpellier, berufen gewesen sind, wesentlich im geläutert empirischen
Sinne die Heilkunde zu fördern. Leider sind unsere Kenntnisse über die
Leistungen der medizinischen Schule von Montpellier trotz der Arbeiten
von Astruc u. v. neueren Autoren immer noch lückenhaft. Das Studium
der Handschriften zeigt, dass viele Arbeiten von Vertretern der Schule von
Montpellier noch unbekannt und unediert sind. Bäckström (Oberlehrer in
Petersburg), der mit der Sammlung von Anecdota Gordoniana beschäftigt
ist, verdankt Verfasser noch die Kenntnis einiger von Raymundus de
Moleriis, Kanzler der Univ. v. Montp. um 1338, herrührenden Arbeiten,
die handschriftlich in Berlin und Erfurt vorhanden sind und bisher völlig
unbekannt waren.
Paris bleibt anfangs in der Bedeutung hinter Montpellier zurück.
Hugo physicus und Obizo, Leibarzt Ludwigs des Dicken und Abt von
St, Victoire (vgl. Sprengel II p. 547), Rigord, Mönch in St. Denis,
Aegidius von Corbeil (vgl. p. 657) sind die ersten Lehrer in Paris
(vgl. Janus N. F. 1852 p. 659). Ein ewig unvergänglicher Ruhmes-
titel dieser Hochschule bleibt es, dass hier der wissenschaftlichen
Chirurgie, die die Wurzeln ihrer Kraft bekanntlich in Italien hat,
während des 13. — 14. Jahrhunderts eine neue Pflanzstätte bereitet
wird. Der Mailänder Lanfranchi begründete in Paris den neuen Auf-
schwung der Chirurgie, die nachmalig, wie bekannt, den besonderen
Glanz der französischen Heilkunde zu bilden berufen war, und gerade
in Paris ist mit der Entstehung des College de St. Come, mit dem
Wirken von Lanfranchi, Jean Pitard, Mondeville etc. die Chirurgie
schon im Mittelalter zu hohen Ehren gekommen.
Ist auch die Zahl der bedeutenden französischen Aerzte aus der
scholastischen Periode gegenüber den italienischen Autoren eine ver-
hältnismässig bescheidene, so wird diese numerische Inferiorität durch
das Ansehen der Männer, die hier entgegentreten, reichlich auf-
gewogen.
An dieser Stelle verdient zunächst der Kanonikus von Tournay,
Johann von St. Amand aus dem 13. Jahrhundert, Erwähnung (vgl.
p. 652), von dessen Kommentar zum Antidotarium Nicolai Curt Sprengel
soviel Aufhebens gemacht hat, und dessen Lob dann seitdem in alle Lehr-
638 Julius Pagel.
bücher der Geschichte übergegangen ist. Aderlass, Kalenderdiät, TJroskopie
sind auch hier die integrierenden Elemente, die instrumenta medicinae bezw.
therapiae. Vielleicht liegt der Fortschritt darin, dass die arabische Poly-
pharmacie im Kommentar etwas in den Hintergrund tritt. In dem schon
(p. 652) genannten Revocativum memoriae ist das sicher nicht der Fall.
Wie bereits bemerkt, beruht der Ruf des Kommentars wohl mehr auf der
Wertschätzung des Originals, des Antidotariums selbst. Sicher ist, dass
Johann von St. Amand zu den angesehensten und gelehrtesten Aerzten
und Greistlichen seiner Zeit gehört und nicht bloss von Zeitgenossen, sondern
auch von den nachfolgenden Aerzten viel als Autorität citiert wird. Zweifellos
muss übrigens St. Amand, obwohl er in einem belgischen Orte wirkte, als
Franzose bezw. als Ausläufer der Pariser Hochschule angesehen werden. —
Seine Areolae waren lange Zeit ein sehr beliebtes Schulbuch der Pharma-
kologie ; die Kompendiosität desselben erinnert an moderne Taschenrezept-
büchlein.
An der Spitze derjenigen Männer, welche für eine gesunde,
empirische Entwicklung der Medizin in Montpellier tonangebend und
von durchgreifendem Einfluss gewesen sind, steht ein Mann, der
zu den bedeutungsvollsten Erscheinungen des Mittelalters überhaupt
gehört
Arnaldus von Villanova,
der Autor, der in gewissem Sinne das Verdienst für sich in Anspruch
nehmen darf, die wissenschaftliche Basis der Medizin in Gestalt von
ratio und experimentum zielbewusst als einer der ersten wieder
urgiert und den Beginn einer freieren, von der Scholastik sich mehr
und mehr emanzipierenden Richtung (übrigens nicht in Frankreich
allein) angebahnt zu haben.
Von seinem Auftreten datiert zweifellos schon der Anhub zur
Prärenaissance; mit Recht wird Arnold von Villanova zu den weit
über die grosse Menge der Zeitgenossen hinausragenden, leuchtenden
Marksäulen der medizinischen Wissenschaft gezählt. Handelt man von
der Medizin in Montpellier, so ist man verpflichtet, seiner zuerst zu
gedenken; denn gerade mit der ersten Blütezeit dieser Hochschule ist
das Andenken an den Mann unauflösbar verknüpft, der dort unmittel-
bar nach der 1289 erfolgten Stabilierung der Universitätsverhältnisse
zu wirken begonnen und nachweislich lange segensreich gewirkt hat.
Figuriert er doch sogar in einem an den Papst gerichteten Dokument
als „habitator Montispessulani".
Wegen der Litteratur über Arn. v. Villanova vgl. u. a. Haeser, Gesch. d.
Med. I p. 718 u. die dort genanntnn Quellen; Barthelemy Haureau in Hist.
literaire de la France XXVIII p. 26—126; Emmanuel Lalande, Am. de Vill,
sa vie et ses oeuvres, these de Paris 1896; Coli. Salem, ed. de Renzi I p. 340 u.
347; V. Töply, Die Lagerhygiene des Arn. v. Vill., Wiener med. Wochenschr. 1896.
— Wegen der hebr. TJeber Setzungen vgl. Steinschneider a. a. 0. Wegen Arnolds
Bedeutung für die Chemie vgl. Carl Kiesewetter, Die Geheimwissenschaften T. II
Leipz. 1895 p. 38 ff. — Wegen der Leistungen Arnolds in der Chirurgie vgl. das
neueste herrliche Riesenwerk von E. Gurlt II p. 125 — 132.
Charakteristisch für den Mangel an historischem Sinn im Mittelalter
ist das in direktem Gegensatz zur Grösse und Bedeutung des Mannes
stehende geringe Mass von sicheren Nachrichten über die Lebensgeschichte
Arnolds.
Dieser Umstand hat es verschuldet, dass gerade Arnold den Phantas-
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 689
men gewisser Geschichtsmacher den unglaublichsten Spielraum gewährt hat,
und dass je dunkler thatsächlich die bezüglichen Verhältnisse liegen, desto
klarer einzelne Biographen alles sehen und darstellen zu können geglaubt
haben. Es war zunächst erforderlich, mit dem ganzen Mythenkranz auf-
zuräumen, der um Arnolds Person geflochten worden ist. Trotz der z. T.
recht guten, in dem obigen Verzeichnis genannten Arbeiten bleibt noch
mancher dunkle Punkt übrig. Die Schwierigkeiten erheben sich schon bei
der genauen Feststellung des Geburtsortes, der eigentlichen Heimat von
Arnold: ihre Beseitigung erscheint bei den etwa 20 bis 30 Ortschaften des
Namens Villanova oder eines ähnlichen in Spanien und Südfrankreich so gut
wie unmöglich. Haureau plädiert für Spanien, und erklärt unseren Arnold
für einen Abkömmling einer jener 884 Katalonierfamilien, die nach Ver-
treibung der Mauren aus Valencia zur Bevölkerung der verödeten Gegend
aus Katalonien dorthin um 1240 verpflanzt wurden. Diese Annahme stützt
er auf die Aeusserung des Papstes Clemens V., dessen Leibarzt Arnold
später war: „Mag. Arn. de Vill., clericus Valentinae dioecesis, physicus
noster". Andere Quellen treten für die proven^alische Herkunft des
Arnold ein, und für diese entscheidet sich der neueste Biograph Lalande
mit, wie mir scheint, durchschlagenden Argumenten auf Grund von
Dokumenten , die bisher noch nicht allgemein bekannt resp. verwertet
waren. Lalandes Beweisgründe sind folgende : In seiner Dedikationsepistel
zur Schrift de conservanda juventute an König Robert von Neapel und
<Trafen von der Provence schreibt er: „qui ex innatae (landsmannschaft-
lichen oder heimatlichen) fidelitatis devotione pro salute vestra semperoro".
Ferner verwendet er in seinem Regimen sanitatis mit Vorliebe Vulgäraus-
drücke aus dem Provencjalischen u. a. einen noch heute dort gebräuchlichen
Provinzialismus für Gebäck (pistin) und die übrigen Ausdrücke , die
spanischen , deutschen und italienischen , bezeichnet er ausdrücklich als
fremdes Idiom. Dieser Grund verliert allerdings an Gewicht, wenn man
erwägt , dass er den Kommentar vielleicht während eines Aufenthalts in
der Provence geschrieben und zunächst für dortige Zuhörer oder Leser be-
stimmt hat. Endlich greift Arnold häufig die Nordfranzosen wegen ihres
unordentlichen Lebenswandels an, ebenso die Süditaliener, lobt den bei den
Provengalen beliebten Knoblauch (dies Moment passt allerdings auch für
Spanien), den in der Provence häufigen Maulbeerbaum u. s w. Diese und
ähnliche Einzelheiten (u. a. auch noch der in provengalischer Mundart ge-
schriebene ,,Rosarius alkimicus") bilden die Grundlage für die Annahme
der provengalischen Herkunft Arnolds und zwar nimmt Lalande als Ge-
burtsort Villeneuve-Loubet (arrondissement de Grasse) an. — Auch über
die Geburtszeit fehlen sichere Nachrichten. Die meisten Historiker ver-
legen sie in die Jahre von 1235 bis 1240; diese Annahme hat viel für
sich. — Eine plausible Erklärung für den öfter vorkommenden Beinamen
jjBachuone" oder ,,Bachinone'* fehlt noch ; manche halten diesen für eine
Verstümmelung von Barcelona. Sichergestellt ist die Abstammung aus ganz
armer Familie und die sehr unvollkommene Schulbildung von Arnold. Er
nennt sich selbst ,,homo Sylvester, practicus rusticanus" (in der Praefatio
zur Schrift de conservanda juventute) und erzählt im ,,Novum lumen",
dass sein erster Unterricht ein sehr lücken- und mangelhafter gewesen sei.
Bestätigung hierfür bietet sein ziemlich inkorrekter und stellenweise fast
barbarischer Stil. Die ersten Lehrer von Arnold waren Dominikaner.
Später wandte er sich mit Vorliebe praktischen Studien zu, namentlich den
Naturwissenschaften, Alchemie, Physik, Medizin. Vielleicht mochte hierbei
für den von Hause aus armen Studenten der stille Wunsch leitend gewesen
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 44
690 Julius Pagel,
sein, schneller durch ein praktisches Fach zu ausreichender Existenz zu ge-
langen. Wo A. seine ersten Studien getrieben hat, ist ungewiss, viel-
leicht ist das in Neapel der Fall gewesen ; einen magister Casamida oder
Casamiccola aus Neapel nennt er seinen Lehrer, wenn es sich dabei nicht,
wie de E-enzi will, um einen anderen A. gehandelt hat, dem auch dann
die Autorschaft des ,,ßreviarium" zukommen würde (vgl. p. 679) ; auch
Valencia kommt in Betracht. Lalande nimmt Aix an ; wahrscheinlich
hat wohl A. auch in Paris studienhalber sich aufgehalten, hauptsäch-
lich der Zeitsitte und dem Beispiel berühmter Genossen gemäss, Albertus
Magnus , Roger Bacon , später ßaymund Lull etc., zur Erlangung der
Magisterwürde. Fest steht, dass Arnoldus bereits 1285 einen grossen Ruf
als Arzt geniesst und zu Peter III., König von Arragonien, citiert wird,
der in Villafranca schwer krank daniederlag. Fest steht ferner, dass er
bald danach in Montpellier erscheint, vielleicht schon um 1289 und dort,
nach zahlreichen beglaubigten Dokumenten zu schliessen , einen langen
Aufenthalt nimmt. Dort hat er auch einige seiner bedeutendsten Werke
abgefasst, u. a. die ,,Medicationis parabolae", vielleicht auch das dem neuen
König von Arragonien gewidmete ,, Regimen sanitatis". In einer von 1300
datierten Appellationsschrift an den Papst (von der später noch die Rede
sein muss) kommt der Name Arnolds in Verbindung mit ,,habitator Montis-
pessulani" vor. Er selbst erzählt im Breviarium (lib. I cap. 38) von
der glücklichen Kur einer lebensgefährlichen Hämorrhagie mit Hilfe eines
von einer alten Frau erfahrenen Geheimmittels. Aus einer (von Riolan
angezweifelten, von Haureau für echt gehaltenen) päpstlichen Bulle ergiebt
sich, dass A. in Montpellier als Lehrer der Medizin thätig gewesen
ist (zusammen mit Jean d'Alais und anderen Genossen) ; doch hat er dort
die Kanzlerwürde, wie manche wollen, niemals bekleiden dürfen, weil er
kein Kleriker von Beruf war. — Wenn man übrigens einigen Codices
trauen darf, hat er Mondeville zur Abfassung seiner Chirurgie inspiriert.
1299 weilte er in Paris und zwar in politischer Mission im Auftrage von
Jacob IL, als ältestem Sohn Peters III. König von Arragonien (,,Ego
magister Arnaldus dictus de Villa Nova, non ut Arnaldus, sed ut nunfcius
inclyti principis et illustris consanguinei vestri, regis Aragonie"). Nach
Erledigung der Aufträge im Begriff in einer neuen Sendung sich zum
Erzbischof von Toulouse zu begeben wird er plötzlich durch den Pariser
Official wegen angeblich ketzerischer Aeusserungen trotz energischen Protestes
verhaftet und erst nach langen Verhandlungen dank thatkräftiger Protektion
einiger einflussreicher Freunde gegen Kaution auf freien Fuss gesetzt. Der
Prozess endete mit Verurteilung seiner Schriften zur Verbrennung. Arnold
appelliert gegen dies Urteil an den Papst in einer vom 12. Oktober 1300
datierten Schrift ; zur Bekräftigung seiner Berufung reist er persönlich nach
Rom, wo es ihm thatsächlich gelingt, nicht nur Bonifacius VIII. für seine
Freisprechung umzustimmen, sondern auch noch dessen Wohlwollen zu ge-
winnen. Er ist dann nicht sofort nach Paris zurückgekehrt, sondern war
zunächst 1304 (nach sicherem Dokument) Arzt bei Benedict XL, dann
nach dessen Tod kurze Zeit in Spanien und erst nach der Stuhlbesteigung
von Clemens V. sucht er wieder Paris auf. 1306 disputiert er mit dem
Jakobiner Dominicus de Athera vor dem Papst in Bordeaux, 1308 hält
er sich bei eben demselben in Avignon auf; bald danach treffen wir ihn in
Sicilien am Hofe Königs Friedrich, Bruders von Jacob von Arragonien.
Wie zerstreute kasuistische Mitteilungen beweisen, hat Arnold in den
verschiedensten Städten von Frankreich, Spanien und Italien (Rom,
Bologna etc.) praktiziert. Einzelne seiner Schriften sind nach ausdrück-
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 691
lieber Erklärung des Verfassers in Barcelona, Valencia , Neapel , Piemont
redigiert, der tractatus de vinis sogar auf afrikanischem Boden. Von
Sicilien aus wendet er sich für kurze Zeit wieder an den Hof
Clemens VI. und kehrt dann definitiv im Gefolge Roberts nach Sicilien
zurück, um hier in innigstem freundschaftlichem Verkehr mit diesem,
schriftstellerisch wie alchemistiscb thätig, den Rest seines Lebens zuzu-
bringen. Hier befreundete er sich auch mit dem bekannten Baimund
Lull (1235 — 1315) aus Mallorca, dem fanatischen Mystiker und Vertreter
der mehr auf die Auffindung des Steins der Weisen bedachten Richtung
in der Alchemie (vgl. Hist. liter. de la France XXIX p. 1 — 386 und
Berthelot: La chymie au moyen äge, Paris 1895). Lull war hier ein eifriger
Schüler Arnolds und experimentierte viel mit ihm ; durch Vermittelung des
gemeinschaftlichen Protektors suchte er von diesem alle möglichen Geheim-
nisse zu erfahren. Lull verehrt Arnold sehr hoch , nennt ihn ,,fons
scientie, quia in omnibus scientiis prae ceteris hominibus floruit". Auf
einer Konsultationsreise zum schwer leidenden Papst Clemens V. nach
Avignon erkrankte Arnold unterwegs und starb in Genua , wo er auch
beerdigt wurde, noch vor dem Jahre 1312. — Soweit die Lebensgeschichte
Arnolds auf Grund neuerer Untersuchungen.
Das, was Arnold von Villanova mit Recht über seine Zeitgenossen
stellt und ihm das grosse Ansehen noch bei der Nachwelt verliehen
hat, ist nicht bloss seine bedeutende Gelehrsamkeit, nicht bloss seine
ärztliche Tüchtigkeit, nicht bloss die schriftstellerische Produktivität,
sondern vor allem die eminente und imponierende Geschicklichkeit im
Experimentieren, seine Leistungen in der experimentellen Alchemie.
Arnolds geschichtliche Grösse und Bedeutung beruht ferner auf dem
energischen und zielbewussten Streben, die Heilkunde im Gegensatz
zu den dialektischen Künsten der Scholastiker wieder auf eine wissen-
schaftliche Basis zu stellen. Dass die Heilkunde eine solche besitzt,
dass die Medizin keine dem blinden Zufall des Einzelnen preisgegebene
regellose Kunst sei, dass die Grundlage jeder ärztlichen Thätigkeit
ratio und experimentura seien, betont er unablässig. Zwar ist auch
Arnold nichts weiter als Galenist resp. Anhänger der arabischen
Lehren, zwar ist auch er durchaus nicht von der Scholastik frei, zwar
findet sich in seinen Schriften durch mehr als ein Specimen der Glaube
an astralische und magische Einflüsse vertreten, aber er ist kein
blinder Anhänger des Galen, kein kritikloser Nachbeter der Araber,
kein ausschliesslich mit scholastischen Argumentationen arbeitender
Autor; überall leuchtet bei ihm die nüchterne, praktische, selbständige
Auffassung durch, überall tritt die eigene Nachprüfung in ihr Recht
in Verbindung mit dem ernsten Streben auf Grund eigener
Beobachtungsresultate offenkundige Irrtümer der Alten zu korrigieren
und hie und da eigene Wege zu gehen. Nirgends verrät Arnold
Glaube an aprioristische Dogmen, stets behauptet er den Standpunkt
nüchterner Kritik und sucht durch seine Kasuistik die Lehren der
Alten zu läutern. Die Autorität des Avicenna imponiert ihm beispiels-
weise durchaus nicht in allen Stücken, offen bekennt er sich mehr zu
Rhazes, der sein Lieblingsautor gewesen zu sein scheint. — Dazu kommt
die hohe Auffassung von der sittlichen Würde des ärztlichen Berufs,
von der er sich tief durchdrungen zeigt, wie viele Stellen seiner Schriften
bezeugen. Alle seine Winke zur ärztlichen Politik, der Rat an die
Aerzte, sie sollten den Patienten gegenüber auf Befragen nach der Natur
44*
692 Julius Pagel.
ihres Leidens möglichst obskure, allgemeine Bezeichnungen gebrauchen,
sind nicht etwa von der Absicht diktiert, die Aerzte zur Charlatanerie
zu verleiten, sondern im Gegenteil den psychischen Faktor bei einer
Kur wohl zu beachten. Ausdrücklich warnt er vor der üblichen, auf
Täuschung der Patienten berechneten Manipulationen, wieUroskopie etc.;
das sei plumpe, des Empirikers würdige Betrügerei, Auf eine milde,
diätetisch-expektative Therapie legt er das grösste Gewicht; den Wert
einer Prophylaxe weiss er gleichfalls zu schätzen. Bäder, physikalische
Agentien wendet er mit Vorliebe an; ja selbst Volksmittel verschmäht
er nicht. Hebung der Widerstandskraft des Patienten bildet eine der
vornehmsten Indikationen nach Arnoldus, Sein Werk ist ferner die
Einführung und systematisch-methodische Verwertung des ^Alkohols
am Krankenbette,
"Was nun die Leistungen Arnolds im einzelnen angeht, so ist die
Würdigung derselben solange erschwert und wird solange erschwert bleiben,
als die sichere Entscheidung über die Authenticität der Schriften fehlt.
Gerade für eine der wichtigsten und bedeutendsten, die bisher als unantast-
bares Eigentum von Arnold galt, nämlich für das berühmte „Breviarium"
ist mit gutem Grunde von keinem Geringeren als de Renzi die Echtheit
angefochten worden, (Die betreffenden Beweise vgl. Coli. Sal, I a. a. 0. ;
von Haeser reproduziert.) Sicher und unbestritten stehen Arnolds Ver-
dienste in der Chemie. Er ist gewisserraassen der Vater der medizinischen
Chemie, Er beschreibt in seiner Schrift de vinis die Darstellung des
Alkohols aus Eotwein, er kennt die ätherischen Oele , namentlich das
Terpentinöl und die aromatischen Wässer. — Seine hygienischen Grundsätze
verdienen heute noch Beachtung ; die Klassifikation der Pathologie ist gut
gemeint, wenn auch etwas unklar. Das Interesse Arnolds für Anatomie
ergiebt sich aus verschiedenen Stellen,
Die Zahl seiner Schriften ist recht beträchtlich; sie belauft sich auf etwas
mehr als 60 Abhandlumjeti und Werke von verschiedenem Umfang und Inhalt: med.,
alcJiemistisch , philosoph., moraltheologisch, astrologisch. Eine Zusammenstellung als
'„Opera onmia'^ ist mehrfach gedruckt. {Lyon 1504 und in weiteren 9 Ausgaben bis
i.Wö) Vieles ist noch handschriftlich und unediert in den Bibliotheken vorhanden.
Von den etwa 40 Arbeiten rein medizinischen bezw. diätetischen Inhalts beschränken
icir uns auf die kurze Anführung und Analyse der tvichtigsten, ohne uns im übrigen
auf die Echtheitsfrage als eine der heikelsten und eigenes, genaueres Originalstudium
voraussetzenden Angelegenheiten einzulassen: 1) de regimine sanitatis, eine
Hygiene in 2 Teilen mit 11 bezw. 46 Kapiteln {L. I allgemeine physiologische Vor-
bemerkungen, Hygiene der Kindheit, der Greise, der Temperamente ; L. II Spezielle
Hygiene der Nahrungsmittel, der Gewerbe, hygienisches Verhalten bei Krankheiten,
Rekonvalescenz, Seuchen, Aderlass, Cauterien, Blutegel, Laxativa, Purgativa, Vomi-
tiva. 2) de conservatione sanitatis ad inclytum regem Aragonum
{auch unter anderem Titel), verbreitet sich in 14 Kapiteln über Luft, Uebung,
Hydrotherapie und Bäder, Schlaf, Gemütsbewegungen, Nahrungsmittel und —
Hämorrhoiden {mit vielen M^iederliolungen). 3) de conservatione juventutis
et retardatione senectutis ad regem Hierosolymitanum et Siciliae,
eine diätetisch-therapeutische Abhandlung, anscheinend eine seiner letzten Schriften,
besteht aus einer Vorrede in 3 Kapiteln mit Erklärungen zur Pathologie und
• Diätetik des Greisenalters, Mitteln zur Wiederverjüngung {durch Gebrauch des
Goldicassers) beziv. zur Erhaltung der Jugend. 4} Tractatus medicinae re-
galis sive descriptiones receptarum. Therapeutisches. Hier ist das Rezept
für die aromatischen Wässer, für das Goldtcasser etc. angegeben, aber es fehlt auch
nicht an astrologischem Blödsinn. 5) de regimine castra sequentium, Lager-
hygiene in 1 Kapitel {vgl. v. Töply l. c). 6) C omm entum in regime n
S aler nitanum , eine der geläufigsten Kommentarausgaben des salerni-
tanischen Lehrgedichts , das in dieser Redaktion aus 370 Versen besteht. Neben
Galen, Avicenna und den bekanntesten arab. Autoren erscheinen hier noch Simon
Januensis, Platearius, mag. Bariuccius (offenbar der p. 671 angeführte), Albertus
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 693
(Magnus) und DemocHtus als Autoritäten. Der Kommentar ist entschieden
die schtcächste und am wenigsten selbständige Leistung Arnolds. Hier ist auch
vom „vinum friscum" die Rede, wie denn überhaupt der Passus über die Weine
sehr eingehend ist, was einen Rückschluss auf die von anderer Seite angezweifelte
Echtheit gestattet. Die galenische Temperamentenlehre erstrahlt in voller Glorie.
7) de parte operativa, Nervenkrankheiten, Hirnaffektionen mit Appendix über
Magen- und Darmtumoren. 8) de phlebotomia, wird für unecht angesproclien.
ff) de cautelis tnedicorum, ärztliche Politik mit med. Methodologie, Kranken-
examen u. Hygiene am Krankenbett. 10) Pa rabolae medicationis, Hauptwerk
von Arnold, spezielle interne u. hauptsächlich chirurgische Pathologie u.
Therapie in 7 Doktrinen mit zahlreichen Aphorismen. Diese sind von bedeutendem
ivissenschaftlichen Wert und sicher echt; sie beziehen sich besonders auf Chirurgie ;
der Kommentar dazu jedoch von einem Schüler abgefasst und minderwertig.
11) Aphorismi editi de ingeniis nocivis, ciirativis et praeservatiris
morhorum, speciales corporis partes respicientes, summarische Patho-
logie z. T. Wiederholung von Nr. 7. — 12) Tabule que nie die um informant
Hpecialiter dum ignoratur egritudo, Anleitung zur exspektativen Therapie,
solange die Diagnose noch unsicher ist. 13) Compendium med i eine practice
Ai-naldi de Vilki 7iova etc., das berühmte, viel umstrittene „Breviarium^ (s. oben).
Es zerfällt in 4 Bücher. L. T entJuilt ausser der Vorrede 24, l. II 46, lib. III 22,
I. IV: SH Kapitel. Die Ordnung ist die geläufige a capite ad calcem, dazu viel auf
Chirurgie und Gymikologie Bezügliches. Die letztere wird in demselben Abschnitt
u-ie die Intoxikationen abgehandelt; die seltsame Zusammenstellung motiviert Arnold
mit den Worten: mulieres ut plurimum sunt animalia venenosa. Im letzten Buch
ist eine Fieberlehre, die Semiotik des Urins und dann noch eine Reihe von Respira-
tions- tmd Digestionskrankheiten, sowie Kapitel über Hirnabscesse und Phrenesis
[epiala et liparia) enthalten. 14) Practica sum marin seu regime n magistri
Arnaldi ad instantiam Clementis summi pontificis, Therapie in
29 Kapiteln mit meist kurzen Rezepten gegen alle möglichen Symptome, lö) De
modo preparandi cibos et potus infirmorum in e gritud ine acuta ,
durchaus rationelle Ernährungstherapie. Arnold ist darauf bedacht, Medikamente
und Speisen so für die Kranken zu bereiten, dass sie die Aufnahme derselben nicht
verweigern. 16) Compendium regiminis acut or um, spezielle Hygiene, fast
durchweg scholastisch gehalten tmd von zweifelhafter Güte. 17) Regimen sive
concilium quartane {in Briefform an den Papst, Clemens V.?\. 18) Con-
cilium sive cura febris hectice {(jleichfalls in Briefform). 19) Concilium
sive regimen podagre, bunte Rezeptsammlung gegen Gichtanfall und Gicht-
schmerz. 20) de sterilitatc tarn ex parte viri quam ex parte mulier is.
21) de signis leprosoru m. 22) de amore heroico, die psych ischen Folgen
der unglücklichen Liebe in Briefform an einen Arzt. 23) De venenis, ein jRe-
pertorium der Theriakformeln und Universalan tidote nebst Symptomatologie und
Therapie der Intoxikationen. 24) de arte cognoscendi venena. 25) Contra
calculum. 26) Regimen curativum et preservativum contra catar-
rhum, handelt nicht bloss von akuten und chronischen Katarrhen der ßchleim-
häute, sondern auch von rheumatischen Affektionen. 27) de tremore cordis,
eine ausgezeichnete, kleine Schrift über Herzpalpitationen mit vielen, originellen und
persönlichen Beobachtungen. 28) de epilepsia. 29) de us.u carnium. Endlich
noch zahlreiche, in allen mittelalterlichen Medizinbüchern unvermeidliche kleinere
Abhandlungen de ornatu mulierum, de decoratione, de dosibus theriacalibus, de
coitu, de conceptione u. a. Gegenstände, entschieden wohl sämtlich apokryph. Wichtig
sind nur noch von diesen gemischten Schriften die Abhandlungen de vinis {auch
II. d. T.: „de secretis magnis medicine et virtutibus rirti" u. „Elixir doctissimi . . . .
de vinorum confectione^), sowie de aquis medicinalibus {aque bechice s. ptisane,
diuretice, purgative, adstringentes et aiterative). Die philosophischen und rein
nlcheniistischen Schriften {thesaurus thesaurorum et rosarius philosophorum. Über
dictus nomim lumen, flos florum bezw. semita semite, cathena aurea, de humido
radicali) können hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Dazu kommen noch
ein Antidotarium. Kommentare zu hippokratischen Aphorismen, Vebersetzung der
Augenheilkunde des Alcanamusali de Baldach, Schriften über Traumdeutung und
sonstigen nmgischen und mystischen Inhalts: Talismane, Beurteilung der Krank-
heiten nach der Stellung der Gestirne u. s. w. u. s. w.
Dass Arnold mit seinen geläuterten Anschauungen vorbildlich ge-
Avirkt hat, unterliegt keinem Zweifel, wenn man auch nicht soweit
gehen kann, um mit Henschel, Haeser u. a. eine besondere Schule der
694 Julius Pagel.
Arnoldisten anzunehmen. Gewiss hat er viele Schüler gehabt, aber
diesen war mehr an der Kenntnis seiner alchemistischen Geheimnisse
und Experimente gelegen. In der Medizin nimmt Arnold eine ganz
isolierte Stellung ein. Doch ist sein Kampfesruf gegen die Scholastik
sicher nicht unverbaut geblieben. Das beweisen die milderen Formen
dieser Methode speziell bei den nachfolgenden Repräsentanten der
französischen Medizin. Das beweist namentlich auch der nächste
Hauptvertreter der Schule von Montpellier,
Bernard von Gordon
der zwar in der allgemeinen Bedeutung weit hinter Arnold zurück-
tritt, immerhin für seine Zeit als angesehener Praktiker, Lehrer und
Schriftsteller eine wesentliche Rolle spielt.
Bernhard von Gordon stammte wahrscheinlich aus einer schottischen
Ortschaft dieses Namens ; doch existieren auch in Frankreich (Saone et
Loire, Ardeche, Provence), mehrere Gemeinden mit dem Namen Gourdon ;
es ist nicht unmöglich, dass aus einer derselben Bernhard seinen Ursprung
genommen hat. Aus der Einleitung zu seinem populärsten Werk (s. unten)
ist zu entnehmen, dass er etwa 1285 seine Professur in Montpellier antrat,
also zu einer Zeit, wo daselbst bereits zwei Menschenalter hindurch die
med. Schule dank der Bulle des Kardinal Conrad feste Pormen angenommen
und sich zu einer sicher fundierten Anstalt herausgebildet hatte. Nach
20 jähriger Thätigkeit begann Bernhard seinen Schülern (1305) sein be-
rühmtes „Opus s.' Lilium medicine inscriptum s. de morborum
prope omnium curatione Septem particulis distributum" zu diktieren. "Wie
lange der Verfasser dies Werk noch überlebt hat, ist unbekannt. Einzelne
Historiker lassen ihn erst nach 1314 sterben. Sein Lilium bedeutet nicht
den geringsten Fortschritt; keine Spur einer selbständigen Entwicklung
ist darin zu entdecken ; es bandelt sich nur um die Konservierung arabistischer
Anschauungen. Im Griechischen ist Bernhard von Gordon bei aller Gelehr-
samkeit genau derselbe Ignorant wie die Mehrzahl seiner Zeitgenossen. Die
•einzigen Vorzüge des AVerks sind Kürze, Uebersichtlichkeit
und die Einbeziehung der Chirurgie. Manche seltsame Anschauung, so die
merkwürdigen therapeutischen Vorschläge zur Behandlung des Amor hereos
sind den Arabern entnommen. Von der Chemie in der Medizin hält er
nicht viel ; gewiss darf man das nicht als Fortschritt ansehen. .1. Edmund
Güntz in Dresden (Aussatz und Syphilis. Nach den Quellen des Bernh.
Gordon, Arch. für Dermat. u. Syphilis 1870) u. H. A. F. Peypers in Amster-
dam (Lues medii aevi 1895) wollen bei ihm Angaben entdeckt haben, die
auf seine Kenntnis der Syphilis hinweisen. Ich halte die Deutung für ge-
sucht. Der von Curt Sprengel erhobene Einwurf, Gordon mache aus Eigen-
nutz einen Unterschied in der Behandlung von Armen und Reichen, ist
ungerecht. Es handelt sich nur um Empfehlung der Pharmacopoea
oeconomica. Dass auch hierauf im Mittelalter geachtet wurde, beweisen der
Tractatus quid pro quo mit den Succedanea und der Thesaurus pauperum.
Im übrigen war Gordon ein recht fruchtbarer Schriftsteller, wie die be-
kannten bibliographischen Quellenwerke lehren, auf die hiermit verwiesen
werden muss.
Gesamtausgaben: Ferrara 1486; Lyon 1474, 1550; Neapel 1480. lieber eine
franz'ös. Uebers. aus d. Jahre 1377 berichtet E. Littre in Hist. liter. de la France
XXV p. 821 - 337. Wegen der hebr. Uebersetzungen vgl. Steinschneider a. a. 0.
p. 785. Die Bedeutung Gordons als Chirurg erörtert Gurlt ausführlich in Bd. II
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 695
seiner kostbaren Gesch. d. Chirurgie. Particula I (Ausgabe Lyon 1550 p. 5 — 139)
handelt von deti Fiebern, Abscessen, Lepra, Hautinfektionen und Wunden; Part. II
(j). 140-251) von den Affektionen des Kopfes; Part. III ( — p. 332) umfasst die
Darstellung der Augen-, Ohren-, Nasen- und Mundleiden ; Part. IV ( — p. 413) ist
dem Respirationstrakt gewidmet; Part. V ( — p. 520) den A/fektioneri der Ver-
dauungsorgane, VI ( — 2^- 5^-5) d^n Krankheiten der Leber n. Nieren, VII ( — p. 666)
den Kr^inkheiten der männlichen und tceiblichen Generationsorgane und enthält
zum Schluss noch ein Antidotarium („de antidotis"). Die genannte Ausgabe ent-
hält ferner die Schriften Gordons „De decem ingeniis curandorum morbonim", ein
„Regimen acutarum aegritudinutn" in 3 Abschnitten, sowie einen „tractatus de pro-
gnosficis'-' {in 5 Teilen) und einem längeren „tractatus de urinis^. Die stereotyp
unederkehrenden Anfänge mit „notandum, quod'\ „intelligendum quod"^ etc. erinnern
zu sehr an Mondevilles Chirurgie resp. umgekehrt. Vgl. noch Paget, med. hist.
Bibliogr. p. 622.
Ziemlich gleichzeitig wirkte als Lehrer der Medizin, selbst als
Kanzler in Montpellier G e r a r d u s d e S o 1 o (um 1320), Verfasser von
„Introductorium juvenum", „libellus de febribus",
,.tractatus de gradibus medicine", sowie von Kommentaren
zum Viaticum des Isaac Judaeus und zum Liber nonus Kasis ad
Almansorem. Der Autor führt auch die Ehrenprädikate als ..Expositor"
und ..Doctor mansuetus".
lieber die hebr. Uebers. vgl. Stei^ischneider l. c. p. 794. Der hebr. Uebersetzer
der zuletzt genannten Schrift ist ein jüd. Gelehrter Leon Josef. Er beendigte seine
Uebersefzung in Carcassonc am, 19. Juli 1394 und eine Revision am 11. Septemoer 1402.
Andere hervorragende Aerzte, die z. T. nur vorübergehend in
Montpellier wirkten, sind Johannes Jacobus, Kanzler daselbst
um 1364, Verfasser eines „Secretarius practicus med. s.
Thesaurarium med." (auf Befehl Karls V.), einer Kompilation
aus Galen, Avicenna, Razes und Alexander, wovon sogar zwei
hebräische Uebersetzungen existieren (vgl. Henschel. Janus N. F. II
1853 p. 411 und Steinschneider 1. c. p. 804); Johannes de
Tornamira,
von 1372 — 76 Arzt des Papstes Gregor XI., dann Kanzler in Mont-
pellier, bis er später abwechselnd Leibarzt des Königs von Frankreich und
des Papstes Clemens VII. in Avignou war; 1401 soll er vorübergehend
wieder die Kanzlerwürde in Montpellier bekleidet haben. Sein Clari-
ficatorium juvenum super nono almansoris cum textu
ipsius Rasis (Lyon 1501, 159 Quartblätter, Kgl. Bibl. Berlin) in 96
Kapiteln mit Zusätzen von 20 Kapiteln unter Benutzung des Continens
von Razi gehörte zu den verbreitetsten Schulkompendien während des
14. — 15. Jahrhunderts, namentlich als Elementarbuch für Anfänger (ed.
princeps 1490, liber rarissimus, vgl. Hebr. Uebers. Steinschneider 1. c. p. 833).
Tornamira ist auch Verfasser eines Traktats de febribus und de accidentibus
febrium (Lugd. 1501, 27 Quartblätter, Kgl. Bibl. Berlin). — Das Clari-
ficatorium wurde später verdrängt von dem berühmteren
„Philonium s. Practica medica" des Portugiesen Valascus
(Balascon) de Taranta,
seit 1382 Lehrer in Montpellier, der die sehr umfangreiche Schrift 1418
nach 36 jähriger Praxis beendigte, mit dem vollständigen Titel: „Philonium
pharm aceuticum et chirurgicum de medendis Omnibus cum internis tum
externis humani corporis affectibus" (Frankf. 1599).
Vgl. Näheres bei A. Rittinanii, Culturgeschichtliche Abhandlungen über die
Reformation der Heilkumt, Heft I, Brunn 1869 p. 3—13.
696 Julius Pagel.
Das Buch zerfällt in einen innerlicli med. und einen chirurgischen Teil.
Der erstere behandelt in 7 Büchern (7 Bücher wegen der Heiligkeit der
Zahl, cfr. 7 Todsünden, 7 Bitten, hehr, ynt^ niDin, 7 Planeten, 7 "Wochen-
tage etc.) und 224 Kapiteln nebst unzähligen Canones die Krankheiten vom
Kopf bis zur Sohle : I. Kopf, II. G-esicht, III. Atmungswerkzeuge, IV. Organe
der ersten Verdauung, vom Schlund bis After inkl. Cholera, V. Organe
der zweiten Verdauung , Leber , Milz , Niere, Blase, VI. Sexualorgane,
VII. Fieber inkl. Abschnitte über Marasmus, Sudor, variolae et morbilli
und pestilentia. Uebrigens bedient sich Valascus konsequent der Schreib-
weise : Avicennas statt Avicenna. — (Wegen der Chirurgie vgl. Gurlt's
grosses Geschichtswerk II p. 108 — 120).
Das Buch von Valascus empfiehlt sich durch seinen nüchternen,
mehr die Thatsachen berücksichtig-enden , als das verba facere
intendierenden Standpunkt. Die Behandlung des Stoffes ist übersicht-
lich und rationell nach den Rubriken: Clarificatio resp. Declaratio
(nomina, diff'erentia), causae, signa, pronosticatio sive judicia, curatio,
also nach bekanntem Schema wie in den übrigen Lehrbüchern.
Beweis, dass in der äusseren Anlage und formalen Disposition die
Schriften jener Periode alle über einen Leisten geschlagen waren.
Bemerkenswert sind die vielen Kapiteln angefügten „Appendices".
Geringere historische Bedeutung besitzen : Johannes c u m B a r b a
(de Burgundia), Prof. der Med. in Liege (1330 — 1370), Verfasser einer
(auch von Hoeniger, Gesch. d. schwarzen Todes in Deutschland erwähnten)
Pestschrift (vgl. Hist. liter. de la France XXIV p. 471, XXVII p. 628,
746; Steinschneider 1. c. p. 803): Raymund Chalin de Vinario
(1345 — 1384), mitunter schlechtweg als der „Medicus de Montpellier" be-
zeichnet, gleichfalls Verfasser eines für die Kenntnis der Geschichte vom
schwarzen Tode wichtigen kleinen Dokuments (vgl. Henschel, Janus N. F. II,
1853, p. 403); endUch aus dem 15. Jahrhundert: Jacobus de Partibus
(Jacques Despars), f 1457, aus Tournay, Prof. in Paris und Deputierter
der Universität auf dem Konzilium zu Konstanz, ein eingefleischter Arabist,
dessen Hauptwerk ein grosser Kommentar zu Avicenna ist. Anzuerkennen
ist, dass er seine Arbeiten nach Originalstudien und nicht auf Grund von
Uebersetzungen angefertigt hat.
Ausser dem oben genannten Kommentar {Lyon 1498) lieferte Despars noch eine
glossa interlinearis zu Alexander [Tralles?) und schrieb ein Dispensatoriuni m. d.
T.: „Summiila per ordinem alphabeti singulorum remediorum singulis morbis con-
ferentium" , sowie eine Abhandlung über Diätetik (vgl. Henschel l. c. p. 424); Haeser
{I p. 707) citiert noch : de triplici discipUna, cujus partes sunt pMlosophia naturalis,
medicina, theologia, moralis philosophia, integrantes quadruvium {Lyon 1508). —
Henschel {Schlesiens icissenschaftl. Zustände im 14. Jahrh. p. 57) gedenkt noch
einer durch Despars besorgten Redaction der Articella, d. i. jener bekannten im
15. Jahrh. von verschiedeyien Autoren veranlassten Zusammenstellung einer Reihe
von unentbehrlichen Schriften für die med. Praxis {daher die Bezeichnung, Dimi-
nutiv von „arte'-''). Nach der sehr vollständigen Aufzählung der Ausgaben bei
Choulant {Handb. d. Bücherkunde p. 398) tvird jedoch nirgends der Name von
Despars mit diesem Schriftiverk in Verbindung gebracht, vielmehr iverden als
hauptsächlichste Redaktoren die Aerzte Franc. Argillagues aus Valencia und Gre-
gorius a Vulpe aus Vicenza genannt. Ausserdem existiert von Despars noch eine
„Summula ordine alphabeti ex libris Mesue excerpta^' {vgl. p. 671 bei Tussignana),
eine Art Generalreqister zu Mesues Grabadin.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 697
Die Medizin in den übrigen Ländern Europas wälirend des
13.— 15. Jaiirhunderts.
Eine verhältnismässig spärliche Zahl von Aerzten tritt während
des 13. — 15. Jahrhunderts in England, dem von der Seuche der
Scholastik am wenigsten angekränkelten Lande, entgegen. Ein
blühendes wissenschaftliches Leben hatte sich ziemlich früh in Oxford
entfaltet, das anfangs auch das politische Centrum des Landes bildete.
Oxfords gelehrte Schule datiert bereits aus der Zeit Alfreds des
Grossen (9. Jahrhundert). Etwa zwei Jahrhunderte später entwickelte
sich aus ihr eine Universität, die einen regen litterarischen Verkehr
mit Paris unterhielt. Die üppigen Blüten, welche die Scholastik
anderswo trieb, schössen in Oxford nicht in dem Masse empor. Neben
der Thatsache der räumlichen Entfernung von den flauptherden der
Scholastik kommt hierfür das Verdienst einer ebenso genialen, wie
unerschrockenen Mannes in Betracht, der zu den frühesten Vor-
kämpfern einer freisinnigen und aufgeklärten Richtung in England
gehörte und durch sein wackeres, mutiges, das Martyrium für seine
Ueberzeugung nicht scheuendes Auftreten die Eegungen der Scholastik
sozusagen im Keime erstickte. Roger Baco, der universelle Poly-
histor, dessen Riesengeist das gesamte Wissen jener Zeit beherbergte,
der in seiner Person eine harmonische Vereinigung religiösen, poli-
tischen undwissenschaftlichen Freidenkertums verkörperte, hatte sich
mit einem für jene Zeit imponierenden Wagemut erkühnt, den Vor-
urteilen der meisten seiner Zeitgenossen trotzig den Fehdehandschuh
hinzuwerfen. Aehnlich wie Villanova für Frankreich, gebührt Roger
Baco für England der unentwindbare Lorbeer, das Vorbild einer vor-
urteilslosen, liberalen, nüchternen Forschungsmethode geworden zu
sein und unbefangene, exakte Naturbeobachtung nach Kräften wieder
zu Ehren gebracht zu haben.
Roger Baco stammte aus einer sehr angesehenen, auch am politischen
Leben mit einer nicht unerheblichen Rolle beteiligten Familie und wurde
1214 (oder 1215) in Ilchester (vielleicht dem Iscalis des Ptolemäus) in
Sommersetshire geboren. Seine erste Ausbildung erhielt er in seiner Vater-
stadt ; später bezog er die Oxforder Universität, an der u. a. der freisinnige
Edmund von Canterbury einer seiner Lehrer war. Dem damaligen Her-
kommen gemäss vertauschte Baco nach einiger Zeit Oxford mit Paris, wo
er sämtliche Gebiete des Wissens mit derartigem Eifer und Erfolg zum
Gegenstand seiner Studien machte, dass er bei der Promotion wegen seines
vielseitigen und profunden Wissens das Ehrenprädikat des „Doctor nürabilis"
erhielt. Innige Freundschaft und Gesinnungsgleichheit verband ihn hier
mit zwei freisinnigen Theologen Adam v. Marisco und Robert Grosse-Tete.
1240 kehrte Baco wieder nach England zurück, wo er eine Schule gründete,
in der er mit Hilfe eines eigenen Laboratoriums und einer Sternwarte natur-
wissenschaftliche Kurse veranstaltete und durch sein ungeheures Wissen,
sowie durch die entschieden freimütige Art, mit der er den herrschenden
Ideen und Methoden entgegentrat, sehr bald Aufsehen erregte. Unbegreif-
licherweise und zu seinem Unheil beging er den Missgriff, dass er (vielleicht
aus politischen Beweggründen) in den Orden der Minoriten (Franziskaner)
eintrat. «Von diesen wurde er nun , besonders als er die Ignoranz der
Brüder, die nur von ihrer Sittenlosigkeit übertroffen wurde, zu geissein
698 Julius Pagel.
gewagt hatte, aufs erbittertste bekämpft. Aus Eache beschuldigte man ihn,
dass er sich mit Magie, den geheimen Wissenschaften beschäftige und der
Zauberei ergeben sei. Man behielt ihn im Ordenshause in Haft und legte
ihm allerlei Bussen auf. Trotz des Wohlwollens des Papstes Clemens IV.,
der 1266 sich sogar Bacos Schriften durch einen seiner Schüler (Jean de
Paris) vorlegen Hess und von seinen ßeformplänen , Instrumenten, Er-
findungen etc. begeistert war, ruhten seine Feinde nicht. Sie begannen
1278 mit abermaligen offenkundigen Verfolgungen. Der Ordensgeneral
Hieronymus von Esculo (Ascoli) verbot die Lektüre seiner Bücher, unter-
sagte ihm die weitere Lehrthätigkeit und Hess ihn abermals verhaften. Die
Gefangenschaft Bacos dauerte noch fort, als inzwischen Hieronymus Papst
Nicolaus III. (1288) geworden war, obwohl Baco ihn durch Widmung
einer Schrift über die Kunst, die Beschwerden des Alters zu verhüten, zu
versöhnen gesucht hatte. Erst nach 14 jähriger G-efangenschaft wurde er
auf Verwenden einflussreicher Männer (angeblich nachdem er dem Ordens-
general Raimund Galfred [Ganfridi] in der Alchemie unterwiesen hatte)
freigelassen. Bald danach ist er am 11. Juni 1292 oder 1294 gestorben.
Roger Baco lässt sich in vielen Beziehungen mit seinem Zeit-
genossen, dem Scholastiker Albertus Magnus, vergleichen. Doch über-
ragt er diesen nicht bloss durch die Vielseitigkeit im positiven Wissen
namentlich hinsichtlich der Sprach- und exakten Naturwissenschaften,
sondern vor allem durch den entschiedenen, freisinnig-reformatorischen
Standpunkt sowohl im Verhalten gegenüber der Kirche wie in seinen
philosophischen und den übrigen wissenschaftlichen Anschauungen.
Während der gläubige Albert unter den Fesseln der Kirche sich wohl
fühlte und in den Bahnen der Scholastik unbeirrt seines Weges ging,
gehört Roger Baco zu den energischsten Gegnern beider. Er erklärte
die scholastische Methode als absolut unfruchtbar für die Forschung
und brandmarkte sie als ein Verderb, als eine Fälschung der Wissen-
schaft. Autoritätenglauben verwirft er als der Uebel grösstes, dem
nur das Festhalten an Vorurteilen, die Meinung des grossen Haufens
und die menschliche Eitelkeit den Rang streitig machen. Zwar
schätzt auch Baco den Aristoteles sehr hoch, aber doch nicht so
hoch, dass er ihm da blind folgt, wo jener unzweifelhaft geirrt hat.
Ausdrücklich retabliert er das Experimentum als vollberechtigt dem
Argumentum.
Allerdings giebt es für Baco neben der äusseren Sinneserfahrung noch
eine innere durch direkte göttliche Eingebung. Die Mathematik stellt er
als Fundament aller wissenschaftlichen Bildung hin, indem sie einen Teil
der physikalischen und metaphysischen Wissenschaften in sich schliesst.
Ihre vier Disziplinen sind Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.
Grosse Verehrung hegte Baco für die Medizin, die, wie er sagt, die anima
rationalis behandelt, Gesundheit und Krankheit des Menschen betrifft und
somit seine Organisation und Erzeugung zum Gegenstand hat. Allerdings
kann sich auch Baco nicht ganz von einzelnen Anschauungen seiner Zeit
frei machen. Er huldigte noch mancher astrologischer und alchymistischer
Lehre ; darin bringt er ebenfalls dem Zeitgeist den schuldigen Tribut, aber
er thut das in gemässigter Form, und überall tritt das Bestreben nach einer
nüchternen realen und wirklich naturgemässen Auffassung der Dinge dieser
Welt ersichtlich hervor. Systematischer Obskurantismus und spekulative
Mystik sind ihm ebenso verhasst wie die Tyrannei der gelehrt klingenden
Phraseologie und der spitzfindig dialektischen Wortmacherei.
Geschichte der Heilkunde im Mittelalter. 699
Die Schriften Bacos sind zum grösseren Teil noch handschriftlich in englischen
Bibliotheken, soivie in Leiden vorhanden. Sein Hauptwerk, das Opus majus,
welches er auf Verlangen des Papstes zu seiner Verteidigung schrieb, und das eine
Reihe von philosophischen, physikalischen und anderen Abhandlungen entliält, erschien
erst 1733 in London von Jebb herausgegeben. Ein Jahrhundert später [1859 — 60)
erfolgte die Drucklegung der übrigen Schriften B.s, des Opus minus bezw. des Opus
tertium, das eine umgearbeitete Zusammenfassung des Opus majus et minus bildet,
dtirch J. S. Breicer u. d. T. : „Fr. Rogerii Bacon, Opera quaedam hactenus inedita.
Vol. I containing Opus tertium. Opus minus. Compendium philosophiae^ (London).
Weitere Arbeiten B.s sind: „De nullitate magiae"^ {Hamburg 1618), die vorher ge-
nannte Abhandlung über das Alter {lat: Oxford 1590, engl, von Brown 1683), ferner
die „Ejiistola de secretis artis et naturae operibus^ {Paris 1541, Hamburg 1617);
„^peculum alchimiae {Nürnberg 1542) und mehrere chemische Schriften, zusammen-
gcfasst als „Thesaurus chymicus" {Frankfurt 1603, 1620). — Zwei Schriften über
die kritischen Tage und die Krise der Krankheiten finden sich noch handschriftlich
in der Amj)loniana unter Q 215 asserviert {vgl. Katalog von Schum). Vor kurzem
erschien : The „opus majus"^ of Roger Bacon edited unth introduction and analytical
table by John Henry Bridges, Oxford u. London 1897, 2 Bde.; 2 ed. ib. 1900, 3 voll.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass der auffallende Mangel an
scholastischen Autoritäten in England dem reformatorischen Einfluss
zuzuschreiben ist, welchen die Lehren Bacos ausgeübt haben. Im
ganzen kommen für England als innere Mediziner (magistri in
physica) nur zwei Männer ernstlich in Betracht: Gilbertus
(Anglicus), ein viel umstrittener Autor, der jedenfalls dem XIII. Jahr-
hundert angehört. Er führt die Ehrenbezeichnung als „Doctor desi-
deratissimus" [Littre unterscheidet noch einen jüngeren Autor
Gilbert d'Aquila (Legleus, de l'Aigle), Commentator des Johann
Jacobi, im XIV. Jahrh.]. Sein Hauptwerk, betitelt „Compendium
medicine tam morborum universalium quam particu-
larium, nondum medicis sed et cyrurgicis utilissimum"
{Lyon 1510 und Sachregister, Genf 1608; hebräische Uebersetzung
vgl. Steinschneider p. 798) ist auch als „Laurea" oder „Rosa
anglicana" bekannt, darf aber nicht mit der „Rosa anglica"
verwechselt werden, d. i. der zwischen 1305—1317 verfassten
„Practica" von Joh. Gaddesden (Johanes Inglesius), Prof. d. Med.
am Merton Colleg in Oxford.
Bezüglich dieses Werks sei auf das Urteil von Sprengel verwiesen
(II, 633): „Seine albernen Charlatanerien waren in diesem Jahrhundert so
wenig ausserordentlich, dass man vielmehr eine Menge ähnlicher Ausbrüche
der frommen Unwissenheit, der Betrügerei und groben Charlatanerie fast
bei allen Aerzten dieser Zeit bemerkt." Was Sprengel an Einzelheiten
aus diesem Werk beibringt, ist thatsächlich so kmios, dass es dies herbe
Urteil nicht erschüttern kann. — Gaddesden ist auch derselbe Autor, auf
den sich Guy de Chauliacs scharfe Kritik über die „una fatua Rosa Anglicana"
bezieht.
Endlich berühren wir noch von Deutschen den Scholastiker
Thomas v. Sarepta, Bischof in Breslau, einen Zögling der 1384
begründeten Prager Hochschule.
Vgl. Henschel 1. c. p. 83.
Geb. 1297, kam Thoraas 39 Jahre alt nach Breslau, wirkte hier
anfangs unter seinem Klosternamen Petrus physicus , bis er 1352 zum
Bischof von Sarepta ernannt wurde. Er starb nach 1378. Ein Bruchstück
aus seinem 1360 begonnenen „Collectorium" s. Michi competit ist im Janus I
p. 372 (Amsterdam 1896) nach einem amplonianischen Codex mitgeteilt.
700 Julius Pagel.
Ferner Sigismund Albicus aus Mährisch - Neustadt (ünczov).
Geb. 1347, sturlierte A. in Prag von 1378-1382, zeichnete sich während
der Herrschaft des schwarzen Todes in Prag (1379 — 1380) und der dortigen
Judenverfolgung (1390) aus, war seit 1391 Leibarzt des Königs Wenzel
und zugleich 30 Jahre lang Lehrer der Medizin in Prag, bis er 1411 zum
Erzbiscliof gewählt wurde. Später war er infolge der diirch die Hussiten-
bewegungen verursachten Wirren genötigt nach Olmütz und von dort nach
Ungarn zu gehen, wo er 1427 gestorben ist.
Vgl. noch v. Hasner in Prager Vierteljahrsschr. 1866 XC p. 19 ff.
Gedruckt sind von ihm der „Tractatulus de regimine hominis
s. Vetularius" (Leipzig 1484), eine Art Makrobiotik ; ferner „Medicinale"
(1483) und Regimen tempore pestilentiae" (Leipzig 1484 — 1487).
Nachträge.
1. Zu Petrus Hispanus {p. 682) vgl. noch Picard in Gaz. med. d. Paris
1901 Nr. 48 ff'.
2. Z% Bernard von. Gordon {p. 695) vgl. Pagel, lieber den Theriak nach einer
bisher ungedruckten Schrift des B. v. G. und über die Grade der Arzneien nach
einer bisher ungedruckten Schrift des B. v. G. {Pharmac. Post, Wien 1894 u. 1895).
3. lieber einen 1307 abgefassten Tract. de flebotomia des Bernard v. Gordon
in der Bibl naz. di Napoli vgl. Giacosa, Mag. Salem, nondum editi, Torino
1901 p. 390.
4. lieber den bisher nicht genügend gekannten und gewürdigten Iticardus
Anglicus {f 1252), dessen zahlreiche Arbeiten bis auf die Anatomie ungedruckt,
u. a. auch in der Erfurter Amploniana [F. 303, 275, 288, 289; Q. 185, 229),_
noch vorhanden sind, vgl. die jüngste Publikation von v. Töphj, „Anatomia Bicardi
Anglici [c. a. 1242—1252) etc.", Vindobonae 1902.
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter.
Von
Julins Pagel (Berlin).
Anatomie und Physiologie.
V. Töply, Studien zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter, Leipzig ■».
Wien 1898. — Modestino del Gaizo, Delta pratica della anatomia in Italia
sino al 1600. Napoli 1892 (Estratto degli Atti della R. Accademia niedico-chir. di
Napoli anno XLVI N. S. Nr. 2).
Keine Thatsache zeigt und erklärt den Verfall der Medizin im
Mittelalter deutlicher als die vollständige Ergebnislosigkeit auf den Ge-
bieten der Anatomie und Physiologie. Wenn es wahr ist (und es duldet
leider keinen Zweifel), dass das 16. Jahrhundert die Heilkunde genau so
vorgefunden hat, wie sie das 3. verlassen hat, so gilt dies ganz be-
sonders von der Anatomie und Physiologie, zwei Disziplinen, die den
Konservativismus des Mittelalters in der traurigsten Gestalt vorführen.
Es wirkt geradezu abstossend, immer wieder auf Galen und Avicenna,
Avicenna und Galen als fast die einzigen massgebenden Autoren zu
stossen. Nirgends ist bis auf Mundino von Untersuchungen am Ka-
daver die Eede. Die Araber haben den Wert anatomischer Kennt-
nisse an sich nicht gering geachtet, aber wir. sehen überall nur
Büchergelehrsamkeit. Ihrer Wertschätzung der anatomisch- physiologi-
schen Kenntnisse als Basis einer rationellen Heilkunde vermochten sie
in Rücksicht auf die Gebote des Koran, in Rücksicht auf verschiedene
Umstände, die Sektion und Beobachtung am Kadaver verpönten, keinen
anderen Ausdruck zu geben, als dass sie sich nach Kräften bemühten,
aus griechischen Quellen das Wissenswerte zusammenzustellen und in
ihrer Weise wie alle übrigen Gebiete der Heilkunde mit ihren dialek-
tischen Subtilitäten auszuschmücken. Eine wesentliche sachliche Diffe-
renz gegenüber Galen tritt nicht hervor, jedenfalls kein nennenswerter
Fortschritt. Wer wissen will, welchen Standpunkt Galen in Anatomie
und Physiologie eingenommen hat, wie vor allem durch seinen krass
teleologischen Standpunkt, durch die sonst gewiss nicht üble Ver-
quickung der juvamenta mit der Morphologie den Thatsachen Gewalt
angethan worden ist, der kann sich mit dem Studium des Avicenna
begnügen, und wer den Galen kennt, kann Avicenna und sämtliche
702 Julius Pagel.
arabische Autoren (selbst den von v. Töply wegen einer supponierten
Rektifikation Galens hinsichtlich der Osteologie des Unterkiefers rüh-
mend hervorgehobenen Eazes) für die Anatomie wenigstens getrost
übergehen; neue Gesichtspunkte werden ihm darüber nicht entgehen.
Nur um feststellen zu können, wie getreu der Anschluss der euro-
päisch-mittelalterlichen Schriftsteller an die Araber gewesen ist, hat
das Studium der letzteren ein Interesse ; zur historisch-kritischen Beur-
teilung dieser Frage ist es allerdings unentbehrlich, — Von der
Mönchsanatomie ist am besten ganz zu schweigen. Der legendarische,
simpel-naive Charakter ihrer Litteratur verleugnet sich auch nicht in
den anatomischen Anschauungen. Das einzige Parademuster, Isidor
von Sevilla, nimmt sich traurig genug aus. Die mit Eecht gerühmte
Selbständigkeit der salernitanischen Schule, die bekanntlich in ihrer
ersten Zeit noch die Reste griechischer Medizin pflegt, findet für die
Darstellung und das Studium der Anatomie kein anderes Hilfsmittel als
die anatome porci. Ihre Hauptrepräsentanten und litterarischen Leistun-
gen in der Anatomie sind bereits gewürdigt. Die Ergebnisse im Sinne
des Fortschritts gegenüber Galen bilden eine negative Grösse. Auch
die noch nicht einer Analyse unterzogene „demonstratio anato-
mica" läuft der anatome porci des Copho keinesfalls den Rang ab;
sachlich ist darin nicht die geringste Entwicklung nach vorwärts zu
erkennen. Nur insofern besitzt sie einen gewissen Wert, als sie ihrer-
seits die Zahl der Beweisstücke für ein ziemlich reges anatomisches
Studium in Form der praktischen Zergliederung und in der Betonung
der Notwendigkeit anatomischer Kenntnisse für die Praxis vermehrt.
Im übrigen ist sie genau so Schweineanatomie wie die von Copho.
Gegenüber diesem sucht der betreffende Autor seine Inferiorität zu
verbergen, indem er in seine die Ueberschrift Demonstratio keineswegs
rechtfertigenden Ausführungen einige Tropfen polemischen Wermuts
gegen seine Vorgänger und Genossen mischt. Immerhin muss der
salernitanischen Schule das Verdienst nachgerühmt werden, dass sie
wenigstens den Nutzen praktischer Sektionen, wenn auch an Tieren,
zum Verständnis der Pathologie hervorgehoben und den Gegenstand
vom 13. Jahrhundert an als obligatorischen Lehrgegenstand dem Unter-
richt eingefügt hat. Von der Notwendigkeit des anatomischen Wissens
zeigen sich insbesondere die Chirurgen im Interesse ihrer Kunst durch-
drungen. Gerade infolge ihrer Initiative sehen wir selbst in der
scholastischen Periode die praktisch-anatomischen Studien keineswegs
vernachlässigt; überall treten in der Litteratur die Bestrebungen
hervor, diesen Zweig der Heilkunde praktisch zu fördern. Diese Be-
strebungen gewinnen eine Etappe nach vorwärts in den bekannten
Demonstrationen H e i n r i c h v o n M o n d e v i 1 1 e ' s an primitiven Tafel-
flguren und erreichen ihren Gipfelpunkt mit Mondini de Liucci
in Bologna, der zum ersten Male selbst wieder Sektionen an der
menschlichen Leiche vornimmt und danach die Anatomie in einem
Kompendium darstellt, ohne übrigens sachlich irgendwie einen Zweifel
an den Autoritäten zu wagen, geschweige denn eine Erschütterung
derselben herbeizuführen.
Als Vorläufer Mondevilles erscheint noch in der Litteratur des Mittel-
alters die von Daremberg entdeckte und von Haeser nach dem Codex
Lat. Bibl. Berolinens. F. 219 kopierte Anatomia Richardi (publiziert
zum 1. Male in der Breslauer Doktordissertation des cand. med. Florian,
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 703
aber in inkorrekter Gestalt, daher auf Veranlassung von Pagel zum 2. Male
verbessert und mit deutscher Uebersetzung heraus sfegeben von cand. med.
Tarrasch, Inauguraldiss. Berlin 1898). Dieses Dokument, über das sich
auch von Töply (1. c. 1) auf Grund der Florianschen Edition ausführlich aus-
lässt, nimmt eine etwas isolierte Stellung ein. Es ist zweifelhaft, welcher
Periode es angehört. Die Meinung, dass es noch als Produkt der salerni-
tanischen Schule anzusehen ist, muss angesichts der zahlreichen teleologischen
und anderer im Stile der Scholastik gehaltenen Bemerkungen fallen gelassen
werden. Neuerdings veröffentlichte v. Töply auch die „Anatomia ßicardi
Anglici" (vgl. p. 700).
Von grosser Wichtigkeit ist die bereits oben angedeutete That-
sache, dass die Hauptförderer anatomischer Kenntnisse die Chirurgen
auch im Zeitalter der Scholastik sind und es auch später bleiben.
Fast alle Lehrbücher der Chirurgie enthalten mehr oder weniger aus-^
fiihrliche anatomische Vorbemerkungen bei jedem einzelnen Kapitel
der speziellen (chir.) Pathologie und Therapie, meist allerdings in Form
theoretischer Auseinandersetzungen ohne unmittelbare praktische Er-
läuterungen; in manchen Büchern ist der Anatomie ein besonderer
Abschnitt ausschliesslich gewidmet. So verdient mit Recht aus der
Schule von Bologna der (später noch genauer zu betrachtende) AVund-
arzt Wilhelm von Saliceto (f um 1280) deshalb besondere Er-
wähnung auch an dieser Stelle, weil seine kurze als Lib. IV der
Chirurgie einverleibte Anatomie gerade die Manualoperationen vor-
nehmlich berücksichtigt. Menschliche Anatomie beschreibt er aller-
dings ebensowenig als sein späterer Berufsgenosse, der Franzose Henri
deMondeville (fum 1320), der, wie aus einem in verschiedenen
Abschriften an uns gelangten Kollegienheft hervorgeht, Anatomie
selbständig um 1304 in Montpellier vorgetragen, an 13 Figurentafeln
und die Schädelanatomie an einem knöchernen Modell demonstriert hat.
Der Inhalt dieser Vorträge weicht von ihrer Quelle, dem Avicenna.
nicht im geringsten ab; über eigene und gar menschliche Sektions-
ergebnisse hat auch Mondeville nicht verfügt.
Anders steht es mit dem Zeitgenossen des letzteren, dem be-
rühmten Bologneser Arzt Mondino de' Liucci (Luzzi), der, als
Sohn eines Spezereihändlers Nerino Franzoli de' L. um 1275 geboren.
1290 in seiner Vaterstadt die Doktorwürde erwarb und hier bis zu
seinem 1326 erfolgten Tode als Lehrer der Medizin wirkte. — Mondina
ist der wichtigste Repräsentant der Anatomie für das ganze spätere
Mittelalter (bis zum Auftreten Vesals). Sein Verdienst ist ein doppeltes:
erstlich nämlich hat er seit der Periode der Alexandriner, also seit
15 Jahrhunderten, wieder einmal selbständig menschliche Kadaver
seziert und zweitens hat er ein Büchelchen geschrieben, in dem die
Anatomie in origineller und von früheren Darstellungen abweichender
Form behandelt war. Man wird ihr am besten gerecht, wenn man
sie als eine Art von Anleitung zu methodischen Präparierübungen auf-
fasst. Mondino geht bei seiner Darstellung präparierend vor, wofür
er selbst den Ausdruck gebraucht: excarnando procedere. Offenbar
hat der Verfasser bei der Niederschrift seines Kompendiums die wäh-
rend der Demonstration am Kadaver gehaltenen Vorträge zu Grunde
gelegt; das beweisen die beobachtete Reihenfolge (s. weiter unten)
und die Einleitungen zu jedem Kapitel. Der Inhalt ist durchaus
Autoritätenanatomie, keine eigene Beobachtung (mit ganz unwesent-
704 Julius Pagel.
liehen Einzelheiten). Dieselbe Terminologie, dieselbe Teleologie wie
beim arabisierten Galen, nirgends auch nur die Spur einer korrekten
Beobachtung am Menschen, nirgends eine neue Thatsache oder neue
Entdeckung ausser den Bemerkungen über die Art, wie man sich
diesen oder jenen Teil dem Auge und Messer am besten zugänglich
macht. Das Hauptverdienst Mondinos beruht also darauf, dass er in
die Schweineschneiderei, der er ja auch noch fröhnte (wie einige Mit-
teilungen in dem Buch selbst beweisen), wenigstens einige Abwechselung
durch die Sektion menschlicher Kadaver gebracht hat.' Trotzdem er-
freute sich Mondinos Werkchen jahrhundertelang grosser Beliebtheit
als Schulbuch der anatomischen Disziplin, ohne dass der Autor einen
solchen Erfolg vorausgeahnt hat; denn sicher ist Mondino mehr von
einem gewissen schriftstellerischen Drang (ganz nach Sitte seiner Zeit)
als von eigentlicher Liebe zu seiner Spezialwissenschaft bei Abfassung
.seines Buches geleitet gewesen. Die Popularität desselben beruhte
einmal auf dem Zweck, als technische Anleitung zu dienen und dann
auf der Kürze und Einfachheit der Schreibweise, sowie auf der ein-
gehenden Berücksichtigung der Praxis, insbesondere der chirurgischen.
Ah Ahfassun(jszeit yilt geivöhnlich das Jahr 1316 ; diese Annahme stützt sich
auf einen Passus in dem Kapitel von der Anatomie der Gebärmutter, lautend: „Et
propter istos quatuor cousas mulier quam anatomizavi anno preterito s. anno Christi
M.CCC.XV de mense Januarii majorem in duplo habuit matricem quam illa quam
anatomizavi {d.h. habe sezieren lassen) anno eodem de mense Martii^^. — Von allen
Historikern ist bisher ein Datum übersehen tvorden, wie es sich in der Mehrzahl
der Ausgaben findet, das (jeeiijnet ist, die obige Annahme zu erschüttern. Es
folgt nämlich bald darauf eine Stelle, wo er von der hundertmal grösseren, 13 Ferkelchen
enthaltenden Gebärmutter einer 1316 sezierten trächtigen Sau berichtet. Diese
Zahl 1316 haben von 9 von mir eingesehenen Ausgaben 7, darunter sogar die be-
rühmte Kommentarausgabe des bekannten Anatomen Berengar Carpi „cum amplissimis
additionibus . . . una cum textu ejtisdem in pristinum et verum nitorem redacto'^
während 2 ältere Ausgaben (Strassburg 1513 von Joh. Adelphus u. Rostock 1514 cum
additionibus Adelphi) das jedenfalls korrektere Datum 1306 haben. Nach brieflicher
Auskunft, die ich der Liehenswürdigkeit des Herrn v. Töply (Wien) verdanke, hat
auch der im Fasciculus med von Jo. Ketham enthaltene Wiederabdruck {Vened. 1500)
die Zahl 1306. — Jedenfalls beruht 1316 auf einem Kopierfehler, ähnlich wie ver-
mutlich auch das eigentümliche Datum in einer Krankengeschichte der Chirurgie
des Saliceto (s. diesen). Aber es lässt sich schliesslich auch nicht ganz von der Hand
weisen, dass die erst angegebene Zahl 1315 fehlerhaft ist; indessen da diese sich in
alle 71 Ausgaben übereinstimmend findet, darf sie wohl unbestritten als richtig
gelten. — Von Mondinos Anatomie existieren zahlreiche Ausgaben {Venedig 1494;
ib. 1507; Strassburg 1513; Bostock 1514; Bonon. 1514; Bonon 1521; Lyon 1528;
Marburg 1541; s. l. e. a. per Doctorem Meierstat. mit einem Widmungscarmen von
Martinus Meierstat [PollichJ medicus). — In der Einleitung betont Mondino zunächst
den Zweck seines Kompendiums, indem er sagt: „Hinc est quod Ms tribus de causif<
promotxis proposui meis scholaribus quoddam opus in medicina componere, et quid
cognitio partium subjecti in medicina quod est corpius humanum, que loca disposi-
cionum appellantur, est una partium scientie medicine ut dicit Averrois primo sui
colliget cap de diffinitione medicine: hinc est quod inter cetera vobis cognitionem
corporis humani partium ejus que ex anathomia insurgit proposui tradere: non
hie observans stihim altum sed magis secundum manualem opera-
tionem vobis tradam notitiam. Situato itaque corpore vel homine mortuo
per decollationem vel supensionem supino : primo notitiam totius debemus habere, se-
cundario partium etc.^' Diese Bemerkung zeigt, wie sehr auch Mondino in seinen
Argumentationen ganz von der Scholastik beherrscht wird, durch die der teleologische
Standpunkt eine besonders grelle Beleuchtung erfährt. Das Buch hätte unbeschadet
seinem eigentlich anatomischen Inhalt noch iim zwei Drittel gekürzt sein können.
Im iveiteren Verlauf der Einleitung werden wir wieder an Galen erinnert, ivenn
Mondino die Gründe für die aufrechte Haltung des Menschen, für die Lage der
Augen im Kopfe etc. darlegt. Im übrigen ist er in seinem präparatorischen Vor-
gehen ebenso konsequent wie rationell. Auf eine allgemeine Anatomie verzichtet er
ganz;, er beriicksichtigt nur den praktischen Standpunkt. Zuerst kommt die Be-
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 705
Schreibung des venter inferior d. i. der Bauchhöhle an die Reihe {im Gegensatz
zum venter medius für die membra spiritualia und venter stiperior Schädelhöhh'
für die membra animata). Mit der Bauchhöhle fängt Mondino deshalb die Sektiov
an: „pi'imo quia illa membra fetida sunt et ideo ut ista primitus abjiciantur ab
eis incipieiidum est; secundo quia omnis nostra cognitio et specialiter que ex
manuali existit operatione a notioribus incipit 7iobis etc " Es folgt eine Art situs
viscerum oder Regionenbeschreibung und dann in Kap. 2 die Beschreibung des
Mirach, arabistisch für Bauchwand, Bauchdecke. Dieselbe besteht aus der Haut,
dem Unterhautfell, dem panniculus carnosus, den 3Iuskeln und dazu gehörigen
Sehnen und dem Siphac oder Bauchfell. Zur Priiparation empfiehlt Mondino
einen vertikalen Schnitt ,,a scuto oris stomachi directe usque ad ossa pectinis lenitei'
incidendo,'' also vom proc. xiphoideus bis zur Symphyse, dem ein über den Nabel
bis zu den beiden Seiten des Rückens führender Horizontalschnitt hinzugefügt toird.
Doch solle man bei weiblichen Leichen die von der Gebärmutter zu den Milch-
drüsen durch die Bauchwand hindurchgehende Vene vermeiden. Zum Unterhautfell
bemerkt er, dass dies beim Schwein stärker sei als beim Menschen. Hätte Mondino
nur bezüglich der übrigen Teile mehr auf die Unterschiede zwischen Mensch und
Schwein geachtet! Aber diese Notiz, einige Bemerkungen über Grösse und Bau der
menschlichen Leber, Abweichungen im Bau der Gebärmutter, kleine prima vista
{auch ohne Sektion erkennbare) Einzelheiten, wie die, dass der „penis absoluta est
et non applicata ventri sictit in quadrupedibus'^ sind die einzigen Unterschiede
ztcischen Mensch und Schwein, die sich in Mondinos Buch finden. Mit Galen unter-
scheidet er 3 Bauchmuskeln, die longitudinal verlaufenden {ad attrahendum et ex-
pellendum), die latudinalen {ad expeÜendum) und die transversalen {ad retinendum).
Ganz nach Galen sind sie zur Substanzbildung des Mirach und zum Schutz der
Eingeweide da. Man soll beim Präparieren nicht gänzlich die Bauchicand ent-
fernen, damit noch die Möglichkeit zur Demonstration der punctio abdominis {ex-
fradio aque ab hydropico) bleibt, wobei übrigens Mondino die Warnung vor zu
schneller Entleerung des Ascites nicht unterlässt. Ueberhaupt nehmen die chirur-
gischen Bemerkungen gerade aus Anlass der Bauchanatomie einen verhältnismässig
grossen Raum ein {Darmwundnaht, Ameisennaht, Resektion des Zirbus etc.). In
dem Kapitel über die Anatomie des Netzes ist der Passus bemerkenswert, wo von
der durch Alteration des Magenmundes entstehenden Syneojte die Rede ist. Die
dürftigen anatomischen Bemerkungen sind hier, tcie in den folgenden Kapiteln,
Anatomie der Därme, des Mastdarms, Colon u. s. tc. unter einem Wust von Scholastik
begraben, ganz nach demselben Paradigma wie in den typischen Werken dieser
Litteratur. mit denselben stereotypen Phrasen und Einicänden {„sed dubitabitxir
aliquis rationalibiter . . . dicendum quod . . . Ad illud quod objicitur solvitur etc.).
Bei der Beschreibung des Colon tverden differentialdiagnostische Momente zwischen
Darm- und Nierenkolik eingeschaltet. Bei der Applikation eines Klystiers soll der
Körper auf der rechten Seite liegen, damit das Colon nicht von den übrigen Ein-
geweiden gedrückt tverde. [Uebrigens sind in der Kommentarausgabe von Carpi alle
auf die Darmanatomie bezüglichen, sonst qetrennten Kapitel in eines zusammen-
gezogen.] Beim Netz erwähnt er die in Bologna dafür übliche Vulgärbezeichnung
{interriglio := interiora tenens). In einem sehr langen Kapitel folgt die Anatomie
des Magens; die Länge kommt auf Rechnung des scholastisch-teleologischen Formel-
krams („Sed tu hie dubitabis, quare non stomachus fuit positus ßixta os, dico quod , . .
Sed tu diees quare stomachus non fuit locatus directe supra spondiles doisi? Dico
quod causa hujus etc."). Es ist nicht zu lextgnen, dass diese Art der direkten Inter-
pretation etwas lebendig und anregoid wirkt. Die Magenkurvaturen vergleicht er
mit den Wölbungen eines Schröpfkopfs. Die Magenwand besteht aus der derberen
nervenhaltigen tunica interior und der extrinseea carnosa ; die innere Haut ist
derber, weil sie zuerst mit den Speisen in Berührung kommt. Auch hier wieder
sitid die Longitudinalfasern zum Anziehen, die transversalen zum Zurückhalten, die
Latitudinalfasern zur Ausstossuug des Inhalts {„villi latitudinales fuerunt positi in
secunda tunica expulsioni servientes"). Die innere Haut vermittelt die Sensibilität,
die äussere ist „ad digcrendum et alterandum" bestimmt, d. h. sie bringt die Ver-
wandlung und Verdauung des Inhalts hervor. Ausser dem os stomachi unterscheidet
Mondino das portanarium vel piluron (pileron). Im konsensuellen Verhältnis steht
der Magen zu Leber, Herz und Hirn. Um die Milz betrachten zu können, ist die
Entfernung einiger falscher Rippen von der linken Seite erforderlich. Sie steht
durch eine von der Leberpforte kommende Vene mit diesem Organ in Verbindung
{,,nam si excarnando procedas videb'is quod a vena concava epatis pervenit
Vena una magna ad spleneyn efc."). Bei der Leber macht Mondino auf die ab-
weichende Grösse beim Menschen und auf den Unterschied im Situs zwischen
Lebendem und Leichnam aufmerksam {„sed hoc evenit quia membra spiritualia mulfnm
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 45
706 Julius Pag-el.
evanuernnt et ideo vacuitatem eorum replet hepar comprimendo diajjhragitin cfc").
Die einzelnen Leberlappen sind beim Menschen nicht immer getrennt; gebildet wird
jeder Lappen von den netzartig hinter einander verflochtenen Blutgefässen ; die Hohl-
räume der Netze werden von der eigentlichen Lebersubstanz ausgefüllt, die ge-
ronnenem Blute entspricht; in den Venen ist der aufs feinste verteilte Chglits ver-
treten, dessen Uebergang ins Blut in der Leber statthat. Sie ist von einem doppelte}h
Bindegeivebe eingehüllt {„panniculus autem ejus est duplex sc. cooperiens et vel
circmnvolvens et suspendens'^). Sehr sorgfältig ist die Beschreibung der Gefässe. Die
Bemerkungen über die Gallenblase beziehen sich tveniger auf die Anatomie als auf
Physiologie und Pathologie dieses Organs. Ein besonderes Kapitel beschäftigt sich
mit den „venae Chilis et emulgentium et renum^^ : den „venae emulgentes" [Nieren-
gefässen) rarefactae ad modum colatorii) tourde die Funktion zugeschrieben, den
Chylus zur Leber fortzuleiten und die Harnsekretion zu vermitteln; daher auch die
rechte Niere näher zur Ijeber als zur Blase gerückt ist, daher auch die Porositäten
in den Nierengefässen so klein sind, dass nur Urin, aber kein Blut dieselben passieren
konnte. Ersterer gelangt durch den x>orus uritidcs zur Blase. — UmstaudViihrn.
Erörterungen über die Gründe für die Duplizität der Niere schliessen sich ebensolche
zur Pathologie dieses Organs an. Das Kapitel über die Anatomie der Samengefässe
und der Gebärmutter ist von historischem Interesse, weil sich hier die Angaben des
Mondino über seine eigenen Sektionen an iveiblichen Leichen findest. Um so trauriger,
dass trotzdem die Schweineanatomie überwiegt. Nichts Auffallendes weiter als die
Grössenunterschiede ztcischen dem schon beschwängerten und dem jungfräulichen
Uterus weiss er zu melden. — Diese Ergebnislosigkeit ist nur dadurch zu erklären,
dass thatsächlich Mondino selbst gar nicht seziert hat, sondern sein Prosektor,
während er selbst sich damit begnügte, galenische Anatomie am Kadaver, so gut es
eben ging, demonstrieren zu lassen. Bekanntlich vollzog sich der anatomische Unter-
richt meist so, dass der Professor selbst, ohne das Katheder zu verlassen, aus seinem
Heft die Erklärungen vorlas, während ein Demonstrator mit dem Stäbchen auf die
bezeichneten Partien zeigte und der Prosektor, oft ein Barbier, die Sektion machte. —
Die vasa spermatica münden bei der Frau in die Gebärmutter. Auch hier hat
Mondino weniger Observationes als Quaestiones, wie alle seine Zeitgenossen und
Nachfolger. Pathologische Bemerkungen bilden auch hier den üblichen Schluss, be-
sonders über die sujfocatio matricis, die ganz nach Galen geschildert wird. Die
zahlreichen arabistischen Termini beweisen die z. T. wörtliche Benutzung des Avicenna.
Die Anatomie des didimus i. e. funiculus spermaticus und der Testikeln (osceum,
Hodensack) scheint mehr zum Zweck der Erläuterimg der Hernien einen besonderen
Abschnitt erhalten zu haben. Bei der Blase hält sich Mondino nicht lange auf, aber
ohne die üblichen Bemerkungen über die Steinkrankheit geht es natürlich nicht ab.
Das Kapitel über die Rute und den anus ist von erfreulicher Kürze. — Dann
folgen die Sektion der Brusthöhle, Anatomie der Milchdrüsen, der Brustmuskeln und
einiger Rückenmuskeln, Osteologie und Syndesmologie des Thorax, Beschreibung des
Diaphragma, der Pleura, des Mediastinum mit Digressionen über Pleuresie und
Pneumonie, ausführliche Anatomie des Herzens, alles eingestandener massen (,,haec
omnia hubentur a Galeno'') ganz nach seinem grossen Muster Galen, ebenso die
Lungen, deren Gewebe durch den Komplex der Bronchialramifikationen [arteria,
trachea] mit denen der Blut führenden Arteria venalis und Vena arterialis gebildet
loird. Das folgende Kapitel mit einer langen Ueberschrift enthält die Beschreibung
der Halsgefässe {arteriae et venae guidez = jugulares seu apopleticarum, quia ex
jüenitudine earum frequenter fit apojylexia, auch venae somni oder profunde genannt).
Von eigenen Beobachtungen, wie Haeser meint, ist hier so wenig zu verspüren, wie
in dem nächsten der Anatomie der Mundhöhle gewidmeten Abschnitt, wo die alte
Theorie von dem Ziveck der Uvula als Receptaculum für die aus der Kopfhöhle
herabfliessenden Superfluitates „hora reumatismi" aufgefrischt und atif getischt ivird.
Meri bedeutet Oesophagus. Dürftig ist die Anatomie des Schädels, ivo die Weich-
teile, dann der knöcherne Schädel mit den Nähten und den 5 einzelnen Knochen,
die Häute, das Gehirn selbst mit seinen Ventrikeln eine flüchtige, nur auf die groben
Verhältnisse bezügliche Darstellung erfahren {hyp)ophysis cerebri als zivei caruncnlae
geschildert, die nervi optici, rete mirabile und os basilare). Bei der Anatomie des
Auges fehlen Bemerkungen über die Katarakta nicht. Den Schluss des Ganzen
bilden einige Zeilen über die Anatomie des Gehörorgans, die Besehreibung der
Wirbelsäule, des Rückenmarks und der aus demselben entspringenden Nerven, der
oberen und unteren Extremitäten. Die Terminologie ist überall durchaus eigen-
artig : Adjutorium = humerus, subassella = axilla, pars domestica = innere, Beuge-
seite, 2Mrs silvestris die entgegengesetzte, spatula = scapula; furcula = claviculo,
focile supcrius = radius antibrachii; focile inferius = Ulna beziv. tibia und fibula;
rasceta = carpus; pecten = metacarpus: pixis = Gelenkpfanne: vertebruni =
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 707
Caput femm-is etc. Offenbar sind latehuftche Uebersetztingen aus dem Arabischen
dabei zu Grunde gelegt.
Mundinus „Anathoraia" ist in zahlreichen Abschriften verviel-
fältigt und in nicht weniger als etwa 25 Auflagen (s. oben) gedruckt
worden. Sie ist, wie bereits bemerkt, jahrhundertelang als Schul-
buch in Gebrauch gewesen. Au zahlreichen Lehranstalten haben nach
und aus ihr ganze Generationen studiert, bis sie vom 16. Jahrhundert
ab allmählich in den Hintergrund gedrängt wurde. Selbst dann noch
hat ein hervorragender Lehrer und Gelehrter wie Berengar v. Carpi
seiner Weisheit kein besseres Relief verleihen zu können geglaubt,
als indem er die Ergebnisse seiner Forschungen als Kommentar zum
„textus Mundini" in die Welt setzte. Darauf allein beruht die Be-
deutung von Mundinos Buch. Daneben kommt allerdings als Ursache
seines grossen Erfolges in Betracht, dass der Autor den Mut besass
resp. in der günstigen Lage war, die anatomische Kunst von der Stufe
der rohen Schweineschneiderei wieder zum Rang einer menschlichen
(im technischen Sinne) zu erheben. Was er vorgetragen hat, war,
wie gesagt, nichts weiter als mit einigen chirurgisch-pathologischen
Bemerkungen ausgestattete Galensche Anatomie.
Die wenigen Autoren, welche Haeser und andere Geschichtsschreiber
als Nachfolger von Mondino anführen, der bereits (p. 671) genannte Lombarde
Bert(r)uccius (j- 1347 am schwarzen Tod), ferner Pietro di Argelata
(de la Cerlata), Professor in Bologna {\ 1423), besitzen für die Anatomie
keine grosse historische Bedeutung. Sie sind nichts weiter als Nachbeter
Mondinos bezw. Galens und haben nur das eine vor den Genannten voraus,
dass sie dank dem allmählich aufgeklärteren Zeitgeiste und der geläuterten
Erkenntnis von der Wichtigkeit der Anatomie, dank ferner der Protektion
durch die massgebenden Gewalten in der Lage waren, Sektionen mensch-
licher Leichen regelmässig und systematisch voi'zunehmen, ohne übrigens
dabei einen thatsächlichen Fortschritt der Erkenntnis anzubahnen. — Die
Anatomie bleibt noch lange mit der Chirurgie als deren Nebenfach in
Theorie und Praxis verschmolzen. Jahrhunderte vergehen, bis die Ergeb-
nisse so reichhaltig sind, dass sie die Kraft eines Forschers in Anspruch
nehmen. Dem grossen Deutschniederländer Andreas Vesalius war es vor-
behalten , definitiv Galens Autorität zu stürzen und der Anatomie neue
Bahnen zu eröffnen. Aber erst in späteren Jahrhunderten erlangt sie im
Unterricht und im akademischen Leben äusserlich selbständige Vertretung
als den übrigen Disziplinen gleichberechtigtes und vollwertiges Fach.
Die Chirurgie vom 12.— 15. Jahrhundert.
Vgl. das grosse Geschichtswerk von E. Gurlt Bd. I u. II {Berlin 1898).
Ein günstigerer Stern als der praktischen Medizin leuchtete
während des gesamten Mittelalters der Chirurgie. Ihren Vertretern
gelang es früher als den praktischen Aerzten sich vom Banne der
Scholastik frei zu machen. In ihrer Entwicklung ist ein stetiger,
ebenraässiger Fortschritt nicht zu verkennen. Der Strom der litte-
rarischen Arbeiten fliesst reicher dahin. Sind auch die Chirurgen weit
entfernt sich von den herrschenden allgemein-pathologischen Theorien
zu emanzipieren, so ist doch in einem Gebiet, in dem manuelle Technik
45*
708 Julius Pagel.
und freie Sinnesarbeit in erster Linie in Betracht kommen, die
Forschung unbefangener, an die praktischen Thatsachen und nicht
an künstliche Deuteleien geknüpft; die Empirie wird hier nicht von
einer verkehrten und geschraubten Eatio völlig erdrückt. Gerade der
Mangel an sogenannter Gelehrsamkeit, die vorurteilslose Frische, mit
welcher die Chirurgen unbeeinflusst von scholastischen Präsumption^n
an eine objektivere Betrachtung der Dinge heranzutreten geradezu
gezwungen waren, die den meisten eigene innere Neigung zum Berufe
im Verein mit technischer Gewandtheit brachten es zu Wege, dass
die Chirurgie relativ grössere Erfolge als die praktische Medizin
zeitigte. Ein Niedergang war allerdings auch in der Chirurgie zu
verzeichnen gewesen und zwar insofern, als infolge des Druckes
der Kirche auf die wissenschaftliche Medizin die Vertreter der
letzteren die praktische Operationskunst vernachlässigen mussten. Die
Satzungen der Kirche verboten blutige Eingriffe, zu denen sich
nicht wenige Aerzte auch viel zu vornehm dünkten. Daher blieb
denn die Ausübung der Chirurgie meist niederem Heilpersonal über-
lassen. Es kam soweit, dass den eigentlichen Medikern die Chirurgie
geradezu als schimpfliches Gewerbe galt; selbst der so häufig ange-
wandte und in der inneren Behandlung unentbehrliche Aderlass m.achte
die Hinzuziehung eines Barbiers erforderlich. Allmählich blieb jedoch
auch hierin eine wohlthätige Wandlung nicht aus; wissenschaftlich
gebildete Aerzte begannen sich der Chirurgie mit Eifer anzunehmen,
und von da ab datiert der sichtliche Aufschwung dieser Disziplin.
So knüpft sich schliesslich nicht minder in der Chirurgie wie in der
praktischen Medizin der Gang der bemerkenswertesten litterarischen
Ereignisse und Erzeugnisse an die repräsentativen Schulen des Mittel-
alters, an die Vertreter von Salerno, Bologna, Paris, Montpellier. Sie
bilden die Hauptetappen auch in der Entwicklungsgeschichte der wissen-
schaftlichen Chirurgie. Von erheblichem Einfluss auf die Vervoll-
kommnung der wundärztlichen Kunst erwiesen sich die Kreuzzüge.
An ihnen nahmen nachweislich italienische Wundärzte in beträchtlicher
Zahl teil; diese hatten hier reiche Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln,
welche sie nach der Eückkehr in die Heimat in der Lehrthätigkeit
wie in der Praxis verwerteten. Von Roger, dem ersten und wichtigsten
chirurgischen Repräsentanten der salernitanischen Schule bis zu Guy
de Chauliac, also in einem Zeitraum von noch nicht ganz zwei Jahr-
hunderten, vollzieht sich ein völliger Bruch mit der blutscheuen
Tradition der Araber. In keinem europäischen Lande fehlt es an
Zeichen ebenso reger wie erfolgreicher wissenschaftlich-praktischer
Thätigkeit in der Chirurgie. Dieselbe erreicht in demselben Jahr-
hundert, in welchem Vesal die Reformation der Anatomie anbahnt,
mit dem Auftreten des barbier Chirurgien Ambroise Pare einen gewissen
Abschluss. Sein Auftreten begründet die bis ins 19. Jahrhundert hinein
andauernde Superiorität der französischen Chirurgie.
Wundärzte der Salernitanischen Schule.
Henschel im Janus II 184.7 p. 132 ; Coli. Salem, ed. de JRenzi I p. 246,
Ö21; III p. 332; IV 39, 176, 612; Hist. liier, de la France XVII p. 389; XXI
p. 513- 544; Steinschneider, Hehr. Uehers. d. Mittelalters §514 p. 825; Chirlt,
Gesch. d. Chir. I p. 695 ff.
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 709
Wie die innere Medizin, so fand auch die Chirurgie sclion relativ
frühzeitig in Salei'no eine Pflegestätte. Es bleibt ein ewiger Ruhmes-
titel dieser Schule, dass alle Zweige der Heilkunde an ihr gleich-
massige Berücksichtigung erfuhren. — Einfluss auf die Ausbildung
tüchtiger Wundärzte in Salerno gewannen vor allem die Kreuzzüge.
Die Heerführer der letzteren haben für ihre Soldaten die erforderliche
wundärztliche Hilfe nachweislich von dort entlehnt, und bei den
innigen Verkehrsbeziehungen der Kreuzfahrer, wie der orientalischen
Länder überhaupt mit den italienischen Küstenstädten konnte es sicher
nicht fehlen, dass die in den Feldzügen gesammelten Erfahrungen
auch Salerno bezw. den medizinischen Schulen Italiens zu gute kamen.
Erfreulich ist die Wahrnehmung einer gewissen Selbständigkeit, welche
die Vertreter der Chirurgie selbst in einer älteren Periode Salernos
an den Tag legten. So ist der älteste litterarisch bekannte salerni-
tanische Chirurg, der berühmte Roger (oder Ruggiero. zuweilen
„filius Frugardi" geheissen), keineswegs ein Nachbeter des Abulkasim,.
wie ihm von manchen Seiten vorgeworfen wird, sondern ein durchaus
selbständiger Bearbeiter der Chirurgie nach eigener reicher Erfahrung
und allenfalls in Anlehnung an die griechisch-lateinische Tradition.
Von der Lebensgeschichte Rogers ist nicht viel bekannt. Es ist
zweifelhaft, ob Parma, wie angegeben wird, oder direkt Salerno sein Ge-
burtsort war. Jedenfalls hat er hier während des grösseren Teils seines
ins 12. Jahrhundert fallenden Lebens zugebracht und mit Erfolg schrift-
stellerisch wie praktisch gewirkt. (Vielleicht beruht die Angabe bezüglich
Parmas auf einer Verwechselung mit Rogers bekanntestem Editor und
Kommentator Rolando, der thatsächlich aus Parma stammte.) Rogers um
1180 mit mehreren Mitarbeitern zusammen verfasste Chirurgie existiert in
der ursprünglichen Gestalt nur noch in einer von Puccinotti in der Maglia-
becchischen Bibliothek zu Florenz entdeckten Kopie, die jedoch noch nicht
gedruckt ist. Geläufiger und mehrfach publiziert (zuerst in der Coli. chir.
Venet. ed. 1546 und später in der Coli. Sal. II p. 426 — 496) ist sie in
der Redaktion, welche ihr 1264 von dem später noch zu erwähnenden
Rolando Capelutti gegeben wurde. Sie führt daher auch den Titel
Rolandina. Uebrigens weicht die neue Redaktion von dem eigentlichen
Original nur unwesentlich ab; sie enthält nur einige Zusätze (Additiones)
aus Hippokrates, Galen und Avicenna. — Von einer anderen Gestalt der
Rolandina, die eigentlich dem Roland zugeschrieben worden ist, wird später
die Rede sein.
Vgl. Coli. Sal. II j). 724: „^9^ quid cm Rolanchm Pnrmcnsis in
opere presenti juxta mewm pofise in o m n i h ns Hcns um et Ute r a m
Rogerii sum secutus, quod videlicet opus in lucem et ordinem redacium fnit
ab Arcetino Guidone, logice professionis ministro, rogatu cUtrissimorum socionim
et egregii doctoris siii concessu ac desiderio ab incarnatione Domini M'^ C^. — In
nliis sie: A. D. M. CC. XXX. etc. Wozu die später zu enrnhnenden Glossulae
der Quattuor magistri den Zusatz machen: Relatu quidem quorundam sociorum
anno Domini JP C* XXX^ factum fiiit sive compositum istnd opus et von a
magistro Rogerio solum, sed a tribus aliis cum eo: sed ipse sno nomine intitnlavit.
{Vgl. Coli. Sal. II p. 505.)
Rogers Werk zeigt in der Knappheit und Klarheit der Fassung,
in der Betonung des praktischen Standpunktes, in dem Mangel alles
gelehrten Citatenmaterials ganz die charakteristischen Eigentümlich-
keiten der salernitanischen Litteratur. Der ..Prologus" zu dem in
4 Bücher eingeteilten Werk beginnt mit den bekannten Worten:
710 Julius Pagel.
„Post munäi fahricam ejmque decorem Deus Jiominem de terrestri snhstanüd
formae vitaeque spirnculum in eo, velut de coelesti, voluit inspirm-e>'' etc.
Buch I behandelt in 44 Kapiteln die chirurgischen AfFektionen des
Kopfes: Wunden, Frakturen am Schädel, Hautausschläge, Flechten (tinea,
Grind) der behaarten Kopfhaut, die wegen Manie, Phrenesis, Epilepsie er-
forderlichen Kauterien, Verletzungen des Gesichts, verschiedene Augen-
krankheiten, Nasenpolyp, krebsartige Verschwärungen in der Nasengegend,
Krankheiten der Lippen, Luxation und Fraktur der Kieferknochen, einige
AfFektionen des Gehörorgans, darunter auch die in keinem chirurgischen
Lehrbuch fehlenden Würmer im Gehörgang. Buch II beginnt mit der
charakteristischen Einleitung, die zugleich die auf Kürze gerichtete Tendenz
des Buches beleuchtet :
Nemo 2)rolixitatls vel sermonis rudis crimen mihi opponat, cum mxüta, paucis
implicite, ohscuritatem potiiis et confusionem quam compendü eommoditatem purere
fioleant: et ego 7ion solum provectis sed aliis proficere disposui. Quoeirca qtiecunqne
ab egregio doctore communiter et privatim recepi et de ejus scriptis habere volui
ordine certo inscriptis redigere et ut pulchrius elucescat in commune dediicere
decrevi.
Es behandelt in 16 Kapiteln die chirurgischen Erkrankungen, Hieb-
und Stichwunden , Abscesse , Anthrax und Karbunkel in der Hals- und
Nackengegend, die skrophulösen Drüsengeschwülste, Kropf (botium), Hals-
fisteln , die anginösen Zustände (squinantia = synanche der Griechen),
Bräune , Incision des Zapfens , Mandelkrankheiten , Halswirbelluxation.
Manches empirische Mittel wird empfohlen, ebenso fehlen die üblichen Be-
sprechungen (incantationes et conjurationes) nicht. Von der Tracheotomia
ist auch nicht eine Andeutung zu finden. — Buch III beginnt mit den
Worten :
Quod tanti operis utilitate tractare tentavi et ordine certo doctoris nostri
scientiam in artem redigere disideravi plus fuit devötio praesentibus et futuris pro-
ficiendi quam de viribus aut temporis commoditate. Quocirca providus lector
negotiis imminentibus et brevitati temporis parcat et colligat potius que in hoc
libro rationahiliter scripta sunt quam invidia livores sequatur.
In 52 übrigens nur ganz kurzen Kapiteln schildert es die chirurgischen
Erkrankungen des Rumpfs und der oberen Extremitäten, Verletzungen der
Scapula (homoplata), des Schlüsselbeins (catena gule), Frakturen und
Luxationen an Schulter, Arm, Thorax, penetrierende Bi-ust- und Darmver-
letzungen, Brustdrüsenkrebs, Penis- und Hodenverletzungen, Ruptur des
Bauchfells, Hernien, Lithiasis, Steinextrnktion, Verletzungen des Dickdarms,
der Nieren, Hämorrhoiden, ableitende Kauterien gegen Gicht, Anlegen eines
Haarseils etc. Dieser Teil ist der dürftigste des ganzen Werks. Die
Therapie ist fast lediglich eine pharmaceutische. — Das IV. und letzte Buch
behandelt in 17 Kapiteln Verletzungen und andere chirurgische Affektionen
der unteren Extremität, des Hüftgelenks (scia), Schenkelekzem, Verbrennungen,
schliesslich Lepra und Wundkrampf. Die Einleitung lautet:
Quia operi finem imponere in parte Deo dante disposui sed quod non sublimi
stylo non colorato sermone non ordine perfecto cuncta sum prosecutus diligens lector
mihi veniam prestet: et quo sermone quo ordine in artem redactam receperim et in
quid eam mutaverim quibusve loquuturus sim diligenter attendat, et in hoc velut in
stabili firmoque principio supra edificare laboret, ut terrenam sibi laudem et gloriam
consequi mereatur.
Die in diesen AVorten ausgedrückte Selbsterkenntnis verdient volles
Lob. In der That ist dem Inhalt nach kaum etwas Anspruchsloseres zu
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 711
denken, als diese ßogersche Chirurgie, da Aetiologie, Diagnose, also die
eigentlich wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes in den Hinter-
grund gedrängt ist; das Werk ist eher ein Kompendium der Terapie als
eines der Pathologie. Am meisten entspricht die Diagnose und Behandlung
der Schädelverletzungen der Bedeutung der Affektionen (vgl. die am Schluss
dieses Kapitels folgende Zusammenstellung der Ergebnisse der salernitanischen
Chirurgie). —
Es verdient noch Erwähnung, dass ausser einer kleinen Schrift über
den xA.derlass („de modis mittendi sanguinem et de cujusque utilitate")
unter der Autorschaft des Roger noch ein Kompendium der prakt. Medizin
geht, betitelt: „Summa ßogerii" oder „Practica parva". Doch
wird dieselbe von einzelnen Historikern einem Namensvetter Roger de
Barone (Varone) zugeschrieben.
Ursprünglich aus drei einzelnen Teilen: Roga'ina major, media et minor be-
stehend, ist diese Practica medicine später zu einem Ganzen verbunden (n. «. a. auch
in den bekannten chirurgischen Sammelausgaben Venediger Herkunft gedruckt
irorden z. B. ed. 1519 fol. 211-233). Es handelt sich um eine Lokalpathologie
a capite ad calcem. Die kurze Einleitung lautet: Sicut ab antiquis habemus aucto-
ribus et eorundem edocet ratio commmiis: generalium noticia particularium cogni-
tionem non excludit: sed generalium certam et verum notitiam vel inquisitionem
particularium utpotc sub ij)sis contentorum de facili fit cognitio. Cum ergo ab
antiquis philosophis in viatico, Alexandro, i)assionario multa minus perfecte pro-
2>osita, tarn in generalibus quam in particularibus reperiatur. Duximus dignum
ea. que circa ista tria Volumina sunt facienda sub brevi doctrina constringere.
Nach dieser Einleitung korrigieren sich übrigens Haesers, offenbar auf Ver-
ircchselung beruhende Angaben in dessen Geschichtsuerk I p. 755. Ausdrücklich
nennt Roger hier seine Gewährsmänner für die innere Medizin, Alexander {v. Tralles),
Gariopontus (Passionarius) und Constantinus v. Africa (Viaticum). Traktat I
(74 Kapitel) beginnt mit der Darstellung des Kopfschmerzes und der übrigen Krank-
heiten des Kopfes, Augen-, Ohren-, Zaknleiden; es folgen Bräune, Affektionen der
Bespirationsorfjune u. s. u\ die ganze Serie herunter bis zu den weiblichen Geschlechts-
krankheiten mit geburtshilflichen Bemerkungen und einem Anhang über Mamma-,
Schienbeinleiden und Gicht. Die TJiatsache, dass in dem Lehrbuch der inneren
Medizin nochmals Affektionen besprochen werden, welche bereits im chirurgischen
Kompendium abgehandelt sind, beweist nichts gegen die Identität des Autors für
beide Teile, sowohl den chirurgischen, wie den innerlich medizinischen. — In dem
kürzeren 2. Traktat mit 19 Kapiteln bespricht der Autor Abscesse, das „noli me
tangere" {bösartige Tumoren), Anthrax, Erysipelas, Cancer, Herpes estiomenos,
Fisteln, malum mortmim [chron. Ekzeme bezw. Gangrän), Herpes, Impetigo, Mor-
])hea, Lepra, vergiftete Wunden tmd Hydrophobie. Der 3. Traktat mit 28 Kapiteln
handelt im wesentlichen von den Fiebern; der 4. in 20 Kapiteln ist lediglich phar-
makologischen Inhalts.
Die Bedeutung, welche Eogers Chirurgie bei den Vertretern der
salernitanischen Schule gewann, vielleicht auch ihre Kürze, führten
dazu, dass man das genannte Werk als Grundlage zu einer Eeihe von
Kommentaren benutzte. Offenbar machte sich ein gewisses Bedürfnis
nach ausführlicherer Interpretation und Erweiterung des Rogerschen
Kompendiums geltend. So entstanden denn die ebenso berühmten, als
bis heute noch rücksichtlich ihres Ursprunges rätselhaften Kömmentare
der sogen. Quattuor magist ri (Viermeister), ein anonym bezw.
Pseudonym geschriebenes Produkt, das möglicherweise nur von einem
einzigen Chirurgen der salernitanischen Schule herrührt. Vielleicht hat
der wirkliche Verfasser absichtlich sein Werk 4 Autoren untergeschoben,
um ihm einen grösseren Wert in den Augen der Zeitgenossen bei-
zulegen. Nicht unmöglich ist jedoch die Annahme, dass thatsächlich
vier berufene magistri chii'urgie und tüchtige Praktiker sich zur Ab-
fassung des Kommentars vereinigt haben, womit in gewisser Beziehung
712 Julius Pag-el.
die Ansicht von Ernst Meyer betreffs des ursprünglich gildenartigen
Charakters der Schule eine Stütze finden würde.
E. Littre (Hist. litei'. de la France XXII p. 105 ff.) hat in einer
Pariser Handschrift (asserviert sub 8161^, Katalog Tl. IV p. 434) ein
anonymes Poema medicum entdeckt (vgl. Coli. Sal. IV p. 1 — 176), das
aus 3 Teilen in 7 Büchern besteht und eine Gynäkologie (de secretis
mulierum), eine Chirurgie (Buch 3 — 6) und eine innere Medizin (de modo
medendi) umfasst. Der chirvirgische Teil lehnt sich direkt an die Rolandina
an und benutzt zugleich den Kommentar der Quattuor magistri, die hier
ausdrücklich genannt werden, nämlich : Archimatthaeus, Petroncellus, Platearius
und Ferrarius, offenbar dieselben Autoren, welche bereits als ärztliche Ver-
treter der Salernitaner erwähnt sind.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass Roger Schule gemacht hat.
Guy de Chauliac, der berühmte französische Chirurg des 14. Jahr-
hunderts, citiert 36 mal als „imitator" bezw. „sectator" Eogerii einen
bisher noch rätselhaften Autor Jamerius.
Der Umstand, dass Guy de Chauliac diesen Jamerius iiherhaupt öfterer Er-
wähnung würdigt^ beweist trotz der tadelnden Nebenbemerkung dessen autoritative
Bedeutung, der ich historisch gerecht Z7i werden suchte (vgl. Diss. von A. Saland,
Berlin 1893, mit einer Rekonstruktion von den Leistungen des Jamerius auf Grund
der Citate bei Guy de Chauliac).
Von Steinschneider gelegentlich aufmerksam gemacht, habe ich feststellen
können, dass das in einem Erfurter Codex vorhandene Fragment eines {erst bei
dem später zu ertvähnenden niederländischen Chirurgen Yperman) vorkommenden
Meisters Wilhelm von Congeinna [Congenis, Conchinis) sich stellenweise loört-
lich mit Rogers Chirurgie deckt, so dass auch dieser Guilelmus als Schüler Rogers
anzusehen sein dürfte. (Vgl. Fagel, Chir. d. Wilh. v. Congeinna,^ Berlin 1891.)
Vielleicht ist diese Thatsache zur Aufklärung der Ziveifel u)ichtig, die bezüglich des
in dem oben erwähnten imema medicum {Proloyus zu lib. V, Coli. Sal. I V p. 95 u.
p. 177) genannten Willemms existieren, dessen dogmata und secreta noch vieleti
Schwierigkeiten begegnen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Willermus identisch
ist mit dem in der Chirurgie des Pseudo-Mesuii citierten mag. V. oder W. {vgl. Pagel,
Die angebl. Chir. d. Joh. Mesue, Berlin 1893 u. die Fortsetzungen in den Dissertt.
con Sternberg, Schnelle u. Brockelmann, Berlin 1893-95).
Während die eigentliche Chirurgie Rogers verhältnismässig dürftig
ist, stehen die Glossulae nach Form und Inhalt auf höherer Stufe und
haben durch die Berücksichtigung von Aetiologie, Semiologie etc. einen
strengeren wissenschaftlichen Charakter, so dass dieses Produkt als die
chirurgische Glanzleistung der salernitanischen Schule, als der eigent-
liche Ausdruck ihrer Chirurgie angesehen werden muss. Sie zeugen
von ausserordentlich gründlicher, sorgfältiger, mit grosser Liebe er-
folgter Durcharbeitung, bieten in litterarischer und praktischer Be-
ziehung ein sehr reichhaltiges Ergebnis und sind thatsächlich ein
Meisterwerk. Die Anordnung ist klar und übersichtlich; man kann
mit einem modernen Begritf von einer verbesserten und erweiterten
bezw. völlig umgearbeiteten Neuauflage von Rogers Chirurgie reden.
Im ersten Buch dieses Viermeister - Kommentars sind ausschliesslich
die "Wunden aller Körperregionen behandelt; es stellt (in 10 Teilen und
30 Kapiteln) eine spezielle "Wundlehre dar. In Buch 2 (5 Teile und 24
Kapitel) folgen Abscesslehre , Exantheme, Krebs und Fisteln einzelner
Organe. Buch 3 bringt die chronischen Affektionen vom chirurgischen
Standpunkte, Manie, Melancholie, Epilepsie, Augen-, Ohren-, Zahnaffektionen,
Hernien, Blasenstein, Hämorrhoidalkrankheiten, Kauterien, Lepra, Spasmus.
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 713
Endlich ist Buch 5 (2 Teile und 17 Kapitel) ausschliesslich im Zusammen-
hange den Knochenfrakturen und Luxationen gewidmet.
Die reichhaltige Erweiterung dieses Kommentars, der sich übrigens
grösstenteils mehr an die Fassung der Rolandina anlehnt, rechtfertigt
vielleicht die Annahme, dass er einer späteren Epoche der salerni-
tanischen Schule angehört und bereits rückläufige Einflüsse von Bologna
her nicht ohne eine Beimischung scholastischen Salzes sich geltend
machen; wenigstens spielt hierbei die eigentliche Scholien- und Kom-
mentargelehrsamkeit bereits eine grössere Eolle.
Der Bedeutung und chronologischen Zeitfolge nach kommt Roger
am nächsten Mag. Rolandus von Parma, der eigentliche Editor
und erste Kommentator Rogerscher Lehre.
Wie bereits bemerkt (vgl, p. 709) stammte Roland aus Parma und
wirkte teils an diesem Orte, teils in Bologna.
Die nrsjmbi gliche, zucmt durch den Druck bekannt gewordene Fassung der
Rolandina, diejenige, an welche sich auch der Kommentar der Viermeister angelehnt
hat, findet sich in der Coli. Venet. ed. 1498 u. danach ebda. 1519 (fol. 147 — löO).
Danach besteht sie aus 4 Büchern. Der Wortlaut der Einleitung verrät dem Kenner
bereits deutliche Anklänge an das scholastische Schema mid lässt damit den Einfluss
der Bologneser Schule unrerkennbar hervortreten. — Uebrigens ist über das Ver-
hältnis der verschiedenen Redaktionen zu einander, über die Authentizität und ver-
schiedene andere Fragen trotz der gediegenen Arbeiten von de Renzi, Daremberg etc.
ivgl. Coli. Sal. III p. 'Möff') völlige Klarheit noch nicht erzielt.
Interessant ist die auch von Henschel in grosser Breite mitgeteilte
Krankengeschichte im 23. Kapitel des 3. Buches von Heilung einer
penetrierenden Brustwunde mit Vorfall von Lungensubstanz. Während diese
Verletzung von allen Bologneser Chirurgen (u. a. auch von dem noch zu
erwähnenden Theoderich) für absolut tötlich angesehen wurde, schnitt Roland
das prolabierte Stück munter fort, verband die Wunde in seiner Weise
(mit „emplastrum rubeum") und erzielte vollständige Heilung (vgl. Coli,
chir. Venet. ed. 1519 fol. 117^, nach der Erzählung des Theoderich, und
p. 157; Coli. Sal. II p. 567).
Die Ergebnisse der Salernitanischen Chirurgie.
lieber die Gesamtleistungen und den Stand der Chirurgie an der
Salernitanischen Schule lässt sich ein Ueberblick nur durch zusammen-
fassende Betrachtung der Werke von Roger und den Kommentatoren
Roland und den Viermeistern gewinnen, die unmittelbar zusammen-
gehören. Diagnose und Behandlung der Schädelverletzungen zeigen
einen Fortschritt, indem hier auch der Frakturen durch Contrecoup
Erwähnung geschieht und ein Fall durch eine Sektion bestätigt wird.
Die Verbandsart bei komplizierten Schädelbrüchen ist eine sehr sorg-
fältige. Als Verbandstücke werden 3 bis 4 fach zusammengelegte
Kompressen aus Leinewand, auch aus Seide, ferner gezupfte Charpie
(carpia), die bekannten plumaceoli (mit Federn gefüllte Kissen) und
„stupata" (W^icken von Werg) benutzt. Die Trepanation wird nur
oberflächlich erwähnt; sie wird vorgenommen, um dem Eiter einen
Abfluss zu gewähren, aber nicht weiter beschrieben. Das Haupt-
augenmerk des Wundarztes in der Behandlung von Schädelverletzungen
soll auf leichte Beseitigung des Eiters gerichtet sein. Bei Depression
714 Julius Pagel.
eines Knochenstücks sollen Löcher gebohrt und vorsichtig das be-
treffende Fragment mittels „spatumen" abgehebelt werden, jedoch
SO; dass die darunter liegenden Hirnhäute geschont und namentlich
vor Infektion geschützt werden. Komplikation von Schädelverletzungen
mit Fieber giebt eine ungünstige Prognose. Zur Untersuchung ist der
Finger den Sonden oder federkielartigen Instrumenten vorzuziehen.
Event, sollen zur Freilegung der Bruchstelle ein Kreuzschnitt gemacht
und die Weichteile vom Knochen mit einer Rugine (Schabeisen) ent-
fernt werden. Behufs Blutstillung wird event. die Unterbindung der
Gefässe empfohlen. Das bekannte diagnostische Symptom, wonach bei
kräftigem Exspiration sd ruck mit geschlossenem Mund und Nase Luft
durch eine vorhandene Schädelfissur dringen soll, findet sich schon bei
den Salernitanern. Event, kann ein Schädelspalt (ganz wie schon
Hippokrates an giebt) durch Aufgiessen von „encaustum" (Tinte) er-
kannt werden. Einfache Weichteilwunden können (durch Knopfnaht)
vereinigt werden, ebenso Gesichtswunden. — Bewegliche Balggeschwülste
sind zu exstirpieren, unbewegliche mit Hilfe eines Kreuzschnitts.
Gestaltet sich die Exstirpation von Nasenpolypen schwierig, so soll
selbst die Nase gespalten werden. — Bei Caries oder fistulösen Ge-
schwüren am Unterkiefer wird andeutungsweise die Resektion der
kranken Partie empfohlen. — Zur Blutstillung bei grossen Halsver-
letzungen wird von den Viermeistern die doppelte Gefässligatur durch
Umstechung empfohlen. Gegen Kropf wird das Haarseil angewandt,
event. auch, falls die Geschwülste nicht zu gross sind, die Exstirpation
angeraten; Mandelentzündungen bezw. Tonsillarabscesse werden als
.,branchi" beschrieben. Unter den Begrifi" „squinantia" werden offenbar
alle möglichen Pharynxaffektionen subsumiert. Rachenabscesse können^
auch mit dem Finger eröffnet werden. Bemerkenswert ist die Be-
schreibung der umschlungenen Naht bei einer Armwunde (bei Roger
und Roland). — Zur Reposition von Humerusluxationen kommen ähn-
liche Massnahmen wie die bei Hippokrates angegebenen in Betracht.
Bei Brüchen werden erhärtende bezw. Klebeverbände in primitiver
Form mittels „plagellae", die mit Eiweiss und Mehl überstrichen sind,
bei komplizierten Frakturen gefensterte Verbände empfohlen. — Ist
die Fraktur mit Dislokation geheilt, so soll der Callus noch einmal
gebrochen werden. Die Darmnaht erfolgt über einem Hollunderröhrchen,
das vorher in die Darmenden eingebracht ist. Bei penetrierenden
Bauchwunden mit vorgefallener und erkalteter Darmschlinge soll
diese zunächst durch die animalische Wärme wieder normale Tempe-
ratur erhalten, zu welchem Zwecke an die Darmpartie ein frisch
geschlachtetes Tier (Katzen, Tauben) appliziert wird, dann kann die
Darmschlinge event. nach Erweiterung der Bauchwunde reponiert
werden. Carcinome sollen nicht operiert werden. Ist die Operation
unvermeidlich, so muss die Exstirpation so gründlich als möglich bis
weit in das gesunde Gewebe hinein erfolgen mit nachheriger Aus-
brennung. Doch tritt bei Gebärmutter- und Mastdarmkrebs der
Tod nach Operation schneller ein. — Was über die Radikaloperation
von grossen, durch Bandage nicht zurückzuhaltenden Hernien gesagt
wird, ist schwer verständlich. Hydrocele und Sarcocele werden eben-
falls zu den Hernien gerechnet. Die Abschnitte vom Blasenstein und
Steinschnitt bieten weder etwas Bemerkenswertes noch Aenderungen
gegenüber dem Standpunkte der früheren Autoren. Die Lehrmeinungen
über die Verletzungen und sonstigen Affektionen der unteren Extre-
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 715
mitäten sind teils oberflächlich wiedergegeben teils ohne erhebliche
Abweichung von der traditionellen Anschauung. —
Meister Roland bildet den Uebergang zu der fast gleichzeitigen
Gruppe von Chirurgen, die als Vertreter der
Schule von Bologna
historisch bemerkenswert sind. Als ihr Begründer gilt herkömmlicher-
weise Hugo von Lucca, ein Chirurg, über dessen Lebensgeschichte
wir merkwürdigerweise verhältnismässig gut unterrichtet sind, obwohl
er selbst nichts Schriftliches hinterlassen hat, und seine Ansichten
und Lehren nur in dem später noch zu erwähnenden Werk seines
Sohnes Theoderich erhalten sind. Dieser bildet allerdings die Haupt-
quelle zur Würdigung seiner Bedeutung als Praktiker, Hier wird er.
ausser in der Einleitung, nicht weniger als rund 50 mal genannt, öfter
unter der Bezeichnung als „(predictus) vir mirabilis" und namentlich
wegen seiner einfachen und rationellen Wundbehandlung an mehreren
Stellen gerühmt.
,,PredictuH tainen vir mlrahiliü magister Hugo omnia fere vitinern cum solo
viiio et stupa et ligatnra decenti et artificiosa quam optime facere noverat sanabaf.
vonHolidahat et pulcherrimas cicatrices sine nnguento aliquo inducebaf.-^ [L. I cap. 1:J.
Ausg. d. Chir. Coli. Venet. 1519 fol. 110.)
Ueberhaupt weiss Theoderich wahrhafte Wunderkureu von ihm
zu berichten. So ist das Kap. 3 von lib. II, Schädelfrakturen betreffend,
ganz nach Hugo gegeben. Auf Einzelnes wird noch bei Theoderich
zurückzukommen sein.
Vql. Eugen Perrenon, Die Chir. d. Hugo v. Lucca nach den Mittheilungen bei
TJieoderich, IHss., Berlin 1899.
Hugo von Lucca, wie er von seinem Geburtsort heisst, wurde hier
etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts geboren und war ein Spross der
berühmten Familie Borgogone. 1211 erhielt er einen Ruf als praktischer
Stadtchirurg nach Bologna, wofür ihm eine einmalige grössere Abfindungs-
summe unter der Bedingung bewilligt wurde, dass er alljährlich 6 Monate
in Bologna thätig sein und in Kriegszeiten die erforderliche wundärztliche
Hilfe unentgeltlich leisten müsse. 1218 machte er im Bologneser Heere
einen Kreuzzug mit, wohnte 1220 der Belagerung von Damiette bei und
kehrte 1221 nach Italien zurück. Er wirkte noch 1252 in Bologna und
starb etwa hundertjährig vor 1258. Sein hohes Alter vererbte sich auch
auf seinen Sohn Theoderich. — Meister Hugo war übrigens nicht nur ein
praktisch tüchtiger Chirurg , sondern auch ein erfolgreicher , chemischer
Forscher, was seine zahlreichen, von seinem Sohn gerühmten Kompositionen,
die Methode der Arseniksublimation und dergl. beweisen. Interessant ist,
dass sich an Hugo eine der ältesten Thatsachen der gerichtlichen Medizin
im Mittelalter knüpft. Laut einer noch vorhandenen Stelle im Bologneser
Stadtstatut nämlich war Hugo ausdrücklich gebalten, ^in gerichtlichen Fällen
vom Podesta befragt nach geleistetem Eide ein Gutachten abzugeben."
(Vgl. Henschel in Janus 1847 II p. 134.)
Es unterliegt keinem Zweifel, dass Hugo der intellektuelle Ur-
heber der eiterungslosen Wundbehandlung ist, deren Grundsätze später
noch prägnanter von Theoderich und Mondeville betont worden sind.
Wenn man einzelne der therapeutischen Massnahmen des „dominus
Hugo" erwägt, wie sie Theoderich überliefert hat, so kann man den
716 Julius Pagel.
Enthusiasmus, mit dem der Sohn vom Vater spricht, nicht bloss vom
menschlichen, sondern auch vom sachlichen Standpunkt aus begreiflich
linden. In der That ist Hug'o ein ausserordentlich verständiger Chirurg,
seiner Zeit und namentlich den Medikern weit voraus. Eine Zu-
sammenstellung aller seiner Ansichten, für die ihn Theoderich als den
Urheber hinstellt, also eine Rekonstruktion derselben auf Grund des
Werks von Theoderich findet sich in der oben erwähnten Dissertation.
Als typisches Beispiel für Hugos Verordnungsweise sei hier nur die
sehr bemerkenswerte Empfehlung erwähnt, die Reposition von Rippen-
frakturen im Wasserbade (mit vorher eingeölten Fingern) vorzunehmen.
Ueberhaupt erweisen sich Hugos Massnahmen bei Frakturen und
Luxationen als ein Fortschritt sogar gegen Hippokrates insofern
statt der komplizierten Maschinen behufs Reposition nach dem Vor-
gange von Albucases einfache Verbände gewählt werden (L. III
cap. 40 der Chir. des Theoderich). Zahlreiche Salbenkompositionen
und andere pharmakologisch - chirurgische Originalverfahren rühren
von ihm her. Auf weitere Einzelheiten wird noch bei Theoderich
einzugehen sein, der, wie bemerkt, zum überwiegenden Teile die
Autorität seines Vaters sprechen lässt. Es ist nicht zu leugnen, dass
trotz dieser Abhängigkeit von den Anschauungen des Vaters dessen
Sohn Theoderich (1206—98), nachmals Bischof von Cervia und
Chirurg in Bologna, als Schriltsteller wie als Praktiker grössere Be-
deutung erlangte. Auch über dessen Lebensgeschichte sind wir genau
orientiert.
Geboren als Sohn des Vorgenannten erhielt er den ersten Unterricht
bei seinem Vater. Wie er selbst erzählt (fol. 114 ^ der Ausg. Coli. chir.
Venet. 1519), erlitt er als Kind eine lebensgefährliche Schädelfraktur, von
der er nach Ausstossung von 9 Knochensplittern genas. Nach dem Beispiel
vieler vornehmer Landsleute trat er 1230 — 1231 in den damals sehr ange-
sehenen Predigerorden ein , übte aber dabei auf Grund der von seinem
Vater empfangenen Unterweisungen die chirurgische Praxis aus. Von 1243
bis 1254 bekleidete er eine Stelle als ,, Kaplan, Pönitentiarius und Haus-
arzt" bei dem Papst Innocenz IV. Später war er successive Bischof in
Eltone, in seiner Vaterstadt und zuletzt seit 1266 (nach anderen Quellen
erst seit 1274) Bischof von Cervia. Infolge besonderer Erlaubnis wohnte
er dauernd in Bologna. Seine Praxis war so umfangreich und lukrativ,
dass er bei seinem Ableben ein grosses Vermögen für wohlthätige Zwecke
hinterliess.
Vgl. Modestino del Gaizo, II niagisterio cMrurgico äi Teodorico dei
Borgognoni ed alcuni codici delle opere di lui {Estratto dagli Atti della B. Accad. med,
chir. di Napoli anno XL VIII N. S. No. 2, Napoli 1894). — Die noch kürzlich
von Pifteau in der Einleitung zu dessen französ. Ausgabe der Chir. von Saliceto
icieder aufgefrischte Annahme der catalonischen Abstammung des Theoderich ist
längst von Choulant, Henschel u. a. als irrig nachgewiesen.
Theoderich gehört entschieden gleichfalls zu den erfreulichen Er-
scheinungen der mittelalterlichen Chirurgie. Sein Werk, von dem so-
gleich die Rede sein wird, bringt trotz bedeutender Anlehnungen an
die Erfahrungen des Vaters die Resultate selbständigen Denkens und
Handelns des Verfassers. Es ist durchaus nicht ausschliesslich Kom-
pilation. Dagegen verwahrt sich der Verfasser selbst (L. II cap. 54).
Auch wird in den letzten beiden Büchern, namentlich in Buch III
Hugo seltener citiert.
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 717
Das Urteil Guy de Chauliacs über Theodericli in der historischen Ein-
leitung zu seinem „Collectorium" oder , .Guidon" ist ganz entschieden
ungerecht, wonach Theoderich .,rapiendo omnia que dixit Brunus cum
quibusdam fabulis Hugonis de Luca magistri sui librum edidit". Auf-
fallend ist bei diesem Urteil zweierlei: erstlich, dass Bruno hier als Ge-
währsmann des Theoderich genannt wird, während dieser in dem ganzen
"Werk auch nicht ein einziges Mal angeführt ist, trotzdem Thoderich in
seinen übrigen Quellenangaben durchaus den Eindruck der Ehrlichkeit hervor-
ruft. Beweis dafür bildet, abgesehen von den etwa 50 Citaten des ,, dominus
Hugo" auch der Freimut, mit dem er gelegentlich eine falsche Diagnose
und einen Irrtum eingesteht, wie u. a. in der 1. III cap. 3] (de napta)
erzählten Krankengeschichte, Ferner, dass Guy de Chauliac die Thatsache
nicht mehr bekannt gewesen zu sein scheint, dass Hugo de Lucca auch
der Vater von Theoderich war. Richtig ist die Aehnlichkeit in den Ein-
leitungen beider Werke von Bruno und Theoderich; diese entspringt aber
zweifellos aus der Benutzung gemeinschaftlicher arabischer Quellen (Haliabbas,
Damascenus, Johannitius) und ist im übrigen ein so unwesentliches Moment,
dass es gegenüber den sonstigen Unterschieden in Form, Inhalt und Anord-
nung gar nicht in Betracht kommt. Unter allen Umständen ist Guy's
Urteil einseitig, und die Anschauungen der neueren Zeit geben ihm noch
mehr Unrecht ; denn wir können feststellen, dass Theoderich die eiterungs-
lose Wundbehandlung in dem Masse zielbewusst und eindringlich betont
und systematisch erstrebt hat, dass sein späterer Schüler Mondeville von
dessen Wirksamkeit direkt eine neue Aera datieren darf. Der bekannte
Passus in cap. 11 lib. II (Coli, chir. Venet. 1519 fol. 117) hat gerade
in der Neuzeit aktuelle Bedeutung gewonnen. — Im Geiste der Neuzeit be-
trachtet, bildet diese Darlegung den Glanzpunkt der Lehren von Hugo-
Theoderich, und wenn dieser Lehre heftiger Widerstand bereitet und später
von Guy de Chauliac sogar mit verstecktem Spott entgegengetreten wurde,
so zeigen die Ergebnisse der modernen expektativen Asepsis, wie Unrecht die
damalige Opposition hatte, und wie sehr im Recht Theoderich war. — Noch
eine andere Thatsache geht aus diesen Ausführungen hervor, nämlich ent-
weder dass Verfasser vielleicht neben seiner Chirurgie noch ein Werk u. d. T.
,,filia principis" verfasst hat, oder dass die bekannt gewordene und gedruckte
Chirurgie offenbar im Hinblick auf den Ursprung aus den väterlichen Er-
fahrungen diesen Ehrentitel erhalten hat. Dass Theoderich versucht hat, seine
Patienten in primitiver Weise zu narkotisieren, berichtet Guy de Chauliac.
Dass er Speichelfluss als Folge von äusserem Quecksilbergebrauch beschreibt,
speziell bei Scabies, pruritus, ,,malum mortuum" (Verschwärung und Morti-
fikation an den Unterschenkelweichteilen), ist bekannt (lib. III cap. 47 — 48 ;
fol. 138 und 139 d. Edit, von 1519). Im einzelnen sei noch hervorgehoben,
dass Theoderich auch von dem grossen Wert und der Notwendigkeit anat,
Kenntnisse für den Chirurgen durchdrungen ist (lib. III cap. 18: fol. 130^). —
Wenn er auch zur Pfeilextraktion und bei anderen Gelegenheiten sogen.
,, empirische" Mittel erwähnt, so thut er dies offenbar nur der Vollständigkeit
wegen, um vielleicht dem Herkommen und der Zeitsitte zu genügen. Dass
er selbst von der Wertlosigkeit aller dieser und ähnlichen ]\Iittelchen über-
zeugt ist, beweist er durch sein Dictum (lib. III cap. 1 gegen den Schluss,
fol. 125B):
„Et in practica Almayesti jtonuntur quedam emperica: ex quibus ponemuH
aliqua quamvis non niagnam fidetn adhibeamus, quin magis videntur nobis vetularum
esse quam prudentis viri.'*
718 Julius Pag-el.
Etwa ^1^ Dutzend Male wird Macer (offenbar Macer Ploridus, cfr. p. 635)
erwähnt. Neben den „sapientes" wie er allgemein die älteren Autoren be-
zeichnet, sind, wie bereits hervorgehoben, hauptsächlich die Lehren und
Erfahrungen seines Vaters für ihn massgebend. Natürlich dürfen auch
Hippokrates, Galen und die unvermeidlichen Araber, Avicenna und Albucasem
nicht fehlen. Mit grosser Energie tritt er für die operative Behandlung
der Mastdarrafistel als die allein richtige Methode ein (üb. III cap. 47,
fol. 136^). Die schon bei ßoland (p. 713) erwähnte Krankengeschichte
einer penetrierenden Thoraxwunde findet sich in lib. II cap. 17. In dem-
selben Kapitel erzählt er auch die erfolgreiche Kur eines Patienten aus
Salerno an einer ähnlichen, aber schon 8 Monate alten Verletzung.
Das ganze Werk des Theoderich besteht aus 4 Büchern. Lib. I um-
fasst in 26 Kapiteln wesentlich die Wundbehandlung, lib. II schildert in
54 Kapiteln Schädel-, Gesichts-, Thorax-, Darm- und Gefäss- resp. Nerven-
verletzungen. In Buch III mit 56 Kapiteln folgen Fisteln, Krebs, Haut-
leiden, Abscesse verschiedener Körperregionen, Tumoren, skrophulöse Drüsen-
geschwülste, Hernien, Hämorrhoiden, Panaritium, Lepra etc. In dem sehr
kurzen in 9 Kapitel geteilten 4. Buch, von denen 2 pharmakologischen
Inhalts sind, wird eine kurze Nachlese über Kopfschmerz , Augenleiden,
Gicht, Lähmung und Epilepsie gehalten.
Das Buch von Theoderich lässt bereits den grossen Fortschritt
erkennen, welchen die Chirurgie zu machen sich anschickt. Die Ver-
einfachung der Wundbehandlung, die Einschränkung der machinellen
Polypragmasie bei Frakturen und Luxationen sind zwei wichtige Er-
rungenschaften, geeignet, ein gutes Licht auf den Enwicklungsgang
der Chirurgie im Mittelalter zu werfen.
Ueher die hehr. Uebers. von Theoäerichs Werk vgl. Steinschtieider l. c. § 8H2.
Dia Chirurgie in den übrigen Schulen Italiens.
Ein litterarhistorisches Andenken haben sich noch einige Chirurgen
anderer Städte Italiens gesichert. Der älteste dieser Männer, deren
Besprechung nicht umgangen werden kann, ist Bruno von Longo-
burgo aus Kalabrien, Verf. einer „Chirurgia magna", die er
einem Freund aus Vincentia widmete, sowie einer weit kürzeren
„Chirurgia parva", die einem gewissen Lazarus aus Padua de-
diziert ist. Aus dem Schluss der ersteren ergiebt sich, dass die
Chirurgia magna im Januar des Jahres 1152 „apud civitaitem Padue
in loco Sancti Pauli" abgefasst ist. Das sind die einzigen sicheren
Daten aus dem Leben des Mannes. Das Studium seiner Werke er-
giebt, dass Bruno die verkörperte Autoritätengläubigkeit bildet. Sicut
dicit Avicenna, inquit Galenus, testante Albucase, dico igitur secundum
modum Avicenne und ähnliche W^endungen kommen unzählige Male
vor; das Buch strotzt von ihnen. Charakteristisch für den Wert des
Werkes ist die eigene Aeusserung Brunos lib. I cap. 10 (fol. 86 ^ d.
Ausg. V. 1519):
„Medicine consolidative quas elegi et accepi ex summa librorum veteriim post-
quam certificatus sum ex eis cum testimonio rationis.''
Allerdings erklärt er öfter, einige Empfehlungen der Alten selbst
erprobt zu haben, so die wunderbare Salbe Galens (lib. I cap. 5,
fol. 85^), ferner einige „medicine composite quas longo usu probavi"
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 719
(lib. II cap. 6). Aber das kommt tliatsächlich nur ausnahmsweise vor.
Selbst da wo er gegen die Eitererzeugung- bei Wunden polemisiert
und für die „austrocknende Wundbehandlung" eintritt, thut er es nur
in Anlehnung an Galen und Hippokrates und unter deren Autorität.
Wirkliche originelle Beobachtungen sind bei Bruno rarissimae aves.
Sein Stil ist typisch für die mittelalterlich naive Schreibweise. Die
Scholastik ist ihm nicht fremd, wie beispielsweise u. a. ein Passus in
lib. I cap. 6 beweist, der lautet:
„Sed qiiia medici rationati sunt et adhuc ratiocinantur de vulnerafione pnl-
motiis oportet nos aliq n antulu m disputa r e. Dico ergo quod etc."
Eine Mitteilung in der Einleitung ist von standesgeschichtlichem
Wert. Bruno versichert, er wolle über alle Operationen handeln,
praeterquam de scarificatione et flebotomia, que licet ci/rurgie species hnbeanfur
tarnen de eis plurimi docuerunt auctores ac ipsorum operationem noluerunt medici
propter indecentiam exercere sed illas barberiorum i n m a n i b ii s reliq » e •
r u n t.
Diese Zeilen bestätigen also die Existenz eines niederen Chirurgen-
personals zur Ausübung der kleinen chirurgischen Verrichtungen,
Aderlass, Schröpfen etc. — Im übrigen verrät sich der kompilatorische
Charakter von Brunos Werken durch die gänzlich ungeordnete, bunte
Zusammenstellung des Stoifes. Von anatomischen Bemerkungen ist
keine Rede.
Die Chir. magna sollte eigentlich major und die parva : minor heissen.
Erstere behandelt in 20 Kapiteln des lib. I, wovon die beiden letzten über
Frakturen und Dislokationen in 7 bezw. 10 ,, Rubriken" geteilt sind,
Wunden , Geschwüre , Cancer , Fisteln, Schädel- und Extremitätenbrüche
resp. Verrenkungen und in 20 Kapiteln des lib. II mit verschiedenen Unter-
abteilungen (Rubriken) die (unvollständige) chir, Pathologie a capite ad
calcem, sowie in einem Anhang die Kauterien, Verbrennungen und Wund-
krämpfe. — Die kleinere Chirurgie (3 Eolioblätter stark) giebt in 23
Kapiteln eine kürzere Darstellung der Wundbehandlung , Schädel- und
andere Knochenbrüche, Blutstillung, Geschossextraktion, Fisteln, Krebs,
Phegmone, Karbunkel, Erysipelas,Abscesse, skrophulöse Geschwülste, Warzen,
Hämorrhoiden, Verbrennungen und Kauterien. In Summa kann für Bruno
das Urteil Guy de Chauliacs Wort für Wort unterschrieben werden :
„Subsequenter invenitur Brunns qui satis directe dicta Galeni et Avicemie et
nperafionum Albucasis assummavit, translationem tarnen librorum Galeni totam
non habult et anathomiam penitus dimisit.'^
In einem geraden Gegensatz zu Bruno, wie er stärker nicht ge-
dacht werden kann, steht Gulielmus de Saliceto oder Guilelmus
Placentinus, von seinem Geburtsort Piacenza, wo er etwa im ersten
Drittel des 13. Jahrhunderts geboren wurde. Saliceto ist ein durch
und durch origineller und selbständiger Praktiker, der unter den
Schriftstellern des 13. — 15. Jahrhunderts mutatis mutandis etwa die-
selbe Stelle einnimmt, wie Alexander von Tralles in der byzantinischen
Periode. Nennt ihn doch selbst der kritische Guy de Chauliac einen
Valens homo, eine den Mann am meisten ehrende Bezeichnung.
Die Lebensgeschichte des Saliceto harrt noch in vielen Punkten der
Aufklärung. Das bisher für den Abschluss seiner Chirurgie angenommene
Jahr 1275 ist durch Auffindung einer von 1279 datierten Krankengeschichte
720 Julius Pagel.
in dem Werk selbst zweifelhaft geworden. Doch kann angesichts der bei
Mundino erwähnten Funde auch ein Kopistenfehler vorliegen. Aus dem
,,Exp]icit" wissen wir, dass "Wilhelm von Saliceto seine Chirurgie in Bologna,
dem ersten Ort seiner Wirksamkeit, begonnen und in Verona, wo er als
Stadtarzt thätig war, vollendet hat. Nach Abscbluss seiner Chirurgie schrieb
er noch die bei weitem umfangreichere ,,Summa conservationis et
curationis", in der er mehrfach auf den chirurgischen Teil verweist.
Auch die Summa ist ein tüchtiges Werk ; es handelt sich um ein Kompen-
dium der Medicin, das in vielen Beziehungen die übrigen Werke dieser
Periode überragt. Das Buch ist frei von Scholastik, nicht mit Autoren-
citaten überladen, und bringt am Anfang neben einer noch heute beherzigens-
werten ärztlichen Politik eine ausführliche Diätetik, ein Beweis, welchen
Wert der Autor verständigerweise auf die Prophylaxe (die Conservatio seil,
a morbis) legt. In Buch 1 folgt dann eine spezielle Pathologie a capite
ad calcem (inklusive Gynäkologie) ; auch liefert Saliceto mit der Beschreibung
der durities renum die erstmalige Andeutung des Brightschen Symptomen-
komplexes, Buch 2 ist eine Fieberlehre in 38 Kapiteln ; Buch 3 enthält
die Kosmetik (decoratio) u. z. T. Dermatologie (ganz nach dem Herkommen
jener Zeit), Buch 4 eine Toxikologie, Buch 5 eine Pharmakologie bezw.
ein Antidotarium in 32 Kapiteln.
Vgl. Paul Piftenu, Chimrgie de Guillaume de Salicet, Traduction et com-
mentaire, Toulouse 1898: die Berliner Dissertationen von Hermann Grunow,
Diätetik des Wilh. von Saliceto [1895], Eugen Loeiuy, Beiträge zur Kenntniss u.
Würdigxmg des W. v. Sol. als Arzt {1897); Wilhelm Herkner, Kosmetik u. Toxi-
coloqie nach, W. v. S. {189Z) u. Oscar Bosch, Materialien zur Beurteilung des
Wilhelm v. S. als Arzt {1898).
Vorwiegend kommt Saliceto als Chirurg- in Betracht. In der
Chirurgie lag der Schwerpunkt seiner schriftstellerischen und praktischen
Thätigkeit, und als Chirurg geniesst er historische Bedeutung. Sein
bezügliches Werk trägt Zeile für Zeile den Stempel der Originalität,
ist knapp gehalten, reich an interessanter Kasuistik und bildet den
Ausdruck des „specialis amor", womit Saliceto gerade chirurgische
Praxis getrieben hat. Er selbst hat sein chirurgisches Werk zuerst
in Angriif genommen und sagt in der „Summa" lib. I cap. 189:
„Operatio . . . non hene spectat ex toto ad istum tractatum sed ad librum
nostrum quem fecimus de cyrurgia quem ante ipsum complevimus ex speciali amore
in quo etc.'^
Die Einleitung giebt zunächst die bekannte (und verkehrte) ety-
mologische Deutung des Begriffs „Chirurgie" und eine kurze chirur-
gische Hodegetik und Methodologie. Daran schliesst sich Buch 1 mit
67 Kapiteln, im wesentlichen eine vollständige Darstellung der chirur-
gischen Erkrankungen der Schädeldecke (u. a. auch Kopfblutgeschwulst
der Neugeborenen und hydrocephalus congenitus), Augen- und Ohren-
affektionen, Nasenpolypen, Exantheme im Gesicht, Ranula, Zahnkrank-
lieiten, Drüsenabscesse am Halse, Kropf, Axillarbubo, Entzündungen
der Weichteile am Schulterblatt und an den oberen Extremitäten,
Panaritium, Milchdrüsenabscesse resp. Carcinom, Vereiterungen am
Thorax, Verhärtungen und Tumoren in der Leber- und Milzgegend,
Aifektionen der Leistenbeuge, Condylome und Hämorrlioiden an After
und Scheide, Mastdarmfistel, Blasensteinextraktion, Krankheiten des
Penis, Exantheme, Knötchen und Versch wärungen an demselben (un-
zweifelhaft auch venerische: „de pustulis albis ut milium et rubeis
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 721
€t scissuris et corruptionibus que fiunt in virga et circa preputium
propter coytum cum meretrice vel foeda vel alia causa"),
Abscesse am Hoden, Hernien, Hüft- und Kniegelenksaffektionen, Ekzem-
und Varicenbildung an den Unterschenkeln, Frostbeulen an den Zehen,
Schwielen, Hühneraugenbildung, Fisteln, Krebs, Karbunkel und Anthrax,
Kontusionen, Verbrennungen, Hyperhydrosis, verschiedene Hautaffek-
tionen, Scabies, Pruritus, Morphea, endlich Gicht.
Die zum Beweis des späteren Datums der Chirurgie herangezogene
Krankengeschichte aus d. J. 1279 betrifft eine gänseeigrosse Kiefergeschwulst;
die Schilderung der zweizeitigen Operation zeigt Saliceto als ebenso kühnen,
wie umsichtigen Operateur, der seine eigenen Wege zu gehen und sich auch
da zu helfen weiss , wo die Büchergelehrsamkeit in Stich lässt. Be-
merkenswert ist hierbei die manuelle Kompression zur Blutstillung. — In
Kapitel 27 erörtert Saliceto die Schwierigkeiten der Differentialdiagnose bei
tief liegendem Abscess und erzählt einen bezüglichen Fall aus der eigenen
Praxis, welcher seine diagnostische Kunst schlagend beweist. In Kapitel 34
berichtet er über einen Fall von sehr ausgebreitetem, inoperablem Mamma-
carcinom. Die Motivierung seines Verhaltens verdient selbst nach heutigem
Standpunkte Beifall. In Kapitel 42 ist die berühmte, oft citierte Stelle:
et fit etiam (seil, bubo in inguinibus), cum homo infirmatur in virga
propter fedam meretricem vel aliam causam etc. Kapitel 44 enthält eine
lichtvolle Beschreibung der Kadikaloperatiou der Hernie, zu der er die Be-
merkung hinzufügt:
„Curavi sine incisione (seil, in herniis) pueros maxime et alios in quibus in-
testina non descendunt ad Jnirsam testiciilorum et qui habebant parvam eminentiam
cum lomhare vel emplastro nostro et pulvere multos nieo tempore curavi. Lombar
sie fieri debet de panno lineo triplicato etc."
Es folgt dann die Beschreibung des Bruchbandes. Zur Heilung von
Varicen werden in Kapitel 54 verschiedene Operationsmethoden beschrieben,
darunter die Blosslegung der Vene und doppelte Unterbindung mit nach-
folgender Durchschneidung und Kauterisation an der durchschnittenen Stelle
und späterer Ausräumung des entstandenen Thrombus (Exstirpation der
thrombosierten Stelle). — Das 2. Buch behandelt in 27 Kapiteln aus-
schliesshch die Wunden der einzelnen Körperregionen (ohne allgemeine
Wundbehandlung), ferner Quetschungen und ähnliche Verletzungen; nur
das Schlusskapitel erörtert allgemein die Gründe, welche die Heilung einer
Wunde verzögern. (Vier interessante Fälle aus Kap. 5, 7 und 15 reproduziert
Puccinotti in der Storia di med. II p. 357 — 358, Anmerkung; sie betreffen
gefahrliche Säbelstich- und Hiebwunden am Halse, Kehlkopf und penetrierende
Bauchwunden mit Darmnaht). Es zeigt sich, dass die Wundbehandlungs-
methode des Saliceto eine relativ einfache, rationelle, von jeder Poly-
pragmasie freie ist, und dass Saliceto sich auch in verzweifelten Fällen zu
helfen weiss. Meist behandelt er die grossen Schnittwunden mit Naht nach
voraufgeschickter Reinigung mit Oel und Blutstillung, sorgfältigem Verband,
Ruhestellung des verletzten Organs und passender Diät. Erfolgt Eiterung,
so tritt natürlich die bekannte Succession des mundificare, incarnare und
consolidare in ihre Rechte. Als besonders gefährlich gelten Nervenver-
letzungen (Kap. 24). — Das 3. Buch handelt von der sogen. „Algebra"
d. i. Reposition bei Frakturen und Dislokationen. Zur Reposition von
Rippenfragmenten empfiehlt S. in geeigneten Fällen, wenn andere Wege
nicht zum Ziele führen, den Patienten stark husten zu lassen und auf der
Bruchstelle einen Schröpfkopf zu applizieren. Im übrigen ist auch hier
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 46
722 Julius Pagel.
Diagnose und Therapie mustergültig klar und rationell. — Im 4. Buch
folgt in 5 Kapiteln eine kurze, in der Form durchaus selbständige und
eigenartige Darstellung der Anatomie. Es handelt sich hier, wie auch von
Töply richtig hervorhebt, um eine chirurgische Regionen- oder topographische
Anatomie. Hauptsächlich werden dabei die Aderlassvenen, die Incisions-
richtungen, in Kapitel 2 die verschiedenen Formen der Luxationen, in
Kapitel 4 die Hernien berücksichtigt. Endlich bringt Buch 5 in 10 Kapiteln
die Darstellung der Kauterien (Kap. 1 und 2) und die in der praktischen
Chirurgie gebräuchlichen Arzneimittel.
Das Lehrbuch der Chirurgie von Saliceto imponiert durch die
überall hervortretende Selbständigkeit und sichert dem Autor die
historische Bedeutung, welche ihm bereits seit den Tagen des Guy
von Chauliac zuerkannt ist. Saliceto ist der letzte der Hauptrepräsen-
tanten der italienischen Chirurgie des 12. — 14. Jahrhunderts; einige
italienische Chirurgen des 15. Jahrhunderts werden später noch be-
sondere Erwähnung finden müssen.
Die Chirurgie in Franl(reich vom 13.-15. Jahrhundert.
Vgl. •hauptsächlich E. Xicaise, La grande Chirurgie de Guy de Chauliac
{Paris 1890); Derselbe, Chirurgie de Maitre Henri de Mondeville {Paris 1893);
Derselbe , Chir. de Pierre Franco {ibid. 1895) in der Introduction ; E. Giirltf
Gesch. d. Chir. {Berlin 1898) Bd. IL
Auch in Frankreich war die Chirurgie mittlerweile zu einem ge-
wissen Blütezustand gelangt. Ein wesentliches Verdienst daran trägt die
um die Mitte des 13. Jahrhunderts erfolgte Gründung des berühmten
College de St. Cöme, mit dem die Anfänge der französischen
wissenschaftlichen Chirurgie aufs innigste verflochten sind. Die
Existenz dieses Instituts, das lange Zeit in Europa die einzige chirur-
gische Spezialunterrichtsanstalt bildete, liefert das beste Zeugnis für
den hohen Aufschwung, den die Wundheilkunde in Frankreich schon
vom 12. Jahrhundert ab genommen hatte. Offenbar handelte es sich
zunächst bei dem College de St. Come um eine Nachahmung ähnlicher
Einrichtungen, wie sie bei den Vertretern der Gewerke und Zünfte
bestand. Auch die Pariser Wundärzte beabsichtigten mit der Ein-
richtung des College ein Centrum zur Wahrung ihrer geistigen und
materiellen Interessen zu schaffen. Es beweist diese Thatsache zu-
gleich, dass in jener Zeit bereits gebildete Chirurgen in Paris in re-
spektabler Anzahl vertreten gewesen sind. Diese hatten einen Ver-
teidigungskampf mit 2 Fronten zu führen: auf der einen Seite gegen
die numerisch überlegenere Genossenschaft der Bader und Barbiere,
also Mitglieder des niederen Heilkünstlerstandes, auf der anderen Seite
gegen die Prätensionen und unberechtigte Bevormundungssuclit der
medici physici, der eigentlichen unter dem Schutz der Fakultät privi-
legierten und von Gelehrten dunkel aufgeblasenen Mediker, die ihre
Praxis nur disputando, allenfalls durch Urinschau und Pulsbetasten
ausübten, aber jedes praktische, manuelle Eingreifen am Krankenbette
als direkt standesunwürdig perhorreszierten. Dazu waren eben die
Chirurgen da, die dann freilich nicht selten ihre Kompetenzen über-
schritten und auch innerliche Kuren vornahmen, was dann zu allerlei
Konflikten führte. — Es ist hier nicht der Ort zu einer ausführlichen
Erörterung der höchst interessanten Geschichte des unter dem Patronat
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 723
der Heiligen Cosmas und Damian florierenden Kolleg-iums. Dieselbe
ist überdies noch vielfach in Dunkel gehüllt. Sicher jedoch ist, dass
das Kollegium seine eigentliche Bedeutung als ünterrichtsanstalt erst
im 14. Jahrhundert unter der Protektion von Männern, wie dem
(schriftstellerisch nicht hervorgetretenen) Leibwundarzt dreier Könige
(Ludwigs des Heiligen, Philipps des Kühnen und Philipps des Schönen)
Jean Pitard (1230—1317) und seines später noch genauer zu wür-
digenden Nachfolgers Heinrich von Mondeville gewann, und
dass es unter wechselreichen Schicksalen und allerlei Streitigkeiten
seine Existenz noch bis zu Anfang des 18. Jahrhunderts (1715) fort-
führte, um dann mit der Academie de Chirurgie zu verschmelzen. Es
ist nicht unwahrscheinlich, dass noch ein anderes Moment zur Bildung
des Schutz- und Trutzkollegiums Anlass gegeben hatte, und zwar ein
wirtschaftliches, das sich nur vom Standpunkte der intolerantesten Ex-
klusivität rechtfertigen lässt. Man wollte sich nämlich gegen den
massenhaften Andrang ausländischer Elemente schützen, wie er damals
besonders aus Italien infolge politischer Ereignisse hervortrat.
Zu denen, die politische Konflikte zur Auswanderung aus ihrem
Vaterland Italien nach Frankreich getrieben und die hier ein Asyl
gesucht und gefunden hatten, gehört auch der einzige noch nennens-
werte italienische Chirurg des 13. Jahrhunderts. Lanfranchi aus
Mailand, einer der bedeutendsten Schüler von Wihelm von Saliceto.
Lanfranchi gehört mit seinem späteren Leben und Wirken Frankreich
an, wo der Expatriierte anfangs in Lyon und später in der Hauptstadt
selbst nicht bloss einen Zufluchtsort, sondern auch den eigentlichen
Schwerpunkt seiner Lehr- und schriftstellerischen Thätikeit, sowie den
Schauplatz vieler praktischen Erfolge fand. Lanfranchi gebührt das
Verdienst, die in den Schulen seiner Heimat erworbenen Kenntnisse
und Erfahrungen auf französischen Boden übertragen zu haben. Da-
mit kommt ihm auch ein wesentlicher Anteil a» der Förderung und
gedeihlichen Entwicklung der Chirurgie in Frankreich zu. Reichlich
hat er seiner neuen Heimat die hier erlangte Wohlthat einer Frei-
stätte wieder vergolten. — Hat doch nachweislich der älteste
autochthone französische Schriftsteller der Chirurgie, der schon er-
wähnte Mondeville, einem Teil seines Hauptwerkes die Anschauungen
Lanfranchis zu Grunde gelegt und eine Art vonVermittelung zwischen
diesen und denjenigen des Theoderich angestrebt. — Wie sehr
Lanfranchi schliesslich mit Paris verwachsen ist und wie wohl er sieh
gerade hier von seinem Standpunkte als Vertreter der wissenschaft-
lichen Operationskunst befunden hat. beweist der Enthusiasmus, mit
dem er seinen neuen Aufenthaltsort preist (in der 1295 geschriebenen
Einleitung zu seinem Hauptwerk, vgl. weiter unten).
„Summus ille pater omnij)otens me Parisius in terrnm jMcis
et studii licet coactum sua sapientia transplantnvit. 0 Parisius propter sedem
regle majestatis, propter excellentiam spei, propter bonorum abundantiam, propter
physicoruni intelligentiam paradisus te.rrenaUs est nuncupata. 0 regalis civitas
Parisius civitatis Parisius sine pari, Parisius per partes Justins Kam
in te quisquc utitur jure suo^^ etc. etc.
So sehr dieser Hymnus, den Lanfranchi hier förmlich dem Paris
seiner Zeit singt, nach captatio benevolentriae schmeckt (man merkt die
Absicht), so geht doch aus diesem Ausdruck der Begeisterung soviel
hervor, dass Lanfranchi hier einen Aufenthalt gefunden hat, der seinen
Neigungen und Fähigkeiten durchaus entsprach.
46*
724 Julius Pagel.
Heber die Lebensverhältnisse Lanfranchis, vor allem über die Veran-
lassung zur Auswanderung aus Italien nach Frankreich und seine weiteren
Schicksale sind wir durch dessen eigene Mitteilungen in dem „Explicit"
seiner Chirurgia major relativ gut unterrichtet. Bevor Lanfranchi, der aus
einer vornehmen mailändischen Familie stammte, nach Paris kam, hatte er
in seiner Vaterstadt studiert und dort ebensowohl innere, wie chirurgische
Praxis betrieben. Ein nicht näher begründeter Konflikt mit „Mattheus
Vicecomes" (Matteo Visconti) zwang ihn, Mailand zu verlassen. Die Art
der politischen Massregelung (wie sie in dem Explicit geschildert wird)
beweist jedenfalls die ansehnliche Stellung, zu der es Lanfranchi in seiner
Vaterstadt gebracht hatte. Zunächst wandte sich L. nach Lyon, wo er die
chirurgia parva begann und durch Praxis, sowie Familienangelegenheiten
seinen Aufenthalt über die ursprüngliche Absicht hinaus verlängern musste.
Endlich konnte er seine innige Sehnsucht nach Paris befriedigen, wo er
1295 anlangte und auf Anregung von mehreren Freunden, Kollegen und
Schülern (u. a. auch des Jean de Passavant) seine grosse Chirurgie be-
gann, die er schon 1296 beendigte. Nach eigenen Mitteilungen (in dem
genannten Opus) hat Lanfranchi in Paris eine ebenso umfassende, als er-
folgreiche Lehr-, praktische und schriftstellerische Thätigkeit entwickelt und
damit auf die Entwicklung der Chirurgie in Frankreich einen grossen Ein-
fluss gewonnen. Den anfänglichen niederen Zustand derselben charakterisiert
und beklagt er selbst (in Tr. III Doctr. III cap. 16 über den Aderlass).
Unbedingt hat L. auch Beziehungen zum College de St. Come ge-
wonnen und durch seine Unterrichtsthätigkeit an demselben zu dessen Blüte
beigetragen. Das Todesjahr von L. ist unbekannt; wahrscheinlich fällt es
in die Zeit vor 1306. — Einer seiner Söhne, mag. Bonetus, war ebenfalls
Chirurg (in Montpellier) und wird von Guy de Chauliac erwähnt. Ihm
hat auch der Vater neben seinem Protektor König Philipp dem Schönen
seine chirurgia magna dediziert. — Seine beiden Hauptwerke sind die aus
16 Kapiteln (in 5 Folioblättern) bestehende Chirurgia parva, ein kurzer
Abriss und zugleich eine Art allgemeiner Chirurgie als Vorstufe zu dem
grösseren Werk, das er ausdrücklich ankündigt und auf das er mehrfach
im voraus verweist (z. B, in Kap. 15 von den Augenkrankheiten und
Kap. 16 von den Antidoten). Gewidmet ist diese Chirurgie seinem Freunde
„Bernardus". Sollte damit vielleicht Bernhard von Gordon gemeint sein?
Die Chir. parva enthält nur das allernotwendigste und unentbehrliche
Wissensmaterial für die chirurgische Praxis und zugleich als elementare
Grundlage für weitere Fortbildung. Trotzdem bringt sie eine Fülle des
Interessanten. Bemerkenswert ist u. a. das Diktum in Kapitel 14:
„Nam oninis scientia que dependet ab operatione multum corrohoratur per
experientiam."
Eigentliche Neuerungen finden sich hier allerdings nicht. Selbstver-
ständlich bewegt sich Lanfranchi wie alle seine Kollegen mit den allgemein
pathologischen Ausführungen ganz im humoralen Geleise , was besonders
bei der Methode der Abscessbehandlung hervortritt. Hier wird zunächst
die ,,ßepercussion" d. h. Zurücktreibung bezw. Verteilung der Materie
angestrebt, die in den bekannten 9 Fällen kontraindiziert ist :
„in puero, in sene, convalesccnte, materia multa, furiosa, in emunctoriis, in gula
subassellae et inguine, si apostema fit per viam derivationis et membrum mandans
nobilius est recipiente".
Im übrigen wird im letzten Kapitel die ganze Serie der Abscessmittel
vorgeführt: vor der Repercussion die Evacuantia, dann die simpliciter
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 725
repercussiva und composita repercussiva, und wenn die Repercussion nicht
gelang oder nicht angängig war, folgten in üblicher Succession die matura-
tiva, behufs Eröffnung des Abscesses die ulcerantia und cauterizantia, dann
die mundificativa , aggregativa . conglutinativa , regenerativa , incarnativa,
consolidativa, cicatrizativa, sigillativa. — Bei der Definition des Begriffs
ulcus (Kap. 12) und fistula polemisiert Lanfranchi gegen Roger und Roland;
doch läuft das auf leere Wortklauberei hinaus. In Kapitel 11 schildert er
die Wunderwirkung des Theriaks gegen Anthrax. Soviel von der Chirurgia
parva. —
Weit Inhalt- und ergebnisreicher ist entsprechend dem grösseren
Umfange die Chirurgia magna, das eigentliche Hauptwerk
Lanfranchis. Sie zerfällt in 5 Traktate, die einzelnen Traktate in
verschiedene Doktrinen und Kapitel. Zunächst liefert der Verfasser
eine sehr ausführliche Deontologie, bei der der Einfluss seines Lehrers
Saliceto nach Form und Inhalt unverkennbar ist. Beiläufig bemerkt,
ist dieser Abschnitt der einzige, mit dem sich L. an seinen Lehrer
anlehnt; er ist sonst in seiner Darstellung durchaus selbständig, er
belegt und belebt diese überall mit einer ebenso interessanten als
reichhaltigen Kasuistik aus seiner ehemaligen mailändischen Praxis,
meist solche Fälle betreffend, die durch Laien oder niedere Chirurgen
verpfuscht und durch sein P^ingreifen gebessert worden waren. Inter-
essant ist die in scholastischer Manier gehaltene Beweisführung:
Omnis practicus est theoricns, omnis cyrurgicus est practicus, ergo omni»
cyrurgicus est theoricus. Major probatnr . . . minor prohatur . . . patet ergo etc.
Verknüpft ist diese Deontologie mit ausgedehnten allgemein bio-
logischen Betrachtungen über die Elemente, Qualitäten, Komplexionen etc.
Doctr. II Tr. 1 enthält in einem Kapitel eine allgemeine Anatomie;
die spezielle wird bei den einzelnen Kapiteln der Organpathologie er-
örtert. Tr. I doctr. III beschäftigt sich mit den Wunden und Ge-
schwüren. Hier ist aus Kap. 3 besonders bemerkenswert die Em-
pfehlung der direkten Nervennaht (im Gegensatz zu Theoderich),
die Betonung des Einflusses, welchen die Luft auf die Eiterbildung in
Wunden ausübt, die Methoden der Blutstillung (Kap. 9), speziell die
Digitalkompression und Torsion der Gefässe. Die Schilderung der
Wundbehandlung, Naht, Blutstillung etc. ist ebenso sorgfältig wie ein-
gehend. Je nach den Modifikationen der Diätetik und der sogenannten
„Wundtränke" unterscheidet er, wie alle seine Genossen, verschiedene
Schulen und Sekten. Offenbar erging es damit den Chirurgen bezüg-
lich der accidentellen Wundkrankheiten m. m. ähnlich wie den Aerzten
in der vor- Semmel weisschen Periode mit dem Puerperalfieber. In
ihrer Unkenntnis der wahren Natur dieser Affektioneii suchten sie
peinlich die Diät zu regulieren und zu modifizieren, weil sie damit
eine der Ursachen der Krankheit zu treffen bezw. zu beseitigen
hofften. Die Ulcera teilt Lanfranchi ein in virulenta, sordida, profunda,
corrosiva, putrida, ambulativa und difficilis consolidationis. — Mit
Traktat II beginnt die spezielle Organpathologie, bei jedem Kapitel
von einer kürzeren chirurgischen Anatomie eingeleitet. In Kapitel 1
werden die diagnostischen Hilfsmittel bei einer unkomplizierten
Schädelfraktur erörtert, der rauhe klirrende Ton beim Perkutieren
der Schädeldecke mit einem Stäbchen, die Schmerzempfindung des
Patienten, wenn an einem von diesem mit den Zähnen gehaltenen
726 Julius Pagel.
Faden mit den Nägeln geschabt wird. — Sehr treifend und vollständig
werden die Hirnsyniptome bei Schädelbruch abgehandelt. (Die Dar-
stellung leitet er mit einem Gebet an den heiligen Geist ein, dieser
möchte ihm bei der ungeheuren Differenz der Lehrmeinungen und der
Schwierigkeit des Gebiets ein zuverlässiger Führer sein.) Die
Trepanation ist nach Lanfranchi nur bei Depression eines Fragments
und bei Reizung der Dura erforderlich. Sie bildet einen gefährlichen
Eingriff, zu dem man ohne Not nicht übergehen soll. Er berichtet,
dass sein Kollege Anselm von Janua bei jeder möglichen Gelegenheit
trepaniere und damit viel Geld zusammenscharre. Lanfranchi setzt
hinzu: Ego tarnen scio quod plures per hanc viam in ejus manibus
moriuntur. Die Erzählung von Wiederanheilung eines abgeschnittenen
oder abgehauenen Nasenstücks erklärt er als Lüge (,.quod est maximum
mendacium"). Bei schweren Verletzungen der grossen Bauchorgane
(Kap. 8) rät er die Uebernahme der Behandlung nur einem bekannten
und wohlrenommierten Chirurgen ; ein aus der Fremde zugereister und
im Ruf nicht gesicherter Wundarzt solle seine Hand davon lassen. —
Traktat III ist in Doctr. I den Hautkrankheiten gewidmet. Bei der
Definition der Impetigo, morphea, serpigo und albarras erwähnt er die
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Salernitanern einer- und den
Griechen bezw. Arabern andererseits. — Der Lepra ist Kapitel 7 ge-
widmet; jedoch übei'geht er die eigentliche Behandlung als nicht
unter di6 Aufgaben des Chirurgen fallend. — Doctr. II handelt von
der Abcesslehre. Bei der Kur des Anthrax kommt er wieder auf den
in der Chir. parva empfohlenen Bericht zurück; auch die Wirkung
der scabiosa weiss er nicht genug zu rühmen. — Wie sehr Lanfranchi
von der Notwendigkeit überzeugt ist, im didaktischen Interesse wirk-
lich erlebte Fälle aus der Praxis einzuflechten, beweist der Passus:
„El qnoniam bona rasiium narratio viultnm corrohorat operantem, ponam in
hoc loco quod viihi accldit in civitate Mediolnni etc. "
Ein gut gewähltes Beispiel ersetzt also auch nach Lanfranchi
lange dogmatische Belehrung. — Sehr ausführlich ist die Abhandlung
von den Gelenkschmerzen (Kap. 17), die in Anlehnung an einen „Über
sacer (?) Rasis" erfolgt; er rechtfertigt seine Ausführlichkeit mit der
Thatsache, dass oft gerade hierbei die Hilfe des Chirurgen be-
ansprucht Averde; nicht selten hätten sich dabei sonst gute und
bewährte Aerzte als Ignoranten erwiesen. — In Doctr. III folgen die
Affektionen der Augen, Ohren, des Mundes, der Nase, Zahnkrank-
heiten, Krankheiten der Brustdrüse, Bauchfellverletzungen, Hernien,
wobei er vor der Radikaloperation warnt, die oft ohne jeden
zwingenden Grund nur schnöden Geldgewinnes halber unternommen
werde :
„0 miser niedicc qui pro pecunia p>onis corpus humaniim in mortis periculo . . .
Tu vcro pro misera ijecnnia ponis creatumin mortis articulo qui cum sua crepatura
posset vivus vsqrie ad ultimum sue etatis terminum conservari.'^
Man könne sich mit Bruchbändern sehr gut behelfen. Die
Lithiasis (Kap. 8) ist nicht übel beschrieben; freilich tritt hier die
scholastische Darstellung wie überall da in den Vordergrund, wo die
Grenzgebiete der inneren Medizin gestreift werden. Quaestiones,
dubitationes und deren solutiones spielen hier wieder eine gewisse
Rolle. Beim Nierenstein legt er den Hauptwert auf die Prophylaxe;
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 727
gegen ßlasenstein versucht er es zunächst mit innerlichen Mitteln,
bevor er zur Extraktion schreitet. Doch verhält er sich gegenüber
dem Steinschnitt möglichst vorsichtig und verteidigt sich gegen den
Vorwurf der Operationsscheu bezw. der Ungeschicklichkeit, indem er
mit einer gewissen Emphase ausruft:
0 quotiens qnidmn volentes nie mordere dente canino de me tales curas di-
miffente dixerunt quod ego curas illas dimittebem, quia curationis magisterium
ignoraham. Hoc idem dicebant de ruptorum incisione et ydropicorum, quorum
cur am . . . propter pericula dimittebam.
Also nur, um den Patienten nicht leichtsinnig zu gefährden,
meidet er die Operation ebenso wie die Paracentese des Abdomen bei
Hydrops, von dem er (Kap. 10) die bekannten Formen der „hyposarcha".
„asclites" und „tympania" unterscheidet. Der Schluss der Doctr. Ilt
bezw. des ganzen Traktats III handelt vom Aderlass, Schröpfköpfen,
Blutegeln, von den Kauterien (sehr ausführlich nebst zahlreichen Ab-
bildungen) und von Verbrennungen. Trakt. IV behandelt in 2 Dok-
trinen mit je 7 und 5 Kapiteln die Frakturen und Luxationen,
Traktat V enthält als „Antidotarium" die übliche chirurgisch-pharma-
kologische Zusammenstellung.
Lantranchi gehört zweifellos zu den Grössen der mittelalterlichen
Ohirui gie. Er muss als der eigentliche Begründer der französischen
Chirurgie augesehen werden, da Monde\ille und Guy de Chauliac
später wirkten und direkt oder indirekt bei ihm in die Schule ge-
gangen sind. Begeistert für die Würde und Bedeutung seiner Kunst
erstrebte er für diese eine streng wissenschaftliche Basis und trat mit
Energie für die Vereinigung der Chirurgie mit der inneren Medizin
ein. Er war ein tüchtiger und glücklicher Praktiker, auf eigenen
Füssen stehend, nüchtern denkend und beobachtend, im Operieren mehi-
vorsichtig als kühn, ehrlich, aller Polypragmasie abhold und nicht
direkt messerlustig, dabei als Mensch eine durch Religiosität, lautere
Gesinnung und politisches Martyrium imponierende Persönlichkeit. —
(Eine monographische Würdigung von Lanfranchi ist ein dringendes
litterarisches Bedürfnis.)
Die von ihm gestreute Saat hat reiche Früchte getragen. Die
nachfolgenden bedeutenden französischen Chirurgen wandeln zum
grossen Teil in seinen Spuren, der beste Beweis für die nachhaltigen
Folgen seiner Wirksamkeit als Lehrer. — Chronologisch am nächsten
steht ihm
Heinrich von Mondeville
der erste namhafte autochthone, französische, d. h. auf französischem
Boden entsprossene Chirurg. In der ganzen grossen Chirurgengruppe
des 12. — 14. Jahrhunderts ist Mondeville vor allem der Scholastiker,
der echte Gelehrte unter den Wundärzten, „nutritus iuter philosophos" ;
wie ihn Guy de Chauliac nennt. Sein schriftstellerisches Gewissen,
fühlt sich nicht eher befriedigt, als bis er seinen „per notabilia",
d. h. nach dem Muster der hipppokratischen Aphorismen in einzelnen
Lehrsätzen abgefassten „nudus tractatus'' noch mit allerlei gelehrten,
an Citaten und Belegstellen reichen „declarationes" („interlineares
und praeambulae"', einleitenden und zwischen den Zeilen eingefügten),
sowie den üblichen appendiciären „declarationes obscurorum et obscura
tangentium" ausgestattet hat. Autoritäten glauben ist ihm ganz im
Geiste seiner Zeit nicht nur nicht auffallend, sondern im Gegenteil
728 Julius Pagcl.
conditio sine qua non, von der sich zu emanzipieren ihm gewiss einem
schweren Verbrechen gleich gedünkt hätte. Ausdrücklich adoptiert er
die Sentenz des Galen: die Epigonen gleichen Zwergen, die auf den
riesenhaften Schultern der Vorgänger stehen. In der Einleitung zu
seinem, leider unvollendeten Lehrbuch erklärt er, dass er Avicenna
für die Anatomie, Theoderich (den er übrigens 113 mal citiert) für die
Wundbehandlung Lanfranchi, (der 17 mal erwähnt wird) für den Ab-
schnitt über Geschwüre und die übrigen Teile der chirurgischen
Pathologie und Therapie als die besten Muster zu Grunde legen
wolle („nitebatur de Theoderico et Lanfranco facere matrimonium" :
Guy de Chauliac). Aber, fügt Mondeville hinzu,
j,quoniam in humanis operibus nihil fit omnino j^erfectum immo successores juniores
quandoque predecessorum suorum majorum editiones cxcellentissimas meliorant et
corrigunt et decorant supperaddendo ea etc.
darum könne und wolle auch er aus eigener Erfahrung und
Beobachtung manches in seinem Buche obenauf geben. Die Art, wie
das geschieht, zeigt Mondeville als ebenso bescheidenen wie eigener
Wege fähigen Autor. Die Entschiedenheit, mit der er einer ganzen
Clique beschränkter reaktionärer Genossen in der Frage der eiterungs-
losen Wundbehandlung opponiert, die Energie, mit der er in Ver-
fechtung seiner Ansichten weit über den Vater dieser Methode, seinen
Lehrer Theoderich, hinausgeht, beweist, dass Mondeville ein vorurteils-
los denkender Kopf ist, der mit praktischer Routine die Fähigkeit
nüchterner Beobachtung verbindet. Gerade hierin, indem abweichenden
Standpunkt, betreffend die Wundbehandlung, liegt seine historische
Bedeutung. Hatte ferner Lanfranchi die Erzählung von wieder an-
geheilten Nasenspitzen für eine Lüge erklärt, so teilt demgegenüber
Mondeville eine Krankengeschichte aus der Praxis seines Senior-
kollegen Pitard mit, die dennoch die von Lanfranchi geleugnete
Möglichkeit beweist. Sicher ist sein Werk eine Kompilation im
besseren Sinne, namentlich in den rein theoretischen Teilen, welche
die humoralpathologischen Lehren betreffen, Aetiologie, Einteilung,
Diagnose, Behandlung der Abscesse, Lepra, Hautaffektionen, das
Kapitel von der sogen, decoratio etc. Aber überall leuchtet das
Streben nach einer gewissen Selbständigkeit durch. Das beweist die
Ausführlichkeit, namentlich des deontologisch-methodologischen Teils,
die Erläuterung der sogen. „Contingentia", d. h. der zur erfolgreichen
wundärztlichen Thätigkeit erforderlichen Voraussetzungen bezüglich
der Person des Wundarztes, des Kranken und seines Milieus, die
ebenso klare als gründliche Schilderung des „modus novus noster" der
Wundbehandlung und ihrer Vorzüge gegenüber den älteren Methoden^
die Ausstattung des pharmakologischen Anhangs, des sogen. Antidotarium,
mit einem sehr gelehrten Kapitel über die Synonyma und die Ersatz-
mittel etc., so dass das Werk trotz des fragmentarischen Charakters
und des Mangels der speziell chirurgischen Pathologie dennoch in der
mittelalterlich chirurgischen Litteratur einen achtunggebietenden Rang
beansprucht.
Heinrich von Mondeville (Henricus de Amondavilla, Mondavilla, Hermon-
davilla) stammt wahrscheinlich aus einem Oertchen in der Normandie ; doch
giebt es ia Frankreich noch mehrere Ortschaften Namens Mondeville, so dass
also die Heimat nicht ganz sicher ist. Für die Normandie spricht, dass
Mondeville öfter normannische Vulgärausdrücke anführt. (Uebrigens ist
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 729
unser Autor nicht mit dem bekannten Reisenden Jean de Mandeville, dem
Autor einer Reisebeschreibung zu verwechseln, die nach neueren Forschungen
ein Plagiat einer von Jean ä la Barbe oder Joh. de Burgundia herrührenden
Schrift ist; vgl. Steinschneider, Hebr. Uebers. und die daselbst angegebenen
Quellen.) Die Geburtszeit von Mondeville lässt sich nur vermutungsweise
bestimmen; sie fällt wahrscheinlich in das 6. 7. Decennium des 13. Jahr-
hunderts. Wann und wo er studiert hat, ist gleichfalls unbekannt. Vielleicht
liegt die Annahme nicht zu fern, dass Mondeville in Bologna, dem Haupt-
sitz der Scholastik, seine Studien gemacht hat oder auch an einer anderen
italienischen Universität. Dass er vorübergehend (vielleicht bei der Rück-
kehr aus Italien in seine Heimat) 1304 in Montpellier ,,ad instantiam (auf
Drängen) quoiundam venerabilium scolarium medicine" Anatomie demon-
striert hat, ist über allen Zweifel erhaben. Vielleicht hat er hier auf eine
Berufung gehofft. Da er jedoch in den bezüglichen Dokumenten bereits
als ,,illustri8simus regis Francorum cyrurgicus" (nämlich Philipps des
Schönen 1285—1314) figuriert, so liegt auch die Möglichkeit vor, dass
Mondeville auf einer Exkursion von Paris nach Montpellier (vielleicht im
Gefolge des Königs) sich hier einige Zeit aufgehalten hat. 1306 begann
er in Paris seine auf 5 Traktate berechnete ,,Cyrurgia" niederzuschreiben,
nachdem er dieselbe öffentlich gelehrt hatte. Doch ist er zunächst über
die ersten beiden Traktate (Anatomie, Wunden und Geschwüre) nicht hinaus-
gekommen, die er 1312 vollendet hatte. Seine Teilnahme an einem Feld-
zuge an der nördlichen Küste und umfangreiche praktische Geschäfte
zwangen zur Unterbrechung der Arbeit. Bei der späteren Wiederaufnahme
erfolgte zunächst die Revision und Erweiterung von Tr. II speziell im
einleitenden Teil. Von einer chronischen Lungeukrankheit (,,asma, ptisis'*)
in seiner besten Kraft gelähmt, musste Mondeville nach Beendigung von
Tr. III (Dermatologie, Abscesslehre) schleunigst auf Wunsch seiner Freunde
zum Antidotarius übergehen und dann die Feder niederlegen ; die spezielle
Pathologie, zu der er Einleitung und Einteilung bereits entworfen bezw. nieder-
geschrieben hatte, sowie das Kapitel über Luxationen und Frakturen sind
nicht zu Stande gekommen.
Vgl. Pagelf Die Anatomie des Heinrich von Mondeville {Berlin 1889); Der-
selbe, Leben, Lehre und Leistungen des Heinrich von Mondeville Tl. I. Die
Chirurgie des H. v. M. nach Berliner, Erfurter u. Pariser Codices etc. [Berlin 1892);
französ. Ausgabe von E. Nicaise (Paris 1893); Derselbe, Noch einmal die Chir.
des H. V. M. (v. Langenbecks Archiv XLIV, 1); Derselbe, Wundbehandlung im
Alter thum u. Mittelalter (D. Med. Ztg. 1891 Xr. 101); Derselbe, Die chir. Hodegetik
u. Propädeutik des H. v. M. {ib. 1892); Derselbe, Die erste bekannte Empfehlung
des Magnets in der Chir. {Allg. Med. C.-Ztg. 1897 Xr. 101; Xachtrag ib. 1898 Xr. 1).
Dazu eine grosse Beihc Berliner Dissertationen seit dem Jahre 189-5, toelche die
deutsche Uebersetzung der Chirurgie nebst einleitenden Bemerkungen und Er-
klärungen bringen; A.. Dos, La Chirurgie de maitre Henri de M. Traduction
contcmporaine de Vauteur imbliee d'apres le ms. unique de la bibliotheque nationale.
T. I u. II, Paris 1898.
Bei aller Kompilation verleu^et die Schrift Mondevilles auf
keiner Seite Spuren der Originalität des Verfassers. Die Schreibweise
ist lebendig, klar, oft packend. Viele eigene Ansichten und Erleb-
nisse sind eingeflochten und trotz des grossen gelehrten Citaten-
apparats ist die Uebersichtlichkeit über die eigentliche Quintessenz,
den dogmatischen Inhalt der Lehren, kaum beeinträchtigt. ^Eehrere
Codices machen die Lehrsätze durch grosse gothische Lettern von den
kleiner geschriebenen bezw. am Rande notierten erklärenden Zusätzen
kenntlich. — Dass Mondeville die seit den Indern nicht mehr er-
730 Julius Pagel.
wähnte Geschossextraktion mittels des Magneten gekannt hat, scheint
nach einigen Stellen nicht zweifelhaft. Neu ist bei ihm eine Modi-
fikation für Nadel- und Fadenhalter, einige Salbenkompositionen, eine
Hebelvorriclitung zur Extraktion von Pfeilen mit Widerhaken etc.
Mit der bisherigen Schablone in der Diätbeschränkung der Verwun-
deten bricht er definitiv, und wenn er auch bei Verabreichung der
„Pigmenta" (Wundtränke) als gläubiger Arzt seine gläubigen Patienten
die bekannten Psalmenverse sprechen lässt, so ist er dennoch von
allem Aberglauben, von blindem Vertrauen auf die „Incantationes"
und „Conjurationes", auf die „carmina Damietae" absolut frei. — Eine
solche Operationsscheu, wie sie Lanfranchi bezüglich der Trepanation
hegt, kennt Mondeville nicht; aber auch er unterschätzt die Bedeutung
und Vorteile des expektativen Verhaltens bei Schädelverletzungen so
wenig wie bei anderen Wunden, bei denen das „non tentare, non
probare" seine summa lex ist. Was er über den Wert der Wall-
fahrten und Wunderkuren sagt, ist heute noch wahr und beherzigens-
wert. Am hervorragendsten ist seine wundärztliche Politik. Hier
rangiert er schriftstellerisch und didaktisch an der Spitze aller seiner
Vorgänger und Nachfolger.
Die Leistungen Mondevilles erstrahlen in noch hellerem Glänze
bei der Erwägung, dass
Guy de Chauliac,
der von der Geschichte als hervorragendster anerkannte Chirurg dieser
Epoche, zum nicht geringen Teile auf den Schultern Mondevilles ruht.
Er ist zwar durchaus weder sein unmittelbarer noch mittelbarer
Schüler, aber die 86 Citate aus mag. Henricus beweisen, dass und wie
sehr Guy von diesem gelernt hat. Allerdings sind einige Chirurgen
noch öfter genannt (Abulkasim 175, Lanfranchi 102, Eoger ,92mal),
aber ihre Lehren werden vielfach eher bekämpft als gebilligt, und
bezüglich des Henricus ist zu bedenken, dass sein Werk nur ein
Fragment geblieben ist, die Citate also nach Verhältnis ergiebiger
ausgefallen wären, falls nicht Mondeville 'die Beendigung seiner Schrift
von einem ungünstigen Schicksal versagt geblieben wäre.
Die Kenntnis der Lebensgeschichte Guys, die sich bisher nur auf
autobiographische Daten an verschiedenen Stellen seines grossen Werks
stützte, ist durch wertvolle, von seinem letzten Herausgeber, dem 1896 ver-
storbenen Pariser Chirurgen Ed. Nicaise , eruierte Dokumente nicht un-
wesentlich ergänzt und bereichert worden. Danach stammte Guy de
Chauliac (Guigo de Chaulhaco) aus dem kleinen in le Gevaudau auf der
Hochebene des Mont Morgerine unweit von Mende, der Hauptstadt einer
gleichnamigen Diözese, an der Grenze der Auvergne belegenen Dorf Chaulhac.
Das Geburtsjahr ist nicht bekannt, liegt aber sicher nicht weit jenseits des
letzten Jahrzehnts des 13. Jahrhunderts; denn 1325 führt G, der seine
Studien erst relativ spät beginnen konnte, den Titel eines Magister; auch
erklärt er ausdrücklich in dem bekannten historischen Einleitungskapitel
(„capitulum singulare") seines Hauptwerks, dass er dasselbe „ad solatium
senectutis" niederschreibe, und das war 1363. Die Angabe einiger Historiker
(u. a. auch Haesers), dass Guy die Kathedralschule in Mende besucht
habe, kann deshalb nicht richtig sein, weil diese Schule erst zu Ende des
14. Jahrhunderts vom Papst TJrban V. gegründet wurde. Wahrscheinlich
erhielt er jedoch hier seinen ersten Unterricht bei einem Geistlichen und
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 731
wurde nach damaliger Sitte schon frühzeitig zum ,, Kleriker" d. h. für die
höhere Laufbahn bestimmt. Die eigentliche Fachausbildung erhielt er in
Toulouse und Montpellier. Mehrmals spricht er von einem ,,magister mens
ptolosanus" (Nicolaus Cathalanus) und ,.mag. mens Montispessulani". Es
ist anzunehmen, dass Guy zunächst bei einem Chirurgen in Toulouse in
die Lehre getreten ist und später sich nach Montpellier gewandt hat, wo
er mehrere Lehrer besessen haben muss. Er nennt als solche „Raymundus"
(der um 1334 Kanzler der Universität war), siecher der bereits p. 687 als
Verf. einer bisher unedierten Schrift ..de sterilitate" erwähnte ßaym. de
Moleriis (de Molieres) ferner ,,Bonetus, filitis Lanfranci". Fest steht weiter,
dass Guy von Montpellier nach Bologna gegangen ist und hier beim Nach-
folger des Mundino, dem schon (p. 671) erwähnten Bartuccius anatomischen
Unterricht erhalten hat (er schildert genau die Handhabung desselben,
speziell die bekannte Reihenfolge bei einer Sektion). Vielleicht hat Guy
hier auch noch bei einem von ihm citierten mag. Albertus gehört. Dieser,
u. a. auch von Boccaccio erwähnte Arzt, las und kommentierte die Aphorismen
des Hippokrates. Auf einen Aufenthalt Guys in Paris lässt vielleicht die That-
sache schliessen, dass er des dortigen Chirurgen Petrus de Argenteria gedenkt.
"Wo er seine Approbation als ,,cyrurgicu8", ,,magister in medicina'' erlaugt hat,
ob hier in Paris oder vielleicht schon vorher in Montpellier, ist ungewiss.
Ebensowenig ist Näheres über den demnächstigen Niederlassungsort bezw. den
Schauplatz seiner ersten ärztlichen Wirksamkeit bekannt. Er selbst sagt:
,,et per multa tempora operatus fui in multis partibus''. — Ein längerer
Aufenthalt in Lyon wird von Guy selbst erwähnt. Aus einem von Nicaise
ans Licht gezogenen Dokument ergiebt sich, dass er 1344 als Kanonikus
an einem Capitel in St. Just bei Lyon teilnahm. Zur Zeit des Ausbruchs
des schwarzen Todes (1348) war G., gleichfalls nach eigener Mitteilung
(cfr. Tr. II Doctr. II cap. 5 de apostematibus pectoris bezw. transgressio
de mortalitate) als Leibarzt beim Papst Clemens VI. in Avignon thätig.
Unzweifelhaft hat er hier den überwiegenden Teil seiner Lebenszeit zu-
gebi-acht. Im Einleitungskapitel bezeichnet er sich mit einer gewissen
Emphase als ,,medicus et capellanus commersalis domini nostri papae
Urbani V", der damals im 1. Jahre seines Pontifikats stand. Nach sicheren
Urkunden war Guy in dieser Eigenschaft schon seit 1352 bei Innocenz VI.
installiert, der ihm 1353 als Entgelt das mit einer Pfründe verknüpfte
Kanonikat in Reims verlieh. Im ganzen hat also Guy 3 Päpsten (Clemens VI.,
Innocenz VI. und Urban V.) ärztliche Dienste geleistet. Als der letzt-
genannte 1367 nach Rom übersiedelte, ist ihm Guy dahin nicht gefolgt
und bei der Rückkehr des Papstes nach Avignon (1370) weilte er nicht
mehr unter den Lebenden. In dieser Zeit also, von 1367 — 1370, muss
sein Tod erfolgt sein.
Uehrigens xmr Guy selbst 6 Wochen an der Bubonenpest lebensgefährlich er-
krankt. Die von einigen gemeldete Notiz, dass Guy mit Petrarka, der eine Zeitlang
in Avignon gelebt hat, verfeindet gewesen sei, ist irrtümlich. Petrarkas Spott (in
einem seiner Briefe) über eitlen „zahnlosen, ans dem Gebirge stammenden Gi'eis"
bezieht sich nicht auf Guy, sondern auf dessen Kollegen am Hofe Clemens VI., den
„Physikus'^ Jean d'Alais.
Ausser dem schon erwähnten grossen Lehrbuch der Chirurgie u. d. T.
,,Cyrurgia magistri Guidonis de Cauliaco dicta inventarium seu collectorium
cyrurgie edita anno dni 1363 in preclaro studio montispessulani" hat Guy
noch mehrere kleinere Schriften verfasst, einen ,,libellus de astrologia", über
Hernien , über Katarakt , de con junctione animalium ad se invicem , de
conjunctione plantarum ad se invicem, Lapidarius und Consilia. — Dass
732 Julius Pagel.
Guy mit Vorliebe Chirurg war, beweist die Ehrfurcht, mit der er wieder-
holt von den ,,domini physici" spricht und die Warnung an seine Genossen
vor UebergrifFen in die Kompetenzen der Mediker.
Guy de Chaiüiac bedeutet in Bezug auf den Gesamtinhalt seiner
Lehren und das pragmatische Ergebnis seiner Schriftstellerei durchaus
keinen eigentlichen Fortschritt gegenüber seinen Vorgängern Theoderich,
Saliceto, Lanfranchi und Mondeville, im Gegenteil in manchen Be-
ziehungen z. B. bezüglich der eiterungslosen Wundbehandlung und
anderer Neuerungen, denen er recht skeptisch, ja hyperkritisch gegen-
übertritt, sogar einen gewissen Rückschritt. Auch er weicht nicht
um Haaresbreite von den allgemein pathologischen Doktrinen und An-
schauungen seiner Zeit ab, auch bei ihm sind ganz dieselben Ein-
teilungen, Aetiologie, Diagnose etc. der Abscesse, auch er citiert viele
hunderte Male Galen und Avicenna (weit über 800 bezw. 600 mal
übrigens Galen nicht direkt nach dem Original, sondern teils nach
einer „graeca", teils nach einer „arabica translatio"); auch bei ihm
sind noch astrologische Einflüsse (z. B. bezüglich der Aetiologie der
Bubonenpest, cfr, seine Schrift „de astrologia") und anderer thera-
peutischer Irrwahn vertreten, und w^enn er seinen Vorgängern das
bekannte „sequuntur se sicut grues" vorwurfsvoll nachsagt, so kann
man ihm, ohne ihm irgendwie zu nahe zu treten, mit Bezug auf den
eigentlichen Inhalt seiner Lehren mit dem „de te fabula narratur"
erwidern. Trotz alledem und alledem besitzt Guy de Chauliac an-
erkanntermassen eine eminente historische Bedeutung. Unzweifelhaft
bildet sein Werk in der durchaus selbständigen Form, in der vorher
noch von keinem erreichten Vollständigkeit den Höhepunkt der mittel-
alterlichen Chirurgie und für lange Zeit eine Art von Abschluss. Es
stellt sich in dieser Beziehung dem Mondinoschen Kompendium der
x^natomie an die Seite und ist thatsächlich bis zu Pares Auftreten
das gebräuchlichste und geläufigste Lehrbuch, ein veritabler „Guidon"
der Wundheilkunde gewesen. Dazu lernen wir aus demselben den
Autor persönlich als erfahrenen und gewandten Operateur, als viel-
seitig gebildeten und gelehrten Mediker und als einen Mensch von
lauterster Gesinnung kennen. Einen nicht geringen Vorzug bildet sein
kritisch-historischer Sinn, der besonders im Einleitungskapitel, aber
auch an vielen anderen Stellen seines Buches hervortritt.
"Welche Bedeutung Guys Werk besitzt, beweist die grosse Zahl von
Handschriften , Originalausgaben und Uebersetzungen , die bis jetzt vor-
liegen. Bezüglich der Bibliographie und weiterer litterarischer Mitteilungen
muss ein für alle Male auf die schöne Ausgabe von Nicaise verwiesen
werden. Zwei Codices, die hier nicht erwähnt sind, besitzt die Erfurter
Bibliothek (F 283 und Q, 205); wegen der hebr. üeberss. vgl. Stein-
schneiders Monumentalwerk p. 802. — Dass es sich bei dem Werk auch
um kompilatorische Arbeit handelt, giebt Guy selbst zu, aber er bemerkt
gleichzeitig, dass er auch Eigenes („que juxta modicitatem mei ingenii
utilia reputavi") bringe. Gewidmet ist das Werk „vobis dominis meis
medicis Montispessulani , Bononie , Parisius atque Avinionis precipue
papalibus quibus me in servitio Romanorum pontificura associavi".
Ay.f die Einleitung folgt das berühmte „capitulum singulare''' mit einer hiuppen,
aber äusserst wertvollen historischen Skizze und einer methodologischen Betrachtung
über den Begriff und die Bedeutung der Chirurgie, Pflichten und Eigenschaften
eines guten Chirurgen, die zu einer gedeihlichen Wirksamkeit erforderlichen Voraus-
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 733
Setzungen etc. Daran schliessen sich Plan und Einteilung nebst Inhaltsverzeichnis
des Werks, das in 7 Traktate mit verschiedenen Doktrinen und Kapiteln gegliedert
ist. Tract. I Doctr. 1 mit 8 Kapiteln enthält eine Art allgemeiner, Doctr. 2 mit
8 Kapiteln eine spezielle resp. topographisch-chirurg. Ä)iatoniie von Schädel, Gesicht,
Hals, Rücken, oberen Extremitäten, Brust, Bauch, Becken und unteren Extremitäten
meist nach Mondinos Schule; doch sind direkte Quellenstudien bei Galen und
Avicenna. stellenweise auch eigene Untersuchungen und ein Fortschritt gegenüber'
Mondino unverkennbar. An arabischen Ausdrücken ist kein Mangel, die Termino-
logie stelleniceise noch reichhaltiger als bei Mondino. Andererseits verdienen die
knappe, dabei gefällige Darstellung, die Bemühungen, strittige Punkte kritisch zu
erörtern, die grösste Anerkennung. Hier wird auch Mondeville als Autorität für
den Wert anat. Kenntnisse in der Chirurgie angeführt, doch stammt das Gleichnis,
das er ihm in den Mund lec/t, von Galen. Fast bei jedem Kapitel der speziellen
Anatomie werden gleichzeitig in aller Kürze diejenigen Erkrankungen angeführt,
welche das betreffende Organ befallen können. Von hohem historischen Interesse
sind die Mitteilungen bezüglich der Handhabung des anatomischen Unterrichts. Die
Einteilung in,membra simplicia, composita, consimilia, principalia etc. ist die all-
gemein übliche. — Bei der Beschreibung der Fingergelenke machte er auf den
Tetanus aufmerksam bei Verletzungen ; die leichte Entstehung desselben erklärt er:
quia chorde nervöse ibi sunt denudate a carne et apparentes, quorum punctura
spasmi est generativa etc. {übrigens ganz nach Galen). Bei der Nervenanatomie
wird der alte, noch seit Thuddäus herrührende Streit erörtert, ob Sensibilität urul
Motilität durch einen Nerven vermittelt werden können oder durch mehrere; die
letzte Ansicht wird von der Schule von Montpi-llier vertreten. Die Anatomie der
Bauchhöhle ist ganz nach Mondino bearbeitet; bedenklich sind allerdings einige
etymologische Irrtümer, doch sagt Guy selbst: de nominibus non est curandum. —
Tr. II betrifft die Abscesslehre und zerfällt gleichfalls in 2 Doktrinen: Abscesse der
membra simplicia und der membra composita. Die Definition des „apostema'\ wie
sie die „moderni viri" aufgestellt haben, billigt er als „satis simpliciter'\ Hier berichtet
er öfter über die Anschauungen der ,,scola nostra communis Montispessulani".
Uebrigens bildet dieser Abschnitt den grossen Topf, in dem unterschiedslos wirkliche
Abscesse {im jetzigen Sinne) mit Tumoren, Neoplasmen, Oedem, Meteorismus etc.
untergebracht sind. Bezüglich der Kontraindikation der remedia repercutieiitia geht
Guy seine eigenen Wege und begnindet seine abweichende Meinung. Die Incision
und die bezügliche Nachbehandlung der Abscesse schildert Guy eingehend. Ist Patient
ängstlich, so kann statt der Incision auch ein Ruptorium {de calce et sapone) be-
nutzt werden. Die Einteilung der Phlegmonearten ist ganz imd gar scholastisch.
Die Definition des Anthrax ist die des Wilh. v. Saliceto als „carhunculus ma-
li^natus^\ die Symptomatologie nach Mondeville gegeben. Theriak und die Scabiosa
sind auch nach Guy eine Panacee, ferner die zwischen zwei Steinen zerriebene Conso-
dida major (nach Roger und Theoderich). Beim „Esthiomenus^^ d. i. Brand und
Nekrose empfiehlt er (nach Theoderich und Mondetnlle) das Arsenicum sublimatum
zur Abstossung der nekrotischen Partien zum Gebrauch. Bei skrophulösen Bildungen
(„excrescentiae flcgtnaticae^^) empfiehlt er mit Arnold v. Villanova den Gebrauch von
Mineralwässern („maxime saporis tatiarei^', aquae aluminosae seu sulphureae). Die
Enucleation der „excrescentiae tractabiles" beschreibt er ganz nach Abulkasim mit
einer eigeaen Modifikation. Doch icerden auch die Aetzungsmethoden [nach Bruno
u. a.) weitläufig geschildert. Den Beschluss der allgemeinen Abscesslehre bilden Er-
örterungen über die apostemata melancholica (sephyros s. srlerosis), eine besondere
Art von Neoplasmen, die sich mit modernen Krankheitsbildern nur annähernd iden-
tifizieren lassen, das apostema cancrosum. — In der 2. Doktrin des Tr. II folgt di e
spezielle Geschwulst- resp. Abscesslehre der einzelnen Organe a cnpite ad calcem:
Hydroceplmlus neonatorum, obtalmia. sanies retro corneam, Geschivülste in dei' Ohren-
gegend, squinancia [Sammelbegriff für alle Art entzündlicher Hals und Raclien-
krankheiten), Abscesse post flebotomiam, Aneurysmen, Gicht („et est apostema fleg-
maticum etiam manuum^^) Spina ventosa [apostemata digitormn fistulosorum) ^ind
panaritium. — Vor der Exstirpation grosser Geschwülstr am Halse warnt G. wegen
der Gefahren der Blutung und Nervenverletzung. Im Kap 5 (apostemata pectoris)
ist die denkwürdige „transgressio de lethalifate" enth dtend die Beschreibung des
schwarzen Todes in Avignon um 1348 (ausgebrochen im Januar und von 3 monat-
licher Dauer), „lila ingens et inaudita mortalitas^^ nennt Ghiy die plötzlich herein-
gebrochene entsetzliche Seuche, die er „proptfr ipsius mirabilitatem et jyrevidentiam
si iterum accideret" mit rhetorischem Schwung und fesselnder Lebendigkeit schildert.
„Et ego'\ erzählt er, ..jn-opter diffugere infamiam non fui ausus recedere". Er
musste sein tapferes Ausharren bekanntlich selbst mit einem 6 wöchentlichen Kranken-
lager Missen. Im 6. Kapitel von den apostemata ventris sind kurze Bemerkungen
734 Julius Pagel.
über die durities stomachi, epatis und splenis eingeschaltet. — Die hernia aqnosa
festiculi ist offenbar die Hydrocele. — Tr. III beschreibt in doctr. I {mit 5 Kapiteln)
die allgemeine und doctr. II {8 Kapitel) die spezielle Wundbehandlung der einzelnen
Organe, Kopf, Brust, Bauch. Ich halte die erste Partie für die am wenigsten be-
merkenswerte; scholastische Schemata, breite, weitschweifige Einteilungen, doktrituires,
.spitzfindiges Gezanke über Definition und Begriff von Vulnus etc., kurzum ganz an
Avicenna und die Produkte der Scholastik erinnernde Ausführungen. Von einem
Fortschritt ist gerade in diesem Abschnitt am wenigsten die Rede. Die Opposition
gegen die üblichen Potiones oder Pignienta ist die einzige reformatorische Massregel
gegenüber der alten Schablone. Dagegen gehört das Kapitel Schädelverletzungen zu
den glanzvollsten der ganzen Chirurgie; die Kritik, welche Guy hier den älteren
Methoden widmet, zeigt ebensosehr seine gründliche Gelehrsamkeit icie seinen scharf-
sinnigen Geist. Nach einem Resume über die frühere Behandlungsart folgt die
Beschreibung des eigenen modus procedendi, zunächst der allgemein diätetischen
Massnahmen, Reinigung des Wtindgebiets, Schutz vor Kälte und Luftzutritt, Ver-
bandmethode und Verbandwechsel, Indikationen der Trepanation, bei nicht kom-
plizierten Frakturen von grösserem Umfange, bei komplizierten penetierenden Schädel-
frakturen, auch bei Koyitusion „cum magna fract%ira", namentlich ferner, „si vulnus
habet squirlas que ^wssent pungere duram matrem''^ und zur Beseitigung von eitrigen
und anderen Absonäerungeu, ycores, von der dura mater; in diesen Fällen, sagt
Guy, ist die Operation unvermeidlich, da keine Arznei und kein noch so starker
Wundtrank im stände sei, in der Tiefe zii wirken und den Eiter aus der Tiefe zu
ziehen [wie etwa der „Conciliator" glaubt). Die Beschreibung der Operation und
des Instrumentariums ist anerkennenswert. — In Kap. 2 {Gesichtsverletzungen)
werden die Läsionen der Augengegend {nach Jesu Hali), dann die Nasemvunden ge^
schildert; auch Guy glaubt nicht an die Möglichkeit des Wiederanheilens völlig ge-
trennter Nasenspitzen; er nennt die Vertreter der entgegengesetzten Meinung Schwätzer
{garrulatores). — Bei den Brustivunden erörtert Guy einen analogen Disjmt wie
bei den Kopfverletzungen; es handelt sich hierbei um die Frage: sollen Thorax-
verletzungen sofort geschlossen werden {wie Theoderich und Mondeville wollen), oder
nicht. Guy ist gemäss der Ansicht älterer Autoren für die offene Wundbehandluff^im
allgemeinen; er gestattet den festen Verschluss nur, wenn das Fehlen eines Exsudats
sicher nachgetciesen ist. Bei Eiterstagnation resp. Empyem empfiehlt er die Thorax-
eröffnung durch Schnitt {nach Saliceto). Aus Kap. 6 {Bauchivunden) ist mir die
Methode der Darmnaht hervorzuheben. Guy verwirft die Ameisen- und empfiehlt
die Kürschnernaht; auch unterlässt er das Einlegen einer Hollunderkanüle resp.
eines animalischen Trachealrohrstückes zum Schutz der Nähte. Der Schluss der
Doctr. II von Tr. III {cap. 7 u. 8) bringt kurze Angaben über Verletzungen der
unteren Extremitäten. — Tr. IV ist in seinen beiden Doktrinen mit je 5 u. 8
Kapiteln ausschliesslich der Geschwürslehre gewidmet, ohne übrigens Neues oder
interessante Kasuistik zu bringen. Einteilung der Geschwüre und Fisteln ist die
übliche. Auch im speziellen Teil ist die Darstellung eine ziemlich einförmige und
an Beobachtungen dürftige. Tr. V beschäftigt sich in Doctr. I (5 Kapiteln) mit den
Frakturen, in Doctr. II {in gleichfalls 8 Kap itehi) mit den Luxationen. Beiden Ab-
teilungen gehen allgemein einleitende Bemerkungen voraus. Querbrüche sind nach
G. schiverer zu reponieren resp. zu heilen als Längsbrüche, ebenso Brüche in der
Nähe von Gelenken. Aetiologie der Frakturen, Methoden der Extension und Re-
position, die Binden- und Schienenverbände, VerbandtvecJisel und seine Indikationen,
Dauer der Heilung, Komplikationen, Pseudarthrose etc. — alles erfährt eine klare
und erschöpfende Darstellung, ohne jedoch Neues zu bringen. Avicenna, Abulcasim
und Aliabbas bilden in der Hauptsache die Geivährsmänner. Das Kapitel über die
Rippenbrüche enthält ähnliche Erörterungen von Schulstreitigkeiten ivie bei den
Kopf- und Brustverletzungen. Zur Reposition von Humerusluxationen werden
5 Methoden angegeben, dartmter auch die bekannte des Avicenna. — Tr. VI, der
eigentliche Hauptteil des ganzen Werks, überschrieben: „de omnibus egritudinibus
que non sunt proprie apostemata neque vulnera neque ulcera neque ossium passiones
pro quibus habetur recursus ad cyrurgicam''^ enthält die spezielle Organpathologie und
Z'war in Doctr. I u. 8 Kapiteln gewisse konstitutionelle und Allgemeinerkrankungen,
Gicht, Gelenkaffektionen, Lepra, die ganze Dermatopathologie, ein Kapitel über
Mast- und Entziehungskuren {extennatio et ingrossatio corporum), ferner Ver-
unglückungen, Erhängen, Ertrinken, Verbrennungen, Warzen- und Schwielenbildung,
Amputation und Konservierung von Leichen. Anordnung und Inhalt sind sehr
ähnlich den bezüglichen Abschnitten bei Mondeville bziv. den diesen zu Grunde liegen-
den Quellen. Der grössere Teil ist pure Kompilation, mitunter in wörtlicher An-
lehnung an ältere Muster sogar bis auf die bekannten Salernitanischen Lehrgedicht-
citate {„solvere nodosam nequit medicina podagram" u. a.). Die Lepra ist fast ganz
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 735
nach Bernh. v. Gordon {„Mag. Jordanm in Montepessulano") geschildert: G. nennt sie
einen morbus contagiosus et infectivus und dringt auf strenge Isolierung {„maxima
injuria est non sequestrare sequestrandos et dimittere leproses cum populo"^). — Im
8. Kapitel über Ampiitation, der übrigens G. bei Gangrän den spontanen Abfall vor-
zieht, findet sich die bekannte Mitteilung über die primitiven Narkotisierungsversuche
des Theoderich. — Im Abschnitt vom Einbalsamieren berichtet er von der Methode
eines „Jacobus apothecarius'^ , der viele Päpste einbalsamiert habe. — In der Doctr. II
sind zur TJierapie der Organkrankheiten eine Unmasse Rezepte atigegeben ; die Phar-
macie überwiegt hier bedeutend, namentlich überall da geradezu erdrückend, wo es sich
um Kosmetisches und Dermatologisches handelt; die seltsame Etymologie der ,.tynea'^
(a tenendo quia firmiter caput tenet) hat er von Jamerius. Bei der Darstellung der
Augenkrankheiten sind hauptsächlich Jesu Hali, Alcoa tim, Acanamusali {de Baldach)
und Benvenutus Grapheus, die bekanntesten Augemirztc in der latinobarbarischen
Zeit, ab und zu auch Azaravius (= Abulcasim), dagegen nicht Paulus von Aegina
{wie Haeser meint) benutzt. Uebrigens ist dieser Teil sehr umfangreich und um,-
fasst beinah 15 Folioseiten {der Ausgabe von 1519). — Bei den Ohrenkrankheiten
spielen unter den Fremdkörpern im Gehörgang natürlich auch die bestiolae eine
Rolle. Versagen die üblichen Extraktionsmethoden, so schreckt G. sogar vor der
blutigen Operation nicht zurück {„et incisio ejus sit secundum lunarem formam in
radice auris usque od lapidem"). Hinsichtlich der Zahnaffektionen ist ein gewisser
Fortschritt insofern zu bemerken, als die zahllosen Formeln, wie sie beispielsweise
bei Galen zur eradicatio dentium angegeben sind, fehlen und dafür {ganz wie bei
Abulkasim) die Zahnzange in ihre Rechte getreten ist. Er moniert übrigens bei
dieser Gelegenheit, dass die Mediker die Zahnoperationen den barbitonsoribus et
dentatoribus überliessen und fügt hinzu: Tutum autem est, ut tales operationes per
medicos dirigantur. Zur Kur der inflatio et casus neide werden die bei Joh. Mesue
empfohlenen Prozeduren reproduziert {Ableitungen am Vertex, Ziehen an den Zopf-
haaren etc.). Auch Aägelkrankheiten sitid mit einigen Zeilen berücksichtigt. Aus-
führliche Schilderung erfährt die Radikaloperation der Nabelhernie, die G. jedoch
selbst nie gemacht hat, weil sie ihm zu umständlich und mühsam {taediosa) erschien.
Das 7. und vorletzte Kapitel der Doktrin ist den Hernien bezw. der „cura per
cyrurgiam^ gewidmet. Mit Schärfe wendet er sich gegen die Behauptung von
Lanfranchi, er hätte Hernien mit inneren Arzneien geheilt. Auch G. schwärmt
ülyrigens nicht für die blutige Radikalbehandlung ; jedenfalls sei die Operation bei
nervenschwachen, alten, heruntergekommenen und mit Katarrhen behafteten Indi-
viduen zu unterlassen. Die Taxis einer Hernie wird genau beschrieben, ebenso die
Herstellung eines Bruchbandes „de panno triplicato cum scuto parco secundum
inguinis quantitatem'-^ . Bei einer eingehenden kritischen Beleuchtung der verschiedenen
RadikalmetJioden will G. dem cauterium pofentiale den Vorzug einräumen, obwohl
er von einigen anderen Methoden auch zugiebt, dass sie „completi et aOsque fallacia"^
seien {nämlich cum incisione rasorii, cum cauterio actuali und cum ligamento); die
übrigen sind allerdings nicht cum securitatis fiducia. Unter den Kauterien erscheint
ihm der Arsenik als das zweckmässigste {„et arsenicum in hoc obfinet principatum").
Er meint, er habe damit die Kurzeit wesentlich verkürzt: seine Methode sei von
Mag. Petrus adoptiert {auf Grund eines von G. an dem „dorn. Ludw. de brissiato
dalphinatus Viniensis"-^ erzielten günstigen Resultats). Bei der medikamentösen Kur
der Blasensteine führt er ein von Dom. napulio cardinalis empfohlenes Wasser an.
Der Katheterismus wird gut beschrieben; dagegen ist die Durstellung des Stein-
schnitts ziemlich dürftig. Charakteristisch ist der Schlusspassus : „et si videantur
mala accidentia evenire sit deua auxiliator". Bei den ,j)assionibus virge" tcird auch
mit einigen Zeilen der Beschneidung und Kastration gedacht. Daran schliessen »ich
flüchtige, Notizen über Hermaphroditismus, Gebärmutteraffektionen, Extractio foeius
et secundine, über mola matricis, Prolaps der Gebärmutter und ein kurzes Schluss-
kapitel {8) über Chirurg. Erkrankungen der unteren Extremitäten, soweit sie fn'iher
noch nicht erledigt waren. Den Schluss des ganzen Werks bildet das unvermeidliche
Antidotarium in Tr. VII mit 8 Kapiteln der 1. Doktrin über Aderlass, Schröpfköpfe,
Blutegel, Purgantien {Abführ-, Brechmittel, Klystiere, Stuhlzäpfchen) und Kauterien^
Darstellung der Präparationsmethoden der chir. Salben, Pflaster, Oele, Wundtränke,
Kataplasmen, verschiedene Arten von Umschlägen. Vom Kap. 5 ab kommen die
einzelnen Abscessmittel an die Reihe, die repercussiva , attractiva, resolutiva, molli-
tiva, maturativa, mundiflcativa 7ind dolorem Sedativa {ganz wie bei Mondeville u. a.).
In Kap. 6 folgen die speziellen Mittel bei der Wundbehandlung, die med. con-
stringentes sanguinemj incarnativac, regenerantes carnem, cicatrizativae et sigillntivae,
die corrosivae, putrefactivae, causticae, carnem atque entern rumpentes, in Kap. t
einige bei Frakturen und Luxationen besonders geeignete Mittel zur Prophylaxe
gegen Abscess, zum festen Verband, zur Verklebung der Bruchstellen {glutinativae.
736 Julius Pagel.
confortantes et remollientes duritiem, que aliquando remanent post restaurationem),
in Kap. 8 die Grade der Arzneimittel und alphabetische Aufzählung derselben.
Endlich kommen noch 8 kurze Kapitel eines speziellen Antidotariums, ein wertloses
Sammelsurium von allen möglichen nnd unmöglichen Rezeptkompositionen, womit
G. offenbar nur dem Bedürfnis seines Publikums eine Konzession hat machen wollen.
Mit Guy de Chauliac erreicht die mittelalterliche Chirurgie ihren
Höhepunkt. Zugleich darf Guy für sein Vaterland das Verdienst
beanspruchen, diesem die erste Grundlage zur Suprematie gegeben zu
haben, welche hier zwei Jahrhunderte später mit dem Auftreten eines
Ambroise Pare, des berühmten Reformators, voll und ganz zur un-
bestrittenen Geltung gelangt ist.
Die Chirurgie in den germanischen Ländern, in den Niederlanden,
England und Deutschland.
Gegenüber Italien und Frankreich tritt die Chirurgie in den
germanischen Ländern wesentlich an Bedeutung zurück und hat
höchstens Anspruch auf litterarhistorische Registrierung. Sie ist ledig-
lich an die Namen dreier Männer geknüpft, des Engländers John
Ardern, des Niederländers Jehan Yperman und des Deutschen
Heinrich vonPfolsprundt,die sämtlich wenig Originelles bieten,
vielmehr im grossen und ganzen Nachbeter ihrer französischen und
italienischen Ijehrer sind und auf keinem höheren Niveau wie die Em-
piriker stehen; ein Fortschritt ist durch ihre praktische oder schrift-
stellerische Wirksamkeit nicht angebahnt worden.
Von der Lebensgeschichte des Engländers John Ardern sind nur
einige autobiographische Notizen in seiner „Practica" vorhanden. Danach
gehört er dem 14. Jahrhundert an. Er studierte vermutlich in Montpellier
und war, wie es scheint, auch in Frankreich wundärztlich thätig. Später
siedelte er wieder nach seinem Vaterlande über, praktizierte von 1349,
dem Jahre, wo der schwarze Tod auch in England zu wüten begonnen
hatte, bis 1370 in Newark (Nottinghamshire) und bis 1399 in London. —
Ardern ist der Hauptrepräsentant der englischen Chirurgie während des
Mittelalters. Seine bisher grösstenteils noch ungedruckte ,, Practica" ent-
hält zwar auch eine Darstellung der inneren Medizin, ist aber hauptsächlich
der Chirurgie gewidmet. Sie ist, wie Freind bemerkt , sehr reich an
Krankengeschichten, teils aus eigener, teils aus fremder Erfahrung. Obgleich
manches Empirische und Abergläubische mit unterläuft, überwiegt dennoch
das Rationelle, und bei aller Reichhaltigkeit der Auswahl sind die vorge-
schlagenen Mittel an sich von einer gewissen Einfachheit, wodurch sich
Arderns Werk vor manchen anderen mittelalterlichen Litteraturerzeugnissen
vorteilhaft auszeichnet. Er muss ein ganz geschickter Operateur gewesen
sein, namentlich in der Kur der Mastdarmfisteln eine glückliche Hand ge-
habt haben. Der betreffende Abschnitt ist der einzige gedruckte aus der
Practica (von Jean Read 1588 publiziert). Ardern bemerkt darin, dass er
noch niemals von jemand gehört habe, weder in England noch im Aus-
lande, der im stände sei, Mastdarmfistel zu heilen ; ein betrügerischer Mönch
habe das einmal zwar von sich behauptet, er. Ardern, habe jedoch noch
viele von diesem als inkurabel entlassene Patienten mit Glück behandelt.
Mit Ausnahme einiger Modifikationen des Instrumentariums zeigt jedoch
die Beschreibung seiner Operationsmethode keinen Fortschritt gegenüber
Paulus von Aegina und selbst Celsus. Ardern empfiehlt ein ,,tendiculum"
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 737
als Sonde bezw. ein ,,sequere me" als Speculum ; das tendiculum diente
für den Unterbindungsfaden, um diesen fester zu schnüren ; den letzteren
bezeichnete er als ,,frenum Caesaris" ; er benutzte ferner ,.acus rostratae*'
sclmabelförmige Nadeln. Seine Operationen liess er sich übrigens recht
gut bezahlen, worüber er selbst berichtet (mit genauen Zahlenangaben).
Von Ardern rührt ein neuer Klystierapparat her. Mit Vorliebe verwendet
er Salzklystiere und Mastdarminjektionen namentlich bei Darm- und Nieren-
ßteinkolik. Jeder Mensch, sagt er, sollte mindestens 2 — 3 mal jährlich ein
Klysma nehmen. — Die Applikation von Causticis, wie Auripigment und
sublimierter Arsenik, darf wegen der schädlichen Nebenwirkungen nur mit
grosser Vorsicht geschehen.
Arderns Practica soll übrigens nach Daremberg, der nach einem Manuskript
im St. John^s College in Oxford eine Kopie verfertigte, zahlreiche Abbildungen von
Instrumenten «nd Operationen enthalten. Die Redaktion des Ganzen soll sehr schlecht
sein. Daremberg hatte den Eindruck, als ob es sich bei Arderns Practica um eine
lose, ohne Ordnung und Methode hergestellte Sammlung von Monographien handle.
— Eine eingehendere Würdigung Arderns ist deshalb unmöglich, tceil, wie bemerkt,
der grössere Teil seiner Schrift bisher noch unediert geblieben ist.
Ein glücklicheres Schicksal ist dem Niederländer
Jehan Y per man
zu teil geworden, dessen litterarischer Nachlass im 7. Decennium des
19. Jahrhunderts von dem verdienten belgischen Historiker M. C.
Broeckx ans Tageslicht gezogen ist.
Jehan Yperman aus Ypem, der bekannteste Vertreter der mittelalter-
lichen Chirurgie in den Niederlanden, gehört dem 13. Jahrhundert an. Er
ist, wie sich unzweifelhaft aus verschiedenen Stellen seines chirurgischen
"Werks ergiebt, ein Schüler von Lanfranchi, unter dessen Leitung er noch
zu Ende des 13. Jahrhunderts in Paris mit Hilfe eines Stipendiums seiner
Vaterstadt die fachmännische Ausbildung erlangte. Nach Beendigung seiner
Studien kehrte er in seine Heimat zurück, liess sich in der Nähe von
Ypem nieder, wurde noch in demselben Jahre Hospitalarzt in Belle, folgte
jedoch 1318 einem Ruf in seine Vaterstadt, wo er vermutlich bis zu seinem
Lebensende praktizierte, dessen Datum nicht bekannt ist (vermutlich fallt
es in die Zeit nach 1329).
Meister Yperman genoss in seiner Heimat ein grosses Renommee,
das sich noch bis heute erhalten hat, so dass sein Name noch jetzt
generell als Attribut für einen geschickten Wundarzt dient. Er ist
Verfasser zweier in vlämischer Sprache verfassten Werke. Das eine
ist eine übrigens unbedeutende Kompilation über innere Medizin, von
dem oben erwähnten Broeckx nach einer Bi-üsseler Handschrift heraus-
gegeben u. d. T.: ,.Traite de med. pratique de maitre Y."
(Anvers 1867).
Es enthält auf 95 Oktavseiten eine mehr für Anfänger bestimmte und haupt-
sächlich die Therapie berücksichtigende Zusammenstellung in 42 Kapiteln. Auf eine
kurze Fieberlehre in 6 Kapiteln folgen Abschnitte über Wassersucht, Rheumatismus
(coryza, catarrus), Icterus, Phthisis {van „iysiken"), Causus {van „heeten evele"),
Phrenesis, Lethargie, Apoplexie, Epilepsie {„van den groten evele"), Ulcera capitis
{tnn den hooftswere), Nasenbluten, „gefallenen Zapfen^, Squinancia, Heiserkeit,
Husten, Kurzatmigkeit, Lungenabscess, Blutspeien, eitrigen Auswurf {Empyem),
Bulimie, Erbrechen, Kolik {van „torcioetie" = torsio, Enteralgie), Parasiten {„van
wormen in den lichame"), Lienterie, Diarrhoe, Leberabscess, Milzverhärtung, Nieren-
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 47
738 Julius Pagel.
affektionen, Blutharnen, Diabetes, Incontinentia urinae, Dysurie, Strangurie,
Gonorrhoe und unfreitvillige Samenabgänge.
Yperman zeigt in seiner inneren Medizin ein aneri<.ennenswertes Streben
nach Emanzipation vom Autoritätenglauben. Die meisten Empfehlungen
von therapeutischen Massnahmen beruhen auf eigener Erfahrung, nur wenige
Autoren (höchstens etwa ein Dutzend) werden citiert, darunter auch ein
gewisser Heymannus als Verfasser eines „tresor van den armen" (im Kap. 4
von der Dysurie). Broeckx erklärt diesen für identisch mit Heymannus
Jacobi (Herman Jacobs), aus dem 12. — 13. Jahrh., Autor eines Werks
„van den schat der armen opera". TJebrigens ist Y. ein Freund von
Aderlass, Purgantien, Bädern, Räucherungen, Einreibungen und Umschlägen
(fumigationes, fomentationes et fricationes). "Wahrscheinlich handelt es sich
bei der inneren Medizin um ein Fragment ; der übrige Teil scheint noch
nicht aufgefunden zu sein. Er ist nach der Chirurgie abgefasst, da er
diese darin bereits ei'wähnt.
Von grösserem Wert und charakteristisch für die Beurteilung- Y.'s
ist die gleichfalls von Broeckx zuerst in Druck gebrachte Chirurgie
(Separatabdr. aus T. XX der „Annales de Tacad. d'archeologie de
Belgique" p. 128 - 332). Dass Y. vornelimlich als Chirurg und Operateur
in Betracht kommen kann, beweist der grössere Umfang des chirur-
gischen Werks und die offenbar grössere Liebe und Sorgfalt, die er
diesem Teil auch schriftstellerisch gewidmet hat. Hier sind selbständige
Erfahrungen reichlich untermischt mit den Lehrmeinungen älterer
Autoren, von denen mehr als 30 citiert werden, darunter besonders
Lanfrancus (Alfrancus) und ausser den bekannteren Autoren noch
einige, deren Namen wir hier zum ersten Male begegnen (Wilh.
V. Congeinna, Willem van Medicke, Mester Dierc, Mester Hugo de
Legembourch, Louic van Macke, Petrus Lucrator, Robbaert, Mester
Gillis u. a.). Die C'hirurgie ist ebenfalls vlämisch abgefasst; von der
ursprünglichen, lateinischen, für den Sohn des Y. bestimmten Fassung
ist nur noch die Ueberschrift erhalten. Sie lautet: Hie est practica
et doctrina composita a magistro Johanne Ypermanni quem ipse trac-
tavit in flamingo ad utilitatem filii sui in tempore vite sue sane et
voluit quod ipse haberet aliquid de opere 'suo et doctrina sua a multis
magistris de Lanfranco a quattuor magistris de salerno a galieno a
rolando a rogero et a brutto (sie) a raso (sie) a magistro hugone de
luckes et a magistro albucaso (sie).
Ein besonderes Interesse gewinnt die Handschrift durch 70 dem Text
beigegebene Figuren von Instrumenten der verschiedensten Art (eine
anatomische Abbildung der Kopfnähte findet sich gleich zu Anfang des
Buchs), an 16 Stellen sind noch Lücken für Einzeichnung von Figuren
ursprünglich bestimmt. — Trotz des grösseren Umfanges handelt es sich
auch bei der Chirurgie um ein Fragment ; der letzte Teil fehlt, welcher
von den Extremitäten handeln sollte.
Nach einer kurzen Einleitung mit der üblichen Apostrophe an den lieben Gott,
die heilige Dreieinigkeit, die Schutzpatrone der Chirurgie Cosmas und Damian etc.
folgt die bekannte Etymologie des Begriffs „cirugie'^ und eine sehr ausführliche
chir. Anatomie des Schädels und seines Inhaltes nebst physiologischen und patho-
logischen Bemerkungen. Die ausführliche Wundbehandlungslehre, der sich Y. jetzt
zuwendet, wird mit einem kurzen Abschnitt über chirurgische Deontologie eingeleitet
{„wat een cirugien toe behoeren mo^t"). Neben den operativen Massnahmen tritt die
pharmaceutische Behandhmg mittels verschiedener styptischer Mittel zur Blut-
stillung in den Vordergrund. Die Wundnaht ist klar und ausführlich beschrieben.
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 739
Y. aiebt den Unterschied zwischen arterieller und venöser Blutung an und kennt
auch die Kompression, das Kauterium, die Unterbindung und Umstechung behufs
BlutstilhuKj. Er berichtet über einen interessanten Fall von Armverletzung bei
einem Ißjähr. Fat. aus Lanfranchis Praxis, wie er sich denn auch in den folgen-
den Abschnitten vielfach an die Erfahrungen und Verordnungen seines nächst Galen
{auf 14 Seiten), Avicenna (auf 10 Seiten) am meisten (10 mal) erwähnten Lehrers
Lanfranc hält, für dessen Maximen er begreiflicherweise eine gewisse Vorliebe zeigt.
Der Abschnitt über die Kopfverletzungen ist ziemlich umfangreich: die Lehren der
verschiedenen Schulen und Autoren werden gründlich erörtert und Y. verfehlt nicht,
überall seine Sondermeinung prägnant hervorzuheben. Ein besonderes kleines Kapitel
ist den Quetschungen des Schädeldachs ohne äussere Wunde gewidmet. Danach folgen
die Verletzungen „boven den ooghen'', am Gehörorgan und anderen Teilen des Ge-
sichts; von letzteren werden speziell die Schusswunden in Betracht gezogen tmd zwei
Rezepte zu den unvermeidlichen Wundtränken {„wonden dranc") angeführt. Ein
Kapitel beschäftigt sich mit den „crampen dat men Spasmen heef', ein anderes
handelt „van den Insen ende neten die wassen op dat hooff" (Läusen und Nissen, die
auf dem Kopf gedeihen). Im 2. Buch folgen die chirurg. Erkrankungen der Nase,
Nasenpolypen und andere Exkresccnzen, Nasenbluten, Stinknase. Einige im Inhalts-
verzeichnis entworfene Kapitel fehlen im Text. Li 17 Kapiteln werden die Affek-
tionen des Mundes, der Zunge, des Zahnfleisches {ranula, cancer, ulcera, spasmus,
apostema der Zunge), Mundfäule {„van vulen tantvleesche"), Fissuren der Lippen-
schleimhaut {„van clevinghe tippen) erörtert: es folgt die Darstellung der übrigen,
noch nicht erledigten Affektionen des Gehörorgans in 8 Kapiteln, Geschwüre,
Würmer und andere Fremdkörper im Gehörgang, Ohreneiterung, Taubheit. Hieran
schliessen sich {in 11 Kapiteln) die Krankheiten in der Halsregion, Verletzungen
am Halse, Schusswmiden. Abscesse, bocium „van een stic vieesch wassende aen die
kele dat men heet bocium", „van scrouffelen", „van des conincs evele' Königsübel,
sogenannt von der bekannten Heilung durch Auflegen der Hände seitens der französ.
Köni(je, worüber Y. seine kritischen Glossen zu äussern nicht verfehlt; er sagt, wo
sie heilbar sind, heilen sie auch ohne diese Massnahme „ende ondencilen ghenesen
si niet". — Bezüglich der „squinancien" verweist er auf die Alisführungen in seinem
Lehrbuch der prakt. Medizin. Wunden der Herzgegend werden ebenfalls kurz be-
sprochen. Ausgedehnte Erörterungen erfährt die chir. Dermatopathologie : rudicheit
en scorreftheit {Scabies), tcarten {Warzen), van de pocken en van de maselen, laser-
scap {Lepra) mit verschiedenen Species (tqrie, alopicia ofte vulpes, leonia, ele-
fantia etc.), wobei namentlich die verschiedenen diagnostischen Proben {,,pi-ouven
omme dat laserschap te kenne"), sowie die therapeutischen Massnahmen eingehend
besprochen werden. Der folgende Abschnitt handelt von den Intoxikationen {„Die
ghenen die venin ghenomen heeft ofte ghedronken"), Canthariden, Schlangenbisse oder
Stiche, Skorpionen, „ruthelen", Hydrophobie {„van den verwoede hontr') nebst seinem
appendiciären „armen tresoer jeghen venin". - In 16 weiteren Kapiteln handelt es
sich um skrofulöse Geschwülste {clieren) in anderen Körpergegenden, um {bocksmässig)
stinkende Schweisse in der Achselgegend {„van den stancke die yrcus heet in de
oxelen"), Bubonen, Fisteln, phlegmonöse Abscesse, Verbrennungen, anderweitige Ab-
scesse, Leberverletzungen mit Prolaps von Lebersubstanz, Nieren-, Blasen-, Darm-
wunden, von der Heilung der Hernien ohne Operation {„van den ghescorden te
■yhenesene sonder snyden"), thatsächlich verwiift Y. die Eadikaloperation : Ge-
schwülste im Penis {„van apostemen die wassen in de rode der veder ende dat van
winde es") nebst einem „Deffensatyf {Defensativ P) „van gaten in de roeden der
veder", „van den vede die erisipeleren wille ofte ontsteken", „van den cancker in de
vede", „van bloet te stelpene in de roede der vede" {mit einem Fall von Blutung in
der art. dorsalis penis bei „een arm mersman" {Matrosen), die Y. durch Kom-
pression und nachfolgende Bestreuung aus dem glyptischen Pulver von Mester Huges
stillte), „van apostemen ende zwellinglien {Schwellung) des cullen", „van apostemen
van caune saken", „van eenen siecheit in den cullen die men heet erina-'- (erina car-
nosa = „vieesch carnouffel", erina ventosa = „winl carnouffel"), „van water car-
nouffele", „van den gescorden te ghenesene in andere maniere" {Beschreibung des
Bruchbandes), „van den navele ghescort in kindere" {Nabelbrüche bei Kindern, die
Y. durch Umstechung heilen loill) etc. etc. — Den Beschluss bildet die Darstellung
der Hämorrhoiden. Mastdarmfistel {van de fistele in den ers darme), Prolapsus ani,
sowie einige Kapitel über Affektionen der Extremitäten: malum mortuum {van
vorthingen der beene), Geschunlre an den Unterschenkeln „van den cancker die comt
in den beenen" nebst einem Rezept zu einem Unguentum veneris. —
47*
740 Julius Pagel.
Endlich bleibt noch der einzige bis jetzt bekannte deutsche Re-
präsentant mittelalterlicher Chirurgie zu betrachten,
Heinrich von Pfolspeundt,
'dessen „Buch der Bündth-Erzney", das älteste litterarische
Denkmal deutscher Wundheilkunde, der Mitte des 15. Jalirhunderts
angehört und von H. Haeser und A. Middeldorpf zu Breslau durch
Druck zum ersten Male zugäuglich gemacht wurde (Berlin 1868
XLIV. 179 pp.).
Heinrich von Pfolspeundt oder wie er in einem aus dem Anfang des
16. Jalirhunderts von Heinrich von Baldenstetten herrührenden Auszug
noch heisst „von Phlatzpingen", gehörte wahrscheinlich einem in Pfolspeundt
(jetzt Pfalzpaint) an der Altmühl unterhalb Eichstädt angesessenen adligen
Geschlecht an und war (seit 1465) Bruder des Deutschen Ordens. AVahr-
scheinlich hatte er seine Kunst direkt bei einigen italienischen und deutschen
Wundärzten erlernt; er nennt von letzteren selbst die Meister Johann Birer
zu Metz, Christoph, Stadtarzt in München (bis 1480), Hans von Baireuth,
Conrad von Nürnberg, Otto von Heider zu Weissenburg, Linhart von
Basel, Hans von Halberstadt, Johann von Paris (aus Metz stammend) und
Verfasser einer ,,die Kunst" betitelten chirurgischen Schrift. Ausgedehnte
Reisen und die Teilnahme an verschiedenen Feldzügen des deutschen Ordens
besonders in Polen u. a. auch bei einer der Belagerungen von Marien-
burg verschafften P. eine reiche Erfahrung, die er in der oben citierten,
1460 ausgearbeiteten Schrift niederlegte. Dieselbe ist, wie mehrere
Stellen beweisen, zunächst nur für Laien bestimmt, in zweiter Linie für
Wundärzte, und im weitesten Sinne eine Anweisung zum Verbinden,
Kleine Chirurgie und Aderlass , also alles für den eigentlichen Barbier
Wissenswerte, ist ausgeschlossen , ebenso die Darstellung der blutigen
Operationen, wie Trepanation, Amputation, Paracentese des Unterleibs etc.
Von den in den Händen der Spezialisten liegenden Stein-, Bruch - und
Augenoperationen ist erst recht bei P. keine Rode. Auch ist die Stoff-
einteilung in der Schrift ziemlich planlos ; der Inhalt der Kapitel stimmt
nicht mit den Ueberschriften im Inhaltsverzeichnis überein, so dass das
letztere vielleicht gar nicht von P. herrührt. Zweifellos ist P. ein reiner
sogar von einer gewissen Charlatanerie nicht frei zu sprechender Empiriker
ohne jede höhere wissenschaftliche Bildung, ohne anatomische Kenntnisse.
Sein Buch bietet ein typisches Büd des niedrigen Niveaus der damaligen
Wundheilkunde in Deutschland. Trotzdem ist es von grossem Wert, ab-
gesehen vom linguistischen Gesichtspunkte , einmal als Mittelglied resp.
litterarischer Vorläufer späterer chirurgischer Schriften zum Verständnis
dieser und ihres Zusammenhanges mit den älteren ausländischen Litteratur-
produkten und zwei ens, weil bei P. eine Beschreibung der Rhino-
plastik (neben der Hasenschartenoperation) existiert, einer Operation, die
mittlerweile von italienischen , besonders calabrischen Wundärzten des
15. Jahrhunderts (vgl. unten) zu Ehren gebracht, aber lange Zeit als
Zunftgeheimnis gehütet worden war. P. selbst giebt an, dieses von einem
„Walen" (d. h. einem Wälschen) ermittelt und zweien seiner Ordensbrüder
weiter mitgeteilt zu haben. Er schildert das Verfahren überaus deutlich,
so dass anzunehmen ist, er habe es auch selbst geübt oder dabei öfter assistiert,
nebenbei bemerkt ganz übereinstimmend mit den Angaben italienischer
Autoren , besonders eines sicilianischen Operateurs Branca. Auch der
anästhesierenden Inhalationen gedenkt P. in einem Kapitel mit der lieber-
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 74 t
Schrift: „Dy erste künst, wie man einen schlaffen macht." Im einzelnen
beginnt P. seine (mit 13 Abbildungen ausgestattete) Schrift mit einigen
deontologischen Betrachtungen, die z. T. ganz verständig, z. T. allerdings
curios klingen. Der Wundarzt, sagt er, solle nicht bloss ein gedankenloser
Routinier sein, sondern mit „Vernunft" operieren; er solle stets nüchtern,,
religiös sein, in zweifelhaften Fällen gern und ohne jedes Rivalität sgefiihl
Kollegen hinzuziehen ; er solle vor seinen Besuchen nicht Zwiebeln essen
und keinen verdächtigen Beischlaf üben, um nicht mit seinem vergifteten
AtQjn auch Wunden zu infizieren. Die Wunden teilt er in frische (nicht
faule) und alte „faule" ein; die Sondenuntersuchung derselben ist regel-
mässiges Erfordernis ; dagegen verwirft P. den ausgiebigen Gebrauch von
Meissein und Wieken. Frische Wunden können nur durch Eiterung zur
Heilung gebracht werden , zu welchem Zwecke anfangs Terpentinöl , im
weiteren Verlauf Rosen-Leinöl eingegossen wird ; die Applikation eines aus
Honig , Mehl , Butter und Bolus bereiteten , auf Flachs oder Werg ge-
strichenen Wundpflasters bildet meist den Schluss der Behandlung. P.
liefert eine klare Anweisung zu den verschiedenen blutigen Nähten. Die
Verbände sollen nicht zu fest angelegt werden. Als accidentelle Wund-
krankheiten kennt und beschreibt P. Blutungen, „wildes Feuer" (Erysipel,
Entzündung) und das „Gliedwasser", das bei ihm eine grosse Rolle spielt.
— Eine fortlaufende Darstellung der Verletzungen der einzelnen Organe
findet sich bei P. nicht; vielmehr sind die betreffenden Notizen an den ver-
schiedensten Stellen der Schrift zerstreut. Gegen Blutungen aus kleinen Ge-
fässen empfiehlt P. die Kompression mit einer halben Nussschale, gegen starke
Gefässblutungen einen styptischen, mittels Spans befestigten Tampon. Von den
betreffenden Stypticis führt P. eine grosse Zahl an. — Bei penetrierenden
Bauchwunden sollen, event. nach vorheriger Erweiterung der Wunde, die Ein-
geweide mit warmem Oel reponiert werden. Eine verletzte Darmschlinge soll
durch Schnitt entfernt und durch eine silberne Kanüle ersetzt werden. Innerer
Bluterguss ist wegen der möglichen Gerinnung gefährlich ; durch ent-
sprechende Lagerung des Kranken ist für Entfernung resp. freien Abfluss
zu sorgen. Selbstverständlich dürfen auch die Wundtränke nicht fehlen,
die bei allen möglichen Schäden verabreicht wei'den. Faule Wunden be-
dürfen scharfer, austrocknender und ätzender Jlittel, für die P. eine gi'osse
Zahl von Substanzen angiebt. — Zahlreich sind die auf Hautafi'ektionon
bezüglichen Bemerkungen in P.s Schrift, Hautgeschwüre, vielleicht auch
Syphilis (nach Haeser), Lupus, ..faule Blattern und Schwämme" am After
werden erwähnt. Sehr eingehend sind die Vorschriften zur Pfeilextrak-
tion. — Von Gewehrschusswunden ist noch keine Rede. Die zur Reposition
von Luxationen empfohlenen Massnahmen , wie überhaupt alles auf
Luxationen Bezügliche, entbehrt der anatomischen Unterlage und beruht
auf reiner Empirie. Besser ist die Lehre von den Frakturen, bei welchen
P. ganz rationell manipuliert, indem er zunächst an der Bruchstelle ein
,, Leinpflaster" und zur weiteren Befestigung Holz-, Filz- und Pappen-
schienen anbringt. P. warnt vor Applikation eines zu festen Verbandes.
Bei komplizierten Frakturen soll die Bruchstelle offen gehalten werden.
Sorgfältige Beachtung erfordern die Oberschenkelfrakturen wegen der Neigung
zur Verkürzung. — Die Bemerkungen zur Hernienlehre sind sparsam.
Scrotalbrüche sollen reponiert werden. Von Radikaloperation ist keine
Rede, wie denn überhaupt operative Encheiresen im höheren Stil mit Still-
schweigen übergangen werden. Nur die sehr flüchtig geschilderte Hasen-
schartenoperation und die Rhinoplastik machen eine Ausnahme. — Von
anderen Gebieten der Pathologie werden noch die Zahn- und Mundkrank-
742 Julius Pagel.
heiten, Gicht, Ruhr, Spulwürmer, Dysurie und am Schluss der Schrift
die häufigeren Krankheitssymptome wie Verstopfung, Durchfall, Pesthubonen
mit küi'zeren Bemerkungen berücksichtigt.
Die Chirurgie in Italien während des 15. Jahrhunderts.
Die sehr eingehende Schilderung der Rhinoplastik bei Pfolspeundt
und dessen Angabe, er habe diese Operation von einem Walen (Italiener)
gelernt, führt unsere Darstellung wieder auf den Stand der Chirurgie
in Italien zurück, wo diese Kunst während des 15. Jahrhunderts einen
weiteren Aufschwung gewonnen hatte. Beteiligt an demselben waren
eine Reihe bedeutender Chirurgen, die in folgendem noch eine kurze
Würdigung verdienen. Zu ihnen gehören zunächst Pietro di Ar-
ge 1 lata (de Largelata, de la Cerlata), f 1423, Professor in Bologna
(der übrigens nicht mit dem bei Guy de Chauliac citierten Peter de
Arelate zu verwechseln ist). Pietro di Argellate ist Verfasser von
6 Büchern Chirurgie (von 1480—1556 6 mal in Venedig gedruckt), in
denen er sich in manchen Lehren, namentlich bezüglich der Krank-
heiten der männlichen Geschlechtsorgane, an Saliceto anlehnt. In
anderen folgt er Lanfranchi z. ß. in der Ablehnung der Heilungs-
möglichkeit abgehauener Nasenspitzen, in der Behandlung von Darm-
und Netzwunden; hie und da sind auch Citate von Abulkasim, Arderne
u. a. vertreten. Die eigentliche Wundbehandlung ist im 3. Buche dar-
gestellt und mit nicht uninteressanten kasuistischen Bemerkungen aus-
gestattet. Argellata ist von rühmenswerter Ehrlichkeit; ganz offen legt
er im Interesse seiner Leser die Missgriffe dar und richtet die Ermahnung
an seine Schüler, in ähnlichen Fällen derartige Irrtümer zu meiden.
— Argellatas ungefährer Zeitgenosse ist Leonardo Bertapaglia
(t 1460), Professor in Padua, einer der hervorragendsten Chirurgen
des 15. Jahrhunderts, dessen Lehrbuch u. d. T.: Recollecte habite
super quarto Avicenne ab egregio et singulari doctore
etc. auch in einige Ausgaben der Venediger Kollektion (so in die von
1519) aufgenommen ist. Es besteht aus nicht weniger als 7 Trak-
taten. Trakt. 1 ist eine Abscesstherapie in 27 Kapiteln, ganz in ara-
bistischem Stil (inkl. der Terminologie) und arabistischem Geist ge-
halten; die emplastra und unguenta drängen sich schon bei oberfläch-
licher Betrachtung des Buches in unübersehbarer Zahl auf. Trakt.
2 und 3 über Wunden, Geschwüre resp. Fisteln mit je 10 — 12 Ka-
piteln machen einen erquicklicheren Eindruck. Hier tritt der phar-
makologische Teil hinter den ätiologisch-diagnostischen Betrachtungen
und der eigentlich chirurgischen Therapie zurück ; namentlich hat die
Lehre von der Blutstillung eine eingehende und sorgfältige Darstellung
erfahren. Allerdings ist der überwiegende Teil nicht originell, sondern
Kompilation. Die Geschwüre teilt Bertapaglia ein in virulenta, sordida,
profunda, cavernosa. corrodentia, putrida, ambulativa; jedoch ist auch
anderen Gesichtspunkten bei der Einteilung Rechnung getragen. Auch
die Geschwürslehre ist gründlich vorgetragen worden; bei der Be-
handlung spielen freilich die zahlreichen Salben und Verbandswässer
eine Rolle. Trakt. 4 in 6 Kapiteln hat ausschliesslich die Verletzun-
gen der Nerven, Trakt. 5 in 6 Kapiteln die Knochenverletzungen
zum Gegenstande, jedoch diese nur allgemein; die speziellen, wie
Schädelbrüche etc., Luxationen etc. sind ausgeschlossen. Trakt. 6
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 743
in 7 Kapiteln offenbart die ganzen Geheimnisse der Astrologie, speziell
die Beziehungen schwerer Verletzungen zu den Aspekten. Die Ueber-
schrift dieses merkwürdigen Abschnittes lautet:
De judieiis vidvemm significantium mortem per singula membra humana per
aspectum et secimdum duodecim signa celestia mit salutem et hoc cum maxima
diffieultate aut talia vulnera remanebunt semper illesa vel cum debilitate illitis
membri in quo fxierint. De hoc multa mirabilia vidhmts super verificationem
horum signorum.
Vielleicht bezieht sich gerade auf diese „mirabilia" der kleine
Zusatz in der Titelüberschrift des Ganzen, welcher lautet: „et ibi
sunt mirabilia secreta habita ab eo et per nie experta". Den Beschluss
auch von Bertapaglias Chirurgie bildet das unentbehrliche „capitulum
nnicum" des Tr. VII de antidotis, dessen Einleitung recht charak-
teristisch lautet:
Jiec est secreta conimendanda memorie et magnificanda nee danda manibus
harbitonsorum nee qui male intelligendo auctores bonos vituperant".
Uebrigens berichtet er hier auch u. a. von einer glücklichen Kur
an seinem Hunde („in quodam meo cane qui dum esset ab aspide morsus
etc.';). Neues und Originelles ist sonst im allgemeinen wenig bei Ber-
tapaglia zu finden; der Wirkung der Scabiosa singt er im Schluss-
kapitel einen begeisterten Hymnus in 10 Hexametern. Interessant ist
hier ferner eine Notiz über eine am 8. Februar 1429 ausgeführte
Sektion eines ermordeten Bergamesen durch Mag. Hugo de Senis,
der Bertapaglia beiwohnte; eine andere „Anatomie" (im April des
folgenden Jahres) betraf nur eine Gebärmutter. Endlich verdient
unter den italienischen Chirurgen des 15. Jahrhunderts allenfalls
noch Erwähnung ]Marcellus Cumanus nicht wegen aller
seiner 100, erst 1668 durch Georg Hieronymus Welsch in seiner
„Sylloge curationum et observationum medicinalium"
(Ulm) publizierten, recht schlichten, um nicht zu sagen dürftigen Be-
obachtungen, die nicht einmal auf den Namen Krankengeschichten
Anspruch haben — thatsächlich handelt es sich bei den meisten nur
um Rezepttherapie, und ein Teil dieser Fälle gehört überhaupt nicht
ins Gebiet der Chirurgie — , sondern lediglich wegen einer Notiz in
dem 64. Fall der Sammlung, überschrieben „dolor vulneris sclo-
peto illati vel ballista", in der deutlich die erste litte-
rarisch bekannte Erwähnung einer Gewehrschuss-
wunde erfolgt.
Wenn aber de Renzi u. a. behaupten, dass Cumanus den vergif-
teten Charakter der Schusswunden in Abrede stelle, so geht das aus der
bezüglichen Notiz resp. aus der dort empfohlenen Therapie ohne
weiteres und ausdrücklich nicht hervor. Der Wortlaut ist folgender:
„Ad sedandum dolorem factum in vulnere ex sclopeto vel ballista Bp. ol. tos.
iinc. VI galban. asae foetid. ää wie. 1 dissolv. gummi in praedicto oleo et cal.
applicentur"
ohne jeden weiteren Kommentar. Eine grössere litterarische Wich-
tigkeit besitzt die Centurie des Cumanus, die übrigens vom Heraus-
geber Welsch mit einem nützlichen Kommentar versehen worden ist,
für die Geschichte der Syphilis, Aus der Krankengeschichte 4 („pustulae
sive vesicae epidemiae") geht des Cumanus Beteiligung an einem Feldzuge
im Jahre 1495 hervor („in Italia ex uno influxu coelesti dum me re-
744 Julius Pagel.
cepi in castris Navarrae cum armii^eris dominoruin Venetorum, domi-
norum Mediolanensium"), beiläufig bemerkt die einzige autobiographische
Notiz in dem Buch, ferner ist daraus zu entnehmen, dass Cumanus
bei dieser Gelegenheit syphilitische Exantheme bei mehreren Soldaten
beobachtet hat. Auch andere, ziemlich zahlreiche Kurgeschichten der
übrigens gänzlich planlosen Zusammenstellung handeln noch von ulcera
virgae (21, 70, 72, 75), caries (oder „caroli") pudendorum (20, 73), bu-
bones causati ex pustulis virge (7, 53, 54), gonorrhoea (44), aposte-
mata inguiniim (52) etc. — Dass Cumanus sonst nicht zu den aufge-
klärtesten Aerzten seiner Zeit gehört, beweist die allen Ernstes gegen
Hundebiss (Nr. 15) vorgebrachte Empfehlung einer Wunderkur am
Grabe eines Heiligen; besonders emphatisch beginnt er diese Notiz
mit den Worten: Nos Christiani habemus pro vera experientia sl
quis fuit morsus a cane rabido etc. Der Herausgeber Welsch be-
merkt dazu sehr treifend: Haec olim, Marcelli tempore. Quid hodie
fiat non libuit inquirere. Quae enim naturae limites transscendunt,
non pertinent ad artem medendi.
Die italienischen Empiriker des 15. Jahrhunderts.
Vgl. E. Gurlt, Gesch. d. Chir. I p. 100.
Charakteristisch für die Entwicklung der Chirurgie in Italien
während des 15. Jahrhunderts ist die beglaubigte Thatsache, dass ein
grosser Teil schwieriger Operationen in den Händen von Wundärzten
lag; die ihre Kunst rein empirisch ausübten. Als solche sind bemerkens-
wert die Mitglieder von mehreren Familien, die sich nach ihrem Ab-
stammungsorte Norcia (Norsia, Nurcia) und einigen Orten der Umgebung,
hauptsächlich dem Castello und Centado delle Preci Nor ein er und
Precianer nannten. Es existieren unzweifelhafte Nachrichten, wo-
nach diese Kategorie von Wundärzten systematisch und mit grossem
Erfolge diejenigen Operationen übte und pflegte, die von den gelehrten
und wissenschaftlich gebildeten, aber aus dem Klerus stammenden
Chirurgen meist wegen ihrer Schwierigkeit perhorresziert wurden. So
wird berichtet, dass sie namentlich in der Radikalheilung der Scrotal-
brüche grosse Uebung besassen, dass sie ferner Geschicklichkeit bei
den plastischen Operationen, ferner beim Steinschnitt, bei der Kastration,
bei der Operation der Harnröhrenstrikturen und sogar in der Katarakt-
operation entwickelten. Haeser vertritt die Ansicht, dass in den ge-
nannten Familien, die übrigens im Wandern ihre Kunst ausübten, die
versprengten Abkömmlinge des uralten, aus der Hippokratischen Zeit
gemeldeten Periodeuten zu erblicken sind und dass so die Thatsache
von dem Verbot des Steinschnitts in dem asclepiadischen Eid und der
Preisgebung dieser Operation an besondere, diese gewerbsmässig
pflegende Männer die beste Erklärung findet. In dem Kreise dieser
Empiriker ist sicher zuerst wieder die Operation der künstlichen
Nasenbildung rehabilitiert und lange Zeit als Zunftgeheimnis gewahrt
worden. Von hier aus hat auch der erwähnte Heinrich von Pfolspeundt
seine Wissenschaft erhalten. — Um die Rhinoplastik erwarben sich
ferner Angehörige der italienischen Wundarztfamilie Branca (pater
et Antonius fllius) aus Catanea in Sicilien (um 1450) sowie die im
16. Jahrhundert lebenden Vertreter der Familie Vianeo aus Maida
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 745
(am Meerbusen S. Euferaia) und Tropea grosse Verdienste, deren
Würdigung- jedoch an einen späteren Ort gehört. —
Die Augenheilkunde im Mittelalter (12.-15. Jahrhundert).
Vgl. A. M. Berger und T. 31. Auracher, Des Benevenittus Grapheiis
Practica oculuorum. Beitrag zur Geschichte der Augenheilkunde. Heft 1 München
1884; Heft 2 München 1886. Dazu Janus, Archives internat. Amsterdam IL 1897
p. 290; Giuseppe Albertotti, Benvenuti Grassi hierosolimitani doctoris celeber-
rimi etc. incunatmlo Ferrarese delV anno 1474 con notizie bibliografiche. Favia
1897. Derselbe, I Codici Riccardiano Parigino ed Ashburnhamiano delV opera
oftalmoiatrica di Benvenuto Modena 1897 ; Derselbe, Vopera oftalmoiatrica di
Benvennto nei codici negli incunabuli e nelle edizioni moderne [ib. 1897); Der-
selbe in „Annali di Ottalmologia''' XXVII. fasc. 3. Pavia 1898; Derselbe,
I codici Napoletano, Vaticani e Boncamimgni ora Albertotti delV opera oftalnto-
jatrica di Benvenuto. Modena 1901; Derselbe, Libellus de conservanda sanitate
oculorum di mag. Barnabas di Regio (ib. 1895); Derselbe, Mag. Barnabas de
Regio ed il suo libellus etc. (estratto della Rassegna di scienzi mediche 1896. XL
Modena); Derselbe, Mag. Barnabas de Regio ed il suo libellus etc. (Pavia 1896);
Paget, Neue litter. Beitrüge zur mittelalterl. Med. (Berlin 1896); Derselbe im
Janus Amsterdam 1 1897 ; Finzi, Angelo Attilio, 11 codice Amploniano delV opera
oftalmojatrica di B.G. etc. Modena 1899. Vgl. dazu Ohleniann (Wiesbaden),
über den Codex 8. 193 d. Bibl. Amplon. (Wochenschr. f. Ther. u. Hygiene des
Auges IJI Nr. 49—74 1900).
Die ^Augenheilkunde lag während des ganzen Mittelalters meist in
den Händen der Chirurgen. Doch existierten bereits bei den Arabern
hervorragende Spezialaugenärzte, deren Schriften sich grossen Ansehens
bei den Latinobarbaren erfreuten und beispielsweise bei Guy de Chauliac
erschöpfende Erwähnung gefunden haben, so die Arbeiten der Jesu Hali
(Ali ben Isa), Alcanamusali und Alcoatim, deren Leistungen an anderer
Stelle zu besprechen sind. Von nicht arabischen Augenärzten sind
uns nur die Schriften zweier Männer erhalten geblieben resp. bis jetzt
bekannt geworden, nämlich Beneven utus Grapheus (vgl. obiges
Litteraturverzeichnis), der wahrscheinlich aus Jerusalem stammte, und
da er von Guy de Chauliac erwähnt wird, spätestens dem 13. — 14.
Jahrhundert angehören muss. Benvenutus liat in Süditalien (Salerno),
vielleicht auch vorübergehend in Montpellier praktiziert und eine im
Mittelalter als Spezialwerk sehr geschätzte Schrift über Augenkrank-
heiten verfasst, die unter verschiedenen Titeln vorkommt, und um
deren Kenntnis sich neuerdings ß erger und Auracher in München
sowie Albertotti in Modena die grössten Verdienste erworben haben.
Die „Practica oculorum" des Benvenutus (,.de oculorum aifectioni-
bus" oder „ars probatissimä oculorum") zerfällt in drei Abschnitte.
Eine kurze anatomische Skizze dient als Einleitung (meist nach Galen).
Sehr ausführlich ist das Kapitel der Katarakte, bekanntlich des Sammel-
begriifs für Linsentrübungen wie für Amblyopie und Amaurose. Dem
entsprechend werden heilbare und unheilbare Katarakte unterschieden.
Die Operation geschieht mittels Depression der Linse („Sustineas
ipsam ibi cum puncta acus [Spitze der Starnadel] donec dicas quater
vel quinquies Pater noster"). Im übrigen werden Verband, Nach-
behandlung, Diät und das Material, aus dem die Starnadel bestehen
soll, eingehend erörtert. Benvenutus beschreibt noch die Operation bei
Trichiasis, Ectropium, Ungda u. a. Der arabistische Geist zeigt sich
in der vornehmlichen Berücksichtigung des pharmaceutischen Teils.
Gross ist die Zahl der Eezepte zu Salben, Collyrien, Augenpulvern
746 Julius Pagel.
und allen mög-lichen Verordnungen. Der überwiegende Teil ist Kom-
pilation; jedoch finden sich hie und da auch selbständige Beobach-
tungen eingeflochten. Die Schrift hat nur litterarhistorischen Wert,
keinen pragmatischen, ebensowenig der vor einigen Jahren von Prof.
Albertotti in Modena nach einem Codex der Venediger Marcus-
bibliothek aus dem XIV. Jahrhundert ans Licht gezogene „Libellus
de conservanda sanitate oculorum" eines mag. Barnabas
de Regio, beendigt am 15. Oktober 1331, in dem neben rationellen
diätetischen Vorschriften auch Bemerkungen zur Anatomie und Patho-
logie des Auges enthalten sind. Endlich ist vor kurzem durch Berger
noch auf die Bedeutung hingewiesen worden, welche auch Petrus
Hispanus (cfr. p. 682) als Augenarzt verdient.
Vgl. A. M. Berger, Die Ophthalmologie {über de oculd) des Petrus Hispanus.
Zum ersten Male herausg., ins Deutsche übersetzt und erläutert, München 1899
[eine ausgezeichnete Edition].
Oeffentliche Gesundheitspflege und Epidemien im Mittelalter.
Populäre medizinische Litteratur.
H. Haeser, Lehrb. d. Gesch. d. Med. 3. Auf.. Bd. III p. 58ff. und die da-
selbst angegebenen Quellen; A. Hirsch, lieber die historische Entwickelung der
öffentlichen Gesundheitspflege, Rede, Berlin 1889 ; L, Kotelmann, Gesundheits-
pflege im Mittelalter. Kulturgeschichtliche Studien nach Predigten des 13., 14. und
15. Jahrhunderts {Hamburg u. Leipzig 1890) ; J. Köhler, Beiträge zur öffentlichen
Gesundheitspflege deutscher Städte im Mittelalter {Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Med.
u. öffentl. Sanitätstvesen 3. Folge IX 1; E. Lesser, Die Aussatzhäuser des Mittel-
alters. Vortrag, Bern 1896 {Schweizerische Rundschau 1896) ; B. 31. Lersch, Ge-
schichte der Volksseuchen nach und mit den Berichten der Zeitgenossen etc. {Ber-
lin 1896); Ludwig Graf Uetterodt zu Scharffenberg, Zur Geschichte _ der
Heilkunde. Darstelhmgen aus dem Bereiche der Volkskrankheiten und des Sanitäts-
wesens im deutschen Mittelalter mit besonderer Berücksichtigung der Lagerepidemien
und der Militärkrankenpflege, Berlin 1875.
Der niedrige Stand aller Kultur im mittelalterlichen Europa
findet den kräftigsten Ausdruck in der Vernachlässigung der öffent-
lichen Gesundheitspflege. Zwar fehlt es nirgends an deutlichen Spuren,
welche die mitunter recht ernsten Bemühungen zur Schaff'ung von
Einrichtungen für das öff"entliche Wohl verraten. Allein einesteils
war diese Fürsorge nur sporadisch, sie betraf nur einzelne Gebiete
wie z. B. das Hospitalwesen, andererseits waren die Einrichtungen
selbst im höchsten Grade primitiv, mangelhaft; ihre Durchführung
scheiterte nicht bloss an der Ungunst der sozialen Verhältnisse,^ an
den politischen Wirren und Kämpfen, sondern auch an der Gleich-
gültigkeit, ja an dem direkten Widerstand der unaufgeklärten, durch die
Herrschaft des kirchlichen Mysticismus verdummten Massen. Von ziel-
bewussten, systematischen und durchgreifenden Massregeln in hygie-
nischen Angelegenheiten seitens der zuständigen Behörden ist nirgends
die Eede. Dazu fehlten vor allem die wissenschaftlichen und technischen
Grundlagen, dazu war der Stand der naturwissenschaftlichen und me-
dizinischen Kenntnisse ein viel zu niedriger. Die Folgen dieser Unter-
lassungssünden konnten nicht ausbleiben. Aussatz (Lepra), Blattern
und andere Hautkrankheiten waren während des ganzen Mittelalters
in allen Ländern und allen Bevölkerungsklassen endemisch. Ihre Dar-
stellung nimmt in den Lehrbüchern der Medizin und Chirurgie einen
ständigen und breiten Platz ein. Diesen endemischen Affektionen
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 747
reihen sich die schweren somatischen und psychischen Seuchen des
12. — 15. Jahrhunderts an, die in wahrhaft mörderischer Weise die
Völker heimsuchten und von entsetzlichen, fast bis zur Auflösung aller
sozialen Bande führenden Folgen begleitet waren. Unter den grossen
Epidemien, die gleichzeitig die ebenso grausame wie gerechte Strafe
für die Indolenz der Massen, die Impotenz der Aerzte und die allge-
meine, bis in die höchsten Kreise, die berufenen Vertreter der Moral
und Bildung gedrungene Sitten- und Zuchtlosigkeit bildeten, ist die
unter dem Namen des „schwarzen Todes" figurierende Pestepidemie
des 14. Jahrhunderts die bekannteste und berüchtigste. Die Schilderung
dieser, sowie der übrigen Seuchen gehört zu den traurigsten Kapiteln
der mittelalterlichen Geschichte. An dieser Stelle muss ihre blosse
Erwähnung genügen zugleich mit dem Hinweis auf eine der Haupt-
quellen, die bereits (p. 731 ff.) hervorgehobene Stelle bei Guy de Chauliac.
Hand in Hand mit dieser Bubonenpest gingen teils als Vorläufer, teils
in würdiger Nachfolgerschaft die seltsamen, für jene Zeitläufte recht
charakteristischen Geistesvolkskrankheiten, die Lykanthropie, die
Tanzwut, die Geissler- und Kinderfahrten, von denen J. F.
C. Heck er ein ebenso klares wie ergreifendes Bild entworfen hat.
Das Schlussglied in dieser Kette bildet die zu Ende des 15. Jahr-
hunderts erfolgte, allgemeine und plötzliche Ausbreitung der Syphilis,
bei welcher Ursprung und Ursache des epidemischen Charaktere zu er-
gründen bis heute noch nicht gelungen ist Nicht unerwähnt bleibe die
um 1486 in England ausgebrochene Epidemie von Schweisstieber,
die jedoch in der Gruppe der grossen Volkskrankheiten eine ziemlich
isolierte Erscheinung blieb, indem sie sich nur noch während des 16.
Jahrhunderts einige Male wiederholte, im übrigen auf den ürsprungs-
herd beschränkt blieb, um dann völlig zu verschwinden, während
Pesten, Aussatz, typhöse Fieber, Blattern, allerlei exan thematische
Affektionen im Verein mit anderen schweren Volksseuchen noch jahr-
hundertelang fast bis in die neueste Zeit hinein ständige Rubriken
in den Schriften der Aerzte wie in den Berichten der Chronisten
blieben. Die empfindliche Lektion, welche auf diese Weise die Völker
und ihre Aerzte erhielten, hatte auch eine heilsame Kehrseite. Die
Behörden wurden aus ihrer Lethargie aufgerüttelt, die Aerzte ge-
langten zum Bewusstsein der Mangelhaftigkeit in ihrem Wissen und
Können, geläutertere Anschauungen über Ursache und Wesen der
Krankheiten traten an Stelle verkehrter Argumentationen, die aprio-
ristische Spekulation der scholastischen Methode wich einer rationellen
Natnrbeobachtung, und allmählich vollzog sich der gesunde Umschwung
in der ganzen Denk- und Forschungsrichtung, der schliesslich zu einer
kräftigeren Initiative auch in hygienischen Dingen führte. Es liegt
nicht im Plane dieser Arbeit, eine erschöpfende Aufzählung aller in
das Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege einschlägigen Mass-
nahmen und Einrichtungen zu geben, wie sie während des späteren
Mittelalters in den verschiedenen Ländern für die verschiedenen
Zweige getroffen worden sind. An ernsten Bemühungen, die bessernde
Hand überall da allmählich anzulegen, wo ein Bedürfnis dazu hervor-
trat, hat es nirgends gefehlt. Die zahlreichen Aussatzhäuser, Herbergen,
Hospitäler und Lazarette, die Gründung von Ordensgesellschaften und
Krankenverpflegungsgenossenschaften, Verordnungen hinsichtlich der
Beaufsichtigung der Gewerbe, Massregeln gegen Kurpfuschertum und
Quacksalberei, Ueberwachung der Prostitution, Regelung des Bäder-
748 Julius Pagel.
Wesens, Einrichtungen und Vorschriften bezüg'lich der Apotheken,
Sorge für das medizinische Unterrichtswesen, zahlreiche Pestconsilien
und Anweisungen zum diätetischen Verhalten bei Epidemien etc. —
alles dies beweist, dass der Sinn für Schaffung von Einrichtungen zum
Wohle der Gesamtheit erwachte und sich in immer steigendem Masse
das Verständnis für die Notwendigkeit einer öffentlichen hygienischen
Fürsorge entwickelte. In der Litteratur macht es sich ausser den
schon erwähnten zahlreichen Pestverordnungen noch durch das An-
wachsen der populär-medizinischen Schriften, meist diätetischen, phar-
makologischen und balneo-diätetischen Inhalts geltend. Diese. Schriften
sind hinsichtlicli ihres eigentlichen Inhalts ziemlich belanglos; eine
genaue Aufzählung ist nur für den Bibliographen von Wert. Er-
wähnung verdienen allenfalls abgesehen von den bereits genannten
Umarbeitungen und Auszügen aus den Encyklopädien der Mönchsärzte
und der scholastischen Naturforscher (Albertus Magnus, Thomas v. Can-
timpre vgl. p. 663) das „Arzneibuch" des im 15. Jahrhundert zu
Würzburg praktizierenden Arztes Ortolff v. Bayrlandt, das
übrigens auch zu einem Teile nichts weiter ist als eine Reproduktion
des Inhalts von Kunrat von Megenbergs „Puch der natur" (vgl.
p. 664), ferner der gleichfalls aus dem 15. Jahrhundert stammende
,,H e r b a r i u s M o g u n t i n u s", „ein mit Abbildungen von (150) Kräutern,
Tieren und Mineralien versehenes Hausarzneibuch für Arme'" von einem
unbekannten Verfasser. (Ueber diese Kompilation, sowie über eine
andere ähnliche Schrift, betitelt „Ortus sanitatis'' [in deutscher
Bearbeitung „Gart der Gesundheit-'] hat Ludwig Choulant in
seinen „Graph. Incunabeln" etc. p. 155 ff. nähere Mitteilungen gemacht,
auf die hiermit verwiesen werden muss).
Die übrigen Spezialzweige der Medizin während des Mittelalters.
Auf die reiche und blühende pharmakologische Litteratur
bei den abendländischen Aerzten während des Mittelalters ist wieder-
holt an früheren Stellen aufmerksam gemacht worden. In dieser Be-
ziehung zeigten sich unsere Genossen durchaus als würdige Hüter
galenisch- arabischer Tradition. Der Pharmacie blieb bei aller Wahrung
des diätetischen Standpunktes in der inneren Medizin und, was be-
sonders charakteristisch ist, auch in der chirurgischen Therapie im
ganzen Mittelalter die Hauptrolle gesichert. Die zahlreichen Anti-
dotarien, die pharmaceutischen Wörterbücher, die schier unüberseh-
baren Verordnungen von Salben, Pflastern und allen möglichen Re-
zepten, Theriakalien, die wunderbaren Gemische und kompliziertesten
Formeln von Dutzenden von Ingredienzien sprechen eine nur zu beredte
Sprache. Es ist unnötig, hier noch einmal die betreffenden Litteratur-
produkte vorzuführen. Naturgeraäss musste die Mannigfaltigkeit der
ärztlich-pharmaceutischen Verordnungen allmählich auch zur Entwick-
lung eines gut geregelten Apotheke rwesens führen. Sind auch
einige Medikamente besonders in der äusseren Therapie sicher von
den Aerzten selbst dispensiert worden (wozu wären sonst die gründ-
lichen, oft nur zu gründlichen Anweisungen in den bekannten Anti-
dotarien im Anhange z. B. fast aller grösseren Lehrbücher der
Chirurgie?), so steht andererseits fest, dass dank der Initiative der
Araber bereits während des Mittelalters zahlreiche relativ selbst
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 749
modernen Begriffen entsprechend vollkommene Apotheken existierten,
in Italien, in Frankreich, Deutschland, die stellenweise sogar behörd-
licher Aufsicht unterstanden, bezw. nach bestimmten gesetzlichen Vor-
schriften ihren Betrieb einzurichten hatten. Thatsache ist, dass die
Anfertigung einzelner besonders wichtiger oder vermeintlich wichtiger
Arzneien, wie z. B. des unentbehrlichen Theriaks, direkt von den
Behörden überwacht wurde und in feierlichster Weise in Anwesenheit
von Magistratsvertretern und Honoratioren des Orts geschah. Es be-
stand ferner ein blühender Handel mit Droguen und zusammen-
gesetzten Arzneien, die in beträchtlichen Quantitäten namentlich in
Italien fabriziert und überall hin exportiert wurden. Auch waren die
Apotheker verpflichtet, die Preise für die Arzneien nach einer behörd-
licherseits bestimmten Taxe zu regulieren. — In litterarischer Be-
ziehung kommen als ganz speziell die Bedürfnisse der Apotheker be-
rücksichtigend noch in Betracht das „compendium aroraatario-
rum" von Saladinus de Asculo, Leibarzt eines tarentinischen
Fürsten (abgedruckt in den bekannten Venediger Joh. Mesue- Ausgaben),
sowie das „lumen apothecariorum" des Quiricus de Augustis
aus Tortona, Arzt zu Vercelli. beide Produkte des 14. Jahrhunderts.
Aus dem ersteren sei folgender Passus als charakteristisch hervor-
gehoben :
„Primo igitur aromatarius examinandtis a medico interrogandus erit quid est
officium aromatarii. Respondeo et dico quod officium aromatarii est terere, abluere,
infundere, coquere, distilkire, bene conficere et confecta bene conservare. Fropter qiiae
omnia dico ulterius quod aromatarii tenentur scire grammaticatn, ut valeant bene
intelligere dispensationes recep^arum et antidotariorum et sdcntiae tnedicinae"
(Ausgabe, Venedig 1549 fol. 291^).
Erwähnung verdient noch allenfalls der Kommentar zu Mesues
„Grabadin" von Christophorus Georgius de Honestiis aus
Florenz (ebenfalls abgedruckt in den meisten Venediger Mesue-
Ausgaben).
Ein durchaus analoges Wechsel Verhältnis wie zwischen Theorie
und Praxis der Pharmakologie bestand während des ganzen Mittel-
alters hinsichtlich der Balneologie. Der kräftigen Entwicklung
des Badewesens, das bekanntlich während des Mittelalters eifrig ge-
pflegt wurde, entspricht eine umfangreiche balneologische Litteratur,
besonders in Italien, w^o ja auch zahlreiche Bäder und Kurorte vor-
handen waren. Ein grosser Teil der betreffenden Litteratur ist der
Venediger „Collectio de balneis" (1553) einverleibt. Die hervor-
ragenden Aerzte des 12. — 15. Jahrhunderts sind mehr oder weniger
alle daran beteiligt teils mit selbständigen Abhandlungen über ver-
schiedene Badeorte, teils mit allgemeinen Betrachtungen über Ge-
brauch, Indikationen und Wert der Bäder überhaupt ; bei der üppigen
Blüte, der sich das Badeleben im Mittelalter erfreute, durften sie sich
der Darstellung dieses Zweiges der Therapie in ihren schrift-
stellerischen Produkten nicht entziehen. Es sei in dieser Hinsicht an
Autoren wie Pietro d'Eboli, Joh. von St. Amand, Arnold von Villanova,
Giacomo de' Dondi, Pietro de Tussignana, Gentilis de Fuligno,
Michele Savonarola u. v. a. erinnert. Bemerkenswert ist das Gedicht
eines in Salerno gebildeten und dort später als Lehrer sowie als
Leibarzt zweier Fürsten (Kaiser Heinrich VI. f 1197 und Friedrich IL
1 1250) thätigen Arztes AI cadin us über die Bäder von Puteoli;
einige Strophen dieses Gedichts sollen von Eustachius de Matera
750 Julius Pagel.
herrühren, der unter Karl II. von Neapel (um 1285) lebte; ferner
die Schrift des Ugolino da Monte catini aus dem 14. Jahr-
hundert, betitelt : „T r a 1 1 a t o d e' b a g n i t e r m a 1 i d' 1 1 a 1 i a" (de baln.
Ital. propriet).
Vgl. Francesco Nbvati in „Memorie del R. istitiito lomhardo di scienze e
lettere' XX. Serie III— XI Fase. III, Milano 1896; B. M. Lersch, Geschichte der
Balneologie, Würzburg 1863 p. 168 f.; Choulant l. c. p. 813; Graesse l. c. I 2
]i. 566 ff.; Hugo Marggrajf, Badewesen und Badetechnik der Vergangenheit,
Samml. wissensch. Vortr. von Virchow u. v. Holtzendorff', Berlin 1881; Theodor
Dielitz, Bäder und Badereisen im deutschen Mittelalter [Voss. Ztg. Berlin 1894
Sonntagsbeil. Nr. 39); Pagel., Histor. med. Bibliogr. de 1875— 96 p. 894 ff.
Wegen der Art und Handhabung der Bäder, Zahl und Namen der
beliebten Kurorte in den verschiedenen Ländern muss auf die reiche
Speziallitteratur hingewiesen werden.
Im Gegensatz zu den genannten Fächern ist in der Entwicklung
der Geburtshilfe und Gynäkologie ein Fortschritt während
des Mittelalters weder in litterarischer noch in praktischer Hinsicht
wahrzunehmen. Beide Gebiete sind ein Feld für jede Form rohester
Empirie und wüstesten Aberglaubens, wovon man sich beim Studium
der bezüglichen (apokryphen) Erzeugnisse der „mulieres Salernitanae"
(Trotula u. s. w.), Albertus Magnus (de secretis mulierum?) ein leider
nur zu deutliches Bild machen kann. Da zur Ueberwachung normaler
Geburten Aerzte so gut wie gar nicht zugezogen wurden, und die Hilfe
in schwierigen Fällen zum grössten Teil wenig gebildeten Hebammen
oder ganz unwissenden Weibspersonen anvertraut war, deren Manipu-
lationen meist in allerlei abergläubischen oder sonstigen unzweck-
mässigen Maassnahmen bestanden, so konnte naturgemäss von einer
Avissenschaftlichen Geburtshilfe überhaupt nicht die Eede sein.
Immerhin finden sich in den kompilatorischen Schriften der hervor-
ragenden Kepräsentanten des Mittelalters, besonders bei den Chirurgen,
einige Abschnitte, in denen speziell die Gynäkologie, meist nach
griechischen und arabischen Mustern, behandelt wird. Einzelne nicht
unverständige Ansichten über Menstruationsanomalien, über abnorme
Lage des Uterus, über Hysterie (suffocatio matricis), Sterilität u. a. m,
beweisen, dass die Aerzte die Lehren ihrer Vorgänger sich theoretisch
wohl angeeignet hatten. Dagegen sind die spezifisch geburtshilflichen
Bemerkungen dürftig und verraten ein traurig niedriges Niveau dieser
Kunst. Abgesehen vom Kaiserschnitt an toten Frauen, von dem hie
und da die Eede ist, beschränkt sich der grösste Teil der Ausführungen
auf die Angabe der Mittel zur Entfernung der Nachgeburt (de
extractione secundinae) mittels Niesemittel, Abortiva und zur instru-
menteilen Entfernung des toten Fötus (de extractione foetus mortui),
die in ganz roher Weise erfolgte. Von einer Wendung, von manuellen
Encheiresen sind nur Andeutungen vorhanden, so unbestimmter
Natur, dass keine klare Vorstellung darüber möglich ist ob die
Empfehlungen auf dem Grunde praktischer Erfahrung ruhen oder
lediglich kompilatorisch entlehnt sind. Selbst die gerühmte relativ
ausführlichere Darstellung von Franc, v. Piemont de aegritudinibus
matricis (Complement. Masuae, Venedig 1549 fol. 126^ — 139^) in
19 Kapiteln geht auf diesen Gegenstand (in Kap. XVIII) nur recht
oberflächlich ein; es werden überdies zur Beförderung des Austritts
der Nachgeburt nur medikamentöse Mittel empfohlen. An einer Stelle
heisst es recht charakteristisch:
Die Spezialzweige der Heilkunde im Mittelalter. 751
„Et ex dirigentibus ad canale et trahentibus ad os matricis et facientibus eam
{seil, secundinam) cadere est unguentum basilicum immissum, post ilhid administratur
oleum rosarum pulverizata desuper altea et sumptio stercoris accipitris in potu. Et
ex Ulis est manus obstetricis {Hebeamme) prudentis et ex parte ex aliquo
lubricantium inuncta et imposita, ita ut inuncta ipsam trahat si per se non appareat.
Cumque ceperit apparere, tunc tendatur facilita- et sine labore, ut non scindatur et
ahscindatur, stringatur tractum cum coxa mulieris et conetur in sternutatione et
deinde commoveatur leviter, ut separetur a profunda et cadat et sucurre ctim facienti-
bus abortire et suppositoriis et fumigationibus que dicemus ibidem.^ Vgl. Cl, Att-
(lurean, Etüde sur l'obstetrique en occident pendant le mögen age et la renaissance,
Dijon 1892, worin jedoch gerade Franz. v. Piemont nicht berücksichtigt ist, weil dem
Verf. das Original nicht zugänglich war. Vgl. ferner Oscar Hasch, Materialien
zur Beurteilung des W. v. baliceto als Arzt {Berliner Inaugural-Dissert. 1898, ent-
hält eine ausführliche Analyse seiner Gynäkologie).
Auch die Bemerkungen Franc, v. Piemonts über Abort im
letzten Kapitel (19) bringen nichts Neues gegenüber den traditionellen
Lehren der Griechen und Araber, — Was Guy de Chauliac anbetrifft,
so hat Audureau Recht, wenn er sagt: „Nous avons eu une deception
avec cet auteur." Das Kapitel de passionibus matiicis (Tr. VII
doctr. VI) besteht aus wenigen Zeilen, während allerdings der nach-
folgende Abschnitt „de extractione fetus" etwas länger gehalten ist.
Er lautet:
„Et si a casu fetus esset mortuus, quod cognoscitur per minorationem mam-
millarum et per immobilitatem fetus qui ante movebatur, per fetorem anhelitiis, per
2irofunditatem oculorum et mortificationem labiorum et totius faciei, per inflatio7iem
ventris et per precessianem alicujus acute egritudinis aut offensionis. Tunc obstetrix
debet attentare cum manibus inunctis et locis Ulis cum moUificantibus fomentatis
et pessarizatis et provocatione stermitationis et mediciyiis provocantibus aborsum
velut est castoreum et myrrha cum rutha et similia. Si poterit eum extrahere: si
non, intromittatur instrumentum dictutn speculum factum cum
vite torculari et aperiat matricem quantum erit possibile et postea
cum manibus et uncinis et tenaculis integrum aut frustatim extra-
hatur et non remaneat, licet Albucases dixit se vidisse muH crem
que superimpregnata est super fetum mortuum dimissum, et post
longum tempus per apostema umbilici exiverunt ossa et sie longo tempore vixit. Est
tarnen caxitela: quodsi in capite fetus mortui aut in pectore seu venire vel in
sceundina fuerit aqua tumore exitum impediens quod cum ungulis aut spatumine
incidatur et aqua extrahatur et sie melius exibit. Si autem contingeret
mulierem ipsam esse mortuam quod cognoscetur per signa dicta superius de
mortuis, etsuspicaverisquodfetusessetvivus, quia vetat lex regia mulierem
pregnantem non humari quousque fetus exiverit tenendo mulieris os et matricem
apertam ut volunt midieres aperiatur mulier secundum longitudinem cum
rasorio in latere sinistro quia pars illa est magis libera quam dextra propter
epar. Et digitis interpositis extrahatur fetus. Ita enim extractus fuit
Julius Cesar ut in gestis legitur romanorum. Extractio secundine quando
retinetur secundina tunc secundum Albucasem oportet ut precipias infirme ut juvet
se cum sternutatione et retentione anhelitus super os et si non egreditur suffumigetur
matrix et jn'ovocetur sternutatio et dentur provocantia aborsum. Et si
non egreditur precipiatur obstetrici ut submergat manum suam in
oleo sesamino aut in mucillagine altee. Et iritromittat eam in matrice et capiat
eam suamter. Et si fuerit annexa extrahatur quod erit possibile extrahi et reliquum
cum remollitivis ut est injectio unguenti basilicon sanetur, ipsum enim putrefaciet
eam post dies et egredietur etc.
So stellt sich das Extrakt geburtshilflicher Weisheit bei den
mittelalterlichen Aerzten dar.
Vgl. wegen der mittelalterlichen Litteratur über Frauenkrankheiten noch
Graesse II 2 p. 607. Der p. 687 ertcähnte Mayminidus de Moleriis ist
u. a. Verf. einer Schrift „de impedimentis conceptionis", loelche inzwischen in der
Berliner Dissert. von Carl Arlt z. T. publiziert ist.
752 Julius Page 1.
Noch dürftiger ist es mit der selbständigen Litteratur der
Kinderheilkunde bestellt. Paulus Bagellardus aus Fiume
(15. Jahrh.) schrieb: „De infantium egritudinibus et
remediis , und Bartholomeus Metlinger, Arzt in Augsburg
zu Ende des 15. Jahrhunderts, schrieb in 4 Kapiteln : „Ein
Regiment wie man junge kinder halten sollvon mutter-
leyb biss zu siben jaren mit essen, trincken, paden
und in a 1 1 e n k r a n c k h ey 1 1 e n d i e i n n z u st e n m ü g e n" u. s. w.
Der Vollständigkeit halber mögen diese beiden Schriften hier
registriert werden, obwohl sie höchstens litterarhistorische Wichtig-
keit besitzen.
Namenregister. '^
Abano 672.
Abul Faradsch s. Faradj b. Salim.
Abulkasim 602.
Adamantios 522.
Aegidius Corboliensis 657.
Aetios von Amida 529.
Afflacius 645.
Agathinus 362.
Aglaias 357.
Agrippa 315.
Ahron 556.
Aigimios 270.
Ailios Promotos 314.
Aineios 196.
Aischrion 315.
Akron 175.
Albertus Magnus 661.
Albicus 700.
Alcadinus 749.
Alcanamusali 745.
Alexandros von Abonuteichos 504.
„ von Aphrodisias 482.
„ Philalethes 293.
,, von Tr alles 535.
Alfredus Anglicus 666.
Ali ben Isa 611.
„ „ Ridhwan 611.
Alkamenes 177. 270.
Alkindus 597.
Alkmaion v. Kroton 173.
Alphanus I 641.
Amraonios 322.
Anaxagoras 177.
Anaximandros 171.
Anaximenes 171.
Andreas von Karystos 292.
Andron 352.
Anselm von Canterbury 454.
Anthimus 631.
Antiochos 319.
Antipatros 337.
Antonius Musa 410.
Antyllos 483.
Apemantos 307.
Apollonides von Kos 196,
ApoUonios aus Antiochia 312.
„ von Kittion 313.
„ von Memphis 308.
„ Mys 294.
„ von Tyana 453.
Apollophanes 307.
Aratos 318.
Archagathos 409.
Archelaos 177.
Archigenes 126. 363.
Archimatthaeus 647.
Ardem 736.
Argelata 707. 742.
Arcoli 677.
Aretaios 366.
Aristogenes 319.
Ariston 271.
Aristoteles 126. 282.
Aristoxenos 295.
Armengaud Blasii 661.
Arrian 125.
Artemidoros 308.
Asculo, Saladinus de 749.
Asiaticus 339.
Asklepiades 7. 324. 409.
Asklepiodotos 525.
Asklepios 168.
Athenaios 359.
Athenion 308.
Attalos III 320.
Aufidius 328.
Augustinus 453.
Avenzoar 609.
Averroes 614.
Avicenna 605.
^) Dies Register enthält nur die zur vorläufigen Uebersicht wichtigsten J^amen
der Hauptvertreter der alten Medizin. Ein vollständiges Namen- und Sachregister
wird für die Schlusslieferung des ganzen Werkes vorbehalten. — Die arabischen
Autoren sind mit den herkömmlichen latinobarbarischen Namen registriert.
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 48
754
Namenregister.
A\A-Y^
W- ^M
Bachtischuah 128. 595.
Bagellardus 752.
Bakcheios 290.
Barnabas 746.
Bartholomaeus 645.
„ Anglicus 663.
„ Metlinger 752.
Barzujeh 127.
Bassus 353.
Baverius 671.
Bayrlandt, Ortolff v. 748.
Beda Venerabilis 627.
Beitar, Ibn el 616.
Benedictus Crispus 629.
Benedikt von Nursia 451.
Bentio, Ugone (Hugo Seuensis) 647.
Benvenutus Grapheus 745.
Bernard v. Gordon 694.
Bertapaglia 742.
Bert(r)iTCci 671.
Bianchelli, Mengho 683.
„ Branca 744.
Bruno v. Longoburgo 718.
Caelius Aurelianus 344.
C(h)araka 120.
Cassius s. Kassios.
Felix 623.
Cato 411.
Celsus 9. 414.
Cermisone 677.
Chalin de Vinario 696.
Charideraos 307.
Chrysermos 291.
Chrysippos 272. 307. 328.
Congenis (Cougeinna) 712.
Constantinus Africanus 643. 660.
Copho jun. 647.
Corvi 673.
Cumanus 743.
Damnastes 564.
Demetrios von Apameia 290.
„ Pepagomenos 565.
Demokedes 193.
Demokritos 175.
Demosthenes Philalethes 294.
Diagoras 352.
Dieuches 278.
Diodoros 315.
Diogenes von ApoUonia 171.
Diokles von Karj'stos 272.
Dionysios .336.
Dioskorides Pedanios 349.
Dioskurides Phakos 295.
Dondi, de' 675.
Donnolo 111. 636.
Dschezzar, Ibn el 610.
Eboli, Pietro da 653.
Empedokles 174.
Epicharmes 173.
Erasistratos 295.
Erotianos 206.
Eudemos 285. 290. 337.
Euelpistos 322.
Euenor 278.
Euryp'hon 194.
Faradj b. Salim 660.
Ferrario de Gradibus 682.
Figulus 413.
Franciscus de Pedemontio (Piemont) 677.
750.
Franciscus de Sienis 683.
Gaddesden, Joh. 699.
Gaius 295.
Galen 9. 116. 121. 126 ff.
Garbo, Diuo de 670.
,, Tommaso 670.
Gargilius Martialis 622.
Gariopontus 641.
Gatinaria 682.
Geber 593.
Gellius 412.
Gentilis de Folisrno 674.
Gerardus Salernitanus 653.
de Solo 695.
Gerhard von Cremona 660.
Ghafiki 613.
Gilbertus Anglicus 699.
Glaukias v. Taras 310.
Gregor v. Nazianz 453.
Gregoras 198. 199.
Guaineri 677.
Guy de Chauliac 730.
Hegetor 290.
Heliodoros 365.
Herakleides 292. 309.
V. Taras 311.
Herakleitos 174.
Heras 314.
Herodikos v. Knidos 177.
V. Selymbria 178. 187.
Herodot 126.
Herodotos 362.
Herophilos 287.
Herrad von Landsperg 635.
Hesychios von Damaskus 524.
Hikesios 308.
Hildegardis 634.
Hippasos 193.
Hippokrates 6. 23. 124. 129. 196 ff.
Hippon 171. 193.
Hobal, ibn 616.
Honestiis, C. G. de 749.
Hrabanus Maurus 628.
Hugo von Lukka 715.
Hugo physicus 687.
Ibn el Beitar cfr. Beitar.
Ikkos von Tarent 187.
Isaak Judaeus 610.
Isidor von Sevilla 626.
Jacobus Forliviensis 675.
de Partibus 696.
Jakobos Psychrestos 522.
Jamerius 712.
Janus Damascenus 595.
Joannes Aktuarios 566.
Namenregister.
755
Joannes Alexandrinos 556.
,, Chumnos 565.
Johannes cum Barba 696.
„ Concorreggio 683.
,, Jacobus 695.
„ de Mediolano 649.
de Parma 683.
,, de Sancto Amando 652. 687.
„ de Tomamira 695.
Johannitius 596.
Jonikos 490.
Ishak ben Amran 128.
Julianos 338.
Kallignotos 196.
Kallikles 315.
Kalliphon 193.
Kallisthenes 285.
Kallianax 290.
Kallimachos 290.
Kassios Jatrosophista 371.
Klearchos 285.
Kleopatra 321.
Kleophantos 293.
Koben el-Atthar 619.
Kosta ben Lnka 597.
Kotbi, Ibn el 618.
Krateuas 322.
Ktesias 124. 195.
Kydias 291.
Kyranides 528.
Latif, Abd el- 615.
Lanfranchi 723.
Leo 559.
Leonidas von Alexandreia 338.
Leonides 126.
Leukippos 175.
Lucian 126.
Lucius Apulejus 623.
Lull 691.
Lykos 315.
Lysimachos 319.
Macer, Aemilius 413.
„ Floridus 635.
Maenius Rufus 353.
Magdunensis, Otto 635.
Magnos 361. 490.
Maimonides 615.
Mala iesa 618.
Mantias 291.
Marbod 633.
Marcellus Empiricus 623.
Marinos 315.
Markellos 371.
Martianos 309.
Matera, Eustach. de 749.
Matthaeus de ArcMepiscopo 647.
,, Platearius 651.
„ Silvaticus 679.
Maurus 653.
Megasthenes 125.
Megenberg, Kunrat von 664.
Meges aus .Sidon 335.
Melanthios 196.
Meletios 558.
Menekrates 355.
Menemachos 337.
Menodoros 308.
Menodotos 314.
Meuokritos 278.
Menon 285.
Mesue d. Ae. 595.
„ jun. 612.
Metlinger s. Bartholomaeus.
Miltiades 328.
Mithradates VI. 320.
Mnaseas 336.
Mnesimachos 193.
Mnesitheos 278.
Moleriis, Raymundns de 687. 751.
Mondevüle 703. 723. 727.
Mondino di Liucci 703.
Montagnana 677.
Montecatini, Ugolino de 750.
Moschion 347.
Muwaffak, Abn Mansur 108. 127.
Musandinus 650.
ISeckam, Alexander 666.
Neileus 352.
Nemesios 522.
Nicolo Falcucci 678.
Nicolaus Myrepsos 566.
„ Praepositus 650.
de Regio 683.
Nikandros 317.
Nikeratos 355.
Niketas 564.
Nikias 306.
Nikomedes 196.
Nikomedes II 320.
Nikon 328.
Ninyas 178. 270.
Norciner 744.
Numenios 278.
Nymphodoros 353.
Obizo 687.
Olympikos 337.
Ophion 352.
Orbanos 126.
Oreibasios 513.
Oseibia, Ibn Abu 128. 618.
Palladios Sophistes 526.
Parophilos 126. 358.
Parmenides 174.
Paulos Aiginetes 548.
Pedemontio, de s. Franciscus.
Pelops 315.
Petrarka 684.
Petrichos (Petronas) 270.
Petronius Diodotos 355.
Petrus Hispanus 682.
Pfolspeundt 740.
Phaeitas 178. 270.
Phanias 285.
Phekianos 315.
Philagrios 372. 489.
Philinos v. Kos 309.
48*
756
Namenregister.
Philippos 363.
Philolaos 172. 193.
Philon 353.
Philostratos 188.
Philotimos 277.
Phitoxenos 309.
Philumenos 339.
Photios 560.
Pitard 723.
Placitus Papyrensis 622.
Platearius I 642.
II 646.
ni 652.
Piaton 279.
Pleistonikos 277.
Plinius 348. 409.
Plinius junior (Pseudo-Plinius) 624.
Plotinus 453.
Polveides 352.
Polykritos 193.
Porphyrius 453.
Poseidonios 314. 372. 489.
Praxagoras v. Kos 276.
Precianer 744.
Proeid a, Giovanni da 654.
Proklos 335.
Prophatius 686.
Protarchos 353.
Protoktetos 196.
Psellos, Michael 561.
Ptolemaios 307.
Pythagoras 103. 104. 172.
Pythocles 193.
Qnattiior magistri 711!
Quiutus 315.
Quiricus de Augustis 749.
Khazes 128. 598.
Khuphos 368.
Ricardns Anglicus 700. 703.
Eoger 653. 709.
„ Baco 697.
Rolando 709.
Roschd, Ihn s. Averroes.
Rutus Ephesius s. Rhuphos.
Salernus 652.
Saliceto 703. 719.
Sainonicus, Serenus 622.
Samuel, Mar 112.
Santa Sofia 674.
Satyros 315.
Savonarola 677.
Scotus Erigena 454.
Scribonius Largus 354.
Seneca 412.
Serapion von Alexandreia 310.
„ d. Ae. 596.
„ jun. 613.
Servilius Damokrates 357.
Sextius Nigros 354. •
Sextus Empiricus 315.
Seth, Simeon 563.
Simon v. Genua 679.
Soranos 9. 339.
Sostratos 318.
Stephanos v. Athen 547.
„ Magnetes 565.
Strabo 125.
Straton 306.
Susruta 120.
Synesios 564.
Thaddaeus Alderotti 667.
Thaies 171.
Themison von Laodikeia 330.
Theobaldus 634.
Theodas 315.
Theoderich 715. 716.
Theodoros 361.
„ Priscianns 624.
Theomedon 193.
Theon 490.
Theophanos Nonnos 560.
Theophilos Protospatharios 545.
Theophrast 126. 284.
Thessalos v. Tralles 335.
Thodos 112.
Thomas de Cantimprato 663.
„ von Sarepta 699.
Thrasymachos 178. 270.
Timotheos 177. 270.
Torrigiano 669.
Trotula 642.
Tussignaua 671.
Uranios 544.
Vagbata 120 ff.
Valascus de Taranta 695.
Valgius Rufus 414.
Varignana 671.
Varro 411.
Vianeo 744.
Villanova, Arnoldus von 688.
Vincentins Bellovacensis 663.
Vindicianus Afer 623.
Vitruvius 413.
Walafridus Strabo 629.
Wilhelm v. Champeaux 454.
Xenocrates 196. 355.
Xenophanes 173.
Xenophon aus Kos 277. 307.
Tperman 737.
Zenon 291. 490.
Zeuxis 293. 311.
Zopyros 312.
Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S.
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